Marcus Aurelius Antonius
Des Kaisers Marcus Aurelius Antonius Selbstbetrachtungen
Marcus Aurelius Antonius

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Siebentes Buch.

1.

Was ist Schlechtigkeit? Nichts anderes als was du schon oft gesehen hast. Und so denke denn bei jedem Begegnis sogleich: Es ist nur etwas, was du schon oft gesehen hast. Dann wirst du finden, daß alles, wovon die Jahrbücher der alten, mittleren und neueren Geschichte und wovon auch jetzt noch Staaten und Familien voll sind, in jeglicher Hinsicht ganz das nämliche ist. Nichts Neues; alles gewöhnlich und kurz dauernd.

2.

Wie wäre es möglich, Vorurteile zu ertöten, wenn die Gedanken, die dieselben hervorbringen, nicht ausgerottet werden, deren beständige Wiederbelebung von dir abhängt? Ich kann über eine Sache so urteilen, wie ich soll; kann ich's aber, wozu dann meine Unruhe? Was außerhalb meiner Denkkraft liegt, darf meine denkende Seele nicht berühren. Fühle das, und du stehst fest da. Von dir selbst hängt es ab, ein neues Leben zu beginnen. Betrachte nur die Dinge von einer andern Seite, als du sie bisher ansahst. Denn das heißt eben: ein neues Leben beginnen.

3.

Eitle Prachtliebe, Bühnenspiele, Herden von Klein- und Großvieh, Fechterspiele – ein Knochen unter die Hunde, ein Brocken in einen Fischbehälter geworfen, die mühsame Lastträgerei der Ameisen, das Hin- und Herlaufen erschrockener Mäuse, Gliederpuppen, an einem Draht herumgezerrt. Mitten in diesem Getriebe nun muß man freundlich und leidenschaftslos dastehen und erkennen, daß jeder Mensch denselben Wert hat wie die Gegenstände seiner Bemühungen.

4.

Beim Reden muß man achthaben auf die Ausdrücke und bei den Handlungen auf die Erfolge. Bei letzteren muß man sogleich zusehen, auf welchen Zweck sie hinzielen, und in Rücksicht auf das erstere prüfen, welches der Sinn der Worte ist.

5.

Reicht mein Verstand zu diesem Geschäft hin oder nicht? Reicht er hin, so verwende ich ihn dazu als ein von der Allnatur mir verliehenes Werkzeug. Im entgegengesetzten Falle überlasse ich das Werk dem, der es besser ausrichten kann, wenn anders es nicht zu meinen Pflichten gehört, oder ich vollbringe es, so gut ich's vermag, und nehme dabei einen andern zu Hilfe, der, von meiner Geisteskraft unterstützt, vollbringen kann, was dem Gemeinwohl gerade jetzt dienlich und zuträglich ist. Denn was ich auf meine eigene Kraft beschränkt oder mit Hilfe eines andern zustande bringe, soll immer nur das Gemeinnützliche und Ersprießliche zum Ziele haben.

6.

Wie viele Hochgepriesene sind bereits der Vergessenheit anheimgefallen! Und wie viele, die das Loblied jener angestimmt haben, sind schon längst nicht mehr da!

7.

Schäme dich nicht, dir helfen zu lassen. Denn dir ist, wie dem Krieger beim Sturmlaufen, nur vorgeschrieben, deine Pflicht zu tun. Wie nun, wenn du deines lahmen Fußes wegen nicht allein imstande bist, die Schanze zu ersteigen, dies aber mit Hilfe eines andern dir möglich wäre?

8.

Sorge nicht für die Zukunft! Wirst du sie ja doch, wenn es sein soll, einmal erreichen, mit derselben Vernunft ausgerüstet, die dir jetzt in der Gegenwart Dienste leistet.

9.

Alles ist wie durch ein heiliges Band miteinander verflochten. Nahezu nichts ist sich fremd. Alles Geschaffene ist einander beigeordnet und zielt auf die Harmonie derselben Welt. Aus allem zusammengesetzt ist eine Welt vorhanden, ein Gott, alles durchdringend, ein Körperstoff, ein Gesetz, eine Vernunft, allen vernünftigen Wesen gemein, und eine Wahrheit, sowie es auch eine Vollkommenheit für all diese verwandten, derselben Vernunft teilhaftigen Wesen gibt.

10.

Alles Körperliche verschwindet gar bald im Urstoff des Ganzen, und jede wirkende Kraft wird gar bald in die Urvernunft des Ganzen aufgenommen. Aber ebenso schnell findet die Erinnerung an alles ihr Grab im ewigen Zeitenlaufe.

11.

Bei einem vernünftigen Geschöpfe ist eine naturgemäße Handlungsweise immer auch eine vernunftgemäße.

12.

Man muß von selbst aufrecht stehen, ohne erst aufrecht gehalten zu werden.Vgl. III, 5.

13.

Wie bei einem vereinten Körperganzen die einzelnen Glieder, so verhalten sich trotz ihrer Trennung die einzelnen vernunftbegabten Wesen zueinander. Auch sie sind zum Zusammenwirken eingerichtet. Diese Erwägung wird um so größeren Eindruck auf dich machen, wenn du oft zu dir selbst sagst: Ich bin ein Glied der Gesamtheit von Vernunftwesen. Sagst du aber, daß du es nur zum Teil bist, so liebst du die Menschen noch nicht von Herzen, so erfreut dich das Wohltun noch nicht aus reiner Überzeugung. Du übst es bloß als etwas, was sich geziemt, nicht aber für dich selbst eine Wohltat ist.Wer das gemeine Beste sucht, fördert dadurch sein eigenes.

14.

Mag den Teilen, die den äußeren Zufällen unterworfen sind, von außen her zustoßen, was da will, diese leitenden Teile mögen, wenn sie wollen, sich darüber beschweren; ich jedoch habe, solange ich das Begegnis nicht für ein Übel halte, noch nicht dabei gelitten; und es nicht dafür zu halten, steht ja ganz bei mir.

15.

Möge jemand tun oder sagen, was er will, mir gebührt es jedenfalls, rechtschaffen zu sein; ebenso wie wenn das Gold oder der Smaragd stets sagen würden: Tue oder sage einer, was er will, ich werde doch ein Smaragd bleiben und meine Farbe behalten.

16.

Die gebietende Vernunft bereitet sich selbst keine Unruhe, sie stürzt sich zum Beispiel nicht selbst in Furcht oder Schmerz; will aber ein anderer ihr Furcht oder Traurigkeit einstoßen, so mag er's tun; sie selbst wird sich durch ihr Urteil in keine solche Gemütsbewegungen versetzen. Daß aber der Körper nichts leide, dafür mag er sorgen, wenn er kann, und es sagen, wenn er leidet. Die Seele aber, der eigentliche Sitz der Furcht, der Traurigkeit und der dahin einschlagenden Vorstellungen, wird wohl nicht, wenn sie sich nicht selbst zu derlei Urteilen verführt, leiden. Denn die herrschende Vernunft ist an und für sich bedürfnislos, wenn sie sich selbst keine Bedürfnisse schafft; eben deshalb kennt sie auch weder Unruhe noch Hindernis, wenn sie es sich nicht selbst verursacht.

17.

Glücklich sein heißt einen guten Genius haben oder gut sein. Was machst du also hier, Einbildung? Geh, um der Götter willen, wie du gekommen bist, denn ich brauche dich nicht. Du bist gekommen nach deiner alten Gewohnheit. Ich zürne dir deswegen nicht; nur geh bald fort.

18.

Mancher fürchtet sich vor der Verwandlung. Was kann denn ohne Verwandlung werden? Was ist demnach der Allnatur lieber oder angemessener? Kannst du selbst auch nur ein Bad gebrauchen, ohne daß das Holz sich verändere, oder Nahrung genießen, ohne daß die Speisen sich verwandeln? Oder kann sonst etwas Nützliches ohne Verwandlung zur Vollkommenheit gebracht werden? Siehst du es also nicht ein, daß es mit deiner eigenen Verwandlung die gleiche Bewandtnis habe und daß sie für die Allnatur gleichfalls notwendig sei?

19.

Alle Körper nehmen durch das Weltall, wie auf einem reißenden Strom, ihren Lauf und sind, wie die Glieder unseres Leibes untereinander, so mit jenem Ganzen innig verbunden und zusammenwirkend. Wie manchen Chrysipp, wie manchen Sokrates, wie manchen Epiktet hat schon der Zeitenlauf verschlungen! Dieser Gedanke sei dir beim Anblick jedes Menschen und jedes Gegenstandes gegenwärtig.

20.

Mein einziges Bestreben sei nur, daß ich für meine Person nichts tue, was die Naturanlage des Menschen überhaupt nicht will oder so nicht will oder gerade jetzt nicht will.

21.

Bald wirst du alles vergessen haben, und bald wirst auch du bei allen in Vergessenheit sein.

22.

Es ist ein Vorzug des Menschen, auch diejenigen zu lieben, die ihn beleidigen.Wir sehen auch hier wieder, daß viele stoische Lehren an das Christentum erinnern. Ein Heide hält die Feindesliebe für eine Pflicht der Humanität. Dahin gelangt man, wenn man bedenkt, daß die Menschen mit uns eines Geschlechtes sind, daß sie aus Unwissenheit und gegen ihren Willen fehlen, daß ihr beide nach kurzer Zeit tot sein werdet und vor allem, daß dein Widersacher dich nicht beschädigt hat. Denn er hat die in dir herrschende Vernunft doch nicht anders gemacht, als sie zuvor war.

23.

Die Allnatur bildet aus der körperlichen Gesamtmasse, wie der Künstler aus Wachs, bald ein Pferd, bald schmilzt sie es wieder ein und verwendet denselben Stoff mit zur Hervorbringung eines Baumes, dann eines Kindes, dann wieder eines andern Wesens. Jedes derselben hat jedoch nur auf sehr kurze Zeit Bestand. Einem Kistchen aber ist es doch wohl ebenso gleichgültig, zusammengenagelt als wieder auseinandergenommen zu werden.

24.

Ein zorniges Gesicht ist etwas ganz Widernatürliches; wenn die Sanftmut im Innern erstirbt, erlischt auch die freundliche Miene ganz, so daß sie gar nicht wieder aufgeheitert werden kann. Schon dadurch finde ich es begreiflich, daß der Zorn gegen die Vernunft ist. Denn ist für uns sogar das Bewußtsein unserer Fehltritte verloren gegangen, was haben wir dann noch für einen Grund, länger zu leben?

25.

Alles, was du siehst, wird die allwaltende Natur bald verwandeln und aus diesem Stoff andere Dinge schaffen und aus deren Stoff wiederum andere, damit die Welt immer verjüngt werde.

26.

Hat sich jemand in etwas gegen dich vergangen, so erwäge sogleich, welche Ansicht über Gut und Böse ihn zu diesem Vergehen bestimmt hat. Denn sobald dir dies klar ist, wirst du gegen ihn nur Mitleid fühlen, aber dich weder verwundern noch zürnen. Denn entweder hast du über das Gute und über das Böse dieselbe Ansicht wie er oder doch eine ähnliche, und dann mußt du verzeihen, oder du hast über das Gute und Böse nicht diese Ansichten, und in diesem Falle wird dir Wohlwollen gegen den Irrenden um so leichter sein.

27.

Denke nicht an den notwendigen Besitz der dir fehlenden Güter, vielmehr an das, was jetzt noch für dich da ist, und wähle dir unter den vorhandenen Gütern die schätzbarsten aus und erinnere dich, welche Anstrengungen du ihrethalben machen würdest, um sie zu erlangen, wenn sie dir fehlten. Jedoch hüte dich zugleich, daß dieses Wohlgefallen daran dich nicht an ihre Überschätzung gewöhne; denn sonst müßte ihr einstiger Verlust dich nur beunruhigen.

28.

Ziehe dich in dich selbst zurück. Die in uns herrschende Vernunft ist ja von der Natur, daß sie im Rechttun Heiterkeit und Selbstzufriedenheit findet.

29.

Mache den Einbildungen ein Ende. Hemme den Zug der Leidenschaften. Behalte die Gegenwart in deiner Gewalt. Mache dich mit dem, was dir oder einem andern begegnet, vertraut. Trenne und zerlege jeden Gegenstand in seine Urkraft und seinen Stoff. Gedenke der letzten Stunde. Laß die Fehler, die von andern begangen worden, da, wo sie geschehen sind.

30.

Auf das, was gesprochen wird, richte deine ganze Aufmerksamkeit, in Rücksicht auf die Begebenheiten versenke deinen Geist in die Betrachtung ihrer Ursachen.

31.

Schmücke dich mit Harmlosigkeit, Bescheidenheit und Gleichgültigkeit gegen alles, was zwischen Tugend und Laster in der Mitte liegt. Liebe das Menschengeschlecht; folge der Gottheit. Bei Gott, sagt der Dichter, ist alles gesetzlich! Und wären keine Götter, wären bloß die Grundstoffe, so muß man doch bedenken, daß alles bis zum geringsten nach Gesetzen geordnet ist.

32.

Vom Tode. Sei er eine Zerstreuung oder Auflösung in die Atome oder eine Vernichtung, er ist ein Aufhören oder ein Übergang.

33.

Vom Schmerze. Ist er unerträglich, so führt er den Tod herbei, dauert er fort, so läßt er sich ertragen. Durch Sammlung in sich selbst bewahrt dabei die denkende Seele ihre Heiterkeit, und die in uns herrschende Vernunft erleidet keinen Schaden. Was die vom Schmerz beschädigten Glieder betrifft, so mögen sie, wenn sie können, darüber sich aussprechen.

34.

Vom Ruhme. Betrachte, von welcher Beschaffenheit die Gesinnungen der Ruhmsüchtigen sind, und was sie einerseits meiden und anderseits erstreben. Bedenke ferner, gleichwie die früheren Sandhügel verdeckt werden, sobald neuer Sand über sie hingetrieben wird, so wird auch im Leben das Frühere vom Späteren bald bedeckt.

35.

Aus Plato:Aus Platos Republik (VI, 2) »Wem ausgezeichnete Denkkraft und Einsicht in jegliche Zeit und jegliches Wesen zu Gebot steht, glaubst du wohl, daß der das menschliche Leben für etwas Großes hält?« – »Unmöglich kann er's.« – »Also wird ein solcher auch den Tod nicht als etwas Furchtbares ansehen.« – »Nein, in keiner Weise.«

36.

Ein Ausspruch des Antisthenes: Königlich ist es, wohlzutun und Schmähungen zu überhören.

37.

Schmachvoll ist es, wenn unser Angesicht, dem Verstande gehorsam, nach seinen Befehlen sich formen und zieren läßt, der Verstand selbst aber nicht durch seinen eigenen Willen geformt und geordnet wird.

38.

Der Außenwelt zu zürnen, wäre töricht; sie kümmert sich nicht darum.Aus Platos Republik (VI, 2).

39.

Den unsterblichen Göttern und uns verleihe du Freude!Aus Platos Republik (VI, 2).

40.

Das Leben wird geerntet wie fruchtreiche Ähren. Diese reift, die andere welkt schon hin.Aus Euripides.

41.

Werd' ich samt Kind verlassen von den Göttern, auch das hat seinen Grund.Aus einem unbekannten Gedichte.

42.

Das Gute und das Rechte ist bei mir.Aus Aristophanes.

43.

Jammere nicht mit anderen und gerate auch sonst nicht in heftige Erregung.

44.

Platonische Aussprüche:

»Diesem würde ich berechtigt sein zu antworten: Du urteilst unrichtig, o Mensch, wenn du meinst, daß ein Mann, der auch nur einigen Wert hat, in der Wahl zwischen Leben und Sterben die Gefahr scheuen und nicht vielmehr das nur erwägen soll, ob, was er tut, recht oder unrecht und die Tat eines Guten oder Schlechten sei.

45.

Ja, ihr Männer von Athen, so verhält es sich in der Tat. Den Posten, auf den einer, in der Meinung, daß es der beste sei, sich selbst gestellt hat oder von seinem Feldherrn gestellt worden ist, muß er, dünkt mich, auch in Gefahr behaupten und dabei alles, selbst den Tod verachten, nur die Schande nicht.

46.

Sieh doch genau zu, o Glücklicher, ob das Edle und Gute nicht in etwas anderem besteht als in Erhaltung eines fremden oder des eigenen Lebens. Denn wer in Wahrheit ein Mann ist, soll nicht wünschen, so oder so lange zu leben, noch mit feiger Liebe am Leben hängen, sondern die Bestimmung hierüber Gott überlassen und den Weibern glauben, daß auch nicht einer seinem Schicksal entrinnt. Nur der eine Gedanke beschäftige ihn, wie er die ihm noch beschiedene Lebenszeit so gut als möglich durchlebe.«

47.

Betrachte den Umlauf der Gestirne, als wenn dein Leben mit ihnen umliefe, und erwäge beständig die wechselnden Übergänge der Grundstoffe ineinander. Denn solche Betrachtungen reinigen dich vom Schmutz des Erdenlebens.

48.

Schön ist der Ausspruch: Wer über die Menschen reden will, der muß, wie von einem höheren Standpunkte aus, auch ihre irdischen Verhältnisse ins Auge fassen, ihre Versammlungen, Kriegszüge, Feldarbeiten, Heiraten, Friedensschlüsse, Geburten, Todesfälle, lärmende Gerichtsverhandlungen, verödete Ländereien, die mancherlei fremden Völkerschaften, ihre Feste, Totenklagen, Jahrmärkte, diesen Mischmasch und diese Zusammensetzung aus den fremdartigsten Bestandteilen.

49.

Betrachte die Vergangenheit, die großen Veränderungen so vieler Reiche; daraus kannst du auch die Zukunft vorhersehen; denn sie wird durchaus gleichartig sein dem, was gewesen ist, und kann unmöglich von der Regel der Gegenwart abweichen. Daher ist es auch einerlei, ob du das menschliche Leben vierzig oder zehntausend Jahre hindurch erforschst; denn was würdest du Neues sehen?

50.

Zur Erde muß, was aus der Erde stammt,
Doch was des Äthers Saat entkeimte, kehrt
Wieder in des Himmels Wölbung.«Aus Euripides. Der Kaiser hatte sich aus verschiedenen Dichtern und Philosophen Auszüge gemacht. Siehe Buch III, Nr. 14. Fußnote

Entweder ist das nun eine Auflösung der ineinander verflochtenen Atome oder eine Art von Zerstreuung empfindungsloser Grundstoffe.

51.

Durch Essen, Trinken und durch Zaubermittel
Sind wir bemüht, das Schicksal abzuwehren und den Tod,
Doch müssen wir den Fahrwind, der von oben weht,
Sei's auch mit vielem Leid, hinnehmen ohne Klage.Aus Euripides. Der Kaiser hatte sich aus verschiedenen Dichtern und Philosophen Auszüge gemacht. Siehe Buch III, Nr. 14.

52.

Mag immerhin jemand kampfgeübter sein, nur sei er nicht menschenliebender als du, nicht anspruchsloser, nicht ergebener bei allen Begegnissen, nicht nachsichtsvoller bei den Verirrungen seiner Nebenmenschen.

53.

Wo ein Werk gemäß der den Göttern und Menschen gemeinsamen Vernunft ausführbar ist, da kann keine Gefahr sein. Denn wo es möglich ist, vermittels einer gemäß unserer Naturanlage glücklich fortschreitenden Tätigkeit einen Vorteil zu erreichen, da hat man keinen Nachteil zu befürchten.

54.

Überall und jederzeit steht es bei dir, in deiner gegenwärtigen Lage religiöse Zufriedenheit zu äußern, gegen deine Zeitgenossen Gerechtigkeit zu beweisen und sich dir darbietende Ideen einer Prüfung zu unterwerfen, damit sich nicht etwas Unbegreifliches einschleiche.

55.

Sieh dich nicht nach den leitenden Grundsätzen anderer um, sondern schaue vielmehr unverwandten Blickes auf das Ziel, zu dem die Natur dich hinführt, sowohl die Allnatur durch das, was dir widerfährt, als deine eigene durch deine Obliegenheiten. Jeder aber hat zu leisten, was eine Folge seiner Naturanlage ist. Nun sind aber die übrigen Wesen der vernünftigen halber geschaffen, sowie überhaupt das Niedere um des Höheren willen, die Vernunftwesen aber sind eines um des anderen willen da. In der Natur des Menschen ist das erste sein Trieb zur Geselligkeit, das zweite aber seine Überlegenheit über die Sinnesreizungen. Denn der vernünftigen und verständigen Tätigkeitskraft ist es eigen, sich selbst zu beschränken und weder den Anforderungen der Sinne noch der Triebe je zu unterliegen. Beide sind ja tierisch. Die Vernunftkraft aber will den Vorrang haben und sich nicht von jenen meistern lassen, und das mit Recht; denn dazu ist sie von Natur da, sich jener überall zu ihren Zwecken zu bedienen. Der dritte Vorzug in der Natur eines vernünftigen Wesens besteht darin, nicht blindlings beizupflichten noch sich täuschen zu lassen. Mit diesen Wahrheiten ausgestattet, wandle die gebietende Vernunft ihren geraden Weg und sie hat, was ihr gebührt.

56.

Gleich als ob du schon gestorben wärest und nicht länger leben solltest, mußt du die Zeit, die dir gleichsam zum Überfluß bleibt, der Natur gemäß durchleben.

57.

Liebe das, was dir widerfährt und zugemessen ist; denn was könnte dir angemessener sein?

58.

Bei allem, was dir begegnet, habe diejenigen vor Augen, denen dasselbe begegnete und die sofort Beschwerden, Befremden und Klagen darüber äußerten. Wo sind sie jetzt? Sie sind nicht mehr. Und du wolltest es ihnen nachmachen und nicht vielmehr derlei fremdartige Gemütsbewegungen denjenigen überlassen, die auf solche Weise sich und andere aufregen, dich selbst dagegen ganz damit beschäftigen, wie du diese Vorfälle zu benutzen habest? Du kannst sie nämlich aufs beste benutzen, und sie werden dir einen herrlichen Stoff bieten. Sei nur aufmerksam und habe nur den Willen, bei allem, was du tust, in deinen eigenen Augen ein rechtschaffener Mann zu sein. Erinnere dich denn dieser beiden Vorschriften und daß du dich nicht um gleichgültige Dinge kümmerst.

59.

Arbeite an deinem Innern. Da ist die Quelle des Guten, eine unversiegbare Quelle, wenn du nur immer nachgräbst.

60.

Auch der Körper muß eine feste Haltung haben und darf weder in der Bewegung noch in der Ruhe diese Festigkeit verlieren. Denn wie sich das Innere in deinen Gesichtszügen ausprägt und Nachdenken und Ehrbarkeit darin sich zeigt, so läßt sich etwas Ähnliches vom ganzen Körper fordern. Nur muß das alles auf eine ungesuchte Weise beobachtet werden.

61.

Die Lebenskunst hat mit der Fechtkunst mehr Ähnlichkeit als mit der Tanzkunst, insofern man auch auf unvorhergesehene Streiche gerüstet sein und unerschütterlich fest stehen muß.

62.

Prüfe beständig, wer diejenigen sind, nach deren Billigung dich verlangt, und welche leitenden Grundsätze sie haben. Denn alsdann wirst du weder über ihre unvorsätzlichen Fehltritte zürnen noch ihren Beifall begehren, wenn du auf die Quellen ihrer Meinungen und Triebe siehst.

63.

Eine Seele, sagt jener, wird stets gegen ihren Willen der Wahrheit beraubt. Daher also auch der Gerechtigkeit, der Selbstbeherrschung, des Wohlwollens und jeder anderen Tugend. Es ist aber sehr nötig, dessen stets eingedenk zu sein; denn man wird so milder gegen jedermann.

64.

Bei jedem Schmerz sei dir der Gedanke gegenwärtig, daß er nichts Entehrendes ist und auch die leitende Denkkraft in dir nicht schlechter macht; denn diese kann, weder an und für sich als mit Vernunft begabt noch in ihrem Verhältnis zur Gesellschaft betrachtet, zerrüttet werden. Doch möge dich bei den meisten schmerzlichen Empfindungen der Ausspruch EpikursEpikur, geb. 341 v. Chr. bei Athen, lehrte auch u. a., daß der Mensch von allem Äußeren sich unabhängig und in sich selbst glücklich machen soll. trösten, daß sie ebensowenig unerträglich als ewig dauernd sind, wofern du sie nicht durch Einbildung vergrößerst und bedenkst, daß alles seine Grenzen hat. Erinnere dich aber auch dessen, daß manches, was mit dem Schmerz einerlei ist, in uns, ohne daß wir's bemerken, Widerwillen erregt, wie Schläfrigkeit, Erhitzung und Mangel an Eßlust. Sooft nun etwas der Art dir unbehaglich wird, sage zu dir selbst: Du erliegst ja dem Schmerz.

65.

Hüte dich, gegen Unmenschen ebenso gesinnt zu sein, wie die Menschen gegen Menschen gesinnt zu sein pflegen.

66.

Woher wissen wir, ob nicht TelaugesTelauges, Sohn des Pythagoras, bekannt durch seine Enthaltsamkeit, aber auch übermäßige Vernachlässigung seines Äußeren. einen edleren Charakter hatte als Sokrates? Denn hier ist es nicht genug, daß Sokrates auf ruhmvollere Art starb, daß er in seinen Unterredungen mit den Sophisten größere Geistesschärfe zeigte, daß er mit mehr Geduld die Nacht unter dem eiskalten Himmel zubrachte, daß er dem Befehle, den Salaminier herbeizuführen, sich mit noch größerer Seelenstärke widersetzte, daß er, was man, selbst wenn es wahr wäre, kaum glauben möchte, auf den Straßen stolz einherschritt. Man muß vielmehr auf folgende Fragen Rücksicht nehmen: Wie war des Sokrates Seele beschaffen? Genügte ihm die Gerechtigkeit gegen die Menschen und die Frömmigkeit gegen die Götter? Hat er sich nie ohne Grund über die Schlechtigkeit anderer geärgert, nie ihrer Unwissenheit nachgegeben? Hat er die vom Ganzen ihm zugeteilten Schickungen nie mit Befremden aufgenommen oder unter sie, als unter ein unerträgliches Joch, sich gebeugt? Nie seine Vernunft zur Genossin der Leiden des armseligen Fleisches gemacht?

67.

Die Natur hat dich nicht in dem Grade mit der Körpermasse zusammengemischt, daß du dich nicht auf dich selbst beschränken und das mit ungehinderter Freiheit tun könntest, was deine Pflicht erheischt. Denn es ist recht wohl möglich, ein göttlicher Mann zu sein und doch von niemandem dafür erkannt zu werden. Dessen sei stets eingedenk und denke außerdem daran, daß zu einem glückseligen Leben nur sehr wenig erforderlich ist, und solltest du auch die Hoffnung aufgeben müssen, es in Dialektik und Naturkunde weit zu bringen, du deshalb doch nicht darauf verzichten darfst, ein freigesinnter, bescheidener, geselliger und gegen Gott gehorsamer Mensch zu werden.

68.

Ungehindert kannst du dein Leben in größter Seelenruhe hinbringen, wenn auch alle Menschen nach Herzenslust ein Geschrei wider dich erheben, ja wenn selbst die wilden Tiere die schwachen Glieder dieser dich umhüllenden Fleischmasse zerreißen sollten. Denn was hindert deine denkende Seele, trotz alledem sich bei vollständiger Heiterkeit zu erhalten, die Umstände richtig zu beurteilen und die ihr dargebotenen Gelegenheiten erfolgreich zu benutzen? So sagt das Urteil zum Ereignis: Das bist du dem Wesen nach, auch wenn du der Meinung nach anders erscheinst; und die Benutzung spricht zur Gelegenheit: Dich suchte ich eben; denn immer bietet mir die Gegenwart Stoff zur Ausübung einer vernünftigen und staatsbürgerlichen Tugend und soll mir Anlaß geben, meine Pflicht gegen Gott und Menschen zu erfüllen. Steht ja doch jedes Begebnis im innigsten Bezug zu Gott oder zum Menschen und ist mithin nichts Unerhörtes oder schwer zu Behandelndes, sondern vielmehr etwas Bekanntes und Leichtes.

69.

Das ist ein echtes Zeichen sittlicher Vollkommenheit, wenn man jeden Tag, als wäre er der letzte, hinbringt, fern von Aufwallung, Erschlaffung und Verstellung.

70.

Die Götter sind nicht unwillig darüber, daß sie, als Unsterbliche, eine so lange Zeitdauer hindurch eine so große Menge verhärteter Lasterhafter zu dulden haben, ja sie sind zudem auf jede Weise für sie besorgt,Gott läßt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute. und du, der du so bald ein Ende nehmen wirst, wirst müde, die Bösen zu ertragen, da du noch dazu selbst in ihre Reihe gehörst?

71.

Es ist lächerlich, der eigenen Schlechtigkeit sich nicht entziehen zu wollen, was doch möglich, wohl aber der Schlechtigkeit anderer, was unmöglich ist.

72.

Was die vernünftige und zu staatsbürgerlicher Tugend berufene Kraft nicht vernünftig oder gemeinnützig findet, das hält sie mit Recht für unter ihrer Würde.

73.

Wenn du eine Wohltat erwiesen und ein anderer deine Wohltat empfangen hat, was suchst du, gleich den Toren, daneben noch ein Drittes, nämlich den Ruhm eines Wohltäters oder Vergeltung dafür zu erhalten?Man soll das Gute nicht der Ehre wegen tun.

74.

Niemand wird müde, seinen Nutzen zu suchen; Nutzen aber gewährt uns eine naturgemäße Tätigkeit. Werde also nicht müde, deinen Nutzen zu suchen, indem du anderen Nutzen gewährst.

75.

Die Allnatur fühlte den Drang zur Weltschöpfung. Alles, was geschieht, ist daher eine notwendige Folge des Weltplanes, oder das Wichtigste, dessen Verwirklichung die weltbeherrschende Vernunft eigens anstrebt, ist ohne Grund vorhanden. Mehr als einmal wird es zu deiner Geistesruhe beitragen, wenn du diesen Gedanken in deiner Seele bewahrst.


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