Charles de Coster
Toulets Heirat
Charles de Coster

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7

Als Johanna zurückgekehrt war und den Türklopfer hob, ließ sie ihn nur mit Bangen fallen; all ihr Mut war verflogen. Es dauerte lange, bis geöffnet wurde, aber Begge erschien nicht selbst, sondern eine Aufwärterin öffnete und erklärte Johanna mit der wichtigen Miene, die Dienstboten so gern annehmen, wenn sie dürfen:

»Kommen Sie rein, kommen Sie rein, Sie werden von Ihrer Tante was kriegen.«

Johanna trat in das Eßzimmer, in dem nie gegessen wurde. Begge saß und nähte in einer tiefen Fensternische, deren kleine Butzenscheiben von oben herab ein trübes Licht einließen, das von den hohen Mauern der Nachbarhäuser gebrochen war. Sie tat, als hörte sie Johanna nicht, die beim Eintreten sagte:

»Guten Tag, Tante, da bin ich.«

Begge antwortete nicht und nähte weiter.

Johanna wiederholte: »Da bin ich, Tante.«

Das gleiche Schweigen.

Johanna fragte nochmals: »Hast du mich nicht gehört, Tante?«

Begge verharrte in eigensinnigem Schweigen und nähte voller Wut. Da verließ Johanna ärgerlich das Eßzimmer und ging in ihr Kämmerchen. Begge ließ es geschehen.

Als sie beinahe oben angelangt war und sich schon gelobte, nicht zum Essen zu kommen, hörte sie die Stimme der Aufwärterin, die ihr zurief: »Fräulein, Ihre Tante läßt Ihnen sagen, Sie sollen runterkommen und das Haus reinmachen.«

Sie ging wieder hinunter und an der Aufwärterin vorbei, die sich als Trägerin der häuslichen Gewalt groß fühlte. Johanna blickte sie an. Sie hatte ein seltsames Gesicht. Die graue Haut sah aus, als ob Erbsen und Bohnen hineingedrückt waren. Sie hatte einen bösen und häßlichen Ausdruck. Ihre Augen waren von unbestimmter Farbe und flackerten trüb zwischen den wimperlosen Lidern; auch die Brauen waren verschwunden.

Begge beschäftigte dies Weib wegen seiner Häßlichkeit und auch wegen des Klatsches, den sie aus den Häusern mitbrachte, wo man sie aus Mitleid beschäftigte. Wie gern sah sie diesen Mund sich öffnen in einem Gesicht, dessen graue Haut wie von Würmern gefurcht war gleich weichem Ton! Mit unendlichem Behagen hörte sie die Bosheit und Verleumdung durch die vier schwarzen Zahnstümpfe pfeifen, die das Bettelweib noch besaß. Sie lachte aus vollem Herzen, wenn sie ihre Mitmenschen mit diesen Zahnstümpfen zerfetzte und dabei ihr bläuliches Zahnfleisch fletschte, das sie noch abstoßender machte. Es war ein schmutziges Scheusal; Begge beneidete es nur um seine Bosheit.

Johanna wollte die dunkle, gewundene Treppe, die zur Küche hinabführte, herabspringen. Sie sah den Wassereimer nicht, der auf den Stufen stand, stieß dagegen und schlug mit aller Gewalt hin.

Im Erdgeschoß hörte sie ein doppeltes höhnisches Lachen. Als sie aufstand, fühlte sie, daß ihre Stirne naß war, es war Blut. Sie hatte eine breite Wunde und war ganz durchnäßt von dem umgegossenen Eimer. Begge tat, als käme sie bei dem Lärm herbeigelaufen, und rief:

»Was wird denn da wieder im Hause zerschlagen?«

»Ich,« antwortete Johanna entschlossen, »man wollte mich umbringen.« Und sie stieg die Treppe wieder hinauf.

Als die beiden Weiber das Blut sahen, erschraken sie. Johanna ging in ihre Kammer, ohne daß man ihr etwas zu sagen wagte. Als sie allein war, hatte sie heftige Schmerzen; die kalte Luft drang in ihre Wunde. Sie wusch sie aus und verband sie, so gut sie konnte. In ihrer Entrüstung hatte sie nur einen Gedanken: wenn Toulet das nächstemal käme, wollte sie ihm alles sagen, und er würde seinen Plan dann um so eher zur Ausführung bringen.

Als sie diesem Gedanken nachhing, ging die Tür auf und Begge trat ein. Sie trug einen großen Napf Suppe und Weißbrot.

»Du wirst hoffentlich nicht daran sterben,« sagte sie, »denn du bist ja auf den Beinen. Aber wenn du Herrn Toulet siehst, sage ihm nichts davon, was die alte Vettel getan hat. Ich habe sie fortgejagt. Du bist gefallen, und damit gut. Er braucht nichts weiter zu wissen.«

»Ich werde tun, was ich muß,« sagte Johanna.

»Da, iß diese Suppe und dies Weißbrot, zum Zeichen, daß du mir nicht böse bist.«

Johanna lächelte, als sie sah, daß sie Begge mit der Angst vor Toulet im Zaume hielt.

»Willst du ein gutes Glas Wein, so bringe ich's dir,« sagte Begge noch.

»Danke,« entgegnete Johanna, »ich werde Wasser trinken, wie stets.«

»Morgen,« sagte Begge, als sie die Kammer verließ, »wird es wieder gut sein. Aber du kannst in deiner Kammer bleiben, wenn du Schmerzen hast.«

»Nicht nötig,« sagte Johanna und dachte an Toulets nächsten Besuch.

Am nächsten Tage ging sie hinunter und suchte das Scheuerzeug; sie fand alles am Platz, Begge hatte es hingebracht. Dann merkte sie, daß die Aufwärterin nichts im Hause getan hatte, als zwei Mundtücher und ein Tischtuch zu stehlen.

Sie ging hinauf, um Begge diesen Diebstahl anzuzeigen. Die sprang auf und rief: »Die Diebin hat sie gewiß unter ihrem Rock versteckt, ich werde sie beim Richter anzeigen, er wird sie zwingen, mir meine Wäsche wiederzugeben, und ich werde zusehen, wie sie ausgepeitscht wird.«

Die Wäsche kam zurück, aber die Zeichen waren herausgeschnitten, und Begge ging zusehen, wie die Diebin ausgepeitscht wurde.

Am nächsten Tage hatte Johanna ihre Kammer noch nicht verlassen. Sie hatte beschlossen, nicht herunterzugehen, bis sie Toulets Stimme vernahm. Um elf Uhr vormittags dröhnte ein wuchtiger Hammerschlag an die Haustür. Begge, die im Eßzimmer nähte, fuhr erschreckt auf und stach sich in den Finger. Johanna öffnete ihr Fenster, und als sie sich herausneigte, erkannte sie Toulet.

Begge zauderte, die Tür zu öffnen. Schließlich blickte sie durch das Schiebefenster, und als sie den erkannte, der solchen Lärm an ihrer Tür gemacht hatte, fiel sie vor Freude fast hintenüber. Johanna stand schon am Fuße der Treppe, bevor Begge Toulet erkannt hatte, und diese hatte nur noch so viel Zeit, ihrer Nichte zu sagen: »Geh in deine Kammer!«

Aber das schlaue Mädchen tat, als hörte sie es nicht, und blieb. Über so viel Dreistigkeit verblüfft, wagte Begge ihren Befehl in Gegenwart Toulets nicht zu wiederholen, und das erste, was dieser beim Betreten des Eßzimmers sah, war Johannas noch blutende Stirn.

»Wer hat dich denn so zugerichtet?« rief er aus.

»Ein boshaftes Weib,« antwortete Johanna, »hat einen Wassereimer auf die Küchentreppe gesetzt, damit ich darüber fiele.«

»Wer ist dies nichtsnutzige Weib?« fragte Toulet ergrimmt und vor Zorn bebend.

Begge antwortete hastig: »Eine Aufwärterin, Marie, die Pockennarbige.«

Toulet blickte Johanna fragend an, und diese zuckte unmerklich die Achseln. Da witterte er irgendeine häusliche Niedertracht, und da er Johannas wegen vorsichtig sein wollte, sagte er mit gleichgültiger Stimme:

»Kleine, tu Malvenblätter drauf und eine Leinenbinde drüber. Ich schicke dir das Nötige zu.«

»Danke sehr, Herr Toulet,« sagte Johanna überschwenglich.

Begge raste im stillen, daß ihr Herzensfreund sich um die Verletzungen dieser »Dirne« sorgte, aber sie ließ sich nichts anmerken und sagte:

»Ihr könnt Euch nicht denken, wie leid es mir tat, als ich meine Nichte fallen hörte. Ich habe die Pockennarbige auch gleich an die Luft gesetzt.«

»Ich rieche den Braten schon,« sagte sich der Herzensfreund.

Begge fuhr fort:

»Aber treten Sie doch ein, Herr Toulet, treten Sie doch ein. Johanna, geh in den Keller und hol' uns Burgunder, eine Flasche hinter dem Reisig.«

»Ich kenne den Keller nicht,« versetzte Johanna, »und dann habe ich zu arge Schmerzen, wenn ich mit meiner Wunde ins Kalte gehe.«

»Deine Wunde!« rief Begge, »eine kleine Schmarre! Willst du vielleicht die Prinzessin spielen?«

Aber sie sah Toulet an, der ihr einen erstaunten Blick zuwarf. »Ich werde selbst gehen,« sagte sie sanfter.

»Sie brächte dich um, wenn sie's wagte,« flüsterte Toulet Johanna zu, als Begge hinaus war. »Sie hat wohl den Eimer auf die Treppe gestellt?«

»Sie und die Pockennarbige,« versetzte Johanna.

Toulet ergriff ihre Hand und flüsterte weiter: »Was ich auch tue, denke daran, daß es nur ein Possen ist.«

»Ja, Herr Toulet,« nickte Johanna.

»Was habt ihr beiden denn da zu tuscheln?« fragte Begge mißtrauisch, als sie mit der Flasche zurückkam.

»Etwas, das Euch viel Spaß machen wird,« entgegnete Toulet mit zärtlicher Stimme, »aber ich habe Johanna verboten, Euch etwas davon zu sagen.«

Johanna warf Toulet einen vorwurfsvollen Blick zu.

»Geht doch, Begge, und seht nach,« setzte er hinzu, »was ich im Vorflur gelassen habe.«

Toulet benutzte den Augenblick, um den Finger auf den Mund zu legen. Johanna machte ein Zeichen, daß sie ihn verstanden hatte. Kaum war Begge hinaus, so kam sie schon wieder mit einer prachtvollen Geflügelpastete, die sie bereits aus dem Netz herausgenommen und ausgewickelt hatte. Sie strömte einen feinen, lieblichen Duft aus, der Johanna noch nie in die Nase gestiegen war. Er gemahnte sie schier an den Waldesduft und den Geruch mancher Pilze, aber er war noch viel schöner.

Begge riß gierig die Augen auf und starrte die Pastete wie ein Sperber an, der auf eine Taube niederstoßen will.

»Bringt Teller und drei Gedecke,« sagte Toulet.

Begge stand abermals auf und holte sie aus den Schränken. Es waren Steingutteller, auf deren weißem Grunde Distelfinken, Rotkehlchen und scharlachrote Blumen prangten. Die Pastete wurde auf einen größeren Teller gelegt. Toulet löste den Deckel ab und behandelte die Pastete mit offenbarem Respekt, denn er nahm das Schweineschmalz mit großer Vorsicht ab, dann zerlegte er die Kruste in drei Teile. Die beiden Frauen folgten seinem Tun mit aufmerksamen Blicken. Nach und nach sahen sie aus der Kruste eine junge Pute hervorkommen. Der Duft wurde immer stärker. Schließlich öffnete Toulet vorsichtig den Bauch des Geflügels. Dann sagte er triumphierend, indem er auf jeden Teller zwei Ammern legte: »Kosten Sie das, meine Damen, und schneiden Sie die Vögel mitten durch.«

»Mein Gott,« sagte Johanna, »was ist denn das Schwarze da drin?«

»Das ist ein Fürstenschmaus,« erklärte Toulet; »ein Bratkoch aus dem Herzogtum Parma hat es mir gesandt. Man nennt das Trüffeln.«

»Es ist, als ob man in einen Pilz bisse,« sagte Johanna. »Aber warum nennt man das Trüffeln?«

»Weil,« sagte Toulet mit drolligem Ernst, »dies schwarze Zeug beim Ansehen jedermann betrügt,Unübersetzbares Wortspiel mit truffes (Trüffeln) und dem alten Zeitwort trupher (zum besten haben). – D. Übers. denn es taugt mehr als es scheint, nicht wahr, Begge?« setzte er hinzu.

»Sagen Sie mir das?« fragte Begge beleidigt.

»O nein,« versetzte Toulet. »Man weiß doch, daß Ihr gut wie Weißbrot seid. Ich meinte mich selber.«

»Sie? Aber Sie sind doch auch gut, und Ihre anderen Eigenschaften sind gleichfalls bekannt.«

Toulet antwortete, Begge gab heraus, und ohne sich um Johanna zu kümmern, sagten sie einander so viele schöne Dinge, daß darüber drei Flaschen getrunken wurden. Zwar vergaß Toulet nicht, Johanna von Zeit zu Zeit einzuschenken, aber darauf beschränkten sich seine Aufmerksamkeiten gegen sie.

Das schnürte dem armen Mädchen das Herz zusammen. Sie aß und trank nicht mehr. Plötzlich sagte Toulet:

»Glaubt Ihr, Begge, ich täte gut, lange Witwer zu bleiben?«

»Gewiß nicht.«

»Ich weiß aber nicht recht, wer den alten Toulet noch möchte.«

»Ich weiß es wohl,« entgegnete Begge. »Außerdem seid Ihr nicht alt.«

»Man glaubt es aber.«

»Wer denn?«

»Alle.«

»Das stimmt sicher nicht.«

»Welche Frau soll ich nehmen? Sie müßte Sinn für Ordnung haben, ein gutes Herz, und gerecht sein, um nicht alle Mägde zu schelten.«

Bei diesen Worten blickte er Begge bewundernd an.

»Diese Eigenschaften sind nötig,« sagte sie mit Nachdruck.

»Kennt Ihr sie?« fragte er.

»Ich? Wer ist's? Ich?«

»Wenn der Hund einen Markknochen hat, knackt er ihn auf, lutscht ihn aus und schweigt.«

»Warum wollt Ihr's mir nicht sagen?« fragte Begge mit zärtlichem Tonfall.

»Ihr wißt es,« sagte Toulet und faßte sie um die Hüften. »Geht und holt Wein.«

Begge ging hinaus und holte die vierte Flasche. Ihr Gang war schwer.

Als Toulet sie im Keller wußte, steckte er Johanna eine Trüffel in den Mund. »Iß doch,« sagte er. »Du weißt doch, daß du meine Frau wirst.« Er küßte sie; ihre Augen füllten sich mit Tränen.

Schweren Schritts kam Begge die Kellertreppe herauf.

»Sie hat ihr Teil,« sagte er zu Johanna, »aber du hast ja gar nichts getrunken, schlechtes Mädchen.«

»Na, Begge,« sagte er, als sie wieder erschien, »Ihr werdet mir Bescheid tun, was?«

Begge gehorchte, aber beim zweiten Glas fielen ihr die Augen zu, trotzdem sie sich krampfhaft bemühte, sie offen zu halten. Schließlich schlief sie ganz ein und ließ ihre Arme steif zu beiden Seiten des Stuhles herabhängen.

Toulet und Johanna benutzten ihren Schlaf, um von ihrer Zukunft zu reden. Aber da Toulet Johanna nichts Schlechtes beibringen wollte, gab er ihr einen väterlichen Kuß und ging fort. Sie geleitete ihn bis zur Tür. Begge schlief noch immer. Als die Tür ins Schloß fiel, fuhr sie auf und suchte verstörten Blicks überall nach ihrem künftigen Gatten.

»Er ist auf und davon,« sagte Johanna.

Begge versuchte zu begreifen, aber umsonst. Johanna zog sie aus und legte sie wie ein Kind zu Bette.

Am folgenden Tage erschien Toulet nicht, aber er kündigte sein Kommen auf den übernächsten Tag an.

8

Der Bräutigam kam zu früh, so daß Begge ihn nicht empfangen konnte. Sie war noch dabei, sich als umworbene Witwe auszustaffieren. Einige Minuten später kam sie herunter, geputzt wie eine Säbelscheide, mit glänzenden Haaren, lebhaften Farben und all ihrem Schmuck behängt.

»Donnerwetter!« rief Toulet, »Ihr seid schön wie die heilige Jungfrau bei einer Prozession.«

Tante Begge setzte sich, artig den Kopf wiegend, und breitete ihren englischen Tuchrock aus.

»Mein Kleid ist nicht von Seide,« sprach sie, »denn ich bin keine Edelfrau.«

Toulet entgegnete salbungsvoll: »Ach, Begge, Ihr seid auch so schon zu gut für mich.« Dann seufzte er und sprach: »Ich möchte, daß der Hochzeitstag schon da wäre. Aber er kann nicht im Mai sein, denn Maienhochzeit bringt Unglück.«

»Wann wird er denn sein?« forschte Begge.

»Am ersten Mittwoch im Juni.«

»Soll ich dies Kleid anziehen?«

»Das ist kein Brautkleid,« sagte er.

»Ich werde mir also ein anderes machen, denn Ihr wollt mich ja heiraten.«

Toulet lächelte und gab ihr einen leichten Klaps auf die Wange. Begge war entzückt und holte aus dem Keller zwei Flaschen erlesenen Weins, den sie selbst nie zu trinken wagte.

»Keine Sorge, Johanna,« sagte Toulet und gab ihr einen langen Kuß auf die Stirn.

»Die Böse,« schmollte sie.

Sie hörten sie mit den Flaschen im Keller hantieren; schließlich kam sie zurück.

»Das ist was Feines,« sagte sie und setzte die Flaschen auf den Tisch. Dann goß sie Toulet ein großes Glas ein.

»Trinken wir,« sprach sie, »auf unser Glück!«

»Trinken wir,« sprach Toulet.

Johanna, der er wie aus Zerstreutheit auch eingeschenkt hatte, stieß traurig mit ihm an und sagte: »Ich trinke auf Ihr Wohl, Herr Toulet!«

»Warum nicht auf unser beider Wohl, kleines herzloses Ding?« rief Begge. »Geziemt sich's für ein Rotznäschen wie dich, auf das Wohl eines Mannes zu trinken? Willst du Herrn Toulet etwa schöne Augen machen?«

Johanna zuckte die Achseln und schwieg.

»La la, beruhigt Euch, Schöne,« begütigte Toulet. »Wenn die Kleine sagte: Ich trinke auf Ihr Wohl, so meinte sie: Ich trinke auf jedermanns Wohl. Nicht wahr, Johanna?«

»Nein,« entgegnete diese.

»Pfui,« machte Begge, »wie unverschämt! Man sieht, sie will nichts von mir wissen.«

»Seid Ihr boshaft?« fragte Toulet.

»Ich?« rief sie. »Lieber Gott! Johanna kann das Gegenteil bezeugen. Nicht wahr, Johanna, ich bin gutherzig?«

Johanna schwieg.

»Nun, nun,« sagte Toulet, »lassen wir das. Es war ja nur Spaß, was ich sagte. Aber,« fuhr er plötzlich fort, »wenn Ihr zum Hochzeitstag ein schönes Kleid habt, meine ich, Ihr müßtet Johanna wenigstens ein neues Kleid machen lassen.«

»Sie wird das Haus hüten.«

»Das gäbe Gerede in ganz Andenne. Die bösen Zungen behaupten schon jetzt, Ihr liebtet Eure Nichte nicht.«

»Ha, Toulet! Die Leute wissen nicht, was sie sagen!«

»Ihr seht also, Johanna muß ein Kleid haben, und um Euch die Ausgabe zu sparen, werde ich es ihr schenken.«

Begge riß wütend die Augen auf und sagte kein Wort.

Plötzlich sprach Toulet zu Johanna:

»Steh auf, Kleine, ich will dir Maß nehmen.«

Johanna gehorchte und Toulet zog aus seiner Gürteltasche ein langes Band, aber Begge sprang rasch auf und trat zwischen ihn und Johanna. »Das werde ich tun,« sagte sie, »es gehört sich so.«

»Nein,« entgegnete Toulet mit harter Stimme.

Begge schwieg, denn sie spürte den Groll ihres zukünftigen Herrn, wie sie glaubte. Indessen nahm Toulet behende Johannas Maß: ihre schlanke Taille, die sich schon wölbende Brust und die Rocklänge. Des Festkleides wegen legte er ein paar Ellen hinzu.

»Eure Hände zittern, Meister Toulet,« sprach Begge. »Ihr kommt nie zum Ende.«

»Schon fertig,« sprach Toulet und setzte sich mit leuchtenden Augen. Johanna lächelte.

9

Die Zeit verging rasch und Begge hatte nur noch eine Woche zu warten. Die Tage folgten einander, schon kam der 8. Juni, am 9. sollte die Hochzeit sein. Bisweilen war sie toll vor Freude, bisweilen auch finster und boshaft und blickte Johanna starr an. Sie hätte ihr mit einem scharfen Dolche das Herz durchbohren mögen, denn sie fühlte, daß sie ihr Unglück bringen werde.

Johanna zitterte nicht mehr, sie fühlte sich sicher in Toulets Schutz.

Mit boshafter Freude sagte Begge zu Johanna:

»Schau, dein Kleid ist noch nicht da, der Schneider hat es gewiß noch nicht fertig! Vielleicht hat sich Toulet auch wie ich gesagt, es paßte sich nicht, daß du zu der Hochzeit gehst.«

Am Abend rief sie voller Freude: »Sie wird ihr Kleid nicht bekommen!«

Johanna glaubte es und sagte sich, Toulet hätte sie sicher zum besten gehabt. Da bat sie Gott um Vergebung für ihre Hoffart und daß sie geglaubt hätte, ihr elendes Leben würde ein Ende nehmen.

Am Hochzeitstage bei Morgengrauen, als Begge aufstand, fand sie Johanna schon auf; sie war bleich und ärmlich gekleidet. Begge sagte zu ihr: »Sei nicht eifersüchtig. Du wirst auch heiraten, aber den Glockenläuter oder einen Ziegenhirten aus den Bergen.«

Johanna weinte.

Um sieben Uhr morgens war ein Gewitter in der Luft und ein starker Regen ging nieder. Um acht Uhr hörte er auf. Um neun Uhr schien die Sonne hell und man vernahm lautes Stimmengetöse.

Es war der Hochzeitszug, der die ganze Hauptstraße erfüllte. Da kamen zuvörderst die Bogenschützen mit der Sankt-Georgs-Fahne, dann die Bruderschaft von Sankt Hubertus mit ihren gekoppelten Hunden und ihren Bannern, dann ein Wagen mit Pferden, die mit Zweigen und Blumen bedeckt waren, und schließlich in einem vergoldeten Karren Toulet, der einen mannshohen Holzkasten trug. Er war im Festtagsgewand, mit neuem Hut, wollenem Wams mit Stahlknöpfen, Kniehosen aus feinem flandrischen Tuch und Gamaschen aus Korduaner Leder. Nie war er so schön gewesen.

Ais Tante Begge den langen Zug nahen sah, fuhr sie vor Freude und Stolz auf. Auch sie strahlte. Sie hatte ein blaues Tuchkleid angelegt und allen Schmuck, der darauf Platz fand. Besorgt fragte sie sich, was wohl in dem großen Kasten sei, den Toulet im Wagen hielt. Und Johanna in ihrem geflickten Barchentkleid sah all diese Pracht und fragte sich auch, was wohl der große Kasten bedeute.

Endlich kam der Zug bis vor die Tür. Die Hauptleute der Bogenschützen und der Sankt-Hubertus-Bruderschaft betraten das Haus und mit ihnen die vier Trauzeugen, die Toulet gewählt hatte, zuletzt Toulet selbst, der mit dem großen Kasten von seinem Wagen herabsprang, als wäre er federleicht. Die anderen blieben draußen.

Tante Begge wartete an der Tür und führte ihn in das Haus. Johanna, bleich wie eine Verschiedene, schlug traurig die Blicke nieder und verbarg sich in einem Winkel.

Da zog Toulet aus dem großen Kasten ein reiches Brautkleid hervor, ein blaues, faltenreiches Gewand und einen blauen Turban, und sprach:

»Setzt euch alle, wenn ihr könnt, und hört alle, was ich sage.«

»Sprecht, Meister Toulet,« sagten die Anwesenden.

Toulet sprach und sagte: »Ich komme in dies Haus, um ein Weib zu nehmen.« Dann machte er einen Schritt und trat zwischen Begge und Johanna. »Die, welche ich gewählt habe,« fuhr er fort, »hat die vier häuslichen Tugenden: Scham, Sanftmut, Mut und Geduld bei der Arbeit.«

Tante Begge trat vor.

»Darum,« sprach Toulet, »nehme ich vor Gott und vor Euch zum Weibe . . . die Kleine, die da in der Ecke steht und weint. Tritt näher, Johanna . . .«

Johanna blickte lebhaft empor und trocknete hastig ihre Tränen, aber Begge war auf sie losgestürzt. Toulet warf sich dazwischen, und sie schlug ihm ihre Finger ins Gesicht, als wollte sie ihm die Augen auskratzen, aber es gelang ihr nicht.

Dann wandte er sich zu Johanna und drohte Begge mit der Faust. Sie wollte reden, aber ihre Schimpfworte erstickten auf ihren Lippen. Ihr Gesicht wurde bleich wie ein Tischtuch, und die Wut grub Furchen hinein. Ihre grauen Augen quollen hervor, röteten sich mit Blut und spien Flammen. Dann erbebte ihr Körper wie ein sturmgepeitschter Baum, und Tante Begge fiel zu Boden, wie vom Schlage gerührt, und spie bleichen Schaum aus.

»Gott hat sie geschlagen,« sprach Toulet. »Sie war boshaft und hart gegen jedermann. Beten wir trotzdem für ihre Seele.«

»Die Katzen sterben nicht so rasch,« sagte der Bader, der unter den Hochzeitsgästen war. »Sie wird wieder aufkommen, aber hütet euch künftig vor ihr. Ich bleibe hier, um sie zu pflegen,« setzte er hinzu. »Geht ihr zu der Hochzeit, ich bürge für alles.«

In der Tat erwachte Begge in ihrem Hause, als der Priester das junge Paar in der sonnendurchleuchteten Kirche traute, und die vergüldeten Heiligenbilder und die heiligen Jungfrauen mit ihren lächelnden Lippen schienen Toulet und die kleine Johanna gleich dem Priester zu segnen.

10

Aber noch war nicht alles vorbei. Die Jugend von Andenne rottete sich zusammen, damit die Neuvermählten sich freikauften. Das war des Landes so der Brauch.

Kaum hatten sie die Kirche verlassen, so erscholl aus der Menge auf dem Kirchplatz ein gewaltiges Geschrei:

»Da sind sie, da sind sie, man muß sie plündern.« Das besagt im heutigen Sinne: »Ihnen die Kleider ausziehen.«

Toulet stand mit Johanna noch in der Vorhalle, als die Menge die Stufen heraufdrang und sie umringte. Unter den ersten und dreistesten waren alle, die von den Mädchen von Andenne einen Laufpaß gekriegt hatten. Alle waren schwächlich, häßlich oder mißgestaltet.

Johanna erschrak, als sie einen garstigen Buckligen neben sich sah, einen Kerl mit grinsender Satyrfratze und einem Maul von einem Ohr bis zum andern. Der wollte ihr die Kleider abreißen und machte sich einen Spaß daraus, sie zu ängstigen, denn er hatte noch nie eine so ziere Christin gesehen. Ein anderer, ein Riese mit plattem, bleichem, gedunsenem Antlitz, eingedrückter Nase und großem, weit offenem Maul mit gelben Fletschzähnen, sagte zu ihr mit breiiger Stimme: »Wir wollen doch sehen, wie deiner Mutter Kind ausschaut.«

Und all die garstigen Lahmen, Buckligen und Krüppel, ja sogar ein paar schmucke Burschen von Andenne, zappelten vor Vergnügen und schrien: »Ja, ja, wir wollen sehen, wie deiner Mutter Kind ausschaut.«

Inzwischen sprachen andere zu Toulet:

»He, he, junger Ehemann, zieh' dich aus und zeige dem Volk deine alte Schönheit.«

»Gute Leute,« sprach Toulet lächelnd, indes Johanna sich zitternd an ihn schmiegte, »wir sind sittsam und ziehen uns nur insgeheim aus.«

»Nein, nein,« schrie die Menge, »ihr müßt es hier vor den Leuten tun, denn solches ist der Brauch des Landes.«

»Wir dulden es nicht,« sprach Toulet. »Und du, langer Rüpel,« sagte er zu dem bleichen Riesen, »komm nicht zu nahe, oder ich hacke dich in Stücke und werfe dich den Schweinen vor.«

Und er würzte seine Worte mit einem Faustschlag in des Riesen Gesicht, also daß er hintenüber in die Menge fiel.

Aber der Bucklige hatte Johannas Schleier erwischt und wollte damit fortlaufen. Da packte ihn Toulet am Kragen, hob ihn an einem Bein in die Luft, zeigte ihn so der Menge und sagte dabei: »Bitte die Jugend um Frieden für uns, wir wollen uns freikaufen. Sonst werfe ich dich auf den Platz wie ein Bündel schmutziger Wäsche.«

Da fuchtelte der Bucklige mit seinen langen Armen, wackelte mit seinem Höcker und rief zu Toulet und der Menge: »Toulet will sich freikaufen. Laß mich los, Toulet. Toulet will sich freikaufen.« Und alle sprachen: »Ja, ja, sich freikaufen mit Fleisch und Wein.«

Toulet sagte dem Buckligen etwas ins Ohr, und der schwenkte sein freies Bein in der Luft und schrie: »Ihr guten Leute von Andenne, kommt alsbald auf den Platz, wenn der Ausrufer sein kupfernes Becken schlägt. Toulet verspricht Fleisch in Fülle zum Essen und Wein in Tonnen zum Trinken, bis jeder genug hat.«

Da stellte ihn Toulet wieder auf die Füße und sprach: »Ihr guten Leute von Andenne, holt euch jeder einen Tisch, einen Teller und ein Glas. Ich schwöre bei Gottes Blitz, die Tische mit Schinken zu bedecken, die Teller mit Fleischgerichten zu füllen und die Gläser mit Wein aus meinen Tonnen, so reichlich, wie die Wasserfälle der Echavée. Geht nun in Frieden und laßt uns vorbei.«

»Heil Toulet!« schrie die Menge und machte eine Gasse frei, indes jung und alt die Hüte schwenkte und rief: »Heil Toulet! Heil Johanna! Heil dem Hochzeitsschmaus und dem Wein!«

11

Eine Stunde darauf boten der Kirchplatz und die Straßen von Andenne einen neuen und schönen Anblick. Überall sah man Tische aufgestellt, auf denen leere Schüsseln und Teller ihr Maul auftaten und der Speisen harrten.

Toulet wußte, daß die Hochzeit so enden würde. Groß aber war das Erstaunen aller, als sie eine ganze Prozession daherkommen sahen. Die einen trugen Stangen, an denen Schinken, Leber- und Hirnwürste hingen, andere trugen zu viert Bahren, auf denen ganze Schweine zu sehen waren, mit Petersilie geziert, Rinder und Kälber, mit Rosen geschmückt und mit Würstchen und Kastanien gestopft, Lämmer und Spanferkel, im Backofen goldig gebräunt. Aber die Krone bildeten die Geflügelfrikassees, die in duftenden Tunken schwammen, also daß die Luft auf hundert Schritt davon erfüllt war, und Suppen, die im ganzen Lande berühmt waren, in gewaltigen ehernen Kesseln, jeder zu dreißig Eimern.

Dann kamen auf Wagen die Fässer und Tönnlein von jeglicher Gestalt mit dem Zapfen im Spundloch. Ein Knabe, mit Weinlaub umhüllt und gekrönt, saß rittlings auf dem ersten Faß.

Die Speisen wurden auf die Tische gesetzt und die Fässer daneben gestellt. Das alles geschah in solcher Ordnung, daß jedermann, reich wie arm, zu essen und zu trinken hatte, ohne daß sie ihre Bänke und Kisten zu verlassen brauchten. So viele Diener waren zur Stelle, man wußte nicht woher, daß es manchem gar wunderlich schien.

Mit großen Messern schnitten die Diener große Scheiben Schinken und Brot, schöpften aus den Kesseln volle Schüsseln von Suppe und Frikassee und reichten sie, Ketten bildend, an andere, die sie weiter verteilten. An jeglichem Tischende standen Mundschenken, die jedem einen vollen Humpen Wein schenkten und denen, die ihn erhalten, einen Kreidestrich auf den Rücken machten. Bald waren alle gezeichnet. Aber die, welche getrunken hatten, löschten das Zeichen heimlich aus, also daß manche bis zu siebzehn Krügen Wein oder Bier tranken.

Keiner ging bei dieser Hochzeit leer aus, nicht mal die Lahmen, die auf Krücken gingen, die mit Kröpfen Behafteten, die Hinkenden, Buckligen und Bettler, ja nicht mal die Hunde, die bei dem Dufte der Tunken von allen Bauernhöfen der Umgegend herbeigelaufen waren und sich nun um einen Knust Brot, einen Knochen, eine Schwarte mit großer Wut stritten.

Um die Vesperzeit begannen die Leute zu tanzen. Männer und Weiber glaubten den Mond am Himmel doppelt zu sehen, wie er sich teilte und wieder zusammenschmolz. Dudelsackspieler, die sich mit Mühe auf den Fässern hielten, lockten aus allen Ecken die Paare zum Tanz, aber ihre Füße beschrieben Zickzackfiguren, wie sie die Tanzkunst nicht kennt. Andere sangen, zechten weiter und riefen: »Heil Toulet! Heil Johanna,« indes andere Paare in den Winkeln der Strebepfeiler der Kirche Frau Venus feierten und sich trunken ewige Liebe schworen.

In Toulets Haus ging es minder hoch her, aber der Schmaus war gewählter. Fette Poularden mit weißem Fleisch, rosige Gänse, Geflügelsuppen und feine Gemüse standen auf den langen Tischen. Aus der Küche stieg der leckere Duft der Wachteln auf, die im letzten Jahre in Schweineschmalz eingelegt waren und nun aus ihren irdenen Töpfen hervorkamen. Und Johanna, die an kräftige Fleischspeisen und berauschende Weine wenig gewohnt war, hatte ihren jungen, klaren Verstand verloren, als Toulet sie ins Brautgemach führte.

12

Am Sonntagmorgen, dem Tag nach der Hochzeit, als die Überbleibsel des gewaltigen Schmauses noch auf den Tischen in ganz Andenne umherstanden, hielt der Pfarrer nach der Neunuhr-Messe die Predigt. Es waren nur alte Männlein und Weiblein in der Kirche, die wegen ihrer hohen Jahre dem Fest ferngeblieben waren.

»Meine Brüder,« sprach der Pfarrer mit Stentorstimme, »mein Zorn ist über sie ergrimmt und wird sie vertilgen bis in ihre Grundfesten. Also spricht Gott im zweiundzwanzigsten Verse des fünften Buches Mosis. Ja, meine Brüder, Gott muß ergrimmt sein, wie er sagt, ja, sein Zorn vertilgt die Gottlosen, die lauen Seelen, die in Sünden leben, statt an die Kirche zu denken, die sich vollfressen wie Kapaune. Er muß seine Macht den Ungläubigen zeigen, und darum sandte er nach Tatschingkun, welches ihr China nennt, eine grausame Pest, welche in jenen fernen Ländern sechshundertsiebenundachtzigtausend Einwohner, Männer und Weiber, hinraffte, ungerechnet die Mandarinen.

Selbst Luft und Wasser wurden verpestet, und alle Vögel fielen tot hernieder, indes die Leichen der Fische auf der Oberfläche des Meeres schwammen. Also ward Gottes Wort erfüllet, daß sie bis in ihre Grundfesten vertilgt würden.

Dann fand der Herr, daß es genug sei, verzieh ihnen und sandte die Pest zu den Griechen, danach zu den Afrikanern, und dort starben mehr denn neunhunderttausend Menschen, ungerechnet die Pferde.

Gott verzieh abermals und sandte die Pest nach Italien, wo die Menschen zwar Christen sind, aber sehr verdorben. Dort schlug er eintausendneunhundertsiebenundachtzig Männer, ungerechnet die Weiber und die Kastraten, die in den Kirchen singen. Nachdem solches geschehen, verzieh ihnen der Herr die Schmutzigkeit ihrer Leiber und Häuser.

Aber, meine Brüder, wenn der Ewige in seiner Gnade unser Land auch verschont hat, so sandte er uns doch eine andere Plage in der Gestalt der Geißler oder Flagellanten. Sie behaupten, daß sie Christus nachahmen, indem sie sich dreimal für ihre Sünden geißeln, und auch für die unseren, aber in Wahrheit tun sie es aus Gewinnsucht, damit man ihnen die Wachslichte und Harzfackeln, das Gold und Silber gibt, das sonst der Kirche gespendet würde. Die Geißler sind die Heuschrecken und Fliegen, von denen Moses spricht, denn sie verzehren das christliche Volk.

Ja, Fliegen, die euch die Augen blenden, euch in die Seele dringen in Schwärmen von lästerlichen Reden, ja, Heuschrecken, die nicht eure Ernten und Gemüse auffressen, sondern euer Hab und Gut, das Gut eurer Verwandten und der heiligen Mutter Kirche.

O Verwüstung, o Greuel, die auf unser Land herabkommen werden! Sie haben sich in Maestricht gezeigt, sind von den Leuten des Bischofs verjagt worden und haben sich nach Andenne aufgemacht.

Sursum corda, meine Brüder, zeigt, daß ihr ein Herz habt. Geht hinaus, waffnet euch, ergreift eure Spieße, Lanzen und Schwerter, rottet die Geißler aus und macht, daß der morgige Tag nur ihre Hacken oder ihre Leichen bescheint. Gott will es, also sei es.«

Alle alten Männer und Frauen standen auf und riefen: »Gott will es!« Und die Frauen sagten: »Ach, wären wir doch Männer, wir gingen ihnen entgegen, um sie auszurotten!«

»Ja, ja,« sagten die alten Männer sanft, »man weiß, ihr liebt die Gefahr, in die ihr andere hineintreibt. Aber wir haben Mut.« Und sie packten ihre Krücken und schwenkten sie in der Luft.

»Nur zu!« rief der Pfarrer. Und die alten Leutchen standen nicht ohne Beschwer auf und strebten dem Ausgange zu.

Da plötzlich vernahmen sie auf dem Platze ein lautes Getöse von Lästerungen und Hundegebell. Der Pfarrer hatte behutsam die Tür geöffnet und rief: »Da sind sie!« Und fürwahr, der ganze Platz war voll von Geißlern, deren weiße Mäntel und bloße Oberkörper sich von den Holzhäusern abhoben. Die Tische, die noch umherstanden, waren mit Hunden bedeckt, großen und kleinen, die die neuen Gäste anbellten.

Aber die alten Weiblein schrien nicht mehr, und die alten Männer hatten ihre friedlichen Krücken abgelegt. Nur drei hatten die Kirche verlassen und begannen auf die Geißler dreinzuschlagen. Die aber spotteten ihrer, nahmen ihnen die Krücken weg und zwangen sie, in die Kirche zurückzukehren. Und sie waren froh, wieder drinnen zu sein.

Alle Gevatterinnen umringten sie; sie aber warfen sich in die Brust und rühmten sich, sie hätten ihre Krücken an den Köpfen der Geißler zerschlagen. Doch als die ganze Schar dieser Taugenichtse auf sie eingestürmt sei, hätten sie sich in die heilige Stätte zurückziehen müssen.

Und die Gevatterinnen lobten und küßten sie weidlich, stellten sie über die größten Kriegshelden und feierten sie als Sieger, nicht nur, um ihnen Freude zu machen, sondern auch, um die anderen Alten zu kränken, die sich nicht ins Getümmel hinausgewagt hatten.

Indes sagte der Pfarrer, der allzeit Ausschau hielt, zu ihnen: »Hört ihr das Hundegebell? Das sind die Hunde von Andenne, auf die sie losschlagen, um sie von den Tischen zu verscheuchen. Kommt und schaut, meine Kinder, kommt und schaut.«

Und alle sahen sich nacheinander das Schauspiel an. Und sie sahen, wie die Hunde, in die vier Ecken des Platzes getrieben, die Geißler von dort aus anbellten.

Die machten sich nun über die Speisen her, zankten sich um das Beste, machten sich die Enten streitig, entrissen sich die Hammelkeulen und bissen gierig hinein, dieweil andere sie am Ärmel zupften.

Als sie mitten im Schmause waren, erschienen die Bürger von Andenne, durch den Lärm aufgeweckt, an allen Ecken des Platzes. Da der Führer der Geißler die Leute kommen sah, pfiff er dreimal, und die anderen stellten sich im Kreis um ihn. Dann richtete er sich auf und stimmte ein Kirchenlied an.

Auf dies Zeichen warfen alle ihre Mäntel ab, und das Volk von Andenne sah zu, wie sie sich geißelten, indes der Häuptling und seine zwei Helfer das Miserere und Dies irae sangen. Dann befahl der Führer innezuhalten, warf selbst den Mantel ab, geißelte sich dreimal im Namen der Dreieinigkeit und verlas einen Brief, den der Erzengel Michael, wie er sagte, ihm selbst überbracht hatte und worin ihm das Recht erteilt ward, die Geißler zu befehligen, zu richten und zu verurteilen, desgleichen alle Almosen und Gelder der Brüderschaft in Empfang zu nehmen, zu verwahren und auszuteilen.

Da sie dies vernommen, luden die Bürger von Andenne sie ein, sich an die Tische zu setzen und sich gütlich zu tun. Als aber der Pfarrer das hörte, geriet er in wilden Zorn und verließ die Kirche, von dem Küster gefolgt, der das Kreuz trug.

»Was!« rief er, »ihr guten Leute von Andenne, ihr erlaubt diesen schlechten Christen, von eurem Fleisch zu essen und von eurem Wein zu trinken? Wißt, der Herr Herzog hat allen Bürgern und Bauern befohlen, sie aus seinem Lande zu vertreiben. Wißt auch, unser heiliger Vater hat den Kirchenbann gegen sie geschleudert, und wenn sie euch heute auch lebendig erscheinen, inwendig sind sie nur Staub und Asche.«

Bei diesen Worten des Pfarrers packte die Bürger große Angst und sie verließen die Geißler in aller Hast. Aber der Häuptling trat auf den Pfarrer zu und sprach:

»Wagst du, schlechter Priester, so gegen Christen zu predigen? Auch wir verehren den heiligen Vater, aber mehr noch Sankt Michael, welcher uns durch Freibriefe geboten hat, uns für die Sünden der Welt zu geißeln und allerorten die heilige Pönitenz zu üben. Schau diesen Brief an und knie nieder.«

Als der Pfarrer das Pergament mit goldenen Sternen und hebräischen Schriftzeichen sah, erschrak er, kniete nieder und entwich in die Kirche. Und der Häuptling segnete ihn von hinten.

13

Die Geißler wollten gerade ihr Mahl fortsetzen, da kamen die Reiter des Bischofs auf den Platz gesprengt. Es waren ihrer wohl fünfzig mit Lanzen und Schwertern. Der Hauptmann ritt auf den Führer der Geißler zu und gebot ihm, das Feld zu räumen, mitsamt seinen Leuten. Der verweigerte es und wies sein Pergament vor, aber der Hauptmann schlug es ihm mit einem Schwerthieb aus der Hand und warf es zu Boden, desgleichen seinen Träger, den er an der Schulter verletzte. Der fiel auf das Pergament und schrie: »Jesus, ich bin tot!« Und er blieb starr und steif auf dem Bauch liegen, die Nase auf dem Pergament.

Der Hauptmann, der ihn für tot hielt, ließ ihn liegen und griff mit seinen Leuten die anderen Geißler an, die zumeist Reißaus nahmen. Die, welche blieben, wurden gefesselt, um aus dem Lande Lüttich geführt zu werden. Dann gab der Hauptmann Befehl zum Abmarsch. Aber einer der Reiter, der kecker war als die anderen, fragte: »Mit Verlaub, Herr Hauptmann, sollen wir auf alle diese Speisen hier spucken?«

»Nein,« sprach jener, »nehmt sie mit.«

Da spießten die Reiter aus dem Sattel heraus mit den Lanzen, der eine einen Schinken, der andere eine Hirnwurst oder ein Spanferkel auf. Und mit diesen nahrhaften Bannern ritten sie ab. Ein Karren folgte, von einem von ihnen gezogen und mit einem Faß Wein beladen.


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