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Zweites Capitel.
Die Erforschung und Kolonisirung Afrikas.

I.

Peddie und Campbell in Sudan. – Ritchie und Lyon in Fezzan. – Denham, Oudney und Clapperton in Fezzan, im Lande der Tibbus. – Der Tchadsee und seine Zuflüsse. – Kouka und die hervorragendsten Städte von Bornu. – Mandara. – Eine Razzia bei den Fellatahs. – Niederlage der Araber und Tod Bou Khalum's. – Loggoun. – Toole's Tod. – Unterwegs nach Kano. – Doctor Oudney's Tod. – Kano. – Sockotu. – Der Sultan Bello. – Rückkehr nach Europa.


Kaum brach die Macht Napoleon's I. und mit ihr das Uebergewicht Frankreichs zusammen, kaum fanden die um den Ehrgeiz eines Einzelnen entstandenen gewaltigen Kämpfe, welche stets die wissenschaftliche Weiterentwicklung der Menschheit hemmen, ein Ende, da erwachten auch schon überall edlere Bestrebungen wieder und es kamen neue, rein wissenschaftliche oder auch Handelszwecken dienende Unternehmungen zu Stande.

In erster Reihe der Mächte, welche Entdeckungsfahrten begünstigen und organisiren, ist wie immer England zu nennen. Diesesmal bildet Central-Afrika, das Land, dessen außerordentliche Reichthümer Hornemann's und Burkhardt's Forschungsreisen ahnen ließen, das Hauptziel seiner Thätigkeit.

Zuerst begegnen wir hier dem Major Peddie, der im Jahre 1816 vom Senegal aus aufbricht und sich nach Kakondy, am Rio Nunez, begiebt. Kaum in genannter Stadt angelangt, erliegt Peddie den Strapazen der Reise und der Ungesundheit des Klimas. Major Campbell übernimmt nach ihm die Führung der Expedition und gelangt über die hohen Bergzüge von Fotou Djallon, verliert dabei aber einen Theil der Lastthiere und auch einige seiner Leute.

Angelangt aus dem Gebiete des »Almamy« – ein Titel, den sich übrigens die meisten Fürsten in diesem Theile Afrikas beilegen – wird die Expedition in dessen Königreiche zurückgehalten und kann die Erlaubniß zur Rückkehr nur durch Zahlung einer namhaften Contribution erkaufen.

Dieser Rückzug sollte höchst verderblich werden, denn bei demselben mußten nicht allein die Flüsse, deren Uebergang so beschwerlich gewesen war, nochmals überschritten werden, sondern man hatte auch solche Plackereien, Verfolgungen und fortwährende Hindernisse zu erdulden, daß Major Campbell, um dem unleidlichen Zustande ein Ende zu machen, seine Waaren verbrennen, die Gewehre zerbrechen und das Pulver durch Wasser unbrauchbar machen ließ.

Diese Anstrengungen, das Scheitern seiner Hoffnungen, den vollständigen Mißerfolg seiner Bestrebungen konnte Major Campbell nicht vertragen; er starb, gleichzeitig mit ihm mehrere Officiere, an derselben Stelle, wo früher Peddie seinen Tod gefunden hatte. Der Rest der Expedition erreichte unter großen Beschwerden Sierra Leone.

Kurze Zeit darauf unternehmen es Ritchie und Georges Francis Lyon, unter Benutzung des hohen Ansehens, welches das Bombardement von Algier der britischen Flagge errungen, und der Beziehungen, welche der englische Consul in Tripolis mit den einflußreichen Personen der Regentschaft anzuknüpfen gewußt hatte, dem von Hornemann eingeschlagenen Wege zu folgen und nach dem Centrum Afrikas vorzudringen.

Am 25. März 1819 verließen die Reisenden Tripolis in Begleitung Mohammed el Mukni's, des Beys von Fezzan, der in seinem Gebiete den Titel Sultan annimmt. Geschützt durch den hohen Rang ihres Begleiters, erreichen Ritchie und Lyon Murzuk ohne besondere Hindernisse. Dennoch haben sie der Zug durch die Wüste und die damit verbundenen Entbehrungen so tief erschöpft, daß Ritchie am 20. November stirbt; Lyon lag ebenfalls längere Zeit krank und hatte, wieder genesen, nur damit zu thun, die heimlichen Versuche des Sultans zu vereiteln, der, in der Hoffnung auf den Tod der Reisenden, sich ihres Gepäckes zu bemächtigen strebte. Auch Lyon konnte über die Südgrenzen von Fezzan nicht hinausgelangen; er fand aber hinlänglich Zeit, über die hauptsächlichsten Städte des Reiches und die Sprache der Bewohner werthvolle Aufschlüsse zu sammeln. Daneben verdankt man ihm auch die ersten authentischen Nachrichten über die Tuaregs, die wilden Bewohner der Wüste und deren Religion, Sprache, Lebensweise und sonstige merkwürdige Gewohnheiten.

Kapitän Lyon's Bericht ist außerdem reich an Details über Bornu, Wadai und Sudan, welche, wenn sie auch nicht alle auf eigener Anschauung fußen, doch mit Sorgfalt gewählt sind.

Die bisher erzählten Resultate entsprachen freilich nicht der englischen Habgier, welche ihren Kaufleuten die reichen Märkte des Binnenlandes zu erschließen suchte. In Folge dessen wurde ein der Regierung gemachtes Anerbieten eines Schotten, des Doctor Walter Oudney, den die Reiseberichte Mungo Park's begeistert hatten, ohne Bedenken angenommen. Zur Seite stand ihm ein um drei Jahre älterer Schiffslieutenant, Hugues Clapperton, der sich auf den canadischen Seen vielfach ausgezeichnet, den aber der Friedensschluß von 1815 zur unfreiwilligen Muße verurtheilt hatte, indem er noch dazu auf Halbsold gesetzt wurde.

Doctor Oudney's vertrauliche Mittheilungen von seinem Vorhaben bestimmten Clapperton sofort, sich dem abenteuerlichen Zuge anzuschließen. Oudney erwirkte sich vom Ministerium die Unterstützung dieses thatenlustigen Officiers, dessen ausgebreitete Kenntnisse ihm gewiß von großem Vortheile sein mußten. Lord Bathurst erhob keine Schwierigkeiten, und die beiden Freunde schifften sich, nach Entgegennahme specieller Instructionen, nach Tripolis ein, wo sie bald erfuhren, daß ihnen als Chef der Major Dixon Denham beigegeben war.

Geboren zu London am 31. December 1785, war Denham anfangs Gehilfe bei einem Eigenthümer größerer Ländereien. Schon nahm er die Stelle als Vertreter des Besitzers ein, konnte der Beschäftigung aber so wenig Geschmack abgewinnen, daß er, abenteuerlustig von Charakter, lieber in einem Regimente, das nach Spanien abging, Dienste nahm. Bis 1815 kämpfte er mit, dann benutzte er seinen Urlaub, um Frankreich und Italien zu besuchen.

Sein Ehrgeiz verführte Denham, diejenige Laufbahn zu wählen, die ihn, selbst auf die Gefahr des Lebens hin, am schnellsten befriedigen konnte, und so entschloß er sich zu kühnen Forschungsreisen. Die Ausführung folgte bei ihm dem Gedanken auf der Ferse. Er schlug dem Ministerium vor, auf dem Wege, welchen später Laing folgen sollte, nach Timbuctu zu gehen; als er bei dieser Gelegenheit aber vernahm, mit welcher Sendung Lieutenant Clapperton und Doctor Oudney betraut seien, bat er um die Vergünstigung, sich diesen anschließen zu dürfen.

Versehen mit Allem, was er für die Reise als nothwendig betrachtete, und nachdem er einen geschickten Zimmermann, Namens Hillman engagirt, schifft sich Denham ohne Zaudern nach Malta ein und trifft mit seinen zukünftigen Reisegefährten am 21. November 1821 in Tripolis zusammen. Der englische Name hatte gerade zu jener Zeit einen guten Klang und großes Ansehen in den Barbareskenstaaten nicht allein wegen des erfolgreichen Bombardements von Algier, sondern auch, weil der Consul von Großbritannien in Tripolis durch seine gewandte Politik ein recht gutes Einvernehmen mit den höchsten Behörden der Regentschaft herzustellen gewußt hatte.

Dieser Einfluß machte sich auch bald über den ersten beschränkten Kreis hinaus geltend. Die Nationalität verschiedener Reisender, der Schutz, den England der Pforte angedeihen ließ, die Gerüchte von seinen Kämpfen und Siegen in Indien, Alles das war, wenn auch lückenhaft, selbst im Innern von Afrika bekannt geworden, und der englische Name, ohne daß man sich Rechenschaft geben konnte, zu hohem Ansehen gestiegen. Nach Aussage des britischen Consuls war der Weg von Tripolis nach Bornu ebenso sicher wie die Straße von London nach Edinburgh. Jetzt schien also der Zeitpunkt gekommen, aus diesen Vortheilen, die sich vielleicht nicht sobald wieder darboten, Nutzen zu ziehen.

Nachdem die drei Reisenden bei dem Bey einen recht wohlwollenden Empfang gefunden und dieser ihnen seine Unterstützung nach allen Seiten zugesagt, beeilten sie sich, Tripolis zu verlassen. Unter dem Schutze der von dem Fürsten gestellten Escorte erreichten sie ohne Schwierigkeit am 22. April 1822 Murzuk, die Hauptstadt von Fezzan. Unterwegs hatte man sie da und dort mit einer wohlwollenden Freude begrüßt, welche fast an Enthusiasmus grenzte.

»In Sokna, erzählt Denham, kam uns der Statthalter entgegen und traf uns auf der Ebene vor der Stadt. Ihn begleiteten die vornehmsten Einwohner derselben, nebst mehreren hundert Bauern, die unsere Pferde umringten und uns vor lauter Lust und Freude die Hände küßten. So zogen wir in die Stadt ein. Unaufhörlich wiederholte die Menge die Worte: »Inglesi! Inglesi!« Und dieser Empfang machte auf uns einen um so angenehmeren Eindruck, als wir die ersten Europäer waren, welche in ihrer gewohnten Kleidung erschienen; ja, ich bin überzeugt, daß wir weit weniger freundlich aufgenommen worden wären, wenn wir etwa als Mohammedaner auftreten und uns zu der Rolle von Heuchlern hätten erniedrigen wollen.«

In Murzuk freilich sollten sich dieselben Plackereien wiederholen, welche Hornemann gelähmt hatten. Jedenfalls erschienen Verhältnisse und Menschen gänzlich verändert. Ohne sich von den Ehrenbezeugungen, die ihnen der Sultan erwies, blenden zu lassen, verlangten die scharfsichtigen Engländer vorzüglich nach der nothwendigen Escorte, um sie nach Bornu zu begleiten.

Man erwiderte ihnen, daß an eine Abreise vor dem kommenden Frühjahre deshalb nicht zu denken sei, weil man die »Kafila« oder Karawane und die Mannschaften, welche sie durch die wüsten Strecken begleiten sollten, nicht eher zusammenbringen könne.

Inzwischen erbot sich ein reicher Kaufmann, Namens Bou Baker Bu Khaloum, ein intimer Freund des Pascha, gegen einige Geschenke alle Schwierigkeiten zu beseitigen. Er übernahm es, die Engländer selbst nach Bornu zu führen, wohin er sich ebenfalls begeben wollte, wenn der Pascha von Tripolis die dazu nothwendige Erlaubniß ertheilte.

Denham, der Bou Khaloum's Versicherungen Glauben schenkte, begriff die Nothwendigkeit dieser einzuholenden Erlaubniß und begab sich nach Tripolis zurück. Da er nur ausweichende Antworten erhielt, drohte er, sich nach England einzuschiffen, wo er über die Hindernisse, welche der Pascha der Erfüllung seiner Mission in den Weg legte, Bericht erstatten würde.

Diese Drohungen verhallten erfolglos; Denham ging wirklich unter Segel und landete eben in Marseille, als ihn ein Bote des Bey einholte, der ihn zurückrief und ihm volle Genugthuung und Bou Khaloum die Erlaubniß, die drei Reisenden zu begleiten, zusicherte.

Am 30. October kam Denham nach Murzuk zurück, wo er seine Gefährten, leider heftig ergriffen vom Fieber und geschwächt von dem abscheulichen Klima des Landes, wieder antraf.

Ueberzeugt, daß ein Luftwechsel ihre erschütterte Gesundheit wieder kräftigen werde, ließ er sie aufbrechen und in kurzen Tagesmärschen vorausreisen. Er selbst verließ Murzuk am 29. November mit einer Karawane von Kaufleuten aus Mesurot, Tripolis, Sokna und Murzuk, deren aus 210 Arabern, lauter Krieger aus den aufgeklärtesten und unabhängigsten Stämmen bestehende Bedeckung Bou Khaloum persönlich befehligte.

Die Expedition schlug den von Lieutenant Lyon gewählten Weg ein und gelangte bald nach Tegherhy, der südlichsten Stadt von Fezzan und der letzten, die man vor dem Eintritt in die Wüste von Bilna antrifft.

»Ich benutzte die Gelegenheit, sagt Denham, das Schloß von Tegherhy abzuzeichnen, das sich am südlichen Rande eines an der Stadt gelegenen Salzsees erhebt. Nach Tegherhy selbst gelangt man durch einen engen, niedrigen und gewölbten Gang, der nach einer zweiten Mauer mit einem Thore führt; diese Mauer ist mit Schießscharten versehen, welche einem Feinde das Vordringen wegen des beschränkten Raumes sehr erschweren müßte. Ueber dem Thore befindet sich noch eine Oeffnung, um Geschosse und Feuerbrände auf die etwaigen Angreifer zu schleudern, wovon die Araber mit Vorliebe Gebrauch machen.

Das Innere der Stadt enthält einen Brunnen mit recht gutem Wasser. Bei hinreichendem Vorrath an Lebensmitteln und Schießbedarf, dürfte dieser Platz, wenn er einigermaßen in Stand gesetzt würde, gewiß ernstlichen Widerstand leisten können. Tegherhy selbst hat recht freundliche Umgebungen. Ueberall wachsen Datteln und sprudelt ausgezeichnetes Wasser hervor. Nach Osten zu dehnt sich eine niedrige Hügelreihe aus. Wasserschnepfen, Enten und wilde Gänse tummeln sich auf den Salzteichen der Nachbarschaft.«

Von dieser Stadt aus betraten die Reisenden eine Sandwüste, durch welche man sich nur schwierig zurecht finden würde, wenn der Weg nicht durch Skelete menschlicher und thierischer Körper bezeichnet wäre, die man vorzüglich in der Nähe der Brunnen findet.

»Ein solches Skelet, das wir eines Tages fanden, erzählt Denham, sah noch recht frisch aus, der Bart hing noch am Kinn und auch die Gesichtszüge ließen sich nothdürftig unterscheiden. Da rief plötzlich einer von den Kaufleuten der Kafila (Karawane): das ist mein Sklave! Vor vier Monaten ließ ich ihn hier in der Nähe zurück! – So bringe ihn schnell zu Markte, sagte darauf ein witziger Sklavenhändler, damit Dir Keiner Dein Eigenthum streitig macht!«

In der Wüste giebt es da und dort durch Oasen bezeichnete Haltepunkte, wo sich mehr oder weniger bedeutende Städte angesiedelt haben. Ein solches hervorragendes Rendez-vous bildet z. B. Kischi. Hier wird ein Straßenzoll von Jedem verlangt, der durch das Land reist. Der Sultan der genannten Stadt – man beobachtet wiederholt, daß sich diese Duodez-Herrscher gern den Titel eines Befehlshabers der Gläubigen zulegen – zeichnete sich durch seinen auffallenden Mangel an Reinlichkeit recht unvortheilhaft aus, und ebenso bot sein ganzer Hofstaat, wenn man Denham glauben darf, einen geradezu widerlichen Anblick.

»Er kam in das Zelt Bou Khaloum's, sagt der Reisende, in Begleitung von einem halben Dutzend Tibbous, von denen einige geradezu abschreckend häßlich waren. Ihre Zähne erschienen dunkelbraun, was von dem übermäßigen Tabakgenusse, dem sie mit dem Munde und der Nase fröhnen, herrühren mochte. Ihre Nase sah schon mehr einem an das Gesicht geklebten Fleischklumpen ähnlich; die Nasenlöcher derselben waren so groß, daß sie mit den Fingern ganz tief hinein stoßen konnten. Weder meine Uhr, Boussole, noch eine Spieldose, die ich bei mir führte, erregten ihre Aufmerksamkeit. Die Leute glichen mehr Thieren in Menschengestalt.«

Die Stadt Kirby, die man etwas weiter hin, zwischen einer Kette von Hügeln, welche vierhundert Fuß an Höhe nicht überschreiten, antrifft, liegt in einem »Uadi«, umgeben von zwei Salzseen, die ihre Entstehung aller Wahrscheinlichkeit nach den Aushöhlungen verdanken, welche die Entnahme von Erde zu Bauzwecken zurückließ. In der Mitte dieser Seen erhebt sich, einer Insel gleich, ein kleiner Berg von Kochsalz und kohlensaurem Natron. Das Salz, welches die in dieser Gegend sehr häufigen Uadis liefern, bildet den Gegenstand eines nicht unbedeutenden Handels mit Bornu und Sudan.

Eine erbärmlichere Stadt als Kirby dürfte es wohl kaum geben. »Darin findet man nichts, nicht einmal eine Matte.« Wie kann das auch anders in einem Orte sein, der den unaufhörlichen Razzias der Tuaregs ausgesetzt ist?

Die Karawane zog hierauf durch das Land der Tibbous; es sind das gastfreundliche und friedliche Leute, welche die Brunnen und Cisternen in Stand halten und dafür von den Karawanen eine Entschädigung erhalten. Schnell und kräftig von Natur, im Besitz sehr flüchtiger Pferde, haben sie sich eine außergewöhnliche Fertigkeit im Schleudern der Lanze erworben, welche die stärksten Krieger wohl bis zweihundertvierzig Fuß weit werfen. Bilma ist ihre Hauptstadt und die Residenz ihres Sultans.

»Dieser fand sich, so meldet der Bericht, mit einem zahlreichen Gefolge von Männern und Frauen bei den Fremden ein. Die letzteren waren weit hübscher als die in den kleineren Städten; Einzelne hatten wirklich ganz angenehme Züge und ihre weißen, gut geordneten Zähne contrastirten wunderbar gegen die Schwärze der Haut und der dreieckigen, öltriefenden Haarflechte, welche ihnen auf jeder Seite des Gesichtes herabhing; auch die Korallengehänge an der Nasenscheidewand und große Halsbänder aus Ambra standen ihnen recht gut zu Gesicht. Die Einen hielten einen »Cheiche« oder Fächer aus zarten Pflanzen oder aus Roßhaargeflecht, um die Fliegen abzuwehren, Andere nur einen Baumzweig; Diese trugen Fächer aus Straußenfedern, Jene ein großes Bund Schlüssel; Alle aber führten irgend etwas in der Hand und schwenkten es über dem Kopfe. Ein Stück Stoff von Sudan, das an der linken Schulter befestigt war und die rechte Körperseite frei ließ, bildete ihre ganze Bekleidung; ein anderes kleineres Stück verhüllte den Kopf und fiel von da auf die Schultern herab oder war ganz nach hinten geschlagen. Trotz dieser mangelhaften Kleidung bewahrten sie doch eine sehr züchtige und bescheidene Haltung.«

Eine Meile hinter Bilma, gleich nach einer klaren Quelle, welche die Natur hierher verlegt zu haben scheint, um den Reisenden zur Deckung seines Wasserbedarfs einzuladen, nimmt eine Wüste ihren Anfang welche man erst nach zehn Tagereisen durchmißt. Früher mochte sich hier ein großer Salzsee ausgebreitet haben.

Am 4. Februar 1828 erreichte die Karawane Lari, eine an der Nordgrenze von Bornu unter 14° 40' nördlicher Breite gelegene Stadt.

Die durch die Stärke der Karawane erschreckten Bewohner derselben flohen entsetzt auseinander.

»Die trübe Stimmung aber, welche diese Wahrnehmung in uns erregte, sagt Denham, machte bald einer ganz anderen Empfindung Platz, als wir etwas weiter hin, kaum eine Meile von der Stelle, an der wir uns befanden, den großen See Tchad im Sonnenglanze schimmern sahen. Der für uns so erquickende Anblick erfüllte Alle mit einer solchen Befriedigung, daß ich keine Worte finde, dieselbe zutreffend zu schildern.«

Von Lari an änderte sich das Aussehen des Landes vollständig. Auf die bisherige Sandsteppe folgt nun ein lehmiger, rasenbedeckter Boden, da und dort mit zerstreuten Akazien und anderen Baumarten, unter denen Antilopenheerden weideten oder Hühner von Guinea und Tauben aus der Berberei ihr herrliches Gefieder durch die grünen Blätter schillern ließen. Städte und Dörfer, letztere meist aus kugelförmigen und mit Hirsestroh bedeckten Lehmhütten bestehend, wechselten mit einander ab.

Längs des Tchadsees, dessen Nordspitze sie zuerst berührt hatten, zogen die Reisenden nun weiter nach Süden. Die Ufer dieser großen Wasserfläche bestanden aus schlammigem, schwarzem aber verhältnißmäßig festem Boden. Das Wasser im See steigt zur Winterszeit ziemlich hoch an und fällt während des Sommers; es ist süß, fischreich und von Flußpferden und Schwimmvögeln bevölkert. Nahe der Mitte desselben, im Südosten, liegen mehrere Inseln, auf welchen Biddohmahs hausen, ein räuberischer Stamm, der von der Beute lebt, die er sich vom festen Lande holt.

Die Fremden hatten einen Boten an, den Scheikh El Khanemi vorausgesendet, um sich die Erlaubnis zum Betreten seiner Hauptstadt zu erbitten. Bald erschien auch ein Abgesandter desselben, der Bou Khaloum und dessen Begleiter einlud, nach Kouka zu kommen.

Unterwegs kam die Karawane durch Beurwha, eine befestigte Stadt, welche bisher allen Angriffen der Tuaregs widerstanden hatte, und überschritt den Yeou, einen großen Fluß, dessen Breite an manchen Stellen wohl hundertfünfzig Fuß betrug. Dieser Zufluß des Tchad kommt aus Sudan.

Am südlichen Ufer desselben erhebt sich eine hübsche, mauerumschlossene Stadt, welche gleichfalls Yeou heißt und halb so groß wie Beurwha sein mag.

Bald darauf langte die Kafila an den Mauern von Kouka an und wurde am 17. Februar, nach zweieinhalbstündigem Zuge, von einer bewaffneten Schaar von viertausend Mann empfangen, welche sehr gut einexercirt schienen. Unter denselben befand sich auch eine Abtheilung Neger, die Leibwache des Scheikh, deren Ausrüstung stark an die der alten Ritter erinnerte.

»Sie trugen, sagt Denham, Panzerhemden aus Eisenkettengliedern, welche die Brust bis zum Halse bedeckten, und nach vorn und hinten herabfielen, wodurch sie die Seiten des Pferdes und die Schenkel des Reiters schützten. Als Kopfschmuck führten sie eiserne Helme, und darüber gelbe, weiße oder rothe Turbans, die unter dem Kinn zusammengeknüpft wurden. Auch die Köpfe der Pferde waren durch Platten des nämlichen Metalls verwahrt. Ihre Sättel waren klein und leicht; die Steigbügel aus Zinn und so eng, daß man nur die Fußspitze hineinstecken konnte; als Fußbekleidung diente ihnen übrigens eine mit Krokodilhaut verzierte Ledersandale. Sie ritten wirklich vorzüglich, sprengten in scharfem Galopp bis auf wenige Schritte an uns heran und schwangen in Bou Khaloum's Nähe die Lanzen unter dem Rufe: »Barca! Barca! Willkommen! Willkommen!«

Umgeben von dieser glänzenden Phantasie zogen die Engländer und die Araber in die Stadt ein, wo als Ehrenbezeugung für sie noch ein ähnliches militärisches Schauspiel veranstaltet wurde.

Der Scheikh El Khanemi ließ sich die Fremden bald vorführen. Jener mochte fünfundvierzig Jahre zählen. Er hatte eine ansprechende Erscheinung mit freundlichem, geistvollem und wohlwollendem Gesichtsausdrucke.

Die Engländer händigten ihm die Briefe des Paschas aus. Als der Scheikh dieselben durchlesen, fragte er Denham, was er und seine Gefährten in Bornu zu beginnen gedächten.

»Wir wollen nur das Land sehen, sagte Denham, und uns über dessen Bewohner, Natur und Erzeugnisse unterrichten.

– So seid mir willkommen, erwiderte der Scheikh; es soll mir ein Vergnügen sein, Euch Alles zu zeigen. Ich habe für Euch Wohnstätten in der Stadt herstellen lassen, seht sie Euch mit einem meiner Leute an und fürchtet nicht, auszusprechen, was Ihr daran etwa auszusetzen habt.«

Die Reisenden erhielten bald Erlaubniß, Thier- und Vögelbälge, welche ihnen interessant schienen, zu sammeln und Alles aufzuzeichnen, was der Beobachtung werth schien. So kamen sie in Besitz einer großen Menge schätzenswerther Nachrichten auch über die Nachbarstadt Koukas.

Die letztere, damals die Hauptstadt von Bornu, besaß einen Markt, wo Sklaven, Lämmer, junge Ochsen, Weizen, Reis, Erdnüsse, Feuerbohnen, Indigo und verschiedene andere Landesproducte verhandelt wurden. In den Straßen der Stadt, welche mindestens 15.000 Einwohner zählte, herrscht ein ungemein reges Leben.

Angornu ist ebenfalls eine große, mit Mauern umschlossene Stadt von 30.000 Seelen. Sie galt früher als Hauptstadt des Landes. Auch ihr Markt war nicht unbedeutend. Daselbst feilschen oft nicht weniger als hunderttausend fremde Käufer und Verkäufer um den Preis von Fischen, Geflügel, Fleisch, das roh oder gekocht zu Markte gebracht wird, Zinn, Kupfer, Weihrauch und Korallen. Leinwand war hier so billig, daß fast Jeder Hemd und Beinkleider aus diesem Gewebe trug. Die Bettler verfuhren auf eigenthümliche Weise, um Erbarmen zu erwecken; sie besetzen die Zugänge des Marktplatzes, halten ein Stück alter, zerrissener Hose in der Hand und rufen die Vorübergehenden unter kläglichen Geberden mit den Worten an: »Seht, ich habe nicht einmal Beinkleider!« Die Neuheit dieses Kniffes, das Verlangen nach einem Kleidungsstücke, das in ihren Augen nothwendiger als selbst die Nahrung erscheint, zwang den Reisenden zu lautem Lachen, als er zum ersten Male Zeuge einer solchen Scene war.

Bisher hatten die Engländer nur mit dem Scheikh zu thun gehabt, der, sich mit der ausübenden Gewalt begnügend, dem Sultan die nominelle Oberherrschaft überließ. Dieser Fürst war eine sonderbare Persönlichkeit und ließ sich nur, gleich einem merkwürdigen, gefährlichen Thiere, durch das Gitter einer Art Käfigs aus Rosenholz sehen, der nahe seinem Gartenthore stand. Eine bizarre Mode an diesem Hofe bestand auch darin, daß Alle, die daselbst verkehrten, um elegant zu erscheinen, einen starken Leib haben und sogar künstliche Mittel anwenden mußten, um nur fettleibig zu erscheinen, was sonst doch Jedermann eher für störend hält.

Die raffinirtesten Hofschranzen hatten, wenn sie zu Pferde saßen, einen so stark ausgestopften Bauch, daß dieser vorn über den Sattelknopf herabhing. Außerdem erforderte die Etiquette einen Turban von solcher Weite und so großem Gewichte auf dem Kopfe zu balanciren, daß Die, welche ihn trugen, oft den Kopf zur Seite neigen mußten.

Diese barocken Ausschreitungen erinnerten ungemein an die so häufigen Türken der Maskenbälle. Die Reisenden hatten manchmal alle Mühe, solchen Zerrbildern gegenüber den nöthigen Ernst zu wahren.

Neben diesen feierlich-amüsanten Empfangsceremonien und Erscheinungen machte man aber doch viel interessante Beobachtungen und zog Nachrichten aller Art ein, welche manches frühere Dunkel erhellten.

Denham wäre nun gern so bald als möglich nach Süden zu aufgebrochen. Der Scheikh schlug das aber ab, um die Sicherheit der ihm vom Bey von Tunis empfohlenen Fremdlinge nicht zu gefährden. Seit dem Betreten des Gebietes von Bornu war ja an Bou Khaloum's Verantwortlichkeit die des wohlwollenden Scheikh getreten.

Denham's Gesuch wurde aber endlich so dringend, daß er von El Khanemi die Erlaubniß erhielt, Bou Khaloum bei einer »Ghrazzie« oder Razzia zu begleiten, welche dieser gegen die Kaffir oder Ungläubigen unternehmen wollte.

Die Armee des Scheikh und die Araber kamen nun durch Yeddie, eine große, geschlossene Stadt, zwanzig Meilen von Angornu; ferner durch Affagey und noch andere Ortschaften, welche auf dunklem lehmhaltigen Alluvialboden erbaut waren.

In Delow betraten die Araber nachher das Land Mandara, dessen Sultan ihnen mit fünfhundert Reitern entgegenkam.

»Mohammed Becker, sagt Denham von diesem, war von kleiner Gestalt und etwa fünfzig Jahre alt, den Bart hatte er wunderschön – himmelblau gefärbt!«

Es erfolgte eine allgemeine Vorstellung, und der Sultan fragte, sobald er Denham's ansichtig geworden, wer er sei, woher er komme und was er vorhabe, endlich auch, ob er Muselman sei? Auf die Antwort Bou Khaloum's verdrehte der Sultan die Augen und murmelte: »Der Pascha hat also auch Kaffir zu Freunden?«

Dieser Zwischenfall hinterließ einen üblen Eindruck und Denham durfte später nie wieder vor dem Sultan erscheinen.

Die Feinde des Paschas von Bornu und des Sultans von Mandara hießen Felatahs. Ihre zahlreichen Stämme sind bis jenseits Timbuktu verbreitet. Es sind schöne Menschen von tiefer Bronzefarbe, wodurch sie sich deutlich von den Negern unterscheiden, mit denen sie sich übrigens kaum je vermischen. Auch bekennen sie sich zum Islam. Wir werden später auf diese Felatahs, Foulahs, Peuls oder Fans, wie man sie in ganz Sudan nennt, zurückkommen.

Im Süden der Stadt Mora erhebt sich eine Hügelkette, deren höchste Gipfel 2500 Fuß nicht übersteigen und die sich, nach Aussage der Eingebornen, dreißig Tagereisen weithin erstreckt.

Denham's Beschreibung dieser Landschaft ist merkwürdig genug, um hier wenigstens das Hervorragendste daraus mitzutheilen.

»Nach allen Seiten, sagt er, begrenzt unseren Blick eine Kette von Bergen, deren Ende man nicht absieht. Hinsichtlich der riesenhaften Dimensionen und der wilden Großartigkeit, halten sie weder einen Vergleich mit den Alpen, den Apenninen oder dem Jura, nicht einmal mit der Sierra Morena aus, messen sich aber mit allen genannten an pittoreskem Aussehen. Vor uns lagen die Spitze des Valmy Savah, Djogghiday Vayah, Moyoung und Memay, deren felsige da und dort mit Dörfern bedeckte Fluren sich von Osten nach Westen hinziehen; der Horza, an Höhe und Schönheit vielleicht der erste von allen, bot mit seinen Schluchten und steilen Abhängen nach Süden zu ein reizendes Landschaftsbild.«

Derkolla, ein Hauptort der Felatahs, wurde angegriffen und eingeäschert. Die Araber nahmen nachher Stellung vor Mosfeia, das eine zur Vertheidigung sehr günstige Lage hat und durch Palissaden beschützt ist, welche zahlreichen Bogenschützen als Deckung dienen. Der englische Reisende mußte dem Kampfe beiwohnen. Der erste Anprall der Araber war unwiderstehlich. Der Knall der Feuerwaffen, so wie der Ruf von Bou Khaloum's Tapferkeit und Grausamkeit verbreiteten anfänglich eine wahre Panik unter den Felatahs Wenn die Mandaranen und Bornuesen da den Angriff auf den Hügel kräftig unterstützt hätten, wäre die Stadt sicherlich gefallen.

Als die Belagerten aber das Zögern ihrer Feinde bemerkten, ergriffen sie selbst wieder die Offensive und schickten die Bogenschützen vor, deren vergiftete Pfeile unter den Arabern zahlreiche Opfer forderten. Gerade da wichen die Hilfsmannschaften von Bornu und Mandara schimpflich zurück.

Barca Gama, der Anführer der Ersteren, verlor drei Pferde unter dem Leibe. Bou Khaloum wurde verwundet, ebenso wie sein Pferd, und das Denham's ebenfalls; Letzterer selbst erhielt einen Streifschuß in's Gesicht, während noch zwei Pfeile seinen Burnus durchbohrten.

Der Rückzug artet bald zur wilden Flucht aus. Denham's Pferd stürzt und der Reiter, den die Felatahs schon umringen, rafft sich nur mit Mühe wieder auf. Zwei Felatahs weichen vor der Pistole des Engländers zurück, ein dritter erhält einen Schuß in die Schulter.

Denham betrachtete sich als gerettet, als sein Pferd sich zum zweiten Male überschlug und er weit weg und heftig gegen einen Baum geschleudert wurde. Als der Major wieder zu sich kam, war das Pferd verschwunden und er ohne Waffen. Sofort sieht sich Denham, der an beiden Händen und an der rechten Seite verwundet ist, von Feinden umringt und beraubt, während nur die Furcht, seine reiche Kleidung zu zerstören, diese abhielt, ihm den Garaus zu machen.

Inzwischen entsteht ein Streit um die Beute, der Major benutzt die Gelegenheit, unter einem Pferde wegzugleiten und im nahen Gebüsch zu verschwinden. Entblößt und blutend, kommt er nach tollem Laufe am Rande einer Schlucht an, in deren Grund ein Bergstrom herabstürzt.

»Meine Kräfte waren fast zu Ende, sagt er, ich erfaßte die jungen Zweige, welche an dem alten Stamm eines über die Schlucht hinaushängenden Baumes hervorgesproßt waren, um mich bis zum Wasser hinabgleiten zu lassen, da die Uferwand zu steil war. Schon bogen sich die Zweige unter dem Gewicht meines Körpers, als ich dicht unter meiner Hand eine große »Liffa«, die giftigste Schlange der Gegend, aus ihrem Schlupfwinkel hervorgleiten sah, welche sich zum Bisse anschickte. Der Schreck lähmte alle meine Gedanken. Ich ließ die Zweige los und fiel kopfüber in's Wasser. Dieser Fall gab mir jedoch die klarere Besinnung wieder, und drei Bewegungen der Arme führten mich nach dem anderen Ufer, das ich mit großer Schwierigkeit erklomm. Damit war ich nun vor der weiteren Verfolgung durch die Felatahs sicher.«

Zum Glück bemerkte Denham einen Trupp Reiter, denen er sich trotz des Lärmens ringsum verständlich machen konnte. Er legte mit ihnen eine Strecke von siebenunddreißig Meilen ohne jede andere Kleidung als eine schlechte, von Ungeziefer strotzende Decke auf ungesatteltem, magerem Pferde zurück. Was mag er da bei einer Hitze von sechsunddreißig Graden, die seine Wunden nur verschlimmern mußte, gelitten haben!

Fünfunddreißig Araber, darunter deren Führer Bou Khaloum, waren getödtet, fast alle Uebrigen verwundet, die Pferde unbrauchbar gemacht oder verloren gegangen – so endigte die Expedition, von der man sich reiche Beute und eine große Zahl Sklaven versprochen hatte.

Binnen sechs Tagen legte man die hundertachtzig Meilen betragende Wegstrecke von Mora nach Kouka zurück.

Denham fand in letzterer Stadt wieder einen recht freundlichen Empfang seitens El Khanemi's, der ihm für, seine verloren gegangene Kleidung ein Kostüm, wie es hier zu Lande üblich war, zustellen ließ.

Kaum hatte sich der Major von seinen Wunden und den vorigen Strapazen erholt, als er schon wieder an einer Expedition theilnahm, die der Scheikh nach Monga, einem Lande im Westen des Tchadsees, ausführen ließ, dessen Bewohner seine Oberhoheit niemals voll anerkannt und sich in letzter Zeit geweigert hatten, den verfallenen Tribut zu entrichten.

Denham und Doctor Oudney brachen am 28. Mai von Kouka auf, überschritten den Yeou, der zu dieser Jahreszeit fast ganz trocken lag, in der Regenzeit aber gewaltig anzuschwellen pflegt, und besuchten Birnie sowohl wie die Ruinen von Alt-Birnie, der früheren Landeshauptstadt, welche gegen 200.000 Einwohner gezählt haben soll. Nachher kamen sie zu den Trümmern von Gambaru, das sich einst durch prächtige Bauwerke auszeichnete und als Lieblingssitz des früheren Sultans galt, aber von den Felatahs zerstört wurde, ferner nach Kabchary, Bassekur, Bately und nach einer Menge anderer Städte und Dörfer, deren zahlreiche Einwohner ohne Widerstreben die Oberherrschaft des Sultans von Bornu anerkannten.

Der nun eintretende Winter erwies sich den Mitgliedern der Mission sehr ungünstig. Clapperton litt schrecklich an Fieber. Der Zustand des Doctor Oudney, der schon bei der Abreise von England brustleidend war, verschlimmerte sich zusehends. Der Zimmermann Hillman befand sich in trostloser Lage. Nur Denham allein hielt sich aufrecht.

Als die Regenzeit zu Ende ging, reiste Clapperton mit dem Doctor Oudney am 14. December nach Kano ab. Wir werden ihnen bald auf diesem interessanten Theile ihrer Reise folgen.

Sieben Tage später traf ein Fähnrich, Namens Toole, in Kouka ein, der zur Reise von Tripolis bis hierher nur drei Monate und vierzehn Tage gebraucht hatte.

Im Februar 1822 unternahmen Denham und Toole einen Ausflug nach Loggoun, am Südende des Tchadsees. Die ganze Umgebung des Sees und seines Zuflusses, des Chary, ist sumpfig und steht während der Regenzeit unter Wasser; das besonders ungesunde Klima dieser Gegend wurde für den jungen Toole verderblich, denn dieser ging schon am 26. Februar in Angola mit Tode ab; er erreichte ein Alter von nicht ganz zweiundzwanzig Jahren.

Ausdauernd, unerschrocken, dienstwillig, kaltblütig und klug, wie er war, besaß Toole alle Eigenschaften, welche einen tüchtigen Reisenden auszeichnen.

Loggoun war bisher ein sehr unbekanntes Land, durch welches selbst Karawanen seltener zogen und dessen Hauptstadt Kernok gegen 15.000 Einwohner zählte. Es wohnt hier ein schöner Menschenschlag, der die Bornuesen an geistigen Fähigkeiten übertrifft – beides gilt vor Allem von den Frauen – sehr arbeitsam ist und schöne Leinwand nebst anderen guten Geweben fabricirt.

Die unumgängliche Vorstellung beim Sultan schloß, nach dem gewöhnlichen Austausch schöner Redensarten und der Entgegennahme reicher Geschenke, mit folgendem sonderbaren Angebote, das der Sultan dem Reisenden machte: »Wenn Du gekommen bist, um Sklaven zu kaufen, so brauchst Du nicht weiter zu gehen, ich verkaufe Dir solche so billig, wie irgend ein Anderer.« Denham hatte große Mühe, diesem gewerbetreibenden Fürsten verständlich zu machen, daß das nicht der Zweck seiner Reise sei und nur die Liebe zur Wissenschaft seine Schritte geleitet habe.

Am 2. März war Denham wieder in Kouka, wo am 20. Mai der Lieutenant Tyrwhit eintraf, der, reiche Geschenke für den Scheikh mit sich führend, in Bornu als Consul bleiben sollte.

Nach einer letzten Razzia gegen Manu, die Hauptstadt von Kanem, und gegen die Dogganahs, welche früher die Ufer des Fitrisees bewohnten, schlug der Major am 16. August mit Clapperton den Rückweg nach Fezzan ein und kam wieder nach Tripolis, nach einer langen, gefahrvollen Fahrt, deren schon ohnehin beträchtliche Resultate durch Clapperton noch bedeutend vermehrt worden waren.

Wir schalten hier die Erzählungen der Reise-Erlebnisse und Entdeckungen dieses Officiers ein. Nachdem er mit Doctor Oudney am 14. December 1823 nach Kano, einer großen Felatahstadt im Westen des Tchadsees abgereist, war Clapperton dem Laufe des Yeou bis Damasak gefolgt und hatte Alt-Birnie und Bera, am Strande eines durch die Ueberschwemmungen des Yeou entstandenen Sees gelegen, ferner Dagamou und Bekidarfi besucht, die letzteren zwei Städte, welche schon zu Haoussa gehören. Die Bewohner dieses Districtes, deren Anzahl vor den Einfällen der Felatahs eine weit höhere war, tragen als Waffen Bogen und Pfeile und treiben mit Tabak, Nüssen, »Gouro«, Antimon, gegerbten Ziegenfellen und Baumwollenzeugen, in Stücken oder verarbeitet, nicht unwichtigen Handel.

Die Karawane verließ bald das Ufer des Yeou oder Gamburou, um sich nach einer waldigen Gegend zu wenden, welche während der Regenzeit gewiß vollständig überschwemmt wird.

Hierauf betraten die Reisenden die Provinz Katagoum, deren Gouverneur sie sehr freundlich und mit der Versicherung empfing, daß ihre Ankunft für ihn ein wahres Fest sei und dem Sultan der Felatahs, der noch niemals Engländer gesehen, nicht weniger erwünscht sein werde. Er versprach ihnen gleichzeitig, daß sie bei ihm, ebenso wie in Kouka, alles irgend Nothwendige finden würden.

Sein größtes Erstaunen erweckte es nur, daß die Reisenden weder Sklaven, noch Pferde oder Silber einkaufen wollten, und von ihm, außer seinem Wohlwollen, nichts begehrten, als die Erlaubniß, Pflanzen sammeln und das Land in Augenschein nehmen zu dürfen.

Katagoum liegt, nach Clapperton's Beobachtungen, unter 12° 17' 11" der nördlichen Breite und 12° östlicher Länge von Greenwich. Diese Provinz bildete, vor dem Einfall der Felatahs, die Grenze von Bornu. Sie kann viertausend Reiter und zwanzigtausend mit Bogen, Säbeln und Lanzen bewaffnete Fußsoldaten in's Feld stellen. Ihre Erzeugnisse bestehen aus Getreide und Stieren, welche nebst den Sklaven die hauptsächlichsten Handelsartikel bilden. Die Stadt war die stärkste, welche die Engländer außer Tripolis bisher gesehen hatten. Zwei parallele Mauern mit Thoren darin, welche jeden Abend geschlossen wurden, und drei trockene Gräben, einer im Innern, der andere außerhalb der Umwallung und der dritte zwischen den beiden Mauern von zwanzig Fuß Höhe und unten zehn Fuß Durchmesser, dehnten sich rings um dieselbe aus. Außer einer in Trümmern liegenden Moschee bot diese Stadt keine anderen Bauwerke als Lehmhütten, in welchen etwa sechs- bis siebentausend Seelen wohnten.

Hier sahen die Engländer zum ersten Male die bekannten Kaurimuscheln als Münze dienen. Vorher vertrat einheimische Leinwand oder irgend ein anderer Artikel die Stelle des Tauschmetalls.

Südlich von der Provinz Katagoum liegt das Land Yakoba (Jakoba), welches die Muselmanen mit dem Namen Mouchy bezeichnen. Nach Clapperton's Erkundigungen sollen die Bewohner dieser, von Kalkbergen erfüllten Provinz Menschenfresser sein.

Die Muselmanen lieferten, bei ihrem unüberwindlichen Abscheu vor den Kaffirs, für diese Beschuldigung freilich keine weiteren Beweise, als daß man an den Hausmauern da oder dort Köpfe oder Gliedmaßen von Menschen hängen sah.

Hier in Yakoba soll sich die Quelle des Yeou befinden, der im Sommer fast vollständig austrocknet, dessen Fluthen aber während der Regenzeit, nach Aussage der Eingebornen, je alle sieben Tage anschwellen und ebensolange zurücksinken.

»Am 11. Januar, sagt Clapperton, setzten wir unsere Reise fort, mußten aber schon zu Mittag in Murmur Halt machen. Der Doctor befand sich in einem so verzweifelten Zustande der Schwäche und Erschöpfung, daß ich ihm kaum noch einen Tag Leben zutraute. Seit unserer Abreise aus den Bergen von Obarri verfiel er täglich zusehends mehr, nachdem er sich noch in Fezzan eine Kehlkopfentzündung zugezogen, als er sich, in Schweiß gebadet, einem scharfen Luftzug ausgesetzt hatte.

»12. Januar. Der Doctor trank Morgens eine Tasse Kaffee und ich ließ, seinem Wunsche entsprechend, die Kamele beladen. Ich half ihm beim Ankleiden und er verließ, auf seinen Diener gestützt, das Zelt; gerade als wir ihn auf das Kameel setzen wollten, bemerkte ich auf seinen Zügen schon das Herannahen des Todes. Ich ließ ihn natürlich sogleich zurückbringen, nahm an seiner Seite Platz und sah ihn mit einer schmerzlichen Empfindung, für welche ich vergebens passende Worte suchen würde, ohne eine Klage oder schwerere Qualen die treuen Augen schließen. Bei dem Gouverneur kam ich um die Erlaubniß, ihn hier beerdigen zu dürfen, ein, was mir sofort gestattet wurde. Unter einer Mimose, nahe dem einen Thore der Stadt, ließ ich eine Grube ausgraben. Nach der landesüblichen Abwaschung des Körpers, wurde der Leichnam in Turban-Shawltücher gehüllt, die wir als Geschenke für die Landesfürsten bei uns führten. Unsere Diener trugen ihn, und ich las, bevor wir ihn dem Schooße der Erde übergaben, die Leichengebete der englischen Kirche. Dann ließ ich um das einfache Grab eine Lehmmauer errichten, um dasselbe gegen Raubthiere möglichst zu schützen, und wir schlachteten zwei Lämmer zur Vertheilung unter die Armen der Stadt.«

So endete Doctor Oudney, der Marinearzt, der sich so schöne naturwissenschaftliche Kenntnisse erworben hatte.

Die schreckliche Krankheit, deren Keim er schon von England mitbrachte, hatte ihm nicht gestattet, der Expedition diejenigen Dienste zu leisten, welche die Regierung von ihm erwarten mochte, und doch schonte er niemals seine Kräfte, da er sich während des Reisens besser zu befinden behauptete als während der Ruhe. Wenn er es auch fühlte, daß sein erschöpfter Organismus ihm jede andauernde Arbeit verbot, so wollte er doch wenigstens dem Eifer seiner Gefährten niemals hinderlich werden.

Nach jener traurigen Ceremonie schlug Clapperton wieder den Weg nach Kano ein. Er berührte dabei Digou, eine Stadt inmitten eines wohlangebauten Landes, das zahlreiche Heerden ernährt. Katoumgoua, das schon nicht mehr in der Provinz Katagoum liegt; Zangeia, in der Nähe der Hügelausläufer von Douchi, das, nach den noch vorhandenen Mauerüberresten zu urtheilen, einst ziemlich bedeutend gewesen sein muß; ferner Girkoua, dessen Markt fast schöner zu nennen ist als der von Tripolis; Sochwa, das ein hoher, aus reinem Thon errichteter Wall umschließt, und langte am 20. Januar glücklich in Kano an.

Kano, das Chana Edrisi's und anderer arabischer Geographen, bildet den Hauptverkehrsplatz des Königreiches Haoussa.

»Gleich nach Durchschreitung des Thores, sagt Clapperton, fühlte ich mich ganz auffallend enttäuscht. Gemäß der glänzenden Beschreibung der Araber, rechnete ich hier darauf, eine weit ausgedehnte Stadt zu finden. Dafür standen die Häuser wohl eine Viertelmeile von der Mauer entfernt und da und dort in kleineren Gruppen mit stagnirenden, sumpfigen Lachen dazwischen, zusammengehäuft. Ich hätte mir recht wohl ersparen können, vorher Toilette zu machen (er hatte seine Uniform als Marineofficier angelegt); alle Bewohner, welche ihren gewohnten Geschäften oblagen, ließen mich ruhig vorüberziehen, ohne daß Jemand ein Auge nach mir verwendet hätte.«

Kano, die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz, ist eine der bedeutendsten Ortschaften von Sudan, liegt unter 12°, 0', 19" nördlicher Breite und 9°, 20' östlicher Länge.

Dieselbe mag dreißig- bis vierzigtausend Einwohner zählen; deren größere Hälfte freilich aus Sklaven besteht.

Der Marktplatz, im Osten und Westen von einem sumpfigen, mit Rosen bepflanzten Terrain begrenzt, bildet einen Sammelplatz zahlloser Enten, Störche und Geier, welche für die Reinhaltung der Stadt sorgen. Hierher strömen allerlei in Afrika gebräuchliche Nahrungsmittel zusammen, und stets findet man Ochsen-, Schaf-, Ziegen- und manchmal auch Kameelfleisch zum Verkaufe ausgestellt

»Die Fleischer des Landes, erzählt der Reisende, sind eben so schlau wie die unsrigen; sie wissen durch einige geschickte Schnitte das Fett der Fleischstücke recht sichtbar zu machen und blasen letztere nicht selten auf, oder befestigen gar ein Stück Lammfell auf einer Ziegenkeule.«

Außerdem findet man auch Schreibpapier, Erzeugnisse aus europäischen Fabriken, im Lande verfertigte Scheeren und Messer, Antimon, Zinn, rothe Seide, Armspangen aus Kupfer, Glasspielwaaren, Korallen, Weihrauch, Zinnringe, einzelne Schmuckgegenstände aus Silber, Turban-Shawls, Shirting, Calicot, maurische Kleidungsstücke und allerlei andere Gegenstände auf dem Markte von Kano.

Clapperton kaufte hier einen englischen Baumwollen-Regenschirm, der über Ghadames eingeführt war, für drei Piaster. Er besuchte auch den Sklavenmarkt, wo die armen Leute sehr genau untersucht werden, »ganz mit derselben Sorgfalt, wie die Sanitätsofficiere die Freiwilligen mustern, welche in die Marine eintreten wollen«.

Die Stadt ist sehr ungesund; die Sümpfe, welche fast die eine Hälfte derselben einnehmen, und die Löcher, welche man in den Boden gräbt, um den zum Bauen nöthigen Lehm zu gewinnen, umhüllen dieselbe mit einer Art permanenter Malaria.

In Kano herrscht die Mode, sich Zähne und Lippen mit »Gourgiblumen« und Tabak zu färben, wodurch sie ein blutrothes Aussehen erhalten. Man kaut hier gern Gouro-Nüsse oder verwendet diese auch gepulvert zum Schnupfen, wobei man dem Pulver »Trona« zumischt; ein Gebrauch, der Haoussa nicht eigenthümlich ist, da man demselben auch in Bornu begegnet, wo er nur den Frauen verboten ist. Endlich rauchen die Haoussanen auch einen im Lande gezogenen Tabak.

Am 23. Februar brach Clapperton nach Sokatu auf. Er kam durch ein pittoreskes, gut angebautes Land, dem auf den Hügeln da und dort verstreute Gebüsche fast das Ansehen einer englischen Parkanlage verliehen. Ueberall weideten ganze Heerden schöner weißer oder aschgrauer Rinder.

Die Hauptortschaften, welche Clapperton auf diesem Wege traf, sind: Gadania, eine wenig volkreiche Stadt, deren Bewohner die Felatahs als Sklaven weggeführt und verkauft haben; Doncami, Zirmie, die Hauptstadt von Zambra; Kagaria und Kouara; dabei sah er die Brunnen von Kamoun, wo ihn eine von dem Sultan abgesandte Escorte erwartete.

Sockatu ist die am stärksten bevölkerte Stadt, welche Clapperton in Afrika gesehen hat. Ihre recht gut gebauten Häuser bildeten regelmäßige Straßen, nicht solche Einzelhaufen, wie in den übrigen Städten von Haoussa. Umgeben von einer zwanzig bis dreißig Fuß hohen Mauer mit zwölf Thoren, die man mit Sonnenuntergang sperrte, besaß Sockatu zwei große Moscheen, einen geräumigen Markt und einen ausgedehnten Platz vor der Wohnung des Sultans.

Die Einwohner, meist Felatahs, besitzen viele Sklaven, von denen Diejenigen, welche nicht zu häuslichen Diensten verwendet werden, für Rechnung ihrer Herren verschiedene Geschäfte betreiben; sie sind z. B. Seidenwirker, Maurer, Schmiede, Schuhmacher oder auch Landbauer.

Seinen Wirthen zu Ehren und um ihnen eine hohe Vorstellung von der Macht und dem Reichthum Englands zu geben, wollte Clapperton vor dem Sultan nicht anders als in glänzender Toilette auftreten. Er legte also seidene Strümpfe, weiße Beinkleider und die goldbetreßte Uniform an, zur Vervollständigung seines carnevalistischen Costüms verhüllte er noch den Kopf mit einem schönen Turban und zog türkische Schuhe an. Bello empfing ihn unter zwei Säulen sitzend, welche das Dach einer Strohhütte trugen, die einem englischen Cottagehaus nicht unähnlich aussah. Der Sultan war übrigens ein schöner Mann von etwa fünfundvierzig Jahren und bekleidet mit einem »Tobe« aus blauem Kattun und einem weißen Turban, dessen Shawl-Enden nach türkischer Sitte Nase und Bart verhüllten.

Mit kindlicher Freude nahm Bello die ihm von dem Reisenden dargebrachten Geschenke entgegen. Am meisten Vergnügen machte ihm offenbar eine Uhr, ein Teleskop und ein Thermometer, das er sinnreicher Weise eine »Wärme-Uhr« nannte. Die größte Merkwürdigkeit freilich blieb ihm doch die Person des Reisenden selbst. Er fand kein Ende, sich nach den Sitten, Gebräuchen und Handelsverhältnissen Englands zu erkundigen. Wiederholt gab Bello den Wunsch zu erkennen, mit jener Macht in Handelsbeziehungen zu treten, ersuchte um die Niederlassung eines Consuls und eines englischen Arztes in einem Hafen, den er Raka nannte, und um Uebersendung gewisser Arten von großbritannischen Waaren nach der Seeküste, wo er eine wichtige Handelsstadt, Funda, besäße. Nach mehrfachen Gesprächen über die verschiedenen Religionen in Europa, sowie über manche andere Gegenstände, gab Bello Clapperton die Bücher, Journale und Kleidungsstücke zurück, welche Denham bei Gelegenheit der unglücklichen Razzia, die Bou Khaloum das Leben kostete, abgenommen worden waren.

Am 3. Mai verabschiedete sich der Reisende vom Sultan.

»Unter vielerlei Umständlichkeiten wurde ich endlich bei Bello vorgelassen, der übrigens ganz allein war und mir, unter Versicherung seiner freundschaftlichen Gefühle für unser Volk, sofort einen Brief an den König von England übergab. Er drückte wiederholt den Wunsch aus, mit uns in Verbindung zu bleiben, und bat mich, ihm zu schreiben, wann die englische Expedition (deren Absendung Clapperton versprochen hatte) etwa an seiner Küste eintreffen würde.«

Clapperton schlug denselben Weg, den er auf der Hinreise genommen, wieder ein und erreichte am 8. Juli Kouka, wo er auch den Major Denham antraf Er brachte ein arabisches Manuscript mit, eine historische und geographische Schilderung des Königreichs Takrur unter der Regierung Mohammed Bello's von Haoussa enthaltend und von Letzterem selbst verfaßt. Er hatte während seines Aufenthaltes in jenem Lande nicht nur sehr schätzenswerte und vielfache Aufschlüsse über das Thier- und Pflanzenreich in Bornu und Haoussa, sondern auch ein Wörterverzeichniß der Sprachen von Begharmi, Mandara, Bornu, Haoussa und Timbuktu gesammelt.

Die Ergebnisse dieser Expedition waren also recht erfreuliche. Zum ersten Male hörte man ein Wort von den Felatahs, deren Identität mit den Fans Clapperton auf seiner zweiten Reise feststellen sollte. Man erfuhr, daß sie in der Mitte und im Westen Afrikas ein gewaltiges Reich gegründet hatten, und daß diese Völkerschaften nicht zur Race der Neger gehörten. Das Studium ihrer Sprache und der Verwandtschaft, welche dieselbe mit anderen nicht afrikanischen Idiomen erkennen läßt, warf ein ganz neues Licht auf die Geschichte der Völkerwanderungen. Endlich kannte man nun auch den Tchadsee, zwar nicht in seinem ganzen Umfang, doch aber zum größten Theile. Man wußte, daß ihm zwei große Flüsse zuströmten, der Yeou, dessen Verlauf zum Theil untersucht und über dessen Quelle die Eingebornen einige Mittheilungen gemacht hatten; und der Chary, dessen Unterlauf und Ausmündung Denham sorgfältig erforscht hatte. Die Mittheilungen, welche Clapperton von den Eingebornen über den Niger erhielt, waren freilich noch ziemlich verwirrt, ergaben aber doch die Wahrscheinlichkeit, daß derselbe in den Golf von Benin münden werde. Clapperton beabsichtigte übrigens, nach kurzer Rast in England hierher zurückzukehren und von der Atlantischen Küste ausgehend, dem Kouara oder Djoliba, wie der Niger an gewissen Stellen seines Laufes genannt wird, stromaufwärts zu folgen (um den schon lange dauernden Streit über denselben ein Ende zu machen, indem er nachzuweisen hoffte, daß dieser Strom nicht ein und derselbe mit dem Nil sei), seine Entdeckungen mit denen Denham's zu verknüpfen und endlich auf der Diagonale von Tripolis bis zum Golfe von Benin eine Fahrt quer durch ganz Afrika durchzusetzen.


II.

Zweite Reise Clapperton's. – Ankunft in Badagry. – Yourriba und dessen Hauptstadt Katunga. – Boussa. – Versuche, genaue Kunde von dem Tode Mungo Park's zu erhalten. – Nyffe, Gouari und Zegzeg. – Ankunft in Kano – Verdrießlichkeiten. – Clapperton's Tod. – Lander's Rückkehr nach der Küste. – Tuckey am Congo. – Bowdich bei den Aschanti«. – Mollien an den Quellen des Senegal und des Gambia. – Major Gray. – Caillié in Timbuktu. – Laing an den Quellen des Nigers. – Richardet und John Lander an der Mündung des Nigers. – Cailliaud und Letorzec in Egypten, Nubien und in der Oase von Siuah.


Gleich nach seiner Rückkehr nach England beeilte sich Clapperton, dem Lord Bathurst sein Vorhaben zu unterbreiten, demgemäß er sich nach Kouka von Benin aus begeben, d. h. den kürzesten Weg – den vor ihm noch Keiner betreten hatte – folgen und den Niger hinauf von seiner Mündung bis Timbuktu vordringen wollte.

Clapperton erhielt für diese Expedition, deren Führung ihm überlassen wurde, drei Begleiter, den Chirurgen Dickson, den Schiffskapitän Pearce, einen vorzüglichen Zeichner, und den Marinechirurgen Morrison, der in allen Gebieten der Naturwissenschaften gründlich unterrichtet war.

Am 26. November 1825 langte die Expedition im Golfe von Benin an. Dickson, der aus irgend welchem nicht nachweisbaren Grunde gewünscht hatte, allein zu reisen, um sich nach Sockatu zu begeben, wurde in Juidah an's Land gesetzt. Ein Portugiese, Namens Souza, begleitete ihn bis Dahomey mit Columbus, dem früheren Diener Denham's. Siebzehn Tagereisen von dieser Stadt kam Dickson nach Char, später nach Youri, ist aber von da ab verschollen geblieben.

Die andere Gesellschaft war bei dem Beninstrome angelangt, vor dessen Benutzung sie ein englischer Kaufmann, Namens Houtson, eindringlich warnte, da der Beherrscher des Uferlandes einen tiefen Haß gegen die Engländer hege, die seinem einträglichsten Geschäfte, dem Sklavenhandel, unüberwindliche Hindernisse bereiteten.

Seiner Aussage nach empfahl es sich weit mehr, nach Badagry, ein Ort, der von Sockatu nicht weiter entfernt liegt, zu gehen, dessen Fürst, der sich den Reisenden immer gewogen erwiesen hatte, ihm ohne Zweifel Begleitmannschaft bis zur Grenze des Königreichs Yourriba mitgeben würde.

Houtson wohnte schon seit mehreren Jahren im Lande und kannte dessen Sitten und Sprache; Clapperton hielt es also für gerathen, denselben bis Eyes oder Katunga, der Hauptstadt von Yourriba, mitzunehmen.

Die Expedition brach am 29. November 1825 nach Badagry auf, hielt sich an einem Nebenarme des Lagos, zog dann gegen zwei Meilen weit an dem kleinen Hafen von Gazie hin, der ein Stück nach Dahomey hineinschneidet, und drang an dessen linken Ufer in das Innere des Landes ein. Der Erdboden war ziemlich sumpfig, aber vortrefflich angebaut und mit Yams bedeckt. Alles athmete hier Ueberfluß. Die Neger zeigten sich auch sehr widerwillig zur Arbeit. Es wäre unmöglich, die unzähligen »Palabres« (Unterredungen), die verschiedenen Verhandlungen und Angebote und alle die Hindernisse aufzuzählen, die man überwinden mußte, um sich einige Träger zu verschaffen.

Trotz dieser Schwierigkeiten erreichten die Forscher doch glücklich Djannah, sechzig Meilen von der Küste.

»Hier sahen wir, sagt Clapperton, mehrere Webereien in voller Thätigkeit, oft acht bis zehn in einem Hause, welche eine wirklich geordnete Manufactur bildeten … Die Leute hier fabriciren auch Fayence, ziehen aber das aus Europa stammende dem einheimischen vor, obwohl sie von den verschiedenen Gegenständen keineswegs immer den richtigen Gebrauch machen. Das Gefäß, in welchem der »Cabocir« (Häuptling) uns Trinkwasser anbot, wurde z. B. von Houtson als ein hübsches – Nachtgeschirr wiedererkannt, das er im Vorjahre in Badagry selbst verkauft hatte.«

Alle Theilnehmer der Expedition litten in Folge der dauernden feuchten Hitze und des überhaupt ungesunden Landes heftig vom Fieber. Pearce und Morrison erlagen demselben am 27. September, der Eine bei Clapperton, der Andere in Djannah, bevor sie die Küste erreicht hatten.

In allen Städten, durch welche Clapperton kam, so in Assoudo, mit gegen 10.000 Einwohnern, in Daffou, das etwa 5000 mehr zählen mag, hatten sich eigenthümliche Gerüchte verbreitet. Ueberall sagte man, er sei gekommen, in den vom Kriege verheerten Ländern den Frieden wieder herzustellen und überhaupt den Gegenden, welche er durchzog, Glück und Wohlstand zu bringen.

In Tchow traf die Karawane einen Boten, den der König von Yourriba derselben mit zahlreichem Gefolge entgegen geschickt hatte, und gelangte nun bald nach Katunga. Diese Stadt »ist umschlossen von einem dichten Haine, der einen etwa drei Meilen langen Gürtel um den Fuß eines felsigen Berges bildet; zum Theile liegt sie zwischen den Bäumen selbst; man dürfte kaum irgendwo ein schöneres Bild zu sehen bekommen.«

In genannter Stadt verweilte Clapperton vom 24. Januar bis zum 7. März 1826. Er stand hier in den besten Beziehungen zu dem Sultan, von dem er sich die Erlaubniß erbat, nach Nyffe oder Toppa zu gehen, um von da aus nach Haoussa oder Bornu zu gelangen. »Nyffe ist durch Bürgerkriege verwüstet, und einer der Thronprätendenten hat die Felatahs zu Hilfe gerufen, erwiderte der Sultan; es empfiehlt sich also nicht, diesen Weg einzuschlagen, während es gerathen erscheint, durch die Provinz Youri zu ziehen!« Clapperton mußte sich dem wohl oder übel fügen.

Seinen Aufenthalt in Katunga hatte er aber benutzt, manche interessante Beobachtungen zu sammeln. Diese Stadt enthält nicht weniger als sieben verschiedene Märkte, auf welchen Yamswurzeln, Körnerfrüchte, Bananen, Feigen, Pflanzenbutter, Coloquintenkörner, Ziegen, Hühner, Schafe, Lämmer, Leinwand und eine Menge landwirthschaftlicher Geräthe zum Verkaufe gebracht werden.

Die Wohnhäuser des Königs und seiner Frauen umgeben zwei große Parks. Die Thore und die Stützpfeiler der Verandas sind mit Schnitzereien verziert, welche entweder eine Boa, die eine Antilope oder ein Schwein tödtet, oder eine Kriegerschaar von Trommlern begleitet darstellen – Sculpturen, welche übrigens gar nicht so schlecht ausgeführt sind.

»Das durchschnittliche Aussehen der Yourribanis, sagt der Reisende, scheint mir die charakteristischen Eigenthümlichkeiten der Neger weit weniger darzubieten, als das aller anderen Völker, die ich gesehen habe; ihre Lippen sind minder dick und die Nase zeigt eine weniger gebogene Linie als die der Neger im Allgemeinen. Die meist recht gut gebauten Männer haben ein offenes Auftreten, was Jedermann in die Augen füllt; die Frauen stehen ihnen in allen Stücken nach, was wohl daher kommen mag, daß sie zu viel der Sonne ausgesetzt sind und die schwersten Anstrengungen ertragen müssen, da sie die Bearbeitung des Bodens besorgen.«

Nicht weit von Katunga überschritt Clapperton den Moussafluß, einen Nebenarm des Kaoura, und kam nun nach Kiama, eine der Städte, welche die von Haoussa und Borgu kommende Karawane passirt, wenn sie nach Gandja, an der Grenze von Aschanti, zieht. Sie zählt mindestens 30.000 Einwohner, die in Afrika als die verschmitztesten Diebe berüchtigt sind.

»Wenn man einen Straßenräuber oder Mörder sehen will, braucht man nur den ersten besten Bewohner von Borgu zu rufen.«

Als er Kiama verließ, begegnete der Reisende der Karawane von Haoussa. Ochsen, Esel, Pferde, Frauen und Männer, zusammen wohl tausend, marschirten Eines hinter dem Anderen und bildeten eine endlose Linie, welche einen merkwürdigen, höchst bizarren Anblick darbot. Welches buntscheckige Gemisch, von den jungen, fast nackt einherlaufenden Mädchen und den unter ihrer Bürde gebeugten Männern bis zu jenen, eben so phantastisch als lächerlich gekleideten Gandjani-Kaufleuten, welche auf erschöpften, bedenklich hinkenden Pferden einherritten!«

Clapperton schlug nun den Weg nach Boussa, also nach dem Orte ein, wo Mungo Park auf dem Niger umgekommen war. Ehe er jenes erreichte, mußte er den Oli, einen Nebenfluß des Kouara, überschreiten und Ouaoua, die Hauptstadt der Provinz Borgu, passiren, deren viereckige Mauer wohl eine Einwohnerzahl von 18.000 Seelen bergen mochte. Es ist das eine der saubersten und bestgebauten Städte, die man nach Badagry antrifft. Die Straßen sind reinlich, breit und die kreisrunden Häuser haben ein kugelförmiges Strohdach. Auf dem ganzen Erdboden würde man aber vergeblich eine Stadt suchen, in der die Trunksucht so verbreitet wäre wie hier. Gouverneur, Priester und Laien, Männer und Frauen verzehren Palmenwein, Rum von der Küste und »Bouza« in erstaunlicher Menge. Der letztgenannte Liqueur besteht aus einer Mischung von Dourrah, Honig, Chilipfeffer und der Wurzel eines fetten Krautes, das auch als Viehfutter dient, nebst einer gewissen Quantität Wasser.

»Die Ouaouanis, sagt Clapperton, stehen im Rufe großer Redlichkeit. Sie sind heiter, wohlwollend und gastfrei. Ich habe in Afrika kein Volk getroffen, das so bereitwillig Auskunft über das von ihm bewohnte Land gegeben hätte, und, was besonders hervorgehoben zu werden verdient, ich habe hier auch niemals einen Bettler gesehen. Die Einwohner behaupteten, nicht aus Borgu selbst, sondern von den Haoussanis und Nyffenis abzustammen. Ihre Sprache ist nur ein Dialect von der der Yourribanis, aber die ouaouanischen Frauen sind hübsch, die in Yourriba aber nicht; die Männer sind kräftig und wohlgebaut, doch verrathen ihre Züge das gewohnte wüste Leben. Ihre Religion bildet eine Mischung von Islamismus und Paganismus.«

Auf dem Wege von der Küste her hatte Clapperton auch – und diese Bemerkung erscheint nicht unwichtig – wiederholt heidnische Felatahstämme getroffen, welche dieselbe Mundart, Hautfarbe und überhaupt dasselbe Aussehen hatten wie die muselmanischen Felatahs. Diese gehörten offenbar derselben Race an.

Boussa, wohin der Reisende endlich kam, ist keine eigentliche Stadt; es besteht nur aus verschiedenen Gruppen zerstreuter Häuser, auf einer Insel des Kaoura unter 10° 14' nördlicher Breite und 6° 11" östlicher Länge von Greenwich. Die Provinz, deren Hauptort es bildet, ist die volkreichste von ganz Borgu. Die Einwohner sind Heiden, ebenso wie der Sultan, obwohl Letzterer Mahommed hieß. Sie ernähren sich von Affen, Hunden, Katzen, Ratten, Fischen, Rind- und Lämmerfleisch.

»Während ich bei dem Sultan verweilte, sagt Clapperton, wurde das Frühstück aufgetragen und ich selbst zur Theilnahme eingeladen; dasselbe bestand aus einer großen gerösteten Wasserratte, die nicht einmal abgezogen war, einer Schüssel recht gut zubereitetem Reis, gedörrtem und in Palmöl gedämpftem Fisch, gebackenen oder gedämpften Alligator-Eiern und endlich aus frischem Wasser aus dem Kouara. Ich aß gedämpften Fisch und Reis, man machte sich aber sehr lustig darüber, daß ich weder den Rattenbraten noch die Alligatoren-Eier versuchen wollte.«

Der Sultan nahm den Reisenden übrigens sehr freundlich auf und meldete ihm auch, daß der Sultan von Youri schon seit sieben Tagen Boote bereit halte, um ihn flußaufwärts bis zu jener Stadt zu bringen. Clapperton antwortete, daß er, da alle Wege zwischen Bornu und Youri durch den Krieg versperrt seien, es vorziehen werde, über Koulfa und Nyffe weiter zu ziehen.

»Du hast recht, sagte der Sultan, und hast wohl daran gethan, zu mir zu kommen; von hier aus magst Du den Weg einschlagen, der Dir der beste dünkt.«

Bei einer späteren Unterredung unterrichtete sich der Reisende über die Europäer, welche vor etwa zwanzig Jahren auf dem Kouara das Leben eingebüßt, hatten. Diese Frage schien dem Sultan nicht angenehm zu sein, so daß er nur zögernd antwortete. Er sagte, daß er damals noch zu jung gewesen sei, um sich der Vorfälle genau zu erinnern.

»Ich wünsche ja weiter nichts, fuhr Clapperton fort, als die Bücher und Papiere, die ihnen gehörten, wieder zu erlangen und die Stelle zu sehen, wo sie den Tod fanden.

– Ich besitze nichts, was ihnen gehörte, antwortete der Sultan. Was aber die Stelle betrifft, wo sie starben, so rathe ich Dir, nicht dahin zu gehen; das ist ein verrufener Platz!

– Man sagte mir, es sei noch ein Theil des Bootes zu finden, welches sie trug. Ist das an dem? fragte Clapperton.

– Nein, nein, da bist Du falsch berichtet, erwiderte der Sultan. Schon vor langer Zeit hat das Hochwasser das Letzte weggespült, was etwa noch zwischen den Steinen hing.«

Auf eine erneute Frage Clapperton's nach den Papieren und Tagebüchern Mungo Park's, erklärte der Sultan, daß er nichts davon habe, daß diese Sachen in die Hände mehrerer Gelehrten gekommen seien, er aber, da sie für Clapperton so viel Werth zu haben schienen, nach denselben forschen lassen werde. Nachdem er für dieses Versprechen seinen Dank abgestattet, bat der Reisende um die Erlaubniß, bei bejahrten Leuten in der Stadt, welche ja Zeugen jener Vorfälle gewesen sein mußten, Erkundigungen einziehen zu dürfen. In den Zügen des Sultans malte sich eine offenbare Verlegenheit und er gab darauf keine Antwort. Es erschien nutzlos, weiter in ihn dringen zu wollen.

»Ich hatte mir mit Erwähnung jener Vorfälle meine weiteren Untersuchungen ungemein erschwert, sagt Clapperton, denn Jedermann wurde verlegen, wenn ich nach Einzelheiten derselben fragte, und sagte: »Das ist früher geschehen, als ich mich erinnern kann.« Oder auch: »Ja, ich bin nicht selbst dabei gewesen!« Die Stelle, wo das Boot angehalten hatte und die unglücklichen Insassen umgekommen waren, bezeichnete man mir nur vorsichtig und ungenau.

Einige Tage später vernahm Clapperton, daß der letzte Iman, der ein Felatah war, im Besitz der Bücher und Papiere Mungo Park's gewesen sei. Leider hatte dieser Iman Boussa seit einiger Zeit verlassen. In Koulfa endlich empfing der Reisende Nachrichten, welche es ihm außer Zweifel setzten, daß Mungo Park ermordet worden war.

Clapperton konnte, als er Borgou verließ, die Bemerkung nicht unterdrücken, daß man gewöhnlich sehr falsch über dessen Bewohner urtheile, die überall als Räuber und Diebe verleumdet werden. Er für seine Person hatte das ganze Land derselben durchstreift, war allein mit ihnen gereist oder zur Jagd gewesen, und konnte doch keinerlei Klage über sie führen.

Der Reisende wendet sich nun, den Kouara überschreitend und durch Guari und Zegzeg gehend, nach Kano. Bald langte er in Tabra, am May Yarrow, an, wo die Königin-Mutter von Nyffe wohnte; den König selbst sucht er in dem nicht weit von der Stadt entfernten Lager auf. Clapperton's Aussage nach, soll das der unverschämteste, verworfenste und habgierigste Spitzbube sein, den man nur finden könne, der Alles, was er sah, für sich beanspruchte und sich durch keine Weigerung abweisen ließ.

»Er hat, sagt der Reisende, den Ruin des Landes herbeigeführt durch seinen maßlosen Ehrgeiz und durch die Anrufung der Felatahs, die ihm zwar zu Hilfe kamen, aber sich von ihm sofort abwenden werden, wenn er ihnen nichts mehr nützen kann. Er ist die Ursache, daß der größte Theil der fleißigen Bevölkerung von Nyffe hingeschlachtet, als Sklaven verkauft worden ist oder dem Lande den Rücken gekehrt hat.«

Durch Krankheit sah sich Clapperton genöthigt, länger als er wollte, in Koulfa zu bleiben; es ist das übrigens eine Stadt mit reger Handelsthätigkeit, am nördlichen Ufer des May Yarrow, welche gegen zwölf- bis fünfzehntausend Einwohner haben mag. Seit zwanzig Jahren den Einfällen der Felatahs ausgesetzt, ist dieselbe binnen sechs Jahren zweimal durch Brand zerstört worden. Clapperton wohnte hier dem Feste des Neumondes bei. An diesem Tage macht und empfängt Jedermann Besuche. Die Frauen tragen ihr Wollenhaar eingeflochten und färben es, ebenso wie die Augenbrauen, mit Indigo. Die Lider werden mit »Khol«, die Lippen gelb und die Zähne roth gemalt; Hände und Füße aber mit Lawsonia (die echte Alkanna) gefärbt. Sie legen bei dieser Gelegenheit die besten und buntesten Kleider an, tragen all' ihren Glasschmuck, nebst Armbändern und Ringen aus Kupfer, Silber, Zinn oder Messing, auch lassen sie das Fest nicht vorübergehen, ohne es im Genusse von »Bouza« den Männern möglichst gleich zu thun und sich an deren Gesängen und Tänzen zu betheiligen.

Von der Provinz Kotong Kora aus betrat der Reisende bald die Provinz Guari. Gleichzeitig mit dem Reste von Haoussa von den Felatahs erobert, hatte Guari sich nach dem Tode Bello's I. erhoben und trotz allen Widerstandes der Felatahs seine Selbstständigkeit zu bewahren gewußt. Die Hauptstadt dieser Provinz, ebenfalls Guari genannt, liegt unter 10° 54' nördlicher Breite und 8° 1' östlicher Länge von Greenwich.

Mit Fatika erreichte Clapperton nun Zegzeg, ein den Felatahs unterworfenes Gebiet; darauf besuchte er Zariyah, eine merkwürdige Stadt, wo man eigentlich nur Hirsefelder, Küchengärten, Laubholzhaine, Sümpfe und Rasenplätze, aber fast keine Häuser sieht, und doch soll die Bevölkerung die von Kano an Seelenzahl übertreffen, denn sie wird auf vierzig- bis fünfzigtausend, meist Felatahs, geschätzt.

Am 19. September gelangte Clapperton endlich, nach vielen Widerwärtigkeiten und Beschwerden, nach Kano. Vom ersten Tage ab bemerkte er, daß man ihn lieber hätte von Osten her ankommen sehen, denn der Krieg mit Bornu hatte alle Verbindungen mit Fezzan und Tripolis unterbrochen. Während er das Gepäck unter der Obhut seines Dieners Lander zurückließ, machte sich Clapperton ohne Zögern auf den Weg, den Sultan aufzusuchen, der sich, wie er erfuhr, in der Nähe von Sockatu befinden sollte. Die Reise dahin bot leider die größten Schwierigkeiten. Clapperton büßte dabei seine Kameele und Pferde ein und konnte sich zu dem Transport des Wenigen, was er mit sich führte, nur einen kranken Ochsen verschaffen, so daß er und sein Diener selbst Verschiedenes tragen mußten.

Bello empfing Clapperton mit größter Freundlichkeit und sandte ihm Nahrungsmittel und Kameele. Da der Sultan aber eben damit beschäftigt war, die aufrührerische Provinz Gouber zu unterwerfen, konnte er dem Reisenden nicht sobald eine weitere Zusammenkunft bewilligen, um sich mit diesem über die vielerlei Gegenstände zu unterhalten, über welche die englische Regierung Auskunft wünschte.

An der Spitze von fünfzig- bis sechzigtausend Soldaten, von denen neun Zehntel zu Fuß und mit wattirten Rüstungen versehen waren, griff Bello Counia, die Hauptstadt von Gouber, an. Es kam zu einem überaus kläglichen Gefechte und der ganze Krieg endete mit diesem mißlungenen Unternehmen.

Clapperton, der seine Gesundheit erschüttert fühlte, begab sich nach Sockatu und später nach Magoria, wo er den Sultan antraf.

Als er die für ihn bestimmten Geschenke in Empfang genommen, zeigte sich Bello gar nicht mehr so freundlich gesinnt wie vorher. Bald erklärte er sogar, von dem Scheikh El Khanemi einen Brief erhalten zu haben, demzufolge er der Person des Reisenden, der nur ein Spion sei, sich versichern und überhaupt den Engländern mißtrauen sollte, da diese nur darauf ausgingen, erst die Schätze des Landes kennen zu lernen, dann sich daselbst niederzulassen, Parteigänger zu suchen und durch die Unordnungen, welche nothwendig daraus entstehen müßten, unterstützt, Haoussa sich ebenso wie Indien zu unterwerfen.

Alle von Seiten Bello's erhobenen Schwierigkeiten ließen deutlich erkennen, daß er nur die für den Sultan von Bornu bestimmten Geschenke selbst einzuheimsen wünschte. Dazu brauchte er jedoch irgend einen Vorwand; einen solchen glaubte er durch Verbreitung des Gerüchtes gefunden zu haben, daß der Reisende Kanonen und Munition für Kouka mit sich führe. Bello aber könne, so sagte er, mit gutem Gewissen nicht gestatten, daß ein Fremder durch seine Staaten reise, um die unversöhnlichsten Feinde derselben in den Stand zu setzen, diese mit Krieg zu überziehen. Bello suchte Clapperton sogar mit allen Mitteln dazu zu bewegen, ihm den Brief des Lord Bathurst an den Sultan von Bornu vorzulesen.

»Du kannst ihn nehmen, wenn Du willst, entgegnete der Reisende, aber niemals werde ich ihn Dir geben. Zwar ist Dir Alles möglich, da Du die Macht in Händen hast, doch Du wirst Dich durch solches Verfahren nur entehren. Ich für meinen Theil lasse eher das Leben, ehe ich einen mir anvertrauten Brief erbreche. Ich kam zu Dir mit einem Briefe und Geschenken von dem Könige von England, auf das Vertrauen hin, welches Dein Brief vom vergangenen Jahre erweckt hat. Ich hoffe, daß Du Dein Wort nicht deshalb brichst und Deine Versprechen Lügen strafst, nur um zu sehen, was dieser Brief enthält!«

Der Sultan gab ein Zeichen mit der Hand, um den Reisenden zu verabschieden, und dieser zog sich zurück.

Dieser Versuch sollte aber nicht der letzte sein, im Gegentheile trieb man es in der nächsten Zeit noch weiter. Einige Tage nachher verlangte man von Clapperton noch einmal die Auslieferung der für El Khanemi bestimmten Geschenke. Auf seine Weigerung nahm man ihm dieselben einfach ab.

»Ihr verfahrt gegen mich gleich Räubern, rief Clapperton; Ihr brecht sogar Euren Schwur! Kein Volk in der Welt würde sich Aehnliches erlauben. Ihr thätet besser, mir gleich den Kopf abzuschlagen, als so zu handeln; ich fürchte nur, dahin wird es erst kommen, wenn Ihr mich völlig beraubt habt!«

Endlich wollte man ihm auch noch seine Waffen und Munition abnehmen. Clapperton widersetzte sich dem, so gut er konnte. Zuerst entflohen zwar seine erschreckten Diener, kehrten aber bald zurück, bereit, jede Gefahr mit ihrem Herrn, den Alle sehr lieb gewonnen hatten, zu theilen.

Hiermit schließt Clapperton's Tagebuch. Sechs Monate hatte er sich in Sockatu aufgehalten, ohne irgend welche Forschungen anzustellen zu können; ja, es gelang ihm nicht einmal, die Verhandlungen zu Ende zu führen, um derenwillen er von der Küste aus hergekommen war. Die tödtliche Langeweile, die Anstrengungen der Reise und verschiedene Anfälle von Krankheiten wirkten mehr und mehr auf ihn ein, so daß sein Zustand bald ein recht bedenklicher wurde, obwohl sich sein Diener Richard Lander, der sich ihm in Sockatu angeschlossen hatte, keine Mühe verdrießen ließ, seine Lage zu verbessern.

Am 12. März 1827 wurde Clapperton von einer Dysenterie ergriffen, welche nichts zu hemmen vermochte und die ihm schnell alle Kräfte raubte. Da es gerade die Zeit des Rhamadan war, konnte Lander nirgends, nicht einmal seitens der anderen Diener, Hilfe und Unterstützung finden. Dazu machte die Krankheit täglich Fortschritte. Zwanzig Tage lang lag Clapperton in gleicher Schwäche darnieder; als er sein Ende herannahen fühlte, ertheilte er Richard Lander, seinem treuen Diener, noch die letzten Verhaltungsmaßregeln und verschied in dessen Armen am 11. April.

»Ich ließ, sagt Lander, den Sultan von dem schmerzlichen Verluste, der mich betroffen, Nachricht geben und kam um die Erlaubniß ein, meinen Herrn nach der Sitte unseres Landes begraben zu dürfen, wobei ich um Bezeichnung der Stelle bat, wo ich seine sterblichen Ueberreste zur Ruhe legen könne. Mein Bote kehrte sehr bald mit der Erlaubniß des Sultans zurück, und zu Mittag des nämlichen Tages schickte mir Bello noch vier Sklaven, um das Grab auszuheben. Ich nahm mir vor, sie der Leiche folgen zu lassen, und legte diese mit der Flagge von Großbritannien verhüllt, auf mein Kameel. Wir zogen nun langsam dahin, bis Djungari, einem etwa fünf Meilen im Südosten von Sockatu auf einem Hügel erbauten Dorfe. Der Leichnam wurde von dem Kameel herabgehoben, zunächst unter einer Hängematte niedergelegt, während die Sklaven die Grube herstellten, und nachher zu dieser hingetragen. Ich schlug ein Gebetbuch auf und erwies dem Todten mit von Schluchzen unterbrochener Stimme die letzten Ehren. Niemand lauschte auf die traurige Vorlesung und erleichterte meinen Schmerz, indem er ihn theilte. Die Sklaven blieben in einiger Entfernung stehen; sie stritten mit einander und machten ein wirklich unanständiges Geräusch. Nach Beendigung der religiösen Ceremonie wurde die Flagge weggezogen und der Kapitän sanft in die Erde versenkt. Und ich, ich weinte bittere Thränen an den leblosen Resten des besten, des unerschrockensten und würdigsten Herrn, den ich je gekannt.«

Die Hitze, die Anstrengungen und der Schmerz griffen den armen Lander so sehr an, daß es ihm zehn Tage lang ganz unmöglich war, seine Hütte zu verlassen.

Bello erkundigte sich wiederholt nach dem Befinden des armen Dieners, doch dieser durchschaute recht wohl den wahren Grund der Theilnahme; offenbar rechnete der Sultan nur darauf, sich der Kisten und Koffer des Reisenden, in denen er viel Gold und Silber vermuthete, zu bemächtigen. Bello erstaunte daher auf's höchste, als er sich überzeugt, daß Lander kaum die nöthigen Mittel besaß, um die Kosten der Reise bis zur Küste zu bestreiten. Freilich erfuhr er niemals, daß Lander eine ihm verbliebene goldene Uhr, außer denen der Kapitäne Pearce und Clapperton, am Leibe verborgen trug.

Alles in Allem sah Lander ein, daß er um jeden Preis und so schnell als möglich nach der Küste zurückkehren müsse. Mit Hilfe einiger geschickt vertheilter Geschenke, gewann er mehrere Rathgeber des Sultans für sich, welche Letzterem vorstellten, daß, wenn der Reisende hier etwa mit Tode abginge, leicht das Gerücht entstehen könne, Bello habe diesen ebenso wie seinen Herrn umbringen lassen. Obwohl Clapperton Lander empfohlen hatte, sich einer Karawane arabischer Kaufleute nach Fezzan anzuschließen, entschloß dieser sich doch, weil er fürchtete, dabei die Papiere und Tagebücher der Expedition einzubüßen, nach der Küste aufzubrechen.

Am 3. Mai verließ Lander endlich Sockatu und wandte sich zunächst nach Kano. Wenn Lander bei diesem ersten Theile seiner Fahrt vor Durst fast umgekommen wäre, so gestaltete sich der zweite dafür desto günstiger, denn der König von Djacoba, mit dem er zusammen reiste, behandelte ihn sehr freundlich und lud ihn sogar ein, auch sein Land zu besuchen. Er erzählte von einem Nachbarvolke, den Nyam Nyams, die ihn im Kampfe gegen den Sultan von Bornu unterstützt und nach jedem Gefechte die erschlagenen feindlichen Krieger weggetragen, gebraten und gegessen hätten. Unseres Wissen ist das, seit Hornemann, das erste Mal, daß dieses Volk, über welches wahrhaft lächerliche Fabeln verbreitet waren, als der Anthropophagie ergeben erwähnt wird.

Lander erreichte Kano am 25. Mai, hielt sich daselbst aber nur ganz kurze Zeit auf und schlug den Weg nach Funda, am Ufer des Niger, ein, dem er bis nach Benin zu folgen gedachte. Dem Reisenden erschien diese Route nach mehreren Seiten hin vortheilhafter. Erstens war der Weg sicherer, dann aber auch noch so wenig bekannt, daß Lander die früheren Entdeckungen seines Herrn noch vermehren zu können hoffte.

Lander besuchte nach und nach Kanfou, Carifo, Gowgie und Gatas, und constatirte, daß deren Bewohner zu der Race von Haoussa gehörten und den Felatahs tributpflichtig waren. Er sah auch Damoy, Drammalik, Coudonia, traf auf einen großen Fluß, der dem Kaoura zuströmt, zog durch Kottop, einen bedeutenden Markt für Sklaven und Stiere, sowie durch Coudgi und Dunrora, in der Nähe einer langen, hohen, nach Osten verlaufenden Bergkette.

In Dunrora sprengten, als Lander gerade seine Saumthiere belud, vier Reiter auf von Schaum triefenden Rossen auf den Statthalter zu und zwangen mit dessen Zustimmung den Reisenden, umzukehren und den König von Zegzeg aufzusuchen, der ihrer Aussage nach das größte Verlangen habe, ihn zu sehen. Lander, der so bald als möglich den Niger, von dem er nicht so weit entfernt war und auf dem er bis zum Meere hinabfahren wollte, zu erreichen wünschte, dachte natürlich ganz anders, doch mußte er der Gewalt weichen. Lander's Führer folgten nicht demselben Wege, den dieser von Dunrora her eingehalten hatte, wodurch der Reisende Gelegenheit fand, die von einem der vornehmsten Kriegshelden des Königs von Zegzeg verwaltete Stadt Eggebi zu besichtigen.

Am 25. Juli kam Lander nach Zegzeg. Er wurde dem König sofort vorgeführt, der ihm erklärte, er habe ihn nur deshalb zurückführen lassen, weil in Folge des zwischen Bello und dem Könige von Funda ausgebrochenen Krieges der Letztere nicht säumen würde, ihn umbringen zu lassen, wenn ihm zu Ohren käme, daß er dem Sultan der Felatahs Geschenke überbracht habe. Lander stellte sich, als ob er diesen Gründen Glauben schenkte, durchschaute aber recht wohl, daß nur die Neugier und das Verlangen, selbst einige Geschenke zu erhalten, die Handlungsweise des Königs von Zegzeg bestimmten. Er trug dem klüglich Rechnung, wobei er zur Entschuldigung der Geringfügigkeit seiner Gaben anführte, daß ihm alle seine Waaren geraubt worden seien, und erhielt bald die Erlaubnis zur Abreise.

Ouari, Ouombo, Koulfa, Boussa und Ouaoua bezeichnen die Haltestellen auf Lander's Rückreise nach Badagry, wo er am 22. November 1827 eintraf. Zwei Monate später schiffte er sich nach England ein.

Wenn der auf Eröffnung von Handelsbeziehungen gerichtete Hauptzweck der Reise Clapperton's auch durch die neidische Eifersucht der Araber gescheitert war, weil diese Bello's Ansichten durch die Vorstellung umzustimmen wußten, daß ihr Handel durch Eröffnung neuer Wege gänzlich zu Grunde gehen müsse, so gewann doch die Wissenschaft destomehr durch die Arbeiten und Bemühungen des englischen Forschers.

Desborough Cooley würdigt diese in seiner Geschichte der Reisen nach Verdienst und zählt die durch die Reisenden jener Zeit erlangten Resultate, welche wir im Vorhergehenden schilderten, im Zusammenhange auf.

»Die Entdeckungen, sagt er unter Anderem, welche man Kapitän Clapperton's Zügen durch das Innere von Afrika verdankt, übertreffen beiweitem, sowohl bezüglich ihrer Gründlichkeit als auch ihres Umfanges, die aller seiner Vorgänger. Kapitän Lyon hatte im Süden als äußersten Punkt den 24. Grad nördlicher Breite erreicht; Major Denham kam, gelegentlich seines Zuges nach Mandara, bis 9° 15', fügte also den früheren durch Europäer entdeckten Ländern 14¾ Breitengrade oder neunhundert Meilen hinzu. Hornemann freilich war schon durch die Wüste und im Süden bis Nyffe, unter 10° 30' gekommen, doch besitzen wir keinen Bericht über dessen Reise. Park erreichte Silla unter 1° 34' westlicher Länge und 1100 Meilen von der Mündung der Gamba. Denham und Clapperton endlich erforschten von der Ostküste des Tchadsees (17° der Länge) und bis Sockatu (3° 30' der Länge) von Osten nach Westen ein Gebiet von fünfhundert Meilen Länge; nur vierhundert Meilen zwischen Sockatu und Silla blieben also noch unbekannt; auf seiner zweiten Reise erzielte Kapitän Clapperton aber noch zehnmal wichtigere Ergebnisse. Er entdeckte den kürzesten und bequemsten Weg nach den volkreichen Gebieten Central-Afrikas und kann sich rühmen, der erste Reisende gewesen zu sein, der das Festland Afrikas bis Benin durchzog.«

Diesen wohlbegründeten Reflexionen und dieser ehrenvollen Anerkennung haben wir nur Weniges hinzuzufügen.

Die Angaben der arabischen Geographen, und vor allem die Leon's des Afrikaners wurden berichtigt und man hat nun ziemlich verläßliche Kenntniß eines großen Theils von Sudan erlangt. Wenn die Lösung des Problems, das die gelehrte Welt schon lange beschäftigte – der Lauf des Nigers – und welches Veranlassung zur Entsendung verschiedener Expeditionen wurde, von denen wir im Weiteren sprechen werden, noch nicht vollständig gelungen war, so konnte man derselben doch binnen Kurzem entgegensehen. Mindestens wußte man schon, daß der Niger, Kouara oder Djoliba, wie man ihn auch nennen mochte, und der Nil zwei verschiedene Flüsse mit ganz bestimmt von einander abgegrenzten Stromgebieten seien. Jedenfalls war damit ein großer Schritt nach vorwärts gethan.

Im Jahre 1816 stritt man noch darüber, ob der unter dem Namen Congo bekannte Strom nicht die Mündung des Niger bilde. Die Entscheidung dieser Frage wurde deshalb einem Marineofficier, der wiederholte Beweise seiner Intelligenz und Unerschrockenheit gegeben hatte, anvertraut. Im Jahre 1805 Kriegsgefangener, war Jacques Kingston Tuckey erst 1814 mit ausgewechselt worden. Sobald er von der Organisation einer Expedition zur Erforschung des Zaïre (Congo) hörte, reichte er das Gesuch ein, an derselben theilnehmen zu dürfen und erhielt sogar den Befehl über diese. Bewährte Officiere und Gelehrte wurden ihm beigegeben.

Am 19. März 1816 segelte Tuckey von England mit der »Congo« und dem Transportschiff »Dorothea« ab. Am 20. Juni ankerte er bei Malembe an der Mündung des Congo unter 4° 39' südlicher Breite. Der König des Landes wurde, wie es scheint, unwillig darüber, daß die Engländer nicht gekommen wären, um Sklaven anzukaufen, und erging sich in beleidigenden Redensarten über die Europäer, welche seinen Handel schädigten.

Am 18. Juli segelte Tuckey mit der »Congo« in die breite Mündung des Zaïre ein; später, als die Höhe der Uferwand die Benutzung von Segeln unthunlich machte, schiffte er sich mit einem Theile seiner Leute auf den Schaluppen und Booten des Schiffes ein.

Vom 10. August ab nöthigten ihn die Schnelligkeit der Strömung und die gewaltigen Felsen, welche da und dort in dem Flußbett zerstreut lagen, bald zu Wasser bald zu Lande weiter zu ziehen. Zehn Tage später ließ man die Boote vor einem Wasserfalle, welcher deren Weitertransport unmöglich machte, überhaupt zurück und reiste nur zu Lande. Dabei nahmen aber Schwierigkeiten aller Art täglich zu; die Neger weigerten sich, als Lastträger zu dienen, und die Hälfte der Europäer war mehr oder weniger erkrankt. Als er zweihundertachtzig Meilen von der Küste aus zurückgelegt, sah Tuckey sich gezwungen, umzukehren. Schon hatte die Regenzeit begonnen. Die Anzahl der Kranken wuchs immer mehr an. Der über das klägliche Resultat seiner Fahrt betrübte Befehlshaber wurde nun ebenfalls vom Fieber ergriffen und kehrte nur an Bord zurück, um daselbst am 4. October 1816 zu sterben.

Das einzige Ergebniß dieses verunglückten Versuches bestand also in einer genauen Aufnahme des Zaïre und einer Berichtigung der Küstenformation daselbst, welche bisher nur sehr fehlerhaft verzeichnet war.

Unweit der Stelle, wo etwas später Clapperton landen sollte, an der Goldküste nämlich, war 1807 ein tapferes, aber wildes Volk erschienen. Die Aschantis, von denen man nicht weiß, wo sie herkamen, hatten die Fanties überfallen und nach schrecklichen Schlächtereien in den Jahren 1811 bis 1816 ihre Herrschaft auf dem ganzen Gebiete zwischen den Kong-Bergen und dem Meere begründet.

Natürlich hatten die Beziehungen der Fanties zu den Engländern, welche einzelne Handels-Etablissements, Comptoire und Factoreien an der Küste besaßen, dadurch eine merkliche Störung erlitten.

Vorzüglich 1816 veranlaßte der König der Aschantis durch Verheerung des Landes der Fanties, in welchem jene errichtet waren, eine wirkliche Hungersnoth in den britischen Forts. Der Gouverneur von Cape Coast wandte sich deshalb auch an seine Regierung mit dem Gesuche, an den barbarischen, wilden Sieger eine Gesandtschaft abzuschicken. Der Ueberbringer dieser Depesche war Thomas Eduard Bowdich, ein junger Mann, der, von unwiderstehlicher Reiselust getrieben, das väterliche Joch abgeschüttelt, dem Handel, seinem ursprünglichen Berufe, entsagt und, nachdem er sich gegen den Willen seiner Familie verheiratet, eine bescheidene Stellung in Cape Coast, wo sein Oheim Vicegouverneur war, angenommen hatte.

Unter Zustimmung zu dem Vorschlage des Gouverneurs von Cape Coast, schickte der Minister Bowdich sofort zurück und betraute diesen selbst mit der Gesandtschaft. Der Gouverneur ernannte jedoch, unter dem Vorwande der zu großen Jugend des Letzteren, zum Anführer der Mission einen Mann, der ihm durch seine langjährige Erfahrung, seine Kenntniß des Landes und der Volkssitten weit geeigneter zur Ausführung dieses wichtigen Vorhabens erschien. Die Zukunft sollte ihm freilich Unrecht geben. Bowdich, welcher der Expedition zugetheilt wurde, übernahm den wissenschaftlichen Theil und besorgte vorzüglich die Beobachtungen der geographischen Länge und Breite.

Frederic James und Bowdich verließen das englische Etablissement am 22. August 1817 und gelangten nach Coumassie, der Hauptstadt der Aschantis, ohne andere Hindernisse, als den bösen Willen der Gepäckträger. Die Verhandlungen, welche den Abschluß einer Art Handelsvertrags und die Eröffnung einer Straße zwischen der Küste und Coumassie bezweckten, wurden mit gewissem Erfolge nur von Bowdich geführt, da James alle Initiative und Festigkeit abging. Die Maßnahmen Bowdich's fanden so ausnahmslose Billigung, daß James zurückberufen wurde.

Es könnte scheinen, als ob die Geographie nur wenig erwarten dürfe von einer diplomatischen Mission nach den früher von Bosman, Loyer, des Marchais und vielen Andern besuchten Ländern, über welche man außerdem auch die Monographie Meredith's und Dalzel's besaß. Der fünfmonatliche Aufenthalt in Coumassie aber, das nur zehn Tagereisen vom Strande des Atlantischen Oceans entfernt liegt, hatte Bowdich Gelegenheit geboten, sich über das Land, die Sitten und Gebräuche und die Institutionen eines der interessantesten Völker Afrikas eingehend zu unterrichten.

Wir geben hier auszugsweise den Bericht über den pomphaften Einzug der Mission in Coumassie wieder. Die ganze Bevölkerung war auf den Füßen und bildete eine Kette, während die Truppenmacht, welche Bowdich auf 30.000 Mann schätzte, unter Waffen stand.

Vor ihrer Zulassung bei dem Könige waren die Engländer Zeuge eines Schauspiels, das ihnen eine Vorstellung von der Grausamkeit und Wildheit der Aschantis geben mußte. Mit auf den Rücken gebundenen Händen, die Wangen von einem Pfeile durchbohrt, das eine Ohr abgeschnitten, das andere nur noch an einem Hautfetzen hängend, der Rücken eingeschlitzt, mit einem durch die Haut über jedem Schulterblatte gestochenen Messer und gezogen an einem Seile, das durch seine Nase geführt war, wurde ein Mann in Begleitung von Trommlern durch die Stadt geschleppt, bevor er – zur Ehre der Engländer geopfert wurde.

»Alles, was wir bisher gesehen, sagt Bowdich, ließ uns ein außerordentliches Schauspiel erwarten, und doch wurden wir von der großartigen Pracht, die man vor uns entfaltete, noch überrascht. Zu unserem Empfang wurde ein Platz von etwa einer Quadratmeile hergerichtet. Der König, seine Zinspflichtigen und Heerführer, befanden sich, umgeben von ihrem Gefolge, am Ende desselben. Vor ihnen waren so zahlreiche Truppen versammelt, daß wir gar nicht hindurch zu kommen glaubten. Die Strahlen der Sonne brachen sich mit einem Glanze, der fast ebenso unerträglich war wie die herrschende Hitze, an dem schweren goldenen Geschmeide, das von allen Seiten her blitzte. Mehr als hundert Musikantengruppen spielten gleichzeitig bei unserer Ankunft und jede ließ die besonderen Weisen des Häuptlings, zu dem sie gehörte, ertönen. Bald war man betäubt durch das Schmettern einer unzähligen Menge von Hörnern und durch das Rasseln von Trommeln; bald durch die spitzen Töne langer, recht gut überein klingender Flöten oder durch ein Instrument nach Art des Dudelsacks, der sich nicht unmelodisch dazwischen hören ließ. Gegen hundert große Sonnenschirme oder »Dais«, jeder hinreichend zum Schutze von mindestens dreißig Personen, wurden von ihren Trägern unaufhörlich hin und her geschwenkt. Diese waren mit scharlachrother, gelber oder anders-, aber immer grellfarbiger Seide überzogen und am oberen Ende mit Halbmonden, Pelikanen, Elephanten, Säbeln oder anderen Waffen, stets aus massivem Golde, verziert. Auf die Einladung der Boten des Königs, welche große goldene Platten auf der Brust trugen, schritten wir hinter den uns vorgetragenen Rohrstäben Rohrstäbe mit runden goldenen Knöpfen sind das Unterscheidungsmerkmal für die Dolmetscher. und der englischen Flagge voran, dann blieben wir stehen, um jeden der Cabocirs die Hand zu reichen. Alle diese Häuptlinge trugen prächtige Costüme, massiv goldenen Halsschmuck, goldene Spangen am Knie, Schienen von demselben Metalle über den Knöcheln und Armbänder oder Goldstücke von solcher Schwere an der linken Hand, daß sie den Arm auf den Kopf eines Kindes stützen mußten. Endlich hingen an ihren Säbelknöpfen goldene Wolfs- oder Widderköpfe von natürlicher Größe, der Griff bestand wiederum aus demselben Metall und die Klinge war mit Blut befleckt. Ein Mann balancirte auf dem Kopfe eine große Trommel, auf welche zwei ihm Nachfolgende losschlugen. Die Handgelenke der Letzteren waren mit Schellen und Plättchen aus Eisen geschmückt, welche zu dem Wirbeln der Trommeln die Begleitung bildeten. An ihren Lendengürteln hingen Köpfe oder Schenkelknochen von ihren Feinden, die sie im Kampfe erschlagen hatten. Ueber den Großwürdenträgern, welche auf schönen, mit Gold und Elfenbein ausgelegten schwarzen Holzschemeln saßen, wurden ungeheure Fächer aus Straußenfedern bewegt und hinter ihnen standen ausgewählt schöne junge Leute, die, auf dem Rücken einen mit Patronen gefüllten Behälter aus Elephantenhaut tragend, lange dänische, mit Gold ausgelegte Flinten in der Hand hielten und um den Gürtel meist weiße Pferdeschweife oder seidene Schärpen gebunden hatten. Die lauten Fanfaren der Hörner, das geradezu betäubende Lärmen der Trommeln und, wenn diese schwiegen, das Rauschen anderer Instrumente verriethen uns, daß wir dem Könige näher kamen. Schon befanden wir uns mitten unter den höheren Hausofficieren; der oberste Kammerherr, der Officier mit der goldenen Trompete, der Anführer der Boten, der Chef der Hinrichtungen, der Markt-Kapitän, der Wächter des königlichen Grabes und Dirigent aller Musikchöre saßen inmitten ihres Gefolges, alle strahlend in Herrlichkeit als Ausdruck der hohen Würden, welche sie bekleideten. Um die Köche waren große Haufen von Silbergeschirr, Schüsseln, Assietten, Kaffeekannen, Tassen und Vasen jeder Art aufgestapelt. Der Chef der Hinrichtungen, ein Mann von fast riesenhaftem Wuchse, trug eine goldene Axt auf der Brust, und vor ihm stand der Block, auf dem er den Verurtheilten den Kopf abhackte. Dieser war mit Blut- und theilweise mit großen Fettflecken beschmutzt. Die vier Dolmetscher umgab ein Glanz, der dem Aufwande der anderen hohen Officiere in keiner Weise nachstand, und vor ihnen wurden ihre besonderen Zeichen, die zu Bündeln vereinigten Rohrstäbe mit goldenen Knöpfen, emporgehalten. Der Wächter des königlichen Schatzes harmonirte in seinem persönlichen Luxus mit der Stellung, welche er einnahm, und vor ihm standen große Kisten, Waagen und Gewichte aus massivem Golde. Die wenigen Minuten, welche noch vergingen, bevor wir zum Könige selbst kamen, um ihm die Hand zu reichen, gaben uns Gelegenheit, denselben recht bequem zu sehen. Schon sein Aeußeres erregte meine volle Aufmerksamkeit. Es ist stets auffallend, einen Ausdruck von natürlicher Würde an Fürsten zu beobachten, welche wir kurzweg Barbaren zu nennen lieben. Seine Gesichtszüge verriethen ebensoviel Majestät als gute Lebensart, und nie verlor er die einem Monarchen unbedingt zukommende Ruhe. Er schien gegen achtunddreißig Jahre zu zählen und Anlage zum Embonpoint zu haben; die ganze Erscheinung sprach offenbar für einen wohlwollenden Charakter.«

Es folgt hierauf eine mehrere Seiten füllende Beschreibung der Toilette des Königs, der Aufzüge der Anführer, Soldaten, der Volksmenge und des Empfangs, der bis in die Nacht hinein währte.

Bei Durchlesung dieser staunenerregenden Schilderung Bowdich's fragt man sich unwillkürlich, ob sie nicht das Erzeugniß der gereizten Einbildungskraft des Reisenden sei, so unwahrscheinlich erscheinen uns der an's Wunderbare grenzende Luxus dieses Barbarenhofes, die Menschenopfer, bei welchen zu gewissen Zeiten des Jahres Tausende hingeschlachtet werden, die fremdartigen Sitten dieses kriegerischen, grausamen Volkes und diese Mischung von Civilisation und Barbarismus. Man wäre versucht zu glauben, daß Bowdich Alles gröblich übertrieben habe, wenn die Reisenden, welche ihm folgten, und die Forscher derselben Zeit seine Schilderungen nicht allseitig bestätigt hätten. Man steht erstaunt gegenüber einer solchen, nur auf roher Gewalt begründeten Regierung, verwundert, daß eine solche von so langer Dauer sein konnte!

Unter den kühnen Reisenden, welche ihr Leben zur Erforschung der Erdkunde in die Schanze schlugen, begegnet man nur selten einem Franzosen. Einzelne finden sich aber doch, unter diesen möchten Mollien, Caillié, Cailliaud und Létorzec, wohl einer besonderen Erwähnung werth sein.

Gaspard Mollien war der Neffe des Ministers des kaiserlichen Schatzes bei Napoleon I. Mit der »Medusa« abgesegelt, entging er glücklich dem Schiffbruche dieses Fahrzeuges, erreichte auf einem Boote die Küste der Sahara und gelangte längs derselben bis zum Senegal.

Das Unglück, dem Mollien mit genauer Noth entkam, hätte wohl in jedem, minder standhaften Kopfe die Lust an Abenteuern und den Hang zu gefährlichen Reisen unterdrückt. Hier war es nicht so. Kaum hatte der Gouverneur der Kolonie, der Commandant Fleuriau, das Anerbieten des jungen Reisenden, die Quellen der großen Ströme Senegambiens aufzusuchen und vorzüglich die des Djoliba festzustellen, angenommen, als dieser auch schon (von Saint Louis) aufbrach.

Von Diedde am 29. Januar 1818 abreisend, wandte sich Mollien zwischen dem 15. und 16. Breitengrad nach Osten, zog durch das Königreich Domel und drang bis zu den Yoloffs vor. Von dem Wege nach Woulli abweichend, schlug er einen anderen nach Fouta Toro ein und erreichte, trotz des Fanatismus und der Raubsucht der Bewohner, Bondou ohne nennenswerthen Unfall. Drei Tage brauchte er, um durch die Wüste zu ziehen, welche Bondou von den Ländern jenseits des Gambia trennt; dann begab er sich nach Niokolo, eine von halbwilden Peuls und Djallons bewohnte Berggegend.

Von Bandeia aus betrat Mollien dann Fouta Djallon und kam an den nebeneinanderliegenden Quellen des Gambia und des Rio Grande an. Einige Tage später fand er auch die der Faleme. Trotz des Widerstrebens und der Angst seines Führers wagte es Mollien, nach Timbou, der Hauptstadt von Fouta, zu gehen. Die zufällige Abwesenheit des Königs und der meisten Bewohner ersparte ihm ohne Zweifel die Leiden einer Gefangenschaft, welche lange währen konnte, wenn sie nicht durch schreckliche Torturen abgekürzt wurde. Fouta ist eine befestigte Stadt, in der der König Wohnungen besitzt, welche Erdmauern von drei bis vier Fuß Dicke und mindestens fünfzehn Fuß Höhe haben.

Unfern von Timbou begab sich Mollien nach den Quellen des Senegal – d. h. nach Aussage der ihn begleitenden Schwarzen, denn es war ihm unmöglich, astronomische Beobachtungen anzustellen.

Noch sah der Forscher seine Aufgabe nicht für beendigt an, da seinen Geist das wichtige Problem der Quellen des Nigers fortwährend in Spannung hielt. Der klägliche Zustand seiner Gesundheit aber, der Eintritt der Regenzeit, das Anschwellen und Uebertreten der Flüsse und die Angst seiner Führer endlich, welche trotz des Versprechens von Gewehren, Ambra, selbst der Ueberlassung seines Pferdes, es abschlugen, ihn nach Kouranko und Soliman zu begleiten, nöthigten ihn, auf die beabsichtigte Fahrt durch die Kong-Berge zu verzichten und nach Saint Louis zurückzukehren.

Mollien hatte zur besseren Kenntniß einiger von Europäern noch nicht besuchten Theile von Senegambien doch nicht unwesentlich beigetragen.

»Es ist zu bedauern, sagt de la Renaudière, daß Mollien, erschöpft durch Strapazen, kaum im Stande, sich weiter zu schleppen, vollständig entblößt von Allem, und ohne Mittel, verläßliche Beobachtungen vorzunehmen, sich außer Stande sah, die hohe Bergkette zu überschreiten, welche das Zuflußbecken des Senegal von dem des Djoliba scheidet, und er also, gezwungen, den Vorstellungen der Eingebornen nachzugeben, den wichtigsten Theil seiner Mission unausgeführt lassen mußte. Nur gestützt auf die Versicherungen der Neger, glaubt er die Quellen des Rio Grande, der Faleme, des Gambia und Senegal besucht zu haben. Wäre es ihm möglich gewesen, den Lauf dieser Flüsse weiter hinab zu verfolgen, so würden seine Entdeckungen eine wünschenswerthe Verläßlichkeit gewonnen haben, die ihnen jetzt leider abgeht. Jedenfalls weist die Lage der Quelle, welche er als die des Ba Fing oder Senegal bezeichnet, darauf hin, daß sie einem anderen größeren Strome nicht angehören kann; vergleicht man seine Angaben mit denen anderer Reisenden, so gewinnt man noch weiter die Ueberzeugung, daß seine Entdeckung ihn nicht getäuscht hat. Alles deutet darauf hin, daß die beiden Quellen in größerer Höhe entspringen, als man bisher annahm und daß der Djoliba die höchste Ursprungsstelle hat. Das Land selbst erhebt sich in parallelen Terrassen nach Süden und Südosten hin. Mit ihrem Fortschreiten nach Süden nehmen die Berge an Höhe zu und senden ihre höchsten Kämme zwischen den 8. und 10. Grad nördlicher Breite empor.«

Das sind die interessanten Ergebnisse der Reise Mollien's in der französischen Colonie am Senegal. Von hier aus trat auch ein anderer Forscher, René Caillié, seine Fahrt an. Geboren im Jahre 1800 im Departement des Deux-Sèvres, genoß Caillié keinen anderen Unterricht als den der Volksschule; die Lectüre des Robinson Crusoë hatte in seinem jungen Geiste aber eine solche Begierde nach Abenteuern erweckt, daß Caillié keine Ruhe fand, bevor er sich nicht, trotz der Unzulänglichkeit seiner Mittel, Karten und Reiseschilderungen erworben hatte. Im Jahre 1816, also noch nicht sechzehn Jahre alt, schiffte er sich auf der Gabarre (Lichterschiff) »la Loire« nach Senegal ein.

Zu jener Zeit organisirte die englische Regierung eben unter dem Befehle des Major Gray eine Expedition in das Innere des Landes. Um dem schrecklichen »Almamy« von Timbu, der Peddie so verderblich geworden war, aus dem Wege zu gehen, benutzten die Engländer den Seeweg bis zum Gambia. Nachdem sie durch Woulli und Gabon gezogen, drang, die Expedition in Bondu ein, das Mollien einige Jahre später besuchen sollte, ein Land, dessen Bewohner dem von Fonta Djallon an wildem Fanatismus in keiner Weise nachstanden. Der Almamy hier ging in seiner Frechheit so weit, den Major Gray unter dem Vorwande einer alten, von den englischen Behörden noch nicht ausgeglichenen Schuld fast aller seiner Waaren zu berauben, so daß dieser einen Officier nach Senegal zurücksenden mußte, um sich neue Vorräthe zu beschaffen.

Caillié, der von diesem unglücklichen Anfang nichts wußte, und voraussetzte, daß Major Gray jeden neuen Theilnehmer mit Freuden begrüßen würde, reiste von Saint Louis mit zwei Negern ab und erreichte Goree. Hier riethen ihm aber mehrere Personen, welche sich für ihn interessirten, davon ab, sich jener Expedition anzuschließen, und verschafften ihm eine Anstellung in Guadeloupe. Caillié verweilte nur sechs Monate auf dieser Insel, segelte dann wieder nach Bordeaux und kehrte von hier aus nach Senegal zurück.

Ein Officier des Major Gray, Namens Partarieu, wollte eben mit den von ihm besorgten Waarenvorräthen zu seinem Schiffe abgehen. Calllié bat, ihn ohne Sold und feste Stellung begleiten zu dürfen. Dieses Angebot wurde ohne Zögern angenommen. Die Karawane bestand aus siebenzig Personen, Weißen und Schwarzen, und aus zweiunddreißig reich beladenen Kameelen. Am 5. Februar 1819 verließ sie Gandiolle in Cayor und zog, bevor sie nach Yoloff kam, durch eine Wüste, wo sie entsetzlich von Durst litt, da man, um alle Waaren fortschaffen zu können, auf die Mitnahme reichlicherer Wasservorräthe verzichtet hatte.

In Boulibaba, einem von Foulah-Hirten bewohnten Dorfe, konnte die Karawane sich erquicken und ihre Wasserschläuche zu einem zweiten Zuge durch die Wüste füllen.

Mit Umgehung von Fouta Toro, dessen Bewohner als wilde Räuber berüchtigt sind, drang Partarieu in Bondu ein. Er hätte wohl auch gern Boulibane, die Hauptstadt des Landes und Residenz des Almamy, vermieden; die Weigerung der Eingebornen aber, welche der Karawane weder Getreide noch Wasser liefern wollten, und der bestimmte Befehl des Major Gray, welcher voraussetzte, daß der Almamy nach empfangener Contribution die Karawane unbelästigt ziehen lassen werde, veranlaßten ihn, sich in jene Stadt zu begeben.

Der schreckliche Almamy erzwang sich sofort eine große Menge Geschenke, verweigerte den Engländern aber die Erlaubniß, nach Bakel am Senegal zu ziehen. Sie könnten ja, meinte er, durch seine Staaten und durch Kaarta nach Clego gehen oder auch den Weg über Fouta Toro einschlagen. Von diesen beiden Routen empfahl sich die erste so wenig wie die zweite, denn beide führten durch sehr fanatische Länder. Die Absicht des Almamy ging – so wenigstens meinten die Engländer – dahin, sie berauben und ermorden zu lassen; die Verantwortung dafür aber möglichst von sich abzuwälzen.

Die Expedition entschloß sich in Folge dessen dafür, sich mit Gewalt einen Weg zu bahnen. Kaum in den Vorbereitungen dazu begriffen, sah sie sich jedoch von einer Menge Soldaten umringt, welche die Brunnen besetzten und ihr die Ausführung dieses Vorhabens materiell unmöglich machten. Gleichzeitig ertönte die Kriegstrommel auf allen Seiten. Ein Kampf erschien unmöglich, man mußte sich also auf Unterhandlungen einlassen, oder mit anderen Worten, seine Ohnmacht bekennen. Der Almamy schrieb seine Friedensbedingungen vor, erpreßte von den Engländern neue Geschenke und verlangte, daß sie sich über Fouta Toro zurückzögen.

Zur noch tieferen Verletzung des britischen Stolzes sahen sich die Engländer von einer Truppenmacht begleitet, welche sie hinderte, irgend einen anderen Weg einzuschlagen. Mit hereinbrechender Nacht warfen sie nun, vor den Augen der Foulahs, welche sich derselben zu bemächtigen gedachten, alle ihre Waaren in's Feuer. Trotzdem gestaltete sich der Zug nach Fouta Toro, mitten durch eine feindlich gesinnte Bevölkerung, noch sehr beschwerlich. Unter den nichtigsten Vorwänden wurden Händel gesucht und man war öfter daran, handgemein zu werden. Lebensmittel und Wasser wurden nur gegen hohe Bezahlung geliefert.

Eines Nachts ließ Partarieu endlich, um die Wachsamkeit der Eingeborenen zu täuschen, nachdem er erklärt hatte, nicht Alles, was er bei sich habe, auf einmal weiter fortbringen zu können, alle Kisten und Kasten mit Steinen füllen; die Zelte blieben stehen, die Feuer in hellem Brand, er selbst aber entwich mit allen seinen Leuten und eilte nach dem Senegal zu. Der Rückzug artete bald in eine wirkliche Flucht aus. Gepäck, Waffen, Thiere – Alles wurde im Stich gelassen und auf der Straße verstreut. Durch diese Ausflucht und die Schnelligkeit, mit der Alle das Weite zu gewinnen suchten, gelang es, die Niederlassung in Bakel zu erreichen, wo die Franzosen die Trümmer der Expedition mit offenen Armen aufnahmen.

Caillié selbst, der vom Fieber litt, das bald sehr bedrohliche Symptome zeigte, kehrte nach Saint Louis zurück; auch hier machte seine Wiedergenesung so langsame Fortschritte, daß er sich entschließen mußte, nach Frankreich zu gehen. Erst im Jahre 1824 konnte er Senegal wieder aufsuchen. Zu dieser Zeit verwaltete die Kolonie der Baron Roger, ein dem Fortschritt huldigender Mann, der es sich eben so angelegen sein ließ, die Handelsbeziehungen seines Landes wie die geographischen Kenntnisse zu erweitern. Er gewährte auch Caillié die nöthigen Mittel, um sich bei den Bracknas aufzuhalten und dort die arabische Sprache, so wie die kirchlichen Gebräuche der Muselmanen kennen zu lernen.

Das Leben bei diesen mißtrauischen, fanatischen maurischen Hirten bot keine besonderen Annehmlichkeiten. Der Reisende, der schon unglaubliche Mühe hatte, nur sein Tagebuch in Ordnung zu führen, mußte manche List anwenden, um die Erlaubniß zum Besuche der Umgebungen der Stadt zu erhalten. Er wußte dabei aber viel gründliche Beobachtungen zu machen über die Lebensweise der Bracknas, ihre meist aus Milchkost bestehende Nahrung, über ihre Zeltwohnungen, die gegen den Einfluß der Witterung nur sehr unzulänglich schützten, ihre Wanderlieder oder »Guehues«, über die Mittel, den Frauen jenen Grad von Wohlbeleibtheit zu verschaffen, den sie für das Ideal der Schönheit ansehen, endlich über die Natur des Landes und über die Fruchtbarkeit und die Erzeugnisse des Bodens.

Am merkwürdigsten erschienen jedoch die Aufschlüsse Caillié's über die fünf verschiedenen Kasten, in welche die maurischen Bracknas zerfallen.

Es sind das die »Hassanen« oder Krieger, ebenso faule und schmutzige als unglaublich stolze Leute; die »Marabouts« oder Priester; die »Zenagues« oder Untergebenen der Hassanen, die »Laratines« und die Sklaven.

Die Zenagues bilden eine elende von allen Anderen, aber vorzüglich von den Hassanen selbst, verachtete Volksclasse, obwohl sie den Letztgenannten einen zwar festgesetzten, aber niemals für ausreichend befundenen Tribut zahlen. Sie sind die eigentlichen Arbeiter, welche sich mit Industrie, Landbau und Viehzucht beschäftigen.

»Trotz aller Bemühungen, sagt Caillié, vermochte ich weder den Ursprung dieser Race zu ergründen, noch konnte ich erfahren, wie Jene dazu gekommen seien, an andere Mauren Tribut zu entrichten. Wenn ich hierüber nachfragte, erhielt ich nur die Antwort, daß Gott es so wolle. Sollten es vielleicht besiegte Volksstämme sein, denen alle Ueberlieferung abhanden gekommen ist? Ich kann das kaum glauben; denn die auf ihre Abkunft gewöhnlich sehr stolzen Mauren vergessen niemals die Namen Derjenigen, welche sich in ihrer Familie auszeichneten, und die, die Mehrzahl der Bevölkerung bildenden und kriegsgeübten Zenagues würden sich gewiß unter einem Nachkommen ihrer alten Häuptlinge erhoben und das Joch der Knechtschaft abgeschüttelt haben.«

Die Laratines sind die Kinder eines Mauren und einer Negersklavin. Obgleich selbst so gut wie Sklaven, werden dieselben doch niemals verkauft und, in besondere Hürden eingepfercht, fast wie Zenagues behandelt. Diejenigen, welche einen Hassanen zum Vater haben, werden Krieger; die Söhne eines Marabout erhalten besseren Unterricht und widmen sich meist derselben Thätigkeit wie ihre Väter.

Die Sklaven sind alle Neger. Sie werden schlecht behandelt, dürftig genährt, von ihren Herren ganz nach Belieben mit der Peitsche gezüchtigt und überhaupt auf alle erdenkliche Weise gequält.

Im Mai 1825 war Caillié wieder in Saint Louis zurück. Der Baron Roger befand sich nicht daselbst, und sein Nachfolger erwies sich ihm nicht besonders freundlich gesinnt. Der Reisende mußte sich mit der Verpflegung der gemeinen Soldaten begnügen und seinen Beschützer abwarten, dem er alle bei den Bracknas gesammelten Beobachtungen überließ; trotzdem sah er sein Angebot weiterer Dienste abgewiesen. Dagegen versprach man ihm eine gewisse Summe, wenn er von einem Zuge nach Timbuktu zurückkehre. Wie konnte er einen solchen aber ausführen, da es ihm an persönlichen Hilfsmitteln völlig fehlte?

Den unermüdlichen Caillié entmuthigte aber auch das noch nicht. Da er bei der Kolonialregierung kein Entgegenkommen und keine Unterstützung fand, ging er nach Sierra Leone, wo der Gouverneur nur deshalb seine Vorschläge abwies, weil er dem Major Laing die Ehre, zuerst nach Timbuktu zu gelangen, nicht rauben lassen wollte.

Durch Ersparniß während der Leitung einer Indigo-Fabrik erwarb sich Caillié bald die Summe von 2000 Francs, die ihm hinreichend schien, um bis an's Ende der Welt zu reisen. Schnell verschaffte er sich nun die nöthigen Waaren und schloß sich einigen Mandinguos und »Seracolets«, d. h. reisenden Kaufleuten, welche durch Afrika ziehen, an. Diesen erzählte er unter dem Siegel der Verschwiegenheit, daß er in Egypten von arabischen Eltern geboren, in ganz jungen Jahren nach Frankreich entführt und dann nach Senegal gebracht worden sei, um seines Herrn Handelsgeschäfte zu leiten, der ihn als Belohnung für seine Dienste frei gegeben habe. Er fügte hinzu, daß es sein sehnlichster Wunsch sei, nach Egypten zu gelangen und die mohammedanische Religion wieder anzunehmen.

Von Freetown ausgehend, erreichte Caillié am 22. Mürz 1827 Kakondy, ein Dorf am Rio Nunez, wo er den kurzen Aufenthalt benutzte, einige Erkundigungen über die Nalus einzuziehen. Es sind das zwei den Foulahs von Fouta Djallon unterworfene Völker, welche nicht dem Islam huldigen und in Folge dessen dem Trunke sehr ergeben sind. Sie bewohnen das Uferland des genannten Flusses, ebenso wie die Bagos, ein Götzendiener-Stamm an der Mündung des Rio Nunez. Die lustigen, thätigen und im Anbau des Landes recht geschickten Bagos erzielten reiche Erträgnisse aus ihren Reisernten und durch die Salzgewinnung. Sie haben keinen König, keine andere Religion als einen sinnlosen Götzendienst, werden von je dem Aeltesten des Dorfes regiert und befinden sich dabei gar nicht schlecht.

Am 19. April 1827 reiste Caillié endlich mit nur einem Träger und einem Diener nach Timbuktu ab. Die Foulahs und Djallonkes, deren reiche und fruchtbare Länder er durchzog, hatte er nur zu loben: dann überschritt er den Ba Fing, den größten Nebenfluß des Senegal, nahe seiner Quelle, an einer Stelle, wo er zwar hundertfünfzig Fuß Breite haben mochte, dagegen nur anderthalb Fuß tief war; die Gewalt der Strömung aber und die steilen schwarzen Granitmassen, welche neben seinem Ufer emporstreben, machten diesen Uebergang beschwerlich und gefährlich. Nach neunzehntägigem Aufenthalt in dem Dorfe Cambaya, in welchem der Führer, der ihm bisher gedient hatte, zu Hause war, zog Caillié nach Kankan hinein, durch ein von Flüssen und starken Bächen bewässertes Land, welche dieses eben zu überschwemmen begannen.

Am 30. Mai überschritt Caillié den Tankisso, einen breiten Fluß mit steilen Ufern, der zum Gebiete der Djoliba gehört, welch' letztere der Reisende am 11. Juni in Couroussa erreichte.

»Er hatte schon so nahe seiner Quelle, berichtet Caillié, eine Breite von neunhundert Fuß und eine Schnelligkeit von zweiundeinehalbe Meile in der Stunde.«

Bevor wir dem Forscher nach Kankan folgen, dürfte es an der Stelle sein, seine Bemerkungen über die Foulahs von Fouta kurz zu erwähnen. Es sind das meist große, gutgebaute Leute mit hellbraunem Teint, krausem Haar, hoher Stirn und Adlernase, deren Züge von denen der Europäer nicht sonderlich abweichen. Als fanatische Mohammedaner hegen sie einen tiefen Haß gegen die Christen. Sie reisen nicht umher wie die Mandinguos, sondern lieben ihr Heim und sind entweder geschickte Landbauer oder gewandte Händler. Von Natur kriegerisch und opferwillig für ihr Land, lassen sie, wenn ein Kampf ausbricht, nur die Greise und die Frauen in den Dörfern zurück.

Die Stadt Kankan liegt inmitten einer von Bergen umschlossenen Ebene. Hier trifft man in großer Menge den Bombax (Woll- oder Ceibabaum), den Baobab und den Butterbaum, der auch »Cé« oder, wie Munko Park schreibt, »Shea« genannt wird. Caillié mußte sich in dieser Stadt achtundzwanzig Tage aufhalten, bevor er Gelegenheit fand, nach Sambatikila zu gelangen; von seinem Wirthe wurde er unverschämt bestohlen und konnte von dem Chef der Stadt auch die Zurückerstattung der geraubten Waaren nicht erlangen.

»Kankan, sagt der Reisende, der Hauptort des gleichnamigen Bezirks, ist eine kleine Stadt, zwei Büchsenschuß weit vom linken Ufer des Milo, eines hübschen Flusses, der von Süden herkommt, und Kissi, wo seine Quelle liegt, bewässert; er strömt nach Nordosten und vereinigt sich, zwei bis drei Tagereisen von Kankan entfernt, mit dem Djoliba. Umgeben von einer schönen, dichten lebenden Hecke, liegt diese Stadt, welche gegen 6000 Einwohner zählen mag, in einer herrlichen Ebene mit grauem, sehr fruchtbarem Sande. In allen Richtungen sieht man hübsche Dörfer liegen, welche hier auch Ourondes genannt werden; dorthin bringen die Einwohner ihre Sklaven. Diese Einzelwohnstätten verleihen der Gegend einen gewissen Reiz und sind alle mit wohlgepflegten Aeckern umgeben; Yamswurzeln, Mais, Reis, Zwiebeln, Pistazien und Gombo gedeihen hier im Ueberfluß.

Von Kankan nach Uassulo führte der Weg durch sehr schöne Landschaften unter voller Cultur und meist reich bewässert. Die Bewohner dieses Gebietes erschienen Caillié von besonders sanftem Charakter; sie waren Alle sehr heiter und neugierig und empfingen ihn überaus wohlwollend.

Mehrere Zuflüsse des Djoliba, darunter vorzüglich der Sarano, mußten überschritten werden, bevor man in Sigala Halt machte, wo der Beherrscher von Uassulo, Namens Baramisa, seinen Sitz hatte. Ebenso unreinlich wie seine Unterthanen, schnupfte er sehr stark und rauchte auch viel Tabak. Der Fürst soll an Gold und Sklaven sehr reich sein; seine Unterthanen beschenken ihn häufig mit Thieren; er hat viel Frauen, die jede eine eigene Hütte bewohnen, wodurch ein kleines Dorf gebildet wird, das von wohlgepflegten Anpflanzungen eingeschlossen ist. An dieser Stelle bekam Caillié zum ersten Male den » Rhamnus lotus«, welchen Mungo Park erwähnt, zu Gesicht.

Von Uassulo aus betrat Caillié nun Foulou, dessen Einwohner, wie die Uassulos, die Mandiguo-Sprache reden, Götzendiener sind oder vielmehr fast gar keinen Cultus haben und sehr schmutzig aussehen. In Sambatikila machte der Reisende dem Almamy seinen Besuch.

»Wir traten, sagt Caillié, in einen Raum, der ihm gleichzeitig als Schlafzimmer und Pferdestall diente. Das Bett des Fürsten befand sich im Hintergrunde desselben; es ragte etwa sechs Zoll über den Boden empor und war mit einem Ochsenfell bedeckt und mit einer Art schmutzigen Vorhangs, zum Abhalten der Muskitos, versehen. Hausgeräthe gab es in der königlichen Wohnung nicht. An Pflöcken in der Wand hingen zwei Pferdesättel; ein großer Strohhut, eine Trommel, welche nur während des Krieges gebraucht wird, einige Spieße, ein Bogen nebst Köcher und Pfeilen bilden den ganzen Schmuck, außer einer Lampe aus einem Stück flachen Eisens, die durch einen aus demselben Metall bestehenden, in den Erdboden gepflanzten Halter getragen wird; man verbrennt darin vegetabilische Butter, welche nicht consistent genug ist, um sie zu Kerzen verarbeiten zu können.

Der Almamy machte den Reisenden darauf aufmerksam, daß sich eine Gelegenheit, nach Time zu gelangen, böte, von wo aus eine Karawane nach Djenne ziehen werde. Caillié begab sich nun also nach dem Lande der Bambaras und gelangte bald nach dem hübschen, kleinen Dorfe Time, das von mohammedanischen Mandinguos bewohnt und nach Osten zu von einer gegen 2000 Fuß hohen Bergkette beherrscht wird.

Als Caillié gegen Ende Juli nach diesem Dorfe kam, ahnte er gewiß nicht, wie lange er sich hier aufhalten, sollte. Er hatte nämlich am Fuße eine Wunde, die sich durch das lange Marschiren in feuchtem Grase mehr, und mehr verschlimmerte. Er entschloß sich also, die Karawane nach Djenne abziehen zu lassen und seine völlige Wiederherstellung in Time abzuwarten. Es erschien ihm in seiner Lage zu gefährlich, durch das Land der Bambaras zu reisen, welche er als Götzendiener kannte und die ihn sicher unterwegs geplündert hätten.

»Diese Bambaras, erzählt der Reisende, haben nur wenige Sklaven, gehen fast nackt, aber stets mit Bogen und Pfeilen bewaffnet. Sie werden von einer großen Anzahl kleiner unabhängiger Fürsten regiert, welche häufig mit einander im Kriege liegen. Es sind, im Vergleich zu den der Religion des Propheten zugethanen Völkern, sehr rohe und wilde Geschöpfe.«

Bis zum 10. November wurde Caillié, dessen Wunde nur langsam heilte, in Time zurückgehalten. Da bot sich ihm eine günstige Gelegenheit, nach Djenne zu gelangen.

»Heftige Schmerzen in der Kinnlade aber, schreibt der Reisende, belehrten mich, daß ich vom Scorbut befallen war, eine abscheuliche Krankheit, welche ich gründlich kennen lernen sollte. Am Gaumen löste sich die Schleimhaut und Knochenstückchen bröckelten darunter los; die Zähne schienen in ihren Alveolen allen Halt zu verlieren: ich litt entsetzlich und fürchtete, mein Gehirn müsse von den Schmerzen in Mitleidenschaft gezogen werden, die ich am Schädel fühlte. Vierzehn Tage lang vermochte ich nicht einen Augenblick Schlaf zu finden.«

Um seine Lage noch peinlicher zu machen, brach Caillié's Wunde von Neuem auf und er wurde von derselben wie vom Scorbut nicht eher befreit, als bis eine alte Negerin, welche vielfache Erfahrung in Behandlung dieser im Lande sehr häufigen Krankheit besaß, seine Pflege übernahm.

Am 9. Januar 1829 endlich verließ Caillié Time und begab sich nach Kimba, ein kleines Dorf, wo sich die nach Djenne bestimmten Karawanen zu sammeln pflegen. In der Nähe des letztgenannten Dorfes erhebt sich die, eigentlich unrichtig »Kong« benannte Bergkette, denn bei allen Mandinguos bedeutet dieses Wort eben nichts weiter als »Berg«.

Die Namen der Dörfer, durch welche der Reisende kam, und die Zufälligkeiten unterwegs bieten kein besonderes Interesse. Die Bambaras werden übrigens von den Mandinguos für freche Diebe erklärt, eine Anschuldigung, die sie jedoch nicht mehr trifft als die Ankläger selbst.

Die Frauen der Bambaras tragen alle ein Stückchen dünnes Holz quer durch die Unterlippe, huldigen also genau derselben Mode, welche Cook auch an der Westküste Nordamerikas verbreitet fand, ein Beweis, daß die Menschheit doch immer dieselbe bleibt, unter welcher Breite sie auch leben mag. Die Bambaras bedienen sich der Mandinguo-Sprache, haben aber einen eigenthümlichen, »das Kissur« genannten Dialect, über den der Reisende jedoch etwas Näheres und Verläßlicheres nicht erfahren konnte.

Djenne hieß ehemals das »Goldland«, nicht etwa, weil es dieses Metall selbst geliefert hätte, sondern weil die Händler von Boure und die Mandinguos aus Kong dasselbe häufig hierher brachten.

Die zweieinhalb Meilen im Umfang messende Stadt Djenne ist von einer zehn Fuß hohen Erdmauer umschlossen. Ihre aus lufttrockenen Backsteinen errichteten Häuser sind ebenso groß wie die der Bauern in Europa. Alle haben ein terrassenförmiges Dach und entbehren nach außen der Fenster. Es ist eine geräuschvolle, lebendige Stadt, in der täglich eine Handelskarawane eintrifft. Fremde sieht man hier in Menge. Die Zahl der Einwohner dürfte acht- bis zehntausend betragen. Von Natur fleißig und betriebsam, lassen sie auch ihre Sklaven in allen Handwerken mit arbeiten.

Den eigentlichen Großhandel haben jedoch die Mauren in den Händen. Es vergeht wohl kein Tag, ohne daß diese große Flußschiffe voll Reis, Hirse, Baumwolle, Honig, Pflanzenbutter und andere einheimische Erzeugnisse absenden.

Trotz dieser umfassenden Handelsthätigkeit sah Djenne sein Gedeihen doch ernstlich gefährdet. Der Beherrscher des Landes, Sego Ahmadu, ein blinder Schwärmer, führte jener Zeit gegen die Bambaras von Sego, die er gewaltsam zum Islam bekehren wollte, einen erbitterten Krieg. Dieser Kampf lähmte den Verkehr von Djenne in furchtbarster Weise, da er der Stadt die Verbindung mit Yamina, Sanjanding, Bamakou, Boure und dadurch mit weit ausgedehnten Ländergebieten abschnitt. Die Stadt konnte also zu der Zeit, als Caillié sie besuchte, nicht als der Centralpunkt des Handels gelten, während derselbe vielmehr in den drei ersten obengenannten Städten in hoher Blüthe stand.

Die Frauen von Djenne hätten sich doch gegen ihr Geschlecht versündigt, wenn ihnen die Koketterie ganz fremd geblieben wäre. Die eleganten Damen tragen deshalb einen Ring oder irgend einen Glasschmuck an der Nase, während die minder begüterten sich damit begnügen, ein Stück rothe Seide daran zu hängen.

Während des langen Aufenthaltes in Djenne wurde Caillié von den Mauren, denen er die Fabel von seiner Geburt und Entführung durch französische Soldaten in Egypten erzählt hatte, mit Aufmerksamkeiten überhäuft.

Am 23. März schiffte der Reisende sich auf dem Niger auf einem Fahrzeuge, dessen Benutzung ihm der, durch das Geschenk eines Regenschirmes gewonnene Sherif gestattet hatte, nach Timbuktu ein. Er führte Empfehlungsbriefe an die hervorragendsten Einwohner der Stadt bei sich.

Caillié kam bei dem hübschen Dorfe Kera vorbei und passirte Taguetia, Sankha-Guibila, Diebe und Isaca, in dessen Nachbarschaft ein von Sego herkommender bedeutender Nebenfluß, welcher in seinem Laufe ungeheure Biegungen bildet, sich mit dem Strome verbindet; er sah ferner Uandacora, Uanga, Corocoïla, Cona und gelangte am 2. April nach der Einmündung in den großen Debo-See.

»Nach allen Himmelsrichtungen sieht man von dem See aus das Land, sagt Caillié, außer im Westen, wo jener sich zu einem wahren Binnenmeere erweitert. Wenn man seiner nördlichen, etwas nach Ostnordost abbiegenden Küste etwa fünfzehn Meilen weit nachgeht, läßt man zur Linken eine große, flache Landzunge, welche mehrere Meilen weit nach Süden zu vorspringt. Sie scheint das Fahrwasser ganz zu schließen und bildet eine Art Meerenge. Jenseits dieses Landstreifens dehnt sich der See nach Westen über Sehweite hinaus. Die eben beschriebene Landzunge theilt den Debo-See also eigentlich in zwei, einen oberen und einen unteren See. Der von Fahrzeugen am meisten befahrene, welcher auch drei Inseln enthält, ist sehr groß; nur nach Osten zu ist er beschränkt und von einer Unzahl ausgedehnter Sümpfe umgeben.«

Nach und nach erblickte der Reisende nun Gabibi, ein Fischerdorf, Didhiover, Tongom, im Lande der Dirimans, das sich weit nach Osten hinausdehnt, ferner Co, Do, Sa, einen bedeutenden Hafen und Handelsplatz, Barconga, Leleb, Garfolo, Baracondie, Tircy, Talbocoïla, Salacoïla, Cora, Coratu, wo die Tuaregs von allen, den Fluß passirenden Schiffen eine Abgabe erheben, und endlich Cabra, das auf einer Bodenerhebung, die es gegen die Hochfluth des Djoliba schützt, erbaut ist, und das man als Hafen für Timbuktu betrachtet.

Am 20. April landete Caillié und brach nach jener Stadt auf, wo er mit Sonnenuntergang eintraf.

»Ich erblickte also jene Hauptstadt von Sudan, schreibt der Reisende, welche mir so lange Zeit als Ziel meiner Wünsche vorschwebte. Als ich die geheimnißvolle Stadt, den Gegenstand des Strebens aller civilisirten Nationen Europas, betrat, erfüllte mich ein unbeschreibliches Gefühl der Befriedigung. Ich hatte noch niemals eine solche Empfindung gehabt, und meine Freude kannte fast keine Grenzen. Leider durfte ich ihr keinen lauten Ausdruck geben; nur Gott allein vertraute ich, was mich bewegte. Wie viel hatte ich ihm nicht zu verdanken, der mein Unternehmen mit so glücklichem Erfolge krönte! Wie oft hatte er mir sichtbar seine Gnade erwiesen, daß er mich alle Gefahren und unzählige Hindernisse glücklich überwinden ließ! Als ich mich etwas mehr gesammelt hatte, fand ich freilich, daß das Bild vor meinen Augen den früheren Erwartungen keineswegs entsprach. Ich hatte mir von der Größe und dem Reichthum der Stadt ganz andere Vorstellungen gemacht; sie bietet dagegen beim ersten Anblick nichts als das Bild eines Haufens schlechtgebauter Lehmhäuser; nach allen Seiten sieht man ungeheuere Ebenen mit beweglichem, in's Gelbliche spielendem Sande und trostlose Dürre. Der Himmel färbte sich mattroth am Horizonte; ringsum herrscht tiefes Schweigen; kein Vogel läßt seine Stimme ertönen. Immerhin hat es etwas Erhebendes, eine große Stadt mitten in einer Sandwüste zu sehen, und man bewundert unwillkürlich die Arbeit, welcher ihre Gründer sich einst unterzogen haben müssen. Was Timbuktu selbst betrifft, so glaube ich, daß der Strom früher in der Nähe der Stadt vorüberfloß, jetzt ist er von derselben nach Norden zu freilich acht Meilen und in der nämlichen Richtung von Cabra fünf Meilen entfernt.

Weder so groß, noch so volkreich, wie Caillié sich dasselbe gedacht, fehlt es Timbuktu vor Allem an Lebhaftigkeit. Hier sieht man nicht wie in Djenne täglich Karawanen einziehen. Von einem Zusammenfluß von Fremden, wie in der letztgenannten Stadt, ist hier keine Rede, und der Markt, den man, der Hitze wegen erst um drei Uhr abhält, erscheint ziemlich todt.

Timbuktu wird von Kissur-Negern bewohnt, welche von Charakter recht sanft sind und dem Handel obliegen. Eine Verwaltung giebt es nicht; im Grunde auch keine anerkannte öffentliche Gewalt; jede Stadt, jedes Dorf im Lande hat einen eigenen Herrscher, wie zur Zeit der alten Patriarchen. Viele Mauren, welche in der Stadt Timbuktu leben, treiben Handel und erwerben meist schnell ein nicht unbedeutendes Vermögen, da sie von Adrar, Tafilet, Tuat, Ardamas, Algier, Tunis und Tripolis Waaren zum Wiederverkauf auf Credit erhalten.

Nach Timbuktu wird alles Salz aus den Minen von Tudeyni auf Kameelen hingeschafft. Es kommt in Platten an, welche mittelst schlechter Stricke, die man aus einem, in der Nähe von Tandaye wachsenden Grase verfertigt, verbunden sind.

Der Umfang von Timbuktu, das übrigens ein Dreieck bildet, mag gegen drei Meilen betragen. Die Häuser der Stadt sind groß, aber niedrig und meist aus Backsteinen erbaut. Die Straßen sind breit und reinlich. Man zählt hier sieben Moscheen (neuere Angaben sprechen nur von drei solchen) mit je einem Minaret, von dem aus der Muezzin die Gläubigen zum Gebete ruft. Unter Hinzurechnung der nicht ansässigen Bevölkerung zählte die Hauptstadt von Sudan doch nur zehn- bis zwölftausend Einwohner.

Inmitten einer ausgedehnten Ebene von beweglichem weißen Sande, besitzt Timbuktu keine anderen natürlichen Hilfsquellen, als die Gewinnung von Salz, da sich der Erdboden zu keiner Cultur eignet. Wenn die Tuaregs einmal die zahlreichen Flottillen, welche von dem unteren Djoliba herkommen, aufhielten, wären die Bewohner sofort dem grausamsten Mangel preisgegeben.

Die unmittelbare Nähe dieser nomadisirenden Stämme und ihre unaufhörlich wiederholten Ansprüche beeinträchtigen alle Handelsthätigkeit ungemein. Timbuktu ist stets voller Leute, welche dahin kommen, um, wie sie sagen, Geschenke zu empfangen, die man freilich richtiger als erzwungene Contributionen bezeichnen könnte. Wenn der Häuptling der Tuaregs in Timbuktu anlangt, wird das als ein öffentliches Unglück angesehen. Gewöhnlich verweilt er zwei Monate in der Stadt, nährt sich nebst seinem Gefolge auf Kosten der Einwohner und geht nicht eher seines Weges, als bis er reichliche Geschenke erhalten hat.

Der Schrecken nur hat die Herrschaft dieser umherirrenden Stämme auch über die benachbarten Völkerschaften verbreitet, welche jene ohne Schonung plündern und aussaugen.

Die Kleidung der Tuaregs weicht allein bezüglich der Kopfbedeckung von der der Araber ab. Tag und Nacht tragen sie ein Stück Baumwollengewebe, das die Augen verhüllt und sie, da es bis auf die Nase herabreicht, um sehen zu können, nöthigt, den Kopf nach rückwärts zu werfen. Dasselbe Gewebe schlingt sich ein- oder zweimal um den Kopf, verhüllt den Bart und reicht bis über das Knie herab. Man sieht von ihnen gewöhnlich weiter nichts als die Nasenspitze.

Vortreffliche Reiter, die sich theils prächtiger Pferde theils schnellfüßiger Kameele bedienen, sind die Tuaregs mit Lanze, Schild und Dolch bewaffnet. Sie bilden die eigentlichen Wüstenräuber und haben schon unzählige Karawanen beraubt oder gebrandschatzt.

Caillié befand sich kaum vier Tage in Timbuktu, als er von dem bevorstehenden Abzug der Karawane nach Tafilet hörte. Da er wußte, daß vor Ablauf dreier Monate keine andere folgen würde, und immer befürchtete, erkannt zu werden, schloß sich der Reisende dieser Gesellschaft von Kaufleuten an, welche nicht weniger als sechshundert Kameele mit sich führten. Am 4. Mai 1828 reiste Caillié also ab und erreichte, nachdem er durch die Hitze und den Ostwind, der den Wüstensand aufwirbelte, unausstehlich gelitten, fünf Tage später El Arouan, eine Stadt, welche nur als Niederlagsplatz für das Salz von Tudeyni dient, das nach Sansanding am Djoliba ausgeführt wird.

In El Arouan trafen sich die Karawanen von Tafilet, Mogador, Drah, Touat und Tripolis, welche europäische Waaren zuführen, um diese gegen Elfenbein, Gold, Sklaven, Wachs, Honig und Stoffe aus Sudan zu vertauschen.

Am 19. Mai 1828 verließ die Karawane El Arouan, um quer durch die Wüste nach Marokko zu ziehen. Die erstickende Hitze, die Qualen des Durstes, Entbehrungen aller Art, die Anstrengung und eine Wunde, die sich der Reisende durch einen unglücklichen Fall vom Kameel zugezogen, waren ihm doch minder empfindlich als die fortwährenden Quälereien und Insulte, welche er ebenso von Seite der Mauren, wie sogar von den Sklaven zu erdulden hatte. Diese Leute fanden immer einen neuen Vorwand, sich über die Gewohnheiten und die Ungeschicktheit Caillié's lustig zu machen; sie gingen selbst so weit, ihn, wenn er sich umgedreht hatte, zu schlagen oder mit Steinchen zu werfen.

»Die Mauren, erzählt Caillié, sagten zu mir wiederholt in wegwerfendem Tone: »Siehst Du dort den Sklaven? Nun, den würde ich Dir immer noch vorziehen; nun urtheile selbst, wie hoch ich Dich schätze!« Derlei Redensarten begleiteten Andere noch mit hellem Lachen.«

Unter solchen bedrückenden Verhältnissen kam Caillié nach dem Brunnen von Trarzas, wo sich Salz in großer Menge findet, nach denen von Amul Gagim, Amul Tas, El Ekreif, die letzteren beschattet von einem hübschen Dattelwäldchen mit Rosenbüschen und Binsen, endlich nach den von Marabuty und El Harib, dessen Einwohner wahrhaft abstoßend schmutzig erscheinen.

Das Gebiet von El Harib liegt zwischen zwei niedrigen Bergketten, die es von Marokko, dem es tributpflichtig ist, trennen. Seine in mehrere Stämme getheilten Bewohner beschäftigen sich vorwiegend mit der Aufzucht von Kameelen. Sie könnten sich recht wohl befinden, wenn sie an die Berber nicht einen so hohen Tribut entrichten müßten, während Letztere keine Gelegenheit vorübergehen lassen, sie noch obendrein zu berauben.

Am 12. Juli verließ die Karawane El Harib und betrat, elf Tage später, das an majestätischen Datteln reiche Tafilet. In Ghourland kamen die Mauren Caillié zwar recht freundlich entgegen, doch konnte er in deren Häusern keine Aufnahme finden, da die Frauen, welche nur die zur Familie gehörenden Männer sehen dürfen, den indiscreten Blicken eines Fremden ausgesetzt sein könnten.

Caillié besuchte auch den dreimal wöchentlich stattfindenden Markt, der in der Nähe des kleinen Dorfes Boheim drei Meilen von Ghourland, abgehalten wird, und war nicht wenig erstaunt über die Mannigfaltigkeit der daselbst zum Verkauf gestellten Artikel, wie Gemüse, einheimische Früchte, Kohle, Geflügel, Schafe – Alles fand sich im Ueberfluß. Mit einer Klingel in der Hand, gingen Wasserverkäufer mit ihren gefüllten Schläuchen auf dem Platze umher, um diejenigen, welche trinken wollten, aufmerksam zu machen, denn es herrschte eine wahrhaft unerträgliche Hitze. Nur die Münzen aus Marokko und Spanien hatten Geltung.

Der Bezirk von Tafilet enthält eine große Anzahl größerer Dörfer und kleinerer Städte. Ghourland, El Ekseba, Sosso, Boheim und Sessant, welche der Reisende davon zu Gesicht bekam, mochten jede gegen zwölfhundert, meist Landbau oder Handel betreibende Bewohner zählen.

Der Boden ist hier sehr fruchtbar. Man baut viel Getreide, Gemüse, Datteln, europäische Fruchtarten und Tabak. Starke, schöne Schafe, deren sehr weiße Wolle zur Herstellung hübscher Matten und Decken dient, Ochsen und Kühe, ausgezeichnete Pferde, Esel und sehr viele Maulesel bilden die eigentlichen natürlichen Schätze von Tafilet.

Wie in El Drah, bewohnen auch hier viele Juden manche Dörfer gemeinsam mit Mohammedanern; sie leben äußerlich in sehr dürftigen Verhältnissen, gehen halb nackt und werden fortwährend geschlagen und auf jede Weise insultirt. Scheinbar ernähren sie sich als Trödler, Schuhmacher, Schmiede oder Lastträger, heimlich aber leihen sie den Mauren Geld gegen hohe Zinsen.

Am 2. August setzte die Karawane, ihren Weg fort, und Caillié kam über Afile, Taneyara, Marca, Me Dayara, Rahaba, El Eyarac, Tamaroc, Aïn Zeland, El Guim, Guigo und Soforo nach Fez, wo er sich nur kurze Zeit aufhielt und dann nach Rabat, das alte Sale, weiter zog. Erschöpft durch diese lange Wanderung, während der er seinen Hunger oft kaum mit einigen Datteln stillen konnte, und das Mitleid der Muselmanen in Anspruch nehmen mußte, die ihn oft hartherzig abwiesen, ergriff der Reisende, da er in letzter Stadt als französischen Consular-Agenten einen Juden, Namens Ismaïl, antraf, der, aus Furcht sich zu compromittiren, es abschlug, ihn auf einer nach Gibraltar segelnden portugiesischen Brigg unterzubringen, mit Begierde eine unerwartete Gelegenheit, die sich ihm nach Tanger darbot. Hier wurde er von dem Viceconsul Delaporte freundlich aufgenommen. Der Genannte behandelte ihn wie einen Sohn, schrieb sofort an den Befehlshaber der französischen Station in Cadix und schiffte ihn, in der Kleidung eines Matrosen, auf der zu seiner Abholung angelangten Corvette ein.

Die Landung eines jungen Franzosen in Marseille, der von Timbuktu heimkehrte, machte in der gelehrten Welt begreiflicher Weise nicht geringes Aufsehen. Einzig und allein durch seinen unerschütterlichen Muth, seine nie ermüdende Ausdauer hatte er eine Unternehmung zu glücklichem Ende geführt, für welche die geographischen Gesellschaften von London und Paris hohe Preise ausgesetzt hatten. Ganz auf sich selbst angewiesen, ohne Beihilfe der Regierung und außer aller Verbindung mit irgend einer wissenschaftlichen Vereinigung, nur durch die Kraft seines Willens erzwang er sich den Sieg und verbreitete neues Licht über einen großen, bisher fast unbekannten Theil von Afrika!

Caillié war indeß nicht der erste Europäer, der Timbuktu gesehen hatte. Ein Jahr vor ihm war schon der englische Major Laing bis zu der geheimnißvollen Stadt vorgedrungen, hatte diese Forschung, deren ergreifende Einzelheiten wir im Folgenden schildern werden, aber leider mit dem Leben bezahlen müssen.

Caillié kam glücklich nach Europa zurück und brachte auch das merkwürdige Reisetagebuch mit, dem wir die vorstehenden Mittheilungen entnahmen. Wenn sein Auftreten als Muselman auch Caillié gehindert hatte, astronomische Beobachtungen anzustellen und er aus demselben Grunde nicht nach Belieben zeichnen und Notizen niederschreiben konnte, so gelang es ihm doch um den Preis seiner scheinbaren Apostasie, jene fanatischen Länder zu bereisen, in denen der christliche Name mit dem Bann belegt ist.

Wie viel interessante Beobachtungen, wie viel verläßliche Einzelheiten verdanken wir ihm! Wie umfassend erweiterte er die Kenntniß vieler afrikanischer Länder! Wenn es Clapperton erst in zwei aufeinanderfolgenden Reisen gelungen war, Afrika von Tripolis bis Benin zu durchziehen, so gelangte Caillié – freilich um den Preis welcher Strapazen und Entbehrungen! in einer einzigen vom Senegal bis Marokko. Endlich war Timbuktu nun bekannt, ebenso wie der neue Weg für Karawanen durch die Wüste Sahara über die Oasen von Tafilet und El Harib.

Wir dürfen wohl annehmen, daß die Unterstützung, welche die Geographische Gesellschaft zu Paris dem Reisenden angedeihen ließ, der Preis von 16.000 Francs, den sie ihm ertheilte, das Kreuz der Ehrenlegion, mit dem die Regierung ihn schmückte, der herzliche Empfang seitens aller gelehrten Vereine und der ungeschmälerte Ruhm, der sich an Caillié's Namen knüpfte, den Reisenden für die physischen und moralischen Leiden, die er so standhaft ertrug, einigermaßen entschädigt haben. Er selbst erklärt ja wiederholt in seiner Reisebeschreibung, daß allein das Streben, den Ruhm Frankreichs, seines Vaterlandes, durch neue Entdeckungen zu vermehren, ihn unter den mißlichsten Umständen über die Anfechtungen und Leiden, die ihn unausgesetzt verfolgten, hinweggeholfen habe. Ehre also dem ausdauernden Reisenden, dem aufrichtigen Patrioten und dem großen Entdecker!

Wir haben nun blos noch von der Expedition zu sprechen, bei welcher Alexander Gordon Laing seinen Tod fand. Bevor wir indessen die Schilderung dieser an Wechsel überreichen Reise beginnen, welche nur kurz ausfallen kann, da das Tagebuch der Theilnehmer verloren gegangen ist, schicken wir Einiges, sowohl über den Officier, der ihr zum Opfer fiel, als auch über den erfolgreichen Ausflug nach Timanni, Kouranko und Sulimana voraus, bei dem Laing die Quellen des Djoliba entdeckte.

Geboren zu Edinburgh im Jahre 1794, trat Laing im Alter von sechzehn Jahren in die englische Armee ein, in der er sich bald rühmlichst auszeichnete.

Im Jahre 1820 befand er sich, mit Lieutenantsrang und als Adjutant Sir Charles Maccarthy's, des Generalgouverneurs von Westafrika, in Sierra Leone. Zu jener Zeit brach ein Krieg aus zwischen Amara, dem Almamy der Mandinguos, und einem von dessen vornehmsten Häuptlingen, Namens Samassi. Der Handel von Sierra Leone stand schon damals nicht in besonderer Blüthe. Jener Krieg drohte ihm gar den Todesstoß zu versetzen. Maccarthy, der dem abzuhelfen wünschte, entschloß sich zu dem Versuche einer Vermittelung und Versöhnung zwischen den streitenden Parteien. Er gedachte zu dem Zwecke eine Gesandtschaft nach Kambia am Ufer des Scarcies und von da nach Malacury, in das Feldlager der Mandinguos, abzuschicken. Der thatenlustige Charakter Laing's, dessen Gewandtheit und bewährter Muth lenkten die Wahl des Gouverneurs auf ihn, und am 7. Januar 1822 erhielt er die betreffenden Instructionen, welche darauf hinausgingen, den Stand der Industrie des Landes, dessen Topographie zu erkunden und sich womöglich darüber aufzuklären, wie die Bewohner über die Abschaffung der Sklaverei urtheilten.

Eine erste Zusammenkunft mit Yarreddi, dem Anführer der sulimanischen Truppen, welche den Almamy begleiteten, überzeugte ihn, daß die Neger dieser Landschaft nur sehr unbestimmte Vorstellungen von europäischer Civilisation besaßen und nur selten mit Weißen in Berührung gekommen sein konnten.

»Jedes Stück unserer Kleidung, erzählt der Reisende, erregte sein höchstes Erstaunen. Als er mich die Handschuhe ablegen sah, erschrak er sichtlich, legte die Hand über den weit offen stehenden Mund und rief unaufhörlich: »Allah Akbar! (Gott der Gerechte!) er zieht sich die Haut von den Händen!« Nachdem er sich einigermaßen an unseren Anblick gewöhnt, strich er abwechselnd über das Haar Mackie's (der Laing als Arzt begleitete) und über das meinige, schlug ein lautes Gelächter auf und sagte: »Nein! Nein! Das sind gar keine Menschen!« Wiederholt fragte er meinen Dolmetscher, ob wir wirklich Knochen hätten.«

Diese vorläufigen Verhandlungen, bei welchen Laing wahrgenommen hatte, daß viele Sulimas eine Menge Gold und Elfenbein besaßen, bestimmten ihn, dem Gouverneur vorzuschlagen, eine Untersuchung des Landes östlich von der Kolonie vorzunehmen – ein Land, dessen Erzeugnisse und Naturproducte dem Handel von Sierra Leone ein neues Leben verleihen zu können schienen.

Maccarthy billigte Laing's Ansichten und legte diese dem Conseil vor. Man beschloß, daß Laing autorisirt werden solle, das Land der Sulimas zu bereisen und dabei nach Gutdünken denjenigen Weg einzuschlagen, der ihm für die zukünftigen Verbindungen am geeignetsten erschien.

Am 16. April schiffte sich Laing in Sierra Leone auf dem Rokelleflusse ein und gelangte bald nach Rokon, der Hauptstadt von Timanni. Sein Zusammentreffen mit dem Chef dieser Stadt war besonders heiter. Um ihm eine Ehre zu erweisen, ließ Laing, als er ihn in den zu der Verhandlung bestimmten Hof hatte eintreten sehen, eine Salve von zehn Flintenschüssen abgeben. Bei dem Krachen der Gewehre blieb der König erst stehen, wich aber sofort zurück und ergriff die Flucht, nachdem er dem Reisenden nur einen wüthenden Blick zugeworfen hatte. Es kostete viele Mühe, den ängstlichen Fürsten wieder zur Umkehr zu bewegen. Endlich trat er wieder ein, setzte sich auf einen für die Feierlichkeit besonders geschmückten Sessel und fragte den Major:

»Warum ließen Sie schießen?

– Nur Ihnen zur Ehre; in Europa werden alle Fürsten stets mit Kanonendonner empfangen.

– Warum ließen Sie die Gewehre nach der Erde richten?

– Um bei Ihnen jeder falschen Deutung unserer Absichten vorzubeugen.

– Mir sind aber dabei Steine in's Gesicht geflogen. Warum ließen Sie nicht in die Luft schießen?

– Um die Strohdächer Ihrer Häuser nicht in Brand zu setzen.

– Gut, gut, gebt mir einen Rum!«

Nach diesen beruhigenden Erklärungen des Majors gestaltete sich die Zusammenkunft überaus herzlich.

Das Bild dieses Herrschers über einen Theil von Timanni verdient aus mehr als einem Gesichtspunkte hier wiedergegeben zu werden, da in diesem Falle das Sprichwort: Ab uno disce omnes, vollste Anwendung findet.

»Ba Simera zählte neunzig Jahre; er hatte eine buntscheckige, stark gerunzelte Haut, welche eher der eines Alligators als der eines Menschen ähnlich sah; dazu besaß er dunkle, grünliche tiefliegende Augen; einen weißen verworrenen Bart, der bis zwei Fuß unter das Kinn herabreichte. Ebenso wie der König am anderen Flußufer, trug er ein Halsband aus Korallenstücken und Leopardenzähnen; sein Mantel war braun und ebenso schmutzig, wie die Haut; die Beine, geschwollen wie die eines Elephanten, bedeckten baumwollene Hosen, welche ursprünglich weiß gewesen sein mochten, die aber nach mehrjährigem Gebrauche eine grünliche Farbe angenommen hatten. Als Zeichen seiner Würde hielt der Fürst einen Stock in der Hand, an dem Schellen von verschiedener Größe befestigt waren.«

Wie alle seine Vorgänger in Afrika, mußte der Reisende wegen des Durchzugsrechtes und des Lohnes für die Lastträger lange Verhandlungen führen; nur seiner Festigkeit verdankte Gordon Laing die Abminderung der Forderung der Negerkönige. Auf seinem weiteren Wege besuchte der Major dann Toma, wo man noch niemals einen weißen Mann gesehen hatte, Balandeco, Roketchnick, dessen Lage der Reisende zu 8° 30' nördlicher Breite und 12° 11' westlicher Länge Greenwich bestimmte, Maboung, jenseits eines großen Flusses, der nördlich von dem Rokelle verläuft, und Ma Yosso, die bedeutendste Stadt an der Grenze von Timanni.

Der Reisende fand in diesem Lande auch eine eigentümliche Institution, eine Art Freimaurerbund, den man »die Pourrah« nannte und von dessen Vorhandensein sich Caillié schon an den Ufern des Rio Nunez überzeugt hatte.

»Die Macht desselben, behauptet Laing, übertrifft sogar die der Fürsten der verschiedenen Stämme. All' sein Thun und Treiben ist in Dunkel gehüllt und von tiefem Geheimniß umschleiert. Seine Maßnahmen werden ohne Prüfung von den Behörden gebilligt und seine Urtheilssprüche haben allenthalben rechtliche Geltung. Ich suchte vergeblich den Ursprung und die Veranlassung zu dieser merkwürdigen Vereinigung zu erforschen; allem Anschein nach sind dieselben den heutigen Timanniern, vielleicht den Mitgliedern der Pourrah selbst unbekannt, was in einem Lande, dem jede Ueberlieferung durch Schriften oder Lieder abgeht, ja nicht auffallen kann.«

Timanni soll nach dem, was Laing darüber erfahren konnte, in vier Districte zerfallen, deren Häuptlinge sich alle den Titel eines Königs beilegen.

Der Erdboden ist hier sehr fruchtbar und würde gewiß große Mengen von Reis, Yamswurzeln, sowie Kassavebrot, Erdnüsse und Bananen liefern, wenn die Bewohner nicht gar so träge, gleichgiltig, ausschweifend und habgierig, und vorzüglich nicht so über alle Maßen trunksüchtig wären.

»Meiner Ansicht nach, sagt Laing, würden z. B. Hacken, Dreschflegel, Rechen, Schaufeln und andere Geräthe zum gewöhnlichen Gebrauche bei diesem Volke willigen Absatz finden, wenn man sich die Mühe nähme, die Leute über die Verwendung derselben zu belehren. Diese Dinge dürften ihrem und unserem Interesse förderlicher sein, als Gewehre, aufgekrempte Hüte und Scharlachkleider, welche man ihnen jetzt ausschließlich zu liefern pflegt.«

Trotz dieses menschenfreundlichen Wunsches des Reisenden, hat sich hierin doch auch bis heute noch nichts geändert. Die Neger huldigen noch derselben Leidenschaft für starke Liqueure und auch jetzt sieht man ihre Duodezfürsten, welche Hüte, ähnlich den Windbälgen der Accordions, auf dem Kopfe tragen, ohne Hemd, wohl aber mit blauen, mit kupfernen Knöpfen besetzten Röcken geschmückt; ja, diese Kleidung vertritt bei ihnen sogar die Rolle des eigentlichen Festgewandes.

Das Gefühl der Mutterliebe scheint bei den Weibern des Landes nicht besonders entwickelt; wenigstens boten dem Reisenden zwei Frauen ihre Kinder zum Verkaufe an und überhäuften ihn mit Schimpfreden, weil er darauf nicht eingehen wollte. Einige Tage später erhob sich sogar ein wahrer Tumult gegen Laing als einen der Weißen, deren Unterdrückung des Sklavenhandels das Gedeihen des Landes empfindlich geschädigt hätte.

Die erste Stadt, der man bei dem Eintritt nach Kouranko begegnet, ist Ma Boum. Wir können nicht umhin, hier beiläufig Major Laing's Empfindungen mitzutheilen, welche der erste Anblick der Thätigkeit ihrer Einwohner in ihm erregte.

»Ich zog bei Sonnenuntergang in die Stadt ein, erzählt er, und erhielt bezüglich der Einwohner derselben sofort einen recht günstigen Eindruck. Jene kamen von der Arbeit zurück; man sah es ihnen an, daß Alle den Tag über thätig gewesen waren. Die Einen hatten die Felder zur bevorstehenden Ernte, welche die bald zu erwartenden Regen noch begünstigen sollte, bearbeitet; Andere trieben Heerden in ihre Umzäunung, von denen jedes Thier durch das glatte, weiche, gute Aussehen dafür zeugte, daß sie sich auf fetten Weiden gütlich gethan hatten. Eben verhallte der letzte Hammerschlag des Schmiedes; der Weber maß das Leinwandstück, das er seit dem Morgen gefertigt, und der Gerber ordnete seine Messer und übrigen gewerblichen Hilfsmittel und barg sie in einem Sacke. Am Eingang der Moschee stand der Muezzin, der mit ernster Stimme und in gemessenen Intervallen sein »Allah Akhbar« wiederholte und die gläubigen Muselmanen zum Abendgebete rief.«

Wenn ein Marilhat oder Henri Regnault dieses Bild zeichneten und dazu eine Landschaft, in der der letzte Sonnenglanz mit dem grünlichen und röthlichen Abendschein verschmilzt, dann könnte man wohl den so oft gebrauchten Titel, »Rückkehr vom Felde«, auch für diese Darstellung als Unterschrift anwenden.

»Dieser Anblick, fährt der Reisende fort, bildete im Verein mit der umgebenden Natur und dem Gefühle, das er erregte, einen recht wohlthuenden Gegensatz im Vergleich mit dem Lärmen und der Verwirrung, die zur nämlichen Stunde gewöhnlich in einer timannischen Stadt herrschen; doch darf man sich vom Schein auch hier nicht blenden lassen, und ich muß zu meinem Leidwesen hinzufügen, daß das Auftreten der Kourankonier die gute Meinung keineswegs bestätigte, welche ich zuerst von ihnen gewonnen hatte.«

Der Reisende begab sich nun nach Koufoula, wo er recht freundlich aufgenommen wurde, zog durch ein schönes Land, dessen Hintergrund die Berge von Konranko bildeten, und rastete in Simera, wo der Chef der Stadt dem »Guiriot« befahl, die Ankunft des Reisenden durch Gesang zu verherrlichen; die schlecht gebauten und erbärmlich mit Stroh abgedeckten Häuser ließen hier aber überall den Regen durchdringen, so daß Laing nach einem Gewitter, da der Rauch aus den Wohnräumen auch nur durch jene engen Zwischenräume im Dache abziehen konnte, nach seinen eigenen Worten, weit mehr einem halbgereinigten Schornsteinfeger ähnlich aussah, als dem weißen Fremdling des Königs von Simera.

Laing suchte von hier aus die Quelle des Tongolelle, eines Nebenarmes des Rokelle, auf und verließ dann Konranko, um nach Sulimana weiter zu ziehen.

Kouranko, von dem der Reisende übrigens nur das Grenzgebiet berührte, hat eine bedeutende Ausdehnung und zerfällt in viele kleine Staaten.

Der Sprache und der Kleidung nach ähneln die Bewohner den Mandinguos, sind aber nicht so gut gewachsen und so intelligent wie Letztere. Sie bekennen sich nicht zum Islam, glauben dagegen unerschütterlich an ihre »Grigris«.

Daneben sind sie übrigens fleißig und verstehen zu nähen und zu weben. Den Hauptgegenstand ihres Handels aber bildet das Rosenholz oder »Cham«, das sie nach der Küste schaffen. Die Landeserzeugnisse sind etwa dieselben wie in Timanni.

Komia, unter 9° 22' nördlicher Breite, ist von hier aus die erste Stadt von Sulimana. Laing besichtigte Semba, eine reiche und stark bevölkerte Ortschaft, wo ihm Musikanten entgegen kamen, die ihn mit mehr ohrbetäubenden als harmonischen Fanfaren empfingen, und gelangte endlich nach Falaba, der Hauptstadt des Landes.

Der König überhäufte ihn daselbst mit Ehrenbezeugungen. Er hatte z. B. eine große Anzahl Truppen zusammengezogen, über welche er gleichsam Revue abnahm und die er verschiedene Manöver ausführen ließ, während das Rasseln von Trommeln, der schrille Ton der Geigen und anderer landeseigenthümlicher Instrumente das Ohr des Reisenden zermarterten. Dann traten nach einander verschiedene »Guiriots« auf, die sich in Lobgesängen des Königs überboten oder die Ankunft des Reisenden feierten, indem sie die glücklichen Folgen hervorhoben, welche sie von seinem Erscheinen für das Gedeihen des Landes und das Aufblühen des Handels erwarteten.

Laing benutzte den günstigen Augenblick, um sich vom Könige die Erlaubniß zum Besuche der Nigerquellen zu erbitten. Dieser machte nur wiederholte Einwürfe wegen der Gefahren eines solchen Zuges; da der Reisende aber bei seiner Bitte beharrte, ertheilte er ihm, »wenn denn sein Herz so sehr nach dem Wasser lechze«, endlich die Erlaubniß dazu.

Laing war noch nicht zwei Meilen von Falaba entfernt, als die Genehmigung zurückgezogen wurde, und er mußte auf diesen Ausflug, dem er mit Recht hohen Werth beilegte, verzichten.

Einige Tage nachher erhielt er dagegen die Erlaubniß, die Quelle des Rokelle oder Sale Kongo aufzusuchen, von dem man vor ihm nur den Lauf jenseits Rokon ein wenig kannte.

Von dem Gipfel eines Felsens aus erblickte Laing den Berg Loma, den höchsten der großen Kette, zu der er gehörte.

»Man zeigte mir aus der Entfernung, sagt er, die Stelle, wo der Niger entspringt; er schien mit meinem damaligen Standpunkt in gleicher Höhe, d. h. tausendsechshundert Fuß über dem Meere, zu liegen, denn die Quelle des Rokelle, deren Höhe ich eben gemessen hatte, lag schon tausendvierhundert Fuß darüber. Da ich die Lage von Konkodongore und die Höhe, auf der ich mich befand, die erste durch Beobachtung, die letztere durch Schätzung bestimmt hatte, war es mir nicht schwer, die Lage des Loma zu berechnen. Ich werde nicht weit fehl greifen, wenn ich für die Quellen des Niger 9° 25' nördlicher Breite 9° 45' westlicher Länge annehme.«

Drei Monate lang hatte Major Laing sich in Sulimana aufgehalten und zahlreiche Ausflüge unternommen. Die Landschaft bietet hier einen höchst pittoresken Anblick mit schönen Hügeln, geräumigen Thälern und fruchtbaren Wiesen, welche von dichten Wäldern oder einzelnen Baumgruppen eingefaßt sind. Der Boden giebt reichlichen Ertrag und verlangt nur wenig Bearbeitung; er liefert stets gute Ernten und der Reis gedeiht vortrefflich. Ochsen und Kühe, Schafe, Ziegen, kleineres Geflügel und einige Pferde bilden die Hausthiere der Sulimanas. Von wilden Thieren findet man Elephanten, Büffel, eine Art Antilope, Affen und Leoparden in großer Anzahl.

Falaba, dessen Name von Fala Ba, dem Flusse, an dem die Stadt liegt, herzuleiten ist, mißt etwa anderthalb Meilen in der Länge und eine Meile in der Breite. Die Häuser daselbst stehen, im Vergleich zu denen anderer Städte Afrikas, ziemlich dicht bei einander und die Stadt mag gegen 6000 Bewohner zählen.

Ihre Lage als befestigter Platz ist recht gut gewählt. Erbaut auf einer Bodenerhebung inmitten einer, während der Regenzeit gänzlich überschwemmten Ebene, umschließt sie eine Palissade aus sehr hartem Holze, die allen Kriegsmaschinen jener Völker hinreichenden Widerstand leistet.

Wunderbarer Weise scheinen in diesem Lande Männer und Frauen die gewohnten Beschäftigungen geradezu vertauscht zu haben. Mit Ausnahme des Einsäens und der Ernte fallen den Letzteren alle Feldarbeiten zu; sie erbauen die Häuser, betreiben das Maurerhandwerk oder sind Barbiere und Wundärzte; die Männer dagegen besorgen die Milchwirtschaft, melken die Kühe, nähen und reinigen die Wäsche.

Am 17. September brach Laing wieder nach Sierra Leone auf; er brachte vom Könige Geschenke mit und erreichte, nachdem ihm eine große Strecke weit eine zahlreiche Volksmenge das Geleit gegeben hatte, ohne Unfall die englische Niederlassung.

Laing's Zug nach Timanni, Kouranko und Sulimana entbehrt immerhin nicht eines gewissen Werthes. Er eröffnete uns Länder, welche bis dahin noch keines Europäers Fuß betreten hatte, und unterrichtete uns über die Sitten, Erwerbszweige und den Handel der Einwohner ebenso wie über die Naturproducte jener Gegenden. Gleichzeitig wurde der Lauf und die Quelle des Rokelle erforscht und man erhielt zum ersten Male Kunde von der Quelle des Djoliba (Niger). Wenn der Reisende dieselbe auch nicht mit eigenen Augen gesehen, so befand er sich doch nahe genug, um ihre Lage annähernd richtig angeben zu können.

Die Resultate, welche Laing mit dieser Reise erzielt hatte, gaben seinem Eifer für weitere Entdeckungen nur einen verstärkten Anstoß. Er beschloß also, den Versuch zu wagen, bis Timbuktu vorzudringen.

Am 25. Juni 1825 schiffte sich der Reisende von Malta nach Tripolis ein und verließ diese Stadt mit einer Karawane, zu welcher auch Hatita, ein Targhi- oder Touaregfürst und Freund des Kapitän Lyon, gehörte, der ihn bis Tuat begleitete. Nachdem er zwei volle Monate in Ghadames verweilt, verließ Laing diese Oase im October und wandte sich nach Inçalah, dessen Lage er viel westlicher bestimmte, als man bisher angenommen hatte. In dieser Oase hielt sich der Major vom November 1825 bis zum Januar 1826 auf, gelangte dann nach Ouadi Touat, wollte von hier aus nach Timbuktu gehen, den Djenne- oder Dibbie-See besuchen, das Land Melli in Augenschein nehmen und dem Laufe des Djoliba bis zu dessen Mündung folgen. Dann gedachte er bis Sockatu zurückzukehren, den Tchad-See zu berühren, und hoffte von hier aus bis zum Nil zu gelangen. Es war, wie man erkennt, ein weit angelegtes Project, dessen Durchführung freilich vielen Gefahren und Wechselfällen begegnen mußte.

Als die Karawane, der sich Laing angeschlossen, Touat verlassen hatte, wurde sie, nach Aussage der Einen von Tuaregs, nach der von Anderen von Berbichen, einem in der Nähe des Djoliba hausenden Stamme, überfallen.

»Laing, den man als Christen erkannte, erzählt Caillié, der diese Nachrichten in Timbuktu sammelte, wurde entsetzlich mißhandelt; man schlug ihn mit Stöcken, bis er scheinbar todt dalag. Ein anderer Christ, ich glaube jedenfalls ein Diener des Majors, wurde wirklich durch Stockschläge getödtet. Die Mauren aus der Karawane Laing's hoben jedoch dessen Körper auf und es gelang ihrer Sorgfalt, ihn in's Leben zurückzurufen. Sobald er das Bewußtsein wieder erlangt hatte, brachte man ihn auf sein Kameel, wo er festgebunden werden mußte, da er sich vor Schwäche unmöglich halten konnte. Die Räuber hatten ihm so gut wie nichts gelassen; der größte Theil seiner Waaren war ihm entführt worden.«

In Timbuktu am 26. August 1826 angelangt, erholte sich Laing allmälich von seinen Wunden. Die Wiedergenesung ging zwar nur langsam von Statten, doch ließen ihn wenigstens die Bewohner der Stadt in Frieden, was er wohl den von Tripolis mitgebrachten Empfehlungsbriefen und der aufmerksamen Fürsorge seines Wirthes verdankte, der selbst aus Tripolis stammte.

Nachdem, was ein Greis Caillié mittheilte, hatte Laing – ein Umstand, der höchst auffallend erscheint – die europäische Kleidung nicht abgelegt und sich überall als Abgesandten des Königs von England, seines Herrn, erklärt, der Timbuktu besuchen und die in dieser Stadt vermutheten Wunder beschreiben sollte.

»Es scheint, fügt der französische Reisende hinzu, als habe Laing den Plan derselben vor Aller Augen aufgenommen, denn der Maure erzählte mir in seiner naiven und treffenden Ausdrucksweise, daß er die ganze Stadt mit Allem, was darin war, »geschrieben« habe.«

Nachdem er Timbuktu eingehend besichtigt, ging Laing, der alle Ursache hatte, den Tuaregs zu mißtrauen, während der Nacht nach Cabra, um den Djoliba zu besuchen. Statt nach Europa durch die große Wüste zurückzukehren, wollte der Major lieber über Djenne und Sego nach den französischen Besitzungen am Senegal reisen; kaum ließ er darüber aber ein Wort gegen die ihn in Menge begleitenden Foulahs fallen, als diese erklärten, nicht zugeben zu dürfen, daß ein »Nazarener« den Fuß auf ihr Gebiet setze, und sie, wenn er es doch wagen sollte, es ihm schon zu verleiden wissen würden.

Laing mußte also den Weg nach El Arouan einschlagen, wo er eine maurische Karawane zu treffen hoffte, welche Salz nach Sansanding beförderte. Er hatte Timbuktu jedoch kaum seit fünf Tagen mit der Karawane, an der er theilnahm, verlassen, als diese von dem fanatischen Scheikh Hamed ould Habib, dem Häuptling eines Stammes der Zaouats, überfallen wurde. Laing fesselte man sofort unter dem Vorwande, er habe das Gebiet des Stammes ohne Erlaubniß betreten. Zur Sühne sollte er sich zum Islam bekennen, welche Zumuthung der Major auf das Bestimmteste verweigerte. Der Scheikh und seine Helfershelfer beriethen auf der Stelle über die Bestrafung ihres Gefangenen, und dieser wurde von zwei Sklaven erdrosselt, sein Leichnam aber in der Wüste liegen gelassen.

Das war Alles, was Caillié durch Erkundigung an Ort und Stelle kaum ein Jahr später über den Tod des Majors Laing erfahren konnte. Wir haben dem nur Einiges aus dem Jahresbericht der Geographischen Gesellschaft hinzugefügt, denn mit dem Reisenden sind auch seine Reisetagebücher, gleichzeitig mit allen astronomischen Beobachtungen verloren gegangen.

Im Vorhergehenden wurde schon erwähnt, wie es Major Laing gelang, annähernd die Lage der Djoliba-Quelle zu bestimmen. Wir schilderten auch die Versuche Mungo Park's und Clapperton's, den Mittellauf jenes Stromes zu erforschen. Jetzt ist also nur noch von den zum Zweck der Untersuchung des Unterlaufes und der Mündung desselben ausgeführten Reisen zu berichten. Den ersten und wichtigsten Schritt in dieser Richtung that Richard Lander, der frühere Diener Clapperton's.

Richard Lander und sein Bruder John hatten der englischen Regierung angeboten, sich zur Erforschung des Niger bis zu dessen Ausmündung nach Afrika zu begeben. Jene nahm ohne Zögern das Erbieten an, und die beiden Brüder schifften sich auf einem Kriegsfahrzeuge nach Badagry ein, wo sie am 19. März 1830 landeten.

Der Beherrscher des Landes, Adouly, den Richard Lander von früher her in bestem Andenken hatte, war eben sehr traurig gestimmt. Seine Hauptstadt hatte man niedergebrannt; seine Anführer und besten Soldaten waren im Kampfe gegen die Lagos gefallen und er selbst nur mit genauer Noth dem Feuer entgangen, das sein Haus und seine Reichthümer verzehrte.

Jetzt galt es ihm, seinen Schatz auf's Neue zu füllen; er beschloß das auf Kosten der Reisenden zu thun. Zunächst erhielten diese die Genehmigung zu einem Zuge in das Landesinnere nur gegen Abtretung aller ihrer kostbarsten Waaren. Außerdem mußten sie sich zur Bezahlung für ein Kanonenboot mit hundert Mann, für zwei Fäßchen Rum, zwanzig Barils Pulver und verschiedene andere Waaren verpflichten, obwohl sie wußten, daß der ebenso habgierige wie trunksüchtige Fürst diese niemals liefern würde.

So wie der Herrscher mit dem schlimmsten Beispiele voranging, thaten es ihm dessen Unterthanen möglichst gleich, betrachteten die Engländer als gute Beute und benutzten jede Gelegenheit, sie zu berauben.

Am 31. März endlich konnten Richard und John Lander Badagry verlassen. Sie zogen über Wow, eine bedeutende Stadt, über Bidjie, wo Pearce und Morrison bei der vorhergehenden Expedition krank geworden waren, ferner über Jenna, Chow, Egga, lauter von Clapperton früher besuchte Ortschaften, über Engua, wo Pearce mit Tode abging, Asinara, die erste ihnen begegnende Stadt mit Umfassungsmauern, Bohu, die alte Hauptstadt von Yarriba, Jaguta, Leoguadda, Itcho mit weitberühmtem Markte, und gelangten, geführt von einer, ihnen vom Könige entgegengesandten Begleitmannschaft, am 13. Mai nach Katunga.

Nach herkömmlicher Sitte machten die Reisenden, bevor sie vom Könige empfangen wurden, an einem Baume Halt. Bald begaben sie sich aber, des Wartens müde, nach der Wohnung Ebo's, des Chefs der Eunuchen und der einflußreichsten Persönlichkeit am Hofe des Fürsten. Mansolah, so hieß der Letztere, empfing sie unter einem Höllenlärmen von Cymbeln, Trompeten und Pauken, aber so wohlwollend, daß er Ebo befahl, Jedem den Kopf abschlagen zu lassen, der es wagen würde, die Reisenden zu belästigen.

Da John und Richard Lander aber trotzdem fürchteten, Mansolah werde sie nur bis zum Eintritt der Regenzeit hier aufzuhalten suchen, erwähnten sie, auf Ebo's Rath, dem Könige nichts von ihrer Absicht, den Niger zu erreichen. Sie gaben nur vor, es sei Einer ihrer Landsleute vor zwanzig Jahren in Boussa gestorben, und der König von England habe sie an den Sultan von Yaurie abgesendet, um nach den Papieren des Verschollenen zu suchen.

Obwohl Mansolah die Gebrüder Lander nicht mit derselben Auszeichnung, wie früher Clapperton, behandelte, ließ er sie doch, acht Tage nach ihrer Ankunft, unbehelligt weiter ziehen.

Von der weitläufigen Originalschilderung der Stadt Katunga und von Yarriba überhaupt geben wir hier nur folgenden kurzen Abschnitt wieder:

»Hinsichtlich des Reichthums und der Volksmenge entsprach Katunga keineswegs unseren Erwartungen. Die weite Ebene, in welcher die Stadt liegt, steht, wenn sie auch recht schön zu nennen ist, an Fülle der Vegetation, Fruchtbarkeit und malerischen Fernsichten dem minder gerühmten und doch so herrlichen Lande Bohou gegenüber wesentlich zurück. Der Markt hier ist zwar so leidlich ausgestattet, Alles ist aber ausnehmend theuer. Die niedrigen Volksclassen müssen auf thierische Nahrung so gut wie ganz verzichten, oder sich mit dem widerwärtigen Fleische von Insecten, Reptilien und Würmern begnügen.«

Bei der Sorglosigkeit Mansolah's und dem schwächlichen Kleinmuthe seiner Unterthanen, ist es den Fellans oder Fellatahs gelungen, sich in Yarriba festzusetzen, in den befestigten Städten zu verschanzen und dort die Anerkennung ihrer Oberhoheit zu erzwingen, bis sie sich voraussichtlich einst die Herrschaft über das Land überhaupt anmaßen werden.

Die Gebrüder Lander reisten hierauf über Atoupa, Bumbum, eine Stadt, welche von den Kaufleuten aus Haoussa, Borgou und anderen Ländern, die mit Gonja und Kishi, an der Grenze von Yarriba, Handel treiben, häufig besucht wird, und über Moussu am gleichnamigen Flusse.

Jenseits dieser Stadt trafen sie wieder eine Escorte, welche der Sultan von Borgou ihnen entgegen geschickt hatte.

Der Sultan Yarro empfing die Reisenden mit allen Zeichen von Befriedigung und Wohlwollen und schien vorzüglich erfreut, Richard Lander wiederzusehen.

Obwohl er dem Islam huldigt, nährt dieser Herrscher doch noch immer den alten Aberglauben seiner Vorväter. Fetische und Grigris hingen an seiner Thür und in einer der Hütten stand ein viereckiger Sessel, dessen Vorder- und Rückseite von vier menschlichen, aus Holz geschnittenen Figuren getragen wurden.

Was die Bevölkerung von Borgou angeht, so weicht diese bezüglich der Natur, Sitten und Gewohnheiten von den Yarribanis sehr wesentlich ab.

»Die Letzteren, so heißt es in dem Berichte, sind fast immer unterwegs von einer Stadt zur anderen; die Ersteren verlassen ihre Wohnstätten nie, außer im Kriege oder wenn sie auf Raub ausziehen. Die Einen sind feig, aber großprahlerisch, die Anderen kühn, muthig, unternehmend, voller Energie und befinden sich nur wohl, wenn sie einen Streit auszukämpfen haben. Die Yarribanis erscheinen im Allgemeinen sanft, ruhig, höflich und ehrsam, aber kalt und theilnahmlos; die Borgounis dagegen hochmüthig, stolz, zu eitel, um höflich, und zu scheu, um ehrlich zu sein; sie haben durchweg eine leidenschaftliche Natur, und sind ebenso ungestüm in ihrer Liebe wie unversöhnlich im Hasse.«

Am 17. Juni sahen die Reisenden endlich die Stadt Boussa. Sie erstaunten nicht wenig, dieselbe auf dem Festland liegend zu finden und nicht auf einer Insel, wie Clapperton angegeben hatte. Von Westen her zogen sie durch das Thor ein und wurden sofort dem Könige und der »Midiki«, d. i. der Königin, vorgeführt, welche ihnen versicherten, noch an demselben Morgen das Schicksal Clapperton's beweint zu haben.

Der erste Besuch der Gebrüder Lander galt natürlich dem Niger oder Ouarra, der am Fuße der Stadt vorüberfließt.

»Der Anblick des berühmten Flusses, erzählt der Reisende, wirkte auf uns geradezu enttäuschend. Schwarze, zerklüftete Felsen ragen aus der Mitte desselben empor und verursachen an der Oberfläche vielfache Wirbel und einander kreuzende Strömungen. Man versicherte uns, daß der Fluß oberhalb Boussa durch zwei fruchtbare Inseln in drei Arme getheilt sei, dann aber bis Funda ein einziges Bett habe. Hier ist der Niger an keiner Stelle über einen Steinwurf breit. Der Felsblock, auf dem wir uns befanden, liegt oberhalb der Stelle, wo Mungo Park mit seinen Gefährten den Tod fand.«

Richard Lander erkundigte sich anfänglich nur sehr behutsam nach den Büchern und Papieren, welche von Mungo Park's Reise her vielleicht noch vorhanden sein könnten. Ermuthigt durch das Wohlwollen des Königs aber, entschloß er sich, diesen selbst darüber zu befragen. Der Sultan war zu jener Zeit freilich noch zu jung gewesen, um zu wissen, was sich unter der Regierung des vorletzten Herrschers begeben hatte; er bot jedoch Alles auf, die etwaige Hinterlassenschaft des berühmten Reisenden aufzufinden.

»Im Laufe des Nachmittags, schreibt Lander, kam der König zu uns mit einem Manne, der ein Buch auf dem Arme trug, das nach unseres Landsmannes Schiffbruche auf dem Flusse schwimmend angetroffen worden sein sollte. Ein Stück Baumwollenstoff umhüllte dasselbe, und unsere Herzen schlugen lauter, als der Mann denselben langsam abwickelte, denn das Format des Buches ließ darauf schließen, daß es Mungo Park's Tagebuch sein könne. Desto niederschlagender wirkte die Entdeckung, als wir in dem Funde nichts als ein altes nautisches Werk aus dem vorigen Jahrhundert erkannten.«

An eine Wiederauffindung des Tagebuches des Reisenden war nun kaum noch zu denken.

Am 23. Juni verließen die Gebrüder Lander Boussa voller Erkenntlichkeit für den König, der sie reichlich beschenkt und, aus Furcht vor Vergiftungsversuchen, gewarnt hatte, von Niemand Speisen anzunehmen, als von den Gouverneuren der Städte, durch welche sie kämen. Sie gingen nun zu Lande am Niger bis Kagogie hinauf, wo sie sich in einem landesüblichen gebrechlichen Canot einschifften, während ihre Pferde nach Yaourie weiter geführt wurden.

»Wir mochten kaum einige hundert Toisen zurückgelegt haben, sagt Richard Lander, als sich der Fluß allmälich erweiterte; soweit wir sehen konnten, maß derselbe wenigstens zwei Meilen von einem Ufer zum andern. Er bot ganz den Anblick eines breiten, künstlich angelegten Kanals, so umschlossen sein Bett lothrechte, aber nicht sehr hohe Wände, über denen sich üppige Vegetation zeigte. Das an manchen Stellen nur sehr seichte Wasser ist an anderen tief genug, um eine Fregatte zu tragen. Kaum läßt sich ein pittoreskerer Anblick denken, als ihn die Bilder darboten, welche wir während der ersten Stunden erblickten; die beiden Ufer waren buchstäblich von Weilern und Dörfern überdeckt. Ringsum neigten sich mächtige Baumriesen unter der Last ihrer Laubkronen, deren dunkler Ton, eine Erquickung für die von der Sonne geblendeten Augen, mit dem schillernden Grün der Hügel und Ebenen angenehm contrastirte. Plötzlich aber veränderte sich die Scene. An Stelle des niedrigen, thonigen, gradlinigen Ufers traten schwarze, zerrissene Felsen und der weite Spiegel, der das Bild des Himmels zurückwarf, wurde durch zahllose Sandbänke in tausend kleine Kanäle getheilt.«

Etwas weiterhin stellte sich dem Strome eine dunkle Felswand so weit entgegen, daß nur eine enge Oeffnung blieb, durch welche sich die schäumende Wassermasse drängte. Oberhalb dieser so gut wie unbefahrbaren Stelle nimmt der Niger wieder seinen ruhigen, majestätischen Lauf an.

Nach dreitägiger Fahrt erreichten die Reisenden ein Dorf, wo ihre Leute und Pferde sie, erwarteten. Sie zogen nun ohne Aufenthalt durch ein allmälich emporsteigendes Land nach der Stadt Yaourie.

Hier wurden die Gebrüder Lander in einer Art Landgut von dem Sultan, einem dicken, schmutzigen und widerlichen Menschen, der das gute Leben zu lieben schien, empfangen.

Sehr ungehalten darüber, daß Clapperton ihn nicht besucht und bei der Rückreise auch Richard Lander es vermieden habe, ihm seine Aufwartung zu machen, erwies sich dieser Sultan wirklich empörend habgierig. Er wollte den Reisenden nicht einmal die nöthigsten Provisionen liefern lassen und, versuchte, sie durch allerlei Ränke und Schliche möglichst lange zurückzuhalten.

Hierzu nehme man noch, daß in Yaourie alle Lebensmittel sehr theuer waren und Richard Lander an Tauschwaaren nichts mehr besaß als Nadeln, »welche garantirt superfein waren, den Faden nicht zu durchschneiden« – ohne Zweifel deshalb, weil sie überhaupt kein Oehr hatten, um einen Faden durch dasselbe ziehen zu können. So mußten die Reisenden auch diese als werthlos wegwerfen.

Dagegen machten sie ein gutes Geschäft mit mehreren alten Zinnbüchsen, welche Bouillontafeln enthalten hatten, und deren Etiquetten, obwohl sie fettig und schmutzig waren, den Eingebornen ausnehmend gefielen. Einer der Letzteren erzielte an einem Markttage ganz besonders günstige Erfolge, weil er am Kopfe nach vier Seiten hin die Aufschrift trug: »Ausgezeichnete concentrirte Bouillon«.

Da er die Engländer weder nach Nyffe noch nach Bornu ziehen lassen wollte, erklärte der Sultan von Yaourie, daß ihnen nichts übrig bleibe, als nach Boussa zurückzukehren. Richard Lander ersuchte in Folge dessen brieflich sofort den König der letzten Stadt um die Erlaubniß, ein Boot ankaufen zu dürfen, um nach Funda zu fahren, da das Land von Fellans überschwemmt sei, welche Alle schonungslos plünderten.

Am 26. Juli endlich traf ein Bote des Königs von Boussa ein, um sich über das auffallende Verfahren des Sultans von Yaourie und die Gründe zu unterrichten, warum er die Rückkehr der Engländer nach Boussa verzögerte. Nach fünfwöchentlicher Gefangenschaft endlich konnten die Gebrüder Lander die Stadt, welche jetzt fast ganz unter Wasser stand, verlassen.

Sie fuhren nun den Niger bis zu der Einmündung der Cubbie hinauf und begaben sich dann nach Boussa, wo der König erfreut, sie wiederzusehen, sie mit aufrichtiger Herzlichkeit aufnahm. Immerhin wurden sie hier länger, als in ihrer Absicht lag, aufgehalten, theils durch einen Besuch, dem sie dem Könige von Wowou abstatten mußten, theils in Folge der Schwierigkeiten, sich eine Barke zu verschaffen. Dazu kam die Verzögerung, welche die vom Könige von Boussa an die Fürsten der am Strome siedelnden Völkerstämme gesendeten Boten erfuhren, und endlich die Anfrage an den »Beken rouah« (das schwarze Wasser), der die Reisenden heil und gesund bis zum Meere zu führen versprach.

Beim Abschiede von dem König konnten die beiden Brüder nicht umhin, ihm ihren Dank auszusprechen für sein Wohlwollen, seine Gastfreundschaft und Aufmerksamkeit, seine Beflissenheit, ihre Interessen zu wahren, und für den Schutz, den er ihnen unausgesetzt hatte angedeihen lassen, während sie sich in Allem fast zwei Monate in seiner Hauptstadt aufgehalten hatten. Auch die Eingebornen bedauerten offenbar die Trennung, denn sie warfen sich, als die beiden Lander fortzogen, in die Kniee und riefen mit gen Himmel erhobenen Händen den Schutz ihrer Götter für die Fremdlinge an.

Nun begann die Thalfahrt auf dem Niger. Gleich anfangs mußten die Reisenden bei der kleinen Insel Melalie anhalten, deren Häuptling ihnen eine wohlgenährte Ziege anbot, ein Geschenk, das sie natürlich gern annahmen. Die beiden Lander kamen nachher nach der großen Stadt Congi, dem Songa Clapperton's, ferner nach Inguazilligie, dem Kreuzungspunkte der Wege aller Händler, welche nach Nyffe und den im Nordosten von Borgou gelegenen Ländern ziehen oder von da zurückkehren, und landeten an Patashie, einer großen, reichen, wunderschönen Insel, welche mit Palmenhainen und anderen prächtigen Baumarten bedeckt war.

Da sie sich hier nicht weit von Wowou befanden, sandte Richard Lander einen Boten an den König dieser Stadt, der sich weigerte, das für seine Rechnung erkaufte Boot zu liefern. Der Bote vermochte nichts auszurichten und die Reisenden mußten sich selbst zu dem Fürsten begeben, erhielten aber, wie sich erwarten ließ, ebenfalls nur nichtssagende Ausreden als Antwort. Jetzt blieb ihnen, um die Reise fortsetzen zu können, nichts Anderes übrig, als die ihnen in Patashie nur geliehenen Boote zu stehlen. Am 4. October setzten sie nach fortdauernder Verzögerung endlich die Fahrt fort und verloren bei der raschen Strömung bald Lever oder Layaba sammt seinen elenden Einwohnern aus dem Gesichte.

Nahe diesem Orte steigen die Uferwände des Flusses fast lothrecht gegen vierzig Fuß hoch an. Die ohne Hindernisse dahinströmende Wassermasse hält die Richtung genau nach Süden.

Die erste Stadt, welche die beiden Brüder nun trafen, war Bajiebo, eine ausgedehnte Ortschaft, die hinsichtlich der Unsauberkeit, des Lärmens und der dort herrschenden Unordnung kaum ihresgleichen finden dürfte. Dann kamen sie nach dem von Nyffenern bewohnten Litchie und nach Madjie, wo sich der Niger in drei Arme spaltet. Nach Verlauf einiger Minuten, eben als sie eine neue Insel passirten, sahen die Reisenden plötzlich einen zweihunderteinundachtzig Fuß hohen Felsen vor sich, den Kesa oder Kesy, der senkrecht aus dem Wasser emporsteigt. Von den Eingebornen wird derselbe hoch verehrt, weil diese annehmen, daß ein guter Geist jenen als Lieblingswohnstätte erwählt habe.

Ein wenig vor Rabba, bei der Insel Bili, erhielten die Gebrüder Lander den Besuch des Königs »des schwarzen Wassers«, des Herrschers auf der Insel Zangoshie, der ein Canot von außerordentlicher Länge, ungewöhnlicher Sauberkeit und geschmückt mit scharlachrothem Tuch und goldenen Tressen benutzte. Am nämlichen Tage erreichten sie die Stadt Zangoshie, gegenüber von Rabba und nach Sockatu die zweite Stadt der Fellans.

Der König in dieser Stadt, Mallam Dendo, war ein Vetter Bello's, ein blinder schwächlicher Greis mit zerrütteter Gesundheit; überzeugt, daß er nur noch wenige Jahre zu leben habe, hatte er keine andere Sorge, als die, den Thron seinem Sohne zu sichern.

Obwohl er Geschenke von ziemlichem Werthe erhalten, zeigte sich Mallam Dendo doch sehr unzufrieden und erklärte, daß er, wenn ihm die Reisenden nicht nützlichere und werthvollere Geschenke machten, ihre Gewehre, Pistolen und Pulver beanspruchen werde, wenn sie von Zangoshie wegreisen wollten.

Richard Lander wußte sich kaum zu helfen, als durch das Angebot der »Tobe« (des Rockes) Mungo Park's, den ihm der König von Boussa hatte aushändigen lassen, was Mallam so außerordentlich entzückte, daß er sich zum Beschützer der Europäer erklärte und Alles aufzubieten versprach, sie bis zum Meere zu schaffen, und sie gleichzeitig mit bunten, geflochtenen Gerten, zwei Säcken Reis und einem Bananenzweige beschenkte. Diese Zugabe kam gerade zur rechten Zeit, denn ihr ganzer Vorrath an Tuch, Spiegeln, Schermessern und Pfeifen war erschöpft, und die Engländer besaßen nichts mehr wie Nadeln und einige silberne Armspangen zur Vertheilung an die Häuptlinge, welche sie längs des Nigers treffen würden.

»Von Zangoshie aus gesehen, sagt Lander, erweckt der Anblick von Rabba die Vorstellung von einer sehr großen, schönen, reinlichen und gut gebauten Stadt, welche nicht zur Vertheidigung eingerichtet, also auch ohne Mauern ist. Sie liegt unregelmäßig am Abhange eines Hügels, dessen Fuß der Niger bespült. An Ausdehnung, Bevölkerung und Reichthümern bildet sie die zweite Stadt der Fellans. Die Einwohner sind ein Gemisch von Fellans, Nyffenen, Ausgewanderten und Sklaven aus verschiedenen Ländern. Sie steht unter der Oberhoheit eines Gouverneurs der den Titel König oder Sultan führt. Rabba ist berühmt durch sein Getreide, Oel und schönen Honig. Als unsere Leute den Markt daselbst besuchten, schien derselbe reichlich mit Rindvieh, Pferden, Maulthieren, Eseln, Schafen, Ziegen und Geflügel versehen. Von allen Seiten bot man Reis, Getreide, Baumwolle, Tuche, Indigo, Geschirre und Zügel aus gelbem oder rothem Leder, Schuhe, Stiefeln und Sandalen an. Zweihundert Sklaven, welche schon am Morgen angeboten wurden, waren auch am Abend nicht verkauft. Als gewerbfleißig ist Rabba zwar nicht bekannt, doch steht die Fabrikation von Matten und Sandalen in hoher Blüthe, während alle anderen Gewerbe in Zangoshie entschieden weiter entwickelt sind.«

Die Regsamkeit und Arbeitslust letztgenannter Stadt macht hier im Lande der Faullenzer einen recht angenehmen Eindruck. Gastfrei und zuvorkommend, sind deren Einwohner durch die Lage ihrer Insel gegen die Uebergriffe der Fellans gesichert; ziemlich unabhängig, erkennen sie keine andere Regierung, als die des Königs des »schwarzen Wassers« an, und auch das nur, weil es in ihrem eigenen Vortheil liegt.

Am 16. October endlich reisten Richard Lander und sein Bruder auf einer erbärmlichen Pirogue, die ihnen der König sehr theuer verkaufte, weiter, nachdem sie sich einige Pagaien, die ihnen Niemand ablassen wollte, gestohlen hatten. Jetzt kamen sie zum ersten Male in die Lage, den Niger ohne fremden Beistand zu beschiffen.

Sie fuhren den Fluß hinunter und vermieden so weit als möglich alle größeren Städte, da sie nicht im Stande gewesen wären, die meist unverschämten Forderungen der betreffenden Gouverneure zu befriedigen.

Bis Egga ging diese friedliche Ruderfahrt ohne Zwischenfall von statten. Nur in einer Nacht, als die Reisenden wegen vieler Ufersümpfe nicht landen konnten und sich vom Strome weiter hinabtreiben lassen mußten, brach ein fürchterliches Unwetter los, während sie von Flußpferdheerden, welche sich auf dem Wasser tummelten, fast versenkt worden wären.

Der Niger strömte, in einer Breite zwischen zwei und acht Meilen, fortwährend nach Osten oder Südosten, und dabei so schnell, daß ihr Boot mit einer Geschwindigkeit von fünf bis sechs Meilen in der Stunde hinabgeführt wurde.

Am 19. October kam Richard Lander an der Einmündung der Cudunia vorüber, welchen Fluß er bei seiner ersten Reise in der Nähe von Cuttup überschritten hatte, und nicht lange darauf gelangte er nach Egga. Er erreichte bald den Landungsplatz, indem er durch eine ausgedehnte, von unzähligen großen und sehr festen Canots besetzte Bucht hinfuhr, welch' letztere, mit verschiedenen Waaren beladen, mit Blut bestrichene und mit Federn geschmückte Vordertheile – ein Zaubermittel und Schutz gegen Diebe – hatten.

Der Chef, dem die Reisenden sofort zugeführt wurden, trug einen langen weißen Bart und würde ganz das ehrwürdige Aussehen eines Patriarchen gehabt haben, wenn er nicht immer wie ein kleines Kind gelacht hätte. Die Einwohner liefen in hellen Haufen zusammen, um die Fremdlinge von so seltsamem Aussehen zu bewundern, und diese mußten drei Mann als Wache vor die Thüre stellen, um die Neugierigen in gebührender Entfernung zu halten.

»Mehrere Bewohner von Egga, sagt Richard Lander, verkaufen Leinwand und Tuch aus Benin und Portugal, was darauf schließen läßt, daß zwischen dieser Stadt und der Küste eine gewisse Verbindung bestehen mag. Die Einwohner sind sehr speculativ, unternehmend und, ununterbrochen auf dem Niger auf- und abfahrend, mit dem Handel beschäftigt. Sie leben gleich in ihren Canots, wo ihnen eine Art kleiner Cajüte oder Schuppen als Wohnung dient. Die Ueberredungskunst der Landesbewohner, deren man sich bei uns nur unter wichtigen Verhältnissen bedient, machte uns zuerst wirklich Spaß; nach und nach wurde ihre Zudringlichkeit aber lästig. Sie verlangten von uns Zaubermittel zur Verhütung von Kriegen und anderen nationalen Unfällen, Talismane, um reich zu werden, solche zur Abwehr der Krokodile, welche zuweilen Menschen raubten, oder auch andere, um täglich reiche Fischzüge zu machen. Der letztere Wunsch wurde gegen uns von dem Chef der Fischer ausgesprochen und unter entsprechenden Gebeten, welche sich nach dem Werthe des Dargebotenen richten, mit einem Geschenke begleitet … Die Neugier des Volkes, uns zu sehen, übersteigt alle Grenzen, so daß wir keinen Schritt aus der Hütte thun können; um frische Luft zu schöpfen, müssen wir stets die Thür offen lassen und in der Hütte umhergehen, die einzige Bewegung, welche uns, gleich wilden Thieren im Käfige, gestattet ist. Die Leute betrachten uns mit stierem, aus Schrecken und Bewunderung, gemischtem Ausdrucke, etwa wie man in Europa die Tiger in der Menagerie ansieht. Wenden wir uns nach der Thür zu, so weichen sie erschreckt und heulend zurück, sobald wir aber nach rückwärts gehen, nähern sie sich schweigend und mit größter Vorsicht, so weit ihre Furcht es zuläßt.«

Egga ist eine Stadt von bedeutender Ausdehnung und muß sehr viele Einwohner haben. Wie fast alle am Ufer des Niger erbauten Städte, wird dieselbe alljährlich überschwemmt. Man darf wohl voraussetzen, daß die Eingebornen besondere Gründe haben, ihre Wohnstätten an Stellen zu errichten, die uns ziemlich ungeeignet und gesundheitswidrig erscheinen würden.

Wahrscheinlich sind dieselben aber nur darin zu suchen, daß die Umgebungen hier aus fettem schwarzen Erdreich bestehen, welches ihnen alle zur Lebensnothdurft nöthigen Erzeugnisse ohne große Mühe liefert.

Obwohl der Häuptling von Egga über hundert Jahre alt zu sein schien, so war er doch immer voller Lust und Freude. Die hervorragendsten Persönlichkeiten der Stadt kamen in seiner Hütte zusammen und verbrachten ganze Tage unter fröhlichem Geplauder.

»Diese Gesellschaft Graubärte, erzählt der Reisende, lacht oft so laut aus vollem Herzen und freut sich über lustige Einfälle so außerordentlich, daß man fast stets die Vorübergehenden stehen bleiben und lauschen sieht, aber auch in das von innen heraustönende Gelächter mit einstimmen hörte: vom Morgen bis zum Abend donnerten uns von dorther unaufhörlich Beifallsbezeugungen in's Ohr.«

Eines Tages wollte der alte Häuptling seine Kunst als Sänger und Tänzer zeigen, um die Fremden zu überraschen.

»Trotz der Last seiner Lebensjahre lustig hüpfend und das weiße Haar schüttelnd, heißt es in dem Berichte, machte er unzählige Luftsprünge zum großen Vergnügen der Zuschauer, deren Gelächter, das einzige gebräuchliche Beifallszeichen der Afrikaner, der Eitelkeit des Greises höchlichst schmeicheln mußte, so daß er sogar eine Krücke zu Hilfe nahm, um die Vorstellung fortzusetzen. Er hinkte noch ein wenig hin und her, mußte aber aus Erschöpfung aufhören und sich neben uns auf die Schwelle der Hütte niederlassen. Um alles in der Welt wollte er uns seine Schwäche nicht merken lassen. Keuchend vor Anstrengung, suchte er doch möglichst ruhig Luft zu schöpfen und den pfeifenden Athem zu unterdrücken; er versuchte auch noch einmal zu tanzen und zu singen; die Natur forderte aber ihre Rechte und seine schwache, zitternde Stimme war kaum vernehmbar. Inzwischen setzten andere Sänger und Sängerinnen, Tänzer und Musiker ihr ohrbetäubendes Concert fort, bis wir, müde vom Hören und Sehen, bei einbrechender Nacht sie baten, sich zurückzuziehen, zum großen Leidwesen des lustigen, eitlen Greises.«

Mallam Dendo rieth den Engländern übrigens davon ab, weiter flußabwärts zu reisen. Egga, sagte er, sei die letzte Stadt von Nyffe; die Macht der Fellans reicht nicht weiter, und bis zum Meere hin würden wir nur wilde, barbarische, stets mit einander im Kriege liegende Völkerschaften treffen.

Diese Warnung und die Aussage der Einwohner gegen die beiden Lander, daß sie Gefahr liefen, ermordet oder gefangen genommen und als Sklaven verkauft zu werden, hatten deren Leute so erschreckt, daß sie sich weigerten, wieder auf das Boot zu gehen und erklärten, nach Cape Coast Castle auf dem früher eingeschlagenen Wege zurückkehren zu wollen.

Die beiden Brüder hielten jedoch an ihrem ersten Entschlusse fest, jene gaben nach und am 22. October verließen Alle Egga, von dem sie sich mit drei Flintenschüssen verabschiedeten.

Einige Meilen jenseits desselben flatterte eine Möwe über ihren Köpfen hin und her, ein Zeichen von der Nachbarschaft des Meeres und die fast gewisse Verheißung, daß sie sich dem Ende ihrer mühseligen Reise näherten.

Nach und nach kamen sie an mehreren kleineren, halb unter Wasser stehenden Dörfern und an einer großen Stadt am Fuße eines Berges vorüber, der jene fast zu erdrücken schien; den Namen der Stadt konnten sie nicht erfahren. Ferner kreuzten sie eine ungeheure Menge Canots, in der Bauart denen von dem Bomy- und dem Calabarflusse entsprechend; die Besatzungen der Letzteren sahen mit höchstem Erstaunen die weißen Männer, wagten aber nicht, mit ihnen zu sprechen.

Die niedrigen und auf weite Strecken hin sumpfigen Ufer des Niger wurden bald höher, reicher und fruchtbarer.

Kacunda, wo die Bewohner von Egga Richard Lander Halt zu machen empfohlen hatten, liegt an der Westseite des Stromes. Von einiger Entfernung aus gesehen, bietet dasselbe wirklich einen malerischen Anblick.

Beim Erscheinen der Reisenden geriethen die Einwohner in nicht geringe Aufregung. Ein alter Mallam, d. i. ein Priester und Lehrer des Islam, nahm jene aber unter seinen Schutz. Ihm hatten es die beiden Brüder zu verdanken, daß ihnen in der Hauptstadt eines von Nyffe unabhängigen Reiches ein recht guter Empfang zu Theil wurde.

Was die Reisenden von dieser Stadt oder vielmehr der Vereinigung von vier Dörfern sehen oder über dieselbe hören konnten, stimmte mit dem überein, was sie schon in Egga erfahren hatten. Richard Lander entschloß sich auch, von hier aus nur des Nachts zu reisen und die vier Flinten und zwei Pistolen, welche ihnen noch verblieben, mit Kugeln und Rehposten laden zu lassen.

Zur größten Verwunderung der Bewohner von Kacunda, welche eine so augenscheinliche Verachtung jeder Gefahr gar nicht begreifen konnten, verließen unsere Forscher die Stadt mit drei schallenden Hochrufen und »legten ihr Schicksal in Gottes Hand«.

Mehrere große Städte, an denen sie vorüberkamen, ließen sie sorglich beiseite. Der Lauf des Flusses änderte sich jetzt wiederholt und wandte sich zu einer Reihe hoher Hügel, erst von Süden nach Südosten und dann nach Südwesten.

Am 25. October befanden sich die Engländer an der Einmündung eines großen Flusses. Es war das der Tchadda oder Benoue. Hier erhob sich eine ausgedehnte Stadt, längs der Niger- und der Benoue-Seite, das war Cutumcuraffi.

Endlich, nachdem sie bald in einem Wasserwirbel umgekommen und ihr Boot an einem Felsen zerschellt wäre, entdeckte Richard Lander einen bequemen, unbewohnten Platz am rechten Stromufer, wo er einmal zu landen beschloß.

Diese Stelle war immerhin kurz vorher besucht gewesen, wovon noch die Reste eines Feuers, zerbrochene Kürbisflaschen und auf dem Boden zerstreute Scherben von irdenen Gefäßen zeugten, neben welchen sich auch Schalen von Cocosnüssen und Dauben von einem Pulverfäßchen vorfanden, die man mit freudigem Gefühle auflas, da sie die Gewißheit gaben, daß die Einwohner der Gegend mit den Europäern wenigstens einige Verbindung unterhalten mußten.

Vor drei Leuten aus dem Gefolge Lander's, welche sich in ein benachbartes Dorf begeben hatten, um Feuer zu holen, waren die Frauen erschreckt entflohen. Die ermüdeten Reisenden hatten sich eben auf die Matten gelagert, als sie sich plötzlich von einer Menge fast nackter Männer umringt sahen, welche mit Gewehren, Bogen, Pistolen, Messern und eisernen Lanzen bewaffnet waren.

Die Geistesgegenwart und Kaltblütigkeit der beiden Brüder verhütete allein einen scheinbar unvermeidlichen Kampf, dessen Ausgang nicht zweifelhaft sein konnte. Ihre eigenen Waffen niederlegend, gingen sie auf den Anführer des wüthenden Haufens zu.

»Als wir näher kamen, sagt Lander, gaben wir ihm mit den Armen alle erdenkliche Zeichen, um den Wilden und seine Begleiter abzuhalten, auf uns zu schießen. Der Köcher schwankte an seiner Seite, der Bogen war gespannt und ein auf unsere Brust gerichteter Pfeil zitterte, zum Abschießen fertig, als uns nur noch wenige Schritte trennten. Die Vorsehung wandte das drohende Unheil ab, denn eben, als der Häuptling die gespannte Sehne losschnellen wollte, sprang ein dicht neben ihm stehender Mann hinzu und hielt ihm die Arme. Wir standen ihm jetzt Auge in Auge gegenüber und reichten ihm, zitternd wie Espenlaub, die Hand. Der Häuptling sah uns scharf an und – fiel in die Kniee. Sein Gesicht nahm einen gar nicht zu beschreibenden Ausdruck an, in dem sich Furcht und Schrecken mischten und alle guten und bösen Leidenschaften zu kämpfen schienen; endlich ließ er den Kopf auf die Brust herabsinken, ergriff die dargebotene Hand und fing bitterlich an zu weinen. Von jetzt ab war die Freundschaft besiegelt, alle feindseligen Gedanken verdrängt und an deren Stelle trat das denkbar beste Einvernehmen.«

»Ich glaubte, Ihr wäret aus den Wolken gefallene Kinder des Himmels,« sagte der Häuptling, um seine plötzliche Sinnesänderung zu erklären.

»Es war unser Glück, fügt Lander hinzu, daß unsere weißen Gesichter und unser ruhiges Auftreten diesem wilden Volke solchen Respect einflößten. Eine Minute später wären wir mit mehr Pfeilen gespickt gewesen, als der Igel Stacheln hat.«

Der Ort, wo sich dieser Auftritt zutrug, ist der berühmte Marktflecken Bocqua, von dem die Reisenden öfter reden gehört hatten und wohin von der Küste her viel Händler kommen, um gegen Waaren von den Weißen die aus Funda, am entgegengesetzten Ufer des Stromes hierher gebrachten Sklaven einzutauschen.

Hier erhielten die Reisenden nun recht erfreuliche Nachrichten. Das Meer sollte nur zehn Tagemärsche entfernt sein. Die Schifffahrt dahin, fügte der Häuptling von Bocqua hinzu, sei ohne alle Gefahr; nur die Uferbewohner wären »recht schlechte, böse Menschen«.

Dem Rathe ihres neugewonnenen Freundes folgend, passirten die Reisenden die schöne und große Stadt Atta, ohne an's Land zu gehen, und gönnten sich erst einige Ruhe in Abbazaca, wo der Niger sich in drei Arme theilt und der Häuptling der Stadt sie durch seine unersättliche Habgier belästigte. Weiter fuhren sie an zwei oder drei Dörfern vorüber, obwohl man ihnen Zeichen machte, an's Ufer zu kommen; wahrscheinlich nur, um die Neugier der Eingebornen zu befriedigen, konnten eine Landung aber bei dem Dorfe Damuggo nicht umgehen, wo ein kleiner Mann in einer Soldatenweste sie in englischer Sprache anrief: »Hollah! He! Engländer, kommt hierher!« Es war das ein Bote des Königs von Bonny, der sich hier aufhielt, um für seinen Herrn Sklaven einzukaufen.

Der Häuptling der Stadt, welcher noch niemals Weiße gesehen hatte, empfing die Reisenden sehr gut, ließ ihnen zu Ehren öffentliche Lustbarkeiten anstellen und hielt sie unter lauter Festlichkeiten bis zum 4. November zurück. Obwohl der um Rath gefragte Fetisch vor Erreichung des Meeres tausend Gefahren prophezeite, stellte dieser Fürst ihnen doch ein anderes Boot, die nöthigen Ruder und einen Führer zur Verfügung.

Die unheimliche Vorhersage des Fetisch sollte nur zu bald in Erfüllung gehen. John und Richard Lander fuhren Jeder in einem besonderen Boote. Als sie nach einer großen Stadt – wie sie später hörten, Kirri – kamen, wurden sie von langen Kriegscanots angehalten, von denen jedes vierzig Mann in europäischer Kleidung (bis auf den Mangel an Beinkleidern) trug.

An langen Bambusstangen flatterten an denselben englische Flaggen; außerdem waren sie mit Stühlen, Tischen, Flaschen und anderen Gegenständen wunderlich aufgeputzt. Die schwarzen Matrosen führten Jeder eine Flinte und im Vordertheile jedes Bootes befand sich ein langes vier- oder sechspfündiges Geschütz.

Die beiden Brüder führte man nach Kirri, wo über ihr Schicksal Rath gepflogen wurde. Glücklicher Weise sprachen einige Mallams oder mohammedanische Priester zu ihren Gunsten und bewirkten auch die Rückgabe eines Theiles der ihnen geraubten Sachen, von denen die meisten freilich mit dem inzwischen versenkten Boote Richard Lander's untergegangen waren.

»Zu meiner großen Freude, schreibt Richard Lander, entdeckte ich wenigstens die Kiste mit unseren Büchern und eine mit den Tagebüchern meines Bruders wieder; auch der Arzneikasten war noch vorhanden, freilich mit Wasser gefüllt. Ein großer gestickter Nachtsack, der vorräthige Kleidungsstücke enthielt, war geöffnet und geplündert; wir besaßen nur noch ein einziges Hemd, je ein paar Beinkleider und einen Rock; mehrere werthvolle Gegenstände blieben verschwunden. Meine Journale, mit Ausnahme eines Notizbuches, in dem ich von Rabba aus einige Beobachtungen aufgezeichnet hatte, waren verloren. Ferner fehlten vier Gewehre, davon eines, das Mungo Park gehört hatte, vier Seitengewehre und zwei Pistolen. Neun Elephantenzähne, gerade die schönsten, welche ich je gesehen, die Geschenke der Könige von Wowou und Boussa, eine Menge Straußenfedern, einige schöne Leopardenfelle, verschiedene Sämereien, alle Knöpfe, Kaurimuscheln, unsere Nadeln, die wir nöthiger brauchten als Geld, um dafür Nahrungsmittel zu kaufen, Alles war verschwunden und wie die Leute behaupteten, im Niger versunken.«

Das war in der That ein Schiffbruch am Eingang zum Hafen! Ganz Afrika von Badagry bis Boussa durchzogen zu haben, den Gefahren der Schifffahrt auf dem Niger entgangen zu sein, sich glücklich den Händen so vieler habsüchtiger kleiner Fürsten entzogen zu haben, um sechs Tagereisen vom Meere vielleicht Alles scheitern zu sehen, in die Sklaverei geschafft, oder zum Tode verurtheilt zu werden, gerade wo man Europa die wunderbaren Resultate der Reise nach so vielen Strapazen, so vielen überstandenen Gefahren und besiegten Hindernissen zu verkünden hoffte; den Lauf des Nigers von Boussa aus erforscht zu haben und so nahe daran, auch seine Mündung kennen zu lernen, im letzten Augenblick sich von erbärmlichen Strompiraten aufgehalten zu sehen, das war doch zu viel, und die beiden Brüder mögen recht bittere Gedanken während jener langandauernden Verhandlungen über sie gehabt haben.

Wurden ihnen die gestohlenen Gegenstände auch zum Theil wieder ausgeliefert, und der Neger, der die Feindseligkeiten eröffnet hatte, zur Sühnung seiner That mit dem Tode bestraft, so betrachtete man die beiden Brüder immerhin als Gefangene; sie sollten zu Obie, dem Könige von Eboe, geführt werden, der über ihr Schicksal entscheiden sollte.

Offenbar waren die Räuber selbst hier zu Lande fremd und nur ausgezogen, um zu stehlen und zu plündern. Sie gedachten jedenfalls noch in anderen Ortschaften, wie in Kirri, ihr Handwerk zu treiben, wenn sie nicht mächtige Flottillen antrafen, die sich nicht ohne Gegenwehr plündern ließen. Alle Stämme längs des Nigers zeigten sich übrigens gegen einander höchst mißtrauisch, und kein Handelsgeschäft ward anders als mit den Waffen in der Hand abgeschlossen.

Nach zweitägiger Fahrt kamen die Canots vor Eboe an einer Stelle an, wo sich der Strom in drei Flüsse spaltet, die jeder noch sehr groß sind und flache, sumpfige, mit Palmen bedeckte Ufer haben.

Eine Stunde später, am 8. November, rief einer der Leute von der Mannschaft, als er Eboe erblickte: »Das ist meine Heimat!«

Hier erwarteten die Forscher neue Schwierigkeiten. Obie, der König von Eboe, war ein junger Mann von gewecktem intelligenten Aussehen, der die Reisenden freundlich empfing. Seine Kleidung, im Ganzen der des Königs von Yarriba nicht unähnlich, war mit so vielen Korallen verziert, daß man ihn mit Recht hätte den »Korallen-König« nennen können.

Offenbar ging Obie die Erzählung des Ueberfalls, bei dem die Engländer ihre Waaren eingebüßt hatten, recht nahe; leider entsprach die Hilfe seinerseits aber nicht dem Mitleid, das er empfand, und er ließ die Fremden fast Hungers sterben.

»Die Bewohner von Eboe sind, gleich den meisten Afrikanern, ungemein sorgloser Natur und bauen nichts als Yams, Mais und Bananen. Sie besitzen Ziegen und Geflügel, aber wenig Schafe und Rindvieh. Die sehr umfangreiche Stadt liegt in einer offenen Ebene und beherbergt eine zahlreiche Bevölkerung; als Hauptstadt des Königreichs führt sie nur den Namen »das Land Eboe«. Ihr Palmöl wird geschätzt. Sie bildet schon seit langen Jahren den Hauptsklavenmarkt, wo die Eingebornen sich versorgen, welche dieses Geschäft an der Küste zwischen dem Bonny- und dem Calabarflusse betreiben. Zu Hunderten kommen sie dann auf dem Strome hierher und die Meisten bewohnen gleich ihre Canots, welche vor der Stadt angelegt werden. Fast alles Palmenöl, welches die Engländer in Bonny und dessen Nachbarschaft kaufen, stammt von hier, ebenso wie die Sklaven, welche spanische, portugiesische und französische Schiffe an der Küste verfrachten. Von verschiedenen Seiten wurde uns mitgetheilt, daß die Bewohner von Eboe Anthropophagen seien, eine Ansicht, welche unter den Stämmen der Nachbarschaft mehr verbreitet ist als unter denen aus dem tieferen Innern des Landes.«

Nach allem, was den Reisenden zu Ohren kam, erschien es ausgemacht, das Obie sie nur gegen schweres Lösegeld wieder freilassen werde. Der Fürst gehorchte damit gewiß zum Theile den Einflüsterungen seiner Günstlinge, mehr aber trugen die Habsucht und das Drängen der Bewohner von Bonny und Braß dazu bei, welche sich darüber stritten, wer von ihnen die Fremden in ihr Land zurückbringen sollte.

Ein Sohn des letzten Häuptlings von Bonny, König Peper (Pfeffer), ein gewisser Gun (Flinte), der Bruder des Königs Boy (Junge) und deren Vater Forday, der Brassa im Verein mit dem König Jacket (Jacke) regiert, waren die hitzigsten. Sie brachten zum Beweise ihrer Rechtlichkeit Zeugnisse bei, die sie von europäischen Kapitänen, mit denen sie Geschäfte gemacht, erhalten.

Eines dieser Schriftstücke, unterzeichnet James Dow, Kapitän der Brigg »Susanne« aus Liverpool, und datirt vom ersten Flusse in Braß, September 1830, lautet wie folgt:

»Kapitän Dow erklärt hiermit, niemals erbärmlichere Kerle getroffen zu haben, als die Landeseingebornen im Allgemeinen und deren Lootsen im Besonderen.«

In demselben Tone geht es weiter; der Kapitän schildert sie als verächtliche Schurken, welche versucht hätten, sein Fahrzeug an den Klippen der Flußmündung scheitern zu lassen, um sich dessen Fracht zuzueignen. Der König Jacket wird als Erzspitzbube und verschmitzter Dieb dargestellt. Boy allein machte eine rühmliche Ausnahme und verdiente einiges Vertrauen.

Nach endlosen Verhandlungen erklärte Obie, daß er nach Gesetz und Landesgebrauch das Recht habe, die Gebrüder Lander und deren Gefolge als sein Eigenthum zu betrachten; da er aber dieses Vorrecht nicht mißbrauchen wolle, so werde er sich begnügen, dieselben gegen englische Waaren im Werthe von zwanzig Sklaven einzutauschen.

Diese Entscheidung, deren Zurücknahme Lander vergeblich bei Obie durchzusetzen suchte, brachte die Brüder erst in volle Verzweiflung, welche bald einer derartigen Gleichgiltigkeit und Apathie Platz machte, daß sie ganz unfähig wurden, überhaupt etwas zur Wiedererlangung ihrer Freiheit zu unternehmen. Fügt man dieser gedrückten Stimmung noch die physische Schwäche und den Mangel an Nahrung hinzu, so begreift man wohl, wie herabgekommen die beiden Reisenden sich fühlen mochten.

Ohne alle Hilfsmittel, ihrer Nadeln, Kaurimuscheln und Tauschwaaren beraubt, sahen sie sich in die traurige Nothwendigkeit versetzt, ihre Nahrung zu erbetteln.

»Wir hätten aber, schreibt Lander, ebensogut Bäume oder Steine anflehen können; wenigstens hätten wir dabei die Erniedrigung erspart, abgewiesen zu werden. In den meisten Städten und Dörfern von Afrika wurden wir als Halbgötter betrachtet, in Folge dessen allgemein mit Verehrung, mindestens mit Achtung behandelt. Hier aber, ach, welcher Unterschied! wirft man uns mit den verächtlichsten Wesen, mit elenden Sklaven zusammen, und wir sind in diesem unaufgeklärten Lande der Gegenstand des Spottes einer Horde Barbaren.«

Endlich erlöste Boy die Reisenden, indem er sich verpflichtete, Obie das Lösegeld für die beiden Brüder und deren Gefolge zu bezahlen. Er selbst erwies sich sehr bescheiden und verlangte für seine Mühe und die Gefahren des Transportes bis Braß nur den Werth von fünfzehn Silberbarren oder fünfzehn Sklaven und ein Tönnchen Rum. Obgleich auch das eigentlich eine sehr hohe Forderung war, so zögerte Lander doch keinen Augenblick, eine Anweisung über sechsunddreißig Barren an Kapitän Lake, den Befehlshaber eines an der Mündung des Braßflusses stationirten englischen Schiffes, zu unterzeichnen.

Das Canot des Königs, auf dem sich die beiden Brüder am 12. November einschifften, trug sechzig Personen, darunter vierzig Ruderer. Es war mit einem Vierpfünder im Vordertheile ausgerüstet, hatte starke Vorräthe an großen Messern, Schießbedarf und Waaren aller Art und war aus einem einzigen Stamme über fünfzig Fuß lang ausgehöhlt.

Die endlosen Felder, welche sich längs der Stromufer hinzogen, sprachen für eine größere Bevölkerung, als es zuerst schien. Das Land war flach, offen, abwechslungsreich und der schwarze Boden erzeugte Bäume und Sträucher in den verschiedensten Farbentönen.

Am 14. November gegen sieben Uhr Abends verließ das Canot den Hauptarm und lief in den Braßfluß ein. Eine Stunde später schon bemerkte Lander zu seiner größten Freude die Wirkung der Fluth.

Etwas weiter hin traf Boy's Canot mit denen Gun's und Forday's zusammen. Der Letztere, ein Greis von ehrwürdigem Aussehen und sehr ärmlich, halb nach einheimischer Mode gekleidet, hatte eine ausgesprochene Vorliebe für Rum, den er in unglaublichen Mengen vertilgte, ohne daß man an seinem Benehmen und seiner Sprache etwas davon bemerkte.

Es war ein eigenthümlicher Zug, der die Engländer bis zur Stadt Braß begleitete.

»Die Canots, sagt Lander, glitten in regelmäßigen Abständen hinter einander her und hatten jedes drei Flaggen aufgezogen. Am Bug des ersten stand König Boy, den Kopf mit langen Federn geschmückt, welche bei jeder Bewegung des Körpers schwankten, und mit phantastischen, auf schwarzem Grunde weiß erscheinenden Flecken bemalt. Er stützte sich auf zwei ungeheure Lanzen mit Widerhaken, die er von Zeit zu Zeit in den Boden des Canots niederstieß, als wollte er ein wildes, gefährliches Thier zu seinen Füßen tödten. Im Vordertheile der Canots führten Priester verschiedene Tänze auf und machten die tollsten Verrenkungen. Alle waren ebenso bemalt wie der König Boy, und, um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, beschäftigte sich Gun, der sich einmal an der Spitze, einmal am Ende des Zuges befand, damit, den imposanten Eindruck der Flottille durch unaufhörliches Feuern mit seiner Kanone zu erhöhen.«

Braß selbst besteht aus zwei Städten, deren eine Forday, die andere dem König Jacket gehört. Vor der Landung nahmen die Priester allerlei mysteriöse Ceremonien vor, welche sich offenbar auf die Weißen bezogen. Ob das Resultat der Fetischbefragung den Fremden günstig ausfiel, mußte das Benehmen der Eingebornen gegen sie darthun.

Als er kaum einen Fuß an's Land gesetzt, bemerkte Lander zu seiner größten Freude einen weißen Mann am Ufer. Es war das der Kapitän eines spanischen Schoners, der am Flusse vor Anker lag.

»Unter allen schmutzigen und widerlichen Ortschaften, heißt es in dem Berichte, möchte wohl keine in der Welt diese übertreffen, oder dem Auge des Fremden einen elenderen Anblick bieten. In dem abscheulichen Braß ist Alles nur Unrath und Schmutz. Hunde, Ziegen und andere Thiere lagern auf den kothigen Straßen; auch jene sehen verhungert aus und wetteifern mit den unglücklichen menschlichen Geschöpfen mit blassen hageren Zügen und häßlichem Aussehen, deren Leib von großen Pusteln bedeckt ist und deren Hütten in Folge von Vernachlässigung und Unreinlichkeit in Trümmer fallen.«

Eine andere Ortschaft, von den Europäern die Stadt der Lootsen genannt, wegen der großen Menge von solchen, die daselbst wohnen, liegt an der Mündung des Flusses Noun oder Nun, siebenzig Meilen von Braß.

Der König Forday erhob dagegen Einspruch, daß die beiden Brüder die Stadt verließen, bevor sie ihm nicht vier Barren Silber ausgeliefert hätten. Es wäre Brauch, sagte er, daß jeder weiße Mann, der nach Braß auf dem Flusse käme, diesen Tribut entrichte. Hier galt kein Widerstreben und Lander stellte eine neue Anweisung auf Kapitän Lake aus.

Um diesen Preis erhielt Richard Lander die Erlaubniß, sich auf dem Canot des Königs nach der an der Mündung des Flusses liegenden englischen Brigg zu begeben. Sein Bruder und die übrigen Leute des Gefolges sollten erst nach der Rückkehr des Königs freigegeben werden.

Wie groß war aber, als er auf die Brigg kam, das Erstaunen und die Beschämung Lander's, als er erfuhr, daß Kapitän Lake ihm all' und jede Unterstützung verweigerte! Er übergab ihm deshalb seine Instructionen vom Minister, um ihn zu überzeugen, daß er kein Betrüger sei.

»Wenn Sie glauben, sagte der Kapitän, es mit einem Schwachkopf oder einem Thoren zu thun zu haben, so täuschen Sie sich! Ich gebe keinen Strohhalm auf Ihr Wort oder Ihre Anweisung! Was kümmert mich der ganze Handel! Der Teufel soll mich holen, wenn ich auch nur einen Heller hergebe!«

Fluchend und schwörend stieß Lake gegen die Engländer noch die gröbsten Beleidigungen aus.

Betäubt von Schmerz über diese unerwartete Weigerung und das unerklärliche Auftreten eines Landsmannes, ging Lander in das Canot Boy's zurück, ohne zunächst zu wissen, was er beginnen sollte, und bat diesen dann, ihn nach Bonny zu bringen, wo sich eine Menge englische Schiffe befinden mußten. Der König wollte davon aber nichts wissen. Richard Lander blieb also nichts übrig, als einen Versuch zu machen, den Kapitän zu erweichen, den er nun darum bat, zehn Flinten herzugeben, womit sich der König vielleicht begnügen würde.

»Ich habe Ihnen schon erklärt, daß ich nicht einen Feuerstein hergebe, erwiderte Lake, lassen Sie mich also in Ruhe!

– Aber mein Bruder und acht andere Personen sind noch in Braß, fuhr Lander fort, und wenn Sie denn den König bestimmt nicht bezahlen wollen, so bestimmen Sie ihn wenigstens, Jene an Bord kommen zu lassen, sonst wird mein Bruder noch Hungers sterben und Alle werden als Sklaven verkauft, bevor ich durch ein Kriegsschiff Hilfe bekommen kann!

– Wenn Sie Jene an Bord schaffen können, versetzte der Kapitän, will ich nichts dagegen haben; ich wiederhole Ihnen aber, daß Sie von mir nicht den Werth eines Zündhütchens dazu erhalten können!«

Endlich gelang es Richard Lander, Boy's Zustimmung zur Abholung seines Bruders und der anderen Leute zu erhalten. Der König wollte dieselben zwar nicht vor Empfang einer Abschlagszahlung losgeben, und war nur mit Mühe zu bewegen, von dieser Forderung abzustehen.

Als Kapitän Lake hörte, daß Richard Lander's Gefolge aus kräftigen, zum Ersatz seiner verstorbenen oder durch Fieber geschwächten Matrosen geeigneten Leuten bestand, wurde er etwas zuvorkommender. Es dauerte jedoch nicht lange Zeit, als er erklärte, wenn auch John und die Uebrigen noch nicht da wären, binnen drei Tagen absegeln zu wollen.

Obwohl Richard Lander ihm überzeugend nachwies, daß die Aermsten in diesem Falle als Sklaven verkauft werden würden, so ließ Jener sich doch nicht beeinflussen.

»Desto schlimmer für sie, entgegnete er achselzuckend, ich kann aber nichts dagegen thun und werde auf keinen Fall länger warten!«

Zum Glück ist eine solche Unmenschlichkeit nur selten. Ein solcher Elender, der nicht nur seines Gleichen, sondern sogar Leute, die weit über ihm stehen, in dieser Weise behandelt, verdient wirklich an den Pranger gestellt zu werden.

Am 24. November endlich, da eine starke vom Meere herwehende Brise das Wasser am Ufer gewaltig aufregte, und eine Ueberfahrt fast unmöglich machte, kam John Lander an Bord.

Boy hatte ihn mit Vorwürfen und Beleidigungen überhäuft. Nachdem er die beiden Brüder und deren Gefährten mit seinem letzten Gelde von der Sklaverei losgekauft, sie in seinem Canot weggeschafft und – wenn auch sehr unzureichend – ernährt hatte, nachdem ihm soviel Rum und Rindfleisch zugesagt worden war, als er trinken und essen könnte, seinen erhofften Verdienst so verschwinden und sich gleich einem Diebe behandelt zu sehen, das entschuldigt wohl, wenn er darüber unwirsch wurde, und mancher Andere hätte es seinen Gefangenen viel theuerer vergelten lassen, wenn ihm so viele Hoffnungen zunichte wurden und er so viel Geld nutzlos ausgegeben hätte.

Trotzdem entschloß sich Boy, John an Bord der Brigg zurückzuführen. Kapitän Lake empfing den Reisenden ziemlich freundlich, erklärte aber mit aller Bestimmtheit, den König heimzusenden, ohne ihm einen Heller zu verabfolgen.

Dieser ahnte wohl denselben Ausgang; sein hochtrabendes Wesen hatte einem unterwürfigen, fast kriechenden Auftreten Platz gemacht. Man trug ihm ein reichliches Mahl auf, das er kaum berührte.

Trostlos über die Knickerei und das Mißtrauen des Kapitän Lake, suchte Richard Lander, der seinen eingegangenen Verpflichtungen unmöglich nachkommen konnte, alle seine Habseligkeiten durch, wobei er noch fünf silberne Armbänder und einen im Lande verfertigten Säbel, den er aus Yarriba mitgebracht, vorfand, und bot diese Gegenstände dem Könige Boy an, der sie vergnügt annahm.

Endlich ermannte sich der König, seine Reclamation bei dem Kapitän selbst einzubringen. Mit einer wahren Donnerstimme, die man aus diesem schwächlichen Körper kaum zu hören geglaubt hätte, rief dieser jedoch kurzweg:

»Ich will aber nicht!«

Er begleitete diese Worte mit einer solchen Fluth von Schwüren und Flüchen, daß der arme Boy den Rückzug antrat, und da er das Schiff segelfertig sah, eiligst in sein Canot zurückkehrte.

So endigte die Reise der Gebrüder Lander. Noch auf der Rhede liefen sie zwar Gefahr, unterzugehen, das sollte jedoch ihr letzter Unfall sein. Sie kamen nun glücklich nach Fernando-Po und nachher an den Calabarfluß; hier schifften sie sich auf der »Carnarvon« nach Rio de Janeiro ein, wo der Commandant der Flottillenstation, Admiral Baker, sie auf einem Transportschiff unterbrachte.

Am 9. Juni landeten sie in Portsmouth. Nachdem sie einen Reisebericht an Lord Goderich, den Secretär für das Departement der Kolonien, übermittelt, ließen sie es ihre erste Sorge sein, diesem auch das Benehmen des Kapitän Lake zu melden – ein Benehmen, welches das gute Vertrauen der englischen Regierung zu Jenem nicht blos erschütterte, sondern in das gerade Gegentheil umkehrte. Sofort erging der Befehl, die versprochenen Summen, als eine gerechte und begründete Forderung, auszuzahlen.

»So war also – wir thun wohl am besten, hier gleich das Urtheil eines befähigten Kenners, Desborough Cooley's, wiederzugeben, – das geographische Problem, welches Jahrhunderte lang die gelehrte Welt beschäftigt und zu so viel Muthmaßungen Veranlassung gegeben hatte, endgiltig und vollständig gelöst. Der Niger, oder wie ihn die Eingebornen nennen, der Djoliba oder Korra, verbindet sich nicht mit dem Nil, verliert sich nicht im Sande der Wüste oder im Gewässer des Tchadsees; er fällt in vielen Armen in den Ocean, an der Küste des Golfes von Guinea, und zwar an derjenigen Stelle der Küste, welche als Cap Formosa bekannt ist. Der Ruhm dieser, von der Wissenschaft allerdings vorausgeahnten Entdeckungen kommt voll und ganz den Gebrüdern Lander zu. Die weiten Landstrecken, durch welche sie von Yaouri bis zum Meere reisten, waren vor ihrem Zuge noch gänzlich unbekannt gewesen.«

Als Lander's Entdeckungen mit allen Einzelheiten in England bekannt wurden, traten mehrere Kaufleute zusammen, um die Naturschätze jener Länder auszubeuten. Sie rüsteten im Juli 1832 zwei Dampfschiffe, die »Korra« und die »Alburka«, aus, welche unter Führung Laird's, Oldfield's und Richerd Lander's den Niger bis Bocqua hinauffuhren. Die Erfolge dieser Expedition waren freilich sehr kläglicher Art. Mit den Eingebornen kam es zu gar keinen Handelsgeschäften und die Mannschaften wurden dazu noch durch das Fieber decimirt. Endlich erhielt auch Richard Lander, der wiederholt flußauf- und abwärtsgefahren war, am 27. Januar 1834 von den Eingebornen eine tödtliche Verwundung, der er am 5. Februar in Fernando Po erlag.

Bezüglich Afrikas haben wir nun blos noch die zahlreichen Forschungszüge anzudeuten, die längs des Nilthales unternommen wurden, und unter denen die Cailliaud's, Russeger's und Rüppel's die bemerkenswerthesten sein möchten.

Friedrich Cailliaud, geboren 1787 zu Nantes, war, nach dem er Holland, Italien, Sicilien, einen Theil von Griechenland und von der europäischen und asiatischen Türkei besucht, am 2. Mai 1815 als Edelsteinhändler nach Egypten gekommen. Seine geologischen und mineralischen Kenntnisse bereiteten ihm einen ausgezeichneten Empfang bei Mehemed Ali, der ihn sofort mit einer Forschungsreise längs des Nils und in die Wüste betraute.

Dieser erste Ausflug führte zur Entdeckung der Smaragdenminen bei Labarah, welche bereits arabische Autoren erwähnen, die aber schon seit Jahrhunderten aufgelassen sind. Cailliaud fand in Aushöhlungen eines Baumes die Lampen, Hebel, Seile und Instrumente wieder, welche den Arbeitern des Ptolemäus bei der Ausbeutung dieser Minen gedient hatten. In der Nähe jener Steingruben entdeckte der Reisende auch die Trümmer einer kleinen Stadt, aller Wahrscheinlichkeit nach die Wohnung früherer Bergleute. Um gegen seine Entdeckungen keinen Zweifel aufkommen zu lassen, sammelte Cailliaud zehn Pfund Smaragden, die er Mehemed Ali überbrachte.

Ein anderes Resultat der Reise des französischen Forschers war die Wiederauffindung der über Coptos und Berenice führenden Handelsstraße nach Indien.

Vom September 1819 bis Ausgang 1822 besuchte Cailliaud in Begleitung des früheren Midshipman Letorzec im Osten Egyptens alle bis dahin bekannten Oasen und folgte dem Laufe des Nils bis zum zehnten Breitengrade. Bei seiner ersten Fahrt bis Ouadi Oulsa gekommen, wählte Cailliaud diese Stelle als Ausgangspunkt für die zweite.

Ein zufälliger Umstand begünstigte seine Untersuchungen nicht wenig. Ismaïl Pascha, der Sohn Mehemed Ali's, hatte eben das Kommando einer Expedition nach Nubien übernommen, und diesem Heerführer schloß er sich an.

Von Daraou im November 1820 abreisend, kam Cailliaud am 5. Januar des folgenden Jahres nach Dongola und besuchte den Berg Barka in der Landschaft Chagui, wo sich eine Menge Ruinen von Tempeln, Pyramiden und anderen Bauwerken befanden.

Der Name Merawe, den man dieser Stadt beigelegt, hatte die Vermuthung entstehen lassen, daß man hier die alte Hauptstadt Aethiopiens vor sich habe; Cailliaud bewies das Irrthümliche dieser Ansicht.

Als Mineralog im Gefolge Ismaïl Paschas, um Goldminen aufzusuchen, kam der französische Forscher jenseits Berber bis Chendy. Mit Letorzec bestimmte er die geographische Lage der Einmündung der Atbara (in den Nil) und entdeckte in Assour, unweit des 17. Breitengrades, die umfänglichen Trümmer einer alten Stadt. Das war Meroë.

Zwischen dem 16. und 15. Grade weiter nach Süden ziehend, untersuchte Cailliaud die Einmündung des Bahr el Abiad oder weißen Nils, die Ruinen von Saba, die Mündung des Rahad, das alte Astosaba, besichtigte Sennaar, den Lauf des Gologo, den Bezirk Fazoele und den Tumat, einen Nebenfluß des Nils; endlich erreichte er mit Ismaïl Pascha die zwischen den beiden Armen des Stromes gelegene Landschaft Singue.

Von dieser Seite her war noch kein Reisender dem Aequator so nahe gekommen. Browne hatte unter 16° 10', Bruce unter 11° Halt gemacht.

Man verdankt Cailliaud und Letorzec viele Längen- und Breitenbestimmungen, genaue Beobachtungen über die Abweichungen der Magnetnadel, werthvolle Kunde über das Klima, die Temperatur und die Natur des Bodens und gleichzeitig eine höchst interessante Sammlung von Thieren und Pflanzen. Endlich nahmen Beide auch die Grundrisse der wichtigsten, jenseits des zweiten Katarakts gelegenen Bauwerke auf.

Vor diesen Entdeckungen hatten die beiden Franzosen schon einen Ausflug nach der Oase von Siwah unternommen. Gegen Ende des Jahres 1819 reisten sie von Fayum aus mit wenigen Begleitern ab und wandten sich nach der libyschen Wüste. Nach fünfzehn Tagen und nach einem Zusammenstoße mit Arabern, gelangten sie nach Siwah, maßen im Tempel des Jupiter Ammon alle einzelnen Theile und bestimmten, wie Browne, dessen astronomische Position. Diese Oase wurde kurz nachher das Ziel einer militärischen Expedition, während der Drovetti weitere, sehr werthvolle Nachrichten als Ergänzung der Resultate Cailliaud's und Letorzec's sammelte.

Von hier aus gingen sie nach der Oase von Falafre, welche noch kein Reisender vor ihnen besucht hatte, nach der von Dakel und nach Khargh, dem Hauptorte der Oase von Theben. Die während dieses Besuches niedergeschriebenen Beobachtungen wurden nach Frankreich an Jomard gesendet, der sie in einem Berichte unter dem Titel »Reise nach der Oase von Siwah« veröffentlichte.

Einige Jahre später verwendete Eduard Rüppel, geboren zu Frankfurt am Main 1794, der schon 1817 in Egypten bis zum ersten Wasserfalle des Nils vorgedrungen war, über sechs Jahre zur Erforschung von Nubien, Sennaar, Kordofan und Abyssinien und ging im Jahre 1824 längs des weißen Nils bis sechzig Meilen jenseits seiner Vereinigung hinauf.

Ein Oesterreicher endlich, der Bergverwalter Josef Russegger, geboren in Salzburg 1802, besuchte von 1836 bis 1838, den Unterlauf des Bahr el Abiad und leitete damit die ausgedehnten und erfolgreichen Untersuchungen ein, welche Mehemed Ali in den genannten Gegenden ausführen ließ.



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