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Drittes Kapitel

Das Duell

 

I

Am andern Tage um zwei Uhr nachmittags fand das in Aussicht genommene Duell statt. Zu der schnellen Abwicklung der Sache trug wesentlich Artemi Petrowitsch Gaganows unbezähmbares Verlangen bei, sich um jeden Preis zu schlagen. Er begriff das Benehmen seines Gegners nicht und war wütend. Schon einen ganzen Monat lang hatte er ihn ungestraft beleidigt und es immer noch nicht dahin bringen können, daß ihm die Geduld gerissen wäre. Es schien ihm unumgänglich notwendig, daß die Forderung von seiten Nikolai Wsewolodowitschs selbst erfolge, da er selbst keinen direkten Anlaß zu einer Forderung hatte. Er schämte sich, seinen geheimen Beweggrund zu bekennen, nämlich einen krankhaften Haß gegen Stawrogin wegen der Beleidigung, die dieser vor vier Jahren der Familie angetan hatte. Auch hielt er selbst eine solche Begründung für unmöglich, besonders im Hinblick auf die friedfertigen Entschuldigungen, zu denen sich Nikolai Wsewolodowitsch schon zweimal erbötig gezeigt hatte. Er nahm im stillen an, dieser sei ein schamloser Feigling; er konnte nicht verstehen, wie er die Ohrfeige von Schatow hatte hinnehmen können; so hatte er sich denn schließlich entschlossen, jenen unerhört groben Brief abzusenden, durch den dann endlich Nikolai Wsewolodowitsch dazu veranlaßt worden war, selbst die Forderung zum Duell auszusprechen. Nachdem er am vorhergehenden Tage diesen Brief abgesandt hatte, hatte er in fieberhafter Ungeduld auf die Forderung gewartet, indem er in schmerzlicher Spannung die Chancen dafür abwog und bald hoffte, bald verzweifelte, und unter diesen Umständen sich auf jeden Fall noch am Abend einen Sekundanten beschafft, nämlich Mawriki Nikolajewitsch Drosdow, einen Freund und Schulkameraden von ihm, den er besonders hochschätzte. Auf diese Weise fand Kirillow, als er am andern Tage vormittags um neun Uhr mit seinem Auftrage erschien, den Boden schon vorbereitet. Alle Entschuldigungen und weitgehenden Zugeständnisse Nikolai Wsewolodowitschs wurden sofort beim ersten Worte mit außerordentlicher Heftigkeit zurückgewiesen. Mawriki Nikolajewitsch, der erst am vorhergehenden Tage von dem Gange der Sache Kenntnis erhalten hatte, öffnete bei so unerhörten Anerbietungen den Mund vor Erstaunen und wollte auf eine Versöhnung dringen; aber er bemerkte, daß Artemi Petrowitsch, der seine Absicht erriet, auf seinem Stuhle beinah zu zittern anfing; so schwieg er denn und unterdrückte seinen Vorschlag. Hätte er nicht seinem Kameraden sein Wort gegeben gehabt, so wäre er unverzüglich fortgegangen; er blieb in der einzigen Hoffnung, bei der Austragung der Sache vielleicht irgendwie hilfreich sein zu können. Kirillow übermittelte die Forderung; alle von Stawrogin aufgestellten Bedingungen des Duells wurden sofort buchstäblich ohne den geringsten Widerspruch angenommen. Nur ein Zusatz wurde gemacht, und zwar ein recht scharfer, nämlich: wenn die ersten Schüsse kein entscheidendes Resultat ergäben, sollten die Gegner ein zweites Mal einander gegenübertreten; wenn auch der zweite Gang erfolglos bliebe, ein drittes Mal. Kirillow machte ein finsteres Gesicht und wollte den dritten Gang abhandeln; da er aber nichts erreichte, so fügte er sich darein, jedoch nur unter der Bedingung, daß drei Gänge zulässig sein sollten, aber nicht vier. In diesem Punkte gab die Gegenpartei nach. So kam denn die Begegnung um zwei Uhr mittags in Brykowo zustande, nämlich in einem kleinen, vor der Stadt gelegenen Wäldchen zwischen Skworeschniki auf der einen und der Schpigulinschen Fabrik auf der andern Seite. Der Regen vom vorhergehenden Tage hatte ganz aufgehört; aber es war naß und windig. Niedrige, trübe, zerrissene Wolken zogen schnell am kalten Himmel dahin; durch die Wipfel der Bäume pflanzte sich bei den Windstößen ein dumpfes Rauschen fort, und ihre Wurzeln knarrten. Es war ein trübseliges Wetter.

Gaganow und Mawriki Nikolajewitsch erschienen am Platze in einem eleganten, zweispännigen char à banc, den Artemi Petrowitsch lenkte; bei ihnen befand sich ein Diener. Fast in demselben Augenblicke erschienen auch Nikolai Wsewolodowitsch und Kirillow, aber nicht in einem Wagen, sondern zu Pferde und ebenfalls in Begleitung eines Dieners; dieser war gleichfalls beritten. Kirillow, der noch nie auf einem Pferde gesessen hatte, hielt sich kühn und gerade im Sattel; in der rechten Hand hatte er den schweren Pistolenkasten, den er dem Diener nicht anvertrauen mochte, und mit der linken drehte und zupfte er aus Unkenntnis fortwährend an den Zügeln, infolge wovon das Pferd mit dem Kopfe hin und her schlug und starke Lust zeigte sich zu bäumen, was übrigens den Reiter ganz und gar nicht in Furcht versetzte. Der argwöhnische Gaganow, der sehr dazu neigte, sich schwer beleidigt zu fühlen, hielt die Ankunft der Reiter für eine neue ihm angetane Beleidigung, da er meinte, die Feinde rechneten doch gar zu sehr auf einen für sie günstigen Ausgang, wenn sie nicht einmal die Möglichkeit in Betracht zögen, daß ein Wagen zum Transport eines Verwundeten erforderlich sein könnte. Als er aus seinem char à banc ausstieg, war er ganz gelb vor Ärger und fühlte, daß ihm die Hände zitterten, was er auch seinem Sekundanten Mawriki Nikolajewitsch mitteilte. Nikolai Wsewolodowitschs Verbeugung erwiderte er gar nicht, sondern wandte sich ab. Die Sekundanten losten: das Los traf die von Kirillow mitgebrachten Pistolen. Die Barrieren wurden abgemessen, die Gegner aufgestellt, die Equipage und die Pferde mit den Dienern dreihundert Schritte zurückgeschickt. Die Waffen wurden geladen und den Gegnern eingehändigt.

Es ist schade, daß ich meine Erzählung schnell weiterführen muß und keine Zeit zu eingehenderen Schilderungen habe; aber ganz ohne Bemerkungen geht es doch nicht an. Mawriki Nikolajewitsch war trübe und sorgenvoll. Dafür war Kirillow vollständig ruhig und gleichmütig, sehr sorgsam in der Erfüllung aller Einzelheiten der von ihm übernommenen Pflicht, aber ohne die geringste Hast und fast ohne Spannung auf den jetzt so nahegerückten, möglicherweise verhängnisvollen Ausgang der Sache. Nikolai Wsewolodowitsch war blasser als gewöhnlich; er war ziemlich leicht gekleidet und trug einen Überzieher und einen weißen Kastorhut. Er schien sehr müde zu sein, machte mitunter ein finsteres Gesicht und fand es nicht für nötig, seine schlechte Stimmung zu verbergen. Aber am auffälligsten von allen benahm sich in diesem Augenblicke Artemi Petrowitsch, so daß ich nicht umhin kann, über ihn ein paar besondere Worte zu sagen.

 

II

Wir haben bisher keine Gelegenheit gehabt, seines Äußeren Erwähnung zu tun. Er war ein hochgewachsener Mann, blaß, wohlgenährt oder, wie das niedere Volk sagt, wohlgemästet, mit hellblondem, dünnem Haar, ungefähr dreiunddreißig Jahre alt und, man kann vielleicht sogar sagen, mit hübschen Gesichtszügen. Er hatte den Dienst als Oberst quittiert und würde, wenn er bis zum General weitergedient hätte, in dieser Rangstellung eine noch imposantere Erscheinung gewesen sein und sehr möglicherweise im Kriege einen tüchtigen General abgegeben haben.

Ich darf zur Charakteristik seiner Persönlichkeit nicht unerwähnt lassen, daß den Hauptgrund für seinen Austritt aus dem Militär ein Gedanke bildete, der ihn sehr lange und zu seiner großen Pein verfolgt hatte, der Gedanke an die Schande der Familie infolge der Beleidigung, welche Nikolai Stawrogin seinem Vater vor vier Jahren im Klub zugefügt hatte. Er hielt es in seinem Gewissen für unehrenhaft, weiterzudienen, und war innerlich davon überzeugt, daß er durch seine Person das Regiment und die Kameraden beflecke, obgleich keiner derselben von dem Vorfall etwas wußte. Allerdings hatte er auch früher schon einmal den Dienst quittieren wollen, schon in weit zurückliegender Zeit, lange vor der Beleidigung, und aus einem ganz anderen Grunde, hatte aber bisher immer noch geschwankt. Wie seltsam es auch klingen mag, aber diesen ursprünglichen Grund oder, richtiger gesagt, diese erste Anregung zum Austritt aus dem Dienste bildete das Manifest vom 19. Februar 1861 über die Befreiung der Bauern. Artemi Petrowitsch, einer der reichsten Gutsbesitzer unseres Gouvernements, der durch das Manifest gar nicht einmal so viel verlor und überdies fähig war, die Humanität der Maßregel und beinahe auch die wirtschaftlichen Vorteile der Reform zu würdigen, fühlte sich beim Erscheinen des Manifestes gewissermaßen persönlich beleidigt. Es war dies eine Art von unbewußtem Gefühl, das aber um so stärker war, je weniger er sich darüber Rechenschaft ablegen konnte. Bis zum Tode seines Vaters hatte er sich übrigens nicht zu einem entscheidenden Schritte entschließen können; er war aber in Petersburg durch seine »vornehme« Denkungsart mit vielen hervorragenden Persönlichkeiten bekannt geworden und pflegte die Verbindungen mit ihnen sehr eifrig. Er war ein in sich gekehrter, verschlossener Mensch. Noch ein Zug: er gehörte zu jenen sonderbaren, aber noch immer in Rußland vorkommenden Edelleuten, die auf das Alter und die Reinheit ihres Adels hohen Wert legen und sich dafür sehr ernstlich interessieren. Zugleich konnte er die russische Geschichte nicht leiden und hielt überhaupt das russische Wesen zu einem großen Teile für unwürdig. Schon in seiner Kindheit, in der besonderen, nur für die vornehmsten und reichsten Zöglinge bestimmten Kriegsschule, auf der er die Ehre hatte seinen Bildungsgang zu beginnen und zu vollenden, hatten sich bei ihm gewisse poetische Anschauungen herausgebildet: er fand Gefallen an Burgen, an dem mittelalterlichen Leben, an der ganzen opernhaften Seite desselben und am Ritterwesen; er weinte schon damals beinahe vor Scham darüber, daß in den Zeiten des Moskauer Zarentums der Zar einen russischen Bojaren hatte körperlich bestrafen dürfen, und errötete, wenn er das westeuropäische Wesen dagegenhielt. Dieser hartköpfige, außerordentlich streng gesinnte Mensch, der seinen Dienst vortrefflich verstand und seine Obliegenheiten auf das genaueste erfüllte, war doch in tiefster Seele ein Träumer. Man versicherte, er könne in Versammlungen sehr gut reden und besitze die Gabe des Wortes; aber doch hatte er seine ganzen dreiunddreißig Jahre über geschwiegen. Sogar in jenem vornehmen Petersburger Kreise, in dem er in der letzten Zeit verkehrte, benahm er sich ungewöhnlich hochmütig. Als er in Petersburg mit Nikolai Wsewolodowitsch zusammentraf, der aus dem Auslande zurückgekehrt war, verlor er darüber fast den Verstand. Im gegenwärtigen Augenblicke, wo er an der Barriere stand, befand er sich in einer schrecklichen Unruhe. Er fürchtete immer, die Sache könne auf irgendeine Weise nicht zustande kommen; die geringste Verzögerung versetzte ihn in Aufregung. Eine qualvolle Empfindung prägte sich auf seinem Gesichte aus, als Kirillow, statt das Zeichen zum Kampfe zu geben, auf einmal zu reden begann, allerdings nur pro forma, wie er selbst sofort allen erklärte:

»Ich spreche nur pro forma; beliebt es Ihnen nicht jetzt, wo Sie bereits die Pistolen in Händen haben und das Kommando gegeben werden muß, sich noch im letzten Augenblick zu versöhnen? So zu fragen ist Pflicht des Sekundanten.«

Es kam noch ärger: Mawriki Nikolajewitsch, der bisher geschwiegen, aber seit dem vorhergehenden Tage sich wegen seiner Nachgiebigkeit Vorwürfe gemacht hatte, griff nun auch seinerseits noch Kirillows Gedanken auf und sagte ebenfalls:

»Ich bin mit dem, was Herr Kirillow gesagt hat, vollkommen einverstanden. Der Gedanke, daß man sich an der Barriere nicht mehr versöhnen könne, ist ein Vorurteil, das man den Franzosen überlassen kann. Und nehmen Sie es nicht übel: ich verstehe auch die Beleidigung gar nicht; das wollte ich schon längst sagen. Es werden ja doch alle nur denkbaren Entschuldigungen angeboten, nicht wahr?«

Er war ganz rot geworden. Es war ihm selten begegnet, so viel und in solcher Erregung zu sprechen.

»Ich erkläre wiederholt, daß ich erbötig bin, in jeder nur möglichen Weise um Entschuldigung zu bitten,« fiel Nikolai Wsewolodowitsch mit großer Eilfertigkeit ein.

»Ist denn das überhaupt möglich?« schrie, zu Mawriki Nikolajewitsch gewendet, Gaganow wütend und stampfte außer sich mit dem Fuße. »Setzen Sie, Mawriki Nikolajewitsch, wenn Sie mein Sekundant und nicht mein Feind sind, diesem Menschen« (er wies mit der Pistole nach Nikolai Wsewolodowitsch hin) »doch auseinander, daß durch eine solche Nachgiebigkeit die Beleidigung nur noch vergrößert wird! Er hält es für unmöglich, von mir beleidigt zu werden! ... Er findet keine Schande darin, von mir wegzugehen, wenn wir schon an der Barriere stehen! Was müssen Sie denn bei einem solchen Benehmen glauben, wofür er mich hält? ... Und Sie sind noch dazu mein Sekundant! Sie regen mich nur auf, damit ich nicht treffe!«

Er stampfte wieder mit dem Fuße; der Speichel spritzte ihm von den Lippen.

»Die Unterhandlungen sind beendet. Ich bitte, auf das Kommando zu hören!« rief Kirillow, so laut er konnte, »Eins, zwei, drei!«

Bei dem Worte »drei« gingen die Gegner aufeinander los. Gaganow hob sogleich die Pistole in die Höhe und schoß beim fünften oder sechsten Schritte. Eine Sekunde lang blieb er stehen, und als er sich überzeugt hatte, daß er gefehlt hatte, ging er schnell an die Barriere vor. Auch Nikolai Wsewolodowitsch ging näher, hob die Pistole, aber sehr hoch, und schoß fast ohne zu zielen. Dann zog er sein Taschentuch heraus und umwickelte damit den kleinen Finger der rechten Hand. Erst jetzt wurde deutlich, daß Artemi Petrowitsch nicht vollständig vorbeigeschossen hatte; aber seine Kugel hatte nur den Finger am fleischigen Teile des Gelenkes gestreift, ohne den Knochen zu berühren; es war nur eine unbedeutende Schramme entstanden. Kirillow erklärte sogleich, wenn die Gegner noch nicht befriedigt seien, so nehme das Duell seinen Fortgang.

»Ich mache darauf aufmerksam,« rief Gaganow mit heiserer Stimme (die Kehle war ihm ganz ausgetrocknet), indem er sich wieder an Mawriki Nikolajewitsch wandte, »daß dieser Mensch« (er wies wieder auf Stawrogin hin) »absichtlich in die Luft geschossen hat ... mit Vorbedacht ... Das ist eine neue Beleidigung! Er will das Duell unmöglich machen!«

»Ich habe das Recht zu schießen, wie ich will, vorausgesetzt, daß es nicht gegen die Regeln verstößt,« erklärte Nikolai Wsewolodowitsch in festem Tone.

»Nein, ein solches Recht hat er nicht! Machen Sie ihm das klar, machen Sie ihm das klar!« schrie Gaganow.

»Ich schließe mich der Meinung Nikolai Wsewolodowitschs völlig an,« erklärte Kirillow.

»Warum schont er mich?« schrie Gaganow wütend, ohne darauf zu hören. »Ich verachte seine Schonung ... Ich spucke darauf ... Ich ...«

»Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich durchaus nicht beabsichtigt habe, Sie zu beleidigen,« sagte Nikolai Wsewolodowitsch ungeduldig. »Ich habe nach oben geschossen, weil ich niemand mehr töten will, weder Sie noch sonst jemand; etwas Sie persönlich Betreffendes liegt darin nicht. Allerdings halte ich mich nicht für beleidigt, und es tut mir leid, daß Sie dies so aufbringt. Aber ich erlaube niemand, mich in meinem Rechte zu stören.«

»Wenn er so blutscheu ist, so fragen Sie ihn doch, warum er mich gefordert hat!« brüllte Gaganow, sich immer an Mawriki Nikolajewitsch wendend.

»Wie konnte er es denn vermeiden, Sie zu fordern?« mischte sich Kirillow ein. »Sie wollten ja auf nichts hören; wie sollte er da von Ihnen loskommen?«

»Ich möchte nur eins bemerken,« sagte Mawriki Nikolajewitsch, der mit Anstrengung und seelischer Qual die Sache erwogen hatte: »wenn der Gegner im voraus erklärt, daß er nach oben schießen werde, so kann der Zweikampf tatsächlich nicht fortgesetzt werden ... aus Gründen des Ehrgefühls, die wohl klar sind.«

»Ich habe keineswegs erklärt, daß ich jedesmal nach oben schießen werde!« rief Stawrogin, der jetzt alle Geduld verlor. »Sie wissen gar nicht, was ich im Sinne habe, und wie ich das nächste Mal schießen werde ... ich hindere eine Fortsetzung des Duells nicht.«

»Wenn es so ist, kann der Kampf fortgesetzt werden,« wandte sich Mawriki Nikolajewitsch an Gaganow.

»Meine Herren, nehmen Sie Ihre Plätze ein!« kommandierte Kirillow.

Sie gingen wieder aufeinander los; wieder ein Fehlschuß von seiten Gaganows und wieder ein Schuß nach oben von seiten Stawrogins. Über diese Schüsse nach oben hätte sich streiten lassen: Nikolai Wsewolodowitsch hätte, wenn er sich nicht selbst zu absichtlichem Fehlschießen bekannt hätte, dreist behaupten können, er habe ordnungsmäßig geschossen. Er richtete die Pistole nicht geradezu nach dem Himmel oder nach einem Baume, sondern zielte anscheinend auf den Gegner, wiewohl er etwa eine Elle weit über dessen Hut hielt. Bei diesem zweitenmal nahm er sein Ziel sogar noch etwas niedriger, so daß eine Absicht zu treffen noch etwas glaublicher erschien; aber Gaganow ließ sich nicht mehr überzeugen.

»Wieder!« rief er zähneknirschend. »Ganz egal! Ich bin gefordert und werde von meinem Rechte Gebrauch machen. Ich will zum drittenmal schießen ... mag werden, was da will!«

»Dazu sind Sie vollkommen berechtigt,« unterbrach ihn Kirillow kurz.

Mawriki Nikolajewitsch sagte nichts. Die Gegner wurden zum dritten Male aufgestellt, das Kommando gegeben; diesmal ging Gaganow bis dicht an die Barriere heran und begann von der Barriere aus auf zwölf Schritte Entfernung zu zielen. Die Hände zitterten ihm zu sehr für einen richtigen Schuß. Stawrogin stand mit gesenkter Pistole da und erwartete, ohne sich zu bewegen, den Schuß des andern.

»Er zielt zu lange, er zielt zu lange!« rief Kirillow heftig. »Schießen Sie, schießen Sie!«

Aber der Schuß ertönte, und diesmal flog Nikolai Wsewolodowitschs weißer Kastorhut ihm vom Kopfe. Der Schuß hatte ziemlich gut getroffen; der Kopf des Hutes war an recht tiefer Stelle durchschlagen; noch einen halben Zoll tiefer, und alles wäre beendet gewesen. Kirillow hob den Hut auf und reichte ihn seinem Besitzer hin.

»Schießen Sie! Halten Sie den Gegner nicht hin!« rief Mawriki Nikolajewitsch in großer Erregung, da er sah, daß Stawrogin, wie wenn er den ihm zustehenden Schuß vergessen hätte, mit Kirillow den Hut besah.

Stawrogin fuhr zusammen, blickte nach Gaganow hin, wendete sich ab und schoß, diesmal ohne zarte Rücksicht, seitwärts in den Wald. Das Duell war beendet. Gaganow stand in tiefer Niedergeschlagenheit da. Mawriki Nikolajewitsch trat zu ihm und begann, etwas zu reden; aber dieser schien ihn gar nicht zu verstehen. Kirillow nahm beim Weggehen den Hut ab und nickte dem gegnerischen Sekundanten zu; aber Stawrogin hatte die frühere Höflichkeit vergessen; nachdem er den Schuß in das Gehölz abgegeben hatte, wandte er sich gar nicht mehr nach der Barriere um, sondern gab seine Pistole Kirillow und begab sich eilig zu den Pferden. Sein Gesicht drückte Ärger aus; er schwieg. Auch Kirillow sagte nichts. Sie setzten sich auf die Pferde und jagten im Galopp davon.

 

III

»Warum schweigen Sie?« rief er Kirillow ungeduldig zu, als sie nicht mehr weit vom Stawroginschen Hause entfernt waren.

»Was wünschen Sie?« antwortete dieser, der beinah von dem sich bäumenden Pferde herunterrutschte.

Stawrogin beherrschte sich.

»Ich wollte diesen ... Narren nicht beleidigen und habe ihn doch wieder beleidigt,« sagte er leise.

»Ja, Sie haben ihn wieder beleidigt,« versetzte Kirillow kurz, »und dabei ist er kein Narr.«

»Ich habe doch alles getan, was ich konnte.«

»Nein.«

»Was hätte ich denn tun sollen?«

»Ihn nicht fordern.«

»Noch einen Schlag ins Gesicht hinnehmen?«

»Ja, noch einen Schlag hinnehmen.«

»Da hört mein Verständnis auf!« versetzte Stawrogin ärgerlich. »Warum erwarten alle von mir etwas, was sie von anderen nicht erwarten? Warum soll ich ertragen, was niemand erträgt, und freiwillig eine Last auf mich nehmen, die niemand tragen kann?«

»Ich glaubte, Sie suchten selbst nach einer Last.«

»Ich suchte nach einer Last?«

»Ja.«

»Haben Sie ... haben Sie das gesehen?«

»Ja.«

»War das so bemerkbar?«

»Ja.«

Sie schwiegen etwa eine Minute lang. Stawrogin sah sorgenvoll, beinah betroffen aus.

»Ich habe auf ihn nicht geschossen, weil ich nicht töten wollte; weiter hatte ich keinen Grund, versichere ich Sie,« sagte er eilfertig und erregt, als ob er sich rechtfertigen wollte.

»Sie hätten ihn nicht beleidigen sollen.«

»Was hätte ich denn tun sollen?«

»Sie mußten ihn töten.«

»Sie bedauern, daß ich ihn nicht getötet habe?«

»Ich bedauere nichts. Ich hatte gedacht, Sie wollten ihn wirklich töten. Sie wissen nicht, was Sie suchen.«

»Ich suche eine Last,« versetzte Stawrogin lachend.

»Wenn Sie selbst Blutvergießen vermeiden wollten, warum gaben Sie ihm die Möglichkeit, Sie zu töten?«

»Wenn ich ihn nicht gefordert hätte, so würde er mich so getötet haben, ohne Duell.«

»Das war nicht Ihre Sache. Vielleicht hätte er es auch nicht getan.«

»Sondern mich nur geprügelt?«

»Das war nicht Ihre Sache. Tragen Sie die Last! Sonst gibt es kein Verdienst.«

»Was schert mich Ihr Verdienst; danach strebe ich bei niemandem.«

»Ich glaubte, Sie täten es,« schloß Kirillow sehr kaltblütig.

Sie ritten auf den Hof des Hauses.

»Wollen Sie zu mir kommen?« fragte Nikolai Wsewolodowitsch einladend.

»Nein, ich will nach Hause; leben Sie wohl!«

Er stieg vom Pferde und nahm seinen Kasten unter den Arm.

»Sie sind mir doch wenigstens nicht böse?« sagte Stawrogin und streckte ihm die Hand hin.

»Ganz und gar nicht!« erwiderte Kirillow und kehrte noch einmal um, um ihm die Hand zu drücken. »Wenn mir meine Last leicht ist, weil das in meiner Natur liegt, so ist Ihnen Ihre Last vielleicht schwerer, weil Ihre Natur so beschaffen ist. Sehr zu schämen brauchen Sie sich darüber nicht, nur ein klein wenig.«

»Ich weiß, daß ich ein schwacher Charakter bin; aber ich dränge mich auch nicht unter die Starken ein.«

»Daran tun Sie recht; Sie sind kein starker Mensch. Kommen Sie zu mir, Tee trinken!«

Nikolai Wsewolodowitsch ging in großer Erregung auf sein Zimmer.

 

IV

Er erfuhr sogleich von Alexei Jegorowitsch, seine Mutter habe sich sehr über seinen Spazierritt gefreut, den ersten nach achttägiger Krankheit, habe selbst anspannen lassen und sei allein ausgefahren, »so wie die gnädige Frau das in früheren Tagen zu tun pflegten, um frische Luft zu atmen; denn in diesen acht Tagen hatten die gnädige Frau schon ganz vergessen, was es heißt, frische Luft atmen.«

»Ist sie allein ausgefahren oder mit Darja Pawlowna?« unterbrach Nikolai Wsewolodowitsch den Alten schnell und machte ein sehr finsteres Gesicht, als er hörte, daß Darja Pawlowna wegen Unwohlseins nicht habe mitfahren mögen und sich jetzt auf ihrem Zimmer befinde.

»Höre mal, Alter,« sagte er, wie wenn er plötzlich einen Entschluß faßte. »Paß heute den ganzen Tag über auf sie auf, und wenn du merkst, daß sie zu mir kommen will, so halte sie sogleich zurück und bestelle ihr, ich könne sie wenigstens ein paar Tage nicht empfangen ... ich selbst ließe sie bitten, nicht zu kommen ... zur rechten Zeit würde ich sie selbst rufen lassen, – hörst du?«

»Ich werde es ausrichten,« antwortete Alexei Jegorowitsch in bekümmertem Tone und mit niedergeschlagenen Augen.

»Aber nicht eher, als bis du deutlich siehst, daß sie selbst zu mir kommen will!«

»Seien Sie unbesorgt; es soll kein Versehen stattfinden. Die Besuche sind ja bisher immer durch meine Vermittlung erfolgt; es ist stets meine Mitwirkung in Anspruch genommen worden.«

»Ich weiß. Aber nicht eher, als bis sie selbst kommen will! Bring mir Tee; wenn es geht, recht schnell!«

Kaum war der Alte hinausgegangen, als sich fast in demselben Augenblicke dieselbe Tür öffnete und Darja Pawlowna auf der Schwelle erschien. Ihr Blick war ruhig, aber ihr Gesicht blaß.

»Wo kommen Sie her?« rief Stawrogin.

»Ich habe hier vor der Tür gestanden und gewartet, bis er wegging, um dann zu Ihnen zu kommen. Ich habe gehört, was Sie ihm auftrugen, und als er eben herauskam, habe ich mich rechts hinter dem Vorsprung versteckt, und er hat mich nicht bemerkt.«

»Ich wollte schon lange den Verkehr mit Ihnen abbrechen, Dascha, ... solange ... es noch Zeit ist. Ich konnte Sie heute nacht nicht empfangen, trotz Ihres Zettels. Ich wollte Ihnen selbst schreiben; aber ich verstehe mich nicht auf das Briefschreiben,« fügte er ärgerlich und anscheinend sogar mit einem Gefühle des Ekels hinzu.

»Ich habe selbst schon gedacht, daß wir unsern Verkehr abbrechen müssen. Warwara Petrowna hat zu starken Verdacht wegen unserer Beziehungen.«

»Mag sie Verdacht haben!«

»Es ist nicht gut, daß sie sich darüber beunruhigt. Und also ist es jetzt zu Ende?«

»Warten Sie immer noch auf ein Ende?«

»Ja, ich bin davon überzeugt, daß es kommen wird.«

»Auf der Welt hat nichts ein Ende.«

»Hier aber wird es ein Ende geben. Dann werden Sie mich rufen, und ich werde kommen. Jetzt leben Sie wohl!«

»Aber von welcher Art wird das Ende sein?« sagte Nikolai Wsewolodowitsch lächelnd.

»Sie sind nicht verwundet und ... haben kein Blut vergossen?« fragte sie, ohne auf die Frage nach dem Ende zu antworten.

»Es war ein dummer Hergang; ich habe niemand getötet; beunruhigen Sie sich nicht! Übrigens werden Sie gleich heute alles von allen hören. Ich fühle mich etwas unwohl.«

»Ich werde weggehen. Die Veröffentlichung der Ehe wird heute nicht stattfinden?« fügte sie unentschlossen hinzu.

»Heute wird sie nicht stattfinden; auch morgen nicht; ob übermorgen, das weiß ich noch nicht; vielleicht sterben wir alle, und das wäre das Beste. Verlassen Sie mich, verlassen Sie mich endlich!«

»Sie werden die andere nicht zugrunde richten ... die Unvernünftige?«

»Unvernünftige Frauen werde ich nicht zugrunde richten, weder die eine noch die andere; aber die vernünftige werde ich, wie es scheint, zugrunde richten: ich bin so gemein und schlecht, Dascha, daß ich Sie, wie es scheint, am letzten Ende, nach Ihrem Ausdrucke, wirklich rufen werde und Sie trotz Ihrer Vernunft kommen werden. Warum richten Sie sich selbst zugrunde?«

»Ich weiß, daß ich am letzten Ende die einzige sein werde, die bei Ihnen bleibt, ... und darauf warte ich.«

»Aber wenn ich am letzten Ende Sie nicht rufe, sondern von Ihnen weglaufe?«

»Das ist unmöglich; Sie werden mich rufen.«

»Darin liegt viel Geringschätzung meiner Person,« versetzte Nikolai Wsewolodowitsch.

»Sie wissen, daß nicht nur Geringschätzung darin liegt.«

»Also Geringschätzung liegt doch darin?«

»Ich habe mich falsch ausgedrückt,« erwiderte Darja Pawlowna. »Gott ist mein Zeuge, daß ich innig wünsche, Sie möchten meiner niemals bedürfen.«

»Eine schöne Redewendung ist der anderen wert: ich wünsche ebenfalls, Sie nicht zugrunde zu richten.«

»Niemals und auf keine Weise können Sie mich zugrunde richten, und das wissen Sie selbst am besten,« antwortete Darja Pawlowna schnell mit fester Stimme. »Wenn ich nicht zu Ihnen komme, dann werde ich Barmherzige Schwester und pflege Kranke, oder Bücherverkäuferin und verkaufe Neue Testamente. Ich habe meinen Entschluß gefaßt. Ich kann niemandes Weib sein; ich kann nicht in solchen Häusern leben wie dieses. Das will ich nicht ... Sie wissen alles.«

»Nein, ich habe nie daraus klug werden können, was Sie eigentlich wollen; es scheint mir, daß Sie sich für mich interessieren, wie bejahrte Krankenpflegerinnen sich aus irgendwelchem Grunde für einen bestimmten Kranken mehr interessieren als für die übrigen, oder, noch bester gesagt, wie manche alten Beterinnen, die sich bei den Begräbnissen umhertreiben, diese und jene ansehnlichere Leiche den anderen vorziehen. Warum sehen Sie mich so sonderbar an?«

»Sie sind sehr krank?« fragte sie teilnahmsvoll, indem sie ihn forschend anschaute. »O Gott! Und dieser Mensch will ohne mich zurechtkommen!«

»Hören Sie, Dascha, ich sehe jetzt immer Gespenster. Ein kleiner Teufel hat sich mir gestern auf der Brücke erboten, Lebjadkin und Marja Timofejewna zu ermorden, um meiner legitimen Ehe ein Ende zu machen und die ganze Sache zu begraben. Als Handgeld verlangte er drei Rubel; aber er gab mir deutlich zu verstehen, daß die ganze Leistung nicht weniger als tausendfünfhundert kosten werde. Das ist einmal ein Teufel, der zu rechnen versteht! Der reine Buchhalter! Ha–ha!«

»Aber sind Sie auch davon überzeugt, daß es ein Gespenst war?«

»O nein, es war gar kein Gespenst! Es war ganz einfach der Sträfling Fedka, ein von der Zwangsarbeit entlaufener Räuber. Aber darum handelt es sich nicht; was meinen Sie, daß ich getan habe? Ich habe ihm mein ganzes Geld aus dem Portemonnaie gegeben, und er ist jetzt vollständig überzeugt, daß ich ihm Handgeld gegeben habe!«

»Sie haben ihn in der Nacht getroffen, und er hat Ihnen einen solchen Vorschlag gemacht? Sehen Sie denn wirklich nicht, daß diese Menschen Sie rings wie mit einem Netze umgarnen?«

»Nun, mögen sie! Aber wissen Sie, Ihnen geht eine Frage im Kopfe herum; das sehe ich Ihnen an den Augen an,« fügte er mit einem boshaften Lächeln in gereiztem Tone hinzu.

Dascha erschrak.

»Ich beabsichtige gar nicht, nach etwas zu fragen, und hege überhaupt keine Zweifel; schweigen Sie lieber!« rief sie aufgeregt und schien mit einer Handbewegung eine weitere Frage abwehren zu wollen.

»Also sind Sie überzeugt, daß ich den Handel mit Fedka nicht abschließen werde?«

»O Gott!« rief sie und schlug die Hände zusammen; »warum quälen Sie mich so?«

»Nun, verzeihen Sie mir meinen dummen Scherz; offenbar nehme ich von jenen Leuten schlechte Manieren an. Wissen Sie, seit gestern nacht habe ich schreckliche Lust zu lachen, immer zu lachen, unaufhörlich, lange und viel zu lachen. Ich bin mit einer Art von Lachsucht infiziert ... Horch! Da ist meine Mutter angekommen; ich merke es an dem Gepolter ihres Wagens, der vor der Haustür hält.«

Dascha ergriff seine Hand.

»Möge Gott Sie vor Ihrem Dämon bewahren, und ... rufen Sie mich, rufen Sie mich recht bald!«

»Oh, einen Dämon habe ich ja gar nicht! Das ist einfach ein kleines, häßliches, skrofulöses Teufelchen, das den Schnupfen hat, so ein mißlungenes Wesen. Aber Sie, Dascha, wagen ja wieder nicht, etwas zu sagen?«

Sie sah ihn mit schmerzlichem Vorwurf an und wandte sich zur Tür.

»Hören Sie,« rief er ihr mit einem boshaften, spöttischen Lächeln nach. »Wenn ... nun ja, mit einem Worte, wenn ... verstehen Sie wohl, also wenn ich wirklich den Handel einginge und Sie dann riefe, würden Sie dann auch nach dem Handel kommen?«

Sie ging hinaus, ohne sich umzuwenden und ohne zu antworten, das Gesicht in den Händen verbergend.

»Sie wird auch nach dem Handel kommen!« flüsterte er nach kurzem Nachdenken, und eine spöttische Geringschätzung prägte sich auf seinem Gesichte aus. »Krankenwärterin! Hm ... Aber vielleicht ist es gerade das, was ich nötig habe.«


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