Max Dreyer
Spuk
Max Dreyer

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Blanker Nachmittagssonnenschein. Und jetzt blanker Trompetenschall. Direktor Karl Poot vom Wanderzirkus Bignatelli hält den von seiner beherrschenden Hälfte – seinem Dreiviertel, seinem Siebenachtel, wie er in stimmungsreichen Stunden sie sich aufsummiert – ihm anbefohlenen Umzug.

So viel durfte er sich schon zutrauen, und er täuschte sich nicht, daß alles vor die Türen und an die Fenster kam. Auch Lisbet, als er vor ihrem Hause Halt machte, schenkte ihm ihre Aufmerksamkeit. Und Hennig, der Nachbar, der gerade ein Präparat an das sonnige Fenster stellte, gönnte sich eine Pause, trat auf die Straße und lief dann zu Lisbet hinüber.

Gerade langte er bei ihr an, als von der andern Seite Bodo mit seinem Wagen sich einfand. Solche Konkurrenz – Zusammenlauf auf deutsch – war nun allerdings nicht nach Hennigs Sinn, aber hart im Raume stoßen sich nun einmal die Menschen, wenn die Zirkustrompeten blasen.

Und Karl Poot – er hob sich im Sattel und verkündete diesem kleinen aber erlesenen Publikum, nachdem die Herolde ihren neuen Tubaruf von sich gegeben hatten:

»Heute abend achteinhalb Uhr im Zirkus Bignatelli große Monstre-Gala-Elite-Abschieds-Vorstellung. Alle Künstler 81 und Künstlerinnen, jeder ein Koryphäe in seinem Fach – zeigen sich noch einmal in ihren Glanzleistungen. Der Direktor selbst fordert jeden Besucher zu einem Ringkampf auf – wer nach den griechisch-römischen Ringkampfregeln ihn so wirft, daß er mit beiden Schulterknochen den Boden berührt, erhält als Siegespreis einhundert Reichsmark in bar.«

Und wieder bliesen die Herolde ihre Tuben. Der Direktor aber hob stolz den Kopf über seinem kampfesmutigen Brustkorb.

Dann tauschte er mit Bodo einen Blick, den er sofort als den noblen Mäzen erkannt hatte. Dieser aber, der gerne zeigte, wie sehr er in die Welt mit all ihren Schattierungen paßte, machte sich an den hochthronenden Herausforderer, ihn zu begrüßen.

»Recht so, Herr Direktor – zeigen Sie der Welt, wer Sie sind!«

Lisbet indes, als sie vom Ringkampf hörte, hatte sehr helle und betriebsame Augen bekommen. Ihr Plakat mußte fertig werden. Sie war ganz die modellhungrige Künstlerin.

So ging sie auch zu dem Berittenen, stellte sich an Bodos Seite, der hier den Weg bereitet hatte, und sprach ungezwungen zu dem Direktor auf.

»Ich brauch' einen Ringkampf – für meine Zeichnungen. Ich komm' heute abend in die Vorstellung. Ich möchte da Ihren Kampf skizzieren« –

»Das ist mir eine besondere Ehre, meine verehrte Dame.«

»Einen ungestörten Platz darf ich mir ausbitten. Ich spräche aber noch gerne mit Ihnen über dies und das« –

Hier griff Bodo nun zu. »Sind Sie noch nicht fertig mit Ihrem Rundgesang?«

»Bloß das nächste Dorf kommt noch ran.«

»Und Sie müssen hier wieder vorbei –«

»Jawoll.« 82

Bodo blickte Lisbet an, die nun das weitere übernahm.

»Wenn Sie dann absteigen und bei mir eine Erfrischung nehmen wollen –«

»Zu gütig, meine sehr verehrte Dame.« Er verbeugte sich bis auf den Sattelknopf.

Die Kavalkade sprengte davon.

»Hennig, du bleibst auch«, so lud Lisbet ihn ein. Obschon diese Aufforderung ihm mehr höflich als herzlich erscheinen wollte, nahm er sie doch dankend an. Man bleibt eben – auch unter erschwerenden Umständen – wo man sein Bleiben für nötig, für sehr nötig hält.

*

Der Teetisch stand bereit. Die Reiter kamen zurück. Direktor Poot übergab sein Pferd einem der beiden Herolde und trat ein.

Nach vielen rechteckigen Verbeugungen nahm er Platz. Aber seine Steifheit wurde er bald los, für die Unterhaltung gab er gleich den Ton an, und er machte aus seinem Herzen keine Mördergrube.

Als Bodo ihn fragte: »Sind Sie eigentlich von Kindheit an beim Bau?« da gab er schlankweg seine Biographie.

»Ach nee. Das haben sie mir nich an der Wiege gesungen. Ich war Hamburger Scheuermann. Hab mal 'n Hafenbeamten, der mir dumm kam, über Bord ins Nasse gesetzt. Na, das fanden sie ja nu reichlich stramm. Und da die Reeperbahn nich weit vom Hafen is – na, so bin ich also mit meinen Knochen, die mir im Zivilleben Schwierigkeiten machten, unter die Schausteller gegangen. Hab mich dann in den Zirkus hineingeheiratet – aber nichts gegen meine Regine, meine Königin. 's war ne Vernunftheirat aus Liebe.«

Man ließ sich das gemütvoll Behagliche seiner Art gerne gefallen. Bodo selbst kam dabei immer mehr in Fahrt. 83

»Wissen Sie, daß ich auch schon mal in der Manege gestanden habe?«

»Nanu?«

»Ja – sowas Kollegiales ist nun schon da zwischen uns.«

»Oh – da bin ich ja nu ganz hoch oben.«

Und Bodo, der es fühlte, wie sehr vor Lisbet solche leutselige Ungebundenheit ihn kleidete, stieg nun auch noch ein paar Stufen höher. »Soll ich Ihnen mal was sagen? Wollen wir heut an Ihrem Monster-Elite-Abend 'ne ganz besondere Kiste aufmachen!«

»O fein. Fein mit Ei! Für Kistenaufmachen bin ich Zeit meines Lebens gewesen.«

»Was meinen Sie, wenn ich heut abend als Kunstschütze bei Ihnen auftrete.«

»Dunner un Lakritzensaft! Ja, wenn Sie das wollten! Aber –«

»Glauben Sie, ich blamiere Ihr Kunstinstitut?«

»Nee – nee – nee –«

»Ich hab' das da drüben in Brasilien schon mal gemacht.«

»Wertester Herr – ich zweifle gewiß nicht an Ihrer Kunst. Aber – wie soll ich – mich dafür revanchieren –«

»Was fällt Ihnen ein! Ich als Kunstfreund – und als halber Kollege von Ihnen – für die Sache tu ich das. Sie haben nur dafür zu sorgen, daß Fräulein Helmbrecht dann ungestört den Ringkampf skizzieren kann –«

»Das wird natürlich prima gemacht.« Und nun flammte hell der direktoriale Geschäftssinn auf. Kinnings, is das ne dolle Sache! Das muß nochmal angekündigt werden – damit schick ich meine Trompeterbengels nochmals in den Badeort. Und wenn denn nich der Aff aus der Ofenröhr springt –! Aber aufschreiben müssen wir den Bengels das. ›Herr aus der Gesellschaft – Preisträger im südamerikanischen Kunstschießen – wird sich die Ehre geben – in Anerkennung der glänzenden Produktionen des Zirkus 84 Bignatelli –‹« – nun sah er sich ein wenig hilflos um – »den Stil hab ich ja. Aber mit meiner Fingerfertigkeit is nich viel los –«

Fröhlich sprang Hennig auf. »Wenn ich Ihnen das zu Papier bringen soll« – er ging mit Lisbets nickender Zustimmung an den Schreibtisch.

Hennig nahm jetzt die Zügel fest in die Hand, und er wußte, er würde die Karre dahin bringen, wohin er sie haben wollte.

*

Lisbet setzte aber jetzt ein nachdenkliches Gesicht auf. »Ja«, meinte sie, »das ist ja alles recht schön und gut – aber wenn ich nun die Rechnung ohne den Wirt mache.«

»Wie meinen Sie das?« fragte Bodo.

»Der Wirt ist in diesem Fall der andere Ringer. Wenn sich nun keiner zum Kampfe stellt? Wie sind die Aussichten nach Ihren Erfahrungen?« wandte sie sich an Poot.

»Glückssache, meine sehr verehrte Dame.«

»Sie haben das schon öfter gemacht?«

»Hab ich.«

»Und haben immer Ihre hundert Mark behalten?«

»Iawolling, meine Dame.«

Hennig war mit seiner schriftlichen Arbeit fertig geworden. Mit tiefgefühltem, tiefgebeugtem Dank nahm Karl Poot sie in Empfang.

»Schade«, sagte Hennig, und er wußte sehr genau was er sagte, »daß es ein Ringkampf sein muß. Hätten Sie hier zum Wettschwimmen aufgefordert oder zum Wettlauf – wissen Sie, daß ich das als persönliche Beleidigung aufgefaßt und mich Ihnen gestellt hätte! Aber so –«

Er maß wehmütig lächelnd seine Gestalt an der des Athleten.

Aber es ergab sich ja ganz von selbst eine andere 85 Konstellation. Wie die zwei großen starken Männer sich zu weiterer Besprechung über die Zirkusnummer zusammenfanden, hatte er es erreicht, daß ebenso wie er auch Lisbet die beiden musterte wie zwei Gegner.

Poot war der Mächtigere, der Schwerere an Fleischgewicht, vielleicht auch der Muskelstärkere. Dafür aber war Bodo, der Schlankere, Sehnigere, mit seinem sorglich gepflegten Körper offenbar besser im Training.

Wenn man die beiden im Kampfe sich dachte – und Lisbet sowohl wie Hennig dachten sie sich so – wahrscheinlich, so meinte Hennig, daß Poot, der geschulte und gewiegte Ringer, der Überlegene bleiben würde. Aber – und das herrschte nun wieder in Lisbet vor – Bodo hat im Ringkampf auch seine Erfahrungen, er hat den mit Muskeln geradezu bepackten Indianer geworfen – und sicher hat er den längeren Atem, der fleischige Direktor sieht denn doch ein wenig nach Bierherz aus – ob Hahnenkamp nicht wirklich und wahrhaftig der bessere Mann ist?

Aber da sie dachte, wie lächerlich, die beiden so theoretisch gegeneinander auszuspielen, wurde Hennig schon der Aktive. In lachender Munterkeit.

»Herr Hahnenkamp – ja lassen Sie sich denn das so einfach gefallen! Oh – wenn ich Ihren Biceps hätte!«

Lisbet sah Hennig sich an. Führte er etwas im Schilde? War es wirklich nur die jungenhafte sportliche Freude, was ihm im Auge blitzte?

Aber reizte sie nicht selber der Gedanke, diese beiden athletischen Körper im Kampf zu sehen? Und gleich kam schon das Berufliche, das Geschäftliche obenauf: was soll aus meiner Zeichnung werden, wenn der Ringkampf nicht zustande kommt? Für ein künstlerisch Echtes nach Haltung, Gebärden, Gesichtsausdruck brauche ich auch einen richtigen, ehrlichen, lebendigen Kampf – mit Filmsurrogaten, mit gestelltem Flausenkram kann ich nichts anfangen. 86

Schon aber besorgte Hennig ihre Geschäfte. »Wollen wir gefälligst jetzt nicht mal ernsthaft an Fräulein Helmbrecht denken? Die wegen ihres Ringkampfplakats in größter Verlegenheit ist? Und die immer als Inspiration für ihr künstlerisches Schaffen das unverfälschte Leben selber haben muß!«

Hennig der Freund! Ja, er wußte schon Bescheid mit ihren Freuden und Schmerzen.

Aber diese Freundschaft rief nun auch Bodo als Kavalier auf den Plan. »Was ist das eigentlich mit Ihrem Ringkampfplakat?« fragte er hingegeben.

»Die Arbeit brennt mir auf die Finger. Wenn ich hier nicht jetzt einen richtigen Ringkampf zu sehen bekomme, muß ich reisen und mir einen suchen.«

»Sie sollen nicht reisen! Sie dürfen nicht fort. Nun wollen wir doch erst einmal abwarten, was sich heute Abend begibt. Vielleicht stellt so ein starker Mann sich ein«, tröstete Bodo.

»Und wenn nicht?« Jetzt gab sie sich scherzhaft einen Stoß und gab diesen Stoß ebenso scherzhaft an ihn weiter. »Schade, daß wir uns nicht im Lande der Nuhaqua befinden.«

Er zuckte freudig zusammen ob solcher Vertraulichkeit und geriet in übermütige Laune. »Ja, wenn Keiner kommt, wär ich eigentlich der Nächste dazu!«

Nun war es gesagt. Noch dachte er nicht an die ganze Tragweite des Wortes, und auch Lisbet nahm es nicht schwer. Hier aber hakte nun Hennig wieder ein.

Er sah, wie Direktor Poot diesen etwaigen Gegner von oben bis unten betrachtete, mit Augen, die immerhin zugaben, daß hier eine harte Nuß zu knacken sein könnte, – Hennig sah, daß diese nachdenklichen Blicke auch Lisbet und Bodo nicht entgingen – und jetzt durfte und mußte er fester zugreifen. 87

»Ja, Herr Hahnenkamp, dann sind Sie also der berufene Retter in der Not. Und es würde kein Spielkram werden. Ein wundervolles Bild. Ein Kampf, der es in sich hätte – bei solchen Kämpen.«

Sein Ton hielt den abenteuerlich beschwingten Ton fest, wie er in die Zirkusatmosphäre gehörte, und verleugnete das Sportliche nicht. Die Sache aber wurde jetzt ernst. Und als Poot nun sagte: »es wäre mir natürlich eine ganz besondere Ehre, wollten Sie meine Herausforderung annehmen – einen würdigeren Gegner könnte ich wohl kaum finden« – da stellten sich bei Bodo denn doch die Hemmungen ein.

»Alles recht schön und gut – aber so vor dem großen Publikum« –

»Das heißt, Sie sind zu vornehm dazu«. Direktor Poot meinte es nicht schlimm, aber es klang doch etwas wie eine Verletztheit hindurch.

»Vornehm!« nun bäumte Bodo sich auf. »Das Wort paßt nun ganz gewiß nicht hierher. Wir denken doch sportlich. Und im Sport gibt es nur eine Noblesse: die Leistung.«

Er sah, wie gut ihm Lisbet das nahm.

Karl Poot aber warf sich in Positur. »So verstehen wir uns. Und hier« – er wies auf seine medaillengeschmückte Brust – »diesen Titel hab' ich zu verteidigen. Und diese Auszeichnung fällt an den Sieger. Und Sport ist Sport!« Beinahe eine drohende Miene nahm er jetzt an. »Und daß alles sportlich echt bei mir zugeht, daß bin ich meinem Namen und meiner Ehre schuldig.«

Hennig war ganz bei der Sache.

»Das mit dem Titel und der Auszeichnung – das muß noch auf alle Fälle mit in die Ankündigung hinein!« Er nahm dem Direktor das Blatt aus der Hand und machte einen Zusatz.

Mister Poot aber blieb auf der Höhe. »Ja mein sehr verehrter Herr – und wer gegen mich antritt, zu schämen 88 braucht sich der nicht. Ganz hohe Herren haben schon in meinen Armen gelegen – Fürsten und Barone und Opernsänger und Filmkanonen.«

Bodo lachte ihm anerkennend zu. »Dann allerdings.«

Und Lisbet, die sich lachend mit ihm zusammenfindet, ermuntert ihn scherzhaft: »Können Sie da noch widerstehen?«

Hennig aber ist es, dem jetzt die Lösung aufgeht. Er verneigt sich vor Lisbet. »Ringkampf also soll und muß es sein! Schon aus dem künstlerischen Grund, den wir alle anerkennen. Wenn sich nun aber in der Vorstellung selbst kein Gegner findet, dann möchte ich vorschlagen, daß Herr Hahnenkamp, dessen Bedenken gegen die Öffentlichkeit wir teilen, in allerengstem Kreise den Kampf ausficht. Und Fräulein Helmbrecht so ihren Wunsch erfüllt. Zu welchem Kampf Herr Hahnenkamp, nach seiner frischfröhlichen Sportnatur und um Fräulein Helmbrecht den großen Gefallen zu erweisen, durchaus geneigt zu sein scheint.«

Jetzt kommt Bodo wieder an die Reihe. Er hat hier zu zeigen, wer er ist.

»Ja!« erklärt er. »Er ist durchaus dazu geneigt. Sie, mein liebes gnädiges Fräulein, werden unter allen Umständen den Ringkampf haben! Der von Herrn Doktor Diekhoff vorgeschlagene intime Rahmen ist ganz nach meinem Sinn. Und Sie Herr Direktor Poot, wie denken Sie darüber – ? –«

»Ich – wenn es nur sportlich zugeht – ich hab nichts dagegen.«

»Sollte ich der Sieger sein, würde ich selbstverständlich auf den Preis verzichten und ihn zu gutem Zwecke – sagen wir dem Zirkus zur freien Verwendung stiften.« So wie er es sagt, steht ihm die Geste nicht schlecht.

Karl Poot wand sich erst noch ein wenig zum Schein, dann machte er seine dankbare rechtwinklige Verbeugung.

»Ich dank Ihnen, mein hochverehrter Gönner – und jetzt lassen Sie mich erst die Ankündigung von Ihrem Auftreten 89 als Kunstschütze in die Wege leiten. Bei dem es doch unter allen Umständen bleibt« –

»Natürlich!« bestätigte ihm Bodo.

Direktor Poot verabschiedete sich. Mit einem »auf Wiedersehen heut Abend« gab man ihm das Geleit.

Bodo blickte ihm nach. »Ja – da ist doch noch so Verschiedenes zu besprechen.« Er geriet in eine gewisse Unruhe, sagte nun auch, recht hastig, lebewohl und folgte dem Direktor.

Hennig schmunzelte vor sich hin. Er hatte seine hellsten Augen. »Hm ja – er hat Verschiedenes zu besprechen.«

»Was meinst Du?«

»Ich meine – daß er im Ringkampf der Sieger sein wird.«

»Sag mal – Du machst ein Gesicht dazu – als stäkst Du wieder in Deinen elektrischen Phantasmagorien.«

»Ja. In denen stecke ich.«

»Du hast Phantasmagorien und redest. Handeln tut er.«

Hennig unterdrückte ein Lachen. »Ja, ja. Er – handelt.« Und vielsagend wiederholte er das ›handelt‹. »Und um seinen Sieg – handelt es sich. Und dieser Sieg – o, der wird es in sich haben! Und keiner wünscht ihn sich mehr als ich.«

»Du – redest in Zungen.«

»Nenn es getrost elektrische Exstase.« Er blickte hinaus und witterte in die Luft. »Bei dem Wetter. Und Vollmond ist. Alle Anzeichen sind da, und ich hab es im Gefühl, daß heut Abend die Noktiluca sich hier bei uns zeigt.«

»Du nun wieder mit Deiner Noktiluca –«

»Ich glaube an sie. Und so wird sie zu uns kommen. Meerleuchten in der Ostsee – wenn mir das hier blüht – da schützt Dich kein Gott, dann bin ich ein gemachter Mann. Dann sitz ich fest im Sattel und dann nehm ich Dich mit aufs Pferd.« 90

»Ach! Vorläufig sitz ich ja noch ganz gut auf meinem eigenen.«

»Nützt Dir alles nichts, Lis!« Die ganze Macht seiner Zärtlichkeit riß ihn plötzlich fort und trug ihn empor. »Dann läuten die Hochzeitsglocken!«

Sein altes Lied. Aber eine andere lockende Weise lag ihr im Ohr, und sie lachte ihn aus.

»Hahaha! Hier kann ich nur sagen: wenn ich nicht da sein sollte, fang Du nur inzwischen an!«

Er fiel nicht um, er lachte mit ihr. Wenn Deine Gedanken jetzt auch woanders sind – auf einem Ausflug sind sie. Gedanken wollen und müssen fliegen. Aber sie kehren auch wieder um. Denn sie wissen schließlich, wo sie zu Hause sind, Lis! Wissen, Lis, wo sie hingehören. Bei mir, bei mir ist ihre Heimat.

*

Bodo begleitete den Direktor auf seinen Heimweg zum Zirkus.

»Ich hoffe ja immer noch«, so meinte er, »daß Einer aus dem Publikum, der Ihre Hundert Mark brauchen kann und dem es um die Ehre zu tun ist, mir die Arbeit abnimmt.«

»Also – großen Mumm haben Sie nicht für die Sache« – Karl Poot durfte sich seine Gedanken machen.

»Ich hab es nunmal dem gnädigen Fräulein versprochen – und dabei bleibt es natürlich.«

Aber du gehst ungern 'ran an den Speck – so sagte sich der Knabe Karl. Und es wär dir peinlich, sehr sehr peinlich, wenn du geschmissen würdst. Nun, wollen mal weiter sehn.

»Die Sache wäre ja einfacher«, meinte er, »wenn wir sowas wie ne bloße Schaustellung geben könnten. Aber mit lebenden Bildern und solchen Faxen ist das gnädige Fräulein nun mal nicht zufrieden. Un vormachen läßt sich so'n Künstlerauge auch nichts.« 91

»Wer denkt denn auch an sowas!« Bodo nahm einen sehr energischen Ton an.

Na mein Jünging, dachte Karl, wenn du hoch oben aus der Luke kuckst – »Ja, glauben Sie denn, ich würd mich jemals zu irgendwelchen Fisematenten hergeben? Ich brauch es nicht zu wiederholen, daß ich durchaus sportlich denke. Und ich habe meine Ehre nicht bloß als Artist und Direktor, auch als Sportsmann. Daran ist nu nicht zu tippen.«

Waren die beiden Helden nicht schon jetzt im Kampf? Das gehörige Sichmustern gab es, das Beobachten und Abtasten und Sichbelauern.

Eine Pause stellte sich ein. Erst nach und nach rückte Bodo wieder mit der Sprache heraus. »Daß so allerhand Fragen in Einem aufsteigen ist doch klar. Ob die Waffen hier nicht zu ungleich sind. Ob man hier nicht alle Anwartschaft darauf hat sich zu blamieren.«

Naja! bestätigte sich Korl. Das, woran du zuerst denkst, ist das du'n bildschönes Bild rausstellen möchtest.

»Sie sind doch ein sehr geschulter Ringer«, forschte Bodo weiter.

»Na – ich hab so manches Ding gedreht.«

»Dagegen kommt doch ein bloßer Amateur nicht an.«

»Ja« – Poot zuckte die Achseln – »Kampf is Kampf. Un Sport is Sport. Un fair play – every way.«

Wieder eine Pause. Bodo rüstete sich zu neuem Vorstoß.

»Eigentlich müßte es hier doch sowas wie ein Handicap geben. Sie wissen doch, was ein Handicap ist?«

»Ob ich das weiß.«

»So ein Ausgleich der Kräfte – sollte das nicht möglich sein – ? –«

»Beim Ringen? Nee, mein sehr werter Herr.« Meister Poot hielt es für angemessen, jetzt witzig zu werden. »Das kommt mir so vor wie die bekannte Zweikampfgeschichte. Da sollten Zwei sich schießen. 'N Dicker und 'n Dünner. 92

Und der Dicke, der durfte sich nu mit Kreide 'n kleinen Kreis auf'm Bauch ziehen lassen. Bloß die Schüsse, die hierher treffen, die gelten.«

Bodo hielt es für gut, mit ihm zu lachen. Er sah, daß er es mit hartem Leder zu tun hatte.

Korl Poot aber, dem wirtschaftlich Bedrängten, der hier ein Geschäft wittern durfte, war es gleichwohl nicht behaglich zumut. Wo du hinwillst, mein Junge, daß wissen wir schon lange! Wir sind doch nicht von altem Ehgestern. Und die nötigen Zechinen hast du ja auch. Öwer 'n vedammten Swienskram is dat! Und dabei packte ihn im Kern seines Wesens eine ehrliche Wut.

Bodo aber, der Mann mit dem Selbstgefühl, der Weltbefahrene und Kapitalkräftige, durfte es sich jetzt erlauben, dieses Spiel satt zu kriegen.

Herrgott – und war er nicht schon mit viel hartnäckigeren, im Tropenfeuer gehärteten Burschen fertig geworden? Was fürchtete er an diesem vom Leben zerzausten kleinen Zirkusdirektor, gebürtig in Harburg an der Elbe!

Offene Karten, die immer und überall das beste sind, und Farbe angesagt!

»Also, mein lieber Herr Direktor Poot, wir wollen nicht länger umeinander herumtanzen. Ich sagte Ihnen schon, daß ich um keinen Preis die traurige Rolle des Unterlegenen spielen möchte.«

»Rolle spielen« – Korl führte nunmal seine Waffen mit Geschick – »wir sind uns doch klar darüber, daß hier keine Komödie gegeben wird. Und wenn ich es nun mal bin, der Sie unterkriegt –«

Hier mußte nun Bodo seine Fassung kräftig zusammennehmen. »Machen Sie bitte kein Gesicht wie Ludwig der Fromme! Ich komm' wieder auf das Handikap zurück. Sie sagen, das ist beim Ringkampf nicht möglich. Ich sage: doch ist das möglich. Und wenn das noch keiner vor uns 93 gemacht hat – um so besser. So sind wir eben originell.«

Hier entstellte ein zynisches Lächeln seinen schönen Mund. Womit er bei dem Geschäftsteilhaber nicht gewann. »Sie wissen also, was Handikap bedeutet –«

»Das sagte ich Ihnen schon. Ausgleich durch Mehrbelastung. Aber –« Und nun machte Poot wieder zu seiner Gemütsberuhigung den Ausflug ins Witzige – »wieso soll ich denn mehr belastet werden? Ich wiege ja schon mehr als wie Sie.«

Bodo wurde ärgerlich. Dies waren für ihn nur die unleidlichen verschmitzten Finten, die er gründlich satt hatte. Jetzt Schluß! Bloß einen stilistischen Übergang war er sich noch schuldig.

»Also – wenn ich Sie nun mit zwanzig Pfund belaste. Twenty pounds.« War das zu verstehen oder nicht? »Sagen wir fünfundzwanzig Pfund.« Was gewiß noch besser zu verstehen war. »Mir ist nicht bekannt, wie das Pfund heute steht. Aber wir wissen ungefähr, wieviel das rund nach – deutschem Gewicht ist.«

So. Damit hatte die Sache ihre scherzhafte Ölung. Und nun würde sie diesem unerwartet widerspenstigen Herrn glatt eingehen. Aber Karl Poot bekam ein tiefgefurchtes Gesicht. Bodo fühlte, daß dies keine Maske war. Doch das schreckte ihn nicht. Hemmungen, alter Freund? Der Lebenskurs geht noch über ganz andere Hindernisse.

Poot schüttelte den Kopf. »Will mir nicht unter die Mütze. Dies gehandikapt werden. Liegt mir nu mal nich. Und das kann ich Ihnen sagen, jeder andere würde darauf eine andere Antwort von mir gekriegt haben. Aber weil Sie das sind – und weil Sie als Kunstschütze für mein Institut sich einsetzen – darum will ich nu ein Auge zudrücken.«

Du drückst auch beide zu, meinte Bodo.

»Sie würden ganz gewiß nich so zu mir gesprochen haben, wenn Ihnen nich alles daran läge, daß Sie oben bleiben. 94 Das versteh ich ja woll. Un verstehen heißt verzeihen, steht ja woll in der Bibel.«

Also – auch das zweite Auge senkte sich gnädig. Bodo nickte zufrieden. Zufrieden auch deshalb, weil dieser Mann mit den aus- und abgebrochenen Seelenkämpfen jedenfalls zu den Verläßlichen gehörte. Die Sache war erledigt.

War sie das? Noch hatte sie ihr Anhängsel.

»Wissen Sie«, erklärte Meister Poot, »daß mich die Sache eigentlich gar nichts angeht?« Und ein Etwas in ihm atmete auf.

»Nun erlauben Sie aber –!–«

»Für das Geschäftliche ist meine Frau zuständig. Jawoll. Sie is numal die Besitzerin des Zirkus. Und die ganze Kassenverwaltung hat sie.«

Und Korl rettete sich kurz entschlossen zu Regine, seinem Halt, seinem moralischen, seinem weniger moralischen, seinem Halt allerwegen.

Bodo wurde es ein wenig schwül zumute. Wer weiß, welchen Kurswert für das Pfund diese sehr betriebsame Dame herausrechnen wird. Aber gleichviel. Die Sache ist damit in festen und sehr bewährten Händen.

Und darauf kommt es mir an! Wenn ich dir schon eine Vorstellung gebe, Lisbet, du Königin meiner Gedanken – dann will ich auch einen glorreichen Aktschluß haben! Einen Aktschluß, der deiner würdig ist, du meine Königin!

Karl Poot aber war noch längst nicht mit sich im Reinen. Immer wieder regte sich in ihm so etwas wie Wut auf diesen Seelenverkäufer, der dieses viele dreckige Geld hatte, und mit diesem dreckigen Geld ihn versauen wollte. Denn ein Schweinkram war und blieb die Geschichte!

Und wenn du glaubst, du hast nun gewonnenes Spiel –!– Ich kann nicht gut für mich stehen – nein, kann ich nicht. Ich weiß nicht, was bei mir oben bleibt! Vielleicht kommt 95 auch hier alles anders! Und ehrlicher Zorn ballte in ehrlicher Kraft die Fäuste.

*

Volkes Stimme – Gottes Stimme.

Was sagte Mutter Kielgast? Sie recht eigentlich ein Abbild und Sinnbild dieses Küstenstrichs, kantig, trotzvoll, klar umrissen – die Elektroden lagen, wie Hennig feststellte, richtig bei ihr. Dabei fehlte ihr nicht das Geheimnisvolle dieses Ufers, auch sie hatte ganz gewiß ihren mystischen Fleck, eine großen sogar. Wie Hennig meinte, hätte sie getrost in dem Spukhaus wohnen dürfen, mit dem Schornstein als dem ihr gegebenen Verkehrsweg. Im Mittelalter hätte man sie sicherlich als Hexe verbrannt.

Sie kam, nachdem sie frühmorgens zuerst Lis versorgt hatte, jetzt zu Hennig. Und sie hatte den Mund vorn, wie immer.

»He sitt dor all wedder bi ehr«, berichtete sie unverfroren.

›He‹ war Bodo und Lisbet war ›ehr‹.

Hennig, dem alle Detektei zuwiderlief, antwortete kurz und knasch: »Laß' ihn sitzen.«

»Ne, laß' ihn nich sitzen«, erwiderte sie ungestört. »Un wer Fräulein Helmbrecht so gern leiden mag wie ich, den kümmert das. Er geht da bannig ran, kann ich Ihnen sagen. Un sie –?«

»Nun und sie?«

»Se is ne riepe Plumm.«

Lisbet als reife Pflaume amüsierte ihn nun doch, und er mußte lachen, ob er wollte oder nicht.

Krischane blieb in Fahrt. »Ich kenn das Leben – ick bün von lütt an up de Welt. Un kenn die Frauensleut. Un wenn 'n junges Frauensmensch reif ist, denn is sie fällig. Und wer sie schüttelt, der hat sie.«

»Und Sie meinen, er schüttelt« – 96

»Ja. He is dicht dorbi. Und wenn einer, denn müssen Sie nu doch wissen« –

»Was?«

»Daß Fräulein Helmbrecht zu schade für ihn is.«

»Aber – Sie kennen ihn ja gar nicht.«

»Kenn ihn nich? Für solche Brüder hab ich ne feine Nase, kann ich Ihnen sagen. Dörch Rook und Smook.«

»Und wofür halten Sie ihn?«

»För 'n groten Klookschieter holl ick em. Bei dem nichts dahinter is. Er is nich echt. Und uns' Fräulein Helmbrecht soll un muß 'n echten Kerl haben.«

»Ja, Krischäning – und glauben Sie nicht, daß sie Verstand genug hat, echtes und unechtes zu unterscheiden!«

»Verstand – wo hat so'n junges Frauensminsch, bei dem Hochzeit höchste Zeit is, wo hat die ihren Verstand. Den hat sie nich in' Kopp, den hat sie ganz woanders. Un nu malt sie auch noch halb nackigte Mannspersonen!«

Für Hennigs Munterkeit sorgte sie nun schon, seine Krischane Kielgast. Ihre Vertraulichkeit durfte er ihr schon lassen. Ihre Liebe zu Lis nahm er ihr gut.

Und sie ist nun mal wie das Land hier. Sie denkt und spricht und fühlt wie dies Land. Und wie das Land steht sie ihm zur Seite.

Dies Ufer – seine elektrische Feste! An der alles Unsaubere, alles Falsche und Verlogene zuschanden werden muß.

Krischane stand, die Hände in den Seiten, kopfschüttelnd vor ihm.

»Eins versteh ich ja nicht –«

»Was?«

»Dat Se sich den Schietkierl öwerhaupt hier gefallen laten.«

Gemach, Krischäning! Dame mit dem mutigen Zungenschlag. Ich kann Dir leider nicht verraten, wie fein ich die 97 Sache mit dem Ringkampf eingefädelt habe. Worauf prompt bei dem andern die geheime Vorbesprechung mit seinem Partner erfolgt ist.

Ja dieser Ringkampf hat's in sich. Der Teufel steckt darin, und der Teufel wird den Kerl holen.

Krischane gab noch keinen Frieden. »Warum kriegen Sie Fräulein Helmbrecht nich beim Kragen –«

»Fräulein Helmbrecht läßt sich nicht beim Kragen kriegen.«

»Ach wat. Man muß bloß den richtigen Handgriff haben.«

Liebes Krischäning – das alles müssen sie mir nun schon überlassen. Und jetzt klar und bestimmt: »Fräulein Helmbrecht hat nun mal ihr Wesen für sich. Aber er, der Andere wird heute noch am Kragen gekriegt.«

»Wur dat?«

»Das muß zunächst mein Geheimnis bleiben. Morgen reden wir weiter darüber.«

Draußen ging Peter Röper vorbei. Auch einer von den Graden und Aufrechten und damit ein Bundesbruder. Hennig rief ihn herein.

»Na Peter Röper – oller Rümmerströper!« so begrüßte ihn Krischane. Hast nu genug in der Welt herumgebummelt? Un in der Gesellschaft!«

Peter nahm ihre Anrede fröhlich in Empfang. »Ja Mudding Kielgast – Deine Gesellschaft wäre mir ja lieber.« Und dann ödete er mit einem Schlager sie an.

»Du mit den schönen Linien
Gehörst nach Argentinien.«

Sie schüttelte den Kopf in lustigem Zorn. Und das letzte Wort war bei ihr. »Na ja! So hat denn nu richtig der große Hanswust auf Dich kleinen Hanswust abgefärbt.« Ihr Urteil über Bodo Hahnenkamp sollte das Feld behaupten, und zu Hennig flog ein bedeutungsvoller Blick. 98

Der hatte mit Peter etwas vor, sie beide waren längst einander nähergerückt. »Ich möchte noch ein Fangnetz auslegen. Kommen Sie mit aufs Wasser?«

»Gern«. So gingen sie zusammen an den Strand.

*

Sie machten das kleine Ruderboot flott. Gleich hatte Peter die Riemen zur Hand.

»Man sieht sofort, was ein Fahrensmann ist!« lobte ihn Hennig.

»Ja – ich bin als Schiffsjunge herausgegangen, wurde dann Maschinist. Zum Schofför bin ich da drüben gekommen wie der Junge zur Ohrfeige. Ich weiß selbst nicht wieso und warum und wofür.«

»Haben Sie Herrn Hahnenkamp auf seinen Forschungsreisen begleitet?«

»Nein, erst vor seiner Rückkehr nach Europa hab' ich die Stellung bei ihm angenommen.«

Hennig spürte die Anwandlung einer kleinen Gemeinheit. Soll ich ihn nicht aushorchen nach dem schönen Bodo? Aber gleich wurde er mit dieser Verführung fertig. Nein, nein – der Mann soll sich mir selber offenbaren, offenbaren bis aufs Letzte. Bin ich und der Himmel, der mir gnädig ist – sind wir nicht schon dabei, ihn uns elektrisch zu durchleuchten?

Sie steuerten auf die Landspitze zu. Da oben kauerte das Haus, geduckt wie zu einem Anlauf. »Sieht es nicht aus, als könnte man ihm alles zutrauen! Ich sage nichts, wenn es uns beim Vorbeifahren in den Nacken springt.« Hennig hatte ganz märchenhafte Jungenaugen.

Er deutete auf die Höhe des Vorgebirges. »Hier haben wir einen elektrischen Kulminationspunkt. Sagen wir einen kleinen elektrischen Vulkan. Und der läßt das Haus nicht zur Ruhe kommen.«

Dann zeigte er auf die See. »So seltsam wie das Wasser 99 heut das Sonnenlicht trägt. Dann ist es immer besonderer Geheimnisse voll. Und gerade hier zu Füßen dieses geladenen Vorgebirges, die Elektroden in mir sagen es mir ganz genau, hier wird heut Nacht sich etwas begeben. Haben Sie schon mal etwas von Meerleuchten gehört?«

»Gewiß hab ich das. Ich hab sogar auf einem Schiff im Südatlantik eine Forschungsexpedition erlebt. Die sich mit dem Meerleuchten beschäftigte.«

»O, da sind wir ja sowas wie Fachgenossen! Ja – es ist nicht die Noktiluca allein – hier sind auch noch andere Meerestiere am Werk – man tappt bei diesem Leuchten noch sehr im Dunklen – ich bin auch hier auf elektrische Zusammenhänge aus. Und heute abend – ich fühl es immer deutlicher – heute abend haben wir hier etwas zu erwarten. Etwas, was in der Ostsee nur alle Jubeljahre vorkommt. Herr Röper – sind Sie heute abend frei?«

»Ja. Oder ich kann mich freimachen –«

»Es wird bewegte See geben. Ich muß das große Boot nehmen und dafür brauch ich einen Maat. Wollen Sie der sein?«

»Nichts, was ich lieber täte!«

»Erst gehen wir noch in den Zirkus und machen den berühmten Ringkampf mit. Erst die Kunst und dann die Wissenschaft.« Er hatte sein stilles Lachen.

Nachdem sie das Netz ausgelegt und dann noch mit einem von Hennig erfundenen Apparat Meerwasserproben aus verschiedenen Tiefen sich geholt hatten, gingen sie wieder an Land. »Bis heut abend also!«

Mit freundschaftlichem Handschlag trennten sie sich.

*

Peter schlenderte dem Zirkus zu. Er sehnte sich ganz einfach nach Florinde, die es ihm nun mal angetan hatte.

Immer hatte er in seinem Liebesleben auf Sauberkeit 100 gehalten, nie auf seinen vielen Fahrten hatte er etwas mit gemeinen Frauenzimmern im Sinn gehabt.

Daß dieses kleine Zirkusmädel seinen Stolz besaß und auf sich hielt, war ihm gleich aufgegangen. Die kleine Teufelin aber, die in ihr steckte, hatte alle Macht, ihm den Kopf zu verdrehen.

Er glaubte fest an die Kraft seiner sehnsüchtigen Gedanken – und gläubige Kraft ruft das Glück herbei. So kam sie ihm denn leibhaftig entgegen, den Weg durch die Dünen, den er schon einmal mit ihr gegangen war.

Ihr voraus huschte Luzifer, der Höllensohn. Als er Peter gewahrte, lief er dem in weiten Sprüngen entgegen und umkreiste ihn dann mit Miaulauten zärtlichen Willkomms.

»Kuckt ihr Leute! Das ist ja nun eine vollständige Liebeserklärung!« rief Florinde schon von weitem. Mit großen warmen Augen begrüßte nun auch sie den von dem kleinen vierfüßigen Menschenkenner in hohen Gnaden aufgenommenen. »Wenn ich bedenke, wie er bei Herrn Hahnenkamp sich anstellt!«

Mußte der nun wieder hier sich einmischen! Peter runzelte die Stirn. Sie merkte auf und spürte, daß ihm das schmerzlich war. Wehtun aber wollte sie ihm nicht.

»Kommen Sie – wir setzen uns mal hierher.« Und schon saß sie im Dünensand. Er nahm Platz neben ihr.

»Darf ich Peter zu Ihnen sagen?«

»Ob Sie das dürfen.«

»Sehen Sie, Sie sind mir wie ein Freund. Sie, den Luz so gut leiden kann. Und ich möchte Ihnen alles sagen. Aber Sie müssen auch alles richtig verstehen. Um Bodo kommen wir nun einmal nicht herum. Ich weiß, daß er mir nachstellt.« Peter raufte zornig das Dünengras. »Und ich weiß auch, daß er mir gefährlich ist. Was ist er schön! Was ist er einmal schön!«

Die alte Litanei ihrer betörten Sinne. 101

Dann holt sie sich selbst heraus aus ihrer Verlorenheit »Ich glaub ja nicht, daß er viel Kurage hat. Und wenn ich daran denk', dann mag ich ihn wieder nicht. Gar nicht mag ich ihn dann. Beim Fahren schon hab ich sowas gemerkt. Neunzig läßt er sich noch gefallen. Bei Hundert kriegt er es schon um die Magengrube. Und die Kurven 'n bißchen schnell genommen sind seine Pein. Gräßlich ist mir das. Aber dann – was kann er wieder schießen! Und dann sag ich mir, wer so schießen kann, der darf ruhig 'n Büchsenschieter sein.«

Sie schlug ausgelassen mit den Armen. Aber sie sanken schnell. Ihre Gedanken flogen von dem Kürbis zu der andern, zu dem Fräulein, zu Lisbet.

»Aber daß er diesen Frauenhunger hat – nein, nein, nein, ich mag ihn nicht, ich will ihn nicht!« Sie sah Peter in die Augen. »Auf Dich ist Verlaß – Luz meint es auch. Und auch sonst kann ich Dich gut leiden, so beruhigend dick wie Du bist. Ich habe dicke Männer eigentlich sehr gern.«

Und schon hatte sie die Arme, die beweglichen, um seinen Nacken geschlungen, und ein heißer Kuß brannte auf seinen Lippen.

Es überlief ihn bis in die Zehen. Sie fühlte seinen freudigen Schreck. Und geriet selbst aus der Zärtlichkeit ein wenig in Angst, und – was sie dann immer tat – sie steigerte sich selbst ins Abenteuerliche und Dramatische hinein.

Ihre Augen funkelten. »Du – ich hab Dich geküßt! Ich wüßte nicht, wer das von sich sagen kann! Aber er, der schöne Bodo – der hat mich geküßt! Gestern, als ich ihn fuhr – ganz frech und gewaltsam. Aber schön war es doch. Und eben weil es schön war – darfst Du Dir das gefallen lassen? Mußt Du ihm nicht an die Kehle gehen? Mußt Du ihn nicht totschlagen! Ja, ja, schlag ihn tot! Nein, tu's nicht! Er ist zu schön, um totgeschlagen zu werden. Und Du – na ja, Du siehst mir auch nicht so aus, als ob Du das fertig brächtest. Und doch wollt ich wieder, daß Du so wärst!« 102

Sie war auf die Füße gesprungen. Und Peter durchzuckte es: nun läuft sie mir wieder davon, kaum daß ich sie habe.

»Du, ich hab noch eine Probe, ich muß in den Bau. Heut abend ist ja was Besonderes los. Ach, ich hab das alles ja so satt! Ein Dach überm Kopf möcht ich haben! Und viele liebe kleine dicke Kinder« –

Sie winkte ihm zu und lief davon – dann kehrte sie um in langen Sätzen – und küßte ihn noch einmal – kurz aber heiß genug – jetzt rannte sie den Dünenhang hinab dem Kiefernwald zu in hohen Sprüngen, in denen Luz es ihr gleichzutun suchte.

Peter blieb zurück mit heißem klopfendem Herzen. Ach ich wollt, ich schüf Dir das Dach. Und die lieben kleinen dicken Kinder dazu! –

Sie aber, sie mußte schon wieder an den schönen Bodo denken – von seinem Kuß war nun mal etwas in ihrem Blut geblieben – und sie zauste sich selbst: was bin ich für ein Mensch! Und sie fragte sich: kann Peter, der liebe gute Peter mich schützen?

Wer kann mir überhaupt helfen – solch ein Mensch wie ich bin – bei dem alles kopfüber kopfunter geht –!–

Im Gehölz, weit genug entfernt vom Zirkusrund saß Ham, der alte Clown, mit seinem Banjo. In traurigen Weisen sammelte er sich für den lustigen Unsinn seiner abendlichen Produktion.

Das ist, was ich haben muß, Schwermut und Tränen.

Und sie kauerte sich hin zu dem Alten, der seine brüchige Stimme den schwersten Klagen seiner Niggersongs lieh. Das tiefste Heimweh schluchzte sich aus.

Das ist, was ich brauche! Bin ich nicht die Arme, auf die Landstraße Verstoßene – bin ich selbst nicht Heimweh, nichts als Heimweh – nichts, nichts als Weh nach einem Heim –

Und der Alte sang die düsteren Töne der Heimwehklage: 103

I am going far away,
Far away to leave you now,
To the Mississippi river I am going.
And I take my little Banjo,
And I sing my little song
Way down to the old cabine home.

There is my old Cabine home,
There is my sister and my brother,
Here lies my wife,
She was the joy of my life,
And my child in a grave with his mother.

An der Brust ihres alten Freundes heulte Florinde sich aus. Dann schneuzte sie sich kräftig, und aus ihrer Tränenseligkeit warf sie sich jetzt wieder hinein in das Leben, wie es ist, in seine Fluten, wie sie nun einmal branden.

*

Der Zirkus Bignatelli hat seinen großen Tag. Alles, was an Beleuchtungskörpern irgendwie aufzutreiben war, wurde in Betrieb gesetzt. Die »Künstlerkapelle« – aus Manegekünstlern bestehend – blies schon eine halbe Stunde vor Beginn der Vorstellung im Freien ihre schmetternd rufenden Rhythmen.

Rechtzeitig fand Bodo sich ein mit der freudigen Lebhaftigkeit eines, der sich zeigen sollte und zeigen konnte und sogar die erste Rolle spielte. Er überströmte im Hochgefühl einer Hauptperson die Künstlerschar mit kollegialer Liebenswürdigkeit. Das meiste seiner Leuchtkraft hatte er Florinden zugedacht, aber er fand sie nicht gleich.

Im Hintergrund sah er den Direktor in sehr lebhaftem, an Gesten reichem Gespräch mit Frau Regine, der Generalgewaltigen. Als sie ihn kommen sahen, beschwichtigten sich 104 die Gemüter. Er wußte, es war von dem Handikap die Rede gewesen.

Die Frau Direktor, vollauf beschäftigt, verabschiedete sich mit devotem aber kurzem Gruß. Korl hatte Furchen auf der Stirn.

Auch Bodo dachte an den Ringkampf mit gemischten Gefühlen. Aber das war ja durchaus spätere Sorge. Und was den Direktor quälte, waren vermutlich die hundert Mark, die sich – in dieser bunten Welt ist nun alles möglich – immerhin ein kampflustiger und kampftüchtiger Bewerber in der Vorstellung selbst holen konnte. Und Bodo, in seiner guten Laune: »Lassen sie sich die Hundert Meter nicht ängstigen. Die sind es mir wert, wenn ein anderer mir die Arbeit abnimmt!«

Karl Poot machte eine leichte Verneigung. Aber in seinem Innersten grimmte es. Sein besseres Ich empfand hier wieder eine Großtuerei und eine Erniedrigung. Was so ein armes Luder von solchem großen Herrn alles einstecken muß!

»Ja und jetzt«, fuhr Bodo fort, »liegt mir erst mal mein Auftreten als Kunstschütze am Herzen. Ich möchte dafür meine besondere Aufmachung haben. Dazu brauche ich einen Gehilfen, noch besser eine Gehilfin. In erster Linie denke ich an die geschickte kleine Florinde. Sie sind doch einverstanden?«

»Bin ich. Aber Sie müssen Sie sich selbst anbändigen. Das kleine Frauenzimmer hat seine Mucken.«

»Mit denen lassen Sie mich nur fertig werden.«

Die Kleine trat, für ihre erste Programmnummer angezogen, in der Pagentracht aus dem Wohnwagen. Als Bodo auf sie zukam, flackerte es in ihren Augen von Entzücken, Schreck, Abwehr, Mißtrauen und neugieriger Hingabe.

»Kommen Sie mal« – er faßte ihre Schulter mit der Hand, es durchrieselte sie von Kopf zu Füßen, »ich habe eine Bitte an Sie.« 105

»Nun?«

»Wollen Sie mir bei meiner Nummer assistieren? Natürlich möchte ich was Besonderes daraus machen. Sie wird zu leicht eintönig und langweilig. Darum sollen Sie sie aufmuntern und aufputzen, durch Ihre Laune, Ihre Einfälle. Nicht wahr, Sie tun mir die Liebe!«

Sie war Feuer und Flamme. Daß er sie nötig hatte – wie wohl tat ihr das bis ins Mark! Aber ihre Frauenklugheit verbot ihr, ihm das zu zeigen.

»Ob ich das kann – ? –«

»Nur Sie können das.«

»Handreichungen habe ich ja schon bei dem Kunstschießen meines Großvaters geleistet –«

»Nun also. Und jetzt wird Ihre eigene großartige Kunstfertigkeit im Jonglieren – die wird die Garnitur abgeben zu meinen nüchternen Leistungen – sozusagen das Blumengewinde. O Florinde – wenn ich Sie nicht hätte!«

Und er zog sie an sich, daß es ihr schwindelte. Das war nun mehr als die Tändelei verliebten Blutes. Hier war eine Gemeinschaft, eine berufliche Zusammengehörigkeit. Hier schlang sich ein inneres Band. Hier war eine Kameradschaft der Arena, eine Kampfgenossenschaft.

Ja, du hochnäsige Zeichentante du – hier kannst du nun nicht mit. Dies habe ich nun vor dir voraus. Und mehr bin ich ihm – mehr als du bin ich ihm! Oh! Oh! Oh!

Hingegeben ließ sie in einen stillen Waldweg sich führen. Hier hing sie an seinem Arm, da sie mit ihm besprach, wie sie auch die Pausen zwischen seinen einzelnen Leistungen mit eigenen farbig fröhlichen Produktionen beleben wollte. Nach seiner Intention sollte es dann einen ganz eigenen Schlußtrick geben, für den es noch besonderer Vorbereitungen bedurfte.

Enger nahm er sie an sich und enger schmiegte sie sich an seine Seite. Vergessen war, was ihr nicht an ihm gefiel, 106 all ihr Mißtrauen strich die Segel – daß sie im Grunde doch nur die Folie abgeben sollte für seinen eigenen Glanz, der außerdem auf eine ganz andere Wirkung aus war, das ging ihr nicht auf.

Nur die Verbundenheit fühlte sie und wollte sie fühlen.

Und wieder und wieder war sie von seiner Mannesschönheit selig betört. Als er dann sagte: »und heut Abend nach der Schlacht werden wir beisammen sein! Wir beide! Wie freu ich mich auf Dich, Du meine kleine Famula, mein liebes, geliebtes kleines Mädchen!« – da mußte sie beide Arme fest an den Leib pressen, sie ihm nicht um den Hals zu schlagen.


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