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Erstes Capitel.
Das Morgenroth eines Jahrhunderts der Entdeckungen.

Verminderung der Zahl der Entdeckungen während der Kämpfe der Republik und des Kaiserreiches. – Seetzen's Reisen in Syrien und Palästina – Haouran und die Umschiffung des Todten Meeres. – Décapole. – Reise durch Arabien. – Burkhardt in Syrien. – Ausflüge in Nubien zu beiden Seiten des Nils. – Pilgerfahrt von Mekka nach Medina. – Die Engländer in Indien. – Weeb an den Quellen des Ganges. – Bericht über eine Reise in Pendschab – Christie und Pottinger in Sindh. – Dieselben auf dem Wege durch Belutschistan bis nach Persien. – Elphistone in Afghanistan. Persien nach Gardanne, Ad. Dupré, Morier, Macdonald. – Kinair, Price und Ouseley. – Guldenstädt und Klaproth im Kaukasus. – Lewis und Clarke in den Felsengebirgen. – Raffles in Sumatra und in Java.


Das Ende des 18. und der Anfang des 19. Jahrhunderts weisen eine auffallende Abnahme in der Zahl großer Entdeckungen auf. Wir haben früher gesehen, daß die französische Republik eine Expedition zur Aufsuchung La Pérouse's ausrüstete und Kapitän Baudin seine ergebnißreiche Kreuzfahrt an den Küsten Australiens durchführte. Das sind aber auch die einzigen Gelegenheiten, bei welchen die von den entfesselten Leidenschaften der Menge und durch brudermörderische Kämpfe gelähmte Regierung ihr Interesse für die Erweiterung der Erdkunde an den Tag zu legen vermochte.

Erst später umgab sich Bonaparte in Egypten mit einem Generalstabe von Gelehrten und hervorragenden Künstlern. Damals sammelte man auch die Unterlagen zu jenem großen und schönen Werke, das zum ersten Male eine verläßliche, freilich noch lückenhafte Vorstellung von der Civilisation des Landes der Pharaonen im Alterthum verbreitete. Nachdem aus Bonaparte aber erst Napoleon geworden war, wollte der souveräne Egoist, der seiner Leidenschaft, dem Moloch des Krieges, alles Andere opferte, von Forscherzügen, Reisen und anzustrebenden Entdeckungen nichts mehr hören; das hätte ihm ja Geld und Leute gekostet. Sein Verbrauch an letztern Beiden war schon zu groß, als daß er sich jenen geringen Aufwand noch hätte erlauben können.

Beweis dafür ist es, daß er sogar den letzten Rest des französischen Colonialgebietes in Amerika für einige Millionen den Vereinigten Staaten überließ.

Glücklicher Weise lastete diese Eisenfaust nicht ebenso schwer auf anderen Völkern. Beschäftigte sie auch der Kampf gegen Frankreich, so fanden sich bei ihnen doch noch Freiwillige, welche das Feld der Erdkunde bebauten, die Archäologie auf wirklich wissenschaftlichen Grundlagen errichteten und die ersten linguistischen und ethnographischen Forschungen anstellten.

Der gelehrte Geograph Malte-Brun (ein Däne von Geburt) schildert in einem Aufsatze, den er im Jahre 1817 in den » Nouvelles Annales des Voyages« veröffentlichte, eingehend und treffend den Stand des geographischen Wissens zu Anfang des 19. Jahrhunderts und die zahlreichen »frommen Wünsche« dieses Faches. Er hebt dabei die schon errungenen Fortschritte in der Schifffahrtskunde, der Astronomie und der Linguistik gebührend hervor. Weit entfernt, ihre Entdeckungen zu verheimlichen, wie die Hudsonbai-Compagnie das aus Eifersucht zu thun beliebte, begründet die Indische Compagnie dagegen Akademien, veröffentlicht sie Berichte und unterstützt die Reisenden. Selbst aus dem Kriege sucht man Nutzen zu ziehen, wie z. B. die französische Armee in Egypten das Material zu einem umfangreichen (geographischen) Werke sammelte. Wir werden später sehen, daß sich aller Völker bald ein löblicher Wetteifer bemächtigte.

Ein Land aber vor allen, Deutschland nämlich, war es, das sich zu Anfang des Jahrhunderts durch die wichtigen Entdeckungen seiner Reisenden auszeichnete. Seine ersten Forscher gehen mit so großer Sorgfalt zu Werke und bekunden einen so bestimmten Willen und ein so sicheres Vorgefühl, daß sie den Nachfolgern nur die Bestätigung, höchstens die Weiterführung ihrer Entdeckungen übrig lassen.

Als der Erste derselben ist Ulrich Jasper Seetzen zu betrachten. Geboren im Jahre 1767 zu Sophiengroden in der Herrschaft Jever (Ostfriesland), trat Seetzen, nach Vollendung seiner Studien in Göttingen, zuerst mit einigen Abhandlungen über Statistik und Naturwissenschaften, zu welchen ihn natürliche Neigung hinwies, an die Oeffentlichkeit. Diese Arbeiten erwarben ihm die Aufmerksamkeit der Regierung und veranlaßten seine Ernennung zum Hofrath in der Herrschaft Jever.

Seetzen's Zukunftstraum war, wie auch später der Burkhardt's, eine Reise in Inner-Afrika; er wollte jedoch mit einer Erforschung Palästinas und Syriens beginnen, Länder, auf welche die im Jahre 1805 in London gegründete » Palestine association« auch die öffentliche Aufmerksamkeit hinlenkte. Seetzen wartete diese Anregung nicht ab, sondern reiste, mit zahlreichen Empfehlungen versehen, schon 1802 nach Constantinopel ab.

So viele Pilger und Reisende das Heilige Land und Syrien auch früher durchstreift hatten, so besaß man doch nur sehr unzuverlässige Kundschaft von jenen Gebieten. Die physische Geographie stand noch auf einem zu niedrigen Standpunkte, eigentliche Beobachtungen wurden nicht angestellt, und manche Theile, wie der Libanon und das Todte Meer, waren überhaupt noch nicht erforscht worden. Die vergleichende Geographie existirte noch gar nicht. Es bedurfte der unablässigen Bemühungen der genannten englischen Gesellschaft und der tieferen Kenntnisse der Reisenden, sie in's Leben zu rufen. Der nach verschiedenen Seiten gründlich vorgebildete Seetzen erschien deshalb besonders befähigt, jenes Land zu durchforschen, das, so oft es bereist war, doch noch als neu und kaum bekannt gelten konnte.

Nachdem er durch ganz Anatolien gezogen, gelangte Seetzen im Mai 1804 nach Aleppo. Hier verweilte er, beschäftigt mit dem praktischen Studium der arabischen Sprache, ein ganzes Jahr, fertigte Auszüge aus den Werken der Historiker und Geographen des Morgenlandes, bestimmte astronomisch die Lage Aleppos, widmete sich naturgeschichtlichen Studien, sammelte alte Handschriften und übersetzte eine große Zahl von Volksliedern und Sagen, welche für die eingehende Kenntniß einer Nation ja stets von höchstem Werthe sind.

Im April 1805 reiste Seetzen von Aleppo nach Damaskus ab. Sein erster Zug führte ihn durch die im Südosten jener Stadt gelegenen Bezirke von Haouran und Djolan, welche bisher noch kein Reisender besucht hatte. Dieselben spielten übrigens zur Zeit der Römerherrschaft unter den Namen Auranitis und Gaulonitis in der Geschichte der Israeliten eine hervorragende Rolle. Seetzen war also der Erste, der ihre geographischen Verhältnisse kennen lehrte.

Weiter nahm der kühne Reisende den Libanon und Baalbeck in Augenschein, drang südlich über Damaskus vor, stieg nach Judäa hinab und erforschte den östlichen Theil von Hermon (d. i. der südlichste Theil des Anti-Libanon), den Jordan und das Todte Meer. Hier war der Sitz der zur Zeit der Juden wohl bekannten Völker, der Ammoniter, Moabiter, Galaditer, Bataneer u. a. m. Der südliche Theil dieser Gegend führte zur Zeit der Besitznahme durch die Römer den Namen Peräa, und hier bestand die berühmte Dekapolis, oder der Bund der zehn Städte. Noch hatte kein europäischer Reisender dieses Gebiet besucht; für Seetzen ein hinreichender Grund, hier seine eigentlichen gelehrten Forschungen zu beginnen.

Seine Freunde in Damaskus versuchten ihm zwar Reise zu verleiden, indem sie die Schwierigkeiten und Gefahren des von Beduinen stark besuchten Weges schilderten, doch vermochte nichts, seinen Vorsatz zu erschüttern. Bevor er sich nach der eigentlichen Dekapolis wandte und die Städte-Ruinen dieses Bundes aufsuchte, durchstreifte Seetzen das Ländchen Ladscha, das in Damaskus wegen der Beduinen, die es bewohnten, in sehr üblem, aber daneben auch in dem Rufe stand, wichtige Alterthümer zu bergen.

Am 12. December 1805 brach Seetzen, der sich vorsorglich mit einem Passe des Paschas versehen hatte, mit einem armenischen Führer von Damaskus auf; Letzterer verirrte sich aber schon am ersten Tage und Seetzen ließ sich durch einen bewaffneten Reiter von Dorf zu Dorf führen.

»Der Theil von Ladscha, den ich gesehen habe, sagt der Reisende in seinem, in den alten » Annales des Voyages« aufbewahrten Berichte, zeigt sich, wie Haouran, mit einem, meist sehr porösen Basalt erfüllt, der an manchen Stellen wirkliche Steinwüsten bildet. Die verfallenen Dörfer liegen gewöhnlich am Abhange von Felsen. Die schwarze Farbe der Basalte, die zusammengestürzten Häuser, Kirchen und Thürme, der gänzliche Mangel an Bäumen und Buschwerk – Alles verleiht diesen Gegenden ein düsteres, melancholisches Aussehen, das die Seele mit Grauen erfüllt. Fast in jedem Dorfe findet man entweder griechische Inschriften, Säulen oder andere Ueberreste aus dem Alterthum. (Ich habe unter Anderem eine Inschrift des Kaisers Marc Aurel copirt.) Die Thürflügel sind hier, wie in Haouran, gewöhnlich aus Basalt gefertigt.«

Kaum war Seetzen in dem Dorfe Gerata angekommen und pflegte einige Augenblicke der Ruhe, als ihm eine Anzahl Berittener ankündigte, daß sie beauftragt seien, ihn im Namen des Gouverneurs von Haouran zu verhaften. Ihr Herr, Omar Aga, hatte vernommen, daß der Reisende sich schon im vorhergehenden Jahre im Lande aufgehalten habe, und in der Meinung, daß jener falsche Pässe bei sich führe, befohlen, ihn vorzuführen.

An Widerstand war nicht zu denken. Ohne hierüber besonders zu erschrecken, zog Seetzen, der die ganze Sache nur als einen widrigen Zufall auffaßte, anderthalb Tage durch Haouran, bis er Omar Aga auf der Straße nach Mekka antraf.

Er wurde von diesem wider Erwarten gut empfangen und konnte schon am nächsten Tage wieder weiter reisen; das Zusammentreffen mit mehreren Arabertruppen auf der Straße aber, denen er nur durch seine unerschrockene Haltung Respect einflößte, bewies ihm doch, daß Omar Aga ihn wohl hatte ausplündern lassen wollen.

Nach Damaskus zurückgekehrt, hatte Seetzen große Mühe, einen Führer zu finden, der erbötig gewesen wäre, ihn längs des östlichen Ufers des Jordans und um das Todte Meer zu begleiten. Endlich erklärte sich ein gewisser Yusuf al Milky, von Religion ein Grieche, der schon seit dreißig Jahren mit den arabischen Stämmen Handel getrieben und die Gegenden, welche Seetzen besuchen wollte, durchreist hatte, bereit, auf dessen Wünsche einzugehen.

Am 19. Januar 1806 verließen die beiden Reisenden Damaskus. Als Gepäck führte Seetzen nur einige Bündel mit sich, welche die unentbehrlichsten Bücher, Papier zum Trocknen von Pflanzen und einen Vorrath von Droguen enthielten, den er, um als Arzt, für den man ihn überall hielt, zu gelten unbedingt besitzen mußte. Er trug dabei die Kleidung eines Scheikh zweiter Classe.

Seetzen durchforschte zuerst die beiden Districte von Rascheia und Hasbeia, am Fuße des Berges Hermon, dessen Gipfel damals mit Schnee bedeckt erschien, weil jene von ganz Syrien noch am wenigsten bekannt waren.

An der anderen Seite des genannten Berges besuchte der Reisende zunächst Ascha, ein von Drusen bewohntes Dorf; Rascheia, die Residenz eines Emirs, und Hasbeia, wo er bei dem gelehrten Bischof von Szur oder Sceida, an den er einen Empfehlungsbrief besaß, einkehrte. Am meisten erregte die Aufmerksamkeit des Reisenden in diesem Lande eine Asphaltgrube, »deren Product man hier dazu benutzte, die Weinberge vor Insecten zu schützen«.

Von Hasbeia wandte sich Seetzen nach Baniaß, dem alten Cäsarea Philippi, jetzt ein elender Flecken von zwanzig Hütten. Fanden sich auch noch Spuren der Umfassungsmauern der ehemaligen Stadt, so war doch nicht das Geringste mehr von dem prächtigen Tempel übrig, den Herodes einst zu Ehren des Augustus errichten ließ.

Der Fluß Baniaß galt bei den Alten als Quelle des Jordan, während der Hasbeny, als weitaus längster Arm jenes Stromes, diesen Namen gewiß weit eher verdient. Seetzen nahm diesen in Augenschein, gleich wie den See Meron oder Samachonitis der Alten.

Hier verließen ihn gleichzeitig seine Maulthiertreiber, die ihm um nichts in der Welt bis zur Brücke von Dschir Behat Jacub gefolgt wären, und sein Führer Yusuf, den er auf der Hauptstraße nach Tiberias schickte, um dort zu warten, während er zu Fuß und in Begleitung eines einzigen Arabers nach der gefürchteten Brücke zu aufbrach.

In Dschir Behat Jacub konnte Seetzen aber Niemand finden, der ihn am östlichen Ufer des Jordan hätte führen sollen, als ein Eingeborner, welcher gehört hatte, daß Jener Arzt sei, ihn bat, seinen an Ophtalmie leidenden, an der Westküste des Tiberiassees wohnenden Scheikh zu besuchen.

Seetzen ließ sich diese Gelegenheit nicht entgehen, sondern willigte sofort ein, denn sie gestattete ihm den Tiberiassee und den Fluß Wady Szemmak kennen zu lernen, obwohl er dabei Gefahr lief, von seinem Führer geplündert, vielleicht am Ende gar ermordet zu werden. Endlich kam er aber glücklich in Tiberias, dem Tabaria der Araber, an, wo Yusuf ihn schon seit mehreren Tagen erwartete.

»Die Stadt Tiberias, sagt Seetzen, liegt unmittelbar am Ufer des gleichnamigen Sees und ist nach der Landseite zu von einer ansehnlichen Mauer aus behauenem Basalt umschlossen; dennoch verdient sie kaum den Namen einer befestigten Stadt. Kaum irgendwo zeigt sich eine Spur ihres früheren Glanzes, dagegen erkennt man noch die Ruinen der alten Stadt, die sich bis zu den, eine Stunde weiter östlich gelegenen warmen Bädern erstrecken. Der berühmte Djezar Pascha hat über der Hauptquelle einen Badesaal errichten lassen. Lägen diese Bäder in Europa, so würden sie wahrscheinlich vor vielen, daselbst bekannten vorgezogen werden. Das Thal, in welchem der See liegt, begünstigt durch die Concentration der Wärme das Gedeihen der Datteln, Citronen- und Orangenbäume, sowie der Indigopflanze, während das höher gelegene Land die Erzeugnisse der gemäßigten Klimate liefern könnte.«

Westlich von der Südspitze des Sees findet man die Trümmer der alten Stadt Tarichäa. Hier beginnt zwischen zwei Bergzügen die schöne Ebene El Ghor, leider wenig angebaut und durch nomadisirende Araber unsicher gemacht.

Ohne bemerkenswerthen Zwischenfall setzte Seetzen seine Reise durch das Gebiet der Dekapolis weiter fort, nur mußte er sich als Bettler verkleiden, um der Habgier der Eingebornen zu entgehen.

»Ueber das Hemd, so berichtet er, zog ich einen alten Kambas oder Hausrock und darüber ein altes zerrissenes blaues Frauenhemd; den Kopf bedeckte ich mit einem Fetzen und trug ganz abgenutzte Pantoffeln an den Füßen. Ein zerlumpter, über die Schultern geworfener »Abbaje« schützte mich gegen Kälte und Regen, und ein Zweig diente mir als Stock. Mein Führer, ein griechischer Christ, trug ziemlich das nämliche Costüm, und in diesem Aufzuge durchwanderten wir zehn volle Tage das Land, oft aufgehalten durch kalte Regenschauer, welche uns bis auf die Haut durchnäßten. Einen ganzen Tag über mußte ich sogar barfuß durch den Schmutz waten, da es unmöglich war, mit Pantoffeln auf dem lehmigen und von Regen durchweichten Boden fortzukommen.«

Draa, das man unfern von hier antrifft, ist nur ein Haufen verlassener Ruinen, ohne eine Spur der Baudenkmäler, denen es früher seine Berühmtheit verdankte.

Der Bezirk von El Botthin, der hierauf folgt, enthält mehrere Tausend, im Felsen ausgearbeitete Höhlen, in welchen dessen frühere Bewohner hausten; doch war das auch zu Seetzen's Zeiten zum großen Theile noch der Fall.

Mkes war ehemals eine reiche und bedeutende Stadt, worauf noch die zahlreichen Reste von Säulengängen und Grabdenkmälern hinweisen. Seetzen hält dasselbe für identisch mit Gadara, einer der Städte zweiter Classe im Bunde der Dekapolis.

Wenige Stunden von hier liegen die Ruinen von Abil, dem Abila der Alten. Seetzen vermochte seinen Führer Aoser nicht zu bestimmen, mit dahin zu gehen, da jenen mancherlei über die Araber von Beni Spohar umlaufende Gerüchte zu sehr erschreckten. Er mußte also allein dahin wandern.

»Abil ist gänzlich zerstört und verlassen, berichtet der Reisende; von keinem Hause steht heut' ein Stein auf dem andern, aber die Ruinen und Trümmer verrathen noch den früheren Glanz. Man findet hier schöne Ueberreste der alten Umfassungsmauer und eine Menge Wölbungen und Säulen aus Marmor, Basalt und grauem Granit. Außerhalb der Mauern entdeckte ich viele Säulen, darunter zwei von außerordentlicher Größe, was die Vermuthung nahe legt, daß hier ein umfangreicher Tempel gestanden haben möge.«

Von dem Bezirk von El Botthin aus besuchte Seetzen den von Edschlun. Hier fand er bald die Ruinen von Dscherrasch, welche sogar den Vergleich mit denen von Palmyra und Baalbek aushalten.

»Es erscheint ganz unerklärlich, sagt Seetzen, wie diese früher so berühmte Stadt der Aufmerksamkeit der Alterthumsforscher und Liebhaber hat entgehen können. Sie liegt in einer fruchtbaren und gut bewässerten Ebene. Bevor ich jene betrat, fielen mir mehrere Sarkophage mit recht schönen Basreliefs in die Augen, darunter einer dicht am Wege mit griechischer Inschrift. Die Mauern der Stadt sind zwar völlig verfallen, doch erkennt man noch ihre Ausdehnung, welche drei Viertel bis eine Meile betragen haben mag. Die Mauern selbst bestanden durchweg aus behauenem Marmor. Der Raum innerhalb derselben ist uneben und senkt sich nach einem Flusse zu. Von Privathäusern ist kein einziges erhalten, dagegen fand ich noch mehrere öffentliche Gebäude, welche sich durch sehr schöne Architektur auszeichneten; unter anderen zwei prächtige Amphitheater, vollständig aus Marmor, mit vielen Säulen, Nischen und dergleichen. Alles noch wohl erhalten, einige Paläste und drei Tempel, davon einen mit einem Peristyl aus zwölf Säulen von korintischer Ordnung, von denen elf noch aufrecht standen. In einem andern Tempel fand sich eine umgestürzte Säule aus dem schönsten egyptischen Granit. Ich entdeckte auch noch ein recht gut erhaltenes Stadtthor, aus drei mit Pilastern geschmückten Bogen bestehend. Das schönste Baudenkmal, welches ich jedoch fand, war eine lange, von einer anderen gekreuzte Straße, deren beide Seiten je eine Reihe korinthischer Säulen aus Marmor zierte, und welche in der Richtung nach einem halbkreisförmigen, von sechzig jonischen Säulen eingefaßten Platze lief … Am Kreuzungspunkte der beiden Straßen bemerkte man an den vier daselbst gebildeten Ecken je ein großes Piedestal von bearbeiteten Steinen, die früher offenbar Statuen getragen haben … Noch erkennt man einen Theil des früheren Pflasters aus großen, zugeschnittenen Steinen. Ich zählte etwa zweihundert Säulen, welche noch heute ihr Simswerk trugen; die Zahl der am Boden liegenden ist freilich eine weit größere, denn ich sah eigentlich nur die Hälfte der Stadt, und es dürfte sich wohl in der andern Hälfte, jenseits des Flusses, noch eine Menge merkwürdiger Alterthümer finden.«

Nach Seetzen's Ansicht kann Dscherrasch nur das alte Gerasa sein, eine Stadt, deren Lage in den Karten bis dahin stets unsicher bezeichnet war.

Der Reisende zog hierauf nach Serka, den Bezirk Jabok der hebräischen Geschichtsschreiber, der die Nordgrenze des Landes der Ammoniter bildet, und weiter durch El Belka, ein ehemals blühendes Land, das jetzt vollkommen verwildert und öde liegt, und in dem man nur einen einzigen Flecken, Szalt, das alte Amathusa, findet. Seetzen besuchte ferner Amman, ehedem das berühmte Philadelphia der zehn Städte, noch jetzt ein Fundort seltener Alterthümer; Eleala, eine alte Stadt der Amoriter; Madaba, das zu Moses Zeiten Madba hieß; den Berg Nebo, Tiban, die Landschaft von Karrak, die Heimat der Moabiter; die Ruinen von Robba (Rabbath), der Sitz der früheren Könige des Landes, und er gelangte so nach vielen Mühen und Beschwerden durch ein bergerfülltes Gebiet nach der am Südende des Todten Meeres gelegenen Gegend, welche Gor es Szophia genannt wird.

Unter starker Hitze mußte der Reisende über ausgedehnte Salzwüsten ziehen, welche jeder Bewässerung entbehrten. Am 6. April gelangte Seetzen dann nach Bethlehem und bald darauf nach Jerusalem, gepeinigt zwar von den Qualen entsetzlichen Durstes, aber mit der Befriedigung, Landschaften kennen gelernt zu haben, die noch kein Reisender vor ihm betreten hatte.

Gleichzeitig sammelte er schätzbare Beobachtungen über die Natur des Wassers im Todten Meere, widerlegte so manche darüber verbreitete Fabel, verbesserte verschiedene Irrthümer in den sonst besten Kartenwerken, identificirte mehrere heutige Städte mit solchen des alten Peräa und bestätigte das Vorhandensein zahlreicher Ruinen, welche für den blühenden Zustand dieser Gegend zur Zeit der Römerherrschaft Zeugniß ablegen. Am 25. Juni verließ Seetzen Jerusalem und kehrte auf dem Meere nach Akka (St. Jean d'Acre) zurück.

»Diese Reise bildet einen wirklichen Entdeckungszug,« sagt Vivien de St. Martin in einem Artikel der » Revue Germanique« von 1858.

Seetzen wollte seine Entdeckungen jedoch nicht lückenhaft lassen. Zehn Monate später unternahm er eine zweite Reise um den Asphaltsee und vervollständigte seine früheren Beobachtungen nach vielen Seiten hin.

Später ging der Reisende nach Kairo, wo er zwei volle Jahre verweilte. Ebenda erwarb er die größte Zahl orientalischer Handschriften, welche den Reichthum der Bibliothek von Gotha bilden, und sammelte alle möglichen Nachrichten über das Innere des Landes, von denen er, durch vortrefflichen Instinct geleitet, aber nur diejenigen aufbewahrte, welche die Kennzeichen fast absoluter Verläßlichkeit an sich trugen.

Diese verhältnißmäßige Ruhe, so weit sie auch von eigentlicher Unthätigkeit entfernt war, konnte doch Seetzen's unersättlichen Durst nach weiteren Entdeckungen nicht lange unterdrücken. Im April 1809 verließ er die Hauptstadt Egyptens und begab sich nach Suez und der Halbinsel des Sinai, den er näher besichtigen wollte, bevor er in Arabien eindrang. Im Ganzen sehr wenig bekannt, war Arabien bisher nur von Kaufleuten aus St. Malo besucht worden, die dahin kamen, um »die Bohne von Mekka« einzukaufen. Bis zu Niebuhr's Zeit wurde auch keine wissenschaftliche Expedition ausgesendet, um die Geographie des Landes und die Sitten der Einwohner desselben zu studiren.

Professor Niebuhr, dem zur Erklärung mehrerer Bibelstellen einige Unterlagen fehlten, war die Veranlassung zu dieser Expedition, deren Kosten König Friedrich V. von Dänemark bestritt.

Bestehend aus dem Mathematiker von Haven, dem Naturforscher Forskaal, dem Arzte Doctor Kramer, dem Maler Bauernfeind und dem Genie-Officier Niebuhr, erfüllte diese Gesellschaft strebsamer, gelehrter Männer die auf sie gerichteten Hoffnungen in wahrhaft glänzender Weise.

Von 1762 bis 1764 besuchten sie Egypten, den Berg Sinaï, Djedda, segelten nach Loheia und drangen in das Innere des Glücklichen Arabiens ein, wobei Jeder das Land vom Gesichtspunkte seines Faches aus erforschte. Anstrengungen und Krankheiten lähmten aber die Kräfte der unerschrockenen Reisenden, und bald war Niebuhr nur allein übrig, die von ihm und seinen Gefährten gesammelten Beobachtungen zu ordnen und zu verwerten. Seine Arbeit stellt eine unerforschliche Fundgrube dar, die man noch heute mit Vortheil ausbeutet.

Man sieht, daß es Seetzen nicht leicht gemacht war, diese Reise seines Vorgängers in Schatten zu stellen. Zur Erreichung dieses Zieles wich er vor keinem Mittel zurück. Nachdem er sich am 21. Juni öffentlich zum Islam bekannt, schiffte er sich in Suez nach Mekka ein, in welcher Stadt er als Pilger Eintritt zu erlangen hoffte. Vor seinem Einzug in die heilige Stadt kam er noch nach Tor und Djedda. Er erstaunte übrigens gewaltig über den Zufluß von Gläubigen und den Charakter dieser Stadt, die für den und von dem Cultus lebte.

»Das Ganze, sagt der Reisende, erregte in mir eine so ungewohnte Empfindung, wie ich sie nirgends vorher kennen gelernt hatte.«

Es wäre zwecklos, uns bei dieser Reise und bei dem Ausfluge nach Medina länger aufzuhalten. Wir entlehnen später die Beschreibung der heiligen Orte der knappen und trefflichen Schilderung Burkhardt's. Dazu besaß man lange Zeit von den Arbeiten Seetzen's nur die in den » Annales des Voyages« und in der »Correspondenz« des Barons Zach enthaltenen Auszüge. Erst im Jahre 1858 wurden die Reisetagebücher Seetzen's, und auch da noch lückenhaft, in deutscher Sprache veröffentlicht.

Von Medina kehrte der Reisende nach Mekka zurück, wo er sich eifrig, doch ohne Aufsehen, damit beschäftigte, die Stadt selbst und die Ceremonien des Cultus kennen zu lernen, auch die nöthigen astronomischen Beobachtungen anstellte, um die Lage dieser Hauptstadt des Islams genau zu bestimmen.

Am 23. März 1810 traf Seetzen wieder in Djedda ein und ging von hier aus mit dem Araber, der ihm noch in Mekka als Religionslehrer gedient hatte, zu Schiffe nach Hodeida, einem der bedeutendsten Häfen von Yemen. Nachdem er durch Beith el Fakih, einen Bergdistrict, in dem viel Kaffee gebaut wird, gekommen, und in Doran durch Krankheit nahezu einen Monat zurückgehalten worden war, erreichte Seetzen am 2. Juni Saana, die Hauptstadt von Yemen, die er die schönste Stadt des Morgenlandes nennt. Am 22. Juli reiste er wieder nach Aden und traf im November in Mekka ein, von wo aus man die letzten Briefe von ihm erhalten hat. Nach Yemen zurückgekehrt, wurde er wie Niebuhr seiner Sammlungen und Gepäcksstücke unter dem Vorwande beraubt, daß er Thiere sammle, um daraus einen Extract zur Vergiftung der Quellen zu bereiten.

Seetzen wollte sich aber nicht widerspruchslos berauben lassen, er begab sich auf der Stelle nach Saana, wo er bei dem Iman seine Reclamation anzubringen hoffte. Das war im December 1811. Wenige Tage später verbreitete sich das Gerücht von seinem in Taes eingetretenen Tode und kam bald zu den Ohren der Europäer, welche die arabischen Häfen besuchten.

Es ist heute ohne Bedeutung, zu fragen, wem die Schuld seines Todes beizumessen sei, ob dem Iman, oder Denen, die den Forscher ausplünderten; zu bedauern ist es aber, daß ein so gelehrter Reisender, der sich schon in die Sitten und Gebräuche der Araber eingelebt hatte, seine Forschungen nicht weiter fortsetzen konnte und daß der größte Theil seiner Tagebücher und Beobachtungen für immer verloren gegangen ist.

»Seetzen, sagt Vivien de Saint Martin, war seit Ludovico Barthema (1503) der erste Reisende, der bis Mekka gelangte und die, dem Grabe des Propheten geweihte Stadt Medina gesehen hat.«

Es erhellt daraus, welchen Werth der Bericht dieses unparteiischen, kenntnißreichen und wahrheitsliebenden Reisenden hätte haben müssen.

Eben als ein unerwarteter Tod dem Streben Seetzen's ein Ziel setzte, folgte Burkhardt seiner Fährte und bereitete sich, wie Jener, durch einige Züge in Syrien zu einer weit ausgedehnten und eingehenden Erforschung Arabiens vor.

»Es ist eine Seltenheit in der Geschichte der Wissenschaft, bemerkt Vivien de Saint Martin, zwei Männer von gleich hohem Werthe einander folgen, oder sich gewissermaßen ergänzen zu sehen. Burkhardt schlug nämlich häufig den von Seetzen früher eröffneten Weg ein, und es gelang ihm, lange Zeit durch besonders glückliche Umstände begünstigt, sehr verschiedenartige Züge auszuführen und den schon bekannten Entdeckungen seines Vorgängers manche wichtige und neue hinzufügen.«

Obgleich Burkhardt nicht eigentlich Engländer ist, da seine Wiege in Lausanne stand, so ist er doch unbedingt den Reisenden Großbritanniens zuzurechnen, denn er verdankt es nur seinen Beziehungen zu Sir Josef Banks, dem Naturforscher und Begleiter Cook's, dem Grafen Hamilton, Secretär der Afrikanischen Gesellschaft, und der warmen Empfehlung dieser Beiden, daß er in den Stand gesetzt wurde, mit Nutzen zu reisen.

Nach eingehenden Studien, zuerst an den Universitäten zu Leipzig und Göttingen, wo er Blumenbach's Vorlesungen hörte, und später in Cambridge, wo er die arabische Sprache lernte, schiffte sich Burkhardt am 24. Februar 1809 nach dem Orient, und zwar zunächst nach Malta ein. Als Vorbereitung auf die Beschwerden des Lebens eines Reisenden unterzog er sich freiwillig längerem Fasten, ertrug auch den brennendsten Durst und nahm Londoner Pflastersteine als Kopfkissen oder schlief gleich im Staube der Straße.

Um wieviel blieben aber diese knabenhaften Uebungen im Entbehren gegen die Anforderungen zurück, welche an ihn als begeisterten Jünger der Wissenschaft herantraten?

Von London nach Syrien abgereist, wo er sich in der arabischen Sprache vervollkommnen wollte, dachte Burkhardt sich sofort nach Kairo zu begeben, und auf dem früher von Hornemann eingeschlagenen Wege nach Fezzan vorzudringen. Wenn er hierher gekommen, wollte er den Umständen überlassen, zu bestimmen, welchem Wege er weiter folgen sollte.

Burkhardt nahm nun den Namen eines Scheich Ibrahim Ibn Abdallah an und gab sich für einen indischen Muselman aus. Um seine Verkleidung glaubhaft erscheinen zu lassen, mußte er wiederholt zur List seine Zuflucht nehmen. Eine nekrologische Notiz in den Annales des Voyages meldet, daß Burkhardt, als man ihn ersucht hatte, indisch zu sprechen, ohne Zögern deutsch gesprochen habe. Ein italienischer Dolmetscher, der ihn im Verdacht hatte, ein Giaur zu sein, ging so weit, ihn am Barte zu zupfen, eine Beleidigung, wie man sie schwerer einem Muselman nicht anthun kann. Burkhardt war so mit Fleisch und Bein in seiner Rolle aufgegangen, daß er auf der Stelle mit einem gewaltigen Faustschlag antwortete, der den verwegenen Dolmetscher zehn Schritte weit hintaumeln ließ, die Lacher auf seine Seite brachte und sie von seiner Echtheit überzeugte.

Vom September 1809 bis zum Februar 1812 verweilte Burkhardt in Aleppo und unterbrach seine Studien der Sprache und Sitten Syriens nur durch eine zehnmonatliche Reise nach Damaskus, Palmyra und nach Haouran – das Land, welches vor ihm nur Seetzen allein besichtigt hatte.

Es wird erzählt, daß Burkhardt bei einem Ausfluge nach Zor, einem nördlich von Aleppo, am Ufer des Euphrat gelegenen Districte, des Gepäcks und der Kleider beraubt wurde. Es blieb ihm nur noch seine Hose übrig, als ihm die Frau eines Anführers, die keinen Beuteantheil bekommen hatte, auch noch dieses unentbehrliche Kleidungsstück wegnehmen wollte.

»Diese Züge, heißt es in der » Revue Germanique«, lieferten eine Menge Nachrichten über Länder, von denen man außer den unvollständigen Mittheilungen Seetzen's keinerlei Kenntniß besaß. Selbst in häufiger besuchten Gegenden wußte Burkhardt's Beobachtungstalent viel interessante Einzelheiten aufzufinden, die dem gewöhnlichen Reisenden meist entgehen … Dieses werthvolle Material gab später der Oberst Martin William Bake heraus, der sich auch selbst als Reisender, kenntnißreicher Geograph und tiefgebildeter Gelehrter auszeichnete.«

Burkhardt hatte Palmyra und Baalbeck, den Abhang des Libanon, das Thal des Orontes, den See Hhuleh und die Quellen des Jordan in Augenschein genommen und dabei zuerst über eine große Anzahl alter Städte berichtet. Seinen Hinweisungen verdanken wir die sichere Bestimmung der Lage des berühmten Apamäa, obwohl er selbst und sein Herausgeber sich über die Bedeutung ihrer eigenen Angaben getäuscht hatten. Endlich sind seine Züge durch Auranitis, selbst nach denen Seetzen's, allseitig reich an geographischen und archäologischen Nachrichten, welche den heutigen Zustand des Landes kennen lehren und helle Streiflichter auf die vergleichende Geographie aller Epochen werfen.

Im Jahre 1812 verließ Burkhardt Damaskus, besuchte das Todte Meer, das Thal von Acaba und den alten Hafen Aziongaber, lauter Gegenden, welche heutzutage ganze Gesellschaften von Engländern, den Murray, Cook oder Bädeker in der Hand, durchstreifen, in die man sich aber damals nur mit Lebensgefahr wagen durfte. In einem Seitenthale entdeckte der Reisende die umfänglichen Ruinen von Peträa, der alten Hauptstadt des Steinichten Arabiens, wieder.

Gegen Ende des Jahres befand sich Burkhardt in Kairo. Es schien ihm nicht an der Zeit, sich der eben nach Fezzan ziehenden Karawane anzuschließen. Dagegen zog es ihn weit mehr nach Nubien, als dem für den Geschichtsschreiber, Geographen und Archäologen weit merkwürdigeren Lande. Seit dem Portugiesen Alvares war diese Wiege der egyptischen Cultur nur von den Franzosen Poncet und Lenoir Duroule, gegen Ende des 17. und zu Anfang des 18. Jahrhunderts, besucht worden, ferner von Bruce, dessen Bericht so vielfach angezweifelt worden ist, und endlich von Norden, der aber über Derr nicht hinauskam.

Im Jahre 1813 durchforschte Burkhardt das eigentliche Nubien, das Gebiet von Kennour und Mohaß. Dieser Ausflug kostete ihm nur zweiundvierzig Francs, freilich eine bescheidene Summe im Vergleiche zu dem Aufwand, den jetzt die kürzesten Reisen in Afrika verursachen. Burkhardt wußte sich aber auch als Mahlzeit mit einer Handvoll Dourrah (Hirse) zu begnügen, und seine ganze Begleitung bestand aus zwei Dromedaren.

Gleichzeitig mit ihm durchstreiften das Land zwei Engländer, die Herren Leph und Swelt, die ihren Weg mit Gold und Geschenken bestreuten und ihren Nachfolgern alle späteren Unternehmungen wesentlich vertheuerten.

Burkhardt überschritt die Katarakten des Nils.

»Unfern von hier, heißt es in dem Berichte, nahe einer Ortschaft mit Namen Djebel Lamule, haben die arabischen Führer die Gewohnheit, von dem, den sie geleiten, eine Extrabelohnung zu beanspruchen. Sie verfahren dabei wie folgt: sie machen Halt, steigen zur Erde herab und errichten aus Sand und Kieselsteinen einen kleinen Haufen, ähnlich dem, den die Nubier auf den Gräbern anzubringen pflegen, das nennen sie »das Grab des Reisenden herstellen«. An diese Demonstration schließt sich eine ziemlich ungestüme Forderung. Als Burkhardt seinen Führer diese Arbeit vornehmen sah, that er ganz ruhig das Gleiche. Dann wendete er sich an jenen mit den Worten: »Hier ist auch Dein Grab und da wir Brüder sind, ist es nicht mehr als billig, daß wir zusammen unter die Erde gebracht werden!« Der Araber mußte unwillkürlich lachen; dann zerstörte man gegenseitig die unheimlichen kleinen Hügel und bestieg in ungestörter Freundschaft die Kameele wieder. Der Araber citirte einen Vers aus dem Koran, welcher sagt: »Kein Sterblicher weiß, wo ihm einst seine Ruhestätte gegraben wird.«

Burkhardt wäre auch gerne nach Dongolah vorgedrungen, er mußte sich aber damit begnügen, verschiedene, übrigens sehr interessante Mittheilungen über das Land und über die Mameluken zu sammeln, die sich nach dem Blutbade jener mächtigen Miliz, der Arnauten, damals die Werkzeuge des Paschas von Egypten, geflüchtet hatten.

Ruinen von Tempeln und alten Städten veranlaßten den Reisenden, wiederholt Halt zu machen; unter diesen gab es keine merkwürdigeren, als die von Ibsambul.

»Vor dem Tempel, so lautet sein Bericht, der unmittelbar am Ufer des Stromes (des Nils) liegt, stehen sechs kolossale Figuren, die vom Boden bis zu den Knieen sechseinhalb Fuß messen; sie stellen Isis und Osiris in verschiedenen Lagen vor … Alle Mauern und Säulenköpfe sind mit Malereien oder hieroglyphischen Skulpturen bedeckt, aus deren Styl Burkhardt auf ein sehr hohes Alter derselben schließt. Alles ist aus dem natürlichen Felsen gemeiselt. Die Gesichter scheinen gelb, die Haare der Figuren schwarz gefärbt zu sein. Gegen zweihundert Yards von diesem Tempel entfernt, findet man die Reste eines noch riesigeren Monumentes; es besteht aus vier ungeheuren, fast ganz im Sande vergrabenen Figuren, so daß man nicht unterscheiden kann, ob diese eine stehende oder sitzende Lage haben …«

Wozu sollen wir uns aber bei den Beschreibungen von Denkmälern aufhalten, welche heutzutage genau bekannt, gemessen, gezeichnet, meist auch, photographirt sind? Die Reiseberichte aus jener Zeit bieten ja eigentlich nur das Interesse, den Zustand von Ruinen zu schildern und die Veränderungen beurtheilen zu können, welche der Vandalismus der Araber später hervorgebracht hat.

Die von Burkhardt bei diesem ersten Ausfluge durchreiste Strecke umfaßt nur die Uferlandschaften des Nils, also einen sehr schmalen Streifen, und eine Reihe kleiner Thäler, welche sich nach dem Strome zu öffnen. Er schätzt die Bevölkerung dieses Gebietes auf etwa 100.000 Menschen, die auf einem culturfähigen Erdstreifen von vierhundertfünfzig Meilen Länge und einer Viertelmeile Breite zerstreut wohnen.

»Die Männer hier sind sehr wohl gebaut, stark und muskelkräftig, an Wuchs den Egyptern etwas nachstehend, und ohne Backen- oder Schnurrbart, nur mit einem Anflug von Flaum unter dem Kinn. Ihr Gesicht besitzt einen angenehmen Ausdruck, und sie übertreffen die Egypter entschieden an Muth und Intelligenz. Neugierig und gern über Alles fragend, kennen sie doch den Diebstahl nicht. Zuweilen sammeln sie durch fleißige Arbeit in Egypten, ein kleines Vermögen, dagegen mangelt es ihnen völlig an Handels- und Unternehmungsgeist. Die Frauen theilen jene körperlichen Vorzüge; es giebt darunter recht hübsche und alle sind gutgebaut; ihre Züge sind sehr zart und von wohlthuendem züchtigen Ausdruck.

Denon hat die Nubier offenbar zu gering geschätzt, wenn auch zuzugeben ist, daß ihre Natur von Bezirk zu Bezirk wechselt; da, wo das anbaufähige Terrain von größerer Breite ist, scheinen sie meist wohlgebildet, während in den Gegenden, wo der fruchtbare Boden sich auf einen schmalen Landstrich beschränkt, die Einwohner kraftloser erscheinen und manchmal wirklich wandelnden Skeleten gleichen.«

Das Land seufzte unter dem despotischen Joche der Kachefs, der Abkömmlinge eines Anführers der Bosniaken, die an Egypten nur einen bedeutenden jährlichen Tribut entrichten. Dennoch dient derselbe ihnen zum Vorwand, die unglücklichen Fellahs auf jede Weise zu unterdrücken. Burkhardt erzählt ein Beispiel von der frechen Rücksichtslosigkeit, mit der die Kachefs bei ihren Razzias verfahren.

»Hassan Kachef, sagte er, brauchte Hafer für seine Pferde; er geht deshalb, von vielen Sklaven begleitet, durch die Felder; bei einem hübschen Stück Hafer trifft er den Eigenthümer desselben.

»Ihr benutzt Euer Feld sehr schlecht, herrscht er diesen an: Ihr besäet das Feld mit Hafer, wo Ihr vortreffliche Wassermelonen erbauen könntet, welche den doppelten Ertrag liefern würden. Nun, hier habt Ihr Melonenkerne (er giebt dabei dem Bauer eine Handvoll), säet sie auf Euer Feld, und Ihr Sklaven, mäht diesen gewöhnlichen Hafer ab und schafft ihn zu mir.«

Nachdem er bis zum März 1814 der Ruhe gepflegt, unternahm Burkhardt einen neuen Zug, diesmal aber nicht längs der Ufer des Nils, sondern in die eigentliche nubische Wüste. Da er wußte, daß die Armuth die wirksamste Leibwache bildet, schickte der vorsichtige Reisende seinen Diener zurück, verkaufte sein Kameel und schloß sich, nur einen Esel mit sich führend, einer Karawane kleinerer Kaufleute an.

Die Karawane brach nach Daru, einem zur Hälfte von Fellahs, zur Hälfte von Ababden bewohnten Dorfe auf. Ueber die Ersteren hatte der Reisende bittere Klage zu führen, nicht weil sie ihn als Europäer erkannt hätten, sondern weil sie ihn im Gegentheil für einen Türken aus Syrien ansahen, der in der Absicht gekommen wäre, ihnen einen Theil des Sklavenhandels, dessen Monopol sie gewissermaßen besaßen, zu entreißen.

Es wäre nutzlos, hier die Namen der Brunnen, Hügel und Thäler jener Wüsten aufzuzählen. Wir ziehen es vor, nach dem Berichte des Reisenden die physikalischen Verhältnisse der Gegend zu schildern.

Bruce, der hier gewesen war, malt dieselbe mit zu düsteren Farben und übertreibt, um seine Verdienste mehr hervorzuheben, auch die Schwierigkeiten des Weges. Wenn man Burkhardt Glauben schenkt, so wäre dieser sogar minder trostlos, als der Weg von Aleppo nach Bagdad, oder von Damaskus nach Medina. Die nubische Wüste besteht keineswegs aus einer grenzenlosen Sandsteppe, deren tödtliches Einerlei nirgends unterbrochen scheint. Sie enthält da und dort sogar Felsen, manchmal von zwei- bis dreihundert Fuß Höhe, und wohl auch von ausgedehnten Doums- oder Akazienhainen beschattet. Die so durchsichtige Belaubung dieser Bäume bietet freilich nur einen trügerischen Schutz gegen die fast lothrechten Strahlen der Sonne. Daher auch das arabische Sprichwort: »Rechnen auf den Schutz eines Großen und auf den Schatten der Akazie.«

In Ankheyre oder Uadù Berber erreichte die Karawane den Nil, nachdem sie über Schiggre gezogen, wo sich inmitten der Berge die schönsten Quellen finden. Die einzige mit einem Zuge durch diese Wüste verbundene Gefahr liegt darin, den Brunnen von Nedjeym ausgetrocknet zu treffen, und wenn man sich sonst nicht vom Wege verirrt, was mit guten Führern kaum vorkommen kann, so hat man ernsthaftere Hindernisse nicht zu fürchten.

Die Schilderung der Leiden, welche Bruce hier erduldet haben will, muß also wesentlich abgeschwächt werden, obgleich der Bericht des schottischen Reisenden sonst meist der Wahrheit die Ehre giebt.

Die Bewohner des Berberlandes scheinen die Barbarins Bruce's, die Berabras d' Anville's und die Barauras Poncet's zu sein. Ihre Formen sind schön und ihre Gesichtszüge unterscheiden sich wesentlich von denen der Neger. Sie erhalten sich diese Reinheit des Blutes, indem sie nur Töchter ihres Stammes oder eines anderen arabischen Volkes zu Frauen wählen. Die Schilderung, welche Burkhardt von den Sitten und dem Charakter dieses Volkes entwirft, ist zwar recht merkwürdig, aber keineswegs erbaulicher Art. Nur schwer könnte man eine Idee von der Corruption und Versunkenheit der Bewohner von Berber geben. Als Mittelpunkt lebhaften Handels, als Sammelplatz der Karawanen und als Sklavendepôt vereinigt diese kleine Stadt Alles, um sie zu einem Lieblingsplatz von Banditen zu machen.

Die Handelsleute aus Daorou, auf deren Schutz Burkhardt bisher sehr mit Unrecht gezählt hatte, während sie ihn nur auszubeuten suchten, schlossen ihn, als sie Berber verließen, von ihrer Gesellschaft aus, und der Reisende mußte nun Aufnahme bei den Führern und Eseltreibern suchen, die ihm bereitwillig entgegenkamen.

Am 10. April wurde die Karawane, wenig südlich von einem Nebenflusse des Mogrea (dem Mareb Bruce's), durch den Mek von Damer gebrandschatzt. Letzteres ist ein Fakir-Dorf, welches reinlich und gut erhalten, recht vortheilhaft gegen den Schmutz und die Ruinen von Berber absticht. Diese Fakirs treiben Hexerei in jeder Richtung, von der einfachen Magie bis zur schamlosesten Charlatanerie. Einer derselben, sagt man, hatte sogar ein Lamm in dem Magen eines Mannes blöken lassen, das dieser geraubt und verzehrt hatte. Die höchst unwissenden Völker nehmen derlei für baare Münze, und man muß leider gestehen, daß das nicht wenig zur Erhaltung der Ordnung und Ruhe in der Stadt, wie zum Gedeihen des ganzen Landes beiträgt.

Von Damer aus gelangte Burkhardt nach Schendy, wo er einen ganzen Monat verweilte, ohne daß Jemand in ihm den Ungläubigen argwöhnte. Unbedeutend zur Zeit der Reise Bruce's, zählte Schendy später nicht weniger als tausend Häuser. Daselbst wurde lebhafter Handel getrieben, bei dem die Dourrah (Hirse), Sklaven und Kameele die Stelle der Zahlungsmittel vertraten. Die gesuchtesten Artikel waren Gummi, Elfenbein, Gold in Stangen und Straußenfedern.

Die Zahl der jährlich in Schendy verkauften Sklaven erreichte nach Burkhardt wenigstens fünftausend, davon zweitausendfünfhundert für Arabien, vierhundert für Egypten, tausend für Dongola und die Küsten des Rothen Meeres.

Der Reisende benutzte seinen Aufenthalt nahe der Grenze von Sennar, um auch über dieses Königreich Kenntnisse zu erwerben. Man erzählt unter anderen Eigenthümlichkeiten, daß der König eines Tages den Gesandten Mehemed Ali's eingeladen habe, einer Musterung seiner Reiterei, die er für unüberwindlich hielt, beizuwohnen; der Gesandte bat ihn darauf, auch einmal das Exerciren der türkischen Artillerie in Augenschein zu nehmen. Bei dem ersten Krachen der kleinen, von Kameelen getragenen Feldgeschütze ergriffen da die Reiterei, das Fußvolk, die Zuschauer, der ganze Hof und der König mit eiligst die Flucht!

Burkhardt verkaufte seinen kleinen Waarenvorrath; der Nergeleien der egyptischen Kaufleute, seiner Reisegesellschafter, überdrüssig, schloß er sich nun an eine Karawane von Suakim in der Absicht an, das bis dahin gänzlich unbekannte Land, welches sich bis über die letzte Stadt Schendy hinaus erstreckte, zu durchstreifen. Von Suakim aus hoffte er sich nach Mekka einschiffen zu können, wo er von den Hadjis für seine weiteren Projecte eine wirksame Unterstützung erwartete.

»Die Hadjis, sagt er, bilden eine geschlossene Körperschaft, und Niemand wagt, ein Mitglied derselben anzugreifen, aus Furcht, sich der Rache aller Uebrigen auszusetzen.«

Die Karawane, der sich Burkhardt anschloß, bestand aus hundertfünfzig Kaufleuten und dreihundert Sklaven. Zweihundert Kameele trugen schwere Lasten Tabak und »Dammur,« d. i. ein in Sennar fabricirter Stoff.

Das erste, unserem Reisenden in die Augen fallende interessantere Object war der Atbara, dessen mit großen Bäumen bedeckte Ufer nach einem Zug durch verlassene Wüsten einen erquickenden Anblick gewährten.

Dem Laufe des Flusses folgte man nun bis zu dem fruchtbaren Bezirke von Taka. Die weiße Haut des Scheich Ibrahim – wir wissen, daß Burkhardt sich diesen Namen beigelegt hatte – entlockte in den meisten Dörfern der weiblichen Bewohnerschaft, welche Araber viel seltener zu Gesicht bekamen, gar manchen Schreckensschrei.

»Eines Tages, erzählt der Reisende, erklärte mir ein Landmädchen, der ich Zwiebeln abgekauft hatte, sie werde mir noch mehr geben, wenn ich ihr meinen entblößten Kopf zeige. Ich verlangte dafür acht Stück, die sie mir sofort einhändigte. Als sie aber, nachdem ich den Turban abgenommen, einen ganz weißen, glatt geschorenen Schädel sah, wich sie voller Entsetzen zurück und erwiderte auf meine im Scherz gestellte Frage, ob sie sich einen Mann mit solchem Kopfe wünschte, unter allen Zeichen des Abscheus, daß sie lieber den häßlichsten, von Darfour hergeschleppten Sklaven wählen würde.«

Kurz vor Goz Radjel bemerkte Burkhardt ein Bauwerk, das man ihm als Kirche oder Tempel bezeichnete, denn das Wort hat diese zwei Bedeutungen. Er ging schon darauf zu, als ihn seine Gefährten zurückriefen.

»Die ganze Umgegend steckt voller Räuber; Du kannst keine hundert Schritte gehen, ohne angefallen zu werden!«

War jenes nun ein egyptischer Tempel oder vielleicht ein aus der axumitischen Herrschaft herrührendes Bauwerk? Darüber vermochte der Reisende keine Gewißheit zu erlangen.

Die Karawane kam endlich nach dem Lande Taka oder El Gasch, eine große, im Juni und Juli von austretenden kleinen Flüssen überschwemmte Ebene, welche durch den abgesetzten Schlamm ungemein fruchtbar wird. So steht auch der hier gewachsene und in Djedda zu Markte gebrachte Dourrah im Preise um zwanzig Percent höher als die egyptische Hirse.

Die Bewohner, Hadendoas genannt, sind verrätherisch, diebisch, blutdürstig und ihre Weiber fast ebenso sittenlos wie die Frauen von Schendy und Berber.

Will man von Taka aus nach Suakim und dem Ufer des Rothen Meeres gehen, so muß man eine Kette von Kalkbergen übersteigen, in der man Granit nur bei Schinterab findet. Der Weg über die Gebirge bietet übrigens keine besonderen Schwierigkeiten. Der Reisende gelangte auch ohne Unfall am 26. Mai in Suakim an.

Burkhardt sollte aber noch keineswegs aller Mühsal enthoben sein. Der Emir und der Aga hatten sich verständigt, ihn zu berauben, und er sah sich schon einer Behandlung wie der geringste Sklave ausgesetzt, als der Anblick der Fermans, die er von Mehemed Ali und Ibrahim Pascha besaß, die Scene vollkommen veränderte. Statt in's Gefängniß zu wandern, wovon er bedroht war, wurde der Reisende nun zu dem Hause des Aga geführt, der ihm Wohnung geben und eine junge Sklavin zum Geschenk machen wollte.

»Diese zwanzig bis zweiundzwanzig Tage dauernde Fahrt, zwischen dem Nil und dem Rothen Meere war die erste, welche ein Europäer ausgeführt hat. Ihr verdankte das Abendland die erste verläßliche Kunde über die theils nomadisirenden, theils seßhaften Völkerstämme jener Gegend. Burkhardts Beobachtungen sind von bleibendem Interesse, so daß es kaum eine lehrreichere und gleichzeitig ansprechendere Lectüre geben dürfte.«

Burkhardt ging am 7. Juli an Bord eines einheimischen Schiffes und erreichte nach elf Tagen Djeddah, das den Hafen Mekkas bildete.

Djeddah ist am Ufer des Meeres erbaut und mit Mauern umgeben, welche, wenn auch gegen Artillerie ohnmächtig, doch hinreichen mögen, die Stadt gegen die Wahabiter zu vertheidigen. Die Letzteren, die sogenannten »Puritaner des Islam«, bilden eine Dissidentensecte, deren Hauptaufgabe in der Zurückführung der mohammedanischen Religion zu ihrer ursprünglichen Einfachheit besteht.

»Eine Batterie, sagt Burkhardt, schützt den Eingang von der Seeseite und beherrscht den ganzen Hafen. Da sieht man auf seiner Laffete ein außergewöhnlich großes Geschütz, welches Kugeln von fünfhundert Pfund Gewicht schleudert und im ganzen arabischen Golf so berühmt ist, daß schon das Ansehen, in dem es steht, Djeddah einen gewissen Schutz verleiht.«

Eine der größten Unannehmlichkeiten der Stadt beruht in ihrem Mangel an Trinkwasser, das aus etwa zwei Meilen entfernten Brunnen herbeigeschafft werden muß. Ohne Gärten, ohne Grün, ohne Dattelpalmen und trotz einer Bevölkerung von zwölf- bis fünfzehntausend Seelen – eine Zahl, die sich zur Zeit der Pilgerfahrten mehr als verdoppelt – bietet Djeddah einen ganz absonderlichen Anblick. Seine Bevölkerung ist keineswegs eine ortseingeborne; sie besteht vielmehr aus Eingebornen von Hadramazt, Yemen, oder aus Indiern von Surate und Bombay, endlich aus Malayen, die, auf Pilgerfahrten hierher gekommen, den Stamm der Stadtbewohner bildeten.

Mitten unter sehr eingehenden Schilderungen der Sitten, Lebensweise, Warenpreise und der Anzahl der Kaufleute, begegnet man in Burkhardt's Bericht mehr als einer interessanten Anekdote.

Bei Erwähnung der eigenthümlichen Gewohnheiten der Bewohner Djeddahs, sagt der Reisende:

»Fast Jedermann pflegt des Morgens eine Kaffeetasse voll »Ghi«, d. i. zerlassene Butter, zu sich zu nehmen. Nachher trinkt man Kaffee, der als hervorragendes Stärkungsmittel angesehen wird, und daran haben sich die Leute von frühester Jugend an so sehr gewöhnt, daß sie sich sehr unwohl fühlen würden, wenn sie diesen Gebrauch aussetzten. Leute aus besseren Ständen begnügen sich, die Tasse flüssiger Butter zu trinken. Die unteren Classen fügen jener aber noch eine halbe Tasse hinzu, die sie durch die Nasenlöcher einsaugen, in der Meinung, dadurch der schlechten Luft den Eintritt in den Körper durch diese Oeffnung zu verschließen.«

Am 24. August verließ der Reisende Djeddah, um sich nach Taïf zu begeben. Der Weg zieht sich durch eine Kette von Bergen, durch Thäler mit romantischen Landschaften und überraschend üppigem Grün dahin. Burkhardt wurde hier für einen englischen Spion gehalten und scharf überwacht. Trotz des scheinbar wohlwollenden Empfangs seitens des Paschas, konnte er sich doch nicht frei bewegen und mußte fast auf alle Beobachtungen verzichten.

Taïf ist, wie es scheint, berühmt durch die Schönheit seiner Gärten; Rosen und Weintrauben werden von hier nach allen Theilen von Hedjaz ausgeführt. Die Stadt betrieb überhaupt beträchtlichen Handel und erfreute sich des besten Gedeihens, bis sie von den Wahabitern geplündert wurde.

Die Ueberwachung, der sich Burkhardt ausgesetzt sah, beschleunigte seine Abreise, und schon am 7. September schlug er den Weg nach Mekka ein. Sehr bewandert im Koran und vertraut mit den Vorschriften des Islam, war Burkhardt vollkommen befähigt, die Rolle eines Pilgers zu spielen. Die erste darauf bezügliche Maßregel seinerseits bestand darin, sich, wie es das Gesetz dem nach Mekka ziehenden Pilger vorschreibt, mit dem »Ihram« zu bekleiden; d. h. mehrere Stücke Kattun ohne Naht, deren eines um die Hüften geschlungen, das andere um Hals und Schultern geworfen wird. Des Pilgers erste Pflicht in Mekka ist es, nach dem Tempel zu gehen, selbst bevor er sich um Obdach bekümmert. Burkhardt versah das ebenso wenig wie die Einhaltung aller für diesen Fall bestehenden Riten und Ceremonien, lauter Sachen von speciellem, aber eben deshalb zu beschränktem Interesse, um hier länger zu verweilen.

»Mekka, sagt Burkhardt, darf eine hübsche Stadt genannt werden. Ihre Straßen sind breiter als sonst die Straßen im Morgenlande. Die Häuser sind hoch und aus Steinen gebaut; die zahlreich nach der Straße zu liegenden Fenster verleihen ihnen ein freundlicheres und mehr europäisches Ansehen, als das der Häuser in Egypten und Syrien, welche nach außen zu nur sehr wenig Fenster zeigen … Jedes Haus hat seine Terrasse, deren cementbelegter und etwas geneigter Boden das Wasser durch Rinnen nach der Straße zu abführt. Diese Plattformen sind durch eine Mauer abgeschlossen; im ganzen Orient ist es nämlich für jeden Mann verpönt, sich daselbst zu zeigen; man würde ihn beschuldigen, die Weiber zu belauschen, welche auf der Terrasse den größten Theil ihrer Zeit mit dem Trocknen des Getreides oder der Wäsche und anderen häuslichen Verrichtungen zubringen. Der einzige öffentliche Platz der Stadt ist der Hof der Moschee. Bäume giebt es nur wenig, kein Garten erquickt das Auge, dagegen ist die Scene während der Pilgerfahrten durch eine Menge wohlversehener Verkaufsstände belebt, die man überall aufgeschlagen sieht. Außer fünf bis sechs umfänglicheren, dem Sherif gehörigen Gebäuden, zwei Medressen oder Gelehrtenschulen, welche aber jetzt als Kornmagazine dienen, und der Moschee selbst, nebst einigen dazu gehörigen Bauwerken und Schulen, kann sich Mekka keines öffentlichen Gebäudes rühmen und steht hierin gegen andere orientalische Städte von gleichem Umfange wesentlich zurück.«

Die Straßen sind nicht gepflastert, und da man Schleußen hier nicht kennt, so bilden sich gelegentlich Wasserlachen und Schmutztümpel, welche jeder Beschreibung spotten.

Zum Genuß verwendet man nur Regenwasser, denn dasjenige, welches die Senkbrunnen liefern, ist so salzhaltig, daß es fast zu nichts brauchbar erscheint.

Da, wo sich das Thal in der Mitte der Stadt am meisten verbreitert, erhebt sich die Beithu'llah oder El Haram genannte Moschee, ein Bauwerk, das seine Berühmtheit nur dem Umstande verdankt, daß es die heilige Kaaba enthält, denn in anderen Städten des Morgenlandes giebt es mindestens ebenso große und oft weit schönere Moscheen.

Dieselbe liegt auf einem länglichen, nach Osten zu von vierfacher, nach den anderen Seiten von dreifacher Colonnade eingeschlossenen Platze, die Säulen sind unter einander durch Bogenwölbungen verbunden; je vier und vier tragen eine mit Mörtel beworfene und geweißte Kuppel. Einige Säulen bestehen aus weißem Marmor, andere aus Granit oder Porphyr, die meisten aber aus gewöhnlichem, in den Bergen bei Mekka gebrochenem Stein.

Die Kaaba selbst ist so häufig zerstört und wieder hergestellt worden, daß an ihr eigentlich Nichts von hohem Alter ist. Sie war übrigens schon vor der Moschee, die sie heute umschließt, vorhanden.

»Die Kaaba selbst, schreibt der Reisende, ist auf einem zwei Fuß hohen und stark geneigten Unterbau angebracht. Mit ihrem platten Dache bietet sie aus gewisser Entfernung ganz das Bild eines Würfels. Die einzige in dieselbe führende, und nur zwei oder dreimal des Jahres geöffnete Pforte befindet sich an der Nordseite und etwa sieben Fuß über der Erde, so daß man nur über eine hölzerne Treppe hinein gelangen kann … An der nordöstlichen Ecke, nahe der Thür, ist der berühmte »schwarze Stein« eingesetzt, der, etwa vier oder fünf Fuß über dem Boden, einen Theil der Wandecke selbst bildet … Die Natur dieses Steines läßt sich nur schwer feststellen, so sehr ist heutzutage die Oberfläche desselben durch die Küsse und Berührungen von nach Millionen zählenden Pilgern abgeschliffen. Die Kaaba hüllt ein großes, schwarzes Stück Seidenstoffes vollständig ein, so daß nur das Dach frei bleibt. Diese Decke oder Vorhang heißt »Kesua«, wird jährlich zur Zeit der Pilgerfahrten erneuert und von Kairo, wo man denselben auf Kosten des Großherrn herstellt, hierher geschafft.«

Bisher besaß man noch keine genaue Beschreibung von Mekka und seinem Heiligthum. Deshalb theilten wir hier einige Auszüge aus dem Originalwerke mit, welche leicht zu vermehren wären, denn es enthält z. B. eine eingehende Schilderung des heiligen Brunnens, Zemzem benannt, dessen Wasser als unfehlbares Heilmittel gegen allerlei Gebrechen gilt, der Pforte des Heils, des Makan-Ibrahim, ein Denkmal mit dem Stein, auf welchem Abraham ausruhte, als er die Kaaba baute, und der noch den Eindruck seiner Kniee zeigt, sowie endlich aller Gebäude, welche die Umfassungsmauer des Tempels einschließt.

Seit der so eingehenden und vollständigen Beschreibung Burkhardt's haben diese Orte ihr Aussehen nicht geändert. Noch immer stimmt die große Menge von Pilgern hier dieselben Lobgesänge an. Nur die Menschen haben gewechselt.

An die Darstellung der Festlichkeiten bei den Pilgerfahrten und der religiösen Begeisterung der Gläubigen schließt sich ein anderes Bild, das die Folgen dieser großen Menschenansammlungen, die aus allen Theilen der Erde herbeiströmen, mit sehr düsteren Farben zeichnet.

»Das Ende der Pilgerfahrten, sagt er, giebt der Moschee freilich ein wesentlich anderes Aussehen; Krankheiten und eine große Sterblichkeit, die Folgen der oft unerhörten Beschwerden der Reise, und begünstigt durch den geringen Schutz, den Ihram bietet, ebenso wie die ungesunden Wohnstätten in Mekka, die schlechte Nahrung, manchmal wohl gar der vollständige Mangel an solcher, füllen den Tempel mit Leichen an, die man dahin schleppt, um der Gebete des Imam theilhaftig zu werden; oder es lassen sich auch viele Kranke hierher, und wenn ihre letzte Stunde naht, unter die Colonnaden bringen, um durch den Anblick der Kaaba geheilt zu werden, oder doch des Trostes zu genießen, ihr Leben an dem heiligen Orte zu beenden. Da sieht man arme, von Hunger und Krankheiten hart mitgenommene Pilger ihren siechen Leib unter den Colonnaden hinschleppen, und wenn ihnen die Kraft ausgeht, die Hand auszustrecken, um ein Almosen zu erbetteln, stellen sie neben eine Matte, auf der sie liegen, einen Napf, um zu empfangen, was das Mitleid ihnen vielleicht spendet. Fühlen sie ihre letzten Augenblicke herannahen, so bedecken sie sich mit ihren zerfetzten Kleidern, und nicht selten vergeht noch ein ganzer Tag, bevor der Tod sie erlöst.«

Wir schließen unsere Citate aus Burkhardt's Arbeit mit dem Urtheile, das er über die Bewohner Mekkas fällt.

»Wenn die eigentlichen Einwohner Mekkas besondere Eigenschaften besitzen, so beschränkt sich das darauf, daß sie zuvorkommend, gastfrei, heiter und stolz sind, aber trinkend, spielend und rauchend die Vorschriften des Koran ganz öffentlich übertreten. Betrug und Meineid gelten bei ihnen kaum noch als Verbrechen, obwohl darüber stets ein großes Geschrei erhoben wird. Jeder ereifert sich über den Verfall der Sitten, aber Keiner geht zur Verbesserung derselben mit gutem Beispiele voran.«

Am 15. Januar 1815 reiste Burkhardt mit einer kleinen Pilgerkarawane zum Besuche des Grabes des Propheten ab. Der Weg nach Medina, wie der zwischen Djeddah und Mekka wird gewöhnlich in der Nacht, also zur ungünstigsten Zeit für Beobachtungen, und im Winter zurückgelegt, wodurch er weit beschwerlicher wird, als er wohl am hellen Tage wäre. Man zieht dabei durch ein mit Gesträuch und Dattelbäumen erfülltes Thal, dessen recht gut angebauter östlicher Ausgang Uadi Fatme heißt, aber mehr unter der einfachen Bezeichnung El Uadi bekannt ist. Etwas weiter hin findet sich das Thal Es Ssafra, berühmt durch seine umfangreichen Dattelpflanzungen und als Hauptmarkt für alle benachbarten Volksstämme.

»Die Dattelpalmenhaine, sagt der Reisende, haben eine Ausdehnung von nahezu vier Meilen; sie gehören theils den Bewohnern von Ssafra, theils den Beduinen der Umgegend, welche zum Begießen des Bodens Tagelöhner halten und erst zur Zeit der Fruchtreife selbst dahin kommen. Die Dattelpalmen gehen durch Handel oft von einer Person zur andern über; man verkauft sie einzeln … Der an den Vater, dessen Tochter man heirathet, zu zahlende Preis besteht gewöhnlich in drei Dattelbäumen. Alle sind in tiefem Sande gepflanzt, den man in der Mitte des Thales sammelt und um die Wurzeln der Bäume aufhäuft; derselbe muß jährlich erneuert werden, denn gewöhnlich führen ihn wilde Sturzwässer mit sich fort. Jeder kleine Garten ist mit einer Lehm- oder Steinmauer eingefaßt. Die Besitzer wohnen in Weilern oder einzelnen, unter den Bäumen verstreuten Häusern. Der bedeutendste Bach des Thales entspringt in einem Haine in der Nähe des Marktplatzes, und an seiner Quelle erhebt sich eine kleine Moschee. Einige große Kastanienbäume beschatten diese; ich habe dergleichen in Hedjaz nirgends wieder gesehen …«

Dreizehn Tage brauchte Burkhardt, um von Mekka nach Medina zu gelangen. Diese lange Reise war für ihn aber nicht verloren, denn er sammelte dabei viele Nachrichten über die Araber und die Wahabiter. Wie in Mekka ist es auch hier des Pilgers erste Pflicht, das Grab und die Moschee Mohammed's zu besuchen. Doch sind alle Ceremonien bequemer und kürzer und der Reisende braucht nur eine Viertelstunde, um Alles abzumachen.

Schon der Aufenthalt in Mekka hatte auf Burkhardt ziemlich nachtheilig eingewirkt. In Medina wurde er nun vom kalten Fieber befallen, das erst täglich auftrat, dann unter Hinzutritt von Erbrechen dreitägig wurde. Bei der ungeschickten Hilfe seines Sklaven – »ein armer Teufel, der sich besser zur Abwartung eines Kameels als zur Pflege seines geschwächten und hilflosen Herrn eignete« – wäre er bald dazu gekommen, sich nicht mehr von seinem Teppich erheben zu können.

Ueber drei Monate an Medina gefesselt durch ein Fieber, das er dem ungesunden Klima, dem abscheulichen Wasser und den vielen, zur Zeit herrschenden Krankheiten verdankte, mußte Burkhardt auf seinen früheren Plan verzichten, nach dem er durch die Wüste bis Akaba ziehen wollte, um von hier aus auf nächstem Wege Yambo zu erreichen, von wo aus er sich nach Egypten einzuschiffen gedachte.

»Medina ist nach Aleppo, sagt er, die bestgebaute Stadt, die ich im Morgenlande gesehen habe. Sie besteht durchgängig aus Stein; die Häuser sind meist zwei Stockwerke hoch und mit flachem Dache versehen. Da man sie jedoch nicht weißt, und der Stein von Natur von bräunlicher Farbe ist, so erhalten sie ein düsteres Aussehen und sind auch oft sehr schmal, d. h. kaum zwei bis drei Schritte breit. Jetzt bietet Medina einen wahrhaft trostlosen Anblick; man läßt die Häuser einfach verfallen. Ihre Besitzer, welche früher durch den Pilgerstrom eine große Einnahme erzielten, sehen diese vermindert, seitdem die Wahabiter den Besuch des Grabes des Propheten, den sie als gewöhnlichen Sterblichen betrachten, verpönt haben. Der größte Schatz Medinas, der diese Stadt auf gleiche Stufe mit Mekka stellt, ist die große Moschee mit dem Grabe Mohammed's … Diese erreicht nicht ganz den Umfang der von Mekka, ist aber etwa nach demselben Plane angelegt. Sie bildet einen geräumigen Hof, von allen Seiten mit Gallerien umgeben und mit einem kleinen Einzelgebäude in der Mitte. Nahe der südöstlichen Ecke befindet sich das berühmte Grab … ein grün angestrichenes Eisengitter umgiebt die Stätte. Letzteres ist von schöner, filigranartiger Arbeit und mit kupfernen Inschriften durchflochten. Die Mauer des Ganzen enthält vier Thore, von denen jedoch drei stets geschlossen bleiben. Leute von Stand haben hier unentgeltlichen Zutritt, Andere können sich denselben von den vornehmsten Eunuchen für etwa fünfzig Piaster erkaufen. Im Inneren sieht man noch eine Art Vorhang um das eigentliche Grab, der nur wenige Schritte von demselben absteht …«

Nach einem Geschichtsschreiber Medinas verhüllt jener Vorhang ein viereckiges Bauwerk aus schwarzen, von zwei Säulen getragenen Steinen, das im Innern die Grabstätten Mohammed's und seiner zwei ältesten Schüler, Abu Bekr's und Omar's, enthält. Man sagt auch, daß diese Gräber sehr tief seien und daß der Sarg, der Mohammed's Asche birgt, mit Silber bekleidet sei und eine Marmorplatte trage mit der Inschrift: »Im Namen Gottes, leihe ihm Deine Gnade!«

Die früher in Europa verbreiteten Märchen über das Grab des Propheten, wie z. B. das, wonach dessen Sarg frei in der Luft schweben sollte, sind in Hedjaz selbst unbekannt.

Die Schätze der Moschee sind zum großen Theile von den Wahabitern geraubt worden, doch darf man annehmen, daß ihnen die verschiedenen Wächter des Grabes schon zuvorgekommen sind.

In Burkhardt's Bericht finden sich noch viele interessante Einzelheiten über Medina, dessen Bewohner und Umgebungen und über die gewöhnlichen Wallfahrtsorte. Wir haben demselben nicht zu viel entlehnt, um den Leser, der die Sitten und Gebräuche der Araber noch eingehender kennen zu lernen wünscht, nicht die Lust an dem Originalwerke zu verleiden.

Am 25. April 1815 schloß sich Burkhardt einer Karawane an, die ihn nach Yambo brachte, in welcher Stadt damals die Pest herrschte. Auch der Reisende erlag bald einem Anfalle der Krankheit. Er wurde dabei so schwach, daß er nicht einmal auf das Land überzusiedeln vermochte. An eine Einschiffung war gar nicht zu denken, denn alle segelbereiten Fahrzeuge lagen voll kranker Soldaten. Er mußte also achtzehn Tage in der ungesunden Stadt aushalten, bevor er auf einem kleinen Schiffe Platz fand, das ihn nach Cosseïr und von da nach Egypten führte.

Bei der Rückkehr nach Kairo erfuhr Burkhardt das Ableben seines Vaters. Die Constitution des Reisenden war durch die Krankheit schon tief erschüttert, so daß er im Jahre 1816 nicht einmal im Stande war, den Sinaï zu besteigen. Naturhistorische Studien, die Ordnung seiner Reisetagebücher und vielfältiger Briefwechsel beschäftigten ihn bis Ausgang 1817, zu welcher Zeit er sich der Karawane nach Fezzan anschließen wollte. Da ergriff ihn ein hitziges Fieber, dem er in wenig Tagen erlag. Seine letzten Worte waren: »Schreibt meiner Mutter, daß mein letzter Gedanke ihr gehört habe.«

Burkhardt war ein Reisender wie er sein soll. Unterrichtet, genau bis zum Kleinlichen, muthig, ausharrend, von offenem entschlossenen Charakter, hat er wirklich kostbare Arbeiten hinterlassen. Der Bericht über seine Reise in Arabien, dessen Inneres er leider nicht besuchen konnte, ist so vollständig, so verläßlich, daß dieses Land durch ihn besser bekannt wurde, als selbst einzelne Theile Europas.

»Niemals, schrieb er in einem Briefe an seine Mutter vom 17. März 1817, habe ich ein Wort über das, was mir vor Augen kam, gesagt, das ich nicht nach allen Seiten hin voll vertreten könnte, denn ich habe mich nicht so vielen Gefahren ausgesetzt, um nur einen Roman zu schreiben …«

Die Forscher, welche jene Länder nach Burkhardt besuchten, sind einstimmig über die Genauigkeit seiner Angaben und in dem Lobe seiner Wahrheitsliebe, seiner Kenntnisse und Scharfsichtigkeit.

»Wenige Reisende nur, sagt die » Revue Germanique«, besaßen in so hohem Grade die feine und schnelle Auffassung, welche ein Geschenk der Natur, aber so selten ist, wie alle hervorragenden Eigenschaften. Er zeichnete sich wirklich durch eine Art Sehergabe aus, die ihm, auch wo er nicht selbst beobachten konnte, stets das Richtige erkennen ließ; auch seine mündlichen Erkundigungen haben im Allgemeinen einen hohen Werth und übertreffen jedenfalls die meisten derartigen Nachrichten. Gediegen nach allen Seiten und durch Nachdenken und fleißiges Studium zeitig geistig gereift (Burkhardt zählte, als der Tod ihn hinraffte, erst dreiunddreißig Jahre), ging er stets gerade auf sein Ziel los und hielt er am rechten Orte an. Seine stets klare Darstellung enthält, man möchte sagen, mehr Thatsachen als Worte, und doch lesen sich seine Berichte mit wunderbarem Reize, so daß man in ihm den Menschen ebenso lieben, wie den Gelehrten hochachten lernt.

Während die biblischen Länder den Gegenstand der Untersuchungen Seetzen's und Burkhardt's bildeten, sollte Indien, das Ursprungsland der meisten europäischen Sprachen, der Mittelpunkt vielfacher Studien werden, welche Linguistik, Literatur und Religion ebenso wie die Geographie umfaßten. Wir beschäftigen uns hier nur mit den zahlreichen Problemen der physischen Geographie, deren Lösung die Kämpfe der Ostindischen Compagnie und die durch sie begünstigten Forschungen allmälich herbeiführen sollten.

In einem früheren Bande schilderten wir die Errichtung der portugiesischen Herrschaft in Indien. Die im Jahre 1599 zwischen Spanien und Portugal abgeschlossene Union hatte den Verfall der portugiesischen Kolonien herbeigeführt, welche in die Hände der Holländer und Engländer fielen. Letztere verliehen das Monopol des Handels mit Indien sehr bald einer Gesellschaft, die eine hervorragende geschichtliche Rolle spielen sollte.

Zu jener Zeit gerade hatte der Großmogul Akbar, der siebente Nachkomme Timur Leng's, auf den Trümmern der Radjput-Staaten in Hindostan und Bengalen ein mächtiges Reich begründet. Dasselbe blühte in Folge der persönlichen Eigenschaften Akbar's, die ihm den Beinamen »Wohlthäter der Menschheit« erwarben, eben im reichsten Glanze. Schah Djaham folgte ganz der väterlichen Tradition: Aureng Zeb aber, ein Enkel Akbar's ließ, von unersättlichem Ehrgeiz getrieben, seine Brüder ermorden, den Vater gefangen setzen und bemächtigte sich der Herrschaft. Während das Mongolenreich sich des tiefsten Friedens erfreute, legte ein geistvoller Abenteurer, Sewadji, den Grund zu dem maharattischen Kaiserreiche. Die religiöse Unduldsamkeit Aureng Zeb's, sowie seine arglistige Politik führten zu einer Erhebung der Radjputen und zu einem Kampfe, der, die Hilfsquellen des Reiches verzehrend, dasselbe in seinen Grundvesten erschütterte. Der Tod des großen Usurpators bezeichnet auch den Untergang seines Reiches.

Bisher war es der Indischen Compagnie noch nicht gelungen, den schmalen Landstreifen, den sie längs ihrer Häfen besaß, zu erweitern, sie wußte jedoch die einander widersprechenden Bestrebungen der Nababs und der Rajahs von Hindostan geschickt zu benützen. Immerhin gewann die Englisch-ostindische Compagnie erst nach der Einnahme von Madras durch La Bourdonais, 1746, und während des Kampfes gegen Dupleix merklich an Ausdehnung und Einfluß.

Durch eine hinterlistige, illoyale und wahrhaft gemeine Politik der Gouverneure Clive und Hastings, welche einmal durch Gewalt, ein andermal durch Treubruch und Bestechung auf Kosten ihrer Ehre die Größe ihres Vaterlandes begründeten, besaß die Compagnie zu Ende des letzten Jahrhunderts ein ungeheures, von sechzig Millionen Seelen bevölkertes Gebiet. Es umfaßte dasselbe Bengalen, Behar, nebst den Provinzen Madras, Benares und den Circas im Norden. Nur der Sultan von Mysore, Tippo Saïb, widersteht energisch dem Andringen der Engländer, kann sich aber gegenüber der Coalition, die Oberst Wellesley gegen ihn zu Stande zu bringen gewußt hat, nicht halten. Jetzt ohne nennenswerthe Feinde, beschwichtigt die Compagnie kleinere Widerstandsversuche durch Pensionen und nöthigt unter dem Vorwande, sie beschützen zu wollen, den letzten unabhängigen Rajahs englische Garnisonen auf, welche auf deren Unkosten unterhalten werden.

Man sollte glauben, die englische Herrschaft hätte überall nur den Haß gegen sich entzünden müssen. Mit nichten. Die Compagnie tastete niemals die Rechte des Einzelnen an und erstrebte vorläufig keine Aenderungen in der Religion, den Sitten und Gesetzen der Länder.

So ist es auch nicht zu verwundern, daß Reisende, welche sich in nicht eigentlich unterworfene Gebiete wagten, doch nur wenig gefährdet wurden. Die Indische Compagnie hatte nämlich von Stunde ab, als die politischen Händel ihr freie Hand ließen, die Erforschung ihres ausgedehnten Gebietes allseitig ermuthigt. Gleichzeitig sandte sie auch Reisende nach den Grenzländern, um über diese verläßliche Auskunft zu erhalten. Im Folgenden wollen wir diese verschiedenen Züge kurz betrachten.

Einer der merkwürdigsten und ältesten ist der Webb's nach den Quellen des Ganges.

Die Kenntnisse, welche man bis dahin über diesen Fluß besaß, waren eben so lückenhaft als einander widersprechend. Deshalb organisirte die Regierung von Bengalen, in richtiger Würdigung der Vortheile, welche eine Untersuchung dieser großen Wasserader der Entwicklung des Handels erschließen mußte, im Jahre 1807 eine Expedition, bestehend aus den Herren Webb, Raper und Hearsay, denen man eine Anzahl Sipahis, Dolmetscher und eingeborne Diener als Begleitung mitgab.

Die Expedition traf am 1. April 1808 in Herduar, einer unbedeutenden Stadt am linken Ufer des Stromes, ein, deren Lage am Eingang dieser reichen Ebene von Hindostan sie jedoch zu einem sehr besuchten Wallfahrtsorte machte. Hier verrichtet man während der heißen Jahreszeit die vorgeschriebenen Reinigungen in den Wellen des heiligen Flusses.

Da es nun keine Wallfahrt ohne Ausstellung und Verkauf von Reliquien giebt, so ist Herduar auch der Sitz eines umfänglichen Marktes; man findet hier aber ebenso Pferde, Kameele, als Antimon, Asa foetida, gedörrte Früchte, Shawls, Pfeile, Musselin und Gewebe aus Baumwolle oder Wolle, Erzeugnisse aus dem Pendjab, aus Kabulistan und Kaschmir. Ferner verkaufte man Sklaven von drei bis zu dreißig Jahren für zehn bis fünfhundert Rupien. Diese Messe, auf der sich so verschiedene Physiognomien, Sprachen und Trachten begegnen, bietet wirklich einen höchst merkwürdigen Anblick.

Am 12. April reiste die englische Mission von Gangautri ab und folgte einer mit weißen Maulbeer- und Feigenbäumen besetzten Straße bis Guruduar. Etwas weiter hinauf traf man auf Wassermühlen von höchst einfacher Construction zu beiden Seiten eines mit Weiden und Himbeersträuchern umsäumten Baches. Der Boden hier war zwar fruchtbar, die Tyrannei der Regierung hinderte die Bewohner aber, aus demselben gehörigen Nutzen zu ziehen. Bald wurde das Land bergiger, doch gediehen noch Pfirsiche, Aprikosen, Nußbäume und andere europäische Baumarten. Nun führte der Weg mitten in höhere Bergketten hinein, die sich an den Himalaya anzuschließen schienen.

Am Fuße eines Hügels fand man bald den Baghirati, der im weiteren Verlaufe den Namen Ganges annimmt. Zur Linken begrenzten den Fluß hohe, unfruchtbare Berge, zur Rechten desselben breitete sich ein reiches Thalgelände aus. Bei dem Dorfe Tchivali baute man im Großen den zur Bereitung des Opiums dienenden Mohn; die Bauern dort hatten, wahrscheinlich bedingt durch die Zusammensetzung des Wassers, alle Kröpfe.

In Djoswara überschritt man eine, in dortiger Gegend »Djoula« genannte Seilbrücke von eigenthümlicher, gefährlicher Construction.

»Man treibt auf jeder Seite, erzählt Webb, zwei starke Pfähle, drei Fuß von einander entfernt, in das Uferland ein und verbindet dieselben mit einem Querholze; daran werden ein Dutzend oder noch mehr dicke Seile befestigt und über das Wasser gespannt. Diese bilden zwei Packete mit einem Fuß Zwischenraum; unter ihnen spannt man eine Strickleiter hin, welche mit den oberen Seilen, die als Brustwehr dienen, verknüpft ist. Schwache Aeste, welche zweieinhalb bis drei Fuß auseinander liegen, bilden die Gangbahn der Brücke. Da man beständig befürchtet, dieselben unter der geringsten Last brechen zu sehen, hält Jeder, der das luftige Bauwerk überschreitet, die anderen, sozusagen das Geländer bildenden Stricke unter den Armen. Schon bei dem ersten Schritte, den man auf diesem schwebenden Stege wagt, erschreckt man nicht wenig, denn das Ganze schwankt nicht unbedeutend nach beiden Seiten hin und her, woneben das Brausen des Stromes darunter auch nicht gerade zur Beruhigung beiträgt. Die Brückenbahn ist übrigens so schmal, daß zwei Personen, die einander begegnen, gezwungen sind, sich ganz an die Seite zu drücken, um vorüber zu kommen.«

Die Gesellschaft passirte hierauf Baharat, deren meisten Häuser seit dem Erdbeben 1803 noch nicht wieder hergestellt waren. Der hier abgehaltene Markt, die Schwierigkeit der Lebensmittelbeschaffung in den höher gelegenen Dörfern und ihre centrale Lage – hier laufen die Straßen von Djemauhi, Kedar Nath und Srinagar zusammen – haben diesem Orte stets eine gewisse Bedeutung gesichert. Von Batheri aus wurde der Weg so schlecht, daß man alles Gepäck zurücklassen mußte. Die Straße verengerte sich zu einem, neben tiefen Abgründen hinlaufenden Fußsteige, auf dem das Gerölle von Kieseln und Felstrümmern bald jedes weitere Fortkommen zur Unmöglichkeit machte.

Devaprayaga liegt am Zusammenfluß des Baghirati und der Analcanda. Der erstgenannte strömt heftig schäumend von Norden herab, der zweite, ruhigere Wasserlauf ist tiefer und breiter, steigt aber während der Regenzeit bis auf vierzig Fuß über sein gewöhnliches Niveau, die Vereinigung dieser beiden Flüsse nun bildet den Ganges.

Diese Oertlichkeit betrachtet man als heilig, und die Brahminen wußten das recht erfolgreich zu benutzen, indem sie kleinere Weiher herstellten, in denen sich die Pilger, natürlich gegen Entgelt, waschen können, ohne in Gefahr zu kommen, von der Strömung fortgerissen zu werden.

Die Analcanda wurde mittels einer »Dindla«, d. i. etwa eine Schiebebrücke, überschritten.

»Eine solche besteht, heißt es in dem Berichte, aus drei bis vier stärkeren, an den beiden Ufern befestigten Stricken, an welchen mittels Reifen ein kleiner Kasten von achtzehn Zoll im Quadrat hängt. Der Reisende setzt sich in denselben und wird so an einem Stricke von einem am anderen Ufer aufgestellten Mann hinübergezogen.«

Am 13. Mai traf die Expedition in Srinagar ein; das erregte die Neugier der Einwohner in so hohem Grade, daß der Magistrat einen Boten an die Engländer mit der Bitte abschickte, diese möchten in der Stadt ein wenig spazieren gehen.

Srinagar, welches Oberst Hardwick schon 1796 besuchte, war durch das Erdbeben von 1803 vollständig zerstört und in demselben Jahre auch von den Gorkhalis erobert worden. Hier traf Webb wieder mit einer Abtheilung seiner Leute zusammen, die er auf der Straße, welche er selbst nicht benutzen konnte, nach Gangautri gesendet hatte. Diese hatten die Quellen des Ganges wirklich besucht.

»Ein großer Felsblock, sagt er, von dessen beiden Seiten das sehr seichte Wasser herabrinnt, zeigte eine entfernte Aehnlichkeit mit dem Körper und dem Maule einer Kuh; aus einer Höhle an der Oberfläche, welches die Phantasie als ein Kuhmaul erkannte und deswegen mit dem gleichbedeutenden Worte »Gaumokhi« bezeichnete, kommt das Wasser des Flusses nach gewöhnlicher Annahme hervor. Weiter kann man unmöglich vordringen; es stellt sich dem ein Berg, steil wie eine Mauer, entgegen. Der Ganges schien unter dem Schnee an dessen Fuße zu entspringen; das Thal erreichte hier sein Ende; noch Niemand hat dasselbe überschritten.«

Auf der Rückreise schlug die Gesellschaft einen anderen Weg ein. Sie besichtigte die Vereinigung des Ganges mit dem Keli Ganga oder Mandacni, einem großen, aus den Bergen von Kerdar herkommenden Fluß, begegnete unterwegs ungeheuren Heerden mit Getreide beladener Ziegen und Schafe, zog durch eine Menge Engpässe und Schluchten, kam durch die Städte Badrinath und Manah und traf unter strenger Kälte und heftigem Schneetreiben am Wasserfalle von Barsu ein.

»Letzterer bildet, sagt Webb, das ersehnte Ziel frommer Pilger, welche hierher wallfahrten, um sich von dem Staubregen des heiligen Wassers benetzen zu lassen. Das Bett der Analcanda schlängelt sich bis zu dem südwestlichen Ende des Thales hin, ist aber von wahrhaften Schneebergen verdeckt, welche sich hier wahrscheinlich seit Jahrhunderten angehäuft haben.«

Webb erzählt auch Verschiedenes über die Frauen von Manah. Sie tragen am Halse, in den Ohren und der Nase Zieraten aus Gold und Silber, welche mit ihrer, übrigens recht groben Kleidung gar nicht übereinstimmen. Einzelne Kinder hatten an dem Halse und an den Armen Ringe und Ketten von Silber im Werthe von sechshundert Rupien.

Im Winter liegt diese Stadt, die einen lebhaften Handel mit Thibet treibt, völlig unter dem Schnee vergraben. Die Bewohner ziehen sich dann auch nach benachbarten Städten zurück.

In Badrinath besuchte die Gesellschaft den wegen seiner Heiligkeit weit berühmten Tempel. Der Bau selbst, wie der Anblick, den er bietet, lassen gar nicht ahnen, welche ungeheure Summen seine Unterhaltung verschlingt. Er ist eines der ältesten und verehrtesten Heiligthümer Indiens. Die Abwaschungen nimmt man hier in Bassins mit warmem schwefelhaltigen Wasser vor.

»Es giebt daselbst eine Menge warmer Quellen, sagt der Bericht, alle mit besonderer Benennung und Wirksamkeit, was die Brahminen ohne Zweifel mit großem Vortheil ausnützen. So sieht der arme Pilger, der nach und nach die vorgeschriebenen Waschungen vornimmt, seine Börse freilich in gleichem Grade wie seine Sünden abnehmen und die zahlreichen Zölle, welche man ihm für diesen Weg zum Paradiese abfordert, müssen ihm wohl den Gedanken nahe legen, daß dieser schmale Weg nicht der mindest kostspielige ist.«

Der Tempel besitzt siebenhundert, ihm von der Regierung zuerkannte Dörfer, entweder durch Anlehen oder von reichen Privatleuten erkauft, die sie als Opfer darbrachten.

Am 1. Juni befand sich die Expedition in Djosimah. Hier erhielt der als Führer dienende Brahmine von der Regierung in Nepal den Befehl, die Reisenden schnellstens nach den Gebieten der Compagnie zurückzubefördern. Jene erkannte nun, freilich etwas spät, auch selbst, daß diese Besichtigung seitens der Engländer mehr einen politischen als einen geographischen Zweck verfolgt habe. Einen Monat später kehrte Webb nebst seinen Begleitern nach Delhi zurück, nachdem er den Oberlauf des Ganges festgestellt und die Quellen des Baghirati und der Analcanda aufgesucht, d. h. also, nach allen Seiten den von der Compagnie beabsichtigten Zweck erreicht hatte.

Im Jahre 1808 beschloß das englische Gouvernement, eine neue Expedition nach dem Pendjab abgehen zu lassen, das jener Zeit unter der Herrschaft Rendjeit Singh's stand. Der anonyme Bericht über dieselbe, der in den » Annales des Voyages« erschien, enthält mehrere interessante Einzelheiten. Wir theilen also einige Auszüge daraus mit.

Am 6. April traf der englische Officier, dem diese Mission anvertraut war, in Herduar ein, eine Stadt, welche zur Zeit der jährlich abgehaltenen Messe den Sammelplatz von wenigstens einer Million Menschen bildet. In Boria, zwischen der Jumna und dem Seteedje, konnte sich der Reisende der indiscreten Neugier der Weiber, die ihn mit aller Gewalt sehen wollten, nicht entziehen.

»Ihre Blicke und Gesten, sagt der Bericht, drückten die höchste Bewunderung aus. Sie drängten sich, aus vollem Halse lachend, heran; meine Gesichtsfarbe erregte ihre Heiterkeit. Sie richteten eine Menge Fragen an mich, wollten wissen, ob ich keinen Hut trüge, ob ich das Gesicht der Sonne aussetze, ob ich nur unter einem Schutzdache ausginge und auf dem, in meinem Zelte stehenden Tische schlafe. Mein Bett stand übrigens im Zelte an der Seite, doch waren dessen Vorhänge geschlossen. Dann besichtigten sie eingehend die Leinwand des Zeltes und Alles, was sich darin vorfand. Sie hatten Alle recht hübsche Gesichter, mit mildem, angenehmem Ausdrucke; ihr olivenfarbener Teint contrastirte wohlthuend gegen ihre weißen wohlgeformten Zähne, eine Eigenschaft, welche alle Bewohner des Pendjab gemein haben.«

Der englische Officier besuchte weiter Mustafabad, Mulana und Umballa. Das Land, durch welches er kam, bewohnten meist Shiks, deren Charakter sich durch Wohlthätigkeit, Gastfreundschaft und Wahrheitsliebe recht vortheilhaft auszeichnet. Der Verfasser nennt dieselben die beste Menschenrace in Indien. Die nächsten Stationen bildeten dann Patiata, Makeuara, Feguara, Oudamitta, bis wohin Lord Lake bei der Verfolgung eines Maharattenhäuptlings im Jahre 1805 vorgedrungen war, und endlich Umritsar, welche alle ohne Schwierigkeiten erreicht wurden.

Umritsar ist besser gebaut, als die meisten anderen Städte von Hindostan. Es bildet den bedeutendsten Handelsplatz für Shawls und Safran, sowie für andere Waaren aus dem Dekkan.

»Am 14. besuchte ich, erzählt der Reisende, mit weißen Schuhen an den Füßen und unter Beobachtung der gebräuchlichen Ceremonien den Amretsir oder das Becken des Unsterblichkeitstrankes, von dem die Stadt ihren Namen hergeleitet hat. Es besteht aus einem Bassin von etwa hundertfünfunddreißig Schritten Seitenlänge, aus Backsteinen erbaut, in dessen Mitte sich ein hübscher, Gurugowind Singh geweihter Tempel befindet, zu dem man auf einem Dammwege gelangt; derselbe ist äußerlich und im Innern gleichmäßig verziert und der Rajah läßt wiederholt auf eigene Kosten noch neue Zierraten anbringen. An diesem geheiligten Orte liegt unter einem seidenen Himmel das von Guru in Guru-mukthir-Schrift abgefaßte Buch der Gesetze. Der Tempel selbst heißt Hermendel, oder der Wohnsitz Gottes. Den Dienst an demselben besorgen fast achthundert »Akalis« oder Priester, welche sich von den freiwilligen Spenden der den Tempel besuchenden Gläubigen ganz bequeme Häuser erbaut haben. Obwohl die Priester eine unbegrenzte Hochachtung genießen, halten sie sich doch keineswegs frei von Fehlern. Sobald sie Geld haben, verschwenden sie es eben so leicht, wie sie es erwarben. Der Zulauf von schönen Frauen, welche alle Morgen nach dem Tempel ziehen, ist wahrhaft wunderbar. Dieselben übertreffen in der Eleganz ihrer Erscheinung, der Wohlgestalt der Körperformen und durch die regelmäßigen Gesichtszüge beiweitem die Frauen der anderen Volksclassen von Hindostan.«

Nach Umritsar besuchte der Officier Lahore. Er war sehr begierig zu sehen, was von dieser ehemals so großen Stadt zu Anfang unseres Jahrhunderts noch übrig wäre.

»Die sehr hohen Mauern, sagt er, sind äußerlich mit allem Luxus des orientalischen Geschmackes verziert, sonst aber ebenso in Verfall wie die Moscheen und Häuser der Stadt. Hier sah man die zerstörende Hand der Zeit, wie in Delhi und Agra. Schon sind die Ruinen von Lahore ebenso umfänglich wie die jener alten Hauptstadt.«

Drei Tage nach seiner Ankunft wurde der Reisende von Rendjeit Singh empfangen, der ihn zuvorkommend aufnahm und sich mit ihm hauptsächlich über militärische Angelegenheiten unterhielt. Der Rajah war damals siebenundzwanzig Jahre alt. Sein Gesicht hätte man hübsch nennen können, wenn ihn die Pocken nicht eines Auges beraubt hätten; sein Auftreten war einfach, leutselig und doch erkannte man in ihm den Herrscher. Nachdem er noch das Grab des Schah Djahan, den Schalamar und andere hervorragende Bauwerke von Lahore in Augenschein genommen, reiste der Officier nach Delhi und nach den Besitzungen der Compagnie zurück. Man verdankte ihm die bessere Kenntniß einer interessanten Landschaft, welche die unersättliche Habgier der englischen Verwaltung bald genug reizen sollte.

Im folgenden Jahr (1809) hatte die Compagnie eine aus den Herren Nicolas Hankey Smith, Henry Ellis, Robert Taylor und Henry Pottinger bestehende Gesandtschaft an die Emire von Sindhy abgeschickt. Die Begleitmannschaft führte der Kapitän Charles Christie.

Die Gesandtschaft ging zu Schiffe bis Keratchi. Der Gouverneur dieses Forts wollte die Ausschiffung nicht gestatten, bevor er nicht Verhaltungsbefehle von den Emiren erhalten hätte. Dadurch entstand ein lästiger Schriftwechsel, in Folge dessen Smith einige verächtliche Redensarten in Bezug auf den Titel und Rang des General-Gouverneurs gegenüber dem der Emire zu Ohren kamen. Der Gouverneur des Forts entschuldigte sich mit seiner Unkenntniß der persischen Sprache und gelobte, um jede Spur von üblem Einvernehmen zu tilgen, die Personen, von welchen jene Beleidigungen ausgingen, nach Belieben des Gesandten hinrichten oder blenden zu lassen. Diese Erklärung genügte den Engländern, welche auf die Bestrafung des Schuldigen verzichteten.

In ihren Briefen schlugen die Emire einen ziemlich verächtlichen Ton an; sie zogen gleichzeitig ein Heer von 8000 Mann zusammen und legten den Engländern alle erdenklichen Hindernisse in den Weg. Nach langen Verhandlungen, die nicht ohne wiederholte Demüthigungen des britischen Stolzes abgingen, erhielten die Gesandten die Erlaubniß, nach Hayderabad weiter zu reisen.

Jenseits Keratchi, dem Hauptausfuhrhafen von Sindhy, streckte längs des Meeres eine ungeheure Ebene ohne Baum und Strauch. Fünf Tagereisen brauchte man, dieselbe zu durchziehen, um nach der jener Zeit verlassenen und zerstörten früheren Hauptstadt von Sindhy, nach Tatah zu gelangen. Früher stand dieselbe durch Kanäle mit dem Sindh, einem gewaltigen Flusse, der an seiner Mündung mehr einem Meeresarme gleicht, in Verbindung, wo Pottinger die genauesten, vollständigsten und nutzlichsten Nachrichten sammelte.

Vorher war man schon übereingekommen daß sich die Gesandtschaft unter irgend welchem plausiblen Grunde theilen und auf verschiedenen Wegen nach Hayderabad ziehen solle, um von der Geographie des Landes so viel als möglich kennen zu lernen. Man gelangte auch glücklich dahin, doch entstanden hier dieselben Schwierigkeiten wegen des Empfanges der Gesandten, die sich den erniedrigenden Anforderungen der Emire nicht fügen wollten.

»Der Abhang, auf dem die Ostseite der Festung von Hayderabad liegt, sagt Pottinger die Giebel de Häuser und auch die Festungswerke selbst, Alles war mit einer großen Menge Menschen beiderlei Geschlechts bedeckt, die uns durch Zurufe und andere Zeichen ihr Wohlwollen erkennen zu geben suchten Angekommen an dem Palaste, wo sie absteigen sollten, wurden die Engländer von Ouli Mohammed Khan und mehreren Officieren von hohem Rang empfangen, diese gingen vor uns her nach einer geräumigen offenen Terrasse, an deren Ende die Emire saßen. Da jene Terrasse mit den kostbarsten persischen Teppichen belegt war, entledigten wir uns der Schuhe. Als der Gesandte den ersten Schritt nach den Emiren zu that, erhoben sich alle Drei und blieben stehen, bis er den ihm bestimmten Platz eingenommen hatte; ein gesticktes Tuch, das denselben bedeckte, unterschied ihn von den der anderen Mitglieder der Gesandtschaft. Die Prinzen richteten zuerst an uns sehr höfliche Fragen bezüglich unserer Gesundheit. Sonst verlief die Zusammenkunft wie eine rein ceremonielle Audienz, unter gegenseitigen Complimenten und Höflichkeitsbezeugungen …. Die Emire trugen große Mengen kostbarer Steine, außer denen, welche die Griffe und Scheiden ihrer Säbel und Dolche schmückten, und man sah an ihren Gürteln Smaragde und Rubinen von außerordentlicher Größe blitzen. Sie saßen nach dem Alter geordnet, der Aelteste in der Mitte, der zweite zur Rechten, der jüngste zur Linken. Ein Teppich aus leichtem Filz bedeckte den Raum und auf demselben lag wieder eine wenigstens daumendicke Matte aus Seide, genau so groß, daß die drei Fürsten darauf Platz hatten.«

Der Bericht schließt mit einer Beschreibung von Hayderabad – eine Festung, welche dem Angriff eines europäischen Feindes wohl kaum Widerstand leisten könnte – und mit verschiedenen Bemerkungen über die Natur der Gesandtschaft, welche zum Theile den Zweck verfolgte, den Franzosen den Eintritt in Sindhy verwehren. Sofort nach Abschluß eines dahinzielenden Vertrages kehrten die Engländer nach Bombay zurück.

Dieser Reise verdankte die Compagnie die genauere Kenntniß eines ihrer Grenzländer und gewann dadurch schätzbare Nachrichten über die Hilfsquellen und Erzeugnisse eines Landstriches, den jener große Strom, der Indus der Alten, durchzog, der, aus dem Himalaya entspringend, bequem zur Abfuhr der Naturproducte eines ungeheuren Gebietes dienen mußte. War auch der erreichte Zweck mehr politischer als geographischer Natur, so blieb doch nebenbei der Nutzen für die Wissenschaft nicht aus.

Das Wenige, was man bisher über das Gebiet zwischen Kabulistan, Indien, Persien und das Indische Meer wußte, war ebenso unzuverlässig als lückenhaft.

Sehr befriedigt mit den Erfolgen der Gesandtschaft des Kapitän Christie und des Lieutenant Pottinger, beschloß die Compagnie, den Genannten eine andere nicht minder schwierige Mission anzuvertrauen; sie sollten sich nämlich zu Lande, zuerst durch Belutschistan, zu dem General Malcolm, dem Gesandten am persischen Hofe, begeben und über die zu durchreisenden ausgedehnten Gebiete vollständigere und sicherere Nachrichten einziehen, als man solche bis jetzt besaß.

Durch Belutschistan mit seiner fanatischen Bevölkerung durfte man nicht wagen, in europäischer Kleidung zu reisen. Christie und Pottinger wandten sich deshalb an einen Hindu-Kaufmann, der für die Gouvernements von Bombay und Madras Pferde lieferte, und dieser versah sie mit Empfehlungsbriefen an seine Beauftragten nach Kelat, der Hauptstadt von Belutschistan.

Am 2. Januar 1810 schifften sich die beiden Officiere in Bombay nach Sonminy, dem einzigen Hafen der Provinz Lhossa, ein, woselbst sie, nach kurzem Aufenthalt in Porebender, an der Küste von Guzarate glücklich anlangten.

Das ganze Land, welches die Reisenden nun bis Bela durchzogen, bildete nur einen ungeheuren, mit Dschungeln überwucherten Salzsumpf. Der »Djam« oder Gouverneur dieser Stadt war ziemlich intelligent. Er stellte an die Engländer eine Menge Fragen, aus denen das Streben, sich zu unterrichten, deutlich hervorging, und vertraute dem Häuptling des Bezendjo-Stammes, der zu den Belutschen gehört, die Aufgabe an, die Reisenden nach Kelat zu führen.

Die Temperatur hatte sich, gegenüber der in Bombay, auffallend geändert. Pottinger und Christie litten in den Gebirgen ganz außerordentlich von der Kälte, welche soweit ging, daß das Wasser in ihren Schläuchen gefror. »Kelat«, sagt Pottinger, die Hauptstadt von Belutschistan – daher ihr Name, denn Kelat bedeutet: »die Stadt« – liegt auf einer Anhöhe im Westen einer wohlangebauten Ebene oder Thalsohle von etwa acht Meilen Länge und drei Meilen Breite. Der größte Theil dieser Landschaft ist von Gärten eingenommen. Die Stadt selbst bildet ein Viereck. Drei Seiten derselben umschließt, eine gegen zwanzig Fuß hohe Lehmmauer mit Bastionen von zweihundert zu zweihundert Schritten, welche ebenso wie die Mauer selbst von Schießscharten für Gewehrfeuer durchlöchert sind …. Ich fand keine Gelegenheit, das Innere des Palastes zu besichtigen; äußerlich bietet er nur den Anblick eines ungeordneten Haufens von Lehmhäusern mit flachen, terrassenförmigen Dächern; um das Ganze läuft eine niedrige Mauer mit Brustwehr und Schießscharten. Die Stadt selbst zählt wohl 2500 Häuser, ziemlich halb so viel mögen die Vorstädte aufweisen. Sie bestehen aus halbgebrannten Ziegelsteinen und Fachwerk und sind mit Lehmmörtel beworfen. Die Straßen sind im Allgemeinen breiter, als man sie sonst in astatischen Städten findet. Die meisten haben auf beiden Seiten für Fußgänger eine Art Trottoir; in der Mitte läuft ein offener Bach hin, der durch die große Menge Unrath und Abfälle, welche man hineinzuwerfen pflegt, und das sich oft daran anstauende Regenwasser zu einer großen Unbequemlichkeit wird, da dessen Reinigung durch keinerlei Vorschriften geregelt ist. Zur Unsauberkeit und Unreinlichkeit der Stadt trägt auch die Gewohnheit bei, die oberen Etagen der Häuser weit über die unteren nach der Straße zu vorspringen zu lassen, wodurch die unteren Stockwerke immer dunkel und feucht bleiben. Der Bazar von Kelat ist groß und mit Waaren reichlich versehen. Tagtäglich werden hier Fleisch und Küchengewächse verkauft, doch fehlt es auch nicht an Waaren anderer Art, welche alle ziemlich billig zu haben sind.«

Die Bevölkerung zerfällt nach Pottinger in zwei deutlich unterschiedene Classen, die Belutschis und Brahuis, welche jede selbst wieder eine Menge einzelner Stämme bilden. Die erste Classe erinnert durch Aussehen und Sprache an den Perser der Neuzeit; die Brahuis dagegen bewahren in ihrem Idiom eine Menge alter Wörter aus der Hindusprache. Zahlreiche Vermischungen beider Classen haben endlich zur Entstehung einer dritten geführt.

Die aus den Bergen von Mekhran stammenden Belutschen sind Tunniten und betrachten als solche die vier ersten Imans als die rechtmäßigen Nachfolger Mohammed's. Sie haben als Hirtenvolk die Fehler und Vorzüge eines solchen. Auf der einen Seite sehr gastfreundlich, sind sie jedoch sehr träg und verbringen ihre Zeit mit Spielen und Rauchen. Gewöhnlich begnügen sie sich mit nur zwei Frauen und entziehen sie, weniger eifersüchtig als andere Muselmanen, nicht so streng dem Blicke der Fremden. Dagegen besitzen sie eine große Anzahl Sklaven beiderlei Geschlechts, die sie jedoch freundlich behandeln. Als vortreffliche Schützen sind sie leidenschaftliche Jäger, dabei sehr muthig, und lieben die Razzias, welche sie als »Tchepaos« bezeichnen. Meist unternehmen diese Raubzüge die Nheruis, der wildeste und räuberischste Stamm der Belutschen.

Die Brahuis haben vielleicht noch ausgesprochener die Nomaden-Natur bewahrt. Die Männer sind erstaunlich thätig und kräftig; gleich abgehärtet gegen die Kälte der Berge wie gegen die versengende Hitze der Ebene. Im Allgemeinen klein von Gestalt, aber eben so kühn, eben so geschickte Schützen und ihr gegebenes Wort hoch haltend, zeigen sie doch weniger Raublust als die Belutschen.

»Ich habe kein anderes asiatisches Volk gesehen, sagt Pottinger, das ihnen ähnlich wäre, denn viele derselben haben braunen Bart und Haare.«

Nach nur kurzem Aufenthalt in Kelat gedachten die Reisenden, die sich noch immer für Pferdehändler ausgaben, ihren Weg fortzusetzen; statt aber der Landstraße von Kandahar nachzugehen, zogen sie durch ein trauriges, unfruchtbares, dünn bevölkertes Land, das der im Sommer fast ganz austrocknende Caïsser bewässert. An der Grenze von Afghanistan kamen sie in eine kleine Stadt, Namens Noschky, oder Nouchky.

Hier machten sie mehrere Belutschen, welche ihnen freundschaftlich gesinnt schienen, darauf aufmerksam, daß sie Khorassan und Herat, die Hauptstadt jenes Landes, auf der Straße von Sedjistan nur schwierig würden erreichen können.

»Reist über Kedja und Benpour oder Serhed, empfahl man ihnen, nach Kerman, einem Dorfe an der Ostgrenze von Belutschistan, und zieht von da aus nach Nermanchir hinein!«

Dieser Rathschlag erweckte in Christie und Pottinger sofort den Gedanken, zwei verschiedene Wege einzuschlagen. Das widersprach allerdings ihren Instructionen, aber »wir fanden, sagt Pottinger, eine Entschuldigung dafür in den unbestreitbaren Vortheilen einer getheilten Route, die uns jedenfalls mehr geographische und statistische Auskunft liefern mußte, als wenn wir zusammengeblieben wären.«

Christie reiste zuerst auf der Straße nach Douchak ab. Ihm werden wir später folgen.

Wenige Tage nachher erhielt Pottinger von seinem Correspondenten in Kelat brieflich die Nachricht, daß die Emire von Sindhy Leute zu ihrer Verfolgung ausgesendet hätten, da sie trotz ihrer Verkleidung erkannt worden seien, und den Rath, um ihrer eigenen Sicherheit willen, bald möglichst aufzubrechen.

Am 25. Mürz schlug also der Lieutenant den Weg nach Seravan, einer kleinen Stadt an der afghanischen Grenze, ein. Unterwegs fand Pottinger eigenthümliche Bauwerke, Gräber oder Altäre deren Einrichtung man den »Guebern«, d. s. Feueranbeter, welche heute Parsis heißen, zuschreibt.

Seravan liegt sechs Meilen von den Seravani-Bergen, inmitten einer unfruchtbaren kahlen Gegend welche sehr häufig von Dürre, Mangel und Hungersnoth zu leiden hat.

Pottinger besuchte hierauf den Bezirk von Kharan, bekannt durch die Kraft und Behendigkeit seiner Kameele, und zog durch die Wüste, welche die Südspitze von Afghanistan einnimmt. Der Sand derselben ist ungemein fein und kaum fühlbar; er bildet, vom Wind, in Bewegung gesetzt, Hügel von zehn bis zwanzig Fuß Höhe mit tiefen Thälern dazwischen. Selbst bei ganz ruhigem Wetter schweben viele feine Theilchen in der Luft, geben dadurch Veranlassung zu oft wunderbaren Spiegelungen und verursachen, indem sie in die Augen, in die Nase und den Mund eindringen, neben intensiver Reizung dieser Theile, einen wahrhaft unerträglichen Durst.

Beim Betreten des Gebietes von Mekhran mußte Pottinger den Charakter eines »Pyrzadeh« oder Heiligen annehmen, da hier eine sehr räuberische Menschenclasse wohnt, unter der er in seiner Eigenschaft als Händler schwerlich unangenehmen Zwischenfällen entgangen wäre.

Auf das Dorf Goul, im Bezirk von Daïzouk, folgen der zerstörte Flecken Asmanabad, dann Hefter und die Stadt Pourrah, wo Pottinger sich genöthigt sah, seine Eigenschaft als »Frangui« zu bekennen, und das zum großen Aerger seines Führers, der seit den zwei Monaten ihres Beisammenseins nicht den geringsten Verdacht geschöpft, und dem er wiederholte Proben seiner Rechtgläubigkeit gegeben hatte.

Erschöpft von Anstrengungen und gänzlich ohne Mittel, erreichte Pottinger Benpour, einen schon im Jahre 1809 von dem Sipahikapitän Grant besuchten Orte. Im Vertrauen auf das gute Andenken, welches der genannte Officier hinterlassen, begiebt sich der Reisende zu dem »Serdar«. Dieser aber, statt ihm die nöthigen Mittel zur Fortsetzung seiner Reise zu gewähren und sich mit dem dürftigen Geschenk, das Pottinger ihm bieten konnte, zu begnügen, weiß ihm sogar noch ein paar Pistolen abzunehmen, die ihm bei seinen Wanderungen gewiß von großem Nutzen gewesen wären.

Basman ist die letzte bewohnte Ortschaft von Belutschistan. Hier besucht man eine heiße Schwefelquelle, welche die Belutschen als ausgezeichnetes Heilmittel bei vielerlei Hautkrankheiten ansehen.

Die Grenzen von Persien sind noch keineswegs wissenschaftlich festgestellt. Es existirt vielmehr ein breiter Landstreifen, der nicht etwa als neutral gilt, sondern der Gegenstand fortwährenden Streites und der Schauplatz blutiger Kämpfe ist.

Die kleine Stadt Regan in Nermanchir bietet einen recht hübschen Anblick. Sie besteht aus einem Fort oder vielmehr befestigtem Dorfe mit hohen, gutunterhaltenen und bastionirten Mauern.

Weiter, im eigentlichen Persien, trifft man auf Bemm, eine früher bedeutende Stadt, worauf noch die ausgedehnten Ruinen in der Umgegend hindeuten. Von dem Gouverneur daselbst wurde Pottinger sehr herzlich empfangen.

»Als er in meine Nähe kam, erzählte der Reisende, wandte er sich nach seinen Leuten mit der Frage um, ob ich der Frangui sei. Diese bejahten es; er gab mir darauf mit der Hand ein Zeichen, ihm zu folgen, und sein Blick, der mich von Kopf bis zu den Füßen maß, verrieth das Erstaunen, das ihm meine Erscheinung abnöthigte; mein Aussehen war freilich der Art, daß es seine etwas verächtlichen Blicke wohl entschuldigte. Ich trug ein grobes Belutschihemd und Beinkleider, die ursprünglich weiß gewesen waren. Da ich diese aber sechs Wochen am Leibe hatte, spielte ihre Farbe schon mehr in's Bräunliche und außerdem hingen sie fast in Fetzen um mich herum; hierzu nehme man noch einen blauen Turban, einen alten Strick, der mir als Gürtel diente, und einen großen Stock in der Hand, der mich beim Wandern unterstützte und mir unterwegs die Hunde abwehren half.«

Trotz der zerlumpten Erscheinung der Person, die sich ihm vorstellte, nahm der Gouverneur Pottinger zuvorkommender auf, als man von einem Muselman erwarten konnte, und stellte ihm auch einen Führer nach Kerman zur Verfügung.

Am 3. Mai gelangte der Reisende nach dieser Stadt mit dem Gefühle, den schwersten Theil seines Zuges hinter sich zu haben und jetzt wohl gerettet zu sein.

Kerman ist die Hauptstadt des alten Karamaniens; unter afghanischer Herrschaft war es eine blühende Stadt, wo man Shawls fabricirte, die mit denen von Kaschmir wetteiferten.

Hier war Pottinger Zeuge eines, in jenen Ländern, wo man Menschenleben nicht hoch anschlägt, ziemlich häufigen Schauspieles, das ein Europäer aber niemals ohne Schrecken und Abscheu mit ansehen kann.

»Am 15. Mai, sagt der Reisende, saß der Fürst selbst zu Gericht über einige Leute, welche der Ermordung eines ihrer Diener angeklagt waren. Man kann sich nur schwer eine Vorstellung von der Angst und der Aufregung machen, in der die Bewohner den ganzen Tag über schwebten. Die Thore der Stadt wurden geschlossen, damit Niemand entweichen könne. Ohne vorherige Benachrichtigung wurden Einzelne als Zeugen vorgeladen. Ich sah zwei oder drei solche nach dem Palaste führen, aus deren Zügen die Angst so lebhaft sprach, als seien sie schon selbst zum Tode verurtheilt. Um drei Uhr Nachmittags verkündete der Fürst das Urtheil über die Angeklagten, welche überführt worden waren. Den Einen stach man die Augen aus, dem Anderen spaltete man die Zunge. Jenen schnitt man zur Strafe die Ohren, die Nase und die Lippen ab: wieder Anderen beide Hände, die Finger oder die Zehen. Ich hörte, daß der Fürst während dieser Verstümmelung der Unglücklichen an demselben Fenster saß, wo ich ihn sah, und ohne das geringste Zeichen von Theilnahme oder Abscheu vor der Scene, die sich vor ihm abspielte, mit aller Ruhe seine Befehle ertheilte.«

Von Kerman wandte sich Pottinger nach Chere Bebig, eine Stadt, welche gleich weit von Yezd, Chiraz und Kerman liegt; dann nach Ispahan, wo er die Freude hatte, seinen Gefährten Christie wieder anzutreffen, und endlich nach Meragha, wo er den General Malcolm fand. Bombay hatten die beiden Reisenden vor sieben Monaten verlassen. Christie hatte seitdem 2250, Pottinger 2412 Meilen zurückgelegt.

Kehren wir jetzt zurück, um zu sehen, wie es Christie auf seiner gefährlichen Fahrt erging. Im Ganzen besser und bequemer, als er selbst zu hoffen wagte!

Er hatte Noschky am 22. März verlassen und war durch die Vachouty-Berge und ein unangebautes, fast wüstes Land bis zum Ufer des Helmend gezogen, der in den Hamoun-See mündet.

»Der Helmend, sagt Christie in seinem Berichte an die Compagnie, läuft erst an Kandahar vorüber, ändert seine südwestliche Richtung in eine westliche um und tritt, etwa vier Tagereisen weit von Douchak, nach Sedjistan über; erst beschreibt er hier einen Bogen um das Gebirge und bildet darauf einen See. In Pellalek, wo wir uns befanden, ist er gegen eintausendzweihundert Fuß breit und sehr tief; sein Wasser ist sehr schön. Bis auf eine halbe Meile befruchtet er das Land zu beiden Seiten durch seine Ueberschwemmungen; weiterhin, wo die Steppe beginnt, strömt er zwischen hohen Uferwänden. Die Gelände an seiner Seite sind mit üppigen Tamarinden bedeckt und liefern eine treffliche Weide.«

Sedjistan selbst, das an beiden Seiten dieses Stromes liegt, umfaßt nicht mehr als fünfhundert Quadratmeilen. Bewohnt sind davon nur die Ufer des Helmend, dessen Bett sich Jahr für Jahr mehr vertieft.

In Elomdar ließ Christie einen Hindu aufsuchen, an den er empfohlen war. Dieser rieth ihm, seine Belutschen zu entlassen und als Pilger aufzutreten. Wenige Tage später kam er nach Douchak, das auch Djellahabad genannt wird.

»Die Ruinen dieser alten Stadt, erzählt der Reisende, bedecken ein Terrain von derselben Ausdehnung wie Ispahan. Erbaut wurde dieselbe, wie alle Städte in Sedjistan, aus halbgebrannten Ziegeln, die Häuser hatten zwei Stockwerke und Kuppeldächer. Die neue Stadt Djellahabad ist reinlich, hübsch und im Wachsen begriffen; sie zählt etwa zweitausend Häuser und besitzt einen leidlichen Bazar.«

Von Douchack nach Herat kam Christie ohne besondere Beschwerden, nur durfte er gewisse Vorsichtsmaßregeln nicht vernachlässigen, um für einen Pilger gehalten zu werden.

Herat liegt in einem bergumrahmten und von einem Flusse bewässerten Thale, so daß man überall nur Gärten und Weinberge erblickt. Die Stadt bedeckt einen Flächenraum von vier Quadratmeilen und wird von einer durch Thürme verstärkten Mauer mit Wassergräben umschlossen. Große Bazars mit sehr vielen Verkaufsstellen, und die Mechede Djuma oder Freitags-Moschee bilden die vorzüglichen Bauwerke derselben. Fast keine Stadt möchte so viel öde Plätze und auf der anderen Seite eine so zusammengepferchte Bewohnerschaft aufweisen. Christie schätzt letztere auf 100.000 Seelen. Sie treibt vielleicht von allen, eingebornen asiatischen Fürsten unterworfenen Städten den ausgedehntesten Handel. Ein Knotenpunkt des Verkehrs zwischen Kabul, Kandahar, Hindostan, Kaschmir und Persien erzeugt Herat auch selbst sehr gesuchte Waaren und Naturproducte, Safran, Pferde und Asa foetida.

»Letztere Pflanze, sagt Christie, wächst bis zu der Höhe von zwei bis drei Fuß, der Stengel mißt zwei Zoll im Durchmesser; oben läuft derselbe in eine Dolde aus, welche gereift gelb aussieht und einem Blumenkohlkopfe ähnelt. Die Hindus und Belutschen lieben dieselben sehr; sie verzehren sie tagtäglich, nachdem der Stengel unter glühender Asche geröstet und die Dolde, wie gewöhnlich alle Küchengewächse, gedämpft worden ist; dennoch behält sie stets etwas von ihrem ekelerregenden Geschmack und Geruch bei.«

So wie viele andere asiatische Städte besitzt Herat sehr schöne öffentliche Gärten, die man damals jedoch nur wegen ihrer, im Bazar zum Verkauf gebrachten Erzeugnisse pflegte.

Nach einmonatlichem Aufenthalte in Herat verließ Christie, als Pferdehändler auftretend, die Stadt wieder, wobei er das Gerücht zu verbreiten wußte, er werde nach einer Pilgerfahrt nach Meched hierher zurückkehren. Zunächst wanderte er nun nach Yezd, durch eine von den Ouzbecks verwüstete Gegend, in der diese auch alle zum Ansammeln des Regenwassers bestimmten Cisternen zerstört hatten.

Yezd ist eine zwar große, aber nur dünn bevölkerte Stadt am Eingang einer Sandwüste. Man nennt sie auch »Dar oul Ebadet« oder den Sitz der Anbetung. Sie ist berühmt wegen der Sicherheit, die hier herrscht, und mächtig zum Emporblühen des Handels mit Hindostan, Khorassan, Persien und Bagdad beigetragen hat.

»Der Bazar, sagt Christie, ist sehr groß und mit Waaren reichlich ausgestattet. Ohne die der Guebrer enthält die Stadt 20.000 Häuser; die Wohnstätten der ersteren schätzt man wohl aus 4000. Die Bewohner sind rührig und arbeitsam, werden leider aber grausam bedrückt.«

Von Yezd nach Ispahan, wo er im Palaste des Emir Oud Daoule abstieg, hatte Christie eine Strecke von hundertsiebzig Meilen auf recht guter Straße zurückgelegt. Hier fand er zu seiner großen Freude, wie schon oben erwähnt, seinen Gefährten Pottinger wieder; die beiden Officiere hatten alle Ursache, sich gegenseitig zu beglückwünschen über den Ausgang ihrer Mission und die Gunst des Schicksals, die es ihnen ermöglicht hatte, durch sonst so fanatische Länder eine so lange Wegstrecke unangefochten zurückzulegen.

Schon der von uns wiedergegebene Auszug beweist wohl, daß Pottinger's Bericht besonders werthvoll war. Weit verläßlicher als die Arbeiten seiner Vorgänger, hat er eine Menge geschichtlicher Thatsachen, kurze Erzählungen und höchst interessante geographische Schilderungen zur allgemeinen Kenntniß gebracht.

Seit Mitte des 18. Jahrhunderts hat Kabulistan unaufhörlich den Schauplatz mörderischer Bürgerkriege gebildet. Verschiedene Bewerber, die sich mehr oder minder ein Anrecht auf dessen Thron zuschrieben, haben überall mit Feuer und Schwert gewüthet und aus diesem sonst reichen und blühenden Lande eine Wüste gemacht, in der nur die Trümmer verschwundener Städte von einem Gedeihen Zeugniß ablegen, das man als für immer erstorben wähnen sollte.

Gegen 1808 regierte in Kabul Shujau Oul Moulk. England hatte damals, mehr als man vermuthete, durch den Plan Napoleon's, dasselbe in Indien anzugreifen, und durch die Versuche, den Schah von Persien durch seinen Gesandten, den General Gardane, zu einem Bündniß zu bewegen, beunruhigt, eine Gesandtschaft an den Herrscher von Kabul abgeschickt, um diesen für das Interesse der Compagnie zu gewinnen.

Hierzu wurde Mountstuart Elphistone ausersehen der uns einen recht interessanten Bericht über seine Mission hinterlassen hat. Ihm verdankt man ganz neue Aufschlüsse über jenes Gebiet und die Volksstämme, welche daselbst hausen. Heut' hat sein Buch eine erneute Bedeutung gewonnen, und man liest nur mit um so größerer Aufmerksamkeit die den Kyberiern und anderen Bergbewohnern gewidmeten Abschnitte während sich daselbst sehr ernste Ereignisse vor unseren Augen abspielen.

Von Delhi im October 1808 abgereist, kam Elphistone nach Canound, wo eine Wüste mit beweglichem Sand beginnt, und betrat darauf den Bezirk Shekhawuttee, der von Radjputen bevölkert ist. Gegen Ende Octobers erreichte die Gesandtschaft Singauna, eine hübsche Stadt, deren Gouverneur ein leidenschaftlicher Opiumraucher war.

»Es war ein kleiner Mann, sagt der Reisende, dessen große Augen vom unmäßigen Opiumrauchen entzündet schienen. Sein auf beiden Seiten nach den Ohren zu aufgekämmter Bart verlieh ihm ein wildes abschreckendes Aussehen.«

Djounjounha, dessen Gärten durch, einen angenehmen erfrischenden Eindruck inmitten dieser Steppen überraschen, ist dem Rajah von Bikanir nicht unterworfen, dessen Einkünfte eine Million Mark nicht übersteigen. Es erscheint unerklärlich, woher der Fürst diese immerhin beträchtlichen Revenuen aus einem dürren unfruchtbaren Lande schöpfen kann, in dem sich nach allen Richtungen Millionen von Ratten, ganze Heerden von Gazellen und wilden Eseln umhertummeln.

»Der Fußsteg durch die sandigen Berge war sehr schmal, sagt Elphistone gelegentlich der Schilderung des Zuges seiner Karawane, kaum zwei Kameele konnten neben einander gehen. Sobald eines dieser Thiere nur ein wenig vom Wege abwich, sank es in den Sand wie in Schnee ein, so daß das geringste Hinderniß an der Spitze des Zuges die ganze Karawane zum Anhalten zwang. Ebensowenig konnten die Vordersten den Weg fortsetzen, wenn das Ende des Zuges still hielt, und da man fürchten mußte, daß sie sich in Ermanglung eines Führers verirren könnten, so gab man mit Trommeln und Trompeten fortwährend Signale, um jeder Trennung der einzelnen Glieder vorzubeugen.«

Denkt man hierbei nicht an den Marsch einer Armee? Konnten diese kriegerischen Töne und der Glanz der Waffen und Uniformen unter jenem Zug noch eine friedliche Gesandtschaft vermuthen lassen? Könnte man nicht auf Indien die bekannte Redensart anwenden, welche in Spanien alle fremdartig erscheinenden Sitten und Gebräuche erklären soll, und von Cosas de India sprechen, wie man Cosas de España sagt?

»Der Mangel an Wasser, berichtet der Gesandte weiter, und die schlechte Qualität desjenigen, welches wir trinken mußten, wirkte auf unsere Soldaten und Diener bald sehr verderblich ein. Wenn der Ueberfluß an Wassermelonen zwar geeignet erschien, ihren Durst zu stillen, so ging das doch nicht ohne Nachtheil für die Gesundheit ab. Die meisten Eingebornen aus Indien, welche uns begleiteten, litten an schleichendem Fieber und Anfällen von Dysenterie. Vierzig Mann starben während der ersten Woche unseres Aufenthaltes in Bikanir.«

Von Bikanir kann man dasselbe sagen, was Lafontaine über schimmernde Holzstücke äußerte:

»Von Weitem scheint es etwas zu sein, und in der Nähe ist es nichts.«

Der äußere Eindruck der Stadt ist ein ganz vortheilhafter; im Innern besteht sie aber nur aus ungeordneten Hütten mit Mauern aus »Lehmkleister«. Jener Zeit war das Land von fünf Herren überfallen und die kriegführenden Parteien schickten einen Boten nach dem andern an den englischen Gesandten ab, um, wenn nicht materielle Hilfe, so doch dessen moralische Stütze zu erlangen.

Elphistone wurde von dem Rajah von Bikanir feierlich empfangen.

»Die Hofhaltung desselben, sagt er, unterschied sich wesentlich von allen, die ich jemals in Indien gesehen hatte. Die Männer waren weißer als die Hindus, ähnelten an Gesichtszügen noch den Juden und trugen alle prächtige Turbans. Der Rajah selbst und dessen Angehörige hatten buntfarbige, reich mit Edelsteinen verzierte Mützen auf. Der Rajah stützte sich während der Audienz auf einen stählernen Schild, der in der Mitte aufgetrieben und am Rande mit Rubinen und Diamanten besetzt war. Sehr bald nach unserem Eintritt schlug der Rajah vor, uns der Hitze und der Belästigung durch die Volksmenge zu entziehen … Wir setzten uns nach indischer Sitte auf den Erdboden und der Rajah begann ein Gespräch, in welchem er unter Anderem äußerte, er sei der Vasall des Herrschers von Delhi, und da Delhi unter englischer Oberhoheit stehe, erkenne er in meiner Person gern die Souveränität meiner Regierung an. Er ließ darauf die Schlüssel des Forts bringen, die er mir anbot, doch schlug ich dieselben aus, da ich nach dieser Richtung keine Machtvollkommenheit hatte. Erst nach langem Hin- und Herreden verstand sich der Rajah dazu, seine Schlüssel zu behalten. Später trat eine Gesellschaft von Bajaderen auf; Tänze und Gesänge hörten dann bis zur Zeit unserer Abreise nicht wieder auf.«

Von Bikanir aus führt der Weg durch eine Wüste, in der die Städte Moujghur und Bahawulpore liegen, wo eine dichtgedrängte Volksmenge die Gesandtschaft erwartete. Der Hyphasus, jener Strom, auf dem sich einst die Flotte Alexanders wiegte, entsprach nicht den Erwartungen, welche jene Erinnerung erregte. Am Tage nach dem Eintreffen daselbst kam Bahaweel Khan, der Gouverneur einer der Ostprovinzen von Kabul, an. Dieser überbrachte dem englischen Gesandten reiche Geschenke, welche er längs des rechten Hyphasusufers bis Moultan beförderte. Letztere Stadt ist durch ihre Seidenwebereien weit und breit berühmt. Der Gouverneur derselben war ganz starr vor Schrecken, als ihm die Ankunft der Engländer zu Ohren kam, und berathschlagte mit Anderen, wie er sich zu verhalten haben möchte, wenn jene die Stadt durch einen Ueberfall eroberten oder deren Uebergabe verlangen sollten.

Bald schwand indessen seine Angst und die Zusammenkunft mit ihm wurde eine recht herzliche. Elphistone's Schilderung derselben scheint zwar etwas übertrieben, ist aber doch merkwürdig genug.

»Der Gouverneur, sagt er, begrüßte Herrn Strachey (den Secretär der Gesandtschaft) auf echt persische Weise. Beide begaben sich nach einem zur Unterhaltung gewählten Zelte, was nicht ohne große Unordnung abging. Das Volk schlug sich rings um sie und Reiter zwängten sich schonungslos durch die Reihen der Fußgänger. Strachey's Pferd wurde fast umgerissen und er hatte die größte Mühe, sich im Gleichgewichte zu halten. Schon in der Nähe des Zeltes hatten sich der Khan und sein Gefolge vom richtigen Wege verirrt und stürzten sich nun so stürmisch auf die Reiterschaar daneben, daß diese kaum im Stande war, eine Schwenkung zu machen, um jenen einen Durchgang zu öffnen. Als die in Unordnung gerathenen Truppen nach dem Zelte eilten, entflohen die Diener des Khans welche darüber unklar sein mochten, was hier vorging; Alles wurde dabei umgerissen und zur Erde geworfen, so daß uns die Leinwand fast über dem Kopf zusammenfiel. Das Innere füllte sich mit einer tobenden Menge, während auch vollständige Dunkelheit herrschte. Der Gouverneur und zehn seines Gefolges setzten sich nieder, die Anderen blieben unter Waffen. Der Besuch dauerte nur kurze Zeit. Der Gouverneur betete fortwährend inbrünstig seinen Rosenkranz ab und stammelte nur die Worte: »Sie sind willkommen! Hoch willkommen!« Dann meinte er, die große Volksmenge könnte mir wohl lästig fallen, und zog sich zurück.«

Der Bericht klingt amüsant. Es verschlägt ja nicht viel, ob er durchgehends der Wahrheit entspricht. Am 31. December überschritt die Gesandtschaft den Indus und gelangte in ein sorgfältig und zweckmäßig angebautes Land, das in keiner Weise an Hindostan erinnerte. Von Engländern, welche sie für Mongolen, Afghanen oder Hindus hielten, hatten die Bewohner noch niemals reden gehört. In der wundersüchtigen Bevölkerung waren auch die seltsamsten Gerüchte in Umlauf.

In Dera mußte man einen ganzen Monat verweilen, um einen »Mehmandar« oder Anführer der Gesandten abzuwarten. Zwei Mann von der Gesellschaft benutzten diese Muße, um den Pic Tukhte Soleiman d. i. der Thron Soliman's, zu besuchen, auf dem der Sage nach die Arche Noah's nach der Sintfluth sitzen geblieben sein soll.

Am 7. Februar erfolgte die Abreise von Dera, von wo aus die Gesandtschaft durch lauter reizende Gegenden bis Peschaver zog, wohin sich der König begeben hatte, denn der Hof residirte sonst nicht in dieser Stadt.

»Am Tage unserer Ankunft, heißt es in dem Berichte, wurde uns das Essen aus der königlichen Küche geliefert. Die Gerichte waren wirklich vortrefflich Später ließen wir indeß das Fleisch nach unserer Art zubereiten; trotzdem unterließ der König nicht, uns Frühstück, Mittagessen und ein leichtes Abendbrot zu senden, außerdem noch Nahrungsmittel und Futter für zweitausend Mann, zweihundert Kameele und für eine große Anzahl Elephanten. Unser Gefolge war nun lange nicht so zahlreich, dennoch hatte ich die größte Mühe, nach Verlauf eines Monats bei Seiner Majestät eine geringe Beschränkung dieser unnützen Verschwendung durchzusetzen.«

Wie vorauszusehen, zogen sich die Verhandlungen wegen einer Vorstellung bei Hofe lange Zeit hin. Endlich kam es zu einer Einigung und der Empfang gestaltete sich so herzlich, wie es die diplomatischen Gepflogenheiten nur zuließen. Der König erschien bedeckt mit Diamanten und anderen edlen Steinen; er trug eine goldene Krone und auf einer Armspange glänzte der bekannte »Kohinoor«, der größte existirende Diamant, den jetzt wohl Jeder in Nachbildungen gesehen hat.

»Ich muß gestehen, sagt Elphistone, daß, wenn manche Gegenstände und der ungewöhnliche Reichthum der königlichen Prachtgewänder mein Erstaunen erregte, ich dagegen doch Vieles unter meinen Erwartungen fand. Alles wies weniger auf die gedeihliche Entfaltung eines mächtigen Staatswesens hin, als es den Verfall einer früher blühenden Monarchie verrieth.«

Daneben erwähnt der Gesandte die Habgier, mit der die Officiere des Königs sich auf die von den Engländern dargebrachten Geschenke stürzten, außer mehreren anderen Einzelheiten, die ihn sehr peinlich berührten.

Eine zweite Zusammenkunft mit dem Könige ließ bei Elphistone jedoch einen besseren Eindruck zurück.

»Man dürfte schwerlich glauben, sagt er, daß ein morgenländischer Monarch so viel gute Lebensart entwickeln könne, wie dieser König, der, wo er offenbar zu gefallen strebte, doch seine Würde vollkommen zu wahren wußte.«

Die mit Ausnahme der Ostseite umschlossene Ebene von Peschaver, wird von drei Armen des Kabulflusses bewässert, welche sich hier untereinander und mit mehreren kleinen Bächen vereinigen. Die Landschaft ist ausnehmend fruchtbar. Auf jedem Schritte sieht man Pflaumen, Pfirsiche, Birnen, Quitten, Granaten und Datteln in Menge. Die Bevölkerung, welche in der von der Gesandtschaft durchzogenen Steppe nur sehr dünn gesäet wohnte, drängte sich hier so sehr zusammen, daß Lieutenant Macartney nicht weniger als zweiunddreißig Dörfer zählte.

Peschaver selbst mag gegen 100.000 Menschen bergen, welche in dreistöckigen Häusern aus Backsteinen wohnen. Die hervorragendsten Bauwerke der Stadt bilden viele Moscheen, von denen keine besonders merkwürdig erscheint, eine schöne Karawanserei und der Ballahissaur, ein befestigtes Schloß, in dem der König die Gesandtschaft empfing. Die Mischung von Bewohnern verschiedener Racen und die wechselnden Costüme erzeugen ein jeden Augenblick sich veränderndes Bild, ein wahres menschliches Kaleidoskop, das zum Vergnügen des Fremden geschaffen scheint. Perser, Afghanen, Kyberier, Hazaurehs, Duraner u. s. w., Pferde, Kameele, Dromedare aus Bactriana, Zweifüßler und Vierfüßler – der Naturforscher findet überall Stoff, zu beobachten und zu beschreiben.

Den Hauptreiz der Stadt wie des ganzen Indiens bilden aber ihre Gärten, und die Menge, so wie der Wohlgeruch der Blumen, vorzüglich der Rosen.

Die Lage des Königs war gerade damals keine befriedigende, da dessen Bruder, den er früher durch eine Volkserhebung entthront, die Waffen gegen ihn ergriffen und Kabul erobert hatte. Ein längerer Aufenthalt der Gesandtschaft schien nicht räthlich. Sie schlug also den Weg nach Indien wieder ein und zog über Attock und das durch seine landschaftlichen Reize berühmte Thal von Hussun Abdul. Hier gedachte Elphistone zu warten, bis die Waffen das Schicksal des Thrones von Kabul entschieden haben würden. Er erhielt jedoch Briefe, die seine Rückkehr beschleunigten. Uebrigens hatte das Glück Sjuhau nicht begünstigt; er wurde völlig geschlagen und konnte sich nur durch die Flucht retten.

Die Gesandtschaft zog demnach weiter und kam durch das Land der Sikhs, mit einer sehr kräftigen, halbnackten und auch halb wilden Bevölkerung.

»Die Sikhs – welche einige Jahre später furchtbar von sich reden machen sollten – sagt Elphistone, sind groß, mager, aber sehr stark. Sie tragen kaum andere Kleidungstücke als kurze Hosen, welche nur bis zur Hälfte des Schenkels reichen. Ueber die Schultern werfen sie zuweilen einen Mantel aus Tigerfellen. Ihre Turbans sind nicht breit, aber sehr hoch und vorn abgeplattet. Das Scheeren des Bartes oder der Haare kennen sie nicht. Ihre Waffen bestehen aus dem Bogen und der Flinte. Vornehmere Leute bedienen sich sehr eleganter Bogen, die sie auch bei jedem freundschaftlichen Besuche mit sich führen. Fast ganz Pendjab ist Rendjet Sing unterthan, der noch 1805 einer der zahlreichen Häuptlinge des Landes war. Zur Zeit unserer Reise hatte er sich die Oberhoheit über alles von den Sikhs bewohnte Land gesichert und den Titel eines Königs angenommen.«

Die weitere Rückreise der Gesandtschaft nach Delhi verlief ohne bemerkenswerthe Zwischenfälle. Dieselbe brachte außer der Schilderung der unter ihren Augen vorgekommenen Ereignisse sehr werthvolle Kunde über die Geographie von Afghanistan und Kabulistan, über die klimatischen Verhältnisse und über die Erzeugnisse des Thier-, Pflanzen- und Steinreiches jener ausgedehnten Länder mit heim.

Die Abstammung der Bewohner, die Geschichte, Regierungsweise, Gesetzgebung, die Verhältnisse des weiblichen Geschlechtes, die Religion, Sprache und der Handel werden in ebenso vielen interessanten Capiteln des Elphistone'schen Berichtes erörtert, die auch die besten Journalisten der neuesten Zeit schonungslos geplündert haben, als die letzte englische Expedition nach Afghanistan beschlossen wurde.

Die Arbeit endigt mit einer sehr eingehenden Untersuchung über die Volksstämme Afghanistans und mit einer Zusammenstellung zahlreicher, für jene Zeit besonders werthvoller Urkunden über die Nachbarländer.

Alles in Allem ist Elphistone's Bericht merkwürdig, interessant geschrieben, nach mehr als einer Seite höchst schätzbar und selbst heute noch von hohem Werthe.

Der Eifer der Compagnie erlahmte niemals. Kaum war eine Mission zurückgekehrt, so reiste eine andere nach anderer Richtung und mit veränderten Instructionen ab. Es kam jener darauf an, mit ihrer Umgebung Fühlung zu behalten, über die so wetterwendische Politik der asiatischen Despoten unterrichtet zu bleiben und vorzüglich ein Bündniß der verschiedenen Völker gegen die Usurpatoren ihres mütterlichen Bodens zu verhindern. Im Jahre 1812 veranlaßte ein anderer, übrigens friedlicherer Gedanke die Reise Moorcrofts und des Kapitäns Hearsay nach dem in der Provinz Oundes, einem Theile Klein-Thibets, gelegenen Mansarowar-See.

Hierbei handelte es sich nur darum, eine Heerde langhaariger Ziegen aus Kaschmir, deren feine Wolle zur Herstellung jener auf der ganzen Erde berühmten Shawls dient, nach Indien überzuführen.

Daneben ging man noch darauf aus, die Behauptung der Hindus, daß der Ganges jenseits des Himalaya im Mansarowar-See entspringe, zu widerlegen.

Es war eine schwierige und gefahrvolle Aufgabe. Zunächst galt es dabei, nach Nepal einzudringen, dessen Regierung den Eintritt in das Land möglichst zu erschweren pflegte, und nachher auch noch ein anderes Gebiet zu betreten, von dem schon die Einwohner von Nepal, noch viel mehr natürlich die Engländer, ausgeschlossen waren, nämlich die genannte Provinz Oundes.

Die Reisenden verkleideten sich zunächst als Hindupilger. Ihr Gefolge bestand aus fünfundzwanzig Personen, unter denen ein Diener sich freiwillig verpflichtet hatte, stets Schritte von vier Fuß Länge zu machen, um auf diese, wenig verläßliche Weise den zurückgelegten Weg zu messen.

Die Herren Moorcroft und Hearsay begaben sich nach Bereily und folgten der von Webb eingehaltenen Richtung bis Djosimath, das sie am 26. Mai 1812 verließen. Die letzte Kette des Himalaya überschritten sie unter den größten Schwierigkeiten, in Folge der Seltenheit von Dörfern, dem Mangel an Trägern und Nahrungsmitteln und dem erbärmlichen Zustande der Wege jener in so großer Höhe über dem Meere gelegenen Gegenden.

Sie besuchten jedoch Daba, wo sich eine bedeutende Lamanerie befindet, Gortope, Maïsar und die eine Viertelmeile von Tintapouri gelegenen warmen Schwefelquellen.

»Diese entspringen, heißt es in dem, in den » Annales des Voyages« veröffentlichten Originalberichte, aus zwei, etwa sechszölligen Mündungen und einem gegen drei Meilen langen und fast durchweg zehn bis zwölf Fuß über seine Umgebungen emporragenden Kalklager, das durch die Niederschläge entstanden ist, welche das Wasser bei seiner Abkühlung absetzt. Das Wasser selbst steigt vier Zoll über die Fläche in die Höhe. Es ist sehr klar und so warm, daß man die Hand nicht lange hineinhalten kann. Die ganze Umgebung wird von einer dichten Dampfwolke umhüllt. Bei seinem Hinfließen über eine ziemlich horizontale Fläche höhlt das Wasser verschieden geformte Bassins aus, welche sich, je nachdem sich dessen gelöste Bestandtheile darin niederschlagen, später wieder verengern; endlich wächst der Boden derselben so weit empor, daß das Wasser eine neue Vertiefung bildet, die es nun eine gewisse Zeit lang anfüllt. So fließt es immer von einem Bassin zum anderen, bis es in die Ebene gelangt. Der erdige Niederschlag, den es im Anfang, nahe einer der Quellenmündungen hinterläßt, ist so weiß wie der reinste Stuck, weiterhin erscheint er hell-, noch später safrangelb. An der anderen Quelle zeigt er eine rosenrothe, im weiteren Verlaufe dunklere Grundfarbe. In der Kalkablagerung, die schon Jahrhunderte alt zu sein scheint, vermag man überall diese wechselnden Färbungen nachzuweisen.«

Tintapouri, die Residenz eines Lama, bildet schon von altersher einen sehr besuchten Wallfahrtsort der Gläubigen. Dafür zeugt z. B. eine vierhundert Fuß lange, gegen vier Fuß dicke Mauer, welche über und über mit Gebeten und Sprüchen bedeckt ist.

Am 1. August brachen die Reisenden von hier nach dem Mansarowar-See auf und ließen den Ravahnrad-See, der einen Hauptarm des Setledje speisen soll, rechts liegen.

Der Mansarowar-See breitet sich am Fuße ausgedehnter Wiesen aus, welche im Süden gigantische Berge begrenzen. Hier liegt das größte Heiligthum der Hindus, ein Ansehen, das diese Stelle wohl nur ihrer Entfernung von Hindostan, den Beschwerden und Gefahren der Reise hierher und der Nothwendigkeit, Geld und Provisionen selbst bei sich zu führen, zu verdanken scheint.

Aus diesem Gewässer soll, nach der Annahme der Hindus, der Ganges neben dem Setledje und dem Kali entspringen. Ueber das Irrige der ersten Angaben war Moorcroft keinen Augenblick in Zweifel. Um sich von dem Werthe der beiden anderen zu überzeugen, wandelte er längs der hüglichen und oft tief eingeschnittenen Ufer des Sees hin und sah dabei zwar viele Wasserläufe in denselben münden, keinen einzigen aber daraus abfließen. Möglicher Weise hat der Mansarowar-See vor dem Erdbeben, das Srinagar zerstörte, einen Abfluß gehabt, doch fand Moorcroft davon keine Spur. Zwischen dem Himalaya und der Caïlas-Bergkette gelegen, mißt der unregelmäßig gestaltete See gegen fünf Meilen in der Länge und vier in der Breite.

Ein Zweck der Mission war hiermit erreicht; Moorcroft und Hearsey wandten sich also nach Indien zurück, kamen durch Gangri und besuchten auch den Rawahnrad-See; Moorcroft fühlte sich jedoch zu schwach, denselben eingehender zu besichtigen, er kehrte nach Tintapouri, weiterhin nach Daba zurück und hatte bei Ueberschreitung der Ghats, welche Hindostan von Thibet trennen, schwer zu leiden.

»Der von den schneebedeckten Bergen von Bouthan herabfallende Wind, heißt es in dem Berichte, ist durchdringend kalt. Der Weg nach jenen Bergen ist aufwärts lang und beschwerlich, der abwärtsführende steil und schlüpfrig, so daß er die größte Vorsicht erheischt. Wir hatten im Allgemeinen viel auszustehen. In Folge der Unachtsamkeit der Treiber, waren unsere Ziegen von der Straße abgewichen und grasten am Rande eines Abgrundes, fünfhundert Fuß über demselben. Ein Hirt vertrieb sie von der gefährlichen Stelle, wobei sie einen sehr steilen Abhang hinabliefen. Die letzten der Heerde stießen an verschiedene Steine, welche polternd hinunterstürzten und die vorderen zu beschädigen drohten; es war da wirklich wunderbar mit anzusehen, mit welcher Gewandtheit diese im Laufen doch den herabrollenden Steinen auszuweichen wußten.«

Bald darauf bedrängen Gorkhalis, die sich bisher begnügten, den Reisenden allerlei Hindernisse in den Weg zu legen, diese sehr ernsthaft und versuchen sie aufzuhalten. Einige Zeit hielt die Entschlossenheit der Engländer die wilden Fanatiker noch in gemessener Entfernung; mit deren zunehmender Anzahl wuchs aber auch ihr Muth, so daß sie endlich das Lager der Reisenden überfielen.

»Zwanzig Männer stürzten sich auf mich, erzählt Moorcroft; der Eine packte mich am Halse, stemmte mir das Knie in die Lenden und versuchte mich durch Zusammenschnürung meiner Cravatte zu erwürgen; ein Anderer befestigte mir einen Strick an dem einen Bein und zerrte mich nach rückwärts. Das Gewehr, worauf ich mich stützte, entfiel mir und ich sank zu Boden. Man schleifte mich geknebelt fort, bis ich die Besinnung verlor. Als ich wieder zu mir kam, malte sich auf den Gesichtern der Räuber die wildeste Freude. Aus Furcht, mich noch entwischen zu sehen, hielten mich zwei Soldaten an einem Stricke fest und versetzten mir von Zeit zu Zeit Schläge, wahrscheinlich, um mir meine peinliche Lage in Erinnerung zu bringen. Mr. Hearsay hatte einen so plötzlichen Ueberfall nicht vermuthet; er spülte sich ruhig den Mund aus, als das Getümmel anfing, und hörte meine Hilferufe nicht. Bei dem Mangel an Waffen für Alle konnten unsere Leute nichts besonderes ausrichten; Einige entflohen, ich weiß nicht wie; Andere wurden eingefangen, ebenso wie Mr. Hearsay. Letzteren knebelte man zwar nicht wie mich, hielt ihn aber an den Armen fest.«

Der Anführer der Räuberbande erklärte nun den Engländern, sie seien ertappt worden, das Land in Verkleidung als Hindu-Pilger bereist zu haben. Einem von Moorcroft als Ziegenhirt engagirten Fakir gelang es inzwischen, mit zwei Schreiben an die englischen Behörden zu entkommen. Letztere unternahmen sofort die nöthigen Schritte und am 1. November wurden die Reisenden in Freiheit gesetzt. Man suchte sich nicht nur auf alle mögliche Weise zu entschuldigen, sondern lieferte auch alle geraubten Gegenstände wieder aus, und der Rajah von Nepal ertheilte ihnen besondere Erlaubniß, sein Land unbehelligt zu verlassen. Ende gut. Alles gut!

Der Vollständigkeit wegen sind hier noch Fraser's Zug nach dem Himalaya und Hodgson's Erforschung der Gangesquellen im Jahre 1817 zu erwähnen.

Kapitän Webb hatte, wie früher erwähnt, den Lauf des genannten Flusses von dem Thale von Dhoum bis Cadjani, in der Nähe von Reital, persönlich besichtigt. Kapitän Hodgson reiste am 28. Mai 1817 von letzterem Orte ab und erreichte drei Tage später die Quellen des Ganges, jenseits Gangautri. Er sah die Ursprungsquelle daselbst unter dem flachen Gewölbe einer enormen Schneemasse von mindestens dreihundert Fuß lothrechter Höhe hervordringen. Sie bildete schon einen recht ansehnlichen Wasserlauf von siebenundzwanzig Fuß Breite bei achtzehn Zoll Tiefe.

Aller Wahrscheinlichkeit nach tritt hier der Ganges zuerst an's Tageslicht. Die weiteren Fragen, wie weit er unter dem halbgefrornen Schnee dahinfließe, ob er nur aus dem Schmelzwasser desselben entsteht oder aus dem Schooße der Erde quillt, hätte Kapitän Hodgson zwar gern erörtert, als er aber trotz Abmahnung der Führer höher zu steigen suchte, versank er bis an den Hals im Schnee und hatte große Mühe, sich wieder herauszuarbeiten. Die Stelle, an welcher der Ganges entspringt, liegt am eigentlichen Himalaya 19.900 Fuß über dem Meere.

Hodgson stellte auch Nachforschungen über die Quelle der Jumna an. In Djemautri mißt die zwischen zwei perpendiculären Granitwänden gelagerte Schneemasse, aus der jener Fluß hervorbricht, hundertvierzig Fuß in der Breite und mehr als vierzig Fuß im senkrechten Durchmesser. Die Quelle selbst befindet sich am südöstlichen Ende des Himalaya.

Wohl hat sich die Herrschaft der Engländer in Indien auf einen ungeheueren Umfang erweitert, aber eben dieser Umstand birgt auch gewisse Gefahren. Alle jene verschiedenen Völker, von denen manche eine ruhmreiche Vergangenheit hinter sich hatten, wurden nur durch das bekannte politische Princip unterworfen, welches darin besteht, erst zu theilen und dann zu herrschen. Könnten dieselben aber nicht eines Tages ihre gegenseitigen Eifersüchteleien beiseite setzen und sich geschlossen gegen die Engländer wenden?

Die Compagnie verhält sich dieser Aussicht gegenüber immer »kühl bis an's Herz hinan«, und alle ihre Schritte sind nur darauf gerichtet, das bisher so bewährte System in immer größerem Umfange zur Anwendung zu bringen. Gewisse Nachbarstaaten, die noch mächtig genug erscheinen, den Glanz der britischen Herrschaft einigermaßen zu verdunkeln, könnten etwaigen Mißvergnügten als Zufluchtsort dienen und zum Ausgangspunkte gefährlicher Entwickelungen werden. Von allen Grenzstaaten mußte aber vorzüglich Persien am schärfsten überwacht werden, und zwar nicht allein wegen der Nachbarschaft Rußlands, sondern auch, weil Napoleon einen drohenden Gedanken hatte laut werden lassen, an dessen Ausführung ihn nur seine Kriege in Europa hinderten.

Im Jahre 1807 nämlich wurde General Gardane, der sich seine Epauletten schon in den Feldzügen der Republik verdient und sich später bei Austerlitz, Jena und Eylau ausgezeichnet hatte, zum bevollmächtigten Minister in Persien mit der Aufgabe ernannt, den Schah Feth Ali zu einem Bündniß gegen England und Rußland zu bewegen. Diese Wahl war deshalb eine glückliche zu nennen, weil einer der Vorfahren des General Gardane schon mit einer ähnlichen Mission am Hofe des Schah betraut gewesen war. Gardane ging durch Ungarn und über Constantinopel nach Kleinasien; als er aber in Persien eintraf, hatte Abbas Mirza seines Vaters Feth Ali's Thron inne.

Der neue Schah empfing zwar den französischen Gesandten mit Auszeichnung, überhäufte ihn mit Geschenken und verlieh den Katholiken und den französischen Kaufleuten gewisse Privilegien, das war aber auch der ganze Erfolg seiner Sendung, welcher der jener Zeit überwiegende Einfluß des englischen Generals Malcolm entgegenwirkte. Als Gardane sich von dem Mißlingen aller seiner Versuche überzeugt und jede Hoffnung auf Erfolg aufgegeben hatte, kehrte er im folgenden Jahre nach Frankreich zurück.

Sein Bruder Ange de Gardane, der ihn als Secretär begleitete, verfaßte einen kurzen Reisebericht, eine Arbeit, welche zwar verschiedene bemerkenswerthe Aufschlüsse über persische Alterthümer enthält, aber von dem durch die Engländer veröffentlichten Werke doch beiweitem übertroffen wurde.

In Verbindung mit Gardane's Mission steht auch der Bericht eines französischen Consuls, Adrien Dupré, der zu jener Gesandtschaft gehörte. Derselbe erschien unter dem Titel: »Reise nach Persien von 1807-1809 durch Anatolien, Mesopotamien, von Constantinopel bis zum Ausgang des Persischen Golfes und von da nach Irwan, nebst Schilderung der Sitten, Gebräuche und des Handels der Perser, des Hofes von Teheran, und einer kurzen Uebersicht der Völkerstämme Persiens«.

Das Werkchen selbst erfüllt größtentheils, was der Titel verspricht, und liefert zur Geographie und Ethnographie Persiens einen recht schätzenswerthen Beitrag.

Die Engländer, welche sich in jenem Lande weit länger aufhielten als die Franzosen, kamen schon dadurch in die Lage, weit vollständigeres Material zu sammeln und alle ihnen zukommenden Nachrichten gewissenhafter zu sichten.

Die Arbeiten zweier Männer besonders galten lange Zeit als Hauptquellen: an erster Stelle die Berichte James Morier's. Die Muße, welche diesem seine Stellung als Secretär der Gesandtschaft ließ, benutzte er dazu, sich mit den Sitten der Perser auf's eingehendste bekannt zu machen, und daraufhin veröffentlichte er nach der Heimkehr nach England mehrere orientalische Romane, welche durch ihren Reichthum an Bildern, durch die Treue der Schilderung und den ungewohnten Hintergrund einen außerordentlichen Erfolg errangen.

Neben diesen aber ist John Macdonald Kinneyr's großes geographisches Werk über das persische Reich zu erwähnen. Diese epochemachende Arbeit, welche alle bisher gekannten weit hinter sich ließ, giebt indeß nicht nur Auskunft über die Grenzen des Landes, über dessen Berge, Ströme und klimatische Verhältnisse, sondern behandelt auch ausführlicher die Regierung, Verfassung, Militärkräfte, den Handel, die Erzeugnisse des Thier-, Pflanzen- und Mineralreiches und die Bevölkerung und Einkünfte des Landes.

Nach einem einleitenden, höchst anschaulichen Gesammtbilde der materiellen und geistigen Hilfsquellen des persischen Reiches, geht Kinneyr zur Beschreibung der verschiedenen Provinzen desselben über, welche sich auf eine Unmenge interessanter Urkunden stützt, die seine Arbeit bis auf die neueste Zeit zur vollständigsten und unparteiischesten aller bisher erschienenen machen.

Kinneyr hatte von 1808 bis 1814 Kleinasien, Armenien und Kurdistan nach den verschiedensten Richtungen durchstreift. Sein Aufenthalt an vielen Orten, und Sendungen, mit denen er betraut wurde, gaben ihm vielfache Gelegenheit, selbst zu sehen und zu vergleichen. Als Kapitän im Dienste der Compagnie, als politischer Agent bei dem Nabab von Carnatic, oder als einfacher Reisender, immer hatte Kinneyr ein wachsames Auge, und manche Ereignisse und Aufstände, deren Ursachen vielen anderen Forschern unbekannt geblieben wären, fanden ihre Erklärung durch seine Vertrautheit mit den Sitten, Gebräuchen und dem Charakter der Orientalen.

Zu gleicher Zeit hatte ein anderer Kapitän der Indischen Compagnie, William Price, der im Jahre 1810 der Gesandtschaft Sir Gore Ousely's in Persien als Dolmetscher und Secretär beigegeben war, sich mit der Entzifferung der Keilschrift beschäftigt. Darin hatten sich schon viele Andere versucht, aber nur ganz sonderbare phantastische Resultate erzielt. Wie die aller seiner Zeitgenossen erschienen auch Price's Ansichten sehr gewagt und seine Erklärungen wenig befriedigend; er verstand es aber, ein gewisses Publikum für die Lösung dieses schwierigen Problems zu erwärmen, indem er selbst in Niebuhr's und anderer Orientalisten Fußstapfen trat.

Ihm verdankt man die Schilderung des Zuges der englischen Gesandtschaft an den persischen Hof, neben welcher er auch zwei Abhandlungen über die Alterthümer von Persepolis und Babylon veröffentlichte.

Der Bruder Sir Gore Ousely's, William Ousely, der jenen gleichfalls als Secretär begleitete, hatte seinerseits den Aufenthalt in Teheran zum Studium der persischen Sprache benutzt; auf die Geographie und politische Oekonomie dehnte er dasselbe jedoch nicht aus, sondern beschränkte sich auf Inschriften, Medaillen, Manuscripte, Literatur, mit einem Wort auf die intellectuelle und materielle Geschichte des Landes. So verdankt man ihm unter Anderem eine Ausgabe Firdusi's und anderer Werke, welche neben den von uns schon erwähnten immerhin beitrugen, die Kenntnisse des Reiches der Schahs nicht unwesentlich zu vervollständigen.

Es gab auch noch eine andere, halb asiatische, halb europäische Gegend, welche man jetzt allmälich besser kennen lernte. Wir meinen die Länder des Kaukasus.

Schon in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts hatte ein russischer Arzt, Johann Anton Güldenstädt, Astrachan und Kislar am Terek und an der äußersten Grenze der russischen Besitzungen besucht; er war nach Georgien gekommen, wo ihn der Czar Heraclius mit Auszeichnung empfing; er hatte Tiflis und das Land der Truchmenen gesehen und war bis Imeritien vorgedrungen. Im zweiten Jahre seiner Reisen, 1773, besuchte er die Kabardei, Ost-Kumanien, untersuchte die Ruinen von Madjary, gelangte nach Tscherkask und Azow, suchte die Mündungen des Don auf und beabsichtigte diese ausgedehnte Forschungsfahrt mit Besichtigung der Krim zu beschließen, als er nach St. Petersburg zurückgerufen wurde.

Güldenstädt's Reisen sind von dessen eigener Hand nur unvollständig erschienen, da ihn der Tod mitten in der Arbeit dahinraffte, dagegen wurden dieselben von einem jungen Preußen, Heinrich Julius von Klaproth, der später die nämlichen Gegenden besuchte, in Petersburg herausgegeben.

Geboren in Berlin am 11. October 1783, zeigte Klaproth schon im zartesten Alter ganz erstaunliche Anlagen zum Studium der orientalischen Sprachen. Mit fünfzehn Jahren schon lernte er ohne fremde Hilfe chinesisch, und sofort nach Vollendung seiner Ausbildung an der Universität zu Halle und in Dresden trat er mit der Herausgabe seines »Asiatischen Magazins« (Weimar 1801 u. flg.) an die Oeffentlichkeit. Durch den Grafen Potocki nach Rußland gezogen, wurde er daselbst als Hilfslehrer für orientalische Sprachen an die Akademie von St. Petersburg berufen.

Klaproth gehörte nicht zu jener sonst so achtenswerthen Classe von Stubengelehrten, welche sich damit begnügen, über ihren Büchern zu brüten. Er betrachtete die Wissenschaft vielmehr von weiterem Gesichtspunkte aus. Für ihn gab es nur den einzigen Weg zur vollkommenen Kenntniß der Sprachen Asiens und der Sitten seiner Bewohner – diese an der Quelle zu erforschen.

Klaproth suchte deshalb um die Erlaubniß nach, den Gesandten Golowkin, der sich durch Asien nach China begeben sollte, begleiten zu dürfen. Gleich nach erhaltener Genehmigung brach der gelehrte Reisende allein nach Sibirien auf, wo er nach und nach bei den Samojeden, Tungusen, Baschkiren, Jakuten, Kirghisen und anderen, die ungeheueren Steppen jenes Landes bevölkernden Stämmen verweilte. Zuletzt kam er nach Jakutsk, wo er mit dem Gesandten Golowkin zusammentraf. Nach kurzem Aufenthalte in Kiachta überschritt dieser am 1. Januar 1806 die chinesische Grenze.

Der Vicekönig der Mongolei muthete dem Gesandten aber allerlei Ceremonien zu, welche dieser für erniedrigend ansah, und als weder der Eine noch der Andere zum Nachgeben zu bewegen war, blieb dem Gesandten nichts übrig, als nach Petersburg umzukehren. Da es nicht in Klaproth's Interesse lag, den von ihm schon zurückgelegten Weg einzuschlagen, und er es natürlich vorzog, andere, ihm noch unbekannte Völkerschaften zu besuchen, so schlug er eine Route durch das südliche Sibirien ein und erwarb sich während dieser zwanzigmonatlichen Reise eine hochwichtige Sammlung Bücher in chinesischer, thibetanischer, mongolischer und der Mandschu-Sprache, die er bei seiner großen Arbeit mit dem Titel » Asia polyglotta« als Unterlagen benützte.

Nach seinem Wiedereintreffen in St. Petersburg zum außerordentlichen Mitgliede der Akademie ernannt, wurde er auf Graf Potocki's Vorschlag mit einer historischen, archäologischen und geographischen Mission nach dem Kaukasus betraut. Ein volles Jahr verbrachte Klaproth, oft gefährdet durch die räuberischen Bewohner jener schwer zugänglichen Gegenden, auf Reisen und besuchte dabei die Landschaften, welche Güldenstädt gegen Ende des vorigen Jahrhunderts durchstreift hatte.

»Tiflis, sagt Klaproth – und seine Beschreibung erscheint merkwürdig, wenn man sie mit der anderer zeitgenössischer Schriftsteller vergleicht – Tiflis, das seinen Namen von den hier befindlichen Thermalquellen entlehnte, besteht eigentlich aus drei Theilen: dem eigentlichen Tiflis oder der alten Stadt, aus Kala, oder der Festung, und aus der Vorstadt Isni. Von dem Kur bewässert, zeigt diese Stadt in der Hälfte ihres Umfanges nur Schutt und Trümmer; ihre Straßen waren so eng, daß ein »Arba«, d. i. ein hoch aufgethürmter Wagen, wie man sie häufig auf Bildern aus dem Oriente erblickt, kaum hindurch gelangen konnte, und das gilt nur von den verhältnißmäßig breitesten, durch andere vermochte sich kaum ein einzelner Reiter zu drängen. Die schlecht gebauten Häuser aus Kieseln und mittels Lehm verbundenen Backsteinen dauerten kaum fünfzehn Jahre aus. Tiflis hatte zwei Marktplätze, doch war hier Alles ausnehmend theuer, Shawls, sowie Seidenstoffe, d. h. die Erzeugnisse der Nachbarländer in Asien standen hier höher im Preise als in St. Petersburg.«

Tiflis kann man nicht erwähnen, ohne dabei von dessen warmen Quellen zu sprechen. Wir geben hierüber Klaproth's eigene Worte wieder:

»Die berühmten warmen Bäder waren ehedem prächtig, sind aber jetzt in Verfall, obwohl man noch einige mit marmorbekleideten Wänden findet. Das wenig schwefelhaltige Wasser soll sehr heilkräftig sein. Die Bewohner, vorzüglich die Frauen, benutzen es bis zum Uebermaße; letztere verweilen öfters ganze Tage darin und führen deshalb ihre Mahlzeiten gleich mit sich.«

Die Hauptnahrung, wenigstens in den Berglandschaften, besteht hier in »Phouri«, d. i. ein hartes unschmackhaftes Brot, dessen eigenthümliche Zubereitung unseren sybaritischen Vorstellungen sehr zuwiderläuft.

»Wenn der Teig hinreichend geknetet ist, sagt der Bericht, entzündet man mit sehr trockenem Holze ein helles, lebhaftes Feuer in vier Fuß hohen, zwei Fuß breiten und in den Erdboden versenkten irdenen Gefäßen. Sobald sich eine tüchtige Gluth entwickelt hat, schütteln die Georgierinnen die Hemden und rothseidenen Beinkleider darüber aus, um das Ungeziefer aus ihrer Kleidung hineinfallen zu lassen. Erst nachher wirft man den in etwa zweifaustgroße Stücke getheilten Teig in die Töpfe; sofort wird die Oeffnung mit einem Deckel geschlossen, über den noch Lumpen gehäuft werden, damit keine Wärme entweichen kann und das Brot gut durchbäckt. Dieser Phouri ist nichtsdestoweniger stets schlecht gebacken und sehr schwer verdaulich.«

Nach Beschreibung der Grundlage jeder Mahlzeit der armen Bergbewohner, wollen wir nun mit Klaproth einer fürstlichen Tafel beiwohnen.

»Man breitete vor uns, sagt er, ein langes gestreiftes, eine und eine halbe Elle breites und sehr schmutziges Tischtuch auf, legte jedem Theilnehmer ein drei Spannen langes, zwei breites und kaum zwei fingerdickes Weizenbrot vor und brachte nachher eine Menge kleiner Messingschälchen mit Schaffleisch, Reis in Bouillon, gebratenen Hühnchen und in Scheiben geschnittenem Käse. Dem Fürsten und den Georgiern setzte man geräucherten Lachs mit frischen Kräutern vor, weil eben Neumond war. In Georgien weiß man nichts von Löffeln, Gabeln und Messern, man trinkt die Suppe gleich aus der Schüssel, langt das Fleisch mit den Händen zu und zerreißt es mit den Fingern in mundgerechte Stücke. Ist man gegen Jemand sehr freundschaftlich gesinnt, so wirft man ihm wohl ein saftiges Stückchen zu. Die Gerichte werden übrigens auf das Tischtuch aufgetragen. Zum Schlusse der Tafel servirte man Weintrauben und gedörrte Früchte. Während des Essens ging fleißig recht guter, im Lande erzeugter Rothwein herum, der tatarisch »Traktir«, georgisch »Ghwino« heißt, und aus einer sehr flachen, mehr einer Untertasse ähnlichen Silberschale getrunken wurde.«

Wenn dieses Sittengemälde an sich interessant ist, so ist es nicht weniger die Art und Weise, wie Klaproth die verschiedensten Erlebnisse darstellt. Man lese z. B. folgenden Bericht des Reisenden über einen Ausflug nach den Quellen des Terek, deren Lage Güldenstädt zwar genau bestimmt, die er aber selbst nicht gesehen hatte:

»Ich brach von Outsfars Kan am 17. März, an einem schönen, frischen Morgen auf. Fünf Osseten bildeten meine Begleitung. Nach einer halben Stunde Weges begannen wir auf einer steilen beschwerlichen Straße emporzusteigen und kamen so an die Stelle, wo der Outsfar Don in den Terek fällt. Von hier aus hatten wir eine Meile noch schlechteren Weg am rechten Ufer des, gewöhnlich kaum zehn Schritt breiten, jetzt aber durch das Schmelzen des Schnees angeschwollenen Flusses. Diese Seite desselben ist übrigens unbewohnt. Weiter bergaufgehend, erreichten wir den Fuß des Khoki oder Istir Koki. Endlich gelangten wir nach einer Stelle, an der uns große, im Flußbette aufgehäufte Felsblöcke den Uebergang nach dem Dorfe Tsiwratte Kan gestatteten, wo ein Frühstück eingenommen wurde; hier vereinigen sich die einzelnen kleineren Wasserläufe, welche zusammen den Terek bilden. Befriedigt durch die glückliche Erreichung unseres Zieles, goß ich ein Glas Ungarwein in den Fluß und brachte eine zweite Libation dem Genius des Berges dar, aus dem der Terek seine Quellen herleitet. In der Meinung, ich verrichtete eine Ceremonie, betrachteten mich die Osseten dabei mit andächtiger Verwunderung. Ich ließ an die glatte Wand eines großen Schieferfelsens mit rother Farbe das Datum meiner Reise, sowie meinen Namen nebst denen der begleitenden Osseten anschreiben, und begab mich dann noch etwas höher hinauf bis zu dem Dorfe Ressi.«

In seinem Reiseberichte, aus dem wir leicht noch weitere Auszüge geben könnten, stellt Klaproth alle Nachrichten und Aufschlüsse zusammen, die er über die Völkerschaften des Kaukasus erhalten konnte, und betont vorzüglich die merkwürdige Aehnlichkeit der georgischen Dialecte mit denen des finnischen und wogulischen (ugrischen) Sprachstammes.

Bezüglich der Lesghier, welche im östlichen Kaukasus wohnen und deren Gebiet Daghestan oder Lezghistan genannt wird, sagt Klaproth, daß man die Bezeichnung Lesghier nur so gebrauchen darf, »wie man sich früher der Namen Scythen oder Tataren bediente, womit nur Bewohner des nördlichen Asiens gemeint waren«; etwas später fügt er hinzu, daß jene keineswegs eine einzige Nation bilden, was schon die große Anzahl gebräuchlicher Dialecte verräth, »welche indessen einer und derselben Quelle zu entstammen scheinen, während sich nur im Laufe der Zeit beträchtliche Abweichungen eingebürgert haben«. Hierin verbirgt sich ein eigenthümlicher Widerspruch: entweder bilden die Lesghier, wenn sie Alle dieselbe Sprache reden, wirklich eine zusammengehörige Nation, oder wenn letzteres nicht der Fall wäre, können sie auch nicht verschiedene Dialecte sprechen, welche aus der nämlichen Quelle herstammen.

Nach Klaproth zeigen die lesghischen Wörter viele Uebereinstimmung mit anderen Sprachen des Kaukasus und des nördlicheren Asiens, vorzüglich mit den finnischen und samojedischen Dialecten Sibiriens.

Westlich und nordwestlich von den Lesghiern trifft man die Metzdjeghis oder Tchetchensen, wahrscheinlich die ältesten Bewohner des Kaukasus. Damit stimmt freilich Pallas nicht überein, der jene vielmehr für einen abgesonderten Zweig der Alanen ansieht. Die Sprache der Tchetchensen zeigt viele Aehnlichkeiten und Analogien mit den samojedischen, wogulischen und anderen Sprachen Sibiriens, ja, sogar mit slavischen Dialecten.

Die Tscherkessen oder Cirkassier sind die Sykher der Griechen. Sie bewohnten ehemals den östlichen Kaukasus und die Halbinsel Krim, haben ihren Sitz aber sehr oft gewechselt. Ihre Sprache weicht von den anderen kaukasischen Idiomen wesentlich ab, obgleich die Tscherkessen »gleich den Wogulen und Ostjaken – man erinnert sich, daß die lesghische Sprache und die der Tchetchensen mit jenen sibirischen Idiomen verwandt war – einem und demselben Stamme angehören, der sich in sehr entlegener Zeit in mehrere Zweige theilte, von denen einen wahrscheinlich die Hunnen bilden. Die Aussprache des Tscherkessen-Idioms ist ungemein schwierig; gewisse Consonanten desselben erfordern einen so starken Kehllaut, daß kein Europäer diesen wiederzugeben vermöchte.

Im Kaukasus findet man ferner die Abazen, welche die Küsten des Schwarzen Meeres, wo sie seit dem Alterthume sitzen, niemals verlassen haben, und die Osseten oder Ossen, die zum Stamme der indogermanischen Völker gehören. Sie nennen ihr Land Ironistan und sich selbst Iron. Klaproth betrachtet sie als sarmatische Meder, nicht nur auf Grund dieses Namens, der ihn an Iran erinnert, sondern auch wegen ihrer Sprache, »welche besser als historische Documente, ja, sogar zweifellos beweist, daß jene mit den Medern und Persern von einerlei Abkunft sind«. Diese Anschauung erscheint uns etwas hypothetisch, da man zu Klaproth's Zeiten die Sprache der Meder noch zu wenig kannte – noch harrten die Keil-Inschriften ja ihrer Enträthselung – um über die Aehnlichkeit des Idioms der Osseten mit jener Sprache urtheilen zu können.

»Hat man in diesem Volke aber«, fährt Klaproth fort, »die sarmatischen Meder der Alten wieder entdeckt, so überrascht es noch mehr, in ihnen die Alanen wieder zu erkennen, welche den Norden des Kaukasus bewohnten.«

Und weiter:

»Aus allem Vorhergehenden ergiebt sich unzweifelhaft, daß die Osseten, die sich heute selbst Iranen nennen, die Meder sind, welche sich ehedem Iranen nannten, und welche Herodot mit dem Namen Arier bezeichnet. Jene sind also die sarmatischen Meder des Alterthums und gehörten zu der im Kaukasus von den Scythen gegründeten Kolonie. Sie sind die Asen oder Alanen des Mittelalters; sie fallen endlich zusammen mit den Iassen der russischen Chroniken, nach denen ein Theil des Kaukasus als iassische Berge bezeichnet wird.«

Es ist hier nicht der Ort, diese Identificirungen, welche der Kritik manche Handhabe bieten, näher zu beleuchten. Begnügen wir uns, eine andere Bemerkung Klaproth's zu verzeichnen, die nämlich, daß die Aussprache des Ossetischen Anklänge mit niederdeutschen und slavischen Dialecten bieten soll.

Was die Georgier betrifft, so unterscheiden sich diese, sowohl durch die Sprache, als durch ihre körperlichen und geistigen Eigenschaften ganz wesentlich von den Nachbarvölkern. Sie zerfallen in vier Hauptstämme: die Karthulis, Mingrelier, Suanen, die Bewohner der südlichen Alpenregion des Kaukasus, und die Lazen, ein wilder, von Raub und Plünderung lebender Stamm.

Wie man sieht, sind die von Klaproth gesammelten Aufschlüsse sehr beachtenswerth und werfen ein unerwartetes Licht auf die Wanderzüge der alten Völker. Diesen Reisenden unterstützte ein wirklich ungewöhnlicher Scharfblick und ein wunderbares Gedächtniß. Auch der Linguistik hat der gelehrte Berliner schätzenswerthe Dienste geleistet. Betrübend erscheint an dessen Bilde nur, daß die Eigenschaften des Menschen, sein Zartgefühl und die Milde des Charakters, nicht auf gleicher Höhe mit der Gelehrtheit und Findigkeit des Professors stehen.


Wir verlassen nun die Alte Welt und wenden uns zur Schilderung der Forschungsreisen in der jungen Republik der Vereinigten Staaten Nordamerikas.

Sobald die Bundesregierung von den Bedrängnissen des Krieges befreit, sie selbst staatlich anerkannt und gesetzmäßig errichtet war, richtete sich die öffentliche Aufmerksamkeit nach jenen pelzliefernden Ländern, welche nach und nach Engländer, Spanier und Franzosen herbeigelockt hatten. Die Bai von Noatka nebst den benachbarten Küstenstrecken – entdeckt von dem großen Cook, den berühmten Seefahrern Quadra, Vancouver und Marchand – gehörte zum amerikanischen Gebiete. Schon keimte die Monroe-Doctrin, welche später so viel Staub aufwirbeln sollte, in den Köpfen der Staatsmänner jener Zeit.

Entsprechend einem im Congreß gestellten Anträge, wurden der Kapitän Meryweather Lewis und der Lieutenant William Clarke beauftragt, den Missouri von dessen Mündung in den Mississippi bis zur Quelle zu erforschen, die Felsengebirge auf kürzestem und leichtestem Wege zu überschreiten, um eine Verbindung zwischen dem Golf von Mexiko und dem Stillen Ocean einzuleiten. Gleichzeitig sollten jene Officiere mit den Indianern, welche sie etwa trafen, Handelsbeziehungen anzuknüpfen suchen.

Die Expedition bestand aus regulären Soldaten und Freiwilligen und zählte, die Officiere mitgerechnet, im Ganzen dreiundvierzig Mann. Diese führten ein Flußschiff und zwei Piroguen mit sich.

Am 14. Mai 1804 verließen die Amerikaner den Wood River, der in den Mississippi fällt, um in den Missouri einzufahren. Nach verschiedenen, in dem von Gaß veröffentlichten Tagebuche eingestreuten Bemerkungen erwarteten die Theilnehmer dieses Zuges sowohl auf natürliche schwere Hindernisse, als auch auf riesengleiche Wilde zu treffen, die einen unbezwinglichen Haß gegen die Weißen hegen sollten.

Während der ersten Tage dieser ungeheueren Bootsfahrt, mit der von früher her nur die Orellana's und La Condamine's auf dem Amazonenstrom zu vergleichen waren, hatten die Amerikaner das Glück, gleichzeitig mit einigen Sioux einem alten Franzosen und ehemaligem canadischen Waldläufer zu begegnen, welcher der Sprache der meisten Stämme im Missourithale mächtig und erbötig war, jene als Dolmetscher zu begleiten.

Nach und nach kamen sie nun an den Nebenflüssen Osaga, Kansas, la Plate oder Shallow River und dem Weißen Fluß vorüber. Dabei trafen sie wiederholt auf Indianer, vorzüglich auf Osagen und Sioux oder Mahas, welche ihnen alle in offenbarem Verfalle erschienen. Von den letzteren hatte ein Stamm so schwer durch die Blattern gelitten, daß die Ueberlebenden, in einem Anfalle von blinder Raserei, ihre von der Krankheit verschont gebliebenen Frauen und Kinder erschlugen und aus dem verpesteten Gebiete entflohen.

Weiterhin fand man die Ricaris oder Rees, die man anfänglich für die rechtlichsten, umgänglichsten und thätigsten von allen bisher Gesehenen hielt. Einige Diebstähle stimmten freilich sehr bald die hohe Vorstellung herab, die man sich von ihrem ehrenwerthen Charakter gemacht hatte. Auffälliger Weise beschäftigte sich dieser Stamm nicht ausschließlich mit der Jagd, sondern erbaute auch Getreide, Erbsen und Tabak.

Anders verhielt es sich mit den, kräftiger als ihre Stammverwandten entwickelten Mandanen. Bei ihnen findet man dieselbe merkwürdige Gewohnheit wie in Polynesien, die Todten nicht zu begraben, sondern sie auf einem Gerüste lange Zeit zur Schau auszustellen.

Clarke's Bericht liefert uns einige Kenntniß von diesem merkwürdigen Volksstamme. Die Mandanen sehen in dem göttlichen Wesen nur die Fähigkeit, zu heilen. Sie erkennen deshalb auch nur zwei Gottheiten an, welche als »der Große Arzt« und »der Geist« bezeichnet werden. Soll man wohl annehmen, daß das Leben für sie eine so überwiegende Bedeutung hat, daß sie Alles anbeten, was jenes zu verlängern im Stande scheint?

Auch ihr Ursprung ist nicht minder interessant. Anfänglich bewohnten sie ein am Ufer eines Sees gelegenes unterirdisches Dorf. Als aber ein Weinstock seine Wurzeln so tief trieb, daß sie bis zu ihnen hinabreichten, gelangten einige Mandanen an demselben emporkletternd nach der Oberfläche der Erde. Auf ihre begeisterte Schilderung der ausgedehnten Jagdgebiete und des Reichthums an Wild und Früchten hin, beschloß das dadurch bestochene Volk sofort, nach jenen von der Natur so begünstigten Gegenden auszuwandern. Schon hatte die Hälfte des Stammes die Erdoberfläche, erreicht, als der Weinstock unter dem Gewicht einer besonders wohlbeleibten Frau nachgab und damit den übrigen Mandanen die Möglichkeit abschnitt, aus der Tiefe emporzuklimmen. Nach diesem Leben erwarten sie auch in jene ursprüngliche unterirdische Heimat zurückzukehren; doch gelangen nur Diejenigen dahin, welche mit reinem Gewissen sterben; die Uebrigen werden in einen großen See gestürzt.

Bei diesem Volksstamme also schlugen unsere Forschungsreisenden am 1. November ihr Winterquartier auf. Sie errichteten sich so bequeme Hütten, wie es ihre verfügbaren Mittel zuließen, und überließen sich, trotz sehr rauher Temperatur, während des ganzen Winters dem Vergnügen der Jagd, die für sie übrigens bald zur Nothwendigkeit geworden war.

Nach dem Wiederaufthauen des Missouri gedachten sie ihren Zug fortzusetzen; als aber das größere Boot mit den bis dahin erbeuteten Häuten und Pelzfellen nach St. Louis abgesendet wurde, fand sich, daß nur noch dreißig Mann entschlossen waren, sich allen Beschwerden bis zur Erreichung ihres Zieles freiwillig zu unterziehen.

Die Reisenden passirten nun bald die Mündung des Yellowstone (Fluß des Gelben Steines), der fast ebenso mächtig ist wie der Missouri, und überzeugten sich von dem Wildreichthum seines Uferlandes.

Grausam war ihre Verlegenheit, als sie an eine Stromgabelung gelangten. Welcher der beiden, ziemlich gleichmächtigen Wasserläufe war nun der Missouri? Kapitän Lewis, der mit einer Anzahl Leute zum Recognosciren abging, folgte dem südlicheren Wasserlaufe und entdeckte in der Ferne bald die völlig mit Schnee bedeckten Felsengebirge. Durch ein gewaltiges Rauschen geleitet, sah er den Missouri sich in einem einzigen Schwalle über Felsenabhänge herabstürzen und dann mehrere Meilen weit ununterbrochene Stromschnellen bilden.

Das Detachement folgte also ebenfalls diesem, tief zwischen Gesteinswänden verlaufenden Arme, der sich so drei bis vier Meilen weit durch die Berge hinwindet. Zuletzt zerfiel der Strom in drei Arme, welche man Jefferson, Madison und Gallatin, also nach den Namen dreier berühmter Staatsmänner Amerikas, taufte.

Bald wurden die letzten Stufen des Gebirges erklommen und die Expedition zog nun dessen nach dem Pacifischen Ocean gerichteten Abhang hinunter. Die Amerikaner führten eine Frau, Sohsonee mit Namen, mit sich, welche in ihrer Jugend von den Indianern des Ostens entführt worden war; diese diente ihnen getreulich als Dolmetscher und erkannte in dem Häuptling eines Stammes, der feindliche Absichten durchblicken ließ, zufällig ihren eigenen Bruder; von Stund' ab wurden die Fremden nun mit größtem Wohlwollen behandelt. Leider war das Land sehr arm; die Einwohner ernährten sich nur von wilden Beeren, Baumrinde und von Thieren, wenn sie, was nur selten vorkam, solche antrafen und einfangen konnten.

Wenig gewöhnt an eine so frugale Kost, mußten die Amerikaner zur Aushilfe ihre eigenen, übrigens sehr heruntergekommenen Pferde verzehren und sich an das Fleisch der Hunde halten, welche die Indianer ihnen verkauften. Diese erhielten deshalb auch den Beinamen der »Hunde-Esser«.

Mit der wieder zunehmenden Temperatur wurden auch die Landesbewohner minder wild, die Lebensmittel aber reichlicher, und als man den Oregon oder Columbiafluß hinabfuhr, lieferte der ergiebige Lachsfang einen recht willkommenen Beitrag dazu. Da, wo der Columbia nach gefährlich zu befahrendem Laufe sich dem Meere nähert, bildet er eine sehr breite Mündung, in welche schon die Meereswellen mit der Strömung desselben kämpfen. Die Amerikaner liefen mit ihrem gebrechlichen Boote wiederholt Gefahr, verschlungen zu werden, bevor sie das Gestade des Stillen Oceans erreichten.

Befriedigt über die glückliche Erreichung des Zieles ihrer Sendung, überwinterten sie nun hier und schlugen erst nach Wiedereintritt der besseren Jahreszeit den Rückweg nach St. Louis ein, wo sie, nach einer Abwesenheit von zwei Jahren, vier Monaten und zehn Tagen, im Mai 1806 anlangten. Ihrer Berechnung nach hatten sie von letztgenannter Stadt bis zur Oregon-Mündung nicht weniger als 1378 (englische) Meilen zurückgelegt.

Nun war der Anstoß gegeben. Bald folgten weitere Entdeckungszüge in das Innere des neuen Continents, welche nach und nach ganz den Charakter naturwissenschaftlicher Forschungsreisen annahmen und sich von unserem Gebiete geographischer Entdeckungen entfernten. –

Einige Jahre später wurde einer der größten Kolonisatoren, deren England sich rühmen kann, Sir Stamford Raffles, der Leiter jener Expedition, welche sich der holländischen Kolonien bemächtigte, zum Lieutenant-Gouverneur von Java ernannt. Während seiner fünfjährigen Verwaltung führte Raffles die eingreifendsten Reformen durch und schaffte z. B. die Sklaverei gänzlich ab. Seine vielseitige Beschäftigung verhinderte ihn aber trotzdem nicht, das nöthige Material für ein zwei Quartbände, starkes, hochinteressantes und merkwürdiges Werk zu sammeln. Es enthält dasselbe außer der Geschichte Javas eine große Menge Notizen über bisher sehr wenig bekannte Völkerschaften im Innern der Insel, nebst eingehenden Untersuchungen über die Geologie und Naturgeschichte des Landes.

So erscheint es wohl nicht auffallend, daß eine Riesenblume, welche nicht selten einen Meter im Durchmesser und zehn Pfund an Gewicht erreicht, »Rafflesia« zu Ehren des Mannes genannt wurde, der zum Bekanntwerden jener großen Insel so viel beitrug.

Raffles war auch der Erste, der weiter in Sumatra, dessen Küstengebiet man bisher allein kannte, eindrang, indem er die von den herkulischen, ackerbautreibenden Passumahs bewohnten Gebiete besuchte, oder im Norden bis Memang Kabu, der berühmten Hauptstadt des Malayenreiches, gelangte, und sich auch von Bencoulen bis Palimbang quer durch die ganze Insel wagte.

Ein bleibendes Gedächtniß erwarb sich Sir Thomas Stamford Raffles aber dadurch, daß er die Indische Regierung auf die bevorzugte Lage Singapores hinwies und letzteres zu einem Freihafen umschuf, der sich bald zu außerordentlicher Blüthe entfalten sollte.



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