Mark Twain
Tom der kleine Detektiv
Mark Twain

 << zurück weiter >> 

Siebentes Kapitel

Benny machte ein sehr ernstes Gesicht und seufzte auch hin und wieder; aber bald fing sie an sich nach Toms Geschwistern Mary und Sid zu erkundigen und besonders nach Tante Polly. Allmählich erheiterte sich auch Tante Sallys Miene, ihre gute Laune kehrte zurück, sie fragte uns dieses und jenes und war wieder so gut und lieb wie immer, so daß unser Abendessen noch einen ganz lustigen Verlauf nahm. Nur der alte Silas beteiligte sich nicht an der Unterhaltung; er war unruhig und zerstreut, auch stieß er oft so tiefe Seufzer aus, daß es einem in der Seele wehthat, ihn so verstört und bekümmert zu sehen.

Eine Weile nach dem Abendessen klopfte es an die Thür; ein Neger steckte den Kopf herein, er trug seinen alten Strohhut in der Hand und sagte unter vielen Bücklingen und Kratzfüßen, sein Herr, Massa Brace, warte draußen am Zaun und lasse den Massa Silas fragen, wo sein Bruder wäre, der zum Essen nicht nach Hause gekommen sei.

Da fuhr Onkel Silas so heftig auf, wie ich es noch nie von ihm gehört hatte: »Bin ich etwa seines Bruders Hüter?« Gleich nachher war es ihm aber wieder leid, er sank in sich zusammen und sprach im sanftesten Ton:

»Du brauchst ihm das nicht zu wiederholen, Billy, ich bin seit einigen Tagen gar nicht wohl und so reizbar, daß ich meine Worte nicht wägen kann. Er ist nicht hier, sage ihm das.«

Als der Neger fort war, ging der alte Mann ruhelos in der Stube auf und ab, wobei er fortwährend unverständliche Worte murmelte und sich mit den Händen ins Haar fuhr. Es war recht jämmerlich anzusehen; doch Tante Sally flüsterte uns zu, nicht acht auf ihn zu geben. Sie sagte, seit so viel Mißgeschick über ihn gekommen sei, gerate er oft tief in Gedanken und wisse kaum mehr, was er thue und treibe. Auch bei Nacht wandle er viel häufiger als früher im Schlaf, entweder nur im Hause oder auch draußen im Freien. Wenn wir ihn einmal dabei beträfen, sollten wir ihn ruhig gehen lassen und ihn ja nicht aufwecken. Es könne ihm niemand helfen, außer Benny, die ihn am besten zu behandeln verstehe.

Auch diesmal schlich sie sich an seine Seite, als er anfing müde zu werden von dem ewigen Hin- und Herwandern. Sie schlang ihren Arm um ihn und ging mit, bis er lächelnd auf sie herabschaute und sich niederbeugte um sie zu küssen. Allmählich wich der gequälte Ausdruck aus seinem Gesicht und er ließ sich von ihr auf sein Zimmer geleiten. Es war eine Freude, den liebevollen Verkehr von Vater und Tochter zu sehen.

Tante Sally mußte nun die Kinder zu Bett bringen und da Tom und ich anfingen uns zu langweilen, machten wir noch einen Gang bei Mondschein in das Feld, wo die reifen Wassermelonen standen. Wir aßen nach Herzenslust und besprachen dabei mancherlei. Tom meinte, er hege nicht den geringsten Zweifel, daß Jupiter ganz allein an dem Streit schuld sei. Bei erster Gelegenheit werde er sich Gewißheit darüber verschaffen und dann Onkel Silas nach Kräften bereden ihn fortzuschicken.

Wohl zwei Stunden lang schwatzten, rauchten und schmausten wir dort. Als wir ins Haus zurückkehrten war es ganz still und dunkel; alle hatten sich zur Ruhe begeben.

Tom, dem nichts entging, bemerkte jetzt, daß der alte grüne Arbeitskittel seltsamerweise von dem Nagel verschwunden war, wo er ihn noch vorhin hatte hängen sehen. Dann suchten wir unsere Schlafkammer auf.

Im Nebenzimmer hörten wir Benny noch lange herumhantieren; sie sorgte sich gewiß um ihren Vater und fand keinen Schlaf. Auch wir waren viel zu aufgeregt, um zu Bette zu gehen; so blieben wir denn wach, unterhielten uns im Flüsterton und waren in recht trübseliger Stimmung. Wir sprachen immer wieder von dem Ermordeten und dem Gespenst, bis uns so unheimlich und gruselig zu Mute wurde, daß von Einschlafen keine Rede sein konnte.

Es war schon spät in der Nacht, als mich Tom plötzlich mit dem Ellenbogen stieß und nach dem Fenster deutete. Ich sah hin; drunten im Hof trieb sich ein Mann herum, doch konnte ich ihn bei der Dunkelheit nicht erkennen. Jetzt kletterte er über den Zaun und da kam gerade der Mond heraus und schien auf den weißen Flicken des alten Arbeitskittels.

»Siehst du den Nachtwandler,« sagte Tom. »Ich wollte, wir dürften ihm folgen und sehen, wo er hingeht mit der langen Schaufel, die er über der Schulter trägt. Er biegt nach dem Tabakfeld ein – nun ist er verschwunden. Der arme Onkel, – es thut mir so leid, daß er gar keine Ruhe findet.«

Wir warteten lange, aber er kam nicht zurück; vermutlich hatte er einen andern Heimweg eingeschlagen. So legten wir uns denn endlich nieder und verfielen in einen unruhigen Schlaf, der uns mit tausenderlei Beängstigungen quälte. Im Morgengrauen waren wir schon wieder wach; ein Gewitter war heraufgezogen, Blitze zuckten, der Donner krachte, der Wind schüttelte die Bäume, der Regen fuhr in Strömen nieder und die Rinnsteine wurden zu rauschenden Bächen.

»Höre mal, Huck,« sagte Tom, »mir kommt's sehr seltsam vor, daß man noch gar nichts von Jack Dunlaps Ermordung gehört hat. Die Männer, von denen Hal Clayton und Bud Dixon verjagt wurden, haben die Sache doch in der nächsten halben Stunde sicherlich überall erzählt und sie muß sich wie ein Lauffeuer von Farm zu Farm verbreitet haben. Solche große Neuigkeit kommt doch alle dreißig Jahr höchstens zweimal vor. Es ist wirklich merkwürdig, Huck, ich kann es nicht begreifen. Wäre nur erst das Gewitter vorüber, damit wir hinauskönnten um zu sehen, ob nicht irgend jemand auf der Straße davon anfängt. Wir müssen dann natürlich sehr überrascht und entsetzt sein.«

Es war schon heller lichter Tag, als der Regen aufhörte. Wir schlenderten die Straße hinunter, begrüßten jeden, der uns begegnete, sagten wann wir angekommen wären, wie wir die Unserigen verlassen hätten, wie lange wir zu bleiben gedächten, und dergleichen mehr; aber kein Mensch äußerte eine Silbe über den Mord, was uns höchlich wundernahm. Tom meinte, wenn wir in das Ahornwäldchen gingen, würde die Leiche ganz einsam und verlassen daliegen und keine Menschenseele weit und breit zu sehen sein. Wahrscheinlich hätten die Verfolger die Mörder tief in den Wald hinein gejagt, diese hätten sich endlich umgewendet und sich auf sie geworfen. Nachdem sie einander alle umgebracht, wäre natürlich niemand mehr am Leben gewesen, um die Nachricht zu verbreiten.

Während dieser Reden waren wir unversehens nach dem Ahornwäldchen gekommen. Mir lief der kalte Schweiß den Rücken hinunter und ich wäre um nichts in der Welt auch nur einen Schritt weiter gegangen. Doch Tom ließ es keine Ruhe – er mußte wissen, ob der Ermordete die Stiefel noch anhatte. So kroch er denn ins Dickicht, kam aber schon im nächsten Augenblick in größter Erregung wieder heraus.

»Huck, er ist fort,« rief er.

»Im Ernst, Tom?« fragte ich starr vor Staunen.

»Jawohl, er ist wirklich fort; es ist nichts mehr von ihm zu sehen. Der Boden ist nur etwas zertrampelt und wenn blutige Spuren da waren hat sie der Regen verwaschen; es ist lauter Schmutz und Morast da drinnen.«

Nun faßte ich mir ein Herz und überzeugte mich mit eigenen Augen, daß kein Leichnam mehr da war.

»Verwünscht,« rief ich, »die Diamanten sind weg!«

»Glaubst du nicht, daß die Mörder zurückgekommen sind und ihn fortgeschleppt haben?«

»Höchst wahrscheinlich. Wo meinst du wohl, daß sie ihn versteckt haben können?«

»Wie soll ich das wissen?« sagte er ärgerlich. »Es ist mir auch einerlei. Mir war nur an den Stiefeln etwas gelegen. Nach der Leiche werde ich den Wald nicht durchsuchen; meinetwegen mag sie sein wo sie will. Die Hunde werden sie sowieso bald aufspüren.«

Wir schlichen betrübt und enttäuscht nach Hause zurück. Mein Lebtag hatte mich noch keine Leiche so geärgert und betrogen wie diese.


 << zurück weiter >>