Marcus Aurelius Antonius
Des Kaisers Marcus Aurelius Antonius Selbstbetrachtungen
Marcus Aurelius Antonius

 << zurück weiter >> 

Viertes Buch.

1.

Wenn das in uns Herrschende seiner Naturbeschaffenheit folgt, so ist sein Verhalten bei den Ereignissen des Lebens der Art, daß es sich stets in das Mögliche und Erlaubte mit Leichtigkeit zu finden weiß. Es hat keine Vorliebe für irgendeinen bestimmten Gegenstand, sondern die wünschenswerten Dinge sind nur ausnahmsweiseVgl. III, 11. Anm. Nur bedingungsweise soll man gleichgültige Dinge wünschen. Gegenstände seines Strebens; was ihm aber an deren Statt in den Weg tritt, das macht es sich selbst zum Stoff seines Handelns, dem Feuer gleich, das sich dessen, was hineinfällt, bemächtigt, wovon ein schwächeres Licht erlöschen würde; aber eine helle Flamme pflegt das, was ihr zugeführt wird, sich gar schnell anzueignen und zu verzehren und lodert gerade davon nur um so höher empor.

2.

Keine deiner Handlungen geschehe aufs Geratewohl, keine anders, als es die Regeln der Lebenskunst gestatten.

3.

Man sucht Zurückgezogenheit auf dem Lande, am Meeresufer, auf dem Gebirge, und auch du hast die Gewohnheit, dich danach lebhaft zu sehnen. Aber das ist bloß Unwissenheit und Schwachheit, da es dir ja freisteht, zu jeder dir beliebigen Stunde dich in dich selbst zurückzuziehen. Es gibt für den Menschen keine geräuschlosere und ungestörtere Zufluchtsstätte als seine eigene Seele, zumal wenn er in sich selbst solche Eigenschaften hat, bei deren Betrachtung er sogleich vollkommene Ruhe genießt, und diese Ruhe ist meiner Meinung nach nichts anderes als ein gutes Gewissen. Halte recht oft solche stille Einkehr und erneuere so dich selbst. Da mögen dir dann jene kurzen und einfachen Grundsätze gegenwärtig sein, die genügen werden, deine Seele heiter zu stimmen und dich instand zu setzen, mit Ergebenheit die Welt zu ertragen, wohin du zurückkehrst. Denn worüber solltest du auch unwillig sein? Über die Schlechtigkeit der Menschen? Aber sei doch des Grundgesetzes eingedenk, daß die vernünftigen Wesen füreinander geboren sind, daß Verträglichkeit ein Teil der Gerechtigkeit ist, daß die Menschen unvorsätzlich sündigen, und dann, daß es so vielen Leuten nichts genützt hat, in Feindschaft, Argwohn, Zank und Haß gelebt zu haben; sie sind gestorben und zu Asche geworden. Höre also endlich auf, dir Sorge zu machen. Aber du bist vielleicht mit dem Lose unzufrieden, das dir infolge der Einrichtung des Weltalls beschieden ist? Da rufe dir diese Alternative ins Gedächtnis: Entweder waltet eine Vorsehung oder der Zusammenstoß von Atomen,Marc Aurel glaubte an eine göttliche Vorsehung; aber er meint hier, man soll sich nicht um Dinge quälen, die man nicht ändern kann. oder erinnere dich auch der Beweisgründe, daß diese Welt einer Stadt gleich ist.« Oder belästigt dich der Zustand deines Körpers? Nun da beherzige nur, daß der denkende Geist, wenn er sich einmal gesammelt hat und seiner eigenen Kraft bewußt geworden ist, von keinen sanften oder rohen Erregungen unserer Sinnlichkeit beeinflußt wird, und beachte alle die anderen Lehren, die du über Schmerz und Lust gehört und dir als wahr angeeignet hast. Aber vielleicht treibt dich eitle Ruhmsucht hin und her? Da beachte doch, wie schnell alles ins Grab der Vergessenheit sinkt, welcher unermeßliche Abgrund der Zeit vor dir war und nach dir kommen wird, wie nichtig das Lobgetöne ist, wie wandelbar und urteilslos diejenigen sind, die dir Beifall zollen, und wie klein der Kreis, auf den dein Ruhm beschränkt bleibt! Ist ja doch die ganze Erde nur ein Punkt im All, und welch kleiner Winkel auf ihr ist deine Wohnung! Und hier, wieviel sind derer, die dich preisen werden, und von welcher Beschaffenheit sind sie? Denke also endlich daran, dich in jenes kleine Gebiet zurückzuziehen, das du selbst bist, und vor allem zerstreue dich nicht und widerstrebe nicht, sondern bleibe frei und sieh alle Dinge mit furchtlosem Auge an, als Mensch, als Bürger, als sterbliches Wesen. Unter den gebräuchlichsten Wahrheiten aber richte vorzüglich auf folgende zwei dein Augenmerk: erstens, daß die Außendinge mit unserer Seele nicht in Berührung, sondern unbeweglich außerhalb derselben stehen, mithin Störungen deines Seelenfriedens nur aus deiner Einbildung entstehen, und zweitens, daß alles, was du siehst, gar schnell sich verändert und nicht mehr sein wird. Und von wie vielen Veränderungen bist du selbst schon Augenzeuge gewesen! Erwäge ohne Unterlaß: die Welt ist Verwandlung, das Leben Einbildung. 4.

Haben wir das Denkvermögen miteinander gemein, so ist uns auch die Vernunft gemeinsam, kraft der wir vernünftige Wesen sind; ist dem so, so haben wir auch die Stimme gemein, die uns vorschreibt, was wir tun und nicht tun sollen; ist dem so, so haben wir auch alle ein gemeinschaftliches Gesetz; ist dem so, so sind wir Mitbürger untereinander und leben zusammen unter derselben Regierung; ist dem so, so ist die Welt gleichsam unsere Stadt; denn welchen andern gemeinsamen Staat könnte jemand nennen, in dem das ganze Menschengeschlecht dieselben Gesetze hätte? Ebendaher, von diesem gemeinsamen Staate haben wir das Denkvermögen, die Vernunft und die gesetzgeberische Kraft, oder woher sonst? Denn gleich wie das Erdartige an mir sich von gewissen Erdteilen abgesondert hat und das Feuchte von einem andern Grundstoff und der Atem, den ich hauche, und das Warme und das Feurige je aus einer eigentümlichen Quelle herrühren – denn von nichts kommt nichts, so wenig wie etwas in das Nichts übergeht – ebenso ist natürlich auch das Denkvermögen irgendwoher gekommen.

5.

Der Tod ist, ebenso wie die Geburt, ein Geheimnis der Natur, hier Verbindung, dort Auflösung derselben Grundstoffe; durchaus nichts, dessen man sich zu schämen hätte; denn es widerstreitet nicht dem Wesen eines vernünftigen Geschöpfes noch der Anlage seiner Konstitution.

6.

Daß Leute jener Art notwendigerweise so handeln müssen, ist ganz natürlich. Wollen, daß es anders sei, heißt wollen, daß der Feigenbaum keinen Saft habe. Überhaupt aber sei dessen eingedenk, daß ihr beide, du sowohl als er, in gar kurzer Zeit sterben werdet; bald nachher werden nicht einmal eure Namen mehr übrig sein.

7.

Laß die Einbildung schwinden, und es schwindet die Klage, daß man dir Böses getan. Mit der Unterdrückung der Klage: »Man hat mir Böses getan« ist das Böse selbst unterdrückt.

8.

Was den Menschen nicht schlimmer macht, als er von Natur ist, das kann auch sein Leben nicht verschlimmern, kann ihm weder äußerlich noch innerlich schaden.

9.

Des Nutzens wegen ist die Natur gezwungen, so zu verfahren, wie sie es tut.

10.

Alles, was sich ereignet, geschieht gerecht. Wenn du sorgfältig alles beobachtest, wirst du das erkennen; ich sage: nicht nur der natürlichen Ordnung, sondern vielmehr der Gerechtigkeit gemäß, und wie von einem Wesen ausgehend, das alles nach Würdigkeit verteilt. Beachte dies also wohl, wie du begonnen hast, und was du nur tust, das tue mit dem Bestreben, gut zu sein, gut in der eigentlichen Bedeutung des Wortes. Das sei die feststehende Regel bei allem, was du tust.

11.

Fasse die Dinge nicht so auf, wie sie dein Beleidiger auffaßt oder von dir aufgefaßt haben will; sieh dieselben vielmehr so an, wie sie in Wahrheit sind.

12.

Zu zweierlei mußt du stets bereit sein: erstens, einzig nur das zu tun, was die königliche Gesetzgeberin Vernunft um des Menschenwohles willen dir eingibt, und zweitens, deine Meinung zu ändern, sobald nämlich jemand dich dazu veranlaßt dadurch, daß er sie berichtigt. Diese Meinungsänderung jedoch muß immer von der Überzeugung, daß sie gerecht oder gemeinnützig oder dergleichen sei, einzig und allein ausgehen, keineswegs aber davon, daß wir darin Annehmlichkeit oder Ruhm erblicken.

13.

Hast du Vernunft? – Ja. – Warum gebrauchst du sie denn nicht? Denn wenn du sie schalten lässest, was willst du noch mehr?

14.

Als ein Teil des Ganzen hast du bisher gelebt und wirst in deinem Erzeuger wieder aufgehen, oder vielmehr wirst du vermittels einer Umwandlung als neuer Lebenskeim wieder aufkommen.

15.

Viele Weihrauchkörner sind für denselben Altar bestimmt, die einen fallen früher, die anderen später ins Feuer; aber dies macht keinen Unterschied.

16.

Innerhalb zehn Tagen wirst du denen, die dich jetzt als ein wildes Tier und einen Affen ansehen, wie ein Gott vorkommen, wenn du zu deinen Grundsätzen und zum Dienst der Vernunft zurückkehrst.

17.

Tue nicht, als wenn du Tausende von Jahren zu leben hättest. Der Tod schwebt über deinem Haupte. Solange du noch lebst, solange du noch kannst, sei ein rechtschaffener Mensch.

18.

Wieviel Muße gewinnt der, der nicht darauf, was sein Nächster spricht oder tut oder denkt, sondern nur auf das sieht, was er selbst tut, daß es gerecht und heilig sei; sieh nicht, sagt Agathon, die schlechten Sitten um dich her, sondern wandle auf gerader Linie deinen Pfad, ohne dich irremachen zu lassen.

19.

Wen der Glanz des Nachruhms blendet, erwägt nicht, daß jeder von denen, die seiner gedenken, bald selbst sterben wird, und so hinwiederum jegliches folgende Geschlecht, bis endlich dieser ganze Ruhm, nachdem er durch einige sterbliche Wesen fortgepflanzt worden ist, mit diesen selbst stirbt. Aber gesetzt auch, daß die, die deiner gedenken werden, unsterblich wären und unsterblich deines Namens Gedächtnis, welchen Wert hat denn das für dich, wenn du tot bist, oder sagen wir, selbst wenn du noch lebst? Was frommt das Lob, außer eben in Verbindung mit gewissen zeitlichen Vorteilen? Laß daher beizeiten jenes aufblähende Geschenk fahren, das ja nur von fremdem Gerede abhängt.

20.

Alles Schöne, von welcher Art es auch sein mag, ist an und für sich schön, es ist in sich selbst vollendet, und das Lob bildet keinen Bestandteil seines Wesens. Das Lob macht einen Gegenstand weder schlechter noch besser. Das Gesagte gilt von allem, was man im gemeinen Leben schön nennt, wie zum Beispiel von den Erzeugnissen der Natur und der Kunst. Was wahrhaft schön ist, bedarf keines Lobes, ebensowenig wie das Gesetz, ebensowenig wie die Wahrheit, ebensowenig wie das Wohlwollen, wie die Sittsamkeit. Wie könnte das durch Lob erst gut oder durch Tadel schlecht werden? Verliert der Smaragd an seinem Werte, wenn er nicht gelobt wird? Und ebenso das Gold, das Elfenbein, der Purpur, eine Leier, ein Degen, eine Blume, ein Strauch?

21.

Wenn die Seelen fortdauern, wie kann der Luftraum sie von Ewigkeit her alle fassen? – Aber enthält denn nicht die Erde die Körper derjenigen, die seit ebenso vielen Jahrhunderten begraben wurden? Gleich wie diese hier nach einiger Zeit des Aufenthalts infolge ihrer Verwandlung und Auflösung anderen Toten Platz machen, ebenso dauern auch die in den Luftraum versetzten Seelen dort eine Weile noch fort,Über die Unsterblichkeit der Seele waren die Ansichten der Stoiker verschieden. Nach einigen lebten nur die Seelen der Gerechten nach dem Tode fort; andere glaubten an die Fortdauer aller Seelen ohne Unterschied. werden dann verwandelt, zerstreut, geläutert, in den Grundstoff des Alls aufgenommen und machen auf diese Art den Nachkommenden Platz. Dies etwa könnte man auf die Frage nach der Fortdauer der Seelen antworten. Und hierbei muß man außer der Menge der also beerdigten Menschenleiber auch noch diejenigen der Tiere hinzurechnen, die täglich von uns und anderen Tieren verzehrt werden. Denn welch eine große Anzahl derselben wird nicht verbraucht, die gleichsam in den Leibern derjenigen begraben sind, die sich davon nähren! Und doch reicht dieser Raum hin, sie aufzunehmen, weil sie hier teils in Blut übergehen, teils sich in Feuer und Luft auflösen. Das Mittel, die Wahrheit über diesen Gegenstand zu entdecken, heißt Unterscheidung von Materie und Form.

22.

Laß dich nicht hin und her reißen. Bei allem, was du tust, denke an das, was recht ist, und bei allem, was du denkst, halte dich an das, was klar zu begreifen ist.

23.

Alles, was dir ansteht, o Welt, steht auch mir an.Die Welt als Gesamtinbegriff von Materie und Form war den Stoikern häufig identisch mit der Gottheit. Nichts kommt mir zu früh, nichts zu spät, was für dich zur rechten Zeit kommt. Alles, was deine Zeiten mitbringen, ist mir eine liebliche Frucht, o Natur. Von dir kommt alles, in dir ist alles, in dich kehrt alles Zurück. Jener sagt: »O du geliebte Cecropsstadt,«Cecrops, Erbauer Athens. Diese Worte stammen aus einem Lustspiele des Aristophanes. Gottesstadt ist die ganze Welt. und du solltest nicht sagen: »O du geliebte Gottesstadt?«

24.

Beschränke deine Tätigkeit auf weniges, sagt Demokritos, wenn du in deinem Innern ruhig sein willst. Vielleicht wäre es besser zu sagen: Tu das, was notwendig ist und was die Vernunft eines von Natur zur Staatsgemeinschaft bestimmten Wesens gebietet und so, wie sie es gebietet; dies verschafft uns nicht nur die Zufriedenheit, die aus dem Rechttun, sondern auch diejenige, die aus dem Wenigtun entspringt. In der Tat, wenn wir das meiste, was in unserem Reden und Tun unnötig ist, wegließen, so würden wir mehr Muße und weniger Unruhe haben. Frage dich also bei jeglicher Sache: Gehört diese etwa zu den unnötigen Dingen? Man muß aber nicht nur die unnützen Handlungen, sondern auch die unnützen Gedanken vermeiden; denn die letzteren sind auch die Ursache der überflüssigen Handlungen.

25.

Mach einmal den Versuch, wie sich's als rechtschaffener Mann lebt, der mit dem vom Weltganzen ihm beschiedenen Schicksale zufrieden ist und in seiner eigenen rechtschaffenen Handlungsweise und seiner wohlwollenden Gesinnung sein Glück findet.

26.

Hast du das ins Auge gefaßt? Nun so beachte auch folgendes: Beunruhige dich selbst nicht; bleibe schlicht! Vergeht sich einer an dir? Er vergeht sich an sich selbst. Ist dir etwas Zugestoßen? Gut. Alles, was dir widerfährt, war dir von Anfang an nach dem Lauf der Weltgesetze so bestimmt und zugeordnet. Mit wenigen Worten: das Leben ist kurz; von der Gegenwart muß man durch wohlüberlegtes und rechtschaffenes Tun Gewinn ziehen. Auch in Erholungsstunden bleibe nüchtern.

27.

Ist die Welt etwas Wohlgeordnetes oder ein zufälliges Durcheinander, das man aber doch Weltordnung nennt? Wie? In dir ist Ordnung, und im Weltganzen wäre alles Gewirr und Unordnung? Und das bei der so harmonischen Verknüpfung aller möglichen Kräfte, die einander widerstreiten und zerteilt sind.

28.

Es gibt einen schwarzen Charakter, einen weibischen Charakter, einen halsstarrigen, einen tierischen, viehischen, kindischen, dummen, zweideutigen, geckenhaften, treulosen, tyrannischen Charakter.

29.

Wenn derjenige ein Fremdling in der Welt zu nennen ist, der nicht weiß, was in ihr vorhanden ist, so ist der nicht weniger ein Fremdling, der nicht weiß, was in ihr geschieht. Ein Flüchtling ist, wer sich den Staatsgesetzen entzieht; ein Blinder, wer das Geistesauge verschließt; ein Bettler, wer eines andern bedarf und das, was zum Leben nötig ist, nicht selbst besitzt; eine Geschwulst am Weltkörper derjenige, der vom Grundgesetz der Allnatur sich dadurch trennt und lossagt, daß ihm die Ereignisse in derselben mißfallen, denn sie führt alles herbei und hat auch dich hervorgebracht; ein Abtrünniger vom Staat ist, wer seine eigene Seele der allen Vernunftwesen gemeinschaftlichen Seele abtrünnig macht.Die Welt wird nach den Stoikern von einer einzigen Seele bewegt, von der jede einzelne Seele ein Teil ist.

30.

Hier ist einer Philosoph ohne Rock, dort ein anderer ohne Buch, ein dritter halb nackt. Brot habe ich nicht, sagt er, und halte doch meine Lehre aufrecht. Auch mir gewähren die Wissenschaften keinen Unterhalt, und ich bleibe ihnen doch ergeben.

31.

Die Kunst, die du gelernt hast, sei dir lieb; da mußt du verweilen. Den Rest deines Lebens verbringe als ein Mensch, der alle seine Angelegenheiten von ganzer Seele den Göttern überlassen hat und sich weder zu irgendeines Menschen Tyrannen noch Sklaven macht.

32.

Betrachte einmal zum Beispiel die Zeiten unter Vespasian, und du wirst alles finden wie jetzt: Menschen, die freien, die Kinder erziehen, Kranke und Sterbende, Kriegsleute und Festfeiernde, Handeltreibende, Ackerbauer, Schmeichler, Anmaßende, Argwöhnische, Gottlose, solche, die den Tod dieses oder jenes herbeiwünschen, über die Gegenwart murren, verliebt sind, Schätze sammeln, Konsulate, Königskronen begehren. Nun, sie sind nicht mehr, sie haben aufgehört zu leben. Gehe dann zu den Zeiten Trajans über. Abermals ganz dasselbe. Auch dieses Lebensalter ist ausgestorben. Betrachte gleichfalls die anderen Abschnitte von Zeiten und ganzen Völkern und siehe, wie viele, die Großes geleistet, bald dahinsanken und in die Grundstoffe aufgelöst wurden. Besonders aber rufe in dein Gedächtnis diejenigen zurück, die du persönlich gekannt hast, wie sie über dem Haschen nach eiteln Dingen vernachlässigten, das zu tun, was der eigentümlichen Beschaffenheit ihres Wesens gemäß war, daran unablässig festzuhalten und hierauf ihre Wünsche zu beschränken. Hier mußt du auch noch eingedenk sein, daß die auf jedes Geschäft verwandte Sorgfalt zu seiner Wichtigkeit im rechten Maß und Verhältnis stehen muß. Denn dann wirst du keinen Unmut empfinden, wenn du dich nicht mehr, als sich's gebührt, mit Kleinigkeiten beschäftigst.

33.

Einst gebräuchliche Worte sind jetzt unverständliche Ausdrücke. So geht es auch mit den Namen ehemals hochgepriesener Männer, wie Camillus, Käso, Volesus, Leonnatus, und in kurzer Zeit wird das auch mit einem Scipio und Cato, nachher mit Augustus und dann mit Hadrian und Antoninus der Fall sein. Alles vergeht und wird bald zum Märchen und sinkt rasch in völlige Vergessenheit. Und dies gilt von denen, die einst so wunderbar geglänzt haben. Denn die übrigen, wenn sie kaum den Geist ausgehaucht haben, »schwinden unrühmlich dahin, weder gehört noch gesehen.«Erwähnung einer Stelle aus Homers Odyssee (1,242), wo Telemach klagt, von seinem Vater keine Nachricht zu haben. Was wäre aber auch eigentlich ein ewiger Nachruhm? Ein völliges Nichts. Was ist es also, worauf wir unsere ganze Sorge lenken müssen? Nur das eine: eine gerechte Sinnesart, gemeinnütziges Handeln, beständige Wahrheit im Reden und eine Gemütsstimmung, alles, was uns zustößt, mit Ergebung hinzunehmen, wie eine Notwendigkeit, eine bekannte Sache, die mit uns einerlei Quelle und Ursprung hat.

34.

Überlaß dich ohne Widerstand dem Geschick und laß dich von diesem in die Verhältnisse verflechten, in die es ihm beliebt.

35.

Alles geht in einem Tage dahin, sowohl der Rühmende als der Gerühmte.

36.

Betrachte unaufhörlich, wie alles Werdende kraft einer Umwandlung entsteht, und gewöhne dich so an den Gedanken, daß die Allnatur nichts so sehr liebt, wie das Vorhandene umzuwandeln, um daraus Neues von ähnlicher Art zu schaffen; denn alles Vorhandene ist gewissermaßen der Same dessen, was aus ihm werden soll. Du aber stellst dir nur das als Samen vor, was in die Erde oder in den Mutterschoß fällt. Das ist ganz oberflächlich gedacht.

37.

Bald wirst du tot sein und bist noch nicht weder fest noch ohne Unruhe noch frei von der Einbildung, daß du durch die Außendinge unglücklich werden kannst, nicht wohlwollend gegen jedermann, nicht gewohnt, die Weisheit allein in rechten Taten zu suchen.

38.

Prüfe die Gemüter der Menschen, sieh, was die Weisen vermeiden und wonach sie trachten.

39.

Dein Übel hat seinen Grund nicht in der herrschenden Denkungsart eines andern, auch nicht in der Veränderung und Umstimmung deiner körperlichen Hülle. Wo also? In dem Teile deines Selbst, wo das Vermögen, über Übel gewisse Meinungen zu hegen, seinen Sitz hat. Möge da keine falsche Vorstellung sein, und alles steht gut. Ja, würde selbst das mit ihm so eng verbundene Körperchen geschnitten, gebrannt, vereitern, verfaulen, soll doch der Teil deines Wesens, der über das alles seine Meinungen hegt, ruhig bleiben, das heißt, er fälle das Urteil, daß das, was dem bösen und dem tugendhaften Manne gleicherweise zustoßen kann, weder ein Übel noch ein Gut sei. Denn was sowohl dem naturwidrig als dem naturgemäß lebenden Menschen ohne Unterschied begegnet, das ist selbst weder naturgemäß noch naturwidrig.

40.

Stelle dir stets die Welt als ein Geschöpf vor, das nur aus einer Materie und aus einem einzigen Geiste besteht. Sieh, wie alles der einen Empfindung derselben sich fügt; wie vermöge einheitlicher Triebkraft alles sich bildet, wie alles zu allen Ereignissen mitwirkt, alles mit allem Werdenden in begründetem Zusammenhang steht und von welcher Art die innige Verknüpfung und Wechselwirkung ist.

41.

»Ein Seelchen bist du, von einem Leichnam belastet,« sagt Epiktet.

42.

Es ist kein Übel für die Wesen, die Veränderung zu erleiden, wie es kein Gut für sie ist, kraft der Veränderung zu existieren.D. h.: Der Tod ist kein Übel und das Leben kein großes Gut.

43.

Die Zeit ist ein Fluß, ein ungestümer Strom, der alles fortreißt. Jegliches Ding, nachdem es kaum zum Vorschein gekommen, ist auch schon wieder fortgerissen, ein anderes wird herbeigetragen, aber auch das wird bald verschwinden.

44.

Alles, was geschieht, ist so gewöhnlich und bekannt wie die Rose im Frühling und die Frucht zur Erntezeit. Dahin gehören also auch Krankheit und Tod, Verleumdung und Nachstellung und was sonst noch die Toren erfreut oder betrübt.

45.

Das Folgende schließt sich jederzeit dem Vorangehenden verwandtschaftlich an. Es ist hier nicht etwa so wie bei einer Reihe von Zahlen, die im Zusammenhang einen andern Wert bezeichnen als jede einzelne; hier ist eine vernunftmäßige Verbindung; und gleich wie in allem, was schon existiert, eine vollkommene Zusammenfügung herrscht, so zeigt sich auch in dem, was noch geschieht, keine bloß äußerliche Aufeinanderfolge, sondern eine wunderbare Zusammengehörigkeit.

46.

Stets erinnere dich des Ausspruchs von Heraklit, daß es der Erde Tod sei, zu Wasser zu werden, des Wassers Tod, zu Luft zu werden, der Luft Tod, zu Feuer zu werden, und umgekehrt.D. h.: Nichts stirbt, sondern wird in etwas anderes verwandelt. Erinnere dich jenes Menschen, der es vergißt, wohin sein Weg führt, desgleichen wie wir mit der alles regierenden Vernunft, mit der wir doch täglich verkehren, uns im Zwiespalt befinden und wie uns selbst Dinge, die uns jeden Tag vorkommen, fremd erscheinen; ferner, daß wir nicht wie Schlafende handeln und reden dürfen, denn auch im Schlaf scheinen wir zu handeln und zu reden, und daß wir es endlich ebensowenig wie die verzogenen Kinder machen sollen, die nur den Grundsatz haben: So haben wir's von unsern Eltern gelernt.

47.

Gleichwie, wenn ein Gott dir sagte: »Du mußt morgen oder spätestens übermorgen sterben,« du wohl nicht so sehr darauf bestehen würdest, lieber übermorgen als morgen zu sterben, wofern du nicht etwa feige dächtest – denn wie kurz ist der Unterschied! – ebenso halte es für gleichgültig, ob du erst nach langen Jahren oder morgen schon stirbst.

48.

Erwäge beständig, wie viele Ärzte schon dahingestorben sind, die oft am Lager ihrer Kranken die Stirne in ernste Falten gelegt, und wie viele Astrologen, die wie etwas Wunderbares den Tod anderer vorausgesagt! Wie viele Philosophen, die über Tod und Unsterblichkeit ihre tausenderlei Gedanken ausgebrütet; wie viele Kriegshelden, die eine Menge Menschen getötet; wie viele Gewaltherrscher, die, gleich als wären sie selbst unsterblich, ihre Macht über fremdes Leben mit furchtbarem Übermute gemißbraucht haben! Wie viele Städte sind nach ihrem ganzen Umfang, daß ich so sage, gestorben, Helice und Pompeji und Herkulanum und unzählige andere! Gehe nun auch der Reihe nach alle deine Bekannten durch! Der eine hat diesen, der andere jenen bestattet und ist bald selbst bestattet worden, und das alles in so kurzer Zeit! – Siehe denn also im ganzen genommen das Menschliche jeder Zeit als etwas Flüchtiges und Wertloses an! Was gestern noch im Keimen war, ist morgen schon einbalsamiertes Fleisch oder ein Haufen Asche. Durchlebe demnach diesen Augenblick von Zeit der Natur gemäß, dann scheide heiter von hinnen, gleich der gereiften Olive: Sie fällt ab, die Erde, ihre Erzeugerin, preisend und voll Dank gegen den Baum, der sie hervorgebracht hat.

49.

Sei wie ein Fels, an dem sich beständig die Wellen brechen: Er steht fest und dämpft die Wut der ihn umbrausenden Wogen. Ich Unglückseliger, sagt jemand, daß mir dieses oder jenes widerfahren mußte! Nicht doch! sondern sprich: Wie glücklich bin ich, daß ich trotz diesem Schicksal kummerlos bleibe, weder von der Gegenwart gebeugt noch von der Zukunft geängstigt! Dasselbe hätte ja jedem andern so gut wie mir begegnen können, aber nicht jeder hätte es ohne Kummer ertragen können. Warum wäre nun jenes eher ein Unglück als dieses ein Glück? Kann man das überhaupt ein Unglück nennen, was den Endzweck der Natur des Menschen nicht unerfüllt läßt, oder scheint dir etwas der Natur des Menschen zu widersprechen, was nicht gegen den Willen seiner Natur ist? Was ist aber dieser Wille? Du kennst ihn. Hindert dich denn das, was dir zustößt, gerecht, hochherzig, besonnen, verständig, vorsichtig im Urteil, truglos, bescheiden, freimütig zu sein, alle Eigenschaften zu haben, in deren Besitz die Eigentümlichkeit der Menschennatur besteht? Denke also daran, bei allem, was dir Traurigkeit verursachen könnte, bei dieser Wahrheit Zuflucht zu suchen: Dies ist kein Unglück, vielmehr ein Glück, es mit edlem Mute zu ertragen.

50.

Es ist ein gewöhnliches, aber wirksames Hilfsmittel zur Todesverachtung, sich diejenigen zu vergegenwärtigen, die mit Zähigkeit am Leben hingen. Was haben sie vor denen, die früher verstorben sind, voraus? Sie sind auch unterlegen: Cadicianus, Fabius, Julianus, Lepidus und alle, die viele zur Bestattung hinausgetragen haben und dann selbst hinausgetragen worden sind. Ja, da ist wenig Unterschied, und unter wie vielen Mühseligkeiten und in welcher Gesellschaft und in was für einem Körper mußten sie diese Zeit zubringen! Mache also nicht soviel Wesens davon! Schau auf das Unermeßliche der Zeit hinter dir und auf eine andere Unendlichkeit vor dir! Was ist denn da noch für ein Unterschied zwischen einem, der drei Tage, und einem anderen, der drei Menschenalter gelebt hat?

51.

Geh immer den kürzesten Weg. Der kürzeste Weg ist der naturgemäße, das heißt in allen Reden und Handlungen der gesunden Vernunft folgen. Ein solcher Entschluß befreit dich von tausend Kümmernissen und Kämpfen, von jeder Verstellung und Eitelkeit.


 << zurück weiter >>