Jules Verne
Die Kinder des Kapitän Grant - 1
Jules Verne

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Achtzehntes Capitel.

Beim Suchen nach Wasser.

Der See Salinas beendigt jene Reihe von Lagunen, welche sich bis zu den Sierras Ventana und Guamini erstrecken. Früher wurden von Buenos-Ayres aus viele Züge hierher veranstaltet, um Salz zu holen, denn seine Gewässer enthielten Chlornatrium in beträchtlicher Menge. Jetzt aber hatte sich aus dem durch die Hitze verflüchtigten Wasser alles früher darin gelöste Salz niedergeschlagen und der See bildete nur noch einen großen widerstrahlenden Spiegel.

Als Thalcave gesagt hatte, es sei trinkbares Wasser am See Salinas vorhanden, so bezog sich dies auf Zuflüsse süßen Wassers, die sich an manchen Stellen in denselben ergießen. Jetzt waren diese aber ausgetrocknet, wie jener selbst. Die brennende Sonne hatte Alles aufgesaugt. Daher diese allgemeine Bestürzung, als die verdurstete Gesellschaft an den ausgetrockneten Ufern des Salinas ankam.

Ein Entschluß mußte gefaßt werden. Das wenige noch in den Schläuchen befindliche Wasser war halb verdorben. Es vermochte den Durst nicht zu löschen, der sich nun peinigend fühlbar machte. Hunger und Anstrengung bedeutete nichts gegen dieses zwingende Bedürfniß. Ein »Roukah«, d. i. eine Art Zelt aus Leder, das in einer Bodensenkung aufgeschlagen und von Eingeborenen zurückgelassen war, diente den erschöpften Reisenden als Zuflucht, während ihre Pferde an den schlammigen Ufern des Sees nur mit Widerwillen die Seepflanzen und das trockene Schilf zermalmten.

Als Alle in dem Roukah Platz genommen hatten, fragte Paganel Thalcave um seine Ansicht, was nun zu thun sei. Zwischen dem Geographen und dem Indianer entwickelte sich eine schnell geführte Unterhaltung, von der Glenarvan dennoch einige Worte auffaßte. Thalcave sprach sehr ruhig; Paganel gesticulirte für Zwei. Dies Gespräch dauerte nur einige Minuten, und der Patagonier kreuzte seine Arme.

»Was hat er gesagt? fragte Glenarvan. Ich glaubte zu verstehen, daß er anrieth, uns zu theilen.

– Ja, und zwar in zwei Gruppen, antwortete Paganel. Diejenigen von uns, deren von Anstrengung und Durst erschöpfte Pferde kaum noch einen Fuß vor den andern setzen können, sollen so gut es eben geht, ihren Weg dem siebenunddreißigsten Breitengrade entlang fortsetzen. Die besser Berittenen dagegen sollen auf demselben Wege vorausgehen, und den Fluß Guamini, der sich einunddreißig MeilenFünfzig Kilometer. von hier in den See San Lucas ergießt, zu erreichen suchen. Findet sich dort hinreichend Wasser, so erwarten Sie die Uebrigen am Ufer des Guamini; fehlt es dagegen, so kommen Sie ihnen wieder entgegen, um Jenen einen nutzlosen Weg zu ersparen.

– Nun, und dann? fragte Tom Austin.

– Dann werden wir uns entschließen müssen, fünfundsiebzig Meilen gen Süden hinabzureisen, bis zu den ersten Verzweigungen der Sierra Ventana, wo es zahlreiche Flüsse giebt.

– Dieser Rath ist gut, bemerkte Glenarvan, und wir wollen ihn ohne Zaudern befolgen. Mein Pferd hat aus Mangel an Wasser noch nicht zu sehr gelitten, und so erbiete ich mich, Thalcave zu begleiten.

– O, Mylord, nehmen Sie mich mit, bat Robert, als ob es sich um einen Ausflug zum Vergnügen handelte.

– Aber wirst Du uns folgen können, mein Kind?

– Ja wohl! Ich habe ein braves Thier, das nichts mehr verlangt, als vorwärts zu gehen. Gestatten Sie's, Mylord? . . . O, ich bitte!

– So sei es, mein Knabe, sagte Glenarvan, selbst erfreut, sich nicht von Robert trennen zu müssen. Wir drei, fügte er hinzu, müßten doch sehr ungeschickt sein, wenn wir keinen frischen und klaren Wasservorrath entdecken sollten.

– Nun, und ich? fragte Paganel.

– O, Sie, mein lieber Paganel, erwiderte der Major, Sie bleiben bei der Reserve-Abtheilung. Sie kennen den siebenunddreißigsten Parallelkreis, den Guaminifluß und die ganzen Pampas viel zu genau, um uns zu verlassen. Weder Mulrady, Wilson noch ich selbst, Keiner würde im Stande sein, Thalcave an dem verabredeten Punkte wieder aufzufinden, während wir voller Vertrauen unter bem Banner des braven Jacques Paganel marschiren werden.

– Ich verzichte also, antwortete der Geograph, dem es schmeichelte, eine Art Obercommando zu übernehmen.

– Aber keine Zerstreutheiten, muß ich bitten, setzte der Major hinzu. Führen Sie uns nicht dahin, wo wir Nichts zu schaffen haben, und bringen Sie uns nicht etwa nach den Küsten des Stillen Oceans zurück.

– Sie verdienten es eigentlich, Sie unausstehlicher Major, erwiderte Paganel lachend. Indessen, lieber Glenarvan, sagen Sie mir, wie denken Sie sich mit Thalcave zu verständigen?

– Ich denke, daß der Patagonier und ich nicht viele Veranlassung zum Plaudern haben werden. Mit den paar spanischen Worten, die ich inne habe, werde ich übrigens bei dringender Veranlassung wohl im Stande sein, ihm meine Gedanken auszudrücken und die seinigen zu verstehen.

– So ziehen Sie hin, mein werther Freund, antwortete Paganel.

– Zunächst wollen wir zu Abend essen und wenn möglich bis zur Stunde der Abfahrt schlafen.«

Die Gesellschaft nahm ihr Abendessen ohne dazu zu trinken ein, was wenig erquickend erschien, und schlief, da sie nichts Besseres zu thun hatte. Paganel träumte von Gießbächen, von Flüssen, Strömen, Teichen, Bächen, von gefüllten Caraffen, kurz von Allem, was gewöhnlich trinkbares Wasser enthält. Es war ein wahres Alpdrücken.

Am andern Morgen wurden um sechs Uhr die Pferde Thalcave's, Glenarvan's und Robert Graut's gesattelt; sie erhielten die letzte Ration Wasser, die sie mit mehr Begierde als Befriedigung verzehrten, denn sie war fast ekelerregend. Dann saßen die drei Reiter auf.

»Auf Wiedersehen! riefen der Major, Austin, Wilson und Mulrady.

– Und vor Allem, seht zu, daß Ihr nicht wieder zurück kommt!« fügte Paganel hinzu.

Bald verloren der Patagonier, Glenarvan und Robert, nicht ohne eine gewisse Beklemmung zu fühlen, die der Klugheit des Geographen anvertraute Truppe aus den Augen.

Die »Desertio de las Salinas«, durch welche sie kamen, ist eine thonig-lehmige Ebene, bedeckt mit verkrüppeltem, zehn Fuß hohem Gesträuch kleiner Mimosenarten, welche die Indianer »Curra-Mammel« nennen, und mit »Jumes«, einem buschigen, salzreichen Strauche. Da und dort spiegelten große Bodenstrecken die Strahlen der Sonne mit erstaunlicher Stärke zurück. Das Auge konnte diese »Barreros«, das sind mit Salz durchsetzte Landstrecken leicht mit Eisflächen, die von strenger Kälte herrührten, verwechseln, hätte nicht der Sonnenbrand ihm sofort diese Täuschung benommen. Immerhin verlieh dieser Gegensatz zwischen dem trockenen und verbrannten Boden und jenen blinkenden Stellen der Wüstenei ein ganz besonderes Aussehen, das den Blick interessirte.

Dagegen bot diese Sierra Ventana, achtzig Meilen nach Süden zu, wohin die etwaige Trockenheit des Guamini die Reisenden vielleicht zu gehen zwingen konnte, einen sehr verschiedenen Anblick. Dieses im Jahre 1835 durch den Kapitän Fitz-Roy, der damals die Expedition des Beagle befehligte, aufgeschlossene Land, ist von ausnehmender Fruchtbarkeit. Dort gedeihen in einer Fülle ohne Gleichen die besten Weideplätze des indianischen Territoriums. Der nordwestliche Abhang der Sierras ist da mit üppigen Gräsern bedeckt und mit Wäldern, welche reich an köstlichen Baumarten sind. Dort sieht man den »Algarrobo«, eine Art Johannnisbrodbaum, dessen getrocknete und gemahlene Früchte ein von den Indianern sehr geschätztes Brod liefern; den »weißen Quebracho«, mit langen biegsamen Zweigen, wie bei der europäischen Trauerweide; den »rothen Quebracho«, mit unzerstörbarem Holze; den »Naudubay«, der so sehr leicht Feuer fängt, und nicht selten furchtbare Feuersbrünste veranlaßt; den »Viraro«, dessen violette Blüthen sich pyramidenförmig aufbauen, und endlich den »Timbo«, der seine ungeheure sonnenschirmartige Krone bis achtzig Fuß in die Luft erhebt, und unter dem sich ganze Heerden vor den Strahlen der Sonne schützen können. Die Argentiner haben schon oft versucht, dieses reiche Land zu colonisiren, haben aber die Feindseligkeit der Indianer noch nicht zu überwinden vermocht.

Ohne Zweifel war die Annahme gestattet, daß zahlreiche Bergwässer von den Höhen der Sierra herabfließen müßten, um das bei so großer Fruchtbarkeit nothwendige Wasser zu liefern, und wirklich hat auch das trockenste Wetter diese Flüsse noch niemals ganz verdunsten lassen; um diese aber zu erreichen, hätte man gegen hundertdreißig MeilenMehr als hundert Stunden. nach Süden vordringen müssen. Thalcave that also recht daran, sich zunächst gegen den Guamini zu wenden, der, ohne eine Abweichung von der einmal eingehaltenen Richtung zu bedingen, in weit größerer Nähe angetroffen werden mußte.

Die Pferde galopirten mit Feuer. Die prächtigen Thiere fühlten offenbar aus Instinct, wohin ihre Herren sie führten. Vor Allen zeigte Thaouka eine Munterkeit, die weder Anstrengungen noch Mangel zu mindern vermochte. Wie ein Vogel flog das Thier über die ausgetrockneten Rohrteiche und die Curra-Mammel-Büsche, indem es wie zu guter Vorbedeutung dabei wieherte. Glenarvan's und Robert's Pferde, die zwar etwas schwerfälliger waren, folgten ihm doch muthig, von seinem Beispiele getrieben. Thalcave, der unbeweglich im Sattel saß, gab seinen Gefährten dasselbe Beispiel, wie Thaouka den seinigen. Oefters wandte der Patagonier den Kopf zurück, um nach Robert Grant zu sehen.

Wenn er so den Knaben sah, sattelfest und gut sitzend, den Rücken geschmeidig, die Schultern zurückgezogen, die Beine in natürlicher Lage, die Knie wohl geschlossen, so bezeugte er seine Befriedigung durch einen ermunternden Zuruf. In der That wurde Robert ein ausgezeichneter Reiter und verdiente die aufmunternden Belobungen des Indianers.

»Bravo, Robert, sagte dann Glenarvan, Thalcave scheint Dich zu beglückwünschen! Er spendet Dir seinen Beifall, mein Knabe.

– Und in welcher Beziehung, Mylord.

– Wegen der guten Haltung, mit der Du reitest.

– O, ich halte mich nur fest, das ist Alles, erwiderte Robert, der doch vor Vergnügen, sich loben zu hören, erröthete.

– Das ist zwar die Hauptsache, Robert, meinte Glenarvan, aber Du bist zu bescheiden, und ich sage Dir voraus, es kann gar nicht ausbleiben, daß Du ein vollendeter Sportsman wirst.

– Herrlich, sagte Robert lachend, und was wird Papa, der einen Seemann aus mir machen will, dazu sagen?

– Das Eine schließt das Andere nicht aus. Wenn auch nicht alle Reiter gute Seeleute abgeben mögen, so sind doch alle Seeleute im Stande, gute Reiter zu werden. Beim Reiten auf den Raaen lernt man sich fest halten. Was dann das Zusammennehmen des Pferdes betrifft, oder die Ausführung der Bewegungen seitwärts oder im Kreise, das lernt sich, da es etwas ganz Natürliches ist, ganz von selbst.

– Der arme Vater! fiel Robert ein, o, wie wird er Ihnen für seine Rettung danken!

– Du liebst ihn wohl sehr, Robert?

– Ja, Mylord. Er war so gut gegen meine Schwester und mich. Er dachte nur an uns! Von jeder Reise brachte er uns ein Andenken aus den Ländern, die er besucht hatte, mit, und mehr noch, zarte Liebkosungen und süße Schmeichelworte. Ach, Sie, Sie werden ihn auch lieben, wenn Sie ihn erst kennen! Mary ist ihm ähnlich. Er hat eine ebenso weiche Stimme als sie. Bei einem Seemann ist das auffallend, nicht wahr?

– Ja, sehr auffallend, Robert, antwortete Glenarvan.

– Ich sehe ihn noch immer, fuhr das Kind, wie im Selbstgespräch, fort. Du guter, braver Vater! Ich schlief auf seinen Knieen ein, als ich noch klein war, und er sang immer leise ein altes schottisches Lied, welches die Seen unseres Heimatlandes verherrlicht. Manchmal komme ich auf die Melodie, aber nicht genau, Mary auch. O, Mylord, wie liebten wir ihn! Ich glaube, man muß noch klein sein, um seinen Vater zu lieben.

– Und groß, um ihn zu verehren, mein Kind«, erwiderte Glenarvan, ganz bewegt von den Worten, die dem jungen Herzen entquollen.

Während dieses Gesprächs hatten die Pferde zu laufen nachgelassen und gingen im Schritt.

»Wir werden ihn wiederfinden, nicht wahr? fragte Robert nach einigen Minuten des Stillschweigens.

– Ja, wir finden ihn wieder. Thalcave hat uns auf seine Spuren gebracht, und ich habe Zutrauen zu ihm.

– Ein braver Indianer, der Thalcave, sagte das Kind.

– Ganz gewiß.

– Wissen Sie Etwas, Mylord?

– Sprich Dich aus, ich werde Dir antworten.

– Nun, es sind nur lauter gute Menschen mit uns. Madame Helena, die ich so sehr liebe; der Major, mit seiner ruhigen Miene, der Kapitän Mangles, sammt Herrn Paganel und die Matrosen vom Duncan, die eben so muthig als ergeben sind.

– Ja, das weiß ich, mein Sohn.

– Und wissen Sie, wer von Allen der Beste ist?

– Nein, das weiß ich gerade nicht.

– Nun, dann müssen Sie es wissen lernen, Mylord«, entgegnete Robert, der des Lords Hand ergriff und sie an seine Lippen führte.

Glenarvan senkte langsam das Haupt, und wenn das Gespräch nicht weiter ging, so geschah es, weil eine Handbewegung Thalcave's die Nachzügler antrieb. Sie waren zurückgeblieben, und mußten doch die Zeit zu Rathe halten und an Diejenigen denken, welche noch hinter ihnen waren.

Man setzte sich also wieder in schnellern Gang; es zeigte sich aber bald, daß die Pferde, außer Thaouka, diesen nicht lange aushalten würden. Gegen Mittag mußte man ihnen eine Stunde Rast gönnen. Sie konnten nicht mehr fort und verschmähten es, Alfafaresbüschel, nämlich eine Art magern und jetzt von der Sonne gedörrten Klees, zu verzehren.

Glenarvan ward unruhig. Die Zeichen der Unfruchtbarkeit wurden nicht geringer, und der Mangel an Wasser konnte für sie von sehr verderblichen Folgen sein. Thalcave sagte Nichts; er dachte wahrscheinlich, daß es Zeit zum Verzweifeln wäre, wenn der Guamini sich als wasserlos auswies; ein Indianerherz hört überhaupt eigentlich nie die Stunde der Verzweiflung schlagen.

Der Weg wurde also wohl oder übel fortgesetzt, und die Pferde mußten mit Peitsche und Sporen getrieben werden, gingen aber nur im Schritt; sie konnten nicht anders.

Thalcave wäre gern vorausgeritten, denn Thaouka hätte ihn in wenigen Stunden an das Ufer des Bergflusses bringen können. Er dachte sicher daran; aber gewiß wollte er auch seine zwei Begleiter nicht allein mitten in der Wüste verlassen, und so zwang er, um ihnen nicht vorauszukommen, Thaouka, seine Schritte zu mäßigen.

Ohne Widerstand, ohne sich aufzubäumen und heftig zu wiehern, ließ sich aber Thaouka nicht bewegen, Schritt zu halten; dennoch bedurfte es dazu weniger der Körperkraft seines Herrn, als vielmehr seiner Worte. Thalcave sprach eigentlich mit seinem Pferde, und wenn dieses auch nicht antwortete, so verstand es ihn doch gewiß. Der Patagonier mußte ihm durchschlagende Gründe beigebracht haben, denn nachdem es einige Zeit Einwendungen gemacht, fügte es sich seinen Gründen und gehorchte, aber nicht ohne die Zügel zu beißen.

Wenn aber Thaouka Thalcave verstand, so verstand Thalcave nicht minder Thaouka. Das mit sehr scharfen Sinnen ausgestattete Thier spürte einige Feuchtigkeit in der Luft. Es zog ganz rasend den Athem ein, und schnalzte mit der Zunge, als wenn sie in eine erquickende Flüssigkeit getaucht wäre. Der Patagonier konnte das nicht mißverstehen: Wasser war nicht mehr fern.

Er trieb also seine Gefährten an, indem er ihnen Thaouka's Ungeduld zu erklären suchte, welche die beiden anderen Pferde auch bald verstanden. Mit äußerster Anstrengung galopirten sie dicht hinter dem Indianer her.

Gegen drei Uhr zeigte sich ein heller Streifen in einem Erdeinschnitte. Er glitzerte in den Strahlen der Sonne.

»Wasser! sagte Glenarvan.

– Wasser! Ja, das ist Wasser!« rief Robert.

Jetzt brauchten sie die Pferde nicht mehr zu treiben; die armen Thiere, deren Kräfte neubelebt schienen, jagten mit unzähmbarer Gewalt vorwärts. In wenigen Minuten hatten sie den Rio Guamini erreicht, und ganz gesattelt, wie sie waren, stürzten sie bis an die Brust in seine wohlthuenden Wellen.

Etwas wider Willen nahmen die Reiter mit ihnen ein unfreiwilliges Bad, über das sie sich aber nicht beklagten. »Ah, wie ist das schön! jubelte Robert, der seinen Durst mitten im Fluß löschte.

– Mäßige Dich, mein Sohn«, sagte Glenarvan, der aber selbst nicht mit gutem Beispiele voranging.

Thalcave für seine Person trank langsam, ohne sich zu übernehmen, in kleinen Schlucken, aber »lang', wie ein Lasso«, wie die Patagonier sagen.

»Endlich, sagte Glenarvan, werden unsere Freunde doch in ihrer Hoffnung nicht getäuscht werden; sie sind sicher, wenn sie am Guamini anlangen, ein klares und reichliches Wasser zu finden, wenn Thalcave Etwas davon übrig läßt.

– Sollten wir ihnen nicht entgegengehen? meinte Robert; wir würden ihnen einige Stunden Ungewißheit und Leiden ersparen.

– Gewiß, mein Kind, aber wie sollten wir das Wasser fortbringen? Die Schläuche sind in Wilson's Händen geblieben. Nein, es ist besser, zu warten, wie verabredet war. Berechnet man die nothwendige Zeit und nimmt auch darauf Rücksicht, daß ihre Pferde nur im Schritt gehen können, so werden unsere Freunde in der Nacht hier sein. Wir wollen ihnen ein gutes Lager und eine gute Mahlzeit besorgen.«

Thalcave hatte Glenarvan's Ansicht gar nicht abgewartet und sich schon aufgemacht, eine Lagerstätte zu suchen. Glücklicher Weise entdeckte er am Flußufer eine »Ramada«, ein mit weiter Umpfählung von drei Seiten umschlossener Raum, um Heerden sicher unterzubringen. Die Stätte war ganz herrlich geeignet, sich darin einzurichten, wenn man sich nicht scheute, unter freiem Himmel zu schlafen, und das war für Thalcave's Begleiter der geringste Kummer. Sie suchten den Ort gar nicht besser und streckten sich in der vollen Sonne aus, ihre durchnäßten Kleider zu trocknen.

»Nun, da das Lager zur Hand ist, sagte Glenarvan, so denken wir an's Essen. Unsere Freunde sollen mit den Quartiermachern, welche sie vorausgeschickt haben, zufrieden sein, und irre ich nicht, so werden sie keinen Grund zur Klage haben. Eine Stunde Jagd wird keine verschwendete Zeit sein. Bist Du bereit, Robert?

– Ja, Mylord«, antwortete der junge Knabe, und sprang auf, das Gewehr in der Hand.

Glenarvan kam auf diesen Gedanken dadurch, daß die Ufer des Guamini das Stelldichein alles Wildes aus den benachbarten Ebenen zu sein schienen. Rottenweis sah man da »Tinamous«, eine den Pampas eigenthümliche Art Rebhühner, schwarze Birkhühner, eine Art Regenpfeifer, »Teru-Teru« genannt, gelbe Wiesenläufer und Wasserhühner von prachtvoll grüner Farbe.

Vierfüßige Thiere kamen zunächst nicht zum Vorschein; Thalcave gab aber zu verstehen, daß diese sich in den hohen Gräsern und dichten Gehauen verborgen hielten. Die Reisenden hatten nur wenige Schritte bis zum reichsten Jagdreviere der Welt.

Sie begaben sich also auf die Jagd, und da sie zunächst die Feder gegenüber dem Felle geringschätzten, richteten sich ihre ersten Schüsse auf das Hochwild der Pampas. Bald erhoben sich vor ihnen hundertweise Rehe und Guanaco's, ähnlich denen, welche auf dem Rücken der Cordilleren so heftig gegen sie anstürmten; aber diese sehr furchtsamen Thiere entflohen so schnell, daß es unmöglich war, ihnen auf Schußweite nahe zu kommen. Die Jäger beschränkten sich demnach auf ein minder flüchtiges Wild, welches dennoch rücksichtlich seines Nahrungswerthes Nichts zu wünschen übrig ließ. Ein Dutzend Rebhühner und Wiesenläufer wurden erlegt, auch tödtete Glenarvan sehr gewandt ein Bisamschwein, »Tay-Tetre«, einen Dickhäuter mit falbem Felle und schmackhaftem Fleisch, durch einen Flintenschuß.

In weniger als einer halben Stunde hatten die Jäger ohne Anstrengung soviel Wild, als sie brauchten, erlegt; Robert seinerseits bemächtigte sich eines wunderbaren, zu den Wiederkäuern gehörenden Thieres, eines »Armadillo«, eine Art Gürtelthier, dessen Rückenschild mit knochigen, beweglichen Platten bedeckt ist, und dessen Länge anderthalb Fuß betrug. Es war sehr fett und versprach eine ausgezeichnete Schüssel zu liefern, wie der Patagonier wenigstens sagte. Robert war sehr stolz auf seinen Erfolg.

Thalcave endlich gewährte seinen Begleitern das Schauspiel einer Jagd auf einen »Nandou«, eine den Pampas eigenthümliche Straußenart, deren Schnelligkeit ganz zum Erstaunen ist.

Der Indianer versuchte gar nicht erst, das so schnellfüßige Thier zu überlisten; dicht bei ihm setzte er Thaouka in Galop, um es sogleich zu fangen, denn wenn der erste Angriff fehlschlug, hätte der Nandou Roß und Reiter durch vielfach verschlungene Wendungen ermüdet. Als Thalcave ihm in geeigneter Entfernung nahe war, schleuderte er mit kräftiger Hand seine Bolas, und das so geschickt, daß sie sich dem Strauße um die Beine schlangen und alle seine Anstrengungen vereitelten. In wenigen Secunden lag er schon zu Boden. Der Indianer fing ihn auch nicht aus bloßer Jägerlust; das Fleisch des Nandou ist sehr geschätzt, und Thalcave wollte doch auch seine Schüssel zu der allgemeinen Mahlzeit beitragen.

Man brachte also nach der Ramada die Rebhühner, den Strauß Thalcave's, das Bisamschwein Glenarvan's und das Gürtelthier Robert's.

Der Strauß und das Bisamschwein wurden sogleich zugerichtet, d. h. ihre zähen Körperdecken abgezogen und jene in dünne Schnitten zerlegt. Der Tatou ist ein köstliches Thier, das seine Bratpfanne gleich mit sich trägt, und so schob man es in seiner eigenen Schale auf die glühenden Kohlen.

Die drei Jäger aßen nur die Rebhühner zu Abend, und verwahrten die übrigen Stücke noch für ihre Freunde. Getrunken wurde zur Mahlzeit nur klares Wasser, das man jetzt höher schätzte, als alle Portweine der Welt, und selbst jenem berühmten »Usquebaugh«Ein Branntwein aus gegohrener Gerste. vorzog, der in den schottischen Hochlanden so verehrt wird.

Die Pferde waren nicht vergessen worden. Ein großer Vorrath trockenen Futters, der in der Ramada aufgehäuft war, diente ihnen zur Nahrung und zum Lager.

Als Alles vorgerichtet war, wickelten sich Glenarvan, Robert und der Indianer in ihre Ponchos, und streckten sich auf ein Dunenlager von Alfafares, dem gewöhnlichen Bette der Pampajäger.


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