Charles de Coster
Ulenspiegel
Charles de Coster

 << zurück weiter >> 

Anzeige. Gutenberg Edition 16. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++

LVI

Als das dritte Jahr der Verbannung sich seinem Ende näherte, kehrte Katheline nach Damme und in ihre Wohnung zurück. Sie hörte nicht auf zu sagen: »Feuer auf dem Kopf – die Seele pocht – macht ein Loch, sie will entfliehen!« Und wenn sie Rinder oder Schafe sah, lief sie immer davon.

Gewöhnlich saß sie auf einer Bank unter den Lindenbäumen, wackelte mit dem Kopf und sah die Leute von Damme an, ohne sie zu erkennen, diese sagten, wenn sie an ihr vorbeikamen: »Da ist die Irre.«

Indessen wanderte Ulenspiegel über Straßen und Wege und erblickte eines Tages auf der Landstraße einen Esel, dessen ledernes Zaumzeug mit kupfernen Nägeln beschlagen war und an dessen Kopf Quasten und Schnüre aus roter Wolle hingen. Einige alte Weiber standen um den Esel herum und redeten und schwatzten alle auf einmal: »Niemand kann sich dieses erschrecklichen Reittiers bemächtigen, das dem großen Zauberer Baron de Raix gehörte, der, weil er acht Kinder dem Teufel geopfert hat, lebendig verbrannt wurde.« – »Liebe Frauen, es ist so schnell entwischt, daß man es nicht wieder einfangen konnte, Satan behütet es.« – »Denn als es müde war und in seinem Lauf anhielt, kamen die Gemeindewächter, um es einzuschüchtern, aber es schlug so schrecklich aus und schrie dermaßen, daß sie nicht wagten, näher zu kommen.« – »Und es schreit nicht wie ein Esel, sondern wie ein Dämon.« – »Also ließ man es Disteln abweiden, ohne ihm den Prozeß zu machen oder es als Zauberer lebendig zu verbrennen.« – »Diese Männer haben keinen Mut!«

Ungeachtet dieser schönen Auseinandersetzungen ergriffen sie kreischend die Flucht, wenn der Esel die Ohren reckte oder sich mit dem Schwanz die Flanken peitschte, bald darauf kamen sie gackernd und schnatternd wieder näher, um bei der kleinsten Bewegung des Esels dasselbe Schauspiel aufzuführen.

Ulenspiegel beobachtete sie lachend und sprach: »Ach! Neugierde ohne Ende und ewiges Geschwätz, das wie ein Fluß den Mündern der Weiber entströmt, vornehmlich der alten! Denn bei den jungen ist der Redeschwall wegen ihrer Liebesangelegenheiten nicht so groß.« Dann betrachtete er den Esel und fuhr fort: »Dieses verhexte Tier ist munter und hat ohne Zweifel einen guten Gang, ich kann es besteigen oder verkaufen.« Ohne ein Wort zu verlieren, holte er eine Metze Hafer, gab sie dem Esel zu fressen, sprang mit einem Satz auf seinen Rücken und trieb ihn in alle Winde, während er die alten Weiber von weitem segnete. Diese knieten nieder und wurden vor Angst ohnmächtig, an diesem Tage aber wurde in schlafloser Nacht erzählt, daß ein Engel, einen Filzhut mit einer Fasanenfeder auf dem Kopf, gekommen sei, sie alle gesegnet und den Esel des Zauberers durch eine besondere Gunst Gottes entführt habe.

Und Ulenspiegel trabte mit seinem Esel in die fetten Weiden, wo die Pferde frei umhersprangen und Kühe und Färsen voll beschaulicher Ruhe angekettet in der Sonne lagen. Und er gab ihm den Namen Jef. Der Esel blieb stehen und speiste fröhlichen Mutes Disteln. Währenddessen zuckte er des öftern mit dem Fell oder schlug sich mit dem Schwanz die Flanken, um die gierigen Bremsen zu verjagen, die gleich ihm speisen wollten, aber von seinem Fleisch. Ulenspiegel, dessen Magen Hunger vermeldete, war betrübt: »Du wärest sehr glücklich, Herr Esel«, sagte er, »wenn du, wie soeben, fette Disteln speisend, durch nichts in deiner Behaglichkeit gestört und auch nicht daran erinnert würdest, daß du sterblich bist, das heißt: nur geboren, um alle Arten der Gemeinheit zu ertragen. So wie du«, fuhr er fort, während er ihn antrieb, »hat auch der Mann vom heiligen Pantoffel seine Bremse, das ist der Herr Luther, auch Seine Allerhöchste Majestät Karl hat die ihre, das ist der Herr Franz, erster seines Namens, König der langen Nase und des noch längeren Degens.

Auch mir armem kleinem Biedermann, umherirrend wie ein Jude, wird es erlaubt sein, meine Bremse zu haben, Herr Esel. Ach! Alle meine Taschen sind durchlöchert, und durch die Löcher laufen all meine schönen Dukaten, Gulden und Taler davon wie eine Legion von Mäusen, die dem Rachen einer Katze entflieht. Ich weiß nicht, warum das Geld nichts von mir will, ich will so viel von ihm.

Fortuna ist kein Weib, obgleich man das sagt, denn sie liebt nur die geizigen Knauser, die sie mit zwanzig Schlüsseln in Truhen, Taschen und Kästen sperren und ihr niemals erlauben, auch nur die Spitze ihrer eitel goldenen Nase aus dem Fenster zu stecken. Das ist die Bremse, die an mir saugt und mich juckt und kitzelt, ohne daß ich dabei lachen könnte.

Du hörst mir nicht zu, lieber Esel, und denkst nur ans Weiden. Ach, du Fresser, der sich den Wanst füllt, deine langen Ohren sind taub für den Schrei leerer Gedärme. Hör mich, ich will es!« Er schlug heftig auf ihn ein, und der Esel begann zu schreien. »Gehen wir also, da du schon gesungen hast«, sagte Ulenspiegel. Aber der Esel rührte sich nicht mehr vom Fleck als ein Meilenstein und schien den Entschluß gefaßt zu haben, alle Disteln an der Straße bis zur letzten zu verspeisen. Und an ihnen mangelte es nicht. Als Ulenspiegel das sah, stieg er aus dem Sattel und schnitt ein Büschel Disteln ab, setzte sich wieder auf den Esel, hielt ihm die Disteln unters Maul und führte ihn an der Nase durch das Gebiet des Landgrafen von Hessen.

»Herr Esel«, sprach Ulenspiegel unterwegs, »du läufst meinem Distelbuschen, dieser mageren Mahlzeit, nach und läßt die schönen Wege, die von dieser leckern Pflanze voll sind, hinter dir. So machen es auch die Menschen: die einen wittern den Strauß des Ruhms, den ihnen Fortuna unter die Nase hält, die anderen den Strauß des Reichtums und wieder andere den der Liebe. Am Ende des Wegs machen sie dann wie du die Entdeckung, daß sie hinter einem geringen Ding her waren und hinter sich ließen, was wertvoll war, nämlich Gesundheit, Arbeit, Behaglichkeit und ein trautes Heim.«

Solcherart mit seinem Esel schwatzend, kam Ulenspiegel vor den Palast des Landgrafen. Zwei Arkebusierkapitäne machten auf der Treppe ein Spielchen. Der eine der beiden, der rote Haare und eine gigantische Statur hatte, bemerkte Ulenspiegel, der sich bescheidentlich auf Jef hielt und ihnen zusah. »Was willst du von uns«, sagte er, »du verhungertes Pilgergesicht?« »Ich habe Heißhunger, wahrhaftig«, sagte Ulenspiegel, »und pilgere gegen meinen Willen.« »Wenn du Hunger hast«, antwortete der Kapitän, »so friß den Strick mit dem Hals, der dort am nahen Galgen hängt, der für die Vagabunden bestimmt ist.« »Mein Herr Kapitän«, antwortete Ulenspiegel, »wenn Ihr mir die schöne goldene Schnur gebt, die Ihr auf Eurem Hute tragt, so will ich mich mit den Zähnen an diesen fetten Schinken hängen, der dort unten in der Bratküche baumelt.« »Woher kommst du?« fragte der Kapitän. »Aus Flandern«, antwortete Ulenspiegel. »Und was willst du?« »Seiner Landgräflichen Hoheit ein Bild meiner Art zeigen.« »Wenn du ein Maler bist und aus Flandern stammst, so will ich dich zu meinem Herrn führen, tritt hier ein«, sagte der Kapitän.

Als Ulenspiegel vor den Landgrafen trat, verbeugte er sich dreimal und noch öfter, dann sagte er: »Möge Eure Hoheit geruhen zu vergeben, daß ich so unverschämt bin, es zu wagen, ein Gemälde, das ich für Euch gemacht und darauf ich die Heilige Jungfrau in königlichem Ornat dargestellt habe, zu Euren Füßen niederzulegen.

Dieses Gemälde«, fuhr er fort, »wird vielleicht Euern Gefallen erregen, und in diesem Falle bin ich vermessen genug, zu hoffen, daß mein Sitz sich bis zu jenem Fauteuil von tiefrotem Samt erhöhen wird, das der immerdar bedauernswerte Maler Eurer Herrlichkeit zu seinen Lebzeiten eingenommen hat.«

Nachdem der Herr Landgraf das wirklich schöne Gemälde betrachtet hatte, sagte er: »Du wirst Unser Maler sein, setz dich auf den Fauteuil.« Und fröhlich küßte er ihm beide Wangen, während Ulenspiegel sich setzte. »Du bist recht heruntergekommen«, sagte der Landgraf, indem er ihn in Augenschein nahm. Ulenspiegel antwortete: »In der Tat, mein Herr, Jef, das ist mein Esel, hat Disteln diniert, ich aber habe seit drei Tagen nichts als Mißgeschick gesehen und mich nur vom Dunst der Hoffnung genährt.« »Du wirst bald köstlichen Braten essen«, antwortete der Landgraf, »aber wo ist dein Esel?« Ulenspiegel antwortete: »Ich habe ihn auf dem Großen Platz gegenüber dem Palais Euer Gnaden stehenlassen, ich wäre sehr beruhigt, wenn Jef eine Nachtherberge, Streu und Futter bekäme.« Unverzüglich befahl der Herr Landgraf einem seiner Pagen, für Ulenspiegels Esel so zu sorgen, als ob er sein eigner wäre.

Bald kam die Stunde des Abendessens, das zu einem wahren Festgelage wurde. Die Braten dampften, und die Weine flossen in die Kehlen. Ulenspiegel und der Landgraf waren beide rot wie glühende Kohlen, Ulenspiegel kam in fröhliche Stimmung, aber der Landgraf blieb nachdenklich. Plötzlich begann er: »Unser Maler muß mich porträtieren, denn es bedeutet für einen Fürsten eine große Genugtuung, seinen Nachkommen eine Erinnerung an sein Gesicht hinterlassen zu können.«

»Herr Landgraf«, sagte Ulenspiegel, »Euer Wunsch ist mir Befehl, aber meiner Wenigkeit scheint, daß Eure Herrlichkeit, ganz allein porträtiert, in den kommenden Jahrhunderten rechte Langeweile haben würde. Ihr müßtet vielmehr in Gesellschaft Eurer edlen Gemahlin, der Frau Landgräfin, Eurer Damen und Edelleute, Kapitäne und höchsten Offiziere sein, in deren Mitte Monseigneur und Madame wie zwei Sonnen zwischen Laternen strahlen würden!« »In der Tat!« antwortete der Landgraf, »und was müßte ich dir für diese große Arbeit bezahlen, mein Maler?« »Hundert Gulden im voraus oder wie Ihr wollt«, sagte Ulenspiegel. »Hier sind sie im voraus«, sagte der Herr Landgraf. »Großmütiger Herr«, sagte Ulenspiegel, »Ihr gießt Öl auf meine Lampe, und sie soll Euch zu Ehren brennen.«

Am nächsten Tage bat er den Herrn Landgrafen, diejenigen Personen vor ihm defilieren zu lassen, denen er die Ehre vorbehielt, gemalt zu werden. Da kam der Herzog von Lüneburg, Kommandant der Landsknechte im Dienste des Landgrafen. Das war ein dicker Mann, der seinen vom Bratenessen aufgedunsenen Wanst mit schwerer Mühe trug, er kam auf Ulenspiegel zu und flüsterte ihm ins Ohr: »Wenn du mich auf dem Bild nicht der Hälfte meines Fettes entledigst, lasse ich dich von meinen Soldaten aufknüpfen.« Damit entfernte sich der Herzog.

Dann kam eine lang aufgeschossene Dame, die einen Höcker auf dem Rücken hatte und eine Brust, die so flach war wie die Klinge eines Richtschwerts. Die sprach: »Edler Maler, wenn du mir statt des einen Höckers, den du mir wegzunehmen hast, nicht zwei machst und sie vorne anbringst, werde ich dich als Giftmischer vierteilen lassen.« Die Dame entfernte sich.

Dann kam eine junge Hofdame, blond, frisch und lieblich, der aber drei Zähne im Oberkiefer fehlten. »Herr Maler«, sagte sie, »wenn du mich nicht lachend und zweiunddreißig Zähne zeigend porträtierst, so laß ich dich von meinem Kavalier da in kleine Stückchen hacken.« Dabei zeigte sie auf den Arkebusierkapitän, der früher auf den Stufen der Palasttreppe gespielt hatte, und ging vorbei.

Der Umzug setzte sich fort, als Ulenspiegel nachher mit dem Landgrafen allein war, sagte dieser: »Wenn dir das Unglück zustoßen sollte, während des Porträtierens all dieser Physiognomien auch nur mit einem Strich zu lügen, so lasse ich dir den Hals abschneiden wie einem Huhn.« Geköpft, gevierteilt, kleingehackt oder zum wenigsten gehenkt, dachte Ulenspiegel – es wird am einfachsten sein, überhaupt keine Porträts zu machen, da werd' ich mich vorsehen. »Wo ist der Saal«, fragte er den Landgrafen, »den ich mit all diesen Bildern schmücken soll?« »Folge mir«, sagte der Landgraf und führte ihn in ein großes Zimmer mit breiten, ganz kahlen Mauern. »Das ist der Saal«, sagte er. »Es wäre mir sehr lieb«, sagte Ulenspiegel, »wenn man vor diesen Wänden große Vorhänge anbrächte, damit meine Bilder gegen Fliegen und Staub geschützt werden.« »Das soll geschehen«, sagte der Landgraf. Die Vorhänge wurden angebracht, und Ulenspiegel erbat sich drei Gehilfen, die ihm, wie er sagte, die Farben reiben sollten.

Dreißig Tage lang tat Ulenspiegel samt seinen Gehilfen nichts anderes als Gelage und Schmausereien feiern, wobei weder an feinen Braten noch an alten Weinen gespart wurde. Der Landgraf sorgte für alles. Indessen, am einunddreißigsten Tag, steckte er die Nase durch die Tür des Zimmers, das nach Ulenspiegels Anordnung niemand betreten sollte. »Nun, Thyl, wo sind die Porträts?« »Sie sind weit«, antwortete Ulenspiegel. »Kann man sie nicht sehen?« »Noch nicht.« Am sechsunddreißigsten Tag steckte er die Nase wieder durch die Tür. »Nun, Thyl?« fragte er. »Heia, sie gehen ihrem Ende entgegen.« Am sechzigsten Tag ward der Landgraf böse, ging in das Zimmer hinein und sagte: »Zeige mir unverzüglich die Bilder!« »Jawohl, gestrenger Herr«, antwortete Ulenspiegel, »geruht aber, diesen Vorhang nicht zu öffnen, ehe Ihr alle Edelleute, Kapitäne und Damen Eures Hofes habt hierherkommen lassen.« »Ich bin damit einverstanden«, sagte der Landgraf. Und alle kamen auf seinen Befehl herbei.

Ulenspiegel stand vor dem fest geschlossenen Vorhang und sprach: »Edler Herr Landgraf, und Ihr, Frau Landgräfin! Hoher Herr von Lüneburg, und ihr anderen, schöne Frauen und tapfere Kapitäne! Ich habe eure lieblichen oder kriegerischen Gesichter nach bestem Können hinter diesem Vorhang porträtiert. Es wird jedem von euch ein leichtes sein, sich auf dem Bilde zu erkennen. Ihr seid neugierig, euch zu sehen, das ist recht, geruhet aber, euch in Geduld zu fassen, und lasset mich ein Wort oder sechse sagen:

Schöne Frauen und tapfere Kapitäne, die ihr alle von edlem Blute seid, ihr könnt meine Bilder sehen und bewundern, wenn aber ein Bastard unter euch ist – er wird nichts sehen als die weiße Wand. Und nun geruhet, eure edlen Augen zu öffnen.« Damit zog Ulenspiegel den Vorhang fort und sprach: »Nur Edelmänner sehen da etwas und Damen von hoher Geburt, und bald wird man sagen: Blind vor Bildern wie ein Bastard, klarsichtig wie ein Edelmann!« Alle blinzelten mit den Augen, behaupteten zu sehen, machten sich gegenseitig auf Einzelheiten aufmerksam, zeigten und erkannten sich, sahen aber tatsächlich nichts als die nackte Mauer, worob sie sehr beschämt waren.

Plötzlich sprang der Narr, der auch anwesend war, drei Fuß hoch in die Luft, schüttelte seine Schellen und sagte: »Möge man mich als Bastard betrachten, als bastardierenden Bastard der Bastarderei, ich werde es mit Trompeten und Fanfaren ausrufen, daß ich da eine nackte Mauer sehe, eine weiße, nackte Mauer. So wahr mir Gott beistehe und alle seine Heiligen!« »Wenn die Narren sich in die Rede mengen«, sagte Ulenspiegel, »dann ist's für die Weisen an der Zeit zu gehen.«

Er wollte den Palast verlassen, aber der Landgraf hielt ihn zurück und sagte: »Du toller Narr, der du durch die Welt wanderst, das Gute und Edle zu loben, und mit vollem Mund die Dummheit verhöhnst, der du gewagt hast, im Angesichte so hochgestellter Damen und noch höher gestellter großer Herren Wappen- und Adelsstolz mit dem Witz des Volkes zu verspotten, du wirst eines Tages für deine freie Rede gehenkt werden.« »Wenn der Strick aus Gold ist, wird er aus Angst zerreißen, wenn er mich kommen sieht.« »Nimm«, sagte der Landgraf und gab ihm fünfzig Gulden, »das ist das erste Ende vom Strick.« »Großen Dank, mein Herr«, antwortete Ulenspiegel, »jede Herberge am Wege soll einen Faden davon haben, einen Faden aus purem Gold, der alle diebischen Herbergswirte zu Krösussen macht.«

Und fröhlich bestieg er seinen Esel, trug seine Kappe hoch und ließ die Feder im Winde spielen.

LVII

Die Blätter auf den Bäumen wurden gelb, und der Herbstwind begann zu blasen. Katheline war hier und da für einige Stunden im Besitz ihrer Vernunft. Dann sagte Claes, daß der Geist Gottes in gütigem Erbarmen gekommen sei, sie zu besuchen. In solchen Augenblicken vermochte sie durch Gestikulieren und Besprechen über Nele einen Zauber zu werfen, die dann mehr als hundert Meilen weit alles sah, was sich auf Plätzen, Straßen und in Häusern zutrug.

An diesem Tag hatte Katheline, die gut bei Sinnen war, mit Claes, Soetkin und Nele oeli-koekjes gegessen und tüchtig mit Dobbelkuyt befeuchtet. Claes sagte: »Dies ist heute der Tag der Abdankung Seiner heiligen Majestät Kaiser Karls V. Nele, mein Liebling, könntest du bis Brüssel in Brabant sehen?« »Ich kann es, wenn Katheline will«, sagte Nele.

Katheline ließ also das Mädchen sich auf eine Bank setzen, das durch ihre Reden und Bewegungen, die bezaubernd wirkten, in tiefen Schlummer versank. Katheline sagte: »Tritt in das kleine Parkhaus ein, das Kaiser Karls V. liebster Aufenthaltsort ist.« »Ich bin«, sagte Nele mit tiefer und wie erstickter Stimme, »ich bin in einem kleinen Saal, der mit grüner Ölfarbe ausgemalt ist. Darin befindet sich ein Mann von über fünfundvierzig Jahren mit kahlem Scheitel und grauen Haaren rundum, er trägt einen blonden Bart an vorstehendem Kinn, und aus seinen grauen Augen strahlt ein böser Blick voll Falschheit, Grausamkeit und vorgetäuschter Güte. Und diesen Mann nennt man heilige Majestät. Er ist erkältet und hustet viel.

Neben ihm befindet sich ein andrer, junger, mit einem häßlichen Zerrkopf, gleich einem wasserköpfigen Affen, dieser, ich habe ihn in Antwerpen gesehen, ist der König Philipp. Seine heilige Majestät wirft ihm augenblicklich vor, daß er die Nacht außer Hause geschlafen habe, ohne Zweifel, sagt der Kaiser, habe er in irgendeinem üblen Gelaß ein Affenweib des verworfenen Stadtviertels aufgesucht. Weiter sagt er, daß an seinen Haaren ein Schenkengeruch hafte, was kein Vergnügen für einen König sei, der sich die lieblichen Körper mit kühler, atlasgleicher Haut in den dufterfüllten Bädern und die Hände der edlen Liebesfrauen aussuchen sollte, was weit besser wäre als eine tolle Sau, die aus der Umarmung eines betrunkenen Söldners käme. Es gibt kein Mädchen, keine Ehefrau, keine Witwe – sagt er –, die ihm Widerstand leisten wollte, unter den edlen und schönen Frauen, die ihre Liebkosungen beim Scheine wohlduftender Wachslichter verschenken und nicht beim dumpfen Flackern stinkender Talgkerzen.

Der König antwortete Seiner heiligen Majestät, daß er ihr in allem folgen werde. Nun hustet Seine heilige Majestät und tut einige Schlucke Hypocras. Dann wendet sie sich Philipp zu und sagt: ›Du wirst bald die Staatsoberhäupter sehen, die Kirchenfürsten, Adligen und Bürger: Oranien den Schweiger, Egmont den Eitlen, Hoorne den Gemiedenen, Brederode den Leuen und alle anderen Ritter vom Goldenen Vlies, zu dessen Großmeister ich dich machen werde. Da wirst du hundert Narren sehen, die sich alle die Nase abschneiden würden, wenn sie sie als Zeichen größerer Vornehmheit an einer goldenen Kette über der Brust tragen dürften.‹

Nun verändert Seine heilige Majestät den Ton der Stimme und spricht schmerzlich bewegt: ›Du weißt, mein Sohn, daß ich im Begriff bin, zu deinen Gunsten dem Thron zu entsagen; ich werde der Welt ein Schauspiel geben und vor einer großen Menge sprechen – gleichwohl mit Räuspern und Husten, denn ich habe mein Lebtag zuviel gegessen, mein Sohn –, und du müßtest ein sehr hartes Herz haben, um, nachdem du mich angehört haben wirst, nicht etliche Tränen zu vergießen.‹ ›Ich werde weinen, mein Vater‹, antwortet König Philipp.

Jetzt spricht Seine heilige Majestät mit einem Diener, der den Namen Dubois trägt: ›Dubois, gib mir ein Stück Madeirazucker, ich habe das Schlucken. Wenn es mir nur nicht kommt, wann ich zu dem versammelten Volk spreche! Diese Gans von gestern will sich wohl niemals verdauen lassen. Wenn ich einen Humpen Orleanswein tränke? Nein, er ist zu herb! Wenn ich aber ein paar Anchovis äße? Sie haben zuviel Öl. Dubois, gib mir Romagner Wein.‹

Dubois gibt Seiner heiligen Majestät, was sie verlangt, reicht ihr dann ein Kleid von karmesinrotem Samt, hängt ihr einen goldenen Mantel über die Schultern, legt ihr das Degengehenk um die Hüften, gibt ihr Zepter und Kugel in die Hände und setzt ihr die Krone aufs Haupt. Sodann verläßt Seine heilige Majestät das Parkhaus, besteigt ein kleines Maultier und begibt sich, von König Philipp und einigen hohen Herren gefolgt, in ein großes Gebäude, das der Palast genannt wird; dort treffen sie in einem Zimmer einen großen Mann von schlankem Wuchs und reich gekleidet; er heißt Oranien. Seine heilige Majestät redet den Mann mit diesen Worten an: ›Ist mein Aussehen gut, Vetter Wilhelm?‹ Doch der Mann gibt keine Antwort. Halb lachend, halb erzürnt sagt nun Seine heilige Majestät: ›Wirst du denn immer stumm sein, Vetter, selbst dann, wann du den verzopften Rückschrittlern die Wahrheit sagen sollst? Soll ich weiterregieren oder abdanken, Schwager?‹ ›Heilige Majestät‹, antwortete der schlanke Mann, ›wann der Winter kommt, lassen die stärksten Eichen ihre Blätter fallen.‹

Es schlägt die dritte Stunde.

›Schweiger, leih mir deine Schulter, daß ich mich auf sie stütze‹, sagt der Kaiser. Und er betritt mit ihm und seinem Gefolge einen großen Saal und setzt sich unter einen Thronhimmel, der auf einer mit Seide oder karmesinroten Teppichen bedeckten Estrade steht. Da stehen drei Sessel, Seine heilige Majestät nimmt den mittleren ein, der reicher geschmückt als die anderen und von einer Königskrone überragt ist, König Philipp setzt sich auf den zweiten, und der dritte ist für eine Frau bestimmt, ohne Zweifel für eine Königin. Rechts und links haben sich auf gepolsterten Bänken rot gekleidete Männer niedergelassen, die ein goldenes Lamm um den Hals tragen. Hinter ihnen stehen viele Personen, ohne Zweifel Fürsten und Edelleute. Gegenüber und unterhalb der Estrade sitzen Männer in Tuchkleidern auf ungepolsterten Bänken. Ich höre sie sagen, daß sie deshalb so bescheidene Sitzplätze und Kleider haben, weil sie allein für die anderen alle Steuern zahlen.

Als Seine Majestät eintritt, erhebt sich alles, sie setzt sich aber gleich nieder und gibt durch ein Zeichen zu verstehen, daß alle das gleiche tun sollten. Ein alter Mann spricht nun eine gute Weile vom Trinken, dann überreicht die Frau, die eine Königin zu sein scheint, Seiner heiligen Majestät eine Pergamentrolle, deren Schrift Seine heilige Majestät hustend und mit dumpfer, tiefer Stimme abliest. Von sich selbst sprechend, sagt sie: ›Ich habe mancherlei Reisen gemacht, in Spanien, Italien, in den Niederlanden und in Afrika, alle zum Ruhme Gottes, für das Ansehen meiner Waffen und zum Wohl meiner Völker.‹ Nachdem er noch lange gesprochen hat, sagt er, daß er kränklich und müde sei und die Krone Spaniens, die Grafschaften, Herzogtümer und Marquisate dieser Länder in die Hände seines Sohnes legen wolle. Dann weint er, und alle weinen mit ihm.

Da steht König Philipp auf, läßt sich auf die Knie fallen und spricht: ›Heilige Majestät, ist es mir erlaubt, die Krone aus Eurer Hand entgegenzunehmen, wenn Ihr so wohlbefähigt seid, sie noch selbst zu tragen?‹

Da sagt ihm Seine heilige Majestät ins Ohr, er solle einige wohlwollende Worte an die Männer auf den gepolsterten Bänken richten. König Philipp wendet sich ihnen zu und spricht, ohne sich zu erheben, in unfreundlichem Tone: ›Ich beherrsche die französische Sprache hinlänglich gut, aber nicht gut genug, um in ihr zu euch zu sprechen. Ihr werdet es daher begreiflich finden, wenn Herr Granvella, der Erzbischof von Arras, an meiner Stelle zu euch sprechen wird.‹ ›Du sprichst schlecht, mein Sohn‹, sagt Seine heilige Majestät. Und in der Tat, die Versammlung murrt, da sie den jungen König so stolz und hochfahrend sieht.

Auch die Königin ergreift das Wort, um ein paar Höflichkeiten zu sagen; dann kommt ein alter Gelehrter an die Reihe, der, nachdem er geendet hat, von der Hand Seiner heiligen Majestät einen Wink erhält, der Dank bedeutet. Diese Zeremonien und feierlichen Reden sind nun zu Ende; Seine heilige Majestät erklärt seine Untertanen des ihm geleisteten Treueides entbunden, unterschreibt die Akten, die diese Erklärung festlegen, und erhebt sich von seinem Thron, den sein Sohn einnimmt. Und alle im Saale weinen.

Dann kehren sie ins Parkhaus zurück. Dort angelangt, wieder in dem grünen Zimmer, dessen sämtliche Türen geschlossen sind, spricht Seine heilige Majestät hell auflachend zu König Philipp, der nicht lacht: ›Hast du gesehen, wie wenig es braucht, um diese braven Männer zu rühren?‹ Schluckend und hustend fährt er fort: ›Welche Flut von Tränen! Und dieser große Maes, der, als er seine Rede beendete, wie ein Kalb heulte. Selbst du schienst bewegt, aber nicht genug. Dies ist das wahre Schauspiel, welches das Volk braucht. Mein Sohn, wir klügeren Menschen lieben unsere Freundin um so mehr, je mehr sie uns kostet. So machen's auch die Völker. Je mehr wir sie zahlen lassen, desto inniger lieben sie uns. Ich dulde in Deutschland die Religion der Reformierten, deren Anhänger ich in den Niederlanden streng bestrafe. Wenn die deutschen Fürsten Katholiken wären, wäre ich lutherisch geworden und hätte ihre Güter eingezogen. Sie glauben an die Reinheit meines Eifers für die römische Kirche und sind bekümmert, mich sie verlassen zu sehen. Unter meiner Regierung haben die Niederlande fünfzigtausend ihrer tapfersten Männer und lieblichsten Mädchen wegen der Ketzerei verloren. Ich gehe, und sie klagen darüber. Ohne die Konfiskationen mitzurechnen, habe ich ihnen höhere Tribute auferlegt als Indien und Peru: sie sind traurig, mich zu verlieren.

Ich habe den Frieden von Cadzant zerrissen, Gent bezwungen und alles unterdrückt, was mich stören konnte; Freiheiten, Vorrechte, Privilegien, alles wurde durch das Vorgehen der Offiziere des Prinzen unterdrückt. Diese guten Leutchen glauben sich noch im Besitz der Freiheit, weil ich sie mit der Armbrust schießen und ihre Innungsfahnen bei Umzügen tragen lasse. Sie empfinden meine Hand als die ihres Meisters: in den Kerker gesteckt, fühlen sie sich behaglich, singen und weinen mir nach.

Mein Sohn, behandle sie, wie ich sie behandelt habe: segensreich in Worten, hart im Handeln! Schlürfe so viel, daß du nicht zu beißen brauchst. Schwöre ihnen täglich ihre Freiheiten, Vorrechte und Privilegien zu, wenn sie dir aber gefährlich werden können, vertilge sie. Wenn man sie mit zögernder Hand berührt, sind sie aus Eisen, aus Glas, wenn man sie mit kräftigem Arme bricht. Schlage die Ketzerei nieder, nicht wegen des Unterschiedes zwischen ihrem Glauben und dem römischen, sondern weil sie in den Niederlanden unsere Autorität zerstört. Die den Papst angreifen, der drei Kronen trägt, machen mit den Fürsten, die nur eine tragen, bald Schluß. Mache, wie ich, aus der Gewissensfreiheit ein Verbrechen der Majestätsbeleidigung, das du mit Konfiskation des Vermögens bestrafst, und du wirst erben, wie ich es mein ganzes Leben getan habe. Und wenn du scheidest, sei es, um abzudanken oder um zu sterben, wird man sagen: Ach, der gute Fürst! und wird weinen.

Und jetzt höre ich nichts mehr«, sagte Nele, »denn Seine heilige Majestät hat sich auf ein Lager hingestreckt und schläft, und König Philipp, hochmütig und stolz, betrachtet ihn ohne Liebe.«

Nach diesen Worten wurde Nele von Katheline aufgeweckt. Und Claes sah grübelnd in die Flamme des Herdes, die den Schornstein erleuchtete.

LVIII

Als Ulenspiegel den Landgrafen von Hessen verlassen hatte, bestieg er seinen Esel und überquerte den Großen Platz, wo er einigen Edelleuten und Damen begegnete, die erzürnte Gesichter zur Schau trugen, doch bereitete ihm das keinen Kummer.

Bald gelangte er in das Land des Herzogs von Lüneburg und begegnete dort einem Trupp Smaedelyke broeders, das waren lustige Flamen aus Sluys, die alle Samstage etwas Geld auf die Seite legten, um einmal im Jahr nach Deutschland zu reisen. Sie zogen singend dahin, in einem ungedeckten Karren, der von einem stämmigen Pferd aus Veurne-Ambacht gezogen wurde, das sie leichten Schrittes über die Wege und Moore des Herzogtums Lüneburg führte. Unter ihnen waren Pfeifer, Rebecspieler, Geiger und Dudelsackbläser, die einen gewaltigen Lärm vollführten. Neben dem Karren ging ein dikzak zu Fuß daher, in der Hoffnung, daß sein Wanst schwinden würde. Als sie eben ihren letzten Gulden in der Hand hatten, sahen sie Ulenspiegel auf sich zukommen, mit dem Ballast klingender Münze beladen, sie betraten eine Herberge und zahlten ihm zu trinken, was Ulenspiegel gerne annahm. Als er jedoch sah, daß die Smaedelyke broeders mit den Augen blinzelten, wenn sie ihn ansahen, und lächelten, wenn sie ihm zu trinken gaben, bekam er Wind von einem Schabernack, ging hinaus und blieb an der Tür stehen, um zu hören, was sie untereinander sprachen. In der Tat hörte er, wie der dikzak von ihm sagte: »Das ist der Maler des Landgrafen, der ihm für ein Bild mehr als tausend Gulden gegeben hat. Feiern wir ihn mit Bier und Wein, er soll es uns verdoppelt wiedergeben.« »Amen«, sagten die andern.

Ulenspiegel entfernte sich, um seinen völlig gesattelten Esel bei einem tausend Schritte von der Herberge wohnenden Bauern anzubinden, und gab einem Mädchen zwei Patards, damit sie auf ihn achte, dann kehrte er in den Saal der Herberge zurück und setzte sich, ohne ein Wort zu sprechen, an den Tisch der Smaedelyke broeders. Diese schenkten ihm Bier ein und bezahlten. Ulenspiegel ließ die Gulden des Landgrafen in seiner Jagdtasche klimpern und sagte, daß er soeben seinen Esel um siebzehn Silbertaler an einen Bauern verkauft habe. Dann zogen sie essend und trinkend weiter, pfiffen, bliesen auf den Dudelsäcken und spielten Rommelpott und klaubten unterwegs alle Weiber auf, die ihnen willig schienen. Solcherart setzten sie eine Anzahl Kinder in Gottes schöne Welt, und insbesondere Ulenspiegel tat sich dabei hervor, dessen Gesponsin später einen Knaben gebar, den sie Eulenspiegelken nannte, weil die Gute die Bedeutung des Namens ihres Zufallsgatten nicht richtig verstand, und vielleicht auch zur Erinnerung an die Stunde, in der der Kleine gemacht worden war. Und das ist jenes Eulenspiegelchen, von dem es irrtümlicherweise heißt, es hätte in Knittlingen, im Lande Sachsen, das Licht der Welt erblickt.

So ließen sie sich von ihrem munteren Pferde die Straße entlangziehen, an deren Rand ein Dorf mit einem Wirtshaus »In den ketele« – Zum Kessel – lag, daraus herrlicher Bratenduft hervordrang. Der dikzak, der Rommelpott spielte, ging zum Wirt und sagte zu ihm mit Bezug auf Ulenspiegel: »Das ist der Maler des Landgrafen, er wird alles bezahlen.« Der Wirt betrachtete Ulenspiegels Erscheinung, die nichts zu wünschen übrigließ, und als er das Klappern der Gulden und Taler hörte, stellte er Speisen und Getränke auf den Tisch. Ulenspiegel ließ es sich an nichts fehlen, und in seinem Beutel klangen immerfort die Taler und Gulden. Dabei schlug er oft auf seinen Hut und sagte, daß da sein größter Schatz sei.

Zwei Tage und eine Nacht hatte das Gelage gewährt, als die Smaedelyke broeders zu Ulenspiegel sagten: »Machen wir uns auf den Weg, und bezahlen wir die Zeche.« Ulenspiegel antwortete: »Wenn die Ratte im Käse ist, verlangt es sie, zu gehen?« »Nein«, sagten sie. »Und wann der Mensch gut ißt und trinkt, sucht er dann den Staub der Straßen und das Wasser der Quellen auf, das voll von Blutegeln ist?« »Nein«, sagten sie. »Dann laßt uns so lange hierbleiben«, sagte Ulenspiegel, »als meine Gulden und Taler als Trichter dienen, um jene Getränke in unsere Kehlen fließen zu lassen, die das Lachen lehren.« Und er trug dem Wirt auf, noch mehr Wein und Würste herbeizubringen.

Während alle aßen und tranken, sagte Ulenspiegel: »An mir ist's, zu zahlen, denn ich bin im Augenblick der Landgraf. Was tätet ihr nun, Kameraden, wenn mein Beutel leer wäre? Ihr würdet meinen weichen Filzhut anfassen und ihn bis zum Rand voll von Karlsgulden finden.« »Laßt uns fühlen«, sagten sie alle zugleich. Und seufzend fühlten sie unter ihren Fingern große Stücke von der Form der Karlsgulden. Aber einer von ihnen faßte mit solcher Leidenschaft zu, daß Ulenspiegel ihn abwehrte und sprach: »Man muß die Stunde des Melkens abwarten, du ungestümer Milchdurstiger!« »Gib mir die Hälfte deines Hutes«, sagte der Smaedelyke broeder. »Nein«, antwortete Ulenspiegel, »denn ich will nicht, daß du ein Narrenhirn bekommst, die eine Hälfte im Schatten, die andre in der Sonne.« Dann gab er seine Mütze dem Wirt und sprach: »Du, gib fein acht auf sie, denn es ist heiß, was mich betrifft – ich gehe hinaus, mich zu erleichtern.« Er ging, und der Wirt nahm die Mütze in seine Obhut.

Ulenspiegel verließ sofort die Herberge, ging zu dem Bauern, bestieg seinen Esel und ritt in schnellem Trab auf der Straße dahin, die nach Emden führt. Als die Smaedelyke broeders sahen, daß er nicht wiederkam, sagten sie zueinander: »Ist er etwa fort? Wer wird die Zeche bezahlen?« Der Wirt, der's mit der Angst bekam, öffnete Ulenspiegels Hut mit einem Messerschnitt, fand aber statt der Karlsgulden zwischen dem Filz und dem Stofffutter nichts als schlechte Spielmünzen aus Kupfer. Da wandte sich sein Zorn gegen die Smaedelyke broeders, und er sagte zu ihnen: »Ihr Saufbrüder, ihr geht nicht von hier fort, ohne all eure Kleider, die Hemden einzig ausgenommen, zurückzulassen.« Und so mußten sie sich ganz ausschälen, um ihre Zeche zu bezahlen.

Dann zogen sie im Hemd über Berg und Tal von dannen, denn sie hatten weder ihr Pferd noch ihren Karren verkaufen wollen. Und jeder, der sie so erbärmlich sah, gab ihnen willig Brot zur Zehrung, und hier und da erhielten sie auch Fleisch und Bier, denn sie sagten allerorts, daß sie von Dieben ausgeplündert worden seien. Besaßen sie doch alle zusammen nur eine Hose! So kehrten sie, in ihrem Karren tanzend und Rommelpott spielend, im Hemd nach Sluys zurück.

LIX

Inzwischen ritt Ulenspiegel auf Jefs Rücken quer durch die Lande und Moore des Herzogs von Lüneburg. Die Flamen nannten diesen Herzog Water-Signorke, weil es in seinem Gebiet immer feucht war.

Jef gehorchte Ulenspiegel wie ein Hund, trank Braunbier, tanzte besser als ein ungarischer Tanzmeister, stellte sich tot und legte sich auf einen kleinen Wink rücklings nieder. Ulenspiegel wußte, daß der Herzog von Lüneburg wegen des Spottes, den er ihm in Darmstadt in Gegenwart des Landgrafen von Hessen angetan hatte, beleidigt und erzürnt war und ihm bei Strafe des Hängens das Betreten seines Landes untersagt hatte. Plötzlich sah er Seine Herzogliche Hoheit in Person daherkommen. Da er seine Gewalttätigkeit kannte, sagte er zu seinem Esel: »Jef, da kommt der Herr von Lüneburg. Mich juckt's am Hals wie von einem Strick; möge es doch nicht der Henker sein, der mich kratzt. Jef, gekratzt will ich wohl werden, aber nicht gehenkt. Bedenke, daß wir durch das Schicksal und die langen Ohren Brüder sind, und bedenke auch, welch guten Freund du verlörest, wenn du mich verlörest.«

Ulenspiegel trocknete sich die Augen, und der Esel schrie. Dann setzte er seine Ansprache fort: »Wir leben zusammen in Frohsinn oder Trauer, wie es der Zufall will; erinnerst du dich, Jef?« Der Esel setzte sein Geschrei fort, denn er hatte Hunger. »Und nimmer wirst du mich vergessen können, denn zwischen wem sollte dauerhafte Freundschaft sein, wenn nicht zwischen jenen, die über dieselben Freuden lachen und über dieselben Leiden weinen? Jef, du mußt dich auf den Rücken legen.«

Das sanfte Tier gehorchte und streckte seine vier Hufe in die Luft. In dieser Lage wurde es vom Herzog bemerkt, und Ulenspiegel setzte sich geschwind auf den Bauch des Esels. Der Herzog kam auf ihn zu und sagte zu ihm: »Was machst du da? Weißt du nicht, daß ich dir durch meinen letzten Erlaß bei der Strafe des Strickes verboten habe, deine staubigen Füße auf mein Land zu setzen?« Ulenspiegel antwortete: »Gnädiger Herr, habt Erbarmen mit mir!« Dann zeigte er auf seinen Esel und fuhr fort: »Ihr wißt wohl, daß nach Recht und Gesetz derjenige frei ist, der sich zwischen seinen vier Pfählen aufhält.« Der Herzog antwortete: »Verlasse mein Land, sonst stirbst du!« »Gnädiger Herr, mit ein oder zwei Gulden versehen, würde ich sehr schnell davongehen.« »Taugenichts!« sagte der Herzog, »nicht genug an deinem Ungehorsam, bittest du mich noch um Geld?« »Ich muß wohl, gnädiger Herr, da ich's Euch nicht nehmen kann . . .« Der Herzog gab ihm einen Gulden. Dann sagte Ulenspiegel zu seinem Esel: »Jef, steh auf und entbiete dem Herrn deinen Gruß!« Da stand der Esel auf und begann zu schreien. Dann trollten sich die beiden.

LX

Soetkin und Nele saßen an einem der Fenster der Hütte und sahen auf die Straße hinaus. Und Soetkin sagte zu Nele: »Liebling, siehst du nicht meinen Sohn Ulenspiegel kommen?« »Nein«, sagte Nele, »wir werden ihn nicht mehr sehen, diesen bösen Vagabunden.« »Nele«, sagte Soetkin, »du mußt nicht erzürnt sein über ihn, denn er ist nicht unter seinem Dach, der kleine Mann.« »Das weiß ich wohl«, sagte Nele, »er hat weit von hier ein andres Haus, das reicher ist als das seine und das ihm ohne Zweifel irgendeine schöne Dame gegeben hat, darin zu wohnen.« »Das wäre ein großes Glück für ihn«, sagte Soetkin, »vielleicht wird er dort mit Fettammern verköstigt.« »Wenn man ihm doch Steine zu essen gäbe: er wäre schnell hier, der Fresser!« sagte Nele. Da lachte Soetkin und sprach: »Woher kommt dieser große Zorn, Liebling?«

Der immer nachdenkliche Claes aber, der in einer Ecke Reisig bündelte, sagte: »Siehst du nicht, daß sie in ihn vernarrt ist?« »Seht doch, die Verschmitzte, die mir nicht ein Wort davon hat laut werden lassen«, sagte Soetkin, »ist's wahr, daß du ihn gerne magst?« »Glaubt das nicht«, sagte Nele. »Du wirst da einen wackeren Gatten haben«, sagte Claes, »mit großem Schlund, weitem Magen und langer Zunge, der die Gulden zu Hellern macht und niemals mit seiner Arbeit einen Groschen verdient, immer mit seinen Füßen die Pflastersteine klopft und die Wege mit der Landstreicherelle mißt.«

Aber Nele wurde über und über rot und erwiderte gekränkt: »Warum habt ihr nichts andres aus ihm gemacht?« »Da, jetzt weint sie«, sagte Soetkin, »sei doch still, lieber Mann!«

LXI

Ulenspiegel kam eines Tages nach Nürnberg und gab sich da als großer Arzt aus, als Besieger aller Krankheiten, als hochberühmten Darmfeger, gefeierten Unterdrücker des Fiebers und als wohlberufenen Austreiber der Pest und der Krätze.

In dem dortigen Spital waren so viele Kranke, daß man nicht wußte, wo man sie unterbringen sollte. Der Vorsteher des Spitals, der von Ulenspiegels Ankunft gehört hatte, suchte ihn auf und erkundigte sich bei ihm, ob es wahr sei, daß er alle Krankheiten heilen könne.

»Die letzte ausgenommen«, sagte Ulenspiegel, »doch versprecht mir zweihundert Gulden für die Heilung aller andern, und ich will nicht einen Heller annehmen, wenn alle Eure Kranken nicht das Spital verlassen und sagen werden, daß sie geheilt sind.«

Mit siegesgewissem Blick und feierlichem Gelehrtenantlitz kam er am nächsten Tag in besagtes Spital. Als er die Säle betrat, nahm er jeden Kranken beiseite und sagte zu ihm: »Schwöre mir, niemand anzuvertrauen, was ich dir ins Ohr sagen werde. Welche Krankheit hast du?« Der Kranke sagte es ihm und schwor bei Gott, zu schweigen. »Wisse«, sagte Ulenspiegel, »daß ich einen von euch zu Asche verbrennen und aus dieser Asche eine wunderbare Mixtur herstellen soll, um sie allen Kranken zu trinken zu geben. Wer nicht marschieren kann, wird verbrannt. Morgen werde ich herkommen, mich mit dem Vorsteher des Spitals auf die Straße stellen und euch anrufen: ›Wer nicht krank ist, der packe seine Siebensachen und komme!‹«

Am nächsten Morgen kam Ulenspiegel und rief, wie er gesagt hatte. Da wollten alle Kranken – Hinkende, Gichtische, Hustende und Fieberische – gleichzeitig fortgehen. Alle waren auf der Straße, selbst solche, die seit zehn Jahren ihr Bett nicht verlassen hatten. Der Spitalvorsteher fragte sie, ob sie geheilt seien und gehen könnten, und sie antworteten: »Ja«, da sie meinten, daß einer im Hof verbrannt werden sollte. Und Ulenspiegel sagte zu dem Vorsteher: »Bezahle mich, da alle herausgekommen sind und erklärt haben, sie seien geheilt.«

Der Vorsteher zahlte ihm zweihundert Gulden aus, und Ulenspiegel machte sich davon. Aber am zweiten Tag sah der Vorsteher seine Kranken in schlimmerem Zustand als vorher wiederkommen, einen einzigen ausgenommen, der, durch die frische Luft geheilt, betrunken durch die Straßen zog und sang: »Gelobt sei der große Doktor Ulenspiegel!«

LXII

Ulenspiegel kam nach Wien, wo er bei einem Wagenbauer Dienst nahm, der seine Gehilfen immer schalt, daß sie den Blasebalg der Schmiede nicht kräftig genug handhabten. »Folgt mir im Takt mit den Blasebälgen«, rief er immerzu.

Als der Meister eines Tages in den Garten ging, nahm Ulenspiegel den Blasbalg aus seinem Rahmen, lud sich ihn auf die Schulter und folgte seinem Meister. Dieser staunte, als er Ulenspiegel so schwer bepackt sah, und Ulenspiegel sagte zu ihm: »Meister, Ihr habt mir befohlen, mit den Blasebälgen zu folgen – wo soll ich den lassen, während ich gehe, die anderen zu holen?« »Lieber Junge«, antwortete der Meister, »das habe ich dir nicht gesagt, geh und bringe den Blasbalg an seinen Platz zurück.« Indessen dachte er darüber nach, wie er ihm diesen Streich heimzahlen könnte.

Von nun an stand er alle Tage um Mitternacht auf, weckte seine Gehilfen und ließ sie arbeiten. Die Gehilfen aber fragten: »Meister, warum weckst du uns mitten in der Nacht?« »Es ist eine Gewohnheit, die ich so an mir habe«, antwortete der Meister, »meine Gehilfen während der ersten sieben Tage nicht länger als die halbe Nacht im Bett liegen zu lassen.«

In der folgenden Nacht weckte er seine Gehilfen wieder um zwölf Uhr. Ulenspiegel, der auf dem Dachboden schlief, lud sich sein Bett auf den Rücken und kam so bepackt in die Schmiede hinunter. Der Meister sagte zu ihm: »Bist du närrisch? Was läßt du dein Bett nicht an seinem Platz?« »Es ist eine Gewohnheit, die ich so an mir habe«, antwortete Ulenspiegel, »während der ersten sieben Tage die eine Hälfte der Nacht auf dem Bett zuzubringen, die andre darunter.«

»Ausgezeichnet«, antwortete der Meister, »aber es ist eine zweite Gewohnheit, die ich so an mir habe, meine widerspenstigen Gehilfen auf die Straße zu werfen mit der Erlaubnis, daß sie die erste Woche auf dem Pflaster verbringen dürfen und die zweite darunter.« »Wenn Ihr wollt, in Eurem Keller, Meister, bei den Braunbierfässern«, antwortete Ulenspiegel.

LXIII

Als er den Wagenbauer verlassen hatte und auf dem Rückweg nach Flandern war, mußte er seine Dienste einem Schuhmacher widmen, dem es lieber war, sich auf der Straße herumzutreiben, als in seiner Werkstatt mit der Ahle umzugehen. Als Ulenspiegel zum hundertsten Male sah, wie er im Begriff war fortzugehen, fragte er ihn, wie er das Leder der Oberteile schneiden solle.

»Schneide es für große und mittlere Füße«, antwortete der Meister, »damit alles, was großes und kleines Vieh treibt, sie bequem anziehen kann.« »Es soll so geschehen, Meister«, antwortete Ulenspiegel.

Als der Schuhmacher fortgegangen war, schnitt Ulenspiegel das Oberleder nur als Schuhzeug für Stuten, Eselinnen, Färsen, Säue und Schafe. Als der Meister in die Werkstatt zurückkehrte und sein Leder in solche Stücke zerschnitten sah, sagte er: »Was hast du da gemacht, stümpernder Tunichtgut?« »Das, was Ihr mir gesagt habt«, antwortete Ulenspiegel. »Ich habe dir befohlen«, erwiderte der Meister, »mir die Schuhe so zuzuschneiden, daß alle jene sie bequem tragen können, die Ochsen, Schweine und Schafe treiben, und du machst mir Schuhzeug für die Füße dieser Tiere!« Ulenspiegel sagte: »Meister, wer anders als die Sau treibt den Werst in der Liebeszeit der Tiere, wer den Esel als die Eselin, wer den Stier als die Kuh und den Hammel als das Schaf?«

Dann ging Ulenspiegel fort und mußte seines Weges ziehen.

LXIV

Es war im April, und nach einer Zeit milden Wetters gab es strengen Frost, und der Himmel war grau wie am Totensonntag.

Das dritte Jahr von Ulenspiegels Verbannung war seit langem abgelaufen, und Nele harrte täglich ihres Freundes: »Ach!« sagte sie, »es wird auf die Birnbäume und Jasminsträucher schneien, die in Blüte stehen, und auf all die armen Pflanzen, die im Vertrauen auf die sanfte Wärme, die sie zu vorzeitiger Erneuerung weckte, aufgeblüht sind. Schon fallen kleine Flocken vom Himmel auf die Wege, und auch mein armes Herz wird von Schnee bedeckt! Wo sind die hellen Strahlen, die auf fröhlichen Gesichtern spielen, auf den Dächern tanzen und sie röter glänzen lassen und die Scheiben mit Flammenglut überziehen? Wo sind die Vögel und Insekten, die Himmel und Erde neu beleben? Ach! nun bin ich erstarrt vor Traurigkeit und bangem Warten, Tag und Nacht. Wo bist du, mein Freund Ulenspiegel?«

LXV

Ulenspiegel war nahe von Renaix in Flandern und hatte Hunger und Durst, aber er wollte nicht klagen und versuchte es, die Leute lachen zu machen, damit sie ihm Brot gäben. Aber er lachte allemal schlecht, und die Leute gingen vorbei, ohne ihm etwas zu geben.

Es fror ihn, und abwechselnd schneite, regnete und hagelte es auf den Rücken des Vagabunden. Wenn er ein Dorf durchzog, so lief ihm schon das Wasser im Mund zusammen, wenn er einen Hund in einer Mauerecke an einem Knochen nagen sah. Er wollte gar zu gern einen Gulden verdienen, wußte aber nicht, wie er ihm in den Ranzen fallen sollte. Hielt er nach oben Umschau, so sah er die Tauben, die vom Dach ihres Schlages weiße Klümpchen auf den Weg fallen ließen, das waren aber keine Gulden. Dann sah er wohl auf das Straßenpflaster hinab, aber da blühten keine Gulden zwischen den Steinen. Suchte er zur Rechten, so sah er eine Wolke, die sich wie eine große Gießkanne am Himmel hinzog, und er wußte, wenn diese Wolke etwas fallen ließe, so würde es kein Sturzregen von Gulden sein. Forschte er zur Linken, so gewahrte er einen großen indischen Kastanienbaum, einen Nichtstuer, der da lebte, ohne was zu schaffen. »Ach!« sprach er bei sich, »warum gibt es keine Guldenbäume? Das wären gar schöne Bäume!«

Plötzlich barst die große Wolke, und die kieselsteingroßen Hagelschloßen fielen dicht auf seinen Rücken. »Ach«, sagte er, »ich fühl's nur zu gut, man wirft mit Steinen nach mir wie nach tollen Hunden.« Dann begann er zu laufen. »Es ist nicht meine Schuld«, fuhr er in seinem Selbstgespräch fort, »daß ich keinen Palast, ja nicht einmal ein Zelt habe, um meinen mageren Körper zu schützen. Oh! die bösen Schloßen, sie sind hart wie Kanonenkugeln. Nein, es ist kein Vergehen, daß ich meine Lumpen durch die Welt schleife, das geschieht einzig deshalb, weil es mir Vergnügen bereitet. Warum bin ich nicht Kaiser! Diese Hagelschloßen wollen mit Gewalt in meine Ohren eindringen wie böse Reden.« –

Und er lief. »Arme Nase«, setzte er hinzu, »bald wirst du so durchbohrt sein, daß du als Pfefferbüchse bei den Schmausereien der Großen dieser Welt dienen kannst, auf die es nicht hagelt.« Dann trocknete er sich die Wangen. »Die werden den Köchen, die sich an ihren Backöfen wärmen, trefflich als Schaumquirl dienen. Ach, ferne Erinnerung an gewesene Soßen! Ich habe Hunger. Leerer Bauch, klage nicht! Schmerzende Eingeweide, plumpert nicht mehr! Wo versteckst du dich, freundliches Geschick? Führe mich in das Land, in dem es eine Weide für mich gibt.«

Während er so zu sich selbst sprach, wurde der Himmel hell, die Sonne glänzte, der Hagel hörte auf, und Ulenspiegel sagte: »Guten Tag, Sonne, mein einziger Freund, der kommt, mich zu trocknen!« Er lief weiter und fror. Plötzlich sah er einen schwarz- und weißgefleckten Hund auf der Straße, der mit heraushängender Zunge und Augen, die aus dem Kopf zu treten schienen, geradeswegs auf ihn zukam. »Dieses Tier hat die Tollwut im Bauch«, sagte Ulenspiegel, hob in der Hast einen großen Stein auf und kletterte auf einen Baum. Als er den ersten Ast erreicht hatte, lief der Hund vorbei, und Ulenspiegel ließ ihm den Stein auf den Schädel fallen. Der Hund blieb stehen und versuchte mit traurigen und steifen Bewegungen, auf den Baum zu klettern, um Ulenspiegel zu beißen, er vermochte es aber nicht, stürzte zu Boden und starb.

Ulenspiegel war dessen um so weniger froh, als er, vom Baum herabgestiegen, bemerkte, daß der Hund keinen trockenen Rachen hatte, wie seinesgleichen bei der Tollwut zu haben pflegt. Als er aber das Fell betrachtete, sah er, daß es schön und gut zu verkaufen war, zog es ab und wusch es, dann hängte er es auf einen Pfahl, ließ es ein wenig von der Sonne trocknen und tat es dann in seinen Ranzen.

Hunger und Durst quälten ihn weiter, er betrat mehrere Bauernhöfe, wagte aber nicht, sein Fell dort zu verkaufen, aus Furcht, der Hund könnte dem betreffenden Bauern gehört haben. Er bat um Brot, aber man gab ihm keines. Die Nacht kam. Seine Beine waren müde, und er trat in eine kleine Herberge. Da sah er eine alte Wirtsfrau, die einen alten hustenden Hund liebkoste, dessen Fell dem des toten ähnlich war. »Woher kommst du, Wanderer?« fragte ihn die alte Wirtin. Ulenspiegel antwortete: »Ich komme aus Rom, wo ich den Hund des Papstes von einem Nasenleiden geheilt habe, das ihm ganz ungewöhnlich beschwerlich war.« »Dann hast du also den Papst gesehen?« fragte sie und gab ihm ein Glas Bier. »Ach!« sagte Ulenspiegel, »es war mir nur verstattet, seine heiligen Füße und Pantoffeln zu küssen.« Währenddessen hustete der alte Hund der Wirtin, spuckte aber nicht.

»Wann tatest du das?« fragte die Alte. »Im vorletzten Monat«, antwortete Ulenspiegel. »Man hatte mich erwartet, ich kam an und klopfte an das Tor. ›Wer ist da?‹ fragte der erzkardinale, erzgeheime, erzaußerordentliche Kämmerer Seiner dreimal heiligen Heiligkeit. ›Das bin ich‹, antwortete ich, ›mein Herr Kardinal, der ausdrücklich deshalb aus Flandern kommt, um den Fuß des Papstes zu küssen und seinen Hund vom Nasenleiden zu kurieren.‹

›Ah, du bist's‹, ließ sich der Papst durch eine gegenüberliegende kleine Tür vernehmen. ›Ich wäre sehr froh, dich zu sehen, aber es ist augenblicklich unmöglich. Es ist mir durch die heiligen Dekretalien verboten, mein Gesicht einem Fremden zu zeigen, wenn man gerade das heilige Rasiermesser darüberführt.‹ ›Ach!‹ sagte ich, ›ich bin wahrlich unglücklich, ich komme aus einem so weitab gelegenen Land, um Eurer Heiligkeit die Füße zu küssen und Eurer Heiligkeit Hund von seinem Nasenleiden zu heilen. Muß ich also unverrichteterdinge wieder zurückkehren?‹ ›Nein‹, sagte der Heilige Vater, dann hörte ich ihn rufen: ›Erzkämmerer, schiebe meinen Fauteuil bis vor die Tür und öffne die Klappe, die darunter ist.‹ Das geschah. Dann sah ich einen Fuß durch die Öffnung stecken, der mit einem goldenen Pantoffel bekleidet war, und hörte eine donnergleiche Stimme folgende Worte sprechen: ›Das ist der furchtbare Fuß des Fürsten der Fürsten, des Königs der Könige, des Kaisers der Kaiser. Küsse den heiligen Pantoffel, Christ, küsse ihn!‹ Und ich küßte den heiligen Pantoffel und hatte die Nase voll von dem balsamischen Himmelsduft, den dieser Fuß ausströmte. Sodann schloß die Klappe sich, und dieselbe furchtbare Stimme sagte mir, ich solle warten.

Als sich die Klappe wieder öffnete, kam, mit allem Respekt sei's gesagt, ein Tier heraus, das kahlhäutig, triefäugig und wie ein Schlauch aufgebläht war und wegen der Breite seines Wanstes mit gespreizten Beinen gehen mußte. Der Heilige Vater geruhte mir noch zu sagen: »Ulenspiegel, du siehst da meinen Hund, er hat durch das Benagen der Knochen, die man den Ketzern gebrochen hat, ein Nasenleiden und noch andere Krankheiten abbekommen. Heile ihn, mein Sohn, du wirst deinen Lohn bekommen.«

»Trink«, sagte die Alte. »Schenk ein«, antwortete Ulenspiegel und fuhr in seinem Bericht fort: »Ich klistierte den Hund mit einer wunderbaren Mixtur, die ich selbst gebraut hatte. Daraufhin pißte er drei Tage und drei Nächte lang ohne Unterbrechung und genas.«

»Jesus, God en Maria!« sagte die Alte, »laß mich dich küssen, glorreicher Pilger, der du den Papst gesehen hast und auch meinen Hund wirst heilen können!« Ulenspiegel aber, dem an den Küssen der Alten nichts gelegen war, sagte: »Wessen Lippen den heiligen Pantoffel geküßt haben, der darf zwei Jahre lang von keiner Frau einen Kuß empfangen. Gib mir zunächst einige gute Fleischklöße, ein oder zwei Würste und entsprechend viel Bier dazu, und ich werde deinem Hund eine so klare Stimme verleihen, daß er die Aves im Chor der großen Kirche singen kann.« »Sprächst du wahr«, seufzte die Alte, »ich würde dir einen Gulden geben.« »Ich werd's schon machen«, erwiderte Ulenspiegel, »aber erst nach dem Abendessen.«

Sie wartete ihm mit allem auf, was er verlangt hatte. Er aß und trank, was Platz hatte, und wollte die Alte zum Dank für die Atzung schier umarmen, wenn er nicht gesagt hätte, daß ihm das verboten sei. Während er aß, legte der alte Hund die Pfoten auf seine Knie, um einen Knochen zu bekommen. Ulenspiegel gab ihm mehrere und sagte dann zur Wirtin: »Wenn einer bei dir gegessen hätte und nicht bezahlte, was würdest du tun?« »Ich nähme dem Schlingel sein bestes Kleid«, antwortete die Alte. »So ist's gut«, erwiderte Ulenspiegel, dann nahm er den Hund unter den Arm und ging mit ihm in den Pferdestall. Dort sperrte er ihn mit einem Knochen ein, nahm das Fell des toten Hundes aus seinem Ranzen und kehrte zu der Alten zurück, er fragte sie, ob sie nicht gesagt habe, daß sie dem, der seine Mahlzeit nicht bezahlen würde, das beste Kleid ausziehen wollte. Sie bejahte.

»Sehr gut! Dein Hund hat mit mir gegessen und hat mir nichts bezahlt, ich habe ihm, deiner Vorschrift gemäß, sein bestes Gewand ausgezogen.« Damit zeigte er ihr das Fell des toten Hundes.

»Ach«, rief die Alte weinend, »das ist grausam von Euch, Herr Arzt. Armes Hündchen! Es war mir in meinem Witwenstand wie ein Kind. Warum hast du mich des einzigen Freundes beraubt, den ich auf der Welt hatte? Jetzt bleibt mir nichts mehr als der Tod.« »Ich werde ihn wieder zum Leben erwecken«, sagte Ulenspiegel. »Erweckt ihn!« sagte sie, »er wird mich wieder liebkosen, mich wieder ansehen, mich wieder lecken und wieder mit seinem armseligen alten Schwanzstummel wedeln, wenn er mich sieht! Tut es, Herr Arzt, und Ihr sollt hier ein gar köstliches Essen umsonst haben, und ich werde Euch obendrein mehr als einen Gulden für Euer Werk geben.« »Ich werde ihn wieder erwecken«, sagte Ulenspiegel, »aber ich brauche dazu heißes Wasser, Sirup, um die Schnitte zu verkleben, eine Nadel und Zwirn und Bratensoße, auch will ich bei der Operation allein bleiben.«

Die Alte gab ihm, was er verlangt hatte, dann nahm er das Fell wieder an sich und ging in den Pferdestall. Dort schmierte er dem alten Hund die Soße ums Maul, was der freudig geschehen ließ. Dann machte er ihm mit Sirup einen breiten Streifen auf den Bauch, bestrich ihm auch die Zehen mit Sirup und den Schwanz mit Bratensoße. Dann stieß er drei laute Schreie aus und rief: »Staet op! Staet op! Ik't bevel, vuilen hond!«»Steh auf, steh auf, ich befehl's dir, fauler Hund!« (Anmerkung des Übersetzers.) Hierauf steckte er das Fell des toten Hundes schleunig in seinen Ranzen, gab dem lebenden einen kräftigen Fußtritt und beförderte ihn so in die Gaststube der Herberge.

Als die Alte ihren Hund am Leben und sich die Schnauze lecken sah, wollte sie ihn voll Entzücken umarmen, aber Ulenspiegel erlaubte das nicht. »Du darfst den Hund nicht eher liebkosen«, sagte er, »als bis er mit seiner Zunge den ganzen Sirup abgeleckt hat, mit dem er bestrichen ist, dann erst werden die Schnitte in der Haut fest verwachsen sein. Und nun zahle mir meine zehn Gulden.« »Ich habe nur von einem gesagt«, erwiderte die Alte. »Einen für die Operation und neun für die Wiedererweckung«, sagte Ulenspiegel. Und sie bezahlte ihm die zehn Gulden.

Als Ulenspiegel sich dann zum Weggehen anschickte, warf er die Haut des toten Hundes in die Gaststube und sagte: »Nimm seine alte Haut, Frau, und hebe sie gut auf, sie wird dir nützlich sein, um das neue Fell zu flicken, wenn es Löcher bekommt.«

An diesem Sonntag fand in der Stadt Brügge die Prozession vom heiligen Blute statt. Claes sagte zu seinem Weib und Nele, sie sollten hingehen, um ihr beizuwohnen; vielleicht könnten sie auch Ulenspiegel in der Stadt treffen. Er wollte, sagte er, inzwischen die Hütte bewachen und warten, ob der Pilger nicht heimkäme.

Die Frauen machten sich zu zweit auf den Weg, Claes blieb in Damme, setzte sich auf die Schwelle seiner Tür und machte da die Beobachtung, daß die Stadt ganz verödet war. Außer dem kristallklaren Läuten irgendeiner dörflichen Glocke vernahm er keinen Laut, einzelne Windstöße trugen ihm aus Brügge das Klingen der Glockenspiele und das gewaltige Krachen der Geschütze und Mörser zu, die zu Ehren des heiligen Blutes abgeschossen wurden.

Claes hielt gedankenvoll nach Ulenspiegel Umschau, sah aber nichts andres als den klaren, wolkenlos blauen Himmel, einige Hunde, die mit heraushängender Zunge in der Sonne lagen, kecke Spatzen, die piepsend im Staub badeten, eine Katze, die ihnen auflauerte, und das Sonnenlicht, das freundlich in alle Häuser strahlte und die Kupferkessel und Zinnhumpen auf den Borden erglänzen ließ. Aber Claes war traurig inmitten dieses Frohsinns, denn er sehnte sich nach seinem Lohn, er mühte sich, ihn hinter dem grauen Nebel der Wiesen zu sehen, ihn im freudigen Rauschen der Blätter und im lustigen Konzert der Vögel auf den Bäumen zu hören.

LXVI

Plötzlich sah er auf dem Wege, der von Maldeghem nach Damme führt, einen Mann von hoher Gestalt, erkannte aber gleich, daß es nicht Ulenspiegel war. Er sah ihn am Rand eines Mohrrübenfeldes stehenbleiben und gierig von diesem Gemüse essen. »Das ist einer, der Heißhunger hat«, sagte Claes. Dann verlor er ihn einen Moment lang aus den Augen, sah ihn aber an der Ecke der Rue d'Héron wieder auftauchen und erkannte in ihm den Boten Josses, der ihm die siebenhundert goldnen Karlsgulden gebracht hatte.

Er ging ihm auf der Straße entgegen und sagte zu ihm: »Tritt bei mir ein!« Der Mann antwortete: »Gesegnet sind, die den irrenden Wanderer erlaben.« Soetkin hatte auf dem äußeren Fenstersims der Hütte Brot ausgestreut, das für die Vögel bestimmt war. Im Winter kamen sie dahin, um Nahrung zu suchen. Der Mann nahm einige von den Krumen und aß sie. »Du hast Hunger und Durst«, sagte Claes. Der Mann erwiderte: »Ich bin vor acht Tagen von Dieben geplündert worden und habe mich seitdem nur von Mohrrüben im Feld und von Wurzeln im Wald genährt.« »Dann ist es Zeit zu schmausen«, sagte Claes, öffnete die Speisekammer und sprach: »Da ist ein Sack voll Erbsen, da sind Eier, Würste, Schinken, Genter Schwarzwürste, waterzoey und Fischragout. In der Tiefe des Kellers schlummert der Wein von Louvain, auf Burgunder Art bereitet, rot und hell wie Rubin; er bittet förmlich darum, durch die Gläser geweckt zu werden. Laß uns also Holz ins Feuer tun! Hörst du die Würste auf dem Rost singen? Das ist das Lied der köstlichen Nahrung.«

Claes fragte den Mann, während er die Würste hin und her drehte: »Hast du meinen Sohn Ulenspiegel nicht gesehen?« »Nein«, antwortete er. »Bringst du Nachrichten von meinem Bruder Josse?« fragte Claes weiter, während er die gebratenen Würste auf den Tisch setzte nebst einer Omelette mit fettem Schinken, Käse und großen Humpen Weins von Louvain, der rot und klar in den Flaschen schimmerte. Der Mann antwortete: »Dein Bruder Josse ist in Sippenaken bei Aachen auf dem Rad gestorben, weil er als Ketzer die Waffen gegen den Kaiser geführt hat.«

Da ward Claes fast irre vor großem Zorn und sprach, am ganzen Körper bebend: »Elende Henker! Ach, Josse, mein armer Bruder!« Und der Mann sagte ohne Sanftmut: »Unsere Wonnen und Leiden sind nicht von dieser Welt!« Dann machte er sich ans Essen und fuhr fort: »Ich habe deinem Bruder im Gefängnis beigestanden, indem ich mich als einen Verwandten, einen Bauern aus Niesweiler, ausgab. Ich bin hierhergekommen, weil er zu mir sagte: ›Wenn du nicht wie ich für den Glauben stirbst, gehe gleich zu meinem Bruder Claes, ermahne ihn, im Frieden des Herrn zu leben, Werke der Barmherzigkeit zu tun und seinen Sohn im geheimen nach dem Gebot Christi aufzuziehen.‹

Das Geld, das ich ihm gegeben habe, möge er dazu verwenden, Thyl nach den Lehren Gottes und der Heiligen Schrift zu erziehen.‹« Nach diesen Worten gab der Bote Claes den Kuß des Friedens. Und Claes klagte: »Auf dem Rad gestorben! Mein armer Bruder!« Und er konnte sich von seinem großen Schmerz nicht erholen. Als er aber sah, daß der Mann Durst hatte und sein Glas hinhielt, schenkte er ihm Wein ein und aß und trank selber, aber ohne Freude.

Soetkin und Nele waren sieben Tage lang abwesend, und während dieser Zeit wohnte der Bote Josses unter Claesens Dach. Allnächtlich hörten sie Katheline in ihrer Hütte stöhnen: »Das Feuer! Das Feuer! Macht ein Loch, die Seele will entfliehen!« Claes ging zu ihr, tröstete sie durch sanfte Worte und kehrte dann in seine Wohnung zurück. Als der siebente Tag um war, machte sich der Mann auf den Weg und wollte von Claes nicht mehr als zwei Karlsgulden für Wegzehrung und Obdach annehmen.

LXVII

Nele und Soetkin waren von Brügge zurückgekehrt. Claes saß in der Küche, nach Art der Schneider auf dem Boden, und nähte an eine alte Hose Knöpfe an. Nele war bei ihm und hetzte Titus Bibulus Schnuffius auf den Storch, abwechselnd schoß er auf ihn zu und zog sich wieder zurück und keifte mit seiner höchsten Stimme. Der Storch stand auf einem Bein, sah ihn würdevoll und nachdenklich an und zog seinen langen Hals ins Brustgefieder zurück. Als Titus Bibulus Schnuffius ihn so friedlich sah, kläffte er noch lauter. Aber plötzlich schnellte der Vogel, den diese Musik verdroß, seinen Schnabel wie einen Pfeil nach dem Rücken des Hundes, der die Flucht ergriff und schrie: »Zu Hilfe!«

Claes lachte, Nele desgleichen, Soetkin aber hörte nicht auf, die Straße entlang zu schauen und zu suchen, ob sie Ulenspiegel nicht kommen sähe. Plötzlich sagte sie: »Da ist der Profos mit vier Justizsoldaten. Von uns wollen sie doch nichts – ohne Zweifel. Da gehen zwei rund um die Hütte herum.« Claes hob die Nase von seiner Arbeit auf. »Und zwei bleiben davor stehen«, fuhr Soetkin fort. Claes erhob sich. »Wen will man denn in dieser Straße verhaften?« sagte Soetkin, »Herr Jesus! Lieber Mann, sie treten hier ein.«

Claes sprang aus der Küche in den Garten, Nele folgte ihm. »Rette die Karlsgulden«, sagte er zu ihr, »sie sind hinter dem Kamin.« Nele verstand ihn und sah dann, wie er über die Hecke sprang, von den Schergen am Kragen gefaßt wurde und auf sie einschlug, um sich von ihnen loszumachen. Sie weinte und schrie: »Er ist unschuldig! Er ist unschuldig! Tut ihm nichts Böses, meinem Vater Claes! Ulenspiegel, wo bist du? Du schlügest sie beide tot!« Und sie stürzte sich auf einen der Schergen und zerriß ihm mit den Nägeln das Gesicht. Dann schrie sie: »Sie töten ihn!«, fiel auf den Rasen des Gartens nieder und wälzte sich vor Verzweiflung. Katheline war auf den Lärm herbeigeeilt und sah dieses Schauspiel steif und regungslos mit an, dann wiegte sie den Kopf und sagte: »Das Feuer, das Feuer! Macht ein Loch, die Seele will entfliehen!«

Soetkin hatte nichts gesehen und sprach zu den Schergen, die in die Hütte eingetreten waren: »Meine Herren, was sucht ihr in unserer armen Hütte? Wenn ihr meinen Sohn sucht – der ist weit. Sind eure Beine lang?« Nach diesen Worten war sie froh.

In diesem Augenblick rief Nele um Hilfe, Soetkin lief in den Garten und sah ihren Mann, wie er, am Kragen festgehalten, auf der Straße neben der Hecke stand und sich gegen die Häscher zur Wehr setzte. »Schlag drein!« rief sie, »töte sie! Ulenspiegel, wo bist du?« Und sie wollte ihrem Mann zu Hilfe eilen, aber einer der Schergen hielt sie fest, was nicht ohne Gefahr für ihn war. Claes setzte sich mit so guten Schlägen zur Wehr, daß es ihm wohl geglückt wäre, zu entwischen, wenn die beiden Schergen, zu denen Soetkin gesprochen hatte, nicht denen, die ihn festhielten, zu Hilfe gekommen wäre. Beide Hände gefesselt, führten sie ihn in die Küche zurück, wo Soetkin und Nele blutige Tränen weinten. »Mein Herr Profos«, sagte Soetkin, »was hat mein Mann denn getan, dafür man ihn so mit Stricken fesselt?« »Er ist ein Ketzer«, sagte einer der Schergen. »Ketzer?« erwiderte Soetkin, »du bist Ketzer, du? Diese Dämonen haben gelogen.« Claes aber sprach: »Ich begebe mich in Gottes Obhut.« Dann mußte er gehen.

Nele und Soetkin folgten ihm weinend und glaubten, daß man auch sie vor den Richter führen werde. Männer und Weiber kamen herbei, als sie sahen, daß Claes so gefesselt einherging, weil man ihn der Ketzerei verdächtigte, erfaßte sie so große Angst, daß sie hastig in ihre Häuser zurückkehrten und alle Türen hinter sich verschlossen. Nur einige kleine Mädchen wagten, auf Claes zuzukommen und ihn zu fragen: »Wohin gehst du so gefesselt?« »Zur Gnade Gottes, Kinderchen«, antwortete er.

Man brachte ihn ins Gemeindegefängnis. Soetkin und Nele setzten sich auf die Schwelle. Gegen Abend sagte Soetkin zu Nele, sie solle sie verlassen und nach Hause gehen, um zu sehen, ob Ulenspiegel nicht zurückgekehrt sei.

LXVIII

Die Nachricht, daß man einen Mann wegen Ketzerei gefangengesetzt habe und daß der Inquisitor Titelman, Dechant von Renaix, mit dem Beinamen »Inquisitor Herzlos«, die Befragung leiten werde, hatte sich rasch in der Umgebung von Damme verbreitet.

Ulenspiegel lebte damals zu Koolkerke in intimster Gunst einer lieblichen Pächterin, einer sanften Witwe, die ihm nichts von dem, was sie hatte, verweigerte. Er war da sehr glücklich, verwöhnt und liebkost, bis zu dem Tage, an dem ein verhaßter Rivale, ein Gemeindeschöffe, morgens wartete, wann er aus der Schenke kommen würde, um ihn mit Eiche abzureiben. Ulenspiegel stieß ihn aber in eine Moorlache, um seine Wut abzukühlen, aus der der Schöffe heil herauskam, aber grün wie eine Kröte und vollgesogen wie ein Schwamm. Wegen dieser hehren Tat mußte Ulenspiegel Koolkerke verlassen und eilte, was ihn seine Beine tragen konnten, Damme zu, da er die Rache des Schöffen fürchtete.

Ein kühler Abend senkte sich über das Land, und Ulenspiegel eilte; er wollte schon bald zu Hause ein. Er sah im Geist Nele nähen, Soetkin das Abendessen bereiten, Claes Reisig bündeln, Schnuffius einen Knochen nagen und den Storch der Hausfrau auf den Bauch klopfen, um ein paar Bissen abzubekommen. Ein Straßenhändler sprach ihn im Vorbeigehen an: »Wohin läufst du so schnell?« »Nach Damme, in mein Heim«, antwortete Ulenspiegel. Der Händler sagte: »Die Stadt ist wegen der Reformierten, die man dort verhaftet hat, nicht sicher«, dann ging er weiter. Vor der Herberge »Zum Roten Schild« angelangt, trat Ulenspiegel ein, um ein Glas Dobbelkuyt zu trinken, und der Wirt sagte zu ihm: »Bist du nicht Claesens Sohn?« »Der bin ich«, antwortete Ulenspiegel. »Beeile dich, denn für deinen Vater hat die Stunde des Unglücks geschlagen.« Ulenspiegel fragte ihn, was das besagen solle, aber der Wirt antwortete, daß er's noch allzufrüh erfahren würde. Und Ulenspiegel setzte seinen Lauf fort.

Als er vor das Tor von Damme kam, stürzten sich die Hunde, die auf den Torschwellen lagen, auf seine Beine, schnappten nach ihm und kläfften. Die Weiber kamen auf den Lärm hin aus den Häusern und sagten, alle zugleich sprechend, zu ihm: »Woher kommst du? Hast du Nachrichten von deinem Vater? Wo ist deine Mutter? Ist sie auch im Gefängnis? Ach! Wenn man ihn nur nicht verbrennt!«

Ulenspiegel lief immer schneller. Da begegnete ihm Nele, die zu ihm sagte: »Thyl, geh nicht in dein Haus, die Ratsherren haben auf Befehl Seiner Majestät einen Wachtposten hingestellt.« Ulenspiegel hielt im Lauf an und sagte: »Nele, ist es wahr, daß Claes, mein Vater, im Gefängnis ist?« »Ja«, sagte Nele, »und Soetkin weint auf der Schwelle.« Da schwoll das Herz des Sohnes gewaltig an vor Schmerz, und er sprach zu Nele: »Ich gehe, ihn zu besuchen.« »Du tätest damit nicht recht«, sagte sie, »du sollst vielmehr Claes gehorchen, der, ehe er gefangengenommen ward, zu mir gesagt hat: ›Rette die Karlsgulden, sie sind hinter dem Kamin.‹ Das mußt du zunächst tun, denn diese Gulden sind das Erbe Soetkins, des armen Weibes.«

Ulenspiegel hörte nichts und lief zum Gefängnis. Dort sah er Soetkin auf der Schwelle sitzen. Sie umarmte ihn unter Tränen, und beide weinten zusammen. Bei diesem Anblick sammelte sich eine Menge Volks vor dem Gefängnis an, und ein Soldat kam auf Ulenspiegel und Soetkin zu und sagte ihnen, sie sollten sich so schnell wie möglich aus dem Staube machen.

Mutter und Sohn gingen in Neles Hütte, die der ihren benachbart war, vor der sie einen Landsknecht aus Brügge stehen sahen, da befürchtet wurde, daß während der Gerichtshaltung und der Exekution Unruhen ausbrechen könnten. Denn die Bürger von Damme liebten Claes gar sehr. Der Landsknecht saß auf dem Stein, der vor der Tür lag, und war damit beschäftigt, den letzten Tropfen Branntwein aus seiner Flasche zu schlürfen. Da er nichts mehr darin fand, warf er sie einige Schritte weit weg und vergnügte sich, indem er mit seiner Hellebarde die Pflastersteine lockerte.

Soetkin trat laut weinend zu Katheline ins Zimmer. Die wackelte mit dem Kopf und sagte: »Das Feuer! Macht ein Loch, die Seele will entfliehen!«

LXIX

Die Glocke läutete Burgsturm und rief damit die Richter zum Tribunal, die sich zur vierten Stunde in der Vierschar um die Gerichtslinde versammelten. Claes wurde vor sie geführt und sah den Vogt von Damme unter dem Richterhimmel sitzen, ihm zur Seite und das Gesicht ihm zugewandt, den Bürgermeister, die Schöffen und den Gerichtsschreiber. Auf das Glockengeläute hin kam das Volk in großer Menge herbeigelaufen und rief: »Viele von den Richtern sind nicht da, um Werke der Gerechtigkeit zu tun, sondern um dem König Schergendienste zu leisten.« Der Gerichtsschreiber erklärte, daß das Tribunal nach Sichtung und Anhörung der Anzeigen und Zeugenaussagen gelegentlich einer vorhergegangenen Versammlung um die Gerichtslinde beschlossen habe, Claes, den Köhler, zu Damme geboren, Gatte Soetkins, der Tochter Joostens, in Haft zu nehmen. Nunmehr wollten sie – fuhr er fort – das Zeugenverhör vornehmen.

Zunächst wurde Hans Barbier, Claesens Nachbar, angehört. Nachdem er den Eid geleistet hatte, sagte er: »Beim Heil meiner Seele! Ich bestätige und versichere, daß Claes, der hier vor dem Tribunal steht und der mir seit bald siebzehn Jahren wohlbekannt ist, immer ehrbar den Geboten unserer heiligen Mutter Kirche folgend gelebt hat, daß er niemals schmähende Reden über sie geführt, niemals irgendeinem Ketzer Unterschlupf gewährt hat, weder das Buch Luthers verborgen hielt noch darüber sprach, und daß er nichts getan hat, weswegen man ihn beschuldigen könnte, gegen die Gesetze und Erlasse der Krone gefehlt zu haben. So wahr mir Gott helfe und alle seine Heiligen!«

Jan van Roosebeke wurde als nächster angehört und sagte, daß er während der Abwesenheit Soetkins, Claesens Frau, mehrere Male zwei Männerstimmen gehört zu haben glaube, und daß er oft des Abends, nach dem Aveläuten, in einem kleinen Zimmer unter dem Dach zwei Männer, deren einer Claes war, bei einem Licht miteinander habe reden sehen. Ob der andere Mann ein Ketzer war oder nicht, könne er nicht sagen, da er ihn nur von weitem gesehen habe. »Was sonst Claes betrifft«, fügte er hinzu, »sage ich in voller Wahrheit, daß er, seit ich ihn kenne, seine Ostern immer regelmäßig gefeiert und daß er bei allen großen Festen zur Kommunion gegangen ist, auch ging er jeden Sonntag zur Messe, ausgenommen die vom heiligen Blut und die danach folgten. Sonst weiß ich nichts zu sagen. So wahr mir Gott helfe und alle seine Heiligen.«

Gefragt, ob er nicht gesehen habe, wie Claes in der Schenke »Zum Blauen Turm« Ablässe verkauft und das Fegefeuer verspottet habe, antwortete Jan van Roosebeke, daß Claes in der Tat Ablässe verkauft habe, daß er aber weder Hohn noch Spott dabei getrieben habe und daß er, Roosebeke, welche gekauft habe, wie es auch Josse Grypstuiver, der Gildenmeister der Fischhändler, habe machen wollen, der da inmitten des Volkshaufens stünde.

Darauf sagte der Vogt, daß er nun die Tatsachen und Umstände bekanntmachen werde, derentwillen Claes vor das Tribunal der Vierschar geführt worden sei.

»Der Anzeiger«, begann er, »der durch Zufall in Damme geblieben war, um sein Geld nicht in Brügge für Gelage und Schmausereien auszugeben, wie das ja bei solch heiligen Anlässen allzuoft Brauch ist, begnügte sich damit, auf der Schwelle seiner Tür Luft zu schöpfen. Da sah er einen Mann durch die Rue d'Héron daherkommen. Als Claes diesen Mann gewahrte, ging er auf ihn zu und begrüßte ihn. Dieser Mann trug schwarze Kleidung. Er trat bei Claes ein, und die Tür der Hütte blieb offen. Neugierig zu erfahren, wer dieser Mann sei, trat der Anzeiger in den Vorraum der Hütte und hörte, wie Claes in der Küche mit dem Fremden über einen gewissen Josse, seinen Bruder, sprach, der, mit den Truppen der Reformierten gefangengenommen, wegen seines Tuns unweit von Aachen lebend auf das Rad geflochten worden war. Der Fremde sagte zu Claes, daß das Geld, welches er von seinem Bruder empfangen habe, an der Unwissenheit des Volkes verdient sei und daß er es dazu verwenden solle, seinen Sohn in der reformierten Religion aufzuziehen. Auch trug er Claes auf, den Schoß unserer heiligen Mutter Kirche zu verlassen, und ließ noch andere lästerliche Reden laut werden, auf die Claes nur mit diesen Worten erwiderte: ›Grausame Henker! Mein armer Bruder!‹

Und er klagte unseren Heiligen Vater, den Papst, und Seine Königliche Majestät der Grausamkeit an, dieweil sie die Ketzerei gerechterweise als Verbrechen der Beleidigung gegen die göttliche und menschliche Majestät bestraften. Als der Mann seine Mahlzeit beendet hatte, hörte der Anzeiger, wie Claes ausrief: ›Armer Josse! Gott möge dir beistehen in seiner Gnade! Sie haben dich grausam behandelt!‹ So beschuldigte er Gott selbst der Lästerung, indem er behauptete, daß Ketzer in seinen Himmel aufgenommen werden könnten. Und er rief ohne Unterlaß: ›Mein armer Bruder!‹ Der Fremde, der nun, gleich einem Prädikanten bei der Predigt, in Begeisterung versetzt wurde, rief aus: ›Es wird stürzen, das große Babylon, die römische Hure, und wird zum Asyl werden für alle Dämonen und zum Schlupfwinkel für alles ekle Gevögel!‹ Claes sagte: ›Grausamer Henker! Mein armer Bruder!‹ Der Fremde fuhr in seiner Rede fort und sagte: ›Und der Engel wird einen Stein nehmen, groß wie eine ganze Mühle, wird ihn ins Meer schleudern und sprechen: ›So wird das große Babylon gestürzt und nimmer aufgefunden werden.‹ ›Herr‹, sagte Claes, ›Euer Mund ist voll des Zornes, aber sagt mir, wann wird die Herrschaft derer kommen, die sanften Herzens sind und in Frieden auf Erden leben können?‹ ›Niemals‹, antwortete der Fremde, solange der Antichrist regiert, der Papst, der aller Wahrheit Feind ist.‹ ›Ach‹, sagte Claes, ›Ihr sprecht ohne Ehrfurcht von unserem Heiligen Vater. Er weiß sicher nichts von den grausamen Martern, die man die armen Reformierten erleiden läßt.‹ Der Fremde antwortete: ›Er weiß es wohl, denn er ist es, der ihre Urteile bestimmt und sie durch den Kaiser – jetzt durch den König – vollstrecken läßt, der die Vorteile der Konfiskation genießt, die Hingerichteten beerbt und freudigen Herzens den Reichen wegen Ketzerei den Prozeß macht.‹ Claes antwortete: ›Man spricht in Flandern von diesen Dingen, ich muß wohl daran glauben! Das Fleisch der Menschen ist schwach, selbst wenn es königliches Fleisch ist. Mein armer Josse!‹

Und so gab Claes zu verstehen, daß es der niedrige Wunsch, sich zu bereichern, sei, der Seine Majestät dazu veranlasse, die Ketzer zu bestrafen. Der Fremde wollte weiterschwatzen, aber Claes sagte: ›Habt die Güte, mein Herr, nicht weiter solcher Unterhaltung zu pflegen, die mir, wenn sie gehört würde, einen bösen Prozeß einbringen könnte.‹ Claes erhob sich, um in den Keller zu gehen, und kehrte mit einem Krug Bier zurück. ›Ich werde die Tür schließen‹, sagte er dann, und der Anzeiger hörte nichts mehr, denn er mußte das Haus schleunigst verlassen.

Die Tür blieb verschlossen, wurde jedoch bei einbrechender Nacht wieder geöffnet, der Fremde ging fort, kam aber nach kurzer Zeit wieder, klopfte und sprach: ›Claes, mich friert, ich weiß nicht, wo ich übernachten soll. Gib mir Obdach! Es hat mich niemand kommen sehen, die Stadt ist ganz verödet.‹ Claes nahm ihn bei sich auf, zündete die Laterne an, und man sah, wie er hinter dem Ketzer die Treppe hinaufging und den Fremden in ein kleines Zimmer unter dem Dach führte, dessen Fenster sich nach dem Felde öffnen . . .«

»Wer kann all das berichtet haben«, rief Claes aus, »wenn nicht du, elender Fischhändler? Ich habe dich am Sonntag, steif wie ein Pfahl, auf deiner Schwelle stehen und scheinheilig dem Flug der Schwalben folgend in die Luft starren sehen.« Und er zeigte mit dem Finger auf Josse Grypstuiver, den Meister der Fischhändlergilde, dessen häßliche Fratze in der Volksmenge sichtbar war.

Der Fischhändler lächelte boshaft, als er sah, wie Claes sich solcherart verriet. »Der arme, brave Claes«, sagten alle, Männer, Frauen und Kinder zueinander, »diese Worte werden ohne Zweifel seinen Tod herbeiführen.«

Aber der Gerichtsschreiber fuhr in seiner Erklärung fort: »Der Ketzer und Claes führten in dieser Nacht, wie in den sechs folgenden Nächten, lange Gespräche, während deren man den Fremden mit zum Himmel erhobenen Armen Gesten des Fluches oder des Segens machen sehen konnte, wie seinesgleichen im Ketzerglauben zu tun pflegen. Claes schien seine Ausführungen gutzuheißen. Sicherlich sprachen sie während dieser Tage, Abende und Nächte Schimpfliches über die Messe, über den Glauben und die Ablässe und über Seine Königliche Majestät . . .«

»Niemand hat das gehört«, sagte Claes, »und man kann mich nicht so ohne Beweise beschuldigen!«

Der Gerichtsschreiber erwiderte: »Man hat anderes gehört, als der Fremde am siebenten Tag, um die sechste Stunde, von dir fortging, hast du ihn – der Abend war schon angebrochen – bis an den Rand von Kathelines Feld begleitet. Dort befragte er dich, was du mit den verfluchten Götzenbildern« – hier bekreuzigte sich der Vogt – »der Heiligen Jungfrau, des heiligen Nicolas und des heiligen Martin gemacht habest. Du antwortetest, daß du sie zerbrochen und in den Brunnen geworfen habest. Tatsächlich wurden in der darauffolgenden Nacht in deinem Brunnen die Trümmer gefunden, sie befinden sich in der Folterkammer.«

Nach diesen Worten schien Claes überwältigt. Der Vogt fragte ihn, ob er nichts zu erwidern habe, und Claes verneinte durch eine Kopfbewegung. Der Vogt fragte ihn weiter, ob er den fluchwürdigen Gedanken, der ihn die Figuren habe zertrümmern lassen, widerrufen wolle, ebenso die lasterhafte Verirrung, in der er gegen Seine Göttliche Majestät und gegen Seine Königliche Majestät Worte der Schmähung ausgesprochen habe. Claes antwortete, daß sein Körper wohl Seiner Königlichen Majestät gehöre, sein Gewissen aber Christo, dessen Geboten er folgen wolle.

Der Vogt fragte ihn, ob dieses Gesetz dasjenige der heiligen Mutter Kirche sei, und Claes erwiderte: »Es steht im Heiligen Evangelium.« Aufgefordert, die Gewissensfrage zu beantworten, ob der Papst Gottes Vertreter auf Erden sei, antwortete er: »Nein.« Befragt, ob er glaube, daß es unzulässig sei, die Bilder der Heiligen Jungfrau und der Heiligen anzubeten, antwortete er, daß dies Götzendienst sei. Auf die weitere Frage, ob er die Ohrenbeichte als eine gute und dem Seelenheil förderliche Institution betrachte, antwortete er: »Christus hat gesagt: ›Bekennet euch einer vor dem anderen.‹«

Obgleich er im Grunde seines Herzens betrübt und voll Schrecken war, waren seine Antworten kraftvoll. Es schlug acht Uhr, und der Abend senkte sich hernieder. Die Herren des Tribunals zogen sich zurück und verschoben die endgültige Urteilsfällung auf den nächsten Tag.

LXX

Soetkin weinte in Kathelines Hütte vor rasendem Schmerz und sagte ohne Unterlaß: »Mein Mann, mein armer Mann!« Ulenspiegel und Nele umarmten sie mit überströmender Zärtlichkeit. Sie schloß sie in ihre Arme und weinte still vor sich hin. Dann gab sie durch Zeichen zu verstehen, daß man sie allein lassen solle. Nele sagte zu Ulenspiegel: »Lassen wir sie hier, sie will es, retten wir die Karlsgulden.« Und sie gingen zu zweit fort. Katheline umkreiste Soetkin und sagte: »Macht ein Loch, die Seele will von dannen!« Soetkin starrte sie an, ohne sie zu sehen.

Die Hütten von Claes und Katheline stießen aneinander, die von Claes hatte eine Ausbuchtung mit einem Vorgärtchen, die von Katheline hatte einen mit Bohnen bepflanzten Garten, der bis zur Straße reichte und von einer Strauchhecke umgeben war, in die Nele und Ulenspiegel in ihren Kinderjahren ein großes Loch gemacht hatten, um zueinander kommen zu können.

Nele und Ulenspiegel kamen in das Gärtchen und sahen den Wachtsoldaten, der mit schwankendem Kopf in die Luft zu speien versuchte, wobei der Speichel auf seinen Rock zurückfiel, neben ihm lag eine Korbweidenflasche. Nele sagte zu Ulenspiegel: »Der betrunkene Söldner hat seinen Durst noch nicht gestillt, er muß mehr trinken, dann werden wir ihn übertölpeln können. Nehmen wir die Flasche an uns.« Bei dem Klang ihrer Stimmen wandte der Landsknecht ihnen seinen schweren Kopf zu und suchte nach seiner Flasche, als er sie nicht fand, fuhr er fort zu spucken und versuchte, den Speichel im Mondlicht niederfallen zu sehen. »Er ist bis ins Maul voll Branntwein«, sagte Ulenspiegel, »hörst du, wie mühsam er spuckt?«

Indessen hatte der Söldner genug gespuckt und in die Luft gestarrt und streckte wieder den Arm aus, um die Flasche in die Hand zu bekommen. Er fand sie, setzte die Öffnung an den Mund, bog den Kopf zurück und versetzte der Flasche kleine Schläge, um ihr jeden Tropfen zu entlocken, so sog er wie ein Kind an der Brust seiner Mutter. Aber er fand nichts darin, verzichtete auf weitere Versuche und legte die Flasche neben sich, dann fluchte er ein wenig auf hochdeutsch, spuckte noch einmal, ließ den Kopf nach rechts und links wanken, murmelte noch ein unverständliches Paternoster und schlief endlich ein. Ulenspiegel wußte wohl, daß dieser Schlaf nicht von Dauer sein werde und daß er ihn fördern müsse, er schlüpfte durch das Loch, das in die Hecke gemacht worden war, nahm die Flasche des Söldners und gab sie Nele, die sie mit Branntwein füllte. Der Söldner hörte nicht auf zu schnarchen, Ulenspiegel kroch wieder durch das Loch in der Hecke, legte ihm die Flasche zwischen die Beine und kehrte dann in Kathelines Gärtchen zurück, wo er mit Nele hinter der Hecke des Kommenden harrte.

Durch die Kühle des eben erst abgezogenen Branntweins erwachte der Söldner ein bißchen, und seine erste Geste tastete nach dem, was ihn unter dem Wams so kalt machte. Von der Eingebung der Betrunkenen geleitet, schloß er, daß das sehr wohl eine volle Flasche sein könne, und faßte mit der Hand danach. Ulenspiegel und Nele sahen ihn im Mondlicht die Flasche schütteln, um die Flüssigkeit plätschern zu hören, dann kostete er, lachte, erstaunt, die Flasche voll zu finden, tat ein Schlückchen und dann einen Schluck, stellte sie zur Erde, nahm sie wieder zur Hand und trank weiter. Dann sang er:

»Wann er kommt, der Herr Mond,
Die Frau See zu grüßen.«

Bei den Deutschen ist die Dame See die Gattin des Herrn Mond, des Beherrschers der Frauen.

»Wann er kommt, der Herr Mond,
Die Frau See zu grüßen,
Reicht sie ihm den Humpen dar
Und läßt Wein drein fließen,
Wann er kommt, der Herr Mond.

Schmaust mit ihm zur Nacht sie dann,
Küßt sie ihn ohn' Ende
Und schlüpft nach diesem Festgelag
In sein Bett behende,
Wann er kommt, der Herr Mond.

So soll auch mein Schätzchen tun,
Braten, Wein, das frommt,
Soll an meiner Seite ruh'n,
Wann er kommt, der Herr Mond.«

Abwechselnd trinkend und eine Strophe singend, schlief er wieder ein und konnte nicht hören, wie Nele sagte: »Sie sind in einem Topf hinter dem Kamin«, noch konnte er sehen, wie Ulenspiegel durch den Stall in Claesens Küche ging, den Deckel des Kaminverschlages aufhob, den Topf und die Gulden fand und dann in Kathelines Gärtchen zurückkehrte, wie er sie dann neben der Brunnenmauer vergrub, da er wohl wußte, daß man, wenn sie gesucht würden, drinnen suchen werde und nicht draußen. Hierauf kehrten die beiden zu Soetkin zurück und fanden die schmerzenreiche Frau weinend und immer wiederholend: »Mein Mann! Mein armer Mann!« Und Nele und Ulenspiegel wachten bis zum Morgen bei ihr.

LXXI

Am nächsten Tag rief die Burgsturmglocke die Richter mit gewaltigen Schlägen zum Tribunal der Vierschar. Als sie auf den vier Bänken, die rund um den Baum der Gerechtigkeit herumstanden, Platz genommen hatten, begannen sie das Verhör Claesens von neuem und fragten ihn zunächst, ob er seine Irrungen widerrufen wolle.

Claes erhob die Hand zum Himmel und sagte: »Christus, mein Herr, sieht mich von oben. Ich habe seine Sonne angesehen, als mein Sohn Ulenspiegel geboren ward. Wo ist er nun, der Vagabund? Soetkin, mein sanftes Weib, wirst du tapfer sein gegen das Ungemach?«

Dann richtete er seinen Blick auf die Linde und sprach, sie verfluchend: »Sturm und Dürre! Laßt eher alle Bäume des Landes der Väter von den Wurzeln auf verderben, als daß man mit ansehe, wie in ihrem Schatten das freie Gewissen zum Tode verurteilt wird. Wo bist du, mein Sohn Ulenspiegel? Ich war hart gegen dich. Meine Herren, habt Erbarmen mit mir und verurteilt mich, wie unser barmherziger Herr es täte.«

Alle, die das hörten, weinten, die Richter ausgenommen. Dann fragte er, ob es denn keine Verzeihung für ihn gäbe, und sagte: »Ich habe immer gearbeitet und wenig verdient, ich habe den Armen Gutes getan und war zu jedermann freundlich. Ich habe die römische Kirche verlassen, um dem Geist Gottes zu gehorchen, der zu mir sprach. Ich erflehe keine andere Gnade als die, daß die Strafe des Feuers in die der lebenslänglichen Verbannung aus dem Lande Flandern umgewandelt werde, was immerhin schon eine große Strafe wäre.«

Da riefen alle Anwesenden: »Gnade, ihr Herren! Barmherzigkeit!« Aber Josse Grypstuiver rief nicht.

Der Vogt machte ein Zeichen, daß die Anwesenden schweigen sollten, und sagte, daß die Erlasse das ausdrückliche Verbot der Gnadenbitte für Ketzer enthielten; daß Claes aber, wenn er seinen Irrtum abschwören wolle, mit dem Strick hingerichtet werden würde statt durch das Feuer. Und im Volke hieß es: »Feuer oder Strick, Tod ist Tod!« Und die Frauen weinten, während die Männer finster murrten.

Claes sagte: »Ich schwöre nichts ab. Macht mit meinem Körper, was euch in eurer Barmherzigkeit gefällt!«

Titelman, der Dechant von Renaix, rief aus: »Es ist unerträglich, solch ketzerisches Gewürm vor seinen Richtern den Kopf erheben zu sehen, ihre Körper verbrennen ist eine vorübergehende Strafe, aber man muß ihre Seelen retten und sie durch die Folter zwingen, ihre Irrtümer abzuschwören, damit sie dem Volk nicht das gefährliche Schauspiel des Ketzertodes in Unbußfertigkeit darbieten.« Daraufhin weinten die Frauen wieder, und die Männer sagten: »Wenn einer ein Geständnis abgelegt hat, wird er bestraft, aber nicht gefoltert.«

Das Tribunal entschied, daß man Claes die Folter nicht erleiden lassen würde, da sie durch die Verordnungen nicht vorgeschrieben sei. Noch einmal befragt, ob er abschwören wolle, antwortete er: »Ich kann nicht.«

Kraft der Erlasse wurde er der Simonie schuldig erklärt, und zwar wegen des Verkaufs von Ablässen, wegen Ketzerei und ketzerischer Hehlerei. Demgemäß wurde er verurteilt, den Tod des Verbrennens zu erleiden. Die Exekution sollte vor dem Gemeindehaus stattfinden, sein Leichnam sollte zwei Tage lang als abschreckendes Beispiel am Pfahl festgebunden bleiben; dann sollte er am Friedhof der Gerichteten begraben werden.

Das Tribunal sagte dem Anzeiger Josse Grypstuiver, dessen Name aber nicht genannt wurde, von den ersten hundert Gulden der Hinterlassenschaft fünfzig zu und außerdem ein Zehntel vom übrigen.

Als Claes dieses Urteil gehört hatte, sagte er zum Gildenmeister der Fischhändler: »Du wirst eines schlimmen Todes sterben, du böser Mensch! Denn für einen lumpigen Groschen machst du aus einer glücklichen Gattin eine Witwe und aus einem fröhlichen Sohn eine kummervolle Waise.«

Die Richter hatten Claes sprechen lassen, denn auch sie, Titelman ausgenommen, hegten tiefe Verachtung für die Angeberei des Gildenmeisters der Fischhändler, der leichenblaß vor Scham und Wut dastand.

Dann wurde Claes ins Gefängnis zurückgeführt.

LXXII

Am nächsten Tage, dem Vortag von Claesens Hinrichtung, erfuhren Nele, Ulenspiegel und Soetkin den Urteilsspruch. Sie baten die Richter um Erlaubnis, ins Gefängnis zu gehen, diese wurde ihnen erteilt, nur Nele durfte nicht gehen.

Als sie den Kerker betraten, sahen sie Claes mit einer langen Kette an die Mauer gefesselt. Wegen der Feuchtigkeit brannte ein kleines Holzfeuer im Kamin, denn nach flandrischem Gesetz und Recht ist es vorgeschrieben, die, welche sterben sollen, gütig zu behandeln und ihnen Brot, Fleisch, Käse und Wein zu geben. Aber die habgierigen Wächter handelten oft dem Gesetz entgegen, und es ereignete sich nicht selten, daß sie den armen Gefangenen den größten Teil und die besten Stücke der Mahlzeit wegaßen.

Claes umarmte weinend Ulenspiegel und Soetkin, aber er war der erste, der seine Augen trocknete, weil er sich als Oberhaupt der Familie bewähren wollte. Soetkin weinte, und Ulenspiegel sprach: »Ich will diese verfluchten Eisenringe zerbrechen.« Soetkin sagte, immer weinend: »Ich gehe zu König Philipp, er wird Gnade üben.«

Claes aber antwortete: »Der König erbt die Güter der Märtyrer.« Dann fuhr er fort: »Geliebte Frau und teurer Sohn, ich gehe traurig und voll Schmerz von dieser Welt. Wenn ich auch Furcht vor den Leiden habe, die meinem Körper bestimmt sind, so bin ich doch tief bekümmert, wenn ich denke, daß ihr beide, wenn ich nicht mehr bin, arm und elend sein werdet, denn der König wird euch euer Hab und Gut nehmen.« Ulenspiegel antwortete mit leiser Stimme: »Nele hat gestern mit mir zusammen alles gerettet.« »Dann bin ich ruhig«, sagte Claes, »der Anzeiger wird über seine Beute nicht viel lachen.« »Möge ihn ein baldiger Tod ereilen!« sagte Soetkin mit haßfunkelnden Augen, ohne zu weinen. Aber Claes dachte an die Karlsgulden und sagte: »Du warst scharfsinnig, Thylken, mein Liebling, sie wird also nicht Hunger leiden in ihren alten Jahren, Soetkin, meine Witwe.« Und Claes umarmte sie und drückte sie an seine Brust, und sie weinte immerfort und dachte, daß sie bald seinen süßen Schutz verlieren würde.

Dann sah Claes Ulenspiegel an und sprach: »Sohn, du hast dich oft versündigt, während du über die Straßen wandertest, wie die Lumpen tun, das darfst du nun nicht mehr, mein Kind, du darfst sie nicht allein daheim lassen, die betrübte Witwe, denn du, der Mann, du mußt ihr Wehr und Schutz sein.« »Ich werde so tun, Vater«, sagte Ulenspiegel.

»Ach, mein armer Mann!« sagte Soetkin, ihn umarmend. »Welches große Verbrechen haben wir begangen? Wir lebten zu zweit ein ehrbares und einfaches Leben in Frieden und liebten uns aus ganzem Herzen, Herrgott, du weißt es! Früh standen wir zur Arbeit auf und aßen abends, dir dankend, das tägliche Brot. Ich will zum König gehen und ihn mit meinen Nägeln zerreißen. Herrgott! Wir waren nicht schuldig!«

Da trat der Wächter ein und sagte, daß sie gehen müßten. Soetkin bat, bleiben zu dürfen. Claes fühlte ihr armes Gesicht an dem seinen brennen, Soetkins strömende Tränen benetzten seine Wangen, und ihr armer Körper bebte und zitterte in seinen Armen. Und er bat, daß sie bei ihm bleiben dürfe. Der Wächter wiederholte, daß sie gehen müßten, und riß Soetkin aus Claesens Armen. Claes sagte zu Ulenspiegel: »Wache über sie.« Er antwortete, daß er's wohl tun werde.

Und Ulenspiegel und Soetkin gingen fort, der Sohn die Mutter stützend.

LXXIII

Am nächsten Tag – es war der Tag der Hinrichtung – kamen die Nachbarn und sperrten Ulenspiegel, Soetkin und Nele aus Mitleid in Kathelines Hütte ein. Sie hatten aber nicht bedacht, daß sie die Schreie des Leidenden aus der Ferne hören und die Flammen des Scheiterhaufens sehen könnten.

Katheline wanderte durch die Stadt und sagte mit wackelndem Kopfe: »Macht ein Loch, die Seele will entfliehen.«

Um neun Uhr wurde Claes im Hemd, die Hände hinter dem Rücken gefesselt, aus dem Gefängnis geführt. Dem Urteil entsprechend, war der Scheiterhaufen in der Rue de Notre-Dame rund um einen Pfahl herum errichtet worden, der vor dem Wall des Gemeindehauses aufgerichtet war. Der Henker und seine Gehilfen waren mit dem Aufschichten des Holzes noch nicht zu Ende gekommen. Claes wartete inmitten seiner Häscher geduldig, bis diese Arbeit getan war, während der Profos zu Pferde, die Gardisten der Vogtei und die neun Landsknechte, die aus Brügge herbeigeholt worden waren, große Mühe hatten, das murrende Volk in Ruhe zu halten. Alle sagten, daß es eine Grausamkeit sei, einen armen, braven Mann, der so sanft, barmherzig und arbeitsam gewesen, in seinen alten Jahren so ungerechterweise zu töten. Plötzlich fielen sie auf die Knie und beteten, während die Glocken von Notre-Dame den Toten läuteten. Auch Katheline war, völlig irre, unter der Volksmenge und stand in der ersten Reihe. Als sie Claes und den Scheiterhaufen sah, schüttelte sie den Kopf und sagte: »Das Feuer, das Feuer! Macht ein Loch, die Seele will entfliehen!«

Soetkin und Nele bekreuzigten sich, als sie das Läuten der Glocken hörten. Ulenspiegel aber tat es nicht und sagte, er wolle Gott nicht auf die gleiche Art anbeten, wie die Henker es täten. Und er lief in der Hütte umher und versuchte die Türen einzuschlagen oder aus dem Fenster zu springen; aber alle waren verschlossen.

Plötzlich schrie Soetkin auf und barg das Gesicht in der Schürze: »Der Rauch!« Die drei Trauernden sahen in der Tat einen großen schwarzen Rauchwirbel am Himmel. Es war der Rauch vom Scheiterhaufen, auf dem Claes, an einen Pfahl gebunden, stand und den der Henker an drei Stellen im Namen Gottes des Vaters, Gottes des Sohnes und Gottes des Heiligen Geistes entzündet hatte.

Claes blickte um sich und war froh, Soetkin und Ulenspiegel nicht in der Menge zu sehen, er glaubte, sie würden es nicht ertragen, seine Leiden mit anzusehen. Man hörte nur die Stimme des betenden Claes, das Knistern des Holzes, das Murren der Männer, das Weinen der Frauen und die Worte Kathelines: »Erstickt das Feuer, macht ein Loch, die Seele will von dannen!«, die von dem Läuten der Totenglocken von Notre-Dame begleitet wurden.

Plötzlich wurde Soetkin weiß wie Schnee, zitterte am ganzen Körper und wies, ohne zu weinen, mit dem Finger auf den Himmel. Eine lange und schmale Flamme loderte vom Scheiterhaufen auf und erhob sich für einen Augenblick über die Dächer der niedrigen Häuser. Sie verursachte Claes grausame Schmerzen, denn, den Launen des Windes folgend, nagte sie an seinen Beinen, berührte seinen Bart, dessen Haare sie in Brand setzte, und entzündete auch das Kopfhaar.

Ulenspiegel hielt Soetkin in den Armen und wollte sie vom Fenster wegreißen. Da hörten sie, wie Claes, dessen Körper auf einer Seite brannte, einen gellenden Schrei ausstieß. Aber gleich darauf war er still und weinte, daß seine ganze Brust von den Tränen benetzt ward. Dann hörten Soetkin und Ulenspiegel ein lautes Stimmengewirr. Es kam von den Bürgern, Frauen und Kindern, die allesamt riefen: »Claes ist nicht verurteilt worden, in kleinem Feuer zu verbrennen, sondern in großem. Henker, schüre den Scheiterhaufen!« Der Henker tat so, aber das Feuer griff nicht schnell genug um sich. »Erwürgt ihn«, riefen die Leute und warfen Steine nach dem Profosen.

»Die Flamme, die große Flamme!« schrie Soetkin. In der Tat stieg inmitten der Rauchsäule eine rote Flamme zum Himmel auf. »Er stirbt«, sagte die Witwe, »Herrgott, nimm die Seele dieses Schuldlosen auf in Barmherzigkeit! – Wo ist der König, daß ich ihm mit meinen Nägeln das Herz zerreiße?« Die Glocken von Notre-Dame läuteten für die Toten.

Soetkin hörte Claes wieder einen Schrei ausstoßen, aber sie sah weder seinen Körper, der sich in den Schmerzen des Brandes wand, noch sein verzerrtes Antlitz, noch seinen Kopf, den er nach allen Seiten streckte und gegen das Holz des Pfahles schlug. Das Volk fuhr fort zu schreien und zu pfeifen, und die Jungen warfen Steine, als der Scheiterhaufen plötzlich vollends in Flammen aufging, und alle hörten, wie Claes inmitten der Flammen und des Rauches rief: »Soetkin! Thyl!« Dann fiel sein Kopf auf die Brust, als wäre er von Blei gewesen.

Ein klagender, durchdringender Schrei ward aus Kathelines Hütte hörbar, dann vernahm man nichts mehr als die Worte der armen Irren, die den Kopf schüttelte und sagte: »Die Seele will von dannen!«

Claes hatte ausgelitten. Der verbrannte Scheiterhaufen fiel am Fuße des Pfahls in sich zusammen, und der arme verkohlte Körper blieb am Halse hängen. Die Glocken von Notre-Dame läuteten für die Toten.

LXXIV

Soetkin war bei Katheline und stand mit gesenktem Kopf und gefalteten Händen an die Wand gelehnt da. Ohne zu sprechen und zu weinen, hielt sie Ulenspiegel umarmt. Auch Ulenspiegel verharrte in Schweigen, er war entsetzt, als er fühlte, welch fieberisches Feuer in dem Körper seiner Mutter brannte.

Die Nachbarn kamen vom Platz der Hinrichtung zurück und sagten, daß Claesens Leiden nun beendet seien. »Er ist in der Glorie«, sagte die Witwe.

»Bete«, sagte Nele zu Ulenspiegel und gab ihm ihren Rosenkranz, aber er wollte sich nicht seiner bedienen, weil die Kugeln, wie er sagte, vom Papst gesegnet worden seien.

Die Nacht brach herein, und Ulenspiegel sagte zur Witwe: »Mutter, du mußt zu Bett gehen, ich werde bei dir wachen.« »Du mußt nicht bei mir wachen«, sagte Soetkin, »der Schlaf ist nur gut für junge Menschen.« Nele richtete für jeden ein Lager in der Küche zurecht und ging dann fort. So blieben die beiden allein, und im Kamin brannte der Rest eines Holzfeuers. Soetkin ging zu Bett, Ulenspiegel tat ein gleiches und hörte die Mutter unter der Decke weinen.

Draußen, in der nächtlichen Stille, heulte der Wind und ließ die Bäume am Kanal rauschen wie das Meer und wehte, ein Vorläufer des Herbstes, den Staub in Wirbelwolken gegen die Fenster. Ulenspiegel schien es, als käme ein Mann dahergegangen und als hörte er in der Küche das Geräusch von Schritten. Er blickte um sich und sah niemand und hörte nichts andres als den Wind im Kamin heulen und Soetkin unter dem Laken weinen. Nach einiger Zeit hörte er neuerlich Schritte und hinter seinem Kopf einen Seufzer.

Da ward er von Furcht erfaßt und sprach: »Wer ist da?« Aber er erhielt keine Antwort, sondern es wurden drei Schläge auf den Tisch getan, und er fühlte sich von zwei Armen umfangen und spürte einen Körper an seinem Gesicht lehnen, dessen Haut runzlig war, in seiner Brust klaffte ein großes Loch, und ein Brandgeruch ging von ihm aus.

»Vater«, sagte Ulenspiegel, »ist es dein armer Leib, der sich da an mich lehnt?« Aber er erhielt keine Antwort, und obwohl der Schatten ganz nahe bei ihm war, hörte er von draußen rufen: »Thyl! Thyl!«

Plötzlich erhob sich Soetkin und kam an Ulenspiegels Bett. »Hast du nichts gehört?« fragte sie. »Wohl«, antwortete er, »der Vater hat nach mir gerufen.« »Ich«, sagte Soetkin, »ich habe einen kalten Körper im Bette neben dem meinen gefühlt, und die Matratze hat sich bewegt, und die Vorhänge flatterten, und ich hörte eine Stimme sagen: ›Soetkin‹, eine ganz leise Stimme wie ein Seufzer: dann vernahm ich einen Schritt, so leicht wie der Flügelschlag einer Mücke.« Und Soetkin sprach zu Claesens Geist: »Lieber Mann, wenn du irgend etwas wünschest im Himmel, wo Gott dich in seiner Glorie behütet, so mußt du uns sagen, was es ist, damit wir deinem Willen nachkommen können.«

Plötzlich riß ein gewaltiger Windstoß die Tür auf und erfüllte das Zimmer mit Staub, und Soetkin und Ulenspiegel vernahmen fernes Rabengekrächz. Da gingen sie zusammen hinaus und kamen an den Scheiterhaufen. Die Nacht war schwarz, nur wenn die Wolken, vom scharfen Wind gejagt, gleich Hirschen über das Firmament liefen, sah man das strahlende Antlitz des Sternenhimmels. Ein Gemeindesoldat ging, den Scheiterhaufen bewachend, auf und ab. Ulenspiegel und Soetkin hörten seine Schritte auf der harten Erde, und als sie sich dem Scheiterhaufen näherten, ließ sich der Rabe auf Claesens Schulter nieder, und sie hörten, wie er mit dem Schnabel auf den Leichnam schlug, bald kamen auch andere Raben herbei.

Ulenspiegel wollte auf den Scheiterhaufen springen und die Raben durch Schläge verjagen, aber der Soldat sagte zu ihm: »Zauberer, suchst du Ruhmeshände? Wisse, daß die Hände der Verbrannten nicht unsichtbar machen, sondern einzig die der Gehenkten, wie du selbst eines Tages einer sein wirst.« »Herr Söldner«, sagte Ulenspiegel, »ich bin kein Zauberer, sondern der verwaiste Sohn dessen, der da angebunden ist, und diese Frau ist seine Witwe. Wir wollen ihn nur noch einmal küssen und ein wenig von seiner Asche mitnehmen, zum Angedenken an ihn. Erlaubt uns das, mein Herr, der Ihr zwar ein fremder Söldner, aber doch ein braver Sohn dieses Landes seid.« »Tu, was du willst«, antwortete der Söldner.

Der Verwaiste und die Witwe stiegen auf die verbrannten Holzscheite und näherten sich dem Leichnam, unter strömenden Tränen küßten sie beide Claesens Antlitz. Ulenspiegel nahm von der Herzgegend, wo die Flamme ein tiefes Loch gebrannt hatte, ein wenig Asche an sich. Dann knieten sie nieder, Soetkin und er, und beteten. Als die zarte Morgenröte den Himmel überzog, waren sie beide noch immer am Scheiterhaufen, doch der Söldner verjagte sie, aus Furcht, wegen seines Wohlwollens bestraft zu werden.

Heimgekehrt, nahm Soetkin ein Stück roter Seide und ein anderes Stück schwarzer Seide, daraus machte sie ein Säckchen und tat die Aschenreste hinein. Dann befestigte sie zwei Bänder an dem Säckchen, damit es Ulenspiegel immer um den Hals tragen könne. Sie gab es ihm und sagte: »Diese Asche, das Herz meines Gatten, dieses Rote, sein Blut, und dieses Schwarze, unsere Trauer, es sei immerdar auf deiner Brust, wie das Feuer der Rache an den Henkern in ihr sei!« »Des will ich eingedenk sein«, sagte Ulenspiegel. Und die Witwe schloß den Verwaisten in ihre Arme, während am Horizont die Sonne aufstieg.

LXXV

Am nächsten Tag kamen die Söldner und Gemeindeherolde in Claesens Behausung an, um alle Einrichtungsgegenstände auf die Straße zu schaffen und zum gerichtlichen Verkauf zu bringen. Soetkin sah von Kathelines Hütte aus die Wiege fortschaffen, die, aus Eisen und Kupfer gefertigt, in Claesens Familie von Vater auf Sohn vererbt war und in der der arme Tote ebenso wie Ulenspiegel als Neugeborener gelegen hatte. Dann schleppten sie das Bett heraus, in dem Soetkin ihr Kind empfangen und in dem sie so süße Nächte an der Brust ihres Mannes verbracht hatte. Dann kam der Brotschrank daran, der Trog, in dem zu glücklichen Zeiten das Fleisch gewesen, Pfannen, Kessel und Kochgeräte, die alle nicht mehr so blinkten wie in den Tagen des Glücks, sondern vernachlässigt und von Staub bedeckt waren. Sie riefen ihr die Familiengelage ins Gedächtnis zurück, zu denen die Nachbarn, vom Duft der Speisen angelockt, herbeigekommen waren.

Dann brachte man eine Tonne und ein Fäßchen Simpel- und Dobbelkuyt und in einem Korb die Flaschen voll Wein – mindestens dreißig waren noch da. Und alles, bis auf den letzten Nagel, den die arme Witwe mit großem Lärm aus der Mauer ziehen hörte, wurde auf die Straße gebracht. Ohne zu schreien oder zu weinen, saß sie tief bekümmert da und sah, wie ihre kleinen Schätze weggebracht wurden.

Der Rufer entzündete eine Kerze, und nun kam das ganze Hausgerät zur Versteigerung. Die Kerze war fast heruntergebrannt, als der Gildenmeister der Fischhändler alles für geringen Preis gekauft hatte, um es wieder zu verkaufen, er schien sich daran zu ergötzen wie ein Wiesel, das einem Huhn das Gehirn aussaugt.

Ulenspiegel dachte in seinem Herzen: »Du wirst nicht lange lachen, Mörder!«

Der Verkauf war indessen zu Ende, und die Soldaten hatten alles durchsucht, aber die Karlsgulden nicht gefunden. Der Fischhändler schrie: »Ihr sucht schlecht! Ich weiß, daß Claes vor sechs Monaten noch siebenhundert Gulden hatte.«

Ulenspiegel dachte in seinem Herzen: »Du wirst nicht erben, Mörder!«

Plötzlich wandte sich Soetkin Ulenspiegel zu und sagte, während sie auf den Fischhändler zeigte: »Der Angeber!« »Ich weiß es«, antwortete er. »Willst du, daß er Vaters Blut erbe?« fragte sie. »Eher wollte ich einen ganzen Tag auf der Folterbank liegen«, antwortete Ulenspiegel. »Ich auch – aber verrate mich nicht aus Mitleid, wie groß auch die Schmerzen sein mögen, die du mich erdulden siehst.« »Ach, du bist ein Weib!« »Armer Schelm«, sagte sie, »ich habe dich zur Welt gebracht und verstehe zu leiden. Wenn ich aber dich sähe, dich . . .«, und zitternd fuhr sie fort: »Ich werde die Heilige Jungfrau anflehen, die ihren Sohn am Kreuz gesehen hat.« Und weinend liebkoste sie Ulenspiegel. So schlossen sie untereinander einen Pakt von Haß und Kraft.

LXXVI

Der Fischhändler mußte nicht mehr als die Hälfte des Kaufpreises bezahlen, da die andere Hälfte vorläufig dazu dienen sollte, ihn für die Denunziation zu bezahlen, bis man die siebenhundert Karlsgulden aufgefunden haben würde, die ihn zu seiner Niedertracht verführt hatten.

Soetkin brachte die Nächte mit Weinen zu und die Tage mit Arbeiten im Hause. Oft hörte Ulenspiegel sie im Selbstgespräch sagen: »Wenn er erbt, töte ich mich.« Da er und Nele wohl einsahen, daß sie ausführen würde, was sie sagte, taten sie ihr möglichstes, um Soetkin zu veranlassen, sich nach Walchern zurückzuziehen, wo sie Verwandte hatte. Soetkin wollte das nicht und sagte, daß ihr nichts daran liege, den Würmern zu entrinnen, die bald ihre Witwenknochen fressen sollten.

Inzwischen war der Fischhändler wieder zum Vogt gegangen und hatte ihm gesagt, daß der Verstorbene erst vor einigen Monaten siebenhundert Karlsgulden geerbt habe und daß er, der einfach und von wenigem lebte, diese große Summe nicht ausgegeben haben könne, sondern daß er sie ohne Zweifel in irgendeinem Winkel vergraben habe. Der Vogt fragte ihn, was ihm Ulenspiegel und Soetkin angetan hätten, daß er, nachdem er den einen des Vaters und die andre des Mannes beraubt habe, noch darauf bedacht sei, sie so grausam zu verfolgen. Der Fischhändler antwortete, daß er als vornehmer Bürger von Damme den Gesetzen des Königreichs Achtung verschaffen und sich so die Gewogenheit Seiner Majestät verdienen wolle. Nach diesen Worten ließ er eine schriftliche Klage in den Händen des Vogts zurück und führte Zeugen an, die, die lautere Wahrheit sprechend, gegen ihre eigene Überzeugung bekundeten, daß der Fischhändler nicht gelogen habe.

Nachdem die Herren von der Schöffenkammer diese Zeugenschaft gehört hatten, erklärten sie, daß der Schuldbeweis hinreiche, um die Folter zu rechtfertigen. Infolgedessen entsandten sie einige Schergen nach dem Haus, die eine neuerliche Durchsuchung vornehmen sollten und den Auftrag hatten, Mutter und Sohn ins Stadtgefängnis zu bringen, wo sie festgehalten werden sollten, bis der Henker aus Brügge kam, den man sofort hatte rufen lassen.

Als Ulenspiegel und Soetkin mit auf dem Rücken gefesselten Händen über die Straße gingen, stand der Fischhändler auf der Schwelle seines Hauses und betrachtete sie. Und die andern Bürger von Damme standen mit ihren Frauen auf den Schwellen ihrer Häuser. Mathyssen, der nächste Nachbar des Fischhändlers, hörte, wie Ulenspiegel zu dem Angeber sagte: »Gott wird dich verfluchen, Henker der Witwen!« Und Soetkin sagte zu ihm: »Du wirst eines schlimmen Todes sterben, Verfolger der Waisen!« So erfuhren die Leute von Damme, daß es eine zweite Angeberei Grypstuivers war, weshalb man die Witwe und den Verwaisten ins Gefängnis brachte, sie schmähten den Fischhändler und warfen abends Steine in seine Fenster. Und er wagte nicht mehr, aus dem Hause zu gehen.

LXXVII

Gegen die zehnte Vormittagsstunde wurden Ulenspiegel und Soetkin in die Folterkammer gebracht, in der der Vogt, der Gerichtsschreiber, die Schöffen, der Henker von Brügge, sein Knecht und ein Wundarzt anwesend waren. Der Vogt fragte Soetkin, ob sie nicht dem Kaiser etwas vorenthalte, was rechtlicherweise ihm zugehöre. Sie antwortete, daß sie nichts vorenthalten könne, weil sie nichts besitze. »Und du?« wandte sich der Vogt an Ulenspiegel. »Vor sieben Monaten«, antwortete er, »haben wir siebenhundert Karlsgulden geerbt, etliche haben wir verzehrt, und was aus den anderen geworden ist, weiß ich nicht, ich denke jedenfalls, daß der Wanderer, der zu unserem Unglück bei uns wohnte, den Rest davongetragen hat, denn ich habe seit damals nichts mehr davon gesehen.«

Der Vogt fragte neuerdings, ob beide darauf bestünden, sich für unschuldig zu erklären. Sie antworteten, daß sie keinerlei Gut zurückhielten, das dem Kaiser zugehöre. Darauf sagte der Vogt mit Trauer und Würde: »Die Beschuldigungen gegen euch sind schwer, und die Anklage ist wohlbegründet, wenn ihr nicht bekennet, müsset ihr die hochnotpeinliche Befragung über euch ergehen lassen.«

»Schonet die Witwe«, sagte Ulenspiegel, »der Fischhändler hat alles gekauft.« »Armer Schelm«, sagte Soetkin, »die Männer wissen nicht, welche Schmerzen die Frauen ertragen können!« Als sie sah, daß Ulenspiegel ihretwegen bleich war wie ein Toter, fügte sie noch hinzu: »Ich habe Haß und Kraft!« »Schonet die Witwe!« sagte Ulenspiegel. »Nehmt mich an seiner Stelle«, sagte Soetkin.

Der Vogt fragte den Henker, ob alle Gegenstände zur Stelle seien, deren er bedürfe, um die Wahrheit zu erfahren, der Henker antwortete: »Sie sind alle hier.« Nachdem sich die Richter beraten hatten, entschieden sie, daß man, um die Wahrheit zu erfahren, bei der Frau den Anfang machen müsse. »Denn«, sagte einer der Schöffen, »der Sohn ist nicht grausam genug, um seine Mutter leiden zu sehen, ohne sie durch das Geständnis des Verbrechens zu befreien, jede Mutter täte dasselbe für die Frucht ihres Leibes, auch wenn sie das Herz einer Tigerin hätte.« Dann sagte der Vogt zum Henker: »Setze die Frau auf den Stuhl und leg ihr die Stäbchen an Hände und Füße.« Der Henker gehorchte.

»Oh! Tut das nicht, meine Herren Richter!« schrie Ulenspiegel, »bindet mich statt ihrer, brecht die Finger meiner Hände und die Zehen meiner Füße, aber schonet die Witwe!« »Der Fischhändler«, sagte Soetkin, »ich habe Haß und Kraft!« Ulenspiegel erblaßte, zitterte, war dem Irrsinn nahe und schwieg still.

Die Stäbchen waren kleine Buchsbaumhölzer, die zwischen die Finger gelegt wurden und mit Hilfe dünner Schnüre zu einem Instrument von so feiner Erfindung verbunden waren, daß der Henker, je nach dem Willen des Richters, alle Finger gleichzeitig zusammenschnüren oder das Fleisch von den Knochen reißen, die Finger zerdrücken oder dem Gefolterten nur geringen Schmerz bereiten konnte. Er legte die Stäbchen also Soetkin an Händen und Füßen an.

»Streckt!« sagte der Vogt. Er tat es grausam. Dann wandte sich der Vogt an Soetkin: »Bezeichne mir den Ort, an dem die Karlsgulden vergraben sind.« »Ich kenne ihn nicht«, antwortete sie stöhnend. »Streckt stärker!« sagte er. Ulenspiegel dehnte die Arme, die ihm hinter dem Rücken gefesselt waren, um den Strick zu zerreißen und Soetkin zu Hilfe zu kommen. »Streckt nicht, meine Herren Richter«, sagte er, »das sind die zarten und zerbrechlichen Knochen einer Frauenhand! Ein Vogel bräche sie mit seinem Schnabel. Streckt nicht! Herr Henker, ich spreche nicht zu Euch, denn Ihr müßt Euch den Befehlen der Herren gehorsam erweisen. Streckt nicht, hab Erbarmen!« »Der Fischhändler«, sagte Soetkin, und Ulenspiegel schwieg.

Als er jedoch sah, wie der Henker die Stäbchen noch stärker zusammenschnürte, rief er von neuem: »Erbarmen, meine Herren! Ihr brecht der Witwe die Finger, die sie zur Arbeit braucht. Ach! Ihre Füße! Soll sie nun nicht mehr gehen können? Erbarmen, ihr Herren!« »Du wirst eines schlimmen Todes sterben, Fischhändler!« schrie Soetkin. Ihre Knochen krachten, und von ihren Füßen fielen kleine Tropfen Bluts zur Erde. Ulenspiegel sah alles mit an und schrie, zitternd vor Schmerz und Wut: »Frauenknochen, brecht sie nicht, meine Herren Richter!« »Der Fischhändler!« stöhnte Soetkin, und ihre Stimme war tief und dumpf wie die eines Gespenstes. Ulenspiegel bebte und schrie: »Meine Herren Richter! Die Hände bluten und die Füße auch. Man bricht der Witwe die Knochen!«

Der Wundarzt berührte die Wunden mit dem Finger, und Soetkin stieß einen lauten Schrei aus. »Gestehe für sie«, sagte der Vogt zu Ulenspiegel. Aber Soetkin sah ihn mit weit geöffneten Augen an, die denen einer Toten glichen. Da verstand er, daß er nicht sprechen durfte, und weinte lautlos vor sich hin. Aber der Vogt sprach: »Da diese Frau mit der Widerstandskraft eines Mannes begabt ist, muß ihr Mut an der Folter ihres Sohnes erprobt werden.«

Soetkin hörte diese Worte nicht, denn sie hatte durch den großen Schmerz die Besinnung verloren. Mit Weinessig brachte man sie wieder zu sich. Dann wurde Ulenspiegel entkleidet und nackt vor die Augen der Witwe gestellt. Der Henker schor ihm die Haare am Kopf und am ganzen Körper ab, um zu sehen, ob er nicht ein Teufelszeichen trüge. Er bemerkte das schwarze Pünktchen, das er seit seiner Geburt auf dem Rücken hatte, und stach mehrere Male mit einer langen Nadel hinein; da aber Blut kam, urteilte er, daß nichts von Zauberei an diesem Pünktchen sei. Auf Befehl des Vogts wurden Ulenspiegel die Hände mit zwei Stricken festgebunden, die über eine am Plafond befestigte Winde liefen, vermittels der ihn der Henker nach den Weisungen der Richter aufziehen und herablassen konnte, wobei er ihn grausam schüttelte. Nachdem er ihm noch an jedes Bein ein Gewicht von fünfundzwanzig Pfund gebunden hatte, zog er ihn wohl neunmal so auf und ab. Beim neunten Zug zerriß die Haut über den Hand- und Fußgelenken, und die Knochen der Beine begannen aus den Gelenken zu springen.

»Gestehe!« sagte der Vogt. »Nein«, antwortete Ulenspiegel.

Soetkin sah ihren Sohn an und fand nicht die Kraft, zu schreien oder zu weinen. Sie hob nur die Arme und gestikulierte mit ihren blutenden Händen, um zu bedeuten, daß man diese Qual beenden solle. Der Henker fuhr fort, Ulenspiegel hochzuziehen und zu senken. Und die Haut der Hand- und Fußgelenke riß noch weiter, und die Knochen seiner Beine traten noch mehr aus den Gelenken, aber er schrie nicht, während Soetkin mit ihren blutigen Händen gestikulierte. »Gestehe die Hehlerei ein, und man wird dir verzeihen«, sagte der Vogt. »Verzeihung braucht der Fischhändler«, antwortete Ulenspiegel. »Willst du die Richter verspotten?« fragte einer der Schöffen. »Ich die Richter verspotten?« sagte Ulenspiegel, »so etwas tu ich nicht, glaubt mir!«

Nun sah Soetkin, wie der Henker auf Befehl des Vogts ein Kohlenfeuer schürte, während ein Gehilfe zwei Kerzen anzündete. Sie wollte sich auf ihre zerquetschten Füße stellen, fiel aber auf den Sitz zurück und schrie: »Tut das Feuer weg! Ach, ihr Herren Richter, schont seine arme Jugend, tut das Feuer weg!« »Der Fischhändler!« rief Ulenspiegel, als er sie schwach werden sah. »Setzt Ulenspiegel einen Fuß auf den Boden«, sagte der Vogt, »stellt ihm das Kohlenfeuer unter die Füße und unter jede Achsel eine Kerze.« Der Henker gehorchte.

Was unter den Achseln an Haaren geblieben war, knisterte und rauchte über der Flamme. Ulenspiegel schrie, und Soetkin rief unter Tränen: »Tut das Feuer weg.« Der Vogt sprach: »Gesteh die Hehlerei, und du wirst befreit werden. Gesteh für ihn, Frau!« Und Ulenspiegel sagte: »Wer will den Fischhändler ins ewige Feuer werfen?« Soetkin bedeutete durch eine Kopfbewegung, daß sie nichts zu sagen habe. Ulenspiegel knirschte mit den Zähnen, und Soetkin sah ihn mit flackerndem, tränenvollem Blick an. Als sie bemerkte, wie der Henker die Kerzen anzündete und das Kohlenfeuer unter Ulenspiegels Füße stellte, schrie sie: »Meine Herren Richter! Habt Mitleid mit ihm, er weiß nicht, was er spricht!« »Warum weiß er nicht, was er spricht?« fragte der Vogt verschmitzt. »Fragt sie nicht aus, meine Herren Richter«, sagte Ulenspiegel, »ihr seht doch wohl, daß sie irre ist vor Schmerzen. Der Fischhändler hat gelogen!« »Sagst du dasselbe wie er, Frau?« fragte sie der Vogt. Soetkin bejahte durch Kopfnicken. »Verbrennt den Fischhändler!« rief Ulenspiegel. Soetkin schwieg: aber sie streckte ihre geballte Faust in die Höhe, wie um den Fischhändler zu verfluchen.

Da sah sie mit einem Male das Kohlenfeuer unter den Füßen ihres Sohnes noch stärker aufflammen und schrie: »Herrgott und heilige Maria, die ihr in den Himmeln thronet, laßt diese Qual enden! Habet Erbarmen, nehmt den Brand weg!« »Der Fischhändler!« stöhnte Ulenspiegel noch einmal. Sein Blut floß in Strömen aus Nase und Mund, und mit herabhängendem Kopf schwebte er über den glühenden Kohlen. Da schrie Soetkin: »Er ist tot, mein armer Verwaister! Sie haben ihn getötet! Nehmt den Brand fort, meine Herren Richter! Laßt mich ihn in die Arme schließen, daß auch ich sterbe, ich mit ihm. Ihr wißt ja, daß ich nicht entfliehen kann auf meinen zerbrochenen Füßen.« »Gebt der Witwe ihren Sohn!« sagte der Vogt.

Dann hielten die Richter Rat. Der Henker band Ulenspiegel los und legte ihn nackt und blutüberströmt über Soetkins Knie, während ihm der Wundarzt die Knochen wieder in die Gelenke einrenkte. Indessen umarmte Soetkin Ulenspiegel und sagte weinend: »Sohn, armer Märtyrer! Wenn es die Herren Richter wollen, werde ich dich heilen, ich; aber erwache doch, Thyl, mein Sohn! Ihr Herren Richter, wenn ihr ihn mir getötet habt, so gehe ich zu Seiner Majestät; denn ihr habt gegen Recht und Gerechtigkeit gehandelt, und ihr werdet sehen, was ich armes Weib gegen die Missetäter vermag. Aber, meine Herren, lasset uns doch beide frei! Wir haben nichts auf dieser Welt als er die Mutter und ich den Sohn, wir armen Leute, auf denen Gottes Hand so schwer ruht!«

Nach der Beratung verkündeten die Richter folgendes Urteil:

»Dieweil Ihr, Soetkin, verwitwete Frau des Claes, und Ihr, Thyl, Sohn des Claes, genannt Ulenspiegel, angeklagt seid, Güter der Konfiskation Seiner Königlichen Majestät entzogen zu haben, die ungeachtet aller entgegengesetzten Privilegien ihr zugehören, und da ihr trotz schwerer Folter und überstandener Probe nichts bekannt habt, beschließt das Tribunal, wegen Mangels zureichender Beweise und in Rücksicht auf den erbarmungswürdigen Zustand Eurer Glieder, Frau, und auf die harte Tortur, die Ihr erduldet habt, Mann, euch freizusprechen und zu gestatten, daß ihr euch ansässig macht bei demjenigen Bürger oder derjenigen Bürgerin der Stadt, der oder die euch, ungeachtet eurer Armut, zu beherbergen beliebt. – So gegeben zu Damme, den dreiundzwanzigsten des Oktobers, im Jahre des Herrn 1558.«

»Dank sei euch, meine Herren Richter«, sagte Soetkin. »Der Fischhändler!« stöhnte Ulenspiegel.

Und Mutter und Sohn wurden auf einem Karren zu Katheline gebracht.


 << zurück weiter >>