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Einleitung des Herausgebers

Folgt man den Verkehrsströmen, die dem Weltbilde des Fortunatusroman seine wesentlichen Züge geben, so kommt man unmittelbar auf die Kreuzzüge: die gleichen Straßen und Wege, auf denen für zwei Jahrhunderte die Schildträger des Rittertums gen Osten und wieder heim fuhren. Und wessen Auge nicht begierig ist, tiefer zu sehen, dem erscheint noch die alte mittelzeitliche Welt mit ihren mystischen Idealen vor Augen zu liegen. Wer aber jene Ströme hinaufdringt bis zu den Quellen, dem wird bald gewiß, daß nicht allein das Kleid und die Gebärde verwandelt sind, sondern daß es neue Menschen sind und eine neue Zeit auf den alten Pfaden.

Jenes Feuer, das in den Tagen des großen Heiligen Bernhard von Clairvaux das Abendland durchglühte, ist verkühlt: aus inniger Glaubensminne und brennenden Heilsverlangen Leib und Gut im Dienste des lieben Herrn dahinzuopfern. Welk und gebrochen der hohe abenteuerliche Geist des Rittertums, der für Christi Reich und Ruhm unter Heiden und Sarazenen Streitaxt und Kolben gebrauchte und sein adeliges Blut verspritzte für eine himmlische Märtyererkrone und edeln Nachruhm. Millionen seliger Schwärmer ruhen im heißen Sande des Ostens, verschmachtet und verblutet. Aber sie beteten an den heiligen Stätten und küßten den Boden, der den Fuß des Gottessohnes getragen. Und der süße Traum von einem irdischen Reiche Gottes in den Ländern der Heiden hat doch für eine gute Weile wie ein Meteor hinübergeleuchtet in die Heimat.

Aber die sarazenische Welt ruhte fester in sich gegründet, als daß sie von diesen Stößen wäre erschüttert worden. Den Fremdling, der sich auf dem Saume ihres Gewandes niederließ, strich die vornehme Hand des großen Saladin ins Meer hinab, wo er noch für ein paar hundert Jahre auf Eilanden und Klippen seine Schlupfwinkel verteidigte.

Schon in den ersten Kreuzzügen wurde ein realistischer Unterstrom unter der idealen Oberfläche der Bewegung bemerklich. Wenn er einmal nach oben kam, mußte er nicht nur den Charakter der Bewegung ins Gegenteil verkehren, er mußte auch, in die Heimat zurückgekehrt, dort einen neuen, sich selbst verwandten Geist erwecken und das Antlitz Europas verändern. Dieser Unterstrom entsprang aus den großen italienischen Gemeinwesen, die schon vor den Kreuzzügen zu Reichtum und politischer Macht und Bewußtsein gekommen waren. Der betriebsame und kaufmännische Sinn ihrer Bürger sah auch in den Kreuzzügen zuerst eine Gelegenheit zu Verdienst und Einkommen. Schon die Notwendigkeit, die Massen auszurüsten, zu ernähren und zu befördern gab Anlaß zu großen Unternehmungen und Zusammenschlüssen. Und wenn die Flotten von Genua, Pisa und Venedig ihre Pilger gelandet hatten, suchten sie lohnende Rückfracht und fanden solche in den Schätzen arabischen und indischen Fleißes, die als gesuchte Seltenheiten bis heran nur über Konstantinopel ins Abendland gekommen waren. Und der semitische Handelssinn, der immer an Syriens Küste heimisch war, machte ihnen das Anknüpfen leicht und lockte mit dem reichen Gewinn, den die Heimat zahlte, zur Wiederkehr und neuem Eifer.

So treten Osten und Westen sich anders entgegen als in Trutz und Waffen: zu friedlichem Verkehr und Wandel. Gegenseitiges Bedürfnis und Wertschätzung mußten sich einstellen, auch wenn beide Teile die Waffenrüstung für keine Stunde ablegten. Der Zusammenklang war ein anderer, sozusagen ein moderner geworden. Genua und Venedig halten schwere Kriegsflotten auf dem Mittelmeere, aber ihre Kämpfe mit den Türken sind doch meist diplomatischer Natur und gelten mehr dem Schutze ihrer Bergwerke und Handelsgerechtsame als der Bekämpfung des Unglaubens. Die alte Kampfesleidenschaft war dahin, vergangen mit der Blüte des Rittertums, dessen beste Kraft verblutete oder in äußern Formen und höfischem Prunk erstarrte. Der kirchliche Sinn der Völker schwächte sich in religiösen und politischen Wirren und Spaltungen. In Deutschland brach die Kaisergewalt zusammen und die Begehrlichkeit der Fürsten hätte sich an dem steigenden Wohlstand der Städte wohl gütlich tun mögen.

Die neuen Handelsverbindungen nach Syrien und Arabien weckten in Europa nicht nur den Kaufmann. Dem Kaufmann folgte der Reisende und übertrug den Samen arabischer Kunst und Wissenschaft in seine Heimat. Dem Hunger nach Erwerb folgte die Begierde nach realem Wissen. Beides läßt sich so wenig trennen wie die Kreuzzüge von der religiösen Exaltation. Seit dem Beginn des dreizehnten Jahrhunderts waren europäische Reisende von Syrien und Ägypten aus vorgedrungen, um in die Heimat jener feinen Seidengewebe und köstlichen Gewürze zu gelangen. Lange verbarg sich der ferne Osten vor aller Neugier, bis es dem um 1300 nach Europa zurückkehrenden Marco Polo gelang, das Dunkel zu durchbrechen und ihn in seiner gewaltigen Größe zu umfassen, von den Inseln des wunderbaren Zipunga (Japan) bis zum kochenden Süden Indiens. Und während diese Kunde, mit tollen Schreck- und Fabelmären des Mittelalters durchsetzt, für mehr als ein Jahrhundert Europa in Atem hielt, drangen die Schiffe der Portugiesen mit Erfolg gen Süden, um so den Erdball zu umfassen, und in Italien war der Genius des Kolumbus schon hinabgestiegen, der die Tore des Westens bezwingen sollte.

An all den Ereignissen hatte auch Deutschland seinen tiefen Anteil, der innig und verbreitet war, obschon es selbst den neuen Weltstraßen aus dem Wege lag. Denn Handel und Gewerbe der deutschen Städte war seit den Tagen Heinrichs IV. nicht eingeschlafen. Der deutsche Kaufmann war Herr der Märkte in Brügge und London, in Bergen und Vineta. Seine Handelswege gingen über Breslau und Krakau nach dem russischen Nowgorod und die Donau hinab durch die ungarischen Steppen nach Konstantinopel und dem fernen Asow am Schwarzen Meere.

Es spricht also nichts für die Annahme, daß der Fortunatusroman nicht in Deutschland, sondern in England oder Spanien seinen Verfasser habe. Vielmehr erscheint Deutschland als das Land, das zu all den Stätten, die da vor unser Auge treten – und das ist die ganze Welt des frühen fünfzehnten Jahrhunderts – lebhafte Verbindung pflegte. Suchen wir den Verfasser nur in einem der Orte, die dem großen Weltverkehr nahe standen, in Nürnberg oder Augsburg. Geschrieben wurde er gewiß vor 1453, aber wie jene erste Form beschaffen war und wie weit der erste uns erhaltene Druck – Augsburg 1509 – von ihr abweicht, das können wir nicht erraten. Wesentliches ist nach 1450 nicht dazu gekommen. Alle Fortunatusromane in fremden Sprachen sind aus dem Deutschen übersetzt. Sonst spricht noch der Umstand für Deutschland als Heimat des Volksbuches, daß kein Land weniger erwähnt und flüchtiger durchreist wird als eben Deutschland.

Fortunatus mit seinen wunderbaren Spielwerken, dem Seckel und dem Hütlein, erscheint als der glücklich belebte Geist Merkurs, der jene Zeit erfüllte. Und den mehrmal ausgesprochenen Gedanken, Weisheit sei besser als Reichtum, hat des Fortunatus glückliches Leben unwahr gemacht, und im zweiten Teile lehrt der Ausgang, daß Reichtum erst verderblich wird ohne Weisheit. Und dieser Grundton, der nicht aus religiösem Erleben hervorbricht, sondern aus dem Exempel gezogen wird, beweist wieder, wie sehr die Religion im Herzen der Menschen zurückgedrängt war: nur wie ein hergebrachtes Kleid wird sie geachtet und gehalten. Das Leben kennt nur die zwei Triebfedern, die durch Seckel und Hütlein glücklich versinnbildet werden: Verlangen nach Besitz und Wissen. Wir können nicht anders als dies Leben für innerlich arm erkennen bei allem Reichtum, und ohne die hohe Biederkeit und Bürgerlichkeit, die aus dem Tun des Fortunatus spricht, wäre der Eindruck des ersten Teiles kaum erfreulich.

So hat der Verfasser seine Zeit scharf und treu im Äußern gesehen und dargestellt, aber er hat ihr nicht ins Herz geschaut. Die geheimen Kräfte, die an der innern Wiedergeburt arbeiteten, sah er nicht am Werke. Es mußte noch ein Jahrhundert äußern Prunkes und innerer Armut dahin gehen, ehe die Zeit reif war, um in der Person des Doktor Faustus – der mit dem Fortunatus mehr gemein hat als eine Namensverwandtschaft – ein innerlich wahres und so ergreifendes Bild ihres Wesens dahin zu stellen.

Als Kunstwerk steht der Fortunatusroman so ziemlich an der Spitze aller deutschen Volksbücher. Die Gefahr, aus der Erzählung in eine langweilige Reisebeschreibung umzuschlagen, hat er glücklich, und wie man aus einigen Stellen herausliest, nicht ohne bewußte Kunst vermieden. Ohne Zwang trennt sich von dem ersten Teile das Geschick der beiden Söhne des Fortunatus. Hat jener den modernen Leser durch die Schilderung eines internationalen Verkehrs, der dem heutigen verwandt ist, zu fesseln gewußt, so entsteht im zweiten durch das Verhältnis Andolosias zu Agrippina ein glückliches psychologisches Interesse. Und spätere Künstler, die den Fortunatusstoff aufgriffen, haben den zweiten Teil zum Ausgang des Spieles genommen, so der englische Dichter Thomas Decker und Chamisso. In diesem Teile entwickelt sich aus den beiden entgegengesetzten Charakteren das tragische Verhängnis.

Schon J. Görres hat als Quelle des zweiten Teiles die 120. Geschichte der lateinischen Gesta Romanorum nachgewiesen. Wer dieses (am Schluß des Bandes mitgeteilte) Märchen mit dem Volksbuche vergleicht, findet zwar alle wesentlichen Stücke wieder, aber er sieht auch, wie groß die künstlerische Tat war, die aus dem hart und grausam verlaufenden, nur auf die Moral gestellten Beispiel der alten Anekdotensammlung für Prediger ein menschlich schön berührendes Bild schuf. – Für den ersten Teil nimmt man allgemein ein keltisches (bretonisches) Märchen als Quelle an, wofür nicht nur sprechen mag, daß in vielen keltischen Märchen seckelschenkende Feen und Zwerge auftreten, sondern auch die Tatsache, daß der Roman auf keltischem Boden (Irland und Bretagne) vorzüglich heimisch ist. Das Wünschhütlein aber erweist sich als eine spätere Zutat aus dem deutschen Götterglauben, die allerdings nicht mehr als eigen und heimatlich empfunden, sondern dem ägyptischen Sultan angedichtet wird. Wünschhütlein heißt Wuotanshut, Wunsch ist einer von den vielen Namen des germanischen Göttervaters. Mit Mantel und Hut erscheint er unter den Sterblichen. Wie Fausts Mantel die wunderbare entrückende Kraft besitzt, so eignet sie auch dem grauen Hütlein.

»Diese so verschiedenartigen Bestandteile haben sich so glücklich vereinigt, daß das Märchen wie aus einem Guß hervorgegangen erscheint und Fugen und ursprüngliche Färbung nur mit Hilfe der Mythologie und durch die Vergleichung ähnlicher Erscheinungen der mittelalterlichen Literatur erkannt werden. Welchen Anteil der Verfasser des deutschen Volksbuches an dieser Umbildung hat, können wir nicht bestimmen. Sicher bleibt ihm das Verdienst der Darstellung, des schmucklosen aber nicht unbeholfenen Stiles, der behaglichen aber nicht breiten Erzählung, der treuherzigen, biedern Gesinnung. Die Charaktere beginnen eben, sich zu entwickeln, die Motive sind bereits vorhanden und ergeben sich ohne Zwang, die Moral schimmert aus dem Hintergrunde hervor.« (Jul. Zacher).

Der Fortunatus ist bis zum Ende des siebzehnten Jahrhunderts häufig gedruckt worden. Später war er als Schauspiel der englischen Komödianten und als Puppenspiel in Deutschland heimisch. Auch Hans Sachs hat seine Kunst daran versucht. Das englische » pleasant play of old Fortunate« war um 1600 geschrieben. Der Text Simrocks lehnt sich eng an den Druck von 1530: »Getruckt und vollent in der Kayserlichen Stadt zu Auspurg / durch Heinrich Steyner / am 31 Juni des Jars 1530.«

Unsere Ausgabe folgt in möglicher Treue dem Texte Simrocks und ist nur an zwei Stellen geändert, d. h. aus pädagogischen Gründen gekürzt, mit aller Vorsorge, den echten Ton zu wahren. Der kundige Leser wird uns nachempfinden, daß diese Konzession an die Überempfindlichkeit der Zeit unser Gewissen in etwas bedrücken muß.


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