Anton Tschechow
Geschichten in Grau
Anton Tschechow

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Im Alter

Übersetzt von Wladimir Czumikow

Der Architekt Staatsrat Uselkow war in seine Vaterstadt gekommen, wohin man ihn zur Restaurierung der Friedhofskirche berufen hatte. In dieser Stadt war er geboren, hatte dort die Schule besucht und endlich sich verheiratet, aber als er aus dem Waggon gestiegen war, erkannte er die Stadt kaum. Alles hatte sich verändert . . . Vor achtzehn Jahren, als er nach Petersburg übersiedelte, da fingen z. B. auf dem Platz, wo jetzt der Bahnhof steht, die Knaben Hamster; jetzt erhebt sich an der Einfahrt zur Hauptstraße das »Grand-Hotel Vienne«, und früher stand an dieser Stelle ein häßlicher, grauer Zaun. Aber nichts, weder der Zaun noch die Häuser, hatte sich so verändert, als die Menschen. Eine Ausfrage des Hotelkellners belehrte ihn, daß die Hälfte der Menschen, die er gekannt hatte, gestorben, verarmt und vergessen war.

»Erinnerst du dich Uselkows?« fragte er den alten Kellner nach sich selbst. »Uselkows, des Architekten, der sich von seiner Frau scheiden ließ . . . Er hatte noch ein Haus in der Swirejebewstraße . . . Du erinnerst dich doch . . .«

»Nein . . .«

»Ach, wieso denn! Es war doch eine Geschichte, von der alle Droschkenkutscher sprachen. Denk' mal nach! Den Prozeß führte der Anwalt Schapkin, ein Spitzbube . . . ein bekannter Falschspieler, derselbe, der einmal im Klub durchgeprügelt wurde . . .«

»Iwan Nikolajewitsch?«

»Nun natürlich . . .

Lebt er noch? Ist er tot?«

»Der Herr lebt gottlob noch . . . Ist jetzt Notar, hat ein Bureau . . . Führt ein schönes Leben . . . Zwei Häuser in der Kirpitschnajastraße . . . Hat kürzlich seine Tochter verheiratet . . .«

Uselkow ging einigemal im Zimmer auf und ab, überlegte sich's und beschloß aus Langweile, Schapkin aufzusuchen. Es war gegen Mittag, als er das Gasthaus verließ und seine Schritte in die Kirpitschnaja lenkte. Schapkin traf er am Bureau und erkannte ihn kaum. Aus einem schlanken, gewandten Anwalt, mit einer beweglichen, frechen, ewig betrunkenen Physiognomie, hatte Schapkin sich in einen bescheidenen, sllberhaarigen, gebrechlichen Greis verwandelt.

»Sie erkennen mich wohl nicht . . .« begann Uselkow. »Ich bin Ihr ehemaliger Klient, Uselkow . . .«

»Uselkow? Was für ein Uselkow? Ah!«

Schapkin erkannte ihn und war vor Freude ganz hin. Ausrufe, Fragen, Erinnerungen wechselten miteinander.

»Das hätt' ich nie erwartet! Nie geglaubt!« gackerte Schapkin. »Was soll ich Ihnen denn vorsetzen? Wünschen Sie Sekt? Austern vielleicht? Mein Bester, ich habe Ihnen seinerzeit viel Geld abgenommen, daß ich gar nicht weiß, womit ich Sie bewirten soll . . .«

»Bitte, beunruhigen Sie sich nicht,« sagte Uselkow »Ich habe Eile . . . Ich muß gleich auf den Friedhof fahren, um die Kirche in Augenschein zu nehmen . . . Ich habe einen Auftrag erhalten . . .«

»Vorzüglich. Wir frühstücken, trinken ein Schnäpschen und fahren dann zusammen! Ich habe vortreffliche Pferde! Ich werde Sie hinbringen und mit dem Vorsteher bekannt machen . . . Ich werde Ihnen schon alles einrichten . . . Aber was haben Sie denn, mein Lieber, es ist, als ob Sie mir aus dem Wege gingen, mich fürchteten? Setzen Sie sich doch näher! Jetzt braucht man nicht mehr zu fürchten . . . Hehe . . . Früher, da war ich wirklich ein fixer Junge, ein Teufelskerl . . . niemand durfte mir zu nahe treten . . . Jetzt aber . . . jetzt bin ich ein stiller Mann; bin alt geworden, hab' Familie, Kinder . . . Zum Sterben ist's auch bald Zeit!«

Nachdem die Freunde gefrühstückt hatten, fuhren sie im zweispännigen Schlitten hinaus auf den Friedhof.

»Ja, das war damals eine Zeit!« frischte Schapkin, sich zurecht setzend, seine Erinnerungen auf. »Man glaubt's kaum, wenn man dran denkt. Erinnern Sie sich noch, wie Sie sich von Ihrer Frau Gemahlin scheiden ließen? Es sind jetzt schon fast zwanzig Jahre her, und Sie haben wohl alles vergessen, ich weiß aber noch das Kleinste so genau, als hätte ich Sie gestern geschieden . . . Herr, du mein Gott, was hab' ich mir damals das Blut verdorben! Ein gewandter Kerl war ich, ein Kasuist, wie ein Haken, ein verzweifeltes Subjekt . . . Ich guckte mir die Augen aus nach irgend so einem verzwickten Prozeß, besonders wo es ein gutes Honorar gab, wie z. B. in Ihrer Sache . . . Was zahlten Sie mir doch damals? Fünf- bis sechstausend! Wie soll man sich da schonen? Sie fuhren damals nach Petersburg und überließen mir die ganze Sache: mach' wie du's weißt. Ihre selige Frau Gemahlin aber, Ssofja Michailowna, war, wenn auch aus einer Kaufmannsfamilie, doch stolz und voll Selbstbewußtsein. Sie zu bestechen, daß sie die Schuld auf sich nahm, war schwer . . . furchtbar schwer! Manchmal, wenn ich zu ihr zur Besprechung hinging, schrie sie, wenn sie mich erblickte, zur Kammerjungfer: ›Mascha, ich habe dir doch befohlen, diesen Schuft nicht zu empfangen!‹ Ich versuchte es so und so, auf jede Weise . . . schrieb ihr Briefe, suchte sie wie zufällig zu treffen – alles vergeblich! Es war nicht anders möglich, als durch eine dritte Person zu unterhandeln . . . Lange habe ich mich mit ihr herumgeplagt, und nur als Sie sich bereit erklärten, ihr zehntausend Rubel zu geben, ergab sie sich . . . Zehntausend – da konnte sie nicht widerstehen . . . Sie brach in Tränen aus, spuckte mir ins Gesicht, aber ging doch darauf ein und nahm die Schuld auf sich!«

»Sie bekam, glaub' ich, von mir nicht zehn, sondern fünfzehntausend!« murmelte Uselkow.

»Ja, ja . . . fünfzehn, ich hab' mich versprochen!« antwortete Schapkin verwirrt. »Uebrigens ist es ja vorjähriger Schnee, was soll man da die Sünde hehlen. Ihr gab ich zehntausend und die übrigen fünf grapste ich mir . . . Sie beide hab' ich betrogen . . . 's ist ja verjährt, was braucht man sich da zu schämen . . . Und von wem sollte ich schließlich denn auch nehmen, Boris Petrowitsch, wenn nicht von Ihnen, urteilen Sie selbst! . . . Sie waren ein reicher, satter Mensch . . . Vor Sättigkeit heirateten Sie, vor Sättigkeit ließen Sie sich scheiden . . . Ihre Einnahmen waren ja kolossal . . . Ich erinnere mich, bei einem Unternehmen steckten Sie zwanzigtausend ein . . . Von wem sollte man es also nehmen, wenn nicht von Ihnen? Aufrichtig gesagt, quälte einen auch der Neid . . . Kriegten Sie mal einen fetten Bissen, so gab's hernach Ehren und Hochachtung, mich aber prügelte man für ein paar Rubel und gab mir im Klub Ohrfeigen . . . Was soll man es übrigens auffrischen! Es wird Zeit, das zu vergessen . . .«

»Sagen Sie, bitte, wie lebte denn Ssofja Michailowna hernach?«

»Mit den zehntausend? Schwachissime . . . Gott weiß, ob sie toll wurde, oder ob sie der Stolz und das Gewissen zu quälen begannen, daß sie sich für das Geld verkauft hatte, oder ob sie Sie geliebt hat – aber sie fing an zu trinken . . . Kaum hatte sie das Geld erhalten, als sie auf Troikas mit Offizieren herumzufahren begann . . . Trinkgelage, Orgien, Liederlichkeit . . . Und wenn sie so mit den Offizieren im Restaurant saß, trank sie nicht etwa was Leichtes, wie Portwein oder so, sondern Kognak, daß es gleich brannte und berauschte.«

»Ja, sie war sehr exzentrisch . . . Ich habe daran genug zu leiden gehabt . . . Wenn sie sich mal gekränkt fühlte und mit ihren Nerven anfing . . . Und was wurde denn dann?«

»Es verging eine Woche, die andere . . . Ich saß zu Hause und schrieb gerade etwas . . . Plötzlich öffnete sich die Tür und herein kommt sie . . . betrunken . . . ›Nehmen Sie‹, sagt sie, ›Ihr verruchtes Geld zurück!‹ und wirft mir damit das Päckchen ins Gesicht. Konnte es also nicht aushalten! Ich nahm das Geld auf, zählte es . . . Fünfhundert fehlten . . . Mehr als das hatte sie noch nicht durchbringen können . . .«

»Was taten Sie denn mit dem Gelde?«

»Na, 's ist ja verjährt . . . was braucht man's zu verheimlichen . . . Natürlich behielt ich's! Was sehen Sie mich so an? Warten Sie was weiter kommt . . . Ein ganzer Roman, Psychiatrie! So ungefähr zwei Monate später komm' ich mal nachts nach Hause, betrunken, scheußlich . . . Ich zünde das Licht an und sehe, bei mir auf dem Sofa sitzt Ssofja Michailowna, auch betrunken, zerzaust, wild, wie aus dem Irrenhaus entsprungen . . . ›Geben Sie‹, sagt sie, ›mir mein Geld zurück, ich hab' mich bedacht. Soll man schon sinken, dann wenigstens mit Wucht, wenn schon, denn schon! Rühren Sie sich, Sie Schuft, das Geld her!‹ Schrecklich!«

»Und Sie . . . gaben es?«

»Ja, zehn Rubel glaub' ich . . .«

»Ah, wie kann man nur?« rief voll Entsetzen und Ekel Uselkow. – »Wenn Sie selbst nicht konnten oder wollten, hätten Sie doch wenigstens mir geschrieben . . . Und ich hab' es nicht gewußt? Ah, nicht gewußt!«

»Ja, mein Lieber, zu was sollte ich Ihnen denn schreiben, wenn sie Ihnen selbst schrieb, später, als sie im Hospital lag?«

»Uebrigens war ich damals so sehr mit meiner neuen Ehe beschäftigt, so berauscht, hatte was anderes als Briefe im Kopf . . . Aber Sie, ein fremder Mensch, konnten Ssofja gegenüber keine Antipathie empfinden . . . warum reichten Sie ihr nicht die Hand?«

»Mit der jetzigen Elle dürfen wir nicht messen, Boris Petrowitsch . . . Jetzt denken wir so, und damals dachten wir ganz anders . . . Jetzt hätte ich ihr vielleicht tausend Rubel gegeben, damals gab ich aber auch die zehn . . . nicht umsonst . . . Eine häßliche Geschichte . . . Man muß sie vergessen . . . Da sind wir ja schon . . .«

Der Schlitten hielt am Friedhofstor. Uselkow und Schapkin stiegen aus, gingen durchs Tor hinein und schritten eine lange breite Allee entlang . . . Die nackten Akazien und Kirschenbäume, die grauen Kreuze und Grabsteine glänzten in silbernen Reifgewand. Aus jeder Schneeflocke strahlte ihnen der sonnige Tag entgegen . . . Es duftete wie auf allen russischen Kirchhöfen: nach Weihrauch und frischgegrabener Erde . . .

»Einen netten Friedhof haben wir!« sagte Uselkow. »Wie ein Garten!«

»Ja, nur schade, daß die Diebe die Grabdenkmäler wegstehlen . . . Sehen Sie dort unter jenem Eisenkranz, rechts ist Ssofja Michailowna beerdigt! Wollen Sie hingehen?«

Die Freunde bogen rechts ein und schritten durch den tiefen Schnee auf das Grabmal zu.

»Hier . . .« sagte Schapkin, einen kleinen Leichenstein aus weißem Marmor bezeichnend . . . »Irgendein Fähnrich hat ihn auf ihr Grab gesetzt . . .«

Uselkow nahm langsam seine Mütze ab und zeigte der Sonne seine Glatze. Ihm nach nahm auch Schapkin die Mütze ab, und eine zweite Glatze erglänzte in der Sonne. Ringsum eine Grabesstille, als wäre auch die Luft tot . . . Die Freunde starrten das Denkmal an und schwiegen, in Gedanken versunken.

»Ja,« unterbrach Schapkin das Schweigen, »so schläft sie nun, – und was kümmert's Sie jetzt, daß sie die Schuld auf sich genommen hat und Kognak getrunken hat. Gestehen Sie, Boris Petrowitsch!«

»Was denn?« fragte finster Uselkow.

»Das . . . wie schlimm auch die Vergangenheit ist, ist sie immer besser, als dieses hier . . .«

Und Schapkin wies auf sein Greisenhaar.

»Früher, wer dachte da an die Todesstunde? Vor nichts hatte man Angst – vor dem Tode am wenigsten . . . Und jetzt . . . na, lassen wir's!«

Uselkow wurde traurig. Er wollte weinen, so leidenschaftlich, wie er einst lieben wollte . . . Und er fühlte, daß für ihn das Weinen gut und erfrischend gewesen wäre . . . Die Augen waren ihm feucht, und im Halse zog es sich schon zusammen, aber . . . nebenan stand Schapkin, und Uselkow schämte sich, einen Zeugen seiner Kleinmütigkeit zu haben. Er kehrte sich hastig um und schritt auf die Kirche zu.

Erst zwei Stunden später, nachdem er mit dem Vorsteher sich auseinandergesetzt hatte, benutzte er die Gelegenheit, daß Schapkin sich in ein Gesprach mit dem Geistlichen vertiefte, und lief hin, um zu weinen . . . Er stahl sich heimlich wie ein Dieb, immerfort umsehend, an das Grabmal heran. Melancholisch und trübe blickte auf ihn der kleine, weiße Leichenstein, und so unschuldsvoll, als wenn unter ihm ein kleines Mädchen und nicht eine liederliche, geschiedene Frau begraben wäre . . .

– Nur weinen, weinen! dachte Uselkow.

Aber der Moment dazu war verschwunden. Wie auch der Alte mit den Augen zwinkerte, wie sehr er sich auch auf Moll zu stimmen suchte, aber die Tränen wollten nicht rinnen, und die Kehle schnürte sich nicht mehr zusammen . . . Nachdem Uselkow ungefähr zehn Minuten so dagestanden hatte, raffte er sich auf und ging, um Schapkin aufzusuchen.


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