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Sieben Briefe an Andres

 

Erster Brief

Es geht mir eben so, Andres, wenn ich in der Bibel von einem alten und neuen Bunde, von einer Konnexion und einem Verkehr zwischen dem <em>höchsten</em> Wesen und unserm Geschlecht lese; ich mache auch oft das Buch zu und falte die Hände: daß die Menschen vor Gott so hoch geachtet und wert sind!

Es drückt einen das freilich nieder in den Staub; aber man kriegt zu gleicher Zeit Respekt für sich selbst und wittert Morgenluft – und man kann und kann den Mittler zwischen beiden nicht genug ansehen und lieben und möchte ihn für andre mit lieben, die es nicht besser wissen.

Der Mensch kann die Wahrheit verkennen, verachten und aufhalten; aber wie umwegs oder verkehrt er es auch treibe, so irrt er sich nur, und mitten in solchem Treiben suchet und meinet er sie. Er kann ihr'r nicht entbehren; und es ist nicht möglich, wenn sie ihm erscheint, daß er sein Haupt nicht vor ihr beuge.

Irren ist menschlich. Andres! Aber die Wahrheit ist unschuldig. Sie ist immer bereit und immer wert und wird auch wohl am Ende Recht behalten.

Aber es macht Dir graue Haare, schreibst Du, unsern Herrn Christus verkannt und verachtet zu sehen. – Du liebe gerechte Seele, mag es doch; wer sie um ihn trägt, der trägt mit Ehren graues Haar.

Zwar seinetwegen brauchst Du Dir keine wachsen zu lassen. Er will wohl bleiben, was er ist. So viele ihrer die Wahrheit nicht erkennen und nutzen, die haben des freilich Schaden; aber was kann es ihr schaden, ob sie erkannt und genutzt wird oder nicht? Sie bedarf keines, und es ist die Größe und Herrlichkeit ihrer Natur, daß sie immer bereit ist, von Undank nicht ermüdet wird und wie die aufgehende Sonne mit den Wolken und Dünsten ringt, um sie zu reinigen und zu vergolden.

Laß sie denn ringen, Andres; und brich Dir auch, um was Du nicht ändern kannst, das Herz nicht.

Wer nicht an Christus glauben will, der muß sehen, wie er ohne ihn raten kann. Ich und Du können das nicht. Wir brauchen jemand, der uns hebe und halte, weil wir leben, und uns die Hand unter den Kopf lege, wenn wir sterben sollen; und das kann er überschwänglich, nach dem, was von ihm geschrieben steht, und wir wissen keinen, von dem wir's lieber hätten.

Keiner hat je so geliebt, und so etwas in sich Gutes und in sich Großes, als die Bibel von ihm saget und setzet, ist nie in eines Menschen Herz gekommen und über all sein Verdienst und Würdigkeit. Es ist eine heilige Gestalt, die dem armen Pilger wie ein Stern in der Nacht aufgehet und sein innerstes Bedürfnis, sein geheimstes Ahnden und Wünschen erfüllt.

Wir wollen an ihn glauben, Andres, und wenn auch niemand mehr an ihn glaubte. Wer nicht um der andern willen an ihn geglaubt hat, wie kann der um der andern willen auch aufhören, an ihn zu glauben.

Nur eine so zarte überirdische Gestalt ist gar zu leicht verändert und verstellt, und sie kann von Menschenhänden so zu sagen nicht berührt werden, ohne zu verlieren. Deswegen ist auch immer des Zankens und Streitens über ihn unter den Menschen kein Ende gewesen.

Von allen den Streitern sind die, welche die Bibel aufrecht halten und doch alles Übernatürliche natürlich machen und mit ihrer Philosophie belegen und reimen wollen, unstreitig die schwächsten; denn sie haben weder Verstand noch Mut und sind nicht Fisch noch Fleisch. Dazu sind sie immer in Not und kommen nicht zum Ziel, denn es ist viel schwerer, die Vernunft gegen die Offenbarung, als die Offenbarung gegen die Vernunft zu retten; und wenn sie zum Ziel kommen, so haben sie nichts.

Wer menschliche Weisheit sein läßt, was sie ist, sich aber bescheidet, daß es eine größere gebe und Gott Mittel und Wege haben könne, davon der Mensch nicht weiß, und daß eine Offenbarung über unsre Einsichten sein müsse, und das Unbegreifliche an ihr kein Flecken, sondern, wenn sie sonst das Gepräge göttlicher Liebe trägt, grade ihr Wahrzeichen und ihre Schöne sei, der ist besser daran und kann allen den Zänkereien unbekümmert zusehen und indes in seine Scheuern sammlen.

Alles muß allerdings zusammen hängen und wird sich auch wohl reimen lassen, wenn die data bekannt sind. Die Spekulanten lassen es sich nicht träumen, daß das brillanteste Feld der Spekulation hinter der Kirchmauer liege.

Doch, dem sei wie ihm wolle, Andres; wir glauben der Bibel aufs Wort und halten uns schlecht und recht an das, was die Apostel von Christus sagen und setzen.

Die ihn selbst gesehen und gehört haben und an seiner Brust gelegen sind, die sind ihm doch näher gewesen als wir und die Glosse. Und was auch bisher unter den Gelehrten erfunden sein mag, und wie gut sie auch wissen und verstehen mögen, so scheint es doch, die Wahrheit zu sagen, daß die Apostel es besser wissen und verstehen müßten.

Lebe wohl, Andres, und schreibe bald wieder.

Dein etc.

 

Zweiter Brief

Als die Leute in dem Markt der Samariter, bei denen unser Herr Christus Herberge bestellen ließ, ihn nicht annehmen wollten, sprachen seine Jünger Jakobus und Johannes: Herr, willst du, so wollen wir sagen, daß Feuer vom Himmel falle und verzehre sie, wie Elias tat – und das nimmst Du so übel und kannst es den beiden Jüngern nicht vergeben noch vergessen! – Du freust einen, Andres! Aber ich kann auf meinen Jakobus und Johannes nichts kommen lassen, und ich muß ihnen bei Dir das Wort reden und ihre Ehre retten.

Vorläufig darf man über das »Feuer vom Himmel fallen lassen« so ängstlich nicht sein, denn es hat damit gute Wege; und wer es kann fallen lassen, der wird schon wissen, was er zu tun und zu lassen hat. Über Handlungen höherer Ordnung können wir nicht urteilen, und so müssen wir auch nicht darüber urteilen wollen. Die Sache, wovon hier geredet wird, ist bloß menschlich, und da will ich, wie gesagt, versuchen, die Donnerskinder mit Dir auszusöhnen.

Erstlich hatten sie das Exempel des Elias vor sich, den sie noch kürzlich in sehr glorreichen Umständen gesehen hatten; und denn suchten sie ihres Meisters Einwilligung und natürlich auch seine Kraft. Doch Du pflegst zu sagen: schweige von einem andern, oder setze Dich ganz an seine Stelle. Wir wollen uns denn hinsetzen. Es sitzt sich ohnedas an der Stelle so gut.

Christus war mit den Jüngern auf der Reise nach Jerusalem. Er reiste hier eigentlich in Angelegenheiten der Samariter und tat diese Reise, wie alle das andre, um sie und alle Menschen sanft zu betten und ihnen ein ewige Herberge zu bereiten. Zwar das mochten die Jünger, ob er ihnen gleich verschiedentlich darüber gesprochen hatte, doch vielleicht noch so ganz nicht begriffen haben. Aber sie waren doch zwei drei ganzer Jahre mit ihm umhergezogen und hatten gesehen, daß er nicht seinetwegen umherzog und nicht gekommen war, sich dienen zu lassen; daß er nichts als Gutes lehrte und Gutes tat, links und rechts und ohne Ansehn der Person, und daß er sich nicht zweimal bitten ließ und jedem, der sein bedurfte, mit Liebe und Freundlichkeit zuvorkam. Dazu war es itzt das letzte Mal, daß er ihre Herberge brauchte, denn die Zeit war erfüllt, daß er sollte von hinnen genommen werden, und er ging hier der Schmach und dem Tode entgegen. – Und nun wird ihm das Nachtlager versagt, und seine Boten werden abgewiesen... Andres, kannst Du es den Jüngern übel nehmen, wenn sie da unwillig wurden? Der ist kein schlechter Mann, dem die Galle überläuft, wenn er so Gutes mit Undank belohnen und Recht und Billigkeit mit Füßen treten sieht!

Und nimm nun noch dazu die Anhänglichkeit und Liebe, womit die Jünger ihrem Herrn und Meister zugetan waren und anhingen. Wem alles gleich viel und einerlei ist, der hat gut sprechen. Aber wem es an etwas gelegen und in der Brust nicht hohl ist, dem ist anders zu Mute als den Eiszapfen am Dache des Toleranztempels. Das Herz hat auch seine Rechte und läßt nicht mit sich spielen wie mit einem Vogel. Überhaupt ist es nicht Unrecht: Auge um Auge, Zahn um Zahn! Und schilt mir den Mann nicht, der für Recht und Billigkeit stehen bleibt und die Hand ans Schwert legt. Etwas von dem Drei-Männer-Trotz, der sich auf nichts in der Welt als auf sich selbst und seine gute Sache stützt und doch vor der Gewalt und Menge nicht beugen will, ist nicht so übel. »Unser Gott«, sagten sie, »kann uns wohl erretten. Und wenn er es auch nicht tun will, so sollt ihr dennoch wissen, daß wir das goldene Kalb nicht anbeten wollen.«

Kurz, wie es an den drei Männern edel war, daß sie an Feuer nicht dachten, so war es an den beiden Jüngern nicht unedel, daß sie daran dachten.

Freilich Christus bedräuete sie; und wer, das »Feuer vom Himmel« in seiner Hand, unter seinen durch und durch gewirkten Rock zurück halten und verbergen und sich vor Freund und Feind wie ein Verbrecher hinführen lassen konnte, damit der Wille des Vaters im Himmel geschehe; der konnte dräuen, und vor dem hatten die Jünger sich zu schämen, daß sie nicht wußten, wes Geistes Kinder sie waren. Aber ich will auch wissen, daß sie vor einem jeden andern Geist sich nicht zu schämen hatten, und daß der Geist des Christentums nicht ohne Ursache ein Geist der Herrlichkeit genannt wird.

Gut ist ein ander Ding als edel; und Freisein ein ander Ding, als an seiner Kette reißen und rütteln. Edle Menschen gibt es von Natur, aber gut ist niemand als der einige Gott, und wen der gut gemacht hat.

Dein etc.

 

Dritter Brief

Ich soll Dir das weiter auseinander setzen –.

Edel ist: Ahndung der Heimat; das Gute in Feindes Land; der König im Gefängnis. Wer Freude am Guten hat und gerne gut wäre und mit sich kämpft und streitet, daß er's sei; der ist ein edler Mann.

Was soll ich Dir viel auseinander setzen? Du weißt ja, besser als ich, wie es geht. Man will gern immer – das Eitle nicht lieb haben, unparteiisch sein, nicht böse werden, wenn man beleidigt wird, geistlich gesinnt sein usw.; aber man kann es nicht. Wenn auch auswendig, so geht es doch inwendig nicht rein ab. Und wenn auch das Feld behalten wird, so ist darum doch kein Friede. Der Feind bleibt im Lande, und man muß mit dem Gefangenen sich placken und plagen.

All Fehd' ein Ende, und rein Haus machen: das ist die Weisheit Gottes, welche die Edeln gelüstet zu schauen, die Weisen wissen und die Toren verachten.

Edel ist also nicht gut; aber es ist darum edel und nichts Gemeines, und ihm gebührt Ehre und Achtung von jedermann, wo es sich sehen läßt.

Von den Mund-Edeln, die nämlich nur von edel und gut sprechen und schreiben, tiefgelehrt oder ungelehrt, ist hier die Rede nicht. Die werden gar nicht mitgezählt.

Ohne Kampf und Verleugnung gibt es keinen Adel und wahren Wert für den Menschen, und ohne Kampf kennet er die Kluft nicht, die in unserm Inwendigen zwischen Wollen und Sein, zwischen edel und gut befestiget ist, und kann sie nicht kennen. »Die auf dem Meere fahren, die sagen von seiner Fährlichkeit –. Daselbst sind seltsame Wunder, mancherlei Tiere und Walfische: durch dieselben schiffet man hin.«

Erfahrung machet den Meister. Und nur die, welche sich in den Defileen und Labyrinthen jener großen Kluft versucht und mit den seltsamen Wundern und mancherlei Ungeheuern vor den Toren des Friedes gekämpft und sich selbst daran gewagt haben, nur die können wissen: ob es dort Mühe und Fährlichkeit hat, und ob man dort eines heiligen Zweiges bedarf oder nicht. Und es wäre sehr lustig zu sehen, wenn ein Stubenzeichner einen solchen edlen Ritter und Veteran, der unter den Waffen an Ort und Stelle grau geworden ist, aus seinen Landkarten zurecht weisen und eines Bessern belehren wollte.

Du siehst denn, welchen Leuten die Religion gleichgültig und entbehrlich bedünken kann, und welchen Leuten sie unentbehrlich und heilig ist; und daß diese, alle Komplimente bei Seite gesetzt, sich ihrer Anhänglichkeit und Achtung nicht zu schämen brauchen.

Lebe wohl, Andres.

 

Vierter Brief

Du möchtest gern den Sinn der unterirdischen Unternehmungen in der Mythologie der alten Völker wissen, und warum doch die großen heroischen Menschen, die feurigen Sucher und Liebhaber der Wahrheit, in die Unterwelt herunter gestiegen sind. –

Ich denke, Andres, weil sie, was sie suchten, hier oben nicht haben finden können. Wer hier sein Genüge findet, der muß mit unvollkommner, sichtbarer, veränderlicher und vergänglicher Natur genug haben. Wenn also eine vollkommne, unsichtbare, unveränderliche und unvergängliche Natur der Freund war, den ihre Seele liebte, so mußten sie ihn anderswo suchen gehen. Seine Fußstapfen fanden sie in dem Sichtbaren und Vergänglichen wohl, aber ihn fanden sie da nicht.

Doch warum grade unter der Erde die Veredelung sein selbst suchen? –

Wird doch nichts in der Luft gesäet! Samen und Tierarten legen in der Erde die Schale ab, ehe sie ihre neue Gestalt und Existenz erhalten. Gehen doch auch die Menschen leiblich in die Erde, ihren Staub abzuschütteln und der Wahrheit näher zu kommen. Vielleicht, daß daher ein Bild genommen ist; oder weil das Weizenkorn, ehe es Frucht bringet, zuvor ersterben und also einen Schritt rückwärts, herunter, tun muß; oder weil die Weisen sich fügen wollten in die Ideen der Welt, die dort Schätze vermutet und sucht; oder weil der ihrige da gefunden wird, wo es Mühe kostet hinzukommen, und wo nicht ein jeder von Hause aus hinsehen kann. Vielleicht ist's auch noch anders, Andres, ich weiß nicht; aber mich dünkt, wenn wir hätten erfinden sollen, wir hätten auch die Schwärmer in der Luft und die wahren ernsthaften Liebhaber unter der Erde suchen lassen.

Offenbar muß man von Erde und Himmel und von allem, was sichtbar ist, die Augen wegwenden, wenn man das Unsichtbare finden will. Nicht, daß Himmel und Erde nicht schön und des Ansehens wert wären. Sie sind wohl schön und sind da, um angesehen zu werden. Sie sollen unsre Kräfte in Bewegung setzen, durch ihre Schöne an einen, der noch schöner ist, erinnern und uns das Herz nach ihm verwunden. Aber wenn sie das getan haben, denn haben sie das ihrige getan, und weiter können sie uns nicht helfen.

Der Mensch ist reicher als sie und hat, was sie nicht geben können. Alles, was er um sich her Leben haben sieht, stirbt; und er weiß von Unsterblichkeit. Er sieht in der sichtbaren Natur nichts als Zeitliches und Örtliches; und er weiß von einem Ewigen und Unendlichen. Er sieht nur Mannigfaltigkeit, lauter Zerstreutes und Zerstückeltes; und doch will er immer Einen, unter Eins fassen, aus Einem herleiten usw.

Wie und woher könnten ihm solche heterogene und bewundernswürdige Dinge kommen, wenn sie nicht aus ihm selbst kämen und in ihm nicht etwas Heterogenes und Bewundernswürdiges wäre.

Selbst die Weisheit und Ordnung, die der Mensch in der sichtbaren Natur findet, legt er mehr in sie hinein, als er sie aus ihr heraus nimmt. Denn er könnte ihrer ja nicht gewahr werden, wenn er sie nicht auf etwas, das er in ihm hat, beziehen könnte, so wie man ohne Maß nicht messen kann. Himmel und Erde sind für ihn nur eine Bestätigung von einem Wissen, des er sich in sich bewußt ist und das ihm die Kühnheit und den Mut gibt: alles zu meistern und aus sich zu rektifizieren. Und mitten in der Herrlichkeit der Schöpfung ist und fühlt er sich größer als alles, was ihn umgibt; und sehnt sich nach etwas anderm.

Andres, der Mensch trägt in seiner Brust den Keim der Vollkommenheit und findet außer ihr keine Ruhe. Und darum jagt er ihren Bildern und Konterfeis in dem sichtbaren und unsichtbaren Spiegel so rastlos nach und hängt sich so freudig und begierig an sie an, um durch sie zu genesen. Aber Bilder sind Bilder. Sie können, wenn sie getroffen sind, sehr angenehm überraschen und täuschen, aber nimmermehr befriedigen. Befriedigen kann nur das Wesen selbst, nur freies Licht und Leben – und das kann ihm niemand geben, als der es hat.

Gott befohlen, Andres.

Dein etc.

 

Fünfter Brief

»Und es begab sich darnach, daß er in eine Stadt mit Namen Nain ging; und seiner Jünger gingen viel mit ihm und viel Volks. Als er aber nahe an das Stadttor kam, siehe, da trug man einen Toten heraus, der ein einziger Sohn war seiner Mutter; und sie war eine Witwe, und viel Volks ging mit ihr. Und da sie der HErr sahe, jammerte ihn derselbigen und sprach zu ihr: weine nicht. Und trat hinzu und rührete den Sarg an; und die Träger stunden. Und er sprach: Jüngling, ich sage dir, stehe auf. Und der Tote richtete sich auf und fing an zu reden. Und er gab ihn seiner Mutter.«

Man kann eine solche Geschichte nicht lesen, ohne die Mutter selig zu preisen und den Toten und die Träger und alle Menschen, die dabei waren; aber doch sonderlich die Mutter. Du weißt, Andres, wenn man ein Kind schwer krank hat, das man gerne behalten will, wie man da geht und die Hände ringt und immer hofft, auch wenn man nicht mehr kann und sollte. Man hofft noch immer und hört auch nicht auf, so lange die Kranke noch lebendig und im Bette ist. Wenn sie aber auf dem Brett liegt, wenn der Sarg kommt und die Träger, und die Tote heraus getragen wird, denn muß man wohl aufhören und bleibt denn nichts übrig, als hinter dem Sarg herzugehen und zu weinen.

Die Witwe zu Nain scheint auch keinen andern Rat gewußt zu haben, und sie hoffte wohl auch nicht mehr, als sie hinter der Leiche her aus dem Stadttor ging. Und es würde ihr auch nicht anders als uns andern ergangen sein, ihr Kind wäre eingesenkt und mit Erde beschüttet worden, und sie hätte allein wieder zurück gehen müssen; wenn nicht unser lieber Herr Christus grade des Weges hergekommen wäre und sie ihm mit der Leiche begegnet wäre.

Und darum ist es eben so groß und erfreulich, daß er einmal auf Erden gewesen ist und Menschen das Glück haben konnten, ihm zu begegnen.

»Und als sie der Herr sah, jammerte ihn derselbigen und sprach zu ihr: weine nicht.«

Es ist immer etwas über alle Maßen Zartes und Großmütiges in dem Benehmen Christi. Wer nicht helfen kann, hat gewöhnlich Mitleiden, und wer Mitleiden hat, kann gewöhnlich nicht helfen. Auch ist mancher mitleidig, weil die Reihe auch an ihn kommen kann, weil er den andern braucht oder ihm Verbindlichkeit hat usw. Hier ist das alles ganz anders. Auch nach dem ersten Ansehen hatte die Witwe Recht, Mitleiden von Christus zu erwarten und zu fodern; nach der Wahrheit aber war ein anderes Verhältnis zwischen ihm und ihr. Vor ihm war sie, was wir alle sind: undankbare Kinder, eine ungeratene Tochter, die ihres Vaters Haus mutwillig verlassen und sich selbst unglücklich gemacht hatte; und Christus war der Vater, der ihr nachgegangen war, um das verlorne Kind aufzusuchen, und der sie nun hier in einer elenden Hütte mitten unter den bittern Folgen ihrer Vergehung antraf. Sie mußte sich schämen, ihm vor die Augen zu kommen, und hatte nichts als Vorwürfe zu erwarten und verdient.

Aber »als sie der Herr sahe, jammerte ihn derselbigen und sprach zu ihr: weine nicht.«

Und das war ihm noch nicht genug. Er wollte nicht allein vergeben und vergessen, sondern auch in der gegenwärtigen Lage und Verlegenheit Rat schaffen.

»Und er trat hinzu und rührte den Sarg an, und die Träger stunden.«

Vermutlich kannte die Witwe den Herrn Christus nicht und wird also in ihrem Schmerz nach dem Rabbi und seinem: Weine nicht, wohl nicht sonderlich hingehört haben. Sie hat gewiß den Sarg mit keinem Auge verlassen und von dem Rabbi nichts erwartet – noch nicht, als er hinzu trat und den Sarg anrührete und dem Jüngling aufzustehen gebot.

Als aber der Kopf aus dem Sarge empor kam, als der einzige Sohn sich aufrichtete und anfing zu reden und ihr wieder gegeben wurde ... Andres, wie wird sie da den wunderbaren Rabbi angesehen, sich vor ihn auf die Erde hingeworfen und ihm Hände und Füße geküßt haben.

Und was meinst Du, die Umstehenden? – Lukas sagt: »Es kam sie alle eine Furcht an und preiseten Gott etc.«; und das scheint mir sehr natürlich. Denn so rührend die Szene auch immer sein mochte, so mußte doch das höhere Interesse die Oberhand gewinnen. Man verliert die Witwe aus den Augen und zittert und preiset Gott: daß es also wahr ist, daß im Tode nur das Gehäuse und die Hülse zerfällt; daß der Geist des Menschen nach dem Tode übrig bleibt und man wahrhaftig auf Wiedersehen rechnen kann.

Andres! die in den Gräbern sind, werden die Stimme des Sohnes Gottes hören und herfürgehen...

Aber auch die Toten, die nicht in den Gräbern sind, werden die Stimme des Sohnes Gottes hören und herfürgehen.

Sein Reich war nicht von dieser Welt. Ob er gleich Herr und Meister der sichtbaren Natur war und seine Lehre über alles wohltätig auch für dies Leben ist, und er selbst im Leiblichen immer und bei aller Gelegenheit half und diente; so war doch dies eigentlich sein Feld und Gebiet nicht. Er war gesetzt über das Unsichtbare und ein Pfleger der heiligen Güter. Und alle seine sichtbare Werke und Wunder waren nur seine kleinere und Nebenwerke, die er verrichtete und tat, um die Menschen über die größeren zu belehren und ihnen durch das, was sie sahen, die Augen zu öffnen über das, was sie nicht sahen.

Als er dort zu dem Gichtbrüchigen sprach: »Sei getrost, mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben«; so wird der Gichtbrüchige selbst zwar wohl inne worden sein und gewußt haben, was das sei, wenn Christus einem Menschen seine Sünden vergibt; aber die Schriftgelehrten, die umher standen, wußten es nicht und hatten deswegen ihre Bedenklichkeiten. Und Christus sagte: »Auf daß ihr wisset, daß des Menschen Sohn Macht habe, auf Erden die Sünden zu vergeben«, sprach er zu dem Gichtbrüchigen: »Stehe auf, hebe dein Bette auf und gehe heim.« Und er stund auf und ging heim.

So auch hier. Die Auferweckung eines Toten ist freilich ein großes Werk; aber es gibt noch ein größeres. Wie Geist und Willkür größer und edler ist als Leib und Mechanismus; so ist auch die Auferweckung des geistlichen Jünglings zu Nain oder die Herstellung unsers Geistes in seine ursprüngliche Herrlichkeit ein ander Werk. Aber dies hohe und eigentliche Werk Christi ist unsichtbar. Damit wir aber wüßten, daß er der von der Welt her erwartete und von allen guten Menschen begehrte Held und Helfer sei und Macht habe, den erstorbenen Geist des Menschen zu wecken, so weckte er leiblich Tote. Und die das hörten und um die Wahrheit bekümmert waren, die wußten, weil niemand die Werke tun kann, daß er sei ein Lehrer von Gott kommen; und gingen zu ihm Rat und Trost für ihre Seele zu finden.

Menschen können keinen geben, was sie auch sagen und versprechen. Sie können von der Leiche wohlreden, können sie kleiden und mit Blumen schmücken, ihr den Kopf und die Hände zurecht legen etc.; aber tot ist tot, und sie bleibt stille und stumm im Sarge liegen. Wenn aber Christus den Sarg anrühret, so richtet der Tote sich auf und fängt an zu reden. Durch Worte und Floskeln wird aus dürrem Winterholz kein grünes; wohl aber durch ein gleichartiges Leben.

 

Sechster Brief

Es war einmal ein Edler, des Freunde und Angehörige durch ihren Leichtsinn um ihre Freiheit gekommen und in fremdem Lande in eine harte Gefangenschaft geraten waren. Er konnte sie in solcher Not nicht wissen und beschloß, sie zu befreien.

Das Gefängnis war fest verwahrt und von inwendig verschlossen, und niemand hatte den Schlüssel.

Als der Edle sich ihn, nach vieler Zeit und Mühe, zu verschaffen gewußt hatte, band er dem Kerkermeister Hände und Füße und reichte den Gefangenen den Schlüssel durchs Gitter, daß sie aufschlössen und mit ihm heimkehrten. Die aber setzten sich hin, den Schlüssel zu besehen und darüber zu ratschlagen. Es ward ihnen gesagt: der Schlüssel sei zum Aufschließen, und die Zeit sei kurz. Sie aber blieben dabei zu besehen und zu ratschlagen; und einige fingen an, an dem Schlüsseln zu meistern und daran ab- und zuzutun.

Und als er nun so nicht mehr passen wollte, waren sie verlegen und wußten nicht, wie sie ihm tun sollten. Die andern aber hatten's ihren Spott, und sagten: der Schlüssel sei kein Schlüssel, und man brauche auch keinen.

 

Siebenter Brief

Es ist immer so, Andres, die Hauptpunkte einer Religion sind verhüllt und zugedeckt; und so ist das heilige Abendmahl allerdings ein Geheimnis. Dafür haben es die Anhänger Christi von Anfang an genommen, und dafür nimmt es auch Luther. Auch pflegten die ersten Christen es gerne in geheim zu halten, und noch in den Zeiten des öffentlichen christlichen Gottesdienstes mußte die übrige Versammlung abtreten.

Wie es nun überhaupt mit Geheimnissen ist; wer sie nicht weiß, der erklärt sie, und wer sie erklärt, der weiß sie nicht. Erzwingen und mit Gewalt nehmen lassen sie sich nicht; wer sie aber zu verdienen sucht und sich den Besitzer zum Freunde zu machen weiß, der erfährt sie bisweilen. Darum wollen wir ehrerbietig und demütig vor der Tür dieses hochheiligen Geheimnisses stehen bleiben und die Außenseite ansehen, schlecht und recht wie die Bibel sie gibt. Sie liegt jedermann offen; und ist, so wie der ganze letzte Abend und Abschied – als in dieser Welt nichts anders; wie denn auch ein solcher Abend und Abschied in dieser Welt nur einmal gewesen ist.

Wie Christus selbst sagt und die ganze Christenheit glaubt, bezieht das Alte Testament sich auf das Neue. So hohe geistige Ideen als die: von himmlischen Gütern; von einer unsichtbaren Befleckung und einem geistlichen Fall, die geschehen waren; von unsichtbarer Reinigung und einem Wiederhersteller, der versprochen war und zu seiner Zeit kommen werde etc., konnten unter den ersten Menschen, die den großen Begebenheiten näher waren, wohl von Mann zu Mann fortgepflanzet werden; sie würden aber mit der Zeit für die Welt erloschen und verloren gewesen sein, wenn sie nicht von den alten Weisen und Propheten unter einer sinnlichen Hülle öffentlich vor die Augen gebracht und beständig gehalten worden wären. Moses war vor allen andern ein solcher Weise und Prophet, und er knüpfte diese Hüllen, um ihnen desto mehr Interesse zu geben, an die politische Geschichte seines Volks, damit es ihnen »ein Zeichen sei in ihrer Hand und ein Denkmal in ihren Augen, auf daß des <em>Herrn</em> Gesetz sei in ihrem Munde, daß der <em>Herr</em> sie mit mächtiger Hand aus Ägypten geführt habe.« – Und man kann den mosaischen Gottesdienst, außer dem, was er in sich war, als die allervollkommenste Prophezeiung ansehen, die wir von Christus haben. Die Schrift sagt auch, daß hinfort kein Prophet in Israel aufgestanden sei wie Mose; und Moses redete noch auf dem Berge mit Christus über den Ausgang, welchen er sollte erfüllen zu Jerusalem.

Die heiligen Schriften des N. T. drücken sich sehr bestimmt darüber aus, daß der Leib und das Blut Christi das Reinigungs- und Erlösungsmittel für den gefallenen Menschen sei.

»Opfer und Gaben hast du nicht gewollt, aber den Leib hast du mir zubereitet.«

»Das Blut Jesu Christi seines Sohnes macht uns rein von aller Sünde.«

»Nun aber hat er euch versöhnet mit dem Leibe seines Fleisches durch den Tod.«

»Und wisset, daß ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöset seid von eurem eiteln Wandel nach väterlicher Weise, sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes.«

»Moses hat euch nicht Brot vom Himmel gegeben; sondern mein Vater gibt euch das rechte Brot vom Himmel.«

»Ich bin das lebendige Brot, vom Himmel kommen: wer von diesem Brot essen wird, der wird leben in Ewigkeit. Und das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch, welches ich geben werde für das Leben der Welt.«

»Werdet ihr nicht essen das Fleisch des Menschensohns und trinken sein Blut, so habt ihr kein Leben in euch.«

Wir mögen nun verstehen oder nicht verstehen, was der Leib und das Blut Christi sei; nach der Bibel muß der Mensch sie genießen und ihrer teilhaftig werden, wenn er genesen will. Und so hatte Moses ein Osterlamm angeordnet, das genossen werden mußte, und mit dessen Blut »beide Pfosten an der Tür und die Oberschwelle bestrichen wurden, daß der Würgengel vorüber gehe«. So waren Opfer und ein Hoherpriester, der am Versöhntage mit Blut ins Heilige ging usw.

Diese Hüllen und Schatten der himmlischen Güter bestanden noch zu Christi Zeiten, und nun war die große Stunde gekommen, wo sie ausgedient hatten, und das wesentliche Opfer, das durch jene bedeutet war, selbst geopfert werden sollte.

»Wir haben auch ein Osterlamm, Christus, für uns geopfert.«

»Am Ende der Welt ist Christus einmal erschienen, durch sein eigen Opfer die Sünde aufzuheben.«

»Christus ist kommen, daß er sei ein Hoherpriester der zukünftigen Güter, durch eine größere und vollkommenere Hütte, die nicht mit der Hand gemacht ist, das ist, die nicht also gebauet ist. Auch nicht durch der Böcke oder Kälber Blut, sondern er ist durch sein eigen Blut einmal – in den Himmel selbst – eingegangen und hat eine ewige Erlösung erfunden.«

Entweder, oder! Wir müssen die Bibel zerreißen oder festhalten an dem Bekenntnis: »Für euch gegeben und vergossen zur Vergebung der Sünden«; wie es auch bisher beim Genuß gesagt und geglaubt wird.

Daß die ganze Sache über unsre Einsicht ist und wir sie nicht verstehen, ist nicht wider sie. Denn sie soll nicht Menschenwitz und -werk sein; und wird in unserer und in den Traditionen aller Völker, wo davon dunkler oder heller geredet wird, als höheren Gehalts und Ursprungs gegeben. Und wenn in dieser Sache ein Wille erscheint, der mit unbegreiflicher Erbarmung will, so kann es nicht befremden, wenn kein Verstand ihm gewachsen ist.

Übrigens genießen wir jeden Tag und Augenblick Wohltaten, die wir nicht verstehen. Wir werden geboren und gesäuget und holen Odem und verstehen nichts. Wir verstehen auch die leibliche Medizin nicht, die wir einnehmen, und doch hilft sie uns und rettet uns bisweilen das Leben. Der Kunstverständige versteht sie und weiß sie zuzurichten. Und darum ist ein Unterschied zwischen einem Weisen und einem – Nichtweisen. Die Nichtweisen mögen unwahr und ohne Grund sein; aber die Sache kommt von guter Hand.

Aber ich komme wieder zu dem letzten Abend, wo er seinen Vertrauten über das, was bevorstand, und über das neue Gesetz und Testament die nötige Auskunft geben und Abschied von ihnen nehmen wollte.

Andres, der Abschied des Sokrates aus der Welt war sehr schön und rührend; auch als Sokrates mit seinen Jüngern ausgeredet hatte und den Giftbecher nun ansetzte und trank, weinten sie und warfen sich auf die Erde. Aber hier ist mehr als Sokrates; hier ist die Herrlichkeit Gottes; und man will vergehen, so wie er, dem Tode geweiht und schon gesalbt zu seinem Begräbnis, in den großen gepflasterten Saal hereintritt und sich neben dem Osterlamm hinsetzet.

Mich hat herzlich verlangt, sagte er zu den Zwölfen, dies Osterlamm mit euch zu essen, ehe denn ich leide.

Wie er hatte geliebt die Seinen, so liebte er sie bis ans Ende. Man kann sich nicht satt daran lesen: wenn er, der solch ein Werk zu vollbringen und solch einen Kelch zu trinken vor sich hatte, noch bei der letzten Mahlzeit den Johannes an seiner Brust zu Tische sitzen läßt und den Jüngern Bissen eintaucht und gibt; wenn er so bekümmert von dem Jünger spricht, der ihn verraten werde, den Verräter nicht nennen will und nur ihn selbst fühlen läßt, daß er sein Geheimnis wisse; wenn er dem Petrus, der sich vermaß, von dem Hahn sagt, der nicht zweimal krähen werde; wenn er hingehen will, den Jüngern die Stätte zu bereiten; wenn er sie seine Freunde nennt; wenn sie ihn wieder sehen sollen und ihr Herz sich freuen und ihre Freude niemand von ihnen nehmen soll etc. etc.

Doch in diesem heiligen Kreise war nicht bloß von einem Abschied von Freunden, sondern von größeren Dingen die Rede. Und er unterrichtete seine Boten und die künftigen Lehrer der Welt noch einmal von dem Geheimnis des Reiches Gottes: – Eins mit dem Vater, das ist das Ziel; er sei der Weg, die Wahrheit und das Leben, und niemand komme zum Vater als durch ihn; wenn er nicht hingehe zum Vater, so komme der Tröster nicht zu ihnen; wenn er aber hingehe, wolle er ihn senden, den Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht und den die Welt nicht kennet und nicht empfahen kann; und der werde bei ihnen bleiben ewiglich und in ihnen sein, und sie würden denn alles wissen, und ihre Bitten würden geschehen.

   

Aber eine Lehre, die solche Verheißung und Macht dem Menschen gibt, konnte mißverstanden werden. Damit aber die Jünger wüßten, was sie meine und wes Geistes Kind sie sei, stand der Herr und Meister, als »er wußte, daß ihm der Vater alles hatte in seine Hände gegeben und daß er von Gott kommen war und zu Gott ging«, auf, legte seine Kleider ab, nahm einen Schurz und umgürtete sich, goß Wasser in ein Becken und wusch ihnen die Füße.

Wie wird Dir, Andres, wenn Du <em>Ihn</em> Fuß waschen und mit dem Schurz und dem Becken in der Hand von einem Jünger zum andern gehen siehst?

Und wenn man denn an die und jene denkt, die sich nach seinem Namen nennen!

Aber sie sind auch nicht sein und können sich nennen nach wem sie wollen.

Keiner, und hätte er aller Sternen Lauf erfunden und trüge Kron' und Szepter und wär' ein Herr der ganzen Welt, wenn er nicht das alles und sein eigen Leben für ihn vergessen kann, der ist sein nicht wert.

Seine Lehre war nicht für diese Welt, und ihre Hauptseiten sind darüber hinaus und unsichtbar. Weil sie aber doch in dieser Welt sein sollte, so mußte sie eine sichtbare haben und die Welt wissen, wes sie sich ihr zu versehen habe. Und der Stifter gab dies Beispiel der Demut und Entäußerung und setzte die Liebe als das Kenn- und Wahrzeichen seiner Jünger.

So groß und hehr nun auch alle diese Belehrungen und Eröffnungen waren, und so viel erfreuliches Licht auch daraus den Jüngern über das neue Gesetz und Testament aufgehen mußte, so blieb doch der Stein auf ihrem Herzen, und es fehlte noch ein Aufschluß.

Er hatte in der Schule von Kapernaum, als er von den Kräften seines Leibes und Blutes redete, den Genuß derselben ausschließlich als Mittel des Lebens und einer ewigen Vereinigung mit ihm gesetzet; und nun wollte er hingehen zum Vater, von ihnen weg und wo sie ihm nicht folgen konnten.

Natürlich war ihr Herz, wie die Schrift sagt, voll Traurens worden, weil er solches zu ihnen geredet hatte. Und Du kannst denken, Andres, sie saßen um ihn und sahen ihn an und sehnten sich nach seinem Leib und Blut.

Lege Deine Stirne auf die Erde.

Und »er nahm das Brot, dankete und brach's und gab's den Jüngern und sprach: nehmet, esset; das ist mein Leib.

Und er nahm den Kelch und dankete, gab ihnen den und sprach: trinket alle daraus; das ist mein Blut des neuen Testaments, welches vergossen wird für viele, zur Vergebung der Sünden.«

Das sagte er, und mehr hat es ihm nicht gefallen zu sagen.

Und darauf ging er hinaus, den Haß und die Verachtung der Welt zu verdienen und ihnen »das gute Werk zu erzeigen von seinem Vater, um welches sie ihn steinigen«.

 

Postskript an Andres

Da, Du lieber Andres, hast Du Proben von Bacon und Newton; eine Probe von Boyle findest Du vorne pag. 487 u. ff.

Und wie gefallen Dir diese Philosophen ? Heut zu Tage lautet die Sprache anders.

An Fleiß, Scharfsinn, Einsicht und Geschicklichkeit hat es doch diesen Leuten nicht gefehlt, und es wird wohl nur wenigen einfallen, sich mit ihnen zu messen; erfunden ist sint ihrer Zeit auch nichts, das zu einer andern Sprache berechtigen könnte; und doch wissen sie jetzo alles anders und besser.

Ich leugne Dir nicht, Andres, daß ich an diesem Robert Boyle, an diesem Franz Bacon und an diesem Isaak Newton meine große Freude habe. Nicht sowohl der Religion wegen, die kann, versteht sich von selbst, durch Gelehrte nicht verlieren noch gewinnen, sie mögen klein oder groß sein. Aber es freut, wenn man z. E. so einen der fleißigsten und unverdrossensten Naturforscher, der in ihrem Dienst grau geworden war und mehr von ihr wußte und erfahren hatte, als die meisten von ihr wissen und erfahren haben; wenn man so einen Vogel Jupiters mit dem hohen und scharfen Blick, der den, von den Nachkommen bis itzo mehr bewunderten als benutzten Plan und Grund zu einer neuen und wahrhaft großen Philosophie gelegt hat; und einen der ersten, wenn nicht den ersten Mathematiker von Europa, der, was Condamine und Maupertuis durch Messungen unter dem Äquator und am Pol der Erde über ihre Gestalt fanden, auf seiner Studierstube ahndete und vorhersagte und durch seine kühne Mathematik und sein Attraktionssystem den Sternhimmel und die ganze Schöpfung in ein neues Licht setzte etc. – wenn man solche Männer mit ihren Einsichten sich nicht weise dünken und sie, nachdem sie in die Geheimnisse der Natur tiefer als andere eingedrungen waren, lehrbegierig und mit dem Hut in der Hand, wie es sich gebührt, neben dem Altar und den größern Geheimnissen Gottes stehen sieht ... es freut, Andres, und man faßt wieder Mut zu der Gelehrsamkeit, die ihre Freunde und Anhänger wirklich mehr wissen und doch dabei vernünftige Leute bleiben läßt und sie nicht zu Narren und Spöttern macht. Und es tut einen sonderlichen Effekt, Andres, wenn man nun auf der andern Seite von den leichten Truppen mit dem Hut auf dem Kopf vorbei defilieren und hochweise die Nase rümpfen sieht.

Aber Du sagst, es habe freilich mit dem Naserümpfen nichts zu bedeuten; Du möchtest aber gerne wissen, wie es möglich sei, da die Sachen nach wie vor dieselben sind, daß Leute, denen man doch Scharfsinn nicht absprechen kann, sie jetzt so anders ansehen und urteilen; und wie die Religionsverachtung so allgemein geworden?

Wer weiß das, Andres, und wer kann das sagen?

In der physischen Welt zieht von Zeit zu Zeit, sonderlich im Frühjahr, man weiß nicht nach welchen Gesetzen, so ein kalter giftiger Nebel durch Gärten und Wiesen, der auf dem Strich, den er trifft, die Pflanzen und Gewächse übel zurichtet. Es muß wohl auch so in der moralischen Welt sein. Denn da ist auch seit dreißig vierzig Jahren so ein alles Positive wegwerfender und kein Gesetz außer sich anerkennender Geist durch die gelehrten und durch die politischen Gärten und Wiesen gezogen. Gewesen sind diese Geister immer in der moralischen Welt, denn sie sind ihr &#960;&#961;&#969;&#964;&#959;&#957; &#968;&#949;&#965;&#948;&#959;&#962;, und was sie gerade so in den Zug gebracht hat, weiß ich nicht; aber gefördert und fortgeholfen haben sie sich einander wechselweise. Und wer Recht behält, weißt Du wohl, wird von den meisten gelobt und angesehen, als ob er auch Recht habe; und was von den meisten gelobt wird, weißt Du wohl, dem geht man gerne nach.

Sieh nun, durch eine solche Denkart ist im Allgemeinen der Geschmack an der Erfahrung mehr verleidet und der Ekel daran mehr vermehret worden.

Es erfordert nämlich Geduld, Ruhe und Deferenz, zu den Füßen der Erfahrung zu sitzen und auf ihre Winke zu warten, sich oft sein Konzept, wenn man sie meint verstanden zu haben, wieder von ihr verrücken und sich überhaupt von ihr hudeln, placken und plagen zu lassen; der Bau aus ihren Backsteinen geht nur langsam von statten und fällt gleich nicht immer sehr in die Augen; es ist langweilig, an ihren Krücken gehen zu lernen etc. Und es ist viel leichter und lustiger und glorreicher, ohne sie Schlösser zu bauen und auf seinen Flügeln kühn und hoch in Lüften zu schweben. Nur jenes, sagt Boyle, macht bescheiden und bessert, und dieses blähet auf und macht leichtsinnig.

Vernunft und Erfahrung sind hier einmal Mann und Frau. Wenn die beide einträchtig und ordentlich miteinander leben und haushalten, so hängt der Himmel nicht gleich und immer voll Geigen; aber man krüppelt sich hin und bringt doch mit der Zeit einige Pfennige für die Nachkommen zusammen. Wenn aber dem Mann die Zeit bei der Frau lang wird und er sie sitzen läßt und allein und auf eigne Hand leben will; so verfällt er, ohne daß er es selbst weiß und will, auf Torheiten und Unsinn und verführt am Ende die Polizeibedienten mit.

Seine Torheiten gingen uns nun weiter nichts an, Andres; aber wenn man bedenkt, daß sie dadurch so manchen, der es nicht besser versteht, irre machen und um den Segen des Christentums bringen; so muß man sie hassen, und ich hasse sie von ganzem Herzen und hänge ihnen, wo ich nur kann, eins mit Vergnügen an. Und doch und trotzdem bin ich so ein alter Narre, daß es mir im Grunde doch leid sein kann, und ich ihnen, wenn ich könnte, lieber was anders täte.

Sieh, Andres, und so übersetze ich denn in Ermangelung eignen Vermögens, daß wenigstens die Leute, die es vielleicht nicht wissen und sich durch das Wort Philosoph blenden lassen, sehen, wie Philosophen wohl sonst über Religion und Christentum gesprochen haben.

Sieh, Andres, darum übersetze ich, und darum habe ich jene große Schatten bemüht. Und wer weiß, wozu es gut ist; der reiche Mann meinte ja auch: »wenn einer von den Toten zu ihnen käme«.

 

Über die neue Theologie, an Andres

Du reibst Dir auch die Stirne, Andres, über den Unfug mit der Bibel, und daß die Menschen »sich so bald abwenden lassen auf ein ander Evangelium, so doch kein andres ist, ohne daß etliche sind, die uns verwirren und wollen das Evangelium Christi verkehren«.

Im Anfang, als die etliche hervorrückten, wollte ich meinen Augen nicht trauen und dachte, daß dabei irgend eine andre Absicht, die ich nicht absehen könne, hinter dem Berge halte. Man hat, unbesehen, Achtung für gelehrte Leute; und ich konnte nicht glauben: daß es möglich sei, so leichtsinnig und unverschämt zu sein, andern Leuten, die doch auch Menschenverstand haben, solche Sachen zu bieten und als Weisheit auszugeben; noch weniger: daß man einer bestehenden Religion so ins Angesicht Hohn sprechen dürfe. Wie gesagt, ich dachte, hinter dem Berge halte etwas, das ich nicht absehen könne.

Aber es hält nichts hinter dem Berge, es hält alles vor dem Berge und vor Augen; und ist, worauf ihrer so viele und von allen Parteien ausgehen, mehr oder weniger nichts anders, als ihre Vernunft in der Religion den Meister spielen zu lassen, und alles was sie nicht begreifen und darin allein die Religion und der Glaube besteht, herauszutun, um in den Zeiten der Vernunft auch ihres Orts nicht müßig zu sein und ihre Ehre in Sicherheit zu bringen.

Und da nehmen sie nun alles zu Hülfe, Gelehrsamkeit und Wohlredenheit, Altertümer und Sprachgebrauch, Akkommodation und babylonische Teufel, Volkssinn und Volksunsinn, um den offenbaren Verstand und die klaren Worte der heiligen Schrift unmündig und aus Weiß Schwarz zu machen. Und andere, die noch wohl lieber beim Weißen blieben, laufen mit, weil sie den Wert ihrer Sache nicht kennen und es ihnen an Kraft und Mut fehlt, den Verdacht der alten Einfalt und des Zurückebleibens auf sich zu laden. »O Ihr unverständigen Galater, wer hat Euch bezaubert, daß Ihr der Wahrheit nicht gehorchet? – Im Geist habt Ihr angefangen, wollt Ihr's nun im Fleisch vollenden?«

Aber, Andres, Du bist der Meinung, es sei immer solcher Unfug gewesen; man solle schweigen und zusehen, bis auch dieser Schwindel wie der Revolutionsschwindel vorüber gehe und sie aus Schaden klug werden.

Der Meinung bin ich aber nicht. Es ist wohl immer solcher Unfug gewesen, aber es ist doch mit mehr Zurückhaltung getrieben worden, und so nahe ist er uns noch nicht gekommen. Und schweigen ist freilich das Sicherste und Bequemste, auch die meiste Zeit das Gescheuteste; aber ich denke, in einer Sache, die alle Menschen so nahe angeht, kann man nicht zu früh und zu viel widersprechen; ich denke, in seiner solchen Sache darf kein ehrlicher Mann schweigen und die Pluralität scheuen, er muß unverhohlen seine Meinung sagen und vorlieb nehmen, was darauf folgt.

Wäre ein religiöses Parlament, so ließe man eine förmliche Protestation gegen die Ministerialpartei in die Parlamentsregister einrücken für Welt und Nachwelt; denn man muß sich schämen, ein Zeitgenosse gewesen zu sein, wo solche Akte passiert sind.

Die Menschen sind doch einmal unwissend und blind über das Unsichtbare, sie kennen doch ihren unsterblichen Geist nicht und wissen ihm keinen Rat; Gott weiß einen und promulgiert eine Arzenei, die sich bei Tausenden bewährt hat und sich bei allen bewährt, die sie nach Vorschrift gebrauchen und da kommen sie und wollen Gott meistern und seine Arzenei nach ihrem Dispensatorio einrichten und ändern! ... Kann es einen größern Unsinn geben? Und können sie es für die verantworten, die durch sie verführt werden, die Arzenei Gottes ungebraucht zu lassen und ihren Quacksalbereien nachzulaufen?

»Ich tue Euch aber kund, lieben Brüder«, sagt der Apostel, »daß das Evangelium, das von mir gepredigt ist, nicht menschlich ist. Denn ich habe es von keinem Menschen empfangen noch gelernt, sondern durch die Offenbarung Jesu Christi.«

Wenn das Christentum weiter nichts wäre, als ein klares, allen einleuchtendes Gemachte der Vernunft; so wäre es ja keine Religion und kein Glaube; und warum wäre denn gesagt, daß die Welt den Geist des Christentums nicht sehe und nicht kenne, und wie hätte seine Einführung unter den Menschen so viel Widerspruch und Blut kosten können ? –

Und das, wozu tausend Jahre Zeit nötig gewesen sind, um es allgemein in Europa einzuführen, wofür die Könige und Fürsten so viel gekämpft und gestritten und es als Glück ihrer Länder angesehen, wofür unsre Väter und Vorfahren so viel gelitten und Leib und Leben gewagt und hingegeben haben, und was wir alle, ein jeder von uns, heilig zu halten und zu bewahren mit Mund und Hand gelobt und versprochen haben, was unsre Seelen selig machen kann, – das sollten wir uns ohne Schwertschlag, unter dem Schein der Aufklärung und einer bessern Einsicht, unvermerkt und unter der Hand nehmen und aus den Händen winden lassen ... das sei ferne! das wolle Gott nicht! das werden unsre Könige und Fürsten nicht wollen; das wird keiner wollen, der sich und die Seinen lieb hat.

Was aber auch werden mag, Andres, Dir und mir soll es niemand nehmen, weder Schwachheit noch Klugheit, weder süß noch sauer. Wir wollen es, nach Moses Rat, »in unsre Seelen fassen und zum Zeichen auf unsre Hand binden, daß es ein Denkmal vor unsern Augen sei; wir wollen es unsre Kinder lehren und davon reden, wenn wir im Hause sitzen oder auf dem Wege gehen, wenn wir uns niederlegen und wenn wir aufstehen«.

Dabei bleibt's, Andres. Leb wohl.

 

Brief an Andres

Der Mensch kann glauben, aber er kann nicht glauben, was er will. Sein Glauben hängt an Ursachen, die von seinem Wissen und Willen verschieden und nicht allerdings in seiner Gewalt sind. Man kann, wie das Kananäische Weib, wenig wissen und großen Glauben haben; und, wie die Pharisäer, viel wissen und doch nicht glauben, usw.

Davon schrieb ich Dir vor einiger Zeit einen Brief und schloß ihn so: »Darum sehe ich die Geschichten, wo vom Glauben die Rede ist, fleißig an und merke auf den Sinn solcher Leute, um daraus zu lernen: nicht was ich noch wissen muß, um glauben zu können; sondern was ich noch vergessen, mir aus dem Sinn schlagen und von mir abtun muß, damit der Glaube recht an mich haften könne.« – – Und nun willst Du, daß ich Dir auch schreibe: wie ich die Geschichten angesehen, und was ich an dem Sinn solcher Leute gemerkt habe.

Lieber Andres, Du hast gewiß schon selbst angesehen und gemerkt; und auf Deiner Einfalt ruhet ein Segen, der andern Orts fehlt. Indes wir schlagen uns einander nichts ab, und so will ich an ein Paar Geschichten Probe geben.

Zuerst von dem Hauptmann zu Kapernaum, der eigentlich ein Heide war und »solchen Glauben hatte, als in Israel nicht funden worden«.

Dieser Hauptmann lag nun zwar in einer Gegend in Quartier, wo unser Herr Christus seine meisten Wunder getan hat; aber die Anhänger und Erzähler und Ausbreiter dieser Wunder waren aus dem geringen Volk. – »Glaubt auch irgend ein Oberster und Pharisäer an ihn? Sondern das Volk, das nichts vom Gesetz weiß, ist verflucht.« – Daraus denn anzunehmen ist, was die Honoratiores von Christus und von denen, die ihm nachliefen, dachten oder wenigstens ihrer Ehre gemäß hielten zu sagen.

Und er, der Hauptmann, war Offizier in einer Armee, welche alle großen Reiche in Afrika, Europa und Asien überwältigt und was sich widersetzte und nicht beugen wollte, zu Boden geworfen hatte.

Nun kann dies freilich von verschiedenen Seiten angesehen werden; aber man weiß, von welcher Seite es der Mensch ansieht, und daß es sehr natürlich ist, sich des zu überheben, sonderlich bei und unter einem Volk, das sein Ansehen in der Welt verloren hatte und mit seiner alten väterlichen Sitte und Religion den aufgeklärten und hochfahrenden Römern, vom Landpfleger an bis zu dem geringsten Troßbuben, zum Gespött und Gelächter diente.

Es war denn gar nicht in dem Charakter eines solchen Römers, bei einem Juden, dem Wundermann des geringen Volks, Hülfe und Rat zu suchen. Wenn seine Feldärzte keinen Rat wußten; so war kein Rat in der Welt, und der arme gichtbrüchige Knecht konnte verzagen und sterben. Er taugte so im Felde nicht mehr.

Wäre nun der Hauptmann zu Kapernaum ein so gesinnter Hauptmann gewesen; so hätte er nicht geglaubt und nicht glauben können.

Wie lauten denn bei ihm die Worte? – »Ich bin ein Mensch; dazu der Obrigkeit unteran.« – Er verachtete die Überwundenen nicht, er »hatte das Volk der Juden lieb«; hatte ihnen sogar, nach dem Lucas, ihre Schule erbauet. Und als sein Knecht zu Hause lag und gichtbrüchig war und »große Qual hatte«; konnte er ihn ohne Hülfe nicht lassen und schämte sich nicht, sie, wo sie war, zu suchen; ging selbst zu dem jüdischen Wundertäter in den Flecken vor allen Leuten und erkannte ihn an und bat ihn um Hülfe – und bekümmerte sich nicht darum, was die Honoratiores und die andern Offiziere dazu sagen und denken würden: »Herr, mein Knecht lieget zu Hause und ist gichtbrüchig und hat große Qual.«

Vermutlich dachte er, Christus würde, wie mehrmals geschehen war, durch ein Allmachtswort auf der Stelle helfen und ihm sagen: gehe hin, Dein Knecht lebet. Und das war alles, was er dem Wundertäter zumuten und von ihm annehmen konnte. Als aber Christus zu ihm sprach: »ich will kommen und ihn gesund machen« – das verdiente er nicht, das war zu viel für einen Mann wie er: »Herr, ich bin nicht wert, daß Du unter mein Dach gehest, sondern sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund.«

Man sieht hier keine Spur, daß dieser Hauptmann sondre Einsicht und Wissenschaft hatte, mehr als andre; aber er hatte nicht, was andern im Wege ist.

Stolz, Selbstsucht und Eigendünkel sind dem Glauben zuwider; er kann nicht hinein, weil das Faß schon voll ist. Wer sich selbst erhöhet, sagt die heilige Schrift, der wird erniedrigt werden; wer aber sich selbst erniedrigt, der wird erhöhet werden.

Dasselbe, wie nämlich ein demütiger, nach Gott dürstender Sinn dem Glauben offen stehe und ihn an sich ziehe, lehret und prediget noch handgreiflicher die schöne Geschichte, Act. 10, von dem Hauptmann Cornelius, die wir uns aufsparen wollen, wenn ich zu Dir komme.

Und dasselbe bestätigt auch die Geschichte des kananäischen Weibes.

Ihre »Tochter war vom Teufel übel geplaget«, und als unser Herr Christus in die Gegend Tyri und Sidon kam, ging sie aus derselbigen Grenze und schrie ihm nach und sprach: »Ach Herr, Du Sohn David, erbarme Dich mein«, und hörte nicht auf, hinter ihm her zu schreien.

– »Und er antwortete ihr kein Wort.« –

Schon das hätte ihr hart scheinen können. Sie hatte von Christus gehört, daß er helfen könne und oft geholfen hatte; sie war ihm voll Hoffnung und Vertrauen über die Grenze nachgegangen und hatte ihn herzlich gebeten – und was sie bat, war nichts Unbilliges etc.

Manche Mutter wäre hier vielleicht irre und kalt geworden; aber das kananäische Weib wird nicht irre und kalt. Sie bleibt fest und unbeweglich in ihrem Glauben: er kann helfen, und er wird helfen.

Bisher hatte sie ihm nur von ferne nachgeschrieen; nun kam sie und fiel vor ihm nieder und sprach: »Herr, hilf mir!«

– » Herr, hilf mir!« – Man kann diesen Schrei eines zerrissenen Mutterherzens nicht ungerührt und ohne Teilnahme hören und erwartet aus dem holdseligen Munde Christi ein gütiges und erfreuliches Wort für sie.

Aber er antwortete und sprach: »Es ist nicht fein, daß man den Kindern das Brot nehme und werfe es für die Hunde,«

Wer je in Not und Verlegenheit war und in der Angst an jemand, zu dem er Vertrauen hatte, eine Bitte wagte und abschlägige Antwort erhielt, der weiß, wie eine solche Antwort tut, wenn sie auch mit Glimpf und guter Wendung gegeben wird.

Wenn man aber bei der Gelegenheit noch Unangenehmes und Hartes hören muß; das schmerzt und verwundet tief und hört sich nicht gelassen an. Hält man auch äußerlich die Empfindlichkeit zurück; so fühlt man sich doch in sich unwillig, niedergeschlagen und beleidigt. Auch der natürlich gutgesinnte Mensch kann nicht anderes. Die Natur nimmt übel.

Bei dem kananäischen Weibe nichts von alle dem. Ihr Herz ist gediegen und fix, und die flüchtige Natur und Empfindlichkeit ist abe.

Sie hört den Mann Gottes, den sie so herzlich gebeten hatte, die harten Worte aussprechen, und wird nicht beleidigt. Sie hatte geglaubt, daß ein solcher Mann für alle Menschen sei, und daß alle, die in Not sind und Hülfe brauchen, gleiches Recht an und zu ihm hätten. Nun das aber nicht ist, nun sie hört, daß die Juden die Kinder sind, und ihnen das Brot gehört; tritt sie gleich zurück. Sie kann denn kein Brot verlangen, verlangt auch kein Brot.

»Aber doch essen die Hündlein von den Brosamen, die von ihrer Herren Tische fallen.« –

Da antwortete Jesus und sprach: »O Weib, Dein Glaube ist groß; Dir geschehe, wie Du willst.«

Und, Andres, es geschieht gewiß einem jedweden, wie er will, wenn er so gesinnt ist und wenn er so glaubt.

»Wer zweifelt«, sagt Jakobus, »der ist gleich wie die Meereswoge, die vom Winde getrieben und gewebet wird. Solcher Mensch denke nicht, daß er etwas von dem Herrn empfangen werde.«

Ein solcher war Petrus. Der vertraute gleich den Worten Christi und glaubte und »ging auf dem Wasser, daß er zu Jesu käme«. Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und hub an zu sinken. Jesus aber ergriff ihn und sprach zu ihm: »O Du Kleingläubiger, warum zweifelst Du?«

Du wunderst Dich, Andres, daß solche Erfahrungen so selten sind, und daß so wenig Glauben in der Welt ist! – Du besinnst Dich nicht, sonst würdest Du Dich nicht wundern.

Christus sagte, was nicht oft genug wiederholet werden kann, zu den Pharisäern: »Wie könnet ihr glauben, die ihr Ehre von einander nehmet, und die Ehre, die von Gott allein ist, suchet ihr nicht.«

Wenn man das bedenkt und dann aufrichtig in seinen eignen Busen greifet und um sich her das Wesen und Treiben unter Gelehrten und Ungelehrten ansieht; wenn man bedenkt, wie, nach dem Beispiel der Hauptmänner von Kapernaum und Cäsarien und des kananäischen Weibes, der Mensch gesinnt sein muß, um glauben zu können; so weiß man, woran man ist, und wundert sich nicht mehr.

Auch kann hin und wieder etwas der Art geschehen, ohne daß es bekannt wird. Denn der Glaube ist nicht laut. Er spricht bei sich selbst: »möchte ich nur sein Kleid anrühren etc.«, und »tritt von hinten zu ihm«. Und wenn er gesund worden ist; so ist ihm das heilig, und er mag es sich selbst kaum gestehen. –

Was Du über die ersten Christen, die von dem Nero um ihres Bekenntnisses willen gemartert und getötet wurden, und über uns, wenn wir in jenen Zeiten gelebt hätten usw. am Ende Deines Briefes schreibst, Andres, das hat mich recht gerührt. – Du lieber, herziger, bescheidener Andres!

Aber Du irrest Dich über Dich selbst. Deine Ergebung, Dein Beten für den Nero und Deinen Widerwillen gegen alle Selbstgewalt, wenn sie auch in Deiner Macht wäre, gebe ich Dir gerne zu. Aber Deine Zaghaftigkeit, wenn die Reihe an Dich gekommen wäre, kann ich Dir nicht zugeben.

Freilich man denkt nicht immer gleich und ist einem an Ort und Stelle anders zu Mut als auf seiner Stuben; und darum muß man auch nicht in jenen Zeiten gelebt haben wollen. Aber wenn wir damals gelebt hätten; Du wärest nicht gelaufen, das weiß ich; und Du hättest Dein Leben nicht teuer geachtet. Wer über diese Welt hinaussieht und sich der andern bewußt ist, der vergilt nicht Böses mit Bösem und trotzt nicht; aber er fürchtet auch nicht und erschrickt nicht. – Können sie doch nur den Leib töten und mögen die Seele nicht töten! Und was ist denn der Leib und das Leben, wenn von Christus die Rede ist.

Nein, Andres, Du wärest nicht gelaufen. Du hättest vor dem Nero das gute Bekenntnis unverhohlen bezeuget und Deinen Kopf hingehalten.

Und wenn ich den hätte fallen sehen – ich stehe für nichts; wer wird sich vermessen. Aber mich dünkt, ich hätte mein Halstuch gelöst und dem Nero gesagt: hast Du denn nur Einen Segen, Tyrann; segne mich doch auch.

Ade, lieber Andres; und schreibe bald wieder.


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