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Goethe und die mathematische Physik

Eine erkenntnistheoretische Betrachtung

I

In Goethes Leben und im Aufbau seiner theoretischen Weltansicht bildet sein Verhältnis zur Mathematik und zur mathematischen Naturwissenschaft den tragischen Einschlag. Er, der Allumfassende, war hier an eine Grenze seines Verstehens und seines Könnens gelangt; er, der sein ganzes Leben lang einen so entschiedenen Widerwillen gegen alles bloß Negative empfunden hatte, sah sich hier, je weiter er schritt, um so mehr in eine lediglich verneinende und schroff ablehnende Haltung gedrängt. Ein großes geistiges Ganze, ein Gedankenreich von ursprünglicher Kraft und Tiefe schien sich ihm damit für immer zu verschließen. Um das theoretische Verständnis der Natur hatte er seit den ersten Weimarer Jahren in immer erneuten Bemühungen gerungen und mit immer tieferer Freude empfand er, wie lesbar ihm das Buch der Natur wurde. Durch seine Methodik der vergleichenden Anatomie und durch die Idee der Pflanzenmetamorphose war es ihm hell und licht über alles Lebendige geworden. Und nun schien gegen Ende seines Lebens auf dem Gebiet der beschreibenden Naturwissenschaft und der Biologie auch die Zustimmung der berufenen empirischen Forscher sich ihm mit aller Entschiedenheit zuzuneigen. Geoffroy de St. Hilaire fand im Jahre 1831 an Goethes Schrift über die Metamorphose der Pflanzen nur einen Irrtum zu tadeln, der aber nur dem Genie begegnen könne: den Irrtum, daß er seine Zeit für reif gehalten habe, diese Schrift, die der Entwicklung der Wissenschaft um fünf Jahrzehnte vorausgriff, aufzunehmen und zu würdigen. Mit der exakten mathematischen Physik war indessen für Goethe an keine Versöhnung, war kaum an ein Verhältnis bloß äußerlicher Duldung zu denken. Und doch war es diese Betrachtungsweise, die seit dem 17. und 18. Jahrhundert für sich den Begriff und die Würde der Wissenschaft fast ausschließlich in Anspruch nahm. Immer wieder sah sich Goethe jetzt auf seinem »Naturwege«, den er als Künstler und Forscher ging, der »Universal-Gilde« der Mathematiker gegenüber, die ihm seine individuelle Anschauung zu verkümmern und streitig zu machen suchte. Der Dualismus von Erkennen und Leben, den er aus dem Grunde seines Einheitsgefühls beständig bekämpft hatte und den er überwunden zu haben glaubte, war damit von neuem vor ihm aufgerichtet. Ein abstraktes Wissen war vor ihn hingestellt, zu dem ihm der für ihn einzig mögliche Zugang zu aller Wahrheit: der Weg durch die Tat und durch die produktive Schöpferkraft versagt war. So antwortete er denn auf die Forderungen, die von hier aus an ihn gestellt wurden, zunächst mit einer heftigen subjektiven Abwehr seiner gesamten Persönlichkeit. Er flüchtete sich vor der Mathematik in jenes höhere Gebiet, das »allen angehört« und in das sie mit all ihrer Exaktheit nicht hinaufreicht: in die Region von »Idee und Liebe.« Es ist bezeichnenderweise dieses allgemeine geistig-ethische Motiv, das er ihr in erster Linie entgegensetzt. »Die Mathematik vermag kein Vorurteil wegzuheben, sie kann den Eigensinn nicht lindern, den Parteigeist nicht beschwichtigen, nichts von allem Sittlichen vermag sie.« Maximen und Reflexionen, nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs herausg. von Max Hecker, Weimar 1907, Nr. 608.

So greift der Gegensatz zwischen Goethe und der Mathematik von Anfang an über allen wissenschaftlichen und methodologischen Einzelstreit hinaus und weist in die Sphäre der letzten geistigen Grundentscheidungen zurück. Wird er indessen in diesem Sinne genommen, so kann ihm keine bloß geschichtliche Betrachtung und Beurteilung mehr genügen. Der persönliche Konflikt wandelt sich zu einem schlechthin allgemeinen – das biographische Problem wird zu einem systematischen Problem. Es ist die Wendung, zu der man sich bei Goethe zuletzt immer wieder zurückgeführt sieht. Er selber statuierte – wie er einmal zu Kanzler v. Müller gesagt hat – »keine Erinnerung«: er ließ kein Vergangenes zu, das man lediglich beschauen oder zurücksehnen dürfte, sondern nur ein ewig Neues, das sich aus den erweiterten Elementen des Vergangenen gestaltet. So werden ihm gegenüber auch für uns, auch für die bloß rückschauende Betrachtung, alle Vergangenheitsfragen notwendig wieder zu unmittelbaren Gegenwartsfragen. Zu einer solchen Gegenwartsfrage müssen wir uns auch die Frage nach dem Verhältnis Goethes zur Mathematik und mathematischen Physik gestalten, wenn wir sie in seinem Sinne empfinden und stellen wollen. Was ihre rein geschichtliche Seite betrifft, nach welcher es sich lediglich um Goethes individuelle Grundansicht und um ihre Beziehungen zu der besonderen historischen Problemlage der Zeit handelt, so darf sie durch die gemeinsamen Bemühungen der Goethe-Forschung und der Geschichte der exakten Wissenschaft fast als erledigt gelten. Mit Sorgfalt und Gründlichkeit haben namhafte Forscher das Ganze von Goethes naturwissenschaftlicher Arbeit und ihr Verhältnis zur gleichzeitigen Wissenschaft untersucht und dargestellt. Wir überblicken heute fast lückenlos den Weg, auf dem Goethe in Beobachtung und Reflexion zu seinen einzelnen Ergebnissen gelangt ist; wir sehen nicht nur, wie sich seine Überzeugungen gebildet haben, sondern wir können an der Hand der einzelnen Experimente verfolgen, wie sie sich auf Grund seiner allgemeinen Voraussetzungen fast notwendig in ihm bilden mußten. Was Magnus in dieser Hinsicht für die Farbenlehre, – was Hansen für die Lehre von der Pflanzenmetamorphose geleistet hat, wird auf lange Zeit hinaus kaum zu übertreffen sein. Aber je genauer wir damit die Akten des großen Prozesses überblicken – um so mehr muß sich zugleich die Überzeugung aufdrängen, daß in sachlicher Hinsicht das Urteil über ihn noch immer nicht endgültig gefällt ist. Das letzte Wort in der prinzipiellen Entscheidung der Frage ist – wie man immer bestimmter gewahr wird – einstweilen noch nicht gesprochen. Kann die moderne Philosophie und Erkenntnistheorie es überhaupt sprechen – und auf welche Seite wird sie sich neigen? Wird sie das Verdikt, das die zeitgenössische Wissenschaft über Goethe gefällt hat, im allgemeinen bestätigen – oder wird sie sich für Goethe und gegen die »flach-mechanische« Ansicht der Naturwissenschaft seiner Zeit erklären? An Versuchen in dieser letzteren Richtung hat es nicht gefehlt; aber man muß freilich bekennen, daß man damit meist nur zu einer karikierenden Übertreibung der Goetheschen Ansicht, nicht aber zu ihrer zentralen methodischen Begründung und Rechtfertigung gelangt ist. Immer bestimmter scheint sich daher zu ergeben, daß hier ein bloßes Entweder-Oder nicht auslangt. Ehe die Lösung des Konflikts gesucht wird, scheint vielmehr die Fragestellung selbst einer Umformung und einer Klärung zu bedürfen. Auf eine solche Klärung sind die folgenden Betrachtungen gerichtet. Sie wollen nicht literar- und wissenschaftsgeschichtlicher, sondern lediglich methodischer Natur sein; sie wollen das Problem aus allen seinen zufälligen Einzelbedingungen herauslösen und es nach seinem bleibenden Sachgehalt zu erfassen suchen. Damit rückt es seiner allgemeinen intellektuellen Bedeutung nach unmittelbar an unsere eigene philosophische Gegenwart heran, aber noch darüber hinaus enthüllt sich jetzt in ihm immer schärfer und genauer eine Zukunftsaufgabe der Philosophie und der Erkenntniskritik. Faßt man den Konflikt zwischen Goethe und der mathematischen Physik in dieser Weise, nicht als ein zeitlich begrenztes, sondern als ein fortwirkendes Problem, so tritt erst hierin seine tiefere »Wahrheit« hervor: – im Sinne des Goetheschen Wortes, daß, was fruchtbar ist, allein wahr sei.

Aber mit dieser Auffassung verschieben sich nun zugleich die Grenzen der Frage. Denn jetzt genügt es nicht, Goethe vom Standpunkt seiner eigenen Epoche aus zu sehen und ihn mit dem Maße dieser Epoche zu messen. Soll die Vergleichung in wahrhaft systematischem Sinne erfolgen, so können wir der Goetheschen Ansicht nicht eine einzelne geschichtliche Phase der mathematischen Naturwissenschaft, sondern wir müssen ihr das ideelle Ganze dieser Wissenschaft und ihren reinen methodischen Begriff, soweit er für uns in ihrer geschichtlichen Entwicklung faßbar ist, gegenüberstellen. Eben dieser Begriff aber ist es, der in dem Jahrhundert nach Goethes Tode die tiefsten Wandlungen erfahren hat. Denn ganz abgesehen von der fundamentalen Umgestaltung, die die Physik rein inhaltlich erfahren hat, hat auch in diesem Zeitraum eine neue erkenntniskritische Bestimmung ihrer allgemeinen Form und ihres wissenschaftlichen Verfahrens eingesetzt. Die Physik, der sich Goethe gegenübersah, stand ganz unter dem Eindruck und unter der Herrschaft von Newtons grundlegendem Werk. Die »Leges motus«, die Newton in den »Philosophiae naturalis principia mathematica« aufgestellt hatte, waren gleichsam die Staatsgrundgesetze der Wissenschaft überhaupt. Selbst Kant ließ, als er an die transzendentale Kritik der Erkenntnis heranging, den Inhalt dieser Gesetze unangetastet. Sie waren ihm das »Faktum«, für welches seine kritische Analyse die »Bedingungen der Möglichkeit« ermitteln sollte. Aber gerade die Kantische Lehre wurde nunmehr zum Ausgangspunkt einer neuen Fragestellung, die nicht auf die Philosophie beschränkt blieb, sondern bis tief in das Gebiet der physikalischen Forschung selbst eingriff. Raum und Zeit, Materie und Bewegung, die für Newton die festen Ausgangspunkte der Betrachtung gebildet hatten, wandelten sich jetzt aus sicheren Fundamenten der Physik allmählich in Probleme, die mit jedem Fortschritt und jeder Umgestaltung der physikalischen Forschung ein neues Ansehen erhielten. Die moderne Entwicklung der Relativitätstheorie ist für diese Wendung bezeichnend. Damit aber war das starre Gefüge der Newtonischen Wissenschaft gelockert – war der Dogmatismus des Newtonischen Systems, über den Goethe so oft geklagt hatte, ein für allemal gebrochen. Welche Bedeutung hat diese Umformung für das Verhältnis, das zwischen der Goetheschen Naturansicht und der der exakten Physik besteht? Ist durch sie ein Ausgleich und eine Versöhnung zwischen beiden angebahnt – oder hat sich die Kluft zwischen beiden dadurch nur noch mehr erweitert? Beruht, mit anderen Worten, der Gegensatz auf einzelnen, geschichtlich-wandelbaren Momenten oder ist er in der logischen Struktur der Physik selbst gegründet, so daß die fortschreitende Entwicklung ihres Inhalts und ihrer Methodik ihn nur um so deutlicher an den Tag bringen muß? Alle diese Fragen greifen über das besondere Interesse, das wir an den Einzelergebnissen der Goetheschen Naturbetrachtung nehmen, weit hinaus und führen uns auf Probleme, die ihren allgemeinen Ausdruck lediglich in einer umfassenden Theorie der Erkenntnis finden können.

Und man darf sich nicht scheuen, solche erkenntnistheoretischen Gesichtspunkte auf den »Dichter« Goethe anzuwenden. Goethe selbst war freilich weit entfernt, seine Betrachtungsweise auf ein abstrakt-philosophisches System zu beziehen und sie diesem System einzugliedern: ja er hat es als eine der wesentlichen Vorbedingungen für seine Produktivität bezeichnet, daß er niemals »über das Denken gedacht« habe. Aber so wenig er ein Denken gelten ließ, das sich vom Vollbringen und Tun völlig ablöste, so sehr trieb es ihn andererseits, sich über die Eigenart und die Richtung seines Tuns vor sich selbst Rechenschaft zu geben. Mit geschärftem Sinn, in methodischer Klarheit und Helle richtete er sich nicht nur auf den Gegenstand, sondern auch auf das geistige Organ, mit welchem er ihn erfaßte. Er übte und empfahl diese Aufmerksamkeit, um die geistige Aktivität bildsam und rege zu erhalten – um verschiedenen gegenständlichen Forderungen mit verschiedenen und auf mannigfache Weise vorbereiteten Organen entgegenkommen und antworten zu können. So befaßte er in seine Art des Anschauens nicht nur das Objekt selbst, sondern auch die »Weise des Sehens«, in der der Mensch Kunde vom Objekt erhält; und nur darauf drang er, daß beides nicht auseinandergerissen würde: daß in ein und demselben unteilbaren Grundakt »Natur« und »Geist« sich mit einander verknüpften und sich einander gegenüberstellten. Was andererseits die Erkenntnistheorie und ihre Systematik betrifft, so wäre es durchaus verfehlt, wenn sie sich, in einer falsch verstandenen »wissenschaftlichen« Abschließung, gegen die Probleme, die sich ihr hier darbieten, sträuben, oder wenn sie die Betrachtung dieser Probleme ausschließlich der Ästhetik oder Literaturgeschichte zuweisen wollte. Eine solche schematische Abgrenzung würde sie um einen Teil ihrer fruchtbarsten konkreten Aufgaben bringen. Denn die Grundfragen des Erkennens grenzen, wenn sie in ihrer wahrhaften Konkretion und Lebendigkeit gefaßt werden, überall nahe an jene allgemeinsten geistigen Probleme, deren letzte große geschichtliche Verkörperung sich uns in Goethe darstellt. »Um sich aus der grenzenlosen Vielfachheit, Zerstückelung und Verwickelung der modernen Naturlehre wieder ins Einfache zu retten« – so hat Goethe einmal gesagt – »muß man sich immer die Frage vorlegen: »Wie würde sich Platon gegen die Natur, wie sie uns jetzt in ihrer größeren Mannigfaltigkeit, bei aller gründlicher Einheit, erscheinen mag, benommen haben Maximen und Reflexionen Nr. 664.?« Das Gefühl, das Goethe hier gegen Platon äußert, empfinden wir heute vielfach ihm selbst gegenüber: nur daß wir an Stelle der Natur die Mannigfaltigkeit und Verwicklung der geistigen Interessen der Gegenwart setzen würden. In dieser Mannigfaltigkeit bleibt er für uns ein fester Einheitspunkt: ein Zentrum, an dem wir uns immer wieder zu orientieren suchen. Auch die folgenden Betrachtungen nehmen Goethes Grundansicht in diesem Sinne. Aber sie wollen sie nicht dogmatisch in ihren Ergebnissen, sondern kritisch in ihren Fragestellungen als Richtpunkt benutzen, so daß es nicht sowohl ihre Resultate, als vielmehr ihre Forderungen sind, in denen wir ihre fortwirkende gedankliche Kraft zu erkennen glauben.

II

Auch in den Zeiten der heftigsten Gegnerschaft gegen Newton ist Goethe bemüht geblieben, wenigstens die reine Mathematik, die unbekümmert um alle Anwendung auf die Natur ihren eigenen Weg geht, vom Kampfe fernzuhalten und sie von dem allgemeinen Verwerfungsurteil auszunehmen. Er blieb auch ihr persönlich fern; aber er verehrte nichtsdestoweniger in ihr eine geistige Macht, der er sich willig unterwarf. Das Wort Schopenhauers, das in seinem Sinne gesprochen sein sollte, daß jedes wahre Genie seiner Natur nach eine Abneigung gegen Mathematik empfinde, hätte Goethe sich nicht zu eigen gemacht. Vielmehr glaubte er, daß die intellektuelle Würde und Bedeutung der Mathematik nur gewinnen könne, wenn sie sich streng innerhalb ihrer eigenen Grenzen hielte und sich in ihnen befestigte und ausbaute, ohne vorschnell auf die Probleme der Natur überzugreifen. Das war die strenge methodische Scheidung, die ihm als Postulat vorschwebte. »Als getrennt muß sich darstellen: Physik von Mathematik. Jene muß in einer entschiedenen Unabhängigkeit bestehen und mit allen liebenden, verehrenden frommen Kräften in die Natur und das heilige Leben derselben einzudringen suchen, ganz unbekümmert, was die Mathematik von ihrer Seite leistet und tut. Diese muß sich dagegen unabhängig von allem Äußern erklären, ihren eigenen großen Geistesgang gehen und sich selber reiner ausbilden, als es geschehen kann, wenn sie wie bisher sich mit dem Vorhandenen abgibt und diesem etwas abzugewinnen oder anzupassen trachtet Maximen 573..« So wird die Natur, bei aller Tiefe ihres für den bloßen Begriff unerreichbaren Gehalts, auf der anderen Seite der ideellen Freiheit der Mathematik gegenüber, doch fast als die bloße Schranke des »Vorhandenen« gedacht, an die sich der Gedanke nicht binden darf. Die Kraft der Mathematik, ja ihr eigentlicher Sinn besteht eben darin, daß sie in ihren Grundelementen und Grundbegriffen nicht auf natürliche Vorbilder hingewiesen ist, sondern, daß sie diese Elemente in reiner geistiger Selbständigkeit erschafft. Der ideelle Entwurf geht hier aller Betrachtung des Wirklichen und aller Ableitung aus der Wirklichkeit voraus. »Wenn der Knabe zu begreifen anfängt, daß einem sichtbaren Punkt ein unsichtbarer vorhergehen müsse, daß der nächste Weg zwischen zwei Punkten schon als Linie gedacht werde, ehe sie mit dem Bleistift aufs Papier gezogen wird, so fühlt er einen gewissen Stolz, ein Behagen. Und nicht mit Unrecht; denn ihm ist die Quelle alles Denkens aufgeschlossen, Idee und Verwirklichtes, potentia und actu ist ihm klar geworden; der Philosoph entdeckt ihm nichts Neues, dem Geometer war von seiner Seite der Grund alles Denkens aufgegangen Maximen 656.

Was dieser Schätzung der reinen Mathematik von seiten Goethes ihre allgemeine und prinzipielle Bedeutung gibt: das ist die Auffassung des Verhältnisses von Sinnlichkeit und Denken, die sich in ihr ausspricht. Man erkennt aus ihr, daß die herkömmliche Ansicht, als habe Goethe, weil er als Dichter aufs Sinnliche gerichtet gewesen sei, sich den logischen »Abstraktionen« der Mathematik und der mathematischen Physik widersetzt, den eigentlichen Kern des Gegensatzes verfehlt – oder daß sie zum mindesten diesen Gegensatz nur erst von fern her und in völlig vager und ungenügender Form bezeichnet. Denn Goethe war sich von dem Augenblick an, in der er die erste methodische Klarheit über seinen eigenen Weg gewonnen hatte, dessen völlig bewußt, daß die »Sinnlichkeit«, auf die er sich in seiner Naturbetrachtung und Naturforschung stützte, mit dem empirisch-sinnlichen Verfahren, das man gemeinhin als Grundlage der beschreibenden Naturwissenschaften ansieht, in keiner Weise zusammenfällt. Er wußte und betonte, daß die Erfahrung immer nur die halbe Erfahrung sei; – daß, wie durch die Pendelschläge die Zeit, so erst durch das Ineinandergreifen und die Wechselbeziehung von Erfahrung und Idee die natürliche und die geistige Welt regiert werde. Auch wo er sich auf die Grundform seines reinen Schauens berief, unterschied daher Goethe streng und bestimmt zwischen dem Sehen im Sinne der unmittelbaren Wahrnehmung und dem »Sehen mit Geistesaugen«. Der Widerspruch gegen die Sinnlichkeit konnte daher für ihn keinen entscheidenden Beweisgrund gegen die Methodik der Mathematik und der mathematischen Physik bilden; denn er hatte begriffen, daß »Idee« und »Erscheinung« immer und überall von einander verschieden sind und daß somit niemals zwischen beiden eine unmittelbare Entsprechung gefordert und erwartet werden kann. In dieser Hinsicht befindet sich also die ideelle Denkweise, wie sie in der Mathematik herrscht, mit derjenigen, die in der Naturbetrachtung und in der Betrachtung der Lebenserscheinungen waltet, wesentlich im gleichen Fall. »Das Copernikanische System beruht auf einer Idee, die schwer zu fassen war und doch täglich unseren Sinnen widerspricht. Wir sagen nur nach, was wir nicht erkennen, noch begreifen. Die Metamorphose der Pflanzen widerspricht gleichfalls unseren Sinnen Maximen 1138..« Worin also – so müssen wir jetzt fragen – liegt der Grund, daß dieser letztere Widerspruch für uns nicht nur erträglich ist, sondern daß er, je weiter wir ihm nachgehen, für uns um so furchtbarer wird – während der Widerspruch, in dem die mathematischen und mathematisch-physikalischen Begriffe zur unmittelbaren Sinnenansicht stehen, keine derartige Fruchtbarkeit für uns besitzt, ja, wenn wir ihn sich uneingeschränkt entfalten lassen, zuletzt die ganze Kraft und Eigenart des anschaulichen Wissens zu zerstören droht? Welche Art des Gegensatzes zu den Sinnen und zur sinnlichen Erfahrung ist ersprießlich und führt ins Gebiet des wahrhaft Allgemeinen; – welche hält uns beim bloß Abstrakten fest und verwickelt uns zuletzt in unlösliche Konflikte zwischen dem Anschauen und der Denkkraft?

Ehe jedoch diese Frage beantwortet und mit ihr die prinzipielle Differenz aufgewiesen werden kann, durch die sich der naturwissenschaftliche Begriff im Goetheschen Sinne von den Begriffen des Mathematikers und mathematischen Physikers unterscheidet, muß man sich zunächst die positiven Zusammenhänge vergegenwärtigen, die ungeachtet dieser Verschiedenheit zwischen beiden bestehen. In der Charakteristik der Goetheschen Methodik sind diese positiven Momente fast immer übersehen worden: – und doch heben sich erst, wenn man sich diesen gemeinsamen Hintergrund zum Bewußtsein bringt, auch die bestimmenden Unterschiede klar und scharf hervor. Zum Verfahren der gewöhnlichen Empirie, die ohne feste methodische Ordnung zufällige Beobachtungen miteinander verbindet, steht die Methodik, die Goethe fordert und übt, und das Verfahren der exakten Wissenschaft in dem gleichen charakteristischen Gegensatze. Auch sie will nicht beliebige, von ungefähr gewonnene Einzeldaten neben einander hinstellen und mit einander vergleichen, sondern sie sucht eine bestimmte Folge der Tatsachen zu gewinnen, kraft deren sie sich aus einander entwickeln. Ein isoliert aufgefaßtes Phänomen – dessen ist sie sich bewußt – beweist an und für sich nichts; nur wenn es sich mit anderen Erscheinungen derart zusammenschließt, daß es mit ihnen eine Reihe bildet, in der jedes frühere Glied, durch eine bestimmte Veränderung eines Grundbestandteils, stetig in ein späteres übergeht, tritt es damit in eine Beziehung ein, die ihm erst theoretischen und gedanklichen Wert gibt. Wo solche Reihen uns nicht unmittelbar durch die Erfahrung gegeben sind, da müssen sie, durch die Herstellung bestimmter Versuchsbedingungen, künstlich gewonnen und hergestellt werden. »Kein Phänomen – so erklärt Goethe ausdrücklich – erklärt sich an und aus sich selbst: nur viele, zusammen überschaut, methodisch geordnet, geben zuletzt etwas, das für Theorie gelten könnte Maximen 1230..« Die Erscheinungen müssen, wo sie es für unsere sinnliche Auffassung nicht von selbst tun – und dies ist stets nur in höchst ungenügendem Maße der Fall – kraft des Denkens derart gefaßt werden, daß sie sich aneinander reihen oder vielmehr übereinander greifen, damit sie auf diese Art vor dem Auge des Forschers nicht nur ihr abgesondertes Dasein, sondern auch ihre innere Verknüpfung, nicht nur ihre beschränkte räumlich-zeitliche Einzelexistenz, sondern auch ihre Stellung im Ganzen offenbaren. Aufs schärfste wird demgemäß von Goethe jene Form der »Induktion« verworfen, die in der Vergleichung weit auseinanderliegender Fälle nach einzelnen, willkürlich ergriffenen Ähnlichkeiten in irgendwelchen Gattungsmerkmalen besteht. Eine solche Induktion – so erklärt er – habe er sich »nie erlaubt«; ja er habe, sie, wo sie sich ihm aufzudrängen schien, stets abzuwehren gewußt. Denn bei dieser Art der Betrachtung kann das innerlich, d. h. dem Gesetz seines Werdens und seines Ursprungs nach Heterogenste, bloß weil es eine äußerliche sinnliche Übereinstimmung in einem besonderen Merkmal aufweist, zusammengerückt und damit die wahrhafte und »wesentliche« Gliederung des Besonderen völlig verschoben werden. Wie Goethe diese seine Grundanschauung besonders in der Botanik bewährte, – wie er durch sie von dem Linnéschen klassifizierenden System schrittweise und notwendig zur Idee der Metamorphose fortgeleitet wurde: daran soll hier nur kurz erinnert werden Näheres hierüber in meiner Schrift Freiheit und Form, S. 328 ff.. In der exakten Physik aber fand er, in dieser Hinsicht, zunächst nicht nur keinen Gegensatz zu seiner allgemeinen Überzeugung, sondern er glaubte sie hier unmittelbar bestätigt zu sehen. In dem Kampf zwischen dem Erfahrungsbegriff Bacons und Galileis stellte er sich entschieden und unbedenklich auf Seiten des letzteren. Denn bei ihm sah er den greifbaren Beleg dafür, daß das Allgemeine nicht aus der bloßen Summation der Einzelfälle entsteht und nicht in einem bloßen Aggregat des Besonderen besteht, sondern daß dem Genie des physikalischen Forschers ein Fall für tausende gilt, – sofern er in seinem Geiste die Bedingungen des Sonderfalls derart überblickt, daß er durch eine stetige Variation dieser Bedingungen die Reihe der überhaupt möglichen Fälle sich vergegenwärtigen und sie in ihrem bestimmenden Gesetz erfassen kann. So findet sich hier zwischen dem echten und grundlegenden Verfahren des mathematischen Physikers und der Methodik, die Goethe in die Naturwissenschaft, in die Optik wie in die Morphologie einzuführen sucht, eine bedeutsame Analogie der Form – mit der freilich über den Gehalt der Begriffe selbst noch nichts bestimmt und hierüber keine Entscheidung vorweggenommen ist. Goethe hat diese formale Analogie nicht nur gefühlt, sondern er hat sie in voller Bewußtheit als begriffliche Forderung hingestellt. In dem Aufsatz »Der Versuch als Vermittler von Subjekt und Objekt« führt er aus, daß jede unmittelbare Anwendung eines Einzelversuchs zum Beweis irgend einer Hypothese schädlich sei; – nützlich sei dagegen eine mittelbare, die in der Verbindung scheinbar isolierter Phänomene besteht. Wir stellen einen Versuch nicht einfach hin, sondern wir fragen, was unmittelbar an ihn angrenze und erreichen kraft dieser »Vermannigfaltigung jedes Versuchs« eine »Erfahrung höherer Art«. Dies Verfahren – so fährt er fort – nur das Nächste an das Nächste zu reihen, hätten wir von den Mathematikern zu lernen und es sei auch dort anwendbar und erforderlich, wo wir uns keiner Rechnung bedienen S. Naturwissensch. Schriften (Weimarer Ausgabe) XI, 20 ff.. Noch charakteristischer und aufklärender in dieser Hinsicht ist eine merkwürdige Äußerung, die Goethe einmal zu Sulpiz Boisserée getan hat und die erst in dem hier betrachteten Zusammenhang ihre Paradoxie verliert. Wie Spinoza die Mathematik in die Ethik, so habe er sie in die Farbenlehre gebracht; das heißt: es stehe hier nichts im Hintersatz, was nicht im Vordersatz schon begründet sei Goethes Gespräche, hg. von Biedermann, 2. Aufl., II, 313..

Man erkennt jetzt, daß der positive Wert, den Goethe dem Verfahren der exakten Wissenschaft abzugewinnen vermag, auf einem doppelten Moment beruht: auf dem Gedanken der Kontinuität und auf der Methode des genetischen Aufbaus. Beide werden freilich in der mathematischen Naturbetrachtung und in der Goetheschen Naturbetrachtung an einem ganz verschiedenen Stoff und in einer verschiedenen Absicht geübt; aber sie gehen letzten Endes doch in eine gedankliche Einheit zurück. Der allgemeinste Ausdruck, den Goethe für diese Einheit prägt, ist der der Vernunft selbst. Die Vernunft ist immer und überall auf das Werdende angewiesen und vermag sich nur an ihm wahrhaft zu betätigen und zu erweisen. Wenn der Verstand am Gewordenen haftet, wenn er die einzelnen fertigen »Dinge« in starrer Abgeschlossenheit nimmt und sie in ihren festen Merkmalen einander gegenüberstellt, so löst sie alles Seiende in die Bewegung auf, aus der es hervorgegangen ist und in der es sich beständig erhalten muß, wenn es nicht zu Nichts zerfallen soll. Wenn jener Einzelheit an Einzelheit fügt in der Hoffnung, dadurch zuletzt, wie durch die Stifte eines Mosaik, den Schein eines Gesamtbildes zu erzeugen: so besteht sie von Anfang an im Erkennen und Anerkennen einer ursprünglichen Totalität, eines universellen Gesetzes, das sich beständig mit sich selbst identisch erhält und das doch in jeder seiner individuellen Äußerungen ein Neues und Eigenes ist. Auf diese Weise wird die Regel zwar als fest und ewig, zugleich aber als lebendig gedacht. Und ein Analogon dieser Vernunftbetrachtung, die freilich erst im Gebiet des Lebens ihre letzte Tiefe und Bedeutung erschließt, findet sich nun im Gebiet der Mathematik insofern, als auch der Mathematiker die Gebilde, die er betrachtet, niemals als starre Einzelgegebenheiten nimmt, sondern sie in stetigem Werden aus einer ursprünglichen Regel hervorgehen läßt. Indem er die Theorie der Kreise und Ellipsen, der Parabeln und Hyperbeln entwickelt, nimmt er sie nicht als fest begrenzte Sondergestalten von bestimmter Größe und Form, sondern er läßt sie aus einer einheitlichen Konstruktion, als Kegelschnitte, vor uns entstehen und erweist aus den Bedingungen dieser Konstruktion und aus der Abwandlung in der Lage der Schnittfläche die Notwendigkeit der Besonderungen, die die allgemeine Regel erfährt. In derselben Weise stammt auch in der echten Naturbetrachtung alles wahre Aperçu aus einer Folge und bringt seinerseits wieder Folge; es ist ein Mittelglied einer großen, produktiv aufsteigenden Kette Maximen 416.. In dieser Hinsicht muß demnach auch die Beobachtung der Natur »konstruktiv« sein: wie denn Goethe der Baconischen Induktion, die nur in die Breite gehe und zum Vereinzeln Anlaß gebe, diesen, Mangel des konstruktiven Faktors ausdrücklich vorwirft Zur Farbenlehre, Historischer Teil. Naturw. Schr. III, 228.. Die Anschaulichkeit des ersten Ansatzpunkts steht dieser Forderung nicht im Wege; – vielmehr geht alles Anblicken, recht geübt, von selbst in ein Betrachten, alles Betrachten in ein Sinnen, alles Sinnen in ein Verknüpfen über, so daß wir »schon bei jedem aufmerksamen Blick in die Welt theoretisieren« Farbenlehre, Vorwort, Naturw. Schr. I, S. XV.. Abermals zeigt sich uns hierin, daß der eigentliche prinzipielle Gegensatz, der zwischen Goethe und der exakten Wissenschaft besteht, nicht der von Anschauung und Theorie, nicht der von einfacher sinnlich-rezeptiver Hinnahme des Gegebenen und seiner konstruktiven Umgestaltung sein kann; denn irgend eine Form der »Theorie« oder der »Konstruktion« ist auf allen geistigen Gebieten unentbehrlich, so wahr zu jedem Gewahrwerden des Ideellen eine Pubertät, eine echte Zeugungskraft des Geistes gehört Maximen 273..

Nicht die Herrschaft der Theorie als solcher, sondern ihr Ansatzpunkt und die Richtung, die sie nimmt, ist daher hier das spezifisch Unterscheidende. Wie verfährt der Mathematiker und der mathematische Physiker, um das Besondere zum Allgemeinen zu erheben – wie erreicht er es, daß ein Fall, richtig betrachtet und zergliedert, ihm für tausend Fälle steht? Er gelangt zu diesem Ergebnis, indem er dasjenige, was für die gewöhnliche sinnliche Ansicht ein unterschiedsloses »Einfaches« bedeutet, im Gedanken in eine Mannigfaltigkeit, in einen Komplex verschiedenartiger und verschiedenwertiger Bedingungen zerlegt. Jede dieser Bedingungsschichten aber gilt ihm erst dann als wahrhaft erfaßt und als intellektuell bestimmt, wenn es gelungen ist, sie in einem rein quantitativen Ausdruck festzuhalten und ihre Änderung einer quantitativen Regel zu unterwerfen. Das sinnliche Einzelphänomen oder Einzelding löst sich damit in einen Inbegriff von Größenbestimmungen auf, die mit allen übrigen Seinselementen in einer festen und eindeutigen Abhängigkeit gedacht werden. Was die exakte Naturwissenschaft von einem Gegenstand oder einem Vorgang der Natur weiß, was sie von ihm allein auszusagen vermag: das spricht sich in den physikalischen und chemischen Konstanten aus, mit welchen sie ihn als besonderen charakterisiert und in den Regeln über die Verknüpfung veränderlicher Größen, mit welchen sie ihn wiederum dem allgemeinen Naturzusammenhang einfügt. Das »Ding« und seine »Eigenschaften« nehmen damit, verglichen mit der Ansicht der unmittelbaren Beobachtung, einen völlig neuen logischen Charakter an. »Eigenschaft« im physikalischen Sinne ist nur, was an einem Objekt oder einem Ereignis als meßbares, unter irgend einem Größengesichtspunkt mit anderen vergleichbares Moment herausgehoben wird. Das Volumen und die Temperatur eines Körpers, seine mechanische, thermische, chemische Energie usf.: dies alles sind keine sinnlichen Bestimmungen, die unmittelbar an ihm durch die Empfindung erfaßbar und ablesbar sind, sondern es sind begrifflich auf Grund allgemeiner theoretischer Annahmen fixierte Maßstäbe, die der Gedanke sich schafft, um die zunächst unübersehbare Mannigfaltigkeit des Gegebenen unter feste Ordnungen zu stellen und sie in Reihen zu gliedern, die nach einem einheitlichen und durchsichtigen Prinzip fortschreiten. Sind diese Maßstäbe als die Grundeinheiten einmal gewonnen, so läßt sich jetzt alles, was die Wissenschaft vom Sein und von der Beschaffenheit eines Naturgegenstandes auszusagen vermag, zuletzt auf einen Komplex von Zahlen zurückführen, deren jede die Eigenschaft oder Zuständlichkeit des betrachteten Gegenstandes, nach irgend einer Hinsicht der Größenvergleichung, charakterisiert und festlegt. Die Gesamtheit dieser Zahlen – sofern wir sie als abgeschlossen denken – repräsentiert für den Physiker das Ding: ja sie ist ihm dieses Ding, sofern nur sie es ist, die in seine Erkenntnisse und Urteile, in seine Gesetze und Funktionsgleichungen eingehen kann. Was jenseits dieser Betrachtungsweise liegt, was sich diesem Gewebe von Zahlen- und Größenskalen nicht einfügt, – das entzieht sich für ihn der Möglichkeit der Bestimmung, ja der eindeutigen Benennung. Man erkennt nunmehr, an welche Vermittlung der Fortgang vom Besondern zum Allgemeinen innerhalb der Denkweise der Physik gebunden ist. Wenn der Physiker von einer konkreten Einzelerfahrung ausgeht, so ist es doch niemals das Einzelne der sinnlichen Wahrnehmung, sondern das Einzelne des Experiments, auf das er bezogen und gerichtet ist. Das Experiment aber ist keine unzerlegte und nackte »Tatsache« mehr, sondern es weist stets bereits eine bestimmte gedankliche Struktur und Gliederung auf. Es erscheint als bestimmt durch eine Mehrheit von Bedingungen, deren jede für sich festgehalten und in ihrer quantitativen Abwandlung verfolgt werden kann. So geht Galilei zur Ableitung des Fallgesetzes nicht von dem einfachen Phänomen des »Fallens« in seiner sichtbaren Gestalt aus, sondern er entwickelt zunächst die Vorbegriffe von der gleichförmigen und ungleichförmigen Bewegung, von Masse und Kraft, von Beharrung und Beschleunigung; – und er überträgt schließlich den Gesamtvorgang auf die schiefe Ebene, weil an ihr, durch die jeweilige willkürliche Bestimmung ihrer Neigung, die Umstände, von denen die Erscheinung abhängig ist, stetig verändert und die Folgen dieser Änderung in ihrer Regelmäßigkeit überblickt werden können. Kraft dieses Verfahrens der Variation erweitert sich das anfängliche Einzelglied und der Einzelfall zum Ausdruck der Gesamtreihe. Das Physisch- und Sinnlich-Einzelne wird zunächst zum Besonderen der Größe und Zahl: in diesem Besonderen aber ist bereits der Hinweis auf ein Allgemeines, nämlich auf ein Gesetz enthalten, das in den verschiedenen Größen- und Zahlenreihen den Fortgang von Glied zu Glied bezeichnet und bestimmt.

Eine gänzlich andere, eine fundamental neue Form der Beziehung des Besonderen aufs Allgemeine waltet in Goethes Naturbetrachtung, die von dem Urphänomen des Lebens ihren Ausgang nimmt. Darin zwar stimmt diese Betrachtung mit der wissenschaftlichen Physik überein, daß auch in ihr der Wert und die Kraft des Allgemeinen rückhaltlos anerkannt wird. Das Vergängliche, das zeitlich Wandelbare und Verfließende wird zum Gleichnis. Die morphologische Erkenntnis der Gestalten und des Gestaltenwandels, wie Goethe sie versteht, geht niemals im Sinnlich-Einzelnen oder in einem Analogen des Sinnlich-Einzelnen auf. Der Täuschung, die Urpflanze mit Augen zu sehen, hat Goethe, seit er von Schiller über den Unterschied von Idee und Erfahrung belehrt worden war, ein für allemal entsagt. Jetzt faßt er sie als ein »Modell«, das nicht selbst in der Natur existiert, das aber nichtsdestoweniger die eigentümliche innere Struktur des Existierenden und die Wechselbeziehungen, die zwischen all seinen einzelnen Gliedern stattfinden, erleuchtet und durchsichtig macht. Denn überhaupt hat er nunmehr das Verhältnis von Theorie und Erscheinung in diesem Sinne begriffen. Die Elemente, die in die Theorie eingehen, brauchen nicht selbst Teile und Stücke der unmittelbar uns umgebenden sinnlichen Erscheinungswelt zu sein; ja sie müssen, sofern sie echte ideelle Elemente sind, immer über diese hinausliegen. Und doch gilt andererseits, daß wir nichts hinter den Phänomenen suchen dürfen, sondern daß »sie selbst die Lehre« sind: sofern sie nämlich nicht in ihrer Vereinzelung, sondern in ihrem genetischen Zusammenhang genommen werden. Diesen Zusammenhang nicht nur in abstracto glaubhaft zu machen, sondern ihn bis zur vollen anschaulichen Überzeugung zu bringen: das ist nach Goethe die eigentliche, die höchste Aufgabe aller Theorie. Gerade weil sie selbst nicht das Bild einer besonderen, auf bestimmte Einzelbedingungen eingeschränkten Pflanzenerscheinung vor uns hinstellt, wird uns die Urpflanze zu einer Art von Schlüssel, mit dem wir Pflanzen »ins Unendliche erfinden« können, die alle konsequent sein müssen, d. h. die, wenn sie auch nicht existieren, doch existieren könnten und nicht etwa malerische oder dichterische Schatten und Scheine sind An Frau v. Stein, 8. Juni 1787.. So wird uns erst die ideelle Grundform zum Führer in dem Labyrinth der wirklichen Pflanzenformen. Aber damit sie diese Leistung vollziehen kann: dazu ist nicht erforderlich, daß wir, indem wir das Gebiet des Sinnlich-Einzelnen verlassen, auch über das Gebiet der Gestaltung überhaupt hinausschreiten. Die Urpflanze ist vielmehr zugleich Prinzip und Gebilde; – ist eine Regel, die sich aus der Anschauung selbst entwickelt und an ihr darstellt. Sie ist eine Anweisung, im Endlichen zu verharren und es dennoch zum Unendlichen zu erweitern, indem wir es mit ihrer Hilfe sicher nach allen Seiten durchschreiten. Um diese Einheit des Allgemeinen und Besonderen nicht nur zu begreifen, sondern um ihrer beständig gewiß zu sein, um Ort für Ort im Innern dieses Verhältnisses zu stehen, brauchen wir daher keine Umbildung des Problems, keine Übertragung in eine andere gedankliche Sphäre, wie sie die Physik durch ihre Umsetzung der Qualitäten in Quantitäten vollzieht. Das Seiende selbst formt sich dem synthetischen Blick des Forschers zu Lebensreihen, die stetig ineinandergreifen und immer höher und höher aufsteigen – ohne daß diese Form der Reihe des Umwegs über das analytische Denkmittel der Zahl bedürfte.

Mit diesem Ergebnis und mit dieser methodischen Grundüberzeugung, die sich ihm an den Phänomenen des Lebens entwickelt hat, tritt nun Goethe an die optischen Erscheinungen heran. Und hier in diesem mittleren Gebiet muß seine Auffassung vom Naturzusammenhang überhaupt und von der ideellen Darstellung dieses Zusammenhangs zur Auffassung der Mathematik und der mathematischen Physik sofort in schroffen Gegensatz treten. Die Mathematik verfolgt auch hier den Weg, der ihr durch ihre Problemstellung und ihre Begriffsmittel ein für allemal vorgeschrieben ist: sie verwandelt die Differenzen der Farbe in Differenzen der Zahl. Was die einzelne Farbe als solche kennzeichnet, was sie von anderen unterscheidet, das ist ihr »Brechungsexponent«; also ein bestimmter Größenwert, der ihr zugeordnet und durch den ihre Stellung in der Gesamtreihe charakterisiert gedacht wird. In diesem ersten Ansatz der Frage ist im Grunde ihre ganze weitere Behandlung schon vorweggenommen: was in der physikalischen Optik an Experimenten und Berechnungen folgt, das hat, vom Standpunkt des allgemeinen Problems der Erkenntnis, mehr technisches als methodisches Interesse. Goethe hingegen nähert sich der Frage auf dem entgegengesetzten Wege. Es ist die »ewige Formel des Lebens«, deren Äußerung er auch hier sucht. Aber nicht unmittelbar ist diese Formel auf die optischen Erscheinungen anwendbar, sondern sie wird es erst durch die Einschaltung eines charakteristischen Mittelglieds. Es gilt auch im Bereich der Farbe zu erkennen, wie alles sich zum Ganzen webt: wie kein Phänomen losgelöst und für sich existiert, sondern alle unter einander einen lebendigen Bezug haben, durch den sie sich als ein zusammenhängendes System darstellen. Während aber in den Gebilden der organischen Natur dieser Zusammenhang sich direkt darbietet, während wir hier den genetischen Prozeß in Gestaltung und Umgestaltung gleichsam in greifbarer Nähe und Deutlichkeit vor uns haben, muß zwischen den optischen Phänomenen und dem Grund- und Urphänomen des Lebens selbst die Beziehung erst durch eine Reihe theoretischer und experimenteller Vermittlungen hergestellt werden. Das Wesen dieser Vermittlung besteht darin, daß wir die Frage nicht direkt an die Welt der Farben, sondern tiefer und ursprünglicher an die Welt des Sehens richten. Vom Sehen aus, das selbst eine bestimmte, scharf umschriebene Lebenserscheinung ist, die einem inneren Gesetz gehorcht, sind erst die Differenzen im Gesehenen, sind die qualitativen Unterschiede der Farben zu entwickeln und zu begreifen. Mit dem Gegensatz, der sich von hier aus zunächst ergibt, mit der Entgegensetzung von Licht und Finsternis, von Hell und Dunkel beginnt demnach Goethes Betrachtung. Und der weitere Fortschritt, der zum System und zur Skala der Farben hinleitet, besteht darin, daß die besonderen Bedingungen, unter denen das Sehen steht, untersucht, auseinandergehalten und nach einem bestimmten Plane variiert werden. Nachdem einmal aus dem Grundgegensatz der Begriff des »trüben Mediums« abgeleitet ist, zeigt sich weiterhin etwa, daß ein solches Medium, wenn es erleuchtetet gegen einen dunklen Hintergrund steht, als blau erscheint, während es durch einen hellen Gegenstand betrachtet, als gelb oder gelbrot gesehen wird. Jetzt tritt scharf hervor, was Goethes Denkweise mit der physikalischen Auffassung verbindet und was ihn dauernd von ihr trennt. Als »höchste Pflicht« bei allen physischen Untersuchungen stellt er es auf, bei aller Betrachtung der Gegenstände jede Bedingung, unter welcher ein Phänomen erscheint, genau aufzusuchen und nach möglichster Vollständigkeit der Phänomene zu trachten, »weil sie doch zuletzt sich aneinander zu reihen, oder vielmehr übereinander zu greifen genötigt werden, und vor dem Anschauen des Forschers auch eine Art Organisation bilden, ihr inneres Gesamtleben manifestieren müssen« Einwirkung der neueren Philosophie. Naturw. Schr. XI, 48.. Somit ist es ein bestimmtes Reihenprinzip, das Goethe, gleich dem mathematischen Physiker, in der Auffassung der Einzelerscheinungen durchführt und zur Geltung bringt; – aber wenn letzterer dieses Reihenprinzip dem Gebiete der Zahl, der abstrakten Grundform der Reihe überhaupt, entnimmt, so verlangt Goethe, die Reihe, auf die er alle übrigen bezieht, selbst noch als Lebensphänomen, als Gesetz und Rhythmus des konkreten Gesamtlebens der Natur, anschauen und sie sich in diesem Anschauen innerlich aneignen zu können. Nicht weil er Gegner der Analyse als solcher ist, tritt daher Goethe der Mathematik entgegen. Er weiß vielmehr und spricht es aus, daß – entsprechend der ewigen Systole und Diastole der Natur – Analyse und Synthese die beiden notwendig zusammengehörigen Grundfunktionen aller Erkenntnis sind, die sich wie Ein- und Ausatmen wechselseitig bedingen. Aber er faßt die Elementarphänomene und Elementarprozesse, auf die er das Geschehen zurückführt, nicht als Momente, die, wie die Differentialgleichungen der Physik, das Ganze der Wirklichkeit bloß begrifflich vertreten sollen, sondern die dieses Ganze noch unmittelbar bedeuten und sind. Wer sich am Ganzen erquicken will, der muß das Ganze im Kleinsten erblicken; – aber er muß auch umgekehrt dieses Kleinste als Symbol verstehen, an dem sich ihm die eine ewige Ordnung des Ganzen, als wahrhaft konkrete und allumfassende, offenbart.

III

Die vorangehenden Betrachtungen haben den Gegensatz zwischen Goethe und der mathematischen Physik lediglich nach seiner prinzipiellen Seite zu bestimmen gesucht, ohne die besonderen geschichtlichen Bedingungen zu berücksichtigen, unter denen sich der Kampf zwischen beiden vollzog. Die Form, in der der Kampf von Goethe und von der Gegenseite geführt wurde, brachte es mit sich, daß der systematische Gehalt, der hier zugrunde lag, keineswegs sogleich seinen vollständigen, sachlich-adäquaten Ausdruck fand. Vor allem war hier die Frage nach der Methode der Physik nicht im strengen und ausschließlichen Sinne der Erkenntniskritik gestellt, sondern sie war von Anfang an mit einer anderen, metaphysischen Frage verknüpft. Der Streit um die Methodik der exakten Forschung wurde zum Streit über das Recht oder Unrecht der »mechanischen Weltansicht«. Immer schärfer schien sich das Problem nach dieser Seite hin zuzuspitzen; immer bestimmter traten sich die rein »atomistische« und die »dynamische« Naturerklärung gegenüber. Goethe selbst bekämpfte nicht sowohl die einzelnen Newtonschen Begriffe und Theorien, als die Ansicht vom Weltganzen, die er in ihnen ausgedrückt fand. »Was ist auch im Grunde – so sagt er zu Eckermann – aller Verkehr mit der Natur, wenn wir auf analytischem Wege bloß mit einzelnen materiellen Teilen uns zu schaffen machen und wir nicht das Atmen des Geistes empfinden, das jedem Teile die Richtung vorschreibt?« So nahe indessen im wirklichen Verlauf des Streites das methodische und das metaphysische Motiv sich mit einander berühren: so streng und scharf sind beide für eine Betrachtung zu scheiden, die nicht auf die Darstellung des Konflikts, sondern auf seine systematische Beurteilung und Entscheidung gerichtet ist. Denn beide Momente gehen in der Naturwissenschaft des 18. Jahrhunderts nur eine geschichtlich-zufällige, nicht eine sachlich-notwendige Verbindung ein. Noch im 17. Jahrhundert hatte, wie das Beispiel der großen idealistischen Systeme beweist, die zentrale Bedeutung, die die Mechanik und die mathematische Physik für die Grundlegung der Logik gewann, die Zustimmung zur »mechanistischen Weltansicht« keineswegs zur Folge. Descartes begründet die universelle Geltung der Grundsätze der Mechanik für alles Geschehen in der Körperwelt in den Prinzipien seiner allgemeinen Erkenntnislehre. Weil nur der geometrische Begriff wahrhafte Evidenz besitzt, weil die Ausdehnung das einzige Merkmal ist, das klar und distinkt begriffen werden kann: darum ist für uns auch alles Wissen von der Natur auf dasjenige beschränkt, was sich in geometrischen Bestimmungen darstellen und in ihnen vollständig erschöpfen läßt. Somit sind es die Grundvoraussetzungen des Rationalismus, die hier zu den Prinzipien des Mechanismus hinleiten. Noch bewußter tritt sodann dieser Zusammenhang bei Leibniz hervor; – denn ihm bedeutet die mathematisch-mechanische Verknüpfung, die auch er allenthalben in der Natur findet, nichts anderes als das Gegenbild und Korrelat zu der strengen und unverbrüchlichen Geltung des Satzes vom Grunde. Daß die Erscheinungen mechanisch miteinander verknüpft, daß sie derart durcheinander determiniert sind, daß sie sich als Größenwerte einander eindeutig bestimmen: das ist hier nur der Beleg dafür, daß die logische Struktur des Denkens und die Struktur des Seins in durchgängiger Harmonie zu einander stehen. Die »mechanischen Gründe« werden selbst unmittelbar zu intelligiblen und »idealen« Gründen: denn es ist eben die Notwendigkeit des Gedankens selbst, die sich in ihnen ausdrückt und widerspiegelt. In der allgemeinen Gestaltung des naturwissenschaftlichen Weltbildes fand jedoch dieses idealistische Grundmotiv der Leibnizischen Lehre keine unmittelbare Weiterbildung. Hier siegte vielmehr jene populäre Auffassung der Begriffe von Raum und Zeit, von Materie und Kraft, die mit der Verbreitung der naturwissenschaftlichen Erkenntnis immer mehr zur Geltung gelangte und die ihre begriffliche Formulierung in der Philosophie der Enzyklopädisten erhielt. Leibniz' logischer Idealismus war in dieser Auffassung ebenso zurückgedrängt, wie jener eigenartige metaphysische Spiritualismus, zu dem sich Newton im Anhang seiner Optik bekannt hatte. Was übrig blieb, war nur das gewöhnliche Schema der dogmatisch-materialistischen Welterklärung, deren Konsequenzen man höchstens insofern abzuschwächen suchte, als man eine höchste göttliche Ursache zuließ, die der Materie den ersten Impuls erteilt haben sollte, aus dem sie sich fortan selbständig und nach eigenen Gesetzen entwickelt habe. Goethe war mit dieser Art der Naturerklärung schon seit seinen Straßburger medizinisch-anatomischen Studien eingehend vertraut und er mußte sich von ihr in doppelter Weise abgestoßen fühlen. Er, der im Naturbetrachten keinen Gegensatz des »Innen« und »Außen« gelten ließ, sah hier sowohl den Begriff der Natur, wie denjenigen Gottes entwertet und herabgewürdigt: die Natur war zum toten Substrat, Gott zum äußeren Anstoß des Geschehens geworden. Die Wirkung, die dieses System, die die popularphilosophische Begründung des Mechanismus in Lamettries » L'Homme machine« und in Holbachs » Système de la nature« in ihm hervorrief, hat er in »Dichtung und Wahrheit« geschildert. »Wenn wir von den Enzyklopädisten reden hörten oder einen Band ihres ungeheuren Werks aufschlugen, so war es uns zumute, als wann man zwischen den unzähligen bewegten Spulen und Weberstühlen einer großen Fabrik hingeht und vor lauter Schnarren und Rasseln, vor allem Aug' und Sinne verwirrenden Mechanismus, vor lauter Unbegreiflichkeit einer auf das mannigfaltigste ineinandergreifenden Anstalt, in Betrachtung dessen, was alles dazu gehört, um ein Stück Tuch zu fertigen, sich den eigenen Rock selbst verleidet fühlt, den man auf dem Leibe trägt … Wir begriffen nicht, wie ein solches Buch (wie das » Système de la Nature«) gefährlich sein könnte. Es kam uns so grau, so cimmerisch, so totenhaft vor, daß wir Mühe hatten, seine Gegenwart auszuhalten, daß wir davor wie vor einem Gespenst schauderten … Wie hohl und leer ward uns in dieser tristen atheistischen Halbnacht zumute, in welcher die Erde mit allen ihren Gebilden, der Himmel mit allen seinen Gestirnen verschwand! Eine Materie sollte sein von Ewigkeit, und von Ewigkeit her bewegt, und sollte nun mit dieser Bewegung rechts und links und nach allen Seiten ohne weiteres die unendlichen Phänomene des Daseins hervorbringen. Dies alles wären wir sogar zufrieden gewesen, wenn der Verfasser wirklich aus seiner bewegten Materie die Welt vor unseren Augen aufgebaut hätte. Aber er mochte von der Natur so wenig wissen als wir; denn indem er einige allgemeine Begriffe hingepfahlt, verläßt er sie sogleich, um dasjenige, was höher als die Natur, oder als höhere Natur in der Natur erscheint, zur materiellen, schweren, zwar bewegten, aber doch richtungs- und gestaltlosen Natur zu verwandeln, und glaubt dadurch recht viel gewonnen zu haben.«

Der Eindruck, den Goethe hier empfangen hatte, hat dauernd in ihm nachgewirkt: was er Holbachs »System der Natur« zur Last legte, das hat er auch der exakten Wissenschaft der Natur nicht verziehen. Fortan sah er in ihr niemals eine bloße Methodik des Denkens und Forschens, sondern immer zugleich eine bestimmte materialistische Doktrin der Welterklärung. Unablässig wandte er sich gegen die »mechanischen und atomistischen Ausdrücke und Formeln«, die sich den Anschein geben, als könnten sie das Lebendig-Eine, das Prinzip der »Gestalt«, aus der Vielheit seiner Teile »komponieren«; – immer wieder drängt er auf den »Hauptbegriff« bei jeder Betrachtung eines lebenden Wesens, »daß es mit sich selbst beständig, daß seine Teile in einem notwendigen Verhältnis gegen sich selbst stehen, daß nichts Mechanisches gleichsam von außen gebauet und hervorgebracht werde« Metamorphose der Pflanzen. Zweiter Versuch, Naturw. Schr. VI, 282.. So wichtig indessen alle diese Äußerungen für das geschichtliche Verständnis der Stellung Goethes zur Naturwissenschaft seiner Zeit sind, so können sie doch zurücktreten, wenn es sich lediglich darum handelt, den Kampf zwischen Goethe und der mathematischen Physik in rein systematischer Absicht zu erwägen. Denn es ist der eigene Fortgang der Physik, der hier den Streit im Grunde gegenstandslos gemacht hat. Die Frage kann, in dieser Hinsicht, in Goethes Sinne als entschieden gelten, seit die exakte Wissenschaft selbst sich immer entschiedener und bewußter von allem Zusammenhang mit dem dogmatischen Materialismus gelöst hat. Von den verschiedensten Ausgangspunkten her wurde diese Bewegung vorbereitet, von der man sagen kann, daß sie das eigentliche charakteristische Kennzeichen in der methodischen Weiterbildung der Physik des 19. Jahrhunderts darstellt. Zunächst wirkte die zentrale Bedeutung, zu der die Theorie der elektrischen Erscheinungen allmählich erwuchs, auch auf die allgemeinen Anschauungen über das Naturgeschehen zurück: der Kampf, den Faraday gegen die Atome und die fernwirkenden Kräfte führte, griff unmittelbar von der Gestaltung der Physik in die Grundfragen der Erkenntniskritik und der allgemeinen naturwissenschaftlichen Methodenlehre über. Aber auch die Lehre von der Energie und die theoretischen Erwägungen, die sich an die Entdeckung des Gesetzes von der Erhaltung der Energie anschlossen, wiesen in die gleiche Richtung. Während Helmholtz den Satz der Erhaltung der Energie noch in der Sprache der klassischen Mechanik auszusprechen und mit den Formeln dieser Mechanik zu beweisen bemüht war, nimmt bei Robert Mayer der Gedanke von Anfang an eine andere Wendung. Er stellt das Energiegesetz von vornherein als reines »Integralgesetz« auf, dessen Geltung und Wahrheit somit nicht an die besonderen Vorstellungen gebunden ist, die wir uns von den elementaren Vorgängen machen. Ob z. B. Wärme und Bewegung ihrem »Wesen« nach gleich sind – ob die Wärme im letzten Grunde nichts anderes als Molekularbewegung ist: diese Frage wird hier nicht aufgeworfen; es genügt, wenn das konstante Austauschverhältnis zwischen beiden festgestellt und auf einen exakten Ausdruck gebracht ist. » Wie aus der verschwindenden Bewegung Wärme entstehe« – so betont Robert Mayer in einem bekannten Briefe an Griesinger – »oder wie die Bewegung in Wärme übergehe, darüber Aufschluß zu verlangen, wäre vom menschlichen Geiste zu viel verlangt. Wie das verschwindende O und H Wasser gebe, warum nicht etwa eine Materie von anderen Eigenschaften daraus entstehe, darüber wird sich wohl kein Chemiker den Kopf zerbrechen; ob er aber den Gesetzen, denen seine Objekte, die Materien unterworfen sind, nicht näher kommt, wenn er einsieht, daß die entstehende Wassermenge sich präzis aus der verschwindenden Menge von H und O finden lasse, als wenn er sich keines solchen Zusammenhangs bewußt ist, dies wird keine Frage sein.« Betrachtet man den ersten Teil dieser Sätze, so erkennt man, wie genau hier die Weisung befolgt ist, die Goethe unablässig der Naturwissenschaft seiner Zeit entgegengehalten hatte. Immer wieder hatte er darauf gedrungen, sich ums Phänomen zu erkundigen, es damit so genau als möglich zu nehmen und »das Problem ruhig liegen zu lassen«; denn der Mensch sei nicht geboren, die Probleme der Welt zu lösen, wohl aber zu suchen, wo das Problem angehe und sich sodann in der Grenze des Begreiflichen zu halten Maximen 1211; Vgl. zu Eckermann, 15. Oktober 1825.. »Wie? Wo? und Wann? – Die Götter bleiben stumm; Du halte Dich ans Weil und frage nicht Warum?« Die unauflösliche Problematik der Natur beginnt bei jedem Übergang vom Tatsächlichen der Erscheinung, von der Faktizität des Vorgangs selbst, zur »erklärenden«, insbesondere zur mechanischen Hypothese. Nur als bequeme » Bilder, sich die Anschauung des Ganzen zu erleichtern« werden von Goethe solche Hypothesen zugelassen; aber diese Bilder werden sofort zu einer Gefahr und Irreleitung, wenn wir in ihnen die letzten ontologischen Gründe alles Seins und Geschehens zu erfassen glauben. Denn so betrachtet hemmen sie eben das, worauf es bei aller wissenschaftlichen Theorie wesentlich ankommt oder ankommen sollte: den Ἀναθεωρισμὸς, das Wiederbeschauen, das Betrachten der Gegenstände, der fraglichen Erscheinungen von allen Seiten. »Hypothesen sind Gerüste, die man vor dem Gebäude aufführt, und die man abträgt, wenn das Gebäude fertig ist. Sie sind dem Arbeiter unentbehrlich; nur muß er das Gerüst nicht für das Gebäude ansehen« Maximen 1211, 1222.. Diese Sätze, die Goethe gegen die Naturwissenschaft seiner Zeit geprägt hat, nehmen die neue Form der Physik vorweg, die im 19. Jahrhundert entstanden ist. Die bedeutendsten physikalischen Forscher haben sich hier in der Tat in ihrer Auffassung vom Gebrauch und Wesen der Hypothese mit Goethe in völliger Übereinstimmung befunden. Auf den Bildcharakter der physikalischen Hypothesen hat sich Maxwell berufen, um es zu rechtfertigen, daß er in einzelnen Fällen, je nach der Besonderheit des betrachteten Problemgebiets, verschiedene Grundannahmen zur Geltung brachte – daß er z. B. um die elektrostatischen und elektrodynamischen Erscheinungen zu erläutern und zu deuten, von einander abweichende Modelle entwarf und benutzte. Ihren systematischen Abschluß hat diese Entwicklung sodann in der bekannten Kirchhoffschen Definition gefunden, die auch für die Mechanik selbst auf das Ideal der Natur erklärung verzichtete und ihr statt dessen die vollständige und eindeutige Beschreibung der Bewegungsvorgänge als Aufgabe zuwies. So war hier die Physik, indem sie rein dem eigenen Wege folgte, zu Goethe zurückgekehrt, der in der Vorrede zur Farbenlehre als die eigentliche Aufgabe, für deren Durchführung er von der Philosophie Dank zu verdienen glaubte, den Versuch bezeichnet hatte: die Phänomene bis zu dem Punkte zurückzuverfolgen, wo sie nur noch »erscheinen und sind«, sich aber »nichts weiter an ihnen erklären läßt«. Er selbst freilich war, gemäß der Gesamtrichtung seiner Anschauung, unter allen möglichen Beschreibungen eines Phänomens oder Phänomenkomplexes den mechanischen Modellen am wenigsten geneigt; als der Botaniker Link ihm gelegentlich seine eigenen Ideen über das Wachstum der Pflanzen durch Pendel- und Wellenbewegungen zu erläutern suchte, wies er eine solche Auflösung seiner Grundansicht in »bildlose sublimierte Abstraktionen« entschieden zurück S. Naturw. Schr. VI, 262.. Aber er hätte zum mindesten im prinzipiellen Sinne solche mechanische Bilder, solange sie sich als nichts anderes gaben, dulden und gewähren lassen können. Hatte er es doch selbst stets als Forderung aufgestellt, der Natur gegenüber nicht »in einerlei Vorstellungsart zu verharren«, sondern den verschiedenen Gegenständen und Problemen, die sie darbietet, auch mit verschiedenen geistigen Mitteln gegenüberzutreten. Und so hatte er in diesem Sinne auch einen Wechsel zwischen der dynamischen und mechanischen Ansicht des Geschehens empfohlen, ja gerade ein solches »Schaukelsystem« für den philosophischen Naturforscher als unentbehrlich bezeichnet Naturw. Schr. VI, 351; vgl. IX, 292., da es allein geeignet sei, ihn vor dem Dogmatismus einer begrenzten Einzelansicht zu bewahren. Als einen bestimmten modus cognoscendi hätte daher Goethe den Mechanismus ebenso zugestehen können, wie er ihn als metaphysische Theorie mit Recht verwarf. –

Aber hier setzt nun das zweite wesentliche Moment der Goetheschen Naturbetrachtung ein; und in ihm scheidet er sich endgültig auch von jener Form der Physik, die in dem Jahrhundert nach seinem Tode zur Geltung gelangt ist – ja hier trennt er sich im Grunde von der allgemeinen theoretischen Form der Physik überhaupt. Wenn die Physik des 19. und 20. Jahrhunderts in ihrem Fortschritt die Hypothesen und Bilder mehr und mehr abzustreifen suchte, so tat sie es, um ihren gesamten Aufbau um so fester und ausschließender in reinen Zahlenbestimmungen, in Maß- und Größenverhältnissen zu gründen. Daß solche Bestimmungen das eigentliche Gerüst der »Natur« ausmachen: das war der Grundgedanke, von dem insbesondere Robert Mayer im Aufbau der allgemeinen Theorie der Energetik geleitet war. Die Reduktion auf den Zahlwert aber läßt von der empirischen Einzelanschauung, mit der die physikalische Betrachtung beginnt, im qualitativen Sinne nichts zurück. Sie bestrebt sich, die anfänglichen qualitativen Werte in reine Stellenwerte zu verwandeln, die durch nichts anderes als durch ihre Beziehungen zu anderen Reihengliedern gekennzeichnet sind. Alle Individualität der Anschauung geht in solche Beziehungen auf; alles, was ursprünglich noch als ein selbständiges Substrat erschien, kommt für die exakte Forschung nur insoweit in Betracht, als es sich fortschreitend in ein System von Verhältnissen und funktionalen Abhängigkeiten umsetzt. Goethe hingegen fordert, daß das einzelne, indem es dem Gesamtzusammenhang, indem es der stetigen »Reihe« des Geschehens eingeordnet wird, in dieser Einordnung seine Konkretion und Individualität behält. Es muß ein Besonderes sein und bleiben, wenn sich das Allgemeine in ihm wahrhaft darstellen und symbolisch ausdrücken soll. Daher darf auch die Empfindung nicht einfach durch Zahl- und Größenwerte ersetzt und durch sie, ihrem unmittelbaren Bestande nach, vertilgt werden; sondern sie ist selbst ein eigener, unvergleichlicher und unverlierbarer Erkenntniswert. Sie ist dasjenige Einzelne, von dem aus die universelle Ordnung des Ganzen zuletzt allein faßbar wird. Daraus ergibt sich freilich, daß alles Philosophieren und Theoretisieren über die Natur schließlich auf einen vertieften und verfeinerten Anthropomorphismus hinausläuft: der Mensch kann nichts über das Wesen der Wirklichkeit aussagen, ohne hierbei zugleich sich selbst und sein eigenes Wesen mitauszusprechen. Aber zwischen dem, was auf diese Weise » ex analogia hominis« und dem, was » ex analogia universi« gilt, besteht für Goethe kein schroffer Gegensatz. Das Besondere unterliegt ewig dem Allgemeinen; das Allgemeine hat ewig sich dem Besondern zu fügen: so stellen beide nur, indem sie sich wechselseitig bestimmen und ineinander reflektieren, die Eine ungebrochene Wahrheit des Seins dar. Wer eines der beiden Momente auf Kosten des andern zu verkürzen oder ganz zu unterdrücken sucht, der verkürzt damit eben diese Wahrheit selbst. Alle künstlichen und mittelbaren Veranstaltungen, durch die wir versuchen, uns über die spezifische Bedingtheit unserer Empfindung und unserer körperlichen Organe zu erheben, führen daher zuletzt in die Irre. Mikroskope und Fernrohre verwirren eigentlich den reinen Menschensinn, statt ihn zu schärfen und ihn in der ihm zugemessenen Sphäre lebendig und tüchtig zu machen. Von diesem Standpunkt fordert Goethe, daß die Phänomene »ein für allemal aus der düstern empirisch-mechanisch-dogmatischen Marterkammer vor die Jury des gemeinen Menschenverstandes gebracht werden«. Und als das größte Unheil der modernen Naturlehre sieht er es an, daß man die Experimente gleichsam vom Menschen abgesondert habe, da doch der Mensch selbst der genaueste physikalische Apparat sei Naturw. Schr. XI, 118, vgl. Maximen 199, 430, 502.. »Was ist denn eine Saite und alle mechanische Teilung der selben gegen das Ohr des Musikers? Ja man kann sagen: was sind die elementaren Erscheinungen der Natur selbst gegen den Menschen, der sie alle erst bändigen und modifizieren muß, um sie sich einigermaßen assimilieren zu können?« Maximen 708. Die volle Entfaltung des reinen Menschensinns gibt für uns erst den reinen Sinn der Welt – den einzigen, der uns wahrhaft faßbar und verständlich ist.

Damit hat sich die Trennung zwischen Goethes Naturansicht und der Naturansicht der mathematischen Physik in aller Schärfe vollzogen. Hier tritt uns eine Scheidung der Geister entgegen, die nicht auf geschichtlichen, sondern auf allgemein-sachlichen Bedingungen beruht, und die daher durch die Weiterbildung der exakten Naturwissenschaft nur ihre immer genauere Bestätigung empfangen hat. Man könnte freilich versucht sein, auch hier an eine Milderung des Gegensatzes zu glauben, wenn man die Stellung betrachtet, die eine bestimmte Richtung der Physik des 19. Jahrhunderts zur Empfindung einnimmt und die Art, in der sie ihren Erkenntniswert beurteilt. Wird einmal – wie in der Machschen Erkenntnistheorie der Physik – die Empfindung als das letzte »Element« des Wirklichen anerkannt, – wird auch dem physikalischen Begriff letzten Endes die Aufgabe zugewiesen, die Empfindungen in ihrer Eigenart zu erfassen, sie zu klassifizieren und zu beschreiben, so scheint damit das Goethesche Ideal innerhalb der physikalischen Wissenschaft selbst anerkannt. Nur über die Mittel zu seiner Durchführung, nicht über das Ziel selbst scheint jetzt noch Streit herrschen zu können. Aber es handelt sich hier, wie eine schärfere Betrachtung lehrt, nur um einen trügerischen Ausgleich, der im Grunde auf einem bloßen Wechsel der Terminologie beruht. Die Machsche Auffassung der Physik läßt die Form und Struktur der physikalischen Begriffe unverändert, um nur in ihrer Bezeichnung und Benennung eine Änderung vorzunehmen. Wenn sie auf die Realität der Atome oder des Äthers verzichtet, so kann sie doch auf die Gültigkeit und auf die charakteristische Bedeutung der physikalischen Größenbegriffe – wie der Begriffe von Geschwindigkeit und Beschleunigung, von Masse und Energie, weiterhin etwa von Druck und Volumen, von Temperatur und Wärmekapazität usf. – niemals Verzicht tun. Denn Begriffe dieser Art sind es, die eine bestimmte Aussage erst zur physikalischen stempeln, die gleichsam die innere Form der Physik selbst ausmachen. In demselben Augenblick aber, in dem irgend ein derartiger Ausdruck zugelassen und angewandt wird, sind wir über das Gebiet der Empfindung hinausgegangen. Wir haben den Schritt vom bloß Empfindbaren zum streng und exakt Meßbaren vollzogen; und dieser Schritt enthält, genauer analysiert, alle allgemeinen Voraussetzungen des physikalischen Denkens, wie die besonderen Voraussetzungen bestimmter physikalischer Theorien in sich. Von einer Rückkehr zur Empfindung und ihrem unmittelbaren Bestand kann daher selbst bei denjenigen Physikern, die ihrer methodischen und erkenntnistheoretischen Stellung nach reine »Empiristen« sein wollen, keine Rede sein. In Wahrheit wird das »anthropologische«, das rein »menschliche« Element der Empfindung, je klarer die Physik ihre spezifisch logische Form erfaßt, mehr und mehr zurückgedrängt; ja es erscheint als die wesentliche, freilich niemals voll gelöste Aufgabe, dieses Element durch Elemente einer anderen logischen Gattung und Dignität vollständig zu ersetzen und abzulösen. »In der physikalischen Akustik, Optik und Wärmelehre – so urteilt Planck – sind die spezifischen Sinnesempfindungen geradezu ausgeschaltet. Die physikalischen Definitionen des Tons, der Farbe, der Temperatur werden heute keineswegs mehr der unmittelbaren Wahrnehmung durch die entsprechenden Sinne entnommen, sondern Ton und Farbe werden durch die Schwingungszahl bezw. Wellenlänge definiert, die Temperatur theoretisch durch die dem zweiten Hauptsatz der Wärmetheorie entnommene absolute Temperaturskala, in der kinetischen Gastheorie durch die lebendige Kraft der Molekularbewegung, praktisch durch die Volumenänderung einer thermometrischen Substanz bezw. durch den Skalenausschlag eines Bolometers oder Thermoelements; von der Wärmeempfindung ist aber bei der Temperatur in keinem Fall mehr die Rede … Ja, dieses Zurückdrängen des spezifisch sinnlichen Elements aus den Definitionen der physikalischen Begriffe geht so weit, daß sogar Gebiete der Physik, welche ursprünglich durch die Zuordnung zu einer bestimmten Sinnesempfindung als durchaus einheitlich charakterisiert werden, infolge der Lockerung des zusammenhaltenden Bandes in verschiedene ganz getrennte Stücke auseinanderfallen. Das beste Beispiel hierfür zeigt die Lehre von der Wärme. Früher bildete die Wärme einen bestimmten, durch die Empfindungen des Wärmesinns charakterisierten, wohl abgegrenzten einheitlichen Bezirk der Physik. Heute findet man wohl in allen Lehrbüchern der Physik von der Wärme ein ganzes Gebiet, die Wärmestrahlung, abgespalten und bei der Optik behandelt. Die Bedeutung des Wärmesinnes reicht eben nicht mehr hin, um die heterogenen Stücke zusammenzuhalten; vielmehr wird jetzt das eine Stück der Optik bezw. Elektrodynamik, das andere der Mechanik, speziell der kinetischen Theorie der Materie, angegliedert« M. Planck, Die Einheit des physikalischen Weltbildes, Lpz. 1909, S. 6 ff..

So weisen nicht nur die Ergebnisse der modernen Physik, sondern vor allem das methodische Regulativ, dem sie folgt, in eine der Goetheschen Anschauung geradezu entgegengesetzte Richtung. Wenn in Hinblick auf die metaphysischen Bestandteile der Naturlehre eine Annäherung zwischen beiden ersichtlich schien, so treten sie doch in ihren logischen Absichten, in dem spezifischen Erkenntniswillen, von dem sie beherrscht werden, alsbald wieder völlig auseinander. Die exakte Physik ersetzt, was sie an Mannigfaltigkeit und spezifischer Besonderung der einzelnen sinnlichen Gebiete verliert, durch die strenge gedankliche Einheit, die ihr Gesamtentwurf des Natursystems aufweist. Sie betrachtet die Gesamtheit der Erscheinungen, die für die unmittelbar-sinnliche Ansicht in verschiedene ungleichartige Stücke auseinanderfällt, als einen in sich zusammenhängenden, nach allgemeinen Gesetzen geordneten Komplex, dessen Elemente als mathematische einander homogen, weil durchgängig durcheinander meßbar, sind. Jetzt werden also nicht für die verschiedenen Gruppen von Phänomenen verschiedene »Bilder« ersonnen und als Bilder aneinandergereiht; – sondern es wird ein immer einheitlicheres System von Begriffen aufgestellt, die die Fähigkeit besitzen, alle Beziehungen, die zwischen irgendwelchen, noch so weit auseinanderliegenden anschaulichen Elementen möglich und setzbar sind, in einem einzigen intellektuellen Grundschema zu befassen. Demnach erscheint – um wiederum Planck zu zitieren – das Zukunftsbild, dem wir die exakte Physik immer bestimmter zustreben sehen, »gegenüber der bunten Farbenpracht des ursprünglichen Bildes, welches den mannigfachen Bedürfnissen des menschlichen Lebens entsprossen war und zu welchem alle spezifischen Sinnesempfindungen ihren Beitrag beigesteuert hatten, merklich abgeblaßt und nüchtern und der unmittelbaren Evidenz beraubt«, aber es zeichnet sich ihm gegenüber durch seine durchgängige Geschlossenheit, durch die völlige systematische Verknüpfung aller Einzelzüge aus, die ihm seine allgemeine Geltung in bezug auf alle Orte und Zeiten, auf alle Forscher, alle Nationen und Kulturen sichert. Die neueste Entwicklung der modernen Physik hat diese Auffassung mehr und mehr bestätigt. Die Ausbildung der Relativitätstheorie zeigt, wie der Prozeß der Ablösung von der Besonderheit der anschaulichen Elemente über die Empfindung hinaus auf die »Formen der reinen Anschauung«, auf Raum und Zeit selbst übergreift. Was beide ihrem unmittelbaren psychologischen Bestände nach sind, das tritt für die physikalische Theorie immer mehr zurück. Für diese Theorie kommen Raum und Zeit nicht mehr als irgendwelche spezifische Inhalte, sondern nur noch in ihrer allgemeinen Funktion, in der Bedeutung für die Gleichungssysteme der Physik in Betracht. Sie verlieren alles losgelöste Dasein und alle losgelöste Inhaltlichkeit, um lediglich nach ihrer intellektuellen Leistung für die Herstellung des einheitlichen physikalischen Weltbilds gewürdigt zu werden; sie verblassen, anschaulich betrachtet, zu bloßen Schemen. Hätte Goethe diese Entwicklung der Physik erlebt, so hätte er ihr gegenüber vermutlich noch schärfer empfunden und betont, daß sie den »reinen Menschensinn« zu verwirren drohe – und doch liegt sie andererseits durchaus auf dem logischen Wege, den die mathematische Naturwissenschaft von ihren ersten sicheren Anfängen an beschritten hat Näheres in m. Schrift »Zur Einstein'schen Relativitätstheorie. Erkenntnistheoretische Betrachtungen«, Berlin 1921.. Die allgemeine Erkenntniskritik muß versuchen, diesen Weg nicht nur in seinen einzelnen Phasen zu verfolgen, sondern ihn auch nach seinen letzten Zielen zu verstehen: – aber sie kann sich andererseits freilich der Frage nicht entziehen, ob es neben ihm und unabhängig von ihm nicht noch andere Methoden der Darstellung des sinnlich-anschaulichen Gehalts der Erscheinungen gebe; Methoden, die auf ein Verfahren der Objektivierung hinweisen, das der mathematischen Physik als solcher notwendig fremd bleibt. Hier erst eröffnen sich die tieferen Probleme und Aufgaben, die in dem Gegensatz zwischen Goethe und der mathematischen Physik enthalten sind, und von hier aus bestimmt sich zugleich der Gesichtspunkt, von dem aus sie ihrer Lösung entgegengeführt werden können.

IV

Es ist ein bequemes, oft angewandtes Auskunftsmittel, den Streit zwischen Goethe und der Naturwissenschaft dadurch zu entscheiden, daß man die Leistung Goethes als eine solche der dichterischen Phantasie ansieht und sie damit zugleich anerkannt und – abgetan zu haben glaubt. Der exakten Wissenschaft wird dabei der Vorrang der Objektivität und der »Wahrheit« zugestanden: aber zugleich tritt man für das Recht des Künstlers ein, die Welt nicht nur im Begriffe zu erfassen, sondern sie zugleich mit dem subjektiven Gefühl zu durchdringen und sie aus diesem Gefühl heraus umzubilden. In Wahrheit bleibt jedoch eine solche Lösung des Konflikts durchaus an der Oberfläche der Frage haften: denn sie setzt eine Ansicht der künstlerischen Phantasie voraus, die Goethe völlig fern liegt, ja die durch ihn im eigentlichsten Sinne überwunden wird. Dem »Imaginativen«, wie es hier verstanden und wie es der Betrachtung des Wirklichen gegenübergestellt wird, hat Goethe schon als Dichter, geschweige denn als Forscher widerstrebt. Er spricht es freilich aus, daß ohne Einbildungskraft kein wahrhaft großer Naturforscher gedacht werden könne; aber es war eine »exakte sinnliche Phantasie«, es war eine »Phantasie für die Wirklichkeit des Realen«, die er dabei im Auge hatte, und die er für sich selbst in Anspruch nahm. So erschien es ihm immer und überall als der Grundfehler jeder Naturansicht – mochte sie ihm nun in der Kunst oder in der Wissenschaft entgegentreten –, wenn sie versuchte, Elemente, die in der Wirklichkeit himmelweit entfernt sind, »in düsterer Phantasie und witziger Mystik« zu verknüpfen: – wenn sie sich von der Regel und Leitung des Gegenständlichen löste und sich irgend einer subjektiven »Manier« der Betrachtung überließ S. Das Sehen in subjektiver Hinsicht. Naturw. Schr. XI, 275.. In der Tat ist von einer solchen Subjektivität auch in der Durchführung der Goetheschen Farbenlehre nicht das Geringste zu spüren. Beobachtung und Schlußfolgerung, Experiment und Theorie reiht sich in den vorzüglichsten Teilen der Farbenlehre in strenger lückenloser Folge aneinander. Die Phänomene stellen sich in deutlicher objektiv-faßbarer Weise vor uns hin; die Bedingungen, unter denen sie erzeugbar sind, sind genau angegeben, so daß sie in ihren Einzelheiten sachlich nachgeprüft werden können. In diesem Sinne der durchgängigen Bestimmtheit der Erscheinungen und ihrer Unabhängigkeit von aller individuellen Willkür ist die »Welt des Auges«, die die Farbenlehre vor uns erstehen läßt, der Welt der Ätherschwingungen, wie sie der Physiker vor uns hinstellt, durchaus gewachsen. Goethes Interesse ist freilich, neben der rein theoretischen Entwicklung, der ästhetischen Seite der Phänomene dauernd zugewandt. Fragen des malerischen Kolorits sind es gewesen, die ihn ursprünglich zur Farbenlehre hingeführt haben, und über den Gefühls- und Stimmungswert der einzelnen Farben, über ihre »sinnlich-sittliche Wirkung« hat er die reichsten und tiefsten Betrachtungen angestellt. Daß dagegen die Beobachtung der Erscheinungen selbst, daß die Anordnung der einzelnen Versuche auf streng objektivem Grunde ruhen muß, daß sie durch keine individuelle Reflexion oder Phantasie gestört und durchbrochen werden dürfe, stand für ihn unverbrüchlich fest. Wäre es anders gewesen, so hätte er sich selbst als einen Dilettanten in der Naturforschung bekennen müssen. Denn eben dies bezeichnet für ihn den Dilettanten, daß er »den Charakter des Objekts flieht«, daß er statt den Gegenstand selbst zu geben immer nur sein Gefühl über den Gegenstand gibt. In dieser Hinsicht haben, wie Goethe hinzufügt, alle dilettantischen Geburten einen pathologischen Charakter. Von einem solchen pathologischen Charakter ist Goethes Farbenlehre völlig frei: die Kraft und Reinheit von Goethes »gegenständlichem Denken« hat sich auch in ihr in mustergültiger Weise bewährt.

Zutreffender als der Hinweis auf die dichterische Subjektivität Goethes scheint dagegen eine andere Grenzscheidung zu sein, die sich selbst ganz innerhalb des objektiven Gebiets hält. Überblickt man das Ganze von Goethes Leistung in der Farbenlehre, so scheint das, was diese Lehre an dauerndem Ertrag ergeben hat, fast ausschließlich dem Bereich der Physiologie anzugehören. Der methodische Widerstreit, in dem Goethe sich von Anfang an zur exakten Physik fühlte, scheint damit sogleich erklärt und durch diese Erklärung beseitigt zu sein. Das tragische Mißverständnis Goethes hätte alsdann darin bestanden, daß er das Gebiet, in dem alle seine Forschungen sich bewegten, sich selbst nicht klar zu bestimmen und nicht systematisch abzugrenzen wußte. Hätte er von Anfang an die Unterscheidung zwischen der physikalischen und physiologischen Betrachtungsweise mit Sicherheit vollzogen und sie mit Bewußtsein festgehalten, so wäre ihm, wie es scheint, der aufreibende Kampf gegen Newton erspart geblieben: es hätte sich zeigen müssen, daß es nicht dieselben Erscheinungen und nicht die gleichen Probleme sind, auf die die Farbenlehre und die Newtonische Optik ausgehen. Die Betrachtungsweise Goethes und seine einzelnen Versuche zielen überall auf die neue Wissenschaft der physiologischen Optik, die später, unter seiner unmittelbaren persönlichen Anregung, von Purkinje und Johannes Müller begründet wurde. Johannes Müller hat es bei Übersendung seiner »vergleichenden Physiologie des Gesichtsinns« an Goethe ausdrücklich bekannt und hervorgehoben, daß Goethes Forschungen ihm viele Jahre lang »Institutionen sowohl der Methode als des Inhalts für seine Bestrebungen« gewesen seien. In der Tat sind wichtige physiologische Grundphänomene, wie die Erscheinung des successiven und simultanen Kontrastes, der farbigen und farblosen Nachtbilder usf. in der »Farbenlehre« zum erstenmal festgestellt und von einem einheitlichen Prinzip aus gedeutet worden. Nichtsdestoweniger wird man der methodischen Grundabsicht Goethes nicht gerecht, wenn man sie in diesem Kreise wesentlich beschlossen glaubt. Die grundlegenden physiologischen Erkenntnisse der »Farbenlehre« lagen auf dem Wege Goethes, aber sie bilden nicht das eigentliche und letzte Ziel, das ihm vor Augen stand. Denn seine Absicht war nicht sowohl auf die Erschließung und Durchforschung neuer Teilgebiete der Natur, als vielmehr auf eine neue Gesamtansicht von ihr gerichtet. Das Entscheidende liegt bei ihm nicht in der Besonderheit der Gegenstände und Phänomene, die betrachtet werden, sondern in der Art und Richtung der Betrachtung selbst; – nicht in dem speziellen Objektkreis, sondern in dem eigentümlichen Blickpunkt, unter den hier das Ganze der Naturerscheinungen gestellt wird. Um diese charakteristische Einheit des Blickes vom erkenntniskritischen Standpunkt aus zu bestimmen und zu würdigen: dazu muß freilich der allgemeine Grundriß der Erkenntnistheorie zuvor eine Erweiterung erfahren. –

Alle dogmatischen Theorien der Erkenntnis weisen – so sehr sie sich übrigens im einzelnen unterscheiden mögen – den gemeinsamen Grundzug auf, daß der »Gegenstand« in ihnen als ein Feststehendes und Gegebenes behandelt wird. Das Ding ist in absoluter und eindeutiger Bestimmtheit vorhanden; – und die Aufgabe des Wissens besteht darin, von ihm ein immer vollkommeneres und adäquateres Bild zu entwerfen. Für die empiristische Ansicht setzt sich dieses Bild im Fortgang der Erfahrung Stück für Stück aus seinen einzelnen Bestandteilen zusammen; für den Rationalismus ist es in seinen allgemeinen Grundzügen im voraus im Geiste entworfen. Aber immer ist es die »Übereinstimmung mit dem Seienden«, die hier als Kriterium der Wahrheit der Begriffe gedacht wird. Es besteht ein letzter Vergleichspunkt für alle Erkenntnisse, aus so verschiedenen Quellen sie stammen, – ein »Original«, an dem sie sämtlich gemessen werden können. In der gemeinsamen Beziehung auf dieses Urbild besitzen die verschiedenen Elemente und Methoden der Erkenntnis von Anfang an die Gewähr ihrer inneren sachlichen Einheit. Sie stehen zu einander in einem Verhältnis der Ergänzung und teilen gleichsam das Eine Sein untereinander auf. Jede von ihnen ergibt nur einen bestimmten Ausschnitt des Seins; aber alle diese Bruchstücke setzen sich, richtig verbunden und aneinandergefügt, wieder zu einem vollständigen, in sich übereinstimmenden Gesamtbild zusammen.

Eine völlig andere Ansicht über das Verhältnis vom Denken und Sein, und damit auch über die Beziehung der einzelnen Methoden und Grundrichtungen der Erkenntnis selbst ergibt sich für die Denkart der kritischen Philosophie. Denn für sie wird der »Gegenstand«, der vorher als das Bekannte galt, zum Gesuchten; in ihr wird, was vorher als Anfangspunkt des Wissens angesehen wurde, als sein Endpunkt, als sein unendlich-fernes Ziel bestimmt. Nicht der absolute Gegenstand kann das Grundmaß bilden, nach dem das Wissen sich zu richten hat und von dem es seine Beglaubigung und Bestätigung empfängt: sondern im Wissen selbst muß ein immanentes Kriterium aufgewiesen werden, durch welches es seiner Gesetzlichkeit und Notwendigkeit und damit seiner objektiven Geltung versichert wird. Indem wir die logische Regel, der das Wissen in seinen verschiedenen Stufen und Phasen folgt, in all ihren mannigfachen Äußerungen vor uns hinstellen, entsteht damit für uns der Gedanke der Einen in sich zusammenhängenden Wirklichkeit. Damit ist die »Copernikanische Drehung« vollzogen, die die Bewegung, statt sie den Gegenständen zuzuschreiben, in den Zuschauer verlegt. Das Ding bewegt sich nicht mehr um die Erkenntnis herum, um ihr successiv verschiedene Teile seines Wesens zu offenbaren, sondern die Erkenntnis selbst ist es, die sich als Synthesis, d. h. als notwendiger Fortschritt zu neuen Elementen und Methoden begreift und die in diesem Fortschritt den Umriß des Seins immer reiner und bestimmter verzeichnet. So beginnt die transzendentale Frage, die sich »nicht sowohl mit Gegenständen, als mit unserer Erkenntnisart von Gegenständen, sofern diese a priori möglich sein soll« beschäftigt, mit den Axiomen und Prinzipien, die sich im Aufbau der reinen Geometrie und der reinen Arithmetik als wirksam erweisen; – aber sie bleibt bei diesen Prinzipien, sie bleibt bei den »Formen der Anschauung« nicht stehen. Die Gestaltung der reinen Mathematik setzt sich in die der Physik fort, in der sie nun zugleich eine Erweiterung in neuen Regeln und Grundsätzen erfährt. Und wiederum treten, wenn wir rein dem Fortgang dieser Regeln folgen, wenn wir das Gebiet der mathematischen Physik nach allen Seiten durchschreiten, an der Grenze dieses Gebiets von selbst neue Probleme auf, die uns zu den Methoden der beschreibenden Naturwissenschaft und zu den Grundfragen der organischen Natur weiterleiten. In diesem gesetzmäßigen Aufbau der Erkenntnis, in der Stufenfolge von Anschauung, Verstandesbegriff und Idee wird für uns alle empirische Wirklichkeit erst faßbar. Das Sein geht für uns in das System der möglichen Erfahrung auf; dieses aber erschließt sich uns, indem wir uns die reine Form der Erfahrung und den Zusammenschluß aller ihrer einzelnen Bedingungen zum Bewußtsein bringen. So bleibt der Gedanke der Einheit der Erfahrung der eigentliche Leitgedanke: aber es ist nicht mehr die Einheit eines starren und fertigen Dinges, sondern die transzendental-logische Einheit der Erkenntnisfunktion als solcher, worauf die Betrachtung abzielt.

Aber auch damit ist nun freilich, wie man erkennen muß, der Umfang wie der Inhalt der neuen Grundfrage, die Kant gestellt hat, bei weitem noch nicht ausgemessen. Es macht Kants eigentliche geschichtliche Kraft und Größe aus, daß er das Problem der Erfahrung als das Problem der mathematischen Naturwissenschaft denkt; – daß er die Wissenschaft Newtons als das feststehende »Faktum« nimmt, auf welches sich seine transzendentale Analyse bezieht. Nur auf diesem Wege vermochte er die Mängel des herkömmlichen philosophischen Empirismus, der in Wahrheit Sensualismus war, zu überwinden; vermochte er an der Erfahrung selbst die logische Notwendigkeit ihrer Struktur bloßzulegen. Aber dieser geschichtliche Ansatzpunkt der kritischen Frage darf mit ihrem bleibenden methodischen Gehalt nicht verwechselt werden. Diese Frage wendet sich an die Form der Wissenschaft schlechthin, – nicht an die Besonderheit des Newtonischen Systems der Mechanik. Wir übersehen heute die gewaltige, bis in die letzten Tiefen dringende Umbildung, die dieses System durch die Entwicklung der Physik in den letzten hundert Jahren erfahren hat. Nicht nur die Anschauungen über die Materie und die fernwirkenden Kräfte, von denen es ausgeht, sondern auch seine ersten Grundbegriffe von Raum, Zeit und Bewegung scheinen durch die moderne Gestaltung, die die Physik, sowohl in der Energetik, als in der allgemeinen Relativitätstheorie erfahren hat, erschüttert. Und wie das klassische System der Mechanik, so hat auch das klassische System der Geometrie allmählich seine Alleinherrschaft verloren. An die Stelle der Euklidischen Geometrie, an die Stelle eines einzigen Inbegriffs geometrischer Grundbegriffe und Axiome, sind verschiedenartige Axiomgruppen getreten, deren jede beansprucht, einen in sich geschlossenen und widerspruchslosen Aufbau der Geometrie zu gewährleisten. Das Studium dieser Axiomgruppen und der Versuch der genaueren Bestimmung ihrer logischen Eigenart hat auch der allgemeinen Erkenntniskritik eine wesentliche Anregung und Förderung gebracht. Überall sieht dies sich jetzt verglichen mit Kant, vor eine größere Mannigfaltigkeit und Vielgestaltigkeit fundamentaler Erkenntnistatsachen gestellt. Aber diese Erweiterung innerhalb des theoretisch-logischen Gebiets ist nicht die einzige, mit der sie zu rechnen hat; – sondern gleichzeitig mit ihr muß sie einen anderen Fortgang anerkennen, der ihre Grenzen über dieses Gesamtgebiet hinaus verschiebt.

Der Begriff der Einheit des Bewußtseins, der Einheit der transzendentalen Apperzeption bezieht sich in der Prägung, die die Kritik der reinen Vernunft ihm gibt, zunächst ausschließlich auf die Grundlegung der Erfahrungserkenntnis. Die »Einheit der Apperzeption« fällt mit der Einheit der synthetischen Grundsätze zusammen; diese aber sind nichts anderes als die »Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung« und damit zugleich die Bedingungen der Möglichkeit jedes empirischen Gegenstands. Der Grund zu dieser Einschränkung liegt auf der Hand: es handelt sich vor allem darum, die kritische Untersuchung gegen jedes »Überfliegen« der Spekulation zu sichern und ihr in der Beziehung auf die Methoden der theoretischen Wissenschaft einen festen Halt zu geben. Aber freilich zeigte sich jetzt zugleich, daß Kant selbst, indem er von der Kritik der reinen Vernunft zur Kritik der praktischen Vernunft und zur Kritik der Urteilskraft weiterschritt, indem er die Probleme der Naturteleologie, sowie der Ethik und Ästhetik in seine Betrachtung einbezog, diesen Fortschritt nur durch eine Änderung des ursprünglichen Grundrisses zu erreichen vermochte. Der Kreis der reinen Anschauungen und der reinen Verstandesbegriffe, der bisher durch den Ausdruck der Einheit des Bewußtseins allein umfaßt war, weitet sich: die »synthetische Einheit« der Apperzeption geht in die »systematische Einheit« der Vernunftbegriffe und Ideen über. Der Begriff des Transzendentalen selbst hat sich damit wieder aus der ausschließlichen Beziehung zur Theorie, und insbesondere zu Newtons mathematischer Naturwissenschaft, herausgelöst. Er wird überall dort anwendbar, wo es sich überhaupt um Formen geistiger Gesetzlichkeit handelt, aus denen sich eine objektive Auffassung und ein objektiver Aufbau der »Wirklichkeit« ergibt. Wird aber die Frage wieder in dieser ihrer umfassenden Bedeutung gestellt, so weist sie auf einen Problemkreis hin, der innerhalb des Kantischen Systems nicht mehr zur Bezeichnung und Bearbeitung gelangt ist. –

Denn die »Copernikanische Drehung«, von der Kant ausgeht, erstreckt sich ihrer wesentlichen Grundabsicht nach nicht lediglich auf die Gesamtheit der reinen Erkenntnisfunktionen. Überall wo eine schöpferische Tätigkeit des Geistes vorliegt, aus der eine bestimmte Seinsgestaltung hervorgeht, läßt sich fragen, ob in der Untersuchung und Analyse dieses Sachverhalts mit diesem »Sein« begonnen oder ob auf das Tun selbst, als das eigentlich Ursprüngliche, zurückgegangen werden soll. Für Kant sind es wesentlich drei große Grund- und Hauptformen, in denen er diese Spontaneität des Geistigen im allgemeinen beschlossen und erschöpft sieht: der Autonomie des Logischen, die sich zum Begriff der Natur und der Naturerkenntnis entfaltet, steht die Autonomie des Sittlichen, die sich im Gedanken der Freiheit gründet, gegenüber und beide vermitteln und versöhnen sich miteinander im Bereich der Kunst und der künstlerischen Selbsttätigkeit. Auch diese Dreiteilung erschöpft indessen nicht den gesamten Inbegriff der geistigen Energien und enthält nicht alle seine charakteristischen Gliederungen und Besonderungen. Wir brauchen, um dies zu zeigen, nur auf die Welt der Sprache, als bezeichnendes und prägnantes Beispiel zu verweisen. Seit Wilhelm von Humboldts Grundlegung der allgemeinen Sprachphilosophie hat sich die kritische »Revolution der Denkart« auch auf diesem Gebiet durchgesetzt. Die Sprache erscheint jetzt nicht mehr als »Ergon«, sondern als »Energeia«; nicht mehr als die bloße Wiedergabe eines Vorhandenen, sondern als eine reine Funktion, kraft deren wir uns die Welt von innen her aufbauen und ihr eine bestimmte geistige Prägung geben. Die metaphysischen Theorien über den Sprachursprung – mochten sie diesen Ursprung nun auf menschliche Erfindung oder auf göttliche Lehre zurückleiten – stimmten darin überein, daß sie die Sprache als Abdruck eines gegebenen fertigen Daseins nahmen. Sie standen auf dem Boden der allgemeinen Abbildtheorie: wie die »Vorstellung« das Ding nachahmt und es in seinen Grundzügen wiederholt, so sollte die Sprache die Verhältnisse des Seins ausdrücken und bezeichnen. Wilhelm von Humboldt erst setzt an Stelle dieser Ansicht die tiefere Auffassung, nach welcher die Sprache nicht sowohl der Bezeichnung vorhandener Objekte dient, als vielmehr ein unentbehrliches Grundmittel der Objektivierung selbst ist. In ihr und durch sie vollzieht sich für uns erst die Scheidung von Ich und Nicht-Ich, von »Innen« und »Außen«, von »Vorstellung« und Wirklichkeit Näheres hierüber s. in m. Aufsatz: Die Kantischen Elemente in Wilhelm v. Humboldts Sprachphilosophie (Festschrift zu Paul Hensels 60stem Geburtstag 1924).. Humboldt verfolgt, in der Vorrede zum Kawie-Werk, diesen Prozeß gleichsam nach dem Inneren des Sprachbaus hin: er sucht zu zeigen, wie die allgemeine geistige Aufgabe, die der Sprache als solcher gestellt ist, von den mannigfachen besonderen Sprachtypen mit verschiedenen Mitteln und in verschiedenen Stufen der Vollkommenheit gelöst wird. Aber neue Problemreihen treten nun sogleich hervor, wenn wir die Sprachform nicht, wie hier, in ihrer eigenen inneren Entwicklung, sondern in ihrem Verhältnis zu den anderen geistigen Gebieten und Funktionen erfassen. Wie verhält sich etwa die charakteristische Form des sprachlichen Denkens und des sprachlichen Begriffs zur Form des wissenschaftlichen Begriffs und der wissenschaftlichen Erkenntnis? Was ist es, das beide mit einander verknüpft und das beide gegeneinander absondert? Welches ist die Rolle, die die Sprache im Aufbau und in der Ausgestaltung des Mythos und der mythischen Weltansicht spielt? Auf alle diese Fragen läßt sich offenbar keine zureichende Antwort erteilen, solange wir rein innerhalb des sprachlichen Kreises stehen bleiben; sondern hier müssen wir ein umfassendes Bezugssystem, einen Inbegriff der geistigen Grundfunktionen überhaupt, voraussetzen, in welchem wie der Sprache, so auch jedem andern Einzelglied sein idealer Ort bestimmt werden muß. Da das »Wirkliche« für uns, gemäß der idealistischen Einsicht, nicht anders als in diesen Funktionen zu erfassen ist, da Sprache und Mythos, Kunst und Religion, da mathematisch-exakte und empirisch-beschreibende Erkenntnis für uns nur gleichsam verschiedene symbolische Formen sind, in denen wir die entscheidende Synthese von Geist und Welt vollziehen: so gibt es für uns »Wahrheit« nur insofern, als wir jede dieser Formen in ihrer charakteristischen Eigenart begreifen und uns zugleich die Wechselbezüglichkeit vergegenwärtigen, in welcher sie mit allen andern zusammenhängt.

Will man die Darstellung dieser Zusammenhänge noch unter den Begriff der »Erkenntnistheorie« befassen, so nimmt doch jetzt dieser Begriff einen weiteren und umfassenderen Sinn an. Denn jetzt handelt es sich nicht nur um die Theorie und Methodik des wissenschaftlichen Denkens, sondern um den Versuch eines Überblicks über alle Mittel und Wege, vermöge deren sich uns die Wirklichkeit überhaupt zu einem bedeutungs- und sinnvollen Ganzen, zu einem geistigen »Kosmos« gestaltet. Jetzt ist es daher nicht lediglich die Kritik des »Verstandes«, sondern die Analyse aller Grundformen des Weltverständnisses überhaupt, die als allgemeines Ziel vor uns steht. Und damit hat sich die Aufgabe für uns noch nach einer anderen Seite hin erweitert. Der Bestand und Gehalt jeder besonderen Funktion kann nur dadurch zur vollständigen Darstellung kommen, daß wir ihn in einer fortschreitenden Stufenfolge vor uns entwickeln. Was z. B. die Sprache ist und leistet: das tritt erst ganz hervor, wenn wir diese Leistung nicht auf einen bestimmten Einzelbezirk des Geistigen beschränkt, sondern, wenn wir sie als durchwirkend durch alle geistigen Gebiete denken. Es muß gezeigt werden, was die Sprache für das primitive Denken und für das »natürliche Weltbild« und was sie für die exakte wissenschaftliche Erkenntnis bedeutet; – es muß zur Darstellung kommen, wie sie als integrierender Faktor in die Welt der Dichtung eingeht und deren Grundbestand wesentlich mitbestimmt, und wie sie in ihr mit den neuen Möglichkeiten des Ausdrucks auch einen neuen Ausdruckssinn gewinnt. Ihr eigener Bau wird ein anderer; ihre Grammatik und ihre Formgesetze erfahren eine charakteristische Umgestaltung, je nachdem sie im Dienst der Zwecke des täglichen Lebens oder im Dienst bestimmter logischer Erkenntniszwecke oder als Organ der lyrisch-dichterischen Empfindung erscheint. Eine analoge Mannigfaltigkeit und Vielgestaltigkeit läßt sich z. B. auf dem Gebiet des mythischen Denkens und der mythischen Phantasie verfolgen – denn auch der Mythos ist keine bloß »primitive« Denk- und Bewußtseinsform, die auf den höheren Stufen völlig verschwindet, sondern, wie er der eigentliche Schöpfer der ersten Welt- und Naturbegriffe ist, so wirkt er auch in anderen geistigen Grundformen – in der Religion, in der Kunst, ja selbst in der wissenschaftlichen Erkenntnis beständig weiter. Die Funktion des Mythischen als solche erweist sich als beharrlich und gleichbleibend; aber sie besitzt neben dieser Konstanz zugleich eine innere Bestimmbarkeit und Wandelbarkeit. Sie gibt, indem sie mit andern Formen der Weltauffassung zusammentrifft und sich mit ihnen verknüpft, ihnen gegenüber ihre Grundrichtung nicht auf; aber diese empfängt nichtsdestoweniger aus jedem neuen geistigen Komplex, in den sie eintritt, zugleich eine neue Determination. –

Und damit wird die allgemeine Theorie der Formen, deren Umriß wir hier anzudeuten versuchen, vor ein weiteres Problem geführt. Jede einzelne Bewußtseinsgestalt schließt je nach dem besondern systematischen Umkreis, in welchem sie steht, einen verschiedenen Gehalt und eine wechselnde Bedeutung in sich. Wir versuchen diesen Sachverhalt – man könnte ihn als »geistigen Bedeutungswandel« bezeichnen – an einem einzelnen charakteristischen Beispiel: am Beispiel des Raumes zu erläutern. Der »Raum«, den wir in der unmittelbaren Sinnenanschauung erfassen; der Raum, den die reine Mathematik ihren Konstruktionen zugrunde legt und schließlich der Raum, der als reines Gestaltungsprinzip in den bildenden Künsten wirksam ist – ist offenbar nicht ein und dasselbe Gebilde und ein und dieselbe geistige »Wesenheit«. Die Einheit des Namens kann hier über die Differenz des Inhalts nicht hinwegtäuschen. Schon im Gebiet der empirisch-sinnlichen Anschauung beginnen die charakteristischen Bedeutungsdifferenzen sich geltend zu machen. Vergleichen wir den reinen »Gesichtsraum« mit dem reinen »Tastraum«, stellen wir die Raumwelt des Blindgeborenen der des Sehenden gegenüber, so zeigt sich, wie beide in ihren Grundelementen von einander abweichen. Seit die philosophische Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts auf diese Unterschiede hingewiesen hat, sind sie in erkenntnistheoretischer und psychologischer Hinsicht immer genauer dargelegt worden. Geht man von hier aus weiter, schreitet man von dem Sinnen- und Wahrnehmungsraum zum rein geometrischen Raum fort, so tritt hier noch weit bestimmter hervor, daß mit ihm ein neues und eigenes Gestaltungsprinzip erreicht ist. Was den geometrischen Raum konstituiert, das sind die drei Grundforderungen der Homogeneität, der Stetigkeit und der Unendlichkeit. Wenn für den Standpunkt der Empfindung dem Unterschiede der »Orte« immer zugleich ein qualitativer Empfindungsunterschied entspricht, wenn hier insbesondere die räumlichen Grundrichtungen, wie die des »Oben« und »Unten« nicht miteinander vertauschbar sind, da den Bewegungen in diesen beiden Richtungen ganz verschiedenartige Komplexe und Folgen von Empfindungen zugeordnet sind – so beginnt der geometrische Raum damit, alle diese Unterscheidungen aufzuheben. Die »Gleichförmigkeit«, die er als Postulat an die Spitze stellt, bedeutet, daß von allen Punkten des Raumes, unbeschadet ihrer Lagedifferenzen, dieselben geometrischen Konstruktionen vorgenommen werden können. Auch innerhalb dieses allgemeinen kontinuierlichen und gleichförmigen geometrischen Raumes aber ergibt sich nun weiterhin eine logische Besonderung, je nachdem wir ihn in rein projektivem oder im metrischen Sinne betrachten, je nachdem wir ihn als Fundament für eine reine Geometrie der Lage oder für eine Geometrie des Maßes brauchen. Und wieder eine neue Rücksicht, wieder ein neuer Komplex von Erkenntnisbedingungen ist es, der den Raum der »abstrakten« Geometrie zum Raum der Bewegungslehre, zum physikalischen Raum erweitert. Hier ist es insbesondere die Form der Zeit, die ihrerseits auch auf die Gestaltung der Raumform zurückwirkt. Denn Raum und Zeit bilden im Aufbau der Physik nicht getrennte Wesenheiten, sondern sind nur in ihrer wechselseitigen Verknüpfung, – in ihrer »Union«, wie Minkowski es benannt hat – zu erfassen. Eine neue Phase der Entwicklung tritt uns sodann entgegen, wenn wir der empirisch-sinnlichen und der geometrisch-physikalischen Bedeutung des Raumes die ästhetische Raumansicht gegenüberstellen. Die Ästhetik der bildenden Künste stellt die Elemente fest, aus denen sich das reine Raumgefühl, im Unterschied zur empirischen Raumwahrnehmung und zum abstrakten Raumbegriff, aufbaut, und sie sucht zu zeigen, wie aus diesen Elementen die besonderen künstlerischen Raumformen – die Raumform der Malerei, der Plastik und der Architektur – erwachsen. Auch sie strebt nach der Anschauung einer Gesetzlichkeit; aber es ist eine Gesetzlichkeit von völlig anderer Prägung als wir sie in der empirisch-sinnlichen Ordnung oder in der geometrisch-physikalischen Ordnung erfassen.

Wir suchen jedoch all diesen Fragen hier nicht im einzelnen nachzugehen: denn wir betrachten sie an dieser Stelle nur als einen typischen Beleg für ein allgemeines Verhältnis. Wo der dogmatische Realismus die Einheit eines Dinges sieht, da stellt sich der idealistischen Denkart zunächst eine Mannigfaltigkeit von Betrachtungsweisen dar; wo jener eine konstante absolute Wesenheit sieht, die sich nur allenfalls für den Zuschauer in verschiedener Vollständigkeit und Treue reflektiert, da ist für diesen die Einheit des Gegenstands immer nur eine Forderung, die es allmählich durch die fortschreitende Einheit, die sich in den geistigen Grundfunktionen und für sie herstellt, zu erfüllen gilt. Für diese Auffassung besteht somit – um bei dem soeben erörterten Beispiel stehen zu bleiben – keine einheitliche Sache, kein einfaches dingliches Substrat, das sich mit dem Namen »Raum« bezeichnen läßt, und das nun in der Erfahrung und in der Geometrie, in der Wissenschaft wie in der künstlerischen Anschauung nur gleichsam von verschiedenen Seiten her und unter besonderen Perspektiven betrachtet wird; sondern das Recht, alle die verschiedenen Momente, deren Fortgang wir anzudeuten suchten, dennoch unter Einen Begriff und Eine Benennung zu fassen, liegt darin begründet, daß sie, als geistige Funktionen angesehen, einander ergänzen und sich bei all ihrer Verschiedenheit dennoch zu Einer Gesamtleistung zusammenschließen. So läßt sich freilich die konkret-lebendige Raumanschauung, die im Künstler wirksam ist, nicht auf abstrakte mathematische Werte reduzieren: aber die architektonische Einheit eines Gebäudes setzt nichtsdestoweniger die Anwendung der statischen Grundregeln voraus. Diese erschöpfen keineswegs den Gehalt des künstlerischen Raumgefühls, aber sie bilden einen Teil der Bedingungen, unter denen dieses Gefühl sich allein objektivieren und in festen Gestaltungen heraustreten kann. Eine analoge Betrachtung ließe sich für die Natur durchführen: »wäre die Natur – so sagt Goethe einmal – in ihren leblosen Anfängen nicht so gründlich stereometrisch, wie wollte sie zuletzt zum unberechenbaren und unermeßlichen Leben gelangen?« Maximen 705. Für die Philosophie aber, als die allgemeinste und umfassende Theorie der geistigen Formen, würde sich von hier aus die Aufgabe ergeben, jede dieser Formen zugleich in ihrer Individualität und in ihren systematischen Beziehungen zu erfassen, so daß in ein und derselben Bestimmung ihre Eigenart gesichert und ihre Stellung innerhalb der Gesamtreihe, innerhalb der Totalität der geistigen Auffassungsweisen, bezeichnet würde.

Kehren wir jetzt von diesen allgemeinen Betrachtungen wieder zu Goethe und zu seinem Verhältnis zur mathematischen Naturwissenschaft zurück, so haben wir nunmehr für die Beurteilung dieses Verhältnisses einen neuen Gesichtspunkt gewonnen. Wir begreifen jetzt, wie auch der Naturbegriff an jenem »Bedeutungswandel« Teil hat, den wir als durchgehendes Prinzip wirksam fanden: – wie also eine Mannigfaltigkeit von Naturbegriffen möglich ist, ohne daß die Objektivität des einen die des anderen schlechthin aufhebt und zunichte macht. An einer objektiven Einheit der Natur muß freilich auch hier festgehalten werden; aber diese Einheit bedeutet nicht mehr eine sachliche oder methodische Einerleiheit, sondern die ideelle systematische Verknüpfung, die zwischen übrigens verschiedenen Betrachtungsweisen besteht. Was die Natur der unmittelbaren sinnlichen Erfahrung von der Natur der exakten Wissenschaft, was den wissenschaftlichen Naturbegriff vom Naturbegriff des Mythos scheidet: das ist das charakteristische Auswahlprinzip, das in ihnen wirksam ist. Keiner dieser Begriffe bildet die konkrete Totalität der Erscheinungen einfach ab, sondern jeder hebt aus ihnen bestimmte Elemente als die entscheidenden und wesentlichen heraus; jeder gruppiert die Gesamtheit der Phänomene um gewisse geistige Mittelpunkte und ordnet sie verschiedenen Beziehungsflächen ein. Diese Grundformen der Betrachtung müssen zunächst in ihrer Eigenart beschrieben werden; jede von ihnen muß gleichsam durch einen bestimmten Stellenwert, durch einen charakteristischen Index bezeichnet werden, ehe wir daran gehen können, sie ihrer Leistung und ihrem Werte nach miteinander zu vergleichen. Das Urteil über diese Leistung hängt zunächst wesentlich davon ab, ob ein bestimmter Begriff der Natur sich innerhalb seines eigenen Kreises, innerhalb der von ihm selbst gestellten und abgesteckten Aufgaben bewährt. Jeder hat vorerst sein relatives Recht an den Erscheinungen selber zu erweisen, indem er an ihnen neue Seins-Momente entdeckt und neue, zuvor unentdeckte, Zusammenhänge und Verknüpfungen sichtbar macht. In dieser gedanklichen Fruchtbarkeit liegt das erste und notwendige Kriterium für seine objektive Bedeutung. Hier besitzen wir den Prüfstein, durch den die methodisch-gegründeten und legitimierten Begriffe von willkürlich-ersonnenen gedanklichen Bildungen geschieden werden. Denn es versteht sich von selbst, daß die Mannigfaltigkeit, die wir hier innerhalb des Naturbegriffs selbst erkennen, nicht etwa einen Freibrief für jede dieser Bildungen bedeutet. Die verschiedenen Prinzipien müssen ihre Probe an den Phänomenen, an ihrer Aufhellung, Deutung und »Erklärung« in irgend einer charakteristischen Hinsicht, erst bestehen. Es gibt Naturbegriffe, die zwar in sich selbst eine hinreichende methodische Bestimmtheit aufweisen, die aber vor dieser Probe versagen. Stellt man z. B. dem Naturbegriff, den Goethe in seinen morphologischen und in seinen optischen Untersuchungen zur Darstellung und Geltung bringt, den Naturbegriff der Schellingschen Naturphilosophie gegenüber: so erkennt man zwischen beiden, trotz aller unverkennbaren geschichtlichen Beziehungen, einen scharfen systematischen Wertunterschied. Schelling ist von der Goetheschen Grundanschauung ausgegangen; aber indem er es unternahm, sie im philosophisch-spekulativen Sinne auszumünzen, hat er damit ihre Eigenart vielmehr verdunkelt und ihre entscheidende Leistung abgeschwächt. Sein Begriff der Natur erweist sich bei schärferer Analyse als ein Zwitterding, als eine unhaltbare spekulative Mitte und Vermittlung zwischen der Goetheschen Intuition und den Forderungen einer rein theoretisch-begrifflichen Begründung und Ableitung. Noch deutlicher tritt dieser Grundmangel in Hegels Naturphilosophie hervor, die in der Natur nur die »Idee in ihrer Andersheit« erkennt, und die daher, statt ihren eigenen Gestaltungen und Zusammenhängen nachzugeben, von vornherein an Stelle derselben ein konstruktives Schema setzt, das einem ganz anderen Gebiet von Problemen entnommen ist. Wir begreifen vermöge dieser Gegenüberstellung, worin die Rechtfertigung des Goetheschen Naturbegriffs zuletzt allein bestehen kann. Diese Rechtfertigung kann nur am »objektiven« Dasein, nur an dem »realen« Zusammenhang der Erscheinungen erfolgen; aber zugleich gilt es einzusehen, daß eben dieser Zusammenhang weder von vornherein »gegeben«, noch daß er durch einen einzelnen methodischen Begriff ein für allemal erschöpfbar ist, sondern daß er erst durch eine Synthese verschiedenartiger gedanklicher Betrachtungsweisen und verschiedener methodischer Auswahlprinzipien zustande kommt.

Die entscheidende Differenz zwischen dem Prinzip der mathematischen Physik und dem der Goetheschen Naturbetrachtung hat sich uns nun bereits ergeben. Beide suchen die Isolierung der Einzelanschauung zu überwinden und eine durchgängige reihenmäßige Verknüpfung der Erscheinungen zu gewinnen; aber beide bedienen sich zur Herstellung dieser Verknüpfung völlig verschiedener Wege und Mittel. Das Verfahren der exakten Wissenschaft besteht im wesentlichen darin, die sinnlich-empirische Mannigfaltigkeit des Gegebenen auf eine andere, »rationale« Mannigfaltigkeit zu beziehen und sie in ihr vollständig »abzubilden«. Aber um diese Umbildung in der logischen Form zu erreichen: dazu muß die mathematische Physik zuvor die Elemente umgestalten, die in diese Form eingehen sollen. Die Inhalte der empirischen Anschauung müssen erst in reine Größen- und Zahlwerte umgesetzt worden sein, ehe sich von ihnen ein gesetzlicher Zusammenhang aussagen läßt; denn die allgemeine Bedeutung und das Grundschema des Naturgesetzes selbst setzt die Form der Kausal gleichung voraus. Goethe dagegen verlangt eine neue Weise der Verknüpfung des Anschaulichen, die den Gehalt eben dieser Anschauung als solcher unangetastet läßt. Er fordert, daß die Elemente selbst synthetisch zusammengeschaut werden: während in der exakten Wissenschaft die Synthese nicht sowohl sie selber, als vielmehr die begrifflichen und numerischen Repräsentanten betrifft, die wir an ihre Stelle setzen. Am klarsten tritt diese Auffassung vielleicht in seinem Verhältnis zur Meteorologie hervor. Daß die Witterungserscheinungen eine rein mechanische Erklärung zulassen und fordern, hat Goethe nicht bezweifelt; er selbst hat eine Hypothese ausgebildet, nach welcher das Sinken und Steigen des Luftdrucks mit periodischen Veränderungen mit der Anziehungskraft der Erde in Zusammenhang stehen sollte. Aber sein wesentliches Interesse ist nicht auf diese Form der Erklärung, sondern zunächst auf die schärfere Abgrenzung und auf die bestimmtere deskriptive Erfassung der Grundphänomene der Witterungskunde gerichtet. In der Unbestimmtheit der Wolkenbildungen sucht er vor allem gewisse typische, immer wiederkehrende Gestaltungen zu gewinnen, sucht er anschauliche Grundgebilde als die festen Orientierungspunkte herauszulösen. In dieser Hinsicht hat er Howards »Versuch einer Naturgeschichte und Physik der Wolken«, die ihm mit ihren terminologischen Unterscheidungen von »Stratus« und »Cumulus«, »Cirrus« und »Nimbus« zum Führer auf diesem Wege wurde, stets seinen lebhaften Dank bekundet:

»Die Welt, sie ist so groß und breit,
Der Himmel auch so hehr und weit.
Ich muß das Alles mit Augen fassen,
Will sich aber nicht recht denken lassen.

Dich im Unendlichen zu finden,
Mußt unterscheiden und dann verbinden;
Drum danket mein beflügelt Lied
Dem Manne, der Wolken unterschied.«

Darin liegt hier das Entscheidende: daß es ein und dieselbe Welt, daß es die gleichen Gebilde und Inhalte sind, die Goethe »mit Augen fassen« und die er in ideellen Zusammenhängen denken will. So klar er über den Unterschied von Theorie und unmittelbarer sinnlicher Erfassung der Phänomene ist, so bedarf doch für ihn die neue Ordnung, die durch die Theorie gestiftet wird, keines neuen abstrakten Substrats, wie es die Atome oder die Differentialien und Differentialgleichungen des Physikers sind. Die Methode Goethes und die des Physikers sind beide genetisch: aber es handelt sich in dem einen Falle um eine deskriptive, in dem andern um eine konstruktive Genese. Hier wird das Ganze einer Größe aus hypothetischen Größenelementen errechnet und aufgebaut; dort bleibt es als solches bestehen, um nur in seiner gesetzlichen Umbildung, in seinem Zusammenhang mit anderen anschaulichen Ganzheiten verfolgt zu werden. Der Weg führt nicht von der Erscheinung zu Bedingungen, die nur gedacht sind, selbst aber nicht mehr erscheinen können, sondern er geht von den abgeleiteten Phänomenen stetig bis zu einem Urphänomen zurück, vor dem sich Denken und Anschauen bescheiden, weil seine weitere Zerlegung seiner Vernichtung gleichkäme.

Damit ist sowohl der Zusammenhang, wie der Unterschied bezeichnet, der zwischen der Naturbetrachtung des Künstlers und der des Forschers Goethe besteht. Die Form von Goethes »gegenständlichem Denken« scheint rein und ausschließlich in seiner künstlerischen Eigenart gegründet: denn dieses Denken, das sich nicht von den Gegenständen trennt, sondern sich innigst mit ihnen durchdringt, um zu einer vollständigen Anschauung von ihnen zu gelangen, scheint, wenn irgend eines, mit der bildenden Grundkraft des Künstlers verschwistert, ja mit ihr einerlei zu sein. Aber trotz dieser wesentlichen Einheit trennen sich doch die Wege, die Goethe als Forscher und die er als Dichter geht. Für den Dichter, insbesondere für den Lyriker, wird die objektive Einzelanschauung immer nur zum Träger eines seelischen Gesamtprozesses. Er versenkt sich in die Besonderheit der Anschauung, er stellt sie in ihrem reinen und bestimmten Umriß hin, und je individueller und schärfer die objektive Einzelgestalt erfaßt wird, um so tiefer prägt sich nun in ihr zugleich die Unendlichkeit des subjektiven Gefühls, die Lebendigkeit und Bewegtheit des Ich aus. Wie dieser wechselseitige Zusammenschluß von Ich und Gegenstand, von Innen- und Außenwelt sich vollzieht: dafür ist Goethes Lyrik das reinste, das eigentlich klassische Beispiel. Die theoretische Naturbetrachtung indessen sucht den einzelnen Gegenstand und das einzelne Phänomen nicht in dieser reinen künstlerischen Ablösung auf, in der es gleichsam nur sich selbst gehört und rein in seinem eigenen Mittelpunkt ruht. Ihr Blick ist vielmehr von Anfang an auf das Medium gerichtet, in dem die besondere Erscheinung steht, und auf die Regel, durch die sie mit der Gesamtnatur zusammenhängt. Wo diese Verknüpfung nicht unmittelbar hervortritt, da muß sie kraft des Denkens hergestellt werden; nicht indem das Denken sich selbstherrlich erklärt und sich von der Beobachtung ablöst, wohl aber indem es die Beobachtung selbst auf einen stetigen und sicheren Weg lenkt. Das entscheidende theoretische Grundmittel hierfür ist der Versuch. Indem sich in ihm das Einzelne an das Ganze reiht, indem sich »Besonderes« und »Allgemeines« durchdringen, wird er damit zum wahrhaften »Vermittler zwischen Subjekt und Objekt«. Er zwingt die anfänglich einzelne Anschauung über sich selbst hinauszugehen und sich zu einem Gesamtbild der Natur zu erweitern. »In der lebendigen Natur – so spricht Goethe selbst dies in vollendeter Klarheit aus – geschieht nichts, was nicht in einer Verbindung mit dem Ganzen stehe, und wenn uns die Erfahrungen nur isoliert erscheinen, wenn wir die Versuche nur als isolierte Fakta anzusehen haben, so wird dadurch nicht gesagt, daß sie isoliert seien; es ist nur die Frage: Wie finden wir die Verbindung dieser Phänomene, dieser Begebenheiten? … Da alles in der Natur, besonders aber die allgemeinen Kräfte und Elemente in einer ewigen Wirkung und Gegenwirkung sind, so kann man von einem jeden Phänomen sagen, daß es mit unzähligen andern in Verbindung stehe, wie wir von einem freischwebenden leuchtenden Punkte sagen, daß er seine Strahlen nach allen Seiten aussende. Haben wir also einen Versuch gefaßt, eine Erfahrung gemacht, so können wir nicht sorgfältig genug untersuchen, was unmittelbar an ihn grenzt, was zunächst auf ihn folgt … Die Vermannigfaltigung eines jeden einzelnen Versuches ist also die eigentliche Pflicht eines Naturforschers … Ich habe in den zwei ersten Stücken meiner optischen Beiträge eine solche Reihe von Versuchen aufzustellen gesucht, die zunächst aneinander grenzen und sich unmittelbar berühren, ja, wenn man sie alle genau kennt und übersieht, gleichsam nur einen Versuch ausmachen, nur eine Erfahrung unter den mannigfaltigsten Ansichten darstellen. Eine solche Erfahrung, die aus mehreren anderen besteht, ist offenbar von einer höheren Art. Sie stellt die Formel vor, unter welcher unzählige einzelne Rechenexempel ausgedrückt werden. Auf solche Erfahrungen der höheren Art loszuarbeiten, halt ich für höchste Pflicht des Naturforschers, und dahin weist uns das Exempel der vorzüglichsten Männer, die in diesem Fache gearbeitet haben« Der Versuch als Vermittler von Objekt und Subjekt, Naturw. Schr. XI, 31 ff..

So strebt auch Goethe von der sinnlichen Erfahrung zu einer Erfahrung höherer Art, so zielt auch er, über das Einzelne und Besondere hinausgehend, auf eine »Formel« für die Naturerscheinungen hin. Aber der Unterschied zwischen dieser Formel und der Formel des Mathematikers liegt jetzt klar zu Tage. Die mathematische Formel geht darauf aus, die Erscheinungen berechenbar, die Goethesche, sie vollständig sichtbar zu machen. Alle Gegensätze zwischen Goethe und der Mathematik erklären sich aus diesem einen Punkte heraus. Denn es ist klar, daß das Ideal der vollendeten Sichtbarkeit und das der vollendeten Berechenbarkeit verschiedene methodische Mittel verlangen, und daß beide die Phänomene gleichsam unter verschiedener Entfernung und Perspektive betrachten müssen. Ein Instrument oder ein analytisches Begriffsmittel, das die Berechenbarkeit erst herstellt und gewährleistet, kann die Bedingungen der »Sichtbarkeit« – das Wort in seinem weitesten Sinne genommen – aufheben und zerstören. Goethe hat diesen Zusammenhang mit Vorliebe am ästhetischen Problem, am Phänomen der Schönheit entwickelt und erläutert. Schon aus dem Leipziger Liederbuch stammt das bekannte Gedicht von dem Jüngling, der die Libelle hascht, weil er ihr Farbenspiel aus der Nähe zu betrachten begehrt und der nun enttäuscht dies schöne Wechselspiel vor sich vergehen sieht: – »da hab' ich sie! da hab' ich sie! Und nun betracht ich sie genau Und seh ein traurig-dunkles Blau – So geht es Dir, Zergliedrer Deiner Freuden!« Aber wieder ist dieser Sachverhalt für Goethe nicht auf die Schönheit und auf die künstlerische Anschauung beschränkt, sondern greift auf das Gesamtgebiet des Wissens über. Denn auch alles Wissen geht letzten Endes auf Gestaltung der Wirklichkeit zurück: so daß die völlige Auflösung der Gestalt auch das Ende des Wissens bedeuten müßte. Der Gedanke muß die Form des »wahren Scheins« ehren, wenn er sich selbst in seiner Geltung und Wahrheit behaupten will. Es gibt eine bestimmte Entfernung von der Wirklichkeit, die wir innehalten müssen, weil sich, jenseits von ihr, ihr Bild für uns verwischen und sie daher unkenntlich und unwißbar werden würde. »Wir würden gar vieles besser kennen – so sagt Goethe einmal – wenn wir es nicht zu genau erkennen wollten. Wird uns doch ein Gegenstand unter einem Winkel von fünfundvierzig Graden erst faßlich« Maximen 501..

Eben dieses Gleichnis aber, das wie dazu geschaffen ist, das Recht und die Eigenart der Goetheschen Naturbetrachtung zu verdeutlichen, kann zugleich dazu dienen, auf die immanente Schranke dieser Betrachtung hinzuweisen. Denn der Gesichtswinkel, unter dem die Natur betrachtet werden will, ist keine feste, sondern eine nach der Besonderheit des Erkenntniszieles und des Erkenntniswillens veränderliche Größe. »Kenne ich mein Verhältnis zu mir selbst und zur Außenwelt« – so erklärt Goethe – »so heiß' ich's Wahrheit. Und so kann jeder seine eigene Wahrheit haben, und es ist doch immer dieselbige.« Dieser Satz bezieht sich auf das Verhältnis verschiedener Individuen; aber er gilt nicht minder für das Verhältnis der Methoden und der Forschungsrichtungen. Keine von ihnen bildet den »absoluten« Gegenstand schlechthin ab, sondern jede rückt die Erscheinung unter einen bestimmten Winkel des Sehens. In dieser fundamentalen Weise der Einstellung wurzeln die verschiedenen Kategorien, kraft deren jede besondere Erkenntnisweise ihren Gegenstand bestimmt. Das volle kritische Bewußtsein über diese Kategorien, über ihre Geltung und ihre Grenzen, wird indessen nur allmählich erreicht. Es ist zunächst der gesamte Kreis des Objektiven, der von jeder einzelnen Betrachtungsart in Anspruch genommen wird. Weil die mathematische Physik einzig darauf gerichtet ist, eine berechenbare Ordnung und Folge unter den Erscheinungen herzustellen: darum fällt alles, was aus dieser Welt der Berechenbarkeit herausfällt, auch aus ihrem Begriff des Seins heraus. Was an der Empfindung sich nicht in Schwingung umsetzen, was sich nicht in numerischen Werten aussprechen läßt, das fällt dem Gebiet der bloßen »Subjektivität« anheim. Durch Goethe aber erfährt nun, vermöge des neuen Grundmaßes, mit dem er an die Erscheinungen herantritt, diese Ansicht sofort eine charakteristische Umwendung. Jetzt ist es die Welt der Physik, die Welt des Äthers, die als ein bloß künstlicher Hilfsbegriff und somit als eine »subjektive« Konstruktion erscheint. Dieser Widerstreit ist unlösbar, solange man auf dem Boden einer einzigen Betrachtungsweise stehenbleibt. Indem wir eine spezifische theoretische Einstellung vollziehen, können wir nicht gleichzeitig über ihre Bedingungen hinausgehen: indem wir bestimmte Kategorien auf die Erscheinungen anwenden, können wir uns nicht gleichzeitig ihrer Grenzen bewußt werden. Hier ist der Ausgleich daher nur in einem übergreifenden Ganzen möglich, – in einem Ganzen, das erst jeder einzelnen Methode ihr »Verhältnis zu sich selbst und zur Außenwelt« bestimmt und ihr damit den Umkreis ihrer »Wahrheit« anweist. Der Aufstellung eines solchen Ganzen hätte Goethe seiner Denkart und seiner Grundgesinnung nach am allerwenigsten zu widerstreben brauchen: bezeichnet er es doch innerhalb der Naturbehandlung als das »schädlichste Vorurteil«, daß irgend eine Art Naturuntersuchung mit dem Bann belegt werden könne Maximen 700. – Zum Ganzen vgl. bes. Paul Hensels ausgezeichneten Aufsatz über »Naturwissenschaft und Naturphilosophie«. Festgabe für Isidor Rosenthal (1906); jetzt in Hensels kleinen Schriften und Vorträgen, hg. von Ernst Hoffmann, Greiz 1920..

Eine Erkenntnistheorie, die dieser Aufgabe gerecht würde, die nicht nur die Methoden der Erkenntnis im engeren Sinne, sondern die wesentlichen Kategorien und Grundrichtungen des Weltverständnisses überhaupt umfaßte, jede in ihrer Besonderheit begriffe und zugleich ihre Bedeutung und Stellung im Ganzen kenntlich machte: – eine solche Erkenntnistheorie scheint freilich selbst kein wissenschaftliches Faktum, sondern ein bloßes Problem zu bedeuten. Die vorangehenden Betrachtungen haben nicht versucht, dieses Problem zu lösen – sondern sie haben es lediglich als Aufgabe und als Forderung hingestellt. In dem Maße als dieses Problem im Fortschritt der systematischen Philosophie seiner Verwirklichung nähergeführt werden wird, wird auch die Frage nach dem systematischen Verhältnis des Goetheschen Naturbegriffs zum Naturbegriff der exakten Physik ihre fortschreitende Lösung finden.


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