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Die Korrespondenz
zwischen mir und meinem Vetter die Bibelübersetzungen betreffend

Hochgeehrter,
Hochgelahrter Herr Vetter!

Marschierte neulich mit ein'm Kameraden durch 'n Dorf neben der Kirch' hin; die Tür zum Gottesacker stand offen, und wir gingen h'nein. s' ist mit dem menschlichen Herzen wie mit 'm Meer. Da gibt's von Zeit zu Zeit Windstillen, und denn müssen die Schiffleute zu Anker liegen. Ich hasse nun aber das zu Anker liegen und nehme bei solchen Umständen alle Gelegenheit wahr, wieder flott zu werden und einen frischen Kühlwind in meine Segel zu treiben, und so pfleg' ich denn h'nein zu gehn, wenn so 'ne Gottsackertür offen steht; da sind Grabhügel und Kreuze mit Grabschriften und schönen Sprüchen dran, und so gibt ein Gedank' den andern; und 's Herz fängt ein'm wieder an zu pulsieren und zu sich selbst zu kommen.

Was ich meinem Hochgeehrten Herrn Vetter eigentlich erzählen wollt', ist noch nicht gewesen, sondern kommt nun erst und betrifft die Spruch' an den Kreuzen. Ich kannte sie nämlich alle schon und wußte sie auswendig, aber hier an 'n Kreuzen leuchteten sie mir ganz anders ein, noch eins so kräftig, und als wenn sie mit feurigen Buchstaben geschrieben wären. Weiß nicht, mir wackelte eine Trän' im Aug', ob's darum so schien, oder wie's war. So viel hab' ich aber draus gemerkt, daß man nicht immer und von jeher aufgelegt ist, einen Spruch zu verstehen, und auch wohl nicht zu übersetzen.

Ersuche den Herrn Vetter um seine Gedanken und verbleibe allstets etc.

   

Mein Hochgeehrter Herr Asmus,
Wertester Herr Gönner und Vetter,

Freilich hat er's seiner Wackelträne zu danken, Vetter! daß ihm der Sinn über die schönen Sprüche geöffnet worden ist, und freilich ist man nicht immer aufgelegt zu verstehen und zu übersetzen, sonderlich wenn ein warmer hoher Geist in das Sprachstückchen gelegt ist. Denn der läßt sich ohne sympathetische Kunststücke nicht herausbannen, sieht Er, und wenn einer die nicht hat und doch bannt, so kommt der Geist nicht selbst, sondern schickt einen kurzen bucklichten Purzelalp mit hoher Frisur und Puder, die Leute zu äffen. Dieser Kasus ereignet sich am häufigsten bei den neuen Bibelübersetzungen, sieht Er. Denn weil die Nase wenigen Menschen auf die Art Empfindungen und Lehren geschliffen ist, so sind hier die sympathetischen Kunststücke am schwersten, und die Purzelalpe sehr bei der Hand.

Kommt bald einmal zu mir, närrischer Kerl, so sollt Ihr's selbst sehen. Lassen sie doch die heiligen Männer Gottes wie Belletristen und wie Professores Eloquentiae sprechen, und die guten Männer hatten kein Arg aus Ästhetik. Luther war fürerst ein großer Mann; halt' Er sich an ihm, Vetter, und geht keine offne Gottsackertür vorbei. Sein Diener etc.

 

Brief an Andres,
die Illumination betreffend

Wir haben hier heint Nacht Illumination gehabt, mein lieber Andres. Sieht Er, da hängen denn Lampen in allen Hecken und Bäumen, und solche Bogen und Säulen mit Lampen und so 'n S. Michael, der nach dem Lindwurm stößt, und die Gartenhäuser sind voll Lampen, über und über, und dicht am Wasser sind Lampen, daß man die Fische kann spielen sehen, und gehn so viel Leut' aus Hamburg im Garten hin und her, sieht Er, und das heißt denn Illumination und ist recht kuriös zu sehen und kostet viel Öl. Ja, Andres, wir beide hätten unser Lebelang dran zu brennen gehabt, aber damit wär' keine Illumination geworden, Andres, und wer 'n Öl denn so hat, sieht Er, der läßt 'n denn so brennen.

Dergleichen Illuminations nun sind nur für große Herren und Potentaten, doch kann unser einer 's auch sehen, und Er hätt's auch sehen können, wenn Er nicht immer am unrechten Ort wär'. Ich hätt' 's Ihm wohl vorher melden können, aber ich dachte, 's wäre auch noch Zeit, wenn Er's nur nachher erführe. 's ist hier ein Prinz gewesen und eine Prinzessin, sieht Er, und darum hat's der gnädige Herr auch so schön gemacht und die Kanonen auch lösen lassen. Wollte doch, daß ich's Ihm vorher geschrieben hätte, so hätt' Er die Kanonen auch hören können. Doch, wenn Er leben soll, hat Er ja wohl noch Gelegenheit, Kanonen zu hören. Ich will's Ihm sonst auch schreiben, wenn wieder Illumination ist.

Sapperment, Andres, das waren 'n mal viele Lampen! Auch stand der Mond am Himmel und schien – für den Prinzen und für uns alle. Leb' er wohl etc.

 

Brief an Andres

Da schreib' ich Ihm schon wieder, und diesmal halt' Er mir nur noch stand, mein lieber Andres, denn soll Er auch fürerst Ruhe haben. Ich kann doch nicht so ins große Blaue schießen, muß doch jemand haben, nach dem ich ziele, und Er ist mir so recht bequem und paßlich, nicht zu dumm und nicht zu klug, und Sein Gemüt ist nicht böse. Will auch Brüderschaft mit Dir gemacht haben, Bruder Andres.

Was Du mir unterm 34sten passati von dem neuen Holzbein und der Bärenmütz schreibst, die Du dem alten lahmen Dietrich heimlich auf sein Strohlager hast hinlegen lassen, hat mir nicht unrecht gefallen; darüber aber muß ich recht lachen, daß Dir nun nach seinem Dank 's Maul doch so wässert. 's wässert einem denn so, Andres, mußt aber alles hübsch hinunterschlucken. Dietrich bleibt ja im Lande, kannst ja alle Tage, wenn er vorbeihinkt, Dein Holzbein noch sehen und Deine Bärenmütz. Aber dem Dank wolltst Du gar zu gern zu Leibe? Nun, reiß Dir deshalb kein Haar nicht aus, 's geht andern ehrlichen Leuten auch so; man meint Wunder, was einem damit geholfen sein werde, und ist nicht wahr; hab's auch wohl eher gemeint, aber seit Bartholomäi hab ich mich drauf gesetzt, daß ich von keinen Dank wissen will, und wenn mir nun einer damit weitläuftig angestiegen kommt, so karbatsch' ich drauf los, und das alles aus purem leidigen Intresse, wahrhaftig aus purem Intresse. Denn sieh, Andres, Du wirst's auch finden, wenn die Sach' unter die Leut' ist und Dietrich gedankt hat, denn hat man seinen Lohn dahin und's ist alles rein vorbei; und was ist es denn groß zu geben, wenn man's hat? Wenn aber keine Seel' von weiß, sieh! denn hat man noch immer den Knopf auf 'm Beutel, denn ist's noch immer ein treuer Gefährt um Mitternacht und auf Reisen, und man kann's ordentlich als 'n Helm auf 'n Kopf setzen, wenn ein Gewitter aufsteigt. Herzlicher Dank tut wohl sanft, alter Narre, doch ist das auch keine Hundsvötterei, heimlich hinlegen, und denn dem armen Volk als 'n unsichtbarer Fierk hinter 'm Rücken stehn und zusehen, wie's wirkt, wie sie sich freuen und handschlagen und nach dem unbekannten Wohltäter suchen. Und da muß man sie suchen lassen, Andres, und mit seinem Herzen in alle Welt gehn.

Aber hör, man muß auch nicht jedem Narren geben, der einen anpfeift. Die Leut' wollen alle gern haben, und ist doch nicht immer gut. Mangel ist überhaupt gesunder als Überfluß, und traun, glaube mir, 's ist viel leichter zu geben, als recht zu geben. Auf 'n Kopf mußte Dietrich 'was haben und 'n neues Bein auch, das versteht sich, aber es gibt sehr oft Fälle, wo es besser und edler ist, abzuschlagen und hart zu tun.

Versteh mich nicht unrecht; wir sollen nicht vergessen, wohlzutun und mitzuteilen, das hat uns unser Herr Christus auch gesagt, und was der gesagt hat, Andres, da lass' ich mich tot drauf schlagen.

Hast Du wohl eher die Evangelisten mit Bedacht gelesen, Andres? – Wie alles, was <em>Er</em> sagt und tut, so wohltätig und sinnreich ist! klein und stille, daß man's kaum glaubt, und zugleich so über alles groß und herrlich, daß einem 's Kniebeugen ankommt, und man's nicht begreifen kann. Und was meinst Du von einem Lande, wo seine herrliche Lehr' in eines jedweden Mannes Herzen wäre? Möchtst wohl in dem Lande wohnen ?

Ich habe mir einen hellen schönen Stern am Himmel ausgesucht, wo ich mir in meinen Gedanken vorstelle, daß <em>Er</em> da sein Wesen mit seinen Jüngern habe. Ich segne den Stern in meinem Herzen und bet' ihn an, und oft wenn ich 's Nachts unterwegen an den Rabbuni denke und zu dem Stern aufseh', überfällt mich ein Herzklopfen und eine so kühne überirdische Unruhe, daß ich wirklich manchmal denke, ich sei zu etwas besserm bestimmt als zum Brief tragen; ich trag' indes immer den Weg hin und find' auch bald wieder, daß es mein Beruf sei. Halt! 's wird schon Tag, und der Morgen guckt durch die Vorhänge ins Fenster! Junge, mir ist's so wohl dahier hinter den Vorhängen in dieser Frühstund! möchte Dich gleich umarmen, wenn Du den fatalen sauren Ruch aus 'm Magen nicht an Dir hättest. Leb wohl, du alter Sauertopf, und grüße Deinen H. Pastor, für den ich Respekt habe, weil er so 'n lieber guter H. Pastor ist, und so fromm aussehend, als ob er immer an etwas jenseit dieser Welt dächte, und nicht so dick.

's Morgens bei meiner Lampe, die
NB. keine von den berühmten »nächtlichen
Lampen der Weisen« ist, sondern
eine ganz natürliche Tranlampe.

 

Eine Korrespondenz zwischen mir und meinem Vetter, das Studium der schönen Wissenschaft betreffend

Hochgelehrter
Hochzuehrender Herr Vetter!

Hätte wohl Lust, mich auf die schönen Wissenschaften zu legen; damit, wenn sich bei der oder jener Gelegenheit 'n Vers oder eine Prosa in meinem Herzen rührt und h'raus will, ich doch dem Dinge ein fein gedeihlich Ansehn und Grazias, wie sie sagen, geben könnte. Ersuche den Herrn Vetter um seinen Rat, und wie ich das anzufangen habe, samt welche Bücher ich mir dazu anschaffen und lesen muß. Vom Batteux hat mir Herr Ahrens schon in prima gesagt; aber das ist so lange her, und ich denke, 's sind seitdem wohl andre Moden aufkommen. Das Neueste, weiß der Herr Vetter wohl, ist doch immer das Beste, und man kommt doch nicht gern mit einer Zippelperücke angestochen, wenn in allen Nacken Haarbeutel hängen.

Den Meerrettig erhält der Herr Vetter künftige Woche mit dem Fuhrmann Grumpenhagen, womit ich die Ehre habe zu verbleiben

  Meines Hochgelehrten
    Hochzuehrenden Herrn Vetters
        gehorsamer Diener und Vetter
            Asmus.

 

Antwort

Seid kein Narre, Vetter, und laßt die schönen Wissenschaften ungeschoren. Ich will Euch aber meinen Rat nicht verhalten.

  1. Wenn's Euch mit dem und jenem wirklich Ernst ist, und es Dir so recht durch Mark und Bein geht, so lasse Du's durchgehen, und danke Gott dafür, und sage niemandem davon; und
  2. Wenn es frommet, davon zu verlautbaren und zu schreiben; so schreibe hin, was und wie Du's fühlst.
  3. Fühlst Du aber nichts, und möchtest doch gerne vor dem geehrten Publico das Gesicht machen; so lies den Batteux und seine Kollegen vom Longin bis an den, der an die Wand und in die Zeitungen und Bibliotheken pißt.

Magst sie auch ungelesen lassen, denn Du machest doch nur närrisch Zeug in Versen und in Prosa. Lebt wohl, Vetter.

Sein Diener etc.

N. S. Du kannst auch statt des Batteux den Meerrettig reiben, kommt alles auf Eins hinaus.           Vale.

 

Brief an Andres,
von wegen einer gewissen Vermutung

Es ist mir angenehm, aus Jost seinem Frachtzettel zu vermerken, daß Du willens bist, Dich wieder zu verheiraten. Glück zu! lieber Andres.

Das Heiraten kommt mir vor wie'n Zuckerboltje oder Bohne; schmeckt anfangs süßlicht, und die Leute meinen denn: es werde ewig so fortgehen. Aber das bißchen Zucker ist bald abgeleckt, sieht Er, und denn kommt inwendig bei den meisten 'n Stück Assa foetida oder Rhabarber, und denn lassen sie 's Maul hängen. Bei dir nun soll's nicht so sein! Du sollst, wenn Du mit dem Zucker fertig bist, eine wohlschmeckende kräftige Wurzel finden, die Dir Dein Lebelang wohltut! Wie ich Dich kenne und Deine Wirtschaft mit der seligen Gertrud angesehen habe, bin ich auch überzeugt, es werde so gehen, Du müßtest denn gar an einen Höllbesen geraten sein, und der gibt es nicht viele. Die Weiber sind geschmeidige gute Geschöpfe, und wenn Du von einer hörst, die ihrem Manne krumme Sprünge macht, kannst Du allemal zehn gegen eins wetten, daß er sich gegen sie nicht betrage, wie's einem christlichen Ehemann wohl zusteht.

Schreib's mir ja vorher, wenn die Hochzeit ist; denn wir wollen selbst kommen, und ich will Dir auch einen Hochzeitsbrief schreiben und Dir darin eins auf meiner Harfe singen und spielen. Heißt so viel, ich will Dir aus alter Liebe 'n Carmen machen, denn das begreifst Du wohl, daß man in einem Briefe nicht singen noch auf der Harfe spielen kann, und pflegt man dergleichen poetische Redensarten zu nennen, die in Prosa immer am unrechten Orte stehen.

Leb wohl, lieber Andres, und grüße Deine Braut von meinentwegen, und schick mir ihren Schattenriß, wenn's auch nur mit einer Kohle gemacht ist, ich will's Dir zu Lieb aufhängen, und Du kannst Dich dadurch insinuieren; denn sie haben's gerne, daß man ihren Schatten nehme. Noch einmal leb wohl, Herr Bräutigam, Gott gebe Dir eine gute Frau, und schreibe bald oder ich verharre etc.

 

Antwort an Andres
Auf seinen letzten Brief

Ich hätte mir eher des Himmels Einfall vermutet, als daß Du eine Astrologie schreiben würdest. Du hast zwar von jeher mit den Sternen Dein Fest gehabt und pflegtest es immer als eine besondre göttliche Wohltat anzusehen, wenn 's Abends der Himmel helle und so recht voll Sternen war; aber das, glaubt' ich, stecke so in Dir, sei Rührung und Freude über den großen herrlichen Anblick, weiter aber denkest Du nichts, und von Deinen Projekten und Deiner Astrologia puriore und sublimiore ist mir niemals 'n Wörtlein in den Sinn kommen. Du hast aber recht, Andres, ich habe dem Dinge nachgedacht, und die Astrologie fängt an, mir einzuleuchten.

Wenn alle Sandkörner auf der Erde Augen wären, so würden alle die Augen jedweden Stern über sich am Himmel sehen, und also fließen beständig aus jedwedem Stern Strahlen auf jedes Sandkorn der ganzen Erdveste herab: nun ist es aber allerdings sehr unwahrscheinlich, daß eine so große Menge einer Materie, die so schnell so weit herkommen kann und aus so schönen unvergänglichen Körpern kommt, ohne alle Wirkung sein sollte. Mich dünkt, der bloße Eindruck in einer heitern Nacht lehrt's einen auch schon, daß die mit so unbeschreiblicher Freundlichkeit leuchtenden Sterne nicht kalte müßige Zuschauer sind, sondern Angehörige der Erde und Freunde vom Hause.

Was Du aus den Sternen sehen willst und was Du von ihren Kräften und Einflüssen vorbringst, das sind vor mir lauter böhm'sche Dörfer, kommt mir aber alles doch sehr gründlich vor, und ich wünsche mir von Herzen Deine andächtige fromme Empfindung, mit der Du von den Sternen sprichst und darin alle Deine Ideen schwimmen wie Blumen im Morgentau und wie die Inseln im Meer. Die Himmelslichter sind doch wirklich, wie die Augen am Menschen, offnere oder zarter bedeckte Stellen der Welt, wo die Seele heller durchscheint.

Sehr anmutig ist's mir in Deinem Brief zu lesen gewesen, daß Deine Braut auch so an den Sternen hängt und in Deine Ideen entriert, und daß Ihr beide oft stundenlang den allumfunkelnden Sternhimmel anseht, ohne durch Eure Liebe in Eurer Andacht gestört zu werden. Sie muß gar eine gute Person sein, und Du bist 'n lieber Andres.

Es freut mich jedesmal in die Seele, wenn ich von einem Menschen höre, der bei einer Leidenschaft den Kopf immer noch oben behält und Braut und Bräutigam für etwas bessers vergessen kann. Addies, Herr Zoroaster.

Sonst tu ich Dir noch berichten, daß ich itzo, Gott sei tausendmal Dank! drei Kinder hab' und aufs andre halbe Dutzend losgehe. Du kannst nicht glauben, Andres, was ein Fest es für mich ist, wenn der Adebär ein neues Kind bringt und die Sach nun glücklich getan ist und ich's Kind im Arm habe. Kann sich keine Truthenne mehr freuen, wenn die Küchlein unter ihr aus den Eiern hüpfen. »Da bist du, liebes Kind«, sag' ich denn, »da bist du! sei uns willkommen! – es steht dir nicht an der Stirne geschrieben, was in dieser Welt über dich verhängt ist, und ich weiß nicht wie es dir gehen wird, aber Gottlob daß du da bist! und für das Übrige mag der Vater im Himmel sorgen.« Denn herz' ich's, beseh's hinten und vorn und bring's der Mutter hin, die nicht mehr denket der Angst! und denn die alten Kinder auf die Erde gelegt, und in Gottes Namen oben darüber weg und über Tisch und Bänke. Leb wohl, Andres. Dein

Seindiener etc.

 

Über das Gebet,
an meinen Freund Andres

Es ist sonderbar, daß Du von mir eine Weisung übers Gebet verlangst; und Du verstehst's gewiß viel besser als ich. Du kannst so in Dir sein und auswendig so verstört und albern aussehen, daß der Priester Eli, wenn er Dein Pastor loci wäre, Dich leicht in bösen Ruf bringen könnte. Und das sind gute Anzeigen, Andres. Denn wenn das Wasser sich in Staubregen zersplittert, kann es keine Mühle treiben, und wo Klang und Rumor an Tür und Fenster ist, passiert im Hause nicht viel.

Daß einer beim Beten die Augen verdreht etc., find' ich eben nicht nötig, und halte ich's besser: natürlich! Indes muß man einen darum nicht lästern, wenn er nicht heuchelt; doch daß einer groß und breit beim Gebet tut, das muß man lästern, dünkt mich, und ist nicht auszustehen. Man darf Mut und Zuversicht haben, aber nicht eingebildet und selbstklug sein; denn weiß einer sich selbst zu raten und zu helfen, so ist ja das Kürzeste, daß er sich selbst hilft. Das Händefalten ist eine feine äußerliche Zucht und sieht so aus, als wenn sich einer auf Gnade und Ungnade ergibt und 's Gewehr streckt etc. Aber das innerliche heimliche Hinhängen, Wellenschlagen und Wünschen des Herzens, das ist nach meiner Meinung beim Gebet die Hauptsache, und darum kann ich nicht begreifen, was die Leute meinen, die nichts von Beten wissen wollen. Ist eben so viel, als wenn sie sagten, man solle nichts wünschen, oder man solle keinen Bart und keine Ohren haben. Das müßte ja 'n hölzerner Bube sein, der seinen Vater niemals etwas zu bitten hätte und erst 'n halben Tag deliberierte, ob er's zu der Extremität wollte kommen lassen oder nicht. Wenn der Wunsch inwendig in Dir Dich nahe angeht, Andres, und warmer Komplexion ist; so wird er nicht lange anfragen, er wird Dich übermannen wie 'n starker gewappneter Mann, wird sich kurz und gut mit einigen Lumpen von Worten behängen und am Himmel anklopfen.

Aber das ist eine andre Frage, was und wie wir beten sollen. Kennt jemand das Wesen dieser Welt, und trachtet er ungeheuchelt nur nach dem, was besser ist; denn hat's mit dem Gebet seine gewiesene Wege. Aber des Menschen Herz ist eitel und töricht von Mutterleibe an. Wir wissen nicht, was uns gut ist, Andres, und unser liebster Wunsch hat uns oft betrogen! Und also muß man nicht auf seinem Stück stehen, sondern blöde und diskret sein und dem lieber alles mit anheim stellen, der's besser weiß als wir.

Ob nun das Gebet einer bewegten Seele etwas vermag und wirken kann, oder ob der Nexus Rerum dergleichen nicht gestattet, wie einige Herren Gelehrten meinen, darüber lasse ich mich in keinen Streit ein. Ich hab' allen Respekt für den Nexus Rerum, kann aber doch nicht umhin, dabei an Simson zu denken, der den Nexus der Torflügel unbeschädigt ließ und bekanntlich das ganze Tor auf den Berg trug. Und kurz, Andres, ich glaube, daß der Regen wohl kömmt, wenn es dürre ist, und daß der Hirsch nicht umsonst nach frischem Wasser schreie, wenn einer nur recht betet und recht gesinnt ist.

Das »Vater Unser« ist ein- für allemal das beste Gebet, denn Du weißt, wer's gemacht hat. Aber kein Mensch auf Gottes Erdboden kann's so nachbeten, wie der's gemeint hat; wir krüppeln es nur von ferne, einer noch immer armseliger als der andere. Das schad't aber nicht, Andres, wenn wir's nur gut meinen; der liebe Gott muß so immer das Beste tun, und der weiß, wie's sein soll. Weil Du's verlangst, will ich Dir aufrichtig sagen, wie ich's mit dem »Vater Unser« mache. Ich denke aber, 's ist so nur armselig gemacht, und ich möchte mich gerne eines Bessern belehren lassen.

Sieh, wenn ich's beten will, so denk' ich erst an meinen seligen Vater, wie der so gut war und mir so gerne geben mochte. Und denn stell' ich mir die ganze Welt als meines Vaters Haus vor; und alle Menschen in Europa, Asia, Afrika und Amerika sind denn in meinen Gedanken meine Brüder und Schwestern; und Gott sitzt im Himmel auf einem goldnen Stuhl und hat seine rechte Hand übers Meer und bis ans Ende der Welt ausgestreckt und seine Linke voll Heil und Gutes, und die Bergspitzen umher rauchen – und denn fang' ich an:

Vater Unser, der du bist im Himmel.
Geheiliget werde dein Name.

Das versteh' ich nun schon nicht. Die Juden sollen besondre Heimlichkeiten von dem Namen Gottes gewußt haben. Das lasse ich aber gut sein und wünsche nur, daß das Andenken an Gott und eine jede Spur, daraus wir ihn erkennen können, mir und allen Menschen über alles groß und heilig sein möge.

Zu uns komme dein Reich.

Hiebei denk' ich an mich selbst, wie's in mir hin- und hertreibt und bald dies bald das regiert, und daß das alles Herzquälen ist und ich dabei auf keinen grünen Zweig komme. Und denn denk' ich, wie gut es für mich wäre, wenn doch Gott all Fehd' ein Ende machen und mich selbst regieren wollte.

Dein Wille geschehe wie im Himmel also auch auf Erden.

Hiebei stell' ich mir den Himmel mit den heiligen Engeln vor, die mit Freuden seinen Willen tun, und keine Qual rühret sie an, und sie wissen sich vor Liebe und Seligkeit nicht zu retten und frohlocken Tag und Nacht; und denn denk' ich: wenn es doch also auch auf Erden wäre!

Unser täglich Brot gib uns heute.

'n jeder weiß, was täglich Brot heißt, und daß man essen muß so lange man in der Welt ist, und daß es auch gut schmeckt. Daran denk' ich denn. Auch fallen mir wohl meine Kinder ein, wie die so gerne essen mögen und so flugs und fröhlich bei der Schüssel sind. Und denn bet' ich, daß der liebe Gott uns doch etwas wolle zu essen geben.

Und vergib uns unsre Schuld,
als wir vergeben unsern Schuldigern.

Es tut weh, wenn man beleidigt wird, und die Rache ist dem Menschen süß. Das kömmt mir auch so vor, und ich hätte wohl Lust dazu. Da tritt mir aber der Schalksknecht aus dem Evangelio unter die Augen: und mir entfällt das Herz, und ich nehm's mir vor, daß ich meinem Mitknecht vergeben und ihm kein Wort von den hundert Groschen sagen will.

Und führe uns nicht in Versuchung.

Hier denk' ich an allerhand Exempel, wo Leute unter den und jenen Umständen vom Guten abgewichen und gefallen sind, und daß es mir nicht besser gehen würde.

Sondern erlöse uns von dem Übel.

Mir sind hier die Versuchungen noch im Sinn, und daß der Mensch so leicht verführt werden und von der ebnen Bahn abkommen kann. Zugleich denk' ich aber auch an alle Mühe des Lebens, an Schwindsucht und Alter, an Kindesnot, Kaltenbrand und Wahnsinn und das tausendfältige Elend und Herzeleid, das in der Welt ist und die armen Menschen martert und quält, und ist niemand, der helfen kann. Und Du wirst finden, Andres! wenn die Tränen nicht vorher gekommen sind, hier kommen sie gewiß, und man kann sich so herzlich heraussehnen und in sich so betrübt und niedergeschlagen werden, als ob gar keine Hilfe wäre. Denn muß man sich aber wieder Mut machen, die Hand auf den Mund legen und wie im Triumph fortfahren:

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Macht
und die Herrlichkeit in Ewigkeit, Amen.

 

Brief an Andres wegen den Geburtstägen im August 1777

Mein lieber Andres,

Wir haben einen recht lustigen Tag gehabt. Du weißt wohl, ich habe vieles nicht, aber 'n Geburtstag hab' ich doch, und der ist gefeiert worden. Mein Vetter stellte vier Gevattern und Freunden, die alle im August geboren sind, zu Ehren n' Fest an, und da war er so gratiös, meinen Geburtstag mit einzuschließen. »Denn«, sagte er, »Ihr seid doch mein lieber Vetter.« Wir feierten also die fünf Geburtstage. Merk aber, wie wir ihm täten.

Des Morgens vor Sonnenaufgang las ich 'n Kapitel in der Bibel, legte drauf meine rote Weste an, die ich in Japan bei der Audienz anhatte, und sah darin die Sonne aufgehen und weckte denn alle Leut' im Hause. Eine Stunde drauf feuert' ich 'n Pistolenschuß los. Ich habe die Pistole noch von meinen Reisen mitbracht, und sie knallt gut, wenn sie recht geladen ist, diesmal war aber durch 'n Versehn das meiste auf die Pfanne gekommen. Nachdem nun solchermaßen dem Publico war kund getan worden was den Tag werden sollte, waren wir einige Stunden ganz stille, den Effekt davon abzuwarten; doch wuschen wir uns während der Zeit alle im klaren Bach das Gesicht, damit es recht fröhlich aussehe, und gingen 'n kleines am Bach auf und nieder.

Um sieben Uhr ward 'n Signal gegeben, daß das Frühstück parat sei, und wir züngelten 'n wenig, und nach dem Frühstück ging's Glückwünschen an. Die fünf Geburtstagsleute waren H-am -l, -r in W-, -y in -g, -n in -i, und ich. Die beiden letzten, als nämlich -n und ich, waren gegenwärtig, die drei ersten aber nicht. Wir beide empfingen also von der ganzen Gesellschaft einen Glückwunsch und Handschlag; die Abwesenden aber wurden mit Kreide auf dem Tisch gemalt, und 'n jeder von der Gesellschaft machte 'n Strich zu ihren Füßen. Weiter wurden nun allerhand Gespräche von Geburtstagen geführt, und wie Personen bei dieser Gelegenheit in Excessu oder in Defectu pecciren, Geschichten erzählt, Fragen aufgegeben, z. Ex. warum 'n Geburtstag nur alle Jahr einmal kömmt usw.

Um zwölf Uhr ward zur Tafel geblasen, und weil grade keine Trompeten und Pauken zur Hand waren, mußte ich's aufm Triangel tun. Die Tafel war von acht Couverts und drei Gängen. Zuerst Reisbrei in einer großen Schale mitten auf dem Tisch und nach kurzer Weile auch auf acht Teller rund um die Schale; denn kam Butter und Kalbfleisch; und zuletzt Kuchen. Du siehst draus, daß wir hoch schmausten; zugleich kannst Du aber daraus sehen, daß der Luxus seit Abrahams Zeit um ein Drittel gestiegen ist. Mein Vetter spendierte auch einige Flaschen guten Wein, die denn gewaltig wirkten und vor Gesundheiten, die aus dem Munde herauskamen, kaum hineinkommen konnten, und die Pistole brummte immer drein und zerarbeitete sich recht.

Es ist mir lieb, daß Deinem Jost die Knollen am Halse wieder vergangen sind, 's ist im ganzen menschlichen Leben so, Andres. Es werfen sich von Zeit zu Zeit Knollen auf; ich hab' aber bemerkt, daß sie meistens auch wieder vergehen, wenn man nur Geduld hat. Und denn so kommt 'nmal so 'n Geburtstag oder sonst etwas und macht einen auf lange Zeit alle Knollen vergessen.

Nach der Tafel ward von jung und alt eine große Promenade in den Wald vorgenommen. Die Schapoos machten bei der Gelegenheit allerhand Sprünge wie die Ziegenböcke, und die Weibsleute kramten mit Blumen.

Hätt's bald vergessen, Dir zu melden. Ich habe mir seitdem eine Kanone angeschafft, die gar vortreffliche Dienste tut und viel Metall in der Stimme hat. Wenn Du nun Geburtstag, Kindtaufe oder sonst was zu kanonieren hast, lieber Andres, 's sei, was es wolle; so schreib's mir nur, soll so gut besorgt werden, als wenn's meine eigne Sache wäre.

Um fünf Uhr kamen wir wieder zu Hause, und ward gleich Ordre gegeben, daß die Oper angehen sollte. Sie war von meinem Vetter und führte den Titel: Ahasverus und Mardochai. Es war eigentlich eine Wandoper, die so mit einem Stock an der Wand vorgestellt wird, und erhielt allgemeinen Beifall.

Nach der Oper wurden Bäume gepflanzt, damit die Kinder und Kindeskinder sich dabei dieses Tags erinnerten und sich von den vier Gevattern und der Pistole und der Oper Ahasverus und Mardochai erzählten.

Abends war wieder Grand Souper von Kartoffeln und Kaltenhöfer Bier; und damit war's alle, wirst Du denken. Das dacht' ich auch; aber höre weiter. Es hatte schon den ganzen Tag gemunkelt, daß 'n Feuerwerk abgebrannt werden sollte; nun ward es aber hautement deklariert, und die ganze Gesellschaft begab sich in Prozession hinten in meines Vetters Garten neben dem Echafaud, das Feuerwerk anzusehen. Es bestand aus einem Petermännchen von anderthalb Zoll und reüssierte ungemein. Weil so 'n Ding gar zu herrlich anzusehen ist, hab' ich mir von meinem Vetter das Rezept ausgebeten, und will's Dir hier kommunizieren. »Man nimmt 2 Lot Pulver, reibt es klein und tut Brunnenwasser dazu quantum satis; denn wird's 'n Teig, und man formt es entweder kegelförmig wie 'n Kirchturm oder viereckigt wie die Pyramiden in Egypten waren, tut oben darauf einige Körner trockenes Pulver und zündet's an.« Du mußt aber alles Pulver, wenn Du noch welches hast, vorher auf die Seite tun, auch Dich überhaupt mit dem Pulver in Acht nehmen, sonst kannst Du Dir die Nase verbrennen. Um 10 Uhr 8 Minuten ging das Feuerwerk an und währte bis 10 Uhr 8&#8531; Minute. – Du lachst, Andres? Hör, das Groß und Viel tut's nicht immer, und ich schwöre Dir, daß der Groß-Sultan, wenn er an seinem Geburtstag ein Feuerwerk von 20 000 Löwentaler abbrennen läßt, nicht vergnügter sein kann als wir bei dem Petermännchen von anderthalb Zoll waren. Der Mensch ist Gottlob so gebaut, daß er mit anderthalb Zoll recht glücklich sein kann, und wenn das die Leute nur recht wüßten, so würd' 'n groß Teil Ach und Weh weniger in der Welt sein. Da mischen sich aber gleich Eitelkeit und Stolz ein, und die hemmen allen Genuß, und das ist ein großes Unglück.

Um eilf Uhr gingen wir zu Bett und schliefen flugs und fröhlich ein.

Dein etc.

 

Eine Korespondenz zwischen mir und meinem Vetter, angehend die Orthodoxie und Religionsverbesserungen

Hochgelahrter,
Hochzuehrender Herr Vetter!

Ich habe seit einiger Zeit so viel von biblischer und vernünftiger Religion, von orthodoxen und philosophischen Theologen ec. gehört, daß mir alles im Kopf rundum geht und ich nicht mehr weiß, wer Recht und Unrecht hat. Die Religion aus der Vernunft verbessern, kömmt mir freilich eben so vor, als wenn ich die Sonne nach meiner alten hölzernen Hausuhr stellen wollte; aber auf der andern Seite dünkt mir auch die Philosophie 'n gut Ding und vieles wahr, was den Orthodoxen vorgeworfen wird. Der Herr Vetter tut mir einen wahren Gefallen, wenn Er mir die Sach' auseinander setzt. Sonderlich ob die Philosophie ein Besen sei, den Unrat aus dem Tempel auszukehren; und ob ich meinen Hut tiefer vor einem orthodoxen oder philosophischen Herrn Pastor abnehmen muß. Der ich die Ehre habe, mit besonderem Estim zu verharren,

Meines Hochgelahrten
    Hochzuehrenden Herrn Vetters
        gehorsamer Diener und Vetter
            Asmus.

 

Antwort

Lieber Vetter,

Die Philosophie ist gut, und die Leute haben Unrecht, die ihr so gar Hohn sprechen; aber Offenbarung verhält sich nicht zu Philosophie wie viel und wenig, sondern wie Himmel und Erde, Oben und Unten! Ich kann's Ihm nicht besser begreiflich machen als mit der Seekarte, die Er von dem Teich hinter seines sel. Vaters Garten gemacht hatte. Er pflegte gern auf dem Teich zu schiffen, Vetter, und hatte sich deswegen auf seine eigne Hand eine Karte von allen Tiefen und Untiefen des Teichs gemacht, und darnach schiffte er nun herum, und's ging recht gut. Wenn nun aber ein Wirbelwind oder die Königin von Otahite oder eine Wasserhose Ihn mit seinem Kahn und mit seiner Karte aufgenommen und mitten auf dem Ozean wieder niedergesetzt hätte, Vetter, und Er wollte hier nun auch nach seiner Karte schiffen, das ginge nicht. Der Fehler ist nicht an der Karte, für den Teich war sie gut; aber der Teich ist nicht der Ozean, sieht Er. Hier müßte Er sich eine andre Karte machen, die aber freilich ziemlich in Blanko bleiben würde, weil die Sandbänke hier sehr tief liegen. Und, Vetter, schifft hier nur immer grade zu; auf 'n Meerwunder mögt Ihr stoßen, auf den Grund stoßt Ihr nicht.

Hieraus mögt Ihr nun selbst urteilen, wie weit die Philosophie ein Besen sei, die Spinnweben aus dem Tempel auszufegen. Sie kann auf gewisse Weise 'n solcher Besen sein, ja; mögt sie auch einen Hasenfuß nennen, den Staub von den heiligen Statuen damit abzukehren. Wer aber damit an den Statuen selbst bildhauen und schnitzen will, seht, der verlangt mehr von dem Hasenfuß als er kann, und das ist höchst lächerlich und ärgerlich anzusehen. Paulus, der vieles in der Welt versucht hatte, der auch 'n Sadduzäer und Fort Esprit gewesen und hernach eines andern war belehrt worden, bei allem seinen Enthusiasmus für das neue System, doch aber in seinem Brief an die Römer die Dialektik noch so gut treibt und versteht als einer: dieser alte erfahrne Mann sagt und bringt darauf seine alten Tage in viel Arbeit und Fährlichkeit zu und läßt sich fünfmal vierzig Streiche weniger Eins darauf geben, »daß der Friede Gottes höher sei denn alle Vernunft!« – und so 'n Gelbschnabel will raisonnieren.

Daß das Christentum alle Höhen erniedrigen, alle eigne Gestalt und Schöne nicht wie die Tugend mäßigen und ins Gleis bringen, sondern wie die Verwesung gar dahinnehmen soll, auf daß ein Neues daraus werde: das will freilich der Vernunft nicht ein; das soll es aber nicht, wenn's nur wahr ist. Wenn dem Abraham befohlen ward, aus seinem Vaterlande und von seiner Freundschaft und aus seines Vaters Hause auszugehen in ein Land, das ihm erst gezeigt werden sollte; meinst Du nicht, daß sich sein natürlich Gefühl dagegen gesträubt habe, und daß die Vernunft allerhand gegründete Bedenklichkeiten und stattliche Zweifel dagegen hätte vorzubringen gehabt? Abraham aber glaubte aufs Wort und zog aus. Und es ist und war kein anderer Weg; denn aus Haran konnte er das gelobte Land nicht sehen, und Niebuhrs Reisebeschreibung war damals noch nicht heraus. Hätte sich Abraham mit seiner Vernunft in Wortwechsel abgegeben, so wäre er sicherlich in seinem Vaterlande und bei seiner Freundschaft geblieben und hätte sich's wohl sein lassen. Das gelobte Land hätte nichts dabei verloren, aber er wäre nicht hineingekommen. Seht, Vetter, so ist's, und so steht's in der Bibel.

Da also die heiligen Statuen durch die Vernunft nicht wieder hergestellt werden können; so ist's patriotisch in einem hohen Sinn des Worts, die alte Form unverletzt zu erhalten und sich für ein Tüttel des Gesetzes totschlagen zu lassen. Und wenn das ein orthodoxer Herr Pastor heißt; so könnt Ihr für so einen den Hut nicht tief genug abnehmen. Sie heißen aber noch sonst was orthodox.

Nun lebt wohl, lieber Vetter, und wünscht Frieden, laßt Euch übrigens aber den Streit und das Feldgeschrei kein Haar nicht krümmen, und braucht die Religion klüger als sie. – Da steht mir Potiphar's Weib vor Augen! Du kennst doch die Potiphar? Diese sanguinische und rheumatische Person packte den Mantel, und Joseph flohe davon. Über das Point saillant, über den Geist der Religion kann nicht gestritten werden, weil den, nach der Schrift, niemand kennt als der ihn empfähet, und denn nicht mehr Zeit zu zweifeln und zu streiten ist.

In Summa, Vetter, die Wahrheit ist ein Riese, der am Wege liegt und schläft; die vorüber gehen, sehn seine Riesengestalt wohl, aber ihn können sie nicht sehen und legen den Finger ihrer Eitelkeit vergebens an die Nase ihrer Vernunft. Wenn er den Schleier wegtut, wirst Du sein Antlitz sehen. Bis dahin muß unser Trost sein, daß er unter dem Schleier ist, und gehe Du ehrerbietig und mit Zittern vorüber und klügle nicht, lieber Vetter etc.

 

Parentation über Anselmo, gehalten am ersten Weihnachttage

NB. nicht in der Kirche, sondern nur im Zimmer neben dem offenen Sarge, und war niemand da als Andres.

Andres, hier liegt er! Aber er hört und sieht uns nicht mehr. Anselmo ist tot, unser lieber Anselmo! Wie ist Dir zu Mut, Andres?

Er pflegte, wie Du weißt, die Welt 'n Krankenhospital zu nennen, darin die Menschen bis zu ihrer Genesung verpflegt werden. Er ist nun genesen und hat seinen Hospitalkittel ausgezogen. Und wir stehn neben dem Kittel und haben ihn nicht mehr und finden so einen Anselmo nicht wieder.

Wie ist Dir zu Mut, Andres?

Er war so fromm und geduldig, und die Engel haben seine Seele gewiß gerade in Abrahams Schoß getragen.

Sieh her! Er sieht noch aus, als da er lebte, nur hat ihn der Tod blaß gemacht. Der Tod macht blaß, Andres!

Hast Du wohl eher eine Leiche in voller Verwesung gesehen?

So lange noch die Gestalt da ist, dünkt's einen, als wäre der Freund noch nicht ganz verloren. Er wohnt zwar jenseits des Wassers, daß wir nicht zu ihm können; doch wohnt er noch da, und wir können doch seinen Schornstein rauchen sehen. Aber auch das darf nicht so bleiben, eh' es wieder vorwärts gehen kann; das hat Gott so geordnet. Anselmo muß ganz weg aus unsern Augen, muß Asche und Staub werden.

Ich bin so betrübt, Andres. Wollte Dich gerne trösten, aber ich kann nicht. Lehne Dich an die Wand oder in eine Ecke, und weine Dich satt; ich will mich hier hinsetzen und 'n Kopf wider den Sarg stützen – – –

Es ist doch alles eitel und vergänglich, Sorge, Furcht, Hoffnung, und zuletzt der Tod – –

Die Zeit wird kommen, Andres, wo sie uns auch in Leinen wickeln und in einen Sarg legen. Laß uns tun, lieber Junge, was wir denn gerne möchten getan haben, und unser Vertrauen auf Gott setzen!

– Und nun Abschied nehmen, Andres. Wir können ihm doch nichts mehr helfen.

Ich habe hier einen Blumenstrauß, den will ich ihm noch in den Sarg legen; schenk Du ihm Dein kleines Silberkreuz und leg's ihm auf die Brust. Und denn wollen wir beide hintreten und ihn zu guter letzt noch einmal ansehen.

Anselmo! Lieber Anselmo mit Deinen blassen gefaltenen Händen, schlafe wohl! Gott sei mit Dir!! O Du lieber Herzens-Anselmo!!! Gott sei mit Dir!!!!

– Wir werden uns wieder sehen –

Und komm, Andres, und gutes Muts! Mußt nun recht gutes Muts sein. Unser Herr <em>Christus</em> ist auch heute geboren.

 

Neue Erfindung

Hab' eine neue Erfindung gemacht, Andres, und soll Dir hier so warm mitgeteilt werden.

Du weißt, daß in jeder gut eingerichteten Haushaltung kein Festtag ungefeiert gelassen wird, und daß ein Hausvater zulangt, wenn er auf eine gute Art und mit einigem Schein des Rechtes einen neuen an sich bringen kann. So haben wir beide, außer den respektiven Geburts- und Namenstagen, schon verschiedene andre Festtage an unsern Höfen eingeführt, als das Knospenfest, den Widderschein, den Maimorgen, den Grünzüngel, wenn die ersten jungen Erbsen und Bohnen gepflückt und zu Tisch gebracht werden sollen, und so weiter.

Nun ist wohl wahr, daß der Sommer und sonderlich das Frühjahr viel schön sind. Gleich wenn der Winterschnee auftauet und man den bloßen Leib der Erde zum erstenmal wieder sieht, fängt diese Viel-Schönheit an und geht denn immer mit größeren Schritten fort, bis Blumen und Blätter aufgeblühet sind und der Mensch vor dem vollen Frühling steht, wie Gleim's Kind vor einem schönen Blumenkorb. Und gewiß lehret uns der Frühling Gott und seine Güte sonderlich; denn, wie Freund Fritz sagt, was so zu Herzen geht, muß aus irgend einem Herzen kommen. Und also sind die Frühlings- und Sommerfesttage gar sehr am rechten Ort, ich habe nichts dawider. Es ist mir aber doch immer schon vorgekommen, daß im Herbst und Winter auch was zu machen wäre, nur habe ich die Sache noch nie recht ins Klare bringen können.

Gestern aber, wie das mit den Erfindungen ist: man findet sie nicht, sondern sie finden uns, gestern als ich im Garten gehe und an nichts weniger denke, schießen mir mit einmal zwei neue Festtage aufs Herz, der Herbstling und der Eiszäpfel, beide gar erfreulich und nützlich zu feiern.

Der Herbstling ist nur kurz und wird mit Bratäpfeln gefeiert. Nämlich: wenn im Herbst der erste Schnee fällt, und darauf muß genau acht gegeben werden, nimmt man so viel Äpfel, als Kinder und Personen im Hause sind und noch einige darüber, damit, wenn etwa ein Dritter dazu käme, keiner an seiner quota gekürzt werde, tut sie in den Ofen, wartet bis sie gebraten sind, und ißt sie denn.

So simpel das Ding anzusehen ist, so gut nimmt sich's aus, wenn's recht gemacht wird. Daß dabei allerhand vernünftige Diskurse geführt, auch oft in den Ofen hineingeguckt werden muß ec., versteht sich von selbst.

Und so viel vom Herbstling.

Der Eiszäpfel will nun wieder ganz anders traktiert sein und hat seine ganz besondre Nücken. Mancher denkt wohl: wenn er Eiszapfen am Dache sieht, könne er nur gleich anfangen zu feiern; aber weit gefehlt, es wird mehr dazu erfordert. Der Eiszäpfel kann durchaus ohne einen Schneemann nicht gefeiert werden, und dazu muß erst Schnee sein und Tauwetter kommen, daß der Schneemann gemacht werden kann, und wenn er gemacht ist und vor dem Fenster steht, muß es wieder frieren, daß Eiszapfen am Dach werden, einer halben Elle lang, nicht länger und nicht kürzer usw. Das sind die Präliminar-Artikel und die conditio sine qua non.

Was sagst Du nun? Gelte, das ist'n intrikates Fest! Es geht auch mancher Winter darüber hin, ohne daß eins zu stande kommen kann. Wenn nun aber obige Umstände alle eingetreten sind und sonst kein merkliches Hindernis im Wege ist, so kannst Du denn zwischen drei und vier Uhr nachmittags das Fest angehen lassen, das NB. von Anfang bis zu Ende mit trockenem Munde gefeiert wird. Nach vier, wenn's dunkel worden ist, wird eine Laterne in den hohlen Kopf des Schneemannes getan, daß das Licht durch die Augen und den Mund herausscheint – und denn geht groß und klein auf und ab im Zimmer und sieht aus dem Fenster unter den Eiszapfen hin nach dem Schneemann und denkt dabei an einen andern Schneemann, ein jeder, nach dem ihm der Schnabel gewachsen ist, und das ist der höchste Moment der Feier.

Lebe wohl, lieber Andres, und feire fleißig alle Festtage und heilige Abende, bis der rechte heilige Abend anbricht,

den 3. October, 1782.

Dein etc.

 

Ernst und Kurzweil, von meinem Vetter an mich

Ich habe Euch in meiner Antwort unterm 22. ultimi von den »schönen Künsten und Wissenschaften« allbereits gründlichen Bericht getan, wie Ihr Euch noch gütigst besinnen werdet und, wenn Ihr's etwa vergessen habt, an besagtem Ort nachsehen könnet; will aber gerne ferner dienen und wenn's, wie Ihr sagt, die Notdurft erfordert, weitern Bericht tun.

Der Inhalt oder der Sinn meines Vorigen lief darauf hinaus: daß z. E. eine Gluckhenne, die mit ihren Küchlein in ihrer infalt auf dem Hofe herumgeht, wenn der Habicht daher geschnellt kommt, ohne alle Anweisung und ohne die Absicht, sich hören zu lassen, allemal unfehlbar den rechten Schrei tue.

Nun gab es aber unter den Hühnern des Hofes einige ästhetische Kannengießer, die bemerkt haben wollten: daß in solchem Fall eine Henne aus C moll schreie: wenn sie ihre Küchlein unter sich sammeln will, aus A dur; und wenn sie 'n Ei gelegt hat, aus D dur usw.

Diesen schlauen Bemerkungen zufolge operierten sie nun weiter und setzten gewisse Tonarten und Modulationes fest, wie es lauten müsse, wenn's so lassen sollte und die andern Hühner glauben sollten: der Habicht komme, oder eine Henne wolle ihre Küchlein unter sich sammeln, oder es sei ein Ei gelegt worden usw., und das nannten sie die »schönen Künste und Wissenschaften«.

Die Sache fand Beifall und der ganze Hühnerhof studierte die schönen Künste und Wissenschaften und lernte die Modulations.

Da ereignete sich nun aber ein gewisser Kasus vielfältig, den niemand vorhergesehen hatte. Es ereignete sich nämlich der Kasus vielfältig, daß eine Henne aus C moll intonierte, ohne den Habicht zu sehen. Und die Kapaunen und Poularden schrieen und kanterten den ganzen Tag aus A dur und aus D dur. Und das gab viel Verwirrung und ein närrisch Gequiek und Wesen.

Du hast recht, Vetter, es wird in diesen Jahren mit Empfindungen und Rührungen ein Unfug getrieben, daß sich ein ehrlicher Kerl fast schämen muß, gerührt zu sein; indes wirst Du doch Spaß verstehen und den Respekt für Deinen Landesherrn nicht verlieren, weil es auch Pique- und Treffkönige gibt.

Wahre Empfindungen sind eine Gabe Gottes und ein großer Reichtum, Geld und Ehre sind nichts gegen sie; und darum kann's einem leid tun, wenn die Leute sich und andern was weis machen, dem Spinngewebe der Empfindelei nachlaufen und dadurch aller wahren Empfindung den Hals zuschnüren und Tür und Tor verriegeln.

Will Dir also über diese ästhetische Saalbaderei und überhaupt über Ernst und Empfindung und seine Gebärde einigen nähern Bericht und Weisung geben, wenigstens zur Beförderung der ästhetischen Ehrlichkeit, und daß Du auch den Vogel besser kennen mögest; denn so hoch auch die schönen Künste und Wissenschaften getrieben sind, so haben doch Ernst und Kurzweil jedwedes seine eigne Federn.

Meine Weisung ist kurz die: daß Ernst Ernst sei und nicht Kurzweil, und Kurzweil Kurzweil sei und nicht Ernst. Die Sache wird sich aber besser in Exempeln abtun lassen; und zwar will ich die Exempel an Dir statuieren, da Du doch ohne Dein Verschulden bei vielen in dem Verdacht der Poeterei stehest, und sie Dich für einen erzempfindsamen Balg halten sollen.

Zum Exempel also, du führest mit Extrapost durch 'n Dorf oder Flecken, und der Postillon fiele unter die Pferde und bräch 's Bein, wie wir ja auf unsern Reisen den Fall gehabt haben. Nun, so sitz nicht auf dem Wagen und wimmere wie 'n Elendstier, kriege keine Konvulsions, und reiß Dir auch die Haare nicht aus; sondern steige flugs, aber vorsichtig herunter, bringe den Schwager unter den Pferden heraus und siehe, ob das Bein wirklich ab ist. Und wenn es damit seine Richtigkeit hat, so suche den Feldscher im Ort auf, zahl ihm, wenn du willst und kannst, die Taxe für den Beinbruch und noch etwas darüber, daß er's fein säuberlich mache; und komme denn ohne alles Weitere zu Deinem Schwager zurück und blase ihm eins auf seinem Horn vor, bis der Feldscher nachkommt.

 

Eine andre Auflösung
Szene: Ein Hügel in Schlaraffenland

Du stehst da hier auf dem Hügel mit offenem Munde, und es will Dir eine gebratene Taube hineinfliegen, und Du willst das nicht haben.

In solchen Umständen könntest Du nun freilich die Sturmglocke in Schlaraffenland anziehen, daß alle Leute mit Leitern und Ofengabeln kämen und gegen die gebratene Taube aufmarschierten. Du kannst aber viel kürzer dazu kommen. Mach 's Maul zu; so kann sie nicht hinein.

Die alten Lateiner pflegten die Sache so auszudrücken:

Quod fieri potest per pauca,
Non debet fieri per plura.

 

Drittes Exempel
Szene: Der 65ste Grad nördlicher Breite

Die See ist sehr stürmisch, wie Du siehst, und das Schiff linker Hand leidet große Not und will sinken. Du bist mit auf dem andern Schiffe und siehst die armen Nachbarn die Hände ausstrecken und um Hilfe schreien. Bist Du nun ein ästhetischer Seifensieder, so setz dich hin und mache: eine Elegie auf den Untergang des andern Schiffs, samt wie die Leute geschrieen, und was Dein Herz für Mitleid gefühlt habe usw. Ist's Dir aber Ernst mit dem Mitleid, so geh und bitte den Schiffer, daß er das Boot daran wage. Hängt den Poeten am Mast, daß er Euch nicht im Wege sei, wenn Ihr 's Boot aussetzt, und steige flugs und fröhlich mit einigen Matrosen hinein, die armen Leute zu holen.

Der Dir den Mut dazu gab, wird Dich auch glücklich durch Sturm und Wellen hin und her helfen.

 

Viertes Exempel

Stellt das Haus eines berühmten Gelehrten vor, und der bist Du wieder, versteht sich, und die beiden Herren vor der Tür wollen gern die Ehre haben, Dir aufzuwarten.

Unter uns gesagt, 's ist eine Schwachheit von den beiden Herren, daß sie den berühmten Gelehrten sehen wollen; denn was ist an so einem armen Sünder zu sehn? Indes, sie wollen Dich sehen, und Du mußt heraus.

Nun supponiere ich: Du bist demütig oder willst es doch gerne sein. Denn wenn Du ein vorsätzlich eitler aufgeblasener Mensch bist, so kannst Du für Dich bleiben, und ich werde wohl meine Exempel mit Dir nicht verderben. Also Du hast Demut lieb, und es ist die Frage: wie Du Dich zu komportieren habest, wenn's Dein Ernst ist.

So viel begreifst Du vorläufig, daß Du nicht immer stehen und Dir den Bart streichen mußt. Übrigens kommt es mir lustig vor, daß ich Dir vorschreiben soll, wie Du aussehen mußt, wenn die beiden Herren hereintreten; und will ich lieber einen Ausfall tun nach einer andern Seite hin. Sieh, man kann eine Tugend lieben und sie auf gewisse Weise auch haben; aber sie ist noch nicht feuerfest. Unter den und jenen Umständen wankt sie und bröckelt ab, und der Feind guckt durch die Bresche in die Festung. So kannst Du nach unserm Exempel zwischen Deinen vier Wänden und in Deinem Lehnstuhl Demut haben; Du kannst wirklich überzeugt sein: daß dies und das nichtsbedeutende Dinge sind, wovon die Menschen viel Aufhebens machen; daß nur Eins sei, das wahrhaftig lobenswert ist, und daß gerade dabei Menschenlob am leichtesten entbehrt werden kann, usw. Du kannst, sage ich, davon in Deinem Lehnstuhl überzeugt sein und mit Ehren herauskommen. Wenn Dir aber die beiden Herren mit tiefen Verbeugungen erzählen: wie der Schweif Deines Ruhms sich von Zenith bis Nadir erstrecke; wenn sie eine Handvoll Räucherwerk nach der andern vor Dir abbrennen; so kann von dem langen Schweif und dem vielen Rauch Deiner Überzeugung der Kopf schwindlicht werden. In solchem Fall pflegt man nun den ersten den besten Strohhalm von der Erde aufzuheben, um dem Feind eine Diversion zu machen. Wenn Du also merkst, daß Dir Dein Konzept verrückt werden will, so erzähle ihnen geschwind von dem großen Horn, das in der Unstrut gefunden worden, oder von dem großen Banquerot in Bassora und daß die Banquerots gewöhnlich daher kommen, daß mehr ausgegeben als eingenommen wird usw. Du mußt aber, damit keine Schelmerei daraus werde, sobald die beiden Herren weg sind, mit doppeltem Ernst daran gehen, durch neue Verhacke und Pallisaden ähnlichen Unglücksfällen vorzubauen.

Hast Du das alles nicht nötig, desto besser für Dich und auch für die zwei Herren. Denn wahre unverstellte Demut ist sehr lieblich, und wenn sie Dir je in Deinem Leben vorgekommen ist, mußt Du ihre Gebärde noch in frischem Andenken haben.

 

Fünftes Exempel

Ponamus, der da auf der Anhöhe im Morgendämmer bist Du und siehst hinauf ins Meer, und nun steigt die Sonne aus dem Wasser hervor! – Und das rührte Dein Herz, und Du könntest nicht umhin, auf Dein Angesicht niederzufallen; ... so falle hin, mit oder ohne Tränen, und kehre Dich an niemand und schäme Dich nicht. Denn sie ist ein Wunderwerk des Höchsten und ein Bild desjenigen, vor dem Du nicht tief genug niederfallen kannst. Bist Du aber nicht gerührt, und Du mußt drücken, daß eine Träne komme, so spare dein Kunstwasser und laß die Sonne ohne Tränen aufgehen.

 

Sechstes Exempel

Der Kerl da mit der spitzen Nase war vor Jahren Dein Nachbar, hat Dir ohne Deine Schuld alles gebrannte Herzeleid angetan und hat durch Lügen und Trügen Dich um Haus und Hof gebracht. Du hast 'n Haus wieder, er aber hat keins, wie es auch zu gehen pflegt – und nun triffst Du ihn hier in Schnee und Regen auf der Landstraße bettelnd, und sein Weib und seine Kinder liegen halb nacket am Graben.

Kannst Du ihm nicht vergeben und vergessen, nun so reite vorbei und sieh nicht hin. Denkst Du aber in und bei Dir selbst, daß der Beleidiger immer am übelsten daran ist, und daß Du willfährig sein sollst Deinem Widersacher bald, dieweil Du bei ihm auf dem Wege bist; denkst Du, wie viel uns Gott vergeben muß, und Du siehst seine Sonne über Dir und ihm am Himmel stehen, und Dir fährt's durchs Herz; – nun so fas'le auch nicht und mach's ihm nicht sauer. Geh auf ihn zu, gib ihm die Hand und erkundige Dich, wie ihm könne geholfen werden. – Und wenn Du weggehst, decke das Weib und die Kinder mit Deinem Mantel zu.

Nun Vetter, Gott bewahre Dich für einen Nachbar, der Dir so viel Böses tue und Dir so viel Verdruß mache. Aber glaube mir, wenn Du so ohne Mantel weiter reitest; es ist alles reichlich bezahlt, und mancher würde Dich beneiden, wenn er's wüßte, und sich wundern, was in der Großmut stecke. Und doch hat er vielleicht 'n ganzes Alphabet in Prosa und in Versen von der Großmut und Feindesliebe ans Licht gestellt.

Leichtfertige Schriften und die 'n Verderb der Welt sind, geraten gewöhnlich am besten, weil ihre Verfasser diese Empfindungen haben und mit sogenannter Begeisterung schreiben. Wenn sie aber Empfindungen anderer Art schreiben wollen, so will's nicht fort, und sie müssen sich hineinsetzen, wie das genannt wird. Verdirb Du Dir Deine Zeite nicht mit dem hineinsetzen. Wenn ein großer edler Charakter was Liebenswürdiges und Schönes ist, so laß Dir's sauer um ihn werden. Es ist 'n ander Ding: einen zu haben, als: einen aufs Papier und auf dem Theater hinzuklecksen, und wenn Du noch so gut und con amore klecksen kannst.

Quae professio, sagt ein Kirchenvater, multo melior, utilior, gloriosior putanda est, quam illa oratoria, in qua diu versati non ad virtutem, sed plane ad argutam malitiam juvenes erudiebamus.

Ich könnte Dir der Exempel leicht mehr machen, aber Holzschnitte kosten Geld, und Du kannst sie Dir ebenso leicht selbst machen.

Übrigens wirst Du an diesen Ernst- und Kurzweil-Exempeln bemerket haben: erstlich, daß Ernst ganz natürlich sei.

Und so ist es auch. Die wahrsten Empfindungen sind immer die allernatürlichsten, auch in der Religion. Denn es gibt auch in der Religion Kurzweil und Ernst.

Zweitens wirst Du bemerkt haben: daß wahre Empfindung an und in sich selbst genug habe und die Tür ihres Kämmerleins hinter sich zuschließe; daß Kurzweil hingegen nach außen hantiere und Tür und Fenster öffne.

Und so verhält es sich in Wahrheit auch mit den höhern Empfindungen. Und wo so nach Menschenbeifall geangelt wird, da ist's nicht recht rein und richtig.

 

Passe-Temps zwischen mir und meinem Vetter in der Schneiderstunde (twilight)

»Ich wollte, daß der Herr Vetter bei Kasse wäre; ich brauche 'n Gulden Geld.«

»Etwa eine neue Kanone? Oder irgend eine schöne Erzstufe fürs Kabinett?«

»Nein! Ich wollte mir den Kulmus kaufen. Das von der Weisheit geht mir so im Kopf herum und von der Selbsterkenntnis, die dazu führen soll. Vetter, ich will und muß den Menschen, will und muß mich selbst erkennen lernen.«

»Und das denkst Du mit dem Kulmus zu zwingen?«

»Ja, der solls beschrieben und gekonterfeiet haben, wie der Mensch innerlich gestaltet ist.«

»Nun denn, da ist 'n Gulden. Nur sei fleißig und merke wohl! wie der Zwölffingerdarm und die Glans pinealis etc. etc. aussehen; denn Du sollst uns diesen Winter, wenn die langen Abende kommen, ein Collegium anatomicum lesen, und unser Praefector und Kulmus werden.

Aber höre, weil Du's bist, muß ich Dir eins sagen: nämlich, daß der obgedachte Zwölffingerdarm und die Glans pinealis etc. etc., ob sie gleich tief im Abdomine und Cerebro stecken, doch eben so äußerlich sind als Deine Nase.«

»Denn gehen der Darm und die Glans mich auch nichts an.«

»Warum nicht? – Es ist doch nützlich und angenehm, das zu wissen, und wenn Du gleich kein Dokter werden willst.«

»So glaubt der Herr Vetter in Ernst nicht, daß ich beim Kulmus das Innerliche sehen werde?«

»Du mußt's versuchen. Nur wenn Du etwa der Art nichts sehen solltest, daß Du mir nicht kommst und sagest: es sei auch nichts Innerliches! Denn dazu sind mir mein Vetter und mein Gulden zu lieb.

Um Dich indessen vorläufig einigermaßen zu orientieren, so merke wie folget: Was Du mit Deinen zwei Augen sehen willst, das muß auch mit Deinen zwei Augen können gesehen werden: was aber mit Deinen zwei Augen gesehen werden kann, das ist äußerlich; und was äußerlich ist, das ist nicht innerlich.«

»So bin ich unrecht berichtet. Da hat der Herr Vetter den Gulden wieder.«

»Nicht doch, Vetter. Seht's an! Dazu habt Ihr ja Eure zwei Augen, daß Ihr damit ansehet, was Ihr damit sehen könnt. Auch möget Ihr aus dem Äußerlichen des Innerlichen wohl wahrnehmen und vielleicht kluge Vermutungen machen. Ich sage nur davon, daß das Innerliche selbst nicht mit Euren zwei Augen gesehen werden kann, und daß Ihr sie, was das anlangt, sicher zumachen könnet, ohne etwas zu verlieren.«

»Ist der Herr Vetter 'n Freund von Schwärmerei?«

»Bist Du toll?«

»Aber, wo die zwei Augen aufhören, geht da nicht die Schwärmerei an?«

»Da sei Gott für! Das wäre der Wahrheit das Terrain sehr klein zuschneiden oder vielmehr ihr gar keins geben; denn Ihr wißt, daß es Leute gibt, die da sagen: in dem, was vor Augen ist, sei keine Wahrheit!

Nein Vetter, die Schwärmerei fängt da weder an, noch hört sie da auf; denn wenn Löwenhoek oder Linneus Wundertierchen und -würmer sehen, die nicht da sind, so sind sie auch Schwärmer. Nur auf dem andern Gebiet ist die Entscheidung nicht so leicht, weil es da mit dem Augenzeugnis und den Augenzeugen, in deren Mund bekanntlich die Wahrheit besteht, mehr Schwierigkeiten hat. Auch will ich Dir zugeben, daß auf diesem Gebiet kein Mangel an Schwärmerei sei, und daß da vieles für Wahrheit ausgegeben werde, was Schwärmerei ist; und das taugt nicht, Vetter, und soll nicht sein. Aber du kannst auch glauben, daß vieles da für Schwärmerei gehalten wird, das Wahrheit ist; und das taugt noch weniger und ist großer Verlust, nämlich für die, so es für Schwärmerei halten, denn die andern verlieren nichts dabei.«

»Wie weiß ich denn aber, was Wahrheit und was Schwärmerei ist?«

»Hör! Wer Dir darüber 'was Gescheutes sagen soll, der muß klüger sein, als ich bin. Sprechen und schreiben läßt sich viel von Schwärmerei; aber Du weißt, wie das denn so mit dem Sprechen und Schreiben ist.

Das Allgemeine der Sache ist nicht so schwer; und das hab ich Dir schon gesagt und will's Dir der Deutlichkeit wegen noch einmal an einem Exempel vorhalten.

Du liesest Zeitungen, weiß ich, ohne eben ein großer Politikus zu sein. Da wirst Du denn unter andern auch von Deiner Lieblingsfestung Gibraltar gelesen haben, daß sie den vorigen Herbst sehr warm gehalten ward; und daß sie anfing, Mut und Tapferkeit ausgenommen, an allem Mangel zu leiden; endlich, daß Lord Howe den 11ten September mit einer mächtigen Flotte von England absegelte, um dem klugen Gouverneur zu bringen, was er nicht hatte.

Du kannst denken, daß die Soldaten zu Gibraltar, als sie die letzte Tonne Pulver und Zwieback angebrochen hatten, fleißig werden nach dem Westen geguckt haben, und daß ein jeder von ihnen sehr geneigt gewesen ist, eine in der Ferne kreuzende französische oder spanische Fregatte für das erste Schiff von Barringtons Division zu halten.

Wenn nun das der Fall gewesen wäre, oder wenn den 7ten oder 8ten Oktober, als Howe noch auf der Höhe von Lissabon mit den Stürmen kämpfte, ein Soldat zu Gibraltar sich von den Wällen die Augen blind geguckt und sich endlich eingebildet hätte, die hülfreiche Flotte zu sehen?«

»Der wäre ein Schwärmer gewesen.«

»Und wenn dieser Soldat seinen Kameraden alles genau und haarklein beschrieben hätte, Voder- und Hinter-Treffen, Flaggschiffe und Transportschiffe, Kutters und Fregatten etc. etc., und darauf geschworen hätte, daß er das alles wirklich sehe?«

»Wäre ein Schwärmer gewesen.«

»Und wenn er so lange hinaus ins Meer gezeigt und gefingert hätte, daß er sich einen Anhang gemacht, und die nun wie er das alles auch gesehen hätten?«

»Wäre ein Schwärmer gewesen.«

»Und wenn er vor Überzeugung seine Rations und Portions auf drei Tage flugs auf einmal verzehrt und seiner Partei das Nämliche geraten hätte, weil Howe vor der Tür sei und mehr bringe? etc.«

»Wäre ein Schwärmer gewesen.«

»Gut das! Umgekehrt: Howe ist wirklich im Anzuge, und eine Schildwache hat Augen, die eine halbe Meile weiter tragen als die Augen der übrigen Garnison, wie das ja mit den Augen verschieden ist. Und nun soll diese Schildwache die englische Flotte in der halben Meile weiter wirklich daher kommen sehen?«

»Der wäre kein Schwärmer.«

»Und wenn die ganze Garnison und alle berühmte Seher unter ihnen und alle Ingenieurs und Konstabels und die Magazin- und Proviantmeister und der Regimentsfeldscher und der Bibliothekar von Gibraltar und selbst der alte menschlich gesinnte Elliot nichts sahen?«

»Wäre kein Schwärmer.«

»Die Garnison bestand etwa aus vier- bis sechstausend Mann; wenn ihrer hunderttausend gewesen wären, die alle nichts sahen?«

»Wäre kein Schwärmer.«

»Und wenn sie alle über die Schildwache gelacht und demonstriert hätten, daß sie toll und wahnsinnig sei?«

»Wäre kein Schwärmer.«

»Also: nicht der mehr sieht als die andern, sondern der sich mehr einbildet zu sehen, als er wirklich sieht, der ist ein Schwärmer. Und merke noch an diesem Exempel, daß der Ingenieur und Feldscher und Bibliothekar und alle die hunderttausend Lacher auf gewisse Weise bona fide agieren und recht haben können; denn sie sahen wirklich nichts, und so weit ihr Auge reichte, war keine Flotte. Der Fehler ist nur der, daß sie auch über die halbe Meile weiter richten wollten, wo ihre Augen nicht mehr judices competentes waren. Und nun Vetter, ich für meine Person bin nur ein simpler Konstabel und nicht die Schildwache quaestionis; aber ich glaube solche Schildwachen und solche Augen, die weiter und mehr sehen als ich, von ganzem Herzen. Und wer das nicht tut, der muß, dünkt mich, ein ziemliches Pretium Affectionis auf sich und seine Augen setzen, und man kann ihm nicht mit Recht zur Last legen, daß er die schöne Tugend der Demut und Bescheidenheit übertreibe.«

»Alles gut und sehr wahr; aber ich bin doch damit nicht klüger über Weisheit und Selbsterkenntnis.«

»Du hast recht. Aber, was willst Du eigentlich von der Weisheit haben? – Hör Vetter, schütte mir Dein Herz einmal recht aus.«

»Alle Menschen wollen gern glücklich sein, sie mögen in Häusern oder in Hütten wohnen, mögen nacket oder bekleidet einhergehn, vom Raube leben oder das Feld bauen, Baal oder Bel opfern. Nun aber liegt für uns das Land des Friedens und der Glückseligkeit im Verborgenen. Wir ahnden nur und suchen, 'n jeder auf seinem Wege, und gehen irre. Zwar die bessern Menschen werden des Irrtums wohl inne, kehren um und setzen sich reuig auf einen Stein am Wege. Aber was sind sie damit gebessert? Sie wissen wohl, was sie nicht gefunden haben, wo sie das aber finden sollen, wissen sie nicht; und so treiben sie auch auf dem wilden Meer ohne Rat und Ruder, und die Nacht kommt heran. Denn über dem Irren und Fragen und Forschen werden wir immer älter, kömmt uns der Tod immer näher, und man will doch gerne wissen, woran man ist.«

»Du fängst gut an, und wenn Du so fortfährst, werde ich diesmal von Dir zu lernen haben. Wir haben es sonst bisher so gehalten, daß ich von uns beiden der Klügste gewesen bin. Du erwartest also von der Weisheit sichere Auskunft?«

»Und wenn sie die gewährte, Vetter, wie herzlich willkommen würde sie nicht allen Menschen sein! und wie von ihnen umringt werden!«

»Das sollte man freilich denken. Aber es scheint in der Welt kein Mangel an Glückseligkeit zu sein, und die Menschen müssen sie wohl gefunden haben.«

»Ja, Vetter, die armen Menschen! Sie halten diese Welt für das Land des Friedens und der Glückseligkeit und segeln mit dem Strom. Und wer von uns, wenn wir ehrlich sein wollen, kann sich rühmen, daß er sich diesen Weg nicht betören lasse, mehr oder weniger!«

»Und also meinst Du nicht, daß man auf diesem Wege recht sei?«

»Wahrhaftig nicht.«

»Übereile Dich nicht, Vetter; er ist doch sehr natürlich, und Du sagst selbst, daß so viele Leute sich da recht glauben.«

»Wie kann ich mich übereilen? Es besteht ja nicht, und wenn's nichts weiter wäre! Und selbst so lang es währt, scheint's nur, ist aber nicht. Denn man erfülle dem Ehrsüchtigen, dem Geldgeizigen, dem Wollüstling, dem Mann von Eitelkeit etc. etc., man erfülle ihm alle seine Wünsche, und was ist's denn? – Das Auge sieht sich nicht satt, und das Ohr hört sich nicht satt, und ich habe noch keinen dieser Art gesehen, der sich ruhig in die Arme genommen und gesagt hätte: ich habe genug. Alle solch Glück ist mehr mühseliges Hinstreben zum Genießen als wirklicher Genuß, ist keine Flamme, die aus sich selbst brennt, sondern man muß beständig neue Reiser anlegen, neues Öl zugießen, daß sie nicht verlösche, und am Ende verlöscht sie ja doch. Nein, Vetter, es muß für den Menschen eigenes Glück geben! Und was man auswärts erbetteln muß und nicht behalten kann, ist ja nicht eigen.«

»Gib die Hand, Vetter, Du magst wohl nicht unrecht haben! Denn aber ist doch auch ohngefähr abzusehen, wo die Glückseligkeit herkommen muß. Mehr als Leib und Geist haben wir nicht. Wenn sie also in dem, was des Leibes ist, nicht gefunden wird, so bleibt ja nur ein zweites und höchstens ein drittes übrig?«

»Wohl wahr! Aber ich sehe doch da in einen dunkeln Ort.«

»Du glaubst doch, daß wir einen Geist in uns haben?«

»Warum frägt der Herr Vetter das?«

»Weil unsre zwei Augen nicht viel vom Geist sehen, und Du vorhin meintest: wo die zwei Augen aufhörten, gehe die Schwärmerei an.«

»Vetter! wenn ich im Menschen keinen Geist glaubte, so hätt' ich mit dem Menschen nichts zu tun, und ich wollte lieber 'n Esel sein. Denn hätt' ich wohl nicht Freude, aber ich hätte auch kein Leid und keine Unruhe, und ich trüge meinen Mehlsack und käute meine Disteln, bis ich ausgekäuet und ausgetragen hätte.«

»Was hast Du denn für Unruhe und für Leid?«

»Ah, Du weißt ja wohl, wo uns der Schuh drückt; weißt ja wohl, daß ein Janus bifrons in uns ist, ein Kopf mit zwei Gesichtern, die nach verschiedenen Seiten sehen.«

»Fahre fort, Vetter! Was meinst Du?«

»Daß der Mensch keinen Hausfrieden in sich hat, das mein' ich; daß es uns so lieblich dünken kann und uns doch betrügt und hinterher wurmt und graue Haare macht; daß man das Bessere wissen kann und das Unedle tun; daß wir von uns selbst gerissen und gehudelt werden! – Und uns selbst bringen wir allenthalben hin, uns selbst treffen wir überall an.«

»Aber wenn z. E. Konrad I. in seinem Leben von Heinrich dem Sachsen viel Verdruß hat und doch am Ende alle die Seinen vorbeigeht und ihn zu seinem Nachfolger vorschlägt, weil das Reich es bedurfte; wenn Scipio in Feindes Land das junge schöne Mädchen, das ihm seine Soldaten brachten, in sichere Verwahrung nimmt und sie ihren Eltern unschuldig wieder gibt, so sagen doch alle Menschen, daß das edle Handlungen sind, und man bewundert sie.«

»Und das von Rechtswegen. Was bewundert man aber eigentlich? – daß Scipio eingesehen hat: es sei besser, das Mädchen unschuldig zurück zu geben? das sieht ein jeder von uns ein; – daß er den Willen gehabt hat, sie zurück zu geben? auch das nicht, denn das möchten wir gewiß alle gern getan haben; – sondern, daß ers hat tun können. Ein jeder fühlt in sich, was dem Scipio im Wege gewesen, und was Held Scipio überwunden hat.

Wohl ist die Tugend ein Kleinod; und gebe Gott, daß die Menschen das nicht bloß sagten. Sie würden wohl an sich tun! denn wenn der Geist das Feld behält und sein Recht behauptet, das freut Gott und Menschen, und Du kannst denken, daß der, in dem es geschieht, nicht leer dabei ausgehe! Wohl ist die Tugend ein Kleinod für den Menschen; das schönste und köstlichste Kleinod in dieser Welt, womit er sich schmücken, und das einzige, wodurch er sich wirklich groß und bewundernswert machen kann. Wie der Bart das Wahrzeichen des Mannes, so ist sie das Wahrzeichen des Menschen, und wer es nicht an sich hat, der ist unehrlich und ein Leibeigener. Du siehst: wenn Scipio Böses getan hätte: und was die Tugend ist!! Zugleich aber siehst Du auch: was die Menschen sein müssen, wenn die unter ihnen, die sich an der Kette haben, daß sie kein Unglück anrichten, wenn die unter ihnen so groß und bewundernswert sind.«

»Aber die Gelehrsamkeit heißt ja eine Nahrung des Geistes, so mache damit dem unglücklichen Streit ein Ende.«

»Reite mir 'nmal Kurier auf einem gemalten Pferde, und wenn es ohne Fehl gezeichnet wäre; und melke der Herr Vetter 'nmal des Myrons Kuh! – Und bis an Myrons Kuh und die Zeichnung ohne Fehl ist weit hin.«

»Keine Spekulations! Die Erfahrung muß entscheiden. Wenn es nun notorisch wäre, daß die Gelehrsamkeit immer und zu allen Zeiten ihre Verehrer zu guten, friedfertigen, edlen, unverlegenen glücklichen Menschen machte?«

»Sollte mir fürwahr recht lieb sein, auch des Herrn Vetters wegen.«

»Es gibt eine Erkenntnis a priori, Vetter, und eine reine Vernunft, und dadurch ergründen und erweisen doch die Gelehrten viele Dinge?«

»Es mag wohl eine Erkenntnis a priori und eine reine Vernunft geben, Vetter! Wenn aber die Meinungen der Gelehrten über eine und dieselbe Sache so vielfältig verschieden und oft einander grade entgegengesetzt sind, und doch ein jeder die seinige aus der Vernunft beweist und herleitet; –«

»Ja, was willst Du denn?«

»Ich will nichts; aber das Faß schwebt mir vor Augen, daraus der Wirt alle Arten von Wein zapft, die gefordert werden.«

»Ich habe heute keine Lust zu lachen, Vetter. Allerdings ist die Welt der Gelehrsamkeit viel schuldig, und was in ihr nützlich und ausgemacht ist, wer wird das nicht mit Dank annehmen und mit Dank erkennen? wer die Kühnheit und den Scharfsinn vieler Gelehrten und ihren mancherlei unsäglichen Fleiß nicht schätzen und hochachten und sie, als die ein in sich edleres Geschäft treiben, geehrt und reichlich belohnt wünschen? –

Ich sehe in den Zeitungen kein Schiff aus Ostindien zu Cork oder Brest einlaufen, oder ich denke mit Bewunderung an die fünf Finger des Menschen und an seinen Kopf, der auf dem großen wilden Meer Weg und Steg berechnen lehrte; und wenn mein Kalender 'n Durchgang durch die Sonne oder eine Mondfinsternis weissagt auf Tag und Minute, und ich sehe nun auf Tag und Minute den Erdschatten und Stern eintreten, so werf ich den Hut in die Höhe und gebiete allen Leuten im Hause, daß sie Respekt für den Kopf des Menschen haben. Aber ein jedes Ding nach seiner Art – denn so schön z. E. die Sterne auch sind, so denk' ich doch, das Schönste und Beste ist unsichtbar, wo wären sie sonst hergekommen; und da verläßt uns die Gelehrsamkeit! Dazu bleiben wir nicht ewig unter den Sternen, und unser Erdenleben ist nur eine ganz kleine Strecke auf der ganzen Bahn unserer Existenz; und da verläßt uns die Gelehrsamkeit! Und da ist doch der unrechte Ort, verlassen zu werden! So haben auch die guten Gelehrten immer gedacht; und die nicht so denken und sich mehr glauben, als sie sind, die lügen in ihren eigenen Beutel, und davon wird er nicht voll!

Vor einiger Zeit starb mir meine Mutter. Sie hielt vorher viel aus, still und gelassen, wie sie immer war, und konnte nicht leben und nicht sterben. Einige Tage vor ihrem Ende reisten wir alle noch zu ihr und standen da um ihr Bette und sahen sie an, einer so klug wie der andre. Ich wollte mir mein Herz gerne trösten und wollte ihr noch so gerne was zuliebe tun; aber essen und trinken mochte sie nicht mehr, mochte auch sonst nichts mehr. Ich dachte an alle die großen und kleinen Empfindungen der Menschen, davon Du mir gesagt hast: an die Seelenlehre, an Newtons Attraktionssystem, an die Allgemeine Deutsche Bibliothek, an die Genera Plantarum, an den Magister Matheseos, an den Calculum infinitorum, an die grade und schiefe Aszension der Sterne und ihre Parallaxen etc., aber es wollte mir alles nichts verschlagen – und sie lag out of reach! lag am Abhang und sollte hinunter! und ich konnte nicht einmal sehen, wo sie hinfiel. – – Da befahl ich sie Gott und ging hinaus... und machte ein Sterbegebet, daß sie's ihr vorläsen. Es war meine Mutter und hatte mich immer so lieb gehabt, und ich konnte doch nicht anders! –

O Vetter, wenn Dir ein Mensch vorkömmt, der sich so viel dünkt und so groß und breit da steht; wende Dich um und habe Mitleiden mit ihm. Wir sind nicht groß, und unser Glück ist, daß wir an etwas Größeres und Bessers glauben können.«


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