Emma Uhland
Ludwig Uhlands Leben
Emma Uhland

 << zurück weiter >> 

VI. Thätigkeit in der Ständekammer, häusliches Leben und Ernennung zur Professur.

1820 – 1830.

Obgleich die Landstände bald nach Uhlands Hochzeit, am 20. Juni vertagt wurden, so mußte er, als in den Ausschuß gewählt, doch noch einige Wochen in Stuttgart bleiben, ehe er mit seiner jungen Frau eine Schweizerreise antreten konnte. Kurz vor der Reise wurde er durch den Besuch des Freiherrn Joseph von Laßberg, mit welchem er indessen nur Briefe gewechselt, erfreut. Laßberg hatte ihm nicht lange vorher den ersten Band seines Liedersaals zum Geschenk geschickt, was Uhland mit der gerade erschienenen zweiten Ausgabe seiner Gedichte erwiederte.

Laßbergs Bekanntschaft wurde für Uhland von großem Werth. Er gewann einen treuen, liebevollen Freund, der ihm die Benützung seiner großen Bibliothek, seiner seltenen Handschriften und Collectaneen mit größter Bereitwilligkeit, ja man darf sagen: mit Freuden gewährte. Uhland stand, so viele treue Freunde er auch in Stuttgart hatte, doch in Bezug auf seine Vorliebe für altdeutsche Studien ziemlich einsam; durch Laßberg, der mit den ausgezeichnetsten Männern vom Fache in beständigem Briefwechsel und Austausch stund, erfuhr er nun Vieles, was ihm von Wichtigkeit war. Dießmal dauerte der Aufenthalt Laßbergs in Stuttgart nur wenige Tage. Viele genußreiche Stunden hat Uhland später in Eppishausen und Meersburg bei dem edlen Freiherrn zugebracht.

Am 8. Juli konnte das neue Ehepaar die Reise antreten. Der größte Theil der deutschen Schweiz, das Thurgau, St. Gallen, dann über Kloster Einsiedeln und den Paß zwischen den Schwyzerhaken nach Schwyz und auf den Rigi, wurde zu Fuß durchzogen. Es machte Uhland Freude, seiner Frau die Schweiz zu zeigen, und ihr gab die Freude mehr Kräfte als sie sich zugetraut; Ihm zu Liebe, der am liebsten zu Fuß ging, wurden auch die größeren Touren über die beiden Scheidecken, dann durch das Emmenthal und Entlibuch gerne von ihr zu Fuß zurückgelegt. Die Unterhaltung mit den Landleuten hatte großen Reiz für Uhland. Er mochte sich dann gerne mit ihnen lagern und den mitgenommenen Proviant mit ihnen theilen; wenn auch für ihn selbst dann wenig überblieb, weil er den Andern zu große Theile gegeben hatte. Seitdem man die Schweizerthäler auf der Eisenbahn durchzieht und auf den schroffsten Höhen ein Hotel steht, fehlt doch auch mancher Reiz der Reise, weil man von dem Kern des Volks wenig mehr kennen lernt.

In St. Gallen in der reichen Stiftsbibliothek, dann in der Wasserkirche, der Züricher Bibliothek, wurde jedoch auch eingekehrt und die Schätze beaugenscheinigt.

Auf der Heimreise wurden die Eltern in Tübingen und der kürzlich erst nach Pfullingen versetzte Schwager Meyer besucht. Der glücklichen Reisezeit folgte nach der Heimkehr wieder die ständische Arbeit. Die Organisationscommission sollte während der Vertagung der Kammer ihre Anträge ausarbeiten und mit den königlichen Commissarien darüber berathen; so blieb Uhland für die Studien seiner Neigung nur wenig Zeit.

Er hatte eine Wohnung in der Kronenstraße, in der damals erst wenige Häuser stunden, bezogen. Sein Arbeitszimmer gieng in das Freie hinaus auf große Wiesen, an denen sich seine Augen ergötzten und Nachts freute er sich des großen Horizontes. Er hat es oft ausgesprochen, wie wohl es ihm thue, daß er dem Wirthshausleben, zu dem ihn seine Verhältnisse genöthigt hatten, entronnen sei. Auch daß er seine Eltern und die Freunde, die ihn so gastlich bei sich aufgenommen, nun auch bei sich sehen konnte, machte ihm viele Freude. In abendlichen Zusammenkünften mit Schott und Schwab nebst ihren Frauen wurde vorgelesen, die Nibelungen, der arme Heinrich und Anderes. Von eigener Poesie hat dieses Jahr nur eine Grabschrift auf eine junge Schwägerin aufzuweisen.

Der Landtag, der im December wieder zusammenkam, zog sich bis in den Sommer 1821 hinein, Uhland war in vielen Commissionen beschäftigt, doch konnte er die Monographie über Walther von der Vogelweide beendigen, welche am Schlusse dieses Jahres gedruckt wurde.

Die Hoffnung auf einen festen Rechtszustand, auf Grundlage der Verfassung, wurde durch manche Regierungsmaßregeln wie durch die Bundesbeschlüsse geschwächt. In der Verfassung war Preßfreiheit verheißen, aber daneben wurde die Censur wieder eingeführt. Ein Kammermitglied, Professor List, Abgeordneter von Reutlingen, wurde der Regierung mißfällig, weil er eine Petition auf Reform der Finanzen und der Justiz verfaßt hatte; er sollte in Anklagestand versetzt werden, wozu die Einwilligung der Kammer erforderlich war. Uhland trug als Referent der Commission darauf an, daß die Kammer weder den Ausschluß von der Kammer, noch seine zeitweilige Suspension zugeben solle. Aber auf einen Antrag der Minorität der Commission beschloß die Versammlung, daß List vorläufig auszutreten habe. Nach einer langen Untersuchung wurde er zu zehnmonatlicher Festungsstrafe verurtheilt.

Auf einen in späterer Zeit von List von Aarau aus an Uhland geschriebenen Brief antwortete dieser:

Uhland an Professor List in Aarau.

Stuttgart, 23. December 1823. »Hochzuverehrender Herr Professor! Sie haben mir das Vertrauen geschenkt, mir eine offene Protestation zu überschicken, die ich der Kammer der Abgeordneten mittheilen soll; ich erwiedere dieses Vertrauen mit Aufrichtigkeit. Das gegen Sie ergangene Straferkenntniß halte ich für ungerecht und ich scheue keinen Anlaß, dieses auszusprechen. Aber als Abgeordneter habe ich kein verfassungsmäßiges Mittel in Händen, Richtersprüche zu entkräften; stünde mir ein solches zu Gebot, ich würde es hier unaufgefordert anwenden. Ich kann daher die Vertretung jener Protestation bei der Kammer nicht übernehmen. Sie bedürfen eines besonderen Vertreters nicht und können, was Sie an die Kammer zu bringen für angemessen halten, an dieselbe unmittelbar einsenden. Gemäßigte Sprache würde ich für jeden Fall anrathen, sie ist dem Gekränkten oft schwer, aber bei Andern muß die Sache sprechen. Ob ich den Aufsatz Ihnen zurücksenden soll, hängt von Ihrer Bestimmung ab.

Mit größter Hochachtung und mit wahrer Theilnahme an dem Gange Ihres Schicksals

L. Uhland.«

Uhland athmete leicht auf, als gegen den Sommer hin der Landtag zu Ende gieng. Er wurde in den engeren Ausschuß gewählt, dessen Mitglieder eine feste Besoldung genoßen, er wäre aber den Arbeiten seiner Neigung dadurch gar zu viel entzogen worden und nahm deshalb diese Wahl nicht an, sondern ließ sich nur zum Eintritt in den weiteren Ausschuß, der nur periodisch einberufen wurde, bestimmen.

Im Juli 1821 trat er mit seiner Frau und mit ihren Verwandten, Hofkaplan Cleß und Frau, eine Rheinreise an. In Heidelberg wurden alte Freunde besucht und neue Bekanntschaften gemacht, unter welchen Uhland die von Professor Schlosser sehr werth war. Von Bingen aus bedienten sich unsere Reisende der Rheinjacht, von Dampfschiffen war noch keine Rede. Zwei junge Dänen, die auf Kosten ihrer Regierung Deutschland und Frankreich bereisten, um die Studienanstalten dieser Länder kennen zu lernen, schlossen sich zutraulich an die Reisenden an und befreundeten sich so sehr mit ihnen auf der zweitägigen Wasserreise, daß sie späterhin zweimal nach Stuttgart kamen und Wohnung bei den Reisegenossen nahmen. Damals hätte keines geahnt, daß sich eine solche Kluft zwischen Dänen und Deutschen aufthun werde! Auf dem Rückweg von Köln wurde Bonn besucht, wo die Reisenden sich vieler Freundlichkeit von Arndt und den beiden Professoren Welcker zu erfreuen hatten. Die letzte, sehr vergnügliche Reisestation für Uhlands war Weinsberg, wohin Kerner unlängst als Oberamtsarzt ernannt worden war. Wunderlich genug war das Wiedersehen der alten Freunde. Als Uhland in Kerners Wohnung trat, begegnete ihm dieser auf der Hausflur, mit einer umgebundenen Schürze und einer Spritze in der Hand. Auf Uhlands erstaunte Frage: was Kerner treibe? erklärte ihm dieser: er stelle Versuche mit Katzen an, die er mit der von ihm in sauer gewordenen Blutwürsten aufgefundenen Blausäure vergiftet habe. In der folgenden Nacht sollte Uhland noch mehr davon erfahren. Es erhub sich in der Nähe der im Parterre gelegenen Gaststube ein so klägliches Schreien und Lärmen, daß man hätte glauben können, die Geister, mit denen sich Kerner später so viel zu thun machte, seien schon in dem friedlichen Hause eingekehrt. Als Kerner am Morgen von den kläglichen Tönen hörte, fiel es ihm ein, daß er die Katzen in dem Vorkamine der Gaststube eingesperrt hatte.

So verschieden die Ansichten der beiden Freunde in der Politik waren, und so wenig Anklang Kerners Glaube an Geistererscheinungen und an Somnambulismus bei Uhland fand, so blieb doch die herzliche Freundschaft, die diese zwei Männer seit der Jugendzeit verband, durch diese Meinungsverschiedenheit unberührt. Die Poesie und die Ueberzeugung, daß es jeder mit seinen Mitmenschen gut meine, war das feste Band, das sie zusammenhielt.

Schon vor der Rheinreise hatte Uhland eine Wohnung in demselben Hause, ja auf demselben Boden mit seinem Freunde und Schwager Roser, bei dem er auch schon als unverheirathet mehrere Jahre gewohnt, bezogen. Da die Männer Jugendfreunde, die Frauen Schwestern waren, so bildete sich ein überaus behagliches Familienleben. Auch die Roser'schen Kinder gehörten wesentlich dazu, da Uhland viele Liebe zu Kindern hatte. Manchen Soldaten, manche Thiergruppe ließen sie sich von dem freundlichen Onkel malen, während die schon etwas größeren bald die Bilder der Heldensage und die Grimmschen Hausmärchen von ihm bei ihren Besuchen sich erbaten. Sonntags wurden größere Spaziergänge zusammen unternommen und einmal in der Woche besuchten die Männer das schon so lange bestehende Schattenkränzchen.

Wenn das Amt im ständischen Ausschuß Uhlands Thätigkeit nicht in Anspruch nahm, so vertiefte er sich mit Lust in die mittelalterlichen Studien, er faßte die Idee auf: eine Geschichte der Poesie des Mittelalters zu schreiben und sammelte eifrig den Stoff dazu. Während er sich in die Poesie der alten Zeit vertiefte, ruhte seine eigene, und nur ein Gedicht und wiederum ein Gelegenheitsgedicht auf den Geburtstag einer verehrten Familienmutter, der Regierungsrath Feuerlein, Großmutter seiner Frau, wurde in diesem Jahr geschaffen. Es soll hier folgen, da es nicht in die Gedichtsammlung aufgenommen ist, eine so edle Frau schildert und zugleich ein Ausdruck davon ist, wie er »das Irdische auf ein Höheres bezog.«

Zum Antritt des 75. Lebensjahres der besten Mutter.
Den 18. December 1821.

Wir wissens, Deine fromme Seele
Sie theilt sich zwischen dort und hier;
Wir alle fühlen was ihr fehle,
Was Du verlorst, verloren wir.

Die Theuern, die dahingeschieden,
Sie winken Dir zum schönern Land;
Doch viele blieben Dir hienieden
Und halten liebend Deine Hand.

Dir lächeln Viele heut entgegen,
Die kaum erst Deinen Werth verstehn:
O laß auch sie in Deinem Segen
Noch manches Jahr durch's Leben gehn!

Mag auch Dein Herz hinüberstreben,
O gönn uns Dich noch lange Zeit!
Denn flüchtig ist das längste Leben
Und endlos ist die Ewigkeit.

Und in der irdischen Beschwerde
Ist Eines doch, was göttlich flammt,
Was an den Himmel knüpft die Erde:
Die Liebe die vom Himmel stammt.

Das Jahr 1822 fand Uhland eifrig an den Studien der Poesie des Mittelalters. Sonst verfloß es ihm still. Da Briefe die Verhältnisse der Menschen anschaulich machen, so sollen hier einige folgen, die er an seine Frau schrieb.

Stuttgart, 9. Juli 1822.

Sehr erfreulich, liebe Emma! ist es mir, daß Du Dich so gut in Deinem einsamen Aufenthalt angewöhnt. Du hast die verflossenen Tage angenehmer zugebracht als ich, der ich drei volle Tage an Schnupfen und Kopfweh so zu leiden hatte, daß ich kaum hin und wieder etwas lesen konnte. Vermuthlich hab' ich mir's durch die häusliche Geschäftigkeit im Keller zugezogen; ich war damals gerade erhitzt vom Spaziergang zurückgekommen. Heute ist es zuerst besser und ich habe wieder das große Buch vorgenommen. Unter diesen Umständen weiß ich von wenig Schönem zu erzählen, nichts von Lindenblüthe, Vogelsang, klaren Strömen, Waldes schatten, Burggetrümmer. Den Tag über lag ich verdrießlich zu Haus, doch thut mir Abends der Spaziergang wohl. Zum Gastessen war ich nicht aufgelegt und blieb daher meist über Tisch zu Hause. Sonntag hatte ich Schwager Ferdinand zu Gast. Am Donnerstag ist der Geburtstag des lieben Vaters in Tübingen, weshalb ich morgen dahin schreiben werde.

An welchem Tage ich mich auf den Weg zu Dir begeben werde, bin ich noch nicht entschieden. Klettre mir nur nicht allzukühn und einsam in Burgen und Wäldern umher und laß Dich gut von den bellenden Hütern des Hauses bewachen, wenn es Nachts im Lindengange rauscht. Doch hoffe ich, daß sie mich verschonen werden. Gar sehr freue ich mich, mein liebes Weib wiederzusehen und gedenke auch nicht so ganz kurz in der ländlichen Stille zu verweilen.

Einstweilen herzliche Grüße!

Dein zärtlicher L.«


Stuttgart, 2S. Juli. »Liebste Emma!

Diesen Vormittag um 11 Uhr sind wir von unserer Reise wohlbehalten wieder hier angelangt. Sie ist zu unserer vollen Zufriedenheit abgelaufen, ob wir gleich nicht wenig vom Regen durchnäßt und von der Sonne verbrannt worden. In Neuenbürg schloß sich Pistorius an uns an; er nahm seine Droschke mit, auf der wir am Samstag Vormittag nach Herrenalb fuhren. Von da aus bestiegen wir die Teufelsmühle, einen der höchsten Punkte des Schwarzwaldgebirges. Im Vordergrunde das reizende Murgthal, im Hintergrunde unser geliebter Rhein fast von Straßburg bis unterhalb Speier und die weite Vogesenkette. Dort, Liebe, hättest Du bei mir stehen sollen, es war der großartigste und ergreifendste Anblick auf dieser Reise, die uns doch so manches Schöne dargeboten. Gerade vom Gebirg hinab giengen wir nach Gernsbach und erstiegen von dort aus noch das Ebersteinschlößchen, dessen Dir vermuthlich bekannte Aussicht wir in günstiger Abendbeleuchtung genossen. Am Sonntag reisten wir weiter nach Baden. Auf der Höhe ließen wir das Gefährt vorangehen und wendeten uns zu den Trümmern der Ebersteinsburg, die uns wieder eine herrliche Aussicht gewährte. Durch schöne Waldung gelangten wir zu dem alten Schlosse von Baden und kamen vor Tisch in Baden an. Der Wirthstisch im Salinen war überaus zahlreich besetzt, überhaupt war es an diesem Tag in Gasthöfen, Straßen und auf den Promenaden recht volkreich und lebendig. Abends machten wir einen Spaziergang nach Lichtenthal. Im Ganzen hat uns aber doch dieses Gewimmel nicht besonders zugesagt, es erinnerte mich an den Sonntag in Wiesbaden. Gerne setzten wir am folgenden Tag die Reise fort. In Gernsbach verließ uns Pistorius mit der Droschke, um über Loffenau zurückzukehren. Roser und ich reisten theils zu Fuß, theils auf einem Leiterwagen, mehrmals vom Regen eingeweicht, mitunter auch wieder durch Sonnenschein erfreut, durch das Murgthal nach Freudenstadt. Besonders in der Gegend von Reichenbach hat mich dieses Thal an Gegenden der Schweiz gemahnt, die wir zusammen durchwandert. Den folgenden Tag machten wir von Freudenstadt aus theils fahrend, theils gehend, einen Abstecher auf den Kniebis und in die Bäder von Griesbach und Nippoldsau. Spät Abends kamen wir nach Freudenstadt zurück. Gestern giengen wir dann zu Fuß über Nagold bis Sindlingen, wo uns Rofers Vater mit seiner Chaise erwartete und mit sich nach Herrenberg führte. Als ich an die Nagold kam, dachte ich wohin sie fliehe, und wäre gerne ihrem Laufe gefolgt. Heute fuhren wir bis Vaihingen und legten den übrigen Rest des Weges zu Fuß zurück.

Ich gedenke in den ersten Tagen der nächsten Woche wieder in Liebenzell zu sein, es zieht mich gewaltig dahin und ich freue mich gar sehr, noch einige Tage in dem grünen, stillen Thale mit Dir zu verleben. Auf baldiges Wiedersehen.

Innig Dein L.«


Der Aufstand der Griechen gegen die türkische Herrschaft führte in dieser Zeit in Stuttgart einen Verein herbei, um zu ihrer Befreiung mitzuwirken. Von diesem Verein wurde Uhland mit Albert Schott in den Ausschuß gewählt und nahm regen Antheil an den Verhandlungen und Aufrufen dieses Vereins. Der folgende Brief gibt davon Beweise.

Uhland an Heinrich Stieglitz.

Stuttgart, 23. August 1823.

»Sie haben, geehrtester Herr, durch die Zusendung der Gedichte zum Besten der Griechen mich sehr erfreut. Eine Reise und andere Abhaltungen müssen mich entschuldigen, daß ich Ihnen so spät erst meinen Dank ausdrücke. Zugleich erfülle ich die Pflicht, Ihnen im Namen des Vereins für Griechenland, auf welchen ich den empfangenen Wechsel von 48 Rthlr. übertragen, für diese schöne Gabe herzlich zu danken. Der Schein des Cassiers ist beigelegt. Noch immer liegt in der Schweiz der größere Theil der vielen Griechen, welche vorigen Winter von Odessa kommend im traurigsten Zustand hier angelangt sind. Der Eintritt in Frankreich wird ihnen nur unter sehr erschwerenden Bedingungen gestattet. Von zwei zu zwei Tagen werden je vier Männer eingelassen, und wenn sich auf diese Weise vierzig in Marseille gesammelt, so wird ein weiterer Durchzug nicht eher erlaubt, als bis jene vierzig eingeschifft sind. Die längere Verpflegung und die vereinzelte Ueberschiffung macht außerordentliche Kosten und die Schweizer Vereine haben schon sehr Bedeutendes aufgewendet, auch von hier aus wird nach Kräften mitgewirkt. Bei uns sind neuerlich wieder mehrere Nachzügler angekommen; mit vier derselben hat man den Versuch gemacht, sie über Rotterdam an den Londoner Verein und durch diesen in ihr Vaterland zu befördern. Weitere vierzehn werden einstweilen in hiesiger Gegend verpflegt, da auch die Schweiz keine mehr einläßt, bevor die dort befindlichen flott gemacht sind. Erfreulich ist es auch unter diesen Schwierigkeiten für Griechenland dasjenige wirken zu können, was ihm leicht das Nützlichste ist, die Zusendung seiner eigenen wehrhaften Söhne. Wenig erfreuend sind die Nachrichten von den nach Morea gezogenen Deutschen. Es scheint, daß Sitte, Lebensweise, Alles zu verschieden sei, als daß deutsche Krieger, zumal beim jetzigen noch wenig geordneten Stand der Dinge, dort festen Boden gewinnen könnten. Daher führt selbst die notdürftigste Unterstützung der Zurückkehrenden nicht unbeträchtliche Kosten herbei. Die neueste Rechnung des Vereines schließe ich hier an.

Die Gedichtsammlung, mit welcher Sie mich beschenkt, hat auf mich den wohlthuenden Eindruck eines auf das Naturgemäße und Dauernde gerichteten Bestrebens gemacht, im Gegensatz der in dieser Zeit vorherrschenden Künstelei und Gefallsucht, wodurch der Dichter gegen sich selbst eben so unredlich ist, als gegen Andere. An Ihren Griechenliedern hat sich mir es bestätigt, wie durch eine ernste und lebendig ergriffene Idee die schwankende Bildungskraft auf einmal bestimmt, gehoben und veredelt wird. Unter diesen Liedern selbst ziehe ich den längeren und allgemeiner gehaltenen diejenigen vor, worin eine bestimmte Situation erfaßt ist, und es scheint mir, daß dieser letztere Weg Ihrem Talent besonders zusagen müsse. Vielleicht bin ich deutlicher, wenn ich diejenigen bezeichne, die mich besonders angesprochen haben: der Beseeler, der Suliotenknabe, die Griechenbraut; der Griechenlehrling, den ich obenan stelle, der Lorbeerhain auf Sunium. Die Aenderungen, welche Sie mehreren Liedern beigeschrieben, sind Beweise, daß Sie auf reine Darstellung, auf einen Styl, der nur die Sache will, hinarbeiten.

Hochachtend

L. Uhland.«

Eine Reise zu Herrn von Laßberg und nach St. Gallen wurde im Sommer 1823 ausgeführt. Briefe Uhlands an seine Frau geben hierüber Bericht.

Uhland an seine Frau.

St. Gallen, 1. Juni 1823.

»Liebe Emma!

Meinen ersten Reisebericht schloß ich, als ich im Begriff war, zu Herrn von Ittner in Constanz zu gehen, um wegen Laßberg nachzufragen. Man sagte mir dort, daß Ittner schon seit einigen Tagen bei Laßberg in Eppishausen sei. Nachdem ich ein kleines Mittagsmahl zu mir genommen, machte ich mich gleichfalls auf den Weg dahin. Dieser führt von Kreuzlingen aus, dem ersten Ort über Constanz, zuerst meist durch Wälder, dann aber durch ein grünes, baumreiches Gelände mit vielen Weilern und einzelnen Häusern, im Hintergrunde das Appenzeller Gebirg. Wie man aus dem Walde tritt, sieht man in einiger Entfernung das Schloß Eppishausen auf einem Hügel liegen. Es ist ein großes, wohlgebautes Haus mit mehreren Wirthschaftsgebäuden; in früheren Zeiten stand hier eine Burg, später ließ das Kloster Muri im Aargau, welches hier viele Einkünfte hatte, jenes schloßartige Gebäude errichten und setzte einen Statthalter darein. Von Herrn von Laßberg wurde ich freundlich empfangen, ich fand bei ihm außer Ittner noch einige Besuche aus Constanz und der Nachbarschaft, von denen aber die meisten gegen Abend zurückgingen. Es sind nach Constanz zwei und eine halbe Stunde. Bei Laßberg blieben nur Ittner und von Seethal. Ittner, ein bejahrter Mann, jedoch heiter und lebhaft, hat im Aeußern große Aehnlichkeit mit Conz, jedoch ist er, bei herzlichem Benehmen, gewandter und beweglicher. Seethal scheint Geschäfte für Laßberg zu besorgen, er ist auf Heiligenberg zu Hause. Am späten Abend kam auch noch ein Sohn Laßbergs, Lieutenant in bayrischen Diensten, mit seinem Rittmeister, dessen Namen ich nicht recht hörte. Sie liegen zu Augsburg in Garnison und waren bei Lindau über den See gefahren. Der folgende Tag gieng meist damit hin, daß mir Laßberg seine literarischen Schätze zeigte. Doch wurden auch Morgens und Abends kleine Spaziergänge gemacht. Die Aussicht von diesem Landsitz ist trefflich. Vor sich hat man ein weites hüglichtes Land: Wiesen, Felder, herrliche Obstbäume, dazwischen kleine Tannen- und Laubwälder, eine große Menge von kleinen Ortschaften, zerstreuten Höfen, Landsitzen. Am Fuße des Hügels das Dorf Eppishausen, nicht viele Häuser, aber wie alles in der Gegend das Gepräge der Wohlhabenheit und Reinlichkeit tragend. Vom obern Stocke des Hauses sieht man den Bodensee mit dem jenseitigen Gebirge; die Waldburg, Tettnang u.s.w. erkennt man ganz deutlich durch den Tubus. Ersteigt man eine Anhöhe hinter dem Hause, zu welcher ein schattiger Waldweg gemächlich hinanführt, so kömmt man zu einem Weinberg, vor dessen Häuschen stehend man auch die Appenzeller Schneeberge erblickt.

Gestern früh führte Laßberg den Rittmeister und mich hierher nach St. Gallen, drei Stunden von Eppishausen. Wir brachten mehrere Stunden bei den Alterthümern der Bibliothek zu. Neuerlich ist auch eine ägyptische Mumie dahin gestiftet worden. Ich quartierte mich wieder im Hecht ein. Nach Tisch fuhren die Beiden nach Eppishausen zurück, ich blieb hier und benützte den Abend zu einem Spaziergang nach der schönen Kräzerbrücke über die Sitter, eine Stunde von hier, und nachher noch auf den Freudenberg, wo ich mich eines herrlichen Sonnenuntergangs erfreute. Im Buche fand ich unsere Namen vom 10. Juli 1820. Lebhaft erinnerte ich mich jenes schönen Tages, an dem wir den Mittag in Arbon, das ich vor mir sah, und den Abend auf diesem Freudenberge zugebracht haben, und so viel Schönes erwartete uns noch auf unserer Reise! Unter den neuern Inschriften des Buches gefiel mir folgende am besten:

»Heute, den 26. April 1823 bin ich Martin Rott, Bockwirth von Mühlhausen im Elsaß, hier auf dem Freudenberg gewesen und alles sehr genau beobachtet, damit ich denen Meinigen zu Haus Alles deutlich erklären könnte.«

Heute habe ich den ganzen Vormittag auf der Bibliothek zugebracht und werde jetzt den Nachmittag wieder dort zubringen. Morgen Vormittag werde ich noch hier zu thun haben und dann vermuthlich noch eine Strecke weiter gehen, über Vögliseck etc. in das Rheinthal, nach Bregenz, Lindau wieder nach Eppishausen und Constanz. Hier im Gasthof begrüßte mich der Oberkellner sogleich als Bekannter; er hat mir ehemals in der Sonne zu Stuttgart oft meine Nahrung gebracht.

Man erzählt hier, daß die Gesandten der heiligen Allianz von Stuttgart abgereist seien. Glück auf den Weg!

Ich schließe, um mich wieder in die alten Handschriften zu vertiefen. Ob ich gleich alle Ursache habe, mit meiner Reise zufrieden zu sein, so ist sie mir doch nicht so herzerfreuend, wie die vor drei Jahren. Ich weiß aber auch, wer mir fehlt. Lebewohl!

Dein L.«


Constanz, Montag, 16. Juni 1823.

»Liebstes, bestes Weib!

Gestern Abend bin ich auf der Rückreise wieder hier eingetroffen. Da ich seit St. Gallen meist in abgelegenen Gegenden mich befand, so konnte ich diese Zeit über meinem Eifer im Briefschreiben nicht so Genüge leisten, wie früher. Den Dienstag und Mittwoch brachte ich in St. Gallen auf der Bibliothek zu; es waren Regentage, in denen ich kaum Abends ein wenig um und durch die Stadt gehen konnte. Doch war es mir lieb, daß der Regen gerade auf Tage gefallen war, die ich ohnehin in den Klostermauern verlebte. Am Donnerstag setzte ich beim schönsten Sonnenschein meinen Stab weiter; ich gieng über Vögliseck, Speicher, Trogen in das Rheinthal hinunter nach Altstetten und von da thalabwärts bis Rheineck, unweit des Einflusses vom Rhein in den Bodensee. Der Gang durch das grüne Appenzell, im Anblick des Schneegebirges, war höchst vergnüglich; der Uebergang in das Rheinthal, gewährt herrliche, überraschende Aussicht, wovon Du Dir von der Fahrt auf den Stoß her einen Begriff wirst machen können. Im Rheinthal gehört mir besonders die Aussicht bei einem Ort, den man zur Aue nennt, zu den Bildern, die unerlöschlich in meiner Erinnerung sind. Der breite, volle, rasche Strom, der hier dem Weg nur geringen Raum übrig läßt, eine baumreiche Insel und im Umkreis die Tyroler, Vorarlberger, Appenzeller Schneegebirge. Das Thal war durch die Heuernte belebt. Ein kurzer Gewitterregen machte einen schönen Regenbogen an den Bergen hin. Gegen Abend aber kam ein sehr heftiger, anhaltender Regen, der in mehreren Gegenden des Thurgaues als Hagel großen Schaden gethan hat. Da das Wetter wieder schlecht und die Berge völlig verhüllt waren, so bestimmte mich dieses, nicht nach Bregenz und Lindau abzuschweifen, sondern meine Reise am folgenden Morgen, nachdem ich noch einen lichten Blick von der zerstörten Burg Rheineck gehabt, über Rorschach und Arbon nach Eppishausen fortzusetzen, wohin mich ohnedieß der Hauptzweck meiner Reise zurückrief. In Arbon war ich zuerst noch beim Sonnenschein und dann bei heftigem Regen im wohlbekannten Gartenhäuschen; vergeblich suchte ich unsere Namen in der Fensterscheibe; der Hagel hat sie noch im nämlichen Sommer zerschlagen. – In Eppishausen brachte ich nun die weitere Zeit sehr angenehm zu und fuhr gestern Abend mit Staatsrath von Ittner hierher. Er will mich heute auf die Reichenau führen, von da ich dann nach Radolfzell überzusetzen gedenke. Dann geht die Reise, wenn es das Wetter gestattet, über Hohentwiel, Sigmaringen, Ebingen nach Tübingen, wo ich am Donnerstag oder Freitag eintreffen werde. Auf den Tag hin läßt es sich bei gegenwärtiger Witterung nicht bestimmen. Würd' ich meine Frau dort finden, wie innig würd' es mich erfreuen! Muß ich mich aber bis Stuttgart gedulden, so bitt' ich, wenn es noch Zeit ist, mir nach Tübingen ein Hemd und Strümpfe zu schicken.

Nun auf frohes Wiedersehn tausendmal gegrüßt von

Deinem

L.«


Uhland an Freiherrn von Laßberg.

»Hochwohlgeborner, hochzuverehrender Herr Baron!

Nur zu sehr fühle ich, wie der Schein des Undanks auf mir lastet, indem ich für all' die Güte, der ich mich bei meinem Aufenthalt in Eppishausen zu erfreuen hatte, so spät erst meinen innigen Dank ausspreche.

Die Erinnerung an jene Tage, die mir durch Ihr gastfreundliches Wohlwollen so angenehm geworden, hab' ich gleichwohl in treuem Herzen bewahrt. – Sogleich bei meiner Ankunft zu Hause empfieng mich ein Auftrag, der den Gegenständen, die mich auf der Reise beschäftigt hatten, sehr fremdartig war. Die Rechtsvertheidigung eines wegen Todtschlags Angeschuldigten war mir übertragen und nahm mich für geraume Zeit gänzlich in Anspruch.

Ich habe Ihnen wohl schon früher gesagt, daß ich eine Darstellung der deutschen Dichtkunst im Zeitalter der Hohenstaufen auszuarbeiten vorhabe. Sie wird in mehrere Abschnitte zerfallen, deren jeder für sich ein kleineres Ganzes bilden soll. Mit dem Abschnitt über den Minnesang, der mir einer der schwierigsten schien, hab' ich die Ausarbeitung begonnen. Diesen Abschnitt hoffte ich im vergangenen Sommer zu beendigen, und es wäre mir nun überaus wünschenswerth gewesen, ihn Ihrer Prüfung unterstellen zu können. Allein eben jene Störung, wie so manche andere, verzögerten den Fortgang der Arbeit; doch trachte ich sehr, solche noch vor Einbruch des Winters zu Ende zu bringen, da mich dieser durch die bevorstehende Einberufung unserer Ständeversammlung den literarischen Beschäftigungen fast gänzlich entziehen wird. Darf ich auch so lange noch die mir gütig anvertraute Abschrift des Heidelberger Codex sammt den Manessischen Bildern in Händen behalten, so wird dieses meinen Studien sehr zu statten kommen. Die Vergleichung jener Handschrift mit der Weingarter und der Manessischen ist in mehrfacher Beziehung ersprießlich. Dem Abschnitt über den Minnesang soll zunächst derjenige über die einheimische Heldensage folgen.

Conz, den ich bei meinem Besuch in Tübingen gesprochen, ist durch meine Erzählung sehr lüstern geworden, das schöne Eppishausen zu besuchen. Doch hat er diesen Sommer eine Badreise gemacht und will darum diesen Herbst zu Hause bleiben.

Angelegentlichst bitte ich Sie, mich den verehrten Männern, die ich bei Ihnen habe kennen lernen, zu empfehlen. An Herrn von Ittner, der mir so vieles Wohlwollen erzeigt, schreibe ich besonders.

Mit dankbarer Verehrung beharre ich Euer Hochwohlgeboren gehorsamster Diener

Ludwig Uhland.«

Stuttgart, 2. October 1823.


Uhland an Staatsrath von Ittner zu Constanz.

»Verehrtester Herr Staatsrath!

Schüchtern ergreife ich die Feder, indem ich nach mannigfachen Störungen erst jetzt für so viele Beweise des Wohlwollens danke, die mir, dem vorher Unbekannten, auf meiner Bodenseereise von Ihnen geworden sind. Die Tage in Eppishausen und der Abschiedstag auf der Reichenau stehen mir in unerlöschlichem Andenken. Von dem Felsen Hohentwiel sah ich noch einmal auf den See, die Inseln und die alte Bischofsstadt dankbar zurück.

Ich denke mir, Sie werden sich jetzt wieder nach Eppishausen aufmachen, um vor Einbruch des Winters noch einmal erfrischende Landluft einzuathmen; ich stelle mir vor, wie Sie in dem Weinberge, an dem damals die Hagelwolke drohend, aber unschädlich vorüberzog, mitten unter dem Getümmel der Winzer ein Theokritisches Idyll oder eine Horazische Ode aufschlagen.

Sei es mir gestattet, Ihnen, dem erklärten Freunde Venusinischen Gesangs, die anliegende Arbeit eines meiner Freunde, des hiesigen Professors Schwab, der als Dichter rühmlich bekannt ist, zu übergeben. Noch bitte ich, den Herrn v. Baier und Rosenlächler mich in freundliche Erinnerung zu bringen.

Von ganzem Herzen wünsche ich, daß gesellige Heiterkeit und die Muse, die das Leben verschönt, noch lange Ihre Tage umschweben möge.

Bleibt mir entfernt nicht Ihr!
Denn was, wenn die Chariten fehlen,
Ist noch Holdes dem Menschen!
O stets bei den Chariten sei ich!

Ihr

gehorsamster Diener

Ludwig Uhland.«

Stuttgart, 2. October 1823.

Baron von Laßberg an Uhland.

Eppishausen, 11. October 1823.

»Lieber Herr!

Ich möchte lieber sagen Freund! wenn ich hoffen dürfte, diesen Namen bei Ihnen zu verdienen: jeder andere, den Sie mir geben können, ist mir höchst gleichgültig, und nach diesem werde ich streben, so lange Sie mir erlauben, von mir und meinem Treiben und Thun Ihnen Nachricht zu geben.

Ihr Schreiben vom 2ten dieses hab' ich erst heute erhalten. Daß Sie die Erinnerung an die kurzen Stunden, die Sie der Villa Epponis und ihrem Einsiedler geschenkt, in Ihrem Herzen bewahren wollen, hat mich innig gerührt und, so weit mich noch Etwas freuen kann, herzlich gefreut. Es schien mir, als ob irgend eine mir unbekannte Ursache Sie zurückgehalten habe, sich ganz zu erschließen; daß diese meine Ansicht nicht die einzige gewesen ist, mögen Sie aus folgenden Worten meines Freundes Ittner, die ich heute mit Ihrem Briefe erhalte, schließen: »Diese Woche erhielt ich von dem Dichter Uhlandus, dem wir kein Lächeln ablocken konnten, die lateinischen Oden von Gustav Schwab, die er unter dem fetten König Agag an die Landstände dichtete, fast alle in alkaischem Versmaße. Sie sind von verschiedenem Werthe, doch meistentheils gut und strotzen von Vaterlandsliebe und freisinnigen Gedanken, wie sie die Könige nicht gerne hören. Das Beste dabei aber sind die herrlichen deutschen Uebersetzungen von Uhland, die das Original bei Weitem übertreffen und die verschlossenen Ideen hell und deutlich an's Tageslicht ziehen.«Herr v. Ittner hatte die Uebersetzung für das Original gehalten.

Nun zur Beantwortung Ihres Briefes! Von Ihrem Vorhaben, eine Darstellung der deutschen Poesie im Zeitalter der Hohenstaufen zu geben, haben Sie mir weder im Allgemeinen, noch in Bezug auf die Abtheilungen etwas gesagt, allein als ich Ihren Walther von der Vogelweide gelesen hatte, war mir schon klar, daß in dieser Zeit nur Sie, oder sonst Niemand, diese Arbeit mit Glück und Geschick unternehmen und vollführen können. Daß Sie solche meiner Prüfung unterstellen möchten, sehe ich für eine bloße Höflichkeit an, denn Sie verstehen das in jeder Beziehung besser als ich; und wenn ich je Etwas war und konnte, so hat die Trauer nun zu viel Gewalt über mich gewonnen, als daß ich mir noch schmeicheln dürfte, etwas Gutes und Großes in meinem Sinne zu leisten.

Non sum qualis eram, sub bonae regno Cynarae!

Gleichviel, wenn nur das Gute geschieht, durch wen es geschehe!

Nicht nur die Abschrift des palatinischen Codex Nr. CCCLVII und die Zeichnungen aus der Manessischen Handschrift, sondern mein ganzer literarischer Apparat stehen Ihnen zu jeder Zeit und auf so lange Zeit als Sie ihn nutzen wollen zu Diensten. Wozu hätte ich ihn sonst erworben?

Möchte ich im Stande sein, Ihnen recht viele Dienste zu leisten und Ihnen zu zeigen, wie sehr ich einen Mann ehre und liebe, der seinem Vaterlande theuer sein muß, hätte er auch kein anderes Verdienst um dasselbe, als daß er so oft gezeigt hat, wie theuer ihm das Vaterland ist.

Die Vergleichung der Manessischen Ausgabe mit der Weingarter Handschrift muß Ihnen unzweifelhaft wichtige Resultate gewähren. Ich glaube, daß der Weingarter Codex dem sogenannten Manessischen zur Grundlage gedient hat; daß letztere für den Bischof Heinrich (von Klingenberg) von Constanz geschrieben worden sei, ist mir beinahe mehr als wahrscheinlich. – –

Leben Sie recht wohl und vergnügt mit Ihrer liebenswürdigen ehelichen Wirthin und gedenken Sie zuweilen

Ihres

Sie aufrichtig verehrenden

J. v. Laßberg.«

In seinem Brief an Laßberg erwähnt Uhland, daß er eine Criminaldefension, die ihm vom Gerichte aufgetragen worden, zu Hause angetroffen. Obgleich er keine Processe mehr übernahm, so mochte er doch die Erklärung beim Ministerium nicht abgeben, daß er von der Advokatur zurücktrete, weil er vermuthete, daß es seinen Vater betrüben könnte. So nahm er eben diesem zu lieb die Last auf sich, wenn die Reihe der Armenprocesse an ihn kam. Mehreremal kam es vor, daß, wenn er von einer wissenschaftlichen Reise zurückkam und nun sich freute, an die Arbeit zu gehen, er solche Aufträge auf seinem Tische fand.

Uhland an Freiherrn von Laßberg.

»Verehrtester Freund!

Wenn ich so spät erst das Schreiben erwiedere, wodurch Sie mir diesen Namen gestatten, und wenn ich so lange im Besitz Ihrer gütigen Mittheilungen geblieben bin, so wird mir zu einiger Entschuldigung gereichen, daß ich nun seit mehr als sieben Monaten durch landständische Verhandlungen Demjenigen, wohin mich die Neigung trägt, fast gänzlich entfremdet bin.

Doch kann ich den Sonntag, den ich im vorigen Sommer zu Eppishausen so angenehm zugebracht, nicht ohne einige Zeilen dankbarer Erinnerung vorübergehen lassen.

Die Abschrift der Pfälzer Liederhandschrift, die ich mit innigem Dank zurücksende, hat mich in meinen Studien mannigfach gefördert. Wenn gleich im Ganzen nachläßig und gedankenlos geschrieben, giebt dieser Codex doch eine Menge neuer Lesarten und berichtigt an vielen Stellen den gestörten Rhythmus; vorzüglich aber hat er manche werthvolle Lieder, die in der Manessischen Sammlung fehlen, der Vergessenheit entrissen. Die Zeichnungen aus der Manessischen Handschrift sind in mehrfacher Beziehung erläuternd. Manche stammen offenbar aus älteren Handschriften her, namentlich aus der Weingarter. Das Bild Ulrich von Lichtensteins ist ohne Zweifel, sammt den Liedern, aus einer Handschrift des Frauendiensts entnommen, Königin Venus erhebt sich aus dem Meer zu Mestre. Mehrere mögen nach alten Siegeln, welche die Ritter in voller Wappnung darstellen, gezeichnet sein. Die Wappen zeigen, zu welchen von verschiedenen Geschlechtern des gleichen Namens man in so naher Zeit den Sänger gezählt hat; manche sind aber wohl auch in Ermanglung festeren Anhalts nach den Namen aus der Phantasie gemalt. Sehr erfreulich ist die Entdeckung des Gabriel von Montevel. Auch diese Hegäuburg tritt nun in den Glanz der Poesie. Neuerlich hat ein Herr Heinrich Schreiber in der Bibliothek des protestantischen Seminars zu Straßburg die Handschrift einer älteren Alexandreis als Rudolphs gefunden und davon in der Zeitschrift Charis Proben gegeben. Solche Stücke aus dem 12. Jahrhundert, mit unvollkommenen Reimen, wie der alte Tristan u. s. w. scheinen mir, wenn gleich einem ganz anderen Kreise angehörend, über das Alter des Nibelungenlieds mehreres Licht verbreiten zu können.

Mit Sehnsucht sehe ich der Zeit entgegen, die mir gestatten wird, der alten vaterländischen Dichtkunst wieder einige Muße zu widmen. Das Nächste wird dann wohl sein, daß ich den Aufsatz über den Minnesang, wovon ich Ihnen schon früher gemeldet, in's Reine bringe.

Mit aufrichtiger Verehrung und Freundschaft der Ihrige.

Ludwig Uhland.«

Stuttgart, 13. Juni 1824.

Nach dem anstrengenden Landtag war eine Erholung für Uhland Bedürfniß; er reiste deßhalb mit seiner Frau und einer jüngeren Schwägerin durch das Breisgau nach Basel, dann durch das Münsterthal auf den Weißenstein und über Bern, Vevay, Genf in das Chamounithal. Von dort wurde der Weg über den Col de Balme in das Wallis genommen, das Leuker Bad besucht und über Thun, Bern und Luzern der Rigi wieder besucht, dessen volle Schönheit aber auch diesesmal die Wanderer nicht genießen konnten, weil das Wetter ungünstig war.

Gegen das Ende des Jahres verheerten ungeheure Regengüsse, die eine große Ueberschwemmung herbeiführten, einen Theil des württembergischen Landes. Die Brücken wurden weggerissen, die Häuser von Wasser unterwühlt, das Viehfutter weggeschwemmt, in den Mühlwerken, die Schaden gelitten, konnte nicht gemahlen werden. Deßhalb vereinigte sich Uhland mit andern Männern, sie ließen einen Aufruf zu Beiträgen zur Linderung der Noth ergehen.

Ihre gute Absicht wurde mit über alle Erwartung reichem Erfolg belohnt und sie dadurch in die Lage gesetzt, den Nothleidenden wirksame Hülfe bringen zu können. Uhland und sein Schwager, Kaufmann Neeff, reisten im schlechtesten November-Wetter in den am meisten betroffenen Ortschaften herum, um nach Besprechung mit den Orts- und Oberamtsvorständen Linderung für die erste Noth zu bringen und zum Wiederaufbau der zerstörten Häuser Mittel beizusteuern. Er führte die Verzeichnisse mit großer Pünktlichkeit selbst, während er im eigenen Hauswesen sich ganz gerne von der Frau helfen ließ. So hat er auch einmal, als er in der Finanzcommission war, einen bedeutenden Rechenfehler gefunden, während die Rechenkunst doch gar nicht zu seiner Begabung gehörte. Er konnte aber nichts halb thun, alles schlotterige, unpünktliche Wesen war ihm zuwider. In seinen Briefen, ja selbst in seinen Manuscripten ist selten etwas ausgestrichen.

Uhland an Freiherrn von Laßberg.

Stuttgart, 16. April 1825.

»Verehrtester Herr und Freund!

Für das Geschenk, das Sie mir mit dem 2. Band des Liedersaales gemacht, sage ich erst jetzt meinen herzlichen Dank, nachdem es mir auf abermalige lange Unterbrechung wieder vergönnt ist, zu den altdeutschen Studien zurückzukehren und dabei auch dieser schönen Gabe mich zu erfreuen. Besonders wichtig ist mir auch das reichhaltige Vorwort. Möge das Buch, das sich über Heinrich von Klingenberg schreiben ließe, nicht ungeschrieben bleiben!

Aber die Zueignung dieses zweiten Bandes erweckt wehmüthige Erinnerung an den Biedermann, von dem es nun erst recht heißt:

mich mwet harte sere
das ir so verre sint!

In vorigem Spätjahr hatte ich mich viel mit Wolfram von Eschenbach beschäftigt, auch Einiges niedergeschrieben; aber statt der erwarteten altfranzösischen Handschriften von Bern, welche mir zu gründlicher Behandlung dieses Dichters unentbehrlich schienen, kam die Antwort, daß solche nicht abgegeben werden. Dieses nöthigte mich, den ganzen Abschnitt zurückzulegen, und ich habe mich jetzt zu der deutschen Heldensage gewendet.

Eine neue Ausgabe der Manessischen Handschrift zu bearbeiten, möchte, wenn auch kein Hinderniß obwaltete, mein grammatisches Talent kaum ausreichen. Mich freut es, wenn nur endlich das ganze Material dieser reichen Liedersammlung zu Tage kömmt. Davon aber hat mich die Vergleichung der hiesigen Weingarter Handschrift überzeugt, daß man die älteren Minnesänger aus dem Manessischen Codex nicht in ächter Gestalt kennen lernt. – Lachmanns Bekanntschaft habe ich hier gemacht. Von ihm ist gewiß Bedeutendes für Sprache, Prosodie, Kritik zu erwarten. Ein anderer eifriger Freund des deutschen Alterthums, Maßmann, war an Ostern hier, als ich mich gerade in Tübingen befand. Er ließ mir die Anzeige seiner beabsichtigten Ausgabe der Kaiserchronik zurück, die ich für den Fall, daß sie Ihnen noch nicht bekannt wäre, hier beilege. Er reist dieses verdienstlichen Unternehmens wegen noch nach München und Straßburg, und wird auf dem Rückweg wieder hier eintreffen.

Eine weitere Ankündigung altsassischer Sprachdenkmale von Scheller erregt große Erwartungen. Zu verwundern ist nur, daß mit einer spätern Uebersetzung der Anfang gemacht wird.

Der Frühling, für den Sie uns einen Besuch hoffen ließen, ist nun angebrochen. Ich darf nicht erst versichern, wie ungemein es mich erfreuen würde, Sie recht bald unter meinem Dache zu begrüßen. Auch Conz, den ich vor wenigen Tagen gesprochen, ist zu treffen und freut sich Ihrer Ankunft.

Mit aufrichtiger Verehrung

Ihr

L. Uhland.«

Stuttgart, 26. September 1825.

»Verehrter Herr und Freund!

Mein lieber Freund, Professor Schwab, der im Begriff ist, eine Reise an den Bodensee anzutreten, hat mich um einige Zeilen der Empfehlung an Sie ersucht. Seine vor zwei Jahren erschienene Beschreibung der schwäbischen Alb, worin er mit der historisch-topographischen Darstellung die poetische Auffassung der Natur und Sagenwelt zu verbinden gesucht, ist Ihnen vielleicht bekannt. In gleichem Sinne unternimmt er jetzt den Bodensee und das Rheinthal zu beschreiben, und macht sich auf den Weg, um Alles wiederholt in's Auge zu fassen. Die Aufgabe ist interessanter, aber auch schwieriger als die frühere. Durch Studien und Berufsgeschäfte bisher vorzüglich dem griechischen und römischen Alterthum zugewendet (wiewohl er auch den Waltharius manufortis im Nibelungenmaaße verdeutscht hat), ist ihm sehr angelegen, für das neue Unternehmen Rath und Beistand ortskundiger und in der mittleren Zeit einheimischer Männer zu gewinnen. Zu Erfüllung dieses Wunsches glaubte ich durch nichts so sehr behülflich sein zu können, als indem ich mir gestatte, sein Vorhaben Ihrer wohlwollenden Aufmerksamkeit zu empfehlen.

Für die gütige Zusendung vom 3ten Bande des Liedersaals hole ich meinen wärmsten Dank noch nach, aber nur mit Aerger kann ich daran denken, daß die Mittheilung der Weingarter Handschrift für die Fortsetzung des Werkes verweigert worden. Die Consequenzen wegen eines Ablehnens nach anderer Seite mögen der Grund davon sein.

Wäre mir nur ein brauchbarer Abschreiber für solchen Zweck bekannt, mit Vergnügen würde ich eine sorgfältige Vergleichung der Urschrift für den Liedersaal vornehmen. Oder würde mir nur der Codex auf ein halb Jahr in's Haus gegeben, würde ich wohl nach und nach damit fertig, besonders wenn etwa der schon gedruckte Gott Amur wegbleiben könnte. Ihrem freundlichen Andenken mich angelegentlichst empfehlend mit unwandelbarer Verehrung

Ludwig Uhland.«

Laßberg an Uhland.

Heiligenberg, 25. Mai 1826.

»Verehrtester Freund!

Meinen besten und innigsten Dank für das große Opfer, das Sie mir mit Verwendung Ihrer kostbaren Zeit auf Abschreibung des Weingarter Codex bringen. Wann und wie werde ich im Stande sein, diesen Freundschaftsdienst zu erwiedern? Doch, Ihnen bleibe ich gerne ein Schuldner.

Herr Professor Schwab hat mir von Zeit zu Zeit von dem Fortgang dieser Arbeit Kunde gegeben und mir Hoffnung gemacht, sie bis Ende dieses Monats beendigt zu sehen; dann wollte ich zu Ihnen kommen, Sie besuchen und die Vergleichung mit der Urschrift vornehmen. Ein gestern erhaltenes Schreiben des Herrn Professors thut keine Erwähnung von dem Weingarter Codex; ich schließe daraus, daß ich noch nicht kommen soll, und erwarte vorher noch weitere Nachricht von ihm oder Ihnen.

Ich freue mich, Sie nach so langer Zeit wieder einmal zu sehen und zu sprechen; dann wollen wir die Theotisca leben lassen, in welcher doch noch hie und da etwas gethan wird; so muß Ihnen z. B. Lachmanns Ausgabe vom ältern Münchner Codex des Nibelungen-Liedes gefallen haben, da sie uns die älteste Ueberlieferung desselben so treu als möglich giebt.

Ich sende Ihnen hier: Die treue Maid von Bodman; sie soll mich bei Ihnen und Ihrer ehelichen Wirthin anmelden.

Es ist mancher weniger schöne Stoff in der neueren Zeit zur Romanze verwendet worden: möchte er Sie, mein Freund, zu einem guten schwäbischen Lied anregen!

Leben Sie wohl und schreiben Sie mir bald, daß dem Weingarter apographum das Explicit feliciter ist beigesetzt worden.

J. v. Laßberg.«

Vollendet zu Constanz am 4. Juli 1826.

Es war Sulpiz Boisserée gelungen, die obenerwähnte Weingarter Handschrift von der königlichen Privatbibliothek zu erhalten; er besorgte für Laßberg das Abzeichnen der Bilder und gab sie dann Uhland in's Haus, welcher mit Schwab zusammen die Abschrift des Textes besorgte. Im August kam dann Laßberg, um die Texte zu vergleichen, zu Uhland, dem es eine große Freude war, den liebenswürdigen Mann unter seinem Dach beherbergen zu dürfen und längere Zeit seines Umgangs genießen zu können. In einem Briefe Laßbergs an Uhland, den Laßberg von Sigmaringen, wo er bei seinem ältesten Sohne einkehrte, schrieb, fährt er, nachdem er seine Reise bis dahin erzählt, also weiter fort: »Da haben Sie, mein Freund, den getreuen Bericht meiner kurzen, eben nicht ereignißreichen Reise, auf der ich so oft an Sie und Ihre liebe eheliche Wirthin gedacht habe und an die Liebe und Freundschaft, die ich empfing, nie ohne Empfindung herzlichen Dankes für den stillen Frieden, den ich bei Ihnen genoß. Sonderbar, daß auch auf dieser kurzen Fahrt das Glück mich wieder in meinen Forschungen begünstigte und ich in dem Hause des Bischofs v. Evara die Heimath eines schweizerischen Sängergeschlechtes entdecken mußte, wie Sie aus der Beilage ersehen werden. Ich denke in ein paar Tagen die Ufer des Bodensees wieder zu sehen und von der Villa Epponis aus Ihnen weitere Nachricht zu geben. Indessen tausend herzliche Grüße an die wackere Frau Emma und den biedern Suabo, dem ich nochmals, sowie Ihnen, theurer Freund, für die große Hilfe an dem Codex Weingartensis innig danke. Die Ihrigen, ich meine Herrn Roser und seine schöne Frau, auch den lieblichen kleinen Gustav Roser, bitte ich von mir vielmal zu grüßen; kann ich Ihrem Herrn Schwager in der Umgebung des Bodensees oder in der Schweiz entomologische Aufträge besorgen, so werde ich es mit eben so viel Pünktlichkeit als Vergnügen thun. Bitten Sie Schwab in meinem Namen auch an seine Frau einen schönen Gruß auszurichten. An sein Buch werde ich am ersten Tage meiner Zuhausekunft Hand anlegen und es ihm bald möglichst zurücksenden. Vale et me amare perge.

Lassbergius.

Explicit am 6. September 1826.

Schon am Schlusse des Jahres 1825 schreibt Uhland in einem Briefe an seinen Vater, wie folgt:

»Heute war Weisser bei mir und sagte mir, sein Bruder sei gestern von Tübingen zurückgekommen und habe den Auftrag von Ferdinand Gmelin, mich zu fragen, ob ich die Wahl zum Abgeordneten wieder annehmen würde? Ich weiß nicht, ob Gmelin von dortigen Bürgern veranlaßt ist, sich zu erkundigen. Bisher hatte ich keinen Anlaß, meine Entschließung zu äußern, weil mich Niemand gefragt hat. Aber es ist mein überlegter Entschluß, dießmal keine Wahl anzunehmen. Indem ich die sieben unruhigen Jahre durch ausgehalten habe, glaube ich meine Bürgerpflicht in dieser Hinsicht erfüllt zu haben. Auf noch einmal sechs Jahre mich von jedem andern Beruf und Bestimmung auszuschließen, kann nicht von mir verlangt werden, abgesehen davon, daß mir auch sonst die Lust und Liebe fehlt, die vor allem zu einem solchen Wirkungskreise erforderlich ist. Wenn etwa der liebe Vater gefragt wird, so bitte ich ihn, den Fragenden meinen bestimmten Entschluß zu sagen; dasselbe wird auch Weisser in Beziehung auf Gmelins Anfrage heute an Onkel Doktor schreiben. Ich wünschte nicht, daß Jemand vergeblich seine Stimme mir gäbe, oder gar eine vergebliche Wahl vorgenommen würde, indem ich sie ablehnen würde.

Schlayer wäre wohl sehr geeignet, für eine der Abgeordnetenstellen von Stadt oder Amt Tübingen gewählt zu werden; ob er es wünscht oder annehmen würde, ist mir jedoch unbekannt.

Emma hat eine große Wäsche. Daher nur ihre herzlichen Grüße mit denen

Ihres gehorsamen Sohnes

L.«

Stuttgart, 2. December 1825.

Ein Stammbuchblatt für Albert Schott, in Uhlands Gedichtsammlung mit der Aufschrift: »In ein Stammbuch« aufgenommen, zeigt, wie dieser Brief, daß die Hoffnung, Gutes und Ersprießliches für sein Heimathland in der Ständekammer wirken zu können, durch die Zeit sehr geschmälert wurde. Noch im Jahre 1860, als er nach Schotts Tode für seinen Nekrolog um einige Data angegangen wurde, sprach er es aus, indem er in seiner Antwort sagte: »Ein Irrthum ist, daß ich mit Schott aus der Kammer getreten sei; ich verblieb in derselben, wenn auch freudlos, bis zum Schluß der sechsjährigen Wahlperiode.«

Im häuslichen Kreise und unter Freunden behielt er aber guten Muth und trug durch seinen Humor oft sogar wesentlich zur Erheiterung der Gesellschaft bei. Zum Belege soll hier ein Brief folgen, der von Verkleidungen spricht.


Uhland an seine Frau.

Stuttgart, 1. Februar 1826.

»Liebes Weib!

Wie ist es Dir denn bei der grimmigen Kälte gegangen? Wir haben uns zwar unbehaglich, aber sonst wohl befunden. Auch der kleine Neffe Gustav ist wieder gesund. Gerade als ich zu schreiben anfing, kam er mit Ludwig und gab mir einen Gruß an Dich auf.

Meine Absicht war, Dir gestern schon zu schreiben, aber Vormittags war Sitzung und Nachmittags Gastmahl beim Herrn Fürstpräsidenten. Da hatte ich denn erstaunlich mit meiner Toilette zu schaffen. Du hättest sehen sollen, wie ich einige Stunden lang alle Kisten und Kästen, Schubladen und Fächer durchwühlt und umgekehrt habe, um die mancherlei Stücke meiner Amtsmaskerade zusammenzusuchen, und doch habe ich noch entlehnen müssen.

Und wie steht es denn mit unserer Maskerade? Bist Du fleißig an meiner Flüeler Tracht gewesen und hast Du für Dich eine hübsche Carikatur aufgefunden?

Jetzt sind fast täglich Ausschußsitzungen. Zu Hause habe ich noch wenig gegessen. Mit Karl die Reise zu machen, wäre ich schon Amtshalber verhindert gewesen, und Du wirst, rathe ich, auch die forcirte Rückreise nicht mitmachen.

Nun grüße die Calwer bestens, sage Bruder Gustav meine herzlichsten Wünsche zum Geburtstag und kehre wohleingepackt zurück in die Arme

Deines harrenden

L.«

Uhlands waren damals Theilnehmer eines sogenannten Kränzchens. Die Mitglieder unterhielten sich häufig durch Aufführung von Charaden oder durch Darstellung Schiller'scher und anderer Balladen. Zu humoristischen Rollen, oder auch zu von ihm humoristisch aufgefaßten, ließ sich Uhland gerne bereit finden und ergötzte oft die Gesellschaft durch seine heitern Einfälle, die so ungesucht und anspruchslos angebracht wurden.

Auf den Wunsch der Mutter des schon lange Jahre geisteskranken Dichters Hölderlin besorgte Uhland mit Freund Schwab die Herausgabe seiner Gedichte. Ein Brief Uhlands an Varnhagen, der ihn zur Theilnahme an einer neuen Literaturzeitung aufforderte und eine Recension von Hölderlins Gedichten ihm zu schreiben vorschlug, gibt von dieser Arbeit nähere Kunde.

Uhland an Varnhagen.

»Lieber Freund!

Deine Zeilen vom 26. December 1826 traf ich bei meiner Zurückkunft von einer kleinen Reise. Seit einigen Wochen bin ich der Beschäftigung bei den Landständen entbunden und muß nun vor allem mein Bestreben darauf richten, eine längst angefangene, aber vielfach gehemmte Arbeit im Fache der Geschichte der deutschen Poesie einmal zu Ende zu führen. In meinen Beruf zur Kritik im voraus mißtrauisch, vermag ich für jetzt wenigstens Deiner freundlichen Aufforderung nicht zu folgen; obgleich ich das Bedürfniß einer kritischen Zeitschrift von regerem Geiste als die bisher vorhandenen, vollkommen einsehe.

Was Hölderlins Gedichte insbesondere betrifft, so ist Dir vielleicht nicht unbekannt, daß die in Berlin veranstaltete, dann durch Kerners Hand gegangene Sammlung, von Professor Schwab und mir aus Druckschriften und aus den uns von dem Stiefbruder des unglücklichen Dichters mitgetheilten Papieren, deren Durchsicht mit manchen Schwierigkeiten verbunden war, nach Kräften ergänzt worden ist. Aus der Lava dieser Handschrift haben wir namentlich das Bruchstück des Empedokles ausgegraben. An den Druckfehlern sind wir unschuldig, wir hatten uns zur Revision angeboten; nachdem aber die Handschrift lange liegen geblieben, kam uns plötzlich der größere Theil des Buches, zu Augsburg gedruckt, vor Augen; nur durch ein langes Verzeichniß der Druckfehler, was einige Cartons veranlaßte, konnte ich, soweit es ohne das Manuscript möglich war, noch nachhelfen. Bei jener Beschäftigung mit den trefflichen Gedichten kam zwischen uns manches zur Sprache. Ich denke, daß die Ansicht, in der wir übereinstimmten, bereits in einem Aufsatz ausgesprochen sein wird, den Schwab in das literarische Conversationsblatt eingeschickt hat, obgleich ich diesen Aufsatz nicht selbst vorher gelesen habe.

Kerner hat sich in Weinsberg recht angenehm mit Haus und Garten angebaut, ein alter Thurm im Garten ist zum romantischen Studirzimmer und zum Ueberblick der schönen Gegend eingerichtet; oft sieht man von seiner Zinne papierne Drachen hoch in die Lüfte steigen. Auch mir geht es gut und ich habe mir jetzt wieder freiere Thätigkeit eröffnet.

Deines literarischen Werkes freue ich mich von Herzen.

Dir, und wer sich sonst meiner erinnert, die besten Grüße

der Deinige

L.«

Auszug aus einem Briefe Lachmanns.

Professor Karl Lachmann aus Berlin bat um diese Zeit Uhland um seine Abschrift des Weingarter Codex. »Sie wissen ja, daß ich lange zu Walther von der Vogelweide vorgearbeitet habe, mir fehlt nur noch diese Handschrift.« Mit Freuden schickt ihm Uhland die begehrte und am 15. Juni 1827 erhält er dann von Lachmann dieselbe zurück. Dieser schreibt dazu: »Jetzt endlich kommt Walther zu seinem Herrn zurück: ich meine nicht nur Ihre Abschrift, sondern die Lieder, die erst durch Sie uns andern recht eingeleuchtet haben und mich zu den Anmerkungen gespornt, wenn diese anders etwas Gutes enthalten. Was meine Kritik betrifft, so ist mein höchster Wunsch, Sie mögen finden, daß einige Lieder sich jetzt erst in ihrer ganzen Schönheit zeigen, und zugeben, daß so wenig auch Abdrücke von Handschriften zu tadeln sind, doch wenn dem Dichter kein Unrecht geschehen soll, auch eine eigentlich kritische Behandlung nöthig ist.«

Den Monat Juli 1827 benützte Uhland zu einer Reise mit seiner Frau nach München, Salzburg, in das Salzkammergut, Berchtesgaden, Innsbruck, Botzen, Meran, dann über Vorarlberg an den Bodensee und nach Eppishausen zu Laßberg. In München wurden die Kunstschätze mit dem angenehmsten Geleitsmann, Sulpiz Boisserée, mit großem Interesse gesehen; Uhland fühlte sich besonders auch durch die Landschaften von Ruysdael angezogen. Von größerem Werthe waren für ihn aber doch vielleicht noch die Schätze der Bibliothek und die werthvolle Bekanntschaft von Docen und von Schmeller, den er zum erstenmale sah und der ihm ein so theurer Freund wurde. Auch werthe frühere Bekannte, Professor Mahmann und Hofrath Schorn, traf er in München wieder. Salzburg und das an großartiger Natur so reiche Tyrol sprach Uhland sehr an. Von Innsbruck aus wurde natürlich auch die Ambraser Sammlung besucht. Das Wiedersehen von Laßberg machte zu der schönen Reise einen erwünschten Schluß.

Gegen das Ende des Jahres 1826 wurde Uhland durch Professor Diez von Bonn mit seinem Werke über die Poesie der Troubadours beschenkt, mit einer sehr herzlichen Anerkennung seiner wissenschaftlichen Leistungen. Uhland schreibt hierauf:

»Verehrter Herr Professor!

Sie haben mir mit Ihrem Werke über die Poesie der Troubadours ein so erfreulich überraschendes Geschenk gemacht, daß ich mir sehr vorwerfen muß. Ihnen meinen herzlichen Dank nicht früher ausgedrückt zu haben. Dieses Werk, dem die verdiente Anerkennung gewiß nicht fehlen wird, konnte wohl doch Niemand erwünschter erscheinen als mir, der ich mit der verwandten Poesie der deutschen Minnesänger seit einiger Zeit mich näher beschäftigt hatte. Dabei kommt mir nun dasselbe mit unentbehrlichen Untersuchungen über den provençalischen Minnesang entgegen, welche weit vollständiger sind und mir einen sichereren Anhalt gewähren als diejenigen, welche ich selbst anzustellen im Fall gewesen wäre. Hierüber aber hätte ich mich ausführlicher mit Ihnen zu unterhalten gewünscht als mir bisher möglich war, und ich erspare es auch besser, bis ich Ihnen meine Ansicht über die deutschen Minnelieder einmal im Zusammenhang werde vorlegen können, wobei Sie jedoch nicht gerade erhebliche Entdeckungen zu erwarten haben.

So sehr ich Raynouards Leistungen dankbar erkenne, so hat es mir doch patriotische Befriedigung gewährt, zu erkennen, wie die Betrachtung des Gegenstandes durch das deutsche Werk an Tiefe, Schärfe und Uebersicht gewonnen hat. Fauriels geschichtliche Darstellung ist mir noch nicht zugekommen.

Mögen Sie doch bald den zweiten Theil mit dem Leben der Sänger und, wie ich hoffe, mit zahlreichen Uebertragungen charakteristischer Lieder nachfolgen lassen, wodurch das geschichtlich poetische Leben jener Zeit zur volleren Anschauung gebracht werden wird.

Bei Abfassung des Buches war Ihnen eine provençalische Handschrift noch nicht bekannt, welche sich in der Bibliothek des Fürsten von Wallerstein befindet, von der Sie aber vielleicht wohl seitdem erfahren haben; das epische Gedicht von Fierabras, dessen einstiges? Vorhandensein in altfranzösischer Sprache mir längst unzweifelhaft war. Ob dasselbe ursprünglich provençalisch abgefaßt war, ist noch zu untersuchen, da es in dieser Sprache ziemlich vereinzelt dasteht, während es nordfranzösisch in einen vollständigen Cyklus einträte, in welchem es bisher vermißt wurde. Die Alexandrinerform und der epische Styl sind dieselben, wie in den nordfranzösischen Chansons de Geste. Uebrigens wäre die Bekanntschaft mit diesem Gedicht für Ihr Werk mehr nur der literarischen Seltenheit wegen von Interesse gewesen, da der Nerv der provençalischen Dichtung doch im Lyrischen liegt. Der Anfang, woraus zugleich der nordfranzösische Ursprung sich bestätigen möchte, lautet so: – – Sie erwähnen zweier altfranzösischer Gedichte, wovon ich einst Nachricht gegeben. Von allen Quellen entfernt, habe ich die altfranzösischen Studien seither bei Seite liegen lassen. Sollte Ihnen die Kenntniß dieser Stücke von Interesse sein, so würde mir es Freude machen, Ihnen solche zu jedem Gebrauche mitzutheilen. Wie sehr wäre überhaupt zu wünschen, daß Ihre Bemühungen auch auf die Poesie der Nordfranzosen, welche gerade in ihrem besten und ergiebigsten Felde, dem epischen Kreise und dem romantischen Rittergedicht, noch so gänzlich vernachlässigt ist, sich erstrecken möchte. Allerdings wäre hier noch ein unübersehbarer Stoff zu behandeln und ein längerer Aufenthalt in Paris wohl unerläßlich; aber welch ein Schatz neuer Entdeckungen und wichtiger Aufschlüsse für die Geschichte der gesammten Poesie der neuen Völker müßte dem muthigen Forscher lohnen! Mit der aufrichtigsten Hochachtung

der Ihrige

L. Uhland.«

Stuttgart, 12. Mai 1827.

Der alte Freund Uhlands, Baron Lamotte Fouqué, hatte einen jungen Norddeutschen, Herrn Halling, der seine Studien in Tübingen fortsetzen wollte, an Uhland empfohlen. Sein Interesse für die altdeutschen Dichtwerke erfreute Uhland, und da er beabsichtigte, das »glückhafte Schiff« von Fischart herauszugeben, so war ihm Uhland gerne behülflich. Die Osiander'sche Buchhandlung in Tübingen wollte die Herausgabe übernehmen, wenn Uhland ein Vorwort dazu gebe. Da arbeitete Uhland den Aufsatz über die Freischießen aus und dieser wurde dem Werke vorgedruckt.

Es erfreute Uhland sehr, wenn sich jüngere, strebsame Leute, wie Studenten der Hochschule, vertrauensvoll an ihn anschlossen, und er war gerne im Verkehr mit ihnen, theilte ihnen auch gerne von dem mit, was ihn selbst beschäftigte; so gewann er manchen jungen Freund, der ihm ein Freund durch das ganze Leben blieb. So machte er auch die Bekanntschaft Adolph Schölls von Brünn, später Hofrath in Weimar, der im Jahre 1828 längere Zeit in seinem Hause ein willkommener Gast war. Mit ihm zusammen machte er eine Reise nach Nürnberg, wo sich dann ihre Wege schieden. Von dort aus schrieb er an seine Frau:

Nürnberg, 23. October 1828.

»Liebes Weib!

Indem ich Dir von meiner Ankunft in Nürnberg Kunde gebe, bin ich bereits nahe daran, den Wanderstab zur Rückreise zu ergreifen. Die zwei Tage, die ich in Nürnberg zugebracht (denn gestern waren wir in Erlangen), ließen wenig zum Schreiben kommen. Es gibt hier so mancherlei zu betrachten, daß ich das Gesehene, meiner bekannten Gabe der Kürze unerachtet, nicht in einen Brief zu fassen wüßte, und daher alles mündlich beschreiben werde. Und mehr noch als alles Einzelne ist mir der Eindruck des Ganzen, den ich erst noch in mir selbst verarbeiten muß.

Von Roth und Andern, auch in Erlangen, wurde ich auf das Freundlichste aufgenommen und der Himmel hat eine in dieser Jahreszeit unerwartete Freundlichkeit bewiesen.

Ich dachte darauf, morgen Nachmittag noch eine Strecke des Rückwegs abzumachen, zweifle nun aber, ob ich noch dazu kommen werde. Heute kam ich von Morgen 8 Uhr bis Abends 8 Uhr nicht in meine Herberge zurück, bin aber doch noch für morgen mit Manchem im Rückstand. Dagegen wird mich Wallerstein nicht lange festhalten, indem die Kunstsachen schon von dort weggebracht sein sollen. Ich hoffe daher, zur besprochenen Zeit einzutreffen und werde mich vom Anfang bis zum Ende des Remsthals nach lieber Begegnung umsehen. Allen herzliche Grüße, die innigsten aber Dir selbst

von Deinem L.«

Auf dem Heimweg von Nürnberg, den Uhland größtentheils zu Fuß zurücklegte, machte er einen Umweg zu dem Dorfe Eschenbach, wo Wolfram von Eschenbach begraben liegt; es konnte ihm aber nur die Stelle bezeichnet werden, wo sein Grabstein gewesen sei. Es war ihm immer von Werth, sich die Gegend zu besehen, an der irgend eine Sage haftet, oder wo ein ausgezeichneter Mensch gelebt hat. Er sagte, es werde ihm durch die Landschaft und die Lage eines Ortes die Sage oder die Persönlichkeit und die Werke viel gegenwärtiger und klarer. Manchem seiner Gedichte ist es auch wohl anzufühlen, daß er ein klares Bild vor seinem geistigen Auge gehabt, als er zur Ausführung schritt. So zum Beispiel bei Tells Tod. So oft er an den Vierwaldstädter See kam, so ging er auch nach Altdorf und in das Schächenthal hinauf. Wo es einen Drachenfelsen gibt, nicht nur am Siebengebirg, auch bei Dürkheim an der Hardt und in der Schweiz im Canton Unterwalden, ließ er sich Zeit und Mühe nicht dauern, der Platz mußte besichtigt werden. Auch im vorgerückten Alter noch bestieg er auf Reisen meistens den Kirchthurm, sobald die Gegend irgend anziehend war.

Ueber die Absichten, die er in dieser Zeit für sein künftiges Leben hatte, gibt ein Concept eines Briefes, der an Professor Ferdinand Gmelin in Tübingen gerichtet war, uns Auskunft.

Uhland an Professor Gmelin.

Stuttgart, 20. Februar 1829.

»Verehrtester Herr Professor!

Die Absicht, selbst nach Tübingen zu kommen und, ich darf es wohl sagen, die sorgfältige Ueberlegung Ihres Vorschlags hat meine Antwort auf Ihr verbindliches Schreiben verzögert. Das Unternehmen, wovon Sie mir Nachricht geben, ist mir zu achtbar, um nicht meine größte Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen, und doch sehe ich nicht ab, wie ich im Stande wäre, mich demselben wirksam anzuschließen. Als Redakteur voranzustehen, würde mir in keinem Fall geziemt haben, aber auch zu einer thätigen Theilnahme als Mitarbeiter finde ich mich dermal nicht in den Stand gesetzt. Erlauben Sie mir, hier über etwas weiter auszuholen.

Nachdem ich sieben Jahre lang bei der ständischen Arbeit ausgeharrt und in dieser Zeit den Beschäftigungen meiner Neigung und meines innern Berufs mich großentheils entzogen hatte, war es mir klar geworden, daß wenn ich in letzteren nach meinen Kräften noch irgend etwas Tüchtiges leisten wollte, es durchaus nothwendig wäre, von den erstern zurückzutreten. Dabei war aber nicht meine Absicht, mich einsiedlerisch einzuspinnen, sondern ich gab meinen Studien die bestimmte Richtung auf eine akademische Thätigkeit, wofür ich immer Vorliebe gehegt und wozu mir das Vertrauen, mit dem sich mir häufig jüngere Männer näherten, einigen Aufruf zu geben schien. Es ist Ihnen wohl bekannt, daß man mich auf meine, von dem Senate unterstützte Meldung und in diesem vorzüglich auch durch Ihr Wohlwollen, seit mehr als anderthalb Jahren in einer keineswegs aufmunternden Ungewißheit gelassen hat. Je weniger mir hier zu Lande nun äußere Förderung wird, um so nöthiger ist es mir, mich für die Zwecke, die ich nicht aufgebe, innerlich gesammelt zu halten und durch keine neue, verschiedenartige Wirksamkeit davon abzulenken. Ich bin aber auch hier außer allen Verbindungen, welche mir von den Betrieben der neueren Gesetzgebung und Verwaltung eine genaue Kenntniß verschaffen könnten. In Erörterungen ruhig abhandelnder Art, wie sie einem Journal anstehen, war ich ohnehin niemals geübt und meine landständische Kriegskunst bestand immer nur darin, einer Sache den Anstoß zu geben, das von Andern Vorbereitete durchzufechten, Aug in Auge mit dem Gegner etwas kurz abzumachen.

Sollte ich gleichwohl durch irgend einen Gegenstand aus dem Gebiete der bezweckten Zeitschrift mich nicht bloß (was zuweilen der Fall ist) heftig aufgeregt, sondern auch durch specielle Kenntniß der Behandlung desselben gewachsen fühlen, so würde ich meine Ansichten nirgends lieber niederlegen als in einem Verein so geschätzter, wohldenkender Männer. Entschuldigen Sie, daß ich so Vieles von mir gesprochen; aber ich glaubte die Rechenschaft, die ich Ihren gütigen Gesinnungen schuldig war, nicht anders als aus meiner Persönlichkeit geben zu können. Mit der aufrichtigsten Verehrung

Ihr ergebenster

L. U.«

Die Regierung zeigte wenig Lust, den freisinnigen Abgeordneten in den Staatsdienst zu berufen; als nun aber der Senat in seinem Jahresbericht in einem Monitorium nochmals auf die Besetzung der vakanten Lehrstelle der deutschen Literatur antrug und Uhland neben Schwab wieder in Vorschlag brachte, wurde er am Schlusse des Jahres 1829 zum außerordentlichen Professor ernannt; vielleicht nur, weil von einer Berufung nach Bayern die Rede war.

Zu der Geschichte der deutschen Poesie im Mittelalter wünschte Uhland eine Handschrift der Berner Bibliothek zu benützen; da es nicht möglich war, dieselbe nach Stuttgart zu bekommen, so ließ der treue Freund Laßberg dieselbe für sich nach Eppishausen kommen und Uhland konnte sie dann bei ihm benützen und zugleich Laßbergs erweckenden Umgang genießen.

Uhland an seine Frau.

Eppishausen, 5. Juli 1829.

»Hier, liebste Emma, die Nachricht von meiner glücklichen Ankunft jenseits des Bodensees, dem Du so wenig Gutes zutrauen wolltest. Erst heute kann von hier ein Brief auf die Post gegeben werden. – Auf dem Postwagen traf ich den Maler Dieterich und einen Handlungsreisenden. Es schien mich am meisten zu fördern, zumal das Wetter sich zweifelhaft anließ, wenn ich mit dem Wagen weiter bis Ehingen fuhr, wo derselbe um sieben Uhr ankam. Dieterich, der zu einer Arbeit in diese Gegend berufen war, entschloß sich, mich am folgenden Tag bis Biberach, seiner Vaterstadt, zu Fuße zu begleiten, was mir recht angenehm war. Nachdem ich dort Gaab besucht, auch bei einem Antiquar nach alten Sachen gestöbert, war es Mittag geworden. Ich nahm ein Fuhrwerk bis Waldsee und ging dann zu Fuße noch bis Ravensburg. Auf diesem Wege habe ich viel an unsere frühere Reise gedacht. Ich mußte meine Schritte beflügeln, um noch auf der bekannten Höhe die Sonne untergehen zu sehen. Von Ravensburg ging ich über Weingarten, wo ich die große Kirche besuchte, auf die Waldburg. Es ist ein schöner, fast schweizerischer Weg über zerstreute Weiler, grüne Wiesen und durch kleine Tannenwälder, in denen noch lange das harmonische Glockengeläute von Weingarten (es war der Tag, wo Maria über das Gebirge ging), wie aus der verlorenen Kirche wiederhallte. Vom Altan auf dem Dache der alten Burg genoß ich der weiten Aussicht, das Gebirg erfreute mich, wenn es auch nicht ganz entschleiert war, den Säntis sah ich mit seinem beschneiten Haupte hell vor mir. Auf dem Wege von der Waldburg nach Tettnang überfiel mich ein starker Regen, der den Leuten, die überall in der Heuernte begriffen waren, sehr ungelegen kam und an diesem Tag kein gutes Zeichen ist, indem nun unbeständiges Wetter folgen soll, bis Maria wieder zurückkommt. In Friedrichshafen kam ich bei guter Zeit an und hatte noch eine schöne Abendbeleuchtung am See. Morgens acht Uhr fuhr das Dampfschiff nach Rorschach, das Wetter war trüb, und ehe man landete, fiel Regen ein. In Rorschach nahm ich daher einen Einspänner, der mich gegen zwei Uhr nach Eppishausen brachte. Herr von Laßberg nahm mich sehr freundlich auf, hatte mich aber noch nicht erwartet und die Handschrift von Bern war auch nicht da. Aber noch am nämlichen Abend traf sie ein und ich habe gestern schon fleißig daran gearbeitet, so daß ich gar nicht zum Hause hinauskam. Es ist freilich ein gewaltiges Stück Pergament, und ich werde in der Zeit nicht kürzer wegkommen als ich bei der Abreise angenommen hatte; auch wird doch manche Stunde von Gespräch über unsere gemeinschaftlichen Beschäftigungen hingenommen. Ich wohne in einem der Zimmer des oberen Stocks mit der schönen Aussicht in das grüne Land, eben höre ich den sonntäglichen Gesang von der Kirche im Thal. Wohl wäre es schön, wenn Du jetzt mit mir am offenen Fenster ständest; aber wenn ich dann wieder über der alten Handschrift säße, da hättest Du doch wenig Kurzweil. Wie freue ich mich auf das Wiedersehen in Tübingen, wohin ich an des Vaters Geburtstag schreiben werde. Lebe gesund und vergnügt und liebend eingedenk Deines

L.«

Einem Briefe von Laßberg an Uhland vom 28. November 1829 ist Folgendes entnommen:

»Nun aber, lieber Freund, zürnen Sie mir nicht, wenn ich auch einmal nach dem Fortgang Ihres Werkes über die deutsche Heldensage und den Minnesang frage. Während Ihres Hierseins, ich gestehe es, erwartete ich hierüber einige Mittheilung; denn ich wußte, daß Sie schon Andern einige Abtheilungen daraus vorgelesen hatten: allein Sie schwiegen, und so getraute ich mich nicht davon anzuheben; nun aber, da man allgemein weiß, daß Ihr Buch schon so weit vorgerückt ist und selbst aus dem Norden hierüber Anfragen an mich geschehen sind, wage ich es, mich zu erkundigen, ob wir nicht bald etwas von Ihrer Arbeit zu sehen bekommen? Sie haben mit Ihrem Walther von der Vogelweide alles auf dies noch nicht bearbeitete Feld unserer Literatur aufmerksam gemacht; aber nicht nur auf dieses, sondern ebenso sehr auf Sie selbst, da man nun sah, was Sie hierin im Stande sind zu leisten. Ich, dem Ihr literarischer Ruhm nicht weniger am Herzen liegt als mich Ihr bürgerlicher erfreut, bin also wohl zu entschuldigen, wenn Ihnen meine Anfrage auch etwas zudringlich vorkommen sollte: wäre das, so sehen Sie solches als nicht geschehen an.

Des biedern Schwab und seiner geistreichen Frau Besuch hat mich über die Maßen erfreut, und ich habe um so größeren Genuß davon gehabt, als das abscheulichste Wetter uns alle die Tage ihres Hierseins in die Stube zusammengesperrt hat. Dies klingt zwar eigennützig; aber ich hoffe, meine lieben Gastfreunde sind überzeugt, daß ich mit nicht weniger Freude mit ihnen in dem alten Sängerlande herumgefahren wäre, wenn es der Jupiter pluvius erlaubt hätte.

In Ihrem nächsten Briefe hoffe ich zu erfahren, ob ich Ihnen zum Professor oder zum Bibliothekar Glück wünschen soll. Eines und das andere wäre mir lieb, lieber das erstere; aber secundum leges baiuvariorum vivere, möchte ich meinen guten lieben Uhland nicht gerne sehen.

Leben Sie wohl und grüßen Sie aufs Herzlichste die wackere Frau Emma von

Ihrem I. Laßberg.«

Hätte Laßberg während Uhlands Besuch nur getrost nach seiner Arbeit gefragt, er hätte ihm gewiß gerne davon berichtet. Er hatte aber eine fast unüberwindliche Schüchternheit, selbst von seinen Arbeiten anzufangen, während ihm doch die Mittheilung gegen einen Freund so wohl that. Schwabs zutrauliches, zur Mittheilung Muth machendes Wesen wirkte deßhalb so günstig auf Uhland ein. Recht gerne las er Schwab oder Mayer oder einem andern Freund von seinen poetischen oder prosaischen Arbeiten vor, wenn er Interesse dafür voraussetzen konnte, aber ohne Aufforderung wäre er schwer dazu gekommen. Die Studien und Vorarbeiten zur Heldensage und zum Minnelied, zum Theil zum Drucke bereit, wurden nun, da er zum Professor ernannt war, zu Vorlesungen umgearbeitet und sind dann von ihm nicht mehr im Drucke veröffentlicht worden. In die vierte Auflage der Gedichte, die in diesem Jahr erschienen war, kamen die Lieder: »Frühlingstrost,« »Künftiger Frühling,« dann »Auf Wilhelm Hauffs frühes Hinscheiden,« »Die Ulme Zu Hirschau« und: »Auf eine Tänzerin.«

Der Winter von 1829 – 30, der letzte seines beständigen Wohnens in Stuttgart, weckte die Lust zum Dichten neu in Uhland auf. Sei es, daß die Befreiung von ständischen Arbeiten, oder sein Schaffen in dem Felde seiner Neigung dazu beitrug. Im Laufe des Winters entstanden: »Der Mohn,« »Bertran de Born,« »Der Waller,« »Ver sacrum,« »Münstersage,« »Merlin der Wilde« (an Karl Mayer), »Der Graf von Greyers« und »Tells Tod.«

Als der Frühling anbrach, im April, erfolgte die Uebersiedlung nach Tübingen. Wohl schmerzte es ihn, werthe Verwandte und liebe Freunde, unter diesen besonders Schwabs, verlassen zu müssen; aber in Tübingen warteten sein theure Eltern und ein längst ersehnter, seinen Talenten und Studien gemäßer Beruf.

Als er an dem Reisetag an das Ende der Stuttgarter Markung kam, fand er seine Stuttgarter Freunde und manche Kampfgenossen aus der Ständeversammlung, die ihm Glück auf die Reise wünschten und einen Lorbeerkranz übergaben. Er nahm herzlichen Abschied Von den Freunden, aber den Lorbeerkranz hing er im nächsten Walde an eine Eiche auf, mit der Bemerkung gegen seine Frau: »Ich kann doch nicht mit einem Lorbeerkranz in Tübingen ankommen!« und mit dem Scherze: »Wie wird der nächste Wanderer sich wundern, daß diese Eiche Lorbeerblätter trägt.«


 << zurück weiter >>