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Der Brautschmuck.

Deutsches Volksmärchen.

Wer vor etlichen hundert Jahren durch das Thüringerland zog, wählte gern, wenn nicht Liebesgram oder andres Herzweh ihn nach der Einsamkeit trieb, den Weg bei der Feste Aarburg vorüber. Der Thürmer stand Tag und Nacht auf der Warte, und lugte umher nach Rittern, Pilgrimmen oder andern Reisenden, und wenn er einen erspähte, so bließ er ihm zuerst ein munteres Willkommen zu, dann knarrten die Thore, die Zugbrücken rasselten, die Rosse stampften, die Knappen ritten dem Fremden entgegen und luden ihn ein zum Imbis und zur Nachtherberge. Der Ritter sprach mit jedem Fremden ein freundliches Wort, und nach Standesgebühr führte er ihn selbst in das Gastzimmer, oder befahl ihn seinen Knechten zur Pflege, bis der Gast weiter gedachte.

Der letzte Ritter, Herr Thimo von der Aarburg blieb, in der, von Alters her berühmten Gastfreundlichkeit der Aarburger nicht hinter seinen Vorfahren zurück. Er hatte Brüder, Vettern und Oehme beerbt, und kannte keine Sorge, als wenn die Gäste und Fremden in gar so kleinen Haufen bei ihm einzogen. Dann geschah es zuweilen wol, daß er selbst auszog und die Reisenden nöthigte hereinzukommen. Diesen zeigt' er alsdann seine Herrlichkeit und seine Schätze, freute sich, wenn einem ein Stück oder das andre gefiel, und wenn er es klüglich und mit Verstand lobte, so verehrt' er es ihm wol zum Geschenk. Machte einer aber den Maulredner, lobte, da nichts zu loben war, und wollte mit solcher verkehrten Liebedienerei dem Hausherrn nur den Fuchsschwanz streicheln, so rühmte er ihm oft selbst ein unbehülflich unnütz Stück als ein kostbares Kleinod, und wenn der Fuchsschwänzer dann einstimmte, flugs hatt' er das lose Geschenk am Halse, und mußt' es Höflichkeitswegen behalten und mit auf den Weg nehmen.

Der größte Schatz aber in der Aarburg war des Ritters einzige Tochter, in dem ganzen deutschen Lande unter dem Namen der schönen Bertha bekannt. Ritter und Fürsten zogen weit und breit nach ihr herbei, Franken, Britten und Wälsche bewarben sich um ihre Minne, aber, der war ihr zu fad, jener zu dreist und der dritte hatte den Spleen; denn die Epidemie der Fremdsucht hatte sich damals noch nicht bis in das Thüringerland verbreitet, und des Wort des Mannes fand nicht bessern Eingang, wenn es mit fremder Zunge gesprochen ward. Wer diese Braut einmal heimführt, sagte die allgemeine Stimme, der ist das erste Glückskind der Welt. Denn außer der holden Schönheit, mit welcher sie von der Natur, und dem unermeßlichen Reichthum, mit dem ihr Vater von dem Glück beschenkt war, ging noch die Rede von einem unschätzbaren Schmuck, der ein altes Eigenthum des Aarburger Hauses sei, und den nun Bertha als letzter Zweig dieses Stammes zum Brautschmuck erhalten werde.

Einige Bogenschüsse weit von der Aarburg stand eine schlechte, verfallene Feste, die der alte Ritter Heerwart seinem Sohn Balduin als einziges Erbe hinterlassen hatte. Ehe Kaiser Maximilian die Wucherpflanze des Römischen Rechtes auf deutschem Boden einheimisch machte, und noch der Ritter jeden Flausenmacher, den nach seinem Gute gelüstete, mit Schwert und Lanze auf die Finger klopfte, war Ritter Heerwart unter den wohlhabenden Rittern nicht der letzte gewesen; denn er wußte tapfer darein zu schlagen, und hatte manchen Gewinn an Beute und Lösegeldern: aber jetzt, da das Ritterschwert sich unter die Schreiberfeder beugen sollte, und der Kaiser im Landfrieden allen Kleinhandel mit fremdem Eigenthum hart verpönt hatte, wollt' es nicht mehr recht mit ihm vorwärts. In seiner verfallenen Burg mußt' er jährlich mehre Kammern und Thürme an Kauze und Eulen abtreten, denen das Handwerk im Freien nicht wie dem Hausherrn gelegt war, und endlich mußten Thorflügel und Brücken zur Bedachung benutzt werden, um den Winterpalast des Ritters vor Schnee und Frost zu sichern, das Sommerhaus hatte sich selbst aus Dornen und Holundergebüsch über dem alten Gemäuer gewölbt.

Ritter Balduin besah mit wehmüthigen Blicken die natürlichen Ruinen seiner väterlichen Burg. So wenig Raum er auch mit seiner ganzen fahrenden Habe nöthig hatte, so nahm es doch den Anschein, als ob ihm seine Burg diesen nur für die wenigen warmen Tage des zu Ende eilenden Sommers gewähren, keinesweges aber gegen den Frost und Schnee des nächsten Winters Schutz versprechen wollte. Er hielt mit sich selbst geheimen Rath, was unter solchen Umständen zu thun seyn möchte, aber seine Gedanken schweiften immer ab von dem Thema, das ihnen der Verstand als Pensum zu bearbeiten gegeben hatte, und ergetzten sich mit der Fantasie an den Bildern und Wünschen, die mit dem Einen, was jetzt noth war, sich nicht vertragen wollten.

Ritter Balduin's Herz war nämlich dem Bruch so nah' als seine Burg, nur daß jenes nicht durch Alter und Feindesgrimm in solchen Zustand gerathen war, sondern vielmehr durch Jugend und Schönheit. Er hatte des Aarburgers Tochter, die schöne Bertha gesehn, wie sie bei einem Turnier als das schönste Fräulein einmüthig berufen wurde, dem Sieger den Dank zu reichen, um den Preis der Tapferkeit dadurch zu erhöhen, und den Muth der Ritter zu entflammen. Balduin stärkte sich an dem Anblick ihrer Schönheit, wie an einer Engelerscheinung, hob die Ritter aus dem Sattel, als wären sie Strohmänner, und führte mit seinem Schwert Streiche, als regierten es Luftgeister, wie Stichling Mallocher's des regsamen Schneidermeisters, auch Geisterkönigs, Scheere und Nadeln [ * ] S. das Märchen: Der Kalif und der Schneider von Kretschmann in dem Beckerschen Taschenbuche. . Das schöne Fräulein Bertha war nicht kurzsichtiger als ihre andren schönen Schwestern in ähnlichen Fällen. Sie merkte wohl, daß ihre Augen die Sonnenstrahlen, und ihre süßen Worte die Frühlingshauche waren, welche in dem jungen Ritter die Pflanze des Muthes so kräftig hervorkeimen ließen, sie lohnte daher den Kampfrichtern mit dem freundlichsten Lächeln, als sie einstimmig ihrem Helden den Preis zuerkannten, und reichte dem jungen Ritter mit so holdem Erröthen den Dank, daß ihm die Morgenröthe seines Glücks auf ihren Wangen den heitersten Tag hätte verkündigen müssen, wär' nicht seine Seligkeit in dem Augenblicke so übergroß gewesen, daß er vergaß sich daraus eine Zukunft zu deuten.

Indessen versäumte Balduin nicht, den Aarburger auf seiner Burg fleißig heimzusuchen, und, weil er ein muntrer Gesell war, der dem Burgherrn manchen Schwank aussinnen und ausführen half, so ward er bald der tägliche Gast auf der Aarburg, fand allezeit seinen Platz an der Tafel, dazu ein Kämmerlein und Bett, wenn ihn nicht gelüstete bei Nacht und Nebel nach Haus zu reiten. Fräulein Bertha gab dem schlankem muntern Ritter auch manchen freundlichen Blick, forderte ihn wol selbst zuweilen zum Tanze auf, wenn ihr ungeschickte Gäste mit einem Schleifer oder einer Sarabande drohten, und fragte ihn um seinen Rath, wenn sie ein neues Stück von Putz oder Kleidung sich zulegen wollte.

Hierdurch ward der verliebte Balduin kühner in seinen Hoffnungen und an einem schönen Sommerabend, als Fräulein Bertha bei Sternenlicht in der Laube des Schloßgartens saß, und mit ihrer Flötenstimme zu dem Lispeln ihrer Harfe sang, wie die Nachtigall in das Säuseln der Abendluft, da ward's ihm zu warm und zu mächtig im Herzen, es übermannte ihn, er sprang auf; vertauschte seinen Sitz auf der Rasenbank mit dem Platz zu Bertha's Füßen, schwur, gleich dem Ton ihres Gesangs, nur durch ihren Hauch zu leben, und bat um ihre süße Minne. Das Fräulein war überrascht, aber weniger von des Ritters Liebesglut, deren verborgenes Flämmlein sie längst mit heimlicher Freude gesehn hatte, als von ihrem schnellen und heftigen Ausbruch. In der Bestürzung entsank die Harfe ihren weißen Armen, und, indem sie sich vorbeugte, das Saitenspiel zu ergreifen, begegneten ihre Lippen Balduin's Munde, die Arme, welche nach der Harfe sich ausstreckten, verschlangen sich mit des Ritters Armen, und beide Liebende waren in Kuß und Umarmung gefangen, eh' sie noch wußten, wie viel Dämon Zufall dem Gott Amor in die Hände gearbeitet hatte.

In den wenigen Augenblicken, wo die Wirklichkeit einen düstern Erdschatten in das Mondlicht der ersten Liebesfantasie wirft, war den Liebenden wol etwas bange, wie Vater Thimo, der reiche Ritter von der Aarburg, das heimliche Minnespiel seiner Tochter mit dem armen Ritter aufnehmen werde. Sie berathschlagten dann mancherlei mit einander, und saßen manche Stunde zusammen, ohne über etwas anders einig zu werden, als: Balduin müsse sich immer fester in des Aarburgers Gunst zu setzen suchen, und gelegentlich dessen Gesinnungen und Pläne mit Bertha ausforschen.

Diese Gelegenheit zeigte sich bald. Ohnerachtet alles Aufwandes und aller Pracht auf der Aarburg füllte sich doch Vater Thimo's Geldkasten täglich mehr und mehr, so daß es oft an Raum gebrach, und der reiche Ritter sich genöthigt sah, eine Feste oder ein andres Stück Land an sich zu kaufen, um die vollen Säcke zu leeren. An Gelegenheiten zum Ankauf fehlt' es ihm niemals; denn, weil er vom geforderten Kaufpreis nichts abzudingen pflegte, so war er als Käufer Hohen und Niedern willkommen und hatte Verwalter und Vögte seiner Herrschaften im Pleisner- und Meißnerland wie in Thüringen. Einmal hatte er auch eine schöne Herrschaft an sich gebracht, aber, als ihm seine Tischgenossen mit vollen Pokalen dazu Glück wünschten, setzt er unmuthig seinen Becher hin. Was hilft mir das Alles – sprach er – hab' ich doch keinen Erben, dem ich einmal mein Hab und Gut verlassen kann! Ei – versetzte darauf einer von den Gästen – habt ihr nicht eine holde minnigliche Tochter, die euch einen Eidam geben könnte, wie euer Herz ihn wünscht? Wol wahr! – entgegnete der Aarburger – aber ein Sohn wär mir doch lieber! Der Eidam führt sein Weib auf seine Burg heim, und der alte Vater sitzt dann noch verlassener im leeren Hause. Hätt' ich einen Sohn, wie da den Balduin, dem sucht' ich eine wackere Hausfrau, und setzt' ihn dort in die neue Herrschaft, oder ließ ihn hausen in der Aarburg, wo Raum ist für ein ganz Geschlecht.

Bei diesen Worten wuchs dem Ritter Balduin der Muth, den zuvor der Wein schon etwas angefeuert hatte. Er besann sich nicht lange und fuhr mit der Rede heraus. Vater Thimo – sagt' er – wer wehrt es euch, mich zu eurem Sohne zu machen? Gebt mir eure Tochter, die minnigliche Bertha zu meiner Hausfrau, und laßt uns auf einem eurer Schlösser wohnen, oder, so es euch gefällt, hier auf der Aarburg. Da sollt ihr eure Freude sehn, an Kindern und Enkeln.

Aber anstatt einer freundlichen Zusage zog sich des Aarburgers Gesicht bei dieser Rede gewaltig in die Länge. Meint ihr, Ritter Heerwart? – sagte er mit gezogenem Tone, und wendete sich mit einer gleichgültigen Frage an seinen Nachbar.

Balduin hätte zwar an allen diesen Zeichen merken können, daß sein Liebesgestirn jetzt nicht in der günstigsten Constellation stand.

Gleichwol schwoll ihm die Zornader über die Kälte, mit welcher der Aarburger sein warmes Herz und seine Werbung aufgenommen hatte. Er stand im Eifer auf, wiederholte seine Worte und erklärte mit der feurigsten Beredsamkeit seine Liebe zu der schönen Bertha.

Thimo ließ ihn gelassen sich aussprechen. Dann erwiderte er mit Ernst: Ritter, woran soll ich erkennen, ob ihr meine Tochter mit redlicher Minne liebt, oder um zeitliches Gutes willen? Laßt mich ausreden! Ihr beruft euch auf Ritterwort, das genügt mir als Ritter in allen Ehrensachen, aber meine Bertha ist nicht allein der Stolz meines Hauses, sondern auch mein Herzblatt. Uebrigens habe ich meine Grille, wie alle reiche Leute, und ihr werdet mich davon nicht abwendig machen. Wer um meine Bertha werben will, muß Burgen und Ländereien vollauf haben, je mehr, je lieber, daß seine Hausfrau nicht aus Meister Sparbrot's Rechentafel wirthschaften muß, sondern leben kann, wie sie als Jungfrau es gewohnt worden ist. Die Liebe im Ehestand ist nicht ein Paradiesvogel, der hoch im Wolkenrevier einzig von Himmelsluft lebt, und erst wenn er todt ist, auf die Erde fällt; sie ist eine holde Blume, die aus dem Erdboden ihre Nahrung saugen muß, soll sie kräftig und schön blühen, und nicht mitten unter Sonnenglanz und Westgesäusel hinwelken und verdorren. Darum muß mein Eidam, wie ich gesagt habe, Geld und Güter vollauf haben, denn, was ich von zeitlichem Gut besitze, das verwende ich zur Ausstattung meiner Tochter und zu ihrem Brautschmuck, der köstlich seyn soll, als einer königlichen Prinzessin.

Den Ritter Balduin wollte diese Rede fast kindisch bedünken. Er belächelte die Unwissenheit des Aarburgers in dem Courszettel wahrer Minne, nach welchem die Staats- und Luxus-Mandate güldener Ketten, demantner Ringe und sammetner Kleider, gegen das natürliche Courant seidener Haarflechten, feuriger Augen und sammetner Wangen in den Zeiten der Liebe mehr verlieren als Staatspapiere und Banknoten zu Kriegszeiten gegen klingendes Gold und Silber.

Vater Thimo – hob er an – ihr sollt nicht meinen, daß mich nach dergleichen Eitelkeiten gelüstet, auch weiß ich sicher, daß die holde Bertha eben so wenig danach Verlangen trägt. Ist nicht ihre Schönheit das herrlichste Kleinod....

Spart eure Worte – fiel hier der Aarburger lachend ein – Ich kenne die Redensarten aus meiner Jugendzeit her, wär mir auch sehr unlieb, so ihr sprächet, ihr liebet meine Tochter und wolltet ein Haarringlein von ihr nicht viel höher achten, als alle güldene Gnadenketten von Kaiser und Königen. Aber vergeßt nicht, daß ich gesagt habe, es wär eine Grille von mir, daß meine Tochter königlichen Brautschmuck tragen soll, und daß ihr gegen eine Grille alle Beweise und Gründe ganz vergeblich auskramt. Uebrigens bleiben wir – wenn ihr wollt – Freunde, nach wie vor; doch gebt ihr mir vor diesen vesten Rittern euer Wort, daß ihr mit Bertha kein heimliches Minnespiel treibt, weder in, noch außer der Aarburg, auch weder durch Trutz noch List gegen meinen Willen um sie werbt.

Balduin wollte noch manche Einwendungen machen, aber der Aarburger blieb auf seinem Satze, und der verliebte Ritter mußte ihm Ritterwort und Handschlag geben, wollt' er nicht durch Weigerung Gefahr laufen, auch des Anblicks seiner Bertha verlustig zu gehen.

Unter den Rittern, die Zeugen dieses Versprechens waren, hatten aber mehrere die Sage von dem Brautschmuck auf der Aarburg gehört, und fragten scherzweis, ob vielleicht Ritter Thimo schon insgeheim ein Töchterlein mit diesem Erbschmuck ausgestattet hätte? Der Hausherr aber ward ernsthaft und sagte: Es geziemt euch mitnichten über diese Sache euren Scherz zu treiben. Wol weiß ich, daß ein solcher Schatz und köstlicher Brautschmuck vormals ein Erbtheil der Aarburger gewesen ist, allein er ist verschwunden und weiß niemand wohin, darum, so ihr es wissen wollt, hab' ich beschlossen, jenes alte Familiengut zu erneuern, und meiner Tochter als ein unveräußerliches Erbtheil mitzugeben, nach allen Stücken, wie es in einem alten Pergament beschrieben und verzeichnet ist. Daß es ein überköstliches Werk gewesen seyn müsse, möget ihr daraus urtheilen, daß mir außer meiner Stammburg nach Ankauf dieser Kleinodien nichts übrig bleiben wird. Anders aber, als mit einem solchen Schmuck soll meine Bertha keinem Manne vertraut werden, das hat seine guten Gründe, wenn ihr sie auch nicht errathen mögt.

Mit dieser runden Erklärung meinte nun zwar der Aarburger das weitere Fragen seiner Zechbrüder abgewiesen zu haben, allein die alte Welt war nicht weniger auf das Wunderbare begierig, als unsre Zeitgenossen des neunzehnten Jahrhunderts. Die Ritter setzten die gefüllten Becher vom Mund ab, um der Zunge mächtig zu werden und ließen nicht ab in ihren Zechwirth zu dringen, daß er mit seinem Geheimniß nicht hinter dem Berge halten, sondern ihnen entdecken solle, von wannen der Aarburger Brautschmuck gekommen und wohin er gefahren sei; schwuren auch, ihn herbeizubringen, und wär er in des Türken Gewalt gerathen. Ritter Thimo war durch den Wein gesprächig geworden, und begann:

Wohin der Schatz gefahren, vermag ich nicht euch zu berichten, sintemal er vor meines Vaters Zeit vermißt worden ist, ohne daß sich eine Spur findet, wie er abhanden gekommen. Eine Aarburgerin, Namens Uda, soll ihn zuletzt getragen haben, es finden sich aber keine Nachrichten von ihr, und man weiß nicht, in welches Haus sie sich verheirathet, oder ob sie mit dem Schmuck entführt worden, oder was es sonst für eine Bewandniß damit habe. Fast scheint es, als hätte man absichtlich diese Sache in Dunkel lassen wollen. Wie aber jener Schmuck auf die Aarburg gekommen, davon hat mir mein alter Burgpfaff ein wunderliches Histörchen erzählt, das ich euch nicht verhalten will, und steht es bei euch, was ihr davon glauben wollet oder nicht.

Meine Urältermutter, Namens Ursula, aus dem Geschlecht der von Ranzau, war schon hochbetagt, und eine Mutter von sieben Kindern. Einmal, als sie bei ihren Kindlein in der Johannisnacht ruhte, ward sie mit ihrem Namen gerufen, daß sie darüber vom Schlaf erwachte. Sie meinte, es wär eine von ihren Dienerinnen, und fragte, warum man sie zu so ungewohnter Zeit in ihrer Ruhe störte. Da sie aber die Augen aufthat, sah sie ein unbekanntes Weib von zwerghaftem Ansehn bei ihrem Bett stehn, entsetzte sich und wollte nach Hülfe rufen. Aber das Weib hieß sie still seyn und ihr nachfolgen, weil eine Frau in Kindesnöthen ihrer Hülfe begehre. Frau Ursula machte nun zwar manche Einwendung, fragte woher und wohin, aber das Weib bat sie beweglich und klagte wie, die Kindbetterin, so von gar fürnehmen Geschlecht, all ihr Vertrauen auf Frau Ursula gesetzt, daß die Rittersfrau sich endlich entschloß ihr zu folgen. Die fremde Zofe führte sie nun aus der Burg, durch alle Wachen ungestört über Wälle und Zugbrücken, durch Pförtchen und Thore, über Felder und Gewässer, bis sie endlich an einen hohen Berg kamen. Hier pochte das Weib an eine Steinplatte, und alsbald öffnete sich ein hohes Portal in dem Berge, durch welches Frau Ursula mit ihrer Begleiterin in die Vorhalle eines unterirdischen Palastes einging. Aus dem Innern kamen ihr eine Schaar kleiner Männlein entgegen, kaum einer Ellen lang; die neigten sich demüthig vor ihr, und führten sie durch eine Reihe kostbarer Säle und Gemächer, die alle von Edelgestein und Perlen und den herrlichsten Gold- und Silbererzen glänzten. Endlich kam ein andres zwergisches Weiblein und sagte der Frau Ursula an, saß die Bergkönigin ihrer sehnsüchtig harre. Zugleich thaten sich ein paar große goldene Flügelthüren auf, die kleinen Männlein traten ehrerbietig zurück, aber die beiden Zofen führten Frau Ursula in die Wochenstube der unterirdischen Königin. Hier waren die Wände von feinem, zart geädertem Marmor und oben wölbte sich eine Kuppel von sanftgrünem Smaragd. An der Seite stand ein Bett von gediegenem Gold, auf diesem lag ein Frauenbild, schön und holdselig, wie die welschen Maler die Mutter Gottes malen, die sprach, als Frau Ursula sich ihr näherte: edle Frau, fürchtet euch nicht, und tretet getrost näher, mir beizustehn in der Stunde der Angst, die mich überfällt in der Johannisnacht, wo den Erdgeistern die Kräfte gebunden sind, bis zum Hahnenruf. Auf diese Rede trat Frau Ursula hinzu, und sprach selbst der Kreisenden Muth ein, segnete sie auch mit dem heiligen Kreuz, weil sie noch immer ein böses Blendwerk des Satanas fürchtete. Als sie aber bemerkte, daß alles unverändert blieb, wie zuvor, und die schöne Königin während des Segens sie nur noch holdseliger anblickte, ging sie freudig ans Werk. Nun erhob sich während der Arbeit ein wunderbar Getön, als flüsterte der Wind in Saiten, und spielte mit hellen Glöcklein, bald fern bald nah und wunderlieblich anzuhören. Es währete auch nicht lange, da reichete Frau Ursula der jungen Mutter ein zartes Knäblein und in dem Augenblick klang es wie tiefer Glockenton und Posaunenschall, die goldenen Pforten öffneten sich von neuem, und der König trat herein, nahm stillschweigend das Kind, küssete er, und zeigte es einer großen Schaar kleiner Männlein, die vor den Pforten standen und niederknieten, als der König das Kind aufnahm. Frau Ursula sah mit großer Verwunderung alles dieses an, endlich berief die Königin sie an ihr Bett, und sprach: Nehmet meinen Dank, edle Frau, für euren Beistand und dieses zum Andenken an Saffira, die Bergkönigin. Bewahret den Schmuck in diesem Kästlein wohl; so lang' er bei eurem Hause bleibt, wird es grünen und blühen, und mit seinen Zweigen das ganze deutsche Reich überschatten, aber verlöschen wird euer Name, kommt dieser Schmuck von euch. Doch möget ihn wol ein Stück davon oder das andre einer geliebten Tochter mitgeben, denn es erhalten die edlen Steine das Herz und den Geist frisch, machen auch angenehm und fröhlich, nur seid sodann bedacht, daß ihr alsbald ein ähnliches Stück von gleichem Werth dagegen schaffet, damit der Schmuck vollständig bleibe und jede Braut auf der Aarburg an ihrem Ehrentage sich damit schmücke. Mit diesen Worten deutete die Königin auf ein ansehnliches und sehr zierlich gearbeitetes Kästlein, das eine der Zofen hielt, und wozu Saffira selbst an Frau Ursula den Schlüssel überreichte. Das Zwergweib geleitete nun die reichbeschenkte Wehmutter aus dem unterirdischen Königspalast in ihre Burg zurück, bediente sie beim Auskleiden, stellte sodann das Schmuckkästlein auf den Nachttisch und beurlaubte sich zuletzt mit höflicher Verneigung von der Burgfrau.

Als nun meine Urältermutter am Morgen spät erwachte, dünkte sie das Alles ein Traum, doch merkte sie bald an dem Kästlein, wozu sie den goldenen Schlüssel noch in der Hand hielt, daß ihr wirklich etwas seltsames und wunderbares in dieser Nacht begegnet sei. Sie zeigte alles ihrem Eheherrn an, und beide staunten ob dem überköstlichen Schmuck in dem Kästlein, denn da waren Demanten als die Sankt Lambertus-Nüsse und Perlen als die größten Weinbeeren, daß schier der Römische Papst keine so kostbaren in seiner Krone hat, und man dieses wol mit Recht ein mehr als königliches Gratial nennen konnte. Es bewieß sich auch der Wundersegen, den die Bergkönigin verheißen hatte, denn das Geschlecht der Aarburger mehrte und breitete sich durch das ganze Reich und hatten alle vollauf, so lang der Schmuck auf der Aarburg war, seit er aber verschwunden ist, starb ein Aarburger nach dem andern kinderlos hin, und ich bin der letzte, werde auch bald den Namen der Aarburger mit mir zu Grabe tragen. Meiner Bertha soll aber der Schmuck darum nicht entgehen, denn es ist mir ein früher verschenktes Stück davon durch Erbgangsrecht zugefallen, welches, falls den Worten der Bergkönigin zu trauen ist, den andern Stücken, die dazu gefertigt werden sollen, seine Tugend mittheilen wird.

Die Ritter kannegießerten noch lange über diese Berggeisterspende. Mancher wollte den Starkgeist machen, meinte, die Aeltermutter habe lebhafte Fantaseien gehabt im Traum, der Schmuck aber sei später hinzugedichtet worden, wie die Legende zum Evangelium, und sei das heimgefallene Stück nicht besserer Beweis für das Ganze, als eine Sproße von des Erzvaters Jacob Himmelsleiter für dieses englische Zimmerwerk selbst. Mancher hingegen wußte ähnliche Begebnisse solcher geistigen Schenkungen und Rekompensen anzuführen, als die güldischen Sandkörner, welche das Zwerglein im Schloß Rosenberg dem Grafen Hermann zum Valet darbot, ingleichen den Ring, welchen die edle Frau von Alvensleben zu Kalba an der Milda von einem gespenstischen Weiblein für einen ähnlichen Liebesdienst erhalten habe, und bewieß gleich dem geisterkundigen Jung aus der Gewißheit dieser Geschichten die Möglichkeit der Aarburgischen Wunderhistorie und des Geisterspuks überhaupt. Ein dritter aber schüttelte bedenklich das Haupt, meinte, solche Spenden seien überhaupt verdächtig und nehm' es gewöhnlich mit ihnen kein gutes Ende; wie er denn schon früher von einem Harfner in Palästina ein Liedlein gehört, von einem schönen Fräulein, die auch einen solchen Schatz besessen. Als sie aber am Hochzeittage sich geschmücket und auf den Bräutigam geharret, sei anstatt des Hochzeiters der schwarze Höllenritter gekommen und habe die Braut mit dem eitlen Schmuck heimgeholt, wodurch denn die Kleinodien vermuthlich dem finstern Schacht des Abgrundes wieder anheimgefallen wären. Ritter Balduin saß gar mißmuthig dabei, nahm geringen Antheil an der Controvers und verwünschte den Brautschmuck, der ihm die Braut raubte, in die untersten Oerter der Erde.

Die Tage waren indessen kürzer geworden, und es nahte die Zeit der Herbstnachtgleiche, der Wind bließ frostig über die Stoppeln und schlug Regen und Graupelwetter durch Dach und Fenster in Balduins Burg. Da entschloß er sich eines Tages schnell, trat zu dem Aarburger und sprach: Ritter Thimo, mich duldet er nicht länger in der Nähe der Aarburg. Der Sturmwind spielt meiner Feste gar übel mit, und die Liebe meinem Herzen noch übler. Darum hab' ich beschlossen, zu dem Heer des Kaisers zu ziehn, ob ich mir Ehr' und Gut erwerben mag. Meine alte Burg biet' ich feil, mögt ihr sie haben, so seid ihr mir der beste Käufer, gebt mir dafür was euch recht dünkt. Ritter Thimo hörte diese Rede zwar ungern, denn er war dem Balduin gewogen, doch als er sah, daß dieser auf seiner Meinung bestand, ließ er ab vom Zureden, schloß den Handel über die Burg, richtete sodann ein großes Mahl zum Valet aus, und ließ den Ritter Balduin zur letzten Ergetzlichkeit an der Seite der schönen Bertha sitzen. Zum Schluß berief er den reisefertigen Gast zu sich in ein Fenster, übergab ihm einige Briefe, und sprach: Zieht mit Gott, Ritter, und kehrt bald und fröhlicher wieder, als ihr auszieht. Ihr werdet nicht allerwärts gute Herberge finden, absonderlich jetzt, wo öfters jeder Winkel mit Rittern, Knechten und Reisenden angefüllt ist, darum nehmet diese Briefe mit euch, die ich an meine Burgvögte und Haushalter habe schreiben lassen, das sie euch auf das Beste bewirthen, gleich als käm ich selbst. Ihr sollt Herr seyn auf meinen Burgen, solang es euch gefällt, und habt deshalb nur meinen Befehl vorzuzeigen. Nun Gott befohlen, Euer Roß harret euer.

Damit schob er jenen zur Thüre hinaus, und hörte auf keinen Dank. Unten aber fand Balduin sein Roß gesattelt und fertig, schwang sich darauf und zog, mit manchem Seufzer nach dem Fenster seiner Bertha, auf gut Glück in die Welt hinein.

Er hatte schon manchen Gebrauch von seinen Panis-Briefen gemacht und die nächsten Vögte freundlich und willfährig, die entferntern rauher und herrisch gefunden. Schon war er Willens, die letzten Briefe unabgegeben zu lassen, denn ihn widerte das hochfahrende Wesen der Amtleute, aber ein unfreundliches wildes Schlackerwetter trieb ihn gegen Abend nach der Funkenburg, nahe bei der Stadt Leipzig im Pleißnerland, die vormals eine mäßige Feste war, auf welcher ein Vogt des Aarburgers hausete; heutzutag' aber ist es ein anmuthiger Platz, wohin Sonntags und Werkeltags die Städter lustwandeln, und ist nichts rittermäßiges daselbst zu sehen, als Messenzeit welsche und englische Kunstreiter, auch zuweilen ein fahrender Ritter, so aber nicht vom Stegreif und Sattel, sondern vom Windfähnlein und der Luftgondel lebt. Die Burg schimmerte von weiten durch Nebel und Schneegestöber, und in der Nähe sah Balduin, wie sie gar lustig in allen Fenstern beleuchtet war, als feierte der Vogt ein Freudenfest zu Ehren der Burgherrn. Balduin stieß einigemal in sein Horn, aber drinn war man zu geschäftig, um dem Wandrer draußen zu antworten. Endlich ertönte von innen die allgemeine Präliminarfrage des Einlasses: Werda? und dem Ritter ward nach einem langweiligen Examen aufgethan. Er schickte dem Burgvogt seinen Brief, mußte aber indessen unter den Roßbuben verweilen, bis der Vogt Befehl gab ihn in die Burg zu führen.

Hier ging es gar munter zu: Geiger und Pfeifer spielten gar lustig auf, Ritter und Dirnen dreheten sich im Tanz, oder saßen in vertrauter Umarmung auf weichen Lotterbettlein. Andre saßen an Schenktischen und leerten die Becher geschwinder als die Diener sie füllen konnten, sangen dabei Trink-, Schimpf- und Liebeslieder, und lachten darunter, daß die Becher auf den Tischen klirrten. Der Vogt taumelte dem ankommenden Ritter entgegen, und bat ihn Platz zu nehmen und es sich wohl seyn zu lassen, aber Balduin mochte in dem Lärm nicht bleiben und sehnte sich nach Ruhe. Da zog der Wirth die Augbraunen aufwärts, zuckte die Achseln bis über die Ohren, und sprach: Edler Ritter, der veste gestrenge Herr Thimo von der Aarburg gebietet mir zwar eurer auf das beste zu pflegen; gleichwol werdet ihr diese Nacht mit einem engen schlechten Zimmerlein verlieb nehmen müssen, weil, wie ihr sehet, die ganze Burg besetzt ist; es wär denn, daß ihr das Herrenzimmer erwähltet, wo es aber nicht ganz geheuer seyn soll. Das sagte aber der arge Schalk nur, um sich des Spähers, für welchen er den Ritter hielt, mit guter Art zu entledigen, denn er hoffte nicht vor dem Hausherrn zu bestehen, wenn dieser einmal sagen sollte: thue Rechnung von deinem Haushalten. Das Zimmerlein, das er dem Ritter zur Schlafstätte angeboten hatte, war so luftig, daß es jedem Gast im Schloßhofe angenehme gedäucht haben würde, dagegen war das Herrenzimmer seit langer Zeit eine wüste Behausung der Geister; und mancher Waghals, der den Strauß mit den gespenstischen Usurpatoren hatte unternehmen wollen, war am Morgen mit rückwärts gekehrtem Gesicht gefunden worden. Der Ritter ließ sich beide Gemächer zeigen, verwarf das erste und befahl im Herrenzimmer ihm ein Bett aufzuschlagen und ein Abendessen nebst Schlaftrunk zu bereiten.

Er war mit seiner einsamen Mahlzeit geschwinder zu Ende, als die Bankettierer an der Tafel des Vogtes, von der noch lange Jubel und Gesang zu ihm schallte. Als es aber gegen die verrufene Stunde hin kam, wo die Unterwelt ihre gespenstischen Missionare zu Bekehrung der Ungläubigen und Freigeister in der Oberwelt entsendet, da ward es stiller und immer stiller in der Burg, die Fackeln und Kerzen erloschen, die Sänger verstummten und die Geiger und Pfeifer zogen nach Haus. Balduin stärkte sich mit einem Schlaftrunk gegen die Anfechtungen des Nachtgrauens, schob das Feuer im Kamin zusammen und warf sich auf das ihm bereitete Bett, wo er in Gedanken an seine Bertha zu entschlummern, und wenigstens im Traum ihrer holden Schönheit sich zu erfreuen hoffte.

Aber der Wächter, der die Stunde der Mitternacht in der Burg ansagte, rief den Ritter aus der anmuthigen Vorhalle des Traumtempels in die dornige Wildniß seines Lebens zurück, wo ihm die neckenden Kobolde Liebespein und Unmuth irr' führten, daß er die Traumpforten nicht wieder finden konnte. Er versuchte zwar mancherlei Wege, und vergaß auch nicht den dürren, sandigen Hohlweg der Langenweile, welchen der humoristische Jean Paul als probat rekommandirt, [ * ] S. D. Katzenbergers Badereise von Jean Paul. Erstes Bändchen S. 233. , ohne jedoch seine Leser dieser Wohlthat froh werden zu lassen; aber selbst dieser Weg führte ihn nicht zum Ziel, denn er ward bald von gar seltsamen romantischen und abenteuerlichen Parthieen unterbrochen.

Der Ritter wendete sich ausf seinem Pfühl unmuthig von einer Seite zur andern, da dünkt' ihn, als rauscht' es im Schlot des Kamins. Er richtete seine Augen dahin, und sah bald durch den Schornstein etwas herabfallen, wie eine Menschenhand. Nicht lange, so rauscht' es von neuem und es fiel ein Fuß durch denselben Weg herab, diesem folgte eine zweite Hand und wieder ein Fuß, und so nach und nach alle Requisiten eines menschlichen Körpers, jedes nach seiner Gebühr bekleidet, herab, fügten sich zusammen, wie im chinesischen Schattenspiel oder im Pygmäentheater, womit Herr Charles und Compagnie die pariser Oper pygmäisiren, und alsbald stand ein riesenhafter Schweizer mit Wehrgehenk und Partisane fertig da, und stellte sich ans die eine Seite des Kamins.

Der Organisationsproceß begann in kurzem von neuem, und ein zweiter Hellebardierer trat geschmückt und gerüstet auf die andre Seite des wunderbaren Laboratoriums. Aber jetzt verwandelte sich der allmälige Gliederregen in ein prasselndes Hagelwetter. Weiberfüßchen, Männerfäuste, Kinderköpfe, ein ganzes Sortiment menschlicher Gliedmaßen polterte herab, darunter Materialien zu Tischen, Sesseln, Schemeln; auch Tafelgedeck, goldne Kannen, Pokale und Kessel mit allem Zubehör eines sardanapalischen Mahles, daß das halbe Zimmer davon erfüllet ward. Die beiden Erstgeborenen der gespenstischen Schöpfung legten nun ihre Partisanen aus den Händen, und fingen an, die eingekommenen Beiträge und Miscellen für die neueste Welt- und Menschenkunde zu redigiren. Sie setzten aus dem Chaos menschlicher Fragmente so geschickt und zierlich Menschen zusammen, wie die Sagensammler der Vorzeit aus den Rhapsoden einen Homer, der lange unter Griechen und Griechengenossen für ein Muster eines ganzen Mannes passirte, bis ein Deutscher die Fugen seiner Zusammensetzung ausspähte. Unter ihren Händen entstand zuerst eine stattliche Dienerschaft, die geschäftig sich umhertrieb, Tische, Sessel und Schemel zusammensetzte und bald eine Tafel servirt hatte, an der nur noch die Gäste fehlten. Bald aber gingen auch diese aus dem alchymistischen Schornstein hervor. Männer und Frauen in der prächtigsten Galatracht der frühern Zeit erschienen, nahmen auf den Sesseln Platz oder spazierten umher. Zuletzt kam aus dem finstern Schlot ein holdes Fräulein, in weiße Seide gekleidet, schön, zart und schlank, aber auch blaß wie eine Lilie. Ihr Antlitz war, wie ein Seufzer des Himmels, kummervoll, aber von unaussprechlicher Lieblichkeit. Zu ihrer Seite ging ein Ritter, schwarz und unholdselig anzusehn; sein Mund war lachender Grimm, und seine Augen finstere Gewitterwolken voll düsterer Blitze. Er führte das Fräulein vor einen Spiegel, der ihre schöne Gestalt als ein schmäliges Todtenbild ihr zeigte, daß sie voll Entsetzen sich abwendete; doch zwang sie der Unhold mit ihren sanften Augen das abscheuliche Trugbild zu beschauen und sich vor diesem Spiegel zu schmücken. Denn es brachten ihr nun die Diener Kleider von Gold- und Silberstück und eine Brautkrone, auch Halsschmuck und Armspangen, Fingerreifen und Ohrengehänge, aber alles war geglüht in höllischem Feuer und zischte Funken wie rother Stahl auf dem Ambos des Waffenschmides.

Bis hieher hatte Ritter Balduin auf seinem Lager einen stummen Zeugen dieses Abenteuers abgegeben, allein jetzt schien er selbst zur Theilnahme daran genöthigt zu werden. Auf einen unwillkührlichen Schrei, den das Mitleid mit der Geängsteten ihm auspreßte, wendete sich die ganze Geisterversammlung nach dem Bett; Einer stand auf, nahm einen güldenen Pokal von der Tafel und kredenzte ihn dem menschlichen Gaste, nöthigte ihn auch durch Zeichen sich zu erheben und an dem mitternächtigen Mahle Theil zu nehmen. So muthig die alten Ritter waren, wo es einen körperlichen Feind galt; so wenig achteten sie es, als wahre Gegenfüßler der tapfern Paladins unsrer Zeit, für Schande, der Geisterwelt gegenüber einen Schauder zu empfinden. Ritter Balduin hätte lieber hundert Saracenensäbel gegen sich blinken sehn, als diesen goldenen Pokal, welchen ihm der nächtliche Zechbruder mit der entfleischten Knochenhand bot. Indessen sah er hier kein Entkommen, und sein Zögern machte schon die andern Gäste rege, daß sie langsam seinem Bett sich näherten. In solchen Augenblicken ist in einem starken Gemüth der Uebergang von ängstlichem Zweifelmuth zu dem tapfersten Heroismus so leicht und schnell, als in dem Hasenherzen eines Poltrons der Sprung von großthuender Prahlerei zu der kleinmüthigsten Verzagtheit. Ritter Balduin ermannte sich, sprang frisch vom Lager auf, faßte mit der Rechten sein Schwert, mit der Linken ergriff er den dargebotenen Becher und setzte ihn gewaltsam auf den Tisch. Wer ihr auch seid – rief er mit festem Ton – wie mögt ihr einen rechtlichen Ritter auffordern, euch Bescheid zu thun und den Becher mit euch zu leeren, so ihr doch Gewalt übt an schwachen Dirnen nach Art des Raubgesindels! Seid ihr Menschen, so stellt euch meinem Schwert, daß wir um die Dirne fechten, wo nicht, so hebt euch weg aus der Menschen Wohnungen!

Auf diese Rede lachte der schwarze Ritter verbissen, und von seinem dumpfen heimlichen Gelächter erzitterten die Mauern der Hauses. Diese Dirne – rief er – hat sich mir zur Braut ergeben und bleibt mein. Jede Nacht prangt sie mit dem feurigen Schmuck, bis diese Steine zurückkehren in die Hand des rechten Herrn. Schmückt euch, schöne Braut, und ihr, Ritter, thut uns Bescheid!

Bei diesen Worten drangen die Hochzeitgäste, in den dürren Händen die Pokale, mit rothem dampfenden Schaume gefüllt, auf Balduin ein. Die Männer schienen ihn zum Trunk, die Frauen zum Tanz einzuladen. Aber Balduin hielt ihnen den Griff seines Schwertes vor und machte sich Platz durch den grinsenden Haufen. Er brauchte keine Aretinsche Gedächtnißkunst, um sich bei dieser peinlichen Toilettenscene an den verschwundenen Aarburger Brautschmuck zu erinnern, und in der blassen Braut das Fräulein im Liede des Harfners in Palästina, und zugleich jene Uda zu erkennen, von welcher die Aarburger Geschlechtsregister schwiegen, und über deren Verschwinden ihm die unholde Gesellschaft ein genügendes Licht gab. Seiner Sache gewiß trat er zu dem schwarzen Ritter und sprach: Ich werde dir Bescheid thun, wie du es verdienst. Diese Jungfrau ist Uda die Aarburgerin und du hast fernerhin keinen Theil an ihr. Diese Steine sind eine Gabe der Bergkönigin Saffira, und jetzt in den Händen den rechtmäßigen Eigenthümers, denn ich selbst nehme sie hiermit für den Ritter Thimo von der Aarburg in Besitz.

Diese mündliche Proklamation, mit der Balduin sein erobertes Territorium okkupirte, hatte denselben Erfolg, wie die gedruckten in unserm diplomatischen Zeitalter. Die feindliche Besatzung, die in dem Herrenzimmer garnisonirte, wartete das Ende nicht ab, und zufrieden, ihre Persönlichkeit zu salviren, ließ sie das nächtliche Bankett mit allem Zubehör dem Sieger zur Beute.

Balduin war außer sich vor Erstaunen und Freude, als ihm der Morgenstrahl die Pracht der zurückgelassenen goldenen und silbernen Geschirre nebst den Reichthum und Glanz der Juwelen zeigte, und ihm kein Zweifel blieb, daß dieser Nachlaß der gespenstischen Braut nichts anders sei als der verlorene Aarburger Brautschmuck. Er war noch mit Musterung seiner Reichthümer beschäftiget, als der Burgvogt mit mehrern Knechten die Thür öffnete, und sich höchlich verwunderte, den Ritter nach dem fürchterlichen Brausen, das alle Schläfer im Schloß um Mitternacht aufgeschreckt und geängstigt hatte, noch lebend und gar im Glanz solcher Umgebungen zu finden. Denn der Schalk hatte nichts gewisser geglaubt, als der tosende Schwarm habe den verwogenen Geisterseher, wie Mephistopheles den Doktor Faust durch die Lüfte geführt. Ritter Balduin durchschaute auch bald das Herz des Vogtes, wie es nach der glänzenden Beute aus der Geisterwelt gelüstete. Er befahl ihm daher, Wagen und Rosse bereit zu halten, um den Schatz unter seinem Geleit auf die Aarburg zu bringen, mit dem Bedeuten, daß die Geister nicht mehr in dem Herrenzimmer hausen würden, dagegen der, welcher es wagen möchte, seine Hand an das geringste Stücklein dieser Kleinodien zu legen, alsbald von den höllischen Heerscharen werde in die Lüfte geführt, und zur Speisung der Raben zerrissen werden. Da nun in der folgenden Nacht kein Geisterspuk mehr im Herrenzimmer gehört wurde, so galt Ritter Balduin für einen kräftigen Teufelsbanner und der Vogt gehorchte allen seinen Befehlen auf das pünktlichste.

Ritter Thimo war seit Balduins Abschied gar mißmuthig worden. Die schöne Bertha saß oft neben ihm, sang traurige Lieder vom Scheiden und Meiden, und harfenirte gar trübselig dazu. Da bließ einmal der Thürmer des Morgens ein lustiges Stücklein, und die Edelknaben verkündigten, aus dem Walde nahe sich ein glänzender Zug von Wagen und Reisigen, und der Ritter, der den Zug führe, trage Ritter Balduins Feldbinde und Helmzeichen, sei auch der Gestalt nach kein anderer als er selbst. Da schlug dem Vater Thimo das Herz hoch vor Freude, und die holde Bertha lief, und trat eilend auf die Burgzinnen und deckte mit ihrer weißen Hand ihre Augen vor dem Licht der rothen Morgensonne. Vom Walde her aber blinkten ihr Helme und Schilder und hell polirte Harnische und Schwerter entgegen. Er ist es! – rief sie herab und der alte Ritter befahl schleunigst die Burg zu öffnen. Da rasselten die Riegel der Thore und die Ketten der Zugbrücken klirrten, die Edelknechte schwangen sich zu Rosse, und der Thürmer intonirte ein Willkommen ohne Ende, daß es widerschallte in Wald und Gebirg und die Hirsche und Eber waldeinwärts flohen. Die schöne Bertha aber stieg eilig vom Burgsöller herab und barg sich verschämt in ihr Kloset, wo sie geheim in den Fenstern lauschte nach dem Einzuge des Ritters. Der sprang fröhlich vom Rosse, umhalsete den Aarburger und sprach: Vater Thimo, so ich euch zurückbringe die Spende der Bergkönigin Saffira, die an Werth ihr gleich achtet allen euren Burgen, und dazu noch einen köstlichen Schatz von Gold und Silbergeräth, achtet ihr mich dann werth euer Eidam zu seyn und laßt ihr mich wohnen mit der holdseligen Bertha, auf einer eurer Burgen, dieweil ihr nun nicht nöthig habt sie hinzugeben um des Brautschmucks willen eurer Tochter?

Der Aarburger meinte in dieser Rede eitel Räthsel zu vernehmen, und hieß den Ritter Balduin mit sich in die Burg gehen, um bei dem Becher die Räthsel zu lösen. Als er nun alles gehört, und die Kleinodien mit Verwunderung betrachtet hatte, sprach er: Ihr wißt, daß mir das Herz nicht an schnödem Geld und Gut hängt und daß ich darum euch meine Bertha nicht geweigert habe. Auch möcht' ich sie euch vielleicht nicht vorenthalten haben, hättet ihr nach einiger Frist nochmals um sie geworben, wiewol ich ungern sie minder reich gesehn hätte, als Hausfrau, denn als Dirne. Nun aber nehmt sie hin! Sie wird Saffira's Brautgeschenk mit Ehren tragen, und laßt eure Hochzeit seyn sobald es euch gefällt.

Balduin und Bertha säumten nicht lange, ihren Liebesbund durch die heilige Weihe der Kirche einsegnen zu lassen. Als nun die holde Braut, geschmückt, wie die Bergkönigin Saffira selbst, und doch ihren Schmuck überstrahlend, wie der edle Demant seine goldene Fassung, in das Brautgemach geführt ward, und an der Seite ihres Balduin sanft entschlummert war, da trat ein Traumbild an ihr Lager, und flüsterte ihr zu: Ich bin Uda, die Erlösete. Bitte deinen Gemal, daß er meinen Leib aus der Berghöhle in die Gruft meiner Väter bestatten lasse. Von der Stimme erwachte Bertha und sagte ihrem Gemal das Gesicht an. Dieser fand am Morgen alles, wie das Traumbild angezeigt hatte, und brachte Uda's Gebeine in die Gruft zur Ruhe.

Dem Vogt von der Funkenburg aber verehrte Herr Thimo einen schönen, großen güldenen Pokal, von dem Bankett des gespenstischen schwarzen Hochzeiters, in welchen er eine ausführliche Verzeichnung der sämmtlichen Kleinodien an Gold, Silber, Perlen und Edelstein zum Gedächtniß eingraben ließ, welche Ritter Balduin von den Geistern in dem Herrenzimmer erbeutet hatte. Hierdurch erhielt sich die Sage von einem großen, in der Funkenburg bei Leipzig verborgenen Schatze, wovon ein jeder Besitzer bis auf den heutigen Tag ein ausführliches Verzeichniß vorzuzeigen weiß. Aus unsrer Geschichte aber ergibt sich, daß es nur eitle Mühe seyn würde deshalb Nachforschung zu thun, indem Ritter Balduin den wahren Schatz längst von der Funkenburg abgeführt, und den Eigenthümern dieser weitbekannten Besitzung nichts davon übrig gelassen hat, als die vollständige Beschreibung.

 

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