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Der Liebestrank


»Wenn der blaue Himmel in unser Gemach scheint, mögen wir gerne lesen, was der Schwanenkiel bei heiterer Sonne auf das Papier warf; aber für die Lampe gehört, was zur Mitternachtsstunde die Rabenfeder auf das Papier warf. Tag und Nacht spiegeln sich in ihren Geburten.«

1.

Reizender üppiger Garten von Valencia, sonnedurchfunkeltes Paradies Europa's, edelstes aller Königreiche, die unter Spaniens Krone sich vereinten wie ein Bündel goldener Scepter! Niemals warst du schöner in deiner Pracht, als an dem Morgen, wo die junge Manuela aus dem Schlafe geweckt wurde, und ihre Dienerinnen sie begrüßten als eine Braut. Wie lauschte das reizende Kind, dessen Wangen noch leuchteten vom Purpur des Schlummers! Wie es hoch aufseufzte, verwundert und träumend um sich her spähte, und nach seinem lieben Mariano fragte! -- Und die Dienerinnen verneigten sich, und sprachen mit süßen Stimmen: »Don Mariano putzt sich wie Ihr, liebliche Sennora. Er will seiner Braut Ehre machen, und darum ziemt es sich, daß Ihr Euch schnell in die seidenen Gewänder werfet, die der beste aller Väter für Euch bereiten ließ.« -- Da breiteten sie vor den Augen des erröthenden und schwer athmenden Kindes eine Menge von Schleiern und Stoffen, von Federn und Bändern aus, und streuten dazwischen mit verschwenderischer Hand Ströme von Diamanten und Saphiren, so daß allenthalben auf dem jungfräulichen Putz Edelsteine glänzten, wie Thautropfen so flammend und klar. -- Es war so glücklich, das holde Kind! Schon an seiner Wiege hatte das Glück gesessen, und alle Lust des Lebens hatte Manuela umgeben, seit sie die Augen dem Licht aufgethan. Und kaum waren zwölf Jahre ihres zarten Daseyns verflossen, und schon führte der kluge Vater der aufblühenden Tochter den Freund zu, der sie beschützen sollte im wechselnden Drange der Welt. Wie gerne sagte Manuela ein jauchzendes Ja zu den Vorschlägen des Vaters! Mariano, der Liebling des Vaters, der in dessen Hause wohnte, seit Manuela geboren, der ihre jugendlichen Spiele getheilt, der sie gelehrt, die Feder zu halten, auf der Guitarre zu klimpern, einen sinnigen Blumenstrauß zu winden, -- wie sollte das Mädchen ihn nicht lieben mit der Hingebung des kindlichsten Gemüthes? Manuela dachte nur an ihn, sie hatte immer nur ihn gesehen, sie trug ihn im Herzen wie einen Bruder.

Darum eilte sie heute, dem seidenen Lager zu entrinnen, und ließ sich wohlgefällig lächelnd mit dem Prunk belasten, den der Verlobungstag nöthig machte. Die Zofen schmückten sie, wie man mit einer anmuthigen Puppe spielt; zwanzig Hände waren geschäftig, den kleinen niedlichen Leib zu zieren, zehn Spiegel wurden dienstbar, den Schmuck der Gewänder und Kleinodien von allen Seiten wiederzustrahlen; das Bräutchen wußte nicht, wohin zuerst die Augen wenden, wohin zuerst die Finger strecken, um nach harmloser Kinder Art auch zu berühren, was ungeduldig und staunend der Blick verschlang. Der ungetrübteste Himmel lachte in Manuela's Brust, und die Natur trug die Farbe dieser Brautfreude. Das Schloß des reichen Ibarra lag ausgebreitet wie ein Feenpalast mit seinen Gärten auf einer reizenden Anhöhe, eingefaßt von der lieblichsten Huerta, die nahe Stadt Valencia beherrschend, und das spiegelnde Meer. Kühlende Lüfte umflüsterten stets den heiteren Söller des Schlosses, Palmen streckten zu ihm die schwankenden Wipfel empor, und um den Schaft der tragenden Marmorsäulen rankte sich stets blühendes Schlingkraut, und zu ihren Füßen brannten verschwenderisch der Granatblume rothe Flammen. Wie in der Ebene die freigebige Natur überall die markigen Pflanzen des Südens erzeugte, so that's auf dieser milden Höhe die mit der Natur verbündete Kunst. Der Wirth des herrlichen Schlosses brauchte nicht erst an festlichen Tagen mit Blumen und Fruchtgewinden seine Halle zu schmücken; die Guirlanden hingen stets als frische Kränze an seinen Thoren, an seinen Fensterbögen, und die Freude war unter ihnen ein täglicher gewohnter Gast. Oft hatte Ibarra in zärtlicher Aufwallung sein Kind auf die Altane geführt, und ihm gesagt: »Sieh, Manuela, dieses Alles, dieses Paradies ist Dein Erbe; Dein ist die Schöpfung, die ich mit den Schätzen hervorrief, welche ich in der neuen Welt mühsam erworben!« -- Nie hatte jedoch das Kind ein solches Entzücken bei diesen Worten empfunden, als heute, da es, schimmernd wie eine Königin, auf den Balkon trat, und sich erinnerte, daß Mariano sich mit ihm in diese Herrlichkeiten theilen würde. Beklommen von Seligkeit athmete Manuela's jugendliche Brust, der Blumenstrauß an ihrem Busen zitterte heftig auf und nieder, ihr lebhaftes Gazellenauge suchte den Verlobten unter den blühenden Gebüschen des Gartens, und gewahrte ihn, wie er daher kam, glänzend und zierlich wie ein verkörperter Gott, fröhlich

die Laute spielend, und der kleinen Verlobten schon von ferne Küsse zuwerfend. »Wie schön bist Du, Mariano!« jubelte die Kleine, und klopfte in die Hände, und winkte ihn zu sich herauf. Mariano folgte gerne dem angenehmen Ruf, und eilte zu der Braut, die von mancher ihrer Dienerinnen im Stillen beneidet wurde. -- Ach, Manuela wußte noch nicht, daß nach der Vermählung der geliebte Bräutigam scheiden würde, um das trügerische Meer zu befahren, und erst nach einigen Jahren wiederzukehren, um die Braut alsdann zu besitzen. Sie wußte noch nicht, daß bis zu jenem Zeitpunkt die stillen Mauern eines Klosters sie aufnehmen würden, und ihre Thränen floßen, als der kluge Vater, der schonende Bräutigam ihr es zögernd mittheilten. So nahe steht der Schmerz dem Entzücken, so schnell mischt sich Wermuth in den Wein der Freude!

 

2.

Was kümmerten aber die zahlreichen Gäste auf Ibarra's Schloß Manuela's Klagen? Der feierliche Ringwechsel war vorüber, der Kirche Segen gespendet, und die Freuden der Tafel, der Spiele, der Lustbarkeiten beschäftigten die Zeugen der feierlichen Handlung, die nur gekommen waren, um fröhlich zu seyn. Die vollkommensten Schönheiten waren zugegen, die Valencia besaß; sie hatten sich entschlossen, für einen Tag die Prunkfahrt auf dem Almeda der Stadt mit Ibarra's Gastfreundschaft zu vertauschen, ländliche Wonne zu genießen, und mit ihrer Gegenwart das Fest zu verherrlichen, gleich wie die Sterne kommen, wenn der Mond, seinen Hof zu halten, hervortritt. Auch die Blüthe der Cavaliere fehlte nicht; sie kamen, geziert mit den Farben ihrer Damen, überladen von Gold und Edelgestein, Scherz und Gesang auf den Lippen, in der Brust das unruhige klopfende Herz, das entweder schon in Fesseln lag, oder nach neuen willkommenen Ketten schmachtete. Auch der Schmarozer und Krippenreiter beträchtliches Heer hatte sich eingefunden, um von der leckern Beute seinen Theil zu nehmen. So überfüllte sich das Haus, rings durchzogen von lärmenden Gruppen, und ein Jeder wußte, daß er willkommen war, unter dem gastlichen Dach. In den Sälen, den Gängen, den Vorhallen des prächtigen Landsitzes standen die üppigen Tafeln gerüstet, die Speisen und Früchte dufteten süß und lockend, der Goldschein des köstlichen Geschirrs blitzte allenthalben, die edeln Weine Spaniens, Griechenlands und Frankreichs sprudelten, und die Klänge zahlreicher Musikbanden schwebten über der Gesammtpracht, als ob die Engel herniedergekommen wären vom leuchtenden Himmel, mit ihren Gesängen das Fest zu verherrlichen. Aber nicht der Adel allein, und nicht allein die reichen Kaufleute Valencia's waren versammelt, sondern aus der ganzen Umgegend strömten auch die Landleute herbei, zu schauen, zu staunen und zu genießen. Der Reisende auf dem stolzgeputzten Maulthiere, wie der harmlose Wanderer zu Fuß, sie fühlten sich angezogen von dem Jubel dieser Volkslustbarkeit, und unverdrossen reichten Ibarra's Diener jedem Ankömmling ohne Unterschied den Willkommbecher, die erfrischende Labung.

So geschah es, daß eine Dame des Wegs kam, in einer Sänfte getragen, und begleitet von wenigem Gefolge. Eine Reisemaske verhüllte ihr Gesicht, und ihr Gewand zeugte von Wohlstand und ausgezeichnetem Range. Die Dame ließ auf der Fahrt inne halten, da sie der bunten Menge ansichtig wurde, die sich innerhalb den Gärten Ibarra's umhertrieb. Sie fragte nach der Veranlassung des Festes. Ein gefälliger Diener, der vorüberkam, gab ihr Aufschluß, und lud sie in Ibarra's Namen ein, in das Schloß zu treten. Die Fremde versagte dankend, aber, zu ihrem nächsten Begleiter gewendet, dessen braunes, fremdartiges und ausdruckvolles Antlitz das Gepräge von Abenteuerlichkeit an sich trug, sagte sie mit gebieterischer Stimme: »Wahrhaftig, Obrego, es dürfte möglich seyn, daß meine Freundin, Donna Ignacia, die wir auf ihrem Landhause aufsuchen wollen, sich unter den Hochzeitgästen befände. Gehe denn hinein, und frage nach der edeln Frau. Ich erwarte Dich indessen im Schatten jener Maulbeerbäume, wo die lustigen Landleute tanzen, und empfehle Dir nur Schnelligkeit.« -- Der braune Diener ging, und seine Herrin trat, vom übrigen Gefolge begleitet, zu den fröhlichen Tänzern. Man machte ihr ehrfurchtsvoll Platz, aber bald endigte der Bolero, weil eine Bande von Zigeunern daherkam, die Gesellschaft zu unterhalten. Diese Leute waren nicht von denen, die wild und unstät umherschweifen, um durch Betteln, Wahrsagen und Dieberei kärglichen Unterhalt zu gewinnen: sie waren eine Art von Bänkelsängern, die, anständig gekleidet, oft sogar in Städten sich zeigen, und sich darum bewerben, in angesehenen Tertulia's ihre musikalische Kunst zu üben. Die Bande bestand aus drei Männern, welche die Mandoline, die Flöte und die Handpauke spielten; sodann aus einer zierlichen Dirne, welche sang, und einem Knaben, der die Castagnetten schlug, und im Volke sammeln ging. Die Nähe dieser Leute erregte in den Dorfbewohnern große Begeisterung. »Eine Romanze! Ein maurisches Lied!« riefen viele, die in den Künsten bewanderter waren, und, den Tonangebern zu gehorchen, neigten sich die Zigeuner, lagerten sich die musicirenden Männer unter die Bäume, und das Mädchen trat hervor, phantastisch geschmückt mit Perlen und Schleiern, und hob an, ein ernstes Lied vorzutragen. Doch sang sie weniger, als sie sprach, und die Pausen, die sie im Liede machte, wurden ausgefüllt durch Instrumentenklang, Castagnettenwirbel und abgemessene Schläge auf der Handpauke. Sie sang aber, wie folgt:

»Heilige Berge von Cuenca, fruchtbare und von milden Lüften bestrichene Hügel! Nicht immer thronte das Kreuz auf euern Gipfeln; nicht von Ewigkeit standen darauf die weißen Kapellen, wohin die frommen Christen Wallfahrten thun zum Preise der Himmelskönigin. Es war eine Zeit, da die Heiden dieses Land beherrschten, und ein falscher Prophet angerufen wurde, um alles Christenthum zu vertilgen. Ein wilder König schwang seinen Scepter über das Reich, und ließ alle sterben, die sich zum Heiland bekannten, und über die Gränze kamen. Der Sohn des wilden Königs war jedoch nicht der Erbe der Grausamkeit seines Vaters. Wie er ein Spiegel der Tapferkeit, so war er auch ein Kleinod der Milde und Sanftmuth. Wen er in der Schlacht gewann, dem schenkte er das Leben, wer zu ihm flehte, dem wurde geholfen, und wem er etwas gelobte, so hielt er es unverbrüchlich, ohne zu wanken. So war Kosseir, der zarte Sohn des wilden heidnischen Königs.

»Schön wie das Morgenroth strahlte Kosseirs Antlitz, und sein Herz war das einer Taube, für Liebe empfänglich, und gerne beständig in Liebe; aber Kosseir fand rings um sich in seines Vaters weitem Reiche keine Seele, die der seinigen gleich gewesen wäre, und deßhalb trauerte er sehr. Da nun Friede war, und sein Herz, dürstend nach Liebe, nicht in der Schlacht Zerstreuung hoffen mochte, so schickte er es, gleich der ziehenden Taube, die den Liebesboten macht, in die Ferne, wo eine Prinzessin wohnte, die höchste Schönheit, die je auf Erden geboren.

»Aber die Prinzessin war eine Christin, und ihr Vater ein Feind von Kosseirs Vater, und er verschmähte das Herz des heidnischen Fürsten. Die Liebe ist jedoch eine Zauberin, und kleidete den sehnsüchtigen Kosseir in eines Bettlers Gewand, worinnen er an das Schloß der Prinzessin gelangte, und von ihr, die im Garten lustwandelte, ein Almosen heischte. Blanca gab ihm ein Goldstück, er aber sagte: ›Behalte Dein Geld, und gib mir Dein Herz, denn ich liebe Dich bis zum Sterben.‹

»Blanca erschrack und rief nach der Wache. Kosseir entfloh jedoch den Fesseln, denn er war gelenker wie ein Hirsch, schneller als der Wind.«

Während die Zuhörer sich zufrieden bezeugten, daß der maurische Prinz einer Gefahr entronnen, trat Obrego zu der Herrin, und meldete, Donna Ignacia sey wohl zum Hochzeitfeste geladen worden, aber nicht erschienen. Die Gebieterin erwiederte: »Wohl, Obrego: besorge jetzt, daß die Sänfte bereit gehalten werde, wir wollen alsdann fort.« -- Obrego ging, und die Zigeunerin sang weiter:

»Kosseir konnte nicht scheiden, und trat ein zweitesmal vor die Prinzessin in der Gestalt eines Kaufmanns. Die Prinzessin sagte aber, sie bedürfe der Kleinodien nicht, und bot ihm einen Diamant für die vergebliche Mühe. Da versetzte Kosseir: ›Behalte Deine Diamanten, aber schenke mir Dein Herz, denn ich liebe Dich unsäglich bis zum Sterben.‹

»Alsobald rief die Prinzessin die Wache abermals und diesmal war Kosseir so bestürzt, daß er nicht entfloh, daß er sich nicht wehrte, und von den Trabanten gefangen wurde. Sie schleppten ihn in einen feuchten Kerker, und er sollte sterben. Aber in der Nacht zerbrach er die Riegel seines Gefängnisses, und entwich in das Gebirge.

»Wie darauf Blanca's Vater eine große Jagd hielt und die Prinzessin im Walde sich verirrte, fiel ein Mann in ihres Pferdes goldene Zügel, und wollte sie mit sich davon führen. Darob erschrack Blanca sehr, und bot dem Manne viele Schätze, wenn er sie ledig lassen wollte, worauf der Mann versetzte: ›Behalte Deine Schätze, aber schenke mir Dein Herz, denn ich bin Koffeir, und ich liebe Dich mehr als mich selbst, bis zum Sterben.‹

»Als nun Blanca erblaßte, fuhr der Prinz fort: ›Du hast mich aus einem Lamme zum Räuber gemacht, und ich will Dich besitzen, trotz Deines Sträubens, wenn Du nicht gutwillig die Meinige zu seyn begehrst.‹ Sogleich entgegnete die Prinzessin mit listigem Sinne: ›Wie könnte ich hier wiederstreben? Aber dreierlei muß geschehen, bevor ich Dich wieder liebe. Du mußt Deinen Vater verjagen von Land und Leuten, Du mußt ein Christ werden, Du mußt endlich mir Alles zu Füßen legen, mein Sklave seyn, und Dein Schicksal von meiner Gnade erwarten.‹«

Obrego trat wieder zu seiner hohen Frau und berichtete, die Sänfte stehe bereit. Die Gebieterin sagte aber lächelnd: »Noch einen Augenblick, bis die Romanze zu Ende ist. Ich möchte wissen, wie es dem maurischen Prinzen zuletzt ergeht.«

»Weiter, weiter im Liede!« schrieen die begierigen Zuhörer, und die Zigeunerin fuhr rascher fort:

»Was war dem armen Koffeir übrig? Er willigte ein, schüchtern und berückt vom Zauber. So ging er hin, und verjagte den grauen Vater bis über's Meer nach Afrika, dann ließ er sich taufen mit seinem ganzen Lande, und endlich kehrte er zu der Prinzessin zurück, barfuß und in Sklavenkleidern, und legte ihr das Reich zu Füßen, die Macht, seinen Heldenleib, und bat, sein Loos zu bestimmen.

»Da lachte Blanca höhnisch, und that den Spruch: ›Dein Vater sey verbannt auf ewige Zeiten, Dein Reich gehöre meinem Vater und dem Christengotte, Du aber sey und bleibe in Ewigkeit ein Sklave und gebundener Knecht, weil Du so thöricht gewesen, zu wähnen, daß ich mich an Dich verschleudern könnte.‹

»Die Wache riß den armen Koffeir hinweg und sperrte ihn in eine Höhle des Gebirgs, wo er lange weinte und verzweifelte. Endlich aber, da er fühlte, daß sein Leben zu Ende gehen müsse, benützte er eine dunkle Nacht, wo seine Wächter schliefen, und entwich in ein rauhes Thal zu einem alten Heidengrabe, welches dort einsam und verlassen stand. Er öffnete das Grab, worüber wilde Reben üppig aufgeschossen waren, durchstach sich mit einem Dolche, benetzte mit seinem Blute die Reben, verfluchte ihre Trauben, wie schon sein Prophet sie verflucht hatte, und sprach eine Zauberformel über sie. Sodann stürzte er sich in die Gruft und verschied, und sein Leichnam wurde nie wieder gefunden.

»Von selbiger Zeit jedoch erzählte man sich, daß die Trauben von Koffeirs Grabe die Kraft besäßen, einen zauberischen Trank zu spenden, der mit wüthiger Liebe und verzehrender Leidenschaft die Sterblichen erfüllt, die von ihm kosten, so daß nur mit ihrem Leben oder dem des ersehnten Gegenstandes der Bannfluch weicht, den verschmähte und verhöhnte Liebe auf alle Ewigkeit vererbt hat.«

Die Zigeunerin, deren letzte Strophen, immer wilder von der Musik begleitet, sich drängten, schwieg nun erschöpft, und ein hundertstimmiges Bravo krönte ihr Lied. Reichliche Gaben flossen in das Tambourin des sammelnden Knaben, und die reichlichste kam aus den Händen der fremden Dame, die alsdann ihre Sänfte bestieg und ihren Weg weiter fortsetzte.

 

3.

Obrego lehnte sinnend im Vorzimmer, als der wohlbekannte Ton des silbernen Pfeifchens ihn zu der Gebieterin rief. Er faßte daher zwei silberne Armleuchter in seine Hände, und schritt damit in Eugenia's Gemach. Die Dame ruhle auf dem Sofa, von der Reise sich erholend. Sie schien in Nachdenken versunken, und Obrego, nachdem er, gleich wie zu Hause, Limonade bereitet, und eine wohlriechende Cigarre für seine Dame verfertigt, wollte sich entfernen, als Donna Eugenia ihn lebhaft zurückrief. Sie hieß ihn näher treten, und sich zu ihren Füßen auf den Teppich niederkauern, daß sie unbelauscht mit ihm reden könne. Als dieses geschehen, fragte sie mit bedeutsamer Vertraulichkeit. »Was sagst Du zu diesem Landhause?« -- »Es ist schön, Sennora.« -- »Und die Besitzerin desselben?« -- »Noch tausendmal schöner.« -- »Die arme Ignacia ist krank.« -- »Das weiß ich.« -- »Sie ist gefährlicher krank, als sie mir schrieb.« -- »Viel gefährlicher.« -- »Du solltest sie heilen, wie ich mir einbildete.« -- »Deßhalb folgte ich Euch von Madrid.« -- »Du bist ein kluger, viel erfahrner Mann; doch, fürchte ich, reicht hier des Arztes Witz nicht aus.« -- »Ihr habt recht; die Kunst ist hier zu Ende.« -- »Hast Du Ignacia genau betrachtet?« -- »Vollkommen.« -- »Was hältst Du von ihren Leiden?« -- »Sie ist verliebt.« -- »Recht; sie liebt, heftig, leidenschaftlich, verzweiflungsvoll, ohne Hoffnung.« -- »Schlimm, Donna Eugenia.« -- »Sie dauert mich.« -- »So?« -- »Mein Mitleid ist für sie rege geworden. Ich hatte mich vormals über sie zu beklagen; aber bei ihrem Anblick schwand auch mein letzter Groll. Wie entblättert ist ihre Schönheit; wie anders war sie, da sie mir den Bräutigam stahl, den leichtsinnigen Mann an ihren Triumphwagen fesselte! Die Natur rächt das Verbrechen, welches sie an der Freundschaft beging. Uns armen Sterblichen ist Versöhnung eine heilige Pflicht, und ich übte sie, und ich vergab; … Ignacia war genug gestraft in ihrem freventlichen Ehebunde.« -- »Sie hatte Euch einen Gefallen gethan, da sie den Mann für sich behielt, der Euch zur Verzweiflung gebracht haben würde.« -- »Wie jubelte sie, da sie Wittwe wurde! Wie schnell kam sie nach Madrid, um mir die Hand zur Sühne zu bieten! Wir ahnten beide damals nicht, daß ihr leichtfertiges Herz noch empfindlicher gestraft werden sollte. Heute in der ersten Stunde des Wiedersehens beichtete ihre kummervolle Seele der Freundin, und ich möchte helfen, und Du sollst mein Rathgeber seyn.« -- »Wie kann ich? Verschmähte Liebe ist ein böses Ding. Kann ich Marmor schmelzen? Den Fels in Wachs verwandeln?« -- »Du kannst es, wenn Du anders die magischen Künste besitzest, deren Du Dich rühmst.« -- »Zauberei? Da würde ich verbrannt, schöne Donna.« -- »Unter meinem Schutz? Eitle Ausflucht! Gestehe mir: gibt's nicht Mittel, den zu zwingen, der kaltsinnig uns verspottet?« -- »Ja doch, es gibt Liebestränke.« -- »Bereite einen solchen; aber schnell muß es gethan seyn. Mariano, Manuela's Bräutigam, ist der, den Ignacia liebt, und schon morgen will er nach Valencia ziehen, von da nach Neapolis schiffen. Jede Zögerung tödtet; Ignacia stirbt, wenn ihre Sehnsucht nicht befriedigt ist.« -- »Eine schwere Aufgabe. Wie könnte ich zu dieser Frist die Kräuter finden, deren der Zauber bedarf? Nur ein Mittel wüßte ich: auf Koffeir's Grabe wächst die gefeite Rebe, deren Frucht uns hier vonnöthen ist.« -- »Du höhnst mich. Was sprichst Du von der Fabel, die mir heute die Zigeunerin vorgesungen?« -- »In der fabelhaften Sage schläft ein schwerer Sinn. Das Mährchen sagt die Wahrheit. Sind dort nicht die Berge von Cuenca? Schnelle Füße tragen mich in kurzer Zeit zum Heidengrabe. Die Nacht ist günstig, die Bannformeln weiß ich. Doch kann ich nicht allein das Werk vollbringen.« -- »Wer soll Dich begleiten?« -- »Die Liebende gehe mit mir. Wenn sie durchaus das finstere Ziel erreichen will, so folge sie.« -- »Du setzest mich in Erstaunen. So nahe die Gewährung ihres heißesten Wunsches? Fast machst Du mich eifersüchtig.« -- »Seyd es nicht; Ignacia geht nicht ihrem Glück entgegen. Unauflöslich, merkt es wohl, unauflöslich ist der Bund, den der Zauber knüpft, und ich stehe nicht für die Folgen.« -- Eugenia's Gesicht erheiterte sich wie in Verklärung, und sie erwiederte, heftig aufspringend: »Wohlan denn, Obrego! Es sey, wie Du gesagt. Thue, wie es der Thörin gefällt. Halte Dich bereit. Ich gehe, Ignacia vorzubereiten. Sie wird, ich zweifle nicht, mit voller Seele einwilligen. Wenn wir ihre Gelüste unterstützen, was kümmern uns die Folgen? Warte hier, bis ich Dich rufe.«

Eugenia eilte, die von Leidenschaft verzehrte Freundin zu sehen, und Obrego wickelte sich finster lächelnd in seinen Mantel, vor Ignacia's Thüre lauschend. Das Gespräch der Freundinnen verwandelte sich bald in leises Geflüster, unterbrochen von Seufzern, von halblauten Klagen und Schluchzen. Ignacia widerstand, Eugenia verlor nicht den Muth, und drang in sie, alle Zweifel überwältigend, alle Hindernisse beseitigend, bis endlich nach langer Pause des Bedenkens Ignacia einwilligte, die Thüre sich öffnete, und beide Damen, in schwarze Mantelkappen verhüllt, zu dem harrenden Führer heraustraten. Schweigend folgten sie dem voranschreitenden Obrego, schlüpften leise über den Hof, der öde stand, weil des Hauses Diener gegangen waren, Ibarra's Fest zu schauen, und gewannen so das Freie. Es war eine schöne stille Nacht, überglänzt vom sanftesten Mondenschimmer; Ignacia's Zagen verschwand, ihre Brust wurde ruhiger in der balsamischen Luft. Obrego stieg einen Pfad hinan, der längs fruchtbaren Weinbergen hinlief, und nach manchen Wendungen auf einer Höhe endete, die von einer Seite eine dunkle waldige Schlucht verrieth, von der andern eine Aussicht in das helle Thal gewährte. Jenseits desselben lag, von tausend farbigen Lampen geschmückt, Ibarra's Schloß. Die Accorde brausender Musik schwammen Lust und Neid erregend herüber, und das Auge der nächtlichen Wanderer konnte unterscheiden, wie just in demselben Augenblicke sich der prächtige Fackeltanz durch die Gärten des Palastes wand, wie ein feuriges, immer neu verschlungenes Band. Ignacia sank als wie vernichtet an die Brust der Freundin, deutete nach dem hochlodernden Hochzeitreigen und stammelte: »Blicke dorthin, Eugenia, und begreife meinen Schmerz. In jenen Blumengebüschen lernte ich den kalten Mann kennen, der meine Seele unterjochte. Dort war die Wiege der verschwiegensten aber verzehrendsten Liebe, und heute beleuchten jene Flammen ihr düsteres, hoffnungsloses Grab. Weiche nicht mehr von hinnen, lasse mich hier, gerade auf diesem Flecke sterben, laß mich vergehen vor jenem unheilvollen Bilde.« -- »Nicht doch, traute Schwester: lebe, begeistere Dich in jenem Anblick zur Vergeltung. Geh' in den Kampf mit dem hartherzigen grausamen Mann, der Dein Herz mit Füßen trat. Wage es, zu rauben, was Dir gutwillig nicht geschenkt wurde, das eitle Kind zu verdrängen, das Dir gefährlich wurde. Folge noch wenige Schritte dem weisen Meister, der uns die erfahrene Hand bietet, und Du wirst Deinen Kummer gelindert, den Heißgeliebten in Deinen Armen, die unreife Nebenbuhlerin im Staube sehen.«

Ein lautes schmerzliches Ach entriß sich dem Busen Ignacia's. Rache, wonnevolle Rache winkte ihr. Die auftobende Leidenschaft bezwang die Thräne, und riß die Zögernde unwiderstehlich mit sich fort. Obrego näherte sich der finstern waldigen Schlucht, stieg mit sicherm Fuße über rauhes Gestein und mosige Abhänge hinunter, strich mit sicherer Hand über die Büsche zu seiner Seite, und streute schillernde Glühwürmer auf den unwegsamen Pfad, so daß die angstvollen Frauen selbst da, wo die dichteste Finsterniß herrschte, seine Spur nicht verlieren konnten. -- Sie kamen immer tiefer, einem rauschenden Bache entgegen, der in den Grund der Schlucht fiel, und standen endlich auf einem Platze, einsam und verschwiegen, rings umgeben von ragenden Bäumen, aber bestrahlt von der Mondesscheibe, die sich in dem reißenden Waldbache spiegelte. Auf einer kleinen Erhöhung ragten verkrüppelte Sträucher, und über dieselbe her fiel ein dichtes Gewebe von Weinranken mit breiten Blättern. Darunter stand aber das alte Heidengrab, verwittert, bemoost, einem zerbröckelten Felsen nicht unähnlich. -- Obrego winkte seinen Begleiterinnen Stillschweigen, hieß Eugenia unbeweglich stehen bleiben, und ergriff Ignacia's marmorkalte Hand, sie an das Grab hinzuführen. Starr vor Ahnung und Entsetzen folgte ihm das verblendete Weib, und lehnte sich an die mosigen Steine, während Obrego einen Becher aus dem Mantel, einen Dolch aus dem Gürtel zog, beides mit feierlicher Geberde auf die Deckelplatte des Grabes legte, sich dann mit ausgebreiteten Armen darüber bückte, und unverständliche Worte wie einen heißern eintönigen Gesang in die Spalten des Deckels raunte. Hierauf sagte er mit sträubendem Haar zu Ignacia: »Das Werk beginnt, die Stunde ist günstig. Hüte Dich aber, Weib, in Deiner Angst zu beten. An dem verfluchten Orte tödtet Dich jede Formel Deiner Kirche, denn andere Mächte walten hier als in Euren Tempeln.« -- Bei diesen Worten raschelte aus dem Laube ein Ungethüm am Grabe herauf, und legte sich breit auf dasselbe. Ein Schlangenkopf starrte durch die Dämmerung mit grünfunkelnden Augen, geschmückt mit goldener Krone und hellrothen Ringen. Elektrisches Feuer zitterte auf dem Rücken der Schlange unaufhörlich auf und nieder, und der Schweif dehnte sich bald um das ganze Grabmal, bald rollte er sich um die Ranken der gebannten Rebe, und zog sie nieder, so daß wunderliche schwarzglänzende Trauben vor Ignacia's Augen hingen, und sich, gleich wie freiwillig, dem Messer Obrego's darboten. Der Zauberer hielt von ihnen eine reiche Erndte, und preßte unter steten Verwünschungen ihren Saft in den Becher. Endlich ließ die Schlange die Rebe wieder in die Höhe schnellen, und ringelte sich auf dem Grabmale zusammen. Da hieß der Beschwörer Ignacia beide Hände auf den Becher legen, und murmelte mit erstickter Stimme: »Bei dem Fluche, der an diesen Steinen haftet, weihe ich den, der diesen Trank genießt, zum ewigen Sclaven und gebundenen Knecht des Weibes, das ihn liebt, und mit dem eigenen Blute den zauberhaften Bund erkauft.« Er ritzte mit dem scharfen Stahl Ignacia's Arm, so daß ein Purpurstrom in den Becher floß, und sich mit dem Saft der Trauben vermischte. Ignacia fühlte kaum den Schmerz; das rieselnde Blut machte ihr Herz leicht, und wie ein berauschender Duft stärkten die Worte Obrego's ihr Haupt. Er fuhr fort, den Trank mischend: »Wer diesen Trank genießt, sey diesem Weibe eigen, und nur der Tod mache sie beide frei. Kein Segen, kein Lösungsspruch helfe gegen dieses Band, so lange beide hier am Heidenstein Verlobte die Augen offen haben; denn nicht umsonst versucht man die finstern Mächte, und selbst über dieses irdische Leben hinaus vergelte ihnen mit ihrem unsterblichen Theil diejenige, welche diesen Zauber vollbracht. Dafür gehöre ihr der Mann ihrer Lust, sey es, daß Welttheile, daß Meere sie trennten, und vergessen müsse er, was er je geliebt, verachten jedes Band, das er je geknüpft, um dem Banne zu gehorchen, dem er unterthan geworden.«

Ignacia zuckte auf, und stieß einen Laut des Schreckens aus; die Schlange hatte sich eiskalt um ihren Arm gerollt und leckte gierig die zerstreuten Purpurtropfen, bis Obrego ihren Rücken mit dem Dolch berührte, worauf sie von der schönen Beute abließ, und raschelnd im Gebüsch verschwand. Ignacia's Wunde blutete aber nicht mehr und Obrego führte die Zitternde mit geheimnißvollem Wesen zur Freundin zurück, die mit einer langen Umarmung die Wiederkehrende empfing. Sodann schritt Obrego wieder voraus, den Becher sorgsam bergend, und ohne einen Laut, aber sehr ermüdet, gelangten die Damen in Kurzem auf die Anhöhe. Das Hochzeitleben auf Ibarra's Schloß war noch nicht zu Ende. Noch schimmerten allenthalben die bunten fröhlichen Lampen, aber, ihren Glanz zu beschämen, begann das prächtige Feuerwerk, die Krone der Tageslust. Donnernder Knall ringsum, Raketen, himmelhoch steigend, gleich jauchzenden Glücksherolden, flammende Girandolen, tanzend und drehend in bunten Farben, aufrauschende Sonnen, sprühend und flackernd, wechselnd in Strahlen, Farben und Blitzen, Blumensträuße riesengroß emporspringend aus feurigen Vasen, brennende Rosen und blaue Hyazinthen hinmalend an das dunkle Firmament, Namenszüge von Feuerdiamanten, aufsteigend durchs Meer der Lüfte, und an ihrer Seite große Silberballen, emporschießend, lautlos die Gegend erhellend, wie eben so viele steigende Monde. Ein Regen von hellfunkelnden Sternen, der aus einer hochaufgeschleuderten Feuerkugel herabfiel, und das wunderliche Feenschauspiel schloß, beleuchtete die Heimkehr der Frauen. Obrego schlich sich jedoch nach Ibarra's Schloß, um das Siegel auf sein Werk zu drücken, den verhängnißvollen Trank zu credenzen.

Schon verließen -- lang nach Mitternacht -- die meisten Gäste auf Pferden und Wagen das Schloß; die übrigen suchten die angewiesenen Zimmer. Das Landvolk verlief sich, der Schwarm der Diener trieb sich unordentlich umher. Mehrere von ihnen, in reicher Livree, goldene Leuchter in den Händen, stiegen vor dem Brautpaare die blanken Treppen hinan, Donna Manuela in ihr Gemach zu begleiten. Die arme Kleine, ermüdet von des Tages Festlichkeit, erliegend fast unter den kostbaren Gewändern und dem schweren Schmuck, ging auf des Bräutigams und des Vaters Arm gestützt. An der Schwelle ihrer Gemächer empfingen die Zofen das holde Kind, und ehrerbietig neigte sich vor ihm Don Mariano, küßte ihm die Hand, und wünschte ihm eine zufriedene, engelbewachte Nacht. Der greise Ibarra segnete den Schlummer seiner Tochter, und diese sprach, mit der Müdigkeit kämpfend, wie mit der Wehmuth: »Ihr reiset also morgen, liebster Mariano? Wie gräßlich lang wird mir die Zeit werden, da Ihr abwesend seyd! Doch hoffe ich, daß Ihr Eure gehorsame Braut morgen nicht ohne Abschied verlasset. Ich rechne fest darauf, Euch noch einmal zu sehen.« -- Mariano bückte sich und versetzte mit Zierlichkeit: »Gewiß, Donna Manuela. Schlafet ruhig, und brecht Euch nicht eine Minute vom Schlummer ab. Euer unterthänigster Diener wird Eures Befehles gewärtig seyn.« -- »So ist's, mein Kind,« versetzte auch Ibarra: »wenn es sich ziemte, so würdest Du Deinen Bräutigam bis Valencia begleiten; doch schickt sich's mehr, daß Du in Einsamkeit zurückbleibest, nachdem Du ihm morgen Dein Lebewohl gesagt.« -- »Auf morgen denn!« rief Manuela; »auf morgen!« antworteten Vater und Bräutigam, und alle gingen nach ihren Schlafgemächern. -- Auf seinem Zimmer, das, im Erdgeschoß gelegen, seine offenen Fenster nach den Jasminbüschen des Gartens kehrte, ging Mariano noch einigemal voll Unruhe auf und nieder. Es quälte ihn, die kindliche Braut verlassen zu müssen, und seine Seele wünschte sich mit einem Sprunge jenseits der paar Jahre, die er in fremden Ländern verbringen sollte, der Blume entsagend, die indessen im stillen Klostergarten für ihn zeitigen würde. Er verwünschte das Fest mit seinen Zerstreuungen. Er beklagte, einen Tag verloren zu haben, den er, allein mit Manuela, in Freude und Zärtlichkeit verleben hätte können. Jedoch, der Reise gedenkend, verscheuchte er die sorglichen Betrachtungen, und warf sich auf's Lager, nachdem er den Diener weggeschickt. Eine Lampe hing in dem Gemach, auf dem Tische neben dem Bette standen Erfrischungen. Eine Krystallflasche, mit dunkelrothem Safte gefüllt, reizte seinen Gaumen. Erhitzt, wie er war, lechzte er nach Kühlung, nach Sorbet, nach eiskaltem belebendem Trank. Er füllte die silberne Schale mit der purpurnen Flüssigkeit, er trank; ein Schauer überlief seinen Körper, nachdem er die Schale geleert, der sich jedoch bald in die angenehmste Wärme auflöste. Noch ein Rest des wohlschmeckenden Getränkes blinkte in der geschliffenen Flasche. In dem Taumel des Entschlummerns griff er nach dem Reste, schlürfte ihn gierig hinab, und versank augenblicklich in so festen Schlaf, daß er es nicht hörte, wie die Flasche seiner Hand entglitt und klirrend am Boden zersplitterte.

 

4.

Mariano's Diener, in der ersten Frühe erwacht, schlenderte durch den Garten, um nach den Ställen zu gehen. Der ehrliche Jose sah mit Verwunderung, wie sein Herr, völlig wach und angekleidet, in seinem Zimmer handthierte, und an das Fenster kam, um Luft zu schöpfen. »Gott segne Euern Tag, Sennor,« sagte der Diener ehrerbietig, und Mariano versetzte lebhaft: »Gut, daß Du bei Handen, Jose, eile, die Pferde zu zäumen, denn noch in dieser Stunde will ich fort.« -- Jose schüttelte den Kopf bedenklich und meinte, es sey noch früh, und Alles schlafe im Hause, den alten Herrn nicht ausgenommen, und auch nicht Donna Manuela. -- »Was kümmert das mich? Was geht es Dich an?« schalt Mariano, mit einem ganz absonderlichen Blicke, den Jose früher niemals an ihm wahrgenommen. Der Diener widerstand nicht mehr, und ging, den Auftrag zu verrichten. -- Mariano verschränkte dagegen sinnend die Arme, rieb sich zu wiederholtenmalen die Stirne und murmelte vor sich hin: »Ist mir's doch wie ein Traum! Der gestrige Tag … fast unbegreiflich, wie ich mich dazu hergeben konnte! Wie schnöde, wie zudringlich, wie eigensüchtig Alles um mich her! Und ist es denn wahr, daß ich mich gestern am Altar des Herrn vermählte? Alle Heilige mögen mir beistehen in dieser unerklärlichen Verblendung. Was hast Du gethan, Mariano? Wie grausam ist das Erwachen aus einem mondenlangen Taumel! Doch will ich fort, schnell von hinnen, das wird mir für's Erste gut thun.«

Er sah Jose von Ferne wiederkehren, und eilte voll Ungeduld dem Diener entgegen, den Federhut auf dem Kopfe, Mantel um die Schultern, Degen an der Seite, gerüstet zum schleunigsten Abzug. -- »Die Rosse stehen bereit,« sagte Jose schüchtern, und Mariano schritt voran gegen die Ställe, als könnte er die Abreise nicht erwarten. -- Ein schläfriger Knecht hielt die prächtigen, mit schimmernden Decken verzierten Gäule. Mariano schwang sich schnell auf den Seinigen, winkte Jose ein Gleiches zu thun, warf dem gaffenden Knecht einen Quadrupel in die Mütze und sagte schneidend: »Einen Gruß an den Herrn des Hauses. Er möge tausend Jahre leben und meiner gedenken, wenn er mich auch nimmer wiedersieht!« -- Hierauf drückte er dem Pferd den breiten Sporn in die linke Seite und jagte zum Gitterthore hinaus, ohne sich umzusehen, ohne den Hut zu schwenken, ohne das Schnupftuch wehen zu lassen gegen die Fenster, hinter deren Vorhängen sein Liebchen schlummerte. In scharfem Ritt gieng es die Höhe hinunter, unter den bethauten Schatten der Maulbeerbäume durch, und Roß und Reiter athmeten hoch auf, als sie die Ebene gewonnen hatten. »Ihr habt's eilig, Sennor,« bemerkte der schnaufende Jose, sein Pferd anhaltend. -- »Was beliebt?« fragte Mariano, ebenfalls stillhaltend, und drehte das finstere Gesicht gegen den Diener. -- »Bei meinem Heiligen!« fuhr Jose fort: »wie konntet Ihr's über's Herz bringen, die Perle Eurer Seele ohne Abschied zu verlassen? Lieber hätte ich noch einen Tag zugegeben, wäre ich an Eurer Stelle gewesen.« -- »Einen Tag? Nicht eine Stunde, nicht einen Augenblick!« entgegnete Mariano wild und heftig: »Du bist blind, Jose. Du hältst für Gold, was nicht eine taube Muschel werth ist. Ja …« setzte er mit einem tiefen Seufzer hinzu: »wer mir sagen könnte, wie alles dieses sich begab! Täuschung ist unser Loos. Nichts mehr davon; laß Dein Pferd ausgreifen, nur zu Valencia, nur auf dem Schiffe werde ich ruhig seyn.« -- Von Neuem rannte Mariano blind aus, und jagte plötzlich rechts in eine Seitenstraße. »Hoh, hoh! Wohin, Sennor?« schrie der Diener, und spornte in der Angst seinen Gaul querfeldein wie der Herr, und nahm ihn in die Flanke, und hielt mit starker Hand den Zügel von Mariano's Roß. »Was habt Ihr denn vor? Könnt Ihr nicht mehr dem tollen Murad gebieten? Umgekehrt: lieber Herr; auf der Heerstraße geht's nach Valencia.«

Mariano starrte den Gefährten an, ohne ein Wort zu sprechen, und ließ sich geduldig zurückbringen. Der schnaubende Murad folgte wie ein Lamm. Der sorgliche Jose, der nicht recht wußte, wie ihm und seinem Herrn geschah, ließ Murad's Zügel nicht los, und rief mit einigem Unmuthe: »Was kam Euch denn zu Sinne, Sennor? Ihr seyd zerstreut, Ihr gleicht, mit Respekt zu sagen, einem Nachtwandler am hellen Tage. Dort sind die Thürme der Stadt; was wolltet Ihr auf dem Landhause der Donna Ignacia? So viel ich weiß, steht Ihr mit der Dame nicht im besten Vernehmen. Wolltet Ihr Euch mit ihr versöhnen, weil Ihr über's Meer geht?« -- »Keinen Spott!« herrschte Mariano dem Begleiter zu, dessen Lächeln sich schnell in stummen Ernst verwandelte: »Versöhnen, sagst Du? Mit Donna Ignacia? Beim Lichte besehen, hab' ich keinen Groll gegen sie. Ich habe ihr Unrecht gethan. Sie hat es wohl gut mit mir gemeint. Ich war ein blöder Thor, daß ich's nicht einsah.« -- »Seltsam!« meinte Jose, während die Pferde im Schritte gingen: »sie meinte es gut mit Euch, als sie Euch in ihr Netz locken wollte? Die unersättliche Dame ist ja der Schrecken aller Weiber von nah und fern. Wollte sie nicht Eure Liebe stören? Gab sie nicht in Don Ibarra's Schlosse Aergerniß durch die Blicke, die sie Euch zuwarf, die Schmeicheleien, die sie Euch spendete? Wart Ihr nicht selbst so empört, daß Ihr sie keiner Antwort mehr würdigtet? Verbranntet Ihr nicht im gerechten Zorn die zärtlichen Briefchen, die sie Euch durch den kupplerischen Ponce schickte? Wahrhaftig, Donna Manuela würde sich zu Tode geweint haben, wenn sie alles gewußt hätte.« -- »Manuela ist ein Kind, ein unreifes Kind,« versetzte Mariano mürrisch, und verwendete, obschon die Pferde gen Valencia gingen, kein Auge von Ignacia's Villa; »ich bin zu spät zur Erkenntniß gekommen; alles ist jetzt verdorben. In meiner Jugend kräftigster Blüthe sehe ich mich an ein Kind gefesselt, unter der Vormundschaft eines eigennützigen alten Mannes, nach dessen Willkür ich mich bewegen soll; reisen, wann es ihm beliebt, wiederkehren, wann es ihm gefällt. Wer bürgt mir dafür, daß ich, aus fremden Ländern kommend, nicht eine verwelkte Pflanze finde, wo ich eine Rosenknospe erwarte? Vergilt mir dann der schnöde Reichthum, das Erbe eines Vaters, der vielleicht Methusalems Alter erreicht? Für die Hoffnung auf trügerische Schätze habe ich wahre Liebe hingeworfen. Jener Landsitz … Sieh, wie er von der Höhe herabwinkt … Ist er nicht schöner, als das Schloß des Krämers Ibarra? Ignacia nicht tausendmal lieblicher als die aufgedrungene Braut? Jose, Dein armer Herr ist der Unglücklichste aller Menschen, die da leben. Zerrissen mein Herz, abgestoßen von den Menschen, die mich bestrickten, hingezogen, unerklärlich hingezogen nach jenem Orte, wo die Heimath meiner Liebe, die Heimath meines Lebens ist! Wahrlich, Jose, ziehe Deine Hand nicht von meines Pferdes Zügel zurück, ich wäre im Stande, alle Schranken zu durchbrechen, die sich meinem Verlangen entgegenstemmen. Schnell voran! Laß uns munter dahin traben, daß ich meinen Gedanken, meinen Begierden entfliehe.« -- Und der treue Begleiter erbebte im Innersten vor den Worten des Gebieters, und sein beschränkter Sinn zitterte für den Verstand desselben. »Ein tolles Geschlecht, das der vornehmen jungen Leute!« brummte er vor sich hin: »sie sind von der Wiege an vom Glücke dergestalt übersättiget, daß ihnen ein Jammer dünkt, was unser Einem wie ein Paradies vorkommen würde. Die paar Jahre, die er warten muß, seine Rose zu pflücken, scheinen ihm eine Ewigkeit. Vielleicht aber thut ein kühles Seebad bei dem gereizten Herrn seine Schuldigkeit.« Mit einem Stoßgebet an alle Heilige und Nothhelfer ritt Jose mit dem Herrn in Gottes Namen vorwärts, und kein Wort wurde mehr zwischen beiden gewechselt, bis sie nach Valencia kamen.

 

5.

Die Nächte des Schmerzens sind minder quälend als die der Erwartung. Ignacia's weiches Bett war ein Dornenlager gewesen, die Begebenheiten des Abends schwebten wie ein verworrner Traum vor der aufgeregten Seele des Weibes, aber helle Flammen schlug darunter die Leidenschaft, die schmachtende Sehnsucht, der peinigende Zweifel, ob auch der böse Geist sein Versprechen halten, den Mann verbrecherischer Gier an ihren hochwallenden Busen schleudern würde. Alles schlummerte im Hause, aber Ignacia wachte, und lauschte jedem Geräusche, und zählte die Pulsschläge ihres Herzens, und hielt sein ungestümes Klopfen nicht selten für die Schritte des Bezauberten, welcher käme, seinem Bann genug zu thun. Eitle Erwartung! Der Sand verrann, Korn auf Korn, und der Zauber zögerte noch mit der Erfüllung. Am frühen Morgen enteilte Ignacia hastig ihrem Gemach, warf sich in die Arme der Freundin, und weinte, tobte, verzweifelte dann im dumpfen Klagen, schalt Obrego einen Betrüger, fluchte den unterirdischen Mächten, die sie in ihre Kreise gezogen, klagte den Himmel an, daß er sie verlassen, ohne ihr hienieden Ersatz zu geben für die verlorne Seligkeit. Eugenia tröstete, wie sie vermochte, der zauberische Knecht mußte Rede stehen, und grollend sagte er: »Ich will ewig verflucht seyn, wenn ich noch einmal den eiteln Forderungen der Weiber nachgebe. Ihr verdorbenes Blut gleicht dem rasenden Meere, das nicht den Augenblick erwarten kann, sein Opfer zu fassen. Glaubt Ihr, daß nur so viel Zeit, als man zu einer zügellosen Schäferstunde braucht, dazu gehöre, eines Menschen unbefangenes Herz zu wenden? O so lasset lieber des Zaubers Geheimnisse ruhen, und sendet Eure Kuppler auf den Landstraßen aus, damit sie dort sich nach Gespielen umsehen, die Eurer Lust genügen. Von mir erwartet nicht ferner irgend eine Bemühung zu Euren Gunsten.« -- Eugenie versuchte, dem hochfahrenden Schwarzkünstler mit Stolz entgegenzutreten, und drohte mit dem Arme geistlicher und weltlicher Macht. Obrego grinste jedoch höhnisch und versetzte: »Geht nur hin, Sennora, und zwingt mich, eine Liste der Heldenthaten zu entwerfen, die ihr in's Werk gesetzt. Sie würde Euch bittere Früchte bringen, während der Kardinal hinlänglich mein Freund ist, um mir das Haupt kühl zu halten. Ihr wisset, was mich an Euch bindet, zerreißt das lockere Band nicht!« Eugenia erblaßte, und Obrego fuhr fort: »Scheltet auch nicht meine Kunst: sie ist untrüglich. Mariano hat den Kelch getrunken, ich sah es mit an. Er wird und muß dem Zauber genügen; er wird's, ehe der Mond wieder am Himmel steht. Nicht nur die Börse voll Gold, die mir Donna Ignacia gegeben, sondern auch meinen eigenen Kopf setz' ich dafür ein. Ich will statt der Sennora des Teufels werden, wenn ich log. Nur gedulde sich die feine Donna. Für den Lohn, den sie hofft, ist das bischen Unruhe und die Ermahnung eines verachteten neuen Christen nicht zu theuer erkauft. Die Sterne haben ihren Lauf, und ändern ihn um eines Weibes Willen nicht.«

Er ging zur Thüre hinaus, und im Hofe wurde Getümmel hörbar. Rosse trabten in den gepflasterten Raum, Peitschenknall und Schellenklang tönte durch die Colonnaden, der plätschernde Fall des Springbrunnens wurde gedämpft durch das Rufen vieler Stimmen. Feurige Röthe überzog Ignacia's Gesicht, noch vor einem Augenblick so bleich. Eugenia's Herz fühlte sich zusammengeschnürt von Ahnung der Dinge, welche kommen sollten. »Mariano!« seufzten beide, lauschend und an den Boden gespannt: »Obrego hat wahr gesprochen; er naht durch die Gewalt der Liebe!«

Ein Diener erschien auf der Schwelle des Gemachs, und meldete die Ankunft der Brüder Ignacia's. Bittere Enttäuschung folgte der wonnevollen Aufregung. »Meine Brüder?« stammelte Ignacia, auf das Ruhebett sinkend, und Eugenia rief mit Unwillen: »Das ist ein böser Tag! Gib mir Gift, Ignacia; nur zwinge mich nicht, die edeln Herren zu sehen. Fasse Dich, mein Täubchen, denn der Besuch verkündigt schwerlich Gutes. Empfange die würdigen Herren; doch erlaube mir, daß ich mich fern von ihnen halte. Ich hatte mich nie ob ihrer Höflichkeit zu beklagen, und ziehe vor, die leeren Wände anzugähnen.«

Der Diener kam abermals, meldete die Ankömmlinge. Ignacia raffte sich zusammen, und schritt nach dem Saale, wo die Brüder ihrer warteten. Die beiden Herren traten ihr nur einige Schritte entgegen, und Don Barnabas, der ältere, grüßte nachläßig mit aufgeworfener Oberlippe, die Linke auf dem schweren Degengriffe wiegend, während seine Rechte wohlgefällig mit dem Knebelbarte spielte. Der jüngere Bruder, Don Melchior, ein Prior des Karthäuserordens, mit glattem, rosenrothem Antlitz und wohlbeleibt, bewegte nur seine Hand leicht nach dem Käppchen auf seinem Haupte, und streckte sie dann der Schwester zum Kusse entgegen. Mit widerstrebender Seele küßte Ignacia sowohl die Fingerspitzen des Priors, als die Wange des Ritters. Der letztere führte sie bedächtlich zu einem Sessel, und begann mit höfischer Gravität: »Ihr staunt, Ignacia, uns hier zu sehen, ohne daß ein Bote uns angemeldet hätte. Der Weg von Madrid ist weit; aber die Bruderliebe und unsere Sorge für den Glanz des Hauses scheuen nicht den Staub der Heerstraße, noch die verzehrende Sonnenhitze. Wir haben nicht vor, Euch lange zur Last zu seyn; beruhigt Euch hierüber.« -- »Ich weiß, was ich meinen Herren Brüdern schuldig bin,« erwiederte Ignacia mit kalter Höflichkeit. Der Prior sah bedeutend seinen Bruder an und sprach leicht hingeworfen: »Diese Versicherung schließt den Erfolg unseres Besuches in sich. Ich freue mich, Donna Ignacia, Euch so frisch und gesund vor uns zu sehen. Das Gerücht, nicht Eure Briefe, denn Ihr schreibt uns nie, hat Euch krank gesagt. Doch habt Ihr von der Fülle Eures Leibes nichts verloren, und die zarte Blässe Eurer Wangen steht Euch vortrefflich an. Der Wittwenstand ist Euch vortheilhaft; das Grab Eures Gemahls verschließt nicht alle Eure Freuden? Man erzählt sich so viel von Euch, aber nimmer, daß Ihr eine Büßerin geworden. Nun, nicht jedes Weib ist zur Nonne geboren, und auch der Lilie muß ihr Recht geschehen. Seyd mir gegrüßt, meine schöne üppige und freundliche Schwester.«

Die leichtfertige Sprache in dem Munde des Mönchs befremdete sogar das leichtfertige Weib. Ignacia reichte zerstreut den Brüdern die Chocolade, und fragte mit scheinbarer Gleichgültigkeit nach dem Beweggrund ihrer Reise. Don Barnabas begann nach einigem Besinnen: »Ihr wißt vielleicht, daß der König, unser Herr, seit kurzer Zeit mich, den unwürdigsten seiner Diener, ausgezeichnet hat. Gott hat zugelassen, daß ich das Haus meiner Ahnen zur höchsten Ehre bringen mag. Die Gunst des Königs hat unsern Wappenschild mit neuen Feldern bereichert, eine Grafenkrone darauf gesetzt. Der erste Orden der Christenheit funkelt auf meiner Brust, mir theurer noch als die Gnadenkette, womit unser Herr mich beschenkte. Unser geliebter Bruder hat nicht minder seinen Antheil an der Glorie seines Hauses; königlich ausgestattete Präbenden wurden ihm verliehen, der Gesandte unsers Herrn unterhandelt beim heiligen Stuhle um eine leuchtende Belohnung seiner bescheidenen Verdienste. Wir wollen aber nicht, daß unsere geliebte Schwester leer ausgehe in dieser Zeit der Gnade, und kommen, Euch zu bitten, Donna Ignacia, der Hauptstadt Eure Gegenwart nicht länger zu entziehen. Euer Glück ist gemacht, sobald Ihr wieder daselbst erscheint.« -- Ignacia horchte schweigend und überrascht, und der Prior fuhr statt des Ritters fort: »Es ist kein Grund vorhanden, weßhalb Ihr Euch weigern solltet. Don Luis, der plauderhafte Wüstling, der Euern Wandel so unbarmherzig verläumdete, ist, Dank unserm Bemühen, aus dem Wege geschafft. Fortan sey nicht mehr die Rede von ihm, aber wohl strahle Eures Leibes Herrlichkeit wie eine aufgehende Sonne im goldenen Kreise des königlichen Hofes. Donna Ignacia, Ihr seyd zu hohen Dingen ausersehen. Eure Hand vermag den Segen zu verdreifachen, der gleich dem Manna des Himmels auf unser Geschlecht fiel. Unser Herr, der König, hat Euer Bildniß gesehen, es drängt ihn, in der süßen Wirklichkeit diejenige zu schauen, deren Liebreiz ihn im schwachen unvollkommenen Gemälde entzückte. Ungestüm, wie er ist -- Gott erhalte ihn noch lange -- hat er uns abgesendet, mit leisem Winke zwar, doch ist sein Wink schon ein göttliches Gebot, die schönste Blume Spaniens in seinen Garten zu verpflanzen.«

Ignacia erhob sich schnell mit unwilliger Geberde und rief, kaum ihrer Entrüstung Meister: »Wie? der König, der zügellose Mann, dessen Leben nur eine Kette von Abenteuern ist, wovor meine Wange roth wird, der bejahrte, bleiche und entnervte Mann der Wollust begehrt nach mir? Und meine Brüder lassen sich zum Kupplerdienste gebrauchen, ein Graf und ein Würdenträger der heiligsten Kirche?« -- Don Barnabas runzelte die Stirne, und der Prior versetzte mit spöttischer Anspielung: »Ihr seyd eine wackere Komödiantin, Donna Ignacia, was hättet Ihr gethan, das nicht noch zehnmal schlimmer wäre, als was wir von Euch fordern? Wie oft habt Ihr die Rache und Strafe Eurer Brüder herausgefordert, um Euern Lüsten zu genügen, und weigert nun, was sie von Euch verlangen zur Ehre unsers alten herrlichen Geschlechts?!« -- »Was ich je gethan, geschah aus freier Willkür, nach der Neigung meines Herzens,« versetzte Ignacia zürnend: »dem Zwang füg' ich mich nicht, und wenn's ein König wäre, der mir ihn anthun will.« -- »Unsinnige!« polterte Don Barnabas mit drohender Bewegung: »wähnst Du, mündig zu seyn, den Freibrief einer Matrone zu haben, weil Du den Gemahl durch Deine Unehre um's Leben gebracht? Wir geben unsere Vatergewalt nicht auf, und lassen Dir keine Wahl; folge uns auf der Stelle.« -- »Nimmermehr! Ich kann jetzt nicht von hier. Heute gilt's das Glück meines Lebens. Ich habe es theuer bezahlt, reißt mich jetzt nicht von diesem Orte!« -- »Das Weib ist wahnsinnig!« betheuerte Don Barnabas mit einem Schwure. Ignacia fuhr leidenschaftlich und beinahe schreiend fort: »Ich gehe nicht mit Euch, nun und nimmermehr. Von hier in die abgezehrten Arme des gekrönten Sünders? Welch ein Loos!« -- »Die schönsten jungen Leute bilden des Königs Leibwache,« sprach der Prior mit dem Lächeln eines Fauns: »Ersatz wird leicht.« -- »Schande über Euch! Eher tödtet Ihr mich, als daß ich einwillige.« -- Der Prior nahm sie lächelnd in seinen Arm, berührte ihren Busen, und sprach: »Wie Schade, diese Brust zu durchbohren, die Ihr von der Göttin der Schönheit geerbt. Unser Stammbaum hat noch niemals ein reizenderes Weib gezählt. Nicht mit Dolchen werden wir Deinen Gehorsam erzwingen. Eine sanftere Gewalt genügt bei dem schwachen Weibe. Euren Starrsinn befürchtend, geliebte Schwester, haben wir bereits alle Anstalten getroffen. Eure Maulthiere werden aufgezäumt, Eure Sänfte ist gerüstet. Widerstrebt nicht unserm Befehle, es würde zu nichts helfen, aber segnen werdet Ihr einst den Zwang, den wir in dieser Stunde anwenden. -- Ignacia suchte, sich verzweifelnd wehrend, nach dem Stilet; sie trug es nicht bei sich. Ihr Klagegeschrei erfüllte das Gemach, als Don Barnabas sie rauh bei der Hand ergriff, und in die Worte ausbrach: »Wir wissen wohl, wer Euern Sinn mit teuflischer Kunst berückt. Eugenia, das Weib der Schande, befindet sich hier. Sie und ihr verfluchter Knecht, der längst verbrannt seyn würde, hätte er nicht die Gicht des Kardinals geheilt, schüren Eure verbrecherische Glut, spornen in Euch den Geist der Widersetzlichkeit. Sie wag' es jedoch, in unsern Weg zu treten, die Unzüchtige, die Giftmischerin! Vor ihren Augen werden wir thun, was unser Recht ist, und was unsere unwiderruflich gefaßten Entschlüsse fordern. Kein Laut mehr, kein Widerstand! Du bist des Todes, wenn Du uns nicht in der Minute folgst.« -- Die Brüder rissen ohne Erbarmen die Verzweifelnde von dannen, die mit Wehmuthslauten nach Eugenia rief. »Anstand! Beobachtet doch den Anstand, Donna Ignacia, in aller Heiligen Namen!« raunte der Prior in Ignacia's Ohr, während Don Barnabas einen Schleier über ihr Antlitz warf. Rasch und stürmisch zerrten die Entführer ihre Beute nach dem Hofe, wo der Reisezug in Bereitschaft war, und Ignacia verließ wider ihren Willen das Schloß, ehe sie noch recht zur Besinnung kam. Eugenia und Obrego waren nirgends zu sehen.

 

6.

Als der Abend herangekommen war, glich das Landhaus Ignacia's einer verlassenen Wohnung. Nur in dem Vorhäuschen des Kastellans schimmerte ein Licht, und die Pforte war streng verschlossen. An die Pforte donnerte es jedoch heftig, so daß die wenigen Bewohner der Villa erschreckt emporfuhren, und der vertraute Kammerdiener Ignacia's das Amt des Kastellans auszuüben eilte. »Wer da?« fragte er keck durch das Gitterfenster: »Wer klopft so spät? Sollen wir denn heute gar nicht Ruhe haben?« -- Und eine Stimme antwortete von Außen: »Mache doch auf, ich erkenne Dich an der Stimme, Ponce, thue mir den Gefallen, und entriegele schnell die Pforte. Ich muß in's Haus, ohne Aufschub.« -- »Träume ich, oder ist es Don Mariano, der also redet?« fragte Ponce staunend Ignacia's Zofe, Rosa, die ihm Gesellschaft leistete, und Rosa erwiederte mit geheimnißvoller Wichtigkeit: »Ganz recht, lieber Ponce, das ist der Donna Manuela Bräutigam.« -- Ponce huschte an das Thor, öffnete dienstfertig, und beleuchtete mit steigender Verwunderung die Gestalt Mariano's, der, bleich wie ein Gespenst, schnell über die Schwelle trat, und Miene machte, ohne Wort und Gruß an Ponce vorüberzufliehen. Der Kammerdiener hielt ihn auf, und sprach zitternd: »Um der armen Seelen im Fegfeuer Willen! mäßigt Eure Heftigkeit, hochedler Sennor, ich vermuthe, daß die Reden des Don Ibarra Euch aufgereizt haben, und daß Ihr Euch bewogen gefunden, hieher zu kommen, um uns und unsere arme Gebieterin zu strafen. Aber Herr, wir sind unschuldig an dem verwünschten Gerede, und, der Himmel soll's wissen, Donna Ignacia nicht minder.« -- Mariano starrte den Sprecher mit großen Augen an, und versetzte dann: »Was soll das? Du bist verrückt, Ponce. Was redest Du von Ibarra, was von Eurer Unschuld? Ich will verwünscht seyn, wenn ich es verstehe. Führe mich aber zu Ignacia, zu lange zögerte ich schon.«

Ponce hielt den Ritter nur noch fester an dem Mantel, und fuhr ängstlicher fort: »Ich weiß nicht, was Ihr wollt, nicht woher Ihr kommt. Aber es ist gewiß, daß vor einer Stunde Don Ibarra hier war, daß Euer Diener Jose ihn hieher geführt, daß Häscher dabei waren, daß sie Euch suchten, und betheuerten, unsere Gebieterin hätte Euch verhext, und hielte Euch hier gefangen. Nun könnt Ihr aber selbst bezeugen, daß dem nicht so ist, und Ihr habt es wohl schon bezeugt. Aber schonet unser, Herr. Ich lasse mich darauf erwürgen, daß Niemand aus diesem Hause das Mährchen aufgebracht.« -- Diese Worte, statt den Ritter zu besänftigen, machten den verkehrten Eindruck, erbitterten ihn auf's Höchste; er zog den Degen, schleuderte den Kammerdiener einige Schritte von sich, und rief grimmig: »Was kümmert mich Dein Wahnsinn? Was kümmert mich Don Ibarra, der alte wunderliche Mann? Ich will nichts mehr mit ihm zu schaffen haben. Voran, elender Knecht, leuchte. Führe mich zu Deiner Herrin, daß meine Brust genese von ihren Schmerzen, daß ich endlich sie fasse, die Seligkeit, wonach ich eine Ewigkeit vergebens dürste!« -- »Heiligster Jesu! Er gedenkt die Sennora zu ermorden!« kreischte Rosa, die hinter Ponce auf den Zehen stand. Ponce fiel aber auf die Kniee, und jammerte: »O thut es weg, das blanke Eisen, schon von Kindesbeinen an bekam ich Krämpfe bei solchem Anblick; ich will's ja nimmer thun, will nimmer Liebesbriefchen tragen, will nimmer eines Brautpaars Ruhe stören. Schont mein unschuldiges Blut, denn auch ich bin verlobt mit Rosa, dieser schwarzäugigen Spitzbübin, die meinen Verlust nicht überleben könnte. Wenn Ihr denn doch von Eurem Grimm nicht lassen wollt, so suchet Euch ein anderes Ziel. Donna Ignacia ist nicht mehr hier; befleckt diese Stätte nicht mit einem Mord an unschuldigen Leuten!«

Ein Donnerschlag schien den wilden Mariano zu lähmen, er ließ den Degen sinken, rang die Hände in Verzweiflung, und klagte: »O ihr unseligen Menschen, warum belügt ihr mich? Warum verhehlt ihr mir diejenige, nach der ich mit der Liebe Wuth, nicht mit des Hasses Grimm strebe? Ignacia, verkannte, heißgeliebte Ignacia, dringt meine Stimme nicht zu Deinem Ohre? Ich gehöre dein, ich komme, um mit bittern Thränen mein Unrecht zu deinen Füßen zu bekennen, mit unerschöpflicher Liebesgluth es zu tilgen, und sie wollen mich schnöde von deiner Schwelle weisen?« -- Ponce und Rosa sahen sich bestürzt an, und stammelten nur neue Betheurungen, neue Entschuldigungen. Mariano fuhr aber heftiger auflodernd fort: »Es ist Lüge, was Ihr sagt. Ueberzeugt mich, führt mich, oder ihr sterbt auf diesem Flecke!« Mit dem hochgeschwungenen Degen jagte er den Diener und die Zofe vor sich her, die Treppe hinan, und zwang sie, ihm alle Gemächer zu öffnen. Allenthalben fand er Spuren der Verödung, und in dem traulichen Closett Ignacia's, das sich noch in dem Zustande befand, worinnen die Dame es verlassen, schwanden seine Zweifel, verließ ihn sein Zorn, um dem heftigsten Schmerze Platz zu machen. Von Thränen überströmt, gleich einem Rasenden, kniete er vor Ignacia's Lager hin, drückte die nassen Augen in die seidenen Decken, schluchzte und küßte, ohne abzulassen, die Vorhänge, die feinen Spitzen der Kissen, das Tabouret, worauf Ignacia gesessen, ihre Gewänder, die zerstreut umherlagen. Dazwischen rief er mit dem Ausdruck der Verzweiflung: »Wo bist du, reizende Huldin, welche dieses Heiligthum bewohnte? Wer sagt mir, wo du weilst? Wer, wo ich dich finde? Höre mich doch! Ich habe Alles verlassen, Alles aufgegeben, um dich zu erringen; den Sturm meiner Seele kannst du allein nur beschwören, zeige mir deine Spur, Einziggeliebte dieses heißen Herzens!«

Erschöpft schwieg er eine Weile, und in dumpfer Betäubung standen um ihn seine Begleiter, als er plötzlich mit neu gesammelter Kraft in die Höhe fuhr, und wie ein scheuer Verbrecher gleichsam im Selbstgespräche vor sich hinmurmelte: »Was frag' ich denn lange diese steinernen Klötze? Bedarf ich denn irgend eines Menschen auf dem Erdball? Alle Wege führen zum Tode, aber auch ein jeder zu meinem Glück. Ich will hinausfliehen in die Nacht, wie ich von Valencia floh. Ich werde mich nicht verirren, ich muß ja die Spur finden, wo ihr Fuß wandelte. Die Sterne am Himmel, die leise Schlange am Wege müssen mir sagen, wo sie sich verbirgt. Ich gehe ja zu Grunde, wenn ich mein Kleinod nicht entdecke. Platz, Ihr kalten Seelen! Laßt mich fort, jede Stunde tödtet, die ich ohne Sie verseufze!« -- »Er ist wahnsinnig!« flüsterte Ponce der Zofe in's Ohr. Rosa erwiederte aber: »Er ist verliebt, sag' ich Dir. Ach, wie schön ist solcher Wahnsinn! Ich möchte sein Liebchen seyn.« -- »Undankbare Kröte!« brummte Ponce, aber Mariano trat schnell vor Rosa, sah ihr durchdringend in die Augen, und sprach milde: »Du hast ein Herz, schöne Dirne. Du warst Ignacia's Dienerin. Mach mich glücklich. In Deinen Händen ist gewiß irgend ein Pfand Deiner Gebieterin, die ich liebe, wie noch nie eine Sterbliche geliebt wurde. Eine Schleife, ein Band, eine Nadel, die ihren Schleier zusammenhielt, einen Fächer, womit sie sich Kühlung zuwehte, … irgend etwas, das Kleinste, was ihr gehörte, gib es mir. Das Heiligthum soll mich leiten auf meiner Bahn, mich erquicken durch seinen Anblick. Aber geschwinde, denn die Zeit verrinnt, und ich fürchte, in Ibarra's Hände zu fallen, den ich hasse, den ich verabscheue.« -- Rosa blickte unruhig um sich, und reichte dem armen Mariano einen Handschuh Ignacia's, der auf dem Spiegeltische lag, den Mariano brünstig an den Mund drückte, und eifersüchtig wie ein leidenschaftlicher Dieb auf seiner Brust verbarg. Rosa setzte aber hinzu: »Mit solch überschwänglicher Liebe muß der Himmel seyn, Sennor. Eilt, wenn's möglich ist, meine arme Donna zu retten, die von ihren Brüdern nach Madrid entführt wurde.« -- »Nach Madrid? Wie weit von hier nach Madrid?« -- »Eine lange Reise, edler Herr!« meinte Ponce bedenklich. -- »Kinderspiel!« rief Mariano schnell entschlossen: »Aber ich bin zu Fuß viel zu langsam für meine Ungeduld. Ich habe Alles zurückgelassen, um Jose's unerträglicher Tyrannei zu entgehen; sie verstehen mich nicht, diese alltäglichen Menschen. Hast Du nicht irgend einen Klepper im Stall, Ponce? So arm ich jetzt bin, ich werde Dir es königlich lohnen. Du siehst, daß ich nach Madrid muß. Aber des Todes bist Du, wenn Du mich an Ibarra verräthst.« -- Ponce schwieg bedenklich, und wechselte fragende Blicke mit Rosa. Das Mädchen flüsterte ihm aber in das Ohr: »Gib ihm doch den kleinen schwarzen Wildfang, der im Stalle zurückgeblieben. Wir erleben noch das Aergste, wenn wir den liebekranken Ritter uns nicht schnell vom Halse schaffen. Ist er fort, so mögen ihm die Heiligen weiter helfen.« -- Rosa's Meinung entschied schnell die Zweifel ihres Geliebten, dem immer ängstlicher zu Muthe wurde, und er sprach zu Mariano: »Es soll seyn, edler Herr. Ich gebe Euch ein andalusisch Pferd, das an Schnelligkeit mit dem Winde eifert. Reitet dann mit Gott, ehe die übrigen Diener, die in den Schenken der Nachbarschaft zerstreut schwelgen, zurückkehren. Gut Ding will eilen. Unser herzlichster Glückwunsch begleite Euch, und wenn die Liebe Euch belohnt, so gedenkt in Huld des Dieners, der Euch die ersten Briefchen zutrug, und den Klepper lieh.« -- Wie ein Sturmwind flog Mariano die Treppe hinab, daß Ponce ihm kaum zu folgen vermochte; im Nu war der wilde Renner gesattelt und gezäumt, und trug den ungestümen Reiter mit gewaltigen Sprüngen durch das Thor in's Freie.

 

7.

Die Heerstraße nach Madrid war bald gewonnen; die schwachen Wolkenschleier verzogen sich und der Mond zeigte dem flüchtigen Reisenden den Weg. In Mariano's Brust kochte ein tobendes Meer, und die unbändige Wildheit seines Rosses stimmte vollkommen zu seinem aufgeregten Zustand. Eine Reihe von Maulbeerbäumen lief an der Straße hin. Das Pferd scheute vor den dunkeln Schatten, und auch Mariano stutzte schreckhaft, denn ihm zur rechten Hand erhoben sich Ibarra's weiße Schloßgebäude. »Verflucht, verwünscht in alle Ewigkeit!« knirschte er, und zwang mit mächtigem Sporendruck das Roß von der Straße abzugehen, setzte über einen breiten Graben und sprengte wie ein vernichtender Geist über Maisfelder und fette Wiesen, bis er ganz von der Richtung abgekommen, die der Heerweg nahm. Des Kleppers Kräfte schienen sich durch das tolle Jagen zu verdoppeln; er schien die wilde Hast des Herrn zu theilen, und gehorchte unverdrossen der harten, tyrannischen Faust, die ihn lenkte. An stillen, einzelstehenden Gehöften vorüber ging der schauerliche Ritt, so daß die Kiesel und Erdschollen an die Fenstergitter der Hütten flogen, und die aus dem Schlaf geschreckten Bewohner derselben in bitterer Angst das Kreuz schlugen und den Segen beteten. Also wogte und trabte das finstere Reitergespenst immer weiter und weiter, an Felsen und Hainen vorbei, die Hürden streifend, hinter denen die Schäfer mit ihren Widdern und Lämmern ruhten, über Bäche springend und schwimmend, die als Hindernisse und Schranken sich entgegenstellten, bis der Mond wieder vom Horizonte schwand und eine dichte Dunkelheit eintrat. Da blinkte ein weißer Strich durch die Nacht: eine Straße, die Mariano schnell erreichte. Am Saume des Weges fuhr plötzlich das Pferd zurück und schnaubte und stieg, und wollte nicht von der Stelle wanken. »Was ist's, Gesell?« fragte Mariano mit Angst und Ungeduld: »was ist, mein Pferd? Verletztest Du die Nüstern an einer stachlichten Aloe? Liegt eine Hexe hier im Wege, oder ist auf diesem Platze ein Mord geschehen?« -- Und von der Erde antwortete ein dumpfes Wimmern der barschen Frage. Mariano's Haar sträubte sich, aber bald verriethen sich menschliche Töne in der dumpfen Klage, und die Stimme am Boden jammerte: »Barmherzigkeit, unbekannter Cavallero, zertrete mich nicht. Hier liegt ein elender Mensch, der seine letzte Stunde erwartet. Laß mich in Frieden sterben.«

So ungestüm Mariano's Sinne tobten, so gern er um den Preis seines Lebens fünfzig Meilen Wegs von da gewesen wäre, -- dennoch sprach das Mitleid in ihm laut, und vermochte ihn, anzuhalten, und vom Rosse zu steigen. Ein Mann lag hingestreckt am Wege, geschüttelt von herben Schmerzen, und kaum vermögend, sich mühsam etwas aufzurichten. -- »Wer bist Du? Was fehlt Dir, armer Mensch? Kann ich Dir helfen? Sag' es schnell, denn ich habe keine Rast, und muß von hinnen.« -- »Ein gutes Werk hält niemals in der Lebensreise auf,« seufzte der Leidende: »Ihr würdet Euch eine Staffel in den Himmel bauen, höher als Valencia's Thürme, wenn Ihr mich unter ein Obdach bringen wolltet, wo ich ruhig den Geist aufgeben könnte. Es müssen Maiereien in der Nähe seyn, kaum eine halbe Legua von hier. Ladet mich auf Euer Roß, und Gott vergelte es Euch tausendmal in Euern Nöthen.« -- Eine wohlthuende Erinnerung aus den Knabenjahren tauchte in Mariano's Brust auf. Er gedachte des barmherzigen Samariters, und erklärte sich bereit, der Bitte des Unglücklichen zu willfahren. Da er sich nun aber niederbeugte, und eiligst Hand anlegen wollte, ächzte der andere: »Langsam, sachte, um des Gekreuzigten willen, das Blut rinnt mir noch vom Schädel, und meine Beine sind zerschmettert. Höllenschmerzen wühlen in mir, und der Nachtthau brennt wie Feuer in meinen Wunden.« -- Indem Mariano den Leidenden so sachte als möglich aufrichtete, und auf das Pferd zu bringen suchte, das wie eine Mauer stand, fragte er mit Sanftmuth und Theilnahme: »Wer hat Dich so zugerichtet, armer Mensch?« -- »Der Erzengel von Salamanca,« antwortete der Verwundete mit einem Seufzer, sank dann in sich selbst zusammen, während Mariano ihn auf dem Pferde festband, und ließ sich unter leisem Stöhnen weiter auf der Straße fortbringen. Der langsame Zug war dem Ritter nicht angenehm, aber dennoch zerstreute ihn die Sorge für den Mißhandelten, und dämpfte in Etwas die Gluthen seiner Seele. Endlich dämmerten von ferne dle Umrisse einer Hacienda, endlich stand der Zug vor der kleinen Thüre still. Eifrig klopfte Mariano den Besitzer des Pachthofes aus dem Schlafe. Der Bauer kam, brachte Licht, staunte, entsetzte sich, wurde aber geschmeidiger, da ihm Mariano Gold zeigte. Er rief seine Knechte, er weckte sein Weib, er bereitete ein schwellendes Lager von gesundem Stroh, er half den Kranken hereinbringen, und bettete ihn unter tausend neugierigen Fragen. »Der Erzengel von Salamanca,« wiederholte der Verwundete mehrere Male, und Mariano nahm diese Worte für Verrücktheit. Der Bauer nebst seinen Knechten kannte jedoch die Bedeutung dieser Rede, und bekreuzte und segnete sich. »Das ist der grausamste Räuber, der je im Königreiche hauste,« sagte er leise und vertraulich zu Mariano: »der Schrecken aller Reisenden, der selbst die heiligen Priester nicht schont, und uns arme Bauern plündert, wann es ihm beliebt. Man erzählt sich von ihm, daß er täglich zum Frühstück ein paar Kinder speist, und sich keinen Abend niederlegt, ohne daß er zehn Morde begangen hätte.« Da nun der Kranke hübsch sanft gelegt und die Lampe herbeigerückt war, fuhr der gute einfältige Bauer zusammen, und flüsterte dem Ritter wieder zu: »Ach, Sennor, es wäre nicht so großer Schade um diesen Menschen gewesen. Seht, um Jesu Willen, das braune Teufelsgesicht, die verdrehten wilden Augen, den eckelhaften Bart. Ich will sterben, Herr, wenn der Geselle nicht ein Jude, ein Heide, oder ein anderer Ketzer und Mörder ist. So hat nimmer ein alter Christ ausgesehen. Der Himmel segne mein Dach, und helfe dem schwarzen Gast bald hinweg, entweder durch Genesung, oder einen schleunigen Tod.«

Aufmerksam gemacht, trat Mariano näher zu dem Kranken, und erbebte innerlich vor dessen unheilschwangerem Gesichte, vor dessen düster glimmenden Augen, die sich auf ihn hefteten, wie starre, von Blut geröthete Lanzen. Eine rauhe Wallung, wie gemischt von Furcht, Zorn und Ahnung, bemeisterte sich des Ritters. Jener Mensch, so fremd er ihm war, schien ihm bekannt, verknüpft, verwandt durch irgend eine verhängnißvolle Fessel. Ihm war zu Muthe, als hätte er ein heiliges Recht, dem Elenden zu zürnen, ein Recht, ihn zu zerfleischen, zu vernichten, und zugleich, ein seltsamer Widerspruch, die unbeugsame Verpflichtung, dieses ihm gehässige Leben zu erhalten, zu bewahren, wie seinen Augapfel, es aufzuheben für eine Zeit, wo es willkommen, nöthig seyn würde. Zu gleicher Zeit begann wieder in seiner Brust und in seinem Gehirn der ungeheure Tumult, der ihn fortriß, wie den ewigen Ahasverus sein Fluch. -- »Ignacia!« klang es durch sein ganzes Wesen, wie »der Ton einer Riesenharfe, und er drehte sich schnell auf der Ferse, und versuchte, von dannen zu fliehen, als mit hohler Stimme der Verwundete zu ihm sprach: »Ich kenne Euch, Don Mariano. Ich danke meine Rettung Euch nicht gerne; aber die Sterne wollten es so.« -- »Keinen Dank! wer bist Du? sag' es mir.« -- »Eine Handvoll Asche, wenn der Tod siegt; verzweifelnd unter der Last Eurer Wohlthat, wenn das Leben den Preis gewinnt.« -- »Du sprichst in Räthseln.« -- »Möchtet Ihr nimmer das Räthsel verstehen! Warum habe ich Euch kennen gelernt? Der grausame Erzengel von Salamanca hätte mich um einige Tage früher zerschmettern müssen, und Ihr wäret glücklich geblieben. Armer Mariano, Ihr gehört Euch nicht mehr an, sonst würde ich um Eure Vergebung betteln.« -- »Du redest im Fieber, gräßlicher Mensch. Laß mich scheiden; mein Schicksal ruft mich.« -- »Ignacia ist Euer Schicksal. Es erwartet Euch zu Madrid. Wenn der Himmel es zum Besten lenken möchte! Aber verloren seyd Ihr, wenn nicht ein Engel vom Himmel steigt, Euch zu bewahren.« -- In heftigster Bewegung rief Mariano entgegen: »Verloren bin ich, wenn nicht Ignacia der Engel ist. Fort von hier! Wo mein Pferd, wo die Straße? Vergib, Innigstgeliebte, daß ich noch zögern, noch säumen konnte!« Mit diesen Worten stürmte er aus dem Hause, und schwang sich auf das ungeduldig scharrende Roß. »Nehmt Euch in Acht, Sennor; hütet Euch vor dem Erzengel und seinen Gesellen!« schrie ihm noch der Bauer aus vollem Halse nach; aber schon war Mariano weit, unbekümmert vor Räubern, aber lechzend nach dem Ziele seiner Gedanken, seiner heftigsten Wünsche.

 

8.

Schwüle Mittagshitze brütete über Höhe und Thal. Die Heerstraße mit ihren unendlichen Sand- und Staubwirbeln glich der libyschen Wüste. Sie war aber auch beinahe so menschenleer. Alles eilte, sich vor den brennenden Strahlen zu schützen, in die erquickliche Ruhe der Siesta zu versinken. Oft ist jedoch Eigensinn und Nothwendigkeit tyrannischer, als Klima und Sitte. So hatten Don Barnabas und Don Melchior, ihrer eigensüchtigen Hast genug zu thun, den Zug nach der Hauptstadt über die Gebühr beeilt, und reisten, trotz Hitze und Staub, bloß weil die Sonne schien, und sie sich fürchteten, wie gebräuchlich, in der Nacht zu reiten; denn allenthalben hatten sie gehört, wie der berüchtigte Räuber von Salamanca keine Stunde der Nacht vergehen lasse, ohne auf verschiedenen Punkten der Landstraße Mord und Gewaltthat zu verüben. Barnabas, auf einem stolzen Hengste reitend, führte den Zug; neben ihm trug ein fettes Maulthier den Karthäuserprior, der mit aufgeschürzter Kutte im Sattel hockte, und mit einem gewaltigen Sonnenschirm das Haupt verwahrte. Barnabas hatte sich dagegen tief in den braunen Mantel gehüllt, und den breiten Rand seines Hutes niedergelassen, so daß er aussah wie ein Leidtragender hinter dem Sarge. Den Brüdern folgte in einiger Entfernung die Sänfte Ignacia's, geschaukelt von stämmigen, wohlaufgeputzten Thieren, deren Federsträuße und Sattelglocken der vorsichtige Barnabas hatte wegnehmen lassen, um nicht allzusehr die Aufmerksamkeit verdächtigen Gesindels zu erregen. Hinter dichten Vorhängen ruhte in dumpfem Hinbrüten die schöne Ignacia; keine Gefährtin um sie, der sie ihr Leid klagen mochte, -- nur der Fächer, das Sinnbild unbeständigen Wechsels, ein Zeitvertreib in ihrer Hand. Zwei harthörige, unverständlich sprechende Biscayer Knechte leiteten die Thiere, neben der Sänfte trabte Sebastian, der Courier und Helfershelfer des Grafen Barnabas, ein frecher unverschämter Laquai, strotzend von so vielen Anmaßungen, als er blanke Knöpfe auf seiner Jacke trug, trotzig da, wo er der Stärkere war, feig und elend dort, wo mehrere gegen ihn standen, oder ein Vornehmer ihm befahl. Seine scharfen Augen waren beauftragt, jede Bewegung der Donna zu beobachten, jede Zufälligkeit im Voraus zu ergattern, den innersten Gedanken der Dame aus ihrer verborgensten Herzenskammer heraus zu spioniren. Die drei oder vier Kerle, die ein Paar Schritte hinter der Sänfte auf schlechten Kleppern heranstelzten, waren gewöhnliches Bedientenpack, traurige Bursche, wie das abgerissenste Vorzimmer sie erzeugt, den Insekten gleich, die aus dem Staube stammen, und deren Daseyn und Scheiden nie und nirgends bemerkt wird.

Es ging just eine ziemlich steile Höhe hinan, der Graf und der Prior hatten einen ansehnlichen Vorsprung gewonnen, die Sänfte schneckte, und der Nachtrab hielt unter einem der spärlichen Bäume, die hin und wieder an der Straße standen, ein Zerrbild der Vegetation. Die Laquaien tranken einen Schluck aus dem Bocksschlauch, den einer von ihnen als Mantelsack auf seiner Mähre trug. -- »He! wer kleppert denn in jener Staubwolke daher?« fragte der Erste der Trinker, und putzte sich den Bart. -- »Er hat's eilig!« sagte ein Zweiter. -- »Was wird's seyn?« rief der Dritte: »eine Staffete, ein Postreiter des Königs. Gott segne ihm und seinem Thiere die unsinnige Hitze!« -- Wie ein Wetterstrahl surrte die Staubwolke an ihnen vorüber, die Hufe eines schwarzen Rosses, das mit seinem Schaum den Sand netzte, und die wehenden Federn vom Hute des keuchenden Reiters schlugen aus der Wolke empor. Dampfend schnaubend erreichte der Renner im Nu die Sänfte und drängte sich gerade zwischen dieselbe und den nebenherziehenden Sebastian. »Donna Ignacia,« rief der Reiter mit heiserer Stimme, und Ignacia fuhr empor aus ihrem Halbschlummer, lüftete erstaunt den Vorhang, und ein todtenbleiches, wohlbekanntes Gesicht neigte sich zu ihr. »Don Mariano!« seufzte die Schöne, überwältigt, theils von freudiger Ueberraschung, theils von Schreck. »Gelobt seyen die Heiligen, die mich endlich an das Ziel gelangen ließen!« keuchte Mariano, und seine heiße Hand streckte sich nach der Hand der Geliebten aus, die unwillkürlich erzitterte, da sie die heftigen Pulsschläge Desjenigen fühlte, den ein finsterer Zauberer ihr zu eigen gegeben. Ignacia wiederholte lispelnd den Namen des Geliebten, einer ferneren Begrüßung nicht mächtig. Sebastiano sah die Erscheinung mit Verwunderung, aber noch mehr staunte er, als Mariano heftig zu seinem Pferde sprach: »Habe Dank, edles Thier, du hast mich zu meinem Glücke getragen, und sollst frei sein, ohne jemals mehr einen Sporn zu fühlen!« Bei diesen Worten sprang Mariano vom Sattel, gab dem Gaule einen Schlag mit der Gerte, daß er seitwärts in das Staubmeer hinausjagte, wendete sich dann zu Sebastian und herrschte ihm zu: »Steige ab, Knecht, in Deiner bunten Jacke! Gehe hin, und lasse Dich am nächsten Galgen aufhängen, mir gebührt Deine Stelle.« -- Sebastian fühlte seinen Zorn schwellen, und entgegnete mit einem frechen Worte. Kaum war es aber aus seinem Munde, so hatte ihn Mariano schon aus den breiten Bügeln gehoben, daß er in den Staub rollte, und saß wie ein Vogel an der Stelle des Couriers. Ohne sich um das Geschrei desselben zu bekümmern, fuhr er eifrig, in die Sänfte gebückt fort: »O mein süßes Kleinod, wie habe ich geseufzt nach Deiner Nähe! Welch eine Höllenewigkeit habe ich durchschmachtet, welch eine dornige Prüfungszeit durchlebt. So werdet ihr nun mein seyn, ihr prachtvollen Augensterne, die mir leuchten, ihr lieblichen Hände, die mich unwiderruflich fesselten! Ich war todt, Ignacia, und Dein Wunderreiz macht mich lebendig. O sage mir, daß Du mich liebst, heftig, verzehrend, wie ich mich entflammt fühle für Dich. Sage, daß Du ewig, ja über die Ewigkeit hinaus, mir, und nur mir gehören willst. Aber es läßt sich nicht mit Worten aussprechen, was ich fühle, die Zunge ist so arm, um zu sagen, was Deine Blicke mir verkünden. Ich bedarf Deiner Eide nicht, es ist ein geheimnißvolles, vom Anbeginne der Welten geknüpftes Band, das uns verschlingt; meine heiße Liebe, der wilde Schmetterling von tausend Farben, hat sich gefangen in dem reichen Netze Deiner Locken, in dem Gürtel, der Deinen zauberischen Busen umschließt, den kühlen und doch so lebenswarmen Marmor, an den ich sinken, an dem ich ausruhen will von den Stürmen nie geahnter Liebespein!«

Ignacia, bewegt von dem Stolze gesättigter Eitelkeit, von der Sehnsucht langbezwungener Leidenschaft, hätte sich mit Freuden in die Arme des Geliebten gestürzt, wie drohend auch sein blasses Antlitz sprach, wie düster seine Augen flammten; aber, theils entsetzt von der unheimlichen Gluth Mariano's, theils bestürzt von den Folgen seines plötzlichen Erscheinens an diesem Orte, unter diesen Umgebungen, flüsterte sie bebend: »Ich liebe Euch, und danke Euch für Eure Empfindung, Euern Gehorsam; süße Stunden werden unsern Bund krönen, aber um des Himmels Willen bezähmt Eure Heftigkeit, bleibt in den Schranken der Ziemlichkeit; meine Brüder nahen, -- was werden sie sagen? Bemeistert Euch, um der heiligen Jungfrau Willen!« -- »Deine Brüder?« entgegnete Mariano mit Gleichgültigkeit, »was gehen sie mich an? Ich kenne sie nicht, ich bedarf ihrer nicht. Es hat Niemand in unser Bündniß sich zu mischen; wehe dem, der es wagte! Sind wir nicht allein in der Welt? Sind die übrigen Kreaturen, die sich um uns drängen, nicht bloß eitle Gespenster? Herrschest Du nicht über alle, wie über mich, eine gewaltige Königin? Befiehl, und es muß Dir gehorcht werden. Laß Deine Brüder, laß die Fahrt nach Madrid. Sieh das grüne Thal zu unsern Füßen. Gebiete, daß man Dich dahin bringe. Unter jenen frischen Schatten soll die Liebe Dich bekrönen, die Welt Dich beneiden, -- dort wollen wir glücklich seyn!« -- Ignacia rang die Hände, und auch Mariano verstummte, da ihn plötzlich die Brüder Ignacia's anprallten, während das Häuflein der Knechte, von denen einer mit Sebastian selbander ritt, unter Mordiogeschrei, die Anhöhe erreichte. »Was soll das? Wer ist der fremde Mann?« schnaubte Don Barnabas, und fiel in Mariano's Zügel, die ein derber Peitschenschlag ihn schnell wieder loslassen machte. »Welch' ungebührliche Begegnung!« schrie der Prior, obgleich weislich von Mariano zurückweichend. »Haltet ihn, packt den Ehrenräuber fest!« brüllten die Knechte, von denen jedoch keiner hielt, keiner festpackte. Mariano tummelte sich im Kreise, und fragte verächtlich: »Was will das Gesindel? Was begehrt der hochmüthige Ritter? Was verlangt der feige Pfaffe? Zurück, ihr feilen Buben und glattwangigen Söldner! Ihr habt's gewagt, meine Dame zu entführen? Pest und Mord auf eure Schädel, wenn ihr nicht auf der Stelle Ruhe haltet!« -- »Erklärt Euch, Ignacia; kennt Ihr diesen Mann? Was ist's mit ihm, und was veranlaßt ihn zu solchem Ueberfall?« so fragte Don Barnabas mit dringender Gebehrde, und Ignacia stammelte Mariano's Namen, lispelte unzusammenhängende Worte von seiner leidenschaftlichen Liebe zu ihr, von ihrer Besorgniß, daß ihr schneller Verlust, wie die Anstrengung der Reise gefährlich auf seinen Geist gewirkt haben möchte, und winkte den tobenden Bruder mit beredtem Auge zur Ruhe, zur Geduld. Ohne den Blick von ihr zu verwenden, starr wie ein Steinbild, hörte ihr Mariano zu, schüttelte dann lächelnd den Kopf, und versetzte mit gewaltiger Stimme: »O gebt mich nicht für einen Thoren aus, Dame meiner Gedanken, ich bin verständig, wie Eure Brüder und ihre Knechte es nicht sind. Nennt mich auch nicht mehr mit dem Namen, den ich einst getragen. Mariano ist nicht mehr. Er ist Manuela's Eigenthum, von ihr am Altar erkauft und mit blankem Golde bezahlt; ich schäme mich des gekauften Mannes, und habe ein neues Leben angetreten. Warum scheltet Ihr mich wahnsinnig? Um dieser erbärmlichen Leute willen, daß sie mich schonen, daß sie Mitleid mit mir haben? O nimmer dulde ich das; sie sollen wissen, daß ich mich fähig halte, allen Königreichen zu gebieten, wissen, daß ich sie in meiner Hand halte, und erdrücken kann, sobald ich will, aber zugleich mögen sie erfahren, daß ich all meine Kraft und Stärke zu Euern Füßen lege, schönste der Frauen, und mich glücklich schätze, Euer Sklave zu seyn.« -- »Unerträglicher Tollkopf!« donnerte der Graf: »einer der Abenteurer, ohne Zweifel, die nach Afrika ziehen, um Gold zu holen, und mit verbranntem Gehirne heimkehren. Schlagt den wüthenden Hund todt! Sebastian, Basil, Roderigo, herbei, schlagt ihn nieder!« -- Mariano zog den Degen, und riß eine Pistole vom Sattel, aber zugleich bemerkte er, daß die Knechte nicht allein nicht angriffen, sondern mit langen erschreckten Gesichtern mehr und mehr zurückwichen. Der Ritter lachte laut dieser elenden Feigheit, und rief Ignacia zu: »Fürchtet Euch nicht, Krone der Frauen! Ihr seyd mein Paradies, vor dem ich stehe, der Erzengel mit flammendem Schwerte, und das ich retten will, wenn es auch das Blut all dieser Schurken kostete.«

Während er so redete, rannte Sebastian in weitem Kreislaufe an seinen Gebieter, und raunte ihm mit stotternder Zunge in's Ohr: »Geht um's Himmels Willen nicht einen Schritt weiter, wir sind verloren, sobald wir nur einen Degen gegen diesen Menschen zücken, ein Wink von ihm, und es ist um uns alle geschehen.« -- »Wie das? Bist Du betrunken? Kennst Du den Menschen? Wer ists?« -- »Der Erzengel von Salamanca!« -- Don Barnabas meinte vom Pferde zu sinken, und aus des Priors Händen fiel der Sonnenschirm zur Erde. Sebastian fuhr dringlich fort: »Er ist's; Basil, der ihn einmal zu sehen das Unglück hatte, betheuert es bei seinem Leben. Die hohe Stirne, das unordentliche schwarze Haar, die Blatternarben im Gesichte, die schlanke Gestalt, … ach wahrhaftig, edle Herren, kein Anderer hätte sich unterstanden, zu thun, wie dieser Teufel von einem Menschen. Seine Gesellen sind nicht fern, glaubt mir, Uebereilung verdirbt Alles, sucht Zeit zu gewinnen, würdige Herren!« -- »Recht,« versetzte der Prior mit klopfendem Herzen und zahmen Munde: »Schmeichelei hat ja schon manchen Tiger entwaffnet, und da der wilde Mensch nun einmal unsere Schwester liebt, so steht zu wetten, daß unsere Höflichkeit ihn kirre macht.« -- Nach kurzem Überlegen näherte sich Don Barnabas mit freundlicher Gebehrde dem gefürchteten Mariano, der schon wieder längst die Scene um ihn her vergessen und mit Ignacia eifrig und ohne Aufhören sprach. »Nachdem sich also durch unserer geliebten Schwester Erläuterungen das Mißverständlich gehoben, edler Sennor, und wir nun ganz bestimmt wissen, mit wem wir es zu thun, so empfanget unsere Begrüßung, wenn gleich der Ort dazu etwas schicklicher hätte gewählt seyn können.« -- Mariano hörte ruhig zu, und erwiederte mit nicht geringerer Leutseligkeit und Sanftmuth: »Ei, Herr Graf, es ist jeder Ort bequem, wo sich Leute von Erziehung begegnen. Der Himmel behüte mich, daß ich einem von Euch, edle Herren, ein Leides anthun möchte, weil ihr so zierlich zu sprechen, so freundschaftlich zu handeln versteht.« -- »Was ist aber zunächst der Grund, Herr Ritter, der uns das Glück Eurer angenehmen Gegenwart verschafft?« fragte der herbeikommende Prior mit zuckersüßem Tone. -- »Gott erhalte Euch noch tausend Jahre, hochwürdigster Prälat. Mein Zweck ist aber kein anderer, als Eurer holden Schwester den Hof zu machen, ihr zu dienen und zu folgen, wohin sie geht.« -- »Das dürfte Euch weit führen, Sennor. Wir gehen nach der Hauptstadt, an des Königs Hof.« -- »Gott schütze den König und die herrliche Stadt Madrid, ein Wunder der Welt, wie noch keines bestanden. Ich denke aber auch bis Madrid, bis an den Hof des Königs Eurer schönen Schwester zu folgen.« -- »Ei, edler Ritter, klingt es doch, als ob das Band der Kirche Euch mit Donna Ignacia verknüpfte.« -- »Nicht doch, würdigster Mann und helles Licht der Kirche! Es ist Sympathie, wenn Ihr wollt, es war im Chaos schon beschlossen worden. Das ist für Euch ein Räthsel? Was wäre aber das Leben ohne Geheimnisse? Beliebt indessen nur die Reise weiter fortzusetzen; eine kühle Herberge winkt uns, und es wird mich herzlich freuen, mit so liebenswürdigen Edelleuten zu tafeln und den Freundschaftsbecher zu leeren.« -- »Gott erhalte Eure Herrlichkeit und segne Euch Speise und Trank, in dem Grade, als wir von Eurer Wohlgezogenheit durchdrungen sind. Was sagt aber Donna Ignacia zu Euren Vorsätzen?« -- »Sie rede selbst,« rief Mariano ungeduldig, und heftete den starren Blick auf die Dame. Ignacia faßte ihren Muth zusammen und erwiederte: »Wahr ist's, ich liebe diesen Mann, und nehme den Himmel zum Zeugen der Mißhandlung, die Ihr, meine Brüder an mir verübt, an einer unschuldigen, die Ihr mit Gewalt entführt und dem Verderben zuschleppt.« -- Barnabas wollte wüthend losbrechen, aber der Prior zupfte ihn am Mantel und sagte ihm leise: »Haltet an Euch, mein Bruder. Noch sind wir den Mördern preisgegeben. Aber in dem Dorfe, das wir vor uns sehen, finden wir tüchtige Arme, uns zu helfen, einen Alcalden und Häscher, den verwegenen Räuberhauptmann zu ergreifen. Er soll's bereuen, sich frechdreist in unsere Mitte gedrängt zu haben. Gebt Acht, werther Bruder: indem wir dem König eine Geliebte, seinen Gerichten den Erzengel von Salamanca überliefern, machen wir uns verdient um Vaterland und Thron, und werden unsterblich in Spaniens Annalen seyn.«

 

9.

Die Schenke des Dorfes war von Gästen leer, und bot daher der gräflichen Caravane hinlänglichen Raum, genügende Vorräthe. Der Reisende in Spanien wird nicht verwöhnt; er bringt nicht übertriebene Ansprüche in die Wirtshäuser mit, denn der Grande wie der Bettler weiß genau, daß er in der Posade nicht viel findet. Don Barnabas und sein Gefolge machten sich's bequem, Mariano an Ignacia's Seite schwamm in Entzücken und Seligkeit. Die scharfsichtige Frau, von keinem Zauber umgarnt, bemerkte ohne Mühe, daß irgend eine Tücke hinter der Freundlichkeit ihrer Brüder lauern müsse, und sparte nicht verstohlene Winke, um auch den Geliebten über seine Lage, seine Gefahren aufzuklären. Umsonst: Mariano hörte nicht, taub vor Begierde, vor Wonnetaumel blind. Den ganzen Schatz von Liebesworten, den spanische Dichter lehrten, und spanische Zungen auszusprechen vermögen, verschwendete er an seine Gebieterin, und bettelte nur um die Gunst, einen Augenblick mit ihr allein zu seyn. Vergebens war sein Flehen, wenngleich Ignacia's Wunsch seinem Verlangen entgegenkam: der Prior wich nicht von der Liebenden Seite, bewachte mit eifersüchtigem Auge jede ihrer Bewegungen, und Sebastian wie die übrigen Bedienten theilten sich mit ihm in die Pflicht des Hüters. Don Barnabas aber hatte in aller Stille den Richter des Dorfes zu sich entbieten lassen, und ihm vertraut, welch' ansehnlicher Fang an diesem Abend noch zu machen wäre, wie es nur auf eine rasche That ankomme, um mit einem Schlage das Königreich von der Geißel Gottes, dem verruchten Erzengel von Salamanca zu befreien. Der Richter, obschon bestürzt bei dem gefürchteten Namen, versprach voll Eifer und Ergebenheit, das Uebermenschliche zu thun, sobald er hörte, daß der Räuberhauptmann allein, schlecht mit Waffen versehen sey. Man kam in Eile über die Art und Weise der ganzen Expedition überein, und der Richter entfernte sich, seine Anstalten zu treffen. Barnabas kehrte mit heiterer Miene zu seiner Schwester zurück, die er im traulichsten Kosen mit Mariano wiederfand. Der Wirth folgte ihm auf der Ferse, begleitet von fleißigen Aufwärterinnen, die den Tisch zu rüsten, die frugale Mahlzeit aufzutragen begannen. -- »Es wird uns eine Ehre dünken, edler Ritter,« sagte Don Barnabas mit heuchlerischer Zuvorkommenheit: »wenn Ihr nicht verschmähen wollt, unser Gast zu seyn. An der freundschaftlichen Tafel vereint, werden wir leicht uns näher kennen lernen, und gerne ausführlich vernehmen, wie und wo sich das Verhältniß gestaltet, das Euch mit Donna Ignacia verknüpft. Ein wackerer Cavalier, wie Ihr es scheint, Sennor, vermag nicht ohne Ehre zu lieben, und ehrlichem Verlangen zu willfahren sind wir immer bereit, da wir nur das Glück unserer geliebten Schwester wünschen.« -- Mariano erwiederte obenhin und der lästigen Zeugen müde: »Wie es Euch gefällt, mein sehr werther Graf. Ich bin der aufrichtigste Mensch von der Welt, aber zugleich der schlechteste Erzähler. Ihr faßt ja nicht, wie unser Herzensbündniß entstanden. Faß ich's doch selber kaum, aber Geheimnisse würzen des Lebens Reiz, und ich empfange mit Dank den räthselhaften Segen, den mir der gütige Himmel spendet.« -- Don Barnabas murmelte einige unverständliche Worte zwischen den Zähnen, und gab das Zeichen, sich zu setzen. Der Prior sprach das Gebet, und Donna Ignacia flüsterte während dessen dem Geliebten zu: »Traut diesen Menschen nicht; sie sind Wölfe, in Lämmer verkleidet. Sinnt auf ein Mittel, mich noch in dieser Nacht ihren Händen zu entreißen. In Madrid bin ich für Euch verloren.« -- Statt der Antwort starrte Mariano die reizende Freundin wie ein Träumender an, und schlug nur bedeutungsvoll an seinen Degen.

Das Mahl begann, und der Prior übernahm die Pflicht, mit tausend lustigen Geschichten die Tafel zu erheitern. Auch Don Barnabas legte es mit Geschicklichkeit darauf an, den gefährlichen Gast so sicher zu machen, als möglich. Er plauderte vom Hofe, von dem Leben zu Madrid, von den glänzenden Aussichten, die sich ihm öffneten, von dem beneidenswerthen Loose dessen, der Ignacia's Hand gewinnen würde, und mehr als eine plumpe Anspielung sollte dem Ohre Mariano's schmeicheln. Ach, der Arme hörte weder des Priors mönchische Späße, noch vernahm er den faden Witz des Grafen. Mit Aug' und Ohr hing er an Ignacia, diente ihr als Mundschenk, legte ihr die ausgesuchtesten Bissen vor, sprach ihr, unbekümmert um die ganze Welt, nur von seiner Liebe, und träumte sich zum Gott, der Seligkeiten gedenkend, die ihm die nächste Nacht erschließen sollte. Ignacia war in Folterqualen, sie kannte den falschen Blick ihrer Brüder, sie ahnte das Unheil, das sich entspann, machte sich Vorwürfe daß sie einen Unschuldigen so freventlich dem Verderben preisgegeben; was indessen ihre Seele am Grausamsten peinigte, war der Zwiespalt, der sich in ihren Empfindungen kund gab. Sie fühlte nicht mehr die Leidenschaft, die noch vor Kurzem sie beseligt, die noch vor wenig Tagen sie elend gemacht, weil sie dieselbe nicht erwiedert gesehen. Mariano hatte aufgehört, ihr liebenswürdig zu scheinen, er war ihr furchtbar geworden. Die Züge des jungen Mannes hatten nicht mehr die Anmuth, die sie bezaubert; gespannt und verzerrt durch tobende Gluth, sprachen sie drohend und schauerlich aus dem bleichen Antlitz, der Adel der Gestalt hatte einem trüben Taumel Platz gemacht, und wenn Ignacia noch einwilligte, dem an sie gefesselten Manne zu gehören, so geschah es theils aus Mitleid für seinen Zustand, aus Reue über ihr eigenes frevelhaftes Beginnen, aus Trotz gegen den Willen ihrer Brüder, hauptsächlich jedoch aus Angst vor Mariano's Wuth, dessen Blicke die höchste Gefahr weissagten, wenn sein Verlangen unbefriedigt bliebe.

Leckere Feigen und Datteln waren auf die Tafel gesetzt, der feurige Alicante schäumte im Becher, Don Barnabas erhob sich, auf des neuen Freundes Wohl zu trinken, als die heisere Glocke vom Thurme der Dorfkirche schallte, in dringenden Schlägen, lauter und lauter in die Ferne dröhnend. Verwundert schaute sich der Wirth sammt seinen Knechten um, sie griffen zweifelhaft an die Hüte, sie meinten das Ave Maria zu vernehmen, und dennoch war die Stunde des Gebets noch nicht gekommen. Von allen Seiten aber aus den zerstreuten Wohnungen des Orts stürmte das Volk gegen die Schenke. Donna Ignacia sah den Auflauf durch das Fenster, und fragte mit gepreßter Stimme: »Ist denn ein Wetter am Himmel, oder wüthet eine Feuersbrunst, hört Ihr nicht, Don Mariano?« Sorglos erwiederte Mariano: »Der Himmel ist rein, und nicht von Gluth geröthet. Was kümmert uns aber der Donner, was fragen wir nach dem gefräßigen Brande? Schwimmt doch meiner Liebe Schifflein auf glattem Wellenspiegel, und selbst des Himmels Strahl mag mein Glück nicht zerstören. Ruhig, Geliebte meines Herzens. Die Glocke läutet unsere Hochzeitsnacht ein, eine feierliche Engelsstimme. Noch eine Stunde Geduld, und Niemand trennt uns mehr.« -- Da winkte Don Barnabas am Fenster mit dem Schnupftuche, und der Richter an der Spitze vieler bewaffneter Leute drang in das Innere der Posade, und Sebastian, lange schon auf der Lauer stehend, griff mit kecker Faust zwischen das liebende Paar, und entriß dem sorglosen Mariano den Degen. »Ergib Dich, Gräuel der Menschheit!« sagte der Alcade gravitätisch, und berührte den staunenden Jüngling mit dem Stabe der Gewalt. Ignacia sprang schreiend von ihrem Sitze auf: »Nicht von der Stelle, Räuberbraut!« brüllte Don Barnabas, und schleuderte die Schwester in die Arme des Priors, während Mariano von allen Seiten umzingelt, sich von kräftigen Fäusten ergriffen, von starken Schlingen umfangen, zu Boden gerissen, gebunden und geknebelt fühlte. Sein Zorn, seine Wuth machte sich nur in unverständlichem Geheul Luft. Er versuchte, wie ein Rasender, seine Bande zu sprengen, aber seine Kräfte erlagen. Hochaufathmend mit keuchender Brust spähte er rollenden Auges nach Ignacia; sie vermochte nicht, ihm beizustehen. Der Richter erhob jedoch die Hände wie zu freudigem Gebete, und rief: »Dank unserm heiligsten Schutzpatron, und den Fürbittern im Himmel, die über das Königreich wachen! Es ist uns gelungen, das Scheusal zu fahen, das wie eine giftige Pestilenz Spaniens Völker in Schrecken setzte. Freut Euch, wackere Christen, und eifrige Unterthanen seiner katholischen Majestät, der Erzengel von Salamanca ist in unserer Gewalt!« Und das Volk wieherte vor Freude, und schwenkte die Hüte und Retesillas, und schrie aus vollem Halse: »Gott erhalte den König, unsern Herrn! Der verfluchte Räuber sterbe, und brate in der Hölle!« Don Barnabas warf mit freigebigen Händen Geld unter das Gesindel, der Prior pries den Triumph der Kirche, und Ignacia zerraufte verzweifelnd ihr dunkles Haar.

»Des Königs Carabiniere! des Königs Soldaten!« riefen die Leute vor dem Hause, und ein Trupp von bewaffneten Sicherheitsmilizen stürzte klirrend und fluchend in die Schenke. Der Alcade, hocherfreut, diese Verstärkung weltlicher Macht ankommen zu sehen, säumte nicht, dem Anführer derselben die so eben gehaschte Beute zu übergeben, um sie in die Gefängnisse der nächsten Stadt zu liefern. Mit Hohnlachen strich der Unteroffizier seinen buschigen Schnauzbart, und jubelte: »Wahrlich Kameraden, der heilige Jacob selbst hat unsern Ausgang gesegnet, und unsern Zug hieher gelenkt. Dieser Fang ist tausend Realen werth, und vom Thron des Königs wie vom hohen Stuhl der Audienz wird Euch großer Lohn werden, würdiger Alcade. Beeilt Euch nur, mir ein Zeugniß zu geben, wohlbesiegelt und unterschrieben von diesen edlen Herren, welches den Triumph beglaubige, den zu erringen wir leider zu spät gekommen sind. Der verruchte Erzengel soll noch vor Mitternacht hinter schweren Riegeln und Schlössern seine Unthaten bereuen, und den Tag der härtesten Strafe erwarten.« -- »Ihm werde der Galgen!« schrieen einige von den Milizen; »die Garota! Er ist von Adel, der Bube,« schrieen andere, und alsobald erblickte sich Mariano, ohnmächtig knirschend, in den Händen der rohen Soldateska. Die Schrift des Alcade an die Audienza wurde unverzüglich ausgefertigt, und der Richter erklärte sich bereit, in Person mit dem Gefangenen abzugehen. Der Unteroffizier der Carabiniere sagte dagegen: »Seyd ohne Sorgen, Herr. Was wir festhalten, lassen wir nimmer aus. Eure Gegenwart dürfte hier im Orte nothwendig sein. Die Gesellen des Erzengels werden bald erfahren, was sich begeben. Ihre Rache möchte dieses Dorf bedrohen. Seid daher auf Eurer Hut, und haltet alle waffenfähigen Leute auf der Wacht. Auch dem edlen Grafen würde ich, wäre es mir vergönnt, die schnellste Eile empfehlen. Er mache sich davon, bevor die Bande sich zusammenfand. Im nächsten Orte steht ein Piquet von unsern Leuten, das ihn sicher und wohlbehalten weiter befördern wird.« -- Die Ermahnungen des erfahrenen Diebshäschers fanden natürlich ein beifälliges Ohr. Der Alcade blieb, um die Vertheidigung des Dorfes zu beaufsichtigen, Don Barnabas zog mit Ignacia und den Uebrigen schnell seines Weges, und nach kurzem Aufenthalt und reichlich genossenem Steigbügeltrank machten sich auch die Carabiniere auf und führten Mariano elendiglich gebunden am Schweif eines Maulthiers mit sich. Das Volk begleitete die Häscher und ihre Opfer eine Strecke weit unter Flüchen und Verwünschungen, und kehrte dann zurück, über seine Häuser zu wachen.

 

10.

Es dunkelte bereits mächtig, als die Carabiniere, welche stumm fortgeritten waren, in einer Schlucht Halt machten und ihre Cigarren anbrannten. Der Unteroffizier begann, indem er auf Mariano zeigte, der vor Erschöpfung kaum mehr zu stehen vermochte: »Was fangen wir jetzt mit dem Schurken an? Den Schwank länger fortzuspielen ist sehr überflüssig. Er wird uns schon reichliche Früchte getragen haben. Cajetan hat ein rasches Pferd, die Gesellen lagern an der Straße, und sonder Zweifel ist der ruhmredige Grande und der glattköpfige Karthäuser bereits bis auf's Hemde ausgeplündert. Was nützt uns ferner der sauertöpfische Bursche, den wir mit uns schleppen? Ich halte dafür, daß wir ihn an den nächsten Baum hängen; ein billiges Ende für den kecken Buben, der sich unterstand, unsern tapfern Chef zu spielen, sich mit seinem gefüchteten Namen zu brüsten.« -- »Wohlgesprochen,« meinte ein Anderer der verkappten Spitzbuben. »Doch sollte man ihm vorher den Knebel nehmen, und ihn beichten lassen. Augenscheinlich ist der Hund ein feiger Pfuscher, der auf des Erzengels Namen hin zu stehlen versucht. Er nenne uns seine Genossen, daß wir die Rotte vertilgen, die uns in's Handwerk tölpelt.« -- Alle schenkten dem Sprecher ihren Beifall, und nachdem sie eine gute Strecke seitwärts geritten an einen wüsten Ort, wo auf ausgebranntem Boden nur ein paar magere Feigenbäume standen, gaben sie dem unglücklichen Mariano die Sprache wieder frei, und forderten ihn zum Bekenntniß auf. Der Gefangene, niedergedrückt von tödtlicher Ermattung, aber mit aufgeregtem Geiste ankämpfend gegen sein finsteres Schicksal, weigerte sich, ein Wort zu reden, und setzte allen rohen Scherzen und Mißhandlungen der diebischen Gesellen nur ein hartnäckiges Stillschweigen entgegen. Nachdem er sich eine bange Viertelstunde hindurch als die Zielscheibe grausamen Spottes hingegeben, sagte der Anführer der Rotte mit Ungeduld: »Wozu die lange Säumniß? Will er nicht reden, so möge ihm die Sprache in der verfluchten Kehle ersticken. Da ist ein Baum, just hoch und stark genug, ein bitteres Früchtlein zu tragen, wie dieser ist. Strick um den Hals, hinauf mit ihm! Die Raben mögen ihm das de profundis singen.« Die fürchterliche Drohung zu vollstrecken, fiel die Sippschaft über Mariano her, und ihre Geschicklichkeit hätte im nächsten Augenblick das Urtheil auf's Schnellste vollzogen, wenn nicht ein unvermutheter Gast sich bei dem Henkerfeste eingefunden hätte. Ein Hund von riesenmäßiger Größe sprang hinter dornigen Hecken hervor, heulte dumpf, und begrüßte wedelnd die ehrenwerthe Schaar. »Fido! schlanker Fido, wo kommst Du her?« riefen mehrere der Räuber, und schnalzten mit der Zunge, den Hund zu locken. Aber eine ansehnliche Gestalt, in einen dunkeln Mantel gehüllt, folgte dem neugierigen Fido und sagte mit gebieterischer Stimme: »Laßt den Hund in Ruhe! Sagt mir aber, liederliche Söhnchen, was Ihr hier beginnt? Wer hat Euch auf diesen Posten gestellt? Ihr untersteht Euch, in stiller Nacht einen zu hängen, dem ich nicht das Leben abgesprochen?« -- Die Räuber schwiegen bestürzt, denn sie kannten die gefürchtete Sprache ihres Anführers, und sannen nach, wie sie ihre barbarische Lust vor ihm rechtfertigen möchten. »Wird's bald?« fragte nach einer kurzen Pause der Erzengel mit dumpfer Stimme. Der sogenannte Unteroffizier faßte sich ein Herz, und erzählte, nicht ohne Zögern, wie sich die Begebenheit im Dorfe zugetragen, und was er über den Gefangenen beschlossen. Der Hauptmann hörte schweigend zu, und sagte dann: »Ihr habt nicht Unrecht gethan; wer es wagt, auf meinen Namen hin zu sündigen, sterbe eines schleunigen Todes. Laßt Euch nicht stören, Bursche; ich will zusehen, wie ihr den Schuft in die andere Welt befördert. Zuvor aber laßt mich sein Antlitz schauen.« -- Man brachte den Gefangenen näher an den Hauptmann, der ihn beim Licht des Mondes aufmerksam betrachtete, und dann mit langsamer Stimme sprach: »Ich will meine Seligkeit einbüßen, wenn Ihr nicht Mariano Regate heißt. Euer Gesicht ist freilich verfallen und übel zugerichtet, doch saßet Ihr so lange mit mir auf einer Studentenbank, und habt mir so oft bei Serenaden und Zweikämpfen geholfen, daß ich ein Thor seyn müßte, wenn ich nicht trotz der Verwilderung meinen Schulgefährten aus Euch herausfände.« Bei diesen Worten schaute auch Mariano, der bisher den Blick zu Boden senkte, an dem Räuber empor, und murmelte vor sich hin: »Ihr seyd Felipe. Verzeiht, daß mir das Wiedersehen keine besondere Freude macht.« -- »Das glaub' ich,« lachte der Erzengel: »hier ist ein Schelm über den Andern gekommen. Ei, ei, ernsthafter Baccalaureus, wie geriethet Ihr auf die Schliche der Diebe? Ihr wart ein ehrliches Muttersöhnchen, wie nur je eines geboren wurde, reich genug, um mit Seelenruhe zu faullenzen, adlig und ein passabler Dichter. Bei allen Heiligen, was machte Euch zum Hallunken?« -- »Ich antworte Euch nicht,« versetzte Mariano finster und verdrießlich: »Elends genug, daß mein Loos von Eurer Hand abhängt, von Eurer Laune; für mich gibt's aber nur zweierlei in der Welt. Entweder tödtet Ihr mich, oder Ihr gebt mir freien Paß nach Madrid. Madrid oder Tod, weiter denk' ich, weiter verlang' ich nichts.« -- »Ihr seyd ein sonderbarer Landläufer, ein albernes Kind. Aber ich muß Euch wieder näher kennen lernen. Heda, Pablo, laufe hinab zu der Hütte, wo die blauäugige Juana wohnt. Melde ihr, daß ich heute nicht komme; bleib' aber in der Nähe, und sieh zu, ob sie nicht einen Buhlen bei sich aufnimmt. Kommt einer, so schieß' ihn nieder, und lösche der Spitzbübin das Lebenslicht aus. Ihr Andern zieht Eure Straße, und streift in dem angewiesenen Bezirke. Mir ist die Nachricht zugekommen, daß ein Regiment des Königs hier durchpassiren werde. Wir müssen auf der Hut seyn. Bindet aber zuvor den Hidalgo los, er war immer ein braver Geselle, und ein Bischen Diebstahl ohne unser Vorwissen mag ihm schon vergeben werden. So, Don Mariano, rührt wieder frei die Arme, die Kerle hatten Euch fest gebunden. Gebt mir die Hand, ich will Euch führen; mein Quartier ist nicht allzuweit von da, und geräumig genug für Leute, die schon öfters in einem Bette geschlafen, aus einem Becher getrunken haben.« -- Mariano faltete die Hände in verzweiflungsvoller Bitte, und flehte zu dem Räuber: »Um unserer Jugendfreundschaft Willen, Don Felipe, laßt mich fort, fort nach Madrid. Ich habe nicht Rast, nicht Ruh, mich ruft die Liebe.« Der Erzengel von Salamanca lachte laut, und erwiederte: »Ritter von der traurigen Gestalt, wo denkt Ihr hin? In diesem Zustande? Ihr haltet Euch ja nimmer auf den Füßen. Ich wäre ein Schurke, wenn ich Euch also von dannen ließe. Ruht bei mir aus, und ich gebe Euch mein Wort als echter Edelmann, daß ich selbst Eure Reise nach Madrid besorgen will. Nun aber ohne Widerrede, folgt mir. Die Hetzhunde hier sind schon einmal auf Euer Leben hungrig gewesen, ich würde vielleicht ein zweites Mal nicht bei der Hand seyn, Euch zu schützen. Setzt Euch in Marsch, hinweg, Ihr Gesellen! Auf Wiedersehen morgen!«

 

11.

»Geht, geht, Don Mariano! Ihr seyd ein Melancholicus, dem nicht zu helfen, nicht zu rathen,« sagte Don Felipe, nachdem er einen Tag verschwendet, um seinem Gaste eine aufrichtige Rede abzugewinnen, und seine Bemühungen scheitern sah: »Die Liebe, die Liebe! Ich weiß doch wahrlich auch, was Liebe ist, und die schönsten Mädchen Spaniens haben mir darinnen Unterricht ertheilt. Aber eine Tollheit, wie ich sie hinter Euren Reden wittere, ist mir nie zugänglich geworden. Ich dachte, in Euch einen ehrlichen Schelm zu finden, und stoße nur auf einen Geisterseher.« -- Mariano erwiederte barsch: »Hütet Eure Zunge! Ihr habt mir wieder einen Degen gegeben, und ich versteh' ihn zu führen.« -- »Recht,« lachte der Räuber: »wenn der ausgefütterte Gast mit seinem Wirthe auf's Blut rauft, so erfrischt sich beider Seele mehr daran, als am langweiligen Geschwätze. Ich stehe zu Diensten, wenn Ihr nicht vernünftig seyn wollt. Weiß ich doch, daß Ihr ein guter Fechter seyd. Ihr waret oft genug mein Secundant, und empfinget mehr als einmal in Eure Arme den letzten Stoßseufzer der guten Burschen, die ich weiter beförderte. Das waren schöne Zeiten, Sennor Mariano. Der wilde Arcangel mußte Alles gethan haben, und that auch in der Regel Alles, bis er sein Vermögen vergeudet, seine Aeltern vor Gram auf den Kirchhof gebracht hatte. Mein ungewöhnlicher Ruf verschloß mir alle Wege und Thüren. Ich glaube, daß ich mich in allen Königreichen vergebens um die Stelle eines Alguasils beworben haben würde. Was war demnach zu thun? Auf gewöhnliche Speculationen habe ich nie gehalten; aber Hunger und Lebenslust blieben bei mir nicht mit dem Gelde aus. Die Wahl, die ich zu treffen hatte, war nicht schwierig. Entweder mußte ich den Informator machen, mich abmüh'n und darben, oder nicht arbeiten und verhungern, oder -- stehlen. Arbeit und Hungertod eckelten mich an; also beschloß ich, ein Dieb zu werden. Da man aber geringe Schufte auf die Galeere schickt, und das Bagno mir zuwider ist wie die Sünde, so wurde ich ein Mörder, ein Dieb im Großen, und befinde mich wohl dabei. Meine ruinirte Gesundheit hat sich gestärkt, mein Beutel ist stets gefüllt, Freundinnen find' ich, wo ich nur hinschaue, und die Sorge hat noch nicht ein einziges Haar auf meinem Scheitel gebleicht, weil in Spanien, Gott sey Dank, die Justiz so dumm und schläfrig ist, wie nirgends. Mein Ruhm nimmt überhand: im Buen Retiro spricht man oft von mir; der König, unser Herr, hat selbst schon öfters gewünscht, mich zu sehen, und vorläufig einen artigen Preis auf meinen Kopf gesetzt. So ist für den Ehrgeiz und das leibliche Bedürfniß hinlänglich gesorgt. Des Himmels Tröstungen bleiben mir ebenfalls nicht aus. Ich brandschatze die reichen Pfaffen, und lasse mich von den Bettelmönchen absolviren, die Absolution Stück für Stück zu einer Dublone. Und wenn dann einst meine Sanduhr sich neigen sollte, und der Orden der Garota mir blühte, so überlasse ich's Eurer lebhaften Einbildungskraft, zu ermessen, mit welchem Pomp man den Hintritt des edlen Felipe Arcangel begleiten werde. Wir leben in der besten Welt, sage ich Euch. Zündet daher Eure Cigarre an, und hört mir zu; denn ich habe Lust, Euch auf der Mandoline etwas vorzutragen. Ich bin ein Dichter, trotz Euch; ich habe meinen Parnaß am Finger, wie der abgefeimteste Versemacher. Oder, gefällt Euch heute Musik und Poesie nicht, so wollen wir ein Spiel machen; ich schieße Euch Geld vor. Oder wir wollen auf die Jagd gehen in aller Bequemlichkeit: unfern von hier ist ein königlicher Thiergarten, wo das Wildpret für mich gehegt und gepflegt wird. Gelüstet Euch etwa nach einer Schäferstunde? Ich führe Euch, wie der gewissenhafteste Kuppler zu Madrid. Bauernmädchen, adelige Damen oder Nonnen, wie's Euch gefällt. Wollt Ihr trinken, so schicke ich Euch den schönsten Jungen als Ganymed. Wollt Ihr schlafen, das üppigste Lager steht Euch zu Gebot. Seid doch lustig ins Teufels Namen. Ein düsteres Grauen beschleicht mich in Eurer Nähe. Ihr könntet mir das Leben verleiden.« -- »Endet das meinige, oder schickt mich nach Madrid,« versetzte Mariano finster. -- »Nun denn! es ist ein Katzensprung nach der Hauptstadt, aber ich sende meine Freunde nur mit der sichersten Gelegenheit.«

Ein Genosse des Erzengels trat in die Stube. »Sieh da, Cajetan!« rief ihm der Hauptmann entgegen: »was bringst Du, habt Ihr den Grafen erwischt, habt Ihr ihm die Last des schnöden Geldes erleichtert?« -- »Leider nein. Der Teufel wollte, daß ein Regiment, das nach Madrid geht, um ein anderes abzulösen, die Straße zog, und der Graf in dessen Geleite seine Reise fortsetzte. Es ist uns ein herrlicher Fang entgangen.« -- »Schade; aufgehoben ist aber nicht geschenkt. Wir werden dem edlen Herrn baldigst in Madrid selbst einen Besuch abstatten. Der Glückspilz weiß ohnehin nicht, wo er mit seinem Mammon hin soll. Wie befindet sich Donna Eugenia? Ist das holde Täubchen stets noch untröstlich, verschmäht sie noch immer meinen Beistand?« -- »Sie ist hartnäckig wie immer. Sie verlangt nach ihrem Hause, nach ihrer wohlgefüllten Kasse, nach ihren gewohnten Gesellschaften, und bietet immer noch dasselbe schäbige Lösegeld.« -- »Die Pest auf die verblühte Schöne! Wir werden schon an ihrer Statt ihr Hauswesen verwalten. Was Neues sonst?« -- »Ein Reisender, der große Eile hat, und nach der Hauptstadt geht, verlangt einen Paß. Blas schickt Euch diesen Zettel. Er erwartet Eure Befehle, und läßt den Herrn bis dahin nicht von der Stelle.« Der Hauptmann las den Zettel, und sagte mit beifälligem Kopfnicken: »Ein fürsichtiger Mann, Don Antonio, ein alter lieber Bekannter, der einem ehrlichen Weglagerer den gebührenden Respect nie versagte, und niemals auf der Landstraße mit der kleinen Contribution kargte, die wir zu erheben uns erlauben. Gott erhalte ihn noch tausend Jahre, und segne alle seine Unternehmungen, wie wir seine Reisen stets mit freiem Geleite bedenken wollen. Daß dem guten Manne ja kein Haar gekrümmt werde, hörst Du? Wer einen Nagel von seinem Wagen stiehlt, soll unverzüglich aufgehängt werden. Hätten wir nur viele solche Kunden im Königreiche. Es würde uns nicht halb so sauer, unsere Nothdurft zu erwerben, und manches brave Mutterkind bliebe am Leben, bis der Arzt oder der Henker oder der Teufel es holt. Mir fällt ein, daß ich auf diese Weise den guten Freund dort in der Ecke fortschaffen könnte. He, Sennor Mariano! Wacht auf aus Euren Träumen, kommt herbei. Wenn's Euch mit der Fahrt nach Madrid Ernst ist, so könnt Ihr fort, ehe noch die Fledermäuse ausfliegen.« -- »Nach Madrid? Ich bin bereit zur Stelle, ohne Aufschub bereit,« rief Mariano mit lebhafter Theilnahme. -- »Wohl, so folgt dem redlichen Cajetan, der Euch in gute Gesellschaft bringen wird. Geh, mein Sohn, und führe den wackern Ritter. Sage dem guten Don Antonio, daß ich ihm einen unschuldigen Wanderer schicke, der durch Zufall geplündert in meine Hände gerieth. Er möge ihn, mir zu Liebe, nach der Hauptstadt mitnehmen. Gott schütze Euch, armer verliebter Schulkamerad. Meine alte Diebswirthin soll Euch noch ein gebratenes Huhn in die Tasche stecken, und die paar lumpigen Goldstücke, die ich Euch hiemit von meinem Ueberfluß aufdringe, werdet Ihr mir einst mit Zinsen wieder bezahlen. Sterbe ich früher, so verwendet die Ducaten zu Seelenmessen. Das wird mir im Fegfeuer wohl thun. Behüte Euch Gott, verschwiegener Rittersmann, auf fröhliches Wiedersehen zu Madrid.«

Mariano achtete nicht auf die Worte und die Umarmungen des Räuberfreundes, und ging mit schnell vorwärtsstrebenden Schritten und Gedanken seinem Führer nach. Es war zur Abendzeit, wo Felder und Fluren stille werden, und Kühlung niedersinkt auf den verbrannten Boden. Durch Hohlwege, an einigen Dörfern vorüber, bis in die Dämmerung hinein wanderten die Beiden, bis sie auf einen Platz gelangten, wo die letzten Hügel sich in die Ebene abflachen. Dort stand die Ruine eines alten Herrenschlosses. In den Trümmern des Hauses standen die Vorposten von des Erzengels gefürchteten Horden. Der Befehlshaber dieses Postens empfing mit Gravität die Botschaft seines Herrn, und sendete Cajetan mit Mariano augenblicklich weiter. Nach einer halben Viertelstunde stießen sie auf einen Wagen, der in einem Feldwege harrte, umgeben von einigen Spießgesellen des Erzengels. Cajetan öffnete den Schlag des Fuhrwerks, redete eine Weile hinein, empfing eine Summe Geldes, die man herausreichte, und winkte dann dem Ritter. Er sagte kurz und leise: »Steigt ein, Sennor. Der Herr willigt ein, Euch mitzunehmen! morgen in der Frühe seyd Ihr zu Madrid. Fahrt zu in aller Heiligen Namen, Niemand wird Eure Reise weiter beunruhigen.« -- Mariano schlüpfte in den dunkeln Wagen, der Schlag wurde fest zugemacht und die Maulthiere trabten lustig über den Feldweg hinaus nach der Heerstraße. »Gott sey Dank, das hätten wir überstanden!« sagte eine ernsthafte Männerstimme im Hintergrund der Kutsche, und ein weibliches Stimmchen flüsterte hierauf ein kaum vernehmliches: »Gelobt sey die Mutter aller Gnaden.« Nach einer Weile fuhr der Mann fort mit gedämpftem Tone: »Ein Glück, daß dein Kammermädchen mit den Bedienten schon voraus ist. Ich wäre untröstlich, liebes Kind, wenn es Dir an einer Bequemlichkeit fehlen sollte. Erhole Dich von Deinem Schrecken, ich sagte Dir gleich, daß mit diesen Banden ein Abkommen ist, wenn man nur das Geld nicht spart. Wahrscheinlich hat unser neuer Begleiter mit ähnlichem Lösegelde seine Freiheit erkaufen müssen. Nicht wahr, Sennor?« Mariano fühlte sich von kaltem Grausen überlaufen, denn -- kaum traute er seinen Sinnen -- es war Ibarra, der zu ihm redete. Einige unverständliche Worte waren Alles, was er über die Lippen zu bringen vermochte. Ibarra fuhr demungeachtet fort, neugierig, zu erfahren, was an dem unbekannten Gefährten sey: »Erlaubt mir eine Frage, Sennor. Seyd Ihr von Madrid gebürtig, dort zu Hause? -- »Nein, Sennor,« antwortete Mariano kurz, und hielt den Mantel vor den Mund, um seine Stimme zu verstellen. In seinem Gehirne rathschlagte er jedoch ängstlich und zweifelnd, wie er zu entspringen vermöchte, denn er ahnte mit Schrecken, daß neben Ibarra auch Manuela ihm gegenüber saß.

 

12.

Es bedurfte gar nicht langer Zeit, um dem Verlobten Manuela's jeden Zweifel zu benehmen. Nach einer kurzen Pause klang das Silberstimmchen seiner Braut zu ihm hinüber, und bot ihm einige Erfrischungen. Die Stimme schnitt ihm ein Schwert durch das Herz, und er konnte beinahe die nöthige Fassung nicht aufbringen, unter der Hülle seines Mantels hervor ein dumpfes und trockenes »Ich küsse Euch die Hände« zu erwiedern. Alle seine Pulse stürmten, in seinem Gehirne lebte nur ein Gedanke: jener der Flucht. Wie aber dem engen verschlossenen Wagen entspringen? Jede Bewegung, ein Laut konnte ihn denjenigen verrathen, die er für seine Feinde und Verfolger hielt. Eine namenlose Angst bemeisterte sich seiner, und nicht minder unheimlich wurde seinen Gefährten zu Muthe, als sie bemerkten, daß nicht ein heiterer, geschwätziger Madrileño ihnen gegenüber saß, sondern ein rätselhafter verschlossener Mensch, dessen hartnäckiges Schweigen nicht zu den angenehmsten Erwartungen berechtigte. Daher verwandelte sich Ibarra's und Manuela's Gespräch in ein sehr leises Flüstern, und der Vater raunte der armen Braut in's Ohr, daß er nur den nächsten Halt abwarten würde, um sodann den beschwerlichen Gast bei Licht zu besehen und wo möglich zu entfernen.

Auch Mariano seufzte nach der nächsten Station, und diese war da, ehe die Parteien es erwarteten. Sie passirten just eines der elenden Dörfer, welche die nähere Umgebung von Madrid ausmachen, -- noch war nicht ein Strahl des Tageslichtes an dem Himmel zu sehen, -- als eine plötzliche Helle von Fackeln und Laternen die Maulthiere stutzig machte, und der Kutscher mit einem Male anhielt. Die Gasse des Dorfs stand gepfropft voll von Menschen, welche durcheinander schrieen, lachten und schimpften, und dergestalt den Paß verengten, daß nicht ein einziger harmlos dahin wandelnder Lastesel durchkommen mochte, vielweniger Ibarra's schwerbepackte Carosse. -- Der Kutscher stand im Nu, über die Neugierde seine Pflicht vergessend, unter dem Haufen der Gaffer; die Fackeln verbreiteten im Wagen ein schwaches Licht, und Mariano verdankte nur dem breiten Hute und dem faltigen Mantel, daß er nicht im Augenblicke erkannt wurde. Manuela heftete aus ihrem Winkelchen den Blick anhaltend und forschend auf ihn; Ibarra beugte sich jedoch während dessen aus dem Schlage der Kutsche, und rief mit zufriedenem Tone, seine Ungeduld mildernd: »Sieh' da, Sennora Galanda! Finden wir uns hier? Ich glaubte Euch schon zu Madrid.« -- »Mit nichten, Sennor. Seit einer verzweifelten Stunde mußten wir hier müßig stehen bleiben, weil Don Satanas selbst im Dorfe sein Spiel hat.«

Manuela horchte freudig auf die Stimme ihrer Duenna, und fragte nun ihrerseits mit kindischer Hast: »Was gibt's denn hier, beste Galanda? Ich sterbe vor Ungeduld, bevor ich nicht weiß, was uns hier aufhält?« -- »Einfältige Geschichten; Gott segne Euch, Donna Manuela. Das Bauernvolk besteht entweder aus dummen Leuten oder schlechtem Gesindel, welches Gott und alle Heiligen abschwört, so es seinen Lüsten gilt. Könnt Ihr Euch vorstellen, daß in jenem Hause, wohin alle Blicke starren, ein Weib lebt, das gottlos genug war, einem ihr fremden Manne einen Liebestrank beizubringen, weil er nichts von ihrer Buhlschaft wissen wollte, da sie schon mit einem Andern vermählt ist? Was thut die Schelmin? Sie wäscht sich dreimal in drei Nächten im Mondscheine mit geweihtem Wasser, und weiß zu veranstalten, daß der arme Nigo von diesem Wasser zu trinken bekommt. Flugs folgt er ihr auf Weg und Steg, in Feld und Kirche, und wird von ihr zur heutigen Nacht bestellt, weil just der Mann der Buhlerin zum Ochsenbrennen nach Madrid geritten ist. Wer weiß, wie es aber dem Mann einfiel, unversehens wiederzukehren? Genug, er kommt, und findet sich entehrt. Nun sind in der Hütte der Alcade, der Pfarrer, der Mann, das verbrecherische Paar und die ganze Sippschaft versammelt. Der Bauer wüthet, die Buhlerin schreit, der Buhle redet sich auf den Liebestrank aus, die Verwandten wollen Beide ohne Weiteres umbringen, der Richter predigt Frieden statt des Mordes, und der Fray Crisostomo exorcisirt sie alle. Mittlerweile können wir aber nicht vom Fleck, weil die Maulthiertreiber geruhen, des Handels Ende abwarten zu wollen.«

»Abscheulich!« versetzte Ibarra mit Unwillen, und besänftigte mit Schmeichelworten und Geberden seine Tochter, die während der Erzählung Galanda's immer stiller geworden war, bis sie in ein lautes Schluchzen ausgebrochen. Da jedoch Ibarra's Ermahnungen nicht viel fruchteten, so rief er mit einem energischen Fluche: »Der Teufel hole die geschwätzigen Weiberzungen. Ihr hättet wohl auch die Eurige im Zaume halten können, Sennora Galanda, statt mein geliebtes Kind, meine arme kleine Prinzessin da zu betrüben. Dafür sollt Ihr auch meine reizende Königin trösten, und ihre Thränen stillen, während ich die Kutscher herbeiprügle. Unser guter verschwiegener Begleiter wird mir vielleicht hierinnen beistehen. He?« -- »Mit tausend Freuden,« murmelte Mariano, lauernd wie ein Löwe im Käfich, daß man die Thüre öffne.

»Und Euer Gefährte, Sennora Galanda?« fuhr Ibarra fort, indem er sich schwerfällig vom Sitze erhob: »wo ist Euer Reisestallmeister?« -- »Da kommt er so eben.« -- Die Duenna öffnete den Schlag, und Mariano benützte die Gelegenheit, sich aus dem Wagen zu werfen, ehe Don Ibarra ihm zuvorkam. Mit einem Sprunge befand er sich auf der Erde, aber auch zugleich in den Armen eines herbeieilenden Mannes, und dieser Mann, der Reisestallmeister der Duenna, war Mariano's treuer Diener Jose. »Bei allen Heiligen und Fürbittern im Paradiese!« schrie der ehrliche Bursche, als der Hut von seines Herrn Kopfe, der Mantel von dessen Schultern fiel: »Wenn das nicht mein herzgeliebter Ritter und Gebieter ist, so will ich einen Türken zum Vater, und eine Jüdin zur Mutter haben. Willkommen, Don Mariano, von ganzer Seele willkommen, habt Ihr mir gleich schlecht mitgespielt. Aber ich lasse Euch nicht mehr, und wenn meine gute Vaterstadt Toledo, ja ganz Spanien darüber zu Grunde gehen sollte!« Heiße Thränen aus den Augen des rechtschaffenen Dieners fielen auf Mariano's Wangen, die Schreck und Ueberraschung zum kalten Marmor gewandelt hatten. Er vermochte nicht, sich den umklammernden Armen Jose's zu entreißen, und fühlte sich schnell von andern Banden umstrickt, von den Armen Ibarra's, von Manuelas Armen. Der Augenblick des Wiedersehens war erschütternd, und wie im Fluge dämmerte darinnen vor Mariano's Gedächtniß die Erinnerung schöner Vergangenheit auf Ibarra's Schlosse empor. Nur im Fluge jedoch, um schnell wieder in den Schatten ungeheuerlichen Zaubers zurückzusinken. Die Liebe, die den Flüchtling plötzlich wieder so überschwenglich umspann, vermochte nur gerade so viel über ihn, daß er nicht wie der reißende Geier, seine Freunde zerfleischend, davon schoß durch die Luft. Mariano's Unrecht und böses Gewissen, stärker als Obrego's Bann, machte ihn schwach in der Nähe der Liebenden. Doch war sein Herz schon so erstarrt, sein Verstand so geblendet, alle seine Sinne waren so knechtisch dem Zauber hingegeben, daß er jetzo that, wie noch nie: daß er heuchelnd schwieg, und wortkarg heuchelte, mit Tücke die Stunde erspähend, wo er sich wieder, und zwar am ersehnten Ziel, frei machen würde von den Banden der Liebe, der Pflicht, der Dankbarkeit.

Wie ein Kind, obschon verdüsterten Angesichts, und aufwallenden Herzens, ließ er sich in den Wagen zurückbringen, wie ein Träumender empfing er die Glückwünsche des Schwiegervaters, der Braut. Manuela glaubte in ihrer Unerfahrenheit, er würde ihre unschuldigen Liebkosungen erwiedern; Ibarra täuschte sich mit der Voraussetzung, daß Mariano selbst, vom frühern unerklärlichen Wahne zurückgekommen, dieses Zusammentreffen veranlaßt. Kalt begegnete jedoch der Flüchtling der Zärtlichkeit seiner jungen Gattin; einsylbig antwortete er den freundlichen Vorwürfen des Vaters, und pries seinen Stern, als das Fuhrwerk wieder in vollem Galopp über die Sandhügel und die verbrannte dürre Fläche hinstürmte, die der spanischen Königreiche Hauptstadt umgibt. Der Frühschein leuchtete in den Wagen. Manuela sagte bekümmert und Mariano's regungslose Hand ergreifend: »Ihr seyd so blaß, so verstört, werther Sennor. Gewiß seyd Ihr krank gewesen, ein Fieber, wie es oft in unserer Gegend sich zeigt, hat Euch befallen. Aber Ihr werdet genesen, des Lebens froh werden in unserer Pflege.« Ibarra setzte hinzu: »Ihr habt uns viele Angst gemacht, geliebter Sohn. Hätte ich mir träumen lassen, daß ein gut gemeinter Vorschlag, Euch fremde Länder sehen zu lassen, daß der Abschied von Eurer zarten Gattin Euch so gewaltig ergreifen würde! Ich hätte nicht so viel Leidenschaftlichkeit hinter Euch gesucht. Seyd indessen ruhig. Ich bestehe nicht auf Eurer Reise, ich will Eure Manuela nicht fern von Euch in ein Kloster sperren. Das war beschlossen, als wir uns aufmachten, Eure Spur nach Madrid zu verfolgen. Den Heiligen sey Dank und Lob, die uns schon hier zusammen führten. Wie kamt Ihr denn zu dem Erzengel? Wie fiel es Euch ein, gleich wie in eine Maske vermummt, unter uns zu erscheinen, und wir sind doch nicht im Carneval? Habt Ihr unsere Vorwürfe gefürchtet? Wir fühlen nur Liebe für Euch, und die innigste Theilnahme für den uns so nah verwandten Kranken.«

»Krank?« fuhr Mariano etwas erbittert auf: »Wer sagte Euch von einer Krankheit! Ich befand mich nie gesünder als eben jetzt. Die Reise ist mir heilsam, die Luft erweitert meine Brust, der Gegenstände Wechsel erheitert meinen Sinn …«

»O bester Mariano,« unterbrach ihn Manuela sanft bittend, mit gefalteten Händen: »Sagt doch auch, daß unser Wiedersehen Euch ein wenig erfreute, Euer Herz befriedigte.« -- »Wenn Ihr wollt, Sennora … allerdings … Wie Ihr befehlt, gute Manuela,« versetzte Mariano mit zerstreutem Blicke und gleichgültigem Wesen. Ibarra gab seiner erbleichenden Tochter einen verstohlenen Wink, und sprach mit sanfter Stimme: »Ja, doch, bester Eidam, wer sagt auch, daß Ihr noch unpäßlich seyd? Diese Reise hat Euch allerdings wohl gethan, weil Ihr krank gewesen. Läugnet das nicht, guter Mariano. Euer plötzlicher Abschied, der Ritt nach Valencia, einer Flucht nicht unähnlich, Eure Reden gegen Jose, Eure Angst in Valencia's Mauern, Eure wunderlichen Gespräche auf der Alameda, die Hast, womit Ihr auf- und abstürmtet am Meeresufer, und Euer blitzschnelles Verschwinden aus der Stadt, während Jose zur Abendzeit Euer Gepäck an des Schiffes Bord brachte … das waren gewiß nicht Handlungen eines Gesunden, wohl vielmehr Geschäfte eines Fieberkranken. Das trifft sich oft, in Veracruz kannte ich selbst mehrere Patienten dieses Schlages, die verwirrt wurden und außer sich kamen, sobald der böse Wind blies, oder die Fieberzeit eintrat. In solchem Zustand ist der Mensch von dem, was er thut, nicht Rechenschaft schuldig: besorgt daher nicht, als ob ich Euch tadeln wollte; ich würde es nicht thun, selbst wenn sich als wahr erwiesen hätte, was Jose's böse Ahnung uns vorspiegelte.« -- »Was war das?« fragte Mariano mit gespannten Zügen und drohendem Blick. -- »Wir unterhalten uns wohl später noch einmal davon. Gott Lob! daß es nur Argwohn war, wie unser Zusammentreffen jetzt beweist. Eure geliebte Manuela hat alle Ursache, zufrieden zu seyn, daß wir Euch in eines Räubers Gewahrsam fanden, statt im Gefolge einer andern gewissen Person, die nur durch die fluchwürdigsten Mittel einen solchen Diener sich zu eigen hätte machen können.«

Manuela's Brust erleichterte sich durch einen Seufzer, und sie drückte vergnügt die Hand des liebevollen Vaters. Mariano starrte finster vor sich hin, und erwiederte keine Sylbe. Dagegen nahm Ibarra noch einmal gesprächig das Wort: »Wir kommen zur fröhlichen Zeit nach der Hauptstadt. Die Königin hat ihren erhabenen Gemahl mit einem Erben beschenkt, und Fest auf Fest wird folgen in ununterbrochener Reihe. Da lassen sich verwundete Herzen durch Zerstreuung heilen, und Genesung trinkt der vom Siechbette erstandene Kranke aus dem stets gefüllten Becher der Lust. Wir wollen unsere Vereinigung fröhlich und heiter begehen, meine Kinder, und der rechtschaffene Jose soll nicht der Letzte seyn bei unsern Festen.«

»Wo Madrid ist, muß doch wahrhaftig die ganze Welt schweigen!« schrie Jose mit Begeisterung zum Wagen herein: »Dort ist schon die Toledobrücke! die Zollwächter unsers gnädigsten Herrn, des Königs, werden gleich ihre krummen Finger in Euren Geldbeutel stecken, Sennor Ibarra. Hm! Wie läuft alles dort voll Menschen! Am Sonnenthor geht's zu, wie vor des Paradieses Pforten. Wo befehlen Euer Gnaden, daß wir halten sollen?« -- »Im Kreuz von Malta, auf der großen Straße,« antwortete Ibarra dem eifrigen Diener: »dort wollen wir absteigen, und erfahren, ob mein Gastfreund, Don Lucio, bereits sein Haus für den Besuch hergerichtet habe. Mein Ansagebrief muß gestern in seinen Händen gewesen sehn.«

Noch eine Minute, und die Reisenden fuhren zwischen gierigen Zöllnern, barschen Soldaten und zudringlichen Bettlern in Madrid, dem Wunder der Welt, ein.

 

13

Es war nicht mehr weit zur Mittagsstunde, als von dem Gerstenmarkt her ein junger Mann mit geflügelten Schritten auf den Rastro stürmte, wo der Trödler unzählige Schaar ihre Magazine geöffnet hält, und die bunteste Musterkarte des Madrider Volkes sich, stets wunderlich erneut, durcheinander würfelt. Die Sonne brannte sehr, und dennoch ließ der junge wohlgekleidete Caballero von seinem Lauf nicht ab, bald scheue Blicke hinter sich werfend, bald neugierig nach beiden Seiten der Straße hinspähend, wo unter breiten Vorsteckdächern von Segeltuch oder Wachsleinwand die Kaufleute saßen oder standen, wie gaffende Schildwächter. Während der Cavalier sich mit beiden Ellbogen durch die wogende Menge arbeitete, schrie man ihn von allen Seiten an: »Was beliebt Euer Gnaden?« »Befehlen Euer Gnaden wohlfeile und höchst seltene Bücher?« »Haben Euer Gnaden Lust zu höchst gediegenen und spottwohlfeilen Waffen?« »Herein, Euer Gnaden, in meinen Laden, wo der Kleider schönste Auswahl hängt!« »Eine Zither, Sennor Cavallero, wie sie in allen Königreichen nicht mehr zu finden?« -- Dazwischen drängten sich an ihn Pomeranzenhändlerinnen mit lautem Geschrei, Sträußermädchen mit zierlichem Geflüster, Bettelmönche mit blechernen Büchsen, Cigarrenbuben mit glühenden Lunten; endlich ein Gauner, der ihn bei des Mantels Zipfel ergriff, und mit verstellter Theilnahme sagte: »Ach, Euer Gnaden, wie hat man Euren schönen Mantel zugerichtet!« -- Als der Cavalier sich unwillig und bestürzt umsah, schnitt der Gauner mit scharfem Messer die Börse von des Getäuschten Gürtel, und war wie ein Blitz davon. Der Bestohlene bemerkte gleich den Diebstahl, rief aber nur mit bitterm Tone dem Schurken nach: »Ei, so wollte ich, daß Dir der Hals zuwüchse und die Klaue abfiele, Du nichtsnutziger Gauner! Leicht kann Dir das Geld größern Schaden bringen, als es mir genutzt haben würde.«

»Ein Almosen, Sennor, wenn's beliebt!« sprach ihn ein Bettler gravitätisch an, stampfte ihm mit dem Stelzfuß hart auf die Zehen, und blies ihm eine schlimme Tabakswolke in's Angesicht. Der Kerl trug einen Degen, und hatte den spitzigen Hut so verwegen in's Gesicht gedrückt, daß er anzusehen war, wie ein Straßenräuber. Der Cavalier erwiederte ihm dennoch sehr höflich und mit ironischem Lächeln: »Ich bedaure, Euer Gnaden, aber ich habe wirklich keinen Denar bei mir, da ein ehrlicher Mann mir just mein Letztes abborgte.« -- »Ah, das ist etwas anderes,« versetzte der Bettler mit einer Verbeugung. Der Ritter fuhr fort: »Könntet Ihr mir nicht indessen, da Ihr hier sehr bekannt scheint, Sennor, einen ehrlichen Krämer anweisen, welcher Kleider feil hält, und nicht zu hohe Preise macht?« -- Dienstfertig deutete der Bettler mit dem Krückenstock nach einem Hause, welches sich durch seine Alterthümlichkeit von seinen Nachbarn auszeichnete. Das steile Dach, mit Hohlziegeln gedeckt, warf seine Schatten in die engen strengvergitterten Fenster des ersten und einzigen Stockwerks; zwei Schildereien, den heiligen Isidor und irgend eine Stiergefechts-Begebenheit vorstellend, prangten über der Thüre des Gewölbes, und über das ganze Gebäude war ein beträchtlicher Anflug von Ruß verbreitet, der aus dem Brasero emporgestiegen, welchen an kalten Morgen der Trödler auf seiner Schwelle in Gluth zu bringen pflegte. »Seht!« sagte der Bettler mit emphatischem Tone: »dort in seines Gewölbes Schatten lehnt der weltberühmte Castillo, ein Kaufmann, wie ihn die Welt nicht mehr aufzuweisen hat. Laßt Euch nicht irre machen durch seine Züge, die etwas vom Juden an sich haben. Er ist der rechtschaffenste Mann von Madrid, der allerfrömmste Christ in ganz Spanien, und im Vertrauen gesagt, ein ehrenwerthes Glied der heiligen Brüderschaft. Bei ihm findet Ihr Alles, was Ihr wollt, Waare und Credit, und werdet meiner nicht vergessen, so Ihr nächstens diese Straße wiederkommt, und ein Paar Quartos für mich übrig habt. Ich versichere Euer Gnaden, daß Ihr einen Cavallero vor Euch seht, welcher mehr verdient, als nur ein Paar Quartos, und daher Eurer Großmuth keine Schranken setzen will.«

Von dem Schwätzer sich loszumachen, beurlaubte sich der Cavalier schnell von dem Bettler, trat in Castillo's Gewölbe, und maß mit zerstreuten verwirrten Blicken den dunklen Schlund, worinnen die verschiedensten Verkaufsartikel aufgehäuft lagen, oder an den schmutzigen Wänden hingen. Der Trödler, ein Mann mit dem abgefeimtesten Judengesicht, betrachtete seinerseits den neuen Kunden aufmerksam, und schloß hinter ihm die Ladenthüre, weil just die Mittagsglocke läutete, und das Volk sich nach und nach verlief. -- »Was wäre Euch zu Diensten, Euer Gnaden?« -- »Eine andere Kleidung, geschwinde aber, unscheinbar, von geringem Ansehen und dunkler Farbe, meinethalben der Kittel eines Arriero, aber ohne Verzug.« -- »Schade, edler Sennor, daß ein so hübscher Mann sich also verunstalten will. Doch mögt Ihr Eure Ursachen haben. Es sind schon mehrere Verwandlungen dieser Art in meinem Laden vor sich gegangen. Die jungen Herren lieben die Maskerade, und ein verschwiegener Kaufmann ist Goldes werth. Sollt gleich bedient seyn.«

Der Ritter warf Hut, Mantel und Handschuhe ab, und that dieß Alles mit so wunderlicher Hast, daß ihn Castillo näher auf's Korn faßte, dicht an ihn rückte, die zwinkernden Augen in das Gesicht des Fremden bohrte, und lächelnd mit vorgehaltener Hand flüsterte. »Habt Ihr mir weiter etwas zu vertrauen, so geht nur voraus in meine Ladenstube, wo keine menschliche Seele uns belauscht. Wir wollen unser Geschäft schnell in's Reine bringen. Habt Ihr Silberzeug oder Goldwaaren, so nehm' ich sie nach dem Markgewicht; Uhren, Ringe und andere Juwelen nach der christlichen Schätzung. Sorgt nicht, daß ein Alguazil uns überrasche; hättet Ihr die Sachen im Schlosse unsers Herrn, des Königs, selber mitgenommen, so wäret Ihr sicher bei dem ehrlichen Castillo.« -- »Haltet Ihr mich für einen Dieb, Sennor?« rief der Ritter erstaunt: »Ihr täuscht Euch sehr. Ich trage im Gegentheil so wenig von Geld und Geldeswerth bei mir, daß ich gerade nur mein Gewand gegen dasjenige vertauschen kann, so ich von Euch fordere. Ein Beutelschneider hat mich so eben vor Eurer Thüre leicht gemacht.« -- »Ach, bei den Schmerzen der heiligsten Mutter Gottes, wie sind die Zeiten so schlecht geworden, und die Menschen so falsch und niederträchtig! Himmelschreiende Sünde, einen so braven Cavalier zu bestehlen! Doch habt Ihr Euch an einen ehrlichen Christen gewendet, und ich willige in den Tausch, wenn Ihr den Degen dazu legt, dessen Griff mit einigem Silber und Perlmutter verziert ist, wie ich zu bemerken glaube.« -- »Meinethalben, weg mit dem Degen, weil ich doch aussehen will, wie ein Tagedieb, wie ein Lastträger, wie ein Hallunke. Geschwinde aber, ehrlicher Kaufmann; ich habe Feinde, Verfolger, die mir auf der Ferse sitzen.« -- »Dachte ich mir's doch: eine Liebschaft oder ein Zweikampf … Heute Morgen wurde erst ein wackerer Edelmann in der Jeronimostraße entleibt gefunden. Man kömmt dazu, ohne zu wissen, wie. Erlaubt, Sennor.« Bei diesen Worten nahm Castillo mit gieriger Hand den Degen aus dem Gürtel des Fremden, küßte ihn ehrerbietig und setzte ihn behutsam auf die Seite. »Der hat auch wohl schon Manchem das Lebenslicht ausgeblasen, um der Ehre und einer schönen Donna willen. Erlaubt, daß ich Euch ferner diesen feinen Spitzenkragen abnehme, und das seidene Wams, und den schönen Gürtel, und Euch bitte, Euch der zierlichen Strümpfe zu entledigen, die schönsten, die getragen wurden, seitdem es seidene Strümpfe gibt. Ei, welch niedlicher kleiner Fuß, edler Cavallero! Ich glaube wohl, daß Ihr bei den Damen Euer Glück macht, und gezwungen seyd, bald diesen, bald jenen Nebenbuhler aus der Welt zu hetzen. Weißere Hände sah ich noch nie; sie beschämen die Manschetten, die ich Euch ungern abnehme, und gerade nur darum, weil sie zu Eurer neuen Tracht nicht passen. Ich will Euch aber schön bedienen. Was haltet Ihr von dieser brauntuchenen Jacke, von diesen geschmeidigen ledernen Kamaschen? Die Sohlen dieser Schuhe sind vom ächten weichen Büffel; Ihr werdet darauf gehen, wie in Tanzschuhen. Der breite Riemen mit der einfachen zinnernen Schnalle erhöht noch Euern kräftigen Wuchs, das Netz von grüner Seide ist schier noch neu und wie für Euch gemacht, und der Hut mit der achtzölligen Krempe schirmt Euch trefflich vor der Sonnenhitze und Euren Feinden. Da, nun seyd Ihr ausstaffirt. Der Leib eines altblütigen Hidalgo ist selbst unter der gemeinen Jacke adelig. Eure Liebste wird Euch in diesem Aufzuge noch einmal so feurig umarmen; und wenn Ihr vom König Euern Gnadenbrief erhalten, so vergeßt Ihr gewiß nicht des rechtschaffenen Castillo, der Euch so uneigennützig bediente. Da, nehmt doch das braunseidene Halstuch in den Kauf. Ich will verdammt seyn, wenn Eure Gegner Euch erkennen, und wenn Ihr nicht neue Eroberungen macht, die Euch besser gelingen, als des Königs, unseres Herrn, neue Liebschaft.« -- »Was? Wie? Was meint Ihr damit?« -- »Nun, ein schmucker Cavalier, wie Ihr, wird schon gehört haben, daß Donna Ignacia wieder zu Madrid ist, der Stern aller Schönen, ein Diamant, den unser Herr gerne in seine Krone verpflanzen möchte, wenn sich die edle Sennora nicht sträubte.« -- »Wie? Donna Ignacia? Des Grafen Barnabas Schwester? Sie sträubt sich? Sie willigt nicht ein?« -- »Wie ich Euch sage. Deßhalb sperrten ihre Brüder die unbesonnene Schöne in das Kloster der Barfüßerinnen. Dort ist schon mehr als eine Widerspenstige zur Vernunft gekommen. Aber -- schon ist die Straße wie ausgestorben, und einen besseren Augenblick, Euch ganz unbemerkt zu begeben, wohin ihr Lust habt, findet Ihr heute nicht mehr.«

Wie ein Pfeil schoß der verkleidete Ritter aus des Trödlers Bude, und setzte im schmalen Häuserschatten seinen Weg durch die lautlosen Straßen fort. Die Hitze war ermattend, aber der Vermummte schritt rüstig dem Ziele seiner Wünsche entgegen, und athmete nur dann etwas ruhig, als er in dem behaglichen Dunkel der Klosterkirche der Barfüßerinnen angelangt war. Dort warf er sich in einen verborgenen Winkel nieder, und sagte zu sich selbst: »Fasse Muth, Mariano. Du hast nun unwiderruflich mit der ganzen Welt gebrochen, um dich einzig an deine Liebe zu klammern. Und wenn sich alle Heilige und alle bösen Geister deiner Beharrlichkeit entgegenstellten, dennoch müßtest du siegen. Altersschwacher Ibarra, kindische Manuela, tölpischer Jose! All' Eure Zudringlichkeit muß an meiner List, an meinen festen Vorsätzen scheitern. Ich sollte mich in Fesseln schlagen lassen? Ich sollte das Kleinod aufgeben, wonach ich glühend trachte? Meine schwachen Gegner mögen erfahren, daß ich sie verlache, und Allen zum Trotze die Myrtenkrone erringen will, welche die Liebe mir bestimmte.«

Der Aermste hoffte, in der Kirche lagernd, die Geliebte zu sehen, zur Abendzeit in das Kloster zu dringen, seine Beute aus dem erschrockenen Weiberconvent herauszuholen; die abenteuerlichsten Plane kreuzten sich in seinem Kopfe, und dennoch sollte vor der Hand ein an sich geringer Vorfall die Ausführung derselben vereiteln. Grelles Getümmel wurde vor der Kirche hörbar, trotz der schweigsamen Mittagsstunde. Ein Mann sprang in voller Hast die Stufen hinan, durch das Schiff der Kirche nach dem Chor, und klammerte sich verzweifelt an den Hochaltar. Ein Haufe tumultuarischen Volks folgte ihm nicht minder schnell; Gerichtsdiener und Soldaten waren darunter. Bald erschienen auch mehrere Pfaffen, und in der Kirche begab sich ein wüster Auftritt. Der Flüchtling hatte in der nächsten Straße einen Gegner im Wortwechsel erstochen, und suchte ein Asyl im Gotteshause. Die Alguazils und die Freunde des Getödteten forderten des Mörders Auslieferung, ein Theil des Pöbels und die Mönche verweigerten dieselbe. Es entspann sich eine Rauferei in der Kirche, der vergitterte Chor der Nonnen füllte sich mit diesen kreischenden, zum Theil auch lästernden Weibern, die aus dem sichern Versteck herab die Vorrechte ihres Hauses zu behaupten suchten. Der zügellose Lärm zog endlich den Corregidor herbei, und die Vögte des Klosters andererseits. Die gravitätische Amtsperson entschied für die Rechte des Asyls, und trieb, dieselben aufrecht zu erhalten, das Volk sammt und sonders aus dem Tempel. Auch Mariano, obgleich er an dem Tumult keinen Antheil genommen, sondern nur mit verschränkten Armen und mit glühendem Auge nach dem Chor der Nonnen gestarrt, ob er nicht vielleicht unter den letzteren seine Geliebte entdecken möchte, fühlte sich von dem Schwarme hinweggerissen, und hinter ihm fielen die Pforten der Kirche donnernd zu, und wurden eiligst verrammelt, wie die Thore des Klosterhofs. Wuth und Verzweiflung im Herzen, floh Mariano hinweg durch enge, krumme Straßen, ohne sicheres Ziel, bis er sich mit Erstaunen an der verrufenen Muralla befand, wo Elend, Sittenlosigkeit und Armuth ihren Wohnsitz aufgeschlagen haben. Als er die Hütten ansichtig wurde, worein das Tageslicht nur durch geöffnete Thüren drang, in deren Schatten das hülfloseste oder schlechteste Gesindel der faulen Mittagsruhe pflegte, da murmelte er vor sich hin: »Hieher führt mich mein Schutzpatron. Im Schooße dieses Abschaums allein kann ich hoffen, unbemerkt und unentdeckt die Zeit zu erwarten, da ich Ignacia erlösen kann. Frisch, Mariano, geselle dich auf einige Stunden zu der Hefe des Volks, und sinne und trachte, dein höchstes Gut zu erringen. Für die Erniedrigung des Augenblicks lohnt dir einst ein Paradies von Liebe, wenn der Gott, der die brennendste Leidenschaft in deinen Busen pflanzte, ein gerechter ist; oder du verschmachtest in unbefriedigter Sehnsucht, aber wenigstens ungestört von dem vornehmen Pöbel, der Deines Herzens Sturm nicht begreift, und deine Triebe verlästert.«

Eine Schenke that sich vor ihm auf, auf deren Thüre mit pomphafter Inschrift der köstlichste Val de pennas verheißen wurde, und Mariano's lechzender Gaumen forderte Labung. Er trat in die ziemlich schmutzige Kneipe; sie war von Gästen leer, und wie es schien, nicht besonders auf Gäste eingerichtet, denn hinter dem groben Vorhang, der den ausgebrannten Heerd von dem Zechraume trennte, stand nur ein elender Tisch mit zerbrochenen Füßen, an die Mauer gelehnt, im Winkel ein dürftiges Lager, zu dessen Häupten eine Lampe vor einem Heiligenbild brannte, und in einer Ecke daneben eine große irdene Amphore, so bestäubt und mit Spinnweben überzogen, als ob seit einem Jahre kein Tropfen Weins daraus geflossen. An dem einzigen Fenster, dessen geölter Papierüberzug ein bischen Helle in's Gemach ließ, kauerte auf einem niederen Korkstuhl ein altes Weib, und schlief, die Ellenbogen auf's Knie gestützt, das Gesicht in die Hände gelegt. Unter der groben Mantille hervor fielen die weißen Haare der Alten über ihre Finger herab, verwirrt und spärlich, wie die Wolle an dem Rade, das müßig vor ihr stand. Das Geräusch, das Mariano mit seinen eisenbeschlagenen Schuhen machte, weckte die Wirthin, und sie sprach mit aufgerissenen Augen: »Heiliges Blut Jesu! Was wollt Ihr? Was begehrt Ihr zu solch ungewohnter Stunde?«

»Einen Trunk, dessen meine durstige Zunge so bedarf, wie der reiche Mann in dem höllischen Pfuhl.«

»Ach Mutter aller Gnaden! So geht zum Nachbar: die Gäste, die mich besuchen, bringen immer ihren Wein selbst mit. So geht doch, stört mich nicht in meiner Ruhe, und legt Euch fein stille auf's Ohr. Ich bin eine alte Frau, und mag der Sieste nicht mehr entbehren!«

Die Alte winkte dem ungebetenen Gast, sich schleunigst zu entfernen; um so mehr mußte sie sich wundern, als dieser dennoch stehen blieb, beide Hände gegen sie ausstreckte, und mit bewegter Stimme rief: »Ach, wie seyd Ihr doch so unerbittlich geworden gegen den, dem Ihr einst nichts abschlagen konntet! Kennt Ihr mich nicht mehr, oder sollte ich irren, wenn ich in Euch die gute Mutter Eufrosine begrüße, die mich so oft auf ihrem Schooße wiegte? Sehe ich mir nicht mehr gleich und ist Euerm Gedächtnisse der kleine ungezogene Mariano so völlig fremd geworden? Amme meiner Mutter, Pflegerin meiner ersten Jugend, sage, ob Du's wirklich bist, oder ob meine Erinnerung lügt?«

Als der Ritter seinen Namen genannt, war Eufrosine mit jugendlicher Lebhaftigkeit aufgesprungen, hatte verwundert in die Hände geklopft, einige von Schluchzen unterbrochene Worte gestammelt, den Saum von Mariano's unscheinbarem Gewand ergriffen, und einige derbe Küsse darauf gedrückt. Mit einer Stimme, die zwischen Lachen und Heulen mitten inne lag, rief sie sodann: »Nun, so sey doch der heilige Jakob gelobt, sammt der heiligsten Jungfrau Maria, daß ich sie wiederschaue, die Blume spanischer Ritterschaft, die ich einst auf meinen schwachen Armen getragen. Ja, herzliebster Sennor, Ihr seyd ganz gewiß mein Pflegling, denn aus Euern männlichen Zügen blickt noch immer das muthige Kindergesicht, das so wenig zu der Dominikanerkutte paßte, die Eure Eltern Euch tragen ließen bis in's sechste Jahr. Ach, was ich mit Euch ausstand, und wie ich Euch gerade deßhalb so lieb hatte! Ja, ich hätte nie aus Euers Vaters Hause gehen sollen, aber der Mensch denkt immer, er wolle sich gut betten, und sieht sich immerdar getäuscht. Was macht Euer Vater, wie lebt Eure Mutter, die sanfte gottergebene Frau?«

»Beide sind dort oben, und beten für mich, aber bisher scheint das Gebet der abgeschiedenen Seelen mir keinen Vortheil gebracht zu haben.«

»Der Himmel stärke sie im Paradiese, und erlöse sie aus dem Fegfeuer, wenn sie noch darinnen seyn sollten. Wie kommt Ihr aber in diese Kleider, die sich so wenig für Euch schicken? Meine schwachen Augen hätten nun und nimmermehr den reichen Erben in dem Bauernkittel erkannt.«

»Davon nachher. Berichte mir zuvor, wie Du hieher gekommen, was Du treibst, gute Mutter Eufrosin, wie Du Dich befindest.«

Die Alte schaffte mit rühriger Hand das Wollrad bei Seite, nöthigte den Gast auf ihren Korkschemel, und huckte sich ihm gegenüber auf einen umgestürzten Kastanienkorb. So begann sie mit manchen Seufzern und gefalteten Händen: »Meine Geschichte ist kurz, und hat nichts von einem wunderbaren Mährlein an sich. Ihr wißt vielleicht noch, daß ich dem braunen Francisco folgte, weil er mich, obschon spät genug, zur Frau machen wollte. Er hatte von den Inseln einen ziemlichen Gurt voll blanker Duros mitgebracht, und suchte zu Madrid reich zu werden. Er handelte ein artiges Häuslein in der Mützenstraße ein, und fing an, für die Leute Chocolade zu kochen. Ich half ihm aus allen Kräften, stampfte den Cacao unverdrossen, rührte, schaumte den ganzen Tag, und genoß die Freude, unsern kleinen Schatz wachsen zu sehen. Aber, herzliebster Sennor, das Glück hatte nicht Bestand, und mein Mann verscherzte den Schutz des heiligen Isidors, indem er ein Spieler ward. Was wir mit der Chocolade gewannen, ging bei den Würfeln drauf, und eines Tages kamen die Offiziale des Gerichts, und nahmen uns Alles, selbst das Häuschen. Da legte sich Francisco auf den Schleichhandel, und wurde von den Zöllnern im Gebirge erschossen. Ich verkaufte dazumal Kastanien, und keine schöneren waren auf dem großen Markte zu finden. Ein alter Wallone brachte mir die Nachricht von Francisco's Hinscheiden, und meinte, wir könnten von nun an unsern Handel zusammenthun, und ehrlich leben. Er genoß eine Pension von ein Paar Dublonen, und war in der Verfertigung papierner Laternen ausnehmend geschickt. Ich dachte, es sey Gottes Wille, und ward sein Weib. Seine Laternen waren sehr gesucht, und brachten viel ein, da er sie schön malte, und so enge zu machen verstand, daß sie nur einmal zu brauchen waren, indem sie gleich in Feuer aufgingen. Leider war er jedoch ein Wallone, und bald an den Branntweintischen häufiger zu finden, als bei der Arbeit. Da ging es ihm einmal wie seinen Laternen: er brannte hell lichterloh aus, und Gott segne ihn mit dem ewigen Frieden. Meine Kastanien verleideten mir, da meine Nachbarinnen auf dem Markte mich immer spöttischer Weise die Wittwe eines Trunkenbolds schimpften, und weil ich einiges erlernt hatte, das mir mein Leben besser fristen konnte, zog ich hieher, und erhalte mich vom stillen bescheidenen Gewerbe. Ich wahrsage aus den Karten, und habe viele Kunden unter der Hand; was mir diese nicht einbringen, ersetzen mir doch andere Leute, die zu gewissen Stunden des Abends bei mir einsprechen, und von denen ich Euch bitten muß, nicht weiter zu reden, wenn Ihr derselben ansichtig werden solltet. Die meisten sind recht gute Kinder, die sich aber auf bitterliche Weise durchbringen müssen, weil die Madrider Polizei gar zu fürwitzig ist, und die Eifersucht der Zünfte ihnen die meisten Wege zum ehrlichen Erwerb verschließt. Glaubt indessen ja nicht, als ob ich liederliche Dirnen beherbergte; keine einzige darf mir über die Schwelle. Ich bin eine Christin, und nehme nur gute Jungen auf, die von ihrem Schicksal gar zu schlecht bedacht wurden. Sie bringen ihren Wein, ihre Zwiebeln und Brod selbst mit, und was sie dabei besprechen und verhandeln, kümmert mich ja nicht. Die Neugierde ist ein großes Laster.«

Da hier die Alte in ihrem zweideutigen Bekenntniß stockte, fiel ihr Mariano in die Rede, indem er hastig sagte: »Nun denn, Eufrosine, so wirst Du nicht Anstand nehmen, mich eine Zeit bei Dir zu beherbergen, so daß keine Seele von meinem Daseyn etwas erfährt. Du siehst einen Unglücklichen vor Dir, der in den Stricken einer Leidenschaft liegt, die er befriedigen, oder darüber zu Grund gehen muß. Wie Du mich hier siehst, ist schon seit geraumer Zeit kein Schlaf über meine Augen gekommen, weil das tobendste Feuer mich verzehrt, eine unnennbare Gluth für einen Gegenstand, den ich früher haßte, wie ich ihn jetzt unsäglich liebe. Bist Du im Besitz wunderlicher Kenntnisse, verstehst Du Dich auf geheime Künste, so hilf durch Zauber mir erringen, was mir der baare trockene Gang des Lebens versagt.«

Wie er nun mit fieberhafter Hand nach Eufrosinens Händen faßte, die wirren Augen in finsterer Begeisterung rollte, und wie ein Nachtwandler in abgerissenen Sätzen das Geheimniß seiner Liebe, und wie dieselbe entstanden, hervorstammelte über die bebenden Lippen, wandelte die alte Pflegerin ein Grauen an, mit Mitleid gepaart und mit sorglicher Ahnung. Sie seufzte, indem sie Mariano's verwirrt hängende Haare aus seiner Stirne strich, und seine blassen Wangen tätschelte: »Es müßte mich Alles trügen, herzliebster Sennor, oder Ihr habt einen Liebestrank bekommen, wie es schon manchem rechtschaffenen Menschenkind widerfahren ist. Es gibt dergleichen Künste, und selbst hier zu Madrid hat man von solchen Beispielen gehört. Buhlerische Weiber richten nicht selten durch solch' heilloses Beginnen diejenigen zu Grunde, die ihrem sündhaften Verlangen widerstreben. Armer Mariano, wie bedaure ich Euch!«

In den Augen Mariano's dämmerte plötzlich ein ganzer Abgrund von Erbitterung auf, und er murmelte vor sich hin, während er seine Stirne berührte, wie ein Wahnsinniger, der aus seinem Taumel erwacht. »Wenn Du wahr gesprochen hättest, Eufrosine, wenn ich das Opfer solcher Schandthat wäre! Gib mir Gewißheit, Eufrosine, und mit dieser Faust will ich die Schändliche erwürgen, die mich so niederträchtig verrathen. Erwürgen, zerfleischen will ich sie, aber zuvor mich in ihren Armen berauschen, in ihren Reizen selig werden, denn, Herr, mein Gott, ich kann ja nicht mehr leben, nicht mehr athmen, ohne Ignacia zu besitzen! Du hast Recht; wenn ich zurückschaue, und die Vergangenheit wie ein Blitz vor mir auftaucht, so fühle ich, daß ich aus der Bahn der Natur geschleudert bin, daß ich elender, willenloser bin, als die Bestie, die auf unwegsamen Bergen ihre Nahrung, ihre Beute sucht. Ich möchte mich verfluchen, mir in's Gesicht speien, mich vernichten auf ewig … Ach, Eufrosine, hilf mir aus diesem Kampfe, gib mir ein Gegengift, das die Flamme erstickt, worin ich lodere. Für jedes Siechthum ist ja ein Kraut gewachsen, … hilf mir von der Verzweiflung, spende einen Talisman gegen den verfluchten Zauber. Aber Du lügst, Eufrosine, oder Du bist zu ohnmächtig. Nur an Ignacia's Brust darf ich hoffen, zu genesen, und wenn sie mich ermordete in der Umarmung, die heillose, die heißgeliebte Zauberin, mit Wollust würde ich mein Blut dahinströmen sehen, um frei zu seyn, ein befriedigter, durch den Raum flatternder Geist!«

»Ach, wie fühle ich Eure Schmerzen, geliebtester Sennor,« versetzte Eufrosine wehmüthig: »Ich bin aber nur ein schwaches Weib, und kenne nur einen Mann zu Madrid, dessen Kunst und Weisheit hier zu helfen vermöchte. Seyd getrost, ich will nach dem Manne umschauen. Beruhigt Euch indessen, theilt mit mir mein bischen Armuth. Hier seyd Ihr sicher, aber folgt meinen Ermahnungen, widerstrebt nicht meinem guten Willen. Euer Gesicht ist blaß; und dennoch durchschüttelt Euch mörderische Hitze, Eure Augen sind von Blut unterlaufen, und quellen furchtbar hervor. Euer Mund zuckt, Eure dürre Zunge lallt kaum mehr ein verständliches Wort; … Herr Jesus, Ihr verscheidet wie ein Verdammter, wenn Ihr nicht einer kurzen Ruhe Euch fügt. Ich verstehe zwar nicht, den Zauber zu lösen, der Euch aufreibt, aber einen Trank will ich brauen, der Euch den Schlaf bringt, und im Schlummer haben nur die Engel über den Sterblichen Macht, und nicht der Satan.«

Mariano antwortete nicht, denn er war mit Geist und Leben in sich zusammen gesunken, wie ein bejammernswürdiges Bild der Zerstörung aller Kräfte und Fähigkeiten, womit der besonnene Mensch sich auf dem ungestümen Meere der Welt zu regieren pflegt.

 

14.

Am Eingange des kleinen Ziergartens, angelehnt an eine plumpe Flora von zerbröckelndem Stein, das Gesicht gegen den Hof des Hauses gekehrt, stand der Haushofmeister und verdaute das frugale Frühstück. Bald wendete er die gedankenlosen Augen den stolzen Pfauen zu, die im Hofe schritten, bald dem dünnen Strahl des dürftigen Springbrunnens. Rings um ihn her war Alles still, der Proviantesel allein, der täglich von den Märkten des Hauses Nothdurft herbeizutragen hatte, und an dem Ring der Küchenthüre festgebunden stand, schrie hin und wieder nach dem Führer und seinen Körben, unterbrach dann und wann das Schweigen in dem verödeten Hofraum. Die rauhe Stimme seines langohrigen Gegenstücks ärgerte den Haushofmeister, so daß er nach seiner Pfeife griff, und den Bedienten Gil herbeilockte. »So zögere nicht, fauler Gil, in unseres Heilands Namen! Die Borrike schreit, als ob der jüngste Tag im Anzug wäre. Spute Dich, verschlafener Diener, wenn Du Dir nicht das Beste vor der Nase wegkaufen lassen willst.« -- »Ich komme immer zeitig genug, die Caldaunen einzuhandeln, womit uns der Herr Haushofmeister traktirt,« murrte der Gerufene in den Bart, und ergriff schwerfällig den schöngeschorenen Esel bei'm Zaum. Der Haushofmeister drückte ihm einige Pesos in die Hand, mästete ihn mit einigen Marktregeln, und schickte den Einkäufer ab. Hierauf schnupfte er bedächtig mehrere große Prisen, lehnte sich wieder an die Flora, blinzelte mit halbgeschlossenen Augen gen Himmel und schaute lange nicht um sich, bis er unferne das schrillende Rauschen eines Taffetkleides vernahm, und sich neugierig nach dem Ankömmling drehte. In zierlichem Mantel und Kragen, den Hut sauber mit schwarzen Spitzen aufgeputzt, den langen Degen wagrecht an der Seite haltend, auf straffen Waden und hohen Absätzen stolzirte, einem Reiher zu vergleichen, ein Mann daher, den der Haushofmeister ehrfurchtsvoll begrüßte: »Gott segne Euern Morgen, edler Don Lucio!« -- »Guten Morgen, ich danke Euch, guter Sennor Coliflor!« -- »Haben Eure Gnaden wohl geschlafen, und Dero Messe bereits abgewartet?« -- »Ach, Sennor Coliflor, man vergißt die Nachtruhe und die heilige Messe, oder besser gesagt, man opfert beide auf, wenn man Gäste im Hause hat. Die Gastfreundschaft, wohledler Sennor, ist ohne Zweifel eine schöne Tugend, aber was wird dabei gewonnen? Noch lobe ich mir's, wenn der Besuch nicht weit her ist, etwa von Aranjuez oder von Alcala, oder von Talavera. Da läßt sich's wett machen, da mag man hoffen, einmal wieder zu genießen, was man spendete, zu ärndten, was man mit christlicher Freundschaft säete. Aber, begreift Ihr wohl, Sennor Coliflor, wie ich einmal nach Valencia kommen sollte? In Christi Namen, ich wüßte nicht, wie das zugehen müßte. Madrid, die einzige Hofstadt in allen Reichen der Welt, Castiliens Stern und Gnadensonne, ist mir so nöthig zum Leben, als das Athmen. Der alte Ibarra hat daher gut hieher kommen, und sich's bei mir bequem zu machen, und ich bin meinen früheren Handelsverbindungen schuldig, gute Miene zu solchem Einlager zu ziehen. Ihr wißt selbst, Sennor, wie viel bei dergleichen Gelegenheiten darauf geht, und wie schwer es einem Hagestolzen fallen muß, solche Last mit gehörigem Anstand zu ertragen.«

Der Haushofmeister nickte gravitätisch, und meinte, die Trinkgelder würden am Ende Alles ausgleichen, und die Zerstreuung der paar Wochen dürfte dem einsamen Don Lucio auch nicht schaden. Lucio erwiederte dagegegen: »Bei allen Schmerzen der heiligsten Mutter Gottes, ein trübseliger Besuch, wie dieser, ist mir noch nie vorgekommen. Donna Manuela ist freilich ein sehr appetitliches Geschöpf, aber leider schon vermählt, und von früh bis spät in Thränen schwimmend, weil ihr Bräutigam sie schnöde verließ, und bis zur Stunde nicht gefunden wurde. Täglich gehen Ibarra und seine Diener aus, dem Flüchtling nachzuspüren, und täglich ist's umsonst. Darum nichts als lange Gesichter, verdrießliche Blicke, Seufzer und Schluchzen. Mein Haus, sonst eine stille, bequeme Clause, ist umgestaltet in ein Pönitenzkloster.« -- »Ei, Don Lucio, so wird Euch die Tafel weniger kosten. Traurige Leute sind mit einem halben Ei zufrieden, und statt des Zuckerschaums schlürfen sie ihre Thränen. Ein weiteres Verdienst könntet Ihr erwerben: zerstreut die schöne verlassene Manuela, macht sie Euch geneigt, überredet den steinreichen Gast, daß er den zerrissenen Ehebund völlig wieder trennen lasse, und heirathet selbst die schweren Tonnen Goldes, die der alte Herr vermag.« -- Don Lucio zog lächelnd seinen Taschenspiegel aus dem Gürtel, und ordnete die grauschimmernden Haare auf seinem Scheitel. Dann versetzte er seufzend: »Die Sennora ist doch ein Bischen gar zu jung für mich, und außerdem besteht, wie Ihr wißt, zwischen mir und meiner wohlgetreuen Stiefschwester der Vertrag, daß wir gegenseitig verzichten, uns jemals zu verehelichen, und dafür einander beerben wollen. Gott schenke nun freilich Eurer Gebieterin noch tausend Jahre; wenn sie aber zufällig vor mir stürbe, hätte ich doch ein reiches Vermögen verdient, ohne mich in's unbequeme Joch des Ehestands zu begeben, und eine junge Frau zu nehmen, die vielleicht, … wir wollen die Sache beruhen lassen, Sennor Coliflor. Habt Ihr keine Nachricht von Donna Eugenia?« -- »Nicht eine Sylbe, Don Lucio.« -- »Das beunruhigt mich in der That. Die edle Frau schreibt sonst so gerne Briefe, als sie gerne plaudert. Noch mehr verwundert's mich, daß ihre Freundin, die sie zu besuchen ging, hier in Madrid verweilt, und von meiner guten Schwester nichts verlautet. Ich hätte mich schon selber gerne bei Don Barnabas erkundigt, aber der Graf ist, unter uns gesagt, so ungeschliffen geworden, daß ein ehrlicher Edelmann gerechtes Bedenken tragen muß, sich mit ihm in Verkehr zu setzen.« -- »Ihr sprecht weise, Don Lucio. Wir wollen Geduld haben: meine Gebieterin ist so klug und verständig, daß ich gar keine Sorge um sie habe, und überdieß begleitet sie der pfiffige Obrego, der, wie ich meine, sieben Taufen erhalten hat, statt einer einzigen, und aus jeder Verlegenheit einen Ausweg weiß.«

Don Lucio schüttelte den Kopf mit wichtiger Miene und bemerkte: »Der braune Schlingel ist mir stets ein Dorn im Auge. Keiner von den Landstreichern, die zum Grabe des heiligen Jakob wallfahrten, ist mir je so zuwider gewesen. In Christi Namen, Sennor, wir müssen uns den Burschen bei gelegener Zeit vom Halse schaffen. Er dürfte am Ende Euerm Amt und meinen Erbansprüchen gefährlich werden.«

Durch den Thorweg kam ein Reiter auf stattlichem Maulthier, mit Peitschenknall, sprang leicht von seinem Thier ab, band es an den Ring der Küchenpforte, und ging straff auf die beiden Männer zu, die ihn verwundert von oben bis unten betrachteten. Mit barschem Ton sagte der Fremde, der das zierliche Kleid eines Valencianers trug: »Wer von Euch, Ihr Herren, ist wohl der Thürsteher, Schließer oder Haushofmeister dieses Palastes?« -- Don Lucio trat mit einiger Erbitterung zwei Schritte zurück, und erwiederte: »Bei dem Barte meines Vaters, Sennor Coliflor, sagt doch dem zudringlichen Burschen, daß er die Augen besser aufsperre, wenn er einem feinen Cavalier gegenüber steht, und fertigt ihn ab.« -- Wie Don Lucio nun mit Hahnenschritten etwas zur Seite ging, und der Haushofmeister mit hochmüthigem Gesichte gesprochen hatte: »Ich selbst bin der Haushofmeister und ein Edelmann, so gut wie der König, unser Herr selbst,« entgegnete ihm der Fremde mit trotzigem Lächeln: »So beeilt Euch, Sennor Mayordomo, meinem Herrn entgegen zu gehen, der auch der Eure ist, und unverzüglich hier eintreffen wird.« -- »Euerm Herrn? meinem Herrn? Nun, bei den fünf Wunden unsers Erlösers, Freund, Ihr habt Euch in der Straße geirrt, und fragt gewiß nach den barmherzigen Brüdern, wo eine Aderlässe für Leute Euers Schlags beständig in Bereitschaft gehalten wird. Packt Euch fort, und geht zu den Narren, wohin Ihr gehört.« -- Worauf der sonderbare Courier mit übermüthigem Lachen antwortete: »Ihr mögt mir ein rechter Gavacho seyn, superkluger Sennor. Auf welcher Schule habt Ihr Euern Verstand eingehandelt? Ich rathe Euch, mich nicht zu beleidigen, denn mein Herr ist nicht von den Geduldigen, und weiß, welcher Respekt seinen Dienern geziemt. Sperrt nicht das Maul auf, guckt nicht so einfältig; ich höre bereits meinen Gebieter. Frisch ihm entgegen, macht ihm fein die Kutsche auf, seyd freundlich und demüthig, wenn Ihr seine Gunst verdienen wollt.«

Don Lucio und Coliflor gafften sich verdutzt an, als eine schwerbepackte Kutsche, von vier Maulthieren gezogen, in den Hof rollte, in ihrem Gefolge ein ansehnlicher Küchenwagen, und ein zahlreicher Troß von Laquaien und Reitknechten auf Pferden und Maulthieren. Die Leute thaten grade, als ob sie hier zu Hause wären, plauderten, fluchten und lachten durcheinander, sprangen schäckernd aus dem Sattel, von den Wägen, und ein halbes Dutzend von ihnen beeiferte sich, die Glasthüre der Kutsche aufzureißen, die bequeme, sammetbedeckte Treppe herunter zu lassen, und einem Mann vom vornehmsten Ansehen herauszuhelfen. Die Geschwindigkeit, womit alles dieses geschah, machte dem Haushofmeister die Augen übergehen, und über seine Schultern schaute mit langem Halse Don Lucio, wie auch aus den Fenstern des Palastes hie und da sich ein versteinertes Bedientengesicht herauslehnte, des überraschenden Auftritts staunender Zeuge.

»Wo ist der Haushofmeister?« rief mit gebieterischer Stimme der vornehme Reisende, und der Courier deutete lächelnd auf Coliflor, und dieser näherte sich, von dem Befehl eingeschüchtert, mit tiefgebücktem Rückgrat. »Alles in Ordnung?« fuhr der Reisende fort: »Ich finde Euch ziemlich langsam im Dienste; ich werde das ändern müssen, wenn Ihr nicht bald andere Segel aufzieht. Ich belohne meine Hausoffizialen wie ein Fürst; aber ich erwarte auch von ihnen die schuldige Demuth.« -- »Allerdings, hochedler Sennor,« meinte Coliflor zögernd; »aber … ich verstehe nicht … ich vermuthe fast, daß ein Irrthum …« -- »Bei meinem Schutzpatron, ich irre mich nie. Davon ein andermal. Das ist also der Garten, der mir so gerühmt wurde? Das nennt man hier zu Lande einen Palast? Nun, beim Himmel! eine schöne Ueberraschung: das schlechteste Haus, das in Madrid zu finden ist; ich wette. Wenn die Zimmer nicht anständiger sind, als Hof und Garten, so thut mir's leid. Frisch voran, Haushofmeister; die Schlüssel zur Hand, die Gemächer aufgesperrt. Ich will mein Zimmer aussuchen, ich bedarf der Ruhe; sorgt indessen für meine Dienerschaft.«

Coliflor stand versteinert; Don Lucio suchte ihm aus der Verlegenheit zu helfen, trat hinzu und fragte mit gravitätischer Breite: »Vorerst, edler Sennor, … Ihr bemerkt unser Erstaunen … wollet uns andeuten, mit welchem Rechte Ihr in diesem Hause den Herrn spielt?«

»Wer ist die Figur?« fragte der Reisende mit königlicher Gleichgültigkeit: »Etwa ein Mensch? Oder vielmehr eine von den Krähen, die unser großer König Karl als eine Rarität aus den Niederlanden brachte?« -- Das Gesicht Don Lucio's wurde, trotz der chronischen Gelbsucht, die darauf lag, blutroth, und seine Hand zuckte zornig an dem leider eingerosteten Degen. »Mit nichten, werthester Sennor,« stotterte Coliflor mit unterthänigster Erbitterung: »Dieser preiswürdige Herr ist niemand anders, als Don Lucio, meiner abwesenden Gebieterin edler Stiefbruder.«

»Wärs möglich?« fuhr der Reisende mit freudiger Ueberraschung fort: »Gebt mir Eure Hand, Don Lucio. Der Himmel behüte mich, daß ich einen so werthen Verwandten beleidigen möchte. Wir wollen im Gegentheil die besten Freunde seyn. Seht aber selbst, ob ich dieses Haus so lassen kann, wie es ist. Nirgends Raum, der Hof abscheulich, der Garten geschmacklos, wie der eines Kapuzinerklosters. Nein, da müssen Anstalten getroffen werden: die Nachbarhäuser werd' ich kaufen, einen Palast im edlen Style aufführen lassen, einen Park einrichten, ein Caroussel anlegen. Ich wette, daß nicht einmal ein Theater in diesem Hause ist, kein Speisesaal, worinnen ein Orchester Platz fände, kein Stall, worinnen ich nur den vierten Theil meiner zweihundert Hengste unterbringen könnte, geschweige denn meine Maulthiere, deren Zahl ich gar nicht kenne. Ich werde am Ende gezwungen seyn, die ganze Ruine zu verkaufen, um einen Spottpreis hinzuwerfen, um sie nur los zu werden.« -- Don Lucio zitterte vor steigendem Zorn und steigender Neugierde. Mit allem Aufwand von Trotz, dessen er fähig war, begann er: »Werdet Ihr endlich so gefällig seyn, mein unbekannter, edler Herr, mir Euren Rang und Namen anzugeben, oder soll ich des Corregidors Hülfe gegen Euch in Anspruch nehmen? Ihr treibt mich zum Aeußersten, durch das sonderbare Regiment, das Ihr Euch hier anmaßt.«

Der Fremde sah ihn mit lächelnder Verwunderung von oben herab an, und versetzte, ihm auf die Schulter klopfend: »Geduld, Don Lucio, ereifert Euch nicht. Ich steh Euch ja zu Diensten, und mein Name ist Miguel von Andujar. Eine edlere Familie stand noch nie in dem christlichen Heroldbuch aller Königreiche.« -- »Mag seyn, Don Miguel: aber das Recht, womit Ihr hier befehlt?« -- »Mein Recht ist das heiligste. Der Erzbischof von Valencia hat es selbst eingesegnet. Ich hätte jedoch erwartet, Don Lucio, daß Ihr Euren Schwager freundlicher aufnähmt.« -- »Meinen Schwager? Beim heiligen Isidor, mein Kopf geht rund um, wie das Thier in der Oelmühle.« -- »Laßt Euren Kopf und das Thier, gebt mir Euren Arm, und führt mich in mein Haus ein. Wie Ihr mich hier vor Euch seht, bin ich Donna Eugenia's Gemahl mit Haut und Haar. Erschreckt doch nicht, ich verspreche Euch meine Freundschaft. Schüttelt auch nicht den Kopf so zweifelhaft, und laßt Euch belehren. Hier mein Heiraths-Contrakt mit dem erzbischöflichen Siegel, hier die Vollmacht meiner Gattin, über ihre Güter in Castilien zu verfügen, hier der Schlüssel zu ihrem geheimen Kabinet, den sie nur, wie Ihr wißt, in die vertrautesten Hände legt, und hier endlich ein Briefchen von meiner theuren Eugenia eigener Hand an den geliebten Stiefbruder. Ihr mögt daraus selbst ermessen, in welchen Ausdrücken sie mich empfiehlt. Sie ist mit mir zufrieden, glaubt mir das auf's Wort, und hätte sich's nicht nehmen lassen, an meiner Seite in Madrid zu erscheinen, wenn nicht die milde Luft meiner Heimath, die fröhliche Gesellschaft meiner Schwestern, und eine gewisse Verschämtheit, die Ihr der Neuvermählten zu gute halten wollt, sie bewogen hätte, in Valencia zurückzubleiben.«

Don Lucio, der unter verlegenem Räuspern und Husten den zärtlichen Brief gelesen, begab sich mit vielem Anstande in die Arme des Schwagers, stotterte ein Kompliment über das andere, und verwünschte innerlich den Wankelmuth der treulosen Schwester. Er benützte den ersten Augenblick, während der Besichtigung des Hauses, den Schwager auf die Seite zu ziehen, und von der Verabredung zu sprechen, die ihm ein gewisses Recht auf seiner Schwester Vermögen einräumte. Lächelnd erwiederte ihm aber Andujar: »Droht mir nicht mit einem Prozesse, Don Lucio, dessen Ausgang unsere Urenkel erst erleben würden. Ihr wißt, wie die Weiber sind; im Punkte der Liebe ist mit ihnen nicht zu spassen. Haßt mich nicht darum, daß ich im Sturme Eugenia's Herz und Hand errang, und bietet die Hand zu einem vortheilhaften Vergleich. Ich bin nicht geizig, habe nicht nöthig, es zu seyn. Der reichste Mann in Valencia … was liegt mir an einer Tonne Goldes? Ihr sollt mit mir zufrieden seyn; es könnte wohl kommen, daß ich Euch alle Liegenschaften überließe, die meine Gattin in Castilien besitzt. Was thu ich mit den Häusern, mit den Gärten? Das Klima von Madrid sagt mir nicht zu, und Eugenia gefällt sich in meinem Vaterlande. Die Hand her, Don Lucio, ich mache Euch gern zu einem kleinen Crösus. Aber Ihr müßt brav seyn, und verträglich, und mir heute bei Tisch Gesellschaft leisten, wo ich mich bei würziger Speise und frohem Gespräche von den Strapazen der Reise erholen will.« -- »Eure Reise war doch nicht von unangenehmen Zufällen begleitet?« fragte der von Herzen sehr erleichterte Lucio, und der Marquis von Andujar entgegnete: »Mit nichten, Dank den heiligen Fürbittern im Paradiese. Wir fürchteten uns anfänglich, mit dem berüchtigten Erzengel von Salamanca in unfreiwillige Berührung zu kommen, aber schon am ersten Tage ward uns die frohe Kunde, daß der berüchtigte Spitzbube bereits in Ketten und Banden sitzt.« -- »Ja, ja, ich weiß, Don Barnabas hat ihn der Gerechtigkeit überliefert.« -- »Ihr werdet sehen, Don Lucio, daß der aufgeblasene Günstling wieder einen Orden verdient hat, ohne recht zu wissen, wie er dazu kam.« -- »Auf Ehre, Don Miguel, der leerste Kopf hat Glück und Stern, während wir andere vernünftige Leute und gute Unterthanen nur das Nachsehen haben.« -- »Der Welt Lauf, biederer Don Lucio. Ich will aber jetzt gleich in Sennor Coliflors Rechnungen nachsehen, und erwarte Euch zu Tische.« -- »Ich habe zwar selbst Gäste im Hause, aber meinem lieben Schwager mag ich nichts abschlagen.« -- »Ich küsse Euch die Hände, und erwarte Euch, theuerster Bruder meiner Eugenia.« -- »Auf Wiedersehen also, Gott behüte Euch, edler Marquis von Andujar.« -- »Gott behüte Euch, preiswürdigster Don Lucio.«

 

15.

Die köstliche Abendzeit war gekommen, da der Bewohner von Madrid die Hitze des Tages vergißt, und Spaziergang und Kühlung nebst dem bescheidenen Vesperbrode unter den Bäumen des Prado sucht. Die Vornehmen rasselten in schweren Carossen nach den Alleen dieses Lustgartens, minder Begüterte schlenderten zu Fuße und die Straßen schienen ausgestorben, während auf dem Spaziergange und in den Gärten des Buen Retiro alles wimmelte. Donna Eugenia's Palast stand nicht minder leer, indem Sennor Coliflor bei der Merenda saß, und Don Andujar mit seinem Schwager in der großen Straße auf und ab kutschirte, begleitet von allem Gesinde und Troß des Hauses. Ein einziger Diener gähnte, auf den Stufen der Treppe sitzend, die von dem Säulengange des Hofes in die oberen Gemächer führte. Vor den Gähnenden trat mit leisen demüthigen Schritten eine alte fremde Frau, einer Bettlerin nicht unähnlich, und fragte mit bescheidener, halbvertraulicher Stimme: »Könnt Ihr mir nicht sagen, werthester Sennor, ob der Meister Obrego zu Hause ist, ob nicht?« -- Mürrisch sagte der Bediente: »Was geht mich der braune Bursche an? Der Himmel weiß, an welchem Galgen er hängt; so viel ist gewiß, daß er nicht zu Madrid befindlich. Wenn Ihr daher mit ihm zu reden habt, so geht nach Valencia, wo der Meister, wie Ihr ihn nennt, lebt oder gestorben ist.« -- Die Alte faltete erschrocken die Hände, und versetzte: »Es wird doch nicht so arg seyn, wie Ihr's macht. Leid thut mir's aber, daß der Meister nicht zugegen. Ich hatte Trost in meiner Noth von ihm gehofft.« -- Wärst Du um ein halb Jahrhundert jünger, alte Seele, so wollt ich wohl versuchen, wie ich Dich trösten möchte.«

Bei diesen Worten schaute die Alte den Bedienten schärfer an, schlug ein leichtes Kreuz und murmelte, nachdem sie sich vorsichtig allenthalben umgesehen: »Ihr seyd Lucifer selbst, oder der lustige Sennor Cajetano, den ich vor mehreren Jahren in meinem geringen Hause zu bewirthen so glücklich war.« -- »Du hast Augen wie ein Luchs, Mutter Eufrosine. Ich möchte Dir aber rathen, Deine Zunge in Ketten zu legen, wenn sie Lust bekäme, von mir und über mich zu reden. Du weißt um gewisse Jugendsünden, die ich gerne vergessen möchte, und darum reinen Mund.« -- »Ihr kennt mich ja, mein Sohn Cajetan. Ich bin stumm, wie der Fisch dem heiligen Augustin zuhörte, als dieser predigte. Man hat mir schon gar viel im Leben anvertraut, und ich hab' es nicht ausgeplaudert. Ich könnte alle Tage ein Beichtvater werden, liebster Sennor. Doch darf ich mich, wenn wir allein und unter vier Augen sind, billig und bescheiden verwundern, wie es kommt, daß Ihr nicht schon dem Henker anheimfielt, oder mindestens einer dauerhaft beschlagenen Galeerenbank.« -- »Pst! danke mit mir den Heiligen im Himmel, und bete fünf Rosenkränze zu Ehren meines Patrons, der seinen unwürdigen Schutzbefohlenen dem Laster entriß, und der Tugend zuwendete. Ich habe mich von den Schlacken geläutert, Mutter Eufrosine, indem ich mir dachte, Tugend und Zufriedenheit hienieden seyen denn doch mehr werth, als die Hoffnung auf zweifelhafte Seligkeit drüben, die uns etwa eine verspätete Absolution verleiht. Ein Sperling in der Hand ist ja besser, als ein Geier in der Luft. So zog ich den Gauner aus, Mutter Eufrosine, und kroch in die ehrliche Livree einer grundehrlichen und edelblütigen Herrschaft, und heiße jetzt Rubino, mit welchem Namen ich in Zukunft mich zu bezeichnen bitte.« -- Eufrosine verneigte sich sehr demüthig vor dem emphatischen Sprecher, und dieser fuhr fort: »Du begreifst, daß ich jetzt um jeden Preis meinen guten Leumund schützen werde, und es ein Unglück für Dich wäre, wenn Du plaudertest. Ich besitze noch immer Fertigkeit genug in meiner rechten Hand, um eine siebzigjährige Kerze auszulöschen; das merke Dir.« -- »Ein freundschaftlicher Wink genügt mir,« meinte Eufrosine: »besonders wenn ein Lieblingswunsch, ein sehnsüchtiges Verlangen meiner Seele in Erfüllung ging. Ihr glaubt nicht, bester Sennor Rubino, wie ich mich freue, wenn einer von den lieben jungen verirrten Männern, die ich verpflegte, wieder auf den rechten Pfad zurückkehrt. Ich habe oft in heißen Thränen den Himmel gebeten, daß er Euch alle zu Lichtern des Glaubens, der Frömmigkeit und Rechtschaffenheit machen möge. Eure Fürbitten und Seelenmessen werden mich dafür einst zum Paradiese tragen, weil ich nicht von Euch gewichen in der Zeit der Trübsal und Verblendung, wo Euch die ganze Welt verließ, und verloren gab.« -- »Eine christliche Philosophie, Mutter Eufrosine. Wahrlich: die sich erniedrigen, sollen einst erhöht werden. Sagt mir aber geschwinde, obschon ganz leise und im Vertrauen, wie es jetzo mit Eurem Herbergegeschäft steht. Ist Eure Schenke noch immer der Tummelplatz aller lockern Buben von Madrid, der gewiegtesten Abenteurer aus dem Königreiche? Kehren noch manchmal Subjekte bei Euch ein, denen Pulverdampf um die Nase wehte, und Haar auf den Zähnen wuchs? Sind noch einige Licenciado's unserer Kunst vorhanden, wie zu meiner Zeit?«

Eufrosine seufzte tief auf, und flüsterte: »Bester Sennor Rubino, die Zeiten werden immer schlechter. Der Gewerbfleiß nimmt ab, und nicht mehr die Hälfte meiner Kunden habe ich, wie früher, weil die Polizei allzunachsichtig ist, und der kühnen Leute immer weniger werden. Gemeine Diebe, lieber Herr, das ist's, was die Hauptstadt noch aufweiset. Männer von großem Geiste fehlen. Es ist keine Ehre mehr unter den Leuten. Ihr hättet Euch geschämt, mir einen Quarto schuldig zu bleiben, aber mein jetziges Guthaben steigt bei Manchem in die Duros. Beutelschneider, lieber Herr, Leute ohne Charakter; von großen Thaten hört man nichts, es wird nicht mehr falsch gemünzt, die kecken Schwärzer, die in ihren Taschen nicht Platz hatten, das Geld zu bergen, bleiben aus. Ich seh' einer traurigen Zukunft entgegen.« -- »Das thut mir leid, Mutter Eufrosine. Ihr wart stets eine brave gottesfürchtige Christin, spracht unserm Beutel nie gar unbescheiden zu, habt für uns gebetet, während wir im Felde lagen. Das vergesse ich Euch nicht. Wenn es aber so ist, wie Ihr sagt, so seht Euch bei Zeiten nach einem Platz in einem Spital um. Zuvor will ich jedoch selbst mich überzeugen, wie es jetzt in Eurem Hause zugeht.« -- »Ach, wenn Ihr das wolltet, Sennor Rubino. Ich kann aber kaum erwarten, daß Ihr einer armen Frau, wie ich bin, solche Gunst verleiht. Euer Besuch würde ein wahres Almosen für mich seyn.« -- »Das sollt Ihr haben, sag' ich Euch; noch heute Nacht, wenn das Aveläuten vorüber ist. Sorgt nur für einen Winkel, Eufrosine, wo man so ganz ungestört und unbeschrieen sitzen kann.« -- »Soll alles bestellt werden nach Euren Wünschen. Der Himmel segne Euren Abend, Sennor Rubino!« -- »Gleichfalls, Alte; packe Dich aber jetzt, denn ich höre die Kutsche meines Herrn.«

Eufrosine trippelte, so schnell sie es vermochte, aus dem Hause, und wendete sich dem Stadtviertel zu, wo sie wohnte. Es kamen bereits viele Spaziergänger in die Stadt zurück, und wogten durcheinander, geschwätzig die Einen, gravitätisch die Andern. Gruppen sammelten sich vor den zahlreichen Kruzifixen auf den Gassen, und warteten mit entblößtem Haupte des Geläutes der Abendglocke. -- Bei den Muttergottesbildern und vor deren brennenden Lampen stellten sich die Blinden auf, die an diesen Stationen ihre Zither, ihre Pfeife zu spielen pflegen, das Mitleid der Vorübergehenden zu erregen. -- Die Straßenindustrie war wieder in vollem Zuge, nur bot sie eine andere Physiognomie, als am hellen Tage. Die Bettler waren verschwunden, den Dieben und Kupplern Platz zu machen; statt der grauen und braunen Mönche schweiften Freudenmädchen ohne Zahl.

Eufrosine kam unangefochten durch das Gedränge in die Gegend ihres Hauses. Auf der Schwelle stand die Nachbarin Teresa, und rief ihr zu: »Gut, daß Ihr kommt, Euer Kranker ist erwacht, und fragt begierig nach Euch. Ich weiß nicht, was ich antworten soll, denn seine Reden sind so geheimnißvoll, daß sie mir wie Lateinisch klingen. Auch fürchte ich mich bei ihm. Darum tretet selbst ein, und beruhigt seinen Ungestüm.«

Eufrosin trippelte geschäftig an Mariano's Lager. Der junge Mann war halb aufgerichtet, auf den linken Arm gestützt; die rechte Hand hielt er an der Stirne, und starrte mit weit offenen Augen seine Pflegerin an. »Guten Abend, Mutter. Sagt mir doch, ob ich noch lebe, ob ich träume? Habe ich geschlafen? Ist mir doch, als wäre meine Seele in einem tiefen Abgrund eingeschlossen gewesen, und wäre erst jetzo wieder aufgewacht, aufgeschüttelt, emporgetragen von einer Posaunenstimme! Wo bin ich? wo war ich die lange Zeit, seit ich mein Leben vergessen, seit ich sogar des Weibes nicht gedacht, dessen Schönheit, dessen Zauber mir jetzt erst wieder vor die Sinne tritt?«

Die Alte erwiederte mit beruhigendem Ammentone: »Ihr habt geschlafen, mein Söhnchen: der Mohntrank, den ich Euch kochte, hat strenge gewirkt. Ihr lagt dritthalb Tag lang in tiefem Schlummer. Gottlob, daß Eure Kräfte davon gestärkt wurden; ich freue mich, Euer neues Erwachen mit einer Nachricht zu verschönern, die Freude in Euer Herz bringen wird.« -- Sie setzte sich vertraulich auf Mariano's Bett, und flüsterte ihm in das horchende Ohr: »Ich war in dem Kloster der Barfüßerinnen, ich habe Mittel gefunden, bis zu der edlen Donna Ignacia zu dringen, ich habe sie gesprochen, diese Blume aller weiblichen Reize. Ha, wie Euch die Augen funkeln, wie Eure Stirne hell wird, und roth Eure Wange! Ach, solche Liebe begreift unsereins nicht, und es mag wohl ein Zaubersegen darüber gesprochen seyn, aber schelten mag ich sie nicht, diese Liebe, da ich die wunderschöne Frau gesehen, woran Ihr hängt, wie an der Perl die Muschel.«

Mariano war bei diesen Worten immer lebhafter, immer feuriger, immer ungestümer aufgestrebt, und unterbrach seine Pflegerin mit überströmendem Munde: »Nicht wahr, Eufrosina, sie ist ein Kleinod, wie die Schatzkammern aller Königreiche der Welt es nicht aufzuweisen vermögen? Nicht wahr, es ist unmöglich, daß ein fluchwürdiger Frevel von Ignacia's schönem Munde ausgegangen, in Ignacia's edelm Herzen entsprungen sey? Spannt meine Neugierde nicht auf's Höchste, schweigt nicht in bedächtigen Pausen. Die Göttin der Liebe danke Euch an meiner Statt für Euern Botengang, für Eure Dienste, aber berichtet mir auch, was die schönste aller Schönen gesagt, gewünscht, befohlen. Ich fühle jetzt wieder Kraft in meinen ermatteten Gliedern, ich will den Himmel stürmen, um die Königin meines Herzens von ihren Ketten zu befreien, um endlich meinen sehnsüchtigen Arm an ihren holden Leib zu schmiegen, und den so lange mir ersehnten Becher der Wonne bis auf die Neige zu schlürfen.«

»So hört denn, und bezähmt Eure Flamme, weil Eure zärtliche Freundin es so befiehlt. Ihr steht dem Glücke näher, als Ihr glaubt. Wenn Ihr mit Eurer Liebe die Kühnheit eines wackern Cavaliers paart, so schlägt Euch morgen die Stunde der Seligkeit. Ein großes Fest der Buße bereitet sich im Kloster vor. Es sind achtzig Jahre her, daß eine Nonne, desselben Ordens, von Wahnsinn oder vom Teufel getrieben, mit verbrecherischer Wuth ein Bild der heiligsten Mutter Gottes anfiel, das noch heute in der Todtenkapelle des Klosters der Verehrung der Christen ausgesetzt ist. Die verblendete Klosterfrau überhäufte das Heiligthum mit den entsetzlichsten Verwünschungen, und stieß nach demselben mit einem scharfen Messer, so daß der Himmel ein Wunder that, Thränen aus dem Auge der Gnadenmutter flossen, und dunkle Blutstropfen aus dem verwundeten Holze drangen, welche Zähren und Blutströme sich nicht stillten, als bis die Verbrecherin in einem Winkel der unterirdischen Kapelle eingemauert worden war, woselbst ihre Seele ohne den Trost der Sakramente von dannen schied. Die heiligste Kirche ist aber eine versöhnliche Mutter, lieber Sohn, und so wurde denn in dem Convent beschlossen, alljährlich an dem Tage des Verbrechens, zur selben Abendstunde, wo die Missethäterin lebendig begraben worden, eine Prozession zu halten, und vor dem Bilde Bußpsalmen zu singen zur Versöhnung der Himmelskönigin, und zur Erlösung der armen in Flammen gebundenen Seele, auf daß sie noch aus den Händen des Satans eingehe in das Freudenreich der Frommen. Morgen ist jener Tag, der ganze Convent zur Nachtzeit in der Kapelle versammelt, und eine gefällige Nonne wird der freundlichen Ignacia die Thüre zu dem Söller öffnen, der auf die abgelegene Straße hinter dem Kloster die Aussicht hat. Dort will Ignacia Eurer warten. Dort hofft sie Euch zu sehen. Hättet Ihr ein Paar entschlossene Freunde, wär's Euch ein Leichtes, die Geliebte zu entführen, die mit bittern Thränen ihre Bande benetzt.«

»Wozu bedarf ich der Freunde?« rief Mariano außer sich: »Die ganze Welt hat mich verlassen, aber ich stehe muthig der ganzen Welt entgegen.« -- In dem Augenblicke schritt Teresa durch den Vorhang, der das innere Gemach von dem Eingange des Hauses schied, und winkte den Sprechenden Stillschweigen zu. »Meine Gäste kommen,« flüsterte Eufrosine, und schob die bewegliche Tapetenwand an Mariano's Lager fester zusammen: »Haltet Euch ruhig, und macht keine Störung. Es soll Niemand einen Laut von Euch vernehmen.«

Die Abendglocke verstummte auf den Thürmen der Hauptstadt, und nach und nach versammelten sich in dem Hause der alten Herbergmutter ein bunter Schwarm von abenteuerlichen Gästen: Leute wie Maulthiertreiber bekleidet, andere in den dunkeln Gewändern der Estremadurer, oder in Bettlerlumpen, oder in Kutten geistlicher Orden, die aber nichts weniger als heilige Männer bargen. Spielleute mit ihren Instrumenten, einige Weiber zigeunerhaften Ansehens, glattwangige Bursche in verblichenen seidenen Fähnchen mischten sich in die seltsame Gesellschaft.

Ein jeder von den Gästen brachte seine Speise, brachte seinen Trunk, und die kleinen Bocksschläuche, gefüllt mit bitterm rothem Weine, wandelten in mäßigen Kreisen von Hand zu Hand. Der Duft des scharfen Getränks, wie auch der geräucherten Würste, der Gartengewächse und Baumfrüchte schwebte gleich einer Wolke über dem halblauten Geplauder, das von den einzelnen Gruppen in allen Ecken und Winkeln des Gemachs geführt wurde.

Es waren nicht die ehrlichsten Leute Madrid's, die hier zusammen kamen, und die zweideutigsten Spekulationen wurden hier gerade nur mit der Zurückhaltung besprochen, welche dazu gehört, daß ein Geheimniß der Industrie nicht an bereitwillige Ohren verrathen werde, die geeignet seyn könnten, ihrerseits von dem erlauschten Arkanum Vortheil zu ziehen. Da waren Bettler, die ihren Gewinn berechneten, und ihre Helfershelfer ablohnten; Gauner niedern Schlages, die ihre Beute theilten; Pferdemäckler, die ihr Trinkgeld überzählten; Blinde, welche sehend wurden, und mit geübtem Auge die Scheidemünze prüften, die ihnen das Mitleid auf den öffentlichen Spaziergängen zugeworfen; heuchlerische Schufte, die mit scheinheiliger Miene für die abgeschiedenen Seelen im Fegfeuer gesammelt hatten, und nun die blechernen Almosenbüchsen in ihre schmutzigen Taschen leerten. -- Eufrosine kümmerte sich wenig um diese Bursche, denen sie nur den Platz in ihrer Hütte, Licht und Feuer, Salz und Pfeffer lieferte gegen billige Vergütung. Dagegen gehörte ihre ganze Aufmerksamkeit einigen derben Männergestalten, die sich auf dem Ehrenplatz des Hauses niedergelassen hatten, und von der Wirthin mit Branntwein und den Ueberresten ihrer frugalen Küche bedient wurden. Die Herren blickten vornehm in das widerliche Getümmel, und ihre kecken Gesichter, der kühne Schnitt und Faltenwurf ihrer Mäntel, die Waffen, die darunter hervorblitzten, verriethen zur Genüge, daß sie einer edleren Klasse angehören mußten; etwa der der Schleichhändler oder der Banditen, die mit vornehmen Leuten ihre Geschäfte machen, ihre Mordregister und Zeugnisse aufzuweisen haben, und ihren Dolch nicht um ein Spottgeld verkaufen.

Schweigsam saßen diese Herren bei der mäßigen Mahlzeit, der Stunde wartend, die sie zu neuen Verrichtungen in ihrem Handwerke rufen würde, und nur von Zeit zu Zeit richtete einer von ihnen eine Frage an die dienstfertige Eufrosine. »Wie steht's, alte Mutter? was macht Dein kranker Vetter? Werden wir nicht bald den Burschen zu sehen kriegen, oder ist er schon hinübergegangen, um dem heiligen Petrus seine Aufwartung zu machen?« -- »Ach, Sennor, der arme Junge ist wieder auf dem Wege der Besserung, doch vermag er noch nicht zu reden, und hört nur verworren, was um ihn vorgeht.« -- »Sag uns doch, wie der Mensch in Dein Haus gekommen, wo er sich bis jetzt herumgetrieben? Kann man seiner Verschwiegenheit trauen? Ist er nicht etwa ein vorlautes Söhnchen, dem es auf einen Verrath nicht ankömmt, um mit den Gerichten des Königs gut zu stehen?« -- »Ihr beleidigt mich, Sennor. Er ist aus meiner Familie, das heißt Alles gesagt. Wenn Ihr wollt, erzähle ich Euch alles, was ich von ihm weiß, Mir kömmt's nicht darauf an.« -- »Schweige vorerst, und sage uns, wer die Leute sind, die just in die Stube treten und sich so neugierig umschauen. Verwegene Gesichter, was steckt hinter ihnen?«

Eufrosine drehte sich nach dem Eingang, und erkannte durch den Dampf der Oellampen und Cigarren den alten Freund Cajetan, obschon er sein Gesicht mit einem großen Schnurrbart vermummt hatte. Ein Gefährte war bei ihm, und er warf der Wirthin einen bedeutenden Wink zu. Demzufolge konnte Eufrosine ihn gegen ihre Gäste nicht für einen Fremden ausgeben, und tischte denselben ein Fabelchen von ihrer Erfindung mit geläufiger Zunge auf: »So wahr ich lebe, Sennores, die Beiden sind arme Deserteurs, die aus Italien hier angekommen und an mich empfohlen sind. Gute ehrliche kastilische Landeskinder, die eine Versorgung so nöthig haben, wie der Aermste eine Suppe. Erlaubt, daß ich sie begrüße, und ihnen einen guten Abend wünsche.«

»Fürchte Dich nicht vor meinem Begleiter,« raunte Cajetan der Alten in's Ohr, die den Fremden mißtrauisch musterte: »Sieht er aus, wie ein Teufel, so ist er doch das beste Herz unter der Sonne, und zieht vor jedem Kreuze den Hut. Nicht wahr, Diego?«

Diego, der kastanienbraune Gefährte, im Antlitz verwachsen, wie ein Bär, nickte treuherzig, und Eufrosine erwiedert: »So segne der Heiland Euren Abend, Ihr Herren, und Euren Besuch bei mir, ob Ihr gleich später kommt, als recht wäre.«

»Schelte mit dem verdammten Quartier, worin Du wohnst,« versetzte Cajetan: »Kaum konnte ich Deine Höhle wieder finden, Du köstlicher Edelstein aller Diebsmütter. Recht ist's aber, daß wir spät kommen, bald wird sich das Gesindel fortmachen, und wir plaudern dann ungestört. Du sprachst die Wahrheit. Madrid hat nur noch Tröpfe, keine Männer mehr in seinen Mauern. Die Tugenden dieser Schelme, -- wie sie da beisammen sitzen -- sind keinen Peso werth. Die paar Gurgelabschneider in jener Ecke spielen hier die Grandezza und die Stutzer; heiliger Isidor! zu meiner Zeit machten sie wenig Figur. Ich kenne sie wohl: den faulen Pedro, dem dazumal zu Tortosa ein Ohr gestutzt worden war, wie einem Soldatenpferde; den ungeschickten Gaspar, dessen höchste Heldenthat darin bestand, daß er die Vorlegschlösser sprengte, die von geizigen Hausherren an ihre Suppentöpfe gelegt werden, damit der Bediente nichts mause; den eitlen Majo, der gern ein Matador geworden wäre, hätte ihm nicht vor dem Bullen der Muth gefehlt. Bei der heiligen Dornenkrone! weil die Bärenhäuter gelernt haben, an irgend einer öden Straßenecke selbdritt einen wehrlosen Wucherer oder Liebesritter abzuwürgen, … weil sie verstehen, in der Antoniostraße bei einer geschminkten Sünderin dann und wann einen fetten ehebrecherischen Wüstling um ein paar Unzen Goldes leichter zu machen, blähen sie sich, wie die Straußvögel, machen sie barbarische Gesichter, wie die Schlange Tarasca in der Fronleichnams-Prozession! -- Aha, jetzt stehen sie auf, jetzt bewegen sie sich mit wichtigen Mienen nach der Thüre … Gott behüte Euch, wackere Ritter … begleitet sie doch, Mutter Eufrosine … vergeßt doch den Anstand nicht, da Ihr solche würdige Männer vor Euch habt. -- Die Pest auf die hochmüthigen Beutelschneider!«

»Halt Deine Zunge ein!« murrte Cajetans Begleiter; »Du weißt doch, wie wenig mir daran liegt, bemerkt zu werden. Sieh, die ganze Sippschaft verliert sich allmählich. Die Cigarren verdampfen, die Bäuche sind nothdürftig gefüllt, die jämmerlichen Spitzbubenstücklein für morgen verabredet. Da hinkt der letzte Schuhflicker an seinem langen Degen davon. Erbärmlich Volk! -- Und auch wir wollen gehen, Cajetan, denn dieses Refresko hat meiner Erwartung nicht entsprochen, und diesem Gelichter werbe ich auch nicht einen Halunken ab. Komm!«

»Nur noch einige Worte mit Eufrosine, Sennor. Es ist der Mühe werth, die abgefeimteste Gelegenheitsmacherin von Madrid kennen zu lernen. Dergleichen Geschöpfe kommen wenige in der Welt vor. Horcht: so eben schließt sich die Thüre hinter ihrem Gezüchte. Ehe sie wiederkehrt, erlaubet, daß ich -- weil wir allein sind -- Eure Perücke in Ordnung bringe. Ihr habt sie im Unmuth schief gerückt. -- Da, jetzt fällt auch der Backenbart … daß Dich die Pest … Euer Kammerdiener hat Euch heute nachlässig aufgeputzt.«

Während Cajetan seinem Begleiter wieder in die treulos weichende Vermummung half, rief eine Stimme hinter der Tapetenwand heftig: »Felipe, Don Felipe, sey gegrüßt; der Himmel sendet Euch!« -- Und gleich darauf lag Mariano an der Brust des Erzengels von Salamanca.

»Ha, der edle Ritter des Cervantes!« lachte Felipe mit gutmüthigem Spott, und küßte den ehemaligen Schulgefährten auf Wange und Stirne. -- Cajetan beschäftigte indessen mit müßigen Erfindungen die alte Eufrosine, die voll Erstaunen in's Gemach trat, ein Zeuge des unerwarteten Auftritts.

»Verrathet nicht, wer ich bin!« flüsterte Felipe dem ungestümen Freunde zu: »Sagt mir aber geschwinde, wie Ihr hieher kommt, und was ich für Euch thun kann. Eure ersten Worte ließen mich vermuthen, daß Ihr auf meine Dienste rechnet, und das sollt Ihr, wenn wir gleich nicht als die allerbesten Freunde schieden.«

»O, wo soll ich anfangen, wo soll ich reden?« fragte Mariano exaltirt, und Felipe antwortete herzlich lachend: »Redet lateinisch, damit die Alte uns nicht versteht, und fangt bei Eurer Liebschaft an, die ohnehin in Eurer Seele Alpha und Omega ist: der Schöpfungstag und das jüngste Gericht Eures Lebens. Wo ist die Holde? habt Ihr sie gefunden? Ist sie noch schöner als der Sternenhimmel, und des großen Abderrahman's ganzer Serail?«

»Sie ist schön, wie Gottes Paradies, ich liebe sie, wie der Adler die Sonne, aber sie ist unglücklich, ist gefangen … im Kloster begraben … sie lechzt nach Befreiung, und ich, der Verfolgte, der Einzelne, habe nur meine Verzweiflung zum Verbündeten.«

»Ihr macht Schnitzer auf Schnitzer, habt Eure Grammatik und Syntax verschwitzt, wie nur je ein Pfaffe. Aber dennoch verstehe ich Euer Küchenlatein, weil ich ein Herz habe und ritterlichen Sinn, und Hang zu Abenteuern, wie der tapfere Roland. Die Hand her, Baccalaureus! ich helfe Euch, und, was ich versprochen, habe ich stets gehalten.« -- »Morgen?« -- »Morgen.« -- »Ignacia schmachtet im Kloster.« -- »Desto besser, Kirchenraub ist meine Passion.« -- »Ich muß dann mit ihr fort.« -- »Natürlich.« -- »Wenn man uns nachsetzt …« -- »Ich lasse Euch geleiten.« -- »Und unsere Zuflucht?« -- »Auf der Guardarama steh'n meine Posten vor sicherm Quartier.« -- »O ihr Mächte des Himmels! ich werde Ignacia besitzen!« -- »Ihr sollt's, und ein Erzengel rüstet das Brautbett. Jagt aber jetzo die Alte aus der Stube, daß wir alles Weitere verabreden können, auf gut spanisch nämlich. Vor Euren Latinitätsböcken schaudert mir die Haut, und mir selbst kömmt der Cicerostyl so sauer an, als hätte ich den Mund voll von rauhen Erbsen.« -- »Laßt die gute Eufrosine mit im Rathe sitzen. Sie weiß um mein Geheimniß, und soll das Eurige nicht erfahren.« -- »Meinetwegen denn; wo ein Verliebter mit seinem Engel verhandelt, darf ein altes Weib nicht weit seyn. Ihr wißt schon, warum.«

 

16.

Süße Maiabende, durch deren flirrende Dämmerung der warme Hauch buhlerischer, blumenlockender Luft weht, nirgends seyd ihr schöner, als unter Spaniens Himmel! Sogar zu Madrid, wo der Sirocco feurig küßt, oder der Gallego kältenden Frost bringt, ist euer Reiz unsäglich, und schließt jede Brust sanftern Gefühlen auf. Der gelbe Vogel von den canarischen Inseln beißt, des Schlummers beraubt, mit sehnsüchtigem Entzücken in die blanken Stäbe seines Käfigs; -- die eingesperrte Nonne schöpft hochathmend die wollüstige Luft an dem engen Gitter ihrer Zelle.

»Haltet Eure Zusage,« hatte Ignacia zu der blassen Chorregentin gesagt: »Laßt mich eine Stunde in der Abenddämmerung träumen; ich werde alsbald besser mein Mißgeschick ertragen.« -- Darauf hatte Cäcilia stumm mit dem Kopfe genickt. Die gute Nonne wußte schon seit Langem, was verlorne Freiheit ist. Sobald sie also der Glöcknerin das Zeichen gegeben, die metallene Zunge der Todtenkapelle zu bewegen, sobald sie selbst, mit dem hölzernen Hammer klopfend, die Reihe um die Zellenthüren gemacht, reichte sie an Ignacia den Schlüssel zu der einsamen Terrasse, und die Abwesenheit der reizenden Kostgängerin wurde von den singenden und in Prozession schreitenden Klosterfrauen nicht bemerkt.

Ignacia athmete freier, als jene, in der düstern Todtengruft. Von dem geräumigen Vorsprung des Hauses, worauf der Priorin Blumengarten in zierlichen Töpfen stand, spähte das Auge der gefangenen Wittwe durch die Straßen hinaus, die zu ihren Füßen zusammenliefen. -- Ungeduldig, obgleich fessellos, schlug ihr Herz; ihre Hand glühte wie eine Kohle an dem kalten Marmorgeländer, worauf sie sich stemmte. Der strahlende, brennende Blick flog auf zu dem Monde, mehr des Lichts begehrend von dem neidischen Fackelträger, so lang der Freund noch zögerte; finsteres Dunkel aber dann, wenn der Freund da sein würde.

Die Psalmen der Nonnen tönten schon aus dem Klosterhofe empor; am Fuße des Söllervorsprungs dröhnten Schritte. -- »Ignacia!« flüsterte es auf zur Höhe. -- »Ich bin's!« antwortete die Schöne bewegt. -- Seidene Stricke flogen zum Balkon empor; Ignacia's geübte Hände fingen die Enden der schwanken Leiter, und knüpften sie fest an dem eisernen Kreuze des Geländers. Ein Schatten huschte die leichten Sprossen hinan; sie zuckten unter dem ungeduldigen Fuße des Liebetrunkenen. -- Aus den Seidenschlingen sprang er in Ignacia's Arme. Flammende Lippen drückten den Willkommkuß auf ihren Hals, auf ihren Mund, welcher bleich wurde und kalt vor Entsetzen. Mariano schien ihr mit einemmale ein Geist, ein Bild des Abgrunds, ein Feind voll gespenstiger Tücke. Sie war vor seinem Erscheinen in einem Hyacinthengarten gestanden, in einem Zauberhaine, voll von üppigem Balsam; jetzt war sie der Salamander, den der Feind mit glühenden Kohlen umgibt, daß er ihn tödte in dem fürchterlichen Zauberkreise. -- Sie drängte den Liebenden von sich.

»Warum weisest Du mich von Dir?« fragte Mariano mit gedämpfter Stimme und schnaufender Brust. »Komme ich doch, Dich zu befreien, endlich der Deine zu seyn.« -- »Weh mir! ich hoffte es, und doch beschleicht mich Entsetzen bei Euerm Anblick. Unglücklicher! ist's der Mondesschimmer, der Euer Gesicht zum Todtenkopfe macht? Ihr ängstigt mich; entflieht!« -- »Du bist wahnsinnig, Weib. Ich lebe, durchströmt von wallenden heißen Blutquellen. Laß mich an Deinem Busen ruhen, damit die Lilie meiner Trauer sich röthe zur Rose des Genusses.« -- »Zurück, Verwegener! Hinweg mit diesen hohlen Augen, mit dem wild flatternden Haare, den gierigen Händen! Das ist mein Bräutigam nicht; nach solchem Gaste steht nicht mein Verlangen.« -- »Wie, Heidin, Tyrannin! diese Sprache, die mein Unglück höhnt? Brenne ich darum in höllischen Gluten? Liege ich darum in Deinen Fesseln? O, fast glaube ich, daß ein mörderischer Zauber mich bethört. Wie, Ignacia?«

Die Dame erschrack vor dem Gespenste der Wahrheit, und überließ ihren Thränen, die zweideutige Antwort zu geben, womit das schuldige Weib freigebig ist, wenn sich ihm die Worte versagen. Ihr Weinen löschte nicht Mariano's fieberhafte Glut. Mit größerer Begierde, mit wildem Wüthen umfaßte er Ignacia, und rief ihr in's Ohr: »Ergib Dich mir, wenn Du Deine Seele retten willst!«

Der Dolch in Mariano's Gürtel berührte eisig Ignacia's kräftig abwehrende Hand; es war, als ob die kalte Schneide schon in ihrem Herzen säße. Sie schrie auf; im nächsten Augenblick schaute Felipe über das Geländer, und fragte halblaut und unwirsch: »Ist jetzt Zeit zu verliebten Neckereien? Ich stehe nicht für den nächsten Moment, wenn Ihr zögert. Bezwinget Euch, Mariano, die Pferde warten, freut Euch der Liebe in Sicherheit!«

Er verschwand wieder, und Mariano, schnell besonnen, deutete auf die Leiter, zu Ignacia sprechend: »Steige hinab, ich rette Dich, und schütze Dich vor aller Welt!« -- Ignacia schauderte zusammen, sie überlegte. Gefängniß oder Freiheit? Was sollte sie wählen? Freiheit in den Armen eines Mannes, den sie jetzt fürchtete, wie sie ihn einst geliebt? -- Sie weigerte sich, wollte entfliehen. Mariano's Faust hielt sie zurück, und er herrschte ihr zu: »Steig hinab, Unselige, oder ich stürze Dich auf's Pflaster. Der Tod folgt Deiner Weigerung auf dem Fuße!« --

Der Wilde schwang sich empor mit mächtiger Kraft … »Ich will!« seufzte die Erschreckte, die ihr Urtheil in Mariano's Augen las, und glitt an der Strickleiter hinab, sinkend in Felipe's hülfreiche auffangende Arme. Sie blickte dankend zu ihm auf in das kühne Männer-Antlitz, dessen Augen ihr begegneten. Felipe's Herz pochte schneller, da Ignacia's süße Last an demselben lag. Ignacia fühlte das Pochen in der Räuberbrust, es verkündete ihren schnellen Sieg, es verbürgte ihr Schutz und Rettung. -- »Barmherzigkeit, Sennor!« flüsterte sie hastig: »Befreit mich von Euerm ungestümen Freunde!« -- »Folgt Ihr ihm nicht aus freier Wahl?« -- »Nein, nein, Sennor. Bei allen Heiligen! Nein!« -- »Genug, meine schöne Dame. Ich bin der rechte Mann.« --

Er wickelte Ignacia in seinen Mantel, mit der Linken sie umschlingend. Mariano stand schon am Fuße der Mauer, streckte die Hand nach seiner Beute. »Zurück!« rief ihm Felipe zu. -- »Wie?« entgegnete Mariano betroffen. -- »Laßt ab von der Gewaltthat, eines Ritters unwürdig.« -- »Gewaltthat?« -- »Die Dame will und darf Euch nicht folgen!« -- »Höllischer Feind! was sagst Du da?« -- »Zurück mit Eurer diebischen Hand, ich haue sie von Euerm Rumpfe!« -- »Ihr seyd verrückt, Felipe.« -- »Ihr seyd ein wüthender, gefährlicher Narr, Mariano!« -- »Das kostet Euer Blut!« -- »Bleibt weg mit dem Dolche. Mein Degen reicht auf vier Schritte.« -- »Ignacia, mein Leben, Du verräthst mich?« -- »Laßt mich, Unseliger!« -- »Ihr hört, Mariano: sie verabscheut Euch. Zu solchem Zwang bietet ein Cavalier die Hand nicht.« -- »Trugspiel des Abgrunds! Meine Braut oder Dein Leben, Verruchter!«

Mariano warf sich mit voller Gewalt auf den zurückprallenden Felipe. Mit einem Schrei sank Ignacia zur Erde, und zog in ihrem Falle ihren Beschützer mit sich. Mariano's Waffe blitzte über ihm, aber Cajetano's Fäuste hielten den wilden Dränger so fest, daß er sich nicht zu bewegen vermochte. -- »Was soll mit dem kranken Sennor geschehen?« fragte spöttisch der Räuber, und Felipe erwiederte: »Fort mit ihm, bindet ihn auf's Pferd, schleppt ihn weg, jagt mit ihm nach der Guadarama. Rasende muß man unschädlich machen.«

Cajetan schnalzte mit der Zunge, zwei Gesellen sprangen herzu, faßten Mariano an, versuchten den Tobenden zu knebeln, er wehrte sich wie ein Verzweifelter. »Es kommen Leute!« rief Cajetano aufgeschreckt. -- »Laßt uns entfliehen!« schluchzte Ignacia: »ich höre Stimmen.«

Die Klosterpforte ging auf, und ein blendendes Strahlenmeer brach daraus hervor; viele Kerzen und Fackeln flammten, Psalmen klangen aus Weiberkehlen; der Convent nahte im feierlichen Zuge, den Umgang um die Kirche zu halten. Felipe riß seine Beute schnell von dannen, aber durch die Straße, deren ganze Breite einnehmend, mit Laternen kam die Bruderschaft der heiligen Inquisition, taktmäßig die Steine klopfend mit den eisenbeschlagenen Stäben. Die Flüchtlinge wollten auf der entgegengesetzten Seite entweichen: sie sahen jedoch, wie die Polizeiwache des Corregidor gerade den armen Mariano auffing, der sich Cajetano's und seiner Gehülfen Bande entrungen hatte.

»Verflucht!« schäumte Felipe, und zog Ignacia in eine enge Gasse, die noch den einzigen Ausgang gewähren konnte. Das Schicksal hatte sich jedoch gegen sie verschworen; nach einigen Schritten waren sie von bewaffneten, halbvermummten Leuten umgeben, und die Stimme des Grafen Barnabas rief mit allen Kennzeichen der Bestürzung: »Ignacia, meine Schwester! welch' ein Zusammentreffen! Schande über Euer Haupt, Nachtwandlerin, Flüchtige aus dem Hause der Ordnung und Keuschheit.«

Ignacia fiel halb ohnmächtig in Barnabas' Arme; Felipe, die Unmöglichkeit des Entkommens begreifend, sagte mit stolzer Höflichkeit: »Ihr findet sie nur auf dem Wege zu Euch, edler Herr! Ich bin der Marquis von Andujar, und hatte das Glück, Eure Schwester aus den Händen eines Buben zu retten, der ihr Gewalt anthun wollte. Hegt Ihr indessen einen Zweifel gegen die Lauterkeit meiner Absichten oder die Wahrhaftigkeit meiner Aussage, so stehe ich mit dem Degen in der Faust zu Euern Diensten.«

Die kecke Herausforderung überzeugte den Grafen auf der Stelle, und mit Entrüstung rief er: »Das soll mir der Convent entgelten! Solcher Aufsicht vertraue ich die Ehre unseres Hauses an? Ich nahe eben, Euch in Freiheit zu setzen, Donna Ignacia, und finde Euch kaum aus den Händen eines Elenden gerettet, der gewiß kein Anderer ist, als der Mörder, welchen der geistliche und der weltliche Arm der Gerechtigkeit um die Wette aus seinem Asyl zu reißen begehren. Wenn ich nicht irre, bringt man ihn dort gebunden.«

Vor der Klosterkirche zankten sich die Familiaren des heiligen Offiziums mit den Häschern des Corregidors um die Person Mariano's. So eben hatten die Diener der Inquisition ihn in ihre Reihe gerissen, und seinen Kopf mit einer schwarzen Kapuze verhüllt, die ihm Licht und Sprache zugleich benahm. Der Convent des Klosters stand lästernd und zeternd im hellen Kreise. Kein lebendes Wesen, das hier zugegen, verstand mehr sein eigenes Wort in dem Tumulte, bei welchem das Volk sich in großer Masse einfand. -- Dem Aufsehen zu entgehen, machten die Glieder der heiligen Bruderschaft einen neuen Angriff auf die Polizeiwachen, und schleppten ihren Gefangen im Triumphe davon. Hohn und Gelächter verfolgte die beschämten abziehenden Alguazils. -- Cajetano und seine Gefährten waren nirgends zu verspüren, und Barnabas zog friedlich mit Ignacia nach seinem Quartier, wo Felipe höflich von ihm Abschied nahm. -- Während dessen entfloh der Mörder, die Veranlassung des Lärms, ungestört über die Dächer in's Weite, und die arme Cäcilie wanderte in die Kerkerzelle, weil die Nonnen endlich hinter die Entweichung Ignacia's gekommen waren, und die Helferin sich unbesonnen selbst verrathen hatte.

 

17.

»Nur eine Woche noch geduldet Euch, gnädiger Herr.« -- »Nichts da, drei Unzen Goldes, oder ich lasse Dich einsperren und all' Deine Habe verkaufen.« -- »Laßt mir doch etwas an den Fruchtzinsen ab, die ich zu stellen habe, edler Herr.« -- »Nicht ein Körnchen; fehlt eine Arroba, so laß ich Dich in Ketten legen. Ich habe keine Geduld mehr mit solchem Gesindel. Geld und Korn, oder weg vom Pacht.«

»Gnädigster Herr Marques, draußen steh'n die Leute, die aus der Bank die Gelder bringen.« -- »Recht, Rubino. Nimm sie ihnen ab, und gib die Bescheinigung.« -- »Sie bringen nur die Hälfte in gemünztem Gelde, weil just der König starke Summen in den Schatz zurückzog. Sie bitten Euch, Silberstangen für die zweite Hälfte anzunehmen.« -- »Es mag seyn, Rubino. Wir wollen auch die Silberstangen annehmen; wenn sie mir den Betrag in Kirchengefäßen lieferten, ich weigerte mich nicht, um nur ein Ende zu machen.«

»Gnädigster Herr, die Pferdehändler sind draußen, und verstehen sich zu dem Handel, wie Ihr ihn vorschlugt. Sie bringen das Geld in blanken Doublonen, und begehren dafür, daß man ihnen die Zäume ausliefere und die Stalldecken der Thiere.« -- »Es soll seyn, in Christi Namen, damit wir nur des überflüssigen Marstalls quitt werden. Wo bleiben die Trödler? Es wäre Zeit, daß sie ihr Gebot baar und wahr machten.« -- »Auch sie stehen bereit, Euer Gnaden. Alles geht nach Wunsch, und auch der letzte Teppich des Hauses ist bereits an den Kirchendiener von San Jeronimo verkauft. Was noch übrig wäre von Geräth, ob unbrauchbar oder brauchbar, erbietet sich der ehrliche Castillo, für eine runde Summe anzunehmen.«

»Hat er Geld bei sich, der Spitzbube? Herein mit dem Spitzbuben.«

Castillo, der rechtschaffene Trödler vom Rastro, wurde von dem wackern Cajetano vor den edeln Marques von Andujar geführt. Er wiederholte mit einfältigem Augenverdrehen sein von ihm schon früher gemachtes Gebot, legte den Betrag in unbeschnittenem Golde auf die Marmortafel, und begehrte nach geschlossenem Handel dem gnädigen Herrn ein Wort im engsten Vertrauen sagen zu dürfen. -- »Geht, Sennor Rubino,« sagte der Marques, und warf sich vornehm in seinen Stuhl, die Beine weit von sich gespreizt: »redet ohne Scheu, ehrlicher Castillo.« -- Der verschmitzte Trödler rückte ihm ganz nah, und zog ein kleines rothes Kästchen aus der Tasche, wobei er mit geheimnißvoller Miene sprach: »Ich darf Euch wohl gestehen, Euer Gnaden, daß ich, neben andern Geschäften, auch berufen bin, einen allerdings sehr unwürdigen Diener des heiligsten Gerichts vorzustellen. In solcher Eigenschaft steige ich zuweilen in die abgelegenen Wohnungen hinab, wo die süße Mutter Kirche diejenigen verirrten Schäflein aufbewahrt, deren Wandel sie zu bessern begehrt. Ein unglücklicher Cavalier, der wohl unverschuldet in bösen Verdacht gekommen seyn mag, und dem ich früher schon einen nicht unbeträchtlichen Gefallen zu erzeigen so glücklich war, hat mich gebeten, Euch, den er kennt, dieses Kästchen zuzustellen, welches zwar mein gehört, aber nebst den Dingen, die es enthält, von mir aus christlicher Liebe dargeliehen wurde. Es soll einen Brief bedeuten, und ich bin neugierig, ob Ihr denselben versteht. Verrathet mich aber um Jesu Willen nicht; ich käme um meinen Dienst, oder ich müßte ein halb Jahr lang fasten, wie ein Karthäuser.«

»Beides wäre Schade, guter Freund. Laßt aber sehen.« -- Der Marques öffnete das Kästchen, worinnen, an eine Schnur gereiht, befindlich war ein Stück Schwefel, eine Kohle, ein Feuerstein, ein Fläschchen mit Essig, worauf der Holzschnitt des Erzengels Michael, und ein Stück hellblauen durchsichtigen Glases. Der Marques betrachtete nachsinnend mit gerunzelter Stirne alle diese Gegenstände, und bemühte sich dann, weil Castillo kein Auge von ihm verwendete, ein leichtes Lächeln auf sein Gesicht zu zaubern. -- »Ein seltsamer Brief,« meinte Castillo lauernd: »Euer Gnaden würden mich zum dankbarsten Eurer Knechte machen, wenn Ihr mir sagen wolltet, was darunter zu verstehen. Ich sollte es eigentlich wissen; ich bin verpflichtet, zuvor jeden Brief zu lesen, den man mir anvertraut; es ist schon genug der Freundschaft, daß ich dem Cardinal nichts davon gesagt habe.« -- »Ei, Ihr müßt das auch nicht. Das einfachste Mittel, Euch daran zu hindern, wäre, wenn ich Euch den Sinn der Botschaft gar nicht erklärte. Doch ist er an und für sich viel zu gleichgültig, als daß ich ihn Euch vorenthalten möchte. Seht: mein armer Freund bittet mich, daß in dem Falle, wo er verbrannt werden dürfte, ich nicht ermangeln möchte, eine Seelenmesse für ihn lesen zu lassen, damit er, trotz der herben Züchtigung, durch die Fürbitte des benedeiten Engels Michael in den Himmel gelange. Weiter nichts, in der Welt nichts. Ich danke Euch für diese Botschaft, und bitte, Ihr wollet dem armen Gefangenen diesen Rosmarinzweig übergeben, als ein Zeichen, daß er sich gedulde, weil ich thun würde nach seinem Begehren.«

Castillo nickte beifällig und überzeugt mit dem Kopfe, und versetzte: »Ich habe mir doch gleich gedacht, daß es auf so etwas hinauslaufen würde. Der gute junge Cavalier ist niedergeschlagen bis zum Sterben, und für sein Leben, da er in ein Kloster eingebrochen, möchte ich kein Kerzenstümpchen geben, weil der Cardinal gar übel an der Gicht darniederliegt, und schon in seinem Zorne eine Menge von Todesurtheilen für die nächste Glaubenshandlung unterzeichnet haben soll. Der Cardinal ist ein Engel von einem Mann, aber zornig und unerbittlich in seinem Eifer, wenn ihn das Zipperlein plagt. Gott behüte uns, Euer Gnaden, vor einem Unglück, wie es Euern jungen Freund betraf. Da hilft kein Fürwort, und wenn selbst der König, unser Herr, es einlegte. Gott will auch sein Recht haben, und die Sünder züchtigen, die ihn beleidigten. Ich will Euern Gruß ausrichten, edler Herr, und wenn Ihr erlaubt, sollen meine Leute noch diesen Abend holen, was ich von Euch erhandelt habe.« -- »Thut dem also, Sennor Castillo. Ich bleibe Euch in Gnaden gewogen.«

Nachdem der Familiar hinweggegangen, rief der Marques hastig seinem Diener. »Es ist die höchste Zeit, Cajetan, daß wir dem trägen Maskenspiele zu Madrid ein Ende machen. Schon zu lange verweilte ich hier in den Netzen der Liebe und des Muthwillens. Die lästigen Nachstellungen des albernen Don Barnabas, des Königs Eifersüchteleien selbst hätten mich nicht in Furcht gejagt. Aber aus den Kerkern der Inquisition droht mir Gefahr. Warum mußte ich mich auch mit dem rasenden Mariano gemein machen? Sieh' den artigen Selam, den mir der Bube schickt, während ich hoffte, daß er schon in seinem Gefängniß verkümmert seyn würde. Dem Narren fiel die Zeichensprache wieder ein, die wir auf der hohen Schule öfters übten, und er wagt es, mir zu drohen. ›Du hast meine Freundschaft verrathen,‹ schreibt der tolle Mensch, ›Du hast mich in den finstern Kerker gestürzt, doch steht mein Entschluß fest. Ich will Dich entlarven, Dich als den gefürchteten Erzengel bezeichnen, wenn Du mir nicht zur Freiheit verhilfst.‹ Ich schickte ihm den Zweig der Hoffnung, bin aber nicht gesonnen, diese Verheißung zu erfüllen. Darum, mein Freund, lege die letzte Hand an's Werk. Packe das Geld, bringe die Schätze der Donna Eugenia in Sicherheit, und ordne unsere schleunigste Abreise an unter dem Schimmer der strengsten Verschwiegenheit. Sende ein Zettelchen an Blas; Eugenia lebe nicht mehr, wenn wir nach dem Gebirge zurückkehren. Laß aber schnell den vortrefflichen Schwager kommen, daß ich mit ihm die Unterhandlung schließe, und den Hallunken sicher mache.« -- »Alles soll geschehen, wie Ihr's befehlt, Sennor. Don Lucio wartet draußen im Vorzimmer, und wünscht Euch zu sprechen.«

Auf einen Wink des Erzengels trat Don Lucio herein, und wurde mit den zärtlichsten Umarmungen empfangen. »Wie leid thut mir's, Euch bald verlassen zu müssen, würdiger Don Lucio. So eben empfange ich einen Brief von meiner Schwester, der mir meldet, Donna Eugenia sey krank geworden, und fordere meine schleunige Rückkehr. Es thut mir weh, aus Euern Armen zu scheiden, doch wißt Ihr, daß die Liebe zur Gattin jeder andern vorgeht. Erlaubt nun, daß ich Euch endlich den klarsten Beweis meiner Freundschaft gebe, indem ich Euch bitte, die Güterschenkung zu genehmigen, worüber wir bereits seit einem Monat unterhandelten. Hier ist die Akte, von meiner Hand im Namen Eurer geliebten Schwester unterschrieben; unterzeichnet nun Eurerseits die Bescheinigung und gebt mir die Hand auf ewige Brüderschaft.«

Don Lucio überlief mit gierigen Augen das Güterverzeichniß, und pries im Stillen die Freigebigkeit, womit sein Schwager ihn bedachte. Zitternd vor Habsucht kritzelte er seinen Namen unter die Quittung, schob er die Schenkungsakte in die Tasche. »Wie schade, daß Ihr gerade jetzo auf Eure Abreise dringt,« sagte er mit heuchlerischer Liebe: »man hat die bestimmte Nachricht erhalten, daß in den nächsten Tagen eine Deputation valencianischen Adels bei Hofe eintreffen werde, um dem König zu dem Siege, den er über die ketzerischen Franzosen errungen, Glück zu wünschen. Gewiß finden sich unter diesen Herren viele von Euern Bekannten; wenn ich nicht irre, nannte man darunter auch einen Marques von Andujar.« -- »Mein Bruder, Don Lucio: mein leiblicher Bruder, den nur gewisse Familienfeindseligkeiten aus meinen Armen rissen. Ich bin daher froh, wenn ich ihm hier nicht begegne. Längst verharschte Wunden meines Herzens würden auf's Neue bluten. Besser, ich vermeide dieses Zusammentreffen, und überlasse einer glücklichen Zukunft die Ausgleichung unserer Mißverständnisse.« -- »Es sieht in diesem Hause aus, als gedächtet Ihr gar nicht mehr zurückzukehren? Gern würde ich jedoch in dem Palaste eine Reihe von Gemächern zu Euerm Dienste offen behalten.« -- »Zu viel Güte, theuerster Schwager. Ich hoffe, Euch bald in Valencia bewirthen zu können. Ich werde morgen reisen, und Ihr begleitet mich vielleicht ein Stück Weges.« -- »Erlaubt, daß ich mich von Stund an dem Geschäfte widme, den Stand meiner neuen Besitzungen einzusehen, und entschuldigt mich für den Augenblick.« -- »Nach Gefallen, bester Don Lucio.« -- »Zuvor noch Eines, liebster Marques. Ihr erinnert Euch, daß ich bei Eurer Ankunft von Gästen sprach, die Eure Landsleute sind. Don Ibarra, obschon nicht persönlich bekannt mit Euerm edeln Hause, wäre gewiß entzückt, Euch seine Verehrung zu beweisen. Seine Geschäfte, und noch mehr ein trauriges Familienwirrniß, das ihn hieher geführt, bewogen ihn, am Tage nach Eurer Ankunft, Madrid zu verlassen, und bald zu Aranjuez, jetzo zu San Ildefons dem Hofe zu folgen. Morgen kehrt er zurück, unverrichteter Sache, wie ich fürchte, und seiner betrübten Seele wäre es eine Erquickung, wenn Ihr mir die Ehre schenken wolltet, bei einem freundschaftlichen Mahle seine Bekanntschaft zu machen.« -- »Don Ibarra ist ein edler Mann, mir längst bekannt durch seinen ausgebreiteten Ruf. Ich werde nicht ermangeln, freundlicher Schwager, und lade mich für morgen bei Euch zu Gaste.«

Lucio empfahl sich mit vielem Dank und mancher Lobpreisung, und Felipe sagte zum treuen Cajetan: »Morgen mit dem Frühesten wollen wir über alle Berge seyn, leise verschwindend wie flüchtige Mäuse. Mir ist in allen Gliedern, als ob ein Donnerwetter über meine kühne Stirne zusammenzöge. Der Marquis von Andujar, welcher eintreffen soll, die vaterländische Grandezza, die ich zu kennen nicht die Ehre habe, und nun vollends die persönliche Bekanntschaft des ehrenwerthen Don Ibarra … das fehlte mir noch. Bisher trug meine Frechheit herrliche Blüthen, und selbst dem neugierigen Minister, der wie eine Katze meinen Adelsbrief zu betasten begehrte, stand ich mit göttlicher Unverschämtheit Rede. Aber zu viel ist zu viel. Die schlaue Ignacia, die über Valencia's Adel die beste Auskunft hätte geben können, hielt meinen Credit aufrecht. Doch ist mir ihr Umgang zur Last geworden, besonders, da der königliche Liebhaber wieder in der Hauptstadt eintrifft. Ich habe zu lange gefeiert. Ich will mich losreißen aus diesem Knäul der Lüge und des Scheins. Ich will frei seyn, und so schnell als möglich.« -- »In einer Stunde gehen die Geldwagen ab, Sennor. Wir können fort, wann's beliebt.« -- »Und von Blas immer noch kein Brief, keine Kunde?« -- »Seit einigen Wochen schweigt er, wie ein todter.« -- »Guter Cajetan, bei'm Lichte besehen, sollten wir noch heute fort. Aber noch einmal muß ich Ignacia umarmen, und ihr ewige Treue schwören, damit ich größere Ursache habe, sie morgen schon zu vergessen.«

 

18.

Keine Stunde war seit dieser Unterredung verflossen, Felipe hatte sich auf das Ruhebett geworfen, um seine Plane zu ordnen, als unvermuthet, unangemeldet ein Mann von verwegenem Aussehen und abentheuerlicher Kleidung in's Zimmer schlich, auf einen Krückenstock gestützt. Felipe fuhr auf; da er bemerkte, wie der Besucher den Riegel vor die Thüre schob, rief er ihm ein kühnes: Wer da? entgegen. Der Unbekannte winkte ihm vertraulich und antwortete: »Beruhigt Euch, Sennor. Die Furcht war Euch stets fremd: wenn Ihr aber mich zu schrecken begehrt, so müßtet Ihr's schon auf andere Weise versuchen.« -- »Welche Sprache? Wer seyd Ihr?« -- »Liegt Euch so viel an meinem Namen? Wenn ich nun der Marquis von Andujar wäre, dessen Rang und Wappen Ihr Euch widerrechtlich anmaßt? Ihr werdet blaß; zum erstenmal vielleicht, seitdem Ihr athmet, verläßt Euch die Zuversicht Eures Handwerks. Beruhigt Euch doch; in solchem Aufzuge erscheint der edle Marquis nicht zu Madrid; Ihr könnt sicher seyn, bis jetzt wenigstens. Genug, daß Ihr wißt, daß ich Euch kenne. Erfahrt zugleich, daß ich Euer Freund bin, obschon ich nicht viel Ursache hätte, es zu seyn.« -- »Gaukler, der Du mich zu kennen behauptest, wer bist Du? Laß' Deine Larve fallen, wenn Du kein Verräther bist.« -- »Ihr habt hier reine Wirthschaft gemacht, Sennor. Es steht zu vermuthen, daß auch Eure Helfershelfer ihren Theil von den schnöde erworbenen Schätzen ziehen. Ich fordere meinen Part, wenn Ihr wünscht, daß ich Euch beistehen, und das Unglück wenden soll, das Euch auf der Ferse sitzt. Geht an jene von Gold strotzende Schatulle, liefert mir dreitausend Doublonen aus, nicht mehr und nicht weniger, und lasset uns alsdann weiter reden.« -- »Den Tod, wenn Du willst,« schrie Felipe außer sich, und griff nach einer Pistole: »wisse, daß ein Schurke, wie Du, mir keine Beute abzudringen vermag!«

Der Unbekannte stand ruhig, aufrecht und grinsend der drohenden Waffe gegenüber. Mit kaltem Hohne antwortete er: »Du bist geübt im Morden, Erzengel von Salamanca. Was nützt Dir aber eine neue Blutthat, wenn Du, mit der Kugel mein Herz durchbohrend, auch den Mund versiegelst, der den Abgrund nennen will, welcher zu Deinen Füßen gähnt? Du tödtest mit mir ein Geheimniß, das Dich rettet. Darum sey vernünftig, spende Dein elendes Gold, ich hab's als Schmerzensgeld verdient, und schütze Dein Haupt.«

Wie von übernatürlichem Drange hingerissen, that der wilde Felipe, wie ihm sein Gegner hieß. Den schweren Geldsack unter dem Mantel bergend, sagte ihm dagegen der Fremde: »Dein schlimmster Feind nähert sich der Hauptstadt. Noch diese Nacht wird er sich in Bettlerlumpen einschleichen, Dich zu verderben. Betrogener Räuber! Eugenia ist Deinen Fesseln entwischt, und kommt, Rache und Strafe gegen Dich aufzufordern.« -- Felipe taumelte einige Schritte zurück, ballte ergrimmt die Faust und rief: »Du bist ein Mann des Todes, wenn Du lügst, ein Engel des Heils, wenn Du wahr sprichst. Woher aber weißt Du, wie erfuhrst Du, was sich begeben soll?« -- »Ich verlange nicht Deinen Dank, wohl aber, daß Du Dich davon machest, und mir die Rache an dem Weibe überlassest. Sieh, blutiger Mann der Wildniß, siehe meine wankenden Gebeine; die Keulen Deiner Mordgenossen hatten sie beinahe zerschmettert; die Hufe ihrer Pferde traten meinen Körper wund. Ich war Eugenia's Diener, ihr rechter Arm, der Vertraute ihrer Schändlichkeiten; ich war dabei, als Deine Rotte sie überfiel, ihr Gefolg erwürgte, und unter den Gemordeten auch mich dahin streckte. Ich sollte Dich hassen, um meiner Wunden, um meiner Schmerzen willen; aber ich lobe Dich, daß Du die Elende erniedrigtest, bestahlst, zu den Bettlern in den Staub warfst; denn ich hasse das Weib, ich verabscheue es, weil ihre letzten Worte mir noch in den Ohren dröhnen. Für alle ihre Knechte, die unter Deinen Dolchen fielen, bot sie das Geschrei des Jammers, die Fürbitte der Verzweiflung auf; mich gab sie preis. »Tödtet jenen unseligen heidnischen Schurken!« schrie sie, die Furie; »erhaltet nur meinen Basco, schenkt nur meiner Angela das Leben!« Natürlich, Angela besorgte ihren Putz, Basco war ihr unkeuscher Liebling. Mich hatte sie zu fürchten, mich duldete sie nur noch aus Furcht. Dazumal, den Tod erwartend, fluchte ich ihr, da sie von Deinen Henkern hinweggerissen wurde. Heute, dem Tode entronnen, brenne ich, meinen Fluch in That zu wandeln. Kaum genesen, nach Madrid wallfahrtend, sah ich das Weib, eine bettelnde Flüchtige, wenige Leguas von hier. Ich höre, ohne von ihr gesehen zu werden, wie sie den staunenden Dorfbewohnern ihre Geschichte erzählt, die man aufnahm, wie die Erzählung einer wahnsinnigen Thörin. Ich weiß aber, daß sie wahr sprach, und daß ich berufen bin, sie zu züchtigen, und ihr den Tod zu geben, dem sie mich überliefern wollte.«

Nicht bloß in Liebe, auch in Haß vereinigten sich die Seelen, und mit wilder Freude fiel Felipe in die Arme des unversöhnlichen Obrego. Doch begriff der kühne Räuberanführer, daß die Zeit nicht in eiteln Gesprächen vergeudet werden durfte. Nach einer kurzen, geheimnißvollen Unterredung mit dem ehemaligen Diener Eugenia's verließ Felipe zur selben Frist, als seine Schätze aus dem Palaste gebracht wurden, das Haus, schnell darauf die Stadt. Der Abzug geschah unbemerkt, Cajetan und die Vertrautesten seines Gelichters schützten diesen Rückzug, und folgten in der Dämmerung dem vorsichtigen Gebieter. Der Palast war verschlossen und verriegelt, und Felipe hatte kein Andenken zurückgelassen, als ein Briefchen für Ignacia, welches Obrego zu bestellen versprochen.

 

19.

Auf weichen Kissen, unter sammtenen Decken lag der Cardinal, ein Mann der Schmerzen und bittern Leidens. Der Luxus zweier Welten stand um ihn her, zu seinem Dienste bereit; doch war kein Aermerer in der reichen Hauptstadt zu finden, als der Herr all dieser Schätze. Von glühender Pein gequält sank er bald dahin in wildverworrene Fieberträume, die sein Auge blind machten und taub sein Ohr; bald erwachte er, emporgerüttelt vom Schmerz, zu so grell gereiztem Bewußtseyn, daß ihn Alles erzürnte und beleidigte; der geschäftige, stets besorgte Diener, der schmeichelnde Bologneserhund, der seine kalten Hände leckte, der seltene gelbe Vogel, der leichtsinnig in den Tag hinein pfiff und schrie, nicht ahnend, was der Gebieter, der ihn freigebig sonst mit Zucker fütterte, leiden mußte. Und wenn die Folter des kranken Mannes, zum höchsten Grade gesteigert, plötzlich nachließ, wie hinweggeweht von einem Zauberhauche, dann folgte die Stunde tödtlicher Ermattung, und nur zu weinen, zu büßen und zu klagen begehrte der Gepeinigte. -- Noch nie hatte das Siechthum, so aus den Freuden sinnlicher Genüsse entspringt, den Fürsten der Kirche dergestalt heftig gepackt. Wie ihm das üppige Ruhebett zum Dornenlager wurde, machte er auch seinem Gesinde den behaglichen Marmorpalast zur Hölle. Mit klopfendem Herzen betrat der Kämmerling die Teppiche des Schlafgemachs, mit ungewissen Schritten kamen die Boten des heiligen Gerichts, ihre Meldung abzustatten, und der Geheimschreiber der siechen Eminenz betete ein Ave nach dem andern, bevor er, mit Schriften beladen, dem Bette des Herrn sich näherte.

»Was gibt's schon wieder, Bruder Bartholomäus?« fragte mit gespannten Zügen der Cardinal, und erhob sich unwirsch von den Kissen, wie ein Gefangener sich verzweifelnd in den Ketten windet: »darf ich denn um Christi und seiner hochgelobten Mutter willen keine Ruhe mehr genießen? Da steht Ihr schon wieder vor mir, wie ein Scherge, wie ein Henker, wie ein Bandit, der mir den Dolch an die Kehle zu setzen begehrt. Kaum schließe ich die Augen, und schon weckt mich das vermaledeite Hüsteln, womit Ihr Eure Ankunft zu melden pflegt. Heiliger Lorenz bitte für mich, denn meine Leiden sind nicht weniger als die Deinen!«

Der Geheimschreiber antwortete demüthig und leise: »Euer Eminenz erinnert sich, daß die Zeit der großen Glaubenshandlung vor der Thüre ist; darum zwingt die Noth, daß Euer Eminenz die Urtheile unterschreibe, die das heilige Offizium gefällt. Gott und seine heilige Kirche werden Eure Hand stärken, daß Euer Eminenz die Akten bestätige, die ich hiemit vorlege.«

Der Cardinal winkte mit zorniger Geberde, und Bartholomäus rollte das Tischlein herbei, worauf das vergoldete Tintenfaß stand. Er tunkte die große Schwanenfeder ein, hielt sie dem Gebieter hin, und schob seiner zitternden Hand die pergamentähnlichen Blätter unter. Zugleich las er dienstfertig die Namen und Verbrechen der Verurtheilten vor, um dem Cardinal wenigstens eine Mühe zu ersparen. »Jose Ribeira, eigentlich Salomo geheißen, ein heimlicher Jude, aus Portugal gebürtig, der die Fasten nicht hielt, und seinen Diener zum Judenthum verführen wollte; den Tod durch Erwürgung, und dann dem Leibe der Scheiterhaufen.« -- »Jude? Fasten gebrochen? Weg mit ihm.« -- »Fernando von Milon, ein räthselhafter Abenteurer, der in offener Vesper von der Kanzel die Heiligen lästerte, des Wahnsinns verdächtig; hundert und ein Jahr Galeerenstrafe, nach vorangegangenen Ruthenstreichen.« -- »Er wird seine Strafe schwerlich ausstehen: weg mit ihm.« -- »Isabel, die Frau des aragonischen Schuhmachers in der Lauferstraße; Verführung ihrer eigenen Kinder und schnödes Verschmähen des Abendmahls; vierundzwanzigjährige Kerkerstrafe, um ihrer Besserung willen.« -- »Das Gericht war viel zu nachsichtig, das darf nicht mehr vorkommen; weg mit ihr.« -- »Manuela, mit dem Klosternamen Sidonie, die widerspenstige Nonne, die sich erlaubte …« -- »Gut, ich erinnere mich. Schade um das hübsche Weib, aber Gerechtigkeit muß seyn. Herr, stehe auf, und richte Deine Sache!«

Im Begriff, zu unterschreiben, empfand der Cardinal wieder einen der brennenden Stiche, die der Schmerzenswuth Vorboten sind, und er fiel zurück, und sein Gesicht wurde röther als sein Purpur, und hierauf blaß wie die Stirne eines Verurtheilten, und perlender Angstschweiß floß über seine Wangen. »Haltet ein,« stöhnte er: »einen Augenblick Geduld, lieber Bruder Bartholomäus.« -- »Geduld ist eine Tugend der Heiligen,« versetzte der Schreiber, und zog sich vorsichtig von dem Bette zurück. -- »O heiliges Grab unsers Erlösers!« knirschte der Kranke mit ausbrechendem Zorne: »wenn die Geduld nicht wäre, wie wollte ich meine Trübsal aushalten? Kommt doch heran, Bartholomä, rückt mir doch die Polster zurecht, geberdet Euch nicht, wie ein träger Knecht. Ich sage Euch, das Feuer der Gehenne bohrt und brennt in meinen Füßen. Oeffnet das Fenster, daß ich nach Luft schnappe. Dreht dem Satan von Papageien den Hals um, wenn er nicht aufhört zu krächzen. Wollt Ihr mir vom Leibe gehen? Zwei Klafter bleibt mir vom Leibe. Haltet Euch still, denn jeder Eurer Schritte ist mir ein Dolchstoß.«

Einen Augenblick darauf verwandelte sich das Knirschen des Kranken in trostloses kindisches Schluchzen: »O mein Heiland, ich bin der unglücklichste deiner unwürdigen Diener. Siehst du, mein Erlöser, wie mich alle Welt verläßt? Unterstützt mich doch, Bartholomä; bin ich nicht Euer Wohlthäter, der Euch dem schmutzigen Bettelkloster entriß? Und der Schurke, mein Kammerdiener, wo ist er? Alles läßt mich im Stiche; in den Abgrund mit dem tölpischen Arzte, der nicht zu helfen weiß, mit dem Laquaienvolk, das mir nicht beisteht!«

Nach und nach ging der Tumult des Zipperleins wieder vorüber. »Die Feder her,« befahl der Cardinal: »fahrt fort, Bartholomä. Die Todesurtheile vor allen; ich bin aufgelegt, sage ich Euch, sehr wohl aufgelegt.« -- Er unterschrieb rasch hintereinander ein Dutzend schauerlicher Urtheile, bis er wieder erschlafft nachgeben mußte. »Etwas Anderes,« seufzte er, und faltete die Hände: »Habt Ihr keinen Vortrag zu machen? Ich höre zu, bin geduldig wie das Lamm, welches trägt die Sünden der Welt.« -- »Da ist ein sonderbarer Casus, Euer Eminenz, worüber das Gericht sich Instruktion erbittet. Ein junger Cavalier aus dem Königreich Valencia ist des Klosterfriedensbruches angeklagt, will nicht gestehen, und dennoch ist eine Bestimmung seines Schicksals um so nöthiger, als er in unheilbare Raserei versunken scheint. Präsident und Assessoren wissen nicht, wie dabei sich zu benehmen. Das Auto da Fe rückt heran, wo die Gefängnisse leer werden müssen, und nun fragt sich's, ob Mariano Regate verurtheilt werden, oder vergessen bleiben soll.«

Der Cardinal bewegte sich ungeduldig auf seinem Schmerzenslager und antwortete wild: »Dieser Name saust mir vor den Ohren. Da gibt es Leute, die für den Menschen bei mir ein Wort einlegten; andere, die gegen ihn sich vernehmen ließen. Schlechtes Gesindel, die Ersteren, die Letzteren vornehme Leute. Ich habe genug von ihm gehört. Soll noch einmal quästionirt werden; bekennt er, ist's gut. Bekennt er nicht, auch gut. Man schickt ihn dann auf die Galeeren; ein Rasender kann nicht im stillen Hause der Inquisition geduldet werden. Galeere und Confiskation; das Tribunal soll sich's merken.« -- »Vielleicht verlangte doch der unglückselige Sinnenzustand des armen jungen Mannes eine Milderung seines Looses.« -- »Ich verbiete Euch das Wort, Bruder Bartholomä. Don Barnabas, des Königs Günstling, wünscht den Verbrecher unschädlich gemacht zu sehen; folglich theilt der König unser Herr diese Ansicht, und dem heiligen Gericht mag's gleichgültig seyn. Seine Raserei? Eitle Sorge; wenn wir auf jeden Narren Rücksicht nehmen sollten, der sich in unser Haus lästert, hätten wir viel zu thun. Die Ruderbank ist eine vortreffliche Irrenanstalt. Heiliger Jakob, welche Schmerzen mich wieder ergreifen! Heilige Dreifaltigkeit, vergib unsere Schulden, wie wir unsern Schuldigern vergeben!«

Der Leidende krümmte sich zusammen, und glitt vom Lager auf die Teppiche des Fußbodens. Bartholomäus schrie nach Hülfe; der Kämmerling stürzte herbei, rieb die Schläfe seines Herrn mit aromatischen Wassern, hob ihn in den bequemen Lehnsessel, streckte seine Füße auf weichen Schemeln aus, und lächelte den Cardinal, als dieser die Augen aufschlug, mit besonderer Freundlichkeit an. Der Gebieter drängte ihn zornig zurück, und schalt: »Landstreicher, Bärenhäuter, Dir sollen Deine Sünden nicht vergeben werden, weil Du meiner Leiden spottest.« -- »Nicht doch, Euer Eminenz; das Ende Eurer Leiden ist vor der Thüre. Der kluge Meister Obrego wartet im Vorgemach.«

Freude der Seligen verklärte das Gesicht des Großinquisitors. Die fröhliche Ueberraschung verscheuchte den Schmerz, so daß er versuchte, sich zu erheben, und ungeduldig winkte, den Retter herbeizuführen. Bartholomä verschwand, seine Akten unter dem Arm, und an seine Stelle trat der ehemalige Vertraute der Donna Eugenia. -- Nachdem auch der Kämmerling auf den Zehen schleichend das Gemach verlassen, reichte der Cardinal dem klugen Meister die schlaffe Hand zum Kusse und ächzte halb unwillig, halb vergnügt: »Du findest mich in schweren Jammer begraben. Warum säumtest Du, mir beizustehen? Vergebens ließ ich Dich in allen Winkeln von Madrid aufsuchen; die alte Eufrosine sogar beschied ich vor meinen Stuhl und fragte die rothäugige Vettel nach Dir. Sie wollte nichts von Dir wissen, und ich wünschte ihr in meines Kummers Drang den Holzstoß, dem sie bisher unverdient entlaufen ist. Warum schone ich Euch, verdächtiges Gesindel, wenn Ihr nicht in meinen Nöthen bei der Hand sein wollt? Gott bessere die Aerzte des Königs, aber sie verdienen alle den Staupenschlag. Du hast mir einmal geholfen, hilf mir jetzt wieder.« -- »Meine Cur war darauf berechnet, Euer Eminenz zu dauerhafter Gesundheit zu verhelfen. Ich wundere mich, den weisesten Prälaten in solcher Bedrängniß wieder zu finden.« -- »Ach, Du zweifelhafter Christ, Du bist nicht fest im Glauben, sonst wüßtest Du, daß der Herr diejenigen züchtigt, die er liebt. Und die Gewürze, mein guter brauner Bursche, die satanischen Gewürze, womit uns die gottvergessenen Indianer vergiften, obwohl sie unserm Gaumen allzugut schmecken … Zimmet, Pfeffer und Vanille, welch' teuflische Lockungen für einen schwachen Erdenkloß! Du weißt, wie sehr der Würzwein meiner Zunge schmeichelt, Du kennst vielleicht die verführerische Kraft der indianischen Vogelnester, der üppigen Pasteten … Genug, ich bin so krank wie je, und in ein paar Wochen soll die Glaubenshandlung gefeiert werden, und nicht erhört ist, daß ein Großinquisitor bei dieser Feierlichkeit gefehlt hätte.«

»Eure Eminenz ist fürwahr sehr schlimm daran; wer weiß, ob ich schnell werde helfen können?« -- Der Cardinal zog schmerzhaft die Füße in die Höhe, und ächzte: »Da sticht und schneidet es wieder, wie mit tausend Lanzetten. Ich halte es nicht aus. Mach Dich an's Werk; Arznei, Sympathie, etwas Weniges von Zauberkünsten sogar, brauche, was Du willst. Ich will durch die Finger sehen, wenn auch aus Deinen Operationen selbst der Pferdefuß des Beelzebub guckte.« -- »Ein schweres Stück; kaum möglich. Was gibt mir Eure Eminenz zum Lohne?« -- »Was Du willst: wäre ich König von Spanien, oder der Pabst, ich schenkte Dir Indien mit allen seinen Gold- und Silberminen.« -- »Ich frage nicht nach Gold und Silber; zwischen ehrlichen Leuten gibt es noch ein anderes Abkommen. Zwei Leben fordere ich, das eine zu erhalten, das andere gerechter Strafe auszuliefern.« -- »Du sprichst in dunkeln Räthseln, aber das Podagra ist mir kein Räthsel mehr, und wenn sich Deine Forderung mit Gerechtigkeit und Christenpflicht vereinigt, so mag's drum seyn.« -- »Die alte Eufrosine sagte mir, daß Mariano Regate in den Kerkern des heiligen Gerichts verschlossen sey. Sie selbst hat vergebens bei Eurer Eminenz um dessen Freiheit gebeten. Schenkt sie ihm, mir zu Lieb und Lohne.« -- »Don Barnabas verlangt seine Bestrafung.« -- »Mariano ist das Opfer eines schändlichen verbuhlten Weibes, das seinen Verstand verrückte.« -- »Aber Don Barnabas verlangt seine Bestrafung.« -- »So mag Don Barnabas auch Eure Eminenz kuriren. Ich schüttle den Staub von meinen Schuhen, und empfehle mich Eurer Eminenz.«

Obrego wollte trotzig gehen, aber der Cardinal hielt ihn verzweifelnd am Mantel fest und rief jammernd: »Ungeschlachter Heide, wirst Du bleiben? geht man so mit einem Manne um, auf dessen Schultern Wohl und Weh der Christenheit liegt? steht Dir's zu, so grob und ungeschliffen die Verhandlung abzubrechen? Höre mein letztes Wort: ich kann den Gefangenen nicht vor aller Welt freigeben; das leiden weder meine Pflichten, noch das Ansehen des Grafen Barnabas. Aber, ich will nichts dagegen haben, wenn er entwischt. Du sollst zu ihm gehen dürfen, es soll seiner Flucht nichts im Wege stehen, aber er verlasse Spanien, oder verberge sich wenigstens bis auf bessere Zeiten, wenn er vernünftig genug dazu ist. Würde er abermals ergriffen, so müßte er brennen, oder auf der Galeere rudern, je nachdem es dem heiligen Gerichte gefällt.« -- »Ich danke Euer Eminenz; über diesen Punkt wären wir im Reinen, und noch diesen Abend werde vorläufig der arme Junge seines Kerkers quitt. Dann will ich sehen, wie ich den bösen Geist banne, der in den ehrwürdigen Füßen Eurer Eminenz sein Quartier aufgeschlagen.« -- »Gott sey Dank, daß schon der Abend sinkt, sonst könnte ich den Aufschub nicht vertragen. Wie war's aber mit der andern Clausel, welche Du mir setztest?« -- »Ich werde die Ehre haben, mich deßhalb gegen Eure Eminenz weitläufiger zu erklären. Für's Erste werde Mariano frei, und das Uebrige findet sich.« -- Als Obrego dahinging, versehen mit Schlüsseln, Gold und nöthiger Vollmacht, seufzte der Cardinal wie im Gebete: »Ach, Herr, Du wählst oftmals wunderliche Werkzeuge zum Heil der Deinen! Wenn der Spitzbube nur wiederkehrt, sein Wort zu halten, wie er mich gezwungen hat, das meinige zu erfüllen!«

 

20.

»Zum Markt! zum Markt! zum Stierkampf!« tobten tausend Stimmen durch die Gassen von Madrid, und das schönste Sonnengold funkelte auf den zierlich geschmückten Platz hernieder, die amphitheatralischen Sitze beleuchtend, die zierlichen Logen des Adels, und des Königs schimmernde Tribüne. Alles war voll Leben und Getümmel, von dem mit Sand bestreuten Platze bis zu den höchsten Häuserspitzen; aus den Fenstern, geschmückt mit Teppichen und Fahnen, von den unzähligen Balcons schauten neugierige Gesichter, durch alle Straßen brauste der Schwall der andrängenden Zuschauer. Alle Klassen des Volkes durch einander gemischt, Edelleute, die sich Könige dünkten, Gemeine, die sich den Edelleuten gleich stellten. Lange Reihen von Kutschen trugen die schönsten Damen zum Platze der Volksfreude: alle Miethwagen waren in Beschlag genommen, und gravitätisch lenkten deren Führer, in zerlumpten Mänteln wohl, aber dennoch den unendlichen Degen an der Seite, die Zügel ihrer wohlgeschornen Thiere. Cavaliere zu Pferd und auf Mauleseln, prahlende Ordensritter mit grünen und rothen, doppelten und dreifachen Kreuzen auf dem Mantel, langten in majestätischer Cavalcade an, begleitet von ihren Dienern zu Fuße, wenn sie deren aufbringen konnten, oder allein vor sich dahinkleppernd, mit wichtiger Miene, Hochmuth auf der Stirne und Hunger im Magen. Zwischen Pferden und Wagen hindurch schlüpften niedliche Bürgerinnen, auch Damen niederer Ordnung in der verführerischen Basquina, das schmachtende Antlitz in lockende Schleier verhüllt, dahinschwebend auf köstlichen Chapinen, funkelnd von Gold und Silber. Mönche und Betschwestern waren fern, aber dafür der Schergen und Soldaten ungezählte Menge allenthalben im Wege; des Corregidors Diener in langen schwarzen Röcken, mit der weißen Justizelle in den Händen, drängten und tribulirten das Volk, die Gassen freizulassen für die bunten Schaaren der Stierkämpfer, und für den Zug des Königs, den man zur Stunde erwartete. Von allen Seiten sprengten und liefen die Picadores, die behenden Toreadores herzu, in sammtenen, hellglänzenden Jacken, glitzernd von silbernen Knöpfen, mit blanken Lanzen und flatternden Banderillas; wohlbekannte Matadore, vom Volke jubelnd empfangen und ehrfurchtsvoll begrüßt, zeigten sich hie und da in ihren seidenen Mänteln, das gefürchtete Schwert unterm Arm, und die rüstigen Streiter alle sammelten sich auf der noch Jedermann zugänglichen Bahn, sprachen lärmend von der bevorstehenden Lust, und horchten freudig, raufbegierig, auf das dumpfe Gebrüll der gefangen gehaltenen Stiere, wovon der Boden der Logen zitterte. Kecke Reiter schwenkten sich auf der Sandfläche, liebäugelten empor zu den Tribünen, zu den Altanen, und manches sehnsüchtige Auge begegnete ihren Blicken, und mancher Blumenstrauß fiel wie von ungefähr aus den Händen reizender Damen in den Hut des Vertrauten verschwiegener Seligkeit. Die Loge, die der königlichen gegenüber lag, zog vor allen die Aufmerksamkeit der Zuschauer an. Donna Ignacia saß darinnen, eine geborne Göttin der Schönheit, umgeben von allen Reizen der Kunst und Natur, eine Königin aller Männerherzen, eine gefürchtete Nebenbuhlerin aller Weiber. Man wußte, daß der König seinen Tribut zu ihren Füßen niederlegte, man zischelte sich in die Ohren, daß der Monarch oft verkleidet von seinen Lustschlössern hereingekommen, um ihr zu gefallen, man beneidete, haßte, fürchtete und liebte sie darum. An ihrer Seite blähte sich ihr Bruder, Don Barnabas, das Haupt von einer Staatsperücke bedeckt, eine ungeheure Brille auf der Nase tragend; im Hintergrund der Loge saß Melchior, in weltliche Kleidung vermummt, das Gesicht halb verhüllt von mächtiger Spitzenkrause, halb bedeckt vom breiten Federhute. Während Don Barnabas sich vorlehnte, als wollte er dem Volke sich gnädig zeigen, schwatzte der Prälat vertraulich mit der Schwester. »Wie kommt's daß Ihr heut am festlichen Tage so ernst und beklommen seyd, Donna Ignacia? Eure Augen sind trübe, und ich fürchte, Eure Wange wäre blaß, wenn nicht die Schminke diese Unart der Natur verbärge. Euer Busen fliegt, als wie gepreßt von Seufzern, unstät schweifen Eure Blicke. Was ist's, das unsere theure Schwester so sehr betrübt? Wird nicht bald uns gegenüber die Sonne aufgehen? Seyd Ihr nicht stolz, den mächtigsten Fürsten der Christenheit in Euren Rosenbanden zu wissen? Oder macht es Euch eifersüchtig, daß die Königin heute neben ihrem Gatten erscheint? Ihr seyd beneidenswerther, als die Fürstentochter; nur der Zwang der Staatsklugheit fesselt an diese den Monarchen, während sein Herz Euch in der Stille vorzieht, wenn Ihr gleich noch nichts gethan, seiner heißen Liebe entgegen zu kommen.« -- »Ich bitte Euch, Don Melchior, von diesen Dingen zu schweigen,« versetzte Ignacia frostig: »der Pomp, der uns hier umgibt, eckelt mich an, ist mir zur Last, denn wie ein Felsen drückt mich eine finstere böse Ahnung.« -- »Ahnungen sind Träume, Träume sind nichts. Ich weiß jedoch, was die Schwermuth auf Eure Stirne bannt. Gesteht mir's, Ihr liebt. Zu dem Marguis von Andujar zog Euch die Leidenschaft. Ja, ja, Ihr zürnet der Vorsicht Eurer Brüder, wir waren Euch überlästig. Da hat aber das Schicksal zu Eurem Besten den Knoten zerhauen. Der gefährliche Mann ist fort, und fürder unschädlich, wie der verliebte Narr, der in den Kerkern der Inquisition sein verdientes Lob erwartet.« -- »Sprecht nicht von diesem Manne. Die Erinnerung an ihn sollte Euch billig die Schamröthe auf die Stirne jagen. Wahnsinnig ist er, und Ihr hieltet den Thoren für einen kühnen Räuber. Wahnsinnig ist er, und Ihr laßt den Aermsten im Gefängnisse verkümmern. Ich gäbe meine Seligkeit darum, wenn ich ihn nie gesehen, wenn nie ein unheilvoller Schicksalsspruch diesen Grimmigen, diesen Verfolger in meine Lebensbahn geschleudert hätte. Ich beklage sein Loos, doch mag es gerecht seyn. Ich bin zufrieden, wenn mir Ruhe vor diesem bösen Geiste wird. Aber ein ganz anderer Kummer belastet meine Seele, und da ich gesonnen bin, mich gegen Euch darüber nicht zu erklären, so laßt mich in Ruhe, bitte ich.«

Pauken lärmten, Trompeten schmetterten, die Musikchöre stimmten in vollen Klängen ein. Der Zug des Königs erschien auf dem Platze. Die deutschen und burgundischen Leibwachen in ihren gelben Wämsern, geschmückt mit rothen Sammelbändern, trieben mit Hellebardenschlägen das Volk auseinander, säuberten den Weg vor dem Hofstaat des Königs, dem die Blüthe des spanischen Adels, die Deputationen der Provinzen folgten, umschwärmt von zahllosen Laquaien in unscheinbarer Livree. Neben der Tribüne des Königs bestieg die Königin sammt ihren Damen die mit Festons und Fahnen geschmückte Estrade; auf weichen Polstern nach maurischer Sitte ließ sich die weibliche Hofhaltung nieder, adelige Pagen in grauen Kleidern umstanden die schwarzen Gestalten, und der Possenreißer der Monarchie brüstete sich unfern in seinem buntgestreiften Mantel. Weiße Tücher flatterten aus allen Fenstern, es regnete Myrthenzweige und Granatblüthen auf den Platz, tausendstimmiges Lebehoch erschallte, und alle Damen schlugen die Schleier zurück, um dem königlichen Paare ihre demüthige Stirne zu weisen. Unter lärmender Musik trat der Corregidor mit seinen Dienern in die Bahn, verlas des Königs Decret, das den Stierkampf erlaubte, rief die Ordnungen und Regeln desselben aus, und der König gab das übliche Zeichen. Der Platz war leer, rings in stummer Erwartung harrte die Menge, die Thore des Stierbehälters sprangen auf, das Fest begann.

Ignacia sah nur wie durch nebliche Traumschleier das wüthende andalusische Thier, die hüpfenden neckenden und galloppirenden Kämpfer; sie achtete kaum des zärtlichen Grußes, den ihr der König verstohlen zuwinkte, sie hörte nicht das Händeklatschen, das Gelächter, den Beifallruf der blutgierigen Zuschauer. Ihre Sinne, ihre Gedanken, hingen nur an dem feinen losen Blättchen, das an ihrer wallenden Brust verborgen lag; an den Abschiedszeilen des geliebten, plötzlich verschwundenen Felipe. Wenige Minuten, bevor sie ihres Bruders Palast verließ, hatte Obrego, die Wachsamkeit der Dienerschaft täuschend, die überraschende Botschaft in ihre Hände gespielt. Sie war erschrocken vor dem plötzlichen Erscheinen des Mannes, der an Kosseirs Grab den Hohepriester gemacht, und sie zauberisch mit einem Manne verbunden, von dem sie jetzo sich zu trennen sehnlicher wünschte, als sie dazumal seine Liebe heiß begehrte. Nicht ein Zeichen des Glückes durfte sie hoffen aus der Hand des abenteuerlichen Magiers zu empfangen, und ihre Furcht hatte sie nicht getäuscht. Daß er schied, auf immer und auf ewig, meldete ihr Felipe mit kalten Worten, und der Unerbittliche hatte sich auch nicht die Freude versagt, die Hülle zu zerreißen, die ihm bisher als Liebesmaske gedient. Ignacia wußte jetzt, daß nicht bloß ein kühner aber angebeteter Frevler ihre Gunst errungen, sondern daß der gefürchtetste aller Räuber ihren Mund geküßt, ihren Leib umfangen. Schmerz, Erbitterung, Sehnsucht nach dem Verlorenen und Abscheu vor dem Banditen erfüllte ihr zerschmettertes Herz. Sie hätte sterben mögen in dem Augenblick, wo alle Pracht des Lebens ihr winkte; sie hätte nach Rache schreien mögen, aber die Sorge um ihre Ehre verschloß ihr den Mund, und zwang sie, ein Geheimniß zu tragen, das seine Qual von Moment zu Moment erneuerte. Mit Ungeduld und Angst spähten ihre Blicke unter den Zuschauern umher; bald hier, bald dort glaubte sie Felipe's Angesicht auftauchen zu sehen, bald hier, bald da streckte sich ein braunes Antlitz in die Höhe, und sie dachte in Obrego's finstere Züge zu schauen. Sie entsetzte sich vor dem Zauberer, und wünschte seine Nähe. Von ihm war sie gefesselt worden, nur von ihm hoffte sie, wiewohl mit bangem Zagen, Erlösung. Sie überlegte in dem Rathe ihrer Schlauheit, wie sie des spurlos Verschwundenen wieder habhaft werden, wie sie ihn geneigt machen möchte, ihrem Verlangen nach Freiheit zu willfahren. Sie betete zu allen Heiligen, daß sie ihr den Zauberer wieder zuführen möchten; sie hoffte abergläubisch auf die Erfüllung solcher Bitte, aber ihre zerrissene Seele, ihr in Labyrinthen befangener Verstand träumte nicht von der Nähe des gefährlichsten Feindes.

Der zweite Stier war bereits erlegt, unterm Jubelgeschrei des Pöbels aus den Schranken geschleppt, und ein dritter rannte wüthend mit vorstrebenden Hörnern in die Bahn. Mit Raketen und Schwärmern beworfen, von spitzigen Pfeilen verletzt, drehte sich das riesige Thier im Kreise, als begehre es, den eigenen Leib zu durchbohren, und die Beifallswuth der Menge stieg donnernd in die Lüfte, als plötzlich in der Loge des Königs eine auffallende Bewegung und Unruhe sichtbar wurde. Der Fürst verließ seinen Stuhl, die Hof-Bedienten erfüllten den geschmückten Raum, Waffen blitzten, Mordgeschrei wurde hörbar. »Man will den König ermorden!« tobte es von Loge zu Loge, und die Leibwachen rannten in gedrängten Rotten um die Planken, nach den vom Platz auslaufenden Straßen, und die Stierkämpfer verließen ihre Beute, und das Thier, das keinen Feind mehr sich gegenüber sah, sprang nach seinem Stalle zurück. Im Nu lagen die Schranken zu Boden, überfluthet vom Volksgedränge und Aller Augen starrten nach den Plätzen der königlichen Familie, wo die Königin in Ohnmacht lag, und alle Höflinge wild durcheinander stürmten. Wer an dem Herrn von beiden Indien irgend Antheil nahm, eilte hin zu fragen, seine Dienste anzubieten. Don Barnabas war nicht der Letzte, seine Verkleidung vergessend, war ihm Melchior gefolgt. Ignacia, von quälender Ungewißheit gepeinigt, von ihren Dienern verlassen, stand unschlüssig, wie alle übrigen Damen in der Runde, die nur schrieen und jammerten, ohne zu wissen warum. Da kletterte ein Waghals an der schlanken Säule hinan, welche Ignacia's Loge unterstützte. Mit einem Schwunge war er über dem Geländer, hielt er die Dame fest in seinen zitternden Armen. »Braut, die mir der Himmel oder die Hölle beschieden,« rief er mit wildrollenden Augen: »Kennst Du mich noch? Kennst Du noch Deinen Knecht Mariano?« -- »Ach, Mutter der Schmerzen!« seufzte Ignacia, mit schneebleicher Stirne auf den Sessel niedersinkend: »Ich bin verloren, wenn Du mich nicht schützest, Himmelskönigin!« -- »Was will die Sünderin von der reinen Mutter des Herrn? Ist meine Liebe Dir schrecklich? Witterst Du in meiner Umarmung den Tod? Du hast mich dem Tode ähnlich gemacht, ein Gerippe bin ich, und nichts ist mir vom Leben übrig geblieben, als das siedendheiße Blut, das stürmisch klopfende Herz. Treulose! Du hast mich vergessen in der Noth, im Kerker verlassen, mit Felipe gebuhlt, während ich verzweifelte. Noch einmal, mache gut, was Du verbrochen. Sieh! dort haben sie einen König ermorden wollen, vielleicht ist der Kronenträger todt, und sein Volk hat nur Augen für die Leiche des Gesalbten. Günstig ist der Augenblick, wie keiner; soll ich an die Liebe glauben, die uns verbündet, so folgst Du mir zur Stelle. Komm mit mir in's Elend, laß hinter Dir die Pracht: Du siehst, wie dort Gewalt und Kronenglanz ein Ende nimmt. Folge mir!« -- »Unsinniger! Welch' ein Begehren! Liebe? Ich Dich lieben? Ich verabscheue Dich, Gespenst der Hölle, und fluche dem, der Dich frei machte.« -- »Der Teufel war's, schöne Dame. Dem dienstfertigen Teufel bin ich entsprungen, um die Neige des verfluchten Bechers zu schlürfen, den Du mir gereicht hast.«

Unter dem Tumult, der auf dem Platze herrschte, war Niemand Zeuge des gewaltsamen Auftrittes. Ignacia's Hülferuf verhallte. Mariano schleppte sie mit übermenschlicher Kraft nach der Treppe der Loge; sie klammerte sich vergebens an den Boden, vergebens sträubte sie sich, dem Rasenden zu widerstehen; da besann sie sich, daß sie ihren Dolch im Busen verborgen; auf ihre Kniee aufgerichtet, stieß sie das Eisen in Mariano's Hand. Die verwundete Faust ließ von ihr ab, und mit keuchender Wuth donnerte ihr Mariano zu: »Schlange! Du suchst mich zu tödten? Wahrlich, Du bist eine böse Zauberin, die mich mit Teufelskünsten berückte, und sterben sollst Du zur Stelle von meinen Händen!« Ignacia, des Schrecklichsten gewärtig, erhob trostlos und jammernd die Arme, und dießmal waren ihre Retter nicht ferne. Barnabas, Melchior, ihr Gefolge drangen herein, stießen Mariano zurück, der umsonst den Angreifern die Stirne bot. »Blut? Blut an den Kleidern unserer Schwester? Nieder mit dem verfluchten Mörder!« schrieen die Brüder, und unter dem Anlauf ihrer Diener stürzte Mariano die Treppe hinab, während sein bebender Mund schäumte: »Zauberin, verruchte Zauberin! Gib mir das Leben heraus, das Du mir gestohlen; mein Blut komme über Dein Haupt, Unselige!«

Der Troß der Stiere, die vom Platze getrieben wurden, der Schwarm ihrer Treiber schob sich zwischen Mariano und seine Verfolger. Freundliche Arme umschlangen den Unglücklichen; Jose's Stimme rief ihm zu: »Heiliger Gott! woher, mein edler Ritter? Verfolgt, blutend, in diesen Kleidern sehe ich Euch wieder? Kommt, folgt mir; das Getümmel begünstigt unsere Flucht; ich bringe Euch zu Freunden.« Mariano fühlte sich durch die brausende Menge fortgerissen; der treue, vor Angst zitternde Diener zerrte ihn nach einem Winkel des Amphitheaters, wo unter schattigem Vordach viele Leute ab und zu liefen. Betroffen, entgeistert, versteinert, stand Mariano seiner Manuela und ihrem Vater gegenüber. Ein durchdringender Schrei des Entsetzens entfuhr der erstern; Ibarra packte den Eidam bei den Schultern und rief erblassend: »Was habt Ihr gethan, unseliger Mensch? Ihr blutet, seyd außer Euch … Ihr habt den König angefallen, wolltet ihn ermorden?« -- »Ich? den König? Ich? ein Mörder?« fragte Mariano wie bewußtlos, und schnell warf Ibarra seinen eigenen Mantel über die Schulter des Unglücklichen, stieß ihn heftig aus dem Umkreise des Platzes, mit den schreckensvollen Worten: »Flieht, verbergt Euch; dort nahen die Trabanten! Bringt nicht Schande und den Tod des Verbrechers über Euer Haupt!« -- Schon war Mariano unter der Fluth des Pöbels verschwunden.

Barnabas, Melchior und ihre Diener suchten den flüchtigen Feind aller Orten. Unter das bestürzte Gefolg Ignacia's, kaum von demselben bemerkt, war Obrego in Ignacia's Loge getreten. Die Dame schrie ihm entgegen: »Ich bin verloren, wenn Ihr mir nicht helft, in der Noth mein einziger Freund. Mariano, seiner Fesseln entsprungen, stellt mir nach, wie ein Tiger seinem Raube. Nur Euer Auge vermag ihn zu finden. Eilt, fliegt, tödtet ihn, laßt ihn umbringen, wo er sich zeigt. Sein Tod ist mein Leben. Für das seinige sollt Ihr Alles haben, was ich auf Erden zu geben im Stande bin.« -- Zornigen Angesichts, drohendes Lachen um den verzerrten Mund, eilte Obrego schnell von hinnen. Stürmischen Laufs umkreiste er den Platz, Falkenblicke sendend, wie vom Bogen den sichern Pfeil. Er schoß dahin, wo an der Häuserreihe, den jagenden Pferden und Wagen auszuweichen, ein altes Weib an der Krücke humpelte. »Pest und Tod auf Deinen Kopf!« schnaubte er die hinkende Eufrosine an: »Hab' ich Dich zur Hüterin des Rasenden bestimmt, daß Du ihn entwischen lässest?« -- »Ach, Herr, vergib um meines Alters willen. Einen Augenblick entfernt' ich mich von ihm, und Teresa, von ihm bethört, ließ ihn entfliehen. Ich kam hieher, ihn zu suchen; doch vergebens.« -- »So wisse, daß Du zum Teufel fährst, alte Blindschleiche, wenn Du ihn nicht noch an diesem Abend zur Stelle schaffest. Du zertrümmerst mein ganzes Werk; aber Dein Leben bürgt mir dafür, daß Du wieder gut machst, was Du verbrochen!«

 

21.

»So bescheidet Euch doch und seyd nicht unverschämt. Meine Gebieterin ist krank, und war nie gewohnt, Bettlerinnen in ihrem Zimmer zu empfangen.« -- »Du bist selbst unverschämt, Rosa,« antwortete die Bettlerin mit zornigem Blick, hob sich an ihrem Stab und zog die zerrissene Mantille vom Gesicht: »Kennst Du mich jetzt, albernes Mädchen? Wirst Du mir jetzt noch den Eintritt versagen?« -- Rosa prallte staunend zurück, und stammelte kaum hörbar: »Jesus Maria, Donna Eugenia! Ihr seht aus, wie ein Gespenst. Tretet ein, doch erschreckt meine Frau nicht zu sehr, sie hat sich kaum von den Aengsten des gestrigen Tages erholt.« -- »Sie wird sich doch nicht vor ihrer Freundin entsetzen?« fragte Eugenia mit lauter drohender Stimme, schritt in das Cabinet, und stand vor Ignacia, die wie aus einem Traume auffahrend mit wilden Augen die Erscheinung anstarrte. Eugenia wollte sich in ihre Arme werfen; Ignacia stieß sie zurück, überließ ihr nicht einmal eine ihrer Hände, wonach die Busenfreundin haschte, wie nach dem schwankenden Brett der Ertrinkende. Eugenia, in der aufgeregtesten Stimmung, in Worten voll von Schmerz und Erbitterung, bestürmte die versagende Freundin mit Allem, was nur ein menschliches Herz zu rühren vermag. »Du siehst eine Verzweifelnde vor Dir,« rief sie: »die ihre einzige Zuflucht bei Dir zu finden mit bitterm Zagen hofft. Stoße Du sie nicht von Deiner Schwelle, wie es vor Kurzem erst ein Elender gethan, den ich Bruder nannte, der aber die Bande der Verwandtschaft mit Füßen tritt, um gemeinschaftlich mit dem abscheulichsten Betrüger mich zu verderben, zu entehren. O meine Ignacia, welche Schicksale betrafen mich, seit ich von Dir mich trennen mußte! Wenn Du nicht glücklich bist, wie Deine kummervollen Züge zu verrathen scheinen, so vergleiche Dein Geschick mit dem meinigen, und preise Dein Loos. Ich glaubte, niemals mehr Dich, die fröhliche Hauptstadt wieder zu sehen. Der Erzengel von Salamanca hielt mich gefangen, nachdem er mein Gefolge erschlagen. Ach, wär' auch ich unter den Todten! Ach hätte nicht mehr die Schmach erduldet, die mir jetzt bevorsteht, nicht die Leiden, deren Beute ich seit jenem verhängnißvollen Abend gewesen. Der Räuber verlangte ein ungemessenes Lösegeld; es zu weigern, hielt ich für Pflicht, für Klugheit. Eitle Vorsicht! Meine ganze Habe, mein mühsam gesammelter Schatz, sie sind der Raub des Tigers geworden, der mit der frechsten Unverschämtheit mir, der Gefangenen, Unterschriften abdrang, die er alle mich zu plündern gebrauchte, unter deren Schild er meine Güter mit dem habsüchtigsten Menschen theilte. Er schwelgte hier von meinem Golde, mißbrauchte Namen und Wappen von Edelleuten, deren Stamm dem königlichen nicht nachsteht; er betrog ganz Madrid, während ich mit Noth und Jammer kämpfte, in enger Haft, kaum die Nahrung erhaltend, womit mein armes Leben sich fristete. Doch schlug endlich die Stunde der Befreiung. Mein Wächter Blas, der Grausamste seiner Genossen, wurde auf einem Raubzuge getödtet. Ein junger Geselle der Mordbande, von meinen Thränen gerührt, ließ mich entfliehen. Mit nackten Füßen, Almosen heischend, pilgerte ich hieher, bald wie die elendeste Landstreicherin, bald wie eine verlorne Närrin behandelt. Ich ahnete, was sich in Madrid begeben, ich hoffte, dem Räuber seine Beute abzujagen. Ich kam zu spät; der Schändliche hatte seinen Plan ausgeführt, Madrid verlassen, und ich darf nicht zweifeln, daß die Kugeln, die beinahe vor den Thoren der Hauptstadt meine elenden Gewänder durchfuhren, meinen Arm streiften, von seinen Mördern abgeschlossen wurden, um mich auf ewig stumm zu machen. Nur durch ein Wunder entging ich dem Tode, um zu erfahren, wie ein Mensch im Stande seyn kann, jede Regung des Bluts, des Mitleids zu verläugnen. Lucio stieß mich wie eine Betrügerin aus seinem Hause, meinem Jammer stellte er Schenkungsurkunden entgegen, von denen ich nichts weiß, und ein elendes frevelhaft ersonnenes Mährchen, das mich mit den Rosen einer Braut bekränzt, während ich im Staub der niedrigsten Armuth liege. Doch will ich die Gerechtigkeit des Königs und seines Raths anflehen, Himmel und Erde bewegen, um das zurück zu fordern, was mir so schändlich entrissen. Du wirst mir Dein Haus nicht verbieten, wirst unserer Freundschaft gedenken, mir den Beistand leihen, den der unnatürliche Bruder seiner Schwester versagt. Don Barnabas hat Einfluß bei dem König, Du selbst bist, wie es heißt, von dem Monarchen geliebt. Gib mir Trauerkleider, begleite mich zu unserm Herrn und König. An seinem Throne will ich mich niederwerfen, und nicht eher aufstehen, als bis ich mein gutes Recht erhalten, meine Rache befriedigt weiß.«

Je tiefer Eugenia's Haupt sich vor der Freundin beugte, je demüthiger ihren Schutz die Betrogene ansprach, um so kälter und stolzer richtete sich Ignacia vor ihr auf, und erwiederte nach langer Pause mit strengem Tone: »Von mir fordert Ihr Schutz, Beistand und schwesterliche Liebe, Donna Eugenia? Ihr müßt weit in der Bahn der Frechheit vorgeschritten seyn, daß Ihr mit kecker Stirne Euch mir aufzudringen sucht. Verruchte! Sieh mich an, ein Bild des Jammers. Du hast den Frieden meines Lebens, meine Seligkeit geopfert. Du hast mich erwürgt, während Du Dich heuchlerisch verstelltest, als ob Du mir zu Hülfe kämst. Die Zauberkünste, wozu Du mich verleitet, haben mich unaussprechlich elend gemacht. Wäre ich damals vergangen in glühender Sehnsucht, mir wäre wohler. Heut' bin ich nicht sicher, weder zu Madrid, noch in irgend einem Winkel Spaniens, vor dem entsetzlichen Menschen, welchen Du an meine Sohle geheftet. Hinweg, Eugenia. Erwartet nichts von meinen Brüdern, die Euch hassen, hofft nichts von mir, denn ich wäre berechtigt, Euch das Leben zu nehmen, weil Ihr das meinige vergiftet habt. Mariano! Kennt Ihr diesen Namen? Vergeht Ihr nicht vor Scham, da ich meinen Verfolger nenne, den ihr gegen mich gehetzt? Ich fluche Euch, und Euer Gewissen mag Euch sagen, ob ich ein Recht habe, dies zu thun.«

Eugenia erschrack vor dem Zorne, der in Ignacia's Augen aufflammte; sie ahnte, wie das Netz der Hölle, das sie über die Freundin geworfen, über ihr eigenes Haupt zusammenfalle. Die Vergeltung dämmerte vor ihrem Blicke auf, und ihr böses Herz, in dessen Abgrund das Bewußtseyn mancher verbrecherischen That schlummerte, empörte sich vergebens gegen den drohenden Lauf ihres Verhängnisses. Den Grimm ihrer Seele zurückhaltend, versuchte sie noch der heuchlerischen Bitten Unzahl; die ränkevolle Demuth erzürnte die Gegnerin noch heftiger. Auf's Aeußerste gebracht, wagte Eugenia das letzte Mittel der Verbrecher: Drohungen. Ignacia, deren Leidenschaft zur Wuth gesteigert worden, befahl ihr, augenblicklich das Haus zu verlassen. Zitternd und bebend, kaum mehr ihrer Sinne mächtig, schrie das verstoßene Weib im Scheiden: »Wohlan, Du hast Dein Urtheil gesprochen, undankbare Schlange. Soll ich untergehen in dem Gewebe einer Bosheit, die noch nie gesehen worden, so wirst Du mich in den Abgrund begleiten. Zittre vor meiner Rache; das heilige Gericht wird meine Klage hören. Es soll wissen, daß Du mit Teufelskünsten einen unschuldigen Jüngling seiner Braut, seiner Familie entrissen. Stütze Dich alsdann nur auf Deine Treulosigkeit, klage dann auch wider mich, Deine Sache ist im Voraus verloren. Mariano lebt, Dein Schlachtopfer, der Beweis Deiner zügellosen Unthat. Aber kein Zeuge ist mehr vorhanden, der meine Mitwirkung an diesem Frevel bestätigte. In dem heiligen Hause sehen wir uns wieder.« --

Verwünschend, fluchend Allem, was dem Menschen theuer ist, stürzte die von Leidenschaft Wahnsinnige aus Ignacia's Palast. Kurze Zeit nach ihrer Entfernung schlich Obrego geheimnißvoll bei Ignacia ein. »Eugenia ist hier, sie will mich verderben, helfe Du, kluger Meister, und zernichte endlich die Schlangen, die nach meinem Herzen zielen!« rief ihm die Dame, überströmt von Thränen der Wuth und der Angst, entgegen. Kaum hatte sie in unordentlichen Sätzen dem Vertrauten berichtet, was vorgefallen, so schlug dieser ein heiseres Gelächter auf, und versetzte mit hämischem Grinsen: »Alles geht nach Wunsch, holde Donna. Das Haus der Inquisition soll für Eugenia des Löwen Höhle seyn, woher kein Rückweg ist. Seyd ruhig, die Abscheuliche wünschte meinen Untergang, sie klatschte meinen Todesschmerzen Beifall zu. So wahr ich lebe, vergesse ich das nie, und ihre Verbrechen habe ich auch so wenig vergessen, daß ich schon dem Cardinal ein Register derselben vorgelegt wovor ihm bange wurde. Die Giftmischerin soll ihrer Strafe nicht entgehen. Kanntet Ihr die reizende Sennora Peniche, die Eugenia's Eifersucht erregte? Den wackern Ritter Gaetano, der die Unbesonnenheit beging, noch in der Kraft des Lebens seine Schätze ihr im Testamente zu vermachen? Entsinnt Ihr Euch noch deutlich der Zufälle, die Eures Gatten Tod, den Hintritt des edlen Don Luis begleiteten? Alle diese starben von Eugenia's Hand. Wer die Pulver mischte, wird sein Haupt zu sichern wissen; wer den Mord befahl, soll im Feuer sterben. Zur Stunde geh' ich, vor dem Inquisitor mich dem Ungeheuer gegenüber zu stellen.« -- »Du bist mein Wohlthäter, und meine Dankbarkeit wird ohne Gränzen seyn, wenn Du auch noch den Schrecklichen, den ich fürchte, wie die Hölle, aus den Reihen der Lebendigen zu tilgen vermagst.« -- »Sorgt nicht, ich bin auf seiner Spur, die Kunde seines Todes kann nicht ausbleiben, denn nur der Tod des Einen kann die Bande lösen, womit Ihr beide leichtsinnig verknüpft wurdet. Wenn ich aber diese Kunde bringe, wenn ich Euch die Freiheit wieder schaffe, werdet Ihr halten, was Ihr versprochen? Mir zum Lohne geben, was in Eurer Macht steht?« -- »Alles.« -- »Es wird gut seyn, wenn Ihr, jedem Schritt Eugenia's gebührend vorzubeugen, dem Könige endlich gewährt, warum er schon so lange bettelt.« -- »Ein Dolchstich in mein Herz thäte mir nicht weher, aber mich zu sichern, mich zu rächen, überwinde ich Alles. Der Monarch, von dem gestrigen Auftritte erschöpft, den ein hochverrätherischer Offizier, seinem Herrn zürnend, weil er entlassen worden, herbeigeführt, befindet sich in Casa de Campo, einsam, fast ohne Begleiter. Er erwartet mich, ich fahre hinaus, ihm zu seiner Rettung Glück zu wünschen.« -- »Klug, schöne Donna. Wohl, mir gelüstete lange, mit einem Könige sein Liebstes zu theilen. Versprecht mir den Besitz, der den Herrn zweier Welten glücklich macht, und binnen Kurzem sollt Ihr Eurer Zauberfessel ledig sein.« -- Ignacia antwortete nicht, ihre Augen suchten beschämt den Boden, und ihre Brust athmete schwer. Zitternd hielt sie sich fest an dem Tische, wo sie stand, und senkte das Haupt; sie hatte nicht den Muth, zu verneinen, und Obrego entwich, Hülfe und Rettung verheißend und betheuernd.

 

22.

Eufrosine saß und spann, dazwischen seufzte sie schwer, und schielte neugierig zum Fenster hinaus, und betete dann wieder ein Gebet nach dem andern. Therese kam endlich gelaufen, und zuckte trostlos die Achseln, da Eufrosine sie fragte, ob ihr Kundschaftergang irgend Erfolg gehabt. »Keine Spur von dem Entwichenen,« sagte die Nachbarin schluchzend: »wohl aber kommt der blaue Sennor um die Ecke, und der Himmel weiß, wie wir ihn besänftigen.«

Obrego erschien auch alsobald, winkte Theresen zornig, zu gehen, und sprach zu der zitternden Eufrosine: »Wie ist's, Drache des Abgrunds? Kannst Du mir Nachricht geben oder nicht?« -- Kopfschüttelnd und mit gefalteten Händen sank die Greisin zu Obrego's Füßen, und dieser fuhr zürnend fort: »Nicht wahr, Du bist die erbärmlichste Hexe, die jemals den Pöbel betrog? Gauklerin, wer hat Deine Karten gefeit, wenn sie jetzo schweigen? Aus welchem Metall sind Deine Spiegel geschmiedet, daß sie Dir nicht das Geringste offenbaren? Unselige, wenn der allmächtige Gott sein Paradies einem Diebe in die Hände spielen wollte, müßte er Dich zu dessen Hüterin machen. Weißt Du, womit ich Dich bedroht?« -- »Schone meiner, Herr,« stotterte die Alte voll Angst: »ich wurde bethört, ich bin schon zu alt geworden. Ich habe Dir Vieles zu verdanken, und hätte Dir gerne gedient. Ich habe den armen jungen Mann, da er ein Knabe war, auf meinen Armen getragen, ihn geliebt wie eine Mutter; ich hätte ihn gern mit dem eigenen Leben gerettet. Nicht aus Bosheit überließ ich ihn seiner Raserei und seinem Schicksal.« -- Nach einer langen Pause, in welcher Obrego die Bittende mit vernichtendem Blick gemessen, sagte er verächtlich: »So seyd ihr Weiber. Die größten Unthaten entschuldigt Ihr mit Eurer Schwäche. Immer war es nur ein Irrthum, der Euch zum Bösen verleitete. Trauriges Geschlecht! elend und gebrechlich in Allem, was es beginnt. Zu schwach für die Tugend, ertragt Ihr auch die Sünde nicht. Sieh' auf, Alte. Für diesesmal will ich Dein Herz beruhigen. Mariano ist in Sicherheit, und gerettet wird er seyn, wie ich's ihm gelobte, da er, ein barmherziger Samariter, mein Leben erhielt.« -- »Gerettet? in Sicherheit? Meister, Du erquickst mein Herz mit himmlischem Balsam. Wo aber, wo ist er? Darf ich's wissen?« -- »Auf dem Wege zur Galeere. Du erschrickst? Nun ja doch. Des Königs Räthe lassen nach dem Vorfall bei dem Stiergefecht alle Leute aufgreifen, die in Madrid sich herrenlos, ohne Zweck und Obdach herumtreiben. Mariano, den man in einem verlassenen Keller fand, wo er auf Gelegenheit lauerte, in Ignacia's Palast zu dringen, ist unter der Zahl derjenigen, die von den Häschern verhaftet und augenblicklich ohne weitern Prozeß nach dem Bagno geschleppt werden müssen. Ich sah ihn, als er, von Reitern umringt, zusammengefesselt mit argem Gelichter, Madrid verließ.« -- »Heilige Mutter Gottes! Und Du sagst, er sey in Sicherheit?« -- »Zum Teufel, ja; sicherer als hier, wo seine Raserei ihn in's Verderben gerissen hätte. Zudem fand er einen Gefährten, der für ihn mit Leib und Leben sorgt. Sein treuer Knecht, der auf Ibarra's Befehl nach ihm spähte in den verborgensten Winkeln der Stadt, theilt sein Loos. Die rohen Carabiniere achteten nicht auf die Widerrede, auf die Entschuldigungen des guten Burschen. Der Scherge ist ein natürlicher Feind des Volks, und wüthet blindlings gegen dasselbe, wenn sein Oberer es befiehlt. Je mehr der Opfer solcher Willkür geschlachtet werden, um so höher rechnet er sein Verdienst. Manch ehrliches Mutterkind wird zu solcher Frist nach den Ruderbänken wandern müssen. Ein Glück, daß Jose auf diesem harten Wege seinen Herrn fand. Du aber mache Dich auf, geh' zu Ibarra, zu der trauernden Manuela, erzähle ihnen, was Du von mir vernommen, beschwöre sie, keinen Augenblick zu verlieren, und vom König die Freilassung des armen Geisteskranken zu begehren. Ihre Liebe, des Königs Freibrief werden den Unglücklichen in Palma wieder finden. Mit Entzücken wird die verlassene Gattin den Freund in ihre Arme schließen, so treu, so gut und rein, als er je gewesen.« -- »Ach, wenn Du wahr sprichst, kluger Meister! Segen und Heil über Mariano's Haupt! Die Heiligen werden mir manche Sünden vergeben, wenn ich an diesem guten Werke helfe. Ein schlimmes Ding ist die Liebe, wenn sie vom Zauber geschaffen wurde. Die arme Ignacia wird stets unglücklich seyn, doch mag ihr Herz brechen, wenn nur mein Pflegling wieder gesundet.« -- »Es muß, wenn er gesunden soll. Darum hüte Dich, Dich nur von ferne der Donna zu nähern, nur mit einer Sylbe ihr zu verrathen, was wir beschlossen. Tod und Hölle wäre unabänderlich Dein Loos. Gehe jetzt, und handle; Du siehst mich wieder.« -- »Wohin eilst Du, mein Herr und Meister?« -- »Zum Großinquisitor, wo ich der Verbrecherin Eugenia mich noch einmal entgegenstelle. Sie weiß jetzt, daß sie verloren, sie hat meinen Triumph gesehen, sie verzweifelt in ihren Fesseln. Ich werde leben, wenn ihre Asche längst den Winden übergeben ist.« -- »Hüte Dich selbst nur vor Gefahr, weiser Obrego.« -- »Sorge für Dein Haupt, nicht für das meine. Ich habe dem Cardinal seine Gesundheit wiedergegeben, meine Kunst hilft ihm zu hohen Jahren, und für solch Geschenk ist auch ein Großinquisitor dankbar.«

 

23.

Die Plaza mayor war wieder von unzähligem Volk besetzt. Ein Fest wurde daselbst gefeiert, nicht das bunte lustige eines Stierkampfs, wohl aber das ernste traurige eines Auto da Fe. Statt der Paniere der Freude wehten rings Trauerfahnen, gelbe Kerzen brannten in der Runde, und ihre schwachen Flammen wurden verdunkelt durch die Lohe der Holzstöße; statt des Beifallrufs des Volks stiegen dumpf gemurmelte Gebete, heisere Psalmen zum Himmel, getragen von schwarzen Rauchwolken, die das blaue Firmament umdüsterten. Mit klopfendem Herzen, zagender Brust, lautlosem Entsetzen starrten die Zuschauer von Tribünen und Balkonen auf die gräßliche Scene zu ihren Füßen, und manche zarte Seele hielt sich eingeschlossen in dem Innern der Häuser, unfähig, das unheilschwangere Fest mitzufeiern.

Nicht sowohl Trauer, als der Drang, ungestört und einsam der Rache Lust zu genießen, hatte Ignacia bewogen, ihre Gemächer nicht zu verlassen. Mit blutgieriger Wonne zählte sie die Stunden, berechnete sie die Augenblicke, ungeduldig harrend der Nachricht, daß das Brandopfer zu Ende sey. In den letzten Wochen waren böse Tage über ihrem Haupte vorübergegangen. Von dem flatterhaften gekrönten Wüstling verlassen, hatte sie das zweifelhafte Ansehen verloren, welches ihr die Schmach, des Fürsten Buhlerin zu seyn, verlieh. Von ihren Brüdern mißhandelt, die mit ihr von dem Gipfel der Günstlingsgröße herabgestürzt worden, hatte sie den Becher des Ueberdrusses und der Qual bis zur Neige ausgeleert. Mit hartnäckigem Geiste jedoch überwand sie diese Foltern, ihre Freiheit von den Banden des Zaubers erwartend, selig im Gefühl blutiger Vergeltung, während Don Melchior sich beschämt in seinem Kloster barg, und Don Barnabas, kriechend wie ein Hund, dem Sonnenkreise des Gebieters, der nichts mehr von ihm zu wissen begehrte, trotz allen Spotts und aller Demüthigung folgte.

Die Stunden schlichen bleiern, der Abend sank, und noch immer verkündete nicht das Getöse des heimströmenden Volks der Hinrichtungen Ende. Da knarrte die Thüre des Vorzimmers, durch den Sammetvorhang des innersten Gemachs schaute Obrego's Antlitz, düsterer und drohender als je, heut für Ignacia der willkommenste Bote. Die Dame flog ihm entgegen, begrüßte ihn als einen innigen Freund, und fragte mit funkelnden Augen, ob das Werk der Rache vollendet. Obrego erwiederte mit trotzigem Lächeln: »Betet ein de profundis für Eugenia's arme Seele. So eben verschüttete der niederstürzende Scheiterhaufen die letzte Asche der Unseligen mit seinen Kohlen. Die Lästernde wurde geknebelt zum Richtplatz geführt, und des Nachrichters Strang tödtete nur allzuschnell die Giftmischerin.« -- Ignacia that einen tiefen Athemzug, Freude in den Mienen. Obrego fuhr fort: »Ich hielt mein Versprechen, schöne Donna. Eure Feindin, die Ursache Euers Jammers, ist dahin.« -- »Gott vergebe ihr, was sie an mir und Andern gethan. Bringt mir auch noch die Kunde von Mariano's Hinscheiden, und ich bin die glücklichste auf Erden.« -- »Auch er hat ausgelitten. Er starb zu Palma im Kerker der Schande.« -- »Wirklich? Belügt Ihr mich auch nicht? Ist's unumstößliche Wahrheit, was Ihr sagt?« -- »So gewiß als Eure Seligkeit. Der Bandit, den ich schickte, traf den Aermsten mit sicherem Stoße. Auf dem Krankenlager ereilte ihn der tödtliche Streich, und aus seinem stillen Grabe brachte mir der getreue Todesengel den Beweis seiner That.« -- »Den Beweis? Welchen? Gebt mir ihn, daß meine Seele völligen Frieden finde.«

Obrego schlug den weiten Mantel auseinander, und stellte ein kleines schwarzes Gefäß vor Ignacia hin, den Deckel öffnend, wobei er mit dumpfer Stimme sprach: »Seht zu, schöne Frau, das ist Mariano's Herz, das Herz, welches für Euch schlug bis zum letzten Augenblicke, dessen Liebe Ihr Euch durch Zauberkraft erzwungen, das Herz, das Ihr verrathen und mit dem Todespfeil durchbohrt.« -- Ignacia schauderte vor dem entsetzlichen Geschenk zurück, winkte dem geschäftigen Diener ihrer Wünsche, die Vase zu schließen und zu verbergen, und sagte zagend: »So bin ich jetzo frei? So ist jede Verfolgung von mir genommen, und getilgt das Unglück, das aus der Unbesonnenheit der Leidenschaft entsprang?« -- »So ist's. Der Pakt ist zerrissen, und Ihr seyd wieder Euers Leibs und Lebens Herr, habt keine Verpflichtung mehr auf Erden, als die, mir den Preis zu zahlen, den ich forderte.« -- »Ich weiß,« entgegnete Ignacia mit schwacher Stimme, reichte nach kurzer Ueberlegung ihrem schauerlichen Freunde die Hand, und fuhr fort: »Ich zahle meine Schuld, doch zuvor laßt uns den Becher der Freundschaft und Vergessenheit trinken, bekränzt von duftenden Wonnerosen. Der Bund der Verschwiegenheit vereine uns fortan, und nimmer komme über unsere Lippen, was wir in traulicher Gemeinschaft beschlossen und vollführt.«

Mit festem Schritte ging sie nach dem kostbaren japanischen Schranke, worinnen herrliche Crystallbecher glänzten neben blanken geschliffenen Flaschen voll dunkelrothen Weins. Geschäftig goß sie zwei Pokale voll, umwand sie mit duftenden Blumen, und reichte den einen dem harrenden Obrego auf goldener Platte, während sie den zweiten selbst zur Hand nahm. Im Begriff, zu trinken, wendete Obrego scheu den Kopf nach dem Eingang, und flüsterte: »Wer ist's, der draußen sich regt? Wer belauscht unser Gespräch? Ist es Don Barnabas, der, vom Feste heimgekehrt, den Horcher abgibt?« -- Ignacia fuhr zusammen. »Er darf Dich nicht sehen, Freund, verbirg Dich, ich selbst will ihn entfernen.«

Sie schlich hastig auf den Zehen nach dem Vorzimmer. Niemand war darinnen. Sorgfältg verriegelte sie die Thüre, und kam mit verklärtem Angesicht zurück. »Wir sind ungestört, Obrego,« rief sie, »Niemand wird Zeuge Deines Glücks seyn.« -- »So gib mir Deine Rechte, schöne Freundin. Eng die Hände ineinander geschlungen, wollen wir trinken, einen süßeren Trank, als den von Koffeirs Grabe. Vergib mir, was ich damals auf Eugenia's Befehl an Dir verbrochen, und gewähre dann, reizende Sünderin, dem Sünder Deine Liebe.«

Das innere Widerstreben gewaltsam überwindend, mit zügelloser Freudigkeit gab Ignacia dem finsteren Freunde ihre Hand; sie hoben die Becher … sie tranken, tranken zu widerholten Malen. -- »Süß schmeckt der Wein,« sprach Obrego mit wildem Scherze, »aber süßer werden Deine Küsse schmecken, holde Fee, deren Zauber meine Künste weit übertrifft.« Er zog die Schöne rasch neben sich auf das Ruhebett, umfaßte ihren Leib und wollte den ersten Sold der Liebe von ihren Lippen rauben. Sie widerstrebte noch mit ängstlicher Besonnenheit, ihm zuflüsternd: »Noch nicht, mein Freund. Noch hat die Abendglocke nicht geläutet. Laß uns nicht die heilige Gebetzeit mit schnödem Sinnenrausch entweihen.« -- »Du gedenkst noch der Heiligen in der Umarmung des Magiers? Wohl, auch diesem Eigensinn füge ich mich. Gestatte mir, daß ich Deine schönen Hände fasse, daß ich sie küsse, bis die Glockenzungen Madrids mir die Erlaubniß geben, höheren Preis zu erringen. Wie reizend sind diese Hände, weiß wie Elfenbein! die Reinste aller Frauen dürfte sich ihrer nicht schämen. Und dieser Arm, den ich von seinem lästigen Spitzenschmuck entkleide, wie voll, wie rund, wie einladend!«

Beschämt blickte Ignacia auf ihren Arm. Die Stelle, wo die Schlange von Koffeirs Grabe das Blut geleckt, brannte roth, wie eine frische Dolchwunde. »Du spottest mein, Zauberer,« lispelte sie: »geschwinde, der Sand verrinnt, die Stunde fliegt, erlöse mich von diesem letzten Merkmal magischen Zwangs und zauberischen Beginnens.« -- »Der Sand verrinnt, die Stunde fliegt,« wiederholte Obrego mit entsetzlichem Tone: »Die Hölle ist aber ewig, verführerische Ignacia, und ihr Brandmal löscht nie aus.« -- Das Ave wurde geläutet. Von nie gekannten Schauern durchflogen, stammelte Ignacia aufspringend: »Was ist das? Welch' eine Stimme, grausamer Mann? Du blickst so wild, so fürchterlich, als ob Flammen Dich durchtobten?« -- »Die Flammen des Zorns, des Hasses, der Vernichtung sind's,« antwortete Obrego, der sich drohend erhob: »aber nicht die tödtende Gluth des Giftes, das Du mir kredenztest, Furie; nicht die Schmerzen des Todes, die jetzo Dich durchwühlen Elende mit den erstarrenden Zügen, Deine Kniee wanken schon, schon perlt auf Deiner Stirn der Angstschweiß. -- Solch' erbärmliche Gegnerin wollte sich den Mächten des Abgrunds entgegenstemmen? So leichtes Spiel glaubtest Du mit der Hölle zu haben? Sünderin, Du stehst am Ziele. Du mischtest mir Gift, und hast selber es getrunken. Vernimm aber in Deiner letzten Stunde, daß der Teufel nie von seiner Beute läßt, vernimm, daß Mariano lebt, und Du zu seinem Heile fällst, ein Opfer dunkler Vergeltung, wie Eugenia.«

Heulend vor Schmerz und Verzweiflung stürzte Ignacia zusammen, und Obrego verließ flüchtigen Fußes die mit dem Tode kämpfende. Als Rosa, Ponce und der Diener zahlreiches Heer herbeieilten, war es schon zu spät für der Gebieterin Leben und Seligkeit.

 

24.

»Feierabend! Schließt die Sklaven los, treibt sie auf's Verdeck, es ist die Zeit des Abendgebets!« donnerte der rauhe Capitän des Ruderschiffs, und auf den gellenden Ton seiner Pfeife rasselten die schweren Ketten nieder von den Bänken, und auf das Verdeck schleppten die Sträflinge unter den Flüchen der Galeerenwächter der Fesseln schwere Wucht. Zwei Männer schritten dicht nebeneinander, der eine, abgezehrt und geisterhaft, mit wilden Augen, krampfhaft bebenden Lippen und unsteten Geberden, wie die eines gefesselten Tigers sind; der andere, älter, aber wohlgenährt, mit freundlichem Antlitz, unterstützte, so gut seine Eisenlast es erlaubte, den Gefährten seines traurigen Looses. Er hatte Mühe, die Zunge des Tobenden zu bändigen, die ausbrechende Wuth des Unglücklichen zu hemmen. Zu der Lucke hinaufsteigend, bat er den kranken Freund: »Bezwingt den Sturm Eurer Seele doch nur während des Gebets, Sennor. Der Capitän hat bei der heiligen Jungfrau geschworen, Euch züchtigen zu lassen, wenn Ihr noch einmal das Gebet unterbrechen würdet.« -- »Er soll es thun, der Schurke,« wüthete Mariano, seine Fesseln grimmig hebend: »tödten soll er mich, dann bin ich aller Qualen ledig, tödten, daß ich nimmer zum Leben wieder erwache! Was ist mir Leben ohne Freiheit, ohne das Weib, das ich immer noch mit wilder Sehnsucht begehre, obgleich mein Daseyn verschwindet, meine Kräfte versiegen unter dem unmenschlichen Zwang! Schweige darum, Jose, ich will den Todesstreich heraus fordern, ihn mit Dank empfangen. Das Grab oder Ignacia; das ist alles, was ich denke, was ich fordere und verlange.« -- »Gott stärke Deinen Leidensgefährten, armer Jose,« murmelten selbst die rohesten der Sklaven, von Theilnahme ergriffen: »grausam ist's, daß man den Sinnverlorenen zur Arbeit zwingt. In's Siechenhaus mit ihm, sonst schlägt er uns in seiner Raserei mit seinen eigenen Ketten todt.«

»In die Keuchen mit Euch, Hallunken, wenn Ihr nicht augenblicklich schweigt!« herrschte der Capitän, drohend den Säbel schwingend: »Den Burschen lasse ich aber mit Ruthen streichen, wenn er nur mit einem Wort des Paters Gebet stört!« -- Murrend standen die unglücklichen Ruderknechte im Kreise, und mehrere Sklavenwächter näherten sich dem tobenden Mariano, hielten ihn fest, und zwangen ihn, niederzuknieen, wie alle seine Gefährten es thaten unter dumpfem Kettengerassel. Der Padre des Schiffs trat im Chorhemd unter die Menge, nahm die Mütze ab, segnete die Versammlung, und wartete still mit gefalteten Händen des Gebetzeichens. Mariano fuhr wie ein Riese vom Boden auf, seine Wächter zurückschleudernd, nach dem Geländer hineilend, um sich hoch hinab in die Fluth zu stürzen. Die gewaltigen Fäuste der Schergen zwangen ihn, abzulassen, und der Capitän schrie, die Stimme des Wuthschäumenden übertönend: »Bei meines Vaters Leben, fünfzig Ruthenstreiche dem Verwegenen, der mit Güte nicht zu bessern ist!« Vergebens warf sich Jose zu des Befehlshabers Füßen, umsonst wehrte sich Mariano gegen die Gewalt. Er sollte in den Raum geschleppt werden; da erklang von Palma's Thürmen die Glocke des Ave, und Mariano sank bewußtlos zu Boden, und seine Treiber zogen die Hüte, und alles wurde still; der Padre sprach ungestört sein Gebet.

Mit dem letzten Worte desselben erwachte Joses armer Herr aus seiner Ohnmacht, richtete sich auf, und blickte verwundert, aber gelassen und ruhig über das Schiff hinaus nach der Stadt, dann übers weite Meer, dann in Jose's bekümmertes Antlitz, und streckte mit verklärter Stirne dem überraschten Diener, der ergriffen war von Staunen wie alle anderen, die Hände entgegen. »Jose! Du treuer Diener!« rief er ihm zu mit dem freundlichen Ton, den der Knecht seit dem Abschiede von Ibarra's Schloß nicht mehr von ihm vernommen. »Welch' schöner Abend! Wie funkelt die Sonne, wie leuchtet das Meer! Habe Dank, daß Du mich aus dem Schlummer wecktest. Schwere Träume hielten mich umfangen, von denen ich mich erholen will am Busen der schönen Natur.« -- Wie von Ehrfurcht ergriffen, wichen die Sklaven zurück, selbst der Capitän fühlte menschliche Regung, der Padre winkte leise, den Auftritt nicht zu stören. Schluchzend vor Freude kniete Jose zu den Füßen seines Herrn, der eben so heiter fortfuhr: »O sage mir, auf welcher Rhede wir uns jetzt befinden, ob ich schon weit bin von meiner geliebten Manuela. Jene Küste ist mir fremd, Du böser Diener hast mich entführt im Schlummer, ließest mich allzunachsichtig schlafen, während das grausame Schiff mich weit von meinem lieben Kleinod forttrug. Sind das Italiens Gestade schon? Landen wir bald in Neapolis? O nein, o nein; erst gestern schied ich von Manuela, von dem redlichen Ibarra. Wir können noch nicht ferne seyn, aber ich darf auch nicht weiter schiffen, denn die Sehnsucht, das süßeste Heimweh, sie quälen mich zu sehr.« -- »Welch' ein Erwachen!« schrie Jose außer sich vor Schmerz und Wonne, und umarmte mit biederer Herzlichkeit den Gebieter. Mariano schreckte zusammen vor dem Gerassel der Ketten, betroffen und bestürzt betrachtete er das Sklavenkleid des Dieners, seine eigenen gefesselten Arme. »Was ist mit uns?« fragte er laut, und maß die Versammlung mit befremdetem Auge: »In Ketten ich, Du in Ketten gleich mir? Was wollen diese Menschen mit den bärtigen Gesichtern, in den Lumpen des Elends, in den Banden der Schmach? Wurde unser Schiff von barbarischen Piraten genommen? Schleppt man uns nach Tunis? O zage nicht, weine darum nicht, liebster Jose. Auch die Barbaren tragen ein Herz im Busen, der Liebe und dem Mitleid zugänglich. Sie werden meine Schmerzen, unsern Verlust ermessen, uns freigeben um meiner Manuela willen, und das stärkste Lösegeld lohne ihre Menschlichkeit. Wo ist der Herr dieses Schiffs? Er soll erfahren, daß ich reich bin, daß Ibarra unermeßliche Schätze besitzt, daß der edle Mann gern Alles aufopfern wird, um mich zu erlösen, daß ich mit Freuden mein Letztes hingebe, um nur wieder mein süßes Kleinod zu besitzen. Du schweigst in Thränen? Selbst diese finsteren Gesellen weinen? Kein Heide naht, um meine Bitten zu vernehmen? Wie ist mir denn? Jene Bewaffnete tragen die Farben meines Vaterlandes, jener Priester ist geschmückt mit dem Zeichen unsers Glaubens, mit den Gewändern unserer heiligen Kirche? Wehe mir, wir sind gefangen unter Spaniern, unter Christen? Jose, Du aufrichtiger Sohn Toledo's, erkläre, löse mir dieses Räthsel!«

Jose hatte nur Thränen, keine Worte. Der Padre näherte sich mit gleichgültigen Trostfloskeln, und der Capitän, der mit seiner rauhen Beredtsamkeit am Kürzesten das Geheimniß verrathen haben würde, lehnte auf dem Geländer, einer Barke entgegenschauend, die mit weißer Fahne geschmückt, umflossen von rosigen Fluthen, der Galeere sich näherte. Palma's Corregidor, der Hafencapitän und einige Männer in vornehmen Kleidern stiegen aus der Barke auf das Ruderschiff. Der Richter trug an seinem Stabe ein pergamentenes königliches Patent mit schweren Siegeln, grüne Zweige wehten in den Händen der Männer, und der erste derselben stürzte mit dem Ruf des lautesten Entrückens an des versteinerten Mariano Brust. -- »Mariano mein unglücklicher Eidam!« -- »Ibarra, mein Vater!«, -- »Ermanne Dich, Du Leidender, freue Dich, treuer Jose; der König tilgt den ungerechten Spruch, er gibt Euch frei. Es lebe der König, unser Herr!« -- »Er lebe hoch!« rief Mariano freudig entgegen, während unter gewichtigen Hammerschlägen seine und Jose's Ketten fielen: »sagt mir aber, geliebter Vater, warum ich gefangen wurde, weßhalb man mich in Bande schlug? habe nichts verbrochen, habe nicht das Unglück verdient während gestern mich das herrlichste Glück berauschte.«

Ibarra schaute ihm erstaunt und zufrieden in die leuchtenden Augen, und sagte feierlich: »Wenn ich Deinen Reden, Deiner Ruhe, Deinen seligen Blicken trauen darf, so hast Du die schlimmsten Ketten abgeworfen, welche Dir ein hämischer Geist um die reinen Schultern warf. Sey doppelt mir dann gegrüßt, Du Wiedergefundener; ich bringe nun nicht nur einen geretteten Menschen, sondern einen nie verlorenen Sohn mit mir an die heimathliche Küste zurück.« -- »Mein höchstes Glück ist, Euer Sohn zu heißen, Manuela zu besitzen, die mir der Kirche Segen schenkte. Wo ist sie? Kam sie nicht mit Euch? Ich verstehe nicht, was alles dieses bedeutet, und nur die dumpfe Erinnerung an einen wüsten Traum, den ich gehabt und schon vergessen, ist mir zurückgeblieben wie ein Schatten.« -- »Gelobt sey Gott!« jauchzte Ibarra: »so mag auch Manuela's Schmerz nur ein Traum gewesen seyn, und Euer Glück ein heller langer Sonnentag nach kurzer gefährlich stürmischer Nacht!«

Mit Triumphgesang wurden die Befreiten nach dem Fahrzeug geleitet, das sie in den sicheren friedlichen Port trug. Mirakel schrieen die zurückbleibenden Galeerensklaven, und schwenkten die mit Ibarra's Golde gefüllten Mützen. Ein kurzer Augenblick der Zufriedenheit war auf dem Schauplatze des Elends eingekehrt, aber, wie Ibarra es prophezeit, dauerndes Glück lohnte Mariano's unverschuldete Leiden, geschirmt von Manuela's grenzenloser Liebe, ungestört von peinlicher Erinnerung, nie getrübt von Obrego's finsterem Antlitz, das in Spanien nicht mehr gesehen wurde.


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