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Neuntes Kapitel

Als er am nächsten Morgen beim Frühstück saß, trat Basil Hallward ins Zimmer.

»Ich bin so froh, daß ich dich treffe, Dorian«, sagte er ernsten Tons. »Ich war gestern abend hier, und man sagte mir, daß du in der Oper seist. Ich wußte natürlich, daß es ja unmöglich ist. Aber es wäre mir lieber gewesen, du hättest ein Wörtchen hinterlassen, wo du wirklich warst. Ich habe eine schreckliche Nacht verbracht, und fürchtete halb, daß eine Tragödie der anderen folgen würde. Ich meine, du hättest mir wohl depeschieren können, so wie du die Nachricht erhieltst. Ich hab' es durch Zufall im letzten Abendblatt des Globe gelesen, das mir im Klub in die Hände geriet. Ich eilte sofort hierher und war unglücklich, dich nicht zu Hause anzutreffen. Ich kann dir gar nicht sagen, wie tief mir die ganze Sache ins Herz schneidet. Ich weiß, was du leiden mußt. Aber wo warst du denn? Bist du hingegangen, um die Mutter des Mädchens zu sehen? Einen Moment dachte ich daran, dir dorthin zu folgen. In der Zeitung stand die Adresse. Irgendwo in Euston Road, nicht wahr? Aber ich hatte Angst, zudringlich zu sein in einem Schmerze, wo ich doch nicht abhelfen konnte. Die arme Frau! In was für einem Zustand muß sie sein! Und dazu ihr einziges Kind! Was hat sie zu all dem gesagt?«

»Mein lieber Basil, wie soll ich das wissen?« sagte Dorian Gray, nippte etwas hellgelben Wein aus einem reizenden bauchigen venezianischen Glase, das mit Goldperlen inkrustiert war, und sah ganz unwillig aus. »Ich war in der Oper. Du hättest auch hinkommen sollen. Ich habe dort Harrys Schwester Lady Gwendolen, kennengelernt. Wir waren in ihrer Loge. Sie ist ein bezauberndes Weib; und die Patti hat göttlich gesungen. Sprich nicht von schrecklichen Dingen! Wenn man über eine Sache nicht spricht, ist sie nicht geschehen. Nur was man äußert, sagt Harry, gibt den Dingen ihre Wirklichkeit. Erwähnen möcht' ich aber, daß sie nicht das einzige Kind der Frau war. Es ist noch ein Sohn da, ein famoser Junge vermutlich. Aber er ist nicht beim Theater. Matrose oder so was ähnliches. Und jetzt erzähle mir was von dir, was malst du?«

»Du warst in der Oper?« sagte Hallward gedehnt, und seine Stimme war gepreßt vor Schmerz. »Du warst in der Oper, während Sibyl Vane tot in irgendeiner schmutzigen Stube lag? Du kannst mir von anderen bezaubernden Weibern erzählen, und daß die Patti göttlich gesungen hat, noch ehe das Mädchen, das du geliebt hast, die Ruhe des Grabes gefunden hat, darin sie schlafen soll? Mensch, bedenke doch, welche Schrecknisse auf den kleinen weißen Körper warten!«

»Hör auf, Basil, ich will davon nichts hören!« rief Dorian und sprang auf. »Du darfst mir über diese Dinge nichts sagen. Was geschehen ist, ist geschehen, was vergangen ist, ist vergangen.«

»Nennst du gestern die Vergangenheit?«

»Was hat die wirklich verstrichene Zeit damit zu tun? Nur seichtes Volk braucht Jahre, um ein Gefühl zu überwinden. Ein Mensch, der Herr über sich selbst ist, kann einen Schmerz ebenso leicht überwinden, wie er einen Genuß entdecken kann. Ich will nicht der Spielball meiner Empfindungen sein. Ich will sie ausnützen, mich an ihnen freuen und sie beherrschen.«

»Dorian, es ist schauderhaft! Irgend etwas hat dich ganz verändert. Du siehst noch genau so aus wie der wunderhübsche Junge, der Tag für Tag in mein Atelier kam, um für mein Bild zu sitzen. Aber damals warst du einfacher, natürlich und herzlich. Du warst das unverdorbenste Menschenkind auf der ganzen Welt. Ich weiß nicht, was jetzt über dich gekommen ist. Du sprichst, als hättest du kein Herz, kein Mitleid in dir. Das ist Harrys Einfluß. Ich sehe es.«

Der junge Mensch wurde rot, ging ans Fenster, sah ein paar Augenblicke auf den grün schimmernden, von der Sonne betupften Garten. »Ich schulde Harry sehr viel, sehr viel, Basil,« sagte er schließlich – »mehr als ich dir schulde. Du hast mir nur Eitelkeit beigebracht.«

»Ich bin bestraft worden dafür, Dorian – oder werde es eines Tages sein.«

»Ich weiß nicht, was du meinst, Basil«, rief Dorian aus und drehte sich um. »Ich weiß nicht, was du willst! Was willst du?«

»Ich will den Dorian Gray wieder, den ich gemalt habe«, sagte der Künstler traurig.

»Basil,« erwiderte der Jüngling, trat vor ihn hin und legte ihm die Hand auf die Schulter, »du bist zu spät gekommen. Als ich gestern hörte, daß sich Sibyl Vane getötet habe – –«

»Sich getötet! Gott im Himmel! ist das ganz sicher?« schrie Hallward und stierte ihn mit dem Ausdruck äußersten Schreckens an.

»Mein lieber Basil! Du glaubst doch nicht, daß es nur ein gewöhnlicher Unglücksfall war? Natürlich hat sie sich selbst getötet.«

Der ältere Mann vergrub sein Gesicht in den Händen. »Wie schrecklich!« flüsterte er und ein Schauer durchrann ihn.

»Nein,« sagte Dorian Gray, »es ist gar nichts Schreckliches daran. Es ist eine der größten romantischen Tragödien unserer Zeit. In der Regel führen Schauspieler das alltäglichste Leben. Sie sind gute Ehemänner oder treue Ehefrauen oder sonst irgendwas Langweiliges. Du verstehst, was ich meine – hausbackene Tugend und lauter solche Dinge. Wie anders war Sibyl! Sie lebte ihre beste Tragödie. Sie war immer eine Heldin. Am letzten Abend, wo sie spielte – an dem Abend, wo du sie gesehen hast –, spielte sie schlecht, weil sie die Liebe als Wirklichkeit erkannt hatte. Als sie ihre Unwirklichkeit erfuhr, starb sie, wie Julia daran gestorben wäre. Sie entschwand wieder in das Reich der Kunst. Sie umschwebt etwas von einer Märtyrerin. Ihr Tod hat all die pathetische Nutzlosigkeit der Märtyrerschaft, all seine vergeudete Schönheit. Aber wie gesagt, du brauchst nicht zu glauben, daß ich nicht gelitten hätte. Wenn du gestern in einem bestimmten Augenblick, etwa um halb sechs oder um drei Viertel sechs gekommen wärst – dann hättest du mich in Tränen aufgelöst gefunden. Selbst Harry, der hier war und mir erst die Nachricht brachte, hat keine Ahnung, was ich durchgemacht habe. Ich litt namenlos. Dann ging es vorüber. Ich kann das Gefühl nicht wiederholen. Niemand kann das, sentimentale Menschen ausgenommen. Und du bist furchtbar ungerecht, Basil. Du kommst hierher, um mich zu trösten. Das ist gut und lieb von dir. Du findest mich getröstet und bist wütend. So sieht dein Mitgefühl aus! Du erinnerst mich an eine Geschichte, die mir Harry über einen Philanthropen erzählt hat, der sich zwanzig Jahre seines Lebens damit abquälte, irgendeinen Mißstand aus der Welt zu schaffen oder ein ungerechtes Gesetz abzuändern – ich kann mich nicht mehr genau erinnern. Schließlich gelang es ihm, und nichts konnte größer sein als seine Enttäuschung. Er hatte nun absolut nichts mehr zu tun, starb beinah vor Langerweile und wurde ein unversöhnlicher Menschenhasser. Und außerdem, mein lieber, alter Basil, wenn du mich wirklich trösten wolltest, so lehre mich lieber vergessen, was geschehen ist, oder lehre mich's von rein künstlerischer Seite ansehen. War es nicht Gautier, der gern über die ›consolation des arts‹ geschrieben hat? Ich erinnere mich, daß mir mal in deinem Atelier ein kleines Buch in Pergamentband in die Hand fiel, und ich darin auf diesen entzückenden Ausdruck stieß. Nun, ich bin ja nicht wie der junge Mann, von dem du mir einmal in Marlow erzählt hast, und der zu sagen pflegte, gelber Atlas könne einen über alles Elend im Leben hinwegtrösten. Ich liebe schöne Dinge, die man in die Hand nehmen und angreifen kann. Alter Brokat, grünpatinierte Bronzen, Lackarbeiten, Elfenbeinschnitzereien, eine erlesene Zimmerkunst, Luxus, Prunk, das sind alles Dinge, die einem viel geben können. Aber die künstlerische Seelenstimmung, die sie erzeugen oder mindestens offenbaren, bedeutet mir doch noch mehr. Ein Zuschauer seines eigenen Lebens sein, wie Harry sagt, das heißt, den Schmerzen des Lebens entrinnen. Ich weiß, du bist erstaunt, daß ich so zu dir spreche. Du hast noch nicht bemerkt, wie ich mich entwickelt habe. Ich war ein Schulknabe, als du mich kennenlerntest. Jetzt bin ich ein Mann. Ich habe neue Leidenschaften, neue Gedanken, neue Vorstellungen. Ich bin anders, aber du mußt mich trotzdem nicht weniger lieb haben. Ich bin verändert, aber du mußt immer mein Freund bleiben. Natürlich habe ich Harry sehr gern. Aber ich weiß auch, daß du besser bist als er. Du bist nicht stärker – dazu ängstigst du dich zu viel vorm Leben – aber du bist besser. Und wie glücklich waren wir doch miteinander! Verlaß mich nicht, Basil, und zanke nicht mit mir. Ich bin, was ich bin. Mehr kann ich dazu nicht sagen.«

Der Maler war seltsam bewegt. Der junge Mensch war ihm unsagbar teuer, und seine Erscheinung war der große Wendepunkt in seiner Kunst gewesen. Er konnte den Gedanken nicht ertragen, ihm noch weitere Vorwürfe zu machen. Am Ende war seine Gleichgültigkeit nur eine vorübergehende Laune. Es steckte ja soviel Gutes, soviel Edles in ihm.

»Gut, Dorian,« sagte er endlich mit einem wehmütigen Lächeln, »ich will von heut an nie wieder über diese furchtbare Sache sprechen. Ich hoffe nur, dein Name wird nicht in Verbindung damit genannt. Die Leichenschau soll heute nachmittag stattfinden. Bist du vorgeladen?«

Dorian schüttelte den Kopf, und eine unangenehme Empfindung glitt bei dem Wort »Leichenschau« über sein Gesicht. In all diesen Dingen lag etwas so Rohes und Gemeines. »Sie kennen meinen Namen nicht«, antwortete er.

»Aber sie wußte ihn doch?«

»Nur meinen Vornamen, und den hat sie gewiß niemand gesagt. Sie erzählte mir einmal, daß alle sehr begierig seien, zu erfahren, wer ich sei und daß sie ihnen beständig sage, ich heiße der Prinz Märchenschön. Das war hübsch von ihr. Du mußt mir eine Zeichnung von Sibyl machen, Basil. Ich möchte von ihr gern etwas mehr haben als die Erinnerung an ein paar Küsse und einige gestammelte pathetische Worte.«

»Ich will versuchen, etwas zu machen, Dorian, wenn ich dir damit eine Freude bereite. Aber du mußt zu mir kommen und mir selbst wieder sitzen. Ich komme ohne dich nicht vom Fleck.«

»Ich kann dir nie wieder sitzen, Basil. Das ist unmöglich!« rief Dorian und schrak zurück.

Der Maler starrte ihn an. »Mein lieber Junge, was für ein Unsinn«, rief er. »Willst du damit sagen, daß du mein Bild nicht gut findest? Wo ist es? Warum hast du den Wandschirm vorgestellt? Laß es mich sehen. Es ist die beste Arbeit, die ich je gemacht habe. Nimm den Schirm weg, Dorian! Es ist eine Schande, daß dein Bedienter mein Bild so versteckt. Ich merkte gleich, wie ich eintrat, daß das Zimmer ganz verändert sei.«

»Mein Diener hat nichts damit zu tun, Basil. Du glaubst doch nicht etwa, daß ich ihm irgendeine Anordnung in meinem Zimmer überlasse? Er ordnet zuweilen meine Blumen – das ist alles. Nein, ich habe es selbst getan. Das Licht war zu stark für das Bild.«

»Zu stark? Gewiß nicht, mein Lieber. Es hat einen untadeligen Platz. Laß mich's mal sehen!« und Hallward schritt in die Zimmerecke.

Ein Schrei des Entsetzens entrang sich den Lippen Dorian Grays, und er stürzte sich zwischen den Maler und den Schirm. »Basil,« sagte er und sah ganz bleich aus, »du darfst es nicht sehen. Ich will es nicht.«

»Mein eigenes Bild nicht sehen? Du meinst das doch nicht im Ernst! Warum soll ich es nicht sehen?« rief Hallward lachend.

»Wenn du versuchst, es anzusehen, Basil, gebe ich dir mein Ehrenwort, daß ich, solange ich lebe, nie wieder ein Wort mit dir spreche. Es ist mein völliger Ernst. Ich gebe keine Erklärung, und du wirst um keine bitten. Aber denke daran, wenn du diesen Wandschirm anrührst, dann ist alles aus zwischen uns!«

Hallward war wie vom Donner gerührt. Er sah Dorian Gray ganz verblüfft an. So hatte er ihn vorher nie gesehen. Der Jüngling war wirklich ganz bleich vor Zorn. Seine Hände waren zusammengeballt, und die Pupillen seiner Augen sahen aus wie blaue Feuerräder. Er zitterte am ganzen Leibe.

»Dorian!«

»Sprich nicht!«

»Aber was ist los? Ich sehe das Bild natürlich nicht an, wenn du es nicht willst«, sagte der Maler ziemlich kühl, drehte sich um und ging zum Fenster hinüber. »Aber es scheint mir wahrhaftig ganz verrückt, daß ich mein eigenes Werk nicht sehen soll, besonders, wo ich es im Herbst in Paris ausstellen will. Ich werde es wahrscheinlich vorher nochmals firnissen müssen, werde es also eines Tages doch gewiß sehen, also warum nicht heute?«

»Es ausstellen? Du willst es ausstellen?« rief Dorian Gray, den ein seltsames Angstgefühl überkam. Sollte alle Welt sein Geheimnis erfahren? Sollte das Volk das Geheimnis seines Lebens begaffen? Das war unmöglich. Irgend etwas – er wußte noch nicht was – mußte sofort geschehen.

»Ja; ich denke nicht, daß du etwas dagegen haben wirst. Georges Petit will nächstens meine besten Bilder für eine Sonderausstellung in der Rue de Sèze sammeln, die in der ersten Oktoberwoche eröffnet werden soll. Das Bild wird nur einen Monat lang weg sein. Ich meine, solange könntest du es leicht entbehren. Du bist ohnehin während dieser Zeit nicht in der Stadt. Und wenn du es überhaupt hinter einem Schirm versteckt halten willst, kann dir ja nicht viel daran gelegen sein.«

Dorian Gray fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Schweißtropfen standen darauf. Er fühlte, daß er am Rande einer fürchterlichen Gefahr stehe. »Du hast mir vor einem Monat gesagt, du würdest es nie ausstellen«, rief er. »Warum hast du dich anders entschlossen? Ihr Leute, die ihr viel Aufhebens von der Konsequenz macht, habt genau soviel Launen wie andere. Der einzige Unterschied ist der, daß eure Launen wenig Sinn haben. Du kannst nicht vergessen haben, daß du mir feierlichst versichert hast, nichts in der Welt könne dich bewegen, das Bild auf eine Ausstellung zu bringen. Du sagtest zu Harry ganz dasselbe.« Er stockte plötzlich, und ein Glanz erwachte in seinen Augen. Er erinnerte sich, daß ihm Lord Harry einmal halb ernst und halb scherzend gesagt hatte: Willst du mal eine merkwürdige Viertelstunde erleben, dann laß dir von Basil sagen, warum er dein Porträt nicht ausstellen will. Er hat mir den Grund erzählt, und es war für mich eine Offenbarung. Ja, vielleicht hatte auch Basil sein Geheimnis. Er wollte ihn fragen und auf die Probe stellen.

»Basil,« sagte er, und trat ganz dicht zu ihm heran und sah ihm fest ins Gesicht, »jeder von uns hat ein Geheimnis. Sage mir das deine, und ich laß dich meines wissen. Was für einen Grund hattest du, die Ausstellung meines Bildes zu verweigern?«

Der Maler erschauderte, ohne daß er es wollte. »Dorian, wenn ich es dir sagte, hättest du mich wahrscheinlich weniger lieb und würdest mich gewiß auslachen. Keines von beiden könnte ich ertragen. Wenn du willst, daß ich nie mehr dein Bild ansehen soll, dann geb' ich mich zufrieden. Ich kann dich selbst ja immer ansehen. Wenn du die beste Arbeit, die ich je gemacht habe, vor der Welt versteckt halten willst, soll es mir recht sein. Deine Freundschaft ist mir mehr wert als Ruhm und Anerkennung.«

»Nein, Basil, du mußt es mir sagen. Ich glaube, ich habe ein Recht, es zu wissen.« Sein Angstgefühl hatte ihn verlassen, und Neugier war an dessen Stelle getreten. Er war entschlossen, hinter Basil Hallwards Geheimnis zu kommen.

»Setzen wir uns, Dorian«, sagte der Maler, der verwirrt aussah. »Setzen wir uns und beantworte mir eine Frage. Hast du an dem Bild etwas Merkwürdiges bemerkt? – etwas, das dir vielleicht anfänglich nicht aufgefallen ist, was sich dir dann aber plötzlich enthüllte?«

»Basil!« schrie der Jüngling, umklammerte die Armlehnen seines Stuhles mit zitternden Händen und starrte ihn mit wilden, verstörten Augen an.

»Ich sehe, du hast es bemerkt. Sage nichts. Warte, bis du gehört hast, was ich zu sagen habe. Dorian, von dem Augenblick an, wo ich dich kennengelernt habe, übte deine Persönlichkeit den außerordentlichsten Einfluß auf mich aus. Ich war beherrscht von dir, meine Seele, mein Gehirn, meine ganze Kraft war es. Du wurdest für mich die sichtbare Verkörperung des unsichtbaren Ideals, dessen Bild uns Künstler wie ein köstlicher Traum verfolgt. Ich habe dich angebetet. Ich wurde eifersüchtig auf jeden Menschen, mit dem du sprachst. Ich wollte dich ganz für mich allein haben. Ich war nur glücklich, wenn ich mit dir zusammen war. Wenn du fort von mir warst, lebtest du trotzdem in meiner Kunst weiter... Natürlich ließ ich dich nie etwas davon wissen. Das wäre unmöglich gewesen. Du hättest es nicht verstanden. Ich selbst hab' es kaum verstanden. Ich wußte nur, daß ich Auge in Auge die Vollkommenheit gesehen hatte und daß sich die Welt meinen Augen als ein Wunder erschlossen hatte – vielleicht als ein zu mächtiges Wunder, denn in so wahnsinniger Anbetung liegt eine Gefahr, die Gefahr, daß die Anbetung aufhört, und die Gefahr, daß sie bleibt... Wochen und Wochen verstrichen, und ich ging immer mehr und mehr in dir verloren. Dann kam ein neues Stadium. Ich hatte dich als Paris in strahlender Rüstung gemalt und als Adonis im Jägergewand mit blitzendem Speer. Mit schweren Lotusblüten bekränzt hast du auf dem Bug von Hadrians Barke gesessen und in den grünen, schlammigen Nil geblickt. Du hast dich über das stille Gewässer einer griechischen Waldlandschaft gelehnt und im stummen Silberspiegel das Wunder deines eigenen Antlitzes gesehen. Und es war alles gewesen, wie die Kunst sein soll, unbewußt, ideal und entrückt. Eines Tages, manchmal denke ich, eines verhängnisvollen Tages, entschloß ich mich, ein wundervolles Bildnis von dir zu malen, wie du wirklich bist, nicht im Kostüm toter Zeiten, sondern in deiner eigenen Tracht und deiner eigenen Zeit. Ob es nun die Realistik der Methode war, oder der Zauber deiner eigenen Persönlichkeit, der mir so ohne jeden Schleier und Nebel entgegentrat, kann ich nicht sagen. Aber ich weiß, daß mir bei der Arbeit jede Schicht Farben mein Geheimnis zu enthüllen schien. Ich ängstigte mich, andere könnten die Abgötterei, die ich mit dir trieb, entdecken. Ich fühlte, Dorian, daß ich zuviel gesagt, daß ich zuviel von mir selber hineingelegt hatte. Damals beschloß ich, das Bild nie auszustellen. Es kränkte dich ein wenig, aber damals verstandest du eben nicht, was es für mich bedeutete; Harry, dem ich davon erzählte, lachte mich aus. Aber das machte mich nicht irrig. Als das Bild fertig war, und ich allein vor ihm dasaß, fühlte ich, daß ich recht hatte... Schön, ein paar Tage später, als es mein Atelier verlassen, und ich alsbald den unerträglichen Zauber seiner Gegenwart überwunden hatte, schien es mir, daß es verrückt von mir gewesen war, mehr darin zu sehen, als daß du sehr hübsch seist, und ich wohl malen könne. Selbst jetzt kann ich nicht umhin, zu fühlen, daß es ein Irrtum sein muß, wenn man glaubt, daß die Begeisterung, die man beim Schaffen hat, in dem Werke, das man schafft, leibhaftig zum Ausdruck käme. Die Kunst ist immer abstrakter, als wir uns einbilden. Form und Farbe erzählen uns von Form und Farbe – weiter nichts. Es scheint mir oft, daß die Kunst den Künstler viel mehr verbirgt als offenbart. Und als ich dann den Antrag aus Paris bekam, entschloß ich mich, dein Bild zum Hauptstück meiner Ausstellung zu machen. Es fiel mir nie ein, daß du es nicht zulassen würdest. Ich sehe jetzt, daß du recht hast. Das Bild darf nicht ausgestellt werden. Du mußt mir nicht böse sein, Dorian, wegen der Dinge, die ich gesagt habe. Ich habe früher einmal Harry gesagt, du bist dazu geschaffen, angebetet zu werden.«

Dorian Gray atmete tief auf. Seine Wangen bekamen wieder Farbe, und ein Lächeln umspielte seine Lippen. Die Gefahr war vorbei. Für den Augenblick war er gerettet. Doch er mußte unendliches Mitleid fühlen mit dem Maler, der ihm eben diese seltsame Beichte abgelegt hatte, und er fragte sich, ob er selbst jemals so stark von der Persönlichkeit eines Freundes beherrscht werden könnte. Lord Henry hatte den Reiz, sehr gefährlich zu sein. Aber das war alles. Er war zu klug und zu zynisch, als daß man ihn wirklich lieben könnte. Würde es je einen Menschen geben, den er merkwürdig abgöttisch anbeten könnte? War das eines von den Dingen, die ihm das Leben noch aufsparte?

»Es ist mir wirklich ein reines Rätsel,« sagte Hallward, »daß du das dem Porträt angesehen haben willst. Hast du es wirklich gesehen?«

»Ich habe etwas darin gesehen,« antwortete er, »etwas, das mir sehr sonderbar vorkam.«

»Und jetzt hast du wohl nichts mehr dawider, es einmal zu betrachten?«

Dorian schüttelte den Kopf. »Das darfst du von mir nicht verlangen, Basil. Es ist mir unmöglich, dich vor dem Bilde stehen zu sehen.«

»Aber doch ein andermal?«

»Nie!«

»Schön, vielleicht hast du recht. Und jetzt adieu, Dorian. Du bist der einzige Mensch in meinem Leben gewesen, der wirklichen Einfluß auf meine Kunst ausgeübt hat. Was ich je Gutes gemacht habe, danke ich dir. Ach! Du kannst dir nicht vorstellen, was es mich gekostet hat, dir all das zu sagen, was ich gesagt habe.«

»Mein lieber Basil,« sagte Dorian, »was hast du mir denn gesagt? Nichts, als daß du das Gefühl habest, mich zu sehr zu bewundern. Das ist nicht einmal ein Kompliment.«

»Es sollte auch kein Kompliment sein. Es war eine Beichte. Jetzt, da ich sie abgelegt habe, kommt es mir so vor, als ob ich etwas verloren hätte. Man sollte seiner Verehrung niemals das Kleid der Worte umhängen.«

»Deine Beichte hat mich enttäuscht.«

»Ja, was hast du denn erwartet, Dorian? Du hast doch nicht sonst noch etwas in dem Bilde gesehen? Es war doch nicht sonst noch etwas anderes zu sehen?«

»Nein, es war sonst nichts anderes zu sehen. Warum fragst du? Aber du solltest nicht von Verehrung sprechen. Das ist Narrheit. Du und ich, wir sind Freunde, Basil, und müssen es immer bleiben.«

»Du hast jetzt Harry«, sagte der Maler traurig.

»Oh, Harry!« rief der junge Mann mit einem fröhlichen Lachen. »Harry verbringt seine Tage damit, unglaubliche Dinge zu sagen, und seine Abende, unwahrscheinliche Dinge zu tun. Das ist genau die Art Leben, das ich führen möchte. Immerhin glaube ich nicht, daß ich je zu Harry ginge, wenn mich Kummer drückte. Ich würde eher zu dir kommen.«

»Du willst mir wieder sitzen?«

»Unmöglich!«

»Du vernichtest meine künstlerische Existenz, wenn du dich weigerst. Kein Mensch begegnet zwei Idealen. Wenige finden eines.«

»Ich kann es dir nicht erklären, Basil, aber ich darf dir nie wieder sitzen. Es schwebt etwas Verhängnisvolles um das Bildnis eines Menschen. Es hat ein Leben für sich. Ich werde zu dir kommen und mit dir Tee trinken, das wird ebenso hübsch sein.«

»Für dich hübscher, fürchte ich«, sagte Hallward bekümmert vor sich hin. »Und jetzt adieu. Es tut mir leid, daß du mich nicht noch einmal das Bild sehen lassen wolltest. Aber dabei ist nichts zu tun. Ich verstehe sehr gut, was du dabei fühlst.«

Als er das Zimmer verlassen hatte, lächelte sich Dorian Gray zu. Der arme Basil! Wie wenig ahnte der doch von dem wahren Grunde! Und wie seltsam es war, daß er es, statt sein eigenes Geheimnis offenbaren zu müssen, fast durch einen Zufall erreicht hatte, dem Freunde das seine zu entreißen. Wie viel erklärte ihm doch diese merkwürdige Beichte! Die unverständlichen Eifersuchtsanfälle des Malers, seine ungestüme Verehrung, seine übertriebenen Lobeshymnen, sein sonderbares Verstummen – das alles verstand er jetzt, und er tat ihm leid. Einer Freundschaft, die so stark von Romantik gefärbt war, schien ihm eine gewisse Tragik inne zu wohnen.

Er seufzte und drückte auf die Klingel. Das Porträt mußte um jeden Preis versteckt werden. Er konnte sich nicht ein zweitesmal der Gefahr solcher Entdeckung aussetzen. Es war wahnsinnig von ihm gewesen, das Ding da überhaupt nur eine Stunde lang in einem Zimmer zu lassen, zu dem jeder seiner Freunde Zutritt hatte.


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