Achim von Arnim
Die Kronenwächter
Achim von Arnim

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Siebente Geschichte
Die Gräber der Hohenstaufen

Kaum vier Wochen waren seit der Niederkunft vergangen, Mutter und Kind waren frischer und schöner, als je eine Wöchnerin und ein so junges Kind in Waiblingen gesehen, und die Ähnlichkeit beider mit dem Bilde am Giebel wuchs zu Bertholds Freude mit jedem Tage. Eben so wuchs das Gerede der Leute in der Stadt und Antons Verlegenheit dabei, der sich keiner Schuld bewußt war. Wie oft verwünschte er den Einfall, sich selbst in dem Christuskinde abgebildet zu haben, und meinte es frevelhaft, seit sich Frau Anna daran versehen habe, denn alle Weiber in der Stadt narrten ihn damit und verlangten, daß er ihnen Bilder auf den Giebel malen solle, die Männer aber stellten sich, als ob sie ihn gar nicht mehr in ihren Häusern dulden dürften. Mitten in dies Gerede, das Grünewald in seiner unabweislichen Geschwätzigkeit und Vertraulichkeit immer neu anregte, schrie die Kriegstrompete, daß alles für einige Zeit verstummen mußte. Der Schwäbische Bund war endlich doch mit seiner Rüstung fertig geworden. Unter dem Namen Herzog Wilhelms von Bayern führte Georg von Frundsberg eine große Übermacht gegen den Herzog Ulrich. Der große Frundsberg, an der Spitze einer geringeren Zahl, wäre schon des Siegs gegen Herzog Ulrich sicher gewesen, aber außer der Menge stand ihm der ganze Einfluß der Kronenwächter zur Seite, sie nannten ihn damals ihren Reichsfeldherrn und er wäre es auch geblieben, wenn sie ihm hätten erfüllen können, was sie ihm zugesagt hatten. Der Herzog Ulrich sammelte sein Volk in Blaubeuren und kamen viele Boten an Berthold und Grünewald wegen Beschleunigung der Rüstung, als Berthold gerade beschäftigt war, das der ganzen Stadt zur Taufe versprochene Fest einzurichten. Alle fröhlichen Anstalten wurden gehemmt, auch dem Meister Kugler abgeschrieben, der zur Taufe eintreffen wollte. Nun wurden die Rüstungen wieder durchgesehen und der Ehrenhalt trat als Waffenschmidt auf, weil in dem Jahre der Waiblinger Waffenschmidt gestorben war und die Witwe zu häßlich war, um sogleich einen jungen Mann für ihre Nahrung zu finden. Der Ehrenhalt beschaute die Bürgerwaffen, riß hier eine Schiene ab, dort schlug er eine ein, um den Bürgern zu beweisen, daß sie verloren gewesen, wenn sie mit so verrosteten Waffen ausgezogen wären. Unterdessen wurde mit Herzog Wilhelm verhandelt und was sehr seltsam, durch den herzoglichen Vogt Grünewald, der seinen alten Herrn gern einmal wieder sehen und ihm einige neue Liebeslieder vorsingen wollte. Der Herzog ließ der Stadt Reichsfreiheit versprechen, wenn sie ihre Streitkräfte mit ihm vereinigte. Der eifrige Berthold, durch Erziehung, Kränklichkeit, Reichtum und Bildung immerdar von der Masse der Bürger getrennt und nur in Geschäften mit ihnen bekannt, setzte voraus, daß ihre Gesinnung ganz mit der seinen übereinstimme, daß sie als eine Wohltat annehmen würden, was er für ein Glück erkenne. So kam's, daß er sich nicht einmal die Mühe gab, die Meinung der Zünfte über diese Angelegenheit zu erforschen, auch fehlte ihm dazu der gute Fingerling. Die Zunftmeister wunderten sich zwar über die langsame Rüstung, aber sie hatten gerade auch keinen Übermut zu diesem ganz unnützen, verderblichen Kriege, sie ließen es so gehen. Endlich hieß es, alles sei fertig, die ältere Mannschaft blieb zur Besatzung, Grünewald und Berthold sollten mit den andern zu Herzog Ulrich ausziehen.

Anton war in dieser Zeit in der unbequemsten Lage, er wollte mitziehen und mußte sich doch vor dem Ehrenhalt verstecken, und wußte das bei Musterungen nicht anders zu bewerkstelligen, als durch eine scheinbar zufällige Färbung seines Gesichts, über die ihn die Leute zwar auslachten, die er aus der Unruhe jener Zeit erklärte, die nicht Zeit zum Waschen lasse; zugleich steckte er eine Kugel in die eine Backe, als ob sie vom Zahnweh geschwollen wäre, so daß ihn Meister Sixt selbst zuweilen nicht erkannte. Als nun der Zug vor dem Rathause sich sammelte, die Weiber und Kinder die Tornister und Mantelsäcke weinend herbeischleppten, konnte er sich des Lachens nicht erwehren, ihm war so seelenglücklich zu Mute, daß seine Kugel ihm aus dem Mund in einen Suppennapf mit Klößen fiel, aus welchem ein Bürger eben sein letztes Mittagsmahl essen sollte. Der Bürger fing an zu essen und biß sich fast einen Zahn an der Kugel aus, die er für einen Kloß gehalten, es war die einzige Kugel, die bei diesem Zuge Schaden tat.

Frau Anna war von allem unterrichtet und stellte sich daher nur traurig über diesen Auszug wegen der fremden Leute, die sie umgaben. Das Kind schmiegte sich an den ausziehenden, gerüsteten Berthold, hatte sein Haar gefaßt und wollte ihn gar nicht fortlassen, da weinten die Hebamme und die Mägde, und sie redeten unter einander, wenn es den Pflegevater schon so fest gehalten habe, so würde Anton sich nie von ihm haben losreißen können; das hörte Anna, obgleich es leise gesprochen war, es fiel ihr schwer aufs Herz, sie dachte der Ähnlichkeiten nun erst recht, verstand manche Winke der Mutter. Ihr Stolz war tief gekränkt, obgleich sie nichts sagte und gar nicht tat, als ob sie etwas vernommen habe. Alles andre war ihr jetzt gleichgültig, sie sann darauf, wie sie diesen bösen Leumund falscher Zungen zerstreue, während der Zug vorüber zog. Sie glaubte in jedem, der hinauf blickte, Hohn und Spott zu erkennen, sie glaubte zu hören, wie sie über das Christuskind auf dem Bilde sprachen. Anton mußte fort aus der Stadt, das Bild mußte geändert werden, das stand ihr fest im Sinne und sie grübelte, wie das auszuführen sei mit einer Ungeduld, daß ihr Kind davon erkrankte.

Viele der Streiter zogen nur mit angetrunknem Mute aus, dieser Mut sank aber, als sie ermüdeten, die Pferde schienen zu erlahmen, die Fußgänger ruhten sich oft. Der Ehrenhalt erzählte, nachdem Grünewald von einem Spähen zurückgekommen, es würden ihnen bald Stückkugeln über die Köpfe sausen, sie brauchten sich darum nicht zu bücken, denn das sei doch gewöhnlich zu spät, er erzählte von den bayerischen Reitern, wie die so genau zusammenritten, daß ihre Spieße wie eine große Säge glänzten, sie möchten sich gefaßt machen, sie ständen schon zwischen ihnen und dem Herzog. Da sonderten sich die Verzagten, einer sang mit bebender Stimme und wußte nicht, was er sang, ein andrer, der sonst eine schreckliche Stimme führte, konnte kaum so laut kommandieren, daß es seine Rotten hörten, ein Schuster unterhandelte laut mit Gott, daß er wohl ein Bein daran geben wolle, wenn er ihm nur seine beiden Arme unversehrt lasse. Aber die Kräftigen, unter denen Anton gewiß einer der ersten, ließen sich diese Sorgen wenig anfechten, sie untersuchten noch sorgfältig ihre Vorräte und warteten der tätigen Stunde. Der Ehrenhalt erkannte nach seiner Kriegserfahrung die Sicheren, sonderte sie auf Bertholds Befehl in eine Schar zusammen, ließ sie nach einer Seite den Feind aufsuchen, wo keiner anzutreffen war.

Kaum eine Stunde, nachdem Anton mit diesen von der Masse sich getrennt hatte, erblickte Berthold und die bei ihm geblieben, das große Bundesheer beim Ausreiten aus einem dichten Walde gleich einer Überschwemmung um sich her, aus der ein Schilfwald von Speeren und zwölf große Kanonen, wie Krokodile mit offenem Munde, hervorragten. Hier war weder an Sieg noch an Flucht zu denken, sie waren beobachtet, eine Masse Fußvolk schrie schon hinter ihnen im Walde. Berthold wendete sich zu dem erschrockenen Haufen, stellte ihnen die ganze Gefahr ihrer Lage dar, sie müßten sich auf Gnade und Ungnade ergeben. Dann aber sagte er ihnen, daß der Schwäbische Bund keine Ungnade gegen sie hege, daß er ihm wiederholend Reichsfreiheit für die Stadt habe anbieten lassen, in sofern die Bürger sich entschlössen, die Sache Herzog Ulrichs aufzugeben und mit dem Bunde sich zu vereinigen. Sie möchten jetzt wählen, er werde sich ihrem Entschlusse ergeben, es stehe bei ihnen, ob sie, ergeben dem trunknen Unholde, von dem sie nie Schutz, sondern nur immer Trutz, Zwang und Zahlungsgebote empfangen, der sie wie Hunde zu seinen Jagden, ihre Frauen zum Frevel mißbraucht, in den Wald von Spießen stechen, oder sich selbst als freie Reichsbürger regieren, niemand als dem Kaiser verpflichtet sein, und die Hand dem Herzog Wilhelm reichen wollten, der mit Grünewald geritten komme, um sie ihnen zu bieten. Die Bürger sahen einander verwundert an, keiner wollte sprechen, einige fluchten auf den Bürgermeister, aber da keiner Anstalt zur Gegenwehr machte, so begrüßte Herzog Wilhelm Berthold und seine Bürger als Freunde, verkündete ihnen Friede und Freiheit und Berthold dankte in ihrem Namen.

Der ganze Zug ging nun nach Waiblingen, den Bürgern wurden die Tore geöffnet, die Fremden zogen nach, die Stadt wurde besetzt, und die Bundesscharen in die Häuser gelegt. Jeder Bürger war über die Änderung verwundert, am meisten Anton mit seiner Schar, als sie keinen einzigen Feind im Felde und nun so viele in der Stadt fanden, aber es war geschehen und die Bedürfnisse der Gäste beschäftigten alle Hände. Am andern Morgen sollte der Zug weiter gehen, vermehrt durch die bewaffneten Bürger. Berthold freute sich der kühnen Taten, die seiner warteten, aber kein Bürger kam zur Versammlung, sie erklärten, daß sie nicht eidbrüchig, wie der Bürgermeister wären. Nichts auf der Welt hatte Berthold je so gekränkt, schon mußte er von Frundsberg hören, daß an keine Reichsfreiheit zu denken sei, wenn die Bürger sie nicht zu erstreiten sich geneigt fänden. So hatte er ganz vergebens das Glück der Seinen an dies Unternehmen gesetzt, mit Herzog Ulrich war keine Versöhnung möglich; er fühlte, daß er die Stadt nicht gekannt, sie in seine Hoffnungen habe zwingen wollen, er konnte sich nur mit der guten Absicht bei dem schlechten Erfolge rechtfertigen. In dem Wirbel dieser Betrachtungen saß er fast gedankenlos müßig; das Geschehene läßt sich nur durch Tat, nicht durch Nachdenken vernichten.

Größere Bundesscharen kamen in den nächsten Tagen, die Bürger hatten alle Lebensgefahr vergessen, der sie entkommen, die Last und Kosten schienen ihnen unerschwinglich, sie sprachen laut gegen den Bürgermeister, obgleich dieser aus freiem Willen mehr Last übernahm, als ihm im Verhältnis zukommen konnte. Er wollte die Stadt befestigen, aber niemand zeigte sich bereitwillig, er wollte den Rat über alle Angelegenheiten setzen, die sonst der herzogliche Vogt besorgte, aber keiner wollte sie übernehmen, er sah, daß die reichsstädtische Verfassung zu einer leeren Form wurde, weil sie nicht durch die Notwendigkeit entstanden war, eine allgemeine Kraft zu begrenzen. Diese allgemeine, belebende Kraft fehlte, die Verständigen schwiegen, die Toren und Widerspenstigen waren überlaut, die Verständigen hielten ihn für einen Schwärmer, die Schlechten glaubten in ihm einen bestochenen Verräter, die fremden Landsknechte spotteten seiner teuer erkauften Reichsfreiheit. Jeder suchte sich ihm und der Stadt in der Vorsorge für die Bedürfnisse der fremden Scharen zu entziehen, auf ihm lastete das ganze Geschäft, dabei schwärmten seine Gedanken umher nach Rat und Trost, so mußte sich ihm die Arbeit verdoppeln und die Fremden mochten zuweilen wohl mit Recht auf den Mangel an Anordnung schelten. Sein einziger Genuß war es, seit er von diesen Fremden doch kein Heil erwartete, die Bürger gegen ihren Unwillen und Übermut zu schützen; zu jedem Streite eilte er mit rechter Lust und setzte gar oft sein Leben an eine Kleinigkeit, die mit einiger Ruhe friedlich geschlichtet werden konnte. Die üble Folge davon war, daß stärkere Besatzung in die Stadt gelegt wurde, damit nicht einzelne wieder in solchen Streitigkeiten unterliegen möchten, und so fühlte sich Berthold die Veranlassung einer neuen, drückenden Last. »Wären wir ruhig zu Hohenstock!« rief Berthold zuweilen, aber Anna antwortete immer: »Lieber tot, als dort unter den wahnsinnigen Menschen!«

Als eine Verstärkung der Besatzung rückte auch ein sehr unbequemer Bekannter, der Graf Konrad, mit einer Schar Reisigen ein, welche die Kronenwächter für ihn geworben und mit denen sie ihn zum Herzog Wilhelm geschickt hatten. Berthold freute sich in seinem Unmut, ihre alte Streitigkeit da fortsetzen zu können und ließ ihn sehr hart an. Aber Konrad schien seine Natur ausgetauscht zu haben, er antwortete nur das Notwendigste in Bescheidenheit und bat ihn, seine früheren Unbesonnenheiten zu vergessen, die Kronenwächter hätten ihn belehrt, daß sie zu einem Ziele alle beide hinarbeiteten. Berthold sah sich durch dies Verhältnis gezwungen, obgleich es ihm unangenehm, Konrad in sein Haus einzuführen.

Dieser betrug sich dort ganz bescheiden und anständig, er schien Annen ganz verwandelt und sie faßte ein gewisses Vertrauen zu ihm. Sie sah den Gram, der ihrem Berthold schnell die Haare bleichte, sie hörte die Härte, mit der die Bürger ihn beurteilten, durch Grünewald, der über alles mit jedem sprach, ohne zu beachten, ob es schade. Sie fragte einmal Konrad, was er meine, wie Berthold könne aus den widrigen Geschäften befreit werden. Der riet, daß er sich für den Bund rüste und gegen Herzog Ulrich ziehe, denn wie er höre, deute man es ihm ohnehin übel beim Herzoge Wilhelm, daß er mit seinen Bürgern untätig zurückbleibe, nachdem er versprochen, mit einer Schar zu ihm zu stoßen; dort sei jetzt für ihn und die Seinen allein noch Sicherheit.

Dieses Gespräch wiederholte Anna ihrem Berthold am Abend und dieser erfreute sich des unerwarteten Auswegs; aber er wagte es nicht, sich demselben zu überlassen, weil er den Vorwurf fürchtete, sich dem drückenden Geschäfte für die Stadt entzogen zu haben. Wer die Seinen in der Not verläßt, dachte er, den verläßt Gott in seiner letzten Not, und konnte nicht einschlafen und sich zu nichts entschließen. Früh stand er auf und fand Apollonien am Brunnen und berichtete ihr seinen Wunsch ins Feld zu ziehen und alle Gründe dagegen, indem er sich ihren Rat als seine älteste, treueste, verwandteste Seele erbat. Apollonia hatte im Arger über die Ereignisse sich die Erzählungen der Sabina über Anna und Anton erst recht zu Herzen genommen, daß sie diesen für den geheimen Grund seines unerwarteten Entschlusses annahm. Sie suchte ihn zu trösten, indem sie über ihre Tochter heftig weinte, sie habe es immer nicht glauben wollen, die Tochter habe so frei und ruhig jede Warnung abgelehnt, nun müsse sie sehen, daß der edelste und beste Mann das eigne Haus fliehen wolle, das ihre Tochter ihm aus Himmel in Hölle verwandelt habe, es sei die Folge vom übereilten Heiraten. »Hättet Ihr gewußt«, sagte sie, »daß eben der, mit welchem Ihr Blut und Leben getauscht, Euer Leben so verbittern würde, Ihr hättet Euer Siechtum ruhig ertragen.« – Berthold, der gar nichts verstanden hatte, fuhr bei diesen Worten gleichsam beschämt auf: »Woher wißt Ihr die Geschichte meiner Genesung?« – »Von Annen«, sagte die Mutter, »der hat es Anton erzählt.« – »0 dieser Anton«, rief Berthold, dem nun auf einmal die Rede der Mutter wie durch einen Blitz erhellt wurde, »dieser Anton ist zu meinem Glück und Verderben geboren, umsonst habe ich mich dem Mißgeschicke meines Stammes entzogen, es hat mich durch Anton ergriffen. Liebe Mutter, sagt mir kein Wort, laßt mich irren in der Dämmerung, es gibt grausame Ähnlichkeiten, aber ich vertraue auf Anna. Was ich zweifelhaft in meinen Gedanken würfelte, das ist entschieden, ich ziehe fort, ich kann nicht bleiben. Sagt mir kein Wort, verschweigt Annen, daß Ihr mir etwas gesagt, verschweigt ihr alles, Gott und die Zeit wird alles schlichten und richten.« – Anna hatte sich ihnen beiden genähert und sagte mit einiger Wehmut: »Mich läßt du allein Berthold, nachdem ich so viel Schmerz und Not bei dem Kinde ausgestanden habe, und setzest dich hier zur früheren Geliebten.« – Frau Apollonia wollte heftig antworten, aber Berthold beschwichtigte beide, indem er sagte: »Ich gehe noch heute einem ungewissen Geschicke entgegen, vergessen wir alles Überflüssige, gedenkt, daß wir nur noch wenige Stunden beisammen sind, meine Ehre fordert, daß ich fortziehe.« – Anna schloß sich weinend an seine Brust und gestand, so schmerzlich ihr seine Abwesenheit falle, er sei es seiner Erhaltung schuldig, sich den Geschäften zu entziehen, die ihm in wenig Wochen die Haare gebleicht hatten, deren Frucht und Lohn ihm die Undankbarkeit und der Starrsinn der Bürger entreiße. – Berthold zuckte mit den Achseln und sagte: »Jetzt rücken sie mir die vermauerte Gasse vor und möchten den Brunnen einreißen, jetzt, wo jeder Tag sie dringend beschäftigen und auf ihr Bestes führen sollte, ich habe die Leute klüger, viel klüger geglaubt, das ist mein Fehler!« – »Boshaft und undankbar hat sie das kleine Mißgeschick gemacht«, sagte Anna, »die Frauen sagen mir ins Angesicht Böses von dir.« – »Das löst die letzten Bande«, sagte Berthold, küßte Annen und Apollonien und so saßen alle drei wohl eine lange Abschiedsstunde, ohne zu sprechen, von den Ahndungen der Zukunft gerührt.

Er versammelte darauf die Bürger, erklärte, daß, wenn sie nicht mit ihm, er ohne sie dem Bunde folgen wolle, sie möchten einen andern an seine Stelle wählen. Zu seiner Kränkung fand er, daß schon ein andrer Bürgermeister heimlich für den Fall erwählt worden, wenn die Fremden abziehen müßten, ein Weinhändler Kranz, sie gaben Berthold der, Landesverräterei schuldig. »Ihr richtet nach dem Erfolg, Gott nach der Absicht«, rief Berthold, »ich biete euch die Hand zum Abschied, obschon ihr mich tief gekränkt habt; es wird eine Zeit kommen, wo es euch reut, daß ihr mir nicht gefolgt seid.« Seinen Nachlaß hatte er schon beim Anfange der Unruhen gerichtlich geordnet, Frau Apollonien übergab er die Oberaufsicht der Seinen, so lange Anna noch mit ihrem Kinde beschäftigt sei. Sie aßen schweigend mit einander, als wäre ein Kranker unter ihnen. Nach Tische wurde ein Pferd vorgeführt, Anna und Apollonia weinten gleich heftig. Berthold fühlte sich beklemmt zum Ersticken. Er übersah Haus und Garten noch einmal, und betete in der Kapelle, die eben fertig geworden und geweiht war, da wo ihm das Kind verheißen. Er fühlte sich gefaßter, aber als er schon Abschied genommen, an seine Tür trat und einen frischen Maulwurfhaufen an der Schwelle bemerkte, der sich eben herausarbeitete, da fiel ihm Mutter Hildegard ein, die das immer als Zeichen eines Todesfalles angesehen hatte. Er sprang noch einmal zurück, küßte Annen und Apollonien und das Kind heftig, schwang sich, ohne ein Wort zu gewinnen, auf sein Pferd, gab ihm die Spornen und ritt ohne Umblicken fort, damit ihm nicht das Bild am Giebel wieder in die Augen leuchte.

Bald war er bei Frundsberg durch den Ehrenhalt eingeführt, doch gab jener wenig Hoffnung zu Taten; den Herzog hatten die Schweizer verlassen und darum entließ er auch seine Landeskinder zur Verteidigung der Städte. Diese fielen aber ohne bedeutenden Widerstand, jedermann fühlte, der Herzog könne sich nicht halten und er fühlte es auch bald, nahm in Tübingen von seinen Kindern schmerzlich Abschied und entfloh nach der Schweiz. Der Zug ging nun von einem Städtlein zum andern, gewöhnlich geschahen kaum einige Schüsse, dann wurde unterhandelt. Berthold vergaß eignen Kummer bei dem Anblicke der Not, welche die fremden Scharen auf dem Lande verbreiteten. Die Briefe von Annen und Apollonien waren sein liebster Schmerz und sein einziger Trost, sie benutzten jede Gelegenheit, ihm Nachricht zu geben. Einmal berichtete ihm Anna, daß es in der Stadt ein Gespött sei, daß ihr Kind noch nicht getauft worden. Er antwortete ihr froh, daß er nicht dabei zu sein brauche, sie möchte die Taufe und den Schmaus für die ganze Stadt ausrichten, wie er ihn vor den kriegerischen Ereignissen angeordnet habe, er stehe vor dem Aßberge und müsse da wohl noch einen halben Monat ausharren, das Fest könne vielleicht den Seinen die Neigung vieler Mitbürger wieder gewinnen. Bald darauf erhielt er die Nachricht, daß Taufe und Fest am Tage des heiligen Anno angeordnet sei (das Kind, so war schon verabredet, sollte diesen Namen führen), er möchte den Tag durch sein Gebet feiern.

Zwei Tage vor diesem festgesetzten Tauftage wurde er zu Frundsberg gerufen und ihm der Auftrag gegeben, in der Hülle eines Pilgers nach Kloster Einsiedlen zu wandern, um auszuforschen, ob der Herzog in der Schweiz werbe und Unterstützung finde. Der Auftrag war gefährlich, jene Seite Schwabens schwärmte von den zerstreuten Anhängern des Herzogs Ulrich, doch freute es ihn, seinen Willen bewähren zu können.

Er zog mit einem frohen Gefühle durch das Land, der Tag der Taufe brach an, er dachte sich lebhaft nach Hause, die Sonne brannte, die Luft war schwül. Gegen Abend traf er in Kloster Lorch ein, betete lange in der Kirche und wurde dann von den Mönchen freundlich bewirtet, ohne daß sie nach seinem Namen fragten, denn das Pilgerkleid war ihnen Empfehlung genug.

Die Mönche klagten, daß sie allmählich aussterben müßten, bei der jetzigen Gesinnung der Leute trete keiner in ein armes Kloster und da dies Kloster, nach der Strenge ihrer Gelübde, ihre Welt sei, so hätten sie ein lebendiges Bild vom Weltuntergange in ihrem Kreise, der sich mit jedem Jahre verenge. Berthold sagte ihnen, daß solch ein Aussterben sein Wunsch sei. – »Habt Ihr je ernstlich an das Sterben gedacht?« fragte ihn der älteste der Mönche. »Kommt hinunter in die Gruft, wo die Hohenstaufen begraben liegen, und Ihr werdet Euch am Leben fest zu halten suchen.« – Berthold schüttelte mit dem Kopf, aber er bat, ihm die Grabhallen zu zeigen, er sei lieber bei den Toten, als bei den Lebenden. – Der alte Mönch strich nachdenklich seinen weißen Bart, ergriff eine Fackel, zündete sie am Herde an und ging mit ihm über den Hof.

Berthold beschaute die Sterne, welche vom nahen Gewitter nicht verdunkelt, in der Schwüle funkelten. – »Was leset Ihr in den Sternen?« fragte der Mönch. – Berthold antwortete nach einem Schweigen: »0 wie so oft hab ich ein Zeichen erhofft, zagen Sterne den schimmernden Bogen durch die himmlische Leere, durch die himmlische Tiefe, daß ich der irdischen Schwere endlich auf immer entschliefe. Aber der Morgen löschte die Sterne aus, weckte die Sorgen, weckte des Herzens Haus, und des Alltäglichen Macht zwang die Ahndung der Nacht.«

»Auch Euer Stündlein wird kommen!« sagte gleichgültig der Alte, öffnete die Schlösser der Kapelle und führte Berthold in die gewölbten Grabhallen, wo die Hohenstaufen unter einfachen, gehauenen Grabsteinen ruhten. Berthold versuchte die Namen auf den Grabsteinen zu lesen, aber die Buchstaben waren alt und sehr verwittert. »So ist's mit dem guten Namen der Menschen«, sagte Berthold, »vom Zufall geschenkt, von der Zeit bald ausgelöscht!« – Der Mönch nannte ihm alle die berühmten Namen der Hohenstaufen, die da eines zweiten Lebens harrten, und Berthold fragte mit unerwartet aufbrechendem Zutrauen: »Ehrwürdiger Vater, wer nun zweimal schon gelebt hat, darf der noch ein drittes Leben erwarten.« – Der Alte meinte, er schwärme im Fieber und Berthold antwortete: »Es mag Euch unverständlich sein, was ich sage, aber fühlt meinen Puls, daß ich nicht krank bin. Glaubt mir, ich bin von einem Arzt, als ich sterben sollte, mit einem zweiten Leben, das er mir wunderbar schenkte, gar schrecklich betrogen und doch glaube ich an jenes Leben, das uns verheißen ist.« – Der Mönch sagte ihm, er sei vom Wege angegriffen, vielleicht von Kummer, sie wollten die dunkle Halle verlassen, er möchte ausschlafen. – Berthold antwortete: »Hier bei den Meinen möchte ich ausschlafen!« – Der Mönch sah ihn verwundert an und sprach: »Freilich alle Menschen sollen Brüder sein, wenn sie es nur wären.« – »Darum ist mir so wohl, wie mir nie gewesen«, antwortete Berthold, »hier ist brüderliche Einigkeit, hier verfolgen sie die Ihren nicht mehr, sie wollen gern alle beisammen sein jenseits der Erde, darum nur lassen sie den Ihren keine Ruhe auf Erden.« – Der Mönch sah Berthold mitleidig an, er hielt ihn für einen Wahnsinnigen; ihn zu zerstreuen, las er von der neu errichteten, schwarz marmornen Gedächtnistafel die Inschrift vor: »Daß ein Geschlecht vergehe und das andre komme, und die Erde indessen unbeweglich bleibe und ein jegliches Ding seine Zeit und alles unter dem Himmel seine Stunde habe, dessen gedenket man nicht, wie es doch jedem geraten ist, denn die künftigen Zeiten werden alles zugleich in Vergessen bringen, was wir aufzeichnen von der Vergangenheit und was wir schaffen in der Gegenwart, denn nichts erringen wir, als die Zukunft.« – »Amen«, sagte Berthold, ein blauer Blitzstrahl zuckte durch die Halle, der Donner rollte und ein Blutstrahl sprang aus der Armader Bertholds, da wo Faust ihm das Blut Antons eingedrängt hatte, und löschte die Fackel des Mönchs. Der Mönch ließ die Fackel fallen und faßte Bertholds Hand, der nun sanft auf das Grabmal des Stammvaters der Hohenstaufen niedersank. »Böser Faust! armer Anton, junges Blut!« sagte Berthold mit schwacher Stimme, seine Hand ward kalt.


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