Jakob Wassermann
Alexander in Babylon
Jakob Wassermann

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Sechstes Kapitel

Fieber

Im selben Morgenschein kam vom Tigris herüber Arrhidäos mit seiner Schar. Zehn Tage war er in der Ebene jenseits des Stromes geblieben. Während ein großer Teil seiner Söldner heimlich ins große Lager entwich, verweilte er geduldig Tag um Tag, flöteblasend, fischefangend oder jagend, bis alle Vorzeichen günstig waren.

Durch das westliche Tor zog er in die Stadt und zum Palast, stieg vor der Terrasse vom Pferd und ging, von seinen Hauptleuten begleitet, rasch die Treppen hinauf. Von der Wache am Portal angehalten, nannte er ärgerlich seinen Namen. Alexander ist im Bad, hieß es. »Ich bin Alexanders Bruder,« sagte Arrhidäos eindringlich und stolz. Wenn du nicht Alexander selbst bist, können wir dich nicht einlassen, wurde ihm erwidert.

In diesem Augenblick kamen Leonnatos und Perdikkas aus dem Tor. Ihre Mienen verrieten eine gewisse Bestürzung. Alexander hatte nach Hephästion verlangt, als er vom Gelage zurückgekommen war, und seit einer Stunde suchten sie Hephästion, hatten ins Lager geschickt, in die Zelte seiner Freunde, in die Frauenwohnungen.

Arrhidäos erkannte Perdikkas. Er trat auf ihn zu und sagte mit einer Herzlichkeit, mit der man einen Freund nach Jahren der Trennung begrüßt: »Dich liebt Gott, mein Perdikkas! Du bist jünger als vor zwölf Jahren, der Ruhm steht dir gut. Erinnerst du dich meiner? Ich bin Arrhidäos. Geh, sag' doch meinem Bruder Alexander, daß ich ihn sehen möchte.«

Perdikkas stutzte und konnte wie Leonnatos sich nicht enthalten zu lächeln; vielleicht über das naive Selbstbewußtsein im Gegensatz zu dem dürftigen Aufzug des Mannes, vielleicht über das Gemisch von Schwermut und Beweglichkeit in dem hagern langnasigen Gesicht.

»Du mußt warten, Arrhidäos,« sagte Leonnatos und betrachtete den Seltsamen neugierig.

Arrhidäos senkte traurig den Kopf. Viele würden an seiner Statt geschwiegen haben, aber er war nicht fähig, einen Gedanken oder eine Empfindung in sich zu verschließen. »Soll ich denn an der Türe stehen bleiben?« fragte er, von einem zum andern blickend. »Ich bin Philipps Sohn, ich bin ein freier Mann, und wenn man auch von meinen Taten noch nichts weiß, so ist es nur, weil sie noch nicht getan sind.«

Ein verlegenes Schweigen folgte diesen von der Logik eines Kindes erfüllten Worten. »Ist es denn so eilig, was du vorzubringen hast?« fragte Perdikkas mit billiger Ironie.

Voll Schicksalsbangigkeit blickte Arrhidäos den Frager an. »Ich habe nichts mehr, um meine Leute zu bezahlen,« sagte er zutraulich. »Ich bin arm, Alexander ist reich, das ist alles. Wenn ich Alexander wäre, würde ich wissen, was Arrhidäos gebührt.«

Stillverwundert schüttelte Leonnatos den Kopf, und Perdikkas lachte. Dann stiegen beide zu Pferd und ritten nach verschiedenen Richtungen ins Lager.

Bald kamen die Führer zum Tagbericht, und der Oberste der Wache brachte die Erlaubnis zum Einlaß.

In dem langgestreckten Empfangssaal herrschte kühle Dämmerung, nur vor den Hohlfenstern lag das Sonnenlicht weiß wie Milch. Arrhidäos drängte sich weit nach vorn, um von Alexander gesehen zu werden. Er erblaßte und fing an zu zittern, als ihn Alexanders Blick traf. Das erregt wartende Lächeln zerschmolz auf seinen Lippen. Zum Zeichen, daß er ihn wohl erkenne, nickte ihm Alexander zu, aber er rief ihn nicht, er hatte nicht Lust, ihm die Hand zu reichen, es war, als ob statt vieler Jahre wenige Stunden verflossen wären, seit sie einander zuletzt gesehen. Arrhidäos schämte sich. Chaotischer Haß durchwühlte die verfinsterte, gekränkte Seele, die eben noch zur Liebe bereit gewesen. Er war zu stolz, um ein Anliegen vorzubringen, selbstquälerisch gefiel er sich in seinem Schmerz; je tiefer ihn die Gegenwart hinabwarf, je höher würde ihn die Zukunft erheben. Das war sein Glaube, seine Phantasie nahm die Erde in Besitz, kettete freischaltend Bestimmung an Bestimmung, bis der Kreis des Schicksals geschlossen war. In solchen Stunden war ihm zumut, als könne er ins Innere des Weltkernes schauen, als höre er das Herz der Gottheit schlagen, und es erschien unwesentlich, eine Tat zu vollbringen, wenn der Wunsch sie gestaltet hatte. Wären die entsetzlichen Krämpfe und Zuckungen seines Körpers nicht gewesen, die auf so erhabene Augenblicke folgten, dann hätte er sie mit keinem greifbaren Glück vertauschen mögen.

Eine Frau hatte sich durch die um Alexander stehenden Männer gedrängt, – Drypetis, deren Eintritt niemand beachtet hatte. Stumm reichte sie Alexander den Talisman Hephästions, den sie bei der rasenden Suche nach dem Gatten vor dem Bild des Eros gefunden hatte.

Verwundert betrachtete Alexander das Ding; es war der Schwanz einer Taube, aus Elfenbein gebildet und mit ägyptischen Hieroglyphen gedeckt. Er erkannte es. Einen zufälligen Verlust konnte er nicht annehmen. Er fragte die Perserin, wie sie dazu gekommen sei, und als ihre blutlosen Lippen den Ort nannten, zog ein fragendes Befremden über sein Gesicht und sein Blick flog sinnend ins Leere.

Zwischen dem Lager der Griechen und der Morgenländer befand sich inmitten eines Cypressenhains ein ummauerter Brunnen. Außerhalb des Schattenkreises knisterte das Gras vor Hitze. Von den Strömen herüber kamen unendliche Schwärme von Insekten und schwebten auf und ab wie vom Wind bewegte Schleier. Ein Fäulnisgeruch lag in der Luft wie über geöffneten Gräbern.

Am Rande des Brunnens saß Hephästion auf einer niedrigen Steinbank. Seine Augen verlangten nach der Kühle und Dunkelheit in der Tiefe des Brunnens.

Langsam kamen zwei Meder und ließen einen schweren Eimer hinab. Während die Kette hinunterrasselte, betrachteten sie Hephästion scheu. Schläfrig vor sich hinsummend, zogen sie das gefüllte Gefäß wieder herauf und verschwanden bald, wankenden Schrittes die Last schleppend, im Sonnenglast.

Hephästions Gewand war staubbedeckt. Dünne Zweige und kleine Blätter hingen ihm verworren im Haar.

Er träumte. Er träumte von einem kühlen Tal in den Gebirgen Makedoniens und von einer Hütte, wo sieben Kinder um eine wunderschöne Mutter spielten. Es war Hephästions heimatliches Haus. Der schmeichlerische Ton der Hirtenflöte klang von den Hängen herüber, bevor der Abend kam. O stille Heimat, ungebrochenes Schweigen! O tiefe Lust, wenn zum Sommerfest die Paare kamen, mit Myrten und Wasserminze geschmückt und der älteste der Hirten den Wein kredenzte, wenn die Nacht sank und der reine Mond die Täler füllte und schweigend die Knaben zu der Quelle wanderten, wo einst die Dioskuren geschlafen.

Einige Reiter näherten sich dem Zypressendunkel, an der Spitze Leonnatos. Sie waren müde vom Suchen und erschöpft von der Hitze. Einer sprengte voraus und warf einen Blick in das Schattengrün. Das Tier wollte nicht umkehren, es witterte Wasser. Die andern kamen nach, erblickten die zusammengekauerte Gestalt am Brunnen und erkannten Hephästion.

Leonnatos sprang vom Pferd und trat vor Hephästion hin. Dieser rührte sich nicht. Den Arm auf die verfallene Ziegelmauer des Brunnens gestützt, schaute er unbeweglich in die Tiefe. Hätte Leonnatos nicht seine Brust atmen, die Adern des Halses zucken gesehen, er hätte ihn tot geglaubt.

»Du bist weiß wie Schnee, Hephästion,« sagte er, ging noch einen Schritt näher, beugte sich über den Regungslosen und legte die Hand auf dessen Schulter. Seine Gefährten standen stumm unter den Bäumen und hielten ihre Rosse fest.

Da erhob sich Hephästion. Er erkannte Leonnatos und dennoch erschien er ihm fremd. Mit den Fingerspitzen beider Hände tastete er an seinen Wangen herab, wie um ihre Blässe zu befühlen, und murmelte: »Meine Sklaven sollen mir Schminke bringen.«

»Alexander läßt dich suchen,« sagte Leonnatos.

Hephästion schaute zwischen den Stämmen hindurch in den Sonnenbrand und schüttelte den Kopf. Doch folgte er Leonnatos, der ihn zu den Pferden führte. Sie ritten ins Lager. Schon von weitem kamen ihnen die Sklaven Hephästions entgegengelaufen, die ihren Herrn erkannt hatten und ihn schreiend begrüßten. Hephästion verlangte Wasser. Ein phrygischer Knabe lief gazellengeschwind davon, seine ölfetten Glieder funkelten. Schon bei den ersten Zelten stand er mit der gefüllten Schale. – Aber das Wasser schmeckte warm und schlecht; Hephästion schüttelte sich und goß es über den Hals des Pferdes aus. Er forderte Wein. Man brachte ihm einen tiefen Becher gefüllt, und er trank ihn leer. Dann stieg er ab. Sein Haar war schweißfeucht. Ihn fror. Was er sah, flog wie eine Jagd verzerrter Bilder an Sinn und Auge vorüber. Mit übermenschlicher Kraft hielt er sich aufrecht und zwang die Gedanken, den äußeren Vorgängen zu folgen. Wenn Himmel und Erde sich um ihn drehten, schloß er die Augen und biß die Zähne zusammen. Die Sklaven führten ihn ins Bad.

Inzwischen hatte Alexander die gegen die Kossäer ziehenden Truppen gemustert und dem Meleager an Hephästions Stelle die Führung übergeben. Als er zurückkam, war sein erstes Wort die Frage nach Hephästion. Es wurde ihm gesagt, Hephästion sei vor kurzem mit Leonnatos gesehen worden. Er schickte einen Edelknaben nach Hephästions Wohnung in den Palast. Draußen warteten die Boten, die schon am Mittag angekommen waren; sie brachten Unheil und Ungemach: Aufstand in Baktrien, in Indien, in Griechenland, Räuberhorden in Lydien, Brand der Stadt Damaskus, Widersetzlichkeit der Chaldäer in Babylon, ungetreue Statthalter, verräterische Feldherren. Alexander kümmerte sich nicht darum. Seine Sehnsucht nach Hephästion war plötzlich schmerzhaft geworden und brachte sein Blut in die heftigste Wallung. Unruhig ging er im Zelt auf und ab, als der Edelknabe zurückkam. Hephästion wolle nicht kommen, könne nicht kommen, sagte der Jüngling, und Alexanders flammender Blick ließ ihn verstummen. Alexander rief die makedonische Wache und einen Unterführer; schäumend vor Ungeduld, befahl er ihnen, Hephästion zu bringen. Er bedachte seine Worte nicht, erst als sie geraume Zeit fort waren, fiel ihm ins Ohr, was er gesagt. Er eilte hinaus, warf sich auf ein Pferd und stürmte in den Palast. Seine Ahnung war begründet. Die Söldner hatten sich an den Wortlaut seines Auftrags gehalten, hatten mit ihren Beilen die Türe zu Hephästions Zimmer eingeschlagen, da er auf ihr wiederholtes Rufen nicht geöffnet, und als Alexander kam, mußte er schon über Trümmer schreiten, um zu dem Freund zu gelangen.

Da stand Hephästion in der Dämmerung. Seine Stirn, seine Wangen, sein Hals glühten, seine Brust war im Innern wie entzündet. Was er sagen wollte, verlor sich in Flammen. Mit einem Freudenschrei lief Alexander auf ihn zu. Wie ein Liebender die Braut umarmt, so umarmte, umklammerte er ihn. Er küßte ihn auf die Lippen und fragte zärtlich: »Warum sind deine Lippen kalt?« er betastete ihm Haupt und Hände, er lachte kindlich und herzte ihn, – aber Hephästion? Hephästion schwieg. Hephästion schaute in Alexanders Augen, er schaute tief in ihn hinein. Da war er des Lebens müde, da begann er des Todes sich zu freuen. Denn was er in einer Sekunde überirdischer Hellsichtigkeit dort erblickte, war ein Schicksal, so hart, so qualvoll, so unerhört, daß es zum Wahnsinn führte, nur darum zu wissen. Wie sie nun so Brust an Brust standen, blickte jeder in eine andere Welt. Plötzlich machte sich Hephästion los, drückte Alexander stumm die Hand und ging, seine Schwäche verbergend, den Rest der Besinnung gewaltsam festhaltend. Jetzt war Alexander durch etwas Geheimnisvolles in Hephästion betroffen. Er setzte sich auf einen Sessel, stützte den Kopf in die Hand und verfiel in ein langes Nachdenken, beeinflußt durch die Nacht, durch die starr horchenden Augen der Söldner, durch irgendeinen Singsang vor dem Tor und durch eine wunderliche Trauer, die aus seinem Innern stieg wie Nebel aus dem Wasser.

Hephästion verließ die Stadt. Er war mit eiskaltem Schweiß bedeckt, und der Kopf auf den Schultern wurde ihm zur fürchterlichen Last. Wenn er die Augen aufschlug, schwirrte die Luft um ihn wie geschmolzenes Silber. Vor einem Zelt war eine Frauensperson beschäftigt, Melonen aufzuschneiden und in Honigwasser zu legen. Ihn erfaßte Begierde nach der Frucht, ebenso rasch ekelte ihn wieder. Der Hauch aus seinem Mund war so heiß und trocken, daß bei jedem Atemzug die Lippen schmerzten. Die Knochen schienen als eine weichliche Masse im Körper zu zerfließen. Verzehrend war sein Durst, aber er konnte nicht reden. Er hörte das Meer, es war wie ein wunderbares Töne-Gespinst, und den Zuruf der Matrosen. Nyppapai, riefen sie, Ryppapai!

In geringer Entfernung tauchte ein Zug von Männern auf: Griechen, Perser, Babylonier. Ihre Gesichter waren aufgedunsen. Sie verrenkten im Tanz die Glieder, jauchzten und jammerten, trugen kleine geschnitzte Götterbilder, die sie küßten. Allen voran stand Liblitu in einem muschelförmigen Wagen auf hohen Bronzerädern, der von zwei zahmen mesopotamischen Panthern gezogen wurde.

Hephästion sah sich der Babylonierin gegenüber. Von den Haaren herab wallte ihr nach rückwärts ein weißes Gewebe, das ganz mit Silberplättchen durchflochten war und einen zauberhaften Schimmer verbreitete. Wie in einer glitzernden Wolke stand sie nackt darin. Dicke Perlenketten liefen von Ohr zu Ohr über die Stirn, und zwischen den Brüsten trug sie, an dünner Goldkette befestigt, einen herrlichen Topas.

Hephästion wandte keinen Blick von ihr. »Du Traumgenosse,« redete sie ihn lächelnd an.

Die Panthertiere wurden unruhig, ihre tückischen gelben verschlafenen Augen zogen sich zusammen. Sie schlugen mit den Schwänzen und scharrten mit den Pranken die Erde. Als Liblitu mit der Zunge schnalzte, setzten sie sich in Bewegung. Das Gesicht des Weibes, vom Fieber verzerrt, blieb Hephästion zugewandt. »Du Traumgenosse,« sagte sie.

Ein Priester stimmte den Klagegesang an, um die Dämonen des Fiebers zu rühren: In Fesseln bin ich geworfen, ein Dolch hat mich durchbohrt, ich kann nicht mehr aufatmen in der Nacht, meine Gedanken sind zerrissen, kein Gott hilft, keine Göttin faßt meine Hand, offen ist das Grab.

Sie waren vor dem Tempel angelangt. Der Oberpriester öffnete das Tor und sagte: »Tritt ein, meine Herrin, die Todesgöttin befiehlt es.«

Liblitu stieg vom Wagen. Der alte Priester nahm ihr die Perlenschnur von der Stirn. »Warum, Wächter, nimmst du mein Geschmeide?« fragte sie demütig.

»Die Todesgöttin befiehlt es,« antwortete der Priester. Dann löste er die Nadel, durch die der Schleier in den Haaren befestigt war.

»Warum, Wächter, tust du das?« fragte sie.

»Die Todesgöttin befiehlt es,« entgegnete der Priester.

Die Nacht kroch über die Stadt, lauernd wie ein Skorpion. Ihre Augen funkelten von Mordgier. Sie fraß das Licht von der Erde weg wie eine Schlange den harmlos zögernden Vogel, würgte es hinab in ihren Bauch – der an- und anschwoll, die Finsternis selbst. Es ragten Säulen in diese Dunkelheit, wie angsterstarrte Warnungsfinger, Mauern erhoben sich wie todumfangene Stirnen, Straßen liefen wie Sand, der vor Grauen beweglich geworden ist, Palmen standen mit den Kronen auf eine Seite geneigt gleich windbewegten Fackelflammen. Es dufteten die Malven, das Kardamon und Phönixgras.

Niemand durfte schlafen oder wachen in Opis. Die erstgeborenen Söhne wurden in unterirdische Gemächer gebracht und man zitterte für ihr Leben. Alle Fieberkranken wurden vor die Mauern getrieben; entkleidet und mit gräßlichem Geschrei jagten sie durch die Dunkelheit und mieden die hellerleuchteten Lager der fremden Heere.

Perser und Makedonier, durch die Gastfreundschaft der Fürsten vereinigt, feierten ein Trinkgelage. Die goldbefransten Purpurdecken der Zelte glühten in tausendfachem Fackellicht und im Schein der mächtigen Pechflammen. Von Stamm zu Stamm der jungen Zypressen kränzten und spannten sich dunkelleuchtende Weinreben. Alles schrie, sang und tanzte. Zu Hunderten hatten sich fremde Barbaren eingefunden, mit Lorbeer und Efeu geschmückt. Sklaven lagen bäuchlings und schlürften den auf der Erde verschütteten Wein. Man verlangte nach Alexander. Alexander war beim Fackellauf der Knaben. Kyprische Kranzflechterinnen zogen liedersingend zum Platz des Wettkampfes.

Da ertönte aus der Finsternis der Ebene herein ein Schrei: furchtbar langgezogen, heiser, in Absätzen immer wieder beginnend. Und er kam näher. An der Grenze des Lichtkreises tauchte ein riesengroßer Körper auf, oder doch riesengroß erscheinend in der zerteilten Beleuchtung, eine rote Brust, ein helmloses Haupt von schwarzen Haaren umstürmt, zähnefletschend, die Lippen voll Schaum. Mehr gleitend als gehend, schleifte er weit vorgebeugt an seinem linken Arm einen Weiberkörper nach, den er an den Haarwurzeln gefaßt hatte.

Die Makedonier taumelten entsetzt auseinander, als sie Hephästion erkannten. Sein Kleid war zerfetzt, die Rüstung beschmutzt, die Füße nackt. Fortwährend schrie er denselben Schrei. Er sauste in den Lichtkreis der Gelage und schleuderte die Babylonierin, die er an den Haaren dahergezogen hatte, wie ein erlegtes Wild quer über einen der Tische. Dann wankte er und stützte die Stirn schwer gegen den Stamm eines Baumes. Der Saft einer Traube, die er so zerquetschte, rann ihm wie Blut über das Gesicht. Er ergriff mit beiden Armen eine hüftenhohe Amphore, neigte sie, kauerte nieder und trank in gierigen Zügen. Als er fertig war, blickte er starr zum Himmel und sah Sterne, Sterne hoch über Wasser und Land, den stillen Nordstern und Dionysos leuchtendes Antlitz.

Langsam schlossen sich seine Augen. Schauer auf Schauer durchschüttelte ihn. Er griff mit den Armen um sich und stürzte zu Boden. Ein Grieche suchte ihn aufzuhalten »Er stirbt!« schrieen die Makedonier. Der Hauptmann Lamachos warf sich auf ein Pferd um Alexander zu holen. Einige liefen nach den Ärzten. Ein paar Sklaven umstanden den Leichnam der Liblitu.


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