Charles de Coster
Toulets Heirat
Charles de Coster

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1

Toulet zählte vierzig Jahre. Er war ein kräftiger Mann, nicht in der Blüte, aber in der vollen Reife der Jahre. Sein breites Gesicht hatte frische Farben und feste Züge; seine großen Augen hatten einen freien, gutmütigen Blick; darüber zogen sich dichte Brauen; sein breiter Mund hatte ein feines Lächeln. Die Frauen liebten ihn wegen seiner Kraft, seiner Gesundheit, seiner guten Laune und seines großen Wohlstandes.

Er war Gastwirt und hatte einen Ausschank von Branntwein, den man so schön »Lebenswasser« nennt, wie die Griechen ihre Parzen als »Eumeniden«, das heißt »Wohlgesinnte«, bezeichneten. Toulet war ganz Gutmütigkeit und Kraft, daher schwer zu erzürnen. Packte ihn aber der Zorn, so tat man gut, das Weite zu suchen. Einmal warf er zwei freche Wandrer hintereinander aus den Fenstern im Erdgeschoß seines Gasthofs. Seitdem ward er von Adligen wie Bürgerlichen geachtet. Toulet war rechtlich, nachsichtig gegen jedermann und treu wie ungemünztes Gold.

Sein Gasthof, viel besucht von Jägern und Fuhrleuten, stand rechts abseits von der Straße, auf der die Pilger von Sankt Hubertus noch heute nach Andenne ziehen. Gegenüber ragten die Felsen, auf denen die drei Kanonen stehen, die mit lautem Schall ihr Willkommen rufen. Die Lage war schön. Gegenüber die Poesie der Berge mit ihrem üppigen Baumwuchs, saftstrotzend im März, lichtgrün im Lenz, mit reichem, buntem Laubschmuck im Sommer und Herbst, grau und schwarz gesprenkelt im Winter und hier und da weiß verschneit. Über sich den weiten Himmel, an dem die Raben, Weihen und Sperber fliegen. Rechts die abfallende Landstraße mit ihren Läden, ihren Auslagen von Tuch und bedruckter Leinwand.

Das Haus selbst war einladend und von kräftiger Bauart. Das spitzbogige Tor führte in einen Vorraum und von da in den Hof mit dem Stalle. Auf dem Dunghaufen glucksten und schnatterten die Hühner und Enten, und ein stolzer Pfau schlug auf der Dachrinne sein Rad, zeigte seine häßlichen Füße und trompetete schrill. Dummstolze Truthähne und blöde Gänse vervollständigten das ländliche Bild. Man sah, all dies Geflügel war nur da, um gegessen zu werden.

Das wußten auch die Gäste, wenn sie ihre Pferde in den Stall führten, und mehr noch, wenn sie die Köchin erblickten, die, den einen Zipfel der Schürze unter das Schürzenband gesteckt, um flinker zu laufen, mit einem Messer hinter dem unglücklichen Federvieh herlief, das alsbald zum Suppenhuhn werden sollte.

Toulets Fleischbrühen oder vielmehr seine Ragouts waren im ganzen Lande berühmt. Es war unglaublich, was alles an Fleisch und Gemüsen hineingetan wurde. Gegessen wurden sie in einer geräumigen Garküche, in deren Herd stets ein starkes Holzfeuer lohte. Der lange Tisch war immer gedeckt, und darüber hingen die Schinken und Würste von der niedrigen Decke herab und warteten, bis die Reihe an sie kam. Wurden sie dann herabgenommen, so begoß man sie mit Wein von Lüttich und Huy, ja selbst mit Löwener Wein nach Burgunderart. Freilich ist's lange her, daß diese Geschichte sich zutrug.

2

Zu jener Zeit lebten in Andenne ehelich verbunden Mignolet und sein Weib Begge. Mignolet war so zierlich wie sein Name. Er hatte blaue Augen, blondes Haar, ein rosiges, rundes Gesiebt, einen kleinen Mund, schmale Schultern, ein rundliches Bäuchlein, kurze Beinchen, kleine Hände und Füße, die ohne ersichtlichen Grund stets in Bewegung waren.

Er war sehr zuvorkommend, grüßte jedermann, wollte jedem gefällig sein, war die Sanftmut selbst, weinte, wenn eine Fliege in der Suppe ertrank, war eitel wie ein Pfau und sah seinen Ruhm darin, für den besten Menschen zu gelten. Das war er auch wirklich, aber aus Angst. Er liebte nichts als Ruhe und Behagen, fette Fleischgerichte und milde Weine. Er tat, als liebte er Begge, in Wahrheit aber hatte er mehr Angst vor ihr als ein Köter vor dem Bergwolf.

Sein Weib, Begge Cauchin, war hochgewachsen und von üppiger Jugend. Sie hatte große, harte blaue Augen, eine breite Nase mit großen Flügeln und scharfer Spitze, aber dünne Lippen. Ihre Stimme klang bisweilen tief und rauh wie eine Männerstimme und verriet Zornmütigkeit, wilde Tatkraft und heftige Leidenschaften.

In der ersten Zeit ihrer Ehe liebte Begge ihren Mann, wie sie einen schönen Apfel geliebt hätte. Sie erschreckte ihn oft durch die Heftigkeit ihrer Liebkosungen. Später, als er hinfälliger wurde, sah sie in ihm ein schwaches, nichtiges Wesen. Anfangs reizte er sie, dann flößte er ihr Haß ein. Eines Nachts, als er sich bei kommen ließ, sie zu wecken, während sie schlafen wollte, warf sie ihn aus dem Bette. Er zog sich stillschweigend an und ging in den Garten, um zu weinen. War es kalt, so zog sie alle Decken an sich und ließ Mignolet nur ein Zipfelchen übrig, um seinen schlotternden Leib zu bedecken. Schließlich hatte er es satt, zu niesen und zu husten, und begehrte ein Bett für sich. Begge wünschte nichts weiter. Nun, wo er allein im warmen Nest lag, glaubte er, er könnte wenigstens ruhig schlafen, aber das war eine falsche Hoffnung. Wenn er unschuldig schnarchte, ehe sein Weib schlief, stand sie auf, zupfte ihn heftig am Ohr, riß ihm die Decke weg und weckte ihn auf; dann gebot sie ihm, leiser zu schlafen.

Nun beschloß der Ärmste, sich tot zu stellen, und verkroch sich unter seiner Bettdecke, damit sie ihn nicht mehr atmen hörte. Manchmal blieb er aus Angst wach. Dann spitzte er das Ohr, lauschte, ob sie noch nicht schliefe, und hörte, wie sie sich lange im Bett hin- und herwarf. Endlich sagten ihm ihre stärkeren, kräftigeren Atemzüge, daß der wohltätige Schlaf ihn von seiner Tyrannin befreit hatte. Nun wagte er ein Auge zu schließen, dann das zweite, und er schlief gleichfalls ein. Sein leises, ganz sachtes, schwermütiges Prusten, von zaghaften, kläglichen Seufzern unterbrochen, verriet, daß auch er für ein paar Stunden dem Leiden entrückt war.

Am Morgen hustete Begge sehr stark. Bei diesem Signal fuhr Mignolet aus dem Schlaf auf, sprang aus dem Bette und lief in die Küche, Winters wie Sommers, um die Morgensuppe zu kochen.

Begge, die sehr feinschmeckerisch war, bereitete die anderen Mahlzeiten selbst. Bei Tisch goß sie sich zuerst ein und nahm sich die besten Stücke. Kurz, sie wurde so zänkisch und quälerisch, zu jeder Zeit und zu allen Stunden, daß der schmächtige Mignolet sich hätte sagen müssen, sie wünschte ihn unter die Erde, um einen Andern zu freien. Dieser Andre war der reiche Witwer Toulet.

3

Indessen starb Begges Bruder, Honoré Cauchin, der Waldhüter des Abts von Floreffe. Er hinterließ nichts als ein Frankenstück, etliche Sachen und seine Tochter Johanna. Als er sein Ende nahen fühlte, ließ er durch den Bader der Abtei einen Brief an seine Schwester Begge schreiben, worin er sie bat, seine Tochter zu sich zu nehmen. Aber Begge schlug es ab, unter dem Vorwand, sie könne ein junges Mädchen nicht unter einem Dache mit ihrem noch jungen Manne haben. Sie schickte Johanna also mit ein paar Groschen zu ihrem zweiten Bruder Nikolaus, der »Hundetöter« in der Gemeinde Andenne war. So hießen die Leute, die während der Hundstage die herumstreifenden Hunde totschlagen mußten.

Nikolaus war lang, hager und knochig und von der Hochsommersonne gebräunt. Denn er mußte oft in Andenne herumstreifen, mit dem Spieße in der Hand und großen Ledergamaschen an den Beinen, der Hunde wegen, die oft in Scharen nach der Stadt gelaufen kamen, von dem leckeren Dufte der Fleischabfälle gelockt, die auf den Gassen verfaulten.

Nikolaus hatte ein gutes Herz und nahm seine Nichte Johanna freundlich auf. Sie war bescheiden, gefällig und sanft, anspruchslos im Essen und brauchte nichts als Liebe. Die fand sie bei Begges Bruder.

Indessen nahm Johanna an Gesundheit und Schönheit zu. An Stelle von Nikolaus holte sie die Suppe in der Abtei von Andenne; denn damals gaben die Stiftsdamen, die im Überfluß lebten, etwas von ihrem Zuviel an die Armen ab. Johanna war dort gern gesehen wegen ihres sanften Redens und Lächelns, ihrer schönen blauen Augen und ihres freundlichen Wesens.

Aber nicht nur die Stiftsdamen mochten sie gern. Auch die Bürgerfrauen schenkten ihr Bänder und alte wollene Röcke, die sie sich für ihren schlanken Körper zurechtschnitt. Sie schenkten ihr auch Eier, Früchte, sogar Wild, das sie fröhlich zu Nikolaus brachte. Und er freute sich insgeheim über das Wildpret, das er im Hause hatte, ohne im Wald seines Herrn gewildert zu haben.

Gingen beide zusammen aus, so rief man sie überall zu sich. Bisweilen hielt die Weinhändlerfrau sie sogar mit einer Flasche Wein frei. Aber Johanna richtete es stets so ein, daß Nikolaus fast die ganze Flasche austrank; er hätte es nötiger als sie, sagte sie. Und Nikolaus verließ das gastliche Haus etwas schwankend und schwor, er wollte ein reicher Mann werden, sich ein Steinhaus bauen und mit Johanna täglich Wein trinken.

»He, alter Kolas,« rief ihm der Nachbar Schuster zu, wenn er heimkehrte, »man hat dir wohl wieder zu Ehren der Kleinen die Kehle gespült!«

»Hehe!« lallte Nikolaus siegestrunken und lächelte stumm.

Aber in der heißen Zeit des Juli und August, wenn die Hundstagsglut wütete, hatte es Nikolaus weniger gut, denn er mußte ja mit seinem Spieß alle Hunde umbringen, die ohne Halsband und Herrn herumliefen. Das tat ihm im Herzen weh. Er sagte sogar, viele Hunde hätten ihn im Sterben so angeblickt, als wären sie Menschen, und ihre Blicke hätten gesagt: »Warum tust du uns Böses, da wir dir nichts antun?«

Oft prügelte er sie, um sie zu verscheuchen. Die aber, die ihm Trotz boten und ihm in die Hosen bissen, brachte er ohne Erbarmen um und verkaufte ihr Fell, um Jagdhandschuhe für die Edelleute daraus zu machen.

So lebte er und versah sein hartes Handwerk mit Milde. Brauchten sie Holz, um ihr bescheidenes Mahl zu kochen, so ging Johanna in den Wald, den die Straße nach Sankt Hubertus durchzieht. Da fand sie übergenug, und oft sahen die Leute von Andenne sie mit einem dicken Reisigbündel auf ihren schwachen Schultern heimkehren. Keiner nahm Anstoß daran, denn jedermann wußte, daß die Waldhüter ihr gern mehr gegeben hätten, wenn sie es gewagt hätten. Johanna bezahlte sie mit einem Lächeln, einem Dankeswort, und damit war alles erledigt.

Des Sonntags aßen Onkel und Nichte gern ihre eigene Küche. Dann fühlten sie sich frei und hatten niemand anderes nötig; sie kochten sich Bohnen mit einem Stück Fleisch und tranken dazu klares Wasser.

Und Cauchin sagte: »Wir sind Könige daheim, nicht wahr, Johanna? Denn wir haben das selber bezahlt.«

Und das Fleisch und die Bohnen machten sie stolz bis zum nächsten Tage. Dann mußte sie wieder, um den Stiftsdamen nicht zu mißfallen, vor der Klosterpforte demütig auf den Löffel Suppe warten.

Bald fühlten sie sich glücklich, bald, wenn sie ihre Armut verspürten, nahmen sie die Zeit, wie sie war, freuten sich über die fetten Tage und grollten den mageren nicht. Sie waren ebenso zufrieden mit einem Stückchen Fleisch und einem Feuerchen wie die edlen Stiftsdamen mit einem gebratenen Pfau, der eine Traube von Ammern im Schnabel hielt. Johanna und Cauchin beneideten sie um ihren Reichtum nicht; die vornehmen Damen schienen ihnen so hoch über ihnen zu stehen, wie der Himmel über der Erde ist.

Dies bescheidene Glück im Schoß ihrer Hütte währte noch zwei Jahre; dann aber fand der, welcher alles sieht, daß es wohl genug war, und schickte Siechtum und Tod, die nacheinander an Cauchins Tür anpochten. Als er sich auf sein letztes Strohlager legte, sprach er zu Johanna: »Ich stürbe zufrieden, denn meine Seele gehört Gott und mein Leib der Erde, wenn ich nur wüßte, daß du dich nie nach der schlichten Hütte deines Ohms zurücksehnen wirst. Wir waren beide glücklich, Kleine, wir liebten einander und zankten uns nur zum Scherz. Wohin gehst du, wenn ich nicht mehr bin?«

»Ach, Ohm, gehe noch nicht fort,« sprach Johanna.

»Ich muß es,« entgegnete er. »Ich harre des Todes, der auf seinem schwarzen Karren daherkommt. Seine Sichel blinkt. Geh und rufe den Herrn Pfarrer.«

Der Pfarrer kam und tat seine Pflicht. Cauchin sagte, nun fühle er sich gestärkt für die große Reise. »Aber,« wiederholte er zu Johanna, »wohin gehst du, wenn ich nicht mehr bin?«

»Ach,« versetzte sie, »ich gehe zu Tante Begge.«

»Sie ist streng und gefallsüchtig,« entgegnete er, »suche ihr in allem dienstbar zu sein, wenn du es vermagst.«

Dann warf er sich mehrmals auf seinem Strohsack herum, riß die Augen weit auf, wie ein Mensch, der sich fürchtet, und streckte die Hände weit vor, wie um den Tod abzuwehren. Dann streckte er sich auf den Rücken und atmete nicht mehr. Gott hatte ihn zu sich genommen.

Johanna hatte noch nie einen Toten gesehen. Sie war verstört und erschrak, da sie ihn so starr und so kalt sah. Sie wußte, daß alles zu Ende war, daß sie nie mehr seine schmeichelnde Stimme vernehmen würde, die von Hustenanfällen gebrochen war. Aber sie begriff nicht, warum Gott Menschen wie Cauchin schuf, um sie ohne Grund wieder zu vernichten.

4

In schwarzem Trauerkleid folgte Tante Begge mit den Frauen von Andenne der Leiche des alten Cauchin bis zum Grabe. Johanna schritt neben ihr, gleichfalls im Trauerkleid, zu dem ihr die Stiftsdamen Stoff geschenkt hatten. Eine Nachbarin Schneiderin, die das Mädchen gern mochte, hatte ihr ein Kleid daraus zugeschnitten, aber mit starkem Umschlag am Rocksaum und mit Einschlag an Ärmeln und Mieder, denn sie sagte, daß Johanna noch größer und breiter werden würde.

Als der Trauerzug vom Kirchhof zurückkam, nahm Begge Johanna beiseite und sagte zu ihr:

»Nichte, du wirst nach Hause gehen, dein Bündel schnüren und alles zusammenpacken, was in Cauchins Hütte noch übrig ist. Dann wirst du zu uns ziehen, sonst würde man sagen, ich sei nicht gut. Ich habe etwas Vermögen von meinem Manne; wenn du bei uns bist, brauchst du nicht mehr auf den Straßen zu betteln wie eine Dirne; du wirst zu Hause bleiben, mir dienen und das Haus reinhalten; damit wirst du dein Brot verdienen.«

Johanna war verblüfft und betrübt über diesen drohenden Ton, wo sie doch nichts Böses getan hatte, als um Cauchin zu weinen. Sie schluchzte und dachte an ihn, dessen sanfte Stimme sie nie mehr hören würde.

»Tante,« antwortete sie, »fahre mich doch nicht so an.«

»Du bist sehr verzogen,« entgegnete Begge. »Tu, was ich dir sagte, und flenne mir nichts mehr vor.«

Johanna gehorchte und ging nach Hause. Unterwegs verbarg sie ihr Gesicht in den Händen, um immerfort zu weinen.

Als sie auf der Landstraße bis in die Nähe der Hütte gekommen war, hatte sie Lust, in den Wald zu laufen und vor ihrer Tante zu fliehen.

Sie sagte es Toulet, ihrem Nachbarn, der auf seiner Türschwelle stand und Luft schöpfte. Er gab ihr einen Klaps auf die Backe und sagte:

»Gehorche, weine nicht mehr, du bist ein braves Kind. Die Sache wird besser ausgehen, als du glaubst.«

Als Johanna Cauchins Hütte verließ, stand er noch da.

»Nur zu,« sagte er, »lauf schnell, damit du keine Schelte kriegst. Das will ich nicht.«

»Seltsam,« dachte Johanna auf dem Wege zur Tante Begge, »seine Stimme ist fast ebenso gütig wie die des armen Nikolas.«

5

Johanna war fünfzehneinhalb Jahre, als sie zu Begge kam. Gauchin hatte sie in ihrem jugendlichen Frohsinn, ihrer Unbändigkeit aufwachsen lassen und hatte ihr nur gelehrt: nie zu lügen, nicht auf alle Fragen zu antworten, sich vor schlechter Gesellschaft zu hüten, denen, die noch ärmer als sie waren, zu helfen, und jedermann in Gott zu lieben.

Davon abgesehen, tat sie alles, was sie wollte, und lernte nicht mal lesen. Aber sie war geschickt in aller Frauenarbeit, im Nähen, Sticken, Kochen und Backen. An freies Leben und Selbständigkeit gewöhnt, war sie freien und stolzen Sinnes geworden, der sich aber nie in scharfen Worten und Vorwürfen äußerte. Fiel es einmal einem Burschen ein, ihr ein grobes, gemeines oder rohes Wort zu sagen, so war ihre einzige Antwort ein erstaunter oder empörter Blick. Sie vergab alles, aber sie vergaß nichts. Der Schmerz, den sie bei einem Unrecht empfand, verging nicht mehr, wie die Narbe einer tiefen Wunde, die stets wieder aufbrechen kann.

Das war der einzige Fehler dieser zarten Seele, aber niemand hatte darunter zu leiden als sie. Die gewohnte Armut, ihre Selbstlosigkeit, das Gefühl ihrer Niedrigkeit und eine seltsame Scham vor Zornesausbrüchen hielten jede Empfindung nieder, die zu ihrer Vorstellung von der Würde eines Mädchens nicht paßte.

Als sie das Haus ihrer Tante betrat, hatte sie nur das Gefühl des Widerwillens und der Furcht. Ein Frösteln sagte ihr, daß es kalt sei in dem geräumigen Haus mit den hohen, weiten Zimmern und den mächtigen Kaminen, die stets ohne Feuer waren, außer dem in der Küche.

Es war an einem heißen Julitag um zwei Uhr nachmittags, aber selbst von dem Garten, der an das Haus stieß, wehrten hohe Mauern den Sonnenschein ab.

Sie hörte, wie Begge sie aus der Küche rief. Auch da war es kalt und traurig, denn selbst im Winter brannte hier nur ein Kochfeuer. Johanna blieb in der Tür stehen.

»Komm herein, Nichte, komm herein,« gebot Begge mit grimmiger Stimme, »ich fresse dich nicht auf.«

Das arme Mädchen war dessen nicht sicher. Sie hielt Begge die Stirn hin, und diese drückte einen so harten Kuß darauf, daß Johanna die Berührung wie ein Reibeisen empfand und sich die Stirn abwischte, sobald sie sich unbeobachtet wußte.

»Geh jetzt und sage dem Ohm guten Tag.«

Mignolet blickte seine Frau von der Seite an, wie um nach ihrer Erlaubnis zu fragen. Begge nickte mit dem Kopf, und so wagte er, Johanna einen Kuß zu geben. Er liebte Johanna wegen ihrer Sanftmut, aber der Schwächling war nur dann freundlich zu ihr, wenn sie beide allein waren; in Begges Gegenwart schalt er sie und behandelte sie schlecht.

Begge hielt sich für schön und in allem, was Denken betraf, für maßgebend. Und so verachtete sie Mignolet, der, seit er alt wurde, zum lächelnden Affen herabsank und mit allem fürlieb nahm. Begge hätte ihn unter die Erde gewünscht und tat ihr Möglichstes dazu. Sie quälte und ärgerte ihn, wo sie konnte, fing am Tage Streit mit ihm an, weckte ihn des Nachts mit Püffen und riß ihm seine Decke fort, wenn es fror. Kurz, der Ärmste beschloß eines Tages in einem Winkel sein Dasein, ohne zu klagen.

6

Noch war ihr Opfer nicht kalt, da überlegte Begge bereits, wie sie Toulet gewinnen wollte. Übrigens sagte sie sich seit langem, daß sie von ihm lieber geschlagen als von einem andern geliebkost sein wollte. Wie alle Frauen, suchte sie ihren Herrn.

Johanna war inzwischen gewachsen und wurde zum schönsten Mädchen in Andenne. Begge war eifersüchtig auf sie. Wenn Johanna spann, so verwirrte Begge absichtlich den Hanf, um sie zu ärgern und ihr Ungeschick zu schelten; dann schaute das Mädchen zu seinem Quälgeist mit seinen schönen blauen Augen empor, deren Augäpfel in feuchtem Perlmutterglanz schimmerten. Tante Begge blickte sie einen Augenblick an, und es juckte ihr in den Nägeln, diese schönen Augen auszureißen und sie den Hunden vorzuwerfen. »Dann,« sagte sie sich, »sähe man sie nicht mehr an als mich.«

Sie hätte dies frische Antlitz zerkratzen, zerfetzen mögen, und vor allem dies lange Haar abschneiden, das bisweilen aufging und Johannas Gestalt in krausen Wellen umfloß.

Das Mädchen litt unter ihr, wie der Tote gelitten hatte, aber da sie jünger und stärker war, starb sie nicht daran; sie ward bei diesem grausamen Spiel nur leidend und schwermütig. Tante Begge hatte dieses offene und reine Gemüt verdorben. Da sie sie bei jeder Gelegenheit schalt, ohne andern Grund als ihre wilde Eifersucht, mochte nun Johanna etwas recht oder falsch machen, so verlor diese den Sinn für das Rechte und wurde zur scheuen Sklavin. Aber als Sklavin wurde Johanna heimtückisch und träumte des Nachts von Rache an Begge. Sie erwachte, kalt vor Schrecken, weil sie im Traume nach der Sichel gegriffen hatte, mit der sie einst Holz im Walde geschnitten, um Begge damit zu erschlagen.

Sie saß auf dem Bettrand in ihrem Dachkämmerchen, das im Winter eiskalt, im Sommer glühend heiß war, und weinte heiße Tränen in dem Gedanken, daß sie einen Menschen, selbst Begge, hatte töten wollen. Dann war sie voll Kummer und fragte sich, was sie der bösen Frau wohl getan hätte, daß sie so gegen sie wütete. Sie begriff es nicht und weinte noch mehr. Bisher wußte sie nicht, was Haß war, aber nun fühlte sie ihn in sich aufkeimen und ihr Herz mit allen Gedanken der Empörung erfüllen.

Eines Tages beschimpfte Begge sie gröblich.

»Warum bist du so lange oben geblieben, als ich dich rief?«

»Aber Tante, ich wusch mich doch.«

»Was brauchst du dich so lange zu waschen und zu kämmen? Du hast wohl ein Stelldichein, wenn du aus dem Hause gehst? Du bist eine Dirne.«

»Ich,« wiederholte das Mädchen, zugleich schamrot und bleich vor Wut werdend, »ich ein liederliches Weibsbild?« Sie trat auf Begge zu und blickte sie mit blauen Augen an, die vor Zorn fast schwarz wurden. Begge wich zurück. Sie sah, wie Johanna nach dem stumpfen Messer griff, mit dem die Rüben geschält wurden. Als sie sah, daß es stumpf war, ließ sie es liegen. Das währte eine Sekunde. Dann drehte sich Johanna, ohne zu wissen, was sie tat, mit drohendem Blick um, lief in die Küche, riß die Straßentür auf und stürzte hinaus. Sie rannte wie toll; unwillkürlich ging sie zu Toulet.

Oft, wenn Begge sie schlecht behandelte, hatte sie sich gesagt, Toulet würde sie nicht so behandeln. Er hatte wenigstens ein freundliches Gesicht und sagte ihr gute Worte. An ihn dachte sie stets wie an einen Beschützer, einen guten Engel, der sie eines Tages befreien würde. Wann und wie, das wußte sie nicht, aber, daß er es tun würde, schien ihr gewiß.

Toulet war gerade in seiner Garküche und ließ ein Spanferkel am Spieße braten. Die Garküche war im Kellergeschoß. Johanna betrat dies Heiligtum mit fliegenden Haaren und außer Atem; sie fiel mehr in einen Stuhl, als daß sie sich setzte, und brach in Schluchzen aus. Der Biedermann vernahm nur die Worte: »Oh, Herr Toulet, Herr Toulet, wenn Sie wüßten!«

Toulet kannte nur zwei Heilmittel für innere Schmerzen: ein Glas alten Wein und gute Worte.

»Warte, mein Kind,« sagte er, »warte, du sollst mir das gleich erzählen.«

Damit ging er in den Keller und kehrte bald mit einer Flasche altem Tavel zurück, einem heißen, herben Wein von der Farbe des Bieres. Er goß ein Glas davon ein.

»Trink, Kleine,« sagte er, »das wird dir gut tun.«

Johanna strich sich die Haare, die ihr wie eine blonde Mähne über die Augen fielen, zurück, um zu trinken, und lächelte in ihren Tränen, als sie die freundlichen Worte vernahm. Nach Wein begierig, wie alle, die nur Wasser trinken, griff sie zum Glase, setzte es schüchtern an, trank dann kecker und war ganz erstaunt, wie ihr großes Glas und ihr großer Harm kleiner wurden.

»Noch eins?« fragte Toulet.

Johanna wollte Nein sagen, aber sie hatte ihr Glas wider Willen hingereicht. Sie trank es etwas rascher aus als das erste, dann setzte sie es auf einen Holzklotz, auf dem Wurstfleisch gehackt wurde, und stellte es sogar verkehrt hin, zum Zeichen, daß sie nicht mehr trinken wollte

Sie fand es behaglich und warm in dieser Küche und wäre gern zeitlebens dageblieben bei Toulet, der so gut zu ihr war.

»Und nun,« sagte er, »erzähle mir deine Geschichte.«

Johanna gehorchte, aber während sie erzählte, erregte sie sich bei der Erinnerung an den erlittenen Schimpf von neuem, und sie ward abwechselnd rot und blaß. Bei dem Schimpfwort, das Begge ihr ins Gesicht geschleudert hatte, machte sie dieselbe Bewegung wie in der Küche, und diesmal griff sie zu einem Hackmesser, das auf dem Holzklotz lag.

»Mutiges Mädchen!« rief Toulet begeistert. »Komm, laß dich küssen.«

Johanna reichte ihm frei ihre Wange hin, als wäre er ihr Vater.

»Und ich,« sagte Toulet, »soll ich nichts kriegen?«

»Doch, doch, Herr Toulet,« sagte Johanna. Und sie gab ihm einen Kuß, ohne Scham und Ziererei.

»Potztausend,« dachte Toulet ganz laut, »das wäre eine prächtige Frau, um meiner Witwerschaft ein Ende zu machen.«

Johanna stand vor ihm in der Blüte ihrer achtzehn Jahre. Ihr dünnes Kleid ließ ihre herrlichen, keuschen Formen erraten. Sie blickte Toulet verblüfft an.

»Wärst du dann nicht glücklicher?« fragte er

Johanna erblaßte und senkte den Kopf. Ihr Herz klopfte. Sie gab keine Antwort.

»Du könntest,« fuhr Toulet fort, »nicht nur gut essen und trinken, sondern du würdest verhätschelt wie ein hübsches Mädchen, das du bist, und eine ehrbare Frau, die du sein wirst.«

Johanna entgegnete: »Wenn Sie es wollen, Herr Toulet, ich will es auch.«

Da küßte er sie von neuem, leidenschaftlich. Das schamhafte Kind wies ihn sanft zurück.

»Du weißt, ich bin vierzig Jahre,« fuhr er fort, wie von plötzlicher Sorge ergriffen. »Hast du mich auch recht angeschaut?«

»Ja,« sagte Johanna, »Sie sind gut und für mich schön genug.«

Diese Einschränkung verletzte Toulet ein wenig, denn er hatte mehr erwartet. Aber alles in allem und reiflich bedacht, schätzte er sich glücklich, daß das schöne Mädchen ihm etwas Freundliches hatte sagen wollen.

»Nun,« sagte er zu ihr, »wirst du verständig sein und zunächst zu Begge zurückkehren. Sie wird einen zu großen Schreck gekriegt haben, um nicht zahm zu sein; antworte ihr nicht mehr, wenn sie noch schilt. Wenn sie dich fragt, wohin du gegangen bist, antworte ihr, du wärest in deiner Angst drauflos gelaufen und auf der Landstraße nach Sankt Hubertus geendet. Aber sage nicht, daß du bei mir warst.«

Johanna unterbrach ihn: »Ich habe gelernt, alles zu sehen und nichts zu sagen.«

»In ein paar Tagen,« fuhr Toulet fort, »gehe ich zu Begge. Ich werde oft wiederkommen; es werden im Haus unter deinen Augen sogar merkwürdige Dinge geschehen: gräme dich nicht darüber. Was ich auch tue, sei gewiß, ich gebe nur einmal mein Wort.«

Er reichte ihr die Hand und sie drückte sie.

»Es paßt mir gerade,« fuhr Toulet fort, »Begge dafür zu strafen, daß sie Mignolet langsam zu Tode gequält und versucht hat, auch dich auf den Kirchhof zu bringen. Dies bösartige Affenweib, dem noch keiner die Zähne gezeigt hat, soll von mir eine harte Lektion kriegen. Du wirst mir behilflich sein, indem du stillschweigst; bedenke, daß ich Schwätzerinnen nicht mag!«

»Ja, ja, ich werde schweigen!« rief Johanna und erschrak beim harten Klang dieser Männerstimme, die sie noch nie so gehört hatte.

»Rasch, noch einen Kuß,« sagte er. »Rechne auf mich und tu, wie ich dir sagte.«

Sie trennten sich, er glücklich, sie voller Bangen, was der gute Toulet, der doch so boshaft sein konnte, wohl vorhatte, um die schreckliche Begge zu strafen.


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