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2. Jahr. (Von 12-13 Jahren.)

1. August: An meinem Geburtstag war es riesig lustig. Wir fuhren im Wagen nach Glashütte, wo es sehr schön ist; dort kochten wir selbst, weil die Wirtin krank war und die Köchin auch. An einem Geburtstag sind immer alle so nett zu einem. Am meisten freut mich der Künstler-Malkasten von Ebeseder, und das Buch ebenfalls. Aber ich komme leider gar nicht zum Lesen. Die Hella hat mir ein süßes Bild geschickt: Mutterglück, eine Dackelmutter mit zwei Jungen, entzückend fein. Ich werde es zuhaus neben die Tür über die Etagere hängen. Und von der Ada habe ich ein seidenes Geldbörschen bekommen, das sie eigens für mich gearbeitet hat. Und von der Tante Dora ein Tagebuch, aber das kann ich eigentlich nicht verwenden, weil ich doch lieber auf einzelne Blätter schreibe. Und die Großeltern aus B. haben eine Marzipantorte geschickt, hochfein. Die Ada findet sie göttlich; sie kennt sie nämlich nicht.

9. August: Die Ada ist im Schuljahr jetzt in St. Pölten bei ihrer Tante und ihrem Onkel gewesen, weil die Schule in H. nicht so gut ist wie in St. P. Vielleicht kommt sie heuer nach Wien, da sie mit der Bürgerschule fertig ist und noch weiter lernen soll. Aber sie haben niemanden so nahe Verwandten in Wien, wo sie wohnen könnte. Eigentlich könnte sie ganz gut bei uns wohnen, die Dora bekäme das Kabinett für sich, wie sie so schon immer will, und die Ada und ich wären im Zimmer. Das wäre mir entschieden eine liebere Zimmergenossin als die Dora mit ihren Faxen.

10. August: Das ist wirklich großartig. So ein Bursch setzt doch alles durch, was er will. Jetzt fährt der Oswald richtig auf 14 Tage nach Znaim zu seinem besten Freund; allein, natürlich. Ich möchte sehen, wenn die Dora oder ich irgendwohin fahren wollten. So ein Bub hat's gut. Und vor allem anderen ärgert mich die Ungerechtigkeit. Denn er hat kein gutes Zeugnis, das wissen wir bestimmt, wenn er es auch nicht sagt. Aber natürlich, das macht nichts. Uns wird jeder Zweier vorgehalten und er darf bei mehreren Genügend hinfahren, wo er will. Überhaupt bester Freund; seit heuer kennt er den Max Rozny und das ist eine Freundschaft. Die Hella und ich sind seit der zweiten Volksschulklasse Freundinnen und die Dora und die Frieda Ertl seit dem Lyz. Aber das über Freundschaft haben wir ihm beide tüchtig gesagt. Er lachte höhnisch und sagte: Ja ja, es ist schon recht, die Männerfreundschaften werden immer fester mit den Jahren, und Euer Mädelfreundschaften gehen in die ärgste Feindschaft über, wenn der erste Verehrer da ist. Das ist eine Frechheit. Überhaupt die Hella und ich warten unbedingt aufeinander mit der Hochzeit, denn wir wollen am selben Tag heiraten. Verloben natürlich wird sich ja wahrscheinlich eine früher, aber mit der Hochzeit muß sie warten. Das ist einfach Freundschaftspflicht.

12. August: Gestern ist der Oswald weggefahren und richtig war vorher noch ein Verdruß, weil er verlangte, eine von uns soll ihn auf die Bahn begleiten und den Coupé-Korb tragen helfen. Als ob wir seine Dienstboten wären. Die Ada wollte sich anbieten zum Tragen, aber die Dora hat ihr einen Puff gegeben, den sie glücklicherweise gleich verstanden hat. Die Dora hat manchmal, aber wirklich nur manchmal ein bischen was wie die Hella, wenn sie über etwas empört ist. Sie findet, es ist besser, wenn der Oswald nicht da ist, weil sonst immer Streitigkeiten sind. Das heißt nämlich, weil sie dann immer den Kürzern zieht. Denn gescheiter ist er wirklich als sie. Und wenn er sie recht ärgern will, sagt er irgendetwas auf lateinisch, was sie nicht versteht. Ich glaube, sie lernt eigentlich deshalb Latein. Also das muß ich sagen, deshalb würde ich mich nicht so plagen. Das stände mir lange nicht dafür.

15. August: Heute habe ich das Paket an die Hella abgeschickt, eine Uhrkette aus Silberdraht; in vier Tagen war ich damit fertig. Hoffentlich kommt sie richtig an, was man in Ungarn nie wissen kann.

17. August: Wir haben wahnsinnig viel zu tun mit den Lampions und Tannenguirlanden. Die Honoratoren illuminieren und dekorieren ihre Häuser. Dabei hat mir die Ada einiges erzählt. Sie weiß mehr als die Hella und ich, nämlich von ihrem Vater, weil er doch Arzt ist. Vieles erzählt er ihrer Mama und da hört die Ada manches, obwohl sie meistens zu reden aufhören, wenn sie dazu kommt. Die Ada möchte unbedingt Schauspielerin werden. Daran habe ich noch nie gedacht, obwohl ich schon oft im Theater war.

22. August: Die Hella hat sich riesig gefreut über die Kette; sie trägt sie. Sie lernt wirklich reiten bei ihrem Kusin. Leider heißt er Lajos. Aber Ludwig ist auch nicht schöner. Er soll furchtbar nett und fesch sein. Aber leider ist er schon 22 Jahre alt.

25. August: Die Ada schwärmt furchtbar vom Theater. Sie war öfters in St. Pölten im Theater und ist in einen Schauspieler veliebt, in den alle Damen in St. Pölten verliebt sind. Deshalb will sie zum Theater gehen und weil sie frei und ungebunden leben will Darum möchte sie so gerne nach Wien kommen. Wenn sie nur bei uns wohnen könnte. Sie sagt, sie verschmachtet in dem öden Nest, in H. Sie verträgt die engen Verhältnisse nicht!! In St. Pölten hat sie ihr ganzes Taschengeld für Blumen für ihn ausgegeben. Und sie sagte immer, sie brauchen so viele Hefte und Sachen in der Schule. Insofern hat es eine gut, wenn sie nicht zuhause ist, da kommt die Mama nicht so leicht auf so etwas darauf. Bei uns ginge das nicht. Das Taschengeld wird einem ohnehin immer zu wenig und die Hefte können sich die Eltern jeden Monat zeigen lassen. Für ein paar Monate möchte ich ganz gern einmal weg von zuhause. Die Ada sagt, das ist sehr gut, da lernt man erst die Welt kennen; zu Haus versumpft und verdumpft man nur. Wenn sie so spricht, da sieht sie wirklich wie eine Schauspielerin aus und Talent hat sie bestimmt; das sagt auch ihr Deutsch-Lehrer in der Schule. Sie durfte immer die längsten Gedichte deklamieren und die Kinder baten immer den Lehrer, daß sie aufsagen dürfe.

30. August: Heute hat die Ada ein Gedicht von Geibel deklamiert, den Tod des Tieberius, aber wirklich großartig; sie ist die geborene Schauspielerin und es ist gräßlich, daß sie sich nicht ausbilden darf; sie soll französische Lehrerin werden oder Handarbeitslehrerin. Aber sie sagt, sie wird doch zum Theater gehen; eventuell geht sie durch.

31. August: Die 14 Tage vom Oswald schauen schön aus; jetzt ist er noch nicht da und darf bis am 4. September ausbleiben. Wenn das die Dora oder ich wäre. Das hätt' schon längst einen Mordskrach gegeben. Aber der Oswald darf alles tun. Die Ada sagt auch: Wir Mädchen müssen erzwingen, was uns die Welt nicht freiwillig gibt.

5. September: Ich habe der Ada neulich im Walde versprochen, daß ich die Mama bitten werde, daß sie zu uns kommen kann, damit sie sich bei einem Schauspieler ausbilden kann. Heute habe ich die Mama gebeten, aber sie sagt, das geht absolut nicht. Die Eltern der Ada können das Studium nicht erschwingen. Wenn sie Talent dazu hat, so lernt man's eigentlich von selbst und braucht nur in eine Schauspielschule zu gehen, damit man leichter an ein gutes Theater kommt, sagt die Ada. Also gar so gräßlich teuer kann es nicht kommen. Die Ada tut mir furchtbar leid.

10. September: Gott, wir sind alle so aufgeregt. Ich soll mein Tagebuch zum Einpacken hergeben, weil wir morgen wegfahren. Aber ich muß noch schnell schreiben. Seit drei Tagen sind Zigeuner da und gestern kam eine durch das Hintertürl in den Garten und prophezeite uns, nämlich mir, der Ada und der Dora aus der Hand. Wir glauben es ja nicht, aber der Ada sagte sie eine große, aber kurze Zukunft nach vielen schweren Kämpfen voraus. Das stimmt ja doch vollkommen. Also bei mir hat sie sich gründlich blamiert: Wenn ich noch einmal so alt bin als jetzt, steht mir ein großes Glück bevor; eine große Leidenschaft und ein großer Reichtum. Das soll natürlich heißen, daß ich mit 24 Jahren heiraten werde. Mit 24 Jahren! das ist wirklich lächerlich. Die Dora sagt, ich sehe eben jünger als 12 aus und sie meinte deshalb mit 20 Jahren oder gar mit 18. Das ist ebenso lächerlich, denn sogar der Herr Dr. H., der doch Arzt ist und so viele Kinder kennt, sagt: Ich bin über meine Jahre entwickelt. Also kann die alte Zigeunerin doch nicht glauben, ich bin 10 oder gar erst 9 Jahre. Der Dora hat sie gewahrsagt, daß in wenigen Jahren ihr Schicksal in Trauer und dann in Freude besiegelt wird. Und der Ada sagte sie noch, ihre Lebenslinie sei geknickt!!

14. September: Heute in der Frühe ist der Oswald weggefahren, der Papa hat ihn auf beide Wangen geküßt und hat ihm gesagt, er soll sich um Gotteswillen wacker halten heuer, im letzten Jahr. Er macht nämlich heuer Matura, die ist natürlich furchtbar schwer. Aber er sagt, mit der nötigen Frechheit haut sich einer schon durch. Frechheit nützt oft mehr als alles Stucken und Ochsen. Das ist wahr, das weiß ich am besten; aber leider fällt mir im richtigen Moment nie ein, was ich tun soll. Hinterdrein denke ich mir dann oft, das oder das hättest du sagen sollen. Und das bewundere ich wirklich an der Hella; und auch die Franke, die eigentlich nicht besonders gescheit ist, weiß immer eine gute Antwort, mit der sie sich herausredet. Wenn nur die Hälfte von dem wahr ist, was der Oswald erzählt, daß er den Professoren sagt, dann kann ich nicht begreifen, daß er nicht aus jedem Gymnasium herausgeworfen wird, sagt die Mama. Der Oswald sagt: Wenn man es nur richtig anstellt, kann einem niemand was anhaben. Na also, das ist auch nicht immer wahr.

16. September: Heute kommt die Hella. Darum schreibe ich vormittag, weil sie nachmittags zu uns kommt. Ich freue mich riesig. Ich habe die Mama gebettelt, daß sie eine Praliné-Torte kauft, weil die Hella sie so gerne ißt und ich auch.

20. September: Nur ein paar Worte. Heute hat die Schule wieder angefangen. Gott sei Dank, als Klassenvorstand haben wir wieder die Frau Dr. M. Das Frl. Steiner ist jetzt auch Doktorin, am Ende des Schuljahres hat sie das Doktorat gemacht. Dann haben wir eine neue Frau Dr. in Geschichte, wir wissen aber nicht, wie sie heißt. Die Vischer hat nämlich in den Ferien geheiratet!!! Das ist zum Kugeln, die!!! Die Dora sagt, der ihr Mann möchte sie nicht sein; wahrscheinlich läßt er sich bald wieder scheiden von ihr. Überhaupt Augengläser bei einer Frau. Einen Zwicker lasse ich mir gefallen, den kann man wenigstens weggeben. Aber Augengläser! Die Dora kann auch nicht begreifen, wie ein Mann eine mit Augengläsern heiraten kann. Und die Hella sagte oft, ihr wird zum Brechen, wenn die Vischer so mit ihren Augengläsern funkelt. In Naturgeschichte haben wir einen neuen Professor. Ich bin riesig froh, daß wir drei Doktorinnen und einen, eigentl. zwei Professoren, nämlich doch auch in Religion haben. In der III. haben sie bloß 1 Doktorin, das ärgert sie sehr, die Dora hat 2 Doktorinnen und 3 Professoren.

25. September: Alle Kinder sind in den Prof. Wilke in Naturgeschichte vernarrt. Die Hella und ich sind heute den ganzen Weg hinter ihm gegangen. Er ist herrlich, so groß, daß er beinahe an die Lampe anstoßt, wenn er schnell aufsteht, und einen herrlichen Bart, blond und wenn die Sonne draufscheint wie Feuer; ein Sonnengott! Wir nennen ihn darnach S. G. da weiß niemand, was es bedeutet und wen wir meinen.

29. September: Die Schmolka ist richtig nicht mehr da, wahrscheinlich wegen des Täschchens vom Frl. St. Es sind überhaupt ein paar Kinder ausgetreten und dafür drei neue gekommen, aber sie gefallen weder mir noch der Hella.

1. Oktober: Heute war ich in Naturgeschichte dran. Ich habe wahnsinnig gelernt und Er war göttlich. Wir dürfen das ganze Semester die Bilder und die Tiere tragen. Herrlich! Ich und die Hella tragen immer die gleichen Haarmaschen und in derselben Farbe legen wir Seidenpapier auf den Tisch in der N.-St. Er wünscht, daß wir Notizbücher anlegen. Eigene Beobachtungen über die Natur. Wir haben sie in lila Papier gebunden, genau von derselben Farbe wie seine Kravatte. Am Dienstag und Freitag müssen wir wegen des Herrichtens schon um ½9 Uhr in die Schule kommen. Gott, ich bin so glücklich.

9. Oktober: Er ist ein Kousin von unserm Turnprofessor, herrlich! Das war nämlich so. Wir, ich und die Hella gehen eigens immer bei Café Sick vorbei, weil Er dort immer jaust. Und wie wir am Donnerstag vor der Turnstunde vorbeigehen, sitzt unser Turnprofessor bei ihm. Wir grüßten natürlich hinein und in der Turnstunde sagt der Professor Baar zu uns: Also, Sie beide werden von meinem Kousin in der Naturgeschichte gequält und sekkiert. »Sekkiert«, sagen wir beide, o nein, es ist die schönste Stunde in der ganzen Woche. »So«, sagt er, »ich werde es getreulich berichten«. Also, wir haben ihn natürlich furchtbar gebeten, er soll uns nicht verraten; das wäre gräßlich. Hoffentlich tut er es.

20. Oktober: Die Mama der Frau Dr. Steiner ist gestorben. Sie tut uns furchtbar leid. Einige von uns gehen zum Begräbnis, ich darf nicht gehen, die Mama sagt, es paßt nicht, und die Hella darf auch nicht gehen. Ob Er geht? Sicher, er muß ja eigentlich gehen.

23. Oktober: Die Frau Dr. St. sieht schrecklich blaß aus. Die Franke sagt, jetzt wird sie jedenfalls bald heiraten, weil sie jetzt gar keine Eltern mehr hat. Ihr Verlobter holt sie öfters aus dem Lyz. ab, das heißt, er wartet in der L...straße. Der Hella gefällt er riesig, natürlich, weil er ein Offizier ist. Mir gefällt er nicht, mir ist er zu klein und zu dick. Er ist nur um ein ganz kleines Stückchen größer als das Frl. St. Mir gefällt, wenn der Mann beinahe um einen Kopf größer ist als seine Frau, oder um einen halben, so wie unser Papa und unsere Mama.

29. Oktober: Wir haben soviel zu lernen, daß wir heuer gar keine Saisonkarten nehmen, sondern jedesmal extra zahlen, wenn wir aufs Eis gehen. Wenn wir nur wüßten, ob und wohin Er Eislaufen geht. Die Hella meint, vielleicht können wir es mit aller Vorsicht von seinem Kousin in der Turnstunde erfahren. Sie sind sehr oft zusammen im Kaffeehaus. Ich möchte wissen, wovon sie da reden, weil sie immer so lachen. Besonders wenn wir vorbeigehen.

31. Oktober: Die Ada hat mir geschrieben. Sie ist sehr unglücklich. Sie ist wieder in St. P., in einer Fortbildungsschule. Aber der Schauspieler ist nicht mehr dort. Sie schreibt, sie sehnt sich hinaus aus ihren Fesseln, die ihre Seele niederdrücken. Die Ärmste. Niemand kann ihr helfen. Das heißt, ihre Mama könnte ihr schon helfen, aber die will nicht. Das muß schrecklich sein. Die Hella meint, ihre Eltern werden ihr solang verbieten, zum Theater zu gehen, bis sie sich etwas antut; dann wird es besser sein. Ja, das ist wahr, was hat ihre Mama davon, wenn sie weiß, die Ada ist entsetzlich unglücklich. Und schließlich, warum soll sie nicht zum Theater gehen, da sie doch ein solches Talent hat? Ihre Lehrerinnen und Lehrer in der Bürgerschule haben sie immer riesig gelobt beim Deklamieren und einer hat direkt gesagt, sie hat schauspielerisches Talent. Und die Lehrer schmeicheln einem wirklich nicht; außer ...; aber Er ist erstens auch kein gewöhnlicher Lehrer, sondern Professor, und zweitens ist Er eben ganz, ganz anders als alle anderen. Wenn er seinen Bart so streicht, da wird mir immer ganz kalt und heiß vor Wonne. Und wie er den Rock in die Höhe nimmt, wenn er sich niedersetzt. Entzückend, zum Küssen. Die Hella und ich legen abwechselnd unsern Federstiel heraus auf den Tisch, damit Er ihn durch seine Hand heiligt beim Einschreiben. Und wenn ich dann in der Rechenstunde damit schreibe, schaue ich nur immer die Hella an und sie mich und wir wissen sofort, was die andere meint.

15. November: Weil heute Feiertag ist, schreibe ich endlich wieder. Wir haben soviel zu tun, daß ich gar nicht dazu komme. Und dann ist auch die Mama öfters krank. Sie liegt wieder seit vier Tagen und da ist es schrecklich still und öde. Da hätte ich Zeit zum Schreiben, aber ich habe keine Lust zum Schreiben. Sobald die Mama gesund ist, geht sie ins Lyz., nachfragen, wie wir im Lernen stehen. Ich freue mich riesig wegen S.-G.

28. November: Heute war die Mama in der Schule, auch bei Ihm. Ich habe sie zu Ihm hingeführt und Er war himmlisch. Er sagte: Ich bin sehr zufrieden mit Ihrer Tochter; sie ist sehr eifrig und talentiert, dazu blätterte er im Katalog, als ob Er erst nachschauen müßte. Aber Er weiß es bestimmt auswendig, wie jede ist. Das heißt, wie jede ist, natürlich nicht. Das kann niemand verlangen bei sovielen Schülerinnen; und dann ist er doch auch in der Realschule, wo er noch viel mehr Buben hat.

5. Dezember: Heute habe ich auf dem Eis die Goldfee gesehen. Sie ist sehr hübsch, aber so schön, wie sie mir voriges Jahr vorkam, ist sie wirklich nicht. Die Hella sagt, sie hat nie gewußt, wo ich eigentlich meine Augen hatte. »Du warst einfach blind verliebt, und du hast nicht bemerkt, daß sie entschieden eine böhmische Nase hat,« sagte die Hella. Aber das ist natürlich nicht wahr, nur habe ich eben jetzt einen ganz anderen Geschmack. Ich grüßte sie aber doch und sie war sehr lieb. Beim Sprechen ist sie wirklich entzückend, und dann finde ich Goldplomben riesig fein. Die Frau Dr. M. hat auch zwei und beim Lachen ist das himmlisch.

8. Dezember: Die Dora könnte auch ihre dummen Witze bei sich behalten. Heute wie die Trobisch alle da sind und von der Schule geredet wird, sagt sie: »Oh, die Gretel schwärmt jedes Jahr für jemanden andern; voriges Jahr für die Frau Dr. Malburg und heuer für den Prof. Wilke. Jetzt ist die Frau Dr. Malburg aus der Gnade gefallen.« Wenn ich hätte wollen, da hätte ich schon anfangen können von den zwei Studenten am Eis. Aber ich bin eben nicht so und habe sie mit Verachtung angesehen und ihr unter dem Tisch einen Stoß gegeben. Und sie ist so frech und sagt: »Was ist denn? Ach so, so zarte Herzensgeheimnisse darf man nicht auskramen. Na, Gretel, bei dir macht's nichts, in deinen Jahren nimmt man das noch nicht so ernsthaft.« Aber jetzt ist ihr recht geschehen: Die Frau v. Tr. und der Papa haben hellauf aufgelacht und die Frau v. Tr. hat gesagt: »O, du Großmama, hast du schon im Spiegel deine weißen Haare angeschaut?« Ich habe furchtbar gelacht und sie hat sich so geniert, daß sie blutrot war und am Abend sagte sie zu mir, ich bin ein ungezogener Fratz. Dafür habe ich ihr nicht gesagt, daß sie ihr Aufsatzheft am Tisch liegen ließ; und morgen muß sie es abgeben, aber mir ist das alleseins, dafür bin ich ein ungezogener Fratz.

9. Dezember: Gott, das ist schrecklich. Die Hella ist heute nachmittags um 2 Uhr ins Sanatorium Löw gebracht worden und ist sofort operiert worden. Eine Blinddarmoperation. Jetzt hat gerade ihre Mama telephoniert, daß alles glücklich vorüber ist. Aber die Professoren sagten, zwei Stunden später wäre es zu spät gewesen. Mir zittern die Knie und die Hände, wie ich das schreibe. Sie liegt noch in der Narkose.

10. Dezember: Die Hella ist furchtbar schwach; es darf niemand zu ihr als ihr Papa und ihre Mama, nicht einmal die Lizzi. Und zu Nikolo waren wir noch so lustig und haben so viel Zuckerln gegessen, daß uns der Mund ganz sauer war. Aber davon kann sie unmöglich die Blinddarmentzündung bekommen haben. Am Montag abends, wie wir vom Turnen weggingen, sagte sie, es sei ihr gar nicht gut und gestern kriegt sie in der Nacht einen Schüttelfrost und der Arzt sagt in der Frühe, augenblicklich in ein Sanatorium zur Operation.

11. Dezember: In der Schule sind alle Kinder furchtbar aufgeregt wegen der Hella und die Frau Dr. St. war so lieb und hat deswegen die Mathematik-Schularbeit verschoben auf nächsten Dienstag. Am Sonntag gehe ich zur Hella. Sie sehnt sich sehr nach mir und ich mich nach ihr.

12. Dezember: Sie ist noch immer so schwach und es freut sie gar nichts; ich habe ihr durch ihre Mama Rosen und Veilchen geschickt, die freuten sie sehr.

14. Dezember: Heute war ich nachmittag von 2 bis ¼4 Uhr bei der Hella. Sie ist ganz blaß und wie ich hineingekommen bin, haben wir beide furchtbar geweint. Ich habe ihr wieder Blumen gebracht und habe ihr auch sofort gesagt, daß der Professor W. sich immer, wenn er mich sieht, nach ihr erkundigt. Und die anderen Lehrkräfte auch besonders die Frau Dr. M. Und die Kinder wollen sie besuchen, aber das erlaubt ihre Mama nicht. Wenn ein Mensch im Bett liegt, so sieht er ganz anders aus als sonst, förmlich fremd. Ich sagte das auch der Hella und sie sagte: Wir können uns nie fremd werden, auch im Tode nicht. Da weinte ich wieder furchtbar und unsere beiden Mamas sagten, ich muß fortgehen, weil sich die Hella zuviel aufregt.

15. Dezember: Heute war ich wieder bei der Hella. Sie steckte mir ein Brieferl zu, darin bat sie mich, ich soll aus ihrem Kasten das Paket mit der Schreibmappe für ihren Papa und das Schlüsselkörbchen für ihre Mama nehmen und es ihr bringen, weil die Sachen noch nicht fertig sind bis Weihnachten.

16. Dezember: Heute geht es der Hella schon besser. Ich muß ihr die Schreibunterlage für ihren Papa fertig malen. Gott sei Dank, daß ich es kann. Das Schlüsselkörbchen macht sie selber fertig, da ist nichts dran.

18. Dezember: Bei Bruckner sind sie alle furchtbar unglücklich, das ist ja wirklich kein Weihnachtsfest, wenn die Hella noch im Sanatorium sein müßte am Heiligen Abend. Es geht ihr nämlich seit gestern weniger gut, die Ärzte wissen nicht, wieso sie auf einmal wieder Fieber hat. Denn sie hat nichts gesagt, daß ich ihr Pralinés gebracht habe, weil sie einen solchen Gusto darauf hatte. Aber ich habe jetzt solche Angst, daß sie am Ende nochmals operiert werden muß.

19. Dezember: Ich war heute gleich nach der Schule bei Hella, weil ich die ganze Nacht nicht schlafen konnte vor Angst. Gott sei Dank, es geht ihr wieder besser. Der eine Doktor sagt, wenn sie in Privatpflege wäre, würde er unbedingt auf einen Diätfehler schließen; aber im Sanatorium ist so etwas ausgeschlossen. Also war es doch von den Pralinés und den zwei Marzipanstangen. Die Hella glaubt, von den Marzipanstangen, weil es doch große zu 20 Heller waren und weil Mandeln schwer im Magen liegen. Sie hat auch schon Magendrücken gehabt, wie ich noch dort war, aber sie wollte nichts sagen, weil sie doch selber schuld war, daß ich sie ihr gebracht habe. Also jetzt kann sie betteln, wie sie will, ich bringe ihr nichts mehr außer Blumen und von diesen kann sie doch nicht krank werden. Das heißt, wenn das wahr wäre von der »Blumen Rache«. Aber so etwas gibt es wohl kaum und dann bring ich keine gefährlich riechenden Blumen.

20. Dezember: O, wie ich mich freue, übermorgen oder am Dienstag darf die Hella nachhause, damit sie wenigstens beim Christbaum sein kann. Jetzt weiß ich, was ich ihr gebe, einen Streckfauteuil, der Papa hat es mir erlaubt, denn so viel Geld habe ich nicht allein, aber der Papa gibt mir drauf, soviel ich brauche. Oh, der Papa ist einzig! Morgen geht er mit mir auf die Währingerstraße einen kaufen.

21. Dezember: Heute war ich nur ganz kurz bei der Hella, weil mich der Papa bald abholte. Zuerst war sie etwas beleidigt, aber dann merkte sie, daß ein wichtiger Grund da sei und da sagte sie: Aber nur nichts aus Marzipan. Und da hätte sie uns bald alle beide verraten. Denn der Papa fragte mich auf der Gasse: Warum hat die Hella das wegen des Marzipans gesagt? Und da sagte ich schnell: Seit sie krank ist, hat sie einen furchtbaren Ekel vor allem Süßen. Gott sei Dank, hat der Papa nichts gemerkt. Aber mir ist es immer sehr unangenehm, wenn ich ihn anlügen muß. Erstens habe ich immer das Gefühl, er merkt es, und zweitens lüge ich ihn überhaupt nicht gern an. Der Sessel ist hochfein, ein türkisches Muster mit langen Quasten an der Rolle. Der Papa hat ihn wollen ganz zahlen, aber ich habe gesagt: Nein, das ist dann kein Geschenk von mir, und so habe ich fünf Kronen gezahlt und der Papa 37. Morgen wird er gleich zu Bruckner geschickt.

22. Dezember: Also morgen kommt die Hella. Sie war schon ein bischen auf, aber sie ist noch so schwach, daß sie sich beim Gehen in jemanden einhängen muß. Sie ist glücklich, daß sie nachhause kommt, denn sie sagt, in einem Sanatorium hat man immer das Gefühl, als ob man sterben müßte. Da hat sie wohl recht. Wie ich das erstemal zu ihr gekommen bin, mußte ich auf der Stiege die Tränen zurückhalten. Und dann haben wir ja wirklich beide furchtbar geweint. Ihre Mama weiß schon von dem Sessel, aber er ist noch nicht geschickt worden. Wenn sie nur nicht vergessen im Geschäft.

23. Dezember: Heute ist die Hella nachhause gekommen. Ihr Papa hat sie über die Stiege getragen und ich habe sie an der Hand gehalten. Und die 2 Parteien im Mezzanin sind herausgekommen und haben ihr gratuliert und der alte Hofrat im 2. Stock und seine Frau haben einen blühenden Fliederstock heruntergeschickt. Aber dann war sie so müde, daß ich schon um fünf Uhr fortging, damit sie Ruhe hatte. Morgen bin ich zum Christbaum zuerst bei ihnen und dann bei uns. Wegen der Hella haben die Br. schon um fünf Uhr Christbescherung und wir wie gewöhnlich um sieben Uhr.

26. Dezember: Gestern und vorgestern konnte ich absolut nicht schreiben. Es war herrlich bei uns und der Hella. Was ich bekommen habe, schreibe ich gar nicht auf, weil ich keine Zeit habe und es ohnedies weiß. Die Hella hat sich über den Streckfauteuil riesig gefreut, ihr Papa hat sie hinein ins Zimmer getragen und auf den Sessel gelegt. Und ihre Mama hat geweint. Es war erhebend. Eine schwere Krankheit hinter sich haben, ist großartig, wie alle sich um einen sorgen, man ist unbestritten der Mittelpunkt. Ich gönne es der Hella. Sie ist so entzückend. Gestern war ich den ganzen Tag dort und nach dem Essen, wie sie schlafen sollte, sagte sie: Mach dort die Lade am Schreibtisch auf, die unterste rechts, da liegt mein Tagebuch, wenn du darin blättern willst. Das werde ich ihr nie vergessen! Wir haben es ja eigentlich verabredet, daß wir einander gegenseitig unsere Tagebücher lesen lassen, aber bisher haben wir es doch nie getan; man geniert sich doch ein bischen voreinander, und weil man auch nach längerer Zeit sich nicht mehr genau erinnert, was man alles geschrieben hat. Also, sie schreibt immer nur ganz kurz, höchstens eine halbe Seite, aber wie; gerade das Wichtigste. Natürlich konnte sie nicht schlafen, sondern ich mußte ihr Verschiedenes aus ihrem Tagebuch vorlesen, besonders aus den Ferien, wo sie immer in Ungarn ist. Dort wird sie gefeiert. Von zwei Kadetten und ihren zwei Kusins. Und dann lachten wir über verschiedene Stellen so wahnsinnig, daß der Hella schon alles weh tat und ich aufhören mußte zu lesen.

29. Dezember: Gestern haben wir uns wahnsinnig geärgert. Das war so. Wir spielen doch beide längst nicht mehr mit Puppen und solchen Sachen, aber wie ich im Kasten der Hella herumräume, stoße ich auf die Puppensachen; sie liegen ganz unten und die Hella schaut sie gar nie an. Da nehme ich das kleine Pariser Modell heraus und sie sagt: Gib her, und bring alle Sachen dazu. Ich räume alles heraus auf ihr Bett und wir probieren so Verschiedenes. Da kommt meine Mama und die Dora. Na also, wie die hereinkommen, schaut die Dora ganz hämisch und sagt: Ah, bei ihrer Lieblingsbeschäftigung. Schau, Lizzi, ganz rote Wangen haben sie vor lauter Eifer beim Spielen. Das ist doch impertinent. Wir und spielen! Und selbst wenn wir gespielt hätten, so hat sie sich nicht zu mokieren. Die Hella hat sich auch riesig geärgert und sagte heute: »Man ist nie vor Spionen sicher; ich bitte dich, räum' alles so in den Kasten, daß ich nichts mehr sehe davon!« Es ist zu dumm, warum einem gerade immer die Puppen so vorgehalten werden, als ob das eine Schande wäre. Schließlich versteht man eigentlich erst später, wie schön die Sachen alle gemacht sind; mit 7 oder 8 Jahren oder gar als kleines Kind, wo man sie bekommt, versteht man nichts davon, ob es schön und fein ist oder nicht. Also wie gesagt, mit dem heutigen Tage ist endgültig abgeschlossen mit den Puppen. Das fällt ohnedies gerade gut, denn übermorgen ist Neujahr.

Und am meisten ärgert mich diese Frechheit der Dora; daß die Lizzi gesagt haben soll: »Wir waren auch einmal glücklich damit,« habe ich ganz überhört vor Wut. Aber vom Christbaum die besten Sachen wegessen, und zwar heimlich!!!, das habe ich gesehen, das macht nichts. Das schickt sich mit 15 Jahren. Ich habe aber gestern nach dem Nachtmahl eigens gefragt: Wo hängt denn das zweite Sandwich aus Marzipan; es waren bestimmt zwei. Und ich schaute sie solange an, bis sie ganz rot wurde. Und nach einer Weile sagte ich: der große Gemüsekorb ist auch verschwunden. Da sagte sie: Ja, den hab ich genommen, ich werd' doch dich nicht fragen, was ich nehmen darf. Und das Sandwich hat der Oswald genommen. Ich habe mich furchtbar geärgert und da sagte der Papa: Komm, Hexerl, spül deinen Ärger mit dem zweiten Sandwich und einem Schluck Liqueur hinunter. Der Papa hat nämlich vom Großpapa einen Liqueur geschickt bekommen.

30. Dezember: Das ist ein schöner Jahresschluß. Mich freut die ganze Schule nicht mehr. Also Urscheln sind wir verliebte und zudringliche Fratzen. Das ist der Dank dafür, daß wir die ganze Zeit Dienstag und Freitag schon um ½9 Uhr ins Lyzeum kamen wegen des Herrichtens und Abstaubens der Lehrmittel und dann sagt er so etwas. Ich werde er niemehr mit großem E schreiben; das verdient er gar nicht. Und das muß ich alles allein hinunterwürgen, denn die Hella darf ich absolut nicht aufregen. Eigentlich habe ich mich geärgert, daß die Mama es mir gesagt hat, aber andrerseits ist es doch gut, wenigstens weiß ich, was ich zu tun habe. Die Schwester von unserm Turnprofessor, der am ...Lyzeum ist, war zufällig auch bei der Dame, wo die Mama gestern war und da erzählt sie, ihr Kusin, der Dr. W. ärgert sich so über die Zudringlichkeit der Mädeln im Lyzeum. Solche Urscheln und die kleinen Fratzen aus der ersten Klasse fangen auch schon an. Deswegen unterrichtet er lieber bei den Buben, die haben ihn auch gern, aber sie sind nicht so ekelhaft lästig. Also das weiß ich, ich werde ihn nicht mehr belästigen. Am Freitag, wenn wir wieder Unterricht haben, gehe ich zwei Minuten vor neun Uhr hinüber und trag, ohne ein Wort zu reden, die Sachen in die Klasse. Und der Kalinsky werde ich es auch sagen, daß wir ihm so ekelhaft lästig sind. Überhaupt, als ob wir in der ersten Klasse wären!

1. Jänner 19..: Das mit dem Prof. W. ärgert mich wütend. Die Hella fragte gestern so oft, was ich habe, ich sei anders als sonst. Aber Gott sei Dank, ich verriet nichts. Das muß ich um ihrer Gesundheit willen verschlucken, und wenn ich davon krank würde. Überhaupt was liegt mir denn jetzt am Leben. Wenn die Menschen so falsch sind. Ins Gesicht war er immer so lieb und nett, einfach entzückend; wenn ich denke, wie er sich immer um die Hella erkundigt hat und dabei diese Falschheit!!! Wenn die Hella das wüßte. Also morgen!

2. Jänner: Ich habe ihn furchtbar behandelt. Angeklopft – Guten Morgen, Herr Prof., bitte, was brauchen wir zur Stunde? Er sehr freundlich: Heute nichts besonders. Nun, wie war denn das Christkindel? – Ich: Danke, wie immer. – Er dreht sich um und schaut mich an: Scheint aber nicht so zu sein; nach Ihrer Miene zu urteilen. – Ich: Das hat andere Gründe. – Er: Ah, so. Er kann leicht Ah so, machen. Denn er hat keine Ahnung davon, daß ich weiß, wie er von uns redet.

6. Jänner: Heute durfte die Hella zum erstenmal ausfahren. Es geht ihr schon sehr gut und Mitte Jänner will sie in die Schule kommen. Vorher muß ich es natürlich sagen, die wird Augen machen. Gestern fragte sie ohnehin schon: Fragt der S. G. jetzt nicht mehr nach mir? – O ja, lüge ich, aber nicht mehr so oft. Und sie sagt: Da sieht man, aus den Augen, aus dem Sinn. Wenn sie erst die Wahrheit erfährt. Jedenfalls sage ich es ihr erst, wenn sie schon ganz gesund ist.

10. Jänner: Jetzt habe ich es der Hella doch sagen müssen, das war so: Sie schwärmt furchtbar vom S. G. Und zuerst sage ich gar nichts; da sagt sie: Was machst denn du für ein Gesicht? Darfst du nicht mehr die Lehrmittel tragen? – Ich: Dürfen? Natürlich darf ich, aber ich will sie nicht mehr tragen. Ich habe nicht einmal der Hella gesagt, wie ich mich kränke; denn ich habe ihn wahnsinnig geliebt.

12. Jänner: Die Hella muß ihn ebenfalls wahnsinnig geliebt haben, oder vielmehr noch immer lieben. Sie war am Sonntag abends so aufgeregt, daß ihre Mama geglaubt hat, sie wird rezitiv. Sie hatte nämlich Schmerzen und dabei Diarrö. Gott sei Dank, sie hat es ebenso überwunden wie ich. Sie sagte heute: Kränken wir uns nicht weiter. Wir haben unsere Gefühle (nicht Liebe!!) an einen Unwürdigen verschwendet. In solchen Momenten ist sie großartig, noch dazu jetzt, wo sie noch so blaß ist. Übrigens ist sie in den Ferien und jetzt in ihrer Krankheit riesig gewachsen. Früher war eher ich die Größere und jetzt ist sie um einen Viertelkopf größer als ich. Die Dora ärgert sich sehr, daß ich und sie beinahe gleich groß sind. Dadurch sehe ich eben älter aus als 12½ Jahre; Gott sei Dank. Die Hella darf nicht am 15. Jänner in die Schule gehen, sondern ihre Mama fährt mit ihr auf 14 Tage oder drei Wochen an die Riviera.

18. Jänner: Das ist gräßlich öde, wenn die Hella nicht da ist. Eigentlich merke ich das erst recht seit ihrer Krankheit. Mir ist es immer, als ob sie jetzt wieder krank wäre. Sie ist mit ihrer Mama nach Meran gefahren und kommt Anfangs Februar zurück.

24. Jänner: Seit die Hella krank ist, d. h. eigentlich erst seit sie weggefahren ist, gehe ich immer mit der Hübner Fritzi. Die ist sehr nett, was ich voriges Jahr gar nicht wußte. Bis die Hella wieder kommt, sitzt sie neben mir. Denn Alleinsitzen in einer Bank ist furchtbar. Die Fritzi weiß schon ziemlich viel. Im Anfang wollte sie nichts davon reden, weil doch gewöhnlich ein Tratsch herauskommt. Ihr Bruder hat ihr alles gesagt. Er ist sehr fesch und heißt Paul.

29. Jänner: Gestern war Eisfest und da durften wir gehen, ich und die Dora. Ich bin meistens mit der Fritzi und dem Paul gelaufen und habe zwei Preise bekommen, einmal mit dem Paul zusammen. Und einmal mit fünf anderen Mädchen, wo wir Wette liefen. Der Paul ist riesig gescheit, er sagt er geht zum Militär und wird Flieger. Das ist noch feiner als im Generalstab. Ihr Papa ist Major und er, der Paul, hätte eigentlich in die Militäranstalt kommen sollen, aber sein Großpapa hat es nicht erlaubt. Er soll sich einmal frei entscheiden. Aber natürlich wird er doch Offizier. Die meisten Buben werden das, was ihr Papa ist. Nur der Oswald geht vielleicht zur Marine. Ich möchte übrigens wissen, was der Papa gemeint hat, wie er nämlich einmal zur Mama sagte: Mein Gott, mir ist's nicht darum zu tun. Ich tu's nur wegen dem Oswald. Die beiden Mädeln haben ja auch nicht viel davon.

3. Februar: Jetzt lese ich gerade das vom Papa. Ich denke es mir übrigens schon, was es ist. Ich glaube, der Papa will entweder ein großes Los oder vielleicht ein Haus kaufen. Aber davon haben ich und die Dora doch auch etwas, denn das gehört doch dann nicht dem Oswald allein.

4. Februar: Gestern habe ich die Mama gefragt. Aber sie sagt, sie wisse von nichts; wenn es etwas ist, was uns betrifft, wird es uns der Papa schon sagen. Es muß doch etwas sein, denn sonst hätte die Mama nicht am Abend dem Papa erzählt, daß ich sie gefragt habe. Diese Heimlichkeiten kann ich nicht leiden. Warum sollen wir denn nicht wissen, daß der Papa ein Haus kaufen will. Der Großpapa der Fritzi hat in Brünn und in Iglau ein Haus. Aber die Fritzi ist sehr einfach angezogen und ihre Mama auch.

9. Februar: Gott sei Dank, morgen kommt die Hella, gerade noch vor ihrem Geburtstag. Glücklicher Weise darf sie schon wieder alles essen und so bekommt sie von mir eine riesige Düte Bonbons vom Viktor Schmid mit einer silbernen Zuckerlzange. Ich und die Mama holen die Hella auf der Bahn ab. Sie kommen um 8 Uhr 20.

10. Februar: Ich freue mich riesig, heute kommt die Hella. Beinahe hätte ich sie nicht abholen können, weil der Mama gerade heute nicht gut ist. Aber der Papa fährt mit mir. Die Fritzi wollte morgen nachmittags auch kommen, aber das geht nicht. Sie ist ja ein sehr liebes Mädel und ihr Bruder ist auch riesig lieb, aber am ersten Tag, wenn die Hella wieder da ist, müssen wir unbedingt allein sein. Das hat sie mir auch im letzten Brief ausdrücklich geschrieben. Sie war über drei Wochen fort. Das ist furchtbar lang, wenn man sich gern hat.

15. Februar: Ich komme gar nicht zum Schreiben, weil die Hella und ich alle freie Zeit beisammen sind. Gestern bekamen wir die Semesterzeugnisse. Die Hella hat natürlich keines bekommen. Ich habe mit Ausnahme von Geographie und Geschichte lauter Eins, auch in Naturgeschichte, obwohl ich seit Neujahr keine Zeile mehr gelernt habe. Ich hasse die Naturgeschichte. Wenn die Hella im zweiten Semester wieder in die Schule kommt, so werden wir den einstigen S.-G. ersuchen, uns von dem Tragen der Lehrmittel abzubestellen. Die Hella ist noch zu schwach dazu. Die Hella ist jetzt schon 13 geworden und der Papa sagt, sie wird ein bildhübsches Mädel werden. Werden, sagt der Papa; sie ist es doch schon. Jetzt ist sie von der warmen Sonne im Süden ganz abgebrannt und es steht ihr, aber wirklich nur ihr, wunderbar. Denn sonst kann ich es nicht ausstehen, wenn eines so abgebrannt ist. Aber der Hella steht wirklich alles gut; wie sie im Sanatorium so blaß war, da war sie schön; und jetzt ist sie ebenfalls schön, nur ganz anders schön. Überhaupt da hat der Oswald recht, wenn er sagt: An dem Grade, in dem ein Mädel das Abbrennen verträgt, ohne in ihrer Schönheit zu leiden, kann man ihre Schönheit messen. Er hat das zwar immer gesagt, wenn er mich und die Dora ärgern wollte in den Ferien, aber Recht hat er ganz entschieden.

20. Februar: Vorgestern hat das zweite Semester begonnen. Alle waren riesig nett zur Hella, und die Frau Dr. M. hat sie auf den Wangen gestreichelt und so lieb an sich gezogen. Und jetzt kommt die Hauptsache. Heut war Naturgeschichtsstunde. Wie wir anklopfen und ins Lehrmittelzimmer kommen, sagt der Prof. W.: Ah, Sie Bruckner das ist schön; jetzt schauen Sie nur, daß Sie nicht mehr solche böse Geschichten machen. Wie geht es Ihnen? Und die Hella: »Ich danke, Herr Prof., es geht mir gut.« Und wie ich sie anschaue, macht sie ein furchtbar ernstes Gesicht und er sagt: Mir scheint die schlechte Laune Ihrer Freundin hat Sie angesteckt? – Die Hella: »Herr Prof. sind zu gütig, aber wir wollen nicht lästig fallen. Was haben wir hinüberzutragen? Und dann bitten wir auch um Enthebung von unserem Posten, weil ich mich dazu zu schwach fühle.« Sie sagt das so militärisch, wie sie es von ihrem Papa gewöhnt ist. Und das klingt riesig vornehm. Er schaut uns an und sagt: Ist schon recht, es werden sie zwei andere Schülerinnen ablösen. »Wir wissen nicht, hat er es garnicht gemerkt, oder will er es nur nicht zeigen. Aber wie wir die Tür zumachten, war mir doch gräßlich leid; denn es war das letztemal, das allerletztemal.

27. Februar: Heute habe ich in Naturgeschichte nicht genügend bekommen. Ich bin gar nicht geprüft worden, sondern wie die Klaiber nichts gekonnt hat, habe ich gelacht und da sagt er: Also Lainer korrigieren Sie diesen Unsinn. Weil ich aber gerade an etwas ganz anderes gedacht habe, so weiß ich nicht, wovon die Rede ist und bekomme gleich ein Nichtgenügend. Natürlich früher hätte das nichts gemacht; aber jetzt seit ... die Hella und die Franke haben mich riesig getröstet und gesagt: »Das gibt's nicht, das war keine Prüfung; er muß dich noch einmal ordentlich prüfen.« Allerdings meint die Franke, wenn ich es noch so gut lerne, so kann ich froh sein, wenn er mir Genügend gibt. Eine solche Niederlage vergißt kein Professor. Wir haben ihr nämlich das von den Urscheln erzählt. Damals hat sie zwar gesagt, wir haben es zu auffallend getrieben. Das ist aber wirklich nicht wahr. Aber jetzt nimmt sie doch unsere Partei, weil sie einsieht, daß wir im Recht waren. Jetzt tragen die Verbenowitsch und die Bennari die Sachen. Ja, die sind viel besser dafür. Der Papa der Hella hat es ohnedies nicht gern gesehen; er sagt: dazu ist der Schuldiener oder die Schuldienerin da – den wir das ganze Jahr nie sehen, das ist köstlich.

8. März: Heuer ist Ostern erst am 16. April. Ich fahre mit den Bruckner nach Cilli, dort haben sie nämlich außerhalb der Stadt einen Weingarten mit einem Landhaus. Die Hella braucht notwendig eine Erholung. Ich freue mich riesig. Dort blüht schon im halben März alles, oder anfangs April.

12. März: Die Hella ist nicht aufrichtig. Heute begegnen wir einen Herrn, sehr fein, mit einem goldenen Zwicker und blonden Schnurrbart. Die Hella wird blutrot und der Herr grüßt und sagt: Ah, Fräulein Helenchen, Sie sehen ja sehr gut aus. Wie geht es Ihnen? Mich schaut er nicht einmal an und wie er weg ist, sagt sie: »Das war der Dr. Fekete, der bei meiner Operation assistiert hat.« – »Und das sagst du mir erst jetzt?« Das stellt sie sich ganz unschuldig und sagt: »Nun ja, natürlich, wir haben ihn ja vorher nie gesehen«, da sage ich: »Also das meine ich nicht. Wenn du wüßtest, wie rot du geworden bist, würdest du nicht leugnen.« Da sagt sie: »Was leugne ich denn? Glaubst du, ich bin verliebt in ihn? Keine Spur.« – Also, wenn man nicht verliebt ist, braucht man doch nicht so rot werden. Ich werde jedenfalls auch nicht mehr alles sagen; ich kann auch schweigen.

14. März: Wir haben gestern weniger geredet als sonst; besonders ich war schweigsam. Da läutet es heute um 5 Uhr, wie ich gerade die Übersetzung mache und die Hella kommt und bittet mich um Verzeihung und bringt mir herrliche Veilchen. Also natürlich habe ich ihr verziehen. Das war eigentlich das erstemal, daß wir etwas böse waren. Erst wollte sie mir Bonbons bringen, aber dann entschied sie sich für Veilchen und ich finde das auch viel feiner und zarter. Zuckerln gibt man einen kleinen Kind, wenn's sich wehgetan oder zornig ist. Aber Blumen sind für Kinder nicht.

19. März: Die Frieda Belay ist gestorben. Wir sind alle ganz aufgeregt. Wir haben ja nie näher verkehrt mit ihr, aber jetzt wo sie gestorben ist, denkt man doch, daß es eine Mitschülerin war. Sie ist an Herzschwäche infolge Gelenksrheumatismus und Muskelentzündung gestorben. Wir waren alle bei ihrem Begräbnis, nur die Hella durfte nicht. Die Mama der Belay hat furchtbar geweint und ihre Großmama noch mehr; und auch ihr Papa hat geweint. Wir haben einen Kranz mit weißen Rosen gegeben und einer schönen Inschrift: Der Tod hat dich in deiner schönsten Blüte entrissen – Deinen Kolleginnen.

Ich habe heute zu nichts eine Lust. Ich habe die Belay nicht mehr gesehen, aber die Franke war gestern oben und hat sie im Sarg aufgebahrt gesehen. Und sie sagt, sie wird diesen Anblick nie vergessen, sie hat beinahe einen Herzkrampf bekommen. Und in der Kirche hat wirklich die Lampl einen Weinkrampf bekommen, weil ihre Mama erst vor 4 Wochen begraben wurde und da hat sie sich jetzt wieder an alles erinnert und sich schrecklich aufgeregt. Ich habe auch bei der Hella sehr geweint. Sie glaubt, weil ich gedacht habe, sie hätte auch im Dez. sterben können. Aber das war es nicht, an so etwas denke ich doch nicht. Aber wenn jemand stirbt, so ist das überhaupt so schrecklich traurig.

24. März: Das ist doch unerhört! Ich kann nicht mit der Hella nach Cilli fahren. Ihre Mama war nämlich bei ihrer Kusine, und wie die hört, daß sie zu Ostern nach Cilli fahren, bittet sie sie, daß sie die Melanie mitnehmen. Das heißt, sie hat nicht direkt gebeten, aber so lange herumgeredet, bis die Mama der Hella gesagt hat: Laß die Melanie mit uns fahren, das wird ihr sehr gut tun nach ihrer heurigen Krankheit. Sie hatte nämlich im Winter einen Lungenspitzenkatharr. Die Hella und ich hassen sie, weil sie furchtbar spioniert und falsch ist. Und da fahre ich natürlich absolut nicht mit. Und die Hella sagt es auch, es tut ihr furchtbar leid, aber wenn die mit ist, können wir so kein Wort reden; da ärgern wir uns nur halb tot. Und sie ist ganz einverstanden, daß ich nicht fahre. Aber es ärgert mich sehr, denn erstens fahre ich furchtbar gerne mit der Hella zusammen und zweitens fahre ich überhaupt gerne zu Feiertagen weg, weil fast alle Kinder unserer Klasse fortfahren. Also ist es nichts damit. Denn wie die Mama der Hella meint, sie sieht nicht ein, warum wir nicht alle 3 fahren können, das geht einfach nicht. Aber das können wir ihre nicht erklären. Die Hella ist so poetisch und da sagt sie: »Also ein schöner Traum zerstoben«.

An der Hella sind solche große Worte herrlich, an der Dora ärgern sie mich fürchterlich, weil sie ihr nicht vom Herzen kommen.

26. März: Heute sind die Schülervorstellungen geschlossen worden mit Des Meeres und der Liebe Wellen. Ich gehe sehr gern ins Theater, aber niederschrieben tue ich mir nie etwas davon. Denn das Stück ist ja ohnedies von einem Dichter, und da kann man es ja nachlesen, wenn man will und das übrige merkt man sich sowieso. Was die Dora immer nach dem Theater am nächsten Tag soviel zu kritzeln hat, begreife ich nicht. Wahrscheinlich ist sie in nirgend einen Schauspieler verliebt und schreibt deshalb so viel. Übrigens haben wir, die II. Kl. nicht für alle Vorstellungen Karten bekommen, sondern nur die Mädchen von der IV. aufwärts. Aber das machte mir nicht sehr viel, weil wir ja außerdem am Abend öfters gehen und Sonntag nachmittags. Abends darf ich nur leider gewöhnlich nicht mitgehen.

29. März: Heute ist der Dora und mir etwas Gräßliches passiert. Ich kann es gar nicht niederschreiben. Sie war sehr nett und sagte: Vor zwei Jahren ist ihr in der Stadtbahn dasselbe passiert, wie sie mit der Mama einmal, es war am 15. Februar, das merkt sie sich ewig, zur Frau v. Martini nach Hietzing gefahren ist. Außer ihr und der Mama war nur noch ein Herr im Waggon, die Mama fährt nämlich immer II. Kl. Sie sitzen nebeneinander und der Herr steht im zweiten Teil, so daß Mama nicht hinsehen konnte. Und wie die Dora hinschaut, macht er den Mantel auf und – – ?! also dasselbe wie heute der Herr unter dem Haustor. Und wie sie aussteigen, bleibt die Boa der Dora in der Tür stecken und sie dreht sich noch einmal um, obwohl sie garnicht wollte, und da sieht sie wieder – – –! Sie hat damals einen ganzen Monat nicht schlafen können. An das kann ich mich sehr gut erinnern, aber nur wußte ich nicht warum. Sie hat es auch nie jemanden gesagt, außer der Erika und der war das auch schon passiert. Die Dora sagt, das passiert beinahe jedem Mädchen wenigstens einmal; und solche Männer sind » nicht normal«. Ich weiß nicht recht, was das heißt, aber fragen wollt ich doch lieber nicht. Vielleicht weiß es die Hella. Ich habe natürlich nicht genau hingeschaut, aber die Dora hat sich geschüttelt und hat gesagt: Und das muß man ertragen. Und dann sagte sie zu mir im Gespräch, daß die Mama davon krank ist und weil sie fünf Kinder gehabt hat. Da war ich sehr dumm und fragte: »Ja, wieso davon?« Davon kriegt man doch nicht die Kinder? »Natürlich«, sagte sie »Ich habe geglaubt, du weißt das schon. Damals wie der Skandal mit der Mali war wegen des Gürtels, meinte ich, da hättet Ihr, du und die Hella alles erfahren.« Und jetzt war ich wieder sehr dumm d. h. schon blöd; statt zu sagen, was ich wirklich weiß, sagte ich: »Jawohl, ich weiß alles, nur das nicht.« Da lachte sie sehr und sagte: »Na, da ist es mit Euren Kenntnissen nicht weit her«. Und sie machte endlich ein paar Andeutungen. Wenn das wirklich so ist, dann hat die Dora recht, wenn sie sagt, es ist besser, man heiratet nicht. Verlieben kann und muß man sich, aber man löst die Verlobung einfach wieder auf. Ja, das ist ein Ausweg, da kann niemand sagen, die hat keinen Mann bekommen. Wir sind so oft vor dem Lyzeum auf- und abgegangen, daß wir beinahe zu spät kamen, gerade erst beim Läuten. Beim Nachhausegehen erzählte ich der Hella die Gemeinheit von diesem Manne. Sie weiß auch nicht, was das in dieser Hinsicht eigentlich bedeutet: »Nicht normal«. Wir nehmen es aber jetzt als Zeichen für etwas Greuliches. Da versteht uns niemand. Und dann erzählte, mir die Hella von einem Betrunkenen, der in Nagy K... so durch die Straßen des Ortes ging und vom Gendarmen eingeführt wurde. Sie sagt auch einen solchen Anblick vergißt man nie, nie mehr. Vielleicht war der heute früh auch betrunken, aber eigentlich sah er nicht so aus. Und wenn er das nicht getan hätte, hätte man ihn überhaupt für einen feinen Herren gehalten. Die Hella weiß das auch, daß man davon die Kinder bekommt. Sie hat mir alles erklärt, und jetzt kann ich wohl begreifen, daß man davon krank werden muß. Gestern war es schon nach 11 Uhr abends und so schreibe ich das alles erst heute zu Ende. Die Hella sagt: Das ist die Erbsünde und das haben auch Adam und Eva begangen, diese Sünde. Ich habe bisher immer geglaubt, die Erbsünde ist etwas ganz anderes. Aber das – das. Ich bin seit gestern furchtbar aufgeregt, ich sehe das immer vor mir; eigentich hab ich gar nicht hingeschaut, aber ich muß es doch gesehen haben.

30. März: Ich weiß nicht, wieso, heute in der Geschichtstunde fiel mir wieder alles das ein und was die Dora vom Papa gesagt hat. Aber ich kann mir das gar nicht vorstellen. Wegen des Papas ist es mir eigentlich unangenehm, daß ich das weiß. Vielleicht ist doch nicht alles so, wie die Dora und die Hella sagen. Im allgemeinen kann ich mich zwar auf die Hella verlassen, aber sie kann sich ja auch einmal irren.

1. April: Heute hat mir die Dora viel erzählt. Sie ist jetzt ganz anders zu mir als früher. Man sagt nicht P..., sondern M... P... sagen bloß die ordinären Leute oder man kann auch sagen, man ist entwickelt. Also die Dora hat die M... schon seit vorigem Jahre im August und es ist greulich unangenehm, weil jeder Herr es einem anmerkt. Deshalb haben wir im Lyzeum auch nur 3 Herren als Professoren und sonst lauter Doktorinnen und Fräulein. Jetzt hat die Dora die M... manchmal gar nicht, dann wieder sehr stark und das ist eben die Bleichsucht. Wenn alle Herren das wissen, dann ist das furchtbar interessant.

4. April: Wir reden jetzt von solchen Dingen, die Dora weiß entschieden mehr als ich, d. h. nicht mehr, aber viel genauer. Aber ganz aufrichtig ist sie doch nicht. Wie ich sie frage, von wem sie das alles weiß, ob von der Erika, oder der Frieda, sagt sie »Aber keine Idee; das reimt sich doch jedes selbst zusammen; man braucht nur die Augen aufmachen und die Ohren. Und ein bissel Verstand hat man doch auch«. Also mit dem Schauen und Horchen ist wirklich nichts erreicht. Denn geschaut habe ich wirklich immer und gar so ohne Verstand bin ich doch auch nicht. Jemand muß es einem schon sagen, von selber kann man nicht draufkommen.

6. April: Ich mache mir jetzt garnichts aus dem Besuchemachen. Sonst sind wir immer gern zu Richters gegangen, aber heute war es mir fad. Jetzt verstehe ich übrigens erst, warum die Dora nicht II. Kl. Stadtbahn fahren will. Ich habe immer geglaubt, sie tut es mir justament, weil ich sehr gern II. Kl. fahre. Seit damals wo ihr das passiert ist, will sie nicht fahren. So tut man manchmal wirklich jemanden Unrecht, der es gar nicht so meint. Aber warum hat sie mir nicht die Wahrheit gesagt? Sie sagt, weil ich damals noch ein Kind war. Nun ja, aber heuer im Winter, wo ich mich so ärgerte, daß wir nach Schönbrunn III. Kl. fuhren; da habe ich wirklich geglaubt, sie tut es mir zu Fleiß, denn daß sie sich immer fürchtet, in der II. Kl., wo man oft allein fährt, könnte einer plötzlich mit einem offenen Messer hervorfahren, das glaubte ich doch natürlich nicht. Aber jetzt verstehe ich sie recht gut, denn die Wahrheit konnte sie doch der Mama, oder gar dem Papa nicht sagen. Und im Winter und im Frühling fahren oft wirklich fast keine Leute in der Stadtbahn, besonders auf der Gürtellinie.

7. April: Die Mama sagt heute, wir, besonders ich, seien gestern schrecklich fad und blöd gewesen bei Richters. Warum wir immer Blicke gewechselt haben? Dies sei höchst unpassend. Ja, wenn sie wüßte, an was wir gedacht haben, wie die Frau Hofrätin Richter gesagt hat, heuer ist die Witterung entschieden nicht normal; eine solche abnormale Wärme sei schon seit Jahren nicht gewesen. Und dann wie der Herr Hofrat nachhause kommt und von seinem Bruder erzählt, der den ganzen Winter am Hochschneeberg war und sagt: Ah, mein Bruder ist ja nicht normal, der hat ein Radl zuviel, da habe ich wirklich geglaubt, ich muß herausplatzen. Zum Glücke hat die Frau R. uns nochmals furchtbar viel Bäckerei herausgeladen und da habe ich mich recht tief über den Teller gebeugt. Und da sagt die Mama, ich habe so gierig gegessen, als ob ich zu hause nie eine Bäckerei bekäme. Also, da hat mir die Mama schon sehr unrecht getan, mir war's gar nicht um die Bäckerei zu tun. Die Dora sagt auch, ich muß mich besser verstellen, ich soll sie immer anschauen, von ihr kann ich es ausgezeichnet lernen. Ja, da hat sie wohl recht, aber warum denn eigentlich? Sollen die Leute nicht solche Worte gebrauchen, die ganz etwas anderes heißen, dann braucht der andere sich nicht verstellen. Also, lernen muß ich es auf jeden Fall.

8. April: Wir sind heute furchtbar erschrocken; auf einmal wird um ½9 Uhr in der Frühe telephoniert aus dem Lyzeum, der Dora ist plötzlich in der Lateinstunde plötzlich sehr unwohl geworden, sie möchte mit Wagen geholt werden. Die Mama fährt gleich im Auto hin und ich mit ihr, weil ich ja ohnedies um 9 Uhr Stunde habe und die Dora liegt in der Kanzlei auf dem Sopha und die Frau Direktorin, sitzt bei ihr und die Freundin der Frau Direktorin, die Frau Dr. Preisky, die ist nämlich Ärztin, und sie haben ihr die Kleider aufgemacht und einen Umschlag auf den Kopf gegeben, denn sie ist plötzlich in der Lateinstunde ohnmächtig geworden. Das ist im heurigen Jahr schon das drittemal, also muß es doch wahr sein, daß sie bleichsüchtig ist. Ich wollte mit nachhause fahren, aber die Mama und die Frau Dr. P. haben gesagt, ich soll nur in die Stunde gehen. Und dann hat noch die Frau Dr. P., wie ich hinausging, gesagt: »Das ist ein gesundes, kräftiges Mädchen, ein lieber Kerl.« Das sagt man eigentlich nur von Buben und Herren, aber sie ist das wahrscheinlich so gewöhnt, weil sie doch immer mit lauter Herren zusammen ist. Wenn man Medizin studiert, muß man das alles lernen und anschauen. Das muß eigentlich gräßlich sein.

Die Dora liegt heute im Bett und der Dr. hat auch bestätigt, daß sie bleichsüchtig ist. Morgen oder übermorgen geht die Mama mit ihr zum Professor. Die Dora sagt, ohnmächtig werden ist ein herrliches Gefühl. Auf einmal hört man nichts reden und man wird ganz schwach und dann weiß man überhaupt nichts mehr. Ob ich ich auch einmal ohnmächtig werde? Wahrscheinlich, wenn – – – Wir haben viel geredet von allem, was uns interessiert. Nachmittag war auch die Hella da, sich nach der Dora erkundigen und sie findet sie im Bett sehr schön, so leidend und dabei so fein und vornehm. Ja, das ist wahr, vornehm schauen wir alle aus.

9. April: Heute ist der Hochzeitstag von Papa und Mama. Jetzt verstehe ich erst, was das eigentlich heißt. Die Dora sagt, daß es unmöglich wahr sein kann, daß das der schönste Tag ist, wie alle, besonders die Dichter immer behaupten. Sie meint, man muß sich doch gräßlich genieren, weil doch alle Leute wissen ... Das ist richtig und man braucht ja auch schließlich niemanden sagen, wann man seinen Hochzeitstag hat. Die Dora sagt, sie würde ihren Kindern nie sagen, wann ihr Hochzeitstag ist. Das wäre aber doch schade, wenn alle Eltern das so hielten, weil dann in jeder Familie um ein Fest weniger wäre. Und je mehr Feste, desto lustiger ist es.

10. April: Morgen fahr' ich mit dem Papa nach Salzburg. Die Dora kann nicht mitfahren, weil man doch nicht weiß, ob sie nicht am Ende während der Fahrt ohnmächtig wird. Mir ist es ganz recht, obwohl ich ihr nichts Schlechtes wünsche und sie mir leid tut, aber am liebsten fahre ich mit dem Papa allein. In Salzburg war ich noch nicht länger. Ich freue mich schon riesig. Unsere Frühjahrskostüme sind prachtvoll schön, dunkelgrün mit grün und goldbraun gestreiftem Seidenfutter und dazu hellbraune Strohhüte mit Maßliebchen für den Frühling und später kommen Kirschen oder Rosen drauf. Mein Tagebuch nehme ich mit, damit ich mir alles aufschreiben kann, was mich interessiert.

12. April: Die ganze Fahrt habe ich verschlafen. Der Papa sagt, ich habe gräulich geknistert und mich herumgeworfen: aber davon weiß ich nichts. Wir haben ein Coupé für uns allein gehabt, nur ein Herr ist zuerst noch mitgefahren. Die Hella ist nicht mitgefahren, weil ihre Tante, die im Fasching geheiratet hat, mit ihrem Mann auf Besuch kommt. Es ist mir eigentlich ganz recht, ich bin so gern mit dem Papa ganz allein. Heute nachmittag waren wir in Hellbrunn und im Felsentheater. Das ist wunderbar.

13. April: Der Papa sagt immer zu mir: Mein Hexerl! Aber vor anderen Leuten habe ich es nicht gern. Heute waren wir auf dem Gaisberg. Es war herrlich schön, die Aussicht großartig. Wenn ich so eine weite Aussicht sehe, wird mir immer ganz traurig zumute. Daß es soviele Menschen gibt, die man gar nicht kennt und die vielleicht auch sehr nett sind. Ich möchte immerfort reisen; das wäre herrlich.

14. April: Heute habe ich mich beinahe verirrt. Der Papa schrieb einen Brief an die Mama und ich durfte hinunter in die Salzachanlagen gehen; ich weiß nicht, wie das kam, auf einmal war ich ganz weit draußen, wo ich mich nicht auskannte. Da hat mich ein alter Herr gefragt, was ich suche; weil ich nämlich dreimal an demselben Platz vorbeikam. Da sagte ich, daß wir im Hotel »Zur Post« wohnen und ich wisse nicht, wie ich hinkomme. Da ging er mit mir und wie wir so reden, kommt heraus, daß er den Papa kennt noch von der Universität her. Da ging er gleich mit mir und der Papa freute sich sehr. Er ist Advokat in Salzburg, aber er hat schon einen grauen Bart. Und beim Weggehen sagte er leise zum Papa: »Ich gratuliere dir zu deinem Töchterl; die wird was ganz Besonderes werden!« Er hat zwar ganz leise geflüstert aber ich habe es doch verstanden. Wir waren mit ihm am Kapuzinerberg den ganzen Nachmittag. Es war ein schönes Militärkonzert; zwei Jäger-Freiwillige, die am Tisch neben uns saßen, haben fortwährend herübergeschaut; der eine war besonders hübsch. Mein neues Straßenkostüm für den Sommer steht mir sehr gut, sagen alle. Und der Papa sagt auch: »Ja, du bist ja schon bald eine junge Dame! Aber nur nicht zu früh!« Warum er das sagte, sehe ich eigentlich nicht recht ein; ich wollte, ich wäre schon ganz groß; aber leider dauert das noch lange.

14. April: Heute regnet's den ganzen Tag. Das ist scheußlich. Man kann nirgends hingehen. Den ganzen Vormittag waren wir in der Stadt spazieren und haben uns einige Kirchen angesehen, dann waren wir in der Konditorei, da habe ich 4 Indianer und 2 Stück Torte gegessen. Dafür konnte ich zu Mittag nichts essen.

15. April: Gerade als ich gestern schrieb, kam der Bureaudiener vom Dr. Gratzl und lud uns für Nachmittag ein. Wir gingen hin, sie wohnen in der Hellbrunnerstraße. Er hat 4 Töchter und 2 Söhne, die Mama ist vor drei Jahren gestorben. Der eine Sohn studiert in Graz und der andere ist ein Oberleutnant; er hat eine Braut. Die Töchter sind schon alt; die eine ist 27 Jahre und ist verlobt. Das finde ich greulich. Die jüngste (!!!) ist 24 Jahre. Das ist so komisch, wenn man sagt »Die Jüngste« und dann ist sie 24 Jahre. Der Papa sagt, sie ist sehr hübsch und wird gewiß noch heiraten. Mit 24 Jahren!! Wenn sie nicht einmal verlobt ist; das glaube ich nicht. Sie haben einen großen Garten, 3 Hunde und 2 Katzen, die sich sehr gut vertragen. Von einem Zimmer ins andere führt eine Stufe, das finde ich reizend und die Fenster sind alle ausgebaucht. Alles ist so altertümlich, auch die Einrichtung. Das gefällt mir sehr gut. Das Vorzimmer ist ganz rund wie eine Kirche. Nach der Jause hatten wir eingelegte Früchte, besonders Kürbisschnitten und ein feines Backwerk. Ich aß ein ganzes Glas voll Kürbisschnitten. Sie haben auch ein Grammophon und dann spielten wir Klavier, die Leni und ich. Wir wir weggingen, kam der Fritz, der Student; er ist ganz rot geworden und der Dr. Gratzl hat im Vorzimmer zu mir gesagt: »Heute haben Sie eine Eroberung gemacht.« Das glaube ich eigentlich nicht, aber hören tu ich doch so etwas gern. Morgen fahren wir leider schon weg, weil wir uns 2 Tage in Linz aufhalten wollen beim Onkel Theodor, den ich gar nicht kenne.

17. April: Der Onkel Theodor ist schon sechzig Jahre und die Tante Lina ist auch schon alt. Aber sie sind beide sehr lieb. Ich kannte sie nicht. Wir wohnen bei ihnen. Am Abend kam ihr Sohn und seine Frau, das ist mein Kusin und eine Kusine, mit ihrem Mäderl; von der bin ich eigentlich die Tante. Das ist furchtbar komisch, wenn man mit 12¾ Jahren schon eine Tante ist und die Nichte ist 9 Jahre. Heute waren wir in den Donauanlagen spazieren, es regnete nur ganz leicht und nicht immer.

18. April: Heute fahren wir wieder nachhause. Natürlich haben wir mehrere Ansichtskarten an die Mama und die Dora und an die Hella geschickt; auch an den Oswald haben wir eine geschickt. Er ist über Ostern nachhause gekommen. Ich weiß nicht, ob er morgen noch da ist.

22. April: Jetzt haben wir wieder Schule. Die Dora und ich gehen jetzt meist miteinander ins Lyzeum, weil sie nicht mehr in die Lateinstunde gehen darf, wegen der großen Anstrengung. Der Professor, bei dem die Mama mit ihr war, hat überhaupt wollen, sie soll mit dem Studieren aufhören, aber das tut sie absolut nicht. Übrigens habe ich mich sehr geärgert über sie; sie lernt nämlich heimlich Latein. Wie ich vorgestern ins Zimmer komme, schreibt sie gerade Vokabeln heraus und schlägt schnell das Buch zu, anstatt daß sie offen und ehrlich sagt: Rita, sage nichts den Eltern, daß ich abends immer noch lerne; »ich baue auf dein Wort.« Sie könnte sich wirklich verlassen. Gott, wenn ich reden wollte! Sie glaubt vielleicht, ich sehe nicht, daß der große blonde Herr immer hinter uns geht in der Frühe. Der Hella ist er auch schon aufgefallen, übrigens hat er eine fürchterliche Glatze und ist sicher schon dreißig Jahre. Und sie würde sicher nicht mit mir und der Hella soviel reden, wenn sie es nicht deshalb täte. Aber diese Falschheiten empören mich. Wir sind doch sonst jetzt sehr intim mit einander.

24. April: Heute haben wir h. Beichte und Kommunion gehabt. Das Beichten ist mir greulich; übrigens ist mir noch nie so etwas passiert, wie manche Kinder, sogar in der 5. Kl. erzählt haben. Mich hat noch nie ein Geistlicher etwas gefragt wegen dem 6. Gebot; jeder fragt nur: In Worten, Gedanken oder Taten? Aber trotzdem gehe ich schrecklich ungern beichten, und die Dora auch. Da ist die Hella als Protestantin besser dran, da gibts keine Beichte. Und beim Kommunizieren habe ich immer die gräßliche Angst, mir fällt die h. Hostie aus dem Mund. Das wäre entsetzlich. Wahrscheinlich würde man sofort exkommuniert als Ketzer. Die Dora durfte diesmal nicht beichten und komm., weil der Papa es nicht erlaubte. Sie darf absolut nicht ohne Frühstück ausgehen.

26. April: In der III. ist es richtig einer passiert, daß ihr die h. Hostie aus dem Munde gefallen ist. Es ist ein großer Verdruß deswegen. Sie sagt, sie kann nichts dafür, der geistl. Herr hat so mit der Hand gezittert. Das ist nämlich wahr, er war schon ein ganz alter Herr und da fürchte ich mich auch immer so. Bei einem jungen Geistlichen ist es viel besser, da passiert sicher nie etwas. Der Papa sagt, deswegen wird das Mädchen nicht exkommuniziert, und zum Glück hat sie einen hohen Geistlichen, einen Prälaten zum Onkel. Der ist auch ihr Vormund. Der wird ihr jedenfalls helfen.

27. April: Heute haben wir dieses Mädchen kennen gelernt in der Pause. Sie ist sehr nett und sagt, sie kann wirklich nichts dafür, denn sie ist riesig fromm und geht vielleicht einmal als Nonne ins Kloster. Ich bin auch fromm, wir gehen fast jeden Sonntag in die Kirche, aber in ein Kloster möchte ich doch nie gehen. Die Dora sagt, das tut man meistens aus unglücklicher Liebe, weil einem die Welt dann leer und verhaßt ist. Weil sie so sentimental drein schaute, sage ich: Mir scheint, da hast auch Lust dazu: Da sagte sie: »Nein ich habe Gott sei Dank keinen Grund dazu.« Damit will sie natürlich sagen, daß sie nicht unglücklich, sondern glücklich verliebt ist. Jedenfalls in den großen Herrn in der Frühe. Ich schaute sie lange fest an und sagte: »Ich gönne dir dein Glück. Aber der Hella und mir gefällt seine Glatze nicht,« da sagte sie ganz erstaunt: »Glatze? Keine Idee, das ist eine herrliche hohe Denkerstirn.«

27. April: Heute war die Mademoiselle zum erstenmale da. Das habe ich nämlich vergessen zu schreiben, die Dora muß täglich zwei Stunden in der Sonne sitzen und Spazierengehen.« Und weil die Mama nicht ganz gesund ist und nicht viel gehen soll, haben wir die Mad... bekommen. Wenn ich Zeit habe, soll ich auch mitgehen, zum »Vorbeugen«, sagt der Papa. Aber mir fällt das gar nicht ein, das ist mir viel zu fad; ich habe einfach keine Zeit. Die Mad... kommt 3mal in der Woche, Montag, Mittwoch, Freitag, und am Montag, Donnerstag und Samstag habe ich Klavierstunde, also kann ich gar nicht mitgehen; also Schluß mit Jubel! So sagt immer der Oswald am Jahresschluß und beim Semesterschluß. Sie ist übrigens sehr hübsch, blondes lockiges Haar und riesige graue Augen mit schwarzen Wimpern und Brauen, aber sie spricht so schnell, daß ich nicht alles verstehe. An den anderen 3 Tagen soll eine Engländerin kommen, aber wir haben noch keine, sie sind alle so teuer. Ich finde es eigentlich komisch fürs Spazierengehen mit erwachsenen Mädchen einen Gehalt bekommen, das ist doch eigentlich eine Unterhaltung. Mit rechten Fratzen, so wie wir die voriges Jahr ein paarmal im Rathauspark gesehen haben, das ist etwas anderes. Und wegen dem Französisch oder Englisch Reden! Wenn sie nicht reden wollen, so macht's auch nicht. Und dann was soll man dann auch immer auf Französisch oder Englisch reden, das ist doch fad.

28. April: Heute waren die Richters bei uns und der älteste Sohn, der Oberleutnant aus Lemberg; er ist herrlich und hat der Dora wahnsinnig den Hof gemacht; übrigens ist auch der Walter sehr nett, der ist in der Forstakademie in Mödling; der Oberleutnant bringt der Dora morgen ein Buch von Tolstoi, das sie lesen soll. Und dann werden sie zusammen musizieren, sie Klavier und er Violine; schade daß ich noch nicht so gut spiele wie die Dora. Zu Pfingsten kommt der Walter auch und der Viktor (das heißt zu Deutsch Sieger) ist für ein halbes Jahr beurlaubt, weil er krank ist, oder vielmehr krank sein soll; denn so schaut man doch nicht aus, wenn man krank ist.

4. Mai: Der Oberleutnant R. kommt bei jeder Gelegenheit, er muß wirklich wahnsinnig verschossen sein in die Dora. Aber der Papa erlaubt es nicht. Er sagte heute zu Dora: »Du, den Bruder Leichtfuß schlag' dir aus dem Kopf; das ist nichts. Aber eine Uniform, und ihr Mädeln seid ganz außer Rand und Band. Eine Stunde oder zwei zusammen musizieren, à la bonheur.; aber dieses ewige Herauflaufen mit Büchern und Noten, das ist bloß ein Vorwand.«

6. Mai: Der Oberleutnant R. geht alle Tage in der Frühe mit uns, d. h. mit der Dora in die Schule. Er soll eigentlich sehr lang im Bett liegen am Morgen, denn er ist wirklich krank, aber um der Dora willen steht er schon furchtbar früh auf, und fährt von Hietzing herüber und wartet in der ... Gasse. Und ich gehe natürlich mit der Hella allein und in der ... Straße treffen wir uns, damit im Lyzeum niemand etwas merkt.

13. Mai: Morgen ist Mamas Geburtstag und da brachte ihr der Viktor (ich sage jetzt auch immer nur V..., wenn ich mit der Dora von ihm spreche) herrliche Rosen und lud uns alle für den nächsten Sonntag ein. Und mich nannte er im Vorzimmer »Schutzgeist unserer Liebe«. Ja, das bin ich und ich werde es immer bleiben; denn er verdient es unbedingt und die Dora ist ja auch ganz anders als sie früher war. Die Hella sagt, da sieht man wirklich, daß die Liebe veredelt; sie hat es früher immer für eine bloße Dichtung gehalten.

15. Mai: Der Papa sagte: Ich bin von diesen Besuchen bei Richter, solange der Schwerenöter da ist, nicht sehr erbaut; aber wegen des Hofrates und ihr, der Mama kann man nicht absagen. Wir ziehen die grünen Kostüme mit den weißseidenen Blusen mit grünen Seidenblättchen an, weil die Dora nicht ganz weiß gehen will, außer im Sommer. Und weil die Blusen Kleeblätter haben, also wegen ihrer Bedeutung. Wir freuen uns riesig. Hoffentlich ist der Mama bis dahin ganz gut, da sie heute liegen muß. Krank sein ist überhaupt unangenehm, aber wenn dadurch einem andern ein Vergnügen gestört wird, dann ist es gar gräßlich.

16. Mai: Vorgestern war der Geburtstag der Mama; aber es war nicht so lustig wie sonst, weil der Mama öfters nicht ganz wohl ist; Ich habe ihr als Geburtstagsgeschenk eine Kasette gemalt mit einem Zweig Waldreben, was großartig apart aussieht. Von der Dora hat sie eine Buch-Enveloppe mit einem Zweig japanischer Kirschen in Nadelmalerei bekommen, vom Papa weiß ich nicht, was, ich glaube Geld, weil er ihr immer zum Geburts- und Namenstag ein Kuvert gibt. Weil aber die Mama nicht ganz gesund ist, so waren wir nicht sehr lustig und wie wir mittags auf ihre Gesundheit anstießen, hat sie sich heimlich die Augen gewischt. Aber so gefährlich ist es doch nicht; sie geht doch aus und schaut nicht schlecht aus. Ich finde, die Mama ist sehr fesch, sie sieht so fein aus, ob sie im Schlafrock oder in der Straßentoilette ist. Die Dora sagt, wenn sie durch einen Mann krank würde, würde sie ihn hassen und ihren Töchtern verbieten, zu heiraten. Das ist alles ganz richtig, aber erst müßte man doch bestimmt wissen, ob man davon krank geworden ist. Die Tante Dora soll deswegen den Papa nicht leiden können. Tatsächlich ist der Papa nicht so nett zu ihr gewesen wie sonst zu unsern Verwandten oder den Damen, die zur Mama kommen. Aber schließlich hat die Tante Dora doch kein Recht, dem Papa eine Szene zu machen, wie die Dora behauptet. Dazu hätte doch höchstens die Mama selber ein Recht. Die Dora fürchtet, daß die Mama sich am Ende gar operieren lassen muß. Ich ließe mich absolut nie operieren, das muß gräßlich sein, ich weiß es von der Hella bei der Blinddarmoperation. Die Dora meint zwar: »Ich bitte dich, wenn man fünf Kinder geboren hat; da ist man das doch schon gewöhnt«. Ich werde alle Abende den lieben Gott bitten, daß die Mama ohne Operation wieder gesund wird. Heuer fahren wir wahrscheinlich zu Pfingsten nicht weg, weil die Mama und die Dora wegfahren sollen, nämlich in ein Bad, vielleicht nach Franzensbad.

18. Mai: Es war herrlich bei Richter; der Walter war aus Mödling da, er war riesig nett und sagte, ich sehe meiner Schwester zum Verwechseln ähnlich. Das ist absolut nicht wahr, aber ich weiß, was er damit sagen wollte. Er bläst großartig Flöte und die drei spielten ein Trio miteinander, daß ich mich wirklich ärgerte, daß ich früher nicht fleißiger geübt habe. Jedenfalls werde ich von morgen an täglich 2 Stunden Klavierspielen, wenn ich halbwegs Zeit habe. Nächstes Jahr im Winter will der Viktor einen privaten Theaterklub gründen, also muß er doch länger als ein halbes Jahr in Wien bleiben wollen. Der Walter findet die Dora sehr interessant und wie ich sagte: »Nur leider ist sie im höchsten Grade bleichsüchtig«, so sagte er: Das tut ihr in den Augen eines Mannes keinen Abbruch, wie Sie an meinem Bruder sehen können. Übrigens ist das eine Krankheit, die eigentlich keine ist, sondern ein junges Mädchen oft äußerst fesselnd macht, wie Sie an Ihrer Schwester sehen können.

Vorgestern war die Miß das erstemal da; die könnte mir gestohlen werden. Miß Maggie Lundy heißt sie und falsche blonde Haare hat sie. Sie behauptet, sie ist verlobt, aber die Dora sagt, einmal gewesen. Ich glaube nicht einmal das. Der V... sagt, die Mad... ist eine Schönheit ersten Ranges. Und da fragte ich die Dora, ob sie nicht eifersüchtig ist, aber sie sagt, darüber ist sie erhaben, und sie ist seiner Liebe sicher. Er will vom Militär weggehen und in ein Ministerium eintreten, und dann wird er ja wahrscheinlich heiraten. Aber die Dora sagt, damit hat es schon noch Zeit, heimlich verlobt sein ist viel herrlicher. Da merkt sie erst, daß sie sich verschnappt hat und wird blutrot und sagt: das müßte doch jedenfalls zuerst kommen vor dem Heiraten, nicht. – Natürlich ist sie schon heimlich verlobt, aber sie will es nicht einmal mir eingestehen. Wozu bin ich denn dann der »Schutzgeist ihrer Liebe«? Wenn er das wüßte.

19. Mai: Eigentlich wollte ich Klavierüben, aber es ist mir heute unmöglich, erstens hatte ich ohnedies Stunde, und zweitens ist der Dora etwas Gräßliches passiert. Läßt die ihr Tagebuch in der Schule liegen; und weil wir in der V. Klasse Religionsstunde haben, so sehe ich unter der dritten Bank ein grüngebundenes Buch liegen. Gott, denk ich mir, das schaut aus, wie das Tagebuch der Dora. Schnell gehe ich hin und lege mein Schulpaket drauf. In der Stunde ziehe ich's hervor und richtig ist es ihr Tagebuch. Wie ich nachhause kam um 1 Uhr, sage ich zuerst nichts. Nach dem Essen stöbert sie überall herum, aber ohne zu fragen, und da sage ich ganz ruhig: »Suchst Du vielleicht dein Tagebuch? Hier ist es; in der fünf?ten Kla?sse ist es un?ter der drit?ten Bank ge?le?gen.« (So hab ich nämlich beim Reden gezogen.) Sie ist ganz blaß geworden und sagt: »Du bist ein Engel. Wenn das jemand gefunden hätte, wäre ich hinausgeschmissen worden und die Mad... müßte ins Wasser gehen.« »Na, so arg ist es nicht«, sage ich, denn das von der Mad... interessiert mich furchtbar. In der Stunde schaute ich mehr, was sie vom V... geschrieben hatte. Aber ich konnte es nicht lesen, weil es ganz klein und eng geschrieben war und mehrere Seiten voll, aber das von der Mad... habe ich nicht einmal so genau angeschaut. »Hast du es gelesen?« Nein, nur wo es zufällig aufgegangen ist, weil eine Seite herausgerissen ist. Vom V...? oder von der Mad...? »Ein Stückchen von der Mad...; aber sage mir alles; ich verrate nichts. Denn wenn ich das wollte, ich bitte dich, du weißt ja ...« Und da erzählte sie mir alles von der Mad... Aber ich mußte ihr schwören, daß ich es nicht einmal der Hella erzähle. Die Mad... hat heimlich einen Bräutigam, dem sie das »Äußerste der Liebe« geschenkt hat; das heißt nämlich, daß sie ... Sie hat ihn wahnsinnig gern und sie würden sofort heiraten, aber er ist auch ein Oberleutnant, und sie haben beide nicht genug Geld zur Kaution. Sie sagt, wenn man einen Mann sehr gern hat, dann erträgt man alles für ihn. Sie war schon mehrmals bei ihm und sie gibt immer riesig acht, denn ihr Papa würde sie umbringen, wenn er es wüßte. Die Dora hat den Oberleutnant schon gesehen und sagt, er ist sehr hübsch, aber der V... ist entschieden schöner. Die Mad... sagt, im allgemeinen könne man den Männern nicht vertrauen, aber der Oberleutnant ist ganz anders; der ist treu wie Gold. Und der V... sicher auch.

21. Mai: Wie heute die Mad... gekommen ist, habe ich sie vor der Mama gar nicht ansehen können, und die Dora sagt, ich habe mich furchtbar dumm benommen. Ich bin nämlich heute mitgegangen und wie wir einem feschen Offizier begegnet sind, räusperte ich mich und schaute die Dora an. Aber sie hat nicht verstanden, warum. Die Mad. ist die Tochter eines sehr hohen Militärbeamten und sie hat die französische Staatsprüfung nur gemacht, damit sie von der » Tyrannei« ihrer Mutter frei wird; die sekkiert sie greulich und früher, ehe sie Stunden hatte, durfte sie nie allein ausgehen. Die Dora sagt, sie spricht in äußerst gewählten Worten und besonders diese Dinge umschreibt sie immer sehr fein. Natürlich sagt sie das alles deutsch, denn französisch kann man es doch noch schwerer sagen und vielleicht würde es die Dora auch nicht verstehen und dann müßte es die Mad... doch erst übersetzen. Sie heißt Sylvia und er nennt sie Sylvette. Wenn man einen Mann rasend liebt, so tut man alles, was er verlangt, sagt die Mad... Aber das ist doch eigentlich nicht notwendig, da kann einer ja die dümmsten Sachen verlangen; da kann er ja auch verlangen, man soll ihm den Mond vom Himmel holen oder man soll sich seinetwegen einen Zahn ausreißen. Die Dora sagt, sie versteht das ganz gut, mir fehlt noch die Innerlichkeit der Auffassung und des Gefühls. Was soll denn das heißen, das ist ein Unsinn. Aber weil es schön klingt, habe ich es mir aufgeschrieben und kann es vielleicht einmal im Gespräch mit dem Walter brauchen. Die Mad... hat nur immer schrecklich Angst, daß sie ein Kind bekommt. Dann würde ihr Papa sie unbedingt erwürgen. Der Oberleutnant ist Flieger und hofft, einen neuen Aeroplan zu konstruieren und wenn er den gut verkauft, dann heiratet er die Mad. Aber wenn etwas passiert und sie bekäme schon jetzt ein Kind, das wäre gräßlich.

22. Mai: Heute fragte mich die Dora, woher ich eigentlich alles wisse, ob von der Hella. Weil ich aber die Hella doch nicht verraten will, sagte ich so obenhin: »Gott, das kann man doch alles im Lexikon lesen.« Da lachte die Dora und sagte: Da bist du schön auf dem Holzweg; im Lexikon steht nicht ein zehntel von allem und dann ist es überhaupt nicht so. In diesen Dingen kann man sich auf die Bücher absolut nicht verlassen.« Und zuerst wollte sie mir nichts Näheres sagen, aber dann hat sie mir doch Verschiedenes gesagt, besonders die Namen gewisser Körperteile und das von der Befruchtung, und von dem migroskopisch kleinen Kind, das eigentlich vom Mann ausgeht, und nicht, wie ich und die Hella glaubten, von der Frau. Und wovon man erkennt, ob eine Frau überhaupt fruchtbar ist. Das ist eigentlich ein schreckliches Wort. Überhaupt hat fast jedes Wort eine solche Bedeutung und die Dora sagt, darum muß man beim Reden riesig vorsichtig sein; das ist wohl wahr. Wenn man sagt: Man ist so müde, daß man kein Glied rühren kann, so ist das furchtbar zweideutig, besonders wenn es ein Herr sagt. Die Dora meint, am besten wäre, man schriebe sich alle diese gewissen Wörter auf, aber es sind ebenso wahnsinnig viele, daß es nicht geht. Das einzige ist, daß man riesig vorsichtig ist; aber man gewöhnt sich das ziemlich bald an. Aber neulich ist doch der Dora passiert, daß sie zum V... gesagt hat: Ich suche keinen Verkehr und das heißt soviel als das »Äußerste in der Liebe;« das hat ihr die Mad. gesagt. Aber der V... war so fein, daß er getan hat, als ob er es gar nicht bemerkt hätte; der Dora ist es nämlich auch erst eingefallen, nachdem sie es schon gesagt hat. Es ist wirklich sehr blöd, daß jedes gewöhnliche Wort eine solche Bedeutung hat. Ich werde jetzt riesig achtgeben auf das, was ich rede, damit ich nicht am Ende auch so ein zweideutiges Wort sage. Das soll auch im Französischen so sein, sagt die Mad. Wie es im Englischen ist, wissen wir nicht und die Miß, das Scheusal, fragen, nein, das ist zum Totlachen. Die weiß vielleicht nicht einmal das Einfachste. Jetzt weiß ich entschieden mehr als die Hella, aber ich kann es ihr nicht sagen, wegen des Verrates an der Dora und der Mad... Vielleicht kann ich nur andeuten, daß sie beim Reden sehr vorsichtig sein soll, damit sie kein zweideutiges Wort sagt. Das ist eigentlich meine Pflicht als Freundin.

23. Mai: Das habe ich ganz vergessen. Vorige Woche hat der Oswald schriftliche Matura gehabt, er schrieb jeden Tag eine Karte und die Mama hat sich schrecklich aufgeregt, weil er immer so dumme Witze machte, daß man nicht wußte, ob er's können hat oder nicht. Die Dora und ich sind rasend glücklich, am nächsten Montag fahren wir mit der Frau Hofrätin und ihrer Nichte, die ins Konservatorium geht, aufs Flugfeld. Der Oberleutnant Streinz wird auch fliegen. Wir fahren natürlich mit dem Auto, denn per Bahn ist es viel umständlicher. Der Viktor kommt natürlich auch hin, aber er fährt mit ein paar Offizieren. Das ist riesig schade, denn im Auto mit uns wäre es herrlich gewesen. Ja richtig, heute habe ich die Klasse gerettet, der Herr Landesschulinsp. ist diese Woche da und war bei uns zuerst in Geschichte und dann in Deutsch, da war ich die Einzige, die alles gewußt hat, was uns die Frau Dr. M. über das Wesen der Fabel gesagt hat. Und der Herr Landessch. lobte mich sehr und die Frau Dr. M. sagte nachher: das ist wahr, auf die Lainer kann man sich verlassen; die hat ein sicheres Wissen. Und auf dem Gang war sie so riesig nett: »Weißt du, Lainer, daß ich dir feierlich Abbitte leisten muß?« Ich bin ganz perplex und die Hella fragt: Wofür denn? Da sagt sie: »Mir ist so vorgekommen, als ob du dich heuer nicht mehr so für den Deutschunterricht interessieren würdest wie im vorigen Jahr; aber du bist glänzend rehabilitiert.« Nachher sagt die Hella: Na weißt du, ganz unrecht hat die Frau Dr. M. nicht, wenn ich denke, was wir voriges Jahr alles gelesen haben, nur damit wir alles wissen in der Stunde und wie wir heuer sind!!! Du weißt ja – – – –. Also da hat die Hella ganz recht, aber deswegen kann man doch lernen, man kann doch nicht immer davon reden. Und dann für einen solchen Engel wie die Frau Dr. M. lernt man einfach immer. Die Hella behauptet, ich sei krebsrot gewesen vor Stolz, daß ich alles mit den Worten der Fr. Dr. M. sagen konnte; aber dies ist nicht wahr, erstens habe ich mir gar nichts darauf eingebildet und zweitens weiß ich eigentlich selber nicht, wieso ich alles so sagen konnte. Ich habe nur das Gefühl gehabt, die Frau Dr. M. ärgert sich fürchterlich, wenn keine ein Zeichen gibt und so habe ich mich gemeldet.

25. Mai: Gott, ich könnte mir eine Ohrfeige, nein hundert Ohrfeigen geben. Was mir passiert ist! Jetzt dürfen wir nicht aufs Flugfeld. Der Papa hat uns nämlich nur mitfahren lassen, weil der Viktor in Linz ist und der Papa glaubte, er bleibt noch 14 Tage dort. Und heute zu Mittag verschnappe ich mich und sage: »Zu fünf haben wir leider keinen Platz im Auto. Wenn aber das Fräulein Else nicht käme, könnte der Herr Obltnt. gleich mit uns fahren.« Die Dora gibt mir unter dem Tisch einen Stoß und ich will mich herausreden, aber der Papa ist furchtbar böse und sagt: »Wie, der Luftibus kommt hin? Nein, meine Lieben, da ist es nichts damit. Ich werde sofort der Hofrätin absagen. Das könnt ich brauchen, hab' ich nicht gesagt, ich verbitte mir den Verkehr mit dem Menschen.« Das sagte er nämlich zur Dora. Die Dora sagt gar nichts darauf, aber sie aß keine Mehlspeise und kein Obst nachher, wie wir in unserem Zimmer waren, fährt sie auf mich los: Du hast das absichtlich getan, du bist eine gemeine Person, nein d. h. ein unreifes Kind, mit dem ich mich hätte nie einlassen sollen, und so fort. Das ist wirklich zu arg, ich habe es absichtlich gesagt, als ob ich ihr es neidisch wäre. Und dann bin ich selber mitgestraft, denn ich habe ihn wirklich auch sehr gern, weil er keinen Unterschied zwischen uns macht und mit mir gerade so ist wie mit der Dora. Wir reden natürlich gar nichts miteinander, und am meisten hat mich geärgert, daß sie sagt, sie bereut jedes Wort, was sie in dieser Beziehung zu mir geredet hat; »das waren Perlen vor die Säue.« Das ist doch die höchste Gemeinheit! Also ich bin eine S... – aber wer hat dann das Mehrere erzählt, ich vielleicht? Also daß weiß ich, daß ich nie mehr mit ihr von so etwas rede. Ich habe ja Gott sei Dank die Hella. Oberhaupt, die würde nie so etwas von mir sagen oder glauben.

26. Mai: Wir haben die ganze Nacht nicht geschlafen; die Dora hat furchtbar geweint, ich habe es gehört, obwohl sie es unterdrücken wollte und ich habe auch geweint und dabei habe ich immer nachgedacht, wie ich es machen kann, daß der Viktor nichts Schlechtes von mir denkt. Denn das wäre mir gräßlich. Da ist mir ein Ausweg eingefallen und der Zufall, nein ich muß es schon ein Glück nennen, hat mir geholfen. Der Viktor geht jetzt in der Frühe nicht mehr mit uns, weil die Mädchen aus der V. uns schon mehrmals gesehen haben, sondern er holt die Dora nur um 1 Uhr ab. Und da habe ich in der Frühe schnell beim Automatentelefon an ihn telephoniert, denn zuhaus traute ich mich nicht. Der Dora war so schlecht, daß sie nicht in die Schule gehen konnte und da ging ich mit der Hella allein. Ich telephonierte so als wie wenn ein Freund ihn anrufe und zuerst kam das Stubenmädchen und dann er. Ich sagte ihm: Ich kann absolut nichts dafür, er soll ja nichts Schlechtes von mir glauben und ich muß ihn um 1 Uhr sprechen, da die Dora krank ist. Er soll bei der Ecke der ...gasse warten. Während des Unterrichts war ich so aufgeregt, daß ich gar nicht weiß, was wir aufhaben. Und um 1 Uhr stand er richtig da und ich erzählte ihm alles und er war so furchtbar lieb und tröstete mich; er mich. Das ist ein bißchen anders, als wie die Dora war. Ich war so aufgeregt, daß ich beinahe weinte, da zog er mich in ein Haustor und nahm mich um die Mitte und wischte mir mit seinem Taschentuch die Tränen weg. Das verrate ich niemals der Dora. Er hat mich dann gebeten, ich soll lieb und gut zur Dora sein, denn sie hat viel zu tragen. Also, was sie zu tragen hat, weiß ich gerade nicht, aber um seinetwillen, weil er es wirklich verdient, habe ich ihr nach dem Essen einen Zettel auf den Schreibtisch gelegt, wo ich draufgeschrieben hatte, »V... läßt dich vielmals grüßen und hofft, daß du Montag wieder gesund bist. Gleichzeitig besten Dank für das Buch.« Den Zettel legte ich in Heidepeters Gabriel, den ich von ihr zum Lesen hatte und legte es recht auffällig hin. Beim Lesen wurde sie ganz rot und schluckte ein paarmal und sagte: »Du hast ihn gesehen? Wo und wann denn?« Da sagte ich ihr alles und sie war ganz gerührt und sagte: »Du bist doch ein gutes Mädel, nur schrecklich unverläßlich.« Wieso unverläßlich? Da sagte sie: Jawohl unverläßlich, denn so verschnappen darf man sich einfach nicht; das gibt's nicht; übrigens will ich versuchen, deine Schuld zu vergessen. Hast du den Heidepeters Gabriel schon fertig gelesen? »Nein, sage ich, aber ich lese kein Buch, von jemanden, mit dem ich böse bin.« Schließlich versöhnten wir uns, aber wir redeten natürlich weiter nichts und das mit dem Taschentuch sagte ich absolut nicht.

29. Mai: Am 10. oder 12. Juni fährt die Mama und die Dora nach Franzensbad, weil beide die Moorbäder nehmen müssen. Und dann hat der Papa gesagt, da wird die Dora am ehesten auf andere Gedanken kommen und nicht den Kopf hängen lassen wie ein krankes Hendl. Heute erzählte mir die Dora etwas sehr Interessantes. Die Herren, die nicht verheiratet sind, haben Bücherln und mit denen können sie zu den »gewissen« Damen am Graben und in der Kärntnerstraße gehen. Dort müssen sie, sagt die Dora, 10 fl. oder 10 K. zahlen. In der Klasse der Dora ist ein Mädchen, deren Papa ist Polizeiarzt und bei dem müssen sie sich alle Monate untersuchen lassen, ob sie gesund sind, sonst dürfen sie nicht zu diesen »Damen« gehen. Und deswegen bleibt kein Stubenmädchen bei den Preuß. Gestern habe ich im Bad zufällig bemerkt, daß ich die gewisse Linie habe, also daß ich fr... bin; aber ich werde höchstens 1 oder 2 Kinder bekommen, denn der Strich ist sehr schwach. Ich muß jetzt oft mitten beim Lernen an solche Sachen denken und dann lese ich oft eine Seite fertig und blättere schon um und weiß gar nicht, was ich gelesen habe. Das ist sehr unangenehm, denn jetzt wird bald der andere Landessch.-Insp. für Math. und die anderen Fächer kommen und blamieren möchte ich mich doch nicht; besonders deswegen nicht, weil vielleicht die Inspektoren doch untereinander reden darüber, wer etwas kann und wer nicht.

30. Mai: Das Konzert war großartig; wenn ich so große Musik höre, muß ich mich immer zusammen nehmen, daß ich nicht weine. Das ist wohl sehr dumm, aber mir fallen dann lauter traurige Sachen ein; sogar bei einem Werkel. Die Dora spielt auch die Ungarischen Tänze von Brahms, aber da muß ich nie weinen. Da ärgere ich mich nur immer, daß ich es nicht so kann. Ich könnte schon, aber ich habe nicht die Geduld, so lange zu üben. Daß ich bei Musik immer weinen muß, sage ich keinem Menschen, nicht einmal der Hella, der ich doch alles sage, außer natürlich das von der Mad. Gestern habe ich mich blamiert; sagt wenigstens die Dora. Ich weiß nicht mehr, wie das war, es war beim Nachtmahl von den Büchern die Rede, und da sage ich: »Ach Gott, aus Büchern lernt man wirklich nichts; es ist ja doch alles anders, als wie es in den Büchern steht.« Da war der Papa sehr ärgerlich und sagte: »Du Guck in die Welt, sei froh, daß es Bücher gibt, aus denen du was lernen kannst. Wenn einer ein Buch nicht versteht, dann sagt er, es ist nichts wert.« Die Dora warf mir schon einen Blick zu, aber ich wußte nicht, was sie meinte, und sagte: »Ja, aber im Lexikon steht sehr viel Unrichtiges.« »Was hast denn du im Lexikon herumzustöbern; da werden wir den Schlüssel in etwas sicherere Verwahrung nehmen.« Gott sei Dank kam mir die Dora zuhilfe und sagte: »Die Gretel hat etwas über das Alter der Elephanten und Mammuts nachschauen wollen, aber im Lexikon steht etwas anderes, als was der Prof. Rigl voriges Jahr sagte.« Da war ich gerettet. Aber verstellen kann sich die Dora großartig; das merke ich übrigens auch bei anderen Gelegenheiten. Am Abend macht sie mir einen Skandal und sagt: »Du dummer Fratz, du wirst nie gescheit werden; neulich die Blödheit wegen des Viktors und heute wieder das! Einmal habe ich dir herausgeholfen, aber ein zweitesmal nicht,« und dann hat sie die ganze Zeit Brief geschrieben, natürlich an Ihn –! Die Hella und ich haben neulich verschiedenes gelesen im Lex... über Geburt und Schwangerschaft und ich allein über fruchtabtr... Mittel; wir haben nämlich zusammen bei Embryo und Leibesfrucht gelesen und da sagte ich weiter nichts, sondern merkte es mir nur durch einen Doppelknoten im Taschentuch und gestern suchte ich es dann auf. Da braucht eigentlich die Mad... gar keine Angst haben, wenn es wirklich so etwas gibt. Aber jeder Doktor erkennt es und man kann auch sehr leicht sterben daran. Ob die Mad... das überhaupt weiß? Wir haben dann noch verschiedenes gesprochen über die Unterschiede zwischen Mann und Frau und da sind wir auch drauf gekommen, daß die Hella sich noch immer von der Anna, die schon zwölf Jahre bei ihnen ist, im Bad waschen läßt. Das täte ich absolut nicht, überhaupt ließe ich mich von niemanden waschen, höchstens von der Mama; von der Dora schon sicher nicht, denn die braucht doch nicht wissen, wie ich ausschaue. Die Wärterin im San. hat zur Hella gesagt, sie ist gewachsen wie eine kleine Nymphe so schön und ebenmäßig. Und die Hella meint, das ist nichts besonders, jedes Mädchen schaut so aus und der weibliche Körper ist überhaupt ein Kunstwerk der Natur. Also, das hat sie natürlich irgendwo gelesen, denn es heißt doch eigentlich nichts; überhaupt ein Kunstwerk der Natur; da müßte es wenigstens heißen: ein Kunstwerk von Mann und Frau!!!

30. Mai: Die Dora und die Mama fahren schon am 6. Juni nach Franzensbad, gleich nach Pfingsten. Die Dora hat noch ein zweites neues Kostüm, grau mit blauen Streifen bekommen; gestern sind unsere weißen Strohhüte gekommen, er steht mir sehr gut, sagen die Hella und alle anderen, mit weiße Bänder und Heckenrosen. Neulich hätte können ein furchtbarer Tratsch entstehen: Wie ich telephonieren war, habe ich meinen Schirm von Weihnachten mit dem Griff aus Rosenquarz mit und lasse ihn im Automaten stehen; nach mir kommt das Frl. aus der Tabaktrafik und weil sie mich kennt, gibt sie den Schirm bei der Hausbesorgerin ab und die trägt ihn hinauf. Gott sei Dank, fällt mir gleich die Ausrede ein, ich habe in der Trafik Marken gekauft und habe ihn dort stehen lassen; es hat es niemand weiter beachtet.

31. Mai: Ich soll auf den Monat, den die Mama und die Dora weg sind, zur Hella übersiedeln. Aber, so gerne ich sie habe, das tue ich nicht, ich bleibe unbedingt beim Papa. Was soll er denn ganz allein bei den Mahlzeiten sitzen und mit wem soll er denn am Abend reden? Der Papa war wirklich gerührt über mich und hat mir die Haare so gestreichelt, wie nur er es macht. Nicht einmal die Mama kann es ebenso. Also ich bleibe jedenfalls zuhaus. Jetzt sind die Blumen schon sehr billig, da stelle ich jeden Tag andere auf den Tisch, da kaufe ich am Naschmarkt alle Tage ein kleines Boukett, damit sie immer frisch sind. Das wäre doch ein Unsinn, daß ich zu Br. gehe; wozu denn, die Resi ist doch so lange bei uns, die weiß doch alles auch ohne die Mama, und für alles andere kann ich ganz gut sorgen, Es wird dem Papa nichts abgehen.

1. Juni: Gott, was wir heute erlebt haben! Das ist gräßlich; es ist also doch wahr, daß man sich ganz auszieht, wenn man jemanden rasend gern hat. Ich habe es nie recht geglaubt, und die Dora offenbar auch nicht, obwohl die Mad... es ja angedeutet hat; aber es ist wahr. Wir haben uns mit eigenen Augen überzeugt. Ich sitze gerade und lese den Schimmelreiter von Storm und die Dora richtet sich Briefpapier her für Franzensbad, da kommt die Resi und sagt: Fräulein Dora, bitte auf einen Moment, etwas anschauen! An dem Ton merke ich gleich, daß etwas los ist und renne mit. Zuerst will die Resi nicht sagen was es ist, aber die Dora ist großmüthig und sagt: »Das macht nichts, vor meiner Schwester können sie alles sagen.« Und da gingen wir ins Zimmer der Resi und schauten hinter dem Vorhang hinüber ins Mezzanin. Dort wohnt nämlich ein junges Ehepaar!!! Das heißt, die Resi sagt, die Leute sagen, sie sind gar nicht verheiratet, sie leben bloß mitsammen!!!! Also was wir sahen, war gräßlich. Sie war wirklich ganz ausgezogen und lag im Bett nicht einmal zugedeckt, und er kniete vor ihr auch ganz n... und er küßte sie am ganzen Körper ab, überall!!! Die Dora sagte nachher, deswegen ist ihr übel geworden. Und dann stand er auf und – nein, das kann ich nicht schreiben das ist zu gräßlich, daß vergeß ich in meinem Leben nicht. Also so ist das, das ist einfach furchtbar. Das hätte ich nie geglaubt. Die Dora ist ganz schneeweiß geworden und hat so gezittert, daß die Resi schreckliche Angst bekam. Und ich habe vor Entsetzen beinahe geweint und doch habe ich auch lachen müssen. Ich habe mich wirklich gefürchtet, daß sie ersticken muß, weil er so groß und sie so klein war. Und die Resi sagte dann, er ist entschieden zu groß für sie, er zerreißt sie beinahe. Also zerreißen wohl nicht, aber erdrücken hätte er sie wirklich können. Die Dora mußte sich vor Schrecken niedersetzen und die Resi brachte ihr schnell ein Glas Wasser, weil sie glaubte, sie würde ohnmächtig werden. So habe ich mir das nicht vorgestellt und die Dora offenbar auch nicht. Sonst hätte sie nicht so gezittert. Also schließlich, was sie deswegen zu zittern braucht, sehe ich wirklich nicht ein. Deswegen braucht man doch nicht zu zittern, man heiratet ganz einfach nicht, dann braucht man sich nie ausziehen, und Gott, die arme Mademoiselle, die ist auch nicht besonders groß und der Oberleutnant ist sehr groß. Aber erst wenn einer so dick ist wie der Herr Hofrat R. oder unser Hausherr. Also der Hofrat ist schon mindestens 50 Jahre alt, aber der Hausherr hat heuer im Jänner noch ein kleines Mäderl bekommen, da muß also etwas vorgefallen sein. Nein, am besten ist, man heiratet nicht, denn das ist zu gräßlich. Wir haben dann nicht mehr hinübergeschaut, denn jetzt kommt das Ärgste, auf einmal wird der Dora totübel zum Brechen, so daß sie kaum mehr ins Zimmer gehen konnte. Sonst wäre alles herausgekommen. Die Mama schickte schnell um den Doktor und er sagte die Dora ist enschieden überarbeitet; es ist gut daß sie in ein paar Tagen wegkommt von Wien. Kein Mädel sollte studieren, das taugt nichts. Und dann sagte er zu mir: »Und wie schaust denn du aus, was sind denn das für hohle Augen?« »Ich bin wegen der Dora so erschrocken«, sag ich. »Larifari sagt der Herr Doktor, davon kriegt man nicht solche Ringe um die Augen.« Also muß es doch wahr sein, daß man schlecht aussieht davon, wenn man immer an solche Sachen denken muß. Aber man kann eben nichts dafür und die Hella sagt: Ringe unter den Augen ist furchtbar interessant und die Herren wollen das an den Mädchen.

Wir hätten morgen, da wir schon frei haben, eine Partie auf den Kahlenberg und Hermannskogel machen sollen, aber wahrscheinlich wird nichts daraus. Es ist schon gleich 11 Uhr und ich bin wahnsinnig müde vom Schreiben; ich muß schlafen gehen wenn ich nur schlafen kann aber – – – –

3. Juni: Der Papa war mit mir und der Hella allein am Kahlenberg; wir haben uns wunderbar unterhalten. Nach dem Essen, wie der Papa Zeitung gelesen hat im Hotel, sind wir Blumen suchen gegangen und da habe ich der Hella alles erzählt vom Freitag. Sie war einfach sprachlos, umsomehr als sie das von der Mad... doch nicht weiß, vom Ausziehen nämlich. Sie wird auch nicht heiraten, denn das ist zu unangenehm, nein gräßlich. – Der Doktor sagte noch: Das ewige Lernen ist Gift für junge Mädchen in der Entwicklung. Wenn er erst wüßte, was wir gesehen haben. Die Hella ärgert sich riesig, daß sie nicht dabei war. Sie soll lieber froh sein, den Anblick verlange ich mir kein zweitesmal und ich vergesse ihn auch mein ganzes Lebenlang nicht; da war ja das im Haustor nichts dagegen. Und dann machte die Hella noch Witze und sagt: »Denk dir, wenn es der Viktor gewesen wäre.« »Hör auf, hör auf«, schreie ich, und der Papa glaubt wir streiten und sagt: »Was, ihr zwei habt auch Meinungsdifferenzen großen Stils?« Wenn er das gewußt hätte!!! Der Oswald ist seit Freitag abends hier, um ½11 Uhr ist er gekommen. Aber gestern ging er nicht mit auf die Partie, obwohl der Papa es gern gesehen hätte; er sagte, es ist ihm viel zu fad, mit zwei solchen »Haiberten« zu gehen; d. h. soll nämlich heißen, daß wir ihm nicht groß genug sind, und ist eine namenlose Frechheit; besonders gegen die Hella. Sie hat gesagt, sie wird ihn einfach ignorieren. Ich als Schwester kann das nicht tun, aber ich werde mich hüten, ihm alles zu holen und zu bringen, was er will. Beleidigen darf einer auch seine Schwester nicht.

Jetzt gerade sagt die Dora zu mir: Es ist gräßlich, daß man so etwas (nämlich das gewisse!!! – – – –) ertragen muß, wenn man verheiratet ist. Die Resi hat ihr schon früher einmal erzählt von den zwei und daß nur die Juden das so machen. Also die anderen Leute ziehen sich sicher nicht ganz aus und es ist vielleicht auch sonst anders, nämlich!! – – Aber die Mad... hat es doch auch so angedeutet, nur nichts vom Erdrücken; aber eben das ist die Grausamkeit der Juden infolge – – – Ich fürchte mich jeden Abend, daß ich davon die ganze Nacht träume und die Dora hat auch schon geträumt davon. Sie sagt, überhaupt wenn sie die Augen zumacht, sieht sie alles haarklein vor sich.

4. Juni: Jetzt verstehen wir auch, was der Papa meinte, wie er neulich vom Dr. Diller und seiner Frau sagte: »Aber die zwei passen ja gar nicht zusammen.« Ich glaubte damals, weil es wirklich lächerlich aussieht, wenn eine so kleine Dame mit einem so großen, starken Herrn eingehängt geht. Aber das ist nur die Nebensache; die Hauptsache ist eben ganz etwas anderes!!!! ich und die Hella schauen jetzt alle Leute, die per Arm gehen, daraufhin an und wir haben beim Nachhausegehen jetzt immer einen Riesenspaß, so daß wir gar nicht aus dem Lachen herauskommen. Obwohl es eigentlich gar nicht zum Lachen ist, besonders für die Frau.

5. Juni: Heute vormittags war die Mama mit der Dora bei Hofrat R. Abschiedsbesuch zu machen, aber es war niemand zuhaus, d. h. sie, die Frau Hofrätin war bestimmt zuhaus, aber sie ließ sich verleugnen, weil sie sehr beleidigt sind über unsern Papa. Nachmittags hatten wir, die Dora und ich, noch Verschiedenes zu besorgen und da trafen wir mit dem Viktor zusammen, absichtlich natürlich. Die Dora war dann ganz verweint; sie sind in die Minoritenkirche gegangen und ich bin derweil auf dem Kohlmarkt herumgegangen und in der Herrengasse. Er reist nach Amerika, Anfangs Juli, wo die Dora noch nicht zurück ist. Er hat ihr ein sehr feines Briefpapier mit seinen Aufschlägen gemalt gegeben, auf dem sie nur ihm allein schreiben darf und ein Medaillon mit seinem Bild. Und sie schickt ihm morgen durch mich ihre Photographie. Ich freue mich schon. Überhaupt ist die Dora seit neulich viel netter zu mir.

6. Juni: Also heute in der Frühe sind die Mama und die Dora abgereist. Da die Mama noch nie für länger von uns weggefahren ist, habe ich sehr geweint und sie auch. Die Dora hat auch geweint, aber ich weiß schon, wegen wem. Jetzt sind der Papa und ich allein. Er sagte zu mir zu Mittag: Meine kleine Hausfrau. Das ist doch entzückend. Es ist leider so still bei uns, weil zwei Personen doch nicht soviel reden wie vier. Es ist beinahe unheimlich. Ich habe heute mit der Resi Verschiedenes wegen neulich gesprochen. Das Ärgste finde ich nämlich, daß man von ihm die ganze Hinterfaçon sah, das ist direkt infam; die Dora sagte neulich auch, daß sie das niederträchtig findet. Und die Resi sagte, wenigstens sollen sie die Jalousien herunterlassen, damit man nicht hineinsehen kann, das tun anständige Leute. Also anständige Leute ziehen sich überhaupt nicht ganz aus oder decken sich wenigstens anständiger Weise zu. Dann erzählte mir die Resi noch Verschiedenes von dem Bankbeamten vis-à-vis und seiner Frau, d. h. nicht – Frau. Ob ihre Eltern etwas ahnen davon und was sie sagt, daß sie nicht zuhause wohnt. Sie ist keine Jüdin, nur er ist ein Jude. Die Resi hat sich gewunden vor lauter Lachen, weil ich sagte: »Ah, und deshalb verlangt er, daß sie sich beide ganz ausziehen, während sich sonst nur die Frau nackt ausziehen muß.« Sie hat ja neulich selber gesagt, so ist es nur bei Juden und heute lacht sie, als ob ich den ärgsten Blödsinn reden würde. Sie weiß es ganz einfach selber nicht genau und das bemäntelt sie mit dem Gelächter, weil sie sich doch geniert, erstens daß sie es nicht weiß und dann sicher auch, weil eigentlich sie angefangen hat, davon zu reden. Das eine wundert mich, daß ich nie etwas träume davon. Ich möchte wissen, ob die Dora wirklich nie träumt davon, oder ob sie nur so tut. Also, daß die Hella vorgestern davon geträumt hat, das ist entschieden etwas aufgeschnitten, da sie ja gar nicht dabei war. Sie sagt, das war ein Glück, denn sie hätte aufgeschrien vor Lachen. Na, ich glaub, bei – dem Anblick wäre auch ihr das Lachen vergangen.

7. Juni: Nach dem Essen ist es mir greulich fad und abends vor dem Schlafengehen, besonders da wir, die Dora und ich, in dem heurigen Jahr, seit der Geschichte unter dem Haustor immer etwas miteinander zu reden hatten. Das geht mir sehr ab. Es wäre doch sehr gut, wenn die Hella zu uns kommen dürfte auf die 4 Wochen. Aber das will sie doch auch nicht. Heute hat der Papa noch zu arbeiten und da bin ich jetzt allein und da möchte ich am liebsten weinen.

9. Juni: Gerade wie ich vorgestern so traurig war, kommt die Resi mein Bett herrichten und da reden wir von dem Ehepaar vis à vis und da erzählt sie mir gräßliche Sachen, von einem jungen Ehepaar, bei dem sie einmal war und wo sie wegging, weil immer beide zugleich ins Bad gingen; sie sagt, da ist bestimmt etwas vorgefallen. Und dann erzählte sie mir von einem alten Herrn, der mit ihr etwas anfangen wollte; aber, sie wollte natürlich nicht; übrigens war er ohnehin verheiratet und ein Dienstmädchen hätte er doch auf keinen Fall geheiratet, denn er war ein Regierungsrat. Und gestern hat der Papa gesagt: Du mein armes Hexerl, du bist jetzt so einsam; aber schau, die Resi ist keine Gesellschaft für dich; wenn du plauschen willst, so komme nur zu mir. Und da war ich sehr dumm, ich fing schrecklich zu weinen an und sagte: »Papa, ich bitt dich, sei nicht böse, ich werde überhaupt nie mehr von solchen Sachen reden und nicht mehr dran denken.« Und der Papa wußte zuerst gar nicht, was ich meinte, aber dann muß es ihm doch eingefallen sein, denn er war so furchtbar lieb und sagte: »Nein, Gretel, verdirb dir deine Jugend nicht mit solchen Zeug und wenn du dich in etwas nicht zurechtfindest, dann frag die Mama, aber nicht die Dienstboten, ein Mädchen aus gutem Haus muß auf sich halten. Versprich mir das.« Und dabei nahm er mich, obwohl ich doch schon so groß bin, auf den Schoß, wie ein kleines Kind, und streichelte mich, weil ich so weinte. »Sei ruhig, mein kleines Mauserl, du sollst mir nicht auch so nervös werden wie die Dora. Gib mir ein rechtes Kinderbusserl und jetzt gehe ich mit dir in Euer Zimmer und bleibe bei dir, bis du schläfst.« Natürlich schlief ich absichtlich sehr lange nicht ein, bis ¼11 Uhr.

Und dann träumte mir, daß der Papa im Bett der Dora liege, so daß ich in der Frühe, wie ich aufwachte, wirklich hinüberschaute, ob es nicht am Ende wahr ist und er sich in ihr Bett gelegt hat. Aber natürlich habe ich es bloß geträumt.

12. Juni: Morgen ist großer Schulausflug; ich freue mich riesig, einen ganzen Tag mit der Frau Dr. M., und noch dazu ohne Lernen. Wir gehen aufs Eiserne Tor. Voriges Jahr war kein großer Ausflug, weil die IV. nicht auf den Anninger wollte, sondern auf den Hochschneeberg und das wollte die Frau Direktorin nicht.

13. Juni: Es war herrlich auf dem Ausflug. Die Hella und ich sind den ganzen Tag bei der Frau Dr. M. gewesen; die Franke hat dann am Nachmittag gesagt: Ich bitte Euch, was pickt ihr denn so an der Frau Dr.? Man kann ja kein vernünftiges Wort mit Euch reden. Und da gingen wir dann ein großes Stück durch den Wald mit der Franke und sie erzählte uns von einem Burschen, der jetzt in der VIII. geht und rasend in sie verliebt ist. Alle Burschen sind nämlich in sie verliebt, behauptet sie. Also, daß hat uns wenig interessiert, aber dann hat sie uns erzählt, daß die Frau Dr. M. heimlich verlobt ist mit einem Professor in Leipzig oder einer anderen Stadt in Deutschland. Ihre Kusine ist die Modistin der Frau Dr. und sie weiß es ganz bestimmt. Ihre Eltern sind dagegen, weil er ein Jude ist, aber sie liebt ihn rasend und er sie auch und sie werden doch heiraten. Und da fragten wir die Franke, da sie ja auch eine Jüdin ist, ob das alles wahr ist, was die Mali, die wir damals hatten, wie die Resi im Spital war, von den Juden gesagt hatte. Und die Franke: »Wohl ist es wahr; das kann ich euch in jedem Punkte bestätigen. Aber das ist nicht so schrecklich mit der Grausamkeit, jeder Mann ist grausam, besonders in diesem Fall.« Da hat sie wohl recht, aber es ist doch entsetzlich zu denken, daß gerade die schöne, feine Frau Dr. M. einen grausamen Mann bekommen soll. Die Hella meinte, wenn es ihr recht ist, so brauche ich mich auch nicht aufregen. Aber vielleicht weiß sie nicht, daß – – – Wie wir dann aus dem Wald kamen, sagt der Herr Religionsprofessor, der die Frau Dr. M. riesig gern hat: »Frau Dr. Sie haben ja Ihre zwei Trabanten verloren!« und alle lachten riesig, weil wir gerade wieder da waren. Der Papa holte mich und die Hella zusammen ab und weil es schon bald 11 Uhr war, so blieb die Hella bei uns über Nacht. Das war sehr nett, nur war mir auch gleichzeitig leid, daß ich dem Papa nichts mehr erzählen konnte. In der Frühe beim Aufstehen haben wir uns gegenseitig angespritzt und furchtbare Dummheiten gemacht, so daß wir beinahe zu spät in die Schule gekommen wären. Die Lehrkräfte waren noch so lustig, auch der Prof. Wilke, um den wir uns den ganzen Tag nicht gekümmert hatten; d. h. er war erst nachmittag nachgekommen und uns ein Stück über die Hauswiese hinaus entgegengekommen. Wir glauben, er ist auch in die Frau Dr. M. verliebt, denn er ging dann immer mit ihr und ist wahrscheinlich nur ihretwegen nachgekommen. Sonst war nämlich kein Professor mit, weil sie ja alle Schule hatten in den verschiedenen Gymnasien.

14. Juni: Ich bin ganz aufgeregt. Wie wir heute um 9 Uhr aus der Schule gehen, hören wir auf einmal furchtbar mit dem Säbel rasseln; d. h. die Hella hörte es, denn die hört so etwas immer zuerst und sagt: »Oje, da hat's ein O... eilig« und schaut sich um; »du, der Viktor ist hinter uns« und richtig, derweil grüßt er schon und sagt: Fräulein Rita, darf ich Sie auf einen Augenblick bitten; pardon, Fräulein Hella. Er nennt mich immer Rita und daß er den Namen meiner Freundin weiß, zeigt, was für ein netter feiner Mensch er ist. Die Hella sagt gleich: »Bitte Herr Oberleutnant, ich werde nicht stören, wenn es sich um so Wichtiges handelt« und geht auf die andere Seite. Er schaut ihr nach und sagt: »Ein feines vornehmes Mädchen, Ihre Freundin.« Und dann rückt er mit der Hauptsache heraus. Er hat zwar schon 2 Briefe von der Dora, aber keine Antwort auf seinen Brief, weil sie ihn nicht von der Post abholen kann, nämlich poste restante. Und nun bat er mich riesig, ich möchte einen Brief von ihm in meinen einlegen und ihn der Dora schicken. Weil aber die Mama doch meine Briefe natürlich liest, so sage ich ihm, das geht nicht so einfach; aber ich weiß einen königlichen Ausweg; ich schreibe zugleich auch an die Mama und an die Dora, damit sie indessen seinen Brief ruhig herausnehmen kann. Da war der Viktor sehr glücklich und sagte: Sie sind ein Genie und eine kleine Intrigantin ersten Ranges, und küßte mir die Hand. Also das »kleine« hätte er ruhig weglassen können; wenn man so klein ist, ist man wohl keine Intrigantin. Die Hella ist indessen auf der andern Seite gegangen und hat gesehen, wie er mir die Hand küßte. Und sie behauptet, ich habe sie durchaus nicht zurückgezogen, sondern wie eine große Dame hingehalten und im Gelenk gebogen. Sie sagt, so etwas tun wir Töchter aus feinen Familien instinktiv. Das ist möglich, denn absichtlich habe ich es bestimmt nicht getan. Nachmittag schrieb ich gleich die zwei Briefe, das heißt einen ordentlichen an die Mama und einen kurzen an die Dora, nur damit von mir etwas dabeiliegt, und trug es selbst auf die Post.

16. Juni: Jetzt habe ich mich schon so eingewöhnt, daß ich mit dem Papa allein bin, daß mir gar nichts mehr abgeht. Wir fahren oft in den Prater oder gehen abends in einen Park nachtmahlen, die Hella natürlich mit uns. Ich bin schon furchtbar neugierig, was die Dora schreibt. Das habe ich neulich vergessen zu schreiben. Ich fragte nämlich den Viktor, ob er wirklich nach New-York geht. Aber er sagte, keine Idee, das sei nur ein Schreckschuß von seinem Alten gewesen. So nennt er nämlich seinen Papa, den Herrn Hofrat. Das finde ich nicht sehr fein und deswegen kann ihn wahrscheinlich der Papa nicht leiden. Der Papa kann überhaupt die Offiziere nicht besonders leiden, mit Ausnahme vom Papa der Hella, aber der ist ja auch ziemlich alt. Ujeh, das durfte die Hella wohl nicht lesen, da wäre sie wütend; aber ihr Papa ist wirklich mindestens um 4 oder 5 Jahre älter als unser Papa.

17. Juni: Die Frau Dr. M. ist krank, aber wir wissen nicht, was ihr fehlt. Es war schrecklich öde in der ganzen Schule. Die Frau Direktorin sublierte und in der Pause waren wir ohne Inspektion. Wenn sie nur keine Blinddarmentzündung hat, das wäre gräßlich.

18. Juni: Sie ist noch nicht da. Die Frau Dr. Steiner sagte, sie hat eine heftige Halsentzündung; sie wird eine ganze Woche nicht kommen.

19. Juni: Heute kam ein Brief von der Dora. Ich bin empört. Kein Wort von meiner Schwesterliebe, nur: »Besten Dank für kleine Besorgung«. Das ist doch unerhört; da ist er doch ganz anders!! Ich werde es mir jedenfalls merken für die Zukunft. Die Hella meint, sie hat es aus Vorsicht nur so angedeutet. Aber das ist nicht wahr, sie weiß sehr gut, daß der Papa nie unsere Briefe zu lesen verlangt. Aber sie glaubt einfach, das ist ganz selbstverständlich. Seit gestern bin ich zum erstenmale aus der Schule zuhaus, seit ich im Lyzeum bin; ich hatte in der Frühe so stark Halsschmerzen und Kopfweh, daß der Papa nicht erlaubte, daß ich in die Schule gehe. Über Tag wurde es besser, aber heute früh war mir wieder schlechter. Ich werde wahrscheinlich noch 2 oder 3 Tage zuhause bleiben. Der Papa wollte den Doktor holen lassen, aber das ist wirklich unnötig.

20. Juni: Heute wollte die Resi beim Aufräumen wieder Verschiedenes reden, aber ich sagte, ich höre solche Dinge nicht besonders gern und da bat sie mich riesig, ich möchte nie der Mama und dem Papa etwas verraten von dem, was sie uns damals gesagt hat wegen des jungen Ehepaares; sie würde sofort den Platz verlieren und das wäre ihr schrecklich leid.

21. Juni: Mir zittern noch die Knie, das hätte können einen schönen Skandal geben; zum Glück hatte der Papa Sitzung. Um ½7, wie die Hella und ich gerade so miteinander reden, läutet es zum Telefon. Die Resi war zum Glücke auch etwas holen und so gehe ich zum Telefon; und wer ist es? der Viktor! »Er muß mich morgen in der Frühe oder um 1 Uhr sprechen; er hat heute um 1 Uhr vergebens gewartet«. Natürlich, weil ich doch krank war, d. h. ich noch krank bin. Also morgen muß ich aber trotzdem in die Schule gehen. Aber wenn der Papa zuhause gewesen wäre oder selbst die Resi, die hätte doch was merken können. Und es wäre furchtbar unangenehm, wenn ich zu ihr sagen müßte, sie möchte mich nicht verraten. Und wie die Hella schon keck ist, nimmt sie mir den Schallbecher aus der Hand und sagt: »Bitte das nie mehr zu tun, das ist entsetzlich riskant für meine arme Freundin«. Darüber habe ich mich eigentlich geärgert, aber die Hella sagt, diese Lektion hat er entschieden verdient.

Morgen gehen wir ins Konzert, da ziehe ich das neue weiße Kleid an. Es schaut eigentlich doch gut aus, wenn Schwestern ganz gleich gekleidet gehen. Ich trage jetzt »Schnecken«, der Papa sagt »Kuhfladen«; aber alle Leute sagen, daß mir diese Frisur sehr gut steht.

22. Juni: Er war entzückend, wie er auf uns zukam und sagte: »Wird der reuige Sünder in Gnaden aufgenommen?« und uns jeder eine prachtvolle Rose gibt. Und dann gab er mir einen Brief und sagte: »Vor ihrer energischen Freundin brauchen wir ja kein Geheimnis zu machen, nicht wahr.« Eigentlich hatte ich keinen Brief mehr übernehmen wollen, aber neulich wußte ich nicht recht, wie ich es sagen sollte, ohne ihn zu beleidigen, da er für der Dora ihre Frechheit doch nichts kann, und heute wollte ich auch nichts sagen, 1. wegen der Rosen, und 2. weil die Hella dabei war. Es kann sich ja ohnehin nur um 2 oder 3mal handeln, da will ich jetzt nichts mehr sagen. Aber verdienen tut's die Dora wirklich nicht. Die Franke ist kein feines Mädel. Sie hat uns neulich gesehen und hat dann am nächsten Tag gefragt: Was für einen schönen Marssohn habt denn Ihr euch aufgezwickt? Die Hella sagte gleich: »Gebrauche doch nicht so ordinäre Ausdrücke, wenn du vom Kusin der Rita sprichst«. »So, ein Kusin, also ein Kussin, das kommt wohl von Kuß, nicht?« Seither sprechen wir nur das Notwendigste mit der Franke. Gar nicht reden ist zu gefährlich, man kann nie wissen; aber wenig reden, da kann sie nicht beleidigt sein.

23. Juni: Gestern war der alte Herr Landesschulinsp. da, der immer in Math, kommt. Der ist so lieb und freundlich, daß immer alle Kinder alles können; er ist uns lieber als der, der in die Sprachfächer kommt. Die Verbenowitsch hat sich furchtbar patzig gemacht, weil er sie sehr gelobt hat. Mein Gott, wie bin ich schon gelobt worden, aber darauf bilde ich mir wirklich nichts ein. Gestern war ich übrigens gar nicht dran, weil ich 4 Tage gefehlt habe. Die Frau Dr. M. ist heute auch wieder gekommen. Sie sieht schrecklich blaß und leidend aus, wer weiß, warum; daß ist so schade, daß sie auf der Gasse mit niemanden geht, außer voriges Jahr, wie diese Geschichte mit dem Perlentascherl vom Frl. St. war. Aber sonst dankt sie auf den Gruß riesig freundlich, aber gehen tut sie nie mit einer Schülerin, obwohl die Verbenowitsch gräßlich zudringlich ist und immer neben ihr daherrennt.

26. Juni: Es ist wirklich blöd, was für eine entsetzliche Angst ich jetzt bei der heil. Kommunion habe wegen des Herausfallens der h. Hostie. Mir war beinahe übel vor Angst. Die Hella sagt, das muß doch einen Grund haben, ich weiß aber wirklich keinen, außer daß ich durch das Malheur der Lutter aus der III. noch mehr Angst habe. Die Hella sagt, ich kann ja zum Protestantismus übertreten, aber das tue ich auf keinen Fall; denn nach dem Empfang der h. Kommunion fühlt man sich doch so rein und so viel besser als früher. Aber leider hält es nicht so lange an, als es sein sollte.

27. Juni: Also die Mama ist wirklich krank. Der Papa hat es mir gerade vorhin gesagt. Er war so furchtbar nett und sagte: Wenn Euch nur das Schicksal Eure gute Mutter erhält. Es geht ihr nicht zum Besten. Da frag ich: Papa, was fehlt denn eigentlich der Mama? Und der Papa sagt: »Mein liebes Kind, das ist ein heimtückisches Leiden, das sich schon lange vorbereitet hat und dann plötzlich einmal zum Ausbruch kommt.« »Muß sie sich also wirklich operieren lassen?« »Hoffen wir, daß das zu vermeiden ist. Aber ein Jammer ist es und bleibt es, daß die arme Mama krank ist.« Und weil der Papa förmlich schlecht aussieht, wie er das sagt, so habe ich ihn getröstet und gesagt: »Die Moorbäder müssen sie doch gesund machen, wozu nimmt sie sie denn sonst?« Und der Papa sagt: »Ja, mein liebes Kind, wir wollen das Beste hoffen.« Und dann haben wir noch lange miteinander geredet, daß die Mama sich riesig schonen muß und daß im Herbst vielleicht die Tante Dora zu uns kommt, die Wirtschaft zu führen. Und da fragte ich den Papa, »Ist es wahr, daß du die Tante Dora nicht besonders leiden kannst?« Aber der Papa sagte: »Keine Idee, wer hat denn dir das in den Kopf gesetzt?« Und da sag' ich: »Aber die Mama hast du doch viel lieber?« Da lachte der Papa und sagte: »Du Kindskopf, natürlich, sonst hätte ich die Tante Dora geheiratet und nicht die Mama«. Ich hätte so riesig gern noch manches gewußt, aber das konnte ich doch den Papa nicht fragen, leider. Die Dora fehlt mir wirklich, besonders am Abend.

2. Juli: Heute habe ich mich riesig geärgert in der Schule. Der Prof. W..., der Verräter, war heute nicht da, weil er im Gymnasium h. Beichte und Kommunion hatte und die Frau Direktorin wußte nichts davon und so war niemand zum sublieren da. Da sublierte der Herr Religionsprofessor, der wegen des Unterschreibens der Zeugnisse früher gekommen war. Weil aber die Jüdinnen auch da waren, so war natürlich keine Religionsstunde, sondern der H. Rel.-Prof. plauderte mit uns. Er fragte jede, wo sie im Sommer hingeht und wie ich sage, nach Rodaun, sagt die Weinberger: Gott, nur nach Rodaun? und ein paar andere Mädchen sagen auch gleich: Nur nach Rodaun; da fährt man ja nur mit der Dampftramway. Ich habe mich furchtbar geniert, weil wir doch sonst meistens nach Tirol oder Steiermark gefahren sind; das habe ich auch gleich gesagt und da sagt die Franke: Voriges Jahr wart Ihr, glaube ich, auch nur ganz in der Nähe von Wien, mir scheint in Hain... und dann setzt sie ab und tut so, als ob sie noch nie etwas von Hainfeld gehört hätte. Das ist doch eine Falschheit; aber ich weiß, sie ist empört, weil wir nichts mit ihr reden seit damals vom Kussin! Und jetzt sieht man, was eine echte Freundschaft ist. Während ich mich noch riesig ärgere, sagt die Hella: Die Mama der Rita ist derzeit im Weltkurort Franzensbad; sie ist nämlich leidend und da muß dann auch jede Woche wenigstens einmal Prof. Sch... hinkommen. Und der Herr Rel.-Prof. ist auch sehr lieb und sagt: In Rodaun ist es reizend schön und es hat eine prächtige Luft; das wird deiner Mama gewiß sehr gut tun, und das ist doch die Hauptsache, nicht wahr, Kinder. Der liebe Gott erhalte Euch nur recht lange Eure Eltern. Und wie der Herr Rel.-Prof. das sagt, so fängt die Lampel, deren Mama heuer im Winter gestorben ist, furchtbar zu weinen an, und ich auch, weil ich an mein Gespräch mit dem Papa dachte. Die Weinberger und die Franke haben aber geglaubt, ich weine, weil ich mich ärgere, daß wir bloß nach Rodaun gehen. Und in der Pause sagte die Franke: Das ist doch keine Schande, wenn man nur nach Rodaun geht, deswegen braucht man nicht zu weinen. Aber die Hella sagte: »Ich bitte dich, die Lainer können überall hingehen, die sind so vermögend, daß mancher sie beneiden könnte. Übrigens ist ihre Mama und ihre Schwester jetzt in Franzensbad, wo es riesig teuer ist und in Rodaun haben sie eine ganze Villa gemietet. Und geweint hat die Rita aus Kränkung wegen ihrer Mama, aber nicht wegen dir«. Natürlich reden wir jetzt kein Wort mehr mit der Franke. Die Mama wollte es ohnedies nicht, sie hat ihr sehr mißfallen, als sie sie voriges Jahr kennen lernte. In solchen Dingen hat die Mama wirklich immer das richtige Vorgefühl.

6. Juli: Heute ist Schulschluß gewesen. Ich habe lauter Sehrgut, mit Ausnahme von – Natugeschichte natürlich! das war nicht anders zu erwarten. Die Prophezeiung der – – – – ich mag den Namen nicht schreiben, war vollkommen richtig. Der Frau Dr. M. und der Frau Dr. St. haben die meisten Schülerinnen, die noch da sind, Blumen gebracht zum Abschied. Und ausnahmsweise sind wir, ich und die Hella, mit der Frau Dr. M. bis zur Stadtbahn gegangen. Wenn wir ihr die Hand küssen, wird sie immer ganz rot, und wir tun es doch so gern. Sie macht im Sommer eine Reise nach – – – Deutschland, natürlich; da hätte die Hella eigentlich gar nicht fragen brauchen; das ist doch selbstverständlich!!!

8. Juli: Heute kommen die Mama und die Dora. Wir holen sie von der Bahn ab. Ja, richtig, das habe ich ganz vergessen. Neulich legte mir der Papa ein ganz neues 5 K-Stück unter die Serviette und wie ich die Serviette wegnehme, fällt es heraus und da sagte der Papa: Zur teilweisen Tilgung der Unkosten für den Blumenschmuck des Tisches. Gott, der Papa ist so gut, die paar Blumen haben doch keine 5 K gekostet, höchstens 3, denn wenn sie noch sehr schön waren, habe ich nur jeden 2. Tag neue gekauft. Also jetzt kann ich der Mama Rosen kaufen, viele, und sie entweder auf den Bahnhof mitbringen oder auf ihren Tisch stellen. Einesteils freue ich mich riesig, daß die Mama wieder kommt, aber andernteils war ich doch sehr gern mit dem Papa ganz allein, weil er alles mit mir so besprochen hat, wie mit der Mama; und das hört jetzt wieder auf.

10. Juli: Die Mama und die Dora schauen großartig aus; besonders von der Mama freut es mich; denn jetzt sieht man deutlich, daß sie wieder ganz gesund ist. Wenn wir nicht schon die Wohnung in Rodaun hätten, hätten wir ganz gut nach Tirol fahren können. Denn feiner ist es sicher, das kann man nicht leugnen. Die Dora schaut ganz fremd aus. Das ist ja eigentlich lächerlich, in 1 Monat verändert man sich doch nicht, aber sie schaut wirklich ganz anders aus; sie trägt übrigens eine andere Frisur, das Haar gescheitelt über die Ohren. Ich habe noch keine Gelegenheit gehabt, wegen der »kleinen Besorgung« etwas zu sagen und sie tut überhaupt nichts dergleichen. Sie muß im Herbst eine Anfnahmsprüfung machen für die VI., weil sie um ein Monat früher wegging. Der Papa sagt, das ist nur proforma und sie darf keine Lehrbücher aufs Land mitnehmen. Am 9. ist die Hella weggefahren, zuerst gehen sie und ihre Mama und die Lizzi nach Gastein und dann nach Ungarn zu ihrem Onkel. Ohne Hella ist das Leben öde, viel ärger als ohne die Dora; da war's mir nur am Abend manchmal langweilig, beim Schlafengehen. Die Dora tut übrigens, als ob man sie in Franzensbad als wie eine Dame gehalten hätte. Das ist gewiß nicht wahr, denn das sieht man schon, daß sie noch lang keine ganz große Dame ist.

11. Juli: Ich weiß nicht, was die Dora hat. Wenn sie ausgeht, geht sie allein und sagt nicht, wann und wohin, und sonst hat sie auch noch nichts vom Viktor gesprochen. Er muß doch wissen, daß sie da ist. Morgen fahren wir nach Rodaun, natürlich nicht mit der Dampftramway, sondern selbstverständlich mit der Eisenbahn. Und übermorgen, am 13., hat der Oswald mündlich Matura; er sagt immer Martura, weil die Professoren einen martern wollen. Er sagt auch, in jeder Klasse ist mindestens 1 oder auch mehrere Streber, so wie bei uns die Verbenowitsch; und die korumbieren die Professoren, sagt er, denn durch die Streber werden die Professoren den anderen Schülern aufsässig. Also, das kann ja im Gymnasium sein, aber bei uns ist es bestimmt nicht so. Denn soviel die Verb... allen Lehrkräften nachläuft, kann sie doch niemand besonders leiden; sie bekommt ihre guten Noten, aber niemand hat sie besonders gern. Die Mama sagt der 13. ist ein Unglückstag und wenn nur dem Oswald nichts passiert. Sie war auch deshalb gestern im Hochamt und nicht in der 9 Uhr Messe wie meistens. Ich habe aber wirklich nicht dran gedacht, für den Oswald zu beten und ich glaube, er wird schon auf jeden Fall durchkommen.

13. Juli: Gott sei Dank, der Oswald hat telegraphiert, er ist durchgekommen, d. h. er hat sein Lieblingswort telegraphiert: Schluß mit Jubel. Da hat sich die Mama wenigstens nicht aufregen brauchen, wie bei der schriftlichen Matura, wo er immer blöde Witze machte. Er kann aber erst am 17. kommen, da die Matura-Kneipe erst am 15. ist. Der Papa ist auch riesig froh. Hier ist es ganz schön; eine ganze Villa für uns haben wir natürlich nicht, wie die Hella in der Schule absichtlich aufschnitt, sondern eine Wohnung im 1. Stock; im Hochparterre wohnt eine junge Frau, d. h. ein junges Ehepaar!! Das ist auch ein Wort, das ich nicht hören kann, ohne daß ich mich schütteln muß vor Grausen und Lachen zugleich. Die Resi muß auch gleich gedacht haben dran, denn sie hat die Dora und mich sehr angeschaut, wie sie es erzählte. Sie haben übrigens schon ein Kind, also es ist kein gar so junges Ehepaar mehr. Der Hausherr, der neben uns wohnt, läßt mir eine Schaukel machen im Garten. Denn eine Landwohnung ohne Schaukel ist gräßlich.

16. Juli: Heute hat endlich die Dora etwas geredet vom Viktor, aber sehr kühl; es muß etwas gewesen sein. Sie könnte es mir schon sagen; nach dem, wie ich mich benommen habe, wäre sie eigentlich dazu verpflichtet. Ich habe ihn seit dem letzten Brief am 27. Juni nicht mehr gesehen; da muß eben etwas vorgefa... nein, das Wort bedeutet etwas ganz anderes, es muß etwas gewesen sein, aber was? Die Hella ist entzückt von Gastein, nur ich fehle ihr, schreibt sie. Das kann ich voll verstehen, denn sie fehlt mir ebenso. Vor Schluß des Schuljahres schrieb mir auch die Ada, ob wir heuer nicht nach H. kommen; sie hätte mir soviel zu erzählen und sie braucht meinen Rat. Ich werde ihr sehr gern raten, aber ich weiß eben nicht, um was es sich handelt.

18. Juli: Etwas Großartiges, wir sind – – – aber nein, das muß ich der Reihe nach schreiben. Gestern kam der Oswald, er ist riesig lustig und hat zur Dora im Spaß gesagt, wenn sie nicht seine Schwester wäre, würde er sich vielleicht verlieben in sie, weil sie nämlich so gut ausschaut. Und wie wir bald zum Nachtessen gehen sollen, so ruft uns die Mama und ich ärgere mich noch, wie ich sehe, daß es erst ¾8 Uhr ist. Da kommt der Papa herein mit einem Akt, wie er sie immer aus dem Bureau bringt und sagt: »Mein lieber Oswald und Ihr beiden, ich habe Euch, spez. dem Oswald eine kleine Freude machen wollen zur Matura.« Aha, denke ich mir, also doch ein großes Los! Da nimmt der Papa den Akt auseinander und sagt: »Ihr habt Euch als Kinder oft darüber gekränkt, daß wir nicht auch adelig sind wie die andern Lainers. Mein Großvater legte den Adel ab, und ich habe ihn für dich, Oswald, und auch für Euch wieder erworben. Wir heißen jetzt Lainer von Lainsheim wie die Tante Anna und die Onkels.« Der Oswald war ganz starr und ich faßte mich zuerst und umarmte den Papa. Und vorher sagte er noch: »Macht dem Namen Ehre.« Der Oswald räusperte sich furchtbar lange und sagte: Meinen Dank, Vater, ich werde den Namen immer hochhalten, und sie küßten sich. Der Oswald sagt meistens Vater anstatt Papa; er sagt, das ist unmännlich. Wir waren den ganzen Abend so feierlich, obwohl die Mama Backhühner hatte machen lassen und der Papa einen Champagner besorgt hatte. Ich bin riesig glücklich; es ist doch herrlich, adelig zu sein. Und was die Mädchen sagen werden und die Lehrkräfte! Ich freue mich riesig darauf. Ich muß es morgen sofort der Hella schreiben.

19. Juli: Das habe ich wunderbar gemacht. Ich wollte doch nicht so hinschreiben: Wir sind jetzt auch von Adel, so schrieb ich weiters gar nichts als Deine ewig treue Freundin Rita Lainer von Lainsheim. Der Resi habe ich es heute in der Frühe gesagt, aber der Papa zankte zu Mittag und sagte, das war sehr überflüssig; aber mir scheint der Adel zu Kopf gestiegen zu sein. Also, das ist nicht richtig, aber freuen tut sich jedes und die Dora hat auch auf einen ganzen Bogen Papier ihren Namen geübt. Der Papa sagt, wir sind deswegen auch nichts anderes als früher, aber das ist nicht wahr, sonst hätte er sich doch nicht adeln lassen. Er sagt, der Oswald findet ein leichteres Fortkommen, aber das ist es nicht allein. Der Hausherr hat es durch die Resi erfahren und hat uns nachmittags gratuliert und seine Frau auch.

20. Juli: Der Oswald bleibt nicht hier, er sagt, es ist ihm viel zu fad, er macht eine größere Fußtour in die Alpen, auf den Großglockner und dann in die Karawanken. Er sagt auch vom Papa »Alter« und das finde ich entsetzlich ordinär. Die Dora sagt, es ist direkt frivol!!, na also, das bedeutet allerdings noch etwas ganz anderes!

24. Juli: Heute ist die Antwort der Hella gekommen; sie gratuliert mir riesig und dann schreibt sie, zuerst war sie ganz baff und glaubte, ich sei übergeschnappt oder habe einen dummen Witz gemacht. Aber ihre Mama hat es schon von ihrem Papa gewußt, weil es schon in der Amtszeitung oder wo gestanden ist. Nun sind wir beide von Adel und das ist sehr angenehm. Ich habe mich früher wirklich manchmal geärgert, daß ich nicht adelig war und wohl sie.

25. Juli: Heute ist der Oswald weggefahren. Er hat vom Papa 300 K Reisegeld bekommen, und das alles wegen der Matura. Ich habe gesagt: »Da mach' ich gleich auch Matura« und der Oswald sagte: »Dazu muß man schon ein bisserl mehr Grütze im Kopf haben, als ihr Mädeln habt.« Das ist eine Frechheit, die Frau Dr. M. hat doch auch Gymnasialmatura und die Frau Dr. Steiner hat sie gar extra nachgetragen und die Dora sagte ganz ruhig: Möglicherweise werde ich dir beweisen, daß auch deine Schwester das leisten kann; übrigens sagst du doch selber immer, hauptsächlich kommt es auf die Frechheit an bei der Matura. Und da fällt mir auch etwas Köstliches ein und ich sage: Die Frechheit besitzen wir wohl nicht, aber dafür lernen wir, wenn wir eine Prüfung machen! Die Mama wollte uns versöhnen, aber wir ließen uns nicht versöhnen. Und abends sagte die Dora zu mir: Der Oswald ist wahnsinnig arrogant, obwohl er eine Menge Genügend hat und gerade nur durchgekommen ist. Ja richtig, diese Blödheit vom Oswald; gleich nach dem Telegramm: »Schluß mit Jubel« kommt noch eins, das eigentlich hätte zuerst kommen sollen, da es 4 Stunden früher aufgegeben war, mit nichts anderem als » Durch«. Die Mama regte sich noch hinterdrein riesig auf, weil sie noch fürchtete, es heiße am Ende doch durchgefallen und das andere Telegramm sei nur Galgenhumor gewesen. Solche blöde Witze würde die Dora oder ich nie machen. Der Papa sagt zwar immer: Auf der Universität wird sich der Oswald schon die Hörner abstoßen, aber er hat heute erklärt, er geht nicht auf die Universität, sondern er wird Bergbau studieren und vielleicht nachher Jus.

29. Juli: Es ist hier greulich fad. Ich weiß gar nicht, was ich tun soll; den ganzen Tag kann ich unmöglich lesen und schaukeln und die Dora ist wieder so fad wie früher; das heißt noch fader, denn streiten tut sie nicht, aber reden, das heißt nämlich von gewissen Dingen reden auch nicht. Sie ist nur ganz vernarrt in den kleinen Buben von der jungen Frau im Hochparterre; 10 Monate ist er alt und ich weiß nicht, was man an einem solchen kleinen Fratzen hat; sie schleppt ihn herum und vorgestern hat er sie ganz naß gemacht, das habe ich ihr vergönnt. Denn da hat ihr doch sehr gegraust, denn er hat sie angem... Hoffentlich ist sie jetzt kuriert.

Gott sei Dank! morgen ist mein Geburtstag, das ist doch eine Abwechslung. Nachmittag gehen wir auf den Parapluie-Berg, hoffentlich ohne Parapluie. Der Papa kommt schon um 1 Uhr heraus, damit wir um 2 oder ½3 Uhr weggehen können. Die Hella hat mir heute eine versperrbare Kasette für Briefe usw.!!! geschickt, natürlich mit Bonbons gefüllt und einen riesig langen Brief, wie sie sich unterhält in Gastein. Aber sie bleiben nur 4 Wochen, weil es wahnsinnig teuer ist, eine Semmel 5 Kreuzer und 1 Flasche Bier eine Krone. Und die Semmeln so klein, daß man zum Frühstück und zur Jause eigentlich immer drei essen könnte. Aber im Hotel ist es großartig elegant, mehrere Grooms; dann sind riesig viele Amerikaner und Engländer und sogar eine Konsulsfamilie aus Sidney in Australien dort. – Ich spiele fast den ganzen Tag mit zwei jungen Dackeln, die Max und Moritz heißen, obwohl eines natürlich ein Weibchen ist. Das soll man eigentlich nicht niederschreiben, denn es heißt etwas, nämlich in der Nebenbedeutung.


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