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III

Einige Tage nach meinem Eintreffen in Brüssel stellten die Zeitungen in ihrem dürren Stil den ersten Ausbruch der Unruhen fest. Ein Telegramm meldete folgendes: »Als heute Herr M. Duvyvre, Reeder und Fischagent, eine Ladung Schellfische ausländischer Herkunft zum Verkauf stellte, äußerte sich die Unzufriedenheit der Fischer in lärmenden Kundgebungen, so daß auf die Fortsetzung des Fischverkaufs verzichtet werden mußte.«

Es lag in dieser Meldung nichts besonders Tragisches; von einem Gefühl plötzlicher Unruhe gepackt, las ich jedoch immer wieder die kurze Meldung, deren Buchstaben in feurigen Zickzacklinien vor meinen Augen tanzten, dann rannte ich in einem Atemzug nach dem Bahnhof und sprang nach einer endlosen Wartezeit von einer Stunde in den Schnellzug nach Ostende.

Als ich dort gegen Abend eintraf, wies nichts auf einen Volksaufstand hin: das übliche Geschrei der Hoteldiener, Burschen, Kutscher und Gepäckträger, das einen Haufen eleganter Badegäste bestürmte, die gerade ausgestiegen waren; der lange Zug von Omnibussen und Droschken wie sonst, die unter lautem Peitschengeknall diese späten Ankömmlinge, die nicht minder zusammengepfercht waren wie ihr aufeinandergestapeltes Gepäck, nach den großen Hotels des Strandes und des Stadtzentrums brachten.

Die Rue de la Chapelle, wo ich mich dem beängstigend langen Zug anschloß, trug wie immer ihr Aussehen einer Hauptverkehrsader einer falschen Hauptstadt zur Schau, sie machte den Anschein einer Rue de la Madeleine oder Rue Neuve von Brüssel, die mit ihren Schaustellungen, Diplomen und Ladenschildern berühmter Lieferanten ans Meeresgestade ausgewandert waren. Ein unaufhörlicher Strom von internationalen Spaziergängern und Faulenzern in buntscheckiger Promenadenkleidung wandte sich mit einer gemachten Trägheit vielbeschäftigter Nichtstuer den Abendtafeln der Hotels zu, deren kommende Genüsse durch die anlockenden Küchendünste ebenso eindringlich angekündigt wurden, wie durch den Ruf der Glocken.

Die Wirtsleute des Gasthofes waren nicht wenig überrascht, mich wiederzusehen, besonders nachdem ich ihnen den Grund meiner Rückkehr mitgeteilt hatte. Sie machten sich fast über mich lustig: »Wirklich,« rief die Wirtin, »Sie nehmen diese kleinen Zänkereien in Brüssel viel zu ernst! ... Das ist nur ein Mißverständnis, mein Herr. Man wird sich schon einigen, man hat sich hier bis jetzt immer geeinigt. Unsere Fischer sind keine Leute, die sich aufs hohe Pferd setzen. Mit denen läßt sich reden, die sind doch sanft wie die Schäflein! Mit ein paar guten Worten schafft man leicht Ordnung unter ihnen. Sie haben wohl schon geglaubt, hier Greueln beiwohnen zu müssen, wie sie sich bei den unruhigen Kohlengrubenarbeitern ereignen? Da können der Herr ganz ruhig sein. Heute schon merkt man nichts mehr davon!« Und der Engländer unterstrich die Meinung seiner Frau durch ein verächtliches: »Humbug! So ein Unsinn!«

Der Optimismus meines Wirtes und meiner Wirtin beruhigte mich jedoch nur halb. Obgleich mitten in einem Arbeiterviertel wohnend, lebten sie in einem gewissen Abstand von ihren Nachbarn. Ihr verhältnismäßiger Wohlstand, ihre internationale Kundschaft und ihr Geschäft, das niemals stillzustehen brauchte, machte sie gleichgültig gegen den Hungerzustand ihrer Umgebung.

Ich begab mich auf die Suche nach den beiden Brüdern Mitsu. Es stellte sich jedoch heraus, daß nicht nur sie, sondern auch ihre ganze Familie die Wohnung verlassen zu haben schien, da ich vergeblich an der Haustüre pochte.

Diese ungewöhnliche Abwesenheit rechtfertigte meine ersten Befürchtungen. Ich suchte einige Schenken des Hafendamms auf und erkundigte mich nach meinen Freunden. Niemand konnte mir sagen, wo sie sich befänden. Die Trinkenden unterhielten sich ruhig miteinander und schienen über durchaus gleichgültige Dinge zu sprechen. Nicht eine einzige Anspielung auf die Ereignisse vom vorherigen Tag wurde laut. Mehrere Fischer, an die ich einige Worte über diese Unruhen richtete, zuckten lächelnd die Achseln, als hätte ich sie zum besten gehalten. Es war ganz sicher: entweder mißtrauten diese einfachen Leute mir, oder meine Wirtsleute waren im Recht, und die Zeitungen hatten eine alltägliche Streitigkeit aufgebauscht. Ich kam schließlich dahin, die zweite Mutmaßung für richtig zu halten, und kehrte in mein Logis zurück, fest entschlossen, am nächsten Tag den ersten Zug nach Brüssel zu benutzen.

Während ich mich ankleidete, durch die Morgenglocke der Fischhalle beruhigt, die die Käufer zum öffentlichen Verkauf zusammenrief, brach mit einemmal unter meinen Fenstern ein lauter Lärm aus, der Kai hallte von Tritten und ungewöhnlichen Zurufen wider, aus denen ich Drohungen und Auflehnung vernahm. Matrosen und Fischer rannten in der Richtung der Hafenbassins vorüber, wo das Gedränge immer lärmender wurde und anschwoll, bis es zuletzt das Aussehen eines wirklichen Aufstandes annahm.

Der Tanz fängt also doch wieder an.

Ich gehe auf die Straße hinunter, und während ich mich nach den Ursachen dieser Erregung erkundige, zeigt mir einer der Manifestanten eine englische Schaluppe und ein Scharrnetzboot aus Berwick, die soeben in den Hafen einlaufen. Eigentlich erwartete man vier Ostender Fischerboote, unter ihnen auch die »Constantia«, auf der sich der ältere Mitsu befand, und noch ganz unter dem Einfluß der Unzufriedenheit des vorherigen Tages sind die Flamen entschlossen, sich dem Verkauf der englischen Ladung zu widersetzen. Die Engländer glauben, durch einige Angestellte der Seefischhändler und durch die Anwesenheit der Fischhallenbeamten ermuntert, es mit einfachen Drohungen der Eingebornen zu tun zu haben. Goddam! Sie werden sich doch nicht durch dieses Geschrei einschüchtern lassen! Und tatsächlich, sie machen sich daran, ihre bis zum Rande mit Fischen gefüllten Körbe auf dem Kai niederzusetzen. Hätten sie wirklich recht, diese Räuber, uns für ein solches Nichts zu halten? Sollten die Flamen von heute nur noch Wirrköpfe und Jammerlappen sein, denen die großen Völker eine Verfassung aufzwingen durften, die derjenigen gleicht, welcher jene Schikanierer, die »Bullies« der Hochschulen jenseits des Kanals, ihren Prügelknaben, den sogenannten »Fags«, seit jeher unterworfen haben?

Eine Anzahl Körbe steht schon am Ufer bereit, um abgewogen zu werden, und immer noch begnügen sich die Ostender Fischer damit, sie mit unterdrückten Flüchen zu umstehen und weite Armbewegungen ins Leere zu machen. Nicht einer geht vor.

Ich empfinde ein seltsames und widersprechendes Gefühl: einerseits möchte ich mich über den harmlosen Ausgang dieses Streites freuen, anderseits verfehlt die Gefügigkeit und Schlaffheit meiner Landsleute nicht, mich aufzuregen und tief zu demütigen.

O Kerle! O Blaufüße! O Zannekin! wo seid ihr? Haben eure Nachkommen nicht einen Tropfen von eurem widerspenstigen und wilden Blut in ihren Adern rinnen?

»Vorwärts! Genug Geschrei! Zurücktreten, Platz machen!« ruft der Ablader der Fischhalle, indem er eingreift, während die Inglischmänner sich gelassen daranmachen, die schweren Körbe auf ihre Schultern zu laden.

Als hätten sie nur noch auf dieses Zeichen gewartet, stürzen sich unsere Fischer mit einemmal ohne ein einziges befehlendes Wort auf die Ware. Harop! Harop! Fußtritte nach links und rechts! Alle Fischkörbe auf dem Boden ausgeschüttet! Man könnte sagen, daß Füllhörner ihre Schätze überquellen lassen. Die schönen Fische mit den schillernden Schuppen von Perlmutterglanz und Azurbläue! Die schmackhafte frische Flut, die Hoffnung der reichen Feinschmecker in alle Winde verweht! Sie sieht jetzt schön sauber aus, die leckere Ware! Wie sie euch hier eure guten Bissen auf der Stelle zubereiten ohne Bratofen und Pfanne, diese unsere stinken Sudelköche; die wässern euch ein Waterzooi Stockfischgericht., das am Vorabend des Schmauses unsere genußsüchtigen Bürgerinnen sich nicht haben träumen lassen! Rochen, Steinbutten, Schollen, Meeraale, Schellfische, Kabeljaus, Rautenschollen, Petermännchen verwandeln sich in ebenso viele fliegende Fische, die schneller ins salzige Wasser zurückplumpsen oder auf den Boden niederklatschen, als sie aus den Schaluppen Altenglands ans Tageslicht gezogen wurden.

Merry England weicht vor Merry Belgium zurück! Ganz ihrer Freude hingegeben, machen die Flamen ihren Gegnern keine Vorwürfe mehr und fluchen auch nicht. Belustigt und frohlockend widmen sie sich dieser Ausübung mit der Ausgelassenheit von Schuljungen, die Ball spielen. Ah! ich habe sie verleumdet! Wie sehen sie schön aus, unsere Fischer, unsere muskelstarken, breitrückigen Matrosen, wie sie sich da belustigen, mit der Fußspitze die klebrigen Fische über die Köpfe ihrer bestürzten Besitzer zu schleudern. Die Gevatterinnen, die aus dem Schoß der Ufergassen herbeigeeilt sind, beteiligen sich an dem Spiel mit einer noch größeren Ausgelassenheit als ihre Männer.

Welch eine Freude, ja; doch was für eine furchtbare, düstere Lustigkeit. Wenn man so lachen muß, dann hat man keine Tränen mehr zu vergießen. Sie lachen nicht nur, sie singen auch und sie tanzen. Sie erreichen es schließlich, die verfluchte Ware ganz zu vernichten, indem sie sie mit ihren Holzschuhen zerstampfen im Tanztakt einer unbändigen Gigue.

Die Aufrührer vergreifen sich noch immer nicht an Personen; trotzdem haben es die Engländer, durch den unvorausgesehenen Streich verwirrt, für ratsamer gehalten, an Bord ihrer Fahrzeuge zu springen, von wo aus sie verblüfft der Vernichtung ihres Fischzuges zuschauen. Der Angriff hätte sich auf materiellen Verlust beschränkt, wenn nicht die Polizisten – immer recht gelegen, diese Herren von der Polizei! – sich darauf versteift hätten, den Wütenden die übrigens zum Genießen nicht mehr geeignete Ware, jene kotige Masse, jenes nicht näher zu bezeichnende Matrosenfischgericht zu entreißen, in das sich der leckere Fischzug der Engländer verwandelt hatte. Das bekommt den Schergen schlecht. Man bewirft sie mit den Fischstücken, man stößt sie in diese kotige Masse, man besudelt sie mit Galle und Fischmilch. Ihre Alarmpfeifen rufen eine Abteilung Gendarmen zu Hilfe. Ehe die jedoch Zeit gefunden haben, die Bajonette aufzupflanzen, werden diese ihren Händen entrissen und in Korkzieher verwandelt, wie einfacher Draht. Regellos fliehen Stockmeister und Gendarmen in der Richtung der Fischhalle, wo sie sich zu verschanzen hoffen. Der Haufen folgt ihnen auf den Fersen; er holt sie ein, kommt ihnen selbst in der Halle zuvor. Da sie in seiner Gewalt sind, wird er ihnen schon etwas Rechtes einrühren; mit einemmal vollzieht sich jedoch ein Umschwung. Einer ruft: »He, Kameraden, laßt diese armen Teufel laufen; es gibt schlimmere Bösewichte! Gehen wir lieber dem Duvyvre und Valckenier einen Besuch machen!«

Ich erkannte die Stimme von Burch Mitsu und sehe ihn um Kopfeslänge den Haufen der Aufwiegler überragen. Sie unterwerfen sich seinem Einfluß, muß man annehmen, denn sie lassen ihre Gefangenen im Stich und setzen sich darauf im rhythmischen Marschschritt in Bewegung unter Ausrufen: »Nieder mit Duvyvre! Nieder mit Valckenier!« Duvyvre und Valckenier sind Fischhändler, unter deren Adresse die englischen Fische eingetroffen sind. Ich lasse mich durch das anstürmende Volk mit fortreißen bis an die Zugänge der Schreibstuben und Niederlagen, die der Rache der Fischer verfallen sind. In einigen Minuten haben sie die Türen eingedrückt, die Fenster zertrümmert, die Fischstände abgetragen und die Ware zerstört. Wenn die Besitzer, das Unheil ahnend, es nicht für klüger gehalten hätten, zu ihren Freunden zu flüchten, hätte man ihnen wie Aalen die Haut abgezogen. Die Verwüstung geschah unter dem Grollen furchtbarer Verwünschungen: »Tod den Verrätern! Ins Wasser mit den Judasseelen! Nieder mit den Freunden der Ausländer! Sie reißen uns die letzte Kruste Schwarzbrot vom Munde! Es gibt kein Vaterland mehr! Unsere Beschützer haben uns verkauft! Die Rabenmutter hungert ihre Kinder aus! Die Seestürme sind weniger mörderisch als diese Reeder! Die schlagen Geld aus unserem Elend und wollen noch, daß unsere Leichen Gold schwitzen!«

Ihre Hoffnung aufgebend, Hand an die Ausbeuter zu legen, kehrt die immer noch von Burch Mitsu befehligte Horde, da sie nichts mehr zu vernichten findet, nach dem Hafenbassin zurück und verschmilzt mit anderen aufständischen Massen.

Die ganze Bevölkerung hat ihre armseligen Behausungen verlassen, um sich über die Hafenkais auszubreiten. Die hageren, runzeligen Mütter schleppen an ihren Röcken die hungrige und weinende Kinderschar nach. Bei der kräfteanspannenden Tätigkeit unter freiem Himmel behalten die Männer dieser Proletarierklasse ihre Jugendfrische und Gesundheit länger, der Bromgehalt der Seeatmosphäre reinigt ihre Lungen, die ihrerseits das Blut gesund erhalten. Im Gegensatz dazu sind ihre Ehegenossinnen vorzeitig entkräftet und verwelkt, durch zahlreiche Kindbetten, durch die Feuchtigkeit, den Lichtmangel und die üblen Ausdünstungen ihrer jämmerlichen Stuben. Die Seeleute haben die Abwechslung zwischen den Abenteuern und Gefahren ihrer Reisen auf dem großen Weltmeer und stürmischem, ungestümem Hafenaufenthalt; sie kümmern sich nicht um die Zukunft, tauchen immer wieder in Tätigkeit unter, und nachdem sie ihren Alkohol ausgeschlafen haben, beginnen sie aufs neue sich mit Heldentum zu berauschen. Die Frauen kennen die düsteren Nachtwachen, die Schlaflosigkeit voll von Grauen. Während der todbringenden Stürme sind die Ängste und Schrecken für die bestimmt, die an Land warten, und nicht für die unerschrockenen und arglosen Kämpfer, die sich Körper an Körper mit den unerbittlichen Elementen messen. Sie sterben aufrecht, ohne den Tod nahen zu sehen; ihre Frauen aber ringen mit dem Tode ihr Leben lang.

Heute jedoch ist an sie die Reihe gekommen, vom tragischen Hauch berührt zu werden; sie kennen weder Voraussicht mehr noch Alltagsweisheit, weder hündische Ergebenheit noch Angst vor dem Morgen. Die besänftigenden und ängstlichen Beraterinnen sind jetzt aufpeitschende Hetzerinnen geworden. Nicht allein, daß sie den Aufstand der Fischer billigen, sie ermutigen die Männer selbst, in ihrem Widerstand zu verharren. Sie gehen von Gruppe zu Gruppe, um auf ihre Brüder, ihre Verlobten, ihre Gatten einzureden. Sie finden jene beißenden Worte, die das Feuer der Wiedervergeltung selbst in den sanftesten Herzen zünden und schüren. Oho, es sollte jetzt einem von ihnen nur einfallen, in See zu stechen! Sie würden es schon auf sich nehmen, ihn tot oder lebendig ans Land zu schaffen.

Während die Fischer bei Duvyvre und Valckenier die Tat der summarischen Gerechtigkeit vollführten, haben sie sich an Bord der streikenden Barken begeben und die Segel, nachdem sie die Flaggen heruntergeholt, mit Trauerschärpen aus Flor geschmückt, als hätte die Besatzung einen der Ihren in der »großen Tasse« verloren. »Seht her!« schreien sie, auf die trauernden Barken weisend, »wir fordern den Tod!«

Mit aufgelöstem Haar, irren Augen, krampfhaft verzogenen Mündern, heiseren Stimmen standen sie da, ihre Häßlichkeit hatte etwas Überirdisches; und diese armseligen, ewig sich fügenden Geschöpfe, die vom Leben nichts anderes kannten als tödliche Sorgen und erstickendes Dunkel, erweckten die Bilder Flüche schleudernder Wahrsagerinnen und Sibyllen aus biblischen Zeiten.

Sie ließen die Männer schwören, sich bis zur Todesverachtung dem Verkauf ausländischer Fische zu widersetzen, und um diesem Schwur noch mehr Gewicht zu verleihen, leisteten sie ihn alle auf die Häupter ihrer Kinder. Eine dieser Verzweifelten drohte, indem sie ihren Säugling, den sie an der Brust trug, über das Wasser hielt, ihr Kind eher zu ersäufen, als länger eine solche Beraubung zu erdulden.

Eine Gelegenheit bot sich, ihren Groll auf die Probe zu stellen. Hat sich nicht ein Scharrnetzfischer aus Ramsgate einfallen lassen, der Feindseligkeit der Ostender Fischer Trotz zu bieten und mit seiner Fischladung den Hafen anzulaufen? Man hat ihm schnell den Geschmack an einer derartigen Herausforderung verdorben.

Auf dem Damm, von dem die »fashionable« und faulenzende Welt, die Fischer aus Zeitvertreib, die Flirter und Flirterinnen nach dem Ausbruch des ersten Getümmels eiligst geflohen waren, brandeten jetzt die Wogen der mit Steinen und Wurfgegenständen jeglicher Art bewaffneten Empörer, und ein unaufhörlicher Hagel dieser Dinge begann das Deck des Engländers zu bombardieren, nachdem er kaum die enge Hafeneinfahrt gewonnen hatte.

Die Frauen, ganz außer sich, von ihrer Leidenschaft hingerissen, hatten sich, rasend vor Wut, in die Vorderreihen gedrängt. Auf den Treppenstufen der Ausladeplätze hockend, über das Geländer hängend mit verrenkten Armen, die die Raserei mit der Länge und Gelenkigkeit von Tintenschneckenfangarmen zu begaben schien, einzelne mit Bootshaken und Hakenspießen bewaffnet, mit wild rollenden Augen, die den Anschein boten, als ob sie von einer Schleuder herausgeschnellt werden sollten, während die Brise das Schlangengewimmel ihrer Haare um ihre Gorgonenfratzen pfeifen und klatschen ließ, und die Anstrengungen ihres Geheuls einen Schaum auf ihre Lippen legten, der beißender war als jener Wogengischt, der an den Hafenpfählen nagt, boten diese Weiber einen so unerbittlichen Anblick, daß die Engländer, nachdem sie sich einige Meter in den Hafenkanal hineingewagt hatten, den Bug ihres Schiffleins rasch der offenen See zuwendeten, weil diese dantische Vision, deren Hohngelächter sie bis ins Weite verfolgte, ihnen buchstäblich Entsetzen eingeflößt hatte.

Diese erschütternde Szene veranlaßte die Regierung, endlich mit den Aufsässigen zu unterhandeln; infolgedessen sandten die Streikenden eine aus ihren beliebtesten Genossen bestehende Abordnung nach dem Rathaus.

Auf dem Rückweg vom Hafendamm erfuhr ich von Burch, welcher einer der Unterhandelnden gewesen war, daß die Fischer einen ersten Teil von Genugtuung erlangt hatten: man würde bis auf weiteres nicht mehr ausländische Fische zum Verkauf bringen; die englischen Boote sollten hinausbegleitet werden; man habe beschlossen, für einige Zeit den Verkehr der Ausflugdampfer nach Blankenberghe einzustellen; und schließlich sollte auch das scheußliche kleine Dampfboot, über das die Bootsbesitzer und -vermieter sich beklagt hatten, schleunigst nach der Schelde, in den Hafen von Antwerpen zurückkehren.

Weniger aus Menschlichkeit und aus Fürsorge für seine unbemittelten Untertanen, als um die fetten Einnahmen der Hotelbesitzer und der Kaufleute nicht zu beeinträchtigen, hatte der Magistrat diese Bedingung angenommen.

Es war höchste Zeit, das Unglück zu bannen. Schon hatten die Bewohner der Villen nördlich vom Seestrand in der Nachbarschaft des alten Leuchtturms und der Hafenbassins ganz verwirrt haufenweise im Kursaal Zuflucht gesucht, viele auch ihre Rechnung verlangt, die Koffer zugeschnallt und den Zug genommen. Die fahlen Direktoren und die Pförtner der großen Hotels, in ihrer Habsucht getroffen, zausten wütend ihren Backenbart und murmelten verzweifelt: »Dieses schmutzige Pack hätte wenigstens das Ende der Saison abwarten können!« Um einem allgemeinen Auszug der Fremden Einhalt zu tun, wurden, kaum daß die Vereinbarung mit den Fischern beschlossen war, beruhigende und altväterlich würdige Ankündigungen öffentlich angeschlagen. Die Zeitungen veröffentlichten amtliche Mitteilungen folgender Art: »Man hat die Berichte über die Unruhen stark übertrieben; nicht ein Fremder wurde belästigt, und am Badestrand wie in der Umgebung des glänzenden Kursaals hatte man selbst keine Ahnung, daß Volksunruhen stattgefunden hatten. Am Strand spielten die Kinder und waren mit dem Bauen ihrer Burgen beschäftigt, wie es unsere Zeichnung zeigt.« Und der magere, philiströse Text verwies den Leser tatsächlich auf eins jener albernen Machwerke des kreidegewandten »Mars«.

Inzwischen hatte der Bürgermeister, ungeachtet der öffentlich bekanntgegebenen Wiederherstellung der Ruhe, die Bürgerwehr aufgeboten, und die Garnison wurde nach den Kasernen beordert. Was mich anbelangt, war ich weit davon entfernt, beruhigt zu sein. »Es ist jetzt also alles aus,« hatte ich zu Burch Mitsu gesagt. »Ihr werdet euch jetzt ruhig verhalten?« – »Ja, alles ist aus!« war seine Antwort, die mit einer heiseren Stimme und einem rätselhaften Lächeln erteilt wurde, das seinen Worten eine eher beunruhigende als versöhnliche Bedeutung verlieh. Ich fand, daß er ein wildes und irgendwie geistesabwesendes Aussehen hatte, und die dunkle Macht, die sein Wesen ausströmte, schien mir vor ihrer endgültigen Offenbarung zu stehen. Ein krampfhaftes Schweigen trennte uns, ein Geheimnis schied ihn von mir. »Ich gehöre mir selbst nicht mehr,« murmelte er sehr leise wie im Traum, »und bald wird keiner auf Erden Gewalt über mich haben!« Obgleich wir nur zu zweien in seiner bescheidenen Stube waren, schien er sich dabei an einen unsichtbaren Vertrauten zu wenden. Seine lieben Augen blickten mich nicht mehr an; sie hefteten sich auf etwas, sie schienen, ich weiß nicht in welchen Weiten zu forschen.

Jetzt, da ich seiner habhaft geworden, war ich fest entschlossen, ihn nicht mehr zu verlassen. Ich würde ihn um jeden Preis verhindern, sich bei neuen Zusammenstößen in Gefahr zu bringen. Er hatte sich genug zuschulden kommen lassen an der Ausräumung der Fischhändler Duvyvre und Valckenier, wofür man ihn sicherlich zur Rechenschaft ziehen und als den Hauptanstifter verfolgen würde.

Er wandte sich zum Gehen, ohne auf mich achtzugeben, ich ging neben ihm her. Draußen bemächtigte sich meiner ein Gefühl wirklicher Erleichterung, als ich feststellte, daß sich eine gewisse Beruhigung unter der Bevölkerung auszubreiten begann. Die Wut machte einer fieberhaften Erregtheit Platz. Eine Rotte, angeführt von einer kaum als umstürzlerisch zu bezeichnenden Trikolore, durchzog die Straßen der Stadt und sang versöhnlich die Brabanconne. Nein, das war entschieden noch nicht die große Krise! Die Wirtsleute meiner Herberge beurteilten diese Menschenart richtig: gutmütige Kinder, deren langsam aufbegehrender Zorn schnell durch heuchlerische, als Lockspeise hingeworfene Zugeständnisse zu besänftigen war! Während ich mir dieses überlegte, warf ich einen Blick auf Burch, in der Hoffnung, daß sein Gesicht meinen Optimismus bestätigen würde. Doch im Gegenteil, es genügte, ihn anzusehen, um eine unabwendbare Katastrophe vorauszuahnen. Sie ließ nicht lange auf sich warten.

Als der Zug im Begriff war, auf den Kai zu münden, ging mit einemmal ein Stoß durch die Menge, die Musik hörte auf zu spielen, die Brabançonne blieb den Singenden in der Kehle stecken, und obgleich ich den Arm von Burch ergriffen hatte und mich, so gut es ging, zur Seite auf den Bürgersteig drücken wollte, wurden wir in den Wirbelstrom hineingezogen, vorwärtsgeschoben und voneinander getrennt. Die »Constantia«, eine der Ostender Schaluppen, die man seit heute morgen erwartete, war soeben im Hafen eingetroffen, und die Menge umgab begierig lauschend die Fischer, welche dabei waren, allerlei seltsame Dinge darüber zu erzählen, daß sie einem Scharrnetzfischerboot, welches ins offene Meer hinausgeleitet wurde, begegnet wären, und daß die Engländer ohne jeden Anlaß auf sie geschossen hätten. Gust Mitsu, der zur Besatzung gehörte, war am Arm getroffen worden, und mit zurückgekrempeltem Ärmel bot er den Blicken seiner Genossen eine noch nicht verbundene Wunde dar, aus der das Blut hervorsickerte.

In einem Nu hatte sich die Wut von neuem der Menge bemächtigt; das noch schwelende, schlecht gelöschte Feuer begann lichterloh zu brennen. Sie denken sofort Rache zu nehmen. Wen aber soll man treffen? Sie besinnen sich mit einemmal darauf, daß die beiden englischen Fischerboote, die die Unruhen hervorgerufen haben, die Schaluppe »Meredith« aus Grimsby und das Scharrnetzboot »Pacific« aus Berwick, sich noch im ersten Hafenbassin befinden. Es handelt sich darum, die beiden von dort so schnell wie möglich zu vertreiben. Unter Anführung der beiden Brüder Mitsu stürzt sich alles nach dieser Richtung. Die Artillerie der Bürgerwehr, welche man unter den Waffen behalten hat, um allen möglichen Zufällen zu begegnen, taucht in demselben Augenblick auf der Brücke auf, die jenes Hafenbassin mit der Meeresschleuse verbindet. Die Aufständischen sehen, daß ihnen der Durchgang verwehrt werden soll. Der Kommandant fordert sie auf, sich vom Kai zurückzuziehen. Weit davon entfernt, diesem Befehl zu gehorchen, leisten die Fischer Widerstand und bieten den Artilleristen die Stirn. Jene pflanzen das Bajonett auf und halten sich bereit, zu laden. Die Fischer treten entschlossen auf die Wehrleute zu, entblößen ihre Brust, und indem sie die Spitzen der Waffen ergreifen, gebärden sie sich, als wollten sie sie in ihre Brust stoßen.

Es gelingt schließlich der Bürgerwehr, die Hauptmasse des Haufens auf einige Entfernung vom Kai zurückzudrängen. Trotzdem hat sie es nicht verhindern können, daß einige unerschrockene und gewandte Burschen auf die am Kai festgemachte »Meredith« springen oder wie Burch und Gust Mitsu sich in zwei Vergnügungsfahrzeuge werfen, mit denen sie dann rudernd das Scharrnetzfahrzeug erreichen, das in einer Entfernung von fünfzig Metern vom Ufer verankert liegt.

Der Kommandant der Bürgerwehr ruft sie an: »Kehren Sie auf der Stelle um!« – »Niemals im Leben!« – »Sofort das Schiff verlassen!« – »Das ist Ihre Sache, uns von hier auszuquartieren!«

Und die trotzigen Schlingel suchen die Bürgerwehr zum besten zu halten mit jener Verachtung der Leute von der See für diejenigen, die mit ihren Füßen nie etwas anderes als das Parkett der Kühe plattgedrückt haben.

Burch fing sogar mit den Händen in den Taschen an, eine Bourée zu tanzen, wozu er sich selber die Melodie pfiff. Eine katzenartige und fast urwesentliche Anmut, die seiner reichen und plastischen Schönheit das höchste Gepräge verlieh, ließ mich die grimmige Stunde und die blutdürstige Umgebung vergessen.

Der Polizeikommissar forderte ihn auf: »Na, Ihr da. Burch, seid vernünftig, macht keine Narrenstreiche! Gebt den anderen ein gutes Beispiel und kehrt, wie es sich für einen guten Bürger ziemt, ans Land zurück!« Da Burch tat, als wäre er taub, wurde der Mann feierlich und fing eine Rede an. Zurufe und Gelächter übertönten seine Stimme, und man konnte nur ab und zu die großen Worte: Rechtlichkeit, Gerechtigkeit, internationale Beziehungen, Achtung vor dem Besitz, allgemeine Brüderlichkeit hören. Burch hatte nicht einmal seinen choreographischen Zeitvertreib unterbrochen. Seine spöttische und mutwillige Laune teilte sich seinen Genossen mit. Sie schienen nicht einen Augenblick über ihre vollständige Sicherheit im Zweifel zu sein.

Diese Bürgerwehrleute waren doch Ostender, gerade wie sie! Die neuen Uniformen, die blankgeputzten Säbel, die glänzenden Gewehre, das tadellos weiße Lederzeug dieser »Bürger und Soldaten« imponierte ihnen heute ebensowenig wie an den Sonntagen, wenn diese Popanze bei der Rückkehr von der Übung mit der Musikkapelle an der Spitze auf dem Exerzierplatz auftauchten und nach dem sakramentalen: »Rührt euch!« die Terrassen der Kaffeehäuser stürmten, wo sie sich paffend und Pinten leerend gute Zeit gönnten, um so lange wie möglich ihr Sonntagskostüm zur Schau zu stellen. Die Fischer erkannten unter ihnen die Söhne der reichen Reeder und nannten sie ihrerseits vertraulich beim Namen: »He, Mijnheer Chaarel! He, Mijnheer Luik!«

Ohne weiter auf diese verfluchten Aufschneider zu achten, machten sich die frischen Burschen daran, ihre Prisen in Augenschein zu nehmen. Sie ließen die Takelage, die Blöcke, die Seile spielen, entfalteten die Segel und gelten sie auf, untersuchten die Festigkeit der Taue; einzelne stiegen in die im Schiffsraum befindlichen Kabinen hinunter; andere kletterten am Haupttau empor.

Während sie derart tändelten, kam einem von ihnen plötzlich ein Gedanke:

»He! Kameraden, was meint ihr, wenn wir wirklich losführen?«

»Recht so, wir wollen die verfluchten englischen Kästen selbst auf See bringen!«

»Es gibt noch etwas Besseres,« mischte sich Burch ein. »Gehen wir einfach auf den Fischfang, indem wir uns die Fahrzeuge von unseren schlimmen Konkurrenten ausleihen! Na, was meint ihr davon?«

»Bravo! Burch. Los! He, hissen! He, hissen!«

Und alles setzt sich in Bewegung. Die Fischer auf dem Hafendamm, die den wunderbaren Vorschlag von Burch gehört hatten, fanden den Spaß nicht minder trefflich und krümmten sich vor Lachen.

»Gust Mitsu wird die Schaluppe und Burch das Scharrnetzboot befehligen!«

»Einverstanden! Teilen wir die Mannschaft!«

»Die Maschinen anheizen! An die Segel!«

Tatsächlich teilten sie sich in zwei Besatzungen und gingen an die Arbeit, den Anker zu hieven und die Schiffe unaufhaltsam loszutauen, denn es war ihre Absicht, die Schaluppe durch das mit Dampfbetrieb versehene Scharrnetzboot fortzuschleppen.

Ihre Haltung war so ungezwungen, daß sie schließlich sogar meine Besorgnis einschläferten. Selbst die Polizei und die Bürgerwehr schienen durch das Reizvolle und Ungewöhnliche dieses Streiches entwaffnet worden zu sein.

Eine schöne Fratze würden die verfluchten Goddams machen, die zurzeit bei ihrem Konsul Zuflucht gesucht hatten, wenn sie sich jetzt entschließen sollten, an Bord zurückzukehren.

Der Streich wäre vollauf geglückt.

Eine erwartungsvolle Stille war auf dem Hafendamm eingetreten. Die Zuschauer verloren nicht eine Bewegung, nicht ein Wort dieser unbezahlbaren Kerls.

Schon hievten sie den Anker des Scharrnetzbootes.

»Einen Augenblick,« rief Burch, »wir segeln selbstverständlich unter belgischer Flagge!«

Er löst die dreifarbene Fahne, die soeben erst durch die Stadt getragen worden war, vom Schaft, und eine Ecke des Fahnentuches zwischen den Zähnen haltend, klimmt er den großen Mast empor, um dort die nationalen Farben aufzupflanzen.

Mächtiger Beifall und ein kurzer, leidenschaftlicher Jubelschrei begrüßen diese letzte Steigerung der Großtat. Die Fischer ergreift ein Taumel des Frohlockens.

Burch klimmt immer höher und höher, läßt sich aber Zeit; hin und wieder verwickelt er sich in die Falten der Fahne, ein anderes Mal bleibt er rittlings auf einer Rahe sitzen und schöpft Atem, wobei er von oben ein paar derbe Zurufe mit einem anderen jungen Burschen austauscht, den er aus dem Geschrei der Menge herausgefunden hat. Alle Blicke hängen zärtlich und angstvoll an seiner Gestalt, umschließen ihn mit ihrer liebkosenden Zuneigung und ihrem kameradschaftlichen Gefühl.

Endlich hat er die Spitze des Mastes erreicht. Um schneller fertig zu werden, reißt er die englische Flagge herunter.

Ein wildes, sich Überschlagendes Hohngelächter, das diesen Frevel gutheißt, läßt die Obrigkeit aufs neue zum Bewußtsein ihrer Rolle kommen. Außerdem wird auch die Menge allzu unruhig und drängt so stark gegen die Bürgerwehrleute an, daß diese Gefahr laufen, jeden Augenblick ins Wasser gestoßen zu werden. Es muß unbedingt eingegriffen werden.

Sehr bleich, erregt und in seiner Würde als Amateuroffizier verletzt, befiehlt der Kommandant nach einer kurzen Beratung mit dem Polizeikommissar der ersten Soldatenreihe auf die Eindringlinge an Bord der englischen Schiffe anzulegen. Zugleich wird die zweite Reihe gegen die lärmende Menge gewandt und bemüht sich, sie mit erhobenen Gewehrkolben zurückzudrängen.

»Werdet ihr da endlich herunterzusteigen, zum letztenmal sag ich es euch!« ruft der Offizier zu Burch Mitsu hinüber.

Als einzige Antwort vollführt der junge Mann eine gemessen skandierte Parodie einer militärischen Ehrenbezeigung.

»Feuer!« donnert der Offizier, die ausgelassene Lachsalve der Volksmenge übertönend und erstickend.

Die Kugeln verfehlen ihr Ziel; sie haben aber, wie es auch sei, geschossen! Es steht fest, diese Muscadins, diese »Familiensöhne«, wie man sie im Bourgeoisstil zu nennen pflegt – was einen voraussetzen lassen könnte, daß alles, was Familie heißt, für die Enterbten nicht gilt, – diese glattgeleckten albernen Burschen mit den Puppengesichtern waren mit Pulver und Kugeln bewaffnet! Es juckt ihnen in den Fingern, sich ihrer zu bedienen, so daß die Gewehre von selbst losgegangen sind!

Meine Augen verschlangen Burch. Der große Augenblick war drohend nahe. Ich wollte mich vorstürzen, ihn durch einen Schrei beschwören. Es war unmöglich! Meine Beine waren wie gelähmt, ich war in die Schraubstöcke des Menschengewühls eingeklemmt, und vor Entsetzen atemlos, konnte ich nicht einmal einen Schrei aus der Kehle herausstoßen.

Er aber, mein junger Held, hatte sich nicht einmal umgewandt, als die Entladung erfolgte, er hatte nicht einmal gezittert. Ruhig setzte er seine Arbeit fort, die britische Flagge durch die belgische zu ersetzen, und handhabte dieses mit einer Glückseligkeit in der Haltung und jenen immer wieder überraschenden Gebärden, die mich an ihm ergötzten, wenn er sich für unsere Fahrten segelfertig machte. Seine unvergeßliche Silhouette zeichnete sich gegen einen jener Sonnenuntergänge ab, die die Erregtheit der Tagundnachtgleiche und die krampfartigen Luftspiegelungen des Septembermondes noch verschärften. Der Widerschein des Horizonts leuchtete um ihn wie in Wollust; Sankt-Elmsfeuer spielten um die Schläfenlocken seines dichten Haares: er hatte nicht mehr das Aussehen eines gewöhnlichen Sterblichen, er blendete die Blicke wie ein Auferstandener.

Das scharfe Kommando durchschnitt zum zweitenmal den bewegungslosen Raum.

Es war geschehen. Sie hatten dieses Mal richtig geschossen und gut gezielt, muß man annehmen, wie beim Taubenschießen, wenn es gilt, der Hausfrau einige Silberbestecke mit nach Hause zu bringen.

Drei Körper schlugen auf Deck nieder. In einem erkannte ich Gust Mitsu. Später erfuhr ich, daß auch zwei Zuschauer, die sich auf dem Hafendamm der anderen Seite des Wasserbeckens befanden, durch das Gewehrfeuer getötet worden waren. Er wenigstens war verschont geblieben! Meine Täuschung dauerte nicht länger als ein Seufzer.

Ich sah ihn schwanken. Seine Hände verloren, eine nach der anderen, ihren Halt, er hob die Linke gegen die Brust, verlor den Stand, und noch im leeren Raum hängend, verwickelte er sich in der mehrmaligen Drehung des Falls in das schlecht am Hißtau befestigte Fahnentuch, so daß nur sein blonder Kopf mit dem sanften, bleichen Schiffsjungengesicht aus dem dreifarbenen Leichentuch sichtbar wurde, als er unweit seines älteren Bruders auf den Rücken niederschlug. Das, was mir im vergangenen Jahr das phosphoreszierende Meer und kaum neulich erst das Akkordion während einer schlaflosen Nacht vorausgesagt hatten, sollte wirklich das verzweifelte Keuchen dieser edlen Brust bedeuten. Allmählich färbte sich durch den Strom des Blutes, der aus der zerrissenen Lunge quoll, das nationale Fahnentuch zu einem prophetischen roten Banner.

Und nun, sich auf den Ellenbogen hochrichtend, wandte Burch in der Haltung eines treuen Wächters seine brechenden Augen dem Himmelsrand zu, wo die Wolkenbauten ihm den Leuchtturm der verheißenen Revolution offenbarten ...

Was für Gründe haben mich gehindert, den Tod darauf zu suchen? Eine schwer zu schildernde Scham, ein dunkles Bewußtsein meiner Unwürdigkeit, die Scheu, mein unheiliges Blut diesem der Zukunft wohlgefälligen Opfer beizumischen. War ich nicht eher dazu verpflichtet, anstatt mein Leben zu lassen, mich mit der Volksseele zu erfüllen? Sollte ich nicht auf eine wirksamere Weise als durch vorzeitigen Tod und durch ein noch unverdientes Martyrium meinen Teil zum Glück derjenigen beitragen, die ich so sehr zu lieben behauptete! Auf solche Weise empfing ein Glaubenslehrling aus der Zeit der ersten Christen erst viel später nach den anderen die Weihe des gewaltsamen Todes.

Wenn mein Platz auch niemals unter den unmittelbaren Bedrückern dieser Unglückseligen gewesen ist, so war er doch noch nicht bei den Verfolgten! Einmal vielleicht werde ich der Armen und Enterbten würdig sein! Wenn ich meine heimlichen sozialen Vorurteile bekannt und mich von ihnen gesäubert haben werde, mich frei gemacht von den letzten Verträgen, die den Ausbeutern Nutzen bringen, wenn keine der Heucheleien des Fortschritts und der Zivilisation mein Gewissen mehr verwirren werden, dann werde ich verdienen, wenn nicht mit den in Acht und Bann Geschlagenen und mundtot Gemachten zu sterben, so doch wenigstens mich opfern zu dürfen, um ihren Nachkommen Platz zu machen.

Die äußerste Eitelkeit und Anmaßung unsererseits, würde sie nicht darin beruhen, daß wir, geängstigte Träumer und blasse Weissager kommender Umwälzungen, uns dafür berufen halten sollten, noch eine Rolle in der Aufrichtung der neuen Welt zu spielen?

Bald wird es mit den Vorzeichen und Warnungen der dräuenden Zeitneige vorbei sein. Würden wir nicht besser tun, mit jenen zu verschwinden, die wir verurteilt und gebrandmarkt haben, wir Abtrünnigen dieser Zivilisation, dieser gestürzten Moral, wir Abraum, der den anarchistischen Bauplatz versperrt!

Ebensogut heißt es, abzutreten ohne Gegenbeschuldigungen. Lassen wir die Art, uns wie Kain Gerechtigkeit zu verschaffen. Machen wir jungen Seelen Platz, Seelen ohne Gewissensbisse und ohne Vergangenheit. Die besten, die jüngsten unter den Bourgeois sind unfähig für das Werk der kommenden Erntetage, kaum daß sie mit Nutzen die Hand zur Aussaat bieten werden; sie werden im besten Fall als Dünger dienen. Wir würden nur linkische, ungeschickte und verhängnisvolle Entgleiste sein. Denn wir sind wie das Gestrüpp, welches Neuland überwuchert, und das der neue Ansiedler zu Asche verwandelt, um es als Dung dem erschöpften Boden wiederzugeben, dessen Schmarotzer es war.

Sie aber, alle, die wir lieben, die, ohne es zu wissen, sich an uns vergreifen, weil sie das Verhängnis, das Schicksal trunken gemacht hat und ihren Arm führte, sie sind die Erwählten, die uns ihrem besten Heil zum Opfer bringen werden.

Viel zu viel Glück und Vorrechte binden uns und lassen uns entarten, als daß wir würdig wären, uns im Tode mit jenen hohen Enterbten zu verbinden!

Bescheiden wir uns, am Tage der Vergeltung und des Umsturzes mit den schlechten Reichen verwechselt fallen zu müssen. Und um unseren Geliebten den stärksten Beweis unserer tiefen Zuneigung zu geben, müssen wir dieser Verkennung, dieser Verachtung zustimmen. Wir müssen die ganze Grausamkeit dieses Schicksals hinnehmen, und zwar ohne zu hoffen, daß die Vollstrecker unseres Urteils uns je beweinen werden; ja, selbst mit dem Verlangen, daß sie niemals wüßten – damit sie nicht unnütze, überflüssige Reue fühlen –, bis zu welchem gefahrvollen Krampf wir sie geliebt haben! Sie müssen fortfahren, uns für schuldig zu halten, damit nichts ihr klares Erneuererwerk trübt.

Um sich den Glauben und die Hoffnung unversehrt erhalten zu können, dürften sie da wohl jemals an ihrer werktätigen Liebe zweifeln?

Doch für uns, welche Wonne, die alle anderen übertrifft: von ihren unbefleckten Händen den Tod zu empfangen! So hatte Cäsar den Tod durch den Degen seiner mit Freiheit beschenkten, starken und reinen Gladiatoren gewünscht. Und um versöhnt zu sterben, harrt Amfortas Parzivals.



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