Jules Verne
Die Kinder des Kapitän Grant - 1
Jules Verne

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Einundzwanzigstes Capitel.

Das Fort Indépendance.

Die Sierra Tandil liegt tausend Fuß über dem Meeresspiegel; sie ist eine Kette von Vorgebirgen, d. h. sie bestand vor jeder organischen Schöpfung oder Umgestaltung, und zwar in dem Sinne, daß ihr Gebilde und ihre Bestandtheile durch die Wirkung innerlicher Wärme nach und nach eine Veränderung erlitten haben. Sie besteht aus einer halbkreisförmigen Reihe von Hügeln aus Gneis mit Gras bewachsen. Der District Tandil, dem sie ihren Namen verliehen, umfaßt den ganzen südlichen Theil der Provinz Buenos-Ayres, und wird von einer Wasserscheide begrenzt, welche die auf ihrer Abdachung entspringenden Gewässer nach Norden sendet.

Dieser District enthält ungefähr viertausend Einwohner, und sein Hauptort ist das Dorf Tandil, das am Fuß des nördlichen Rückens der Sierra unter dem Schutze des Fort Indépendance liegt; seine Lage am bedeutenden Chapaleosubach ist eine sehr günstige. Eine sonderbare Eigentümlichkeit, die auch Paganel nicht unbekannt sein konnte, besteht darin, daß dieses Dorf nur von französischen Basken und italienischen Kolonisten bewohnt ist. Frankreich hat in der That die ersten fremden Niederlassungen in diesem unteren Theile La Platas gegründet. Im Jahre 1828 wurde das Fort Indépendance zum Schutz des Landes gegen die wiederholten Einfälle der Indianer von dem Franzosen Parchappe errichtet. Ein bedeutender Gelehrter, Namens Alcide d'Orbigny, unterstützte ihn bei diesem Unternehmen; dieser hat alle südlichen Staaten Südamerikas am besten gekannt, erforscht und beschrieben.

Das Dorf Tandil ist ein ziemlich wichtiger Punkt. Vermittelst seiner »Galeras«, großer, zum Befahren der Ebene sehr geeigneter Ochsenkarren, gelangt man in zwölf Tagen nach Buenos-Ayres; daraus ist ein bedeutender Verkehr mit jener Gegend entstanden: das Dorf schickt in die Stadt die Erzeugnisse seiner Viehstände und Pökelanstalten, sowie die höchst merkwürdigen Producte der indianischen Industrie, wie die Baumwollstoffe, die Wollgewebe, die so gesuchten Lederflechtarbeiten u. s. w. Daher besitzt auch Tandil, außer einer gewissen Anzahl ziemlich wohnlicher Häuser, Schulen und Kirchen zum Unterricht für diese und jene Welt. Nachdem Paganel diese Einzelheiten angeführt hatte, fügte er noch hinzu, es könne im Dorfe Tandil nicht an Auskunft fehlen; das Fortist außerdem stets von einer Abtheilung Nationaltruppen besetzt. Glenarvan ließ also die Pferde in den Stall einer ziemlich gut aussehenden »Fonda« einstellen; darauf wandten sich Paganel, der Major, Robert und er unter Führung Thalcave's dem Fort Indépendance zu.

Nachdem sie einige Minuten lang auf dem Rücken der Sierra hinangestiegen, kamen sie vor einem, von einer argentinischen Schildwache ziemlich nachlässig bewachten Schlupfthore an, und fanden ohne Schwierigkeit Einlaß; ein Beweis großer Sorglosigkeit oder vollkommener Sicherheit.

Einige Soldaten exercirten auf dem Glacis der Feste; der älteste dieser Soldaten mochte zwanzig, der jüngste kaum sieben Jahre alt sein. Um es gerade heraus zu sagen, es war ein Dutzend Knaben und junger Burschen, die sich in eigentümlicher Weise in der Waffenkunst einübten. Ihre Uniform bestand aus einem gestreiften Hemde, das an der Hüfte von einem Ledergürtel zusammengehalten wurde; von Hosen, Jacke oder schottischem Kilt war keine Rede. Die Milde der Temperatur berechtigte übrigens zu diesem leichten Costüme. Paganel bekam gleich von vorn herein eine gute Meinung von einer Regierung, die nichts an Tressen und Zierathen vergeudet. Jedes dieser Bürschchen trug ein Percussionsgewehr und einen Säbel, dieser für die Kleinen zu groß, und jenes zu schwer. Alle hatten sonnverbrannte Gesichter und eine gewisse Familienähnlichkeit. Der sie unterweisende Corporal glich ihnen ebenfalls; es waren in der That zwölf Brüder, welche vom Dreizehnten einexercirt wurden.

Paganel war darüber nicht erstaunt; er kannte die argentinische Statistik und wußte, daß in diesem Lande auf jeden Haushalt im Durchschnitt neun Kinder kamen; ganz besonders aber fiel ihm auf, daß er diese kleinen Soldaten auf französische Art exerciren und mit vollkommener Genauigkeit die Hauptbewegungen des Ladens in zwölf Tempo ausführen sah. Oefters waren sogar die Commandoworte des Corporals in der Muttersprache des gelehrten Geographen zu hören.

»Das ist doch sonderbar«, sagte er.

Glenarvan war jedoch nicht in das Fort Indépendance gekommen, um Knaben exerciren zu sehen, noch weniger aber um ihre Nationalität oder Abstammung sich zu kümmern. Er ließ also Paganel nicht Zeit, sich noch mehr zu wundern, und bat ihn, nach dem Chef der Garnison zu fragen. Dieser that es, und einer der argentinischen Soldaten begab sich in ein kleines Haus, das als Kaserne diente.

Einige Augenblicke nachher erschien der Commandant selbst. Es war ein Mann von fünfzig Jahren, kräftig gebaut, von militärischem Aussehen, mit struppigem Schnurrbart, vorstehenden Backenknochen, graugesprengelten Haaren und gebieterischem Blick, so viel man wenigstens durch die Rauchwolken, die seiner kurzen Pfeife entstiegen, erkennen konnte. Sein Gang erinnerte Paganel stark an die eigenthümliche Haltung der alten Unterofficiere seines Landes.

Thalcave stellte dem Kommandanten Lord Glenarvan und seine Gefährten vor. Während er sprach, hörte der Commandant nicht auf, Paganel mit ziemlich störender Beharrlichkeit anzuschauen. Der Gelehrte wußte nicht, wohinaus der Officier wolle und stand im Begriff ihn zu fragen, als der andere ohne Umstände seine Hand faßte und mit freudiger Stimme in der Sprache des Geographen sagte:

»Ein Franzose?

– Ja! ein Franzose! antwortete Paganel.

– Ei, ich bin entzückt! Willkommen, willkommen! Bin auch Franzose, wiederholte der Commandant, indem er den Arm des Gelehrten mit beunruhigender Heftigkeit schüttelte.

– Einer Ihrer Freunde? fragte der Major Paganel.

– Versteht sich! antwortete dieser mit einem gewissen Stolz; man hat Freunde in allen fünf Welttheilen.«

Und nachdem er, nicht ohne Mühe, seine Hand aus dem lebendigen Schraubstock herausgezogen hatte, begann er eine ordentliche Unterhaltung mit dem kraftvollen Commandanten. Glenarvan hätte gern in Bezug auf seine Angelegenheiten ein Wort angebracht, doch erzählte der alte Militär seine Geschichte, und war nicht in der Laune, in der Mitte anzuhalten. Man ersah, daß dieser brave Mann sein Vaterland seit langer Zeit verlassen hatte; seine Muttersprache war ihm nicht mehr vertraut, er hatte, wenn auch nicht die Worte, aber doch die Wortstellung verlernt. Er sprach ungefähr wie ein Neger der französischen Kolonien.

Bald erfuhren auch seine Besucher, daß der Commandant des Fort Indépendance ein französischer Sergeant, ein vormaliger Genosse Parchappe's sei.

Seit der Gründung des Forts, 1828, hatte er es nicht mehr verlassen, und befehligte es gegenwärtig mit der Bewilligung der argentinischen Regierung. Er war ein Fünfziger, Baske von Geburt, und hieß Manuel Ipharaguerre. Man sieht, wenn er nicht Spanier war, so war er noch gut dabei weggekommen. Ein Jahr nach seiner Ankunft im Lande ließ sich der Sergeant Manuel naturalisiren, nahm Dienste in der argentinischen Armee und heiratete eine brave Indianerin, die damals Zwillinge von sechs Monaten nährte. Zwei Knaben, wohl verstanden, denn die würdige Gefährtin des Sergeanten würde sich nicht erlaubt haben, ihm Töchter zu schenken. Manuel begriff keinen andern Stand als den Militärstand, und er hoffte sehr, mit der Zeit und der Hilfe Gottes der Republik eine ganze Compagnie junger Soldaten darbieten zu können.

»Sie haben gesehen! sagte er. Prächtige, gute Soldaten! José, Juan, Miquele, Pepe; der siebenjährige Pepe beißt schon seine Patrone ab!«

Pepe, der sich loben hörte, zog seine zwei kleinen Füße zusammen und präsentirte das Gewehr mit vollkommener Grazie.

»Er wird seinen Weg machen! fügte der Sergeant hinzu; der wird einmal Oberst oder Brigadegeneral!«

Der Sergeant Manuel zeigte sich so entzückt, daß man ihm nicht widersprechen konnte, weder in Bezug auf die Vorzüge des Waffenhandwerks, noch auf die Zukunft, die seiner kriegerischen Nachkommenschaft bevorstand. Er war glücklich, und wie Goethe sagt, ist »Nichts Täuschung, was uns glücklich macht«.

Diese ganze Geschichte dauerte eine gute Viertelstunde zum großen Erstaunen Thalcave's. Der Indianer konnte nicht begreifen, wie so viel Worte aus einer einzigen Kehle hervorkommen können. Niemand unterbrach den Commandanten. Aber da ein Sergeant, selbst ein französischer, endlich einmal zu sprechen aufhören muß, schwieg Manuel endlich, nicht ohne vorher seine Gäste genöthigt zu haben, ihm in seine Wohnung zu folgen. Dieselben verzichteten darauf, Madame Ipharaguerre vorgestellt zu werden, die ihnen als eine »gute Person« erschien, wenn man überhaupt diese Bezeichnung der alten Welt bei einer Indianerin anwenden kann. Nachdem man seinen Willen erfüllt, fragte der Sergeant seine Gäste, was ihm die Ehre ihres Besuches verschaffe. Dies oder nie war der Augenblick sich zu erklären.

Paganel ergriff das Wort und erzählte ihm in französischer Sprache die ganze Reise durch die Pampas, und schloß mit der Frage, aus welchem Grunde die Indianer das Land verlassen hätten.

»Ah! ... Niemand! ... antwortete der Sergeant mit Achselzucken; wirklich! Niemand! . .. wir Andern die Hände im Schooß. Nichts zu machen!

– Aber warum?

– Krieg.

– Krieg?

– Ja! Bürgerkrieg...

– Bürgerkrieg? erwiderte Paganel, welcher, ohne es zu merken, anfing ›die Negersprache‹ zu reden.

– Ja, Krieg zwischen Paraguay und Buenos-Ayres, antwortete der Sergeant.

– Nun denn?

– Ei, Indianer alle im Norden, im Rücken des Generals Flores. Indianer rauben, plündern.

– Aber die Kaziken?

– Kaziken mit ihnen.

– Was! Catriel?

– Kein Catriel.

– Und Calfucura?

– Kein Calfucura.

– Und Yanchetruz?

– Kein Janchetruz mehr!«

Als diese Antwort Thalcave mitgetheilt wurde, nickte er mit dem Kopf zur Bestätigung. Wirklich hatte Thalcave keine Kenntniß davon, oder es vergessen, daß ein Bürgerkrieg, der später die Einmischung Brasiliens herbeiführen sollte, die beiden Theile der Republik abschwächte. Die Indianer haben bei diesen inneren Kämpfen Alles zu gewinnen, und mochten eine so schöne Gelegenheit zum Rauben nicht unbenutzt lassen. Also irrte auch der Sergeant nicht, indem er den Bürgerkrieg, welcher im Norden der argentinischen Provinzen geführt wurde, als Grund angab, weshalb die Indianer die Pampas verlassen hatten.

Dieses Ereigniß störte jedoch die Pläne Glenarvan's, die auf diese Weise vereitelt wurden. Wenn Sir Harry Grant in der That Gefangener der Kaziken war, mußte er bis an die Nordgrenzen mit fortgeschleppt worden sein. Wie und wo sollte man ihn von nun an auffinden? Sollte man eine gefahrvolle und fast unnütze Nachforschung bis an die äußersten, nördlichen Grenzen der Pampa anstellen? Dies war ein ernsthafter Entschluß, der sorgfältig überlegt sein wollte. Indeß konnte man dem Sergeanten noch eine wichtige Frage vorlegen, und der Major dachte daran, sie ihm vorzulegen, während seine Freunde sich schweigend anschauten.

»Hatte der Sergeant sagen hören, daß Europäer von den Kaziken der Pampa gefangen gehalten würden?«

Manuel besann sich eine kleine Weile, wie Jemand, der seine Erinnerung zurückruft.

»Ja, sagte er endlich.

– Ah!« sagte Glenarvan, indem er eine neue Hoffnung schöpfte.

Paganel, Mac Nabbs, Robert drängten sich mit ihm um den Sergeanten.

»Sprechen Sie! Sprechen Sie! sagten sie und sahen ihn mit gierigen Blicken an.

– Vor einigen Jahren, antwortete Manuel, ja ... so ist's ... europäische Gefangene ... aber niemals gesehen ...

– Einige Jahre, wiederholte Glenarvan, Sie irren sich ... das Datum des Schiffbruchs ist genau ... die ›Britannia‹ ist im Juni 1862 verschwunden ... Es sind also noch keine zwei Jahre.

– O mehr als das, Mylord.

– Unmöglich, rief Paganel aus.

– Doch, doch! Es war bei der Geburt Pepe's... Es handelte sich um zwei Männer ...

– Nein, drei! sagte Glenarvan.

– Zwei, versetzte der Sergeant mit bestimmtem Ton.

– Zwei! sagte Glenarvan sehr überrascht. Zwei Engländer?

– Nicht doch, antwortete der Sergeant. Wer spricht von Engländern? Nein, ein Franzose und ein Italiener.

– Ein Italiener, der von den Poyuchen ermordet wurde! rief Paganel aus.

– Ja! und seitdem habe erfahren... Franzose... gerettet.

– Gerettet! rief der junge Robert, dessen Augen an den Lippen des Sergeanten hingen.

– Ja, aus den Händen der Indianer, erwiderte Manuel.«

Jedermann schaute den Gelehrten an, der sich mit verzweifelter Miene vor die Stirne schlug.

»Ach! ich begreife, sagte er endlich, es ist Alles klar, Alles erklärt sich!

– Aber worum handelt sich's? fragte Glenarvan so unruhig wie ungeduldig.

– Meine Freunde, antwortete Paganel, indem er Robert's Hände ergriff, wir müssen uns in ein schweres Ereigniß fügen! Wir sind einer falschen Fährte gefolgt! Es handelt sich hier nicht um den Kapitän, sondern um einen meiner Landsleute, dessen Gefährte, Marco Vazello, wirklich von den Poyuchen ermordet wurde; um einen Franzosen, welcher mehrere Male diese grausamen Indianer bis an die Ufer des Colorado begleitete, dann glücklich ihren Händen entrann und nach Frankreich zurück kam. Indem wir Harry Grant auf der Spur zu sein glaubten, sind wir auf die des jungen Guinnard gerathen!«

Diese Erklärung wurde mit tiefem Schweigen aufgenommen. Der Irrthum war handgreiflich. Die vom Sergeanten angeführten Einzelheiten, die Nationalität des Gefangenen, der Mord seines Begleiters, sein Entkommen aus den Händen der Indianer, Alles vereinigte sich, den Irrthum unwiderleglich darzuthun. Glenarvan schaute Thalcave voll Bestürzung an. Der Indianer ergriff hierauf das Wort:

»Haben Sie niemals von drei gefangenen Engländern sprechen hören? fragte er den französischen Sergeanten.

– Niemals, antwortete Manuel, man würde es

in Tandil erfahren haben, ... ich würde es wissen... Nein, ist es nicht der Fall ...«

Glenarvan hatte nach dieser bestimmten Antwort Nichts mehr im Fort Indépendance zu thun. Er verließ dasselbe also nebst seinen Freunden. Dem Sergeanten wurde herzlich gedankt und warm die Hand gedrückt.

Glenarvan war trostlos über dieses vollständige Scheitern seiner Hoffnungen. Robert ging schweigend neben ihm mit thränenfeuchten Augen. Glenarvan fand kein Wort, ihn zu trösten. Paganel sprach mit sich selbst und bewegte dabei lebhaft die Hände. Der Major öffnete nicht die Lippen, und Thalcave schien in seiner Eigenliebe als Indianer verletzt, sich auf einer falschen Spur verirrt zu haben. Niemand dachte indeß daran, ihm einen so verzeihlichen Irrthum vorzuwerfen.

Man kehrte in die Fonda zurück. Das Abendessen verlief traurig. Gewiß bedauerte keiner dieser muthigen und hingebenden Männer so viel unnöthig ertragene Mühseligkeiten, so viel vergebliche Gefahren. Doch sah Jeder in einem Augenblick jede Hoffnung auf Erfolg vernichtet. Konnte man wirklich den Kapitän Grant zwischen der Sierra Tandil und dem Meere antreffen? Nein. Wenn irgend ein Gefangener an den Küsten des Atlantischen Oceans in die Hände der Indianer gefallen wäre, hätte der Sergeant jedenfalls davon gewußt. Ein derartiges Ereigniß konnte den Eingeborenen nicht unbekannt bleiben, welche beständigen Verkehr von Tandil nach Carmen an der Mündung des Rio Negro haben. Bei dem regen Handelsverkehr auf der argentinischen Ebene weiß man Alles, erfährt man Alles. Es blieb also nichts anderes zu thun übrig, als unverzüglich den Duncan am bestimmten Zusammenkunftsort an der Spitze von Medano aufzusuchen. Indeß hatte sich Paganel von Glenarvan das Document ausgebeten, demzufolge ihre Nachforschungen so unglücklich ihr Ziel verfehlt hatten. Er las es mit unverholenem Unmuth wieder durch, und versuchte ihm eine neue Deutung abzugewinnen.

»Dies Document ist doch ganz klar! wiederholte Glenarvan. Es drückt sich auf die bestimmteste Weise über den Schiffbruch des Kapitäns und der Art seiner Gefangenschaft aus.

– Ei, nein! antwortete der Geograph, indem er mit der Faust auf den Tisch schlug, hundertmal Nein! Weil Harry Grant nicht in den Pampas ist, so ist er nicht in Amerika. Nun aber soll dies Document angeben, wo er ist, und es wird es angeben, meine Freunde, oder ich bin nicht Jacques Paganel!«

Zweiundzwanzigstes Capitel.

Ueberschwemmmung.

Das Fort Indépendance ist hundertundfünfzig MeilenGegen sechzig Stunden. von der Küste des Atlantischen Oceans entfernt. Ohne unvorhergesehene und gewiß unwahrscheinliche Zwischenfälle mußte Glenarvan in vier Tagen den Duncan wieder erreicht haben. Aber er konnte sich mit dem Gedanken nicht vertraut machen, ohne Kapitän Grant an Bord zurückzukehren, nachdem alle seine Nachforschungen so vollkommen vergeblich gewesen waren. Am anderen Tage dachte er auch gar nicht daran, Befehl zur Abreise zu geben. Der Major nahm es über sich, die Pferde satteln, die Lebensmittel erneuern und die Richtung des Weges feststellen zu lassen. Dank seiner Thätigkeit stieg die kleine Truppe gegen acht Uhr Morgens die grasreichen Rücken der Sierra Tandil herab.

Glenarvan galopirte, Robert zur Seite, ohne ein Wort zu sagen, dahin; seinem kühnen und entschlossenen Charakter sagte es nicht zu, diesen Mißerfolg ruhigen Blutes hinzunehmen; das Herz schlug ihm, als wollte es brechen, und der Kopf glühte ihm heiß.

Paganel studirte, gereizt durch die Schwierigkeiten, die Worte des Documentes auf alle Art und Weise, um daraus neue Fingerzeige zu gewinnen. Thalcave blieb stumm und überließ es Thaouka, ihn weiter zu führen. Der Major verblieb, immer zuversichtlich, auf seinem Posten, wie ein Mann, dessen sich die Entmuthigung nie bemeistern kann. Tom Austin und die beiden Matrosen theilten das Mißbehagen ihres Herrn. In einem Augenblick, wo ein furchtsamer Hase vor ihnen über die Pfade der Sierra lief, sahen die abergläubischen Schotten einander an.

»Eine üble Vorbedeutung, sagte Wilson.

– Ja, in den schottisches Hochlanden, erwiderte Mulrady.

– Was in den Hochlanden schlecht ist, ist hier nicht besser«, sagte Wilson in der Weise des Sprichworts.

Gegen Mittag waren die Reisenden über die Sierra Tandil hinaus, und kamen wieder auf die weitwallenden Ebenen, die sich bis zum Meere erstrecken. Auf jedem Schritte berieselten klare Bäche die fruchtbare Landschaft und verloren sich im hohen Graswuchs der Weidestätten. Der Boden wurde wieder vollkommen eben, wie der Ocean nach einem Sturme. Die letzten Hügelketten der argentinischen Pampas waren überschritten, und die einförmige Prairie bot den Pferden wieder ihren grünen Teppich.

Bis hierher war das Wetter schön geblieben. Von diesem Tage nahm der Himmel aber ein beunruhigendes Aussehen an. Die Unmasse Dünste, welche durch die hohe Temperatur der letzten Tage erzeugt und in dicken Wolken aufgesammelt waren, drohten sich in strömende Regen aufzulösen, zudem machte die Nachbarschaft des Atlantischen Oceans und der hier herrschende Westwind das Klima dieser Gegend außerordentlich feucht. Man erkannte das leicht an ihrer Fruchtbarkeit, an der Ueppigkeit und dem saftigen Grün der fetten Weideplätze. Doch barsten an diesem Tage die schweren Wolken noch nicht, und am Abend rasteten die Pferde, nachdem sie mit Leichtigkeit vierzig Meilen zurückgelegt hatten, am Rande tiefer »Canadas«, d. h. großer natürlicher Gräben, die mit Wasser gefüllt waren. Jedes Obdach mangelte. Die Ponchos dienten zugleich als Zelte und als Decken, und Jeder schlummerte unter dem drohenden Himmel, der es zunächst bei der Drohung bewenden ließ, ganz ruhig.

Am anderenTage, je nachdem die Ebene sich mehr und mehr senkte, wurde die Anwesenheit unterirdischer Wässer noch deutlicher merkbar; die Feuchtigkeit sickerte aus jeder Pore des Erdbodens. Bald unterbrachen große Teiche, von denen die einen schon tief, die andern in der Bildung begriffen waren, den Weg nach Osten. So lange es sich nur um »Lagunas« handelte, d. h. wohlumgrenzte Wasseransammlungen, frei von Pflanzen, konnten die Pferde leicht darüber hinauskommen; aber gegenüber den lockeren Morästen, die man »Pentanos« nennt, war das schwieriger; mit hohen Gewächsen erfüllt und bedeckt, bargen sie eine Gefahr, die sich erst dann ermessen ließ, wenn man darin stak.

Diese Schlammlöcher waren schon mehr als einem lebenden Wesen verderblich gewesen. So kam eben Robert, der eine halbe Meile vorausgeritten war, im Galop zurück und rief:

»Herr Paganel! Herr Paganel! Ein Wald von Hörnern!

– Wie! antwortete der Gelehrte, Du hast einen Wald von Hörnern gefunden?

– Ja, ja, wenigstens ein Buschwerk.

– Ein Gebüsch! Du träumst, mein Knabe, erwiderte Paganel mit Achselzucken.

– Ich träume nicht, antwortete Robert, Sie werden es selbst sehen. Das ist ein sonderbares Land; da werden Hörner gesäet und sie wachsen wie Getreide. Von solchem Samen möchte ich wohl haben!

– Er spricht wohl im Ernste, sagte der Major.

– Ja, Herr Major, Sie werden es bald selbst sehen!«

Robert hatte sich nicht getäuscht, und bald befand man sich vor einem ungeheuren Felde voller Hörner, die regelmäßig gepflanzt schienen, in unabsehbarer Ausdehnung. Es erschien wirklich wie ein Gebüsch, niedrig, gedrängt, aber seltsam. »Nun? fragte Robert.

– Das ist seltsam, versetzte Paganel, der sich fragend an den Indianer wendete.

– Die Hörner stehen aus der Erde heraus, sagte Thalcave, aber die Ochsen dazu sind darunter.

– Was? rief Paganel, in diesem Schlamme wäre eine ganze Heerde versenkt?

– Ja«, sagte der Patagonier.

Wirklich hatte eine ganze ungeheure Heerde unter dem Boden, der unter ihren Füßen gewichen war, den Tod gefunden. So waren, Seite an Seite, hunderte von Büffeln umgekommen, erstickt in dem weiten Schlammloche. Dieses Ereigniß, welches in der argentinischen Ebene nicht einzeln dasteht, konnte doch von dem Indianer nicht außer Acht gelassen werden, und war diesem ein Fingerzeig, dem er Rechnung tragen mußte.

Man ritt um die ungeheure Hekatombe herum, und nach einer Stunde hatte man das Hörnerfeld zwei Meilen im Rücken.

Thalcave beobachtete mit einer gewissen Aengstlichkeit die tatsächlichen Umstände, die ihm ungewöhnlich erschienen. Er hielt häufig an und hob sich in den Steigbügeln. Sein hoher Wuchs machte, daß er einen großen Umkreis überblicken konnte; da er aber Nichts bemerkte, was ihm mehr Aufschluß gab, so setzte er bald den unterbrochenen Weg fort. Eine Meile weiterhin hielt er wieder an, machte, indem er sich von dem Wege entfernte, Abstecher von einigen Meilen, einmal nach Norden, das anderemal nach Süden, und setzte sich wieder an die Spitze der Reisegesellschaft, ohne ein Wort von dem zu sagen, was er hoffte oder fürchtete. Dieses mehrmals wiederholte Benennen reizte Paganel und beunruhigte Glenarvan. Der Gelehrte wurde demnach aufgefordert, den Indianer darüber zu befragen, was er auch sofort that.

Thalcave erwiderte, er wundere sich, die Ebene so von Wasser durchdrungen zu finden. Niemals habe er, so lange er schon Führer gewesen, einen so durchweichten Boden betreten. Selbst zur Zeit der großen Regen bot das argentinische Land immer noch benutzbare Wege.

»Aber auf was ist diese zunehmende Feuchtigkeit zurückzuführen? fragte Paganel.

– Ich weiß es nicht, erwiderte der Indianer, und wenn ich es wüßte . . .

– Treten die durch den Regen angeschwollenen Bergströme nie aus den Ufern?

– Manchmal.

– Und ist das jetzt vielleicht der Fall?

– Vielleicht«, sagte Thalcave.

Paganel mußte sich mit dieser halben Antwort zufrieden geben, und theilte Glenarvan den Inhalt seiner Unterhaltung mit.

»Und was räth Thalcave? sagte Glenarvan.

– Was ist hierbei zu thun? fragte Paganel den Patagonier.

– Schnell weiterreisen«, erwiderte der Indianer.

Das war aber leicht gerathen und schwer befolgt. Die Pferde wurden schnell müde auf einem Boden, der ihnen unter den Füßen schwand; die Senkung nahm immer mehr zu, und dieser Theil der Ebene war wie eine ungeheure Niederung anzusehen, in welcher die anströmenden Wässer sich leicht ansammeln mußten. Es kam also darauf an, über diese tiefliegenden Gegenden ohne Verzug hinwegzukommen, die eine Überschwemmung mit einem Schlage in einen See verwandeln mußte.

Man beeilte seine Schritte. Aber es war nicht genug an dem Wasser, das in großen Flächen unter den Hufen der Pferde sich ausbreitete. Gegen zwei Uhr öffneten sich die Schleusen des Himmels, und die Ströme eines Tropenregens ergossen sich über die Ebene. Es gab kein Mittel, sich dieser Sündfluth zu entziehen, und es war am geratensten, sie mit stoischer Ruhe zu ertragen. Die Ponchos trieften von den Hüten begossen, wie von einem Dache, dessen Abflußrinnen verstopft sind. Die Fransen der Recados schienen aus Wasserfäden zu bestehen, und die Reiter, von den Hufen der Pferde mit Schlamm besudelt, der bei jedem Schritte vom Boden aufspritzte, wurden von oben und unten zugleich besprengt.

So kamen sie durch und durch naß, von Kälte erstarrt und entkräftet von Anstrengung am Abend bei einem elenden Rancho an. Nur wenig wählerische Leute konnten ihm den Namen eines Obdachs geben, und nur Reisende, die am Ende ihrer Kräfte waren, darin eine Zuflucht suchen. Aber Glenarvan und seine Gefährten hatten keine Wahl. Sie verkrochen sich in der elenden Hütte, die ein Indianer der Pampas sonst verachtet hätte. Ein schlechtes Feuer von Gras, welches mehr Rauch als Wärme verursachte, wurde nicht ohne Mühe angezündet. Regenstöße wütheten draußen, und durch das halbverfaulte Strohdach sickerten große Tropfen. Wenn das Herdfeuer nicht zwanzigmal verlöschte, so kam es daher, daß Mulrady und Wilson es zwanzigmal gegen das Andringen des Wassers vertheidigten.

Das sehr mittelmäßige und wenig stärkende Abendessen verlief traurig. Die Eßlust fehlte. Der Major allein that dem feucht gewordenen Charqui alle Ehre an. Der kaltblütige Mac Nabbs stand über allen Zufällen. Paganel versuchte, in seiner Eigenschaft als Franzose, zu scherzen; aber das verfing nicht.

»Meine Späße sind feucht geworden, sagte er, sie versagen!«

Da unter diesen Umständen der Schlaf jedenfalls das Erwünschteste war, so suchte Jeder im Schlummer ein augenblickliches Vergessen seiner Strapazen. Die Nacht war schlecht; die Bretter des Rancho krachten, als wollten sie brechen; er gab den Windstößen so sehr nach, daß man jeden Augenblick fürchten mußte, ihn fortgerissen zu sehen. Die armen Pferde jammerten draußen, da sie aller Unbill des Himmels ausgesetzt waren, und die Herren derselben litten fast nicht minder in ihrer traurigen Hütte. Endlich überwältigte sie doch der Schlaf. Robert schloß zuerst die Augen, indem er den Kopf auf Glenarvan's Schulter ruhen ließ, und bald darauf schlummerten auch die andern Insassen des Rancho unter dem Schutze Gottes.

Es scheint, daß der Herr wohl über ihnen wachte, denn die Nacht ging ohne Unfall vorüber. Thaouka weckte früh die Schläfer, denn das immer muntere Thier wieherte draußen und schlug mit dem Hufe kräftig gegen die Hüttenwand. An Thalcave's Stelle wußte es zur Noth das Zeichen zum Aufbruch zu geben. Man verdankte ihm zuviel, um nicht zu gehorchen, und reiste ab. Der Regen hatte nachgelassen, aber der undurchlässige Boden hielt das Wasser zurück. Auf dem undurchdringlichen Lehmboden breiteten sich Lachen, Moräste und Teiche aus und bildeten ungeheure »Banados« von unzuverlässiger Tiefe. Paganel zog seine Karte zu Rathe und vermuthete nicht ohne Grund, daß der Rio Grande und der Vivarota, Flüsse, nach denen die Gewässer dieser Ebene ablaufen, zusammengeströmt seien und ein mehrere Meilen breites Bett bildeten.

Es ward also für die Reise die äußerste Schnelligkeit nöthig. Das Wohl Aller war in Gefahr. Wo sollte man, wenn die Überschwemmung zunahm, eine Zuflucht finden? Der von dem Horizont begrenzte ungeheure Kreis bot nirgends einen erhöhten Punkt, und auf dieser wagerechten Ebene mußte das Wasser sehr schnell überhand nehmen.

Die Pferde wurden also möglichst angetrieben. Thaouka an der Spitze verdiente mehr als manche Amphibien mit unvollkommenen Schwimmhäuten den Namen eines Seepferdes, denn es sprang, als ob es sich ganz in seinem Elemente befinde.

Plötzlich, es war gegen zehn Uhr des Morgens, zeigte Thaouka eine ganz auffallende Unruhe. Es wendete sich häufig gegen die unbegrenzten Ebenen im Süden; sein Wiehern wurde länger, mit der Nase saugte es kraftvoll die frische Luft ein. Es bäumte sich heftig. Thalcave, den seine Sprünge nicht aus dem Sattel heben konnten, vermochte es kaum zu zügeln. Der Schaum aus dem Maule des Thieres mischte sich unter dem straff angezogenen Gebisse mit Blut, und doch beruhigte sich das aufgeregte Thier nicht; wäre es frei gewesen, so fühlte sein Herr wohl, daß es sich in aller Schnelligkeit nach Norden davongemacht hätte.

»Was hat denn Thaouka? fragte Paganel, ist das Thier von den so gierigen Blutegeln der argentinischen Gewässer gebissen worden?

– Nein, antwortete der Indianer.

– Es scheut also vor irgend einer Gefahr?

– Ja, es wittert Unheil.

– Welches?

– Das weiß ich nicht.«

Wenn das Auge die Gefahr auch noch nicht erblickte, welche Thaouka prophezeite, so konnte sich das Ohr doch schon davon Rechnung geben. In der That war jenseit der Grenzen des Horizonts ein dumpfes Geräusch, ähnlich dem der wachsenden Fluth, zu hören. Der Wind trat in feuchten Stößen auf und war mit Wasserstaub beladen. Die Vögel, wie fliehend vor einem unbekannten Ereignisse, zogen schnellsten Fluges dahin. Die Pferde, welche mit den halben Beinen im Wasser gingen, fühlten die ersten Stöße der Strömung. Bald erhob sich ein furchtbarer Lärm; Gebrüll, Wiehern und Geblöke erschallte eine halbe Meile im Süden, und es wurden ungeheure Heerden sichtbar, welche niederstürzend und sich erhebend, vorwärts drängend, eine unzusammenhängende Masse erschreckter Thiere, mit furchtbarer Schnelligkeit dahinflohen. Unter den Wasserwirbeln, die sie in ihrem Laufe erregten, konnte man sie kaum unterscheiden. Hundert Wallfische der größten Art hätten die Wogen des Oceans nicht mehr aufrühren können.

» Anda, anda!Schnell, schnell! rief Thalcave laut.

– Was giebt es denn? fragte Paganel.

– Die Ueberschwemmung! Die Ueberschwemmung! erwiderte Thalcave, der seinem Pferde die Sporen gab und sich nach Norden wendete.

– Die Ueberschwemmung kommt!« rief Paganel, und seine Gefährten, er voraus, folgten den Spuren Thaouka's.

Es war hohe Zeit. Wirklich wälzte sich, gegen fünf Meilen im Süden eine hohe und breite Springfluthwoge über das Land, das sich in einen Ocean verwandelte. Wie abgemäht verschwanden die hohen Gräser. Die von der Strömung abgerissenen Mimosenbüschel rührten ebendaher und bildeten schwimmende Inseln. Die Fluth verbreitete sich in tiefen Wassermassen mit unwiderstehlicher Gewalt. Offenbar hatte ein Bruch der Uferdämme der großen Flüsse in den Pampas stattgefunden, und vielleicht vereinigten sich sogar die Wasser des Colorado mit denen des Rio Negro in einem gemeinsamen Bette.

Die von Thalcave signalisirte Springfluthwelle kam mit der Schnelligkeit eines Pferdes im vollen Laufe heran. Vor ihr hin entflohen die Reisenden wie eine vom Sturme gejagte Wolke. Vergeblich suchten ihre Blicke eine schützende Zuflucht. Himmel und Wasser gingen am Horizonte in einander über. Die durch die Gefahr doppelt angetriebenen Pferde stürmten in sausendem Galop dahin, und ihre Reiter vermochten sich kaum im Sattel zu halten. Glenarvan schaute öfters zurück.

»Das Wasser holt uns ein, dachte er.

Anda, anda!« trieb Thalcave.

Und nochmals trieb man die unglücklichen Thiere an. Von ihren durch die Sporen zerrissenen Weichen rann das Blut, welches auf dem Wasser lange, rothe Streifen bildete. Sie strauchelten in den Spalten des Bodens; sie stürzten nieder. Man riß sie empor. Sie stürzten wieder, und wieder wurden sie emporgerissen.

Der Wasserstand wuchs merkbar. Lange Wellen kündigten den Ansturm jener hohen Woge an, die in höchstens noch zwei Meilen Entfernung ihr schaumiges Haupt hin und her bewegte. Eine Viertelstunde lang noch setzte sich dieser äußerste Kampf gegen das furchtbarste der Elemente fort. Die Flüchtlinge konnten sich nicht genau Rechenschaft über die Entfernung geben, welche sie durcheilten, wenn man aber die Schnelligkeit ihres Rittes zum Maßstabe nahm, so mußte sie beträchtlich sein. Unterdessen waren die Pferde bis zur Brust in's Wasser gekommen und konnten nur noch mit äußerster Schwierigkeit vorwärts. Glenarvan, Paganel, Austin und alle Anderen hielten sich für verloren und dem schrecklichen Tode der im Meere verlassenen Unglücklichen geweiht. Die Reitpferde verloren nun allmälig den Boden unter den Füßen, und bei sechs Fuß Wasser mußten sie schon schwimmen.

Wir müssen darauf verzichten, die quälende Todesangst dieser acht Menschen zu beschreiben, die von der steigenden Fluth überfallen waren. Sie fühlten ihre Ohnmacht gegenüber diesen Wasserfluthen der Natur, welche menschlichen Kräften so weit überlegen waren. Ihre Rettung lag nicht mehr in ihrer Hand.

Fünf Minuten später schwammen die Pferde. Der Strom selbst trieb sie mit beispielloser Heftigkeit und einer den schnellsten Galop erreichenden Schnelligkeit dahin, die wohl zwanzig Meilen in der Stunde übersteigen mochte.

Jede Rettung schien unmöglich, als die Stimme des Majors sich vernehmen ließ:

»Ein Baum! rief er.

– Ein Baum? wiederholte Glenarvan.

– Dort! Dort!« bestätigte Thalcave.

Er wies mit dem Finger auf einen etwa achthundert Klafter nach Norden zu entfernten ungeheuren Nußbaum, der sich feststehend mitten aus dem Wasser erhob.

Seine Gefährten bedurften keines Antriebes. Dieser Baum, der sich ihnen so unerwartet darbot, mußte um jeden Preis erreicht werden. Die Pferde würden ihn ohne Zweifel nicht erreichen, aber die Menschen konnten gerettet werden. Die Strömung trug sie dahin.

In diesem Augenblicke ließ Tom Austin's Pferd ein ersticktes Wiehern hören und verschwand. Sein Herr, der glücklich aus den Steigbügeln gekommen war, schwamm mit vollen Kräften.

»Halte Dich an meinen Sattel, rief ihm Glenarvan zu.

– Ich danke, ehrenwerther Herr, erwiderte Tom Austin, meine Arme sind verläßlich.

– Und Dein Pferd, Robert? ... sagte Glenarvan zu dem jungen Grant.

– Es geht damit, Mylord, es geht! – Es schwimmt wie ein Fisch.

– Achtung!« rief da der Major mit starker Stimme.

Kaum war das Wort gesprochen, als die ungeheure Masse ankam. Eine riesenhafte, wohl vierzig Fuß hohe Woge stürzte sich mit Höllengetöse über die Flüchtlinge. Menschen und Thiere, Alles verschwand in einem Schaumwirbel. Eine flüssige Masse von mehreren Millionen Tonnen Gewicht wälzte sich in ihrem wüthenden Wasser dahin.

Als die Wasserwand vorüber war, tauchten die Menschen wieder auf der Oberfläche auf und zählten sich rasch. Die Pferde alle, außer Thaouka, das seinen Herrn noch trug, waren für immer verschwunden.

»Muth! Muth! rief Glenarvan wiederholt, indem er mit dem einen Arme Paganel unterstützte und mit dem andern schwamm.

– Es geht schon, es geht! erwiderte der würdige Gelehrte, ich bin sogar gar nicht böse darüber ...«

Worüber war er nicht böse? Man hat es nie erfahren, denn der arme Mann mußte das Ende seines Satzes mit einem halben Maße lehmigen Wassers hinunterschlucken. Der Major drang ruhig vorwärts, mit regelrechten Bewegungen, an welchen ein Schwimmmeister nichts auszusetzen gehabt hätte. Die Matrosen schlichen sich hin, wie zwei Meerschweine in ihrem Elemente. Robert, der sich an Thaouka's Mähne anklammerte, ließ sich mit dem Thiere forttreiben. Thaouka theilte das Wasser mit stolzer Kraft und hielt sich instinctiv in der Linie nach dem Baume, wohin auch die Strömung trieb.

Nur zwanzig Klafter war der Baum noch entfernt; in wenigen Augenblicken erreichte ihn die ganze Gesellschaft. Und es war zum Heile, denn ohne diese Zuflucht war keine Aussicht auf Rettung, und Alle hätten in den Fluthen umkommen müssen.

Das Wasser reichte bis an das obere Ende des Stammes, wo die ersten starken Zweige entspringen. Es war also leicht, sich festzuhalten. Thalcave verließ sein Pferd, hob Robert empor, kletterte zuerst hinauf, und bald hatten seine kräftigen Arme alle erschöpften Schwimmer an sicherem Orte untergebracht.

Aber Thaouka, von der Strömung fortgerissen, entfernte sich schnell. Das Pferd wandte den klugen Kopf nach seinem Herrn zurück und wieherte, seine lange Mähne schüttelnd.

»Du verläßt es! sagte Paganel zu Thalcave.

– Ich!« rief der Indianer.

Und sich in das wüthende Wasser stürzend, tauchte er gegen zehn Klafter von dem Baume entfernt wieder auf. Einige Augenblicke nachher schlang sich sein Arm um Thaouka's Hals, und Roß und Reiter trieben zusammen gegen den dunstigen Horizont nach Norden hin.


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