Christoph Martin Wieland
Das Geheimniß des Kosmopoliten-Ordens
Christoph Martin Wieland

 << zurück weiter >> 

Einleitung.

Es werden ungefähr vierzehn Jahre seyn, daß der Geschichtschreiber der Abderiten bei Gelegenheit einer unvermutheten Zusammenkunft des Hippokrates und Demokritus die erste Nachricht von einer unsichtbaren Gesellschaft gab, welche bereits einige Jahrtausende unter dem Namen der Kosmopoliten existiren und, seinem Vorgeben nach, große Vorzüge vor allen anderen geheimen Gesellschaften und einen wichtigern und dauerhaftern Einfluß in die Dinge dieser Welt haben sollte, als irgend eine der letztern sich mit Grunde zuschreiben könne.

Das Wenige, was dem besagten Geschichtschreiber blos zufälliger Weise und im Vorbeigehen von diesem bisher unbekannten geheimen Orden entfallen war, erregte eine allgemeine Aufmerksamkeit, in deren Ursachen wir hier nicht einzudringen begehren. Genug, je räthselhafter die Sache den meisten Lesern vorkam, je begieriger wurden sie, mehr von diesem Geheimnisse zu erfahren.

Diese Neugier mußte natürlicher Weise nicht wenig zunehmen, da bald hernach ein berühmter Mann desselben Jahrzehends in den dringenden Ermahnungen, die er schnell hinter einander an alle Stände und Classen der Nation ergehen ließ, um zu Ausführung eines der ganzen Welt unendlich wichtigen Instituts die geringe Summe von 398 dreißigtausend Thalern zusammen zu schießen, sich auch namentlich und mit ganz besonderm Nachdruck und Vertrauen an die Kosmopoliten wandte und dadurch das Daseyn dieser geheimen Gesellschaft (welches vorher noch von einigen Ungläubigen bezweifelt worden war) außer allen Widerspruch zu setzen schien.

In Kurzem erfolgte nun, was die Kosmopoliten voraus gesehen hatten. Da ihre Unsichtbarkeit nothwendig aus der Natur der Sache folgt; da überdieß keiner von ihnen ein Mitglied irgend einer andern geheimen Gesellschaft seyn kann, weil er von dem Augenblick an, da er sich zu einem solchen Schritt entschlösse, aufhörte, ein Kosmopolit zu seyn; und also, alles Forschens und leisen Anklopfens ungeachtet, die wirklichen Glieder dieses Ordens Allen, die nicht ihres Gleichen waren, verborgen blieben: so glaubten gewisse Leute, die um diese Zeit mit sehr weit aussehenden Entwürfen schwanger gingen, ein Großes zu Beschleunigung derselben zu thun und sich bei manchen einen desto leichtern Eingang zu verschaffen, wenn sie sich eines Namens, an welchen mehrere Jahre lang Niemand Anspruch zu machen schien, als einer gleichsam verlassenen Sache bemächtigten und sich, so oft es ihren Absichten zuträglich war, mit dem Kosmopoliten- oder Weltbürgertitel schmückten, um die Meinung von sich zu erwecken, als ob sie wirklich und ausschließlich im Besitze des Geheimnisses wären, wovon der Verfasser der Abderitengeschichte in einem so räthselhaften Tone gesprochen hatte.

Ob sie hierin blos als seine weltkluge Speculanten zu Werke gegangen, oder ob sie vielleicht in Allem diesem ehrlich zu seyn geglaubt und, selbst von der größten aller Zaubrerinnen getäuscht, sich wirklich eingebildet haben mögen, etwas zu seyn, was sie nicht waren, lassen wir dahin gestellt. Das 399 Letztere könnte um so eher zu glauben seyn, da sie, indem sie sich den Begriff eines Weltbürgers zu entwickeln suchten, sehr leicht auf die vermeinte Entdeckung fallen konnten, daß die Erleuchtung der Welt, wo nicht das einzige, doch wenigstens das vornehmste Mittel sey, wodurch die Kosmopoliten den ihnen zugeschriebenen großen Einfluß in die sublunarischen Dinge bewirkten.

Da der Erfolg, ungeachtet der glänzenden Aussichten, die den Menächmen der Kosmopoliten nichts Geringeres als das Imperium orbis zu verheißen schienen, ihren sanguinischen Hoffnungen nicht besser entsprach, als es jene (ohne ihre Feinde zu seyn oder nur einen Finger gegen sie zu rühren) voraus gesehen hatten; so wäre es ohne allen Nutzen, uns deutlicher über diesen Hergang zu erklären. Aber dieß glauben wir doch hinzu setzen zu müssen: daß man sich mächtig betrogen finden würde, wenn man sich schmeicheln wollte, mit irgend einem andern Losungsworte – zum Beispiel mit Aufklärung (das ohnehin der verunglückten Erleuchtung zu synonym ist, um sich ein viel besseres Schicksal zu versprechen), jemals glücklicher zu seyn. Denn die wahren Kosmopoliten können und werden es nicht länger zugeben, daß geheime Gesellschaften, die in ihrer ganzen innern Verfassung und in der Art und Weise, wie sie sich um das menschliche Geschlecht verdient machen wollen, so ganz das Gegentheil von ihnen sind, sich entweder ihres Namens anmaßen oder, unter welchem andern Namen es seyn möge, die Meinung von sich erwecken, als ob die Kosmopoliten mit ihnen einerlei Zweck und Mittel hätten und jemals, es sey durch den Beitritt einzelner Personen aus ihrem Mittel oder durch eine allgemeine Vereinigung, gemeine Sache mit ihnen zu machen fähig wären.

400 Das kürzeste und meines Erachtens auch das edelste Mittel, diesen Zweck zu erreichen und den Gaukelspielen aller gegenwärtigen und künftigen Pseudo-Kosmopoliten ein Ende zu machen (es wäre denn, daß die Welt schlechterdings mit sehenden Augen betrogen seyn wollte), ist unstreitig der Entschluß, den ich – mit vorausgesetzter unausbleiblicher Genehmigung und im Namen des ganzen Ordens – gefaßt habe, das, was bisher das Geheimniß desselben war, ohne alle Zurückhaltung so aufrichtig und deutlich bekannt zu machen, daß es auch dem einfältigsten Menschenkinde in Zukunft unmöglich seyn soll, echte und unechte Kosmopoliten jemals mit einander zu verwechseln.

Die Zeit ist endlich gekommen, wo nichts Gutes das Licht zu scheuen Ursache hat; wenigstens ist sie für unser Vaterland gekommen. Es gibt, Dank sey dem Himmel! keine Neronen und Domitiane unter uns, vor denen gute Menschen sich verbergen müßten. Wenn auch in vielen Gegenden die Rechte der Vernunft durch alte Vorurtheile noch geschmälert und angefochten werden; so ist doch keine Wahrheit. die sich nicht irgendwo in Germanien mit aufgedecktem Angesichte zeigen dürfte. Der freie Geist der Untersuchung hat in dem glücklichsten Zeitalter der Griechen (von welchen alle Aufklärung ausgegangen ist) mitten in Athen nie unbeschränkter wirken dürfen als in unsern Tagen; und selbst jeder Mißbrauch der Vernunft in speculativen Dingen hat (wie billig) keine andere Ahndung als die Zuchtruthe der Kritik zu scheuen. Und ist nicht die außerordentliche Duldung, welche man geheimen Verbindungen, die in keinem wohl policirten Staate geduldet zu werden hoffen durften, widerfahren ließ, ist nicht diese Duldung selbst der auffallendste Beweis, wie ganz unnöthig es ist, irgend einen löblichen 401 Zweck durch verborgene Wege und geheimnißvolle Mittel erzielen zu wollen?

Die Kosmopoliten können durch die Bekanntmachung ihres Geheimnisses in den Augen aller verständigen und guten Menschen nur gewinnen. – Es ist nicht das Geringste weder in ihrer Verfassung noch in ihrem Zwecke noch in ihren Mitteln, das sich hinter allegorische Schleier und in hieroglyphische Dunkelheit verbergen müßte. Sie dürfen der Welt zeigen, wer sie sind, und was sie im Schilde führen. – Ihr geheime Orden alle, wollt ihr uns von der Rechtmäßigkeit eurer Verfassungen, von der Lauterkeit eurer Absichten, von der Unschuld eurer Mittel überzeugen – so gehet hin und thut desgleichen! 402



 << zurück weiter >>