Else Ury
Wir Mädels aus Nord und Süd
Else Ury

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Carmelina, das Fischerkind von Capri

Habt ihr schon mal etwas von Capri gehört? Aus tiefblauem Mittelländischen Meer, unweit der süditalienischen Stadt Neapel taucht es wie eine Märcheninsel mit seinen wildzerklüfteten Felsen, mit hohen Palmen und sanft ansteigenden Weinbergen, mit seinen weißen, in Zitronen- und Orangenhaine gebetteten Häusern empor. Dort ist die Heimat der kleinen Carmelina.

Wo sich der Weg steil und steinig aufwärts zu den Ruinen der einstigen Villa des römischen Kaisers Tiberius schlängelt, an der Via Tiberio steht ihr Häuschen. Rebhügel umkränzen es. Bunte Blumen wuchern lustig aus jeder Mauerritze. Ein kleines, weißes Haus ist es, mit flachem Dach und Bogenvorbau wie die meisten italienischen Häuser. Aber Carmelinas Haus hat noch etwas Besonderes. Nicht das schöne, blaue Majolikagesims, das Fenster und Türen einrahmt; das haben hierzulande auch viele andere Häuser; nein, eine Inschrift steht an dem Hause. Sie ist italienisch. Carmelina kann sie lesen. Denn sie ist ja eine kleine Italienerin. »Casa della bella Carmelina« – Haus der schönen Carmelina.

Oft stand Carmelina vor ihrem Häuschen und buchstabierte diese Worte. »Die schöne Carmelina«, das war die Großmutter, die einst wegen ihrer Schönheit und wegen ihrer Tanzkunst berühmt gewesen war. Keiner auf Capri hatte die Tarantella, den italienischen Tamburintanz, so wie sie tanzen können. Die Fremden, die nach der Insel gekommen waren, die Blaue Grotte zu besichtigen, hatten auch die Tarantella der schönen Carmelina bewundert. Den Malern, die oft jahrelang in Capri ihrer Studien wegen lebten, hatte sie zu den Bildern Modell gestanden. Die kleine Carmelina hatte die Großmutter, deren Namen sie trug, nicht mehr gekannt. Aber die Leute von Capri, besonders die alten, sagten, die Kleine sei das Ebenbild der verstorbenen Großmutter. Carmelinas Eltern hörten das nicht gern. Die meinten, die Schönheit und die Tanzlust der Großmutter habe der Familie Unglück gebracht. Von den Soldi, die ihr die Fremden für ihre Tarantella zugeworfen, hatte sie sich Ohrgehänge, Ketten, Tand und Putz gekauft. Eitel und arbeitsscheu war sie geworden. Der bescheidene Wohlstand der Familie war dabei zurückgegangen. Der Weinberg mußte verkauft werden; in dem Häuschen wohnte man jetzt nur noch zur Pacht. Noch weniger aber mochten es Carmelinas Eltern leiden, wenn sich ihr Töchterchen, das Tamburin schlagend, begeistert im Tanz drehte. »Die Tarantella liegt ihr im Blut«, seufzte die Mutter. Trotz des Vaters Verbot, die Tarantella zu tanzen, trotzdem das Tamburin in den Kehricht geworfen wurde, tanzte und drehte sich die Kleine, wo sie ging und stand. Es war, als ob sie aus lauter Lachen, Singen und Tanzen zusammengesetzt sei.

Carmelinas Vater war marinaio – ein Seemann. Er war als bester, zuverlässigster Barkenführer auf der Insel bekannt. Die Fremden, die Capri besuchten, ließen sich gern von dem wettergebräunten, stets sangeslustigen Pietro zu der Blauen, Roten, Weißen oder Grünen Grotte rudern. So schön wie er sang keiner das beliebte neapolitanische Lied »Santa Lucia«. Auch des Nachts war der Vater auf See. Dann fuhr er mit dem Fischerboot weit hinaus auf den Fischfang. Die großen, wertvollen Fische verkaufte er an die Hotels. Die kleinen Tintenfische mußte Carmelina zum Abendessen in Olivenöl braten. Das elfjährige Mädchen hatte für den Haushalt und für das kleine Brüderchen zu sorgen. Denn auch die Mutter half den Lebensunterhalt verdienen. Sie hatte schwere Arbeit. Auf dem Kopf, wie das dortzulande Brauch ist, trug sie das Gepäck, oft große Koffer, der mit dem Dampfer ankommenden Fremden von der Ausbootungsstelle zu der elektrischen Drahtseilbahn. Die Bahn, Funikulare genannt, führt vom Hafen, der Marina grande, hinauf zu der sich in den Bergsattel schmiegenden Ortschaft, zu den großen Hotels.

An einem heißen Oktobertage war's. Die Sonne brannte aus wolkenlosem, tiefblauem Himmel auf die weißen Häuser Capris. Sie reifte die noch grünlichen Orangen und Zitronen, ließ die großen Trauben an den Weinspalieren wie Gold blinken und glühen, übermütiges Lachen, helle Mädchenstimmen, Singen und Jauchzen klangen aus den Vignen. Man war dort fleißig bei der Weinlese.

Carmelina hockte auf der Schwelle ihres Häuschens und sonnte sich. Vor ihr sielten sich Giovanni, das dreijährige Brüderchen, und Gatto, der Kater, auf heißen Steinen. Das kleine Mädchen blinzelte träge in die flirrenden Sonnenstrahlen. Nur ab und zu wandte sie den schwarzlockigen Kopf, wenn Mädchen, den hoch mit Trauben gefüllten Kübel auf dem Kopf, singend aus den Weinbergen vorüberwanderten. Ihre Lippen summten unbewußt die Melodie mit, bis plötzlich ein Seufzer die muntere Weise jäh ablöste. Ach – wenn sie doch auch, wie diese Mädchen, bei der Traubenernte helfen dürfte! Wenn der Weinberg, der sich zu ihrem Häuschen heraufzog, doch noch ihnen gehörte! Der Onkel Giuseppe, der ihn den Eltern abgekauft, hätte nichts dagegen gehabt, wenn sie sich bei der Weinlese beteiligt hätte. Aber die Eltern mochten es aus einem Gefühl des Stolzes heraus nicht zugeben. Der Onkel würde den Weinberg wohl auch nicht mehr lange halten können, hatte der Vater kürzlich gemeint. Mit den Hanfsohlen, die Onkel Giuseppe für die »Caprischuhe« flocht, welche die Fremden auf dem steinigen Boden der Insel gern trugen, war in diesem Jahr nicht viel zu verdienen. Der Fremdenbesuch war heuer nicht zur Zufriedenheit ausgefallen.

Cousine Annunciata schritt vorüber, singend, auf dem Haupt den schwer gefüllten Kübel. Grüßend blieb sie vor den Kindern stehen.

»Möchtet ihr eine Traube?« fragte sie freundlich.

Der kleine, schwarzäugige Giovanni kam sogleich herbei und angelte gierig zu den verlockenden Früchten empor.

»Prego – prego« – bitte – bitte.« Er klatschte in die schmutzigen Händchen.

»Und du, Carmelina?«

»No, grazie – nein, danke«, sagte die Kleine stolz verneinend, trotzdem sie recht gern eine erquickende Frucht in der Hitze gehabt hätte. Was ihr von Rechts wegen zukam, was eigentlich ihr gehörte, das nahm sie nicht geschenkt.

Die Via Tiberio herauf näherten sich ein Herr und eine Dame, groß und blond. Sie trugen Malgeräte. Carmelina blickte ihnen neugierig entgegen. Aha, Malerleute, sicher tedeschi – Deutsche, dachte sie altklug. Wohl erst angekommen. Sie hatte sie noch nie gesehen. Hier auf der kleinen Insel kannte einer den andern.

Sie blieben vor dem malerischen Häuschen stehen. Annunciata hielt ihnen eine herrliche Traube entgegen.

»Una lira, Signora«, sagte sie bittend.

»Eine Lira, das ist viel zu teuer«, meinte die blonde Dame. »Findest du nicht auch, Wolfgang?« wandte sie sich an ihren Begleiter. Dieser schien der Verhandlung nicht gefolgt zu sein. Er war ganz versunken in den Anblick, der sich ihnen bot.

»Sieh nur, Lilli, diese entzückenden Kinder. Das schwarze Lockenköpfchen mit den brennend schwarzen Augen dort in dem Türrahmen wirkt wie ein Bild von Murillo. Und der kleine Kerl, das ist sicher Murillos ›Traubenesser‹.« Er hob Giovanni in die Höhe und schwenkte den jauchzenden Kleinen in der Luft herum.

Carmelina verstand zwar nicht alles, was der Maler sagte; aber ihr Ohr war, wie das aller Kinder auf Capri, durch die deutsche Malerkolonie und die vielen Reisenden an die deutschen Laute gewöhnt. Als schlaue kleine Evastochter verstand sie die Bewunderung.

»Eine halbe Lira die schöne Traube«, meldete sich Annunciata wieder.

Der Handel wurde abgeschlossen. Annunciata zog zufrieden davon.

»Gibt es hier einen Brunnen, um die Traube zu waschen?« wandte sich die Dame an Carmelina, da sie kein ungewaschenes Obst essen mochte.

»Brunnen – was ist Brunnen?« So weit reichten Carmelinas deutsche Kenntnisse nicht.

»Una fontana«, versuchte die junge Frau sich verständlich zu machen.

»Fontana ist eine Fontäne, ein Springbrunnen, Liebling.« Ihr Mann lachte. »Warte, gleich sehe ich nach, was Brunnen italienisch heißt.« Er blätterte in seinem Taschenlexikon.

Aber mit der Findigkeit, die den Italienern eigen, hatte Carmelina bereits begriffen. »Ah, lavare – waschen.« Sie ergriff bereitwillig mit wenig appetitlichem Händchen die Traube und lief in den offenen Raum, der Küche und Hühnerstall zugleich vorzustellen schien. Dort fuhr sie mit der Frucht in einem nicht sehr verheißungsvoll ausschauenden Eimer herum. Dann reichte sie die Traube mit unnachahmlicher Grazie der Fremden zurück.

»War das denn sauberes Wasser – ist das Wasser gut?« fragte die Dame mißtrauisch.

»Gut – serr gut«, versicherte das schwarze Lockenköpfchen.

Aber die Dame zögerte immer noch. »Wolfgang, mir ist der Appetit vergangen. Sieh nur, in welcher unsauberen Umgebung diese reizenden Kinder aufwachsen. Es riecht hier abscheulich nach Fischen und Zwiebeln.«

»Ja, daran wirst du dich hier gewöhnen müssen, mein Herz. Holsteinische Sauberkeit findet man in Süditalien nicht. Capri ist darin noch kultivierter als andere Ortschaften der Umgegend. Wasser ist hier ein kostbarer Artikel, trotzdem das Meer ringsum genug liefert. So, nun wollen wir weiter zu den Ruinen des Tiberius hinauf. Aber erst mußt du mir noch sagen, wie du heißt, Kleine.«

»Carmelina«, sagte das Kind, und es klang wie Musik.

»Carmelina – ei, hier steht es ja: La Bella Carmelina.« Die Dame entzifferte die Inschrift am Hause. »Bist du das?«

»No, Signora, das war meine Großmutter. Aber ich werde auch la bella Carmelina sein, wenn ich groß bin. Nur die Tarantella darf ich nicht wie sie tanzen.«

»Die Tarantella – richtig, jetzt erinnere ich mich. Die schöne Carmelina in Capri war ja einst berühmt wegen ihrer Tarantella. Warum darfst du die Tarantella nicht tanzen?« erkundigte sich der Maler.

»Ich weiß es nicht, Signore. Der Vater hat es verboten.«

»Schade«, meinte der Fremde. »Ich hätte dich gern tanzen sehen. A revederci – auf Wiedersehen!« Er griff in die Tasche, warf der Kleinen einige Kupfermünzen zu und wandte sich zum Gehen.

»No Signore – kein Geld. Wir nehmen kein Geld geschenkt«, klang es hinter dem Maler her. Und da war das Barfüßchen auch schon neben ihm und reichte ihm mit stolzer Gebärde, um die es eine Königin hätte beneiden können, die Münzen zurück.

»Der Tausend!« verwunderte sich der Maler lachend. »Was sagst du dazu, Lilli? Drüben auf dem Festlande, in Neapel und Umgegend hat sich die kleine bettelnde Gesellschaft einem beinahe an die Rockschöße gehängt. ›Un soldo Signore, un so'!‹ klang es, wo man ging und stand. Nirgends war man dort vor Bettelei sicher. Und hier wird mein Geld stolz verschmäht.«

»Aber das verschmäht ihr nicht, das mögt ihr doch gern?« Die blonde Frau zog einige Täfelchen Schokolade aus dem Handtäschchen und bot sie freundlich den Kindern. Braune Hände streckten sich verlangend nach der braunen Gabe aus.

»Chocolata – chocolata – grazie tante – vielen Dank!« Die schwarzen Kinderaugen strahlten.

»Ich hätte Lust, das lebensprühende kleine Ding zu malen. Was meinst du, Lilli?«

»Wer weiß, ob sie nicht auch dazu zu stolz ist, um dir Modell zu stehen. Ich dachte, du wolltest hier besonders Landschaftsbilder malen, Wolfgang.«

»Land und Leute, was mich gerade begeistert. Den qualmenden Vesuv dort drüben überm Meer, den haben vor mir schon Hunderte und aber Hunderte auf die Leinwand gebracht und werden nach mir ebenso viele malen. Aber dieses schwarzäugige Geschöpfchen – sieh nur, diese edle Fessel am Füßchen, die bronzefarbene Tönung der Haut, diese Anmut in jeder Bewegung!« Er wies begeistert auf die kleine Begleiterin, die, das Brüderchen hinter sich herziehend, wie eine Gemse den steilen Stufenweg vor ihnen hersprang. Bis hinauf zur Ruine gab Carmelina ihnen das Geleit. Sie schien die Mühsal des Weges, die brennenden Sonnenstrahlen, welche die Schritte der jungen Frau immer mehr verlangsamten, nicht zu empfinden.

Droben angelangt, waren der Maler und seine Frau von dem bezaubernden Blick, der sich ihnen von der Höhe auf das azurblaue Meer und die lachende Küstenlandschaft bot, von den leuchtenden Farben so gefangengenommen, daß sie gar nicht bemerkten, daß ihre kleinen Begleiter verschwunden waren. Als der oben hausende Eremit zu ihnen trat, um den Fremden die Küstenortschaften und Inseln zu erklären, jagte Carmelinas rotes Röckchen schon wieder als brennender Punkt tief unten zwischen grünen Vignen dahin.

»Heute ist ein Glückstag, Giovanni«, sagte Carmelina zu dem Brüderchen, das sie noch gar nicht verstand. »Der nette Signore und die schöne Signora, die so freundlich mit uns gesprochen haben, und dann die süße Schokolade!« Sie leckte sich noch in der Erinnerung mit rotem Züngelchen die Lippen.

»Chocolata – chocolata!« begehrte der Kleine.

»Ob der Vater auch Glück gehabt hat? Wenn der Dampfer doch recht viele Fremde, die zur Grotte rudern wollen, gebracht hätte! Wollen wir mal zum Funikulare hinuntergehen, Giovanni, und Ausschau halten?«

Das Brüderchen hatte noch keine eigene Meinung. Es ließ sich von der Schwester durch die enge Gasse über den Marktplatz, Piazza genannt, zur Drahtseilbahn ziehen. Dort auf der weißen Säulenterrasse, die einen schönen Rundblick auf das blaue Meer bot, wimmelte es heute bei dem schönen Wetter von Fremden aller Nationen. In allen Sprachen schwirrte es durcheinander. Der Dampfer aus Neapel hatte viele Ausflügler gebracht. Der Vater war nirgends zu sehen. Sicher war er mit Fremden in die Blaue Grotte eingefahren.

Carmelina folgte dem Strom der Reisenden zu dem Grandhotel. Dort war ihr liebster Aufenthalt. Da gab es für neugierige Kinderaugen immer etwas zu schauen. Schön geputzte Damen in lichten Seidenkleidern, lustige Herren, die gern ihren Spaß mit den hübschen Kindern der Insel trieben. Da war der vornehme Portinaio, der Hausmeister, dem das große Hotel gewiß gehörte. Denn er war so mächtig wie der König von Italien. Da war die wundervolle Musik, die des Abends aus der offenen Halle in die linde Luft hinausströmte und die Zaungäste noch mehr begeisterte als die Hotelgäste. Und da war der herrliche Duft feiner Speisen, der aus der Küchenregion in die Näschen der begehrlichen Jugend zog. Kopf an Kopf hockten die Kinder Capris an den vergitterten Fenstern des im Kellergeschoß gelegenen Küchenreichs, um soviel wie möglich von den verlockenden Herrlichkeiten zu erspähen, bis der Küchenchef erschien und sie davonjagte.

Der kleine Giovanni zeigte noch nicht das gleiche Interesse für ein großes, internationales Hotel wie seine Schwester. Dem wurde die Sache bald langweilig. Nachdem er sich mit einer leeren Zigarettenschachtel, die einer der Gäste wegwarf, genugsam belustigt hatte, unterhielt er sich damit, einen noch nicht ganz abgenagten Pfirsichkern nach allen Regeln der Kunst abzulutschen. Darauf war es ein glänzendes Stückchen Stanniolpapier, Überbleibsel einer Tafel Schokolade, das den Kleinen begeisterte. Der Seewind trieb es die schmale Straße, die am Hotelgarten vorüber zum Giardino Augusto führt, entlang. Der Kleine folgte eifrig dem lustig vor ihm davonfliegenden blinkenden Etwas. Unbekümmert darum, daß seine große Schwester noch immer das Näschen gegen die Gitterstäbe des Hotelküchenfensters preßte.

Als einer der Köche mit erhobenem Quirl die neugierige Gesellschaft am Fenster in die Flucht jagte, war nichts mehr von dem kleinen Giovanni zu sehen. Wohin Carmelina auch das schwarze Köpfchen drehte – keine Spur von dem Brüderchen.

»Giovanni – Giovanni!« Mit heller Stimme rief es Carmelina. Gewiß hatte sich der Kleine irgendwo versteckt, wie es öfters schon vorgekommen war. Verbarg er sich hinter einer der weißen Säulen, die den Hoteleingang bildeten? Hockte er dort drüben hinter dem Stamm der großen Palme? Oder hatte er sich etwa in dem blühenden Klematisgerank, das die Mauer überwucherte, versteckt?

»Giovanni – Giovanni!« – – – Carmelina lief die Via Tragare entlang, um nach einigen Minuten umzukehren und den Corso Vittorio Emanuele hinunterzujagen. »Giovanni – Giovanni!« Ängstlicher wurde ihre Stimme. Sie befragte die an der Hotelecke Korallen- und bunte Glasketten feilbietenden Händlerinnen, ob sie den fratellino – das Brüderchen nicht gesehen hätten. Vergeblich. Sie wandte sich an die vor dem Hotel auf Fahrgäste wartenden Seeleute. Vielleicht war der Vater dabei gewesen und der Kleine war mit ihm gegangen. Nein, der Vater war gleich vom Dampfer aus mit Fremden zur Grotta Meravigliosa, zur Wunderbaren Grotte gerudert. Keiner hatte auf den Bambino, den kleinen Knaben, achtgehabt. Auch die Ansichtskartenverkäufer an der Ecke wußten nicht, wo er hingekommen war.

Sorglosigkeit ist eine Haupteigenschaft des Italieners. Carmelina hatte, als echtes Kind ihres Landes, einen guten Teil davon. Das Brüderchen konnte auf der Insel nicht verlorengehen. Man kannte ihn ja allenthalben und würde ihn schon wieder heimbringen. Ja, aber wenn er dem Rande der Insel zunahe kam, wenn er von den steil zur Tiefe abfallenden Felsen ins Meer hinabstürzte? Carmelina hielt sich die Augen zu, um das gräßliche Bild, das sich ihr aufdrängte, nicht zu sehen. Dabei lief sie unbewußt vorwärts in der gleichen Richtung, die geraume Zeit zuvor auch das Brüderchen genommen hatte.

Im Giardino Augusto, unter dem breiten schirmartigen Dach einer Pinie, stand ein Rollstuhl. Ein Mädchen, etwa zwölfjährig, lag darin, in einem Buch lesend. Kurzgeschnittene Blondhaare umgaben ein zartes, bleiches Antlitz.

Carmelina blieb unweit davon stehen und betrachtete das fremde Mädchen angelegentlich. Wie weiß es aussah, von den Füßen bis zu dem blassen Gesicht. Wie ein Engel. Feine weiße Lederschuhchen, ein weißes gesticktes Kleid und – da blickte die junge Leserin von ihrem Buch auf, und ihre Blauaugen begegneten den schwarzen, prüfenden Kinderaugen. Die junge Fremde nickte freundlich, und die kleine Italienerin gab ihr melodisches »buon giorno – guten Tag« zurück.

Carmelina kam neugierig näher. Das fremde Mädchen gefiel ihr über die Maßen. Warum lag es nur in dem Rollstuhl? War es krank?

»Wie heißt du?« fragte die Blonde in deutscher Sprache.

Diese Frage verstand Carmelina. Fast alle deutschen Gäste, die mit ihr sprachen, stellten sie.

»Carmelina – und du?«

»Ich heiße Eva. Eva Helmert. Wir sind erst gestern angekommen. Es ist sehr schön auf Capri.«

»Oh, Capri bellissima, – serr schön!« pflichtete Carmelina voller Heimatstolz bei. »Warst du schon in der Grotta azzura?« fragte sie auf italienisch weiter.

»Grotta azzura?« Eva verstand sie nicht.

»In das Grotte – in Blaues Grotte. Oh, alle Fremde gehen in Barca piccola, kleines Barke, das rudert mio padre – mein Vater – zu Grotta azzura. Du mußt gehen auch.« Die kleine Italienerin vermochte sich entschieden besser in der deutschen Sprache auszudrücken als die blonde Eva in der italienischen Landessprache.

»Ah, die Blaue Grotte! Ist sie wirklich so herrlich? Ich werde sie wohl nicht zu sehen bekommen. Ich bin lange krank gewesen und soll mich hier erholen. Ich habe das Gehen ganz verlernt.«

»Grotta azzura ist bellissima, so schön, so blau wie Himmel. Wir werrden gehen in Barca piccola mit meine Vater«, tröstete Carmelina das blasse Mädchen.

»Ja, glaubst du wirklich?« fragte Eva, und ihr bleiches Gesicht färbte sich vor Hoffnungsfreude ganz rosig.

»Ich werrde sagen zu meine Vater, er soll gehen morgen mit uns in kleines Barke nach Blaues Grotte. Mein Vater ist gut, serr gut, er wird gehen mit uns«, versprach Carmelina bereitwillig.

»Nun, Kleine, wir werden lieber noch ein wenig mit dem Besuch der Blauen Grotte warten«, mischte sich da eine von Carmelina unbemerkt hinzugetretene Dame in fließendem Italienisch in das Gespräch. Es war Fräulein Neumann, Evas Erzieherin. Freundlich blickte sie auf das schöne Kind im roten Röckchen.

Das schien durchaus nicht einverstanden. »Meine Vater fährt uns bestimmt, wenn ich ihn bitte. Ich bin schon oft mit ihm gefahren. Eva braucht nicht zu laufen«, setzte Carmelina eifrig der Erzieherin auseinander, froh, daß ihr Italienisch verstanden wurde.

»Eva muß hier in der schönen warmen Luft erst genesen. Später, Kind«, vertröstete sie die Erzieherin. Damit ergriff sie den Rollstuhl, um ihn zum Hotel zurückzuschieben.

»Carmelina soll mitkommen«, verlangte Eva, die sich langweilte und nun froh war, eine Zerstreuung zu haben.

Die Erzieherin warf einen sprechenden Blick auf die unsauberen Hände und auf die wirren Locken der kleinen südländischen Schönheit. Das war kein Umgang für ihre appetitlich saubere Eva. »Ein andermal, Evchen. Wer weiß, ob Carmelina heute überhaupt Zeit hat.«

Nein, Carmelina hatte keine Zeit. Sie mußte ja ihren kleinen Bruder suchen. Sie hatte ganz vergessen, was sie eigentlich hierhergeführt hatte. Ob die Signora nicht einem dreijährigen Bambino begegnet wäre, ihrem fratellino – dem Brüderchen.

Freilich hatte man einen kleinen Knaben gesehen. Sowohl Eva als die Erzieherin erinnerten sich, vor etwa einer Viertelstunde einen reizenden kleinen Schwarzkopf in der Richtung der Marina piccola, des kleinen Hafens, vorüberlaufen gesehen zu haben.

»Madonna!« – Steil war der Weg hinunter zur Marina piccola in den Felsabhang gehauen. Wenn dem Kinde dort etwas zustieß! Carmelina nahm sich nicht mehr Zeit, der blonden Eva einen Abschiedsgruß zuzunicken. Ihr Verantwortlichkeitsgefühl war plötzlich erwacht. Wie der Wind raste sie den steinigen Weg hinab – und da war sie auch schon Evas nachschauenden Blicken entschwunden.

»Wer doch auch so laufen könnte!« seufzte Eva neidvoll.

»Laß gut sein, Herzchen. In zwei bis drei Wochen wirst du ebenso munter umherspringen. Die Luft von Capri tut Wunder, sagt der Arzt.« So sprach Fräulein Neumann der kleinen Genesenden Trost zu.

Inzwischen war Carmelina trotz der glühenden Sonnenhitze, die am Südabhang der Insel brütete, den in Kehren hinabführenden Weg zum kleinen Hafen hinuntergejagt. Da – an dem Felsvorsprung, wo der Weg jäh umbog, ein schwarzes Kinderköpfchen. Und gleich darauf stand Carmelina neben dem vermißten Brüderchen, das, nichts ahnend von der Gefahr, in der es schwebte, sich weit nach einer schönen Blume vorgewagt hatte.

»Lina!« sagte es höchst vergnügt.

»Wie konntest du nur fortlaufen, du böser Junge!« schalt Carmelina, nachdem sie das Brüderchen behutsam wieder auf den Weg zurückgezogen hatte. Und dabei hatte sie die unbequeme Empfindung, daß nicht das Kind, sondern sie selbst, die Große, die ihre Pflicht vernachlässigt hatte, Vorwürfe verdient habe. Aber unangenehme Gedanken beschwerten Carmelina nicht lange. Das wiedergefundene Brüderchen an der Hand, zog sie alsbald fröhlich singend und springend heimwärts. An dem schönen Hotelgarten hemmte sie einen Augenblick den munteren Schritt. War das nicht – dort neben dem Tennisplatz? Sicher, das mußte die Eva sein. Ein vornehmer Herr stand neben ihrem Rollstuhl und streichelte ihr das blonde Haar zärtlich. Und eine schöne Dame neigte sich über sie und küßte sie auf die Stirn. Sicher Evas Eltern. Wer es doch auch so gut hätte und in dem feinen Hotel wohnen dürfte.

Während Carmelina daheim die Maroni – Maronen – röstete und die Spaghetti mit Tomaten, das Hauptessen der Italiener, zur Abendmahlzeit bereitete, waren ihre Gedanken immer noch bei dem blonden deutschen Mädchen. Ob der Eva wohl jetzt im Hotel an den blumengeschmückten Tischen bei der schönen Musik all die feinen Sachen, die sie heute in der Hotelküche hatte zubereiten sehen, von Kellnern vorgesetzt wurden?

Da war es kein Wunder, daß die Maronen, die gerösteten Edelkastanien, zu schwarz wurden und daß die Spaghetti ebenfalls angebrannt waren. Die Mutter schalt. Sie war ärgerlich, daß Carmelina nicht besser aufgepaßt hatte. Der Vater nahm sein Töchterchen in Schutz. Es war doch erst elf Jahre alt, und wenn man Hunger hatte, so mundete das Essen schließlich auch ein wenig angebrannt. Er hatte einen guten Tag hinter sich und war vergnügt. »O bella Napoli« pfeifend, zog er nach der Mahlzeit mit seinen Netzen wieder zum Hafen hinunter. Bald blitzten auf dem dunklen Meer allenthalben die Lichter der zum Fischfang ausziehenden Fischer auf. –

Seit diesem Tage sahen sich Carmelina und Eva oft. Sobald die kleine Italienerin daheim ihre wirtschaftlichen Pflichten erfüllt hatte – diese beschränkten sich außer dem Bereiten der Mahlzeit darauf, die Betten zu richten, Wasser zu holen und allenfalls noch den Steinboden zu kehren –, so lief sie, das Brüderchen an der Hand, zum Hotel hinab. Ja, selbst am Vormittag, nach Schluß der Schule, sprang sie auf einige Augenblicke zu dem deutschen Mädchen. Eva lag meist im Liegestuhl unter den Palmen des Hotelgartens. Wenn Carmelinas rotes Röckchen auftauchte, strahlte Evas sich allmählich rosig färbendes Gesicht. Nie kam Carmelina, ohne der neuen blonden Freundin irgendeine Freude zu bereiten. Stets brachte sie ihr etwas mit. Eine besonders schöne Blume oder eine Frucht, die sie selbst geschenkt bekommen hatte; graziös verzweigte Korallen, die der Vater von seinen Fischzügen mit heimbrachte. Eva konnte diese stundenlang betrachten. Wie winzige, zierlich verästelte Bäumchen sahen sie aus, und waren doch Tiere, Polypen, von schöner roter Farbe. Daraus wurden dann die leuchtenden Korallenketten gefertigt, die einen wichtigen Handelsartikel Capris bildeten. Auch Eva hatte stets eine Näscherei für die italienische Freundin aufgehoben. Carmelinas jubelnde Dankbarkeit dafür war ihr schönster Lohn.

Nicht nur Fräulein Neumann sah scheel auf den kleinen Besuch, auch der vornehme Hausmeister des Hotels fand ihn durchaus nicht hierhergehörig. Aber da Evas Eltern den Verkehr begünstigten, um ihrem genesenden Töchterchen jede Freude zu bereiten, mußten sie dazu schweigen. Das heißt, so ganz schwieg Fräulein Neumann doch nicht. Sie versuchte günstig auf die Sauberkeit der kleinen Italienerin einzuwirken. Zuerst schenkte sie ihr ein großes Stück rosenroter Seife, die Carmelinas dankbare Begeisterung hervorrief.

»Nun mußt du dich auch fleißig damit waschen, Carmelina. Schau nur, wie schwarz deine Hände neben Evas weißen aussehen. Wäschst du sie denn gar nicht?«

»Oh, freilich. Wenn ich zur Schule oder in die Kirche gehe«, war die eifrige Antwort.

»Du mußt sie öfter waschen, Carmelina. Jedesmal, wenn du uns besuchst. Und Giovannis Händchen können Wasser und Seife auch nichts schaden«, stellte ihr Fräulein Neumann vor.

»Giovanni ist ein kleiner schwarzer Teufel, sagt mein Vater. Der ist von der Sonne so braun gebrannt.« Carmelina lachte, daß ihre weißen Zähne blitzten.

Eva stimmte in das melodische Lachen ein. Sobald Carmelina da war, wurde sie vergnügt.

Von nun an hatte Fräulein Neumann die Genugtuung, das italienische Kind stets mit sauber gewaschenen Händen erscheinen zu sehen. Und wenn diese auch nicht so weiß wurden wie die Hände Evas, sondern ihre Bronzefarbe behielten, sie waren doch reinlich und appetitlich. Ein rotes Band und eine Haarbürste, die Fräulein Neumann ihrer Seifengabe noch hinzufügte, bändigte auch die schwarze Lockenflut Carmelinas. Die Kleine sah jetzt ganz nett aus. Ihrer heiteren Liebenswürdigkeit, ihrer bezaubernden Anmut konnte sich auch die Erzieherin nicht auf die Dauer verschließen. Carmelina stahl sich die Herzen, wohin sie auch kam.

Mit der Verständigung der beiden Freundinnen ging es von Tag zu Tag besser. Eva lernte bei Carmelina die italienische Sprache tausendmal schneller als bei Fräulein Neumann. Auch aus dem Grunde sahen Evas Eltern den Verkehr der beiden Mädchen gern. Die kleine sprachbegabte Italienerin vervollkommnete ihre deutschen Kenntnisse dabei ebenfalls in erstaunlicher Weise.

Die große Fächerpalme am Tennisplatz, unter der Evas Liegestuhl zu stehen pflegte, war der Lieblingsplatz der beiden Freundinnen. Carmelina dämmte sogar Eva zuliebe ihre quecksilberähnliche Beweglichkeit ein, die sie auf einem Stuhl nicht länger als Minuten aushalten ließ. Wenn Eva aus der deutschen Heimat erzählte, aus dem kalten Norden, wo ihr Gutshof jetzt gewiß schon im weißen Schneebett träumte, dann konnte Carmelina stillsitzen und zuhören. Schnee – niemals hatte das Kind des Südens Schnee gesehen. Im Norden Italiens kamen ja manchmal Schneefälle vor. Aber hier in Capri war immer Sommer. Oh, mußte das lustig sein, solch ein übermütiges Schneetreiben, eine Schneeballschlacht oder gar ein dicker Schneemann mit schwarzen Kohlenaugen. Den konnte sich Carmelina nur schwer vorstellen, überhaupt den weißen Winterwald. Wie mochte der bloß aussehen? Vielleicht wie der weiße Blütenwald, wenn die Orangenbäume blühten? Nein. Eva schüttelte den Blondkopf. Ganz anders sah der deutsche Winterwald aus. Da war keine Blüte und kein Duft. Kalter, lichtsilberner Schnee überall. Schneeflöckchen über Schneeflöckchen auf jedem Tannenzweig. Und wenn dann die Schlittenglocken klinglingling so lustig erklangen, während man durch den Schneewald dahinflog – ja, das war herrlich.

Am liebsten hörte Carmelina vom deutschen Weihnachtsabend erzählen. Von dem gold- und silbergeschmückten Lichterbaum, der vom Fußboden bis an die Decke reichte. War er so groß wie die Palme hier, unter der sie saßen? Konnte man aus der Palme nicht auch einen Weihnachtsbaum machen? Vielleicht aus einem Orangen- oder Zitronenbaum? Oder aus der Pinie! Ja, aus einer Pinie ging es gewiß. Die hatte doch auch Nadeln wie die Tanne. Carmelinas große schwarze Augen wurden noch größer, wenn Eva vom deutschen Heiligen Abend mit all seinen Freuden und Überraschungen berichtete. Das mußte beinahe noch schöner sein als bei der Weinlese. Auch die Palme, unter der sie saßen, hielt im leisen Rauschen inne und lauschte der sonderbaren Erzählung von dem lichtglänzenden Schwesterbaum des Nordens.

Eva dagegen liebte es, wenn Carmelina ihre italienischen Lieder sang. Mit welchem Feuer, mit welcher Begeisterung trug sie diese vor! »Santa Lucia« – dieses Lied hatte sie bereits von ihr gelernt.

»Sul mare lucica,
L'astro d'argente.
«

»Über dem Meer leuchtet der silberne Stern« – so sangen sie gemeinsam und machten Pläne, wie sie dieses Lied in der kleinen Barke anstimmen würden, wenn sie Carmelinas Vater nach der Blauen Grotte ruderte! Bald – bald würde sie sie zu sehen bekommen. Die Gehversuche, die Eva täglich unternehmen mußte, fielen von Tag zu Tag besser aus. Die Eltern hatten dem Töchterchen den Besuch der Blauen Grotte versprochen, sobald es wieder gehen könnte. –

Die Schule war aus. Auf der zum Marktplatz hinabführenden Steintreppe wimmelte es von schwarzäugigen, sonnengebräunten Kindern. Die Mädels schwatzten und lachten; die Jungen balgten und rauften sich, wie das auch in andern Ländern Brauch zu sein pflegt.

Carmelina löste sich aus dem Kreise der Gefährtinnen. Sie mußte geschwind noch einmal nach Eva schauen. Hinter ihr her erklang der Spott der Schulkameradinnen: »Seht nur Carmelina, die Hotelprinzessin! Da geht sie schon wieder zu ihrer deutschen Freundin. Wir sind ihr nicht mehr gut genug!«

Carmelina schürzte verächtlich die roten Lippen, als sie die Spottreden hinter sich vernahm. Pah – die waren ja nur neidisch.

Als sie das große Hotel erreicht hatte, fiel es ihr schwer aufs Herz, daß sie heute gar nichts, aber auch gar nichts hatte, um die Freundin zu erfreuen. Das kindliche Gemüt des Italieners liebt es ebenso, Geschenke zu machen, wie solche zu erhalten.

Einen großen Bogen um den mächtigen Hausmeister, der ihr noch immer nicht freundlicher gesinnt war, machend, schlüpfte Carmelina in den Garten. Eva blickte ihr schon von dem Palmenplatz sehnsüchtig entgegen.

»Wie schön, daß du da bist, Carmelina! Ich habe die Stunden heute vormittag gezählt, bis du kommen würdest. Von nächster Woche an soll ich wieder Schulstunden bei Fräulein Neumann haben. Dann werde ich mich nicht mehr so arg langweilen. Hier – Carmelina. Das habe ich dir vom gestrigen Diner aufgehoben.« Damit schob Eva dem Naschkätzchen ein Stück Schokoladentorte zu.

»Oh, wie gut du bist, wie serr gut!« Carmelina ließ es sich schmecken. Aber beim letzten Bissen hielt sie inne. »Das ich werrde nehmen mit für Giovanni«, sagte sie schwesterlich, warf dabei aber einen traurigen Abschiedsblick auf den Leckerbissen.

»Iß nur zu Ende, Carmelina. Das nächste Mal bekommt Giovanni ein Stück Torte«, versprach die Freundin.

»Oh, du bist serr gut für mir. Und ich bin nicht gut für dir. Ich habe nichts, dir zu machen eine Freude«, meinte Carmelina beschämt.

»Daß du da bist, ist schon Freude genug für mich«, beteuerte Eva. »Singe mir ein schönes Lied, Carmelina.«

»Ich weiß noch besser. Die Garten ist leer. Ich werrde tanzen die Tarantella.« In dem Bestreben, der Freundin ebenfalls eine Freude zu machen, vergaß Carmelina das Verbot des Vaters. Sie ergriff den geleerten Frühstücksteller, der vor Eva auf dem Tisch stand, schwang ihn an Stelle eines Tamburins über dem Kopf und begann sich zu drehen. Schneller, immer schneller, das rote Röckchen flog mit den schwarzen Locken um die Wette, die samtdunklen Augen der kleinen Tänzerin strahlten. Jetzt war es nur noch die Freude am Tanz, was aus jeder der geschmeidigen Bewegungen sprach. Zum Schluß ein Wirbel um sich selbst, das Tamburin wurde temperamentvoll zu Boden geschleudert – o weh, es war ja ein Teller! Er zerschellte mit lautem Geklirr.

»Bravo – bravo!« Eva klatschte begeistert in die Hände. Auch die Erzieherin spendete Beifall. »Sieh mal an, du bist ja eine kleine Künstlerin«, sagte sie anerkennend.

Die junge Tarantellatänzerin aber stand erschreckt vor den Scherben auf dem Erdboden. Die leuchtende Freude in ihrem lebhaften Gesicht war erloschen. Himmel – was würde der gestrenge Herr Hausmeister nur dazu sagen.

»Bravo!« rief es da hinter der betrübten Carmelina. Der Ausruf kam von jenseits des Tennisplatzgitters, wo der Weg vorüberführte. Ein großer, blonder Herr war es mit Farbkasten und Staffelei – Carmelina erkannte den deutschen Maler, den sie seit ihrer ersten Bekanntschaft schon öfters getroffen hatte. »Bravo!« rief er noch einmal. »So muß ich dich malen, Kind. Als kleine Tarantellatänzerin.« Er sprach wieder italienisch mit ihr.

Carmelina schüttelte den schwarzen Lockenkopf. »No, Signore, das wird der Vater nicht erlauben.«

»Er wird es schon zugeben. Du kannst dir viel Geld damit verdienen, Carmelina.«

Molto denaro – viel Geld – oh, das wäre schön! Geschenkt nehmen mochte sie kein Geld, aber wenn man es verdiente! Das war etwas ganz anderes. Dann konnte sie einen Teller kaufen, daß der Herr Hausmeister nicht schalt. Vielleicht gar den Weinberg vom Onkel Giuseppe zurückkaufen. Und eine Korallenkette für Eva – – die dunklen Kinderaugen begannen wieder zu leuchten. »Oh, Signore, der Vater und die Mutter werden es sicher erlauben, wenn ich viel Geld verdienen kann.«

»Das denke ich auch, Carmelina. Meine Frau und ich kommen heute auf unserm Abendspaziergang mit zu euch hin. Dann spreche ich mit deinen Eltern, Addio!« Der Maler grüßte und schritt weiter.

»Eva, oh, ich frreuen mir, oh, sono molte felice, ich bin serr glucklich!« Die kleine Italienerin wirbelte ungestüm, als tanze sie wieder die Tarantella, im Kreise herum.

»Vorsicht, Kind, Scherben! Du kannst mit den bloßen Füßen in die Scherben treten«, mahnte Fräulein Neumann.

»Eine neue Teller ich werrde kaufen von vieles Geld und . . .«

»Den Teller wird mein Vater bezahlen«, unterbrach Eva die laute Freude der Freundin. Sie machte ein ziemlich trübseliges Gesicht. »Ich freue mich gar nicht darüber, daß du gemalt werden sollst, Carmelina. Dann hast du sicher keine Zeit mehr für mich.«

»Wie kannst du glauben das, Eva. Ich werrde besuchen dir so oft wie immer. Wir werrden fahren zusammen in Blaues Grotte. Und dann ich werrde kaufen von vieles Geld unsern Weinberg zurück. Dann du mußt kommen zu mir zu Traubenernte. Oh, das wird werrden schön, das wirrd lustik!« Carmelinas lebhafte Phantasie schilderte in den schönsten Farben, bis auch bei der Freundin wieder Sonnenschein war. Trotzdem sagte Eva beim Abschied mit hoffnungsvollem Seufzer: »Vielleicht erlauben es deine Eltern gar nicht!«

»Sie werrden erlauben.« Carmelinas Antwort klang noch hoffnungsvoller.

Die kleine Italienerin sollte recht behalten. Als die Fischerfamilie abends beim Risotto – Reis mit Parmesankäse – saß, traten der Maler und seine junge Frau mit freundlichem »Buona sera – guten Abend« ins Haus der schönen Carmelina.

Zuerst wollten die Eltern nichts von dem Vorschlag des Fremden, das Töchterchen zu malen, hören. Besonders die Mutter verhielt sich durchaus ablehnend. So – gerade so hatte es damals bei der Großmutter auch angefangen. Ihre kleine Carmelina sollte fleißig und arbeitsam bleiben.

Vater Pietro schien merkwürdigerweise zugänglicher. Das Geld, das der Maler dem Kinde für das Modellstehen bewilligen wollte, lockte. Ach, er brauchte es gar so nötig. Da war zum Ersten die Pacht für das Haus, in dem sie wohnten, fällig. Noch hatte er nicht den dritten Teil zusammen. Und der Besitzer wollte nicht wieder stunden. Vielleicht zahlte der Signore etwas im voraus, zehn Lire, oder auch zwanzig.

Nachdem der Maler zehn Lire auf den Tisch gelegt und die junge Frau der Mutter immer wieder versprochen hatte, daß Carmelina in keiner Weise bei ihnen verwöhnt werden sollte, daß sie weder putzsüchtig noch eitel dadurch werden würde, daß ihr Mann und sie ebenfalls die Arbeit über alles stellten, ward die erste Sitzung für den morgigen Tag nach der Schule verabredet.

Oh, Carmelina würde schon zu ihnen hinfinden. Den Weg hinauf nach Anacapri war sie schon oft gegangen. Und das Haus, in dem der Signore wohnte, würde sie nicht verfehlen. Das dritte links, von roten Pelargonien umrankt, gleich hinter dem Zitronenhain.

In dieser Nacht träumte Carmelina von Onkel Giuseppes Weinberg. Dem Vater gehörte er wieder. Sie selbst war es, die singend und lachend in Gemeinschaft mit Eva die vollen Trauben bei der Weinlese abnahm. Den Kübel auf dem Kopf, so schritt sie erhobenen Hauptes an Cousine Annunciata vorüber. Da fuhr sie im Schlaf empor. Irgend etwas Beklemmendes hatte sich plötzlich auf ihr frohes Herz gelegt. War es der Gedanke, daß sie den Eltern verschwiegen hatte, daß sie der Maler als Tarantellatänzerin malen wollte?

Von nun an sah man täglich Carmelinas rotes Röckchen die in den Felsen gehauene Straße nach Anacapri hinauffliegen. Mit den Wagen, welche die Fremden diese wunderbare Aussichtsstraße entlang fuhren, lief sie um die Wette. Das kleine von Pelargonien umrankte Malerhaus da oben wurde ihr eine Heimat. Als Carmelina das saubere, behagliche Zimmer zum ersten Male betrat, faltete sie unwillkürlich die Hände. »Hier ist es so schön, so schön wie in der Kirche!« sagte sie mit ehrfurchtsvoll gedämpfter Stimme.

Die blütenweißen Gardinen an den mit Blumen bestandenen Fenstern, die lustigbunte Decke auf dem Tisch, den ein malerischer Strauß und eine Schale herrlicher Trauben schmückte, alles dies wirkte auf das für Schönheit empfängliche Auge der kleinen Italienerin.

»So schön kannst du dir dein Zimmer auch herrichten, Carmelina«, sagte lächelnd die junge Frau. »Ich verrate dir, wie man das macht.« Sie labte das erhitzte Kind mit Früchten, und dann ging es an die Arbeit.

Eine schwere Arbeit für die quecksilberige Carmelina, deren Füße keinen Augenblick in Ruhe bleiben konnten.

»Stillgestanden!« rief der Maler alle paar Minuten, wenn es in den beweglichen Beinen zu zucken begann und der Arm mit dem hochgehaltenen Tamburin zu erlahmen drohte.

Ja, steh mal einer still, wenn er endlich wieder ein Tamburin in den Händen hält, wenn einem die Tarantella im Blut liegt. Wäre die junge blonde Frau nicht gewesen, dann hätten der Maler und sein kleines Modell wohl öfters die Geduld verloren; dann wäre die Arbeit wohl kaum so gut vonstatten gegangen. Aber Frau Lilli besaß ein Zaubermittel, das quecksilberige Ding in Ruhe zu halten. Sie erzählte ihr Märchen, deutsche Märchen. Die schönen Geschichten vom Aschenbrödel, von Hänsel und Gretel, von Dornröschen und Schneewittchen, all die nordische Märchenpoesie ward in dem Häuschen am Mittelländischen Meer lebendig. Unheimlich groß wurden Carmelinas schwarze Augen, wenn Frau Lilli von der bösen Hexe im Knusperhäuschen erzählte, der »strega«, denn oft mußte ihr Mann als Dolmetscher dienen und der Kleinen ein unbekanntes Wort ins Italienische übersetzen. Am liebsten mochte Carmelina das Märchen vom Dornröschen, dem goldblonden Königskind, das hundert Jahre hinter der Rosenhecke schlief. Sicher sah es aus wie Eva, la Tedesca, wie die deutsche Eva, ebenso blond, so zart und fein.

Eva hatte mit ihrer Befürchtung, daß ihre kleine italienische Freundin durch das tägliche Modellstehen nicht mehr viel Zeit für sie übrigbehalten würde, nur allzu recht behalten. Auf einen Sprung konnte Carmelina ab und zu jetzt nur noch zu der Freundin entwischen. Denn die häuslichen Pflichten durften nicht vernachlässigt werden. Die Mutter verstand keinen Spaß. Auch der kleine Giovanni, der jetzt einen guten Teil des Tages bei einer Nachbarfamilie untergebracht war, wo es nicht darauf ankam, ob da noch eines mehr vor der Haustür herumkrabbelte, wollte seinen Teil an der großen Schwester. Die deutschen Märchen, die Carmelina von Frau Lilli gehört hatte, erzählte sie dem Brüderchen in ihrer Muttersprache; so befestigte sie sie in ihrem Gedächtnis.

Aber noch anderes lernte Carmelina von der deutschen Frau. Das Geheimnis, wie man ein Zimmer traulich und behaglich macht. Dazu gehörten vor allem eine Scheuerbürste, Wasser und Seife. Die an peinliche Sauberkeit gewöhnte deutsche Frau konnte es nicht vergessen, in welcher vernachlässigten Umgebung ihre kleine Freundin aufwuchs. Carmelina, über ihre Jahre geschickt und anstellig, setzte ihre Ehre darein, Stube und Küche ebenso nett herzurichten, wie sie es bei der deutschen Malerfamilie sah. Das war gar nicht so einfach. Mit Scheuern war das noch lange nicht getan. Carmelina wollte Blumen ans Fenster stellen, wie sie es in dem Malerhäuschen gesehen. Aber Frau Lilli bedeutete ihr, daß vor allem saubere Fenster und reine Vorhänge dazu gehörten. Da wurden Fenstervorhänge und Bettzeug gewaschen. Das Wasser zum Waschen mußte sich die Kleine erst herbeitragen. Dann aber stand Carmelina im roten Röckchen am Waschfaß vor ihrem Hause auf offener Straße und rieb auf der Wäsche herum, daß der Seifenschaum lustig zu Giovannis Freude herausspritzte. Die Vorübergehenden, die nach der Ruine des Tiberius hinaufkletterten, hatten ihre Freude an diesem anmutigen Bilde.

Eine hübsche Tischdecke wollte sich zu Carmelinas Schmerz nirgends finden lassen. »Was brauchen wir Tischdecken, gibt bloß unnütze Arbeit. Der Holztisch ist dir wohl nicht mehr gut genug! Ich sehe schon, du wirst bei den Malerleuten verwöhnt und hoffärtig«, hatte die Mutter unzufrieden geäußert.

Überglücklich war Carmelina, als ihr Frau Lilli, die ihre Wünsche erriet, aus ihrem Besitz eine nette, buntblumige Decke verehrte. Denn Fleiß muß belohnt werden. Carmelina kannte ihre eigene Behausung kaum wieder, so nett und sauber sahen Küche und Stube jetzt aus. Blumen gab's genug, die wuchsen allenthalben am Gemäuer. Ein hübscher Strauß auf dem Tische und brennendrote Pelargonien an den mit sauberen Vorhängen besteckten Fenstern – Carmelina klatschte vor Freude in die Hände. Ihr Schönheitsgefühl war befriedigt. Frau Lilli mußte ihr Werk beaugenscheinigen. Was würden die Eltern nur heute abend dazu sagen?

Nicht viel. Die Mutter äußerte sich wohl anerkennend, daß das Töchterchen alles sauber hergerichtet hatte. Aber der Firlefanz mit den Decken und Blumen war ihr nicht recht. Sie waren einfache, bescheidene Leute, die brauchten so was nicht. Schließlich aber mundete ihr die Polenta, der in Öl gebackene Maiskuchen, doch besser an dem nett aussehenden Tisch. Der Vater merkte überhaupt nichts von der veränderten Umgebung. Der war heute gar nicht so lustig und mitteilsam wie sonst. Nicht einmal den Bambino, den kleinen Giovanni, ließ er auf seinen Schultern reiten. Stumm brütete er vor sich hin. Schweigend verzehrte er seine Polenta.

Ein Italiener kann seine Gefühle nicht lange in sich verschließen. Er muß sich mitteilen. Bald kam's heraus, was den braven Pietro beschwerte. Er hatte mit dem Besitzer des Häuschens gesprochen. Denn übermorgen war ja schon der gefürchtete Erste. Er hatte zwar noch nicht die halbe Pacht beisammen, aber er wollte den Rest ehrlich abzahlen, sobald wieder Geld einkam. Doch nein, nichts hatte der Geizkragen davon hören wollen. Die ganze Pacht oder die Wohnung räumen. Der Mensch war fähig, ihn und seine Familie ohne weiteres auf die Straße zu setzen. Noch dazu aus dem Hause, das ihm selbst einst gehörte, das noch den Namen seiner Mutter trug. Pietro ballte ingrimmig die Fäuste. Der liebenswürdige Mann war nicht wiederzuerkennen.

»Vielleicht gibt der Maler den Rest, der noch fehlt«, sagte Carmelina zögernd, denn sie hätte das selbstverdiente Geld doch gar zu gern gespart, um den Weinberg vom Onkel Giuseppe zurückzukaufen. Aber die Liebe zum Vater war noch stärker als dieser Wunsch. »Das Bild soll morgen fertig werden. Es ist sehr schön.« Carmelinas bräunliche Gesichtsfarbe färbte sich dunkelrot. Was würde der Vater sagen, wenn er sie, mit dem Tamburin die Tarantella tanzend, auf dem Bilde erblickte! Hoffentlich bekam er das Bild niemals zu sehen.

»Daran habe ich auch schon gedacht, Carmelina. Hundert Lire fehlen mir noch zur Pacht. Solch eine große Summe kommt dabei nicht heraus. Du kannst den Maler ja jedenfalls darum bitten.« Des Vaters Gesicht wollte sich nicht aufhellen. Carmelina, die ihren lustigen Vater besonders liebte, litt unter seinen Sorgen, während ihm die Mutter Mut zusprach. Wer weiß, was morgen nicht noch alles kommen konnte. Die italienische Hoffnungsfreudigkeit bekam wieder die Oberhand.

Sie sollte recht behalten. Zwar, in dem Malerhäuschen war gerade Ebbe in der Kasse. So gern die guten Menschen der kleinen Carmelina, die sie liebgewonnen hatten, geholfen hätten, mehr als zwanzig Lire konnten sie ihr nicht geben. Aber als Carmelina an das Grandhotel kam, begegnete ihr auf der Straße Freundin Eva am Arm ihrer Erzieherin. Eva wurde nicht mehr gefahren; sie ging spazieren. Die Genesung hatte in der warmen Luft des Südens rasche Fortschritte gemacht.

»Eva, come sono felice – wie bin ich glucklich, daß du kannst gehen auf Füßen, nicht in Wagen!« Carmelinas elementare Freude war rührend. »Nun, wir werrden gehen in Barca piccola zu Grotta azzura.«

»Ich habe bereits die Erlaubnis von meinen Eltern. Morgen soll uns dein Vater zur Blauen Grotte rudern. Oh, ich freue mich ja so sehr darauf.« Die ruhige Eva war wie ausgetauscht. Als ob Carmelinas südländische Lebendigkeit abgefärbt hätte.

Carmelinas braune Beine sprangen heute noch rascher als sonst über die Piazza zum Funikulare, wo der Vater mit andern Seeleuten nach dem Dampfer von Neapel Ausschau hielt.

»Vater –«, schon von weitem rief sie es ihm entgegen. »Vater, die deutsche Eva kann wieder gehen. Und morgen wollen sie mit dir zur Blauen Grotte fahren. Du sollst morgen früh ins Hotel kommen. Evas Vater ist reich, sehr reich. Er gibt dir sicher das fehlende Geld.«

»Für eine Fahrt in die Grotte? Was bist du doch für ein Kindskopf, Carmelina. Außerdem sieht es mir nicht danach aus, als ob man morgen in die Grotte fahren könnte. Aus Süden kommen Wolken auf. Der Wind hat sich gedreht. Ich fürchte, wir haben morgen Schirokko.« Der Fischer sah prüfend in die gelblichgraue Dunstschicht, die sich südlich von der Insel zusammenballte.

Der wetterkundige Seemann behielt recht. Schon in der Nacht begann es zu stürmen und in den Lüften zu heulen, daß man glaubte, das Dach über dem Kopfe würde einem davongetragen. Die hohen Palmen bogen sich und ächzten. Unreife Orangen und Zitronen lagen am Morgen abgeschlagen haufenweise auf dem Boden. Das Meer heulte mit dem Schirokko um die Wette.

Das farbenfreudige Capri mit dem ewigblauen Himmel hatte plötzlich ein anderes Gesicht bekommen. Tiefhängende, bleierngraue Wolken. Schwarz und schaumgepeitscht das sonst azurblaue Mittelmeer. Es wehte, flog und flatterte, wohin man schaute. Und trotz dem Sturme eine drückende Schwüle, die Menschen und Tiere unlustig und matt machte. Das war der vom Seemann gefürchtete Schirokko, der von Afrikas Küste herüberjagende Wüstenwind.

Verödet lag der Garten des Grandhotels. Keine gedeckten Tische mehr auf der Terrasse, keine Liegestühle unter den sturmgebogenen Palmen. In der Vorhalle des Hotels keine weißgekleideten Damen und Herren. Der Gummimantel hatte heute die Vorherrschaft. Der gewichtige Hausmeister thronte auf seinem Platze, das Kursbuch vor sich, aus dem er den sich um ihn scharenden Hotelgästen die besten Züge von Salerno und Neapel heraussuchte. Die meisten Gäste wollten den heutigen Dampfer zur Rückfahrt zum Festland benutzen, denn der Schirokko hatte meist eine Regenzeit im Gefolge. Man flüchtete aus Capri, zu dem nun mal lachende Sonne gehörte.

Auch Evas Eltern fuhren auf einige Tage nach Neapel hinüber, da eine Regenzeit in einer großen Stadt immer angenehmer und nutzbringender zu verbringen ist als auf einer Insel. Eva blieb mit ihrer Erzieherin im Hotel. Sie war enttäuscht und betrübt. Die Fahrt zur Blauen Grotte, auf die sie sich wochenlang vorher gefreut, hatte das schlechte Wetter zunichte gemacht. Nun fuhren auch noch die Eltern davon, und sie war auf das langweilige Zimmer angewiesen. Sie stand am Fenster und schaute den Corso Vittorio Emanuele hinunter. Hu – wie grau heute alles war! Wie unheimlich! Die Palmen erschauerten bis ins Mark. Da fielen auch schon die ersten Regentropfen, groß und schwer. Kein rotes Röckchen wollte sich von der Piazza her zeigen. Wo steckte Carmelina denn bloß?

Das Fischerkind hatte heute keine Zeit, Besuche zu machen. Die Mutter hatte sie nach der Marina grande, dem Hafen, mit hinuntergenommen. Sie mußte das viele Handgepäck der Fremden von der Drahtseilbahn zur Einbootung befördern helfen. Man hatte heute nicht Hände genug, da so viele abreisten.

Carmelinas rotes Röckchen, über dem sie nur eine dünne Jacke gegen Wind und Regen trug, flatterte sturmgepeitscht. Unermüdlich lief sie vom Funikulare zu den Barken, in denen der Vater und andere Seeleute die Abreisenden zum Dampfer einbooteten. Wie eine Schaukel gingen die leichten Barken auf und nieder. Die Damen kreischten erschreckt, wurden blaß und klammerten sich an die ihnen beim Einsteigen behilflichen Seeleute. Die Herren sahen besorgt der Überfahrt entgegen.

Nun war das letzte Gepäckstück verstaut. Carmelina brachte der Mutter die verdienten Soldi. Zwei Lire zählte die Mutter zusammen. Sie selbst hatte mit dem schweren Gepäck nicht mehr als elf Lire verdient. Wenn der Vater auch noch ein paar Lire Trinkgeld heimbrachte – nein, es reichte noch lange nicht. Die Pachtsumme, die heute fällig war, war nicht mehr aufzutreiben. Fremde kamen bei diesem Wetter nicht nach Capri.

Einen einzigen Passagier hatte der Dampfer trotz dem schlechten Wetter gebracht. Einen Amerikaner, ganz und gar in gelben Gummistoff gekleidet. Er hatte das Programm für seine Europareise gemacht und hielt sich daran, unbekümmert um Wind und Wetter. Sein Reiseprogramm schrieb einen mehrstündigen Aufenthalt in Capri und vor allem den Besuch der dortigen Blauen Grotte vor. Nun war er höchst unangenehm davon überrascht, daß ihn keiner der Seeleute von Capri bei diesem Sturm zur Blauen Grotte rudern wollte.

»Ich zahle ein gutes Trinkgeld«, damit schien die Angelegenheit für den Amerikaner erledigt.

»Es geht nicht, Signore – impossibile – unmöglich! Beim besten Willen, es läßt sich nicht machen. Wenn wir auch bis zur Blauen Grotte hinkämen, die Einfahrt in die Grotte ist bei Schirokko unmöglich. Unser Boot würde immer wieder zurückgeschleudert werden. Schon mancher hat sich den Schädel bei Schirokko dort an dem Felsentor zerschmettert. Die Gegenbrandung ist zu stark«, erklärte Pietro, der ihn ausgebootet hatte, dem Herrn. Die andern Fischer bestätigten lebhaft die Auseinandersetzung ihres Kameraden. Was Pietro nicht wagte, wagte keiner von ihnen.

»Ich komme aus Südamerika nach Capri, um die Blaue Grotte zu besichtigen. Ich muß und will sie sehen, koste es, was es wolle«, beharrte der Amerikaner.

»Auch das Leben, Signore?« warf Pietro ein.

»Meinetwegen auch das Leben. Fordert!« Für den Amerikaner war das nur eine Geldsache, ein Geschäft.

»Signore, das Leben ist unbezahlbar.«

»Fordert – jede Summe –, ich muß die Blaue Grotte sehen.« Immer mehr versteifte sich der Amerikaner auf seinen Wunsch.

»Nicht für hundert Lire, Herr.« Dabei durchzuckte es Pietro. Hundert Lire – das war die Summe, die ihm zu der heute fälligen Pacht noch fehlte.

»Aber vielleicht für fünfhundert – nein, auch noch nicht? Also dann für tausend. Mein letztes Angebot. Ich gehe jetzt ins Hotel zum Frühstück. In einer Stunde erwarte ich Sie, Mann.« Die letzten Worte rief der Amerikaner bereits aus dem Funikulare, der ihn zu dem oberen Teile Capris beförderte, zu Pietro zurück.

Der stand wie erstarrt. Tausend Lire – ihm schwindelte. Auf einen Schlag waren alle Sorgen behoben. Ja, er konnte vielleicht daran denken, Häuschen und Weinberg zurückzuerlangen.

»Da fährt er hin, der Narr! Denkt, für seine Dollar kann er sich auch Menschenleben kaufen!« Die andern Fischer lachten hinter dem Amerikaner her und zerstreuten sich.

Pietro blieb zurück. Mit gerunzelten Brauen starrte er in die schwarzen, mit weißen Schaumkronen gegen den Strand anrollenden Wogen.

»Komm heim, Mann.« Seine Frau berührte seinen Arm. »Es ist heute nichts mehr hier zu verdienen.«

»Niente – nichts? – Hahahaha. Sind tausend Lire nichts?« Pietro lachte wild auf.

»Heilige Madonna! – Das ist doch nicht dein Ernst? Du kannst doch nicht in der Tat die Absicht haben, bei diesem Schirokko in die Grotte einfahren zu wollen? Mann, besinne dich – willst du uns unglücklich machen?«

»Soll ich mit ansehen, wie man uns aus dem Hause jagen wird?« entrang es sich dem Manne dumpf aus schweratmender Brust.

»Lieber mit dir obdachlos auf der Straße, als dich den Wellen preisgeben. Komm heim, Pietro!« bat die Frau.

Der Fischer strich sich mit der schwieligen Hand die nassen, schwarzen Haare aus der Stirn. »Hast recht, Frau, hm – ja, ich werde gleich heimkommen. Geh nur immer voran! Ich will erst noch die Boote festmachen. Dieser vermaledeite Sturm treibt sie sonst davon.« Damit machte er sich an die Arbeit, während seine Frau den glitschigen Steinpfad emporstieg. Ihr war schwer zumute. Bleiern legte sich ihr die Schirokkoschwüle auf die Brust. Hätte sie ihren Mann lieber nicht allein lassen sollen?

Carmelina war Zeugin der Unterredung gewesen. Statt der Mutter zu folgen, trieb sie sich im Bahnhof der Drahtseilbahn herum. Draußen zerrte der Sturm gar zu arg an ihren Kleidern und Locken. Sie mußte sehen, ob der Vater auch wirklich nicht nach der Grotte fuhr. Erst als der Vater mit großen Schritten bergaufwärts stampfte, gab sie sich zufrieden.

Was fing man nun mit einem solchen grauen Regentage an? Dem Italiener, dessen ganzes Leben sich in der Sonne abzuspielen pflegt, erscheint das Regengrau noch düsterer als dem daran gewöhnten Nordländer. Das beste wäre, sie besuchte die blonde Eva. Denn für die Schule war es heute durch die Gepäckbeförderung ja doch zu spät geworden.

Grau in grau, wie ausgestorben lag das große, sonst so bevölkerte Hotel da. Nur noch wenige Gäste saßen schreibend an den Tischen oder lesend in den ledernen Klubsesseln der Vorhalle. Der Herr Hausmeister gähnte.

Ob sie sich in das seine Hotel hineinwagte? Bisher hatte sie nur den Garten betreten. Der gestrenge Herr Hausmeister erfüllte sie mit zu großem Respekt.

Carmelina, die durch die regenbesprühte Fensterscheibe in die Vorhalle des Hotels lugte in der Hoffnung, Eva zu erspähen, fuhr plötzlich erschreckt zusammen.

War das nicht . . . ja natürlich, das war ja der Vater, ihr eigener Vater, der da drin mit dem Hausmeister verhandelte. Der Hausmeister ging in den Speisesaal, und bald darauf erschien der Amerikaner. Der Vater sprach mit ihm. Der Amerikaner nickte befriedigt und zog die Uhr. Gleich darauf verschwand der Vater wieder durch den Nebeneingang, durch den er gekommen war.

Carmelinas Herz krampfte sich zusammen. Sie wußte, was das zu bedeuten hatte. Der Vater wollte die Fahrt nach der Grotte wagen. Das Fischerkind wußte auch, daß dies eine Todesfahrt bedeutete. Ohne Überlegung hing sie plötzlich am Arm des voranschreitenden Vaters.

»Vater, lieber Vater, fahre nicht! Du kommst nicht heil wieder. Sie bringen dich so wie den alten Francesco, der voriges Jahr auf dem Meer umgekommen ist.« Sie bedeckte laut weinend das Gesicht mit ihren Händen.

»Still – mach nicht soviel Aufhebens davon!« fuhr der Vater, der ebenfalls erregt war, das weinende Kind an. Gleich darauf tat ihm seine ungewohnte Härte leid. Er strich Carmelina beruhigend über die feuchten Locken: »Weine nicht, Liebling. Es ist die einzige Hilfe, die uns bleibt. Und wenn ich heimkomme, kaufen wir den Weinberg zurück und unser Haus und . . .«

»Du kommst nicht heim!« Carmelina schluchzte herzbrechend.

»Hör auf zu weinen, Carmelina. Ich habe dem Signore mein Wort gegeben, zu fahren. Dabei bleibt's. Wir fahren erst um ein Uhr. In einer Stunde kann sich der Sturm gelegt haben.« Der Seemann sprach das gegen sein besseres Wissen. Er schritt auf eine Osteria, einen Weinausschank an der Piazza, zu, um sich mit etwas Wein für die Fahrt zu stärken. In der Tür wandte er sich noch einmal zurück. »Daß du der Mutter nichts verrätst, Carmelina!« Damit verschwand er.

Carmelina schaute ihm mit verstörtem Blick nach. Was nun? Die Mutter – nein. Der würde sie es nicht sagen. Die erfuhr es früh genug. Mit herabgesackten Armen stand Carmelina in dem Regenguß windgezaust mitten auf dem Marktplatz und hatte das Gefühl einer großen Leere im Kopf. Dann gab sie sich plötzlich einen Ruck. Die kostbaren Minuten verstrichen – in einer Stunde ging das Boot in See. Sie mußte die Zeit ausnützen, mußte den fehlenden Betrag der Pachtsumme aufzutreiben suchen. Aber wo? Der Maler hatte ihr schon gegeben, was er entbehren konnte.

Halt – Eva. Eva hatte ein gutes Herz – sie liebte die Freundin. Evas Vater war reich. Sie würde helfen.

Alle Furcht vor dem gestrengen Hausmeister zurückdämmend, schritt Carmelina herzklopfend geradeswegs in die elegante Vorhalle des großen Hotels hinein. Sie war zum Glück leer. Der Hausmeister blickte stirnrunzelnd auf den kleinen Eindringling, der mit seinem triefenden Röckchen ganz und gar nicht in das vornehme Haus paßte.

»Was hast du hier zu suchen? – Mach, daß du hinauskommst!« fuhr er sie an.

»Ich möchte Eva Helmert sprechen«, kam es leise von den zuckenden Kinderlippen.

»Erster Stock, Zimmer neunundachtzig«, war die unwirsche Antwort. Der Hausmeister hatte die Kinder oft im Garten zusammen gesehen. Herr Helmert war ein gut zahlender Gast. Der Hausmeister wagte daher keine weitere Abweisung.

Carmelina huschte die mit roten Plüschteppichen belegten Marmortreppen empor. Schwärzliche Spuren hinterließen die Barfüßchen darauf. Nun war ihr Wunsch in Erfüllung gegangen. Sie durfte das feine Hotel betreten. Ach, sie hatte kein Gefühl der Genugtuung oder des Stolzes dabei. Nur die Sorge um das Leben ihres Vaters empfand sie.

Eva empfing die Freundin freudig. »Wie schön, daß du kommst, Carmelina. Ich langweile mich so bei dem schlechten Wetter. Hu – bist du naß! Fräulein Neumann wird dir trockene Sachen von mir bringen. Wie schade, daß wir heute nicht nach der Blauen Grotte konnten.«

Die Blaue Grotte – wie ein Stich durchfuhr es Carmelina. Das erregte Kind begann zu weinen.

»Um's Himmels willen, was ist dir denn, Carmelina?« forschte Fräulein Neumann erschreckt. Eva stand ratlos daneben.

»Ich muß haben Geld, viel Geld, daß mein Vater nicht geht sterben in Blaues Grotte.« Es dauerte eine Weile, bis Fräulein Neumann und Eva den Sachverhalt begriffen hatten. Ja, da war guter Rat teuer. Evas Eltern waren nach Neapel gefahren. Sie hatten kein Geld zurückgelassen, da im Hotel alles auf Wochenrechnung geschrieben wurde. Fräulein Neumann selbst hatte im Augenblick nur fünfundzwanzig Lire. Die stellte sie der Kleinen großmütig zur Verfügung.

»Bitte doch den Maler, der dein Bild gemacht hat«, schlug Eva ergriffen der schluchzenden Carmelina vor.

»Er hat mir gestern schon zwanzig Lire gegeben. Er hat selbst nicht mehr.«

»Trotzdem würde ich mich an ihn wenden«, riet Fräulein Neumann teilnahmsvoll. »Ein Mann hat immer noch andere Hilfsquellen als wir Frauen im fremden Land. Vielleicht kann er sich das Geld beschaffen.«

»Ich will es versuchen.« Damit war die Kleine auch schon wieder zur Tür hinaus. Vorüber an dem brummigen Hausmeister – da stand sie wieder auf der Straße. Der Sturm hatte sich noch gesteigert. Er trieb das leichte Dingelchen wie einen Federball die am Felsabhang aufwärts führende Straße nach Anacapri empor. Die beliebte Aussichtspromenade war heute menschenleer. Die sonst so herrliche Aussicht wie von einem grauen Gazevorhang dicht verhangen. Orangen- und Olivenbäume am Weg neigten weinend die Kronen. Pinien standen zerzaust. Palmen stöhnten in das Schnauben und Rollen der Wogen.

Schweißgebadet erreichte Carmelina das Malerhäuschen, zu dem sie so oft fröhlich hinaufgesprungen war. Oh, es war leer. Der Maler und seine Frau waren trotz dem schlechten Wetter fortgegangen.

»Zum ›Kater Hidigeigei‹ sind sie, drunten in Capri«, erzählte die Nachbarsfrau der Kleinen geschwätzig. »Der Signore hat das schöne Bild verkauft – knapp, daß es fertig war. Dein Bild, Carmelina. Laß dir nur ordentlich dafür bezahlen. Ein Engländer hat es gekauft. Der hat sicher einen guten Preis dafür gegeben. Er hat es gleich mitgenommen, denn er ist mit dem Dampfer heute schon wieder fortgefahren. Und nun feiern der Maler und einige Kollegen drunten im ›Hidigeigei‹.«

Ihr Bild war verkauft – unwillkürlich legte Carmelina die Hände zusammen und blickte zu dem wolkenzerrissenen Himmel empor. »Lieber Gott, ich danke dir!« Der Maler würde ihr das Geld geben – nun war der Vater gerettet!

Carmelina wußte nicht, wie sie wieder nach Capri gekommen war. Noch war eine Viertelstunde bis zur festgesetzten Zeit. Sie konnte es noch erreichen.

Im »Kater Hidigeigei«, der eigenartigen deutschen Künstlerkneipe, saß man lustig beim Asti spumante, dem italienischen Schaumwein. Die Künstlerkneipe war aus einem Kolonialwarenladen entstanden. Noch jetzt gab es dort allerlei zum Verkauf. Von der Decke strahlte des dunklen Regentages wegen Lampenlicht. Es beleuchtete die geflochtenen lustigbunten italienischen Strohtaschen, die an Schnüren von der Decke herabbaumelten, pompejanische Ausgrabungen, Schalen, Urnen, antike Bronzen, die zwischen verheißungsvollen, dickbäuchigen Flaschen im Schaufenster ausgestellt waren. An den Wänden all die Bilder von Capri, welche die Maler für kauflustige Fremde hier aufzuhängen pflegten. An den langen Holztischen saßen sie, sechs bis acht Maler und Malweibchen, vergnügt beieinander. Es war Sitte, daß man hier den Verkauf eines Bildes »begoß«. Man sang deutsche Studentenlieder, denn die Fidelitas war nach dem feurigen Asti spumanti schon recht gestiegen.

»Im ›Schwarzen Walfisch‹ zu Askalon,
Da trank ein Mann drei Tag'« – – –

so klang es im lustigen Chor. Keiner hatte acht, daß sich die Tür öffnete, daß sich eine kleine, triefende Gestalt scheu hereinschob.

»Bis daß er steif wie'n Besenstiel
Am Marmortische lag.« – – –

Da fühlte die blonde Frau eine kleine, kalte Kinderhand in der ihren.

»Um's Himmels willen, Carmelina, wo kommst du denn her? Und so naß und kalt! Komm, trinke einen Schluck Wein, Kind, daß du dich erwärmst.« Mitleidig schob Frau Lilli der Kleinen das eigene Glas hin.

»Carmelina, die Heldin des Tages! Carmelina hat noch zu unserm Festgelage gefehlt. Evviva la bella Carmelina – es lebe die kleine Tarantellatänzerin!« So riefen die Maler, die vom Wein schon reichlich angeheitert waren, durcheinander.

Nur schwer konnte sich das Kind in dem übermütigen Tumult verständlich machen. Es bebte vor Nässe und Erregung an allen Gliedern, als es mit fliegenden Worten dem Maler den Sachverhalt auseinandersetzte und ihr Anliegen vorbrachte. Hundert Lire – sie mußte sie haben. Sofort – wenn das Leben ihres Vaters gerettet werden sollte.

»Kind – Kind, das ist unmöglich! Ich habe gar nicht soviel Geld bei mir. Abgesehen davon, daß du schon mehr als die für das Modellstehen vereinbarte Summe erhalten hast. Und wenn dein Vater mit dem Amerikaner bereits abgeschlossen hat . . .«

»Er kommt nicht wieder!« – Die zarte Mädchengestalt zuckte in wildem Schluchzen.

»Wir werden sammeln – wir sammeln für die kleine Carmelina!« rief einer der Maler, die mit teilnahmvollen Mienen der erregten Auseinandersetzung gefolgt waren.

»Aber erst die Tarantella, tanz uns die Tarantella, Carmelina!« verlangte ein anderer, der am eifrigsten dem Wein zugesprochen hatte.

»Das ist unmenschlich – – – ein andermal – – – die Minuten sind jetzt kostbar«, schrien die übrigen lebhaft dagegen.

Da aber hatte Carmelina schon ein an der Wand hängendes Tamburin herabgerissen, und da drehte sie sich auch schon im wilden Tanz. Sie tanzte, tanzte mit der Angst und Qual im Herzen die verbotene Tarantella, um das Leben des Vaters zu retten. Der Sturm, der die Scheiben erklirren ließ, blies die Begleitung.

»Bravo – bravissimo!« Die Geldscheine flogen in den Teller, den Frau Lilli unter den begeisterten Zuschauern kreisen ließ. Im Umsehen war die Summe beisammen.

»Hier, Kind. Es sind mehr als hundert Lire. Aber erst abkühlen, so erhitzt kannst du unmöglich in das Unwetter hinaus«, sagte Frau Lilli besorgt.

Vergeblich. Mit atemlosem »grazie – grazie tante – Dank – vielen Dank!« war Carmelina schon zur Tür hinaus. Von der Kathedrale schlug es ein Uhr.

In die Drahtseilbahn, die gerade zum Hafen hinabging, setzte sie sich – sie hatte ja jetzt Geld, die Bergbahn zu bezahlen. Vielleicht fuhr der Vater nicht auf die Minute ab. Nur nicht zu spät kommen.

Unten in der Marina grande war eine Gruppe lebhaft gestikulierender Seeleute und Fischer am Strande versammelt. Sie sprachen laut und erregt, hielten Ferngläser ans Auge und wiesen hinaus in die schaurig heulend anbrandenden Wogen. Mehrere Frauen waren um eine am Strande niedergesunkene weibliche Gestalt bemüht.

»Carmelina – poverina – armes Kind!« schwirrte es der Herzutretenden entgegen. Da wußte sie, daß sie zu spät kam, daß der Vater hinausgefahren war in den Tod.

Der Mutter hatte es zu Hause keine Ruhe gelassen. Sie war zum Strande zurückgeeilt. Gerade zurecht war sie gekommen, um noch einen Abschiedsgruß des in den Meeresaufruhr Hinausrudernden zu erhalten.

Carmelina kauerte neben der Mutter nieder. Weinend streichelte sie ihr die Wangen, sprach beruhigende Trostworte, an die sie selbst nicht glaubte. Als nichts helfen wollte, als die Mutter unausgesetzt weiterjammerte, schüttete sie ihr das zu spät gekommene Geld in den Schoß.

»Nimm es weg, das Satansgeld, ich will es nicht sehen. Es ist das Kaufgeld für das Leben unseres Vaters!« rief die aufs höchste erregte Frau.

»Nein, Mutter, ich habe es verdient. Ich habe . . .« Da brach Carmelina jäh ab. Furchtbar kam es ihr plötzlich zum Bewußtsein, daß sie des Vaters Verbot nicht geachtet, daß sie die Tarantella getanzt hatte. Darum war sie zu spät gekommen, dafür wurde sie gestraft.

»Heilige Madonna, bitt für ihn!« murmelte die Mutter, ihren Rosenkranz betend, in das Rasen des Meeres hinein.

Da kniete auch Carmelina an dem nassen Strande nieder, blickte in die tiefjagenden Wolken und flehte zu dem, der allein Hilfe bringen konnte. Ach, nie, niemals mehr wollte sie die Tarantella tanzen, wenn der Vater unversehrt heimkehrte!

Da – ein Stückchen Himmelsblau in dem schwarzen Gewölk, ein winziges Streifchen nur, im Augenblick schon wieder von anstürmenden Wolkenungetümen verschlungen.

Neue Erregung scheint sich plötzlich der Gruppe der Fischer zu bemächtigen. Man weist in die Wolken. Man schüttelt den Kopf. Prüfend blickt man in das jagende Gewölk. Kein Zweifel – der Wind ist umgesprungen. Der von Süden anstürmende Schirokko scheint sich zu legen. Da – ein zweites Stückchen Himmelsblau, diesmal schon größer, ausdauernder. Irgendwo in dem grauen Wolkenvorhang wird es licht, immer lichter, immer heller – man ahnt die Sonne, die den Kampf mit den Wolkenriesen aufnimmt.

»Pietro kann noch nicht in der Grotte sein.« – »Dann ist er gerettet.« – »Die Brandung hat ihn längst verschlungen.« – »Das Boot ist bei dem Sturm sicher umgeschlagen.« Mit italienischer Lebhaftigkeit gehen die Reden hin und her.

Ein Hoffnungsschimmer – ein winziges Stückchen Himmelsblau in dem dräuenden Dunkel.

Bange Minuten verrinnen, reihen sich zu noch bangeren Stunden. Die Sonne ist Siegerin geblieben. In neu errungenem Glanz strahlt sie hernieder auf das sich glättende Meer, auf die zwischen Hoffnung und Zagen schwankenden Menschen an seinem Gestade. Boote sind ausgezogen, Kundschaft zu bringen.

Wieder vergeht eine lange, bange Zeit. Und plötzlich lauter Jubel – die mit Ferngläsern Bewaffneten schreien und winken. »Sie kommen, sie kommen!« – »Pietro ist gerettet!«

Carmelina ist neben der Mutter hingesunken. Das jähe, übergroße Glücksgefühl nach der furchtbaren Qual der Marterstunden hat das zarte Mädchen überwältigt. Man reibt ihr die Schläfen mit Wasser, man hält ihr feurigen Wein an die Lippen.

Sang – hellklingender Sang vom Meer her:

»O bella Napoli
O sol beato . . .
«

Ist das nicht . . .? Carmelina versucht die geschlossenen Augenlider zu öffnen. Und jetzt ein jubelndes:

»Santa Lucia, – santa Lucia.«

Das ist des Vaters Stimme! Die ruft Carmelina schneller als der Wein ins Bewußtsein zurück. Und da springt er auch schon auf den Landungssteg, da hält er Weib und Kind wieder in den Armen. –

Jahre sind vergangen. Das schmucke Häuschen mit dem blauen Majolikagesims an der Via Tiberio auf Capri gehört jetzt wieder Carmelinas Eltern und der Weinberg dazu. Und wenn ihr mal zur Zeit der Weinlese durch Capris Vignen wandert, aus denen Mädchenlachen, Singen und Jauchzen erklingt, die hellste, jubelndste Stimme gehört der jungen Carmelina – der »bella Carmelina«. Aber die Tarantella hat sie nie wieder getanzt.


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