Marcus Aurelius Antonius
Des Kaisers Marcus Aurelius Antonius Selbstbetrachtungen
Marcus Aurelius Antonius

 << zurück weiter >> 

Elftes Buch.

1.

Die Eigenschaften der vernünftigen Seele sind: sie beschaut sich selbst, zergliedert sich selbst und bildet sich selbst nach eigenem Gefallen. Die Frucht, die sie trägt, genießt sie selbst, während von den Früchten der Pflanzen und dem Nutzen, den uns die Tiere gewähren, nur andere den Genuß haben. Sie erreicht ihr bestimmtes Ziel, wie kurz auch immer das Leben sein mag. Es ist hier nicht etwa wie bei einem Ballett, einem Schauspiel und dergleichen, wo wegen eines Zwischenfalles die ganze Handlung unvollendet bleibt; vielmehr führt sie, wo und wann auch die Handlung aufhören mag, ihre Aufgabe vollständig und lückenlos durch, so daß sie sagen kann: Ich habe das Meinige dahin. Außerdem umwandelt sie die ganze Welt samt dem diese umgebenden leeren Raum und erforscht die Form derselben; sie breitet sich über die grenzenlose Zeit aus, sie begreift und betrachtet allseitig die periodisch eintretende Wiedergeburt aller Dinge und erkennt daraus, daß unsere Nachkommen nichts Neues schauen werden, so wie diejenigen, die vor uns gewesen sind, auch nichts anderes gesehen haben als wir sehen, so daß gewissermaßen schon ein vierzigjähriger Mann, wenn er auch nur einigen Geist besitzt, nach dem Gesetze der Gleichförmigkeit in alles Vergangene und Zukünftige einen Einblick hat. Endlich gehört auch das zu den Eigentümlichkeiten der vernünftigen Seele, daß sie den Nächsten sowie die Wahrheit und Bescheidenheit liebt, das Naturgesetz erkennt und nichts höher achtet als sich selbst. So findet mithin zwischen der richtig denkenden und der gerecht wirkenden Vernunft gar kein Unterschied statt.

2.

Die Reize eines Gesangs oder eines Balletts und Kampfspiels wirft du gering achten, sobald du zum Beispiel das harmonische Ganze des ersteren in seine einzelnen Töne zerlegst und bei jedem an dich selbst die Frage richtest, ob dich wohl dieser hinreißen könnte. Dann wirst du das Richtige wohl zugeben, und gerade so, wenn du hinsichtlich jeder Bewegung oder Haltung im Ballett und auch beim Anblick eines Kampfspieles ein Gleiches tust. Überhaupt nun – die Tugend und das von ihr Stammende ausgenommen – denke daran, alle Dinge auf ihre Bestandteile hin zu prüfen, und du wirst bei ihrer Zergliederung zu ihrer Geringschätzung gelangen. Davon mache auch auf dein ganzes Leben die Anwendung.

3.

Oh, was für eine Seele ist das, die bereit ist, jeden Augenblick von dem Körper, wenn es so sein soll, sich loszulösen und entweder zu erlöschen oder zu zerstäuben oder mit ihm fortzudauern! Nur muß diese Bereitschaft von der eigenen Überzeugung herstammen, nicht aber, wie bei den Christianern, von bloßem Eigensinn;Antonin meint die Märtyrer. Es gab viele Christen, die den Märtyrertod absichtlich suchten, weil sie ihn für den sichersten Weg zur Seligkeit hielten. vielmehr muß sie mit reiflicher Überlegung und Würde verbunden und ohne tragischen Pomp sein, so daß sie auch andere überzeugt

4.

Habe ich etwas Gemeinnütziges getan? Nun, davon habe ich ja selbst auch Vorteil. Diesen Gedanken habe stets vor Augen und höre in keiner Lage auf, so zu handeln.

5.

Was treibst du für eine Kunst? Die Kunst, ein rechtschaffener Mensch zu sein. Wie gelingt dies aber anders, als vermittels heller Einsicht teils in die Einrichtung der Allnatur, teils in die eigentümliche Beschaffenheit des Menschen.

6.

Zuerst wurden die Trauerspiele eingeführt, um es den Zuschauern begreiflich zu machen, daß gewisse Begebenheiten natürlicherweise so und nicht anders erfolgen können, und daß sie das, was ihnen im Schauspielhause anziehend erscheint, auf der großen Schaubühne der Welt nicht widerwärtig finden dürfen. Sehen sie ja doch, daß alles notwendig so kommen mußte und daß am Ende auch die, welche »Ach, Kithäron!«Ein Klageruf aus Sophocles. Kithäron, Berg zu Böotien, auf dem Oedipus, der vom Schicksal grausam Verfolgte, ausgesetzt wurde. Voll Bedauern, in seiner Kindheit gerettet worden zu sein, ruft er mit tiefstem Schmerz aus: Ach, Kithäron. ausriefen, es haben ertragen müssen. Auch werden von den Schauspieldichtern manche nützliche Wahrheiten ausgesprochen, wozu folgende gehören:

Werd' ich samt Kind verlassen von den Göttern,
Auch das hat seinen Grund.

und in einer andern Stelle:

Der Außenwelt muß man nicht zürnen.

oder:

Ernte das Leben wie eine fruchtreiche Ähre.In Antonins Betrachtungen wiederholt sich manches.

und andere Stellen mehr.

Nach dem Trauerspiel kam das ältere Lustspiel. Es übte eine sittenrichterliche Freimütigkeit und wirkte dadurch mit großem Nutzen auf die Entfernung des Eigendünkels, den sie rücksichtslos zur Schau stellte, zu welchem Zweck selbst ein Diogenes manches aus ihr sich zu eigen machte. Die darauf folgende mittlere Komödie, was war sie? Und endlich die neue, die bald in mimische Künsteleien ausartete, in welcher Absicht ist sie wohl eingeführt worden? Das sage mir einer. Zwar ist es unverkennbar, daß auch hier manche nützliche Wahrheit ausgesprochen wird; allein welcher Zweck wird denn eigentlich bei solcher dramatischen Poesie nach ihrer ganzen Anlage beabsichtigt?

7.

Wie einleuchtend muß es dir nicht vorkommen, daß keine andere Lebenslage zum Studium der Weisheit so geeignet sei als diejenige, in der du jetzt gerade dich befindest?Marc Aurels Leben war voll Prüfungen und Mühen aller Art. Alle Umstände des Lebens sind geeignet, uns Weisheit zu lehren.

8.

Ein Zweig, von seinem Nachbarzweige losgehauen, ist damit notwendigerweise zugleich auch vom ganzen Baumstamme abgehauen. So ist folglich auch ein Mensch, der sich von einem seiner Mitmenschen lossagt, von der ganzen menschlichen Gesellschaft abgefallen. Den Zweig nun haut doch noch eine fremde Hand ab, ein Mensch dagegen trennt durch Haß und Abscheu sich selbst von seinem Nächsten und bedenkt dabei nicht, daß er damit zugleich sich vom ganzen Gemeinwesen losgerissen hat. Doch ist es ein Geschenk Gottes, der die menschliche Gesellschaft zusammenfügte, daß es uns vergönnt ist, wieder mit dem Nachbarzweige zusammenzuwachsen und wiederum ein ergänzender Teil des Ganzen zu werden. Je öfter freilich eine solche Trennung eintritt, desto schwieriger wird auch die Wiedervereinigung und Wiederherstellung des Getrennten. Und überhaupt ist ein Unterschied zwischen einem Zweige, der von Anfang an mit dem ganzen Baume emporwuchs und denselben Trieb zum Wachstum behielt, und einem andern, der erst abgehauen und dann wieder aufgepfropft ward; denn der letztere, was wohl auch die Gärtner bestätigen, wächst zwar mit seinem Stamme wieder zusammen, schmiegt sich ihm aber doch nicht mehr völlig an.

9.

Diejenigen, die dich hindern wollen, dem Wege der gesunden Vernunft zu folgen, werden doch nicht imstande sein, dich von pflichtmäßiger Handlungsweise abzubringen; ebensowenig aber laß du dich in deinem Wohlwollen gegen sie stören; vielmehr bleibe gleichmäßig fest in diesen beiden Grundsätzen, nämlich nicht nur in deinen Urteilen und Handlungen beharrlich zu sein, sondern auch Sanftmut gegen diejenigen zu zeigen, die dich daran zu hindern suchen oder auch sonst deinen Unwillen erregen. Denn auf sie zu zürnen wäre ebensosehr eine Schwäche, als seiner Handlungsweise untreu zu werden und aus Bestürzung nachzugeben. In beiden Fällen nämlich würdest du Reih und Glied verlassen, dort aus Furcht, hier aus Abneigung gegen deine natürlichen Verwandten und Freunde.

10.

Die Natur steht niemals gegen die Kunst zurück, vielmehr sind die Künste Nachahmerinnen der Natur, und wenn dies ist, so dürfte wohl die vollkommenste und alles andere umfassende Natur der künstlerischen Geschicklichkeit nicht nachstehen. Alle Künste aber verfertigen das Unvollkommene um des Vollkommenen willen; so verfährt auch die Allnatur. Hier hat auch die Gerechtigkeit ihren Ursprung, aus der alle übrigen Tugenden sich entwickeln; denn solange wir uns noch mit den gleichgültigen Dingen zu schaffen machen oder uns als leicht verführbare, voreilige und wetterwendische Menschen zeigen, wird die Gerechtigkeit von uns nicht beobachtet werden.

11.

Die Außendinge, die du mit Furcht oder Hoffnung suchst oder fliehst, kommen nicht zu dir, vielmehr kommst du gewissermaßen zu ihnen. Bekümmere dich doch also nicht um sie, und auch sie werden dann ruhig bleiben, wo sie sind, und dich wird man sie weder fürchten noch verlangen sehen.

12.

Die Seele hat gewissermaßen eine Kugelform: sofern sie sich weder nach irgendeiner Seite hin ausdehnt noch in sich selbst zurückzieht, weder sich verflüchtigt noch erliegt, wird sie leuchten wie ein Licht und die Wahrheit von allem und folglich auch die in ihr selbst befindliche erblicken.Die Kugel, als vollkommenste Figur, wurde häufig als das Bild der Vollkommenheit gebraucht.

13.

Verachtet mich jemand? Das ist seine Sache. Meine Sache aber ist es, nichts zu tun oder zu sagen, was Verachtung verdient. Haßt er mich, so ist das wieder seine Sache, die meinige dagegen, liebreich und wohlwollend gegen alle Menschen zu sein, und gerade jenem gegenüber bereit, ihm sein Versehen nachzuweisen, ohne ihn beschimpfen oder meine Nachsicht gegen ihn zur Schau tragen zu wollen, sondern aufrichtig und gutherzig zu sein, wie der große Phocion,Phocion, zum Tode verurteilt, ließ, als er den Giftbecher trank, seinem Sohne sagen, er möge niemals auf Rache sinnen. wofern dessen Benehmen nicht erheuchelt war. Dein Inneres muß nämlich so beschaffen sein, daß die Götter in dir einen Menschen sehen, dessen Gemütsstimmung nichts von Ärger oder Mißmut blicken läßt. Denn was gäbe es auch wohl Übles für dich, wenn du jedesmal freiwillig das tust, was deiner Natur angemessen ist, und als ein Mensch, dazu bestimmt, das Gemeinwohl auf jede mögliche Weise zu fördern, das annimmst, was die Allnatur gerade jetzt dienlich findet?

14.

Leute, die sich gegenseitig verachten, machen sich gerade einander Komplimente, und die sich untereinander hervortun wollen, bücken sich gerade voreinander.

15.

Wie verderbt und betrügerisch ist der Mensch, der da spricht: Ich bin entschlossen, aufrichtig mit dir umzugehen! Wozu das, o Mensch? Es ist unnötig, das erst zu sagen; es muß auf der Stelle sich zeigen; schon auf deiner Stirne muß diese Versicherung geschrieben stehen. Es muß sogleich aus deinen Augen hervorleuchten, wie der Geliebte im Blicke des Liebenden sogleich alles lesen kann, überhaupt muß der aufrichtige und gute Mann in seiner Art eben das sein, was der übelriechende in der seinigen ist; wer ihm nahe kommt, merkt es sogleich, er mag wollen oder nicht. Eine erkünstelte Aufrichtigkeit dagegen ist wie ein versteckter Dolch. Es gibt nichts Schändlicheres als Wolfsfreundschaft.Nach einer äsopischen Fabel wurden die Schafe von den Wölfen, die sich friedliebend stellten, ans hinterlistige Weise betrogen. Wolfsfreundschaft nannten die Griechen jede Freundschaft, die Verdacht einflößte. Entfliehe ihr, so schnell du kannst. Der tugendhafte, aufrichtige und redliche Mann offenbart sich unverkennbar schon in seinen Augen.

16.

Die Fähigkeit, ein glückliches Leben zu führen, ist in unserer Seele vorhanden, sie darf nur gegen gleichgültige Dinge sich wirklich auch gleichgültig verhalten. Und sie wird sich alsdann so verhalten, wenn sie jedes von ihnen teilweise und im ganzen betrachtet und sich erinnert, daß kein Ding uns zwingen kann, so oder anders davon zu urteilen, daß die Gegenstände nicht zu uns kommen, sondern unbeweglich stehen bleiben, vielmehr wir es sind, die die Vorstellungen von ihnen erzeugen und uns diese gleichsam selbst einprägen, während es uns doch freisteht, dieses Urteil darüber uns nicht zu bilden oder auch, wenn es sich etwa bei uns schon eingeschlichen hat, es sogleich wieder zu tilgen. Und einer solchen Vorsichtsmaßregel wird es nur auf kurze Zeit bedürfen, da unser Leben bald aufhören und dieser Besorgnis ein Ende machen wird. Was hat demnach dieses richtige Verhalten für große Schwierigkeiten? Denn, ist es naturgemäß, so freue dich dessen, und es muß dir leicht sein; ist's aber naturwidrig, so untersuche, was deiner Natur gemäß ist, und strebe dann danach, auch wenn es dir keinen Ruhm einbringt. Jedem ist es gestattet, sein eigenes Wohl zu suchen.

17.

Denke an den Ursprung jedes Dinges, aus welchen Stoffen es besteht, in welche Form es sich umwandelt, was es nach seiner Verwandlung sein wird und daß ihm durch diese Veränderung kein Übel widerfährt.

18.

Erstens ist zu betrachten: in welchem Verhältnis stehe ich zu den Menschen? Wir alle sind füreinander da, und in einer andern Hinsicht stehe ich an ihrer Spitze, wie der Widder die Schafe führt und der Stier die Rinder. Doch betrachte dies Verhältnis auch von einem höhern Gesichtspunkte: Ist nicht alles ein Atomengewirr, so ist die Natur Beherrscherin des Alls; in diesem Falle sind niedere Wesen den höheren untergeordnet und letztere einander beigeordnet.

Zweitens: Wie zeigen sich die Menschen bei Tische, in ihren Zimmern und in den übrigen Lebenslagen? Und besonders, welche Gewalt haben ihre Grundsätze über sie, und mit wieviel Eigendünkel verrichten sie ihre Handlungen?

Drittens: Ist ihr Handeln vernünftig, so darfst du nicht unwillig werden; ist es aber nicht vernünftig, so handeln sie offenbar wider Wissen und Wollen. Denn wie jede Seele ungern auf die Wahrheit verzichtet, so auch auf das geziemende Betragen gegen jedermann. Daher kommt es, daß es die Menschen unerträglich finden, wenn man sie Ungerechte, Undankbare, Eigennützige, mit einem Wort Übeltäter an ihrem Nebenmenschen heißt.

Viertens: Auch du vergehst dich oft und gehörst also in dieselbe Klasse, und wenn du dich auch von gewissen Vergehen fern hältst, so hast du wenigstens die Anlage dazu, obgleich du aus Furcht oder Ehrsucht oder sonst einer schlimmen Neigung solcher Vergehen dich enthältst.

Fünftens: Du kannst es nicht einmal recht wissen, ob dieser oder jener sich wirklich vergangen hat. Denn vieles geschieht auch vermöge eines Dranges der Umstände, und man muß überhaupt mit manchen Verhältnissen zuvor bekannt sein, um über die Handlungsweise eines andern ein gegründetes Urteil abgeben zu können.

Sechstens: Wenn du dich auch noch so sehr erzürnst oder grämst, so bedenke, daß das Leben nur eine kleine Weile dauert und daß wir bald alle im Grabe sein werden.

Siebentens: Nicht die Handlungen anderer beunruhigen uns, denn jene beruhen auf ihren leitenden Grundsätzen, sondern vielmehr unsere Meinungen. Schaffe also diese wenigstens aus dem Wege und habe nur den Willen, dein Urteil über sie, als seien sie etwas Schreckliches, aufzugeben, und dann ist auch dein Zorn verschwunden. Wie soll ich nun aber jene aus dem Wege schaffen? Indem du erwägst, daß keine Beleidigung dich schändet. Nur das Laster ist etwas, was schändet. Wäre dem nicht so, dann müßte folgen, daß du dadurch ein Sünder oder Räuber werden könntest, weil es andere sagen.

Achtens: Der Zorn und Kummer, den wir durch die Handlungen der Menschen empfinden, sind härter für uns als diese Handlungen selbst, über die wir uns erzürnen und betrüben.

Neuntens: Ist dein Wohlwollen wirklich echt, ohne Heuchelei und Gleißnerei, so ist es auch unerschütterlich. Denn was kann dir der boshafte Mensch anhaben, wenn du in Freundlichkeit gegen ihn verharrst, ihn bei passender Gelegenheit sanftmütig warnst und gerade in dem Augenblick, wo er dir Böses anzutun versucht, ihn in ruhigem, zurechtweisendem Tone etwa so anredest: »Nicht doch, mein Lieber! Wir sind zu etwas anderem geboren. Mir zwar wirst du damit nicht schaden, dir selbst aber schadest du damit, mein Lieber.« Zeige ihm dann in schonendster Weise und mit gutem Bedacht, daß sich dies also verhält, und daß selbst die Bienen und andere herdenweise zusammenlebende Tiere nicht so verfahren. Du mußt es aber ohne Spott und Übermut tun, vielmehr mit liebevoller Seele und fern von aller Bitterkeit; auch nicht im hofmeisternden Tone oder in der Absicht, das Staunen eines Dritten, der etwa dabeisteht, zu erregen, sondern rede, wenn du ihn allein hast, nicht wenn andere umherstehen ...

Dieser neun Hauptvorschriften bleibe eingedenk, als hättest du sie von den neun Musen zum Geschenk erhalten, und fange endlich einmal an, Mensch zu sein, solange du noch zu leben hast. Hüte dich aber ebensosehr davor, auf die Menschen zu zürnen als ihnen zu schmeicheln. Denn beides gereicht dem Gemeinwesen zum Verderben. Namentlich bei den Aufwallungen des Zornes halte dir stets gegenwärtig, daß das Aufbrausen noch keine Manneskraft, sondern vielmehr im Gegenteil die Milde und Sanftmut in eben dem Maße, als sie menschlicher ist, auch größere Mannesstärke bekundet. Nur hier ist Kraft und Nerv und Mannhaftigkeit, nicht aber da, wo man aufgebracht und übellaunig ist. Denn je näher der Leidenschaftslosigkeit, desto näher der Stärke, und wie Betrübnis, so ist auch Zorn die Eigenschaft des Schwachen. Denn in beiden Fällen ist man verwundet und eine Beute des Feindes. Empfange indes, wenn es dir beliebt, vom Führer der Musen noch ein zehntes Geschenk. Es ist der Gedanke, daß es wahnsinnig sei zu verlangen, die Bösewichte sollen nicht sündigen; denn das hieße etwas Unmögliches verlangen; zugeben aber, daß sie sich gegen andere so zeigen, wie sie sind, und zugleich fordern, daß sie sich an deiner Person nicht versündigen, wäre Unbilligkeit und Tyrannei.

19.

Hauptsächlich vier Verirrungen sind es, vor denen deine Vernunft sich beständig hüten muß und denen du, sobald du sie ausgespürt hast, ausweichen sollst, indem du in dem einen Falle so zu ihr sprichst: Das ist eine unnötige Vorstellung; in dem andern so: Dies zerreißt das Band der menschlichen Gesellschaft; in dem dritten so: Was du jetzt sagen willst, ist nicht die Sprache deines Herzens, es ist aber ganz unstatthaft, anders zu reden als man denkt. Der vierte Fall ist der, wenn du dir selbst Vorwürfe machen mußt; dies rührt von der Stimme des göttlicheren Teiles deines Wesens her, der von deinem Körper, dem unedleren und sterblichen Teile deiner Natur und von dessen grobsinnlichen Lüsten überwältigt und unter dieselben herabgewürdigt ist.

20.

Alle geistigen und feurigen Teilchen, die deinem Wesen beigemischt sind, ungeachtet sie ihrer Natur gemäß nach oben streben, werden jedoch, um sich in die Ordnung des Weltganzen zu fügen, hier in deinem Körpergewebe festgehalten. Ebenso hält sich alles Erdige und Feuchte in dir, obgleich diese Teile nach unten streben, doch in der Höhe und behauptet in deinem Körper eine seiner Natur nicht zukommende Stelle. So gehorchen demnach auch die Grundstoffe dem Ganzen und bleiben notgedrungen da, wo sie einmal hingestellt worden sind, bis ihnen von dorther wieder das Zeichen zur Auflösung gegeben wird. Ist es nun nicht arg, daß nur der vernünftige Teil deines, Wesens ungehorsam und über den ihm angewiesenen Posten ungehalten ist? Und doch wird diesem gerade nichts Gewaltsames auferlegt, sondern nur das, was seiner Natur angemessen ist. Und dennoch läßt er sich's nicht gefallen, sondern neigt sich zum Gegenteil hin; denn jeder Schritt zu Ungerechtigkeiten, Ausschweifungen, Ausbrüchen von Zorn, Schwermut und Furcht ist nichts anderes als ein Abfall von der Natur. Und sooft deine Vernunft über irgendein Ereignis mißmutig wird, verläßt sie jedesmal Reih und Glied. Die Seele ist zur Gleichmütigkeit und Gottesfurcht nicht minder als zur Gerechtigkeit geschaffen; denn auch jene Tugenden sind im Begriff des Gemeingeistes enthalten, ja sie sind sogar noch älter als rechtliche Handlungen.

21.

Wessen Lebensziel nicht stets ein und dasselbe ist, der kann auch selbst nicht sein ganzes Leben hindurch ein und derselbe sein. Doch – das Gesagte ist noch nicht hinreichend, wenn man nicht auch das noch hinzufügt, von welcher Art jenes Ziel eigentlich sein muß. Denn gleichwie nicht alle Menschen von den Gütern, die gemeiniglich irgendwie dafür gehalten werden, die gleiche Ansicht hegen, sondern nur von gewissen, das heißt den allgemein gültigen, so darf man sich auch nur ein solches Ziel setzen, das von allen für gut gehalten wird und dem Gemeinwohl entspricht. Denn wer auf dieses Ziel mit allen seinen Kräften hinarbeitet, der wird allen seinen Handlungen Gleichförmigkeit verleihen und insofern stets ein und derselbe bleiben.

22.

Denke an die Feldmaus und die Stadtmaus und wie erschrocken jene hin und her lief.In Äsops Fabeln. Die Stadtmaus erschrak nicht wie die Feldmaus, als sie es im Hause poltern hörte, weil sie es gewöhnt war. Die Landmaus aber sagte, daß ihr das ruhige, wenn auch ärmliche Leben auf dem Lande lieber sei als das prachtvolle, doch unruhige und ängstliche Leben in der Stadt.

23.

Sokrates nannte die Meinungen der Menge Poltergeister, Schreckgestalten für Kinder.

24.

Die Lazedämonier ließen bei ihren Schauspielen die Fremden im Schatten sitzen; sie selbst aber setzten sich an der ersten besten Stelle nieder.

25.

Als Perdikkas dem Sokrates vorwarf, daß er nicht zu ihm zum Speisen kam, antwortete er: Ich mag nicht vor Schimpf und Schande vergehen, weil ich empfangene Wohltaten nicht wieder vergelten kann.

26.

In den Schriften der Ephesier war die Lebensregel aufgezeichnet, daß man sich beständig einen von den Alten, der vollkommen tugendhaft gewesen ist, zum Muster vorhalten solle.

27.

Die Pythagoräer lehrten, wir sollen in der Morgenstunde zum Himmel emporschauen, um uns nicht nur jener Wesen, die ihr Werk in ewiger Unveränderlichkeit und auf gleiche Weise betreiben, sondern auch ihrer Ordnung, ihrer Reinheit und ihres unverhüllten Zustandes zu erinnern. Denn die Gestirne sind ohne Schleier.

28.

Du weißt, daß Sokrates sich ein Fell umgürtete, als Xanthippe in seinem Obergewande ausgegangen war. Und wie richtig waren seine Worte zu seinen Freunden, als sie ihn in diesem Aufzuge erblickten und vor Scham zurücktraten!

29.

Du kannst nicht im Schreiben und Lesen unterrichten, wenn du es nicht selber kannst; viel weniger lehren, wie man recht leben soll, wenn du es selbst nicht tust.

30.

Du bist nur ein Sklave und hast nichts zu reden.Gegen das Schicksal.

31.

– doch innerlich lachte das Herz mir.Odyssee 9, 413: Mir lachte die Seele vor Freude.

32.

Lästern werden sie mit harten Worten die Tugend.Aus Hesiod.

33.

Im Winter Feigen suchen, wäre Tollheit. Ebenso ist der toll, der sich nach einem Kinde sehnt, wenn ein solches ihm nicht mehr vergönnt wird.

34.

»Wenn du dein Kind küssest,« sagte Epiktet, »mußt du dir innerlich zurufen: Morgen ist es vielleicht tot.« »Das sind Worte übler Vorbedeutung« wird ihm darauf entgegnet. »Nichts«, versetzte er, »ist ein Unglückswort, was eine Wirkung der Natur bezeichnet, sonst wäre auch der Ausdruck ›die Ähren werden abgemäht‹ ein Wort schlimmer Vorbedeutung.«

35.

Jetzt unreife Traube, bald reif, dann gedörrt – lauter Umwandlungen, doch nicht etwa in ein Nichts, vielmehr in ein Anderssein.

36.

»Einen Räuber der Willensfreiheit gibt es nicht« ist ein Wort Epiktets.

37.

Du mußt, sagt derselbe, hinsichtlich deiner Beifallsäußerungen regelrecht verfahren lernen und im Punkte deiner Bestrebungen die Vorsichtsmaßregel beobachten, daß sie an Bedingungen geknüpft sind, sich aufs Gemeinwohl richten und durch den Wert der Dinge bestimmt werden. Der Begierden dagegen mußt du dich ganz und gar enthalten und meiden, was nicht von uns abhängt.

38.

Der Streit betrifft also, bemerkt derselbe, nicht eine Alltagssache, sondern vielmehr die Frage, ob man wahnsinnig sei oder nicht.Nach stoischer Anschauung sind alle Lasterhaften in einem Wahnsinn befangen.

39.

»Was wünscht ihr?« fragte Sokrates, »vernünftige Seelen zu haben oder unvernünftige?« Vernünftige. »Was für vernünftige? Gesunde oder zerrüttete?« Gesunde. »Warum strebt ihr denn nicht danach?« Weil wir sie schon haben. »Warum zankt ihr euch denn dann und veruneinigt euch?«


 << zurück weiter >>