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Zehntes Kapitel

Die Flibustier
Der verhängnisvolle Vormittag

 

I

Das Erlebnis, das wir unterwegs hatten, war ebenfalls eines, welches geeignet war Erstaunen zu erregen. Aber ich muß alles der Reihe nach erzählen. Eine Stunde bevor Stepan Trofimowitsch und ich auf die Straße traten, zog durch die Stadt, von vielen neugierig betrachtet, eine Schar von Menschen, Arbeitern der Schpigulinschen Fabrik, etwa siebzig Mann, vielleicht auch mehr. Sie gingen wohlanständig, fast schweigend und absichtlich in guter Ordnung. Später ist behauptet worden, diese siebzig seien von allen Schpigulinschen Arbeitern, deren Zahl sich auf ungefähr neunhundert belief, deputiert worden mit dem Auftrage, zum Gouverneur zu gehen und in Abwesenheit der Fabrikbesitzer bei diesem ihr Recht gegen den Fabrikdirektor zu suchen, der nach Schließung der Fabrik und Entlassung der Arbeiter sie alle in schamloser Weise betrogen hatte, eine Tatsache, die jetzt keinem Zweifel unterliegt. Andere bestreiten bei uns bis auf den heutigen Tag, daß es sich um eine Deputation gehandelt habe, mit der Begründung, siebzig Mann seien für eine Deputation zu viel; diese Schar habe einfach aus den am meisten Geschädigten bestanden, und sie seien gekommen, um lediglich für sich selbst zu bitten, so daß von einer allgemeinen »Arbeiterrebellion«, von der später so viel Lärm gemacht worden ist, überhaupt nicht die Rede sein könne. Wieder andere vertreten mit Heftigkeit die Ansicht, diese siebzig Mann seien nicht einfache Aufständische, sondern politische Aufrührer der schlimmsten Sorte gewesen und seien überdies lediglich durch heimlich verbreitete Flugschriften aufgereizt worden. Kurz, ob da irgend jemandes Einfluß oder Überredung dahintersteckte, ist noch bis jetzt nicht genau bekannt. Meine persönliche Meinung ist, daß die Arbeiter die geheimen Flugschriften überhaupt nicht gelesen und, wenn sie sie gelesen, kein Wort davon verstanden hatten, schon allein aus dem Grunde, weil die Verfasser derselben bei aller Nacktheit ihrer Ausdrucksweise doch äußerst unklar schreiben. Da aber die Arbeiter in der Tat übers Ohr gehauen waren und die Polizei, an die sie sich gewendet hatten, sich auf ihre Klage nicht einlassen wollte, was war da natürlicher, als daß sie auf den Gedanken kamen, zusammen »zum General selber« zu gehen, sich womöglich mit einer Klageschrift an der Spitze des Zuges wohlanständig vor seiner Haustür aufzustellen und, sowie er erscheinen würde, sich alle vor ihm auf die Knie zu werfen und ihn jammernd anzurufen wie die Vorsehung selbst? Meiner Ansicht nach brauchte man da weder an eine Rebellion noch auch nur an eine Deputation zu glauben; denn dies ist ein altes, historisches Mittel; das russische Volk hat von jeher ein Gespräch »mit dem General selber« geliebt, schon allein wegen des damit verbundenen Vergnügens, mochte der Ausgang des Gespräches sein, wie er wollte.

Und daher bin ich vollkommen überzeugt, daß, wenn auch Peter Stepanowitsch, Liputin und vielleicht sonst noch jemand, vielleicht sogar auch Fedka vorher unter den Arbeitern umherhuschten (denn für diesen Punkt sind wirklich ziemlich starke Beweise vorhanden) und mit ihnen redeten, sie sich dabei sicherlich doch an nicht mehr als zwei, drei, nun, sagen wir auch an fünf lediglich versuchsweise wendeten, und daß diese Gespräche ohne Erfolg blieben. Was aber eine Rebellion anlangt, so hörten die Arbeiter, wenn sie überhaupt etwas von der Propaganda dieser Agitatoren verstanden, doch gewiß sofort auf zuzuhören, weil sie dieselbe für etwas Dummes und für ein durchaus ungeeignetes Mittel hielten. Eine andere Sache war es mit Fedka: diesem glückte es anscheinend besser als Peter Stepanowitsch. An der Brandstiftung, die drei Tage darauf in der Stadt stattfand, waren, wie jetzt unzweifelhaft klargestellt ist, tatsächlich mit Fedka zusammen zwei Fabrikarbeiter beteiligt, und später, einen Monat nachher, wurden noch drei frühere Fabrikarbeiter im Kreise ebenfalls wegen Brandstiftung und Raubes festgenommen. Aber wenn es auch Fedka gelungen war, sie zu direktem Handeln zu verleiten, so bezog sich das doch auch wieder nur auf diese fünf; denn von den andern hat nie etwas Derartiges verlautet.

Wie dem nun auch sein mochte, die ganze Arbeiterschar gelangte schließlich auf den freien Platz vor dem Hause des Gouverneurs und stellte sich dort ordentlich und schweigend auf. Dann blickten sie mit offenem Munde nach dem Portal hin und warteten. Man hat mir erzählt, sie hätten sofort nach der Aufstellung die Mützen abgenommen, das heißt vielleicht eine halbe Stunde vor der Ankunft des Herrn Gouverneurs, der augenblicklich gerade nicht zu Hause war. Die Polizei erschien sofort, zunächst nur in Gestalt einzelner Vertreter, dann aber in möglichst vollzähligem Aufgebot; sie begann natürlich damit, unter Drohungen zum Auseinandergehen aufzufordern. Aber die Arbeiter waren eigensinnig wie eine gegen einen Zaun gerannte Hammelherde und antworteten lakonisch, sie wollten »zum General selber«; es war klar, daß sie fest entschlossen waren. So hörte denn das heftige Anschreien seitens der Polizei auf; an seine Stelle trat schnell das Nachdenken darüber, was zu tun sei; flüsternd wurden geheime Anordnungen getroffen, und die höheren Beamten zogen in finsterer, sorgenvoller Geschäftigkeit die Augenbrauen zusammen. Der Polizeimeister zog es vor, zu warten, bis Herr v. Lembke selbst käme. Unsinnig ist die Version, dieser sei mit seinem Dreigespann in vollem Galopp herbeigesaust gekommen und habe noch vom Wagen aus den Befehl zum Prügeln erteilt. Er pflegte allerdings gern bei uns in seiner Kutsche mit dem gelben Hinterteil schnell dahinzujagen; und wenn dann die Seitenpferde zum Entzücken aller Kaufleute des Kaufhauses in immer rasenderem Laufe einherstürmten, dann erhob er sich im Wagen, stellte sich in seiner ganzen Größe hin, hielt sich an einem zu diesem Zwecke an der Seite angebrachten Riemen fest, streckte den rechten Arm in der Art von sich, wie man das oft bei Statuen sieht, und überschaute auf diese Weise die Stadt. Aber im vorliegenden Falle gab er nicht Befehl zum Prügeln, und obgleich er beim Herausspringen aus dem Wagen nicht umhinkonnte, sich eines kräftigen Wörtchens zu bedienen, so tat er das doch einzig und allein, um seine Popularität nicht einzubüßen. Noch unsinniger ist die Behauptung, es seien Soldaten mit aufgepflanzten Bajonetten herbeigeholt worden, und man habe telegraphisch ein Gesuch um Entsendung von Artillerie und Kosaken irgendwohin gerichtet: das sind Märchen, an die jetzt die Erfinder selbst nicht mehr glauben. Unsinn ist auch, daß man die Wasserfässer der Feuerwehr herbeigeschafft und aus ihnen das Volk begossen hätte. Es hat ganz einfach Ilja Iljitsch in der Erregung gerufen, er werde schon dafür sorgen, daß die Kerle gehörig in die Traufe kämen; daraus sind dann wahrscheinlich die Wasserfässer entstanden, die auf diese Weise dann auch in die Korrespondenzen der hauptstädtischen Zeitungen übergingen. Die glaublichste Lesart war, wie man annehmen muß, diese, daß man die Menge zunächst mit allen gerade verfügbaren Polizisten umstellte und an Lembke einen expressen Boten schickte, den Polizeikommissar des ersten Reviers, der denn auch in dem Wagen des Polizeimeisters schnell auf dem Wege nach Skworeschniki dahinrollte, da man wußte, daß sich v. Lembke vor einer halben Stunde in seiner Kutsche dorthin begeben hatte ...

Aber ich muß bekennen, daß eine Frage für mich doch unbeantwortet bleibt: auf welche Weise man eine harmlose, ganz gewöhnliche Schar von Bittstellern (allerdings in einer Stärke von siebzig Mann) so ohne weiteres, gleich von ihrem ersten Auftreten an, in eine Bande von Rebellen verwandeln konnte, die die Grundlagen des Staates zu erschüttern drohe. Wie kam es, daß Lembke selbst diese Idee aufgriff, als er zwanzig Minuten nach Absendung des Expressen erschien? Ich würde meinen (aber das ist wieder nur meine persönliche Ansicht), daß Ilja IIjitsch, der ein Gevatter des Fabrikdirektors war, es sogar für vorteilhaft hielt, Herrn v. Lembke diese Menschenschar in einem solchen Lichte darzustellen, um ihn nicht zu einer richtigen Prüfung der Sache kommen zu lassen; wer ihn aber auf diesen Gedanken gebracht hatte, das war Herr v. Lembke selbst gewesen. Während der beiden letzten Tage hatte dieser mit ihm zwei besondere, geheime Unterredungen gehabt, bei denen er sich allerdings sehr konfus gezeigt hatte, aus denen aber Ilja Iljitsch dennoch hatte entnehmen können, daß sein Chef sich fest in die Idee verrannt hatte, die Proklamationen richteten viel Schaden an und die Schpigulinschen Arbeiter würden von jemandem zu einer sozialistischen Rebellion aufgewiegelt, und daß diese seine Überzeugung eine so feste war, daß es ihm womöglich sogar leid tun würde, wenn die Aufwiegelung sich als Unsinn herausstellen sollte. »Er will sich in den Augen der Vorgesetzten in Petersburg auszeichnen,« dachte unser schlauer Ilja Iljitsch, als er von Herrn v. Lembke herauskam; »na, schön, mir kann's recht sein!«

Aber ich bin überzeugt, daß der arme Andrei Antonowitsch, auch um sich auszuzeichnen, keine Rebellion gewünscht hätte. Er war ein äußerst gewissenhafter Beamter, der bis zu seiner Verheiratung durchaus harmlos dahingelebt hatte. Und konnte er etwas dafür, daß statt harmlosen fiskalischen Holzes und eines ebenso harmlosen Minchens eine vierzigjährige Prinzessin ihn zu sich emporgehoben hatte? Ich weiß so gut wie sicher, daß gerade von diesem verhängnisvollen Vormittage an die ersten deutlichen Symptome jenes Zustandes sich zu zeigen begannen, der, wie man sagt, den armen Andrei Antonowitsch in ein gewisses besonderes Institut in der Schweiz gebracht hat, wo er angeblich jetzt neue Kräfte sammelt. Aber wenn man einmal zugibt, daß sich gerade von diesem Vormittage an deutliche Anzeichen »eines gewissen Zustandes« bemerklich machten, so kann man meines Erachtens auch zugeben, daß schon tags zuvor ähnliche Anzeichen hervorgetreten sein konnten, wenn auch nicht so deutlich. Es ist mir aus ganz intimen Mitteilungen bekannt (na, der Leser mag annehmen, daß mir in der Folgezeit Julija Michailowna selbst, und zwar nicht mehr in triumphierender, sondern beinah in reuiger Gemütsverfassung – denn vollständig bereut eine Frau niemals – einen kleinen Teil dieser Geschichte erzählt hat), es ist mir bekannt, daß Andrei Antonowitsch am vorhergehenden Tage, noch tief in der Nacht, zwischen zwei und drei Uhr morgens, zu seiner Gemahlin kam, sie aufweckte und von ihr verlangte, sie solle »sein Ultimatum« anhören. Dieses Verlangen stellte er in so energischer Weise, daß sie genötigt war sich von ihrem Lager mit Unwillen im Herzen und mit Papilloten in den Haaren zu erheben und auf einer Chaiselongue sitzend ihren Mann anzuhören, allerdings mit spöttischer Geringschätzung, aber doch ihn anzuhören. Hier begriff sie zum ersten Male, wie weit es schon mit ihrem Andrei Antonowitsch gekommen war, und bekam im stillen einen Schreck. Sie hätte ja nun freilich zur Besinnung kommen und nachgeben sollen; aber sie verheimlichte ihren Schreck und zeigte sich noch hartnäckiger und eigensinniger als vorher. Sie (wie wohl alle Ehefrauen) hatte ihre eigene Methode, Andrei Antonowitsch zu behandeln, eine Methode, die sie schon zu wiederholten Malen erprobt hatte, und durch die er bereits mehrmals in Wut versetzt worden war. Julija Michailownas Methode bestand in einem verächtlichen Stillschweigen, das eine Stunde, zwei Stunden, einen Tag und bis zu drei Tagen dauerte, in einem Stillschweigen unter allen Umständen, er mochte reden und tun, was er wollte, und wenn er aufs Fensterbrett gestiegen wäre, um sich vom dritten Stockwerk hinabzustürzen, eine Methode, die für einen Menschen mit Gefühl und Empfindung geradezu unerträglich ist! Ob nun Julija Michailowna ihren Gemahl für die in den letzten Tagen von ihm begangenen Mißgriffe und für seinen eifersüchtigen Neid als Verwaltungschef auf ihre administrativen Fähigkeiten bestrafen wollte, oder ob sie darüber unwillig war, daß er ohne jedes Verständnis für ihre feinen, weitausschauenden politischen Absichten ihr Verhalten den jungen Leuten und unserer ganzen Gesellschaft gegenüber sich zu kritisieren erlaubte, oder ob sie über seine dumme, sinnlose Eifersucht auf Peter Stepanowitsch zornig war: wie dem auch sein mochte, jedenfalls nahm sie sich vor, auch jetzt nicht nachzugeben, trotzdem es drei Uhr in der Nacht war, und trotz Andrei Antonowitschs noch nie dagewesener Aufregung. Während er ganz außer sich auf den Teppichen ihres Boudoirs hin und her und nach allen Richtungen herumwanderte, setzte er ihr alles auseinander, alles, allerdings ohne allen Zusammenhang, aber dafür auch alles, was in ihm kochte; denn »es überschreite schon alle Grenzen«. Er begann mit der Mitteilung, daß alle sich über ihn lustig machten und ihn »an der Nase herumführten«. »Der Ausdruck ist dabei ganz gleichgültig,« schrie er sofort, da er ihr Lächeln bemerkte; »dem Sinne nach ist es die Wahrheit! ... Nein, gnädige Frau, der richtige Augenblick ist da; wissen Sie, daß jetzt Lachen und die Kunstgriffe weiblicher Koketterie nicht am Platze sind! Wir sind nicht im Boudoir einer affektierten Dame, sondern gleichsam zwei abstrakte Wesen aus einem Luftballon, die einander begegnen, um die Wahrheit zu sagen.« (Er verwirrte sich allerdings und fand nicht die richtigen Ausdrücke für seine an sich richtigen Gedanken.) »Sie sind es gewesen, gnädige Frau, Sie sind es gewesen, die mich aus meinem früheren Zustande herausgerissen hat; nur um Ihretwillen, nur um Ihres Ehrgeizes willen habe ich dieses Amt angenommen ... Sie lächeln spöttisch? Triumphieren Sie nicht, triumphieren Sie nicht zu früh! Wissen Sie, gnädige Frau, wissen Sie, daß ich imstande wäre und verstehen würde mit diesem Amte fertig zu werden, und nicht nur mit diesem einen Amte, sondern mit einem Dutzend solcher Ämter; denn ich besitze Fähigkeiten; aber an Ihrer Seite kann ich nicht damit fertig werden; denn an Ihrer Seite habe ich keine Fähigkeiten. Zwei Mittelpunkte können nicht existieren; Sie aber haben zwei Mittelpunkte eingerichtet, den einen bei mir und den andern bei sich in Ihrem Boudoir, zwei Mittelpunkte der Amtsgewalt, gnädige Frau; aber ich werde das nicht dulden, ich werde das nicht dulden!! Im Dienste wie in der Ehe kann es nur einen Mittelpunkt geben, und zwei sind unmöglich ... Wie haben Sie mir gelohnt?« rief er weiter. »Unsere Ehe hat nur darin bestanden, daß Sie mir die ganze Zeit über allstündlich bewiesen haben, daß ich ein wertloser, ein dummer, ja ein gemeiner Mensch bin, und ich bin die ganze Zeit über allstündlich in unwürdiger Weise genötigt gewesen, Ihnen zu beweisen, daß ich nicht wertlos, ganz und gar nicht dumm bin und alle Menschen durch meine hochherzige Gesinnung in Erstaunen versetze; nun, ist das nicht von beiden Seiten ein unwürdiges Verhalten?« Hier begann er schnell und zu wiederholten Malen mit den Füßen auf den Teppich zu stampfen, so daß Julija Michailowna sich genötigt sah, sich mit einer Miene mürrischer Würde halb aufzurichten. Er wurde schnell still, ging aber nun zur Sentimentalität über und fing an zu schluchzen (ja, zu schluchzen), indem er sich fast ganze fünf Minuten lang gegen die Brust schlug und infolge des hartnäckigen Stillschweigens, das Julija Michailowna beobachtete, immer mehr außer sich geriet. Schließlich schoß er einen entschiedenen Bock, indem er gestand, daß er ihretwegen auf Peter Stepanowitsch eifersüchtig sei. Sowie er aber dann merkte, daß er eine maßlose Dummheit begangen hatte, geriet er in einen wütenden Zorn und schrie, er werde »keine Gottesleugnung dulden«; er werde ihren »unverzeihlichen, gottlosen Salon« wegjagen; ein hoher Verwaltungsbeamter sei sogar verpflichtet an Gott zu glauben, »und folglich auch seine Frau«; er werde die jungen Leute nicht mehr dulden; »Sie, gnädige Frau, Sie müßten um Ihrer eigenen Würde willen für die Stellung Ihres Mannes Sorge tragen und seinen Verstand verteidigen, selbst wenn er nur geringe Fähigkeiten besäße (und ich habe keineswegs geringe Fähigkeiten!); statt dessen sind gerade Sie schuld daran, daß alle mich hier geringschätzen; Sie sind diejenige, die sie alle dazu gebracht hat! ... Er schrie, er werde die Frauenfrage ausrotten, sie wie einen schlechten Geruch wegräuchern; er werde das abgeschmackte Subskriptionsfest zum Besten der Gouvernanten (hol sie der Teufel!) gleich morgen verbieten und diejenigen, die sich etwa dennoch dazu einfänden, auseinandertreiben lassen; die erste Gouvernante, die ihm begegne, werde er gleich morgen früh »durch einen Kosaken« aus dem Gouvernement hinaustransportieren lassen. »Mit voller Absicht, mit voller Absicht!« kreischte er. »Wissen Sie wohl, wissen Sie wohl,« schrie er, »daß Ihre Taugenichtse in der Fabrik die Leute aufwiegeln, und daß mir das bekannt ist? Wissen Sie wohl, daß sie absichtlich Proklamationen verbreiten, ab-sicht-lich? Wissen Sie wohl, daß mir die Namen von vier Taugenichtsen bekannt sind, und daß ich den Verstand verliere, endgültig, endgültig den Verstand verliere?« Aber hier unterbrach Julija Michailowna plötzlich ihr Stillschweigen und erklärte in ernstem Tone, daß sie selbst schon längst von den verbrecherischen Plänen Kenntnis habe, und daß das lauter dummes Zeug sei, und daß er es zu ernst aufgefaßt habe, und daß, was die Taugenichtse anlange, sie nicht nur jene vier kenne, sondern alle (sie log), daß sie aber ganz und gar nicht beabsichtige, deswegen den Verstand zu verlieren, sondern im Gegenteil noch mehr auf ihren Verstand vertraue und alles zu einem harmonischen Ende zu bringen hoffe; sie werde die jungen Leute ermutigen, ihnen vernünftige Gedanken eingeben, ihnen plötzlich und unerwartet zeigen, daß ihre Pläne bekannt seien, und ihnen dann neue Ziele für eine vernünftige, edlere Tätigkeit weisen. Oh, wie wirkte das alles auf Andrei Antonowitsch! Als er erfuhr, daß Peter Stepanowitsch ihn wieder betrogen und sich in gröblicher Weise über ihn lustig gemacht habe, daß er ihr weit mehr und früher enthüllt habe als ihm, und daß schließlich Peter Stepanowitsch vielleicht sogar der Rädelsführer bei all diesen verbrecherischen Plänen sei: da wurde er geradezu rasend. »Wisse, du unvernünftiges, aber boshaftes Weib,« rief er, indem er mit einem Male alle Ketten sprengte, »wisse, daß ich sogleich Befehl geben werde, deinen unwürdigen Liebhaber zu arretieren, in Fußfesseln zu schmieden und auf die Festung zu bringen! Oder ich werde selbst sofort vor deinen Augen aus dem Fenster springen!« Als Antwort auf diese Tirade brach Julija Michailowna, die vor Arger im Gesichte ganz grün geworden war, unverzüglich in ein Gelächter aus, in ein langes, helles Gelächter mit Läufern und Übergängen, gerade wie auf dem französischen Theater, wenn eine Pariser Schauspielerin, die für hunderttausend Rubel engagiert ist, um die Kokettenrollen zu spielen, ihrem Manne ins Gesicht lacht, der ihretwegen Eifersucht zu bekunden wagt. Herr v. Lembke wollte schon zum Fenster hinstürzen, blieb aber plötzlich wie angewurzelt stehen, verschränkte die Arme über der Brust und sah leichenblaß mit einem Unheil verkündenden Blicke die Lachende an: »Weißt du, weißt du, Julija ...« sagte er schwer atmend mit flehender Stimme, »weißt du, daß auch ich etwas tun kann?« Aber als auf seine letzten Worte von ihrer Seite ein neuer, noch stärkerer Ausbruch von Gelächter folgte, biß er die Zähne zusammen, stöhnte auf und stürzte plötzlich – nicht nach dem Fenster, sondern auf seine Frau los und erhob die Faust über sie! Er ließ die Faust nicht auf sie niederfallen, nein, dreimal nein; sondern statt besten verschwand er selbst auf der Stelle. Ohne die Beine unter sich zu spüren, lief er in sein Arbeitszimmer, warf sich, angekleidet wie er war, mit dem Gesicht nach unten auf das für ihn zurechtgemachte Bett, wickelte sich krampfhaft mitsamt dem Kopfe in die Bettdecke und lag so etwa zwei Stunden lang, ohne zu schlafen, ohne nachzudenken, mit einem Steine auf dem Herzen, die Seele von dumpfer, starrer Verzweiflung erfüllt. Ab und zu lief ihm ein qualvolles, fieberhaftes Zittern durch den ganzen Körper. Es kamen ihm irgendwelche zusammenhanglosen Dinge ins Gedächtnis, die mit seiner gegenwärtigen Lage in gar keiner Beziehung standen: er dachte zum Beispiel an eine alte Wanduhr, die er vor fünfzehn Jahren in Petersburg besessen hatte, und von der der Minutenzeiger abgefallen war; dann an den lustigen Beamten Milbois, und wie sie beide einmal im Alexanderpark einen Sperling gefangen und nach dem Fange mit einem durch den ganzen Park schallenden Gelächter sich daran erinnert hatten, daß der eine von ihnen schon Kollegienassessor war. Ich glaube, er schlief gegen sieben Uhr morgens ein, ohne es zu merken, und schlief mit Genuß und mit angenehmen Träumen. Als er gegen zehn Uhr erwachte, sprang er plötzlich wild vom Bette in die Höhe, erinnerte sich mit einem Male an alles und schlug sich heftig mit der flachen Hand vor die Stirn. Er frühstückte nicht; er ließ weder Blümer vor, noch den Polizeimeister, noch den Beamten, welcher kam, um ihn daran zu erinnern, daß die Mitglieder der und der Versammlung an diesem Vormittag darauf warteten, daß er den Vorsitz übernehme; er empfing niemand; er hörte nichts und wollte nichts verstehen, sondern lief wie ein Toller nach den von Julija Michailowna bewohnten Zimmern. Dort teilte ihm Sofja Antropowna, eine alte adlige Dame, die schon lange bei Julija Michailowna wohnte, mit, daß diese sich schon um zehn Uhr mit einer großen Gesellschaft in drei Equipagen zu Warwara Petrowna Stawrogina nach Skworeschniki begeben habe, um für das zweite geplante Fest, das in vierzehn Tagen stattfinden solle, die dortigen Lokalitäten zu besichtigen; dieser Besuch sei schon vor drei Tagen mit Warwara Petrowna verabredet worden. Über diese Nachricht betroffen, kehrte Andrei Antonowitsch in sein Arbeitszimmer zurück und gab heftig Befehl zum Anspannen. Er konnte kaum die Zeit erwarten, bis der Wagen bereit war. Seine Seele dürstete nach Julija Michailowna: nur sie ansehen wollte er, nur fünf Minuten lang in ihrer Nähe sein; vielleicht würde sie ihm einen Blick zuwerfen, ihn bemerken, ihm wie früher zulächeln, ihm verzeihen ... oh, oh! »Aber wo bleibt denn der Wagen?« Mechanisch schlug er ein auf dem Tische liegendes dickes Buch auf (mitunter suchte er mittels eines Buches die Zukunft zu erkennen, indem er es aufs Geratewohl aufschlug und auf der rechten Seite oben drei Zeilen las). Er traf auf den Satz: » Tout est pour le mieux dans le meilleur des mondes possibles." Voltaire, Candide. Er spuckte aus und lief hinaus, um einzusteigen: »Nach Skworeschniki!« Der Kutscher erzählte später, der Herr habe auf dem ganzen Wege die schnellste Fahrt verlangt; aber kaum hätten sie sich dem Gutshause genähert, da habe er auf einmal befohlen umzuwenden und wieder nach der Stadt zu fahren: »Recht schnell, bitte, recht schnell!« »Ehe wir noch den Stadtwall erreichten, befahl er mir wieder anzuhalten, stieg aus dem Wagen und ging vom Wege weg aufs Feld; ich dachte, wegen eines Bedürfnisses; aber er blieb stehen und besah sich ein paar Blümchen, und so stand er eine Weile da; es war wirklich wunderlich; ich war schon damals sehr bedenklich.« So erzählte der Kutscher. Ich erinnere mich an das Wetter an jenem Vormittage: es war ein kalter, klarer, aber windiger Septembertag; vor Andrei Antonowitsch, der vom Wege abgegangen war, breitete sich das öde, kahle Feld aus, von dem das Getreide längst weggeräumt war; der heulende Wind schaukelte die kläglichen Überbleibsel absterbender gelber Blümchen ... Ob er wohl sich und sein Schicksal mit den kümmerlichen, vom Herbst und der Kälte arg zugerichteten Blümchen vergleichen wollte? Ich glaube nicht. Ich glaube sogar bestimmt, daß er es nicht wollte, und daß er überhaupt gar nicht an die Blümchen dachte, trotz der Angabe des Kutschers und des Polizeikommissars des ersten Reviers, der in diesem Augenblicke in dem Wagen des Polizeimeisters herbeigefahren kam und später versicherte, er habe tatsächlich den Chef mit einem Sträußchen gelber Blumen in der Hand getroffen. Dieser Kommissar, ein für die administrative Tätigkeit begeisterter Beamter namens Wasili Iwanowitsch Flibustjerow, war noch nicht lange ein Einwohner unserer Stadt, hatte sich aber bereits ausgezeichnet und Aufsehen erregt durch seinen enormen Diensteifer, durch seine Tatkraft auf allen Gebieten der Exekutive und durch den ihm angeborenen Mangel an Nüchternheit. Er sprang aus dem Wagen, und ohne beim Anblicke der Beschäftigung seines Vorgesetzten mit dem irrsinnigen, aber zuversichtlichen Gesichtsausdrucke stutzig zu werden, meldete er kurz und knapp, in der Stadt sei es nicht ruhig.

»Nun? Wer sind Sie?« wandte sich Andrei Antonowitsch zu ihm mit strenger Miene, aber ohne das geringste Erstaunen oder irgendwelche Erinnerung an die Kutsche und den Kutscher, gerade wie wenn er sich in seinem Arbeitszimmer befände.

»Der Polizeikommissar des ersten Reviers Flibustjerow, Exzellenz. In der Stadt ist Rebellion.«

»Von Flibustiern?« fragte Andrei Antonowitsch wie versonnen.

»Jawohl, Exzellenz. Die Schpigulinschen rebellieren.«

»Die Schpigulinschen! ...«

Bei dem Namen »die Schpigulinschen« schien ihm etwas einzufallen. Er fuhr sogar zusammen und hob den Finger zur Stirn in die Höhe: »Die Schpigulinschen!« Schweigend, aber immer noch versonnen, ging er ohne Eile zu seinem Wagen, stieg ein und befahl nach der Stadt zu fahren. Der Kommissar fuhr in dem Wagen, in dem er gekommen war, hinter ihm her.

Ich denke mir, daß ihm unterwegs viele sehr interessante Dinge, mancherlei Gegenstände unklar durch den Kopf gingen; aber er hatte schwerlich einen festen Gedanken oder eine bestimmte Absicht, als sein Wagen auf den Platz vor dem Gouvernementsgebäude gelangte. Kaum jedoch erblickte er die Schar der »Rebellen«, die sich dort ausgestellt hatte und in fester Haltung dastand, die Kette der Polizisten, den machtlosen (vielleicht aber absichtlich machtlosen) Polizeimeister und die allgemeine auf ihn gerichtete Erwartung, als ihm alles Blut zum Herzen strömte. Blaß stieg er aus der Kutsche.

»Die Mützen herunter!« sagte er schwer atmend und kaum vernehmbar. »Auf die Knie!« kreischte er unerwartet, auch für ihn selbst unerwartet, und gerade dieser plötzliche Einfall hatte vielleicht die ganze nachfolgende Entwicklung der Sache zur Folge. Es war wie auf den Rutschbergen in der Fastnachtswoche: kann da etwa ein von oben herabsausender Schlitten mitten auf dem Berge anhalten? Andrei Antonowitsch hatte sich, gewissermaßen sich selbst zum Trotze, sein ganzes Leben lang durch ein ruhiges Wesen ausgezeichnet, nie jemanden angeschrien, nie ärgerlich mit den Füßen gestampft; aber gerade solche Menschen werden am gefährlichsten, wenn es einmal passiert, daß ihr Schlitten unversehens vom Berge herunterfährt. Alles schien sich vor seinen Augen herumzudrehen.

»Ihr Flibustier!« schrie er noch kreischender und häßlicher, und die Stimme brach ihm plötzlich ab. Er stand da, ohne noch zu wissen, was er tun werde; aber er wußte und fühlte mit seinem ganzen Wesen, daß er unfehlbar im nächsten Augenblicke etwas tun werde.

»O Gott!« hörte man aus der Menge rufen. Ein junger Bursche begann sich zu bekreuzen; drei oder vier Menschen schickten sich wirklich an auf die Knie zu fallen; aber die andern rückten in ihrer ganzen Masse etwa drei Schritte vor und begannen auf einmal alle durcheinanderzuschreien: »Exzellenz ... wir sind für vierzig Kopeken gedungen worden ... der Fabrikdirektor ... du kannst ja nicht reden« usw. usw. Es war nicht daraus klug zu werden.

Leider konnte Andrei Antonowitsch nicht daraus klug werden: die Blümchen hatte er immer noch in der Hand. Von der Rebellion war er ebenso fest überzeugt wie vorhin Stepan Trofimowitsch von dem Bauernwagen. Aber in dem Schwarm der »Rebellen«, die ihn mit weitgeöffneten Augen anstarrten, glaubte er ihren »Aufwiegler« Peter Stepanowitsch umherhuschen zu sehen, der ihn seit dem gestrigen Tage auch nicht einen Augenblick verlassen hatte, Peter Stepanowitsch, den ihm verhaßten Peter Stepanowitsch.

»Ruten her!« rief er noch unerwarteter als vorher.

Es trat Totenstille ein.

So hat sich, nach den zuverlässigsten Nachrichten und nach meinen Vermutungen, die Sache in ihrem ersten Stadium abgespielt. Aber die weiteren Nachrichten sind nicht so zuverlässig, und das gleiche gilt von meinen Vermutungen. Indessen stehen doch einige Tatsachen fest.

Erstens erschienen die Ruten mit einer auffälligen Geschwindigkeit; offenbar hatte sie der umsichtige Polizeimeister in Erwartung des Kommenden bereit gehalten. Bestraft wurden übrigens nur zwei Personen; ich glaube nicht, daß es drei waren; daß die Zahl so gering war, kann ich bestimmt versichern. Eine reine Erfindung ist es, daß alle oder mindestens die Hälfte der Leute bestraft worden seien. Unsinn ist es auch, daß eine vorbeigehende arme adlige Dame ergriffen und sofort aus irgendwelchem Grunde durchgepeitscht sei; trotzdem habe ich selbst nachher in einer Korrespondenz einer Petersburger Zeitung solche Angaben über diese Dame gelesen. Viele sagten bei uns von einer Insassin des aus dem Kirchhof stehenden Armenhauses, namens Awdotja Petrowna Tarapygina, sie habe sich, als sie sich auf dem Heimwege von einem Besuche nach ihrem Armenhause befunden hätte und über den Platz gekommen sei, aus natürlicher Neugier durch die Zuschauer hindurchgedrängt und beim Anblicke des Vorganges ausgerufen: »Das ist ja eine Schande!« und habe dabei ausgespien; dafür sei sie festgenommen und gleichfalls »ermahnt« worden. Über diesen angeblichen Vorfall wurde nicht nur in den Zeitungen berichtet, sondern man setzte bei uns in der Stadt in der ersten Hitze sogar eine Subskription für sie ins Werk. Ich selbst habe zwanzig Kopeken gezeichnet. Und sollte man es glauben? Jetzt stellt sich heraus, daß es eine solche Armenhäuslerin Tarapygina bei uns überhaupt nicht gegeben hat! Ich bin selbst nach dem Armenhause auf dem Kirchhofe gegangen, um mich zu erkundigen: dort hat man nie etwas von einer Frau Tarapygina gehört; ja, die Leute fühlten sich sogar sehr gekränkt, als ich ihnen erzählte, was für ein Gerücht im Umlauf sei. Ich erwähne aber diese Geschichte von der nicht existierenden Awdotja Petrowna namentlich deswegen, weil sich mit Stepan Trofimowitsch beinah dasselbe begeben hat wie mit ihr (falls sie nämlich wirklich existiert hätte); ja, vielleicht hat sich dieses ganze alberne Gerücht über eine Frau Tarapygina irgendwie an seine Person geknüpft, das heißt, man hat einfach bei der weiteren Ausbildung der Klatschgeschichte ihn hurtig in eine Frau Tarapygina verwandelt. Vor allem begreife ich nicht, wie er mir hat entschlüpfen können, als wir eben zusammen auf den Platz gelangt waren. Da ich Unheil ahnte, wollte ich ihn um den Platz herum direkt zum Eingang des Gouvernementsgebäudes führen; aber ich war selbst neugierig und blieb nur einen Augenblick stehen, um den ersten besten, auf den ich stieß, zu befragen, und auf einmal sah ich, daß Stepan Trofimowitsch nicht mehr neben mir war. Instinktmäßig beeilte ich mich sogleich, ihn an der gefährlichsten Stelle zu suchen; ich hatte eine Art von Ahnung, daß sein Schlitten den Berg hinuntersauste; und wirklich fand ich ihn bereits gerade im Mittelpunkte der Ereignisse. Ich erinnere mich, daß ich ihn bei der Hand ergriff; aber still und stolz blickte er mich mit einer Miene maßloser Überlegenheit an.

» Cher," sagte er mit einer Stimme, in der man eine gewisse Saite zittern hörte, »wenn alle hier auf dem Platze in unserer Gegenwart so rücksichtslos verfahren, was kann man dann von diesem Menschen erwarten ... falls er in die Lage kommt, selbständig zu handeln?«

Und zitternd vor Empörung und in dem maßlosen Wunsche Opposition zu machen, wies er im Sinne einer Drohung und Anklage mit dem Finger auf Flibustjerow, der zwei Schritte von uns stand und uns mit weitausgerissenen Augen anglotzte.

»›Von diesem Menschen!‹« schrie jener, vor Wut seiner nicht mächtig. »Was soll das heißen: ›von diesem Menschen‹? Wer bist du denn?« fuhr er fort und trat mit geballter Faust näher. »Wer bist du?« brüllte er wie ein Rasender (ich bemerke, daß er Stepan Trofimowitsch von Ansehen sehr gut kannte).

Noch einen Augenblick, und er hätte ihn sicherlich am Kragen gepackt; aber zum Glück wandte Lembke auf das Geschrei den Kopf um. Verwundert, aber aufmerksam blickte er Stepan Trofimowitsch an, wie wenn er sich etwas im Kopfe zurechtlegte; dann winkte er plötzlich ungeduldig mit der Hand ab. Flibustjerow verstummte. Ich zog Stepan Trofimowitsch aus der Menge heraus. Übrigens hatte er vielleicht selbst schon den Wunsch sich zu entfernen.

»Kommen Sie nach Hause, nach Hause!« drang ich in ihn. »Wenn Sie nicht geschlagen worden sind, so haben Sie das entschieden nur Lembke zu verdanken.«

»Gehen Sie, mein Freund! Ich tue unrecht daran, Sie in Gefahr zu bringen. Sie haben eine Zukunft und eine Laufbahn vor sich, während ich ... mon heure a sonné

Festen Schrittes stieg er die Stufen zur Tür des Gouvernementsgebäudes hinan. Der Portier kannte mich; ich sagte ihm, daß wir beide zu Julija Michailowna wollten. Im Wartezimmer setzten wir uns hin und warteten. Ich wollte meinen Freund nicht verlassen, hielt es aber für überflüssig, noch etwas zu ihm zu sagen. Er hatte die Miene eines Mannes, der sich in Treue dem Tode für das Vaterland weiht. Wir saßen nicht zusammen, sondern in verschiedenen Ecken, ich näher an der Eingangstür, er von ihr entfernt, gegenüber; den Kopf hielt er nachdenklich gesenkt und stützte sich mit beiden Händen leicht auf seinen Stock; seinen breitkrämpigen Hut hielt er in der linken Hand. So saßen wir etwa zehn Minuten lang.

 

II

Lembke trat in Begleitung des Polizeimeisters plötzlich mit schnellen Schritten ein, blickte uns zerstreut an und wollte, ohne uns zu beachten, nach rechts in sein Arbeitszimmer gehen; aber Stepan Trofimowitsch trat vor ihn hin und versperrte ihm den Weg. Seine hohe Gestalt und seine ungewöhnliche Erscheinung machten Eindruck; Lembke blieb stehen.

»Wer ist das?« murmelte er überrascht, wie wenn er den Polizeimeister fragte; aber er drehte den Kopf gar nicht zu ihm hin und fuhr fort, Stepan Trofimowitsch zu betrachten.

»Der Kollegienassessor a. D. Stepan Trofimowitsch Werchowenski, Exzellenz,« antwortete Stepan Trofimowitsch, indem er mit würdigem Anstande den Kopf beugte.

Seine Exzellenz sah ihn immer noch an, indes mit ganz stumpfem Blicke.

»In was für einer Angelegenheit?« fragte er in der lakonischen Art eines hohen Beamten mißmutig und ungeduldig und wandte Stepan Trofimowitsch sein Ohr zu; er mochte ihn für einen gewöhnlichen Bittsteller halten, der eine schriftliche Eingabe mitgebracht hatte.

»Ich bin heute von einem Beamten, der in Euer Exzellenz Namen handelte, einer Haussuchung unterworfen worden; ich würde daher wünschen ...«

»Wie war der Name? Wie war der Name?« fragte Lembke ungeduldig, wie wenn ihm etwas einfiele.

Stepan Trofimowitsch wiederholte seinen Namen mit noch größerer Würde.

»A-a-ah! Das ... das ist jene Pflanzstätte ... Mein Herr, Sie haben sich von einer Seite gezeigt ... Sie sind Professor? Professor?«

»Ich habe einmal die Ehre gehabt, der Jugend an der ***er Universität einige Kollegien zu halten.«

»Der Ju-gend!« wiederholte Lembke. Er war ordentlich zusammengezuckt, obgleich ich darauf wetten möchte, daß er noch immer nicht recht verstand, um was es sich handelte, vielleicht nicht einmal, mit wem er sprach.

»Ich werde das nicht dulden, mein Herr!« rief er auf einmal in heftigem Zorne. »Ich dulde keine Jugend. Das sind nur Proklamationen. Das ist ein Attentat auf die Gesellschaft, mein Herr, Seeräuberei, Flibustiertum ... Um was wollten Sie bitten?«

»Im Gegenteil, Ihre Frau Gemahlin hat mich gebeten, morgen bei ihrem Feste etwas vorzutragen. Ich bitte um nichts; ich bin hergekommen, um mein Recht zu suchen ...«

»Bei dem Feste? Es wird kein Fest stattfinden. Ich werde Ihr Fest nicht zulassen! Kollegien? Kollegien?« schrie er wütend.

»Ich möchte Sie sehr bitten, mit mir höflicher zu sprechen, Exzellenz, nicht mit den Füßen zu stampfen und mich nicht wie einen kleinen Knaben anzuschreien.«

»Verstehen Sie wohl auch, mit wem Sie reden?« rief Lembke, rot vor Zorn.

»Vollkommen, Exzellenz!«

»Ich schütze die Gesellschaft mit meinem Leibe, und Sie suchen sie zu vernichten! ... Sie ... Übrigens erinnere ich mich Ihrer: Sie waren ja wohl Erzieher im Hause der Generalin Stawrogina?«

»Ja, ich war ... Erzieher ... im Hause der Generalin Stawrogina.«

»Und Sie haben da im Laufe von zwanzig Jahren eine Pflanzstätte all der schlechten Elemente angelegt, die sich jetzt angesammelt haben ... das sind alles die Früchte Ihrer Tätigkeit ... Ich glaube, ich habe Sie soeben auf dem Platze gesehen. Aber nehmen Sie sich in acht, mein Herr, nehmen Sie sich in acht; Ihre Gesinnung ist uns bekannt. Verlassen Sie sich darauf, ich werde Sie im Auge behalten. Ich darf Ihre Kollegien nicht gestatten, mein Herr; ich darf es nicht. Kommen Sie mir nicht mit solchen Bitten!«

Er wollte wieder vorbeigehen.

»Ich wiederhole, daß Sie sich irren, Exzellenz: Ihre Frau Gemahlin ist es gewesen, die mich gebeten hat, bei dem morgigen Feste eine Vorlesung zu halten, kein Kolleg, sondern eine Vorlesung über ein literarisches Thema. Aber ich werde jetzt meinerseits die Vorlesung ablehnen. Meine gehorsamste Bitte aber ist, mir, wenn möglich, zu erklären, warum und weshalb ich der heutigen Haussuchung unterworfen worden bin. Man hat mir einige Bücher und Papiere weggenommen, sowie einige mir teure Privatbriefe und sie auf einer Schubkarre durch die Stadt transportiert ...«

»Wer hat die Haussuchung abgehalten?« fragte Lembke, der jetzt auf einmal völlig zur Besinnung kam, zusammenfuhr und ganz rot wurde.

Er wandte sich schnell zu dem Polizeimeister hin. In diesem Augenblicke erschien in der Tür die lange, gebückte, ungeschickte Gestalt Blümers.

»Eben dieser Beamte da,« sagte Stepan Trofimowitsch, auf ihn hinweisend.

Blümer trat mit schuldbewußter, aber keineswegs schüchterner Miene heran.

»Vous ne faites que des bêtises,« warf ihm Lembke ärgerlich und verdrießlich hin, kam nun auf einmal zu sich und war wie verwandelt.

»Entschuldigen Sie ...« stammelte er außerordentlich verlegen und wurde dabei dunkelrot; »es war alles ... es war alles wahrscheinlich nur eine Ungeschicklichkeit, ein Mißverständnis ... nur ein Mißverständnis.«

»Exzellenz,« bemerkte Stepan Trofimowitsch, »in meiner Jugend war ich einmal Zeuge eines charakteristischen Vorganges. Im Korridor des Theaters trat jemand schnell an einen andern heran und versetzte ihm in Gegenwart des ganzen Publikums eine schallende Ohrfeige. Nachdem er sofort erkannt hatte, daß das mißhandelte Gesicht gar nicht dasjenige war, dem er die Ohrfeige zugedacht hatte, sondern ein ganz anderes, jenem nur einigermaßen ähnliches, sagte er ärgerlich und eilig wie jemand, der seine kostbare Zeit nicht verlieren möchte, genau so wie jetzt Euer Exzellenz: ›Ich habe mich geirrt ... entschuldigen Sie; es war ein Mißverständnis, nur ein Mißverständnis.‹ Und als der Geschlagene sich trotzdem noch beleidigt fühlte und Lärm machte, bemerkte er ihm sehr ärgerlich: ›Aber ich sage Ihnen ja, daß es nur ein Mißverständnis war; was machen Sie denn noch für Geschrei!‹«

»Das ... das ist allerdings sehr komisch ...« erwiderte Lembke mit gezwungenem Lächeln. »Aber ... aber sehen Sie denn wirklich nicht, wie unglücklich ich selbst bin?«

Er schrie beinah auf, und es schien, als wolle er das Gesicht mit den Händen bedecken.

Dieser unerwartete krankhafte, beinah von Schluchzen begleitete Ausruf machte einen unerträglich peinlichen Eindruck. Es war dies wahrscheinlich seit dem gestrigen Tage der erste Augenblick, wo er ein volles klares Bewußtsein alles dessen hatte, was vorgegangen war, und daran schloß sich nun sofort eine vollständige, demütige, sich ergebende Verzweiflung; wer weiß – noch ein Augenblick, und er wäre vielleicht in ein durch den ganzen Saal hörbares Schluchzen ausgebrochen. Stepan Trofimowitsch blickte ihn zuerst befremdet an; aber dann ließ er auf einmal den Kopf sinken und sagte mit tief gerührter Stimme:

»Exzellenz, beunruhigen Sie sich nicht weiter über meine streitsüchtige Beschwerde, und befehlen Sie nur, daß mir meine Bücher und Briefe zurückgegeben werden ...«

Er wurde unterbrochen. Gerade in diesem Augenblicke kehrte Julija Michailowna mit der ganzen Gesellschaft, die sie begleitet hatte, geräuschvoll zurück. Aber dies möchte ich möglichst eingehend schildern.

 

III

Erstens also traten alle, die in den drei Equipagen gefahren waren, gleichzeitig in dichtem Schwarm in das Wartezimmer. Zu Julija Michailownas Gemächern gehörte ein besonderer Eingang, gleich von der Haustür aus links; aber diesmal nahmen alle den Weg durch das Wartezimmer, und zwar, wie ich glaube, eben deshalb, weil sich Stepan Trofimowitsch hier befand, und weil alles, was sich mit ihm begeben hatte, sowie auch die Vorgänge mit den Schpigulinschen Arbeitern schon beim Einfahren in die Stadt zu Julija Michailownas Kenntnis gelangt waren. Derjenige, der sie so schnell davon unterrichtet hatte, war Ljamschin gewesen; er war wegen irgendeines Verschuldens zu Hause gelassen worden und hatte nicht an der Fahrt teilgenommen; infolgedessen hatte er alles früher erfahren als die andern. Voller Schadenfreude war er auf einem gemieteten Kosakengaul den Weg nach Skworeschniki entlang geritten, um die heimkehrende Kavalkade mit den fröhlichen Nachrichten zu begrüßen. Ich glaube, Julija Michailowna wurde trotz ihres außerordentlich festen Charakters doch ein wenig verlegen, als sie diese erstaunliche Neuigkeit hörte; übrigens dauerte das bei ihr wahrscheinlich nur einen Augenblick. Die politische Seite der Sache zum Beispiel konnte ihr keine Sorge machen: Peter Stepanowitsch hatte ihr schon etwa viermal nachdrücklich gesagt, die Schpigulinschen Krakeeler müßten alle durchgepeitscht werden, und Peter Stepanowitsch war seit einiger Zeit wirklich für sie eine bedeutende Autorität geworden. »Aber ... das soll er mir dennoch büßen,« dachte sie sicherlich bei sich, wobei »er« sich natürlich auf ihren Gemahl bezog. In aller Eile merke ich an, daß Peter Stepanowitsch diesmal an der gemeinsamen Ausfahrt ebenfalls (und zwar anscheinend absichtlich) nicht teilgenommen hatte und vom frühen Morgen an nirgends von jemandem gesehen worden war. Ich erwähne bei dieser Gelegenheit noch, daß Warwara Petrowna, nachdem sie die Gäste bei sich zu Hause empfangen hatte, mit ihnen zusammen nach der Stadt zurückgekehrt war (in ein und demselben Wagen mit Julija Michailowna), in der Absicht, jedenfalls an der letzten Komiteesitzung über das morgige Fest teilzunehmen. Die Nachrichten, welche Ljamschin über Stepan Trofimowitsch mitteilte, mußten natürlich auch sie interessieren und sie vielleicht sogar aufregen.

Die Abrechnung mit Andrei Antonowitsch begann unverzüglich. Ach, er merkte das beim ersten Blick auf seine schöne Gemahlin! Mit offener Miene und mit einem bezaubernden Lächeln ging sie schnell auf Stepan Trofimowitsch zu, streckte ihm ihr reizend behandschuhtes Händchen hin und überschüttete ihn mit den schmeichelhaftesten Begrüßungen, als ob sie den ganzen Vormittag über keine andere Sorge gehabt hätte, als nur möglichst schnell herbeizueilen und Stepan Trofimowitsch ihre Freude darüber auszusprechen, daß sie ihn endlich in ihrem Hause sehe. Auf die Haussuchung am Morgen deutete sie mit keiner Silbe hin, wie wenn sie noch nichts davon wüßte. Kein Wort zu ihrem Manne, keinen Blick nach der Seite hin, wo er stand, gerade als ob er gar nicht im Zimmer wäre. Und damit nicht genug: sie nahm auch Stepan Trofimowitsch sofort gebieterisch in Beschlag und führte ihn weg in den Salon, als ob er mit Lembke keinerlei Auseinandersetzungen gehabt hätte, oder als ob, wenn solche stattgefunden hätten, es nicht der Mühe wert sei, sie fortzusetzen. Ich wiederhole: es scheint mir, daß Julija Michailowna trotz all ihrer gesellschaftlichen Gewandtheit in diesem Falle einen großen Fehler beging. Besonders behilflich war ihr dabei Karmasinow (der an der Fahrt auf Julija Michailownas besondere Bitte teilgenommen und auf diese Art, wiewohl nur beiläufig, endlich auch Warwara Petrowna einen Besuch abgestattet hatte, worüber diese schwach genug war in das größte Entzücken zu geraten). Schon von der Tür aus (er trat etwas später ein als die andern) schrie er, als er Stepan Trofimowitsch erblickte, auf und lief mit offenen Armen auf ihn zu, wobei er sogar Julija Michailowna unterbrach.

»Wie viele Sommer und Winter sind vergangen, seit wir uns zum letzten Male gesehen haben! Endlich! ... Excellent ami

Er machte Miene, als ob er sich mit ihm küssen wolle, und hielt ihm natürlich nur seine Backe hin. Stepan Trofimowitsch, der sich nicht sogleich zu fassen wußte, sah sich genötigt, diese zu küssen.

»Cher," sagte er zu mir am Abend, als er sich die Erlebnisse dieses Tages ins Gedächtnis zurückrief, »ich überlegte in diesem Augenblicke: wer von uns beiden ist gemeiner? Er, der mich umarmte, um mich herabzuwürdigen, oder ich, der ich ihn und seine Backe verachtete und sie trotzdem küßte, obwohl ich mich doch hätte abwenden können ... Pfui!«

»Nun, dann erzählen Sie, erzählen Sie!« sagte Karmasinow mit Kaubewegungen und lispelnd, als ob der andere ihm so ohne weiteres sein ganzes Leben während dieser fünfundzwanzig Jahre hätte erzählen können.

Aber diese dumme Oberflächlichkeit gehörte zum feinsten Ton.

»Erinnern Sie sich, daß wir uns zum letztenmal in Moskau sahen, bei dem Diner zu Ehren Granowskis, und daß seitdem vierundzwanzig Jahre vergangen sind ...« begann Stepan Trofimowitsch sehr vernünftig und daher sehr wenig dem feinsten Tone entsprechend.

» Ce cher homme," unterbrach ihn Karmasinow familiär mit seiner kreischenden Stimme und drückte ihm mit der Hand allzu freundschaftlich die Schulter zusammen. »Führen Sie uns nur recht schnell in Ihren Salon, Julija Michailowna; er wird sich da hinsetzen und alles erzählen.«

»Und dabei habe ich diesem nervösen alten Weibe niemals nahe gestanden,« fuhr an demselben Abend Stepan Trofimowitsch, zitternd vor Ingrimm, fort, sich mir gegenüber zu beklagen. »Wir waren fast noch Jünglinge, und ich begann schon damals ihn zu hassen ... gerade so wie er mich, selbstverständlich ...«

Julija Michailownas Salon füllte sich schnell. Warwara Petrowna befand sich in einem Zustande besonderer Aufregung, obwohl sie sich bemühte gleichmütig zu erscheinen; aber ich beobachtete zwei- bis dreimal, daß sie haßerfüllte Blicke auf Karmasinow und zornige Blicke auf Stepan Trofimowitsch richtete. Die zornigen Blicke waren eine Art Vorausbezahlung und gingen aus Eifersucht und Liebe hervor: hätte Stepan Trofimowitsch diesmal irgendeine Ungeschicklichkeit begangen und dadurch dem andern die Möglichkeit gegeben, ihn in Gegenwart aller zu blamieren, so wäre sie, glaube ich, sogleich aufgesprungen und hätte ihn geprügelt. Ich habe vergessen zu sagen, daß auch Lisa anwesend war, und noch nie hatte ich sie sorgloser, heiterer und glücklicher gesehen. Selbstverständlich war auch Mawriki Nikolajewitsch da. Unter dem Schwarm der jungen Damen und der halbverlotterten jungen Männer, die Julija Michailownas gewöhnliche Suite bildeten, und bei denen man dieses verlotterte Wesen als Fröhlichkeit gelten ließ und wohlfeilen Zynismus als Verstand, unter diesen bemerkte ich zwei bis drei neue Persönlichkeiten: einen erst kürzlich zugereisten scherwenzelnden Polen, ferner einen deutschen Doktor, einen gesunden, alten Mann, der laut und mit großem Genusse alle Augenblicke über seine eigenen Witze lachte, und endlich einen sehr jungen Fürsten aus Petersburg von automatenhafter Haltung, mit dem würdigen Anstande eines Staatsmannes und schrecklich langen Vatermördern. Aber es war deutlich, daß Julija Michailowna diesen Gast besonders hochschätzte und sich sogar beunruhigte, die Mitglieder ihres Salons könnten sich vor ihm zu sehr gehen lassen.

»Cher monsieur Karmazinoff,« begann Stepan Trofimowitsch, indem er sich malerisch auf dem Sofa zurechtsetzte und auf einmal nicht weniger als Karmasinow zu lispeln anfing, »cher monsieur Karmazinoff, das Leben eines Menschen, der noch aus unserer alten Zeit stammt und gewisse Anschauungen hat, muß selbst in einem Zeitraume von fünfundzwanzig Jahren einförmig erscheinen ...«

Der Deutsche lachte laut und stoßweise, ordentlich wiehernd, offenbar in der Annahme, daß Stepan Trofimowitsch etwas sehr Lächerliches gesagt habe. Dieser blickte ihn mit besonders herausgekehrter Verwunderung an, ohne übrigens dadurch auf ihn irgendwelchen Eindruck zu machen. Auch der Fürst blickte hin, indem er sich zu dem Deutschen mit seinen ganzen Vatermördern umkehrte und das Pincenez aufsetzte, wiewohl ohne das geringste Zeichen von Interesse.

»... Muß einförmig erscheinen,« wiederholte Stepan Trofimowitsch absichtlich und reckte dabei jedes Wort so lang und ungeniert wie nur möglich. »Von der Art war auch mein Leben während dieses ganzen Vierteljahrhunderts, et comme on trouve partout plus de moines que de raison, und da ich dem vollständig zustimme, so ist es gekommen, daß ich während dieses ganzen Vierteljahrhunderts ...«

»C'est charmant, les moines,« flüsterte Julija Michailowna, sich zu der neben ihr sitzenden Warwara Petrowna wendend.

Warwara Petrowna antwortete mit einem stolzen Blicke. Aber Karmasinow ärgerte sich im stillen über den Effekt, den die französische Phrase gemacht hatte, und beeilte sich, Stepan Trofimowitsch mit seiner kreischenden Stimme zu unterbrechen:

»Was mich anlangt, so habe ich mich in dieser Hinsicht vollkommen beruhigt und sitze nun schon seit mehr als sechs Jahren in Karlsruhe. Und als im vorigen Jahre die städtische Behörde eine neue Kanalisation anzulegen beschloß, da fühlte ich in meinem Herzen, daß diese Karlsruher Kanalisationsfrage mir wichtiger und interessanter war als alle Fragen meines lieben Vaterlandes ... was die ganze Zeit der sogenannten hiesigen Reformen anlangt.«

»Ich kann nicht umhin, Ihnen das nachzufühlen, wenn auch mit widerstrebendem Herzen,« erwiderte Stepan Trofimowitsch seufzend und ließ bedeutsam den Kopf sinken.

Julija Michailowna triumphierte: das Gespräch begann tiefsinnig zu werden und von den großen Richtungen zu handeln.

»Ein Rohrwerk zur Ableitung der Schmutzwässer?« erkundigte sich der Doktor laut.

»Jawohl, Doktor, eine Kanalisation, und ich habe den Herren damals sogar bei der Aufstellung des Projektes geholfen.«

Der Doktor lachte knatternd. Nach ihm lachten viele und diesmal dem Doktor gerade ins Gesicht; indes bemerkte dieser es nicht und war über das allgemeine Gelächter sehr erfreut.

»Gestatten Sie mir, hierin anderer Ansicht zu sein als Sie, Karmasinow,« schaltete Julija Michailowna eilig ein. »Karlsruhe in Ehren; aber Sie mystifizieren Ihre Zuhörer gern, und wir glauben Ihnen diesmal nicht. Welcher russische Schriftsteller hat so viele allermodernste typische Charaktere geschaffen, so viele höchst aktuelle Fragen gelöst und gerade auf die Hauptpunkte hingewiesen, aus denen sich der Typus der heutzutage wirkenden Männer zusammensetzt? Und da wollen Sie uns einreden, Sie wären gegen die Heimat gleichgültig und interessierten sich gewaltig für die Karlsruher Kanalisation! Ha-ha!«

»Ja, ich habe allerdings«, lispelte Karmasinow, »in der Gestalt Pogoschews alle Mängel der Slawophilen und in der Gestalt Nikodimows alle Mängel der Freunde der westeuropäischen Kultur zur Darstellung gebracht ...«

»Alle wahrhaftig nicht,« flüsterte Ljamschin leise.

»Aber ich tue das nur so nebenbei, nur um irgendwie die Zeit totzuschlagen und ... um all die zudringlichen Forderungen meiner Landsleute zu befriedigen.«

»Es ist Ihnen wohl bekannt, Stepan Trofimowitsch,« fuhr Julija Michailowna enthusiastisch fort, »daß wir morgen den Genuß haben werden, ein reizendes Produkt zu hören, eine der letzten, auserlesensten belletristischen Inspirationen Semjon Jegorowitschs; sie führt den Titel ›Merci‹. Er kündigt darin an, daß er in Zukunft nicht mehr schreiben werde, um keine Schätze der Welt, selbst wenn ein Engel vom Himmel oder, besser gesagt, die ganze vornehme Gesellschaft ihn bitten sollte, seinen Entschluß zu ändern. Kurz, er legt die Feder für das ganze Leben nieder, und dieses reumütige ›Merci‹ wendet sich an das Publikum und dankt demselben für das dauernde Entzücken, mit dem es so viele Jahre lang die dem ›ehrenhaften russischen Gedanken‹ von ihm ununterbrochen geleisteten Dienste begleitet hat.«

Julija Michailowna war auf dem Gipfel der Glückseligkeit.

»Ja, ich werde mich verabschieden: ich werde mein ›Merci‹ sagen und wegreisen, und dort ... in Karlsruhe ... werde ich meine Augen schließen,« begann Karmasinow, der dem Lobe gegenüber allmählich schwach wurde.

Wie viele unserer großen Schriftsteller (und große Schriftsteller gibt es bei uns sehr viele) konnte er Lob nicht vertragen und begann in solchem Falle sogleich schwach zu werden, trotz seines Scharfsinnes. Aber ich meine, das ist verzeihlich. Man sagt, einer unserer Shakespeares sei in einem Privatgespräche geradezu mit der Äußerung herausgeplatzt: »Wir großen Männer können nicht anders« und so weiter, und er habe es überhaupt nicht bemerkt.

»Dort in Karlsruhe werde ich meine Augen schließen. Uns großen Männern bleibt, wenn wir unser Werk getan haben, nichts weiter übrig, als baldigst die Augen zuzumachen, ohne nach einer Belohnung Ausschau zu halten. So werde auch ich es machen.«

»Geben Sie mir Ihre Adresse, dann will ich zu Ihnen nach Karlsruhe an Ihr Grab kommen,« bemerkte der Deutsche mit unmäßigem Gelächter.

»Jetzt werden auch Leichen mit der Bahn versandt,« sagte unerwartet einer der unbedeutenden jungen Männer.

Ljamschin winselte geradezu vor Entzücken. Julija Michailowna machte ein finsteres Gesicht. Nikolai Stawrogin trat ins Zimmer.

»Mir ist gesagt worden, die Polizei habe den Einfall gehabt, Sie anzutasten?« sagte er laut, indem er sich mit Übergehung aller andern an Stepan Trofimowitsch wandte.

»Dieser Einfall war ein Hereinfall,« witzelte Stepan Trofimowitsch.

»Aber ich hoffe, er wird nicht den geringsten Einfluß auf meine Bitte haben,« fiel Julija Michailowna wieder ein. »Ich hoffe, Sie werden, unbeirrt durch diese bedauerliche Unannehmlichkeit, von der ich bisher noch keine klare Vorstellung habe, nicht unsere schönsten Erwartungen täuschen und uns nicht des Genusses berauben, Ihre Vorlesung bei der literarischen Matinee zu hören.«

»Ich weiß nicht ... ich bin jetzt ...«

»Aber das macht mich wirklich unglücklich, Warwara Petrowna: stellen Sie sich das nur vor: gerade wo ich mich darauf freute, bald einen der bedeutendsten, unabhängigsten Geister Rußlands persönlich kennen zu lernen, gerade nun erklärt Stepan Trofimowitsch auf einmal, er beabsichtige sich von uns fernzuhalten.«

»Das Lob ist so laut ausgesprochen worden, daß ich es allerdings nicht hätte hören dürfen,« bemerkte Stepan Trofimowitsch pointiert. »Aber ich glaube nicht, daß meine arme Persönlichkeit morgen für Ihr Fest unentbehrlich ist. Übrigens könnte ich ...«

»Aber Sie verwöhnen ihn!« rief Peter Stepanowitsch, der schnell ins Zimmer hereingelaufen kam. »Kaum habe ich ihn ordentlich in den Zügel genommen, da kommt nun plötzlich an einem einzigen Vormittag Haussuchung, Arretierung, ein Polizist faßt ihn am Kragen, und jetzt verhätscheln ihn noch die Damen im Salon unseres Gouverneurs! Da muß ihm ja jedes Knöchelchen singen vor Entzücken; so einen Glückstag hätte er sich gewiß nie träumen lasten. Da wird er jetzt am Ende anfangen, die Sozialisten zu denunzieren!«

»Das ist nicht möglich, Peter Stepanowitsch. Der Sozialismus ist eine zu große Idee, als daß Stepan Trofimowitsch ihn nicht anerkennen sollte,« verteidigte Julija Michailowna ihn energisch.

»Er ist eine große Idee; aber diejenigen, die ihn verkündigen, sind nicht immer Riesen, et brisons là, mon cher," schloß Stepan Trofimowitsch, zu seinem Sohne gewendet, und erhob sich in schöner Haltung von seinem Platze.

Aber nun begab sich etwas ganz Unerwartetes. Herr v. Lembke befand sich schon seit einiger Zeit im Salon; indes schien ihn niemand zu bemerken, obgleich alle gesehen hatten, wie er hereinkam. Julija Michailowna, die immer noch an ihrer früheren Idee festhielt, fuhr fort, ihn zu ignorieren. Er hatte neben der Tür Platz genommen und mit finsterer, strenger Miene die Gespräche mit angehört. Als er die Bemerkungen über die Vorgänge vom Vormittag hörte, begann er sich unruhig hin und her zu drehen und den Fürsten starr anzusehen, dessen nach vorn vorragende, steif gestärkte Vatermörder ihn offenbar frappierten. Als er dann Peter Stepanowitschs Stimme hörte und diesen selbst hereinlaufen sah, da fuhr er plötzlich zusammen, und kaum hatte Stepan Trofimowitsch seinen geistvollen Satz über die Sozialisten ausgesprochen, als er plötzlich zu ihm trat, wobei er unterwegs Ljamschin stieß, der sogleich mit einer übertriebenen Geste und erstaunter Miene zur Seite sprang, sich die Schulter rieb und tat, als habe er einen sehr schmerzhaften Stoß erhalten.

»Genug!« sagte v. Lembke, indem er den erschrockenen Stepan Trofimowitsch energisch bei der Hand ergriff und diese aus aller Kraft in der seinigen zusammendrückte. »Genug, die modernen Flibustier sind festgestellt. Kein Wort mehr! Es sind Maßregeln ergriffen ...«

Er hatte so laut gesprochen, daß es durch das ganze Zimmer zu hören gewesen war, und schloß mit starkem Nachdruck. Der Eindruck, den seine Worte hervorbrachten, war ein sehr peinlicher. Alle hatten ein unheimliches Gefühl. Ich sah, wie Julija Michailowna blaß wurde. Aber ein dummer Zufall änderte den Eindruck. Nachdem Lembke erklärt hatte, daß Maßregeln ergriffen seien, drehte er sich kurz um und wollte schnell das Zimmer verlassen; aber nach zwei Schritten stolperte er über den Teppich und wäre beinah vornüber auf die Nase gefallen. Einen Augenblick lang blieb er stehen, betrachtete die Stelle, an der er gestolpert war, und sagte laut: »Das muß abgeändert werden«; dann ging er hinaus. Julija Michailowna eilte hinter ihm her. Sowie sie hinaus war, erhob sich ein Lärm, in welchem es schwer war, etwas zu verstehen. Die einen sagten, er sei angegriffen, andere, er habe einen nervösen Anfall. Wieder andere zeigten mit dem Finger auf die Stirn; Ljamschin hielt in einer Ecke zwei Finger über der Stirn in die Höhe. Es wurden Anspielungen auf gewisse häusliche Vorgänge gemacht, natürlich alles im Flüstertöne. Niemand griff nach dem Hute; alle warteten. Ich weiß nicht, was Julija Michailowna inzwischen getan hatte; aber nach ungefähr fünf Minuten kehrte sie zurück und bemühte sich aus aller Kraft, ruhig zu scheinen. Sie antwortete ausweichend, Andrei Antonowitsch sei ein wenig aufgeregt; aber das habe nichts zu bedeuten; das habe er schon von seiner Kindheit an; sie müsse das ja am allerbesten wissen, und das morgige Fest werde ihn sicherlich erheitern. Darauf folgten noch einige schmeichelhafte, aber lediglich um des Anstandes willen gesprochene Worte an Stepan Trofimowitsch und die laute Aufforderung an die Komiteemitglieder, gleich jetzt, ohne Verzug, die Sitzung zu beginnen. Nun erst schickten sich diejenigen, die nicht zum Komitee gehörten, an, nach Hause zu gehen; aber die aufregenden Ereignisse dieses verhängnisvollen Tages waren noch nicht zu Ende ...

Schon gleich von dem Augenblicke an, als Nikolai Wsewolodowitsch hereingekommen war, hatte ich bemerkt, daß Lisa schnell und prüfend nach ihm hinblickte und dann lange die Augen nicht von ihm abwandte, so lange, daß dies schließlich Aufmerksamkeit erregte. Ich sah, daß Mawriki Nikolajewitsch sich von hinten zu ihr herunterbeugte und ihr anscheinend etwas zuflüstern wollte; aber er änderte offenbar seine Absicht, richtete sich schnell wieder gerade und sah wie schuldbewußt alle ringsumher an. Auch Nikolai Wsewolodowitsch erregte Neugier: sein Gesicht war blasser als gewöhnlich und sein Blick auffällig zerstreut. Nachdem er beim Hereinkommen jene Frage an Stepan Trofimowitsch gerichtet hatte, schien er ihn sofort zu vergessen, und er vergaß, glaube ich, wirklich, zu der Wirtin heranzutreten. Lisa sah er überhaupt nicht an, nicht weil er es nicht gewollt hätte, sondern weil er, wie ich behaupte, sie ebenfalls gar nicht bemerkt hatte. Und auf einmal, nach dem kurzen Stillschweigen, das auf Julija Michailownas Aufforderung, ohne Zeitverlust die letzte Sitzung zu beginnen, folgte, auf einmal ließ sich Lisas helle, absichtlich laute Stimme vernehmen. Sie rief Nikolai Wsewolodowitsch an.

»Nikolai Wsewolodowitsch, ein Hauptmann namens Lebjadkin, der sich Ihren Verwandten, den Bruder Ihrer Frau, nennt, schreibt mir fortwährend unpassende Briefe, beklagt sich darin über Sie und erbietet sich, mir Geheimnisse zu enthüllen, die Sie beträfen. Wenn er tatsächlich Ihr Verwandter ist, so verbieten Sie ihm doch, mich in dieser Weise zu beleidigen, und befreien Sie mich von diesen Belästigungen!«

Eine furchtbare Herausforderung lag in diesen Worten; das verstanden alle. Die Beschuldigung war klar und deutlich; Lisa selbst mochte vielleicht erst ganz plötzlich auf diesen Einfall gekommen sein. Es war, wie wenn jemand die Augen zukneift und sich vom Dache hinunterstürzt.

Aber Nikolai Stawrogins Antwort war noch erstaunlicher.

Erstens war schon das seltsam, daß er überhaupt keine Verwunderung zeigte und Lisa mit der ruhigsten Aufmerksamkeit anhörte. Weder Verlegenheit noch Zorn prägte sich auf seinem Gesichte aus. Schlicht und fest, sogar mit der Miene vollständiger Bereitwilligkeit antwortete er auf die verhängnisvolle Frage:

»Ja, ich habe das Unglück, mit diesem Menschen verwandt zu sein. Ich bin der Mann seiner Schwester, einer geborenen Lebjadkina, schon seit fast fünf Jahren. Sie können überzeugt sein, daß ich ihm Ihr Verlangen in kürzester Zeit übermitteln werde, und ich stehe dafür, daß er Sie nicht mehr inkommodieren wird.«

Niemals werde ich den Schrecken vergessen, der sich auf Warwara Petrownas Gesichte malte. Mit irrem Blick stand sie vom Stuhle auf, indem sie, wie um sich zu schützen, die rechte Hand vor sich in die Höhe hob. Nikolai Wsewolodowitsch blickte sie an, blickte Lisa an, blickte die Zuschauer an und lächelte auf einmal in einer grenzenlos hochmütigen Weise; ohne Eile verließ er das Zimmer. Alle sahen, wie Lisa, sowie nur Nikolai Wsewolodowitsch sich umwandte, um hinauszugehen, vom Sofa aufsprang und offenbar eine Bewegung machte, um ihm nachzulaufen; aber sie besann sich noch und lief nicht, sondern ging sachte hinaus, ebenfalls ohne zu jemand ein Wort zu sagen und ohne jemand anzusehen, natürlich in Begleitung des ihr nacheilenden Mawriki Nikolajewitsch ...

Von dem Lärm und Gerede in der Stadt an diesem Abend will ich weiter nichts sagen. Warwara Petrowna schloß sich in ihrem Stadthause ein; Nikolai Wsewolodowitsch aber fuhr, wie man sagt, direkt nach Skworeschniki, ohne seine Mutter vorher gesehen zu haben. Stepan Trofimowitsch schickte mich am Abend zu » cette chère amie«, damit ich für ihn um die Erlaubnis bäte, zu ihr kommen zu dürfen; aber sie empfing mich nicht. Er war furchtbar ergriffen und weinte: »Eine solche Ehe! Eine solche Ehe! Eine solche Schmach für die Familie!« wiederholte er alle Augenblicke. Indessen erinnerte er sich auch an Karmasinow und schimpfte gewaltig auf ihn. Auch auf die morgige Vorlesung bereitete er sich energisch vor und zwar (als echter Künstler!) vor dem Spiegel; und er rief sich all die scharfsinnigen Aussprüche und Witze ins Gedächtnis zurück, die er in seinem ganzen Leben produziert und in ein besonderes Heft eingetragen hatte; hiervon wollte er bei der morgigen Vorlesung einige anbringen.

»Mein Freund, ich tue das im Interesse der großen Idee,« sagte er zu mir, offenbar um sich zu rechtfertigen. » Cher ami, ich habe einen Platz, an dem ich fünfundzwanzig Jahre lang gewesen bin, verlassen und bin plötzlich weggereist; wohin, das weiß ich nicht; aber weggereist bin ich ...«


 

Druck von E. Haberland in Leipzig

 


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