Hermann Sudermann
Der verwandelte Fächer – Fröhliche Leut' – Thea
Hermann Sudermann

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Der verwandelte Fächer.

Sie sind träumerisch, sind zerstreut – Sie trällern eine Melodie leise vor sich hin. Noch einmal, wenn ich bitten darf!

»Am stillen Herd – zur Winterzeit!«

Ich danke, ich weiß genug. Daher also hatten Sie gestern in der Oper keinen Blick für Ihren gehorsamsten Diener? Unser blondlockiger Walter Stolzing hat's Ihnen angetan.

Schauen Sie rasch in den Spiegel – dieses Erröten kleidet Sie wunderbar. Doch daß gerade ein Held des hohen c es ist, der es hervorzauberte, das will mir nicht gefallen!

Warum ich in so spöttischem Tone von den Tenoristen rede, fragen Sie? Oh, verkennen Sie mich nicht!

Ich bin auf der Stelle bereit, jedem Tenorsänger zu bescheinigen, daß ich ihn persönlich als die höchste Blüte der Männlichkeit, einen gewissermaßen aus der Allgemeinheit herausdestillierten Idealmann anerkenne.

Ich scherze nicht – wahrhaftig! Ich will's Ihnen beweisen – naturwissenschaftlich – echt Nordau'sch. Hören Sie zu: Das vornehmlichste Attribut des männlichen Geschlechtes – wir können das beim Menschen sowohl wie im gesamten Tierreich beobachten – ist die Gefallsucht.

Der Mann, weit mehr als das Weib, will gefallen und muß gefallen. Der Trieb der Arterhaltung bringt es mit sich, daß ein jeder im Wettkampfe um die Gunst des Weibes die Palme für sich zu erringen strebt.

Die Gunst des Weibes ist die Achse, um die das Weltenrad sich dreht. Um ihretwillen hat sich die Natur mit ihren leuchtendsten Farben geschmückt, um ihretwillen ertönt die Stimme alles Lebendigen in holden Harmonien, und um ihretwillen ist der Riesenkampf entbrannt, der erst erlöschen wird, wenn die Welt zur Ruhe des Eises erstarrt.

Wundern Sie sich nicht. Das ist durchaus wörtlich zu nehmen. Bei Darwin und Häckel steht's geschrieben.

Alles Schöne in der Natur ist ein Spiel der männlichen Gefallsucht – und vieles Furchtbare ist es auch. Diese Gefallsucht, durch die im Tierreich – ich könnte ebensogut auch auf das Pflanzenreich exemplifizieren, doch das würde zu weit führen – das männliche Wesen sich seinem künftigen Gesponse bemerkbar zu machen und seine Mitbewerber zu verdrängen sucht, äußert sich in drei Eigenschaften: erstens Farbenglanz, zweitens Gesangskunst, drittens Kampfesmut.

Vom Paradiesvogel bis zum Pavian und bis zum Husarenleutnant sehen wir das ewig Männliche in herrlichster Farbenpracht erstrahlen, während das Weibchen in Bescheidenheit seines inneren Wertes daneben verschwindet.

Von der Zikade bis zum Auerhahn und zum Troubadour macht sich das Männchen durch mehr oder minder wohllautenden Gesang bemerkbar, während das Weibchen sich in selbstbewußtes Schweigen hüllt.

Vom wilden Wasserkäfer bis zum brünstigen Hirsche und zum göttergleichen Achill werden um des Weibes Besitz die fürchterlichsten Kämpfe geführt, während dieses ruhig daneben sitzt und abwartet, wer von den Kämpfenden übrigbleibt. Hinterher läßt es sich dann von Homer und Offenbach noch ansingen. –

Wie meinen Sie? Der Hunger, nicht die Liebe, sei die Haupttriebfeder zu dem ewigen Kampfe in der Natur? Sie haben recht, ganz recht. – Allein wenn eines Tages die Liebe aufhörte, so würde ein jedes Geschöpf sich fragen: Wozu soll ich dieses lumpige Leben noch leben? Und falls es nun nicht imstande ist, sich durch Schreiben pessimistischer Bücher die Zeit zu vertreiben, so muß es jedem Dank wissen, der sich die Mühe nimmt, es aufzufressen. Der Kampf wäre mithin aus der Welt geschafft. – – –

Das geschilderte Verhältnis zwischen Mann und Weib gilt so weit, als wir unverfälschtem Naturwalten gegenüberstehen; erst in unserer verrotteten Hyperkultur scheint es sich umzudrehen. Wo die Eheschließung Schwierigkeit macht und drüben die Gefahr naheliegt, als alte Jungfer zu sterben, da beginnt das Werben des Weibes um den Mann, da legt man Rot auf, da schmückt man sich mit Turnüre oder Chignon und lernt durch Verhüllen sich enthüllen, da spielt man das Gebet der Jungfrau, da lernt man sogar fechten, wie das Beispiel der Pariser Damen beweist.

Doch kehren wir zur Natur und zum werbenden Mannwesen zurück! Von den drei Eigenschaften, durch die man die Gunst des Weibes gewinnt, wurde dem einzelnen meistens nur eine zuteil – in seltenen Fällen schenkte ihm eine verschwenderische Laune der Natur deren zwei, wie das Beispiel des Husarenleutnants beweist.

Nun denken Sie sich aber einmal einen Mann, dem sämtliche drei als Waffen im Kampfe der Liebe mitgegeben wurden! Die Weiberherzen müssen ihm in Legionen zufliegen, die Ziffer seiner Erfolge muß eine schwindelerregende sein, in Berlin allein vielleicht mehr als tausend und drei.

Und ein solches Phänomen, in der ganzen Natur- und Menschengeschichte einzig dastehend, ist der Tenor.

Schon an Farbenpracht kommt ihm keiner gleich. Wer von uns anderen Männern darf es wagen, sich in silberner Rüstung, wie sie die Schwanenritter tragen, von den Frauen bewundern zu lassen? Wer sonst noch darf in wattierten, rosaseidenen – doch schweig still, mein Herze!

An Gesangskunst – na, das versteht sich von selbst; – und was den Kampfesmut anbetrifft, so – bitte, lächeln Sie nicht, meine Freundin! – kein Bayard, kein Cid hat so viel Heldentaten aufzuweisen wie er! Endet der erbitterte Kampf, den er allabendlich mit seinen Nebenbuhlern führt – dieselben pflegen Bariton zu singen und schwarze Trikots zu tragen – nicht immer mit der moralischen Niederlage der letzteren, auch wenn er, der Edle, dabei elendiglich zugrunde geht? Erduldet er nicht selbst den Flammentod mit dem größten Vergnügen, meistens sogar im Dreivierteltakt?

So – und nachdem ich diesen letzten Trumpf ausgespielt habe, werden Sie hoffentlich nicht mehr zweifeln, daß wir in dem Tenoristen in der Tat den Idealmann verkörpert finden, und sollte er selbst von dem seinem Berufe verbrieften Privilegium: angeborener Dummheit froh zu sein, einen mehr als polizeilich erlaubten Gebrauch machen. Doch diese Dummheit mag gerade als ein Attribut des Idealmannes gelten.

Was aber leider diesem idealen Manne gänzlich zu mangeln pflegt, das ist der Sinn für ideale Liebe; und wehe der seraphisch gestimmten Frauenseele, die in dem Menschen wiederzufinden meint, was der Sänger in so zarten Tönen versprach! Psyche mag froh sein, wenn sie sich noch mit versengten Flügeln aus dem Bereiche des Lichtes rettet, das ihr angezündet ward!

Da muß ich Ihnen doch gleich eine kleine Geschichte erzählen, die Geschichte eines Fächers, die hier hineinpaßt und zudem einen denkwürdigen Anhang zu Ovids Metamorphosen bildet!

Eine der Frauen, für die ich von altersher schwärme, ist Frau Lilly X. X. – bitte, strengen Sie sich nicht an, Sie kennen sie nicht – die Gattin eines westfälischen Eisenindustriellen, der den preiswürdigen Einfall gehabt hatte, sich mit Hinterlassung einer halben Million in ein besseres Jenseits zu entfernen. – Sein Tod war die erste Liebenswürdigkeit seines Lebens. – Frau Lilly kam nach Berlin in die große Welt wie eine verwunschene Prinzessin, die bislang in einem Rauchfang gesessen. Sie brachte die Gewohnheit mit, über ihre Arme zu hauchen, als wolle sie noch immer Kohlenstäubchen entfernen. Im übrigen war sie rein, rein bis in die geheimsten Winkel ihres Herzens. – – Ein scharmantes, kleines Persönchen mit schmalen, weißen Händen, großen, sehnsüchtigen, blauen Augen und einem dunkelbraunen Strudelkopf.

Sie saß und wartete auf die – Liebe.

Wir alle machten ihr den Hof, aber wir waren ihr nicht gut genug. Wir seien allzu leichte Ware, meinte sie, nur unsere Ansprüche wögen schwer.

»Er soll mein Schicksal werden, wie ich das seine,« sagte sie mir einmal mit schwermütigem Augenaufschlag, »aber er muß die Kraft haben, zu entsagen, wie ich sie haben werde.« – Sie seufzte tief auf.

Ich auch. – Und darauf lachte der eine den anderen aus.

Zu derselben Zeit begab es sich, daß ein berühmter Sänger zu einem kurzen Gastspiel in Berlin erschien. Die ganze Frauenwelt jubelte ihm entgegen und zitterte doch vor ihm; denn die Glorie wildester Don-Juan-Romantik umgab seine Gestalt, und nimmer noch, hieß es, hätte ein Weib dem Sturmlauf seines Werbens widerstanden. – Man kennt das wonnige Grausen, mit dem eine überreizte Frauenphantasie dem Erscheinen eines solchen Messias entgegenträumt, man weiß, wie ansteckend dieses Fieber wirkt.

Auch Frau Lilly ward von dem allgemeinen Rausch ergriffen, und sie noch heftiger als die anderen, denn in ihrer Seele vereinigte sich die leise Sehnsucht des liebebedürftigen Weibes mit den furchtsamen Schauern des neugierigen Kindes.

Wonnetrunken kam sie aus der Oper zurück, wo sie ihn in all seiner Herrlichkeit, von Jauchzen empfangen, mit Lorbeer überschüttet, zum erstenmal erblickt hatte.

Zwei Tage darauf erhielt sie von einer Freundin, die ein glänzendes Haus machte, ein Einladungskärtchen, das neben der lithographierten Formel in einer Ecke die mit Bleifeder gekritzelten Worte trug: »Er wird da sein.«

Sie hüllte die wogende Brust in einen Frühlingshauch von Spitzen, sie nestelte mit zitternder Hand die duftigsten Rosen in das widerspenstige Gelock. Hold und verschüchtert wie ein Nixenkind, das zum erstenmal die oberirdische Herrlichkeit erschaut, betrat sie den Ballsaal.

Er war noch nicht gekommen. Man fürchtete sogar, er werde im letzten Momente absagen lassen. Männer wie er können sich das erlauben. – Atemlos harrend saß sie da – und so die anderen alle.

Gegen ½ 11 Uhr ging ein freudiges Beben durch den Saal. Aus dem Vorzimmer war Kunde gekommen. – Die Tür öffnete sich. – Er war es! Sein müder Blick überflog nachlässig den Saal, die Wirtin zu suchen, die er kaum kannte. Eine byronische Locke fiel düster dräuend auf seine durchfurchte Stirn. – Ein leiser exotischer Duft ging von ihm aus.

»Er ist es – er ist mein Schicksal,« flüsterte Frau Lilly und senkte den feuchten Blick in ihren Schoß; denn sie konnte seinen Anblick kaum ertragen.

Er verschwand nach einem der einsamen Gemächer. Es verlohnte sich nicht für ihn, die Zeit mit Konversation zu vergeuden.

Eine Weile später hieß es: »Er wird singen.« – »O Gott,« seufzte Frau Lilly, »wie werd' ich das ertragen?«

Er erschien wieder auf der Bildfläche. Seine bläulich behandschuhte Hand glitt nervös über die Schläfen, wobei die düstere Locke tiefer auf die Brauen herabsank. Offenbar kopierte er Rubinstein.

Er begann. Es war die Tostische Wimmerarie: »Vorrei morir«, die er gewählt hatte, dieselbe, durch die Mierzwinski später so reiche Triumphe erntete. – Eine Welt unendlichen Leides strömte aus seinem Munde. Die Töne drangen auf die Nerven der Weiber, wie die Geißeln, mit denen die Flagellanten in wollüstigem Schmerze sich peitschten. In ihnen lag der wilde Aufschrei des Glückheischenden – der letzte Hauch des selig Sterbenden lag in ihnen. – Auf der Stirn des Sängers stand der Jammer Laokoons geschrieben. Sein umflortes Auge suchte im Saale umher, als müßte es sich an etwas anklammern, bevor es brach. – Und siehe da! es blieb auf Frau Lillys lieblichem Figürchen haften.

Ein heißer Schauer fuhr ihr den Wirbel hinab.

»Vorrei morir«, wiederholte sie traumverloren. Ihr Auge hatte den Heiland erschaut – nun konnte sie sterben.

Als es zur Tafel ging, kam die Wirtin des Hauses zu ihr heran, und mit der Rührung der Wohltäterin ihre Hand drückend, flüsterte sie ihr zu: »Bedanke dich, Lilly, du wirst zu seiner Linken sitzen.«

Ich führte sie. Es war kein Genuß, das kann ich Sie versichern; denn ich blieb heute Luft für sie. – Ihr Auge verschlang jede seiner Mienen, sie zehrte von dem Windhauch, den seine Ärmel hervorbrachten.

Er zog die Handschuhe aus und warf sie nachlässig in ein leeres Kristallglas. Ein Panzer von Diamanten funkelte an seiner langen, mattgelben Hand. Zwischen den Fingern saßen kleine Puderrestchen, die er liebevoll auf der Hautfläche verrieb.

Er war einsilbig. – Das sind große Männer immer.

Dann und wann warf er der Wirtin ein Kompliment zu, wie man einem Hündchen ein Knöchelchen zuwirft. Sie nagte glückselig daran.

Frau Lilly geruhte er zu übersehen.

Desto eifriger beschäftigte er sich mit seinem Teller. Die Hummerpastete hatte seinen vollen Beifall, – von dem Lammrücken nahm er zweimal, – bei dem Anblick der Forellen flog ein erster Schimmer der Freude über sein düsteres Antlitz, – und die Poularden gewannen ihn vollends dem Leben wieder. Dazwischen goß er den alten Chambertin in Strömen hinab.

Endlich fiel ein milderer Blick auch auf Frau Lilly.

»Hatte mein Lied Ihren Beifall?« fragte er sie mit der Miene eitles Mannes, der die Lösung des Welträtsels beabsichtigt.

»Oh – wie kann ich Ihnen danken?« stammelte sie.

»Danken Sie mir nicht,« fiel er ihr ins Wort, die Hand vertraulich auf ihren Arm legend – ich war nun bereits anderthalb Jahre mit ihr befreundet und hatte mir eine solche Geste noch nie erlauben dürfen – »Sie waren es, die mich begeisterte, und wenn ein Hall meines innersten Empfindens in meinem Gesange nachzitterte, so habe ich es Ihnen zu danken.« Er sprach es ruhig und geläufig, wie man etwas Auswendiggelerntes hersagt.

Ich überließ nun Frau Lilly ihrem Schicksal. Sie hatte den Sänger zu fesseln gewußt; denn nach der Tafel zog er sie in eine dämmerige Nische, wo er wohl eine halbe Stunde mit ihr plauderte.

Bald darauf und lange vor Schluß des Festes brach er auf.

»Wahrscheinlich hat er noch in etlichen Boudoirs zu tun,« raunte ein bissiger Freund mir zu, als er ihn im Vorzimmer verschwinden sah.

Am anderen Vormittag ließ Frau Lilly mich rufen und erzählte mir glückstrahlend, was in der Nische vorgegangen.

Sie hatte eine merkwürdige Seelenharmonie zwischen ihr und dem Sänger entdeckt. In der Auffassung der Liebe als Schicksal war er durchaus ihrer Ansicht gewesen, und die Theorie des Entsagens gar hatte er womöglich noch strenger ausgebildet als sie selber.

Ich dachte mir mein Teil, hütete mich aber, es auszusprechen. Oh, hätte ich nur nicht so feinfühlig sein wollen!

Das Ende vom Liede war gewesen, daß er vor lauter Begeisterung ihren Fächer, mit dem er gerade spielte, in die Tasche gesteckt und nicht mehr hatte herausgeben wollen.

»Was nun tun?« fragte sie in scheinbarer Hilflosigkeit, während die Freude über den an ihr verübten Raub ihr verräterisch aus den Augen sprühte.

»Das Beste wird sein,« meinte ich halb im Scherze, »Sie schreiben ihm, daß er Ihnen das corpus delicti persönlich wiedergebe.«

Sie erglühte bis in den Nacken hinein. Der Gedanke war ihr augenscheinlich nicht mehr neu.

Gleich darauf verabschiedete sie mich. Als ich sie später einmal nach dem Fächer fragte, wurde sie verlegen und wich der Antwort aus. Wohl zwei Monate vergingen, ehe ich das rätselhafte Ereignis erfuhr, das der Ärmsten manche Stunde friedlichen Schlafes gekostet hatte.

Der Gedanke, daß sie den Fächer wieder haben müßte um jeden Preis, war ihr fortan nicht mehr aus dem verliebten Köpfchen gewichen. Selbst ihre gekränkte Frauenwürde führte die Sophistin ins Feld, um von sich selber die Erlaubnis zu einem Stelldichein zu erbetteln. Endlich faßte sie einen heroischen Entschluß und schrieb ihm in sein Hotel folgende Zeilen:

»Mein Herr!

Ich bitte Sie, mir mein Eigentum zurückzugeben. Zu diesem Zwecke werde ich Sie am Sonnabend um 12 Uhr in dem linken Oberlichtsaale des Museums erwarten.

Lilly X.«

Sie sehen hieraus, wie naiv sie noch war! Einen Mann, wie ihn, nach dem Museum hinzubestellen, wo die Backfische und die Studenten sich ihre Rendezvous geben!

Halb betäubt vor Angst saß sie zur bestimmten Frist auf dem Rundsofa in der Mitte des Saales und starrte nach der Tür.

Er ließ wohl eine Viertelstunde auf sich warten; doch das gehörte sich so. Endlich erschien er, in einen kostbaren Biberpelz gehüllt, ein blauseidenes Cachenez vor dem Munde. Er sah unwirsch aus und schien es eilig zu haben...

Sein Blick glitt durch den Saal und blieb zweifelnd auf ihr haften. Er mußte kurzsichtig sein, denn er fixierte hinterher noch zwei andere Damen; und wäre sie ihm nicht mit einem schwachen Lächeln zu Hilfe gekommen, er wäre vielleicht an ihr vorübergegangen.

Nun trat er mild lächelnd auf sie zu und ergriff ihre Hand.

»Mein geliebtes Kind!« sagte er.

Die Knie wankten ihr vor Schreck und Scham. Wo nahm er das Recht her zu solcher Anrede?

Darauf sah er sie wieder mit jenem seltsam prüfenden, zweifelnden Blicke von der Seite an, wie jemand tut, der einen anderen in seinem Gedächtnis unterzubringen sucht.

»Es war etwas dunkel,« sagte er dann leise, fast zärtlich, wie um diesen Blick zu entschuldigen.

Sie sah erstaunt zu ihm empor. »Ja, es war etwas dunkel in der Nische,« entgegnete sie verschämt.

Er lächelte. Sie verstand das Lächeln nicht; aber es lag etwas darin, das sie erröten machte.

»Oh, ich war glücklich!« sagte er dann und drückte ihr verständnisinnig die Hand.

Sie war aufgestanden; er aber setzte sich dicht vor ihr auf dem Ledersofa nieder und – streckte die Beine aus.

Diese Bewegung erinnerte sie an ihren verstorbenen Gemahl. Es lag in der Tat etwas von der Ungeniertheit eines Ehemannes darin. Ihr wurde sehr unbehaglich zumute, und sie errötete aufs neue.

Und wiederum sah sie seinen prüfenden Blick auf sich gerichtet. Diesmal schüttelte er sogar den Kopf.

»Ist das heiß hier,« sagte er dann, knüpfte den Pelz auf und zog die Handschuhe ab. Dabei fiel ihm einer von seinen Brillantringen zur Erde. Er bückte sich phlegmatisch.

»Den darf ich nicht verlieren,« sagte er, »er ist ein teures Andenken von der Fürstin ...« Er hielt inne und lächelte eitel.

Sie erschrak. Unmöglich! Sie mußte sich verhört haben.

Er drehte den Ring langsam an den Gelenken hinunter und beäugelte auch die anderen.

»Sehen Sie diesen hier –« sagte er. Sie unterbrach ihn hastig; vielleicht hätte sie sonst ein interessantes Seitenstück zu der Karl Moorschen Erzählung von den vier Ringen zu hören bekommen.

»Kennen Sie unsere Galerie bereits?« fragte sie.

»Nein,« erwiderte er und hielt die Hand vor den Mund, wie um ein Gähnen zu unterdrücken.

»Es ist mir tief schmerzlich, meine teuerste Frau,« fuhr er nachlässig fort; aber was ihm tief schmerzlich war, sollte sie nie erfahren, denn plötzlich hielt er inne und griff mit der Hand nach seiner Kehle, wobei zwei gurgelnde Töne zum Vorschein kamen.

»Oh – ich bin wieder belegt,« sagte er dann, »und heute soll ich singen. Dieser Temperaturwechsel – ich muß machen, daß ich fortkomme, sonst werde ich stockheiser.«

Darauf erhob er sich und langte mit seiner Rechten in die weite Tasche seines Pelzes, aus der er einen weißen, viereckigen Karton hervorzog, der mit einer rosaseidenen Schnur umwunden war. Einen Augenblick zögerte er – noch einmal jener zweifelnde Blick, – dann, wie sich zu raschem Entschlusse aufraffend, flüsterte er mit vielsagendem Lächeln: »Und hier ist, was Sie wünschten.«

Mechanisch nahm sie das Päckchen an sich. Sie wagte kaum mehr sich zu rühren, so unheimlich war ihr zumute.

Er ergriff zum Abschied ihre Hand.

»Wie gern möchte ich Sie auf die Stirn küssen, mein geliebtes Kind,« flüsterte er.

»Um Gottes willen!« schrie sie auf.

»Aber es sind Leute da,« fuhr er mit ruhigem Lächeln fort. »Auf Wiedersehen heut in der Oper – nicht wahr?«

Damit eilte er hinaus.

Wie versteinert starrte sie ihm nach. »Warum behandelte er mich so?« stammelte sie. Wie gern hätte sie sich beglückt gefühlt, aber das Weinen war ihr nah. Vollends betäubt schlich sie nach Hause.


Dort öffnete sie das Kästchen.

Berauschender Blumenduft stieg daraus empor. Obenauf fiel ihr ein Zettel ins Auge, auf dem die Worte standen?: »Ewige Erinnerung an die Stunde des Glücks.«

Und unter dem Zettel, auf dunkelroten Rosen gebettet, lag statt des Fächers – – – ein Hausschlüssel.


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