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Libro di Marco Polo I, 1, 3-4

Nicolo, Maffio und Marco gingen unerschrocken den Gefahren und Hindernissen, an die sie schon lange gewöhnt waren, entgegen, überschritten die Grenze von Armenien und verfolgten ihre Reise weiter.

Nachdem sie die Wüste mehrere Tagereisen durchwandert und manche gefährlichen Orte berührt hatten, kamen sie so weit in einer Richtung von Nordost und Nord, daß sie endlich Nachricht über den Großkhan erhielten, der damals seine Residenz in einer großen und prächtigen Stadt, namens Che-men-fu, hatte.

Ihre ganze Reise bis zu diesem Orte dauerte nicht weniger als drei und ein halbes Jahr; denn während der Wintermonate konnten sie nur unbedeutende Strecken vorwärts kommen.

Als aber der Kaiser hörte, daß sie kämen, obwohl sie noch weit entfernt waren, und er erkannte, wieviel sie zu erdulden gehabt, schickte er ihnen seine Boten vierzig Tagereisen entgegen und gab Befehl, ihnen in allen Plätzen, durch die sie ziehen müßten, zu bereiten, was immer zu ihrer Bequemlichkeit nötig sei. Auf diese Weise und mit dem Segen Gottes wurden sie in Sicherheit an den kaiserlichen Hof geleitet.

Bei ihrer Ankunft wurden sie von dem Großkhan in voller Versammlung der tatarischen Fürsten und Herren ehrenvoll und gnädig empfangen. Als sie sich seiner Person näherten, bezeugten sie ihre Ehrerbietung, indem sie sich an der Türe auf das Angesicht niederwarfen. Er befahl ihnen sogleich, sich zu erheben und ihm die Umstände ihrer Reise zu erzählen, mit allem, was bei ihrer Unterhaltung mit Seiner Heiligkeit dem Papste stattgefunden. Sie erzählten nun die Ereignisse in guter Ordnung und der Kaiser hörte ihnen mit besonderer Aufmerksamkeit zu. Die Briefe und die Geschenke vom Papst Gregorius wurden dann vor ihm hingelegt, und nachdem er die ersteren gelesen, lobte er die Treue, den Eifer und den Fleiß seiner Gesandten, und indem er mit gebührender Ehrfurcht das Öl vom heiligen Grabe in Empfang nahm, gab er Befehl, daß es mit religiöser Sorgfalt aufbewahrt werden solle.

Er bemerkte Marco Polo und fragte, wer er wäre. Nicolo Polo antwortete, es sei sein Sohn und der Diener Seiner Majestät. Da geruhte der Großkhan ihn unter seinen besonderen Schutz zu nehmen und ernannte ihn zu einem seiner Ehrenbegleiter. Infolge dessen wurde nun Marco von allen denen, die zum Hofe gehörten, in hohen Ehren und großer Würde gehalten.

In kurzer Zeit wurde er mit den Sitten der Tataren bekannt, wußte sie sich zu eigen zu machen und begriff die verschiedenen Sprachen der fremden Völker, so daß er sie nicht allein verstand, sondern auch lesen und schreiben konnte.

Als sein Herr ihn so fähig erfand, wollte er erkunden, wie er sich in Geschäftsangelegenheiten anließe, und sandte ihn in einer wichtigen Staatssache nach einer Stadt, namens Karazan, die sechs Monatreisen von der kaiserlichen Residenz entfernt lag. Bei dieser Gelegenheit benahm sich Marco mit solcher Weisheit und Klugheit in Ausführung der ihm anvertrauten Angelegenheiten, daß er noch höher in der Gnade des Großkhans stieg.

Als er nun seines Teils wahrnahm, daß Kublai viel Vergnügen bezeugte, seine Berichte zu hören über alles, was neu war in Bezug auf Sitten und Gebräuche des Volkes und über die besonderen Verhältnisse entfernter Länder, bestrebte er sich, wohin er ging, genaue Nachricht über diese Gegenstände zu erlangen, und machte sich Bemerkungen über jegliches, was er sah und hörte, um den Kaiser in seiner Wißbegierde zu befriedigen.

Kurz, während der Jahre, die er in seinen Diensten zubrachte, zeigte er sich so nützlich, daß er zu vertraulichen Missionen in jeden Teil des Reiches gesendet wurde. Zuweilen reiste er auch in seinen eigenen Angelegenheiten, aber immer mit der Zustimmung und Bestätigung des Großkhans.

Unter solchen Umständen geschah es, daß Marco Polo Gelegenheit hatte, sich durch sich selbst sowohl als durch die Mitteilungen anderer Kenntnis zu erwerben von so vielen Dingen der östlichen Teile der Welt, die bis zu seiner Zeit unbekannt waren, und die er fleißig und regelmäßig niederschrieb.


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