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Black Bottom« wimmerte, weinte, miaute das Saxophon. »Black Bottom« brummte, knurrte und bullerte die Trommel. Und mir war, als ob jeder dieser Töne mir ins Blut ging wie ein Rausch, wie eine unbändige Freude; dichter schmiegte ich mich im Tanz an Rafe, der mich durch die flaggengeschmückte Halle führte, mir schmeichelnde Worte zuflüsterte, die – auch sie – Musik waren in meinen Ohren.

»Wirklich, Sie sind ein Wunder, Eve«, sagte er. »Wie Sie sich biegen – sich wiegen – herrlich ist das! Ich glaube, wir haben sie zuletzt doch aufgerüttelt, diese verschlafenen Cranforder. Sehen Sie mal zu den glotzäugigen Herrschaften vom Festkomitee hinüber!«

Aber ich hatte keine Gelegenheit mehr einen Blick auf diese Gesichter zu werfen, die uns, wie mir im Moment schien, alle zugewandt waren, denn im selben Augenblick brach die Musik mit einem betäubenden Tusch der Zimbeln ab – plötzlich war es ganz still. Mitten im Tanz hatte die Musik ausgesetzt.

Überrascht sah ich Rafe an, der warf gerade Tom Bates dem Leiter der Kapelle, einen erstaunten Blick zu. Ich folgte der Richtung dieses Blicks, sah Toms erhitztes, gerötetes Gesicht, sah ihn uns verlegen zulächeln, mit einer Miene, als ob er uns etwas sagen wollte. Bevor aber Rafe oder ich begriffen hatten, kam auch schon Mrs. Plympton auf uns zugeeilt, puterrot, sogar ihr Hals, der mich immer ein wenig an den eines Truthahns erinnerte, schien zu glühen. Offenbar war sie außer sich vor Zorn. Und warum? Heiliger Himmel, Rafe und ich hatte nur versucht, ein wenig Schwung in dieses öde Missionsvereinsfest zu bringen, das beinah in einem einzigen Gähnen erstickt war, ehe wir uns erbötig machten, einmal einen Black Bottom vorzuführen.

Wirklich, Mrs. Plympton kam schnurgerade auf mich zu. Und die ganze Gesellschaft stand still, wie die Ölgötzen standen sie, ganz, als ob eine Blitzlichtaufnahme von ihnen gemacht werden sollte.

»Eve Carton, das ist ja beispiellos!« rief Mrs. Plympton. »So etwas ist mir in meinem Leben noch nicht vorgekommen! Als Rafael und Sie sich erboten zu tanzen, habe ich mir natürlich nicht träumen lassen, daß Sie so – nein, ich habe keine Worte! Es ist nur ein Glück, daß Ihre Tante Polly nicht hier ist. Ich glaube, sie hätte diesen Anblick nicht überlebt.«

»Erlauben Sie, Mrs. Plympton«, wandte Rafe ein, »wenn Ihnen der Black Bottom nicht gefällt, so können Sie nicht Eve dafür verantwortlich machen. Ich habe sie den Tanz gelehrt, und mir scheint, daß sie ihn recht gut getanzt hat. Wenn Sie etwas daran auszusetzen haben, können Sie sich an mich halten.«

Natürlich war das reizend von Rafe! In ganz Cranford hätte es außer ihm keinen Jungen gegeben, der gewagt hätte, Mrs. Plympton, die bei uns immer noch die erste Geige spielte, so zu begegnen. Stolz warf ich einen Blick auf ihn, dann sah ich Mrs. Plympton ins Gesicht, und ich fühlte, wie auch mein Mut wuchs. Mochten die Cranforder sich von ihr auf der Nase herumtanzen lassen – jetzt würden sie sehen, daß ich mich nicht einschüchtern ließ.

Siehe Bildunterschrift

»Es ist ja beispiellos, Eve«, schrie Mrs. Plympton, »daß Sie es wagen, hier so zu tanzen.«

»Sie sollten uns lieber dankbar sein, Mrs. Plympton«, erklärte ich, »daß wir Bewegung in das Fest gebracht haben. Die Leute waren schon am Einschlafen. Rafe, sagen Sie Tom Bates, daß er weiterspielen soll!«

Er wollte mir schon gehorchen, aber da hatte Mrs. Plympton ihre Hand auf seinen Arm gelegt. Rafael Fitzmorris war immerhin der Sohn eines der reichsten Männer aus dem Ort, auf ihn mußte man Rücksicht nehmen.

»Es war natürlich eine Unbedachtsamkeit von Ihnen, Rafael«, sagte sie, »Sie haben ganz vergessen, was für ein Fest wir hier feiern.« Fast versöhnlich klang ihre Stimme, ihr Gesicht versuchte sogar ein verbindliches Grinsen, aber jetzt erstarrte es wieder, und sie wandte sich mir zu. »Was Sie betrifft, Eve, täten Sie besser, jetzt nach Hause zu gehen. Ich werde Ihren Vater morgen besuchen und ihm alles erzählen.«

Diese Drohung genügte, um mich sofort zum Schweigen zu bringen. Wenn ich eben noch entschlossen gewesen war, Mrs. Plymptons Angriff aufzunehmen wie ein Torero den Stier, so war es jetzt mit meinem Mut restlos vorbei.

Auf der ganzen Welt gab es nur einen einzigen Menschen, vor dem ich ehrlich Angst hatte, und das war mein Vater: Joshua Carton. An ihn hatte ich natürlich nicht gedacht, als ich so bereitwillig auf Rafes Vorschlag eingegangen war, den Black Bottom vorzuführen. Nein, ich hatte nur die Lockung der Musik verspürt, die jugendliche Freude daran, mich zu bewegen, mich bewundern zu lassen.

»Ich gehe ja schon … gleich …« stammelte ich, aber Rafe schüttelte seinen Lockenkopf und fiel mir ins Wort.

»Nein, natürlich gehen Sie nicht, Eve«, sagte er entschieden und drückte ermutigend meine Hand. »Wenn die Leute hier Ihren Tanz nicht sehen wollen, dann ist es ihr Schaden, nicht unserer. Wir bleiben noch, trinken etwas Erfrischendes, und gehen dann zusammen. Sie brauchen uns nicht, wir brauchen sie nicht. Sie sind ja doch das einzig Lebendige hier im Ort, Eve.«

Ich versuchte ein mokantes Lächeln, als ich Rafes Arm nahm und mich von ihm zum Büfett führen ließ. Die ganze Gesellschaft stand noch stumm, starrte uns an, als ob wir wahre Weltwunder wären. Natürlich, keiner von ihnen hätte gewagt, Mrs. Plymptons Zorn auf sich zu lenken. Einen Moment lang fühlte ich mich ihnen wirklich überlegen. Und dann, was lag mir auch an ihrer Meinung, was an Mrs. Plymptons Lästerzunge, wenn Rafe, der hübscheste, flotteste Bursche der Stadt, auf meiner Seite war? Den ganzen Sommer über schon, seit er vom College nach Hause gekommen war, hatten wir uns täglich getroffen, manchmal auf der Promenade, manchmal im Park, manchmal – zu größeren Spaziergängen – draußen vor der Stadt. Wunderbare Stunden waren das für ein achtzehnjähriges Mädel, das bisher, weiß Gott, von seiner Jugend nichts gehabt hatte! Für mich war Rafe Fitzmorris alles, was ein Mann nur sein konnte und sollte. Seine Freundschaft, seine … nun ja, vielleicht auch seine Liebe, mehr wünschte ich mir nicht.

So stand es um mich, und darum gelang es mir zuletzt sogar, hocherhobenen Hauptes an den verschüchterten Gästen des Missionsvereinsfestes vorbeizugehen: an ihnen allen, die mich teils indigniert, teils empört, teils verlegen ansahen, mich – Pastor Cartons wilde, ungeratene Tochter!

Wir waren schon an der Tür, als ich eine Frau halblaut, aber immerhin so, daß ich sie verstehen konnte, sagen hörte:

»Ganz wie ihre Mutter! Es wird mit ihr nicht anders werden als mit Mona Carton. Passen Sie auf, Sie erinnern sich noch einmal meiner Worte!«

Ich fühlte, wie mir das Blut in die Wangen stieg. Meine Finger umkrampften Rafes Arm.

»Wir wollen gleich fort, nicht erst zum Büfett«, bat ich. »Schrecklich – diese Leute! Nein, ich will keinen Eiscreme, gar nichts, nur fort!«

»Gut«, willigte er ein. »Warten Sie am Tor auf mich, Eve, ich hole Ihren Mantel aus der Garderobe. In einer Minute bin ich bei Ihnen.«

So ließ er mich stehen, immer noch der Tür nahe genug, daß ich die Leute sehen, ihre Worte verstehen konnte. Mein Blick fiel auf ein paar Mädchen, die jetzt tuschelnd beisammenstanden – gewiß wäre jede von ihnen bereit gewesen, mit Rafe denselben Tanz zu tanzen, wenn er sie nur darum gebeten hätte. Tat ich es aber, die Tochter einer Frau, die ihrem Manne davongelaufen, ihr Kind im Stich gelassen hatte, dann war es eben etwas anderes. Was immer ich nur tat, mochte es noch so unschuldig, so belanglos sein – es war ein Beweis, daß ich »Mutter nachgeriet«. Ich war eben Mona Cartons Tochter, und ich würde »ein schlechtes Ende nehmen« wie sie.

*

In diesem Augenblick legte sich eine schwere Hand auf meine Schulter. Ich blickte auf, unterdrückte mühsam einen Schrei.

Vater!

Und ich dachte, er wäre in Atlanta, würde erst morgen zurückkommen! Alles begann sich vor meinen Augen zu drehen, als ich in dieses gelbliche, zerfurchte Gesicht blickte, in diese dunklen, harten Augen.

Kein Zweifel, mein Vater war außer sich vor Zorn. Tief gruben sich seine Fingernägel in meine Schulter.

»Du kommst sofort nach Hause, du Satansrange! Warte, bis wir zu Hause sind! Ich werd' dir's zeigen! Mich hier ins Gerede bringen! Marsch!«

Ohne meine Schulter loszulassen, führte er mich zum Haupttor – ich kann fast schon sagen, daß er mich zerrte. Jetzt liefen wir Rafe in den Weg, er hatte meinen Mantel auf dem Arm. Ohne ein Wort zu sagen, riß Vater ihm das Kleidungsstück fort, warf es mir zu. Dann drängte er mich die Treppe hinab, zu dem kleinen alten Wagen, der vor dem Vereinshaus geparkt hatte.

Ich wandte mich um, warf einen verzweifelten Blick zurück. Rafe stand noch immer im Tor, ich konnte deutlich sehen, wie sich das Licht der Bogenlampe in seinem glänzenden dunklen Haar spiegelte. Jetzt bewegte er die Lippen, versuchte mir etwas leise zuzurufen, aber ich konnte ihn nicht verstehen, Vater drängte mich bereits in den Wagen, sprang selbst nach, und im nächsten Augenblick fuhr das alte Vehikel los, als ob es um Leben oder Tod ginge.

Ratternd, knatternd und tuckernd holperte der Wagen über das Katzenkopfpflaster der Straße, die zu unserem Hause führte; und dazu schlug mein ängstlich klopfendes Herz den Takt. Dabei war ich keineswegs nur ängstlich, ein rebellischer, aufbegehrender Zorn stieg in mir hoch. Warum war alle Welt gegen mich, warum durfte sie es sein? Hatte ich denn jemand irgend etwas zuleide getan? Durfte man alles, was ich tat, schlecht auslegen, weil meine Mutter davongelaufen war? Vielleicht hatte sie nur das Leben in dieser Stadt nicht erfragen, das Leben mit meinem Vater?! Wäre das gar so unbegreiflich gewesen? Und wenn sie auch unrecht getan hatte, dürfte man mich dafür tadeln?

Wenn ich meinen Vater mit einem Blick streifte, in dieses harte, herzlose Gesicht sah, empfand ich nur Sympathie und Verständnis für diese meine junge Mutter, die uns verlassen hatte! Wirklich, ich kannte ihn in seinem Zorn, in seiner Engstirnigkeit und tyrannischen Unerbittlichkeit! Selbst wenn meine Mutter nicht eben meine Mutter gewesen wäre, hätte ich keinen Stein auf sie werfen mögen. Großer Gott, wenn ich doch nur selbst von hier fortlaufen könnte wie einst sie!

Wie ich diese Mrs. Plympton verabscheute! Sie und alle diese andern, engherzige, geschwätzige Spießer, die jeden für schlecht zu halten wagten, der anders war als sie!

Vaters Schweigen bedrückte mich, ich wollte etwas sagen.

»Es tut mir leid, Vater«, sagte ich, »daß du dich hast über mich ärgern müssen. Rafe und ich, wir wollten nur irgend etwas tun, damit …«

»Schweig!« In seiner Stimme war etwas wie das Sausen eines Peitschenschlages. »Warte, bis wir zu Hause sind, dann wirst du hören, was ich dir zu sagen habe. Und wenn ich das mit dir bereinigt habe, fahre ich zurück und werde auch diesem Burschen meine Meinung sagen – vor allen Leuten!«

Jetzt tauchte das Haus vor uns auf, ein etwas abseits gelegener, nicht gerade ansprechender Bau. Das Dach war reparaturbedürftig, von Zaun und Tor war die Farbe abgegangen, und seit Mutter fort war, hatte niemand mehr daran gedacht, vor den Fenstern Blumen zu pflanzen. Es wäre eine Kleinigkeit gewesen, ein Idyll aus diesem Haus zu machen, aber es hätten eben die richtigen Menschen dazu gehört. Und ein Haus, in dem Vater lebte, würde ja doch nicht wohnlich sein – auch wenn Blumen darin waren, mehr als in einem Wintergarten.

Ich war nicht feige, aber als wir jetzt vor dem Hauseingang hielten, zitterte ich doch am ganzen Körper. Ich war von Vater gewöhnt, daß er mich herzlos und unfreundlich behandelte, aber diesmal hatte ich ein Gefühl, als ob ich Schlimmeres zu gewärtigen hätte. Wortlos drängte er mich durch das Haustor und die knarrende Treppe hinauf bis zur Küchentür. Immer noch brachte ich keine Silbe über die Lippen, meine Zähne schlugen gegeneinander. Vater hatte kein Licht angemacht, nur die Tür hinter sich zugeschlagen, als wir in die Küche traten. Und jetzt ging er zum Herd, packte den Stock, der dort lehnte.

Verängstigt zog ich mich zur Tür zurück, hob abwehrend, die Hände.

»Vater!« schrie ich, »Du wirst mich doch nicht … mit diesem Stock … du bringst mich um … du …«

Schon hatte er den Arm erhoben.

»Ich wollte, ich täte es!« schrie er. »Wäre es nicht, weil ich das Gesetz fürchte, ich würde keine Minute zögern! Aber das verspreche ich dir, tanzen wirst du nicht so bald wieder! Ich werde dem Skandal ein Ende machen! Du wirst mich nicht mehr dem Gerede und Gespött der Leute –«

»Vater«, ich hatte seine Hand ergriffen, suchte sie festzuhalten, »wirklich, ich dachte nicht … ich wollte –«

»Erbärmliches Geschöpf! Du bist schamlos genug, das Fest des Missionsvereins –«

»Auf mein Wort, Vater, du tust mir unrecht! Höre mich doch an, bitte! Es war so langweilig, und da sagte Rafe –«

»Fitzmorris Bengel?!« Rafes Name schien Vaters Wut nur noch zu steigern. »Ja, ich weiß, daß du hinter ihm herläufst wie eine –! Ihn jeden Tag triffst, bald dort und bald da! Hab' in den letzten Tagen einiges über dich erfahren! Auch darüber wollen wir miteinander abrechnen! Laß meinen Arm los!«

Wenn ich bis jetzt noch eine gewisse Haltung bewahrt hatte, so war es nun um mich geschehen. Der schwere Stock sauste durch die Luft, traf meine Schultern. Entsetzt schrie ich auf. Aber da traf mich schon der nächste Schlag – und wieder der nächste – Schlag auf Schlag –

Ich glaube, Vater hätte mich in seiner Wut wirklich so' zuschanden geschlagen, daß ich nie mehr hätte tanzen können. Ich suchte zu flüchten, seinen Schlägen zu entgehen, schon hatte der Stock mich einmal auf den Kopf getroffen, als die Tür aufging und Tante Polly erschien. Meine Schreie hatten sie geweckt, jetzt kam sie in die Küche gelaufen. Entsetzt flüchtete ich zu ihr, sie stellte sich schützend vor mich, hob abwehrend ihre Hände gegen ihren rasenden Bruder.

»Josh! Du bringst das Kind ja noch um!

»Misch' dich nicht ein! Ich will sie lehren, mich –«

Aber Tante Polly war eine energische Frau. Schon hatte sie die Tür weit aufgerissen.

»Lauf in mein Zimmer, Eve! Riegle die Tür hinter dir zu! Und du, Josh, komm zur Besinnung! Wenn du nicht Vernunft annimmst, rufe ich Hilfe!«

Erst diese Drohung schien ihn abzukühlen. Ein letztes Mal hob er die Faust, um nach mir zu schlagen, ließ sie aber wieder sinken.

»Laß dich nie wieder hier blicken! Komm mir nie wieder unter die Augen! Wenn ich dich noch einmal hier sehe, schaffe ich dich in die Besserungsanstalt, so wahr ich Joshua Carton heiße! Mein Name soll nicht noch einmal durch den Schmutz gezogen werden!«

Ich versuchte, mich aufzurichten, aber meine Knie zitterten so, daß sie mich nicht tragen wollten. Mühsam schleppte ich mich zur Tür, in den Korridor hinaus, und dann in Tante Pollys Zimmer. Ich hatte es kaum betreten, als ich fühlte, daß mir die Besinnung schwand. Mit letzter Energie schloß ich die Tür und tat einen Schritt auf den Diwan zu –

*

Als ich wieder zu Bewußtsein kam, saß Tante Polly neben mir. Auf einem Hocker stand ein Waschbecken mit Tüchern und eine Flasche Essig. Brennender Schmerz lief durch alle meine Glieder.

»Wie bist du hereingekommen?« stammelte ich. »Ich hatte die Tür hinter mir abgeschlossen.«

»Mußte das gute Schloß aufbrechen«, antwortete Tante Polly mürrisch.

Erschrocken sah ich erst in ihr unwilliges Gesicht, dann auf ihre Hände. Müde, abgearbeitete und doch gute Hände! Arme, alte Tante Polly! Gewiß war sie ebenso engstirnig, ebenso unduldsam wie ihr Bruder, aber sie hatte doch wenigstens ein Herz.

»Versuche jetzt aufzustehen und dich auszuziehen, Kind«, sagte sie. »Ich will dir helfen. Du mußt ins Bett.«

Es kostete mich große Mühe, mich aufzurichten. Erst als ich mich auf Tante Pollys Matratze ausstreckte, atmete ich auf.

»Tante Polly«, murmelte ich, »du sollst nicht glauben, daß ich etwas Schlechtes getan habe. Wirklich nicht!«

»Diese verrückten, modernen Tänze tanzen ist weiß Gott nichts Gutes«, antwortete sie unfreundlich. Gleich darauf aber kam sie mit einem kühlen, feuchten Tuch, das sie mir unter die Schultern schob.

Aufmerksam sah ich in ihr runzliges, altes Gesicht, während sie sich über mich beugte. In all den fünfzig Jahren, die sie hinter sich hatte, hatte sie nur schwere Arbeit, Pflicht und Aufopferung gekannt. Im Grunde genommen tat sie mir kaum weniger leid als ich selbst. Was hatte das Leben ihr gegeben? Wie ertrug sie dieses Dasein?

So unzeitgemäß dieser Gedanke war, er packte mich plötzlich wie ein ganz großes Grauen: sollte mein Leben so verstreichen, wie das ihre? Würde ich auch gebeugt, zerbrochen und zertreten werden, bis ich alt und müde war, vergessen von aller Welt? Nein, so sollte es mir nicht ergehen! Die Mißhandlungen, die ich erfahren hatte, hatten mich geweckt, etwas Neues in mir wachgerufen! Was Jahre des Unterdrücktseins nicht vermocht hätten, hatte dieser einzige Abend getan.

Nein, nicht noch einmal sollte mein Vater mich schlagen! Ich wußte in diesem Augenblick nicht, was ich tun wollte, aber etwas mußte geschehen, das war mir klar.

Tante Polly mißverstand wohl meinen Blick, denn sie murmelte: »Er ist wieder zurückgefahren. Ich glaube, er will mit dem Friedensrichter sprechen und sich erkundigen, ob du nicht schon zu alt bist, um in die Besserungsanstalt getan zu werden. Soviel ich weiß, werden dort nur Mädchen bis zu achtzehn aufgenommen. Was hast du nur angerichtet, Eve?! Konntest du nicht vernünftiger sein?«

Im selben Augenblick hatte ich meinen Schmerz vergessen, mich im Bett aufgesetzt.

»Tante Polly, du glaubst doch nicht wirklich, daß er mich in eine solche Anstalt tun kann, zu allerlei schlechten Mädels, die auf der Straße aufgelesen werden, nur weil ich beim Missionsvereinsfest getanzt habe? Bitte, Tante, bitte hilf mir – er kann es nicht –«

»Es war natürlich unrecht von dir …« brummte sie, plötzlich wieder ganz abweisend. Sie war ihrem Bruder, dem sie sonst so sklavisch untertan war, in den Arm gefallen – das war mehr, als ich von ihr erwarten durfte. Jetzt war das kleine Feuer ihrer Aufbegehr niedergebrannt, sie war wieder die mürrische, schweigsame alte Frau, die sich in ihr Leben wie in etwas Unvermeidliches fügte.

»Du mußt mich doch verstehen, Tante Polly«, bettelte ich und legte meine Hand auf ihren Arm, »ich habe mir wirklich nichts Schlechtes dabei gedacht. Wenn ich tanze, überkommt mich eine solche Lust, mich nach der Musik zu bewegen, ihr ganz zu folgen. Am liebsten möchte ich mitsingen.«

»Sei still, ich will das gar nicht hören! Liege lieber ruhig und versuche zu schlafen! Ich lege mich auf den Diwan. Es wird übrigens bald Tag sein, du weißt, ich stehe immer um fünf auf. Du brauchst aber nicht zu befürchten, daß dein Vater hier hereinkommt.«

Damit nahm sie das Waschbecken und ging hinaus.

Ich lag still, rührte mich nicht. In meinem Kopf jagten sich die Gedanken. Was sollte ich morgen tun? Würde mein Vater wirklich seine Drohung wahrmachen und versuchen, mir auch noch meine geringe Freiheit zu nehmen, die ich bis jetzt genossen hatte? Würde er mir wirklich die Schande antun, mich in eine Besserungsanstalt zu bringen?

So lange ich lebte, hatte er mir, soviel ich mich erinnern konnte, nie irgendwelche Freundlichkeit gezeigt. Schon als ich acht Jahre alt war, hörte ich Leute einmal sagen, daß er mich verabscheute, weil ich das Kind meiner Mutter war und ihr so ähnlich sah. Das seltsamste war, daß ganz Cranford ihn »verstand«, ihm sogar in gewissem Sinne rechtzugeben schien. So hart Vater auch gegen mich sein mochte, niemand machte ihm einen Vorwurf daraus. Und vielleicht hätte man, wäre bereits im Ort bekannt gewesen, was heute geschehen war, ihm wieder rechtgegeben.

Lange lag ich so und grübelte. Das erste Morgengrauen erhellte das Fenster, als ich hörte, wie Tante Polly aufstand, sich hastig ankleidete und die Treppe hinunterging. Gleich darauf wurde in der Küche der Wasserhahn aufgedreht, Wasser in ein Becken gelassen. Ich hörte zu, es war, als ob ich Tante zusehen könnte. Ein paar Minuten später kam sie wieder ins Zimmer, holte ihre Mantille und ihren Hut. Jetzt, begriff ich, ging sie hinunter in die kleine Kirche, die jenseits der Straße lag. Das war ihre erste Arbeit jeden Morgen, die Kirche sauber zu halten, den Küster zu ersetzen, den die Gemeinde so ersparte.

Ein Gedanke kam mir. Wenn ich jetzt aufstand, in Vaters Arbeitszimmer schlich? Ich wußte, wo in seiner Bibliothek das juristische Nachschlagebuch stand, das er hervorzuholen pflegte, wenn irgend jemand ihn um Rat fragte. Gewiß würde ich darin auch Auskunft finden, ob mir – einer Achtzehnjährigen – kein Rechtsschutz zur Verfügung stand, wenn Vater mich wirklich in die Besserungsanstalt bringen wollte. Und bis zu welchem Alter junge Leute so vollends der Willkür ihrer Erzieher ausgeliefert waren.

Es kostete mich unsägliche Mühe, mich im Bett aufzurichten. Obwohl alle Glieder mich schmerzten, schleppte ich mich zuletzt doch bis zur Tür, schlich über den Korridor und in das Arbeitszimmer, dessen Fenster auf die Straße hinausging. Es war noch fast dunkel, kaum zu unterscheiden, ob das spärliche Licht, das durchs Fenster fiel, von der ersten Morgendämmerung oder noch vom Mond herrührte. Ich tastete mich zu der Bibliothek weiter, holte den Band heraus. Licht wollte ich nicht machen. Vorsichtig – niemand sollte mich von unten erkennen, wenn zufällig jemand vorbeikam – näherte ich mich dem Fenster, schlug das Buch auf.

Ein leiser Pfiff ließ mich aufhorchen.

Oh, diesen Pfiff kannte ich, dieses Signal! Das war Rafe!

Seltsam, im selben Augenblick hatte ich alles vergessen. Ich wußte nicht mehr, daß mein zerschlagener, zerschundener Körper mir wehtat, leicht trugen mich meine Füße, als ich in Tante Pollys Zimmer zurückeilte, mich in aller Hast, mit fliegenden Händen ankleidete. Dann glitt ich die Treppe hinunter. Rafe war bis an das Tor herangekommen, jetzt, als ich es öffnete, stand er mir unmittelbar gegenüber.

»Eve, mein Mädel«, flüsterte er, »ich wußte, daß ich Sie erreichen würde. Hatte so ein Gefühl! Schon eine Stunde bin ich hier, habe auch Miß Polly nach der Kirche hinübergehen sehen. Eine verfluchte Geschichte das, gestern abend, nicht? Ihr Vater kam noch einmal zurück, Sie hätten hören sollen, was wir einander für Dinge gesagt haben! Hat er Ihnen etwas getan? Armes Kind – was ist denn das für eine Schramme über Ihrem linken Auge? Um Gottes willen, hat dieser … dieser heuchlerische Rohling es gewagt, Sie zu schlagen?«

Ich wollte leugnen, aber ich konnte es nicht. Im nächsten Augenblick lag ich in seinen Armen, erzählte ihm schluchzend, was geschehen war. Ängstlich suchte ich, als ich geendet hatte, in seinen Augen zu lesen. Was ich darin fand, war Mitleid, Empörung und – ja, Liebe!

»Weiß Gott«, sagte er gepreßt, »nicht eine Stunde länger dürfen Sie in diesem Hause bleiben! Ich habe meinen Wagen an der nächsten Ecke stehen. Kommen Sie mit mir, Eve, ich bringe Sie fort von hier, nach Atlanta. Es sind knappe vierhundert Kilometer. Ein paar Tage später hätte ich doch hinmüssen, ich soll doch meine erste Stellung antreten! Die Abreise war für Sonnabend geplant, aber ich kann das schon richten. Fahre einfach heim und sage Vater, daß ich eben ein Telegramm von meiner Firma bekommen habe, daß ich gleich kommen muß. Einverstanden? Kommen Sie mit? Bitte, Eve!«

Mit Rafe nach Atlanta fliehen?

Wenn der Himmel sich plötzlich vor mir geöffnet hätte und ein Engel erschienen wäre, ich glaube, ich wäre nicht entzückter gewesen. Im selben Moment war alles Schlimme vergessen! Fliehen mit dem Manne, den ich liebte! Wahrhaftig, mein Vater würde nicht mehr die geringste Macht über mich haben, wenn ich erst Mrs. Fitzmorris war!

»Natürlich will ich«, sagte ich zitternd. »Ich laufe nur noch hinauf, hole meinen Koffer und ein paar Sachen, das Wichtigste. Und dieses Kleid«, fiel mir plötzlich ein, »kann ich auch nicht mehr tragen, er hat es ganz zerrissen, als er –«

»Solch eine Roheit! Ich wollte, ich könnte ihn stellen und ihn dafür züchtigen! Aber jetzt wird er dir ja nichts mehr tun, Liebling – nicht einmal zu sehen soll er dich wieder bekommen!«

Ich blickte zu Rafe auf, stolz und glücklich. Wie sein blondes Haar im Morgenwind flatterte! Oh, überall hin auf Erden wäre ich ihm gefolgt, barfuß, wenn es sein mußte, nur um bei ihm zu sein!

»Halte dich nur nicht zu lange drin auf, nimm bloß Mantel und Hut«, warnte er mit einem Seitenblick auf das Haus. »Nicht, daß ich Angst vor deinem Vater hätte, aber wir wollen unnütze Szenen vermeiden. Rasch, Liebling!«

Ich lief zurück, trat in mein Zimmer, sammelte in aller Eile das Nötigste in einen kleinen Handkoffer, dann schlüpfte ich in meinen Regenmantel. Einen Augenblick später war ich wieder an der Tür. Rafe lief mit mir die Straße entlang bis zur nächsten Ecke, dort wartete der Wagen. Und dann fuhren wir los.

Gesprochen haben wir nicht; ich hätte auch kaum reden können, mein Herz schlug zum Zerspringen, so aufgeregt und glücklich war ich. – – –

»Bist du froh, mit mir zu kommen?« fragte er nach einer Weile.

Ich nickte.

»Es ist so schön, so wunderbar schön, daß du gekommen bist! Ich habe dich so sehr gebraucht, Rafe!«

Wohin wir auch fuhren, nach Atlanta oder in eine andere Stadt – mir war jetzt alles gleichgültig. Rafe war bei mir, Rafe führte mich. Er konnte nichts Falsches, nichts Schlechtes tun. Vergessen aller Kummer, aller Schmerz!

Der Mond stand noch am Himmel, ein frostiger, scharfer Wind blies uns entgegen. Rafe bemerkte wohl, daß ich schauerte. Er zog einen Mantel hervor, der hinter ihm im Fond des Wagens lag.

»Zieh das an, Liebling. Wir werden einen warmen Mantel für dich besorgen müssen – gleich heute vormittag, sobald wir einen größeren Ort erreichen, in dem wir etwas Brauchbares finden. Warte, jetzt sind wir gleich bei mir zu Haus. Du bleibst im Wagen, während ich hineingehe und mit meinem Vater spreche. Weißt du … es ist vielleicht besser, wenn du dich solange auf den Boden des Wagens niederkauerst, damit man dich vom Hause aus nicht sehen kann. Nur jetzt, in diesem Augenblick, kein Aufsehen!«

Wir hielten vor dem Hause der Fitzmorris, und Rafe brauchte mich wirklich nicht zu warnen, ich hätte mich lieber in das kleinste Mauseloch verkrochen, bevor ich mich jetzt entdecken oder gar von der Seite meines Geliebten wegreißen ließ.

Meines Geliebten! Wie herrlich, wie ungeheuerlich dieses Wort klang! Und wie seltsam zugleich! Von klein auf hatte ich diesen blonden Jungen gekannt, aber immer hatte ich ihn angesehen wie das Bettlerkind den beneidenswerten Prinzen! Nie hätte ich mir träumen lassen, daß ich ihn einmal haben sollte – ganz für mich allein! Erst im vorigen Sommer, als er in den Ferien vom College nach Hause kam, hatte er Eve Carton entdeckt, die jetzt nicht mehr ein kleines Mädel war, ein Kind, das man nicht zu beachten brauchte, sondern ein Girl mit großen, fragenden, braunen Augen und einem lockigen Wuschelkopf! So war aus jener Halbbekanntschaft von einst rasch eine richtige Freundschaft geworden, die – so wenigstens hatte ich es gestern noch gefühlt – enden würde, wenn er jetzt nach Atlanta zurückfuhr und seine Stellung antrat.

Und nun?

Er blieb ziemlich lange im Haus. Eben wollte ich mich vorsichtig aufrichten, von meinem unbequemen Platz wieder auf den Sitz zurückkehren, als ich hinter dem Wagen Schritte hörte. Ich hob den Kopf, glaubte, daß es Rafe wäre. Aber im nächsten Augenblick duckte ich mich wieder! Nein, es war der Gärtner der Fitzmorris. Mein Herz sank. Wenn er die Tür des Wagens öffnete und mich sah? Was sollte ich sagen? Was tun?

Aber der Alte ging vorbei, ohne den Wagen zu beachten. Und eine knappe Minute später tauchte Rafe im Haustor auf. Sein Blick traf mich, ich sah, wie er unauffällig mit der Hand ein Zeichen machte. Ich begriff, verließ mein Versteck nicht.

Langsam kamen Schritte näher – Schritte von zwei Männern. Jemand machte sich hinten am Wagen zu schaffen, befestigte einen Koffer am Gepäckhalter. Dann hörte ich sagen:

»Adieu, Vater! Ich schreibe dir noch heute abend. Und schönen Dank für das Geld!«

»Und du laß es dir gut gehen, mein Junge«, antwortete eine tiefe Stimme. »Es tut mir leid, daß du so plötzlich fort mußt, wärst wohl auch noch zurechtgekommen, wenn du das helle Tageslicht abgewartet hättest. Aber ich halte dich nicht zurück, kann die Autoraserei nicht leiden.«

Jetzt kam Rafe an die Wagentür, machte sich so breit, als er nur konnte, um das Fenster zu decken.

»Fahre vorsichtig, mein Junge«, hörte ich den Alten wieder sagen, »und wenn Leute dich aufhalten und bitten, du möchtest sie mitnehmen, tu es nicht. Man weiß nie, wessen man sich zu versehen hat.«

»Unbesorgt, ich nehme niemand in den Wagen!« lachte Rafe. »Und auf Wiedersehen, Vater! Hoffentlich kann ich bald mal auf zwei Tage nach Hause kommen!«

Der Motor sprang an, noch einmal wurden Grüße gewechselt, dann bogen wir um eine Ecke.

»Bleibe geduckt, bis wir aus dem Ort sind«, sagte Rafe. »Vielleicht treffen wir jemand, der gestern auch auf dem Fest war und dessen Neugierde uns lästig wird. Nach dem Krach, den ich mit deinem Vater gehabt habe –! Es ist mir nur lieb, wenn Leute mich sehen und sagen, daß ich allein von Cranford weggefahren bin.«

Ich wunderte mich ein wenig über diese Vorsicht. Was konnte es jetzt, da wir heiraten wollten, ausmachen, wenn die Leute wußten, daß wir zusammen weggefahren waren? Allerdings, es war besser, wenn wir jetzt niemandem begegneten, kein Aufsehen erregten, aber wozu bemühte sich Rafe, ein so kunstvolles Alibi zu konstruieren?

Bevor ich meine Gedanken sammeln konnte, um eine Frage zu stellen, stoppte Rafe bereits den Wagen; und im nächsten Augenblick hörte ich ihn Jack Drennan anrufen.

»Hallo, Jack! Muß leider schon adieu und auf Wiedersehen sagen! Habe heute nacht ein Telegramm aus Atlanta bekommen, daß ich gleich antreten soll. Ekelhaft eilig, was? Unnatürliche Hast, um zur Arbeit zurechtzukommen. Bestellen Sie Peggy alles Liebe und Schöne und sagen Sie ihr, daß ich in zehn Tagen zum Weekend wieder heraufkomme. Das Gartenfest, zu dem sie mich eingeladen hat, lasse ich mir jedenfalls nicht entgehen.«

»Ist das aber eine überstürzte Abreise!« hörte ich Jacks Stimme ganz nahe. »Sie laufen doch, hoffe ich, nicht vor dem alten Carton davon? Der hat aber auch angegeben mit seiner Kleinen, was? Sie haben übrigens ganz recht, daß Sie ihm ausweichen, und es ist ein Glück, daß Sie nach Atlanta müssen. Wenn Sie in zwei Wochen wiederkommen, haben sich die Zungen der alten Weiber wieder beruhigt. Zu albern auch, wegen eines kleinen Tanzes solche Geschichten zu machen, nicht? Wahrscheinlich hat der Alte Angst, daß die Kleine nach ihrer Mutter gerät. Sollte mich übrigens nicht wundern! Ein rassiges kleines Ding, wie?«

»Na, ich lasse mir von Pastor Carton nicht den Schlaf rauben«, spottete Rafe, »und was die Kleine betrifft, so ist sie auch meine letzte Sorge. Soll mir leid tun, wenn der Alte unfreundlich zu ihr war. So, und jetzt muß ich weiter, Jack, auf Wiedersehen! Vergessen Sie nicht Peggy zu grüßen!«

Schon war der Wagen wieder in Bewegung.

Ich richtete mich langsam auf, nahm den Sitz neben Rafe ein. Etwas saß mir in der Kehle, würgte mich. Natürlich hatte Rafe das nicht wörtlich gemeint, aber es war ihm doch sonderbar leicht gefallen zu sagen: »Die Kleine ist meine letzte Sorge!« Und diese Grüße an Peggy –! Drennans Gartenfest mitmachen? Glaubte er, daß ich mich so bald zu Hause zeigen würde?

»Ich habe gehört, was du gesagt hast«, begann ich unsicher.

»Heiliger Himmel, Eve, ich mußte doch so reden, weil ich nicht wollte, daß die ganze Stadt in zehn Minuten alarmiert ist. Wer weiß, die hetzen uns noch die Polizei auf den Hals, und wenn wir in Atlanta ankommen, werden wir von den Blauen empfangen. Sieht deinem Vater durchaus ähnlich.«

»Ich habe nicht nur das gemeint«, sagte ich schüchtern, denn Rafe sah ärgerlich aus, und ich wollte ihn nicht verletzen. »Nur … diese Grüße an Peggy … willst du wirklich in zehn Tagen hier herauf fahren?«

»Ach, du kleine Eifersucht!« er lachte hellauf, meine Frage schien ihm Spaß zu machen. Seine Linke lag auf dem Steuer, die Rechte legte er mir um die Schultern. »Mach dir doch keine Gedanken über Peggy Drennan, Liebling! Was ich mir schon aus der mache! Alles Bluff! Ich wollte doch nur, daß Jack im Ernstfall sagt, er habe mich allein wegfahren gesehen. Begriffen?«

»Dann hast du also auch das mit dem Gartenfest nicht ernst gemeint?«

Ach, so kindisch war ich in meiner Freude! Ich schämte mich geradezu, an Rafes Liebe gezweifelt zu haben.

»Das soll nicht heißen«, lenkte er jetzt ein, »daß ich einen gelegentlichen Besuch hier vermeide. Die Leute könnten sich ja sonst einbilden, daß ich wirklich aus Angst verduftet bin. Übrigens, Eve, hast du einen Brief oder sonst eine Nachricht zurückgelassen und gesagt, wohin wir fahren?«

»Nein, ich habe ganz vergessen –«

»Gut so!« Er atmete sichtlich auf.

»Allerdings hätte ich Tante Polly ein Wort hinterlassen können«, meinte ich niedergeschlagen. »Sie hat doch wenigstens versucht gut zu mir zu sein.«

»Ein bißchen Sorge um dich wird sie nicht töten«, spottete er. »Auf Ehre, wenn ich an die beiden Alten denke, und wie sie dich behandelt haben, so wundere ich mich, daß du so süß und liebenswert geworden bist. Es ist ein reines Wunder!«

»Ich habe eben Prestonblut in meinen Adern«, sagte ich stolz, obwohl ich nie einen der Verwandten meiner Mutter zu sehen bekommen hatte. »Die Prestons sind alle nett. Wenigstens hat man mir das immer gesagt. Einer von ihnen, ein Vetter, hat sogar die Nichte des Gouverneurs geheiratet.«

»Du bist ein Tausendsassa!« lachte Rafe. »Wirklich, das war eine gescheite Idee von mir, heute morgen zu dir zu laufen. Was hättest du übrigens sonst getan?«

»Ich … ich weiß nicht. Mir war so elend zumute, ich glaube, ich hätte mich umgebracht.«

»Sowas sollst du gar nicht reden, Liebling.« Seine Hand suchte die meine, glitt streichelnd über meine Finger. »Du bist geboren für das Glück, für alles Schöne, was das Leben zu bieten hat. Und verlaß dich darauf, ich werde dafür sorgen, daß du alles, alles bekommst. Eine schöne Zeit werden wir beide haben! Morgen schon hast du Cranford vergessen, Baby!«

Geboren für das Glück! So kindisch war ich, daß dieses bloße Wort mir wohltat, mich tröstete.

Wenn ich heute zurückdenke, den Weg überschaue, den ich gegangen bin, so kommen mir diese Worte wieder in den Sinn, und auf meinen Lippen ist Bitterkeit. Geboren für das Glück! Wohl uns, daß wir nicht in die Zukunft schauen können!

*

Wir fuhren den ganzen Tag, es dunkelte bereits, als wir Atlanta erreichten. Halbenwegs hatten wir sogar eine Panne gehabt, waren drei Stunden auf der Landstraße liegen geblieben. Übrigens waren die Straßen der Stadt noch belebt, vor den Cafés und Lokalen drängte sich die Menge.

»Wo wollen wir die Nacht verbringen, Rafe?« fragte ich.

»In einem Hotel natürlich. Wir haben beide Gepäck, man wird uns keine Schwierigkeiten machen.«

Ich begriff weder, warum man uns überhaupt Schwierigkeiten machen sollte, noch was unsere Koffer damit zu tun hatten, aber ich wollte keine dummen Fragen stellen. Rafe sah sich zuerst nach einer Garage für den Wagen um, dann führte er mich zu einem großen, sehr schönen Gebäude – in unserer Stadt hatte ich kein ähnliches gesehen. Das war also das Hotel!

In der Vorhalle führte er mich zu einem Sessel, bat mich hier zu warten, während er mit dem Sekretär des Aufnahmebüros sprach.

Ach, wie stolz war ich auf ihn! Wie wunderbar jung, stark und energisch sah er aus! Wie respektvoll sprach der Hotelsekretär mit ihm! Und dieser Rafe, dieser wunderbarste aller Jungen, die ich je gesehen, war jetzt mein, wie ich sein! Ich überlegte gar nicht, ob, was ich empfand, mehr Liebe oder Stolz war – oder gar nur Aufatmen, nachdem ich meinem schrecklichen Vaterhaus entkommen war. Ich wollte überhaupt nicht überlegen! Seit fünfzehn Stunden war alles, was um mich herum geschah, ein einziger wunderbarer Traum, und den Mann, der mich aus meinem Gefängnis befreit hatte, betete ich an wie nur ein kleines blondlockiges Mädchen aus Grimms Märchenbuch ihren Wunderprinzen.

Jetzt kam Rafe zurück, von einem Boy gefolgt, der unsere beiden Koffer nahm und uns zum Aufzug führte. Mein Blick fiel auf die beiden Koffer, ich schämte mich ein wenig. So hübsch und neu sah der seine aus, so schäbig und ärmlich der meine!

Als wir die dritte Etage erreicht hatten, mußten wir zunächst einen langen Korridor entlanggehen, an vielen Türen vorbei, auf denen Nummern standen. Ich fühlte mich ein wenig bedrückt und verwirrt. Würden wir etwa auch hier bleiben, wenn wir verheiratet waren? Ach, ich war ja so kindisch! Ernsthaft dachte ich darüber nach, ob Rafe darauf bestehen würde, daß wir im Hotel blieben, oder ob er mir meinen Herzenswunsch erfüllen würde – ein kleines Einfamilienhaus in einem hübschen Garten.

Der Boy stellte die beiden Koffer vor sich nieder, öffnete eine Tür, schaltete Licht an. Wir traten in ein Zimmer, wieder ging der Boy voraus, öffnete die Tür zu einem Baderaum. Dann wünschte er uns gute Nacht und verschwand. Rafe folgte ihm zur Tür und schloß ab. Dann kam er zu mir zurück, nahm mich in seine Arme.

»So, jetzt küß mich, als ob du mich liebtest«, scherzte er. Damit beugte er sich über mich, seine Lippen suchten die meinen, sogen meinen Atem ein. Nie hatte ich einen solchen Kuß bekommen, nie gefühlt, was ich jetzt fühlte! Ich befreite mich aus seinen Armen, aber er hielt mich fest, sein Mund löste sich nicht von dem meinen.

Endlich hob er den Kopf, sein Blick senkte sich tief in meine Augen.

»Ich liebe dich so, Eve! Du bist so schön, so süß! Und ganz mein! Sag, daß du mir ganz gehörst, ganz! Und sag, daß niemals dich jemand so geküßt hat wie ich! Ja? Nicht so – und so – und so!«

Wieder brannten seine Lippen auf den meinen.

»Nicht«, bat ich, »nicht Rafe!« Wieder machte ich mich von ihm frei. Irgendwie empfand ich eine Scheu vor Rafe, der plötzlich so gar nicht mehr der fröhliche, gutgelaunte Junge war, mit dem ich in Cranford geflirtet hatte. Ein fremder Mann war das, fremd blickten mich seine Augen an.

»Kleines Mädelchen! Ich will dich lehren, mich zu lieben – mich wirklich zu lieben! Willst du?«

»Nein … nicht jetzt«, wehrte ich ab, während ich mich erschrocken zu dem großen Schrank zurückzog. Mein Blick streifte den Spiegel – ich erschrak, wie fremd, wie unheimlich dieses Gesicht Rafes war, das mir da entgegenblitzte.

»Du mußt jetzt nicht mehr bei mir bleiben, Rafe«, sagte ich. »Ich bin so müde. Wo ist dein Zimmer?«

Er lächelte leicht, dann fuhr er mit seinen Fingern durch seine blonden Locken.

»Aber dieses hier doch, Eve! Dein und mein Zimmer! Ich habe uns als verheiratet ins Gästebuch eingetragen.«

Unschuldig war ich, aber nicht ahnungslos. So nahm ich allen Mut zusammen und sagte:

»Ich bin noch nicht deine Frau, Rafe. Du kannst nicht länger hier in diesem Zimmer bleiben – oder ich muß gehen.«

Nie werde ich diesen Blick vergessen! Ich glaube, eine ganze Minute standen wir einander gegenüber, starrten uns an. Endlich zuckte er leicht die Achseln, verzog den Mund zu einem Lächeln.

»Worüber lachst du?« fragte ich unsicher.

»Über dich, Baby. Und über die komische Vorstellung von der Welt, die sich da in deinem Kindsköpfchen festgesetzt hat. Heiliger Himmel, was soll ein Bursche wie ich mit einer Frau anfangen? Einundzwanzig Jahre bin ich alt! Mein Vater würde mich schön hinauswerfen, wenn ich ihm mit so etwas heimkäme! Ernsthaft gesprochen: ich habe dir doch nicht eingeredet, daß ich dich heiraten will. Oder –?«

Einen Moment schlug mein Herz zum Zerspringen, dann setzte es aus; oder mir schien es wenigstens so. Ich begann am ganzen Körper zu zittern. Alle Dinge rings um mich waren plötzlich unklar, verschwommen. Wie aus einem Nebel auftauchend sah ich Rafes lächelndes Gesicht, seine großen blauen Augen. Ich wollte etwas sagen, brachte aber nur einen Seufzer über die Lippen.

Rafe Fitzmorris hatte mir nicht versprochen, mich zu heiraten?

»Natürlich nicht. Eve«, beantwortete er die Frage, die ich vor mich hingemurmelt haben mochte. »Denke nur ernsthaft darüber nach, Kind! Auf Jahre hinaus werde ich von einem Gehalt leben müssen, das kleiner ist, als das Taschengeld, das mein Vater mir bisher gegeben hat. Das will sagen, daß ich auf Jahre hinaus von meinem Vater abhängig bin. Natürlich wird er mir Geld zur Verfügung stellen, immer, aber wenn er auch nur erfährt, daß ich jetzt ans Heiraten denke, ist es damit vorbei. Darum mußt du doch nicht gleich so den Kopf sinken lassen, Baby! Ich werde schon für dich sorgen! Mindestens bis du dich auf deine eigenen Füße stellen kannst. Habe schon darüber nachgedacht, das beste wird wohl sein, du gehst als Tänzerin in einen Klub oder in ein Kabarett. Sei vernünftig, Kind! Ich habe ein paar hundert Dollar bei mir, Vater war nicht kleinlich – das wird reichen, bis wir alles geregelt haben. Und schlimmstenfalls kann ich immer wieder Geld von meinem Vater haben – vorausgesetzt, daß er nichts von unserem Abenteuer erfährt.«

Von unserem Abenteuer. Abenteuer …

»Rafe, du hast dich in mir geirrt«, sagte ich endlich. »Ich –«

»Großer Gott, jetzt wirst du mir alle Geschichten erzählen, die du von deiner Tante gehört hast! Bist du denn so unverständig?! Mit uns beiden ist es doch eine andere Sache. Ich liebe dich wirklich und aufrichtig. Immer werde ich mich um dich kümmern, immer an dich denken. Laß es nur meine Sorge sein, daß du einen guten Start ins Leben machst. Überleg dir doch einmal, ob das nicht besser ist als alles, was du in Cranford zurückgelassen hast! Oder hast du Lust, dir wieder von allen Leuten die Geschichte von deiner Mutter erzählen zu lassen? Ist es etwa deine Schuld, daß sie mit einem anderen davongelaufen ist, und noch dazu mit einem gewöhnlichen Spieler? Sei doch vernünftig, Eve! Wir wollen uns setzen, alles besprechen, unsere Pläne machen.«

Er legte seine Hand auf meinen Arm, aber ich schüttelte sie ab.

»Ich … ich muß also wohl … allein weiterfinden«, sagte ich schwach. »Natürlich kann ich nichts dafür, was meine Mutter getan hat, aber eins kann ich: nicht das gleiche tun. Rafe, du mußt jetzt gehen, und wenn du nicht gehst, werde ich das Hotel verlassen.«

»Du hast doch gesagt, daß du mich liebst«, wandte er ein, mir an die Tür folgend, zu der ich mich zurückzog. »Hast du gelogen? Oder hast du es nur gesagt, weil du glaubtest, ich würde dich heiraten?«

»Ich … ich habe dich wirklich geliebt, Rafe«, sagte ich mit zitternder Stimme.

»Du hast es getan? Du tust es jetzt noch, du weißt das, und du sollst es dir darum nicht selbst schwer machen, Eve. Wir sind doch erwachsene Leute und müssen vernünftig sein. Kann ich etwas dafür, daß du mich mißverstanden hast? Nie wäre es mir eingefallen, dir etwas zu versprechen, was ich nicht halten kann. Vielleicht werde ich nie heiraten, aber wenn ich es tue, so kann ich, solange mein Vater lebt und ich auf seinen guten Willen rechnen muß, nicht dich nehmen. Siehst du das nicht ein? Am selben Tage würde mein Vater mich hinauswerfen. Daß wir aber in Atlanta wie verheiratete Leute zusammen sind, braucht er gar nicht zu wissen. Darum war ich doch auch so vorsichtig, als wir heute morgen von zu Hause wegfuhren. Dich mußte ich beschützen – und mich selbst auch. Kein Mensch in Cranford ahnt, daß du bei mir bist. Wir sind hier so sicher wie auf einer Insel oder am Nordpol! Morgen nehmen wir dir ein Zimmer, und immer werde ich meine freie Zeit bei dir verbringen. Nicht wahr, Eve?«

Ein Zimmer für mich nehmen. Seine freie Zeit bei mir verbringen. Wo waren alle meine herrlichen Träume? Wo das Glück, für das ich doch, wie er selbst gesagt hatte, geboren war?

So verzweifelt war ich, daß ich einen Blick nach dem Fenster warf, und diesen Gedanken muß Rafe wohl erfaßt haben, denn er änderte plötzlich die Taktik.

»Höre, mein Kind«, sagte er ernst, »du kannst keinen Narren aus mir machen. Jetzt sind wir in dieses Hotel eingezogen als Mann und Frau, und wenn einer von uns beiden mitten in der Nacht davonläuft, ist der Skandal fertig! Du kannst weder behaupten, daß ich dir irgend etwas versprochen habe, noch kannst du bestreiten, daß du mir bereitwillig hierher gefolgt bist. Ich hatte ein Recht zu glauben, daß du mich liebtest – mich –«

»Aber ich tue es doch, Rafe, ich tue es doch!«

Im selben Augenblick, in dem ich das sagte, fühlte ich, daß ich log. Ich hatte jemand anderen geliebt, nicht diesen Mann, der da vor mir stand, mit der zorngeröteten Stirn und dem herrischen Mund. Ich hatte jemand geliebt, den es gar nicht mehr gab, einen Rafe Fitzmorris, dessen Bild ich mir in meinen Träumen vorgetäuscht hatte. Der wirkliche Rafe aber – was wußte ich von ihm? Kannte ich ihn denn überhaupt? Ich wußte, daß er gut tanzte, immer hübsche Anzüge trug, einen guten Wagen fuhr und mit allen jungen Leuten unserer Stadt auf gutem Fuß stand. Was mehr? Alles andere hatte ich mir selbst zurechtgedacht.

Ein Instinkt des Selbstschutzes, den, glaube ich, alle Frauen in kritischen Augenblicken haben, war plötzlich in mir wach geworden. Ich wußte mit einemmal, daß wir Frauen auf uns selbst gestellt waren, und betrogen, wenn wir es anders glaubten.

Und ich begriff auch, daß dieser Mann, dieser Fremde, den ich noch vor wenigen Minuten für »meinen Rafe« gehalten hatte, mich nicht fortlassen würde, selbst wenn ich darauf bestand. Aber im selben Augenblick hatte ich einen erlösenden Gedanken.

Siehe Bildunterschrift

Entsetzt stand ich still, starrte den Mann an, dessen Zimmer ich gerade eindringen wollte.

Ich legte den Mantel ab, zog meine Schulter frei.

»Ich habe Schmerzen, Rafe«, sagte ich. »Ob du nicht etwas auftreiben könntest, was mir Linderung brächte?«

Sofort wirkte mein Trick. Rafes erschrockene Augen bewiesen, daß der Striemen, der sichtbar geworden war, auf ihn Eindruck gemacht hatte.

»Armes Mädel«, seufzte er, »das hatten wir ja ganz vergessen! Kein Wunder, daß du verschreckt bist! Jetzt begreife ich auch, warum du immer so zusammenzucktest, wenn ich dich berührte. Aber warte, das werden wir gleich haben!«

»Vielleicht könntest du etwas in einer Drogerie bekommen«, schlug ich vor.

»Um zehn Uhr abends! Aber warte, dazu brauchen wir keine Drogerie! Ich werde gleich zaubern! Zunächst nimmst du ein heißes Bad – so heiß, als du es nur irgend aushalten kannst. Und weißt du, was ich dir dann gebe? Ich habe eine Flasche Kognak im Koffer, fabelhaften importierten Kognak, nicht solchen Fusel, wie man ihn hier heimlich braut. Hab ihn mir selber aus Vaters Bücherschrank geangelt. Davon nimmst du, wenn du aus dem Bad kommst einen tüchtigen Schluck, und dann sind alle Schmerzen vergessen.«

Mein Herz sank. Ich hatte gehofft, daß er wenigstens für mich in eine Apotheke laufen würde. So hätte ich Zeit gewonnen, unauffällig zu verschwinden. Wohin? Davon hatte ich allerdings nicht die leiseste Idee. In meiner Tasche war nur ein halber Dollar, damit konnte ich mich nicht einmal in die schäbigste Herberge trauen. Aber mir kam in den Sinn, daß ich von Obdachlosen gelesen hatte, die ihre Nächte in Parks verbrachten.

»Glaubst du nicht, daß man in einer Apotheke eine bessere Medizin bekäme?«

Er schüttelte den Kopf.

»Auf den Kognak kannst du dich verlassen, Baby.« Er führte mich zur Badezimmertür, drängte mich hinein. Es hatte keinen Sinn, Widerstand zu leisten. Schlimmsten falls konnte ich mich ja hier einschließen, hier auf dem Stuhl den Morgen abwarten. Rafe würde wohl kaum wagen, Lärm zu schlagen.

Vorsichtig prüfte ich die Tür. Sie war schwach, die Schulter eines starken Mannes mußte genügen, sie sofort aufzudrücken.

Ich näherte mich der Badewanne, ließ Wasser einlaufen. Im nächsten Augenblick sah ich, wie die Türklinke niedergedrückt wurde.

»Ist das Wasser heiß genug?« wurde durch die Tür gefragt.

»Danke, ja. Ich werde mich gleich besser fühlen.«

Damit schlich ich zum Fenster, suchte es so leise wie möglich zu öffnen. Einen Moment lang kreischte es in den Angeln, aber das leise Geräusch ging im Rauschen des Wassers unter. Ich beugte mich hinaus, blickte in die Tiefe hinab.

Das Fenster ging auf den Hof – hier, kaum einen halben Meter entfernt, lief die Feuerleiter hinab.

Hastig zählte ich die Etagen. Vier – fünf – sechs – sieben. Wir waren in der achten Etage. Ob ich schwindelfrei bleiben würde? Schnell streifte ich meine Pumps ab, kletterte hinaus. Während meine Hand nach der Leiter tastete, schloß ich die Augen. So, da war sie. Ich hing an beiden Händen, meine Füße suchten, fanden eine Sprosse. Langsam, vorsichtig begann ich hinabzusteigen. Siebente, sechste, fünfte, vierte Etage. Jetzt mußte ich schon in der dritten Etage sein. Bereits an die regelmäßigen Abstände zwischen den Sprossen gewöhnt, suchte mein Fuß wieder nach unten, fand nicht. Zitternd zog ich ihn wieder hoch.

Hier, neben einem Fenster der dritten Etage endete die Leiter.

Ich blickte auf das Fenster. Es war, soviel ich erkennen konnte, weit und breit das einzige, das noch erleuchtet war. Vielleicht ein Salon, ein Sprechzimmer, das allen Gästen zur Verfügung stand. Vorsichtig beugte ich mich zur Seite, setzte meinen Fuß auf das Fensterblech. Wieso war mir nur, als ich da oben in der achten Etage vom Fenster zur Leiter griff, der Abstand so gering erschienen? Diesmal zitterte ich vor Anstrengung, meine Hände waren so schwach –

Der Raum, auf dessen Fenster ich stand, war ein Schlafzimmer wie jenes, das ich eben verlassen hatte. Auf einem Stuhl und auf dem Bett lagen Kleider – Männerkleider. Ein offener Koffer zeigte seinen Inhalt.

Kein Mensch im Zimmer.

Behutsam ließ ich mich vom Fensterbrett auf den Boden hinab. Ich hatte ihn noch nicht erreicht, als eine Bewegung im Zimmer mich aufblicken ließ. Ich stieß einen unterdrückten Schrei aus. Die Badezimmertür war aufgesprungen, ein Mann stand vor mir.

»Was zum Teufel soll das?« fragte er zornig. »Was wollen Sie hier?«

Ich fand keine Erwiderung. Ganz schwach und hilflos war ich in diesem Augenblick. Mein Atem ging rasch und stoßweise, als ob ich eine weite Strecke gelaufen wäre.

Im übrigen war es ein junges und gutes Gesicht, in das ich da blickte. Die Augen grau und kühl, Augen eines Menschen, der verstehen mußte. Die Gestalt kraftvoll. Das dunkle Haar noch feucht – offenbar hatte er es gerade shamponiert. Er trug ein Pyjama und darüber einen Schlafrock.

»Wer sind Sie?« fragte er jetzt. »Woher kommen Sie und was wollen Sie hier?«

Blitzhaft überlegte ich. Was sollte ich tun? Wieder auf die Feuerleiter zurückkehren und in die achte Etage klettern?

»Ich … ich … entschuldigen Sie … ich habe mich nur geirrt, ich dachte, es wäre mein Zimmer, aber … meines ist wohl eine Etage tiefer. Wenn Sie erlauben, daß ich durch ihr Zimmer gehe –«

Und bevor er antworten konnte, näherte ich mich der Tür. Aber ich hatte noch keine drei Schritte getan, als ich fühlte, wie eine kräftige Hand meinen Arm faßte.

»Langsam, mein Fräulein«, befahl er, »zunächst einmal lügen Sie, und ich möchte gern wissen warum! Ich täusche mich nicht leicht in Menschen, und Ihnen kann ich auf den Kopf zusagen, daß Sie eine Hoteldiebin sind. Haben wohl von der Feuerleiter aus gesehen, daß niemand im Zimmer war? Und da hat Sie mein Koffer interessiert, wie?«

»Nein! Nein!« rief ich entsetzt. »Um Gottes willen, nein! Ich – ich …«

»Sagen Sie Ihren Namen und die Nummer Ihres Zimmers! Rasch, keine Umschweife! Überlegen Sie nicht lange!«

»Anne Maxwell – Zimmer 383.« Ich war selbst erstaunt, als in diesem Moment mein Blick auf den Spiegel fiel. Kein Wunder, daß dieser Mann mich für eine Diebin hielt! Mein Gott, wie sah ich aus?! Und nicht einmal Schuhe hatte ich an!

»So, Zimmer 383? Komisch, Miß Maxwell, daß Sie dieses Zimmer für Ihres gehalten haben! Meines hat nämlich Nummer 102, und folglich muß das Ihre auf der gegenüberliegenden Seite liegen, und wenn Sie auf der Feuerleiter hierher kommen wollten, mußten Sie erst in ein fremdes eindringen und dann ein paar Etagen heruntersteigen. Was haben Sie unterwegs schon erwischt? Heraus damit! Hier auf den Tisch! Keine Umschweife – ich meine es ernst!«

»Um Gottes willen, ich bin keine Diebin, ich – bitte, glauben Sie mir doch! Mein Zimmer ist – was ich sagte, war – ich weiß die Nummer gar nicht – es muß da über dem Ihren liegen – ich dachte, dies wäre ein – es war Licht hier, überall sonst war schon dunkel – um Gottes willen, lassen Sie mich fort! Ich muß das Hotel verlassen, bevor –«

»Bevor was geschieht?«

»Bevor der Mann, dem ich davonlaufe, mich, hier findet. Bitte!«

»Sie meinen wohl den Hausdetektiv«, antwortete der Fremde höhnisch. »Ist er also schon hinter Ihnen her? Na, bei mir sind Sie mal an den Falschen gekommen!«

Eine starke Hand packte meinen Arm, während eine andere sich nach dem Nachttisch ausstreckte. Ich erkannte das Telephon.

»Um Gottes willen, was wollen Sie tun?«

»Das Hotelbüro anrufen und melden, daß ich Sie habe. Damit man Sie so rasch wie möglich dorthin bringt, wohin Geschöpfe wie Sie gehören.«

* * *

 


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