Marcus Tullius Cicero
Vom Schicksal
Marcus Tullius Cicero

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6. Denn, gibt es eine Weissagung, von welchen auf Kunst beruhenden Wahrnehmungen geht sie aus? Wahrnehmungen nenne ich, was Griechisch Theoreme [θεωρήματα] heißt. Denn ich glaube nicht, daß ohne Wahrnehmung irgend eine Klasse von Künstlern ihre Kunst betreibe, oder Die, welche die Weissagung sich angelegen seyn lassen, das Künftige voraussagen. Die Wahrnehmungen der Astrologen nun sind von folgender Art: Wenn Einer, z. B., bei dem Aufgange des Hundssterns geboren ist, Der wird nicht auf dem Meere sterben. Sey wachsam, Chrysippus, damit du nicht deine Streitsache, wegen welcher du mit dem Diodorus,Er hatte den Beinamen Cronus, und muß nicht mit dem Peripatetiker Diodorus verwechselt werden. Er lebte zur Zeit des Ptolemäus Soter. einem gewaltigen Dielektiker, einen harten Kampf hast, ihm gewonnen gibst. Denn wenn wahr ist, was so gefolgert wird: »Wenn Einer bei'm Aufgange des Hundssternes geboren ist, so wird er nicht auf dem Meere sterben;« so ist auch der Satz wahr: »Wenn Fabius bei'm Aufgange des Hundssterns geboren ist, so wird Fabius nicht auf dem Meere sterben.« Es widerstreiten sich also die beiden Sätze: »Fabius ist bei'm Aufgange des Hundssterns geboren,« und: »Fabius wird 992 auf dem Meere sterben;« und weil bei Fabius als gewiß angenommen wird, er sey bei'm Aufgange des Hundssterns geboren, so widerstreiten sich auch die beiden Sätze, daß Fabius (auf der Welt) sey, und daß er auf dem Meere sterben werde. Folglich liegt auch in der Verbindung folgender Sätze ein Widerspruch: »Es gibt einen Fabius,« und »Fabius wird auf dem Meere sterben.« Ein Satz, der, wie er hingestellt ist, unter die Unmöglichkeiten gehört. Es gehört also die Behauptung: »Fabius wird auf dem Meere sterben,« in das Gebiet des Unmöglichen. Folglich ist Alles, was von der Zukunft unwahr behauptet wird, unmöglich.


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