Georg Schweinfurth
Afrikanisches Skizzenbuch
Georg Schweinfurth

 << zurück weiter >> 

IV.

Bei den Höhlenbewohnern von Sokotra

(Hierzu Abbildungen Tafel IX–XI)

Es war in dem Winter, mit welchem das Jahr 1880 auf die Neige ging, als die Welt zum erstenmal von einem Reiseunternehmen vernahm, das großen Gewinn für die Naturforschung im allgemeinen und insonderheit unseren öffentlichen Sammlungen reichen Zuwachs einzutragen versprach. Mit reichen Mitteln ausgestattet, hatte Dr. Riebeck aus Halle eine Weltreise angetreten, auf der mit allen ihm und seinen Begleitern zu Gebote stehenden Kräften gesammelt und beobachtet werden sollte. Die jungen und rüstigen Männer hatten den Spätsommer in Transkaukasien verbracht und waren in den Herbstmonaten nach Palästina gegangen, wo sie eine interessante Rekognoszierung im Ostjordanlande und jenseits des Toten Meeres zur Ausführung brachten. Hier, beim Berühren wenig erforschter Gebiete, hatten unsere Reisenden zugleich auch die ersten Gefahren und Abenteuer zu kosten bekommen, wie solche keinem der größeren Unternehmungen zu fehlen pflegen. Ein Ereignis aber, von wirklich tragischem Geschick, sollte diese frühe Etappe der Riebeckschen Weltreise zum Abschluß bringen, als beim Übergange über den Jordan, nahe bei Jericho, Dr. Mook, einer der Reisegefährten, in den Fluten des durch Regengüsse plötzlich angeschwollenen Flusses elendiglich ums Leben kam. Auf einem aus dem Stegreife hergestellten Floße, das zuvor beim Hinüberschaffen des Gepäcks gute Dienste geleistet hatte, wollte sich der Unglückliche in Begleitung eines zur Karawane gehörigen Arabers nach dem andern Ufer hinüberziehen lassen, das die Gefährten bereits vor ihm erreicht hatten. Als das kleine Fahrzeug mitten in der reißenden Strömung in arges Schwanken geriet, sprang Dr. Mook ins Wasser, um schwimmend das ganz nahe Land zu gewinnen. Er verschwand, hinabgerissen, wie man annahm, von der Strömung und trieb zu den nahen Weidengebüschen, die die Ufer des Jordans umstanden und in denen man ihn geborgen wähnte. Als man nach langem erfolglosem Durchsuchen der Gebüsche wieder zu der Überfahrtsstelle zurückgekehrt war, und das Floß ans Land gezogen werden sollte, wurden die Reisenden mit Schrecken gewahr, daß der unglückliche Gefährte mit dem hohen Absatz seiner Wasserstiefel an dem Zugseil hängen geblieben und durch die Strömung hilflos unter das Floß geraten war. Alle Wiederbelebungsversuche geschahen vergeblich und zu spät.

Im darauffolgenden Januar suchte mich Dr. Riebeck in Kairo auf. Unsere erste Begegnung vollzog sich noch ganz unter dem Banne jenes traurigen Ereignisses; denn auch mir war Dr. Mook befreundet gewesen. Regen Anteil hatte ich namentlich an seinen Grabungen und Höhlenfunden bei Heluan nahe Kairo genommen, wenn schon die Einbildungskraft des begabten Mannes und die Schnelligkeit seiner Auffassung für gewöhnlich des Gleichgewichts der kühlen Folgerichtigkeit entbehrte. Dr. Riebeck, dessen überaus gewinnendes Wesen mich bald auf einen vertraulichen Fuß mit ihm brachte, sah damals noch kleinlaut und ziemlich trübselig in die Welt. Von Hause war der Wunsch geäußert worden, er möchte es fürs erste genug sein lassen an den gehabten Erlebnissen und heimkehren.

Auf mein Zureden faßte Riebeck indes bald wieder Mut. Gewisse aus der Ferne ihm besonders verlockend gezeigte, noch vom Zauber des Unbekannten umkleidete Forschungsziele regten Tatkraft und Begeisterung in ihm von neuem an, und als es ihm gelungen war, in der Person eines ausgezeichneten jungen Arztes, des zu Kairo seßhaften Dr. Mantey, einen Ersatz für den verstorbenen Mook zu gewinnen, konnte die Weltreise mit frohen Hoffnungen fortgesetzt werden. Zuvor hatte ich noch die Reisenden, um sie mit den Eigentümlichkeiten der Wüstennatur vertraut zu machen, zu einem Ausflug nach den Gebirgen am Roten Meer veranlaßt. Am elften Tage hatten wir das Niltal wieder erreicht; es war der 4. Februar 1881, am Vorabend der ägyptischen Revolution unter Arabi-Pascha.

Als besonders verlockendes Reiseziel hatte ich zunächst eine Insel hingestellt, die sich für die Fortsetzung der großen Reise sehr wohl als nächste Etappe empfahl, durfte sie doch geradezu für ein losgelöstes Stück von jener großen Welt des Unbekannten gelten, an dessen Grenzen, wie von einem hohen Inselufer aus, der Geist so gern hinausschweift in ferne Regionen, wo der Glaube an das Ungewöhnliche und Wunderbare jedem Erzeugnis idealer Schöpfung bestimmte Umrisse verleiht, und wo das Gebiet der Phantasie unaufhaltsam mit dem der Wirklichkeit verschmilzt. Dort, wo der plumpe Weltteil Afrika seinen Arm ausstreckt nach Osten, gleich einem Wegweiser, der auf Indien deutet, da liegt Sokotra, die Dioskoridesinsel der Griechen, die Diuskadra der Inder und als »Heimat der Glückseligkeit« umwoben von allem Zauber der ältesten Mythen, ein Seitenstück zu den am entgegengesetzten Ende des Kontinents, auf den kanarischen Inseln gesuchten Gärten der Hesperiden. Die nächste Frage war die – wie hinkommen? Zwar führen viele Dampferlinien in Sicht von Sokotra vorbei, aber keine legt daselbst an. Die Insel, obgleich sie an Flächenraum der Rheinpfalz oder dem Großherzogtum Oldenburg gleichkommt, ist hinsichtlich ihres Handels und Verkehrs zu unbedeutend, um Dampfschiffe anzulocken, sie wird überdies wegen ihrer Lage in einem verrufenen Sturmwinkel der Nordost-Südwest-Monsune und infolge gänzlicher Hafenlosigkeit von den Seefahrern nach Möglichkeit gemieden. So verblieb dicht an der großen Heerstraße des modernen Weltverkehrs Sokotra wie ein geographisches Geheimnis. Seit ihrer Entdeckung durch die Portugiesen im Jahre 1507 war die Insel nur wenige Mal in jedem Jahrhundert besucht und noch seltener in schriftlichen Berichten erwähnt worden. Mit dem Zeitpunkte, wo die Dampfschiffahrt dem Welthandel neue Bahnen zu erschließen begann, kam auch Sokotra wieder in Betracht. Im Jahre 1834 hatte die englische Ostindische Kompagnie die ersten vorbereitenden Schritte zur Sicherstellung eines regelmäßigen Dampferverkehrs durch das Rote Meer nach Bombay getan, und behufs Anlage einer dauernden Kohlenstation blieb eine Zeitlang die Wahl zwischen Sokotra und Aden in der Schwebe. Diesem Umstande verdanken wir die erste ausführliche Beschreibung der Insel durch I. R. Wellsted und Haynes, von denen auch die einzige Karte herrührt, die vorhanden ist.

Es war also abermals ein halbes Jahrhundert verstrichen, und man hatte in diesem ganzen Zeitraum nur einmal wieder von Sokotra gehört, nämlich in dem Werke des gelehrten französischen Seefahrers Guillain, von dem die Insel im Januar des Jahres 1847 flüchtig besucht worden war. Endlich, es war im Jahre vor unserer Fahrt, hatte ein wirklicher Naturforscher, der Botaniker Bayley Balfour, Sokotra zum Gegenstande seiner Forschungen gemacht. Zweifelsohne hatte aber der englische Professor nicht alle Neuheiten während der sechs Wochen seines Besuches auf der Insel zu erschöpfen vermocht, es mußte noch genug für seine Nachfolger übrig bleiben, und so war es in der Tat.

Meinen Reisegefährten vorauseilend, war ich am 2. März in Aden angekommen, um die für den Besuch von Sokotra notwendigen Vorbereitungen zu treffen. Die Ausführung unseres Vorhabens war zunächst von zwei Dingen abhängig, erstlich von der Zustimmung der englischen Regierung, die Sokotra unter ihre Oberhoheit gestellt hatte und bereits damals im Dunstkreise von Afrika ein fremdes Etwas, nämlich ein deutsches Streben nach Kolonialerwerb zu wittern begann; ferner galt es einen der Aden passierenden Dampfer zum Anlegen bei der Insel zu bestimmen.

Mein erster Besuch galt also General Loch, dem politischen Residenten; das war damals der Gouverneur von Aden (das administrativ zu Ostindien gehört), dessen Vollmachten sich auch auf die südarabischen und die Somalstämme erstreckten. Der General empfing mich sehr freundlich, wollte aber durchaus von der Reise nach Sokotra abraten. Er habe schon auf eine telegraphische Anfrage vom Auswärtigen Amt die Antwort gegeben, daß es zu spät im Jahr sei, um die Fahrt anzutreten, Sokotra müsse im Winter, bei Beginn des Nordost-Monsun besucht werden, nicht jetzt, wo derselbe bald zu Ende ginge und die stürmische Periode des Südwest vor der Tür stände. Für unsere naturwissenschaftlichen Zwecke waren Gründe dieser Art nichts weniger als stichhaltig, ich durfte daher vermuten, daß die geplante Reise hier nicht erwünscht komme. Hatte mir doch mein freundschaftlicher Vermittler im Auswärtigen Amte zu London bereits die wahre Sachlage mit den Worten gemeldet: Die Herren scheinen von Ihrem Vorhaben, nach Sokotra zu gehen, nicht sehr erbaut. Nun war ich zu meiner Einführung beim General Loch mit zweierlei Empfehlungsbriefen versehen, mit einem guten und einem schlechten. Der gute war privater Natur und stammte vom britischen Vertreter in Kairo, dem vortrefflichen Sir Edward Malet. Der schlechte Brief dagegen war der offizielle, und auch dieser war ähnlich dem vorigen Mallet gezeichnet, rührte aber von einem Sir Louis her, dem damaligen Sekretär vom Indischen Amte. In diesem Uriasbriefe, den ich natürlich zur Bereicherung meiner Kuriositätensammlung in der Tasche behielt, war gesagt, daß es keineswegs beabsichtigt sei, durch besagtes Schreiben auf den politischen Residenten einen solchen Zwang auszuüben, daß er infolgedessen genötigt wäre, meine Reise durch irgendwelche tatsächliche Erleichterung zu unterstützen.

General Loch verwies mich übrigens hinsichtlich aller weiteren Auskünfte, so namentlich wegen der für Sokotra notwendigen offiziellen Empfehlungen an den Kapitän Hunter, der als Assistent des politischen Residenten das eigentliche Ruder der Adener Lokalregierung in Händen hatte. Diesem hervorragenden Manne, einem der gründlichsten Kenner von Südarabien und dem Somaligebiet, war ich durch ein Schreiben des berühmten (damals noch Obersten) Gordon wärmstens anempfohlen worden. Als er sah, daß wir uns von dem geplanten Besuche der Insel nicht abbringen ließen und selbst vor einer Segelfahrt dahin nicht zurückschreckten, ließ er sich ebenso wie General Loch durch die offenbar schlechte Art und Weise unserer Londoner Empfehlung nicht davon abhalten, uns, wo er konnte, in liebenswürdiger Weise entgegenzukommen. Er gab uns ein offizielles arabisches Empfehlungsschreiben an den Sultan von Sokotra, er verschaffte uns einen der englischen Sprache mächtigen Dolmetscher, der auf dieser Insel zu Hause war, damit er uns im Verkehr mit den eine eigene Sprache (Dialekt des südarabischen Mehri) redenden Einwohner zu Diensten sei, ferner ordnete Kapitän Hunter an, daß wir auf dem Adener Schatzamte die nötigen Sorten Silbergeld und Scheidemünze gewechselt erhielten, nur hinsichtlich der Dampferfrage vermochte er nicht zu helfen. Es stellte sich nämlich heraus, daß selbst Kohlenschiffe für unseren kleinen Abstecher nicht zu haben waren, gar nicht zu reden von den regelmäßigen Post- und Personendampfern, man hätte ein Schiff eigens zu diesem Zweck chartern müssen.

Von Aden nach Sokotra kann man in gerader Linie 520 Seemeilen oder 965 Kilometer rechnen. Ein gewöhnlicher Warendampfer hätte also die Strecke immerhin in zweieinhalb Tagen zurücklegen können. Eine arabische Segelbarke hätte die Überfahrt nach der Insel selbst bei den günstigsten Umständen nicht unter sieben Tagen bewerkstelligt, bei dem starken Nordost-Monsun des März aber mußte man sich auf ein langwieriges Kreuzen an der südarabischen Küste gefaßt machen. Es blieb uns aber nichts anderes übrig, als in Aden eine arabische Segelbarke zu mieten. An Auswahl fehlte es nicht in dem kleinen inneren Hafen bei Maalla, wo die einheimischen Fahrzeuge ausladen, halbwegs zwischen Steamerpoint, dem eigentlichen Landungsplatze, und der im »Krater« gelegenen Aden Stadt. Daselbst wurden mehrere segelfertige Fahrzeuge besichtigt. Eine Barke größerer Art, von der Klasse der baghla genannten, hatte zweihundert Tonnen Gehalt und war, unter persischer Flagge segelnd, nach Bassorah bestimmt. Bald war man um den Preis von zweihundertfünfzig Maria-Theresien-Taler einig. Als aber der Name des Nachoda oder Kapitäns mit auf den Kontrakt gesetzt werden sollte, wurde dieser wegen offenbarer Wegunkundigkeit kopfscheu und widerrief den Kontrakt. Ähnlich erging es uns mit einer kleinen Barke, deren Laderaum nur fünfzig Tonnen faßte und die doch eine Besatzung von zwölf Mann hatte. Endlich fand sich ein geeignetes Boot von fünfundsiebzig Tonnen, das sehr seetüchtig schien und dessen Bemannung sowie der aus langjähriger Erfahrung mit dem betreffenden Kurse wohlbekannte Kapitän einen Zutrauen erweckenden Eindruck machten. Als wir die »Salamati«, so hieß die unter englischer Flagge segelnde Barke, besichtigten, meinte Dr. Riebeck, unter Hinweis auf eine andere von mehr schlanker Gestalt und mit schärfer geformtem Bug, die in der Nachbarschaft vor Anker lag, daß er lieber diese letztere ausgewählt haben würde, denn sie mache einen »schneidigeren« Eindruck. Das war meine erste Bekanntschaft mit dem Wort in seiner modernen Bedeutung, denn zwischen mir und Freund Riebeck lag mehr als eine Studentengeneration. Seit jenem Tage habe ich vielfach von schneidigen Offizieren, aber nie von schartigen Diplomaten sprechen hören.

Am 16. März konnten wir uns mit dem vielen Gepäck und mehreren farbigen Begleitern, unter denen sich auch ein großer schwarzer Neufundländer mit Namen Rappo befand, an Bord der »Salamati« begeben, wo wir vier Europäer im gedeckten, aber nach vorn offenen Hinterraum es uns so bequem wie möglich zu machen suchten. Da saßen wir nun, achtundzwanzig Menschen zusammengepfercht in dem engen Gefängnis, das uns fast einen Monat lang mit der Lebensweise der frühesten Seefahrer vertraut machen sollte. Der größte Teil der Mannschaft und unsere Leute hockten auf dem erhöhten Hinterdeck, der übrige Raum war durch ein großes Boot, durch die Wasserbehälter, Kochherd und dergleichen in Anspruch genommen. Das Trinkwasser befand sich in einem großen pechausgeschmierten Kasten. Es wimmelte von Mückenlarven, die in sehr gleichmäßiger Entwicklung begriffen waren. Jedesmal, beim Öffnen der Klappe, entwich ein neuer Schwarm, und in windstillen Nächten musizierte ein stets frischer Nachwuchs in unserem »Salon«.

Die arabische Barke ist unter den Seefahrzeugen dasjenige, was das Kamel unter den Last- und Reittieren ist, das zuverlässigste, aber auch das unliebenswürdigste Gebilde. Wie das Kamel mit seinem störrigen und ungebärdigen Sträuben, vornehmlich aber durch das wüste Gebrüll, sein unablässiges Kollern und Gurgeln den Reisenden abstößt, so auch die arabische Barke durch ein Übermaß mißliebiger Töne. Wie das ächzt und stöhnt in allen Fugen, wie das Tauwerk, weil dürr und ungeteert, kreischt und quiekt, wie die Rollen knarren und die Züge hühnerartig gackern, und wie das alles übertönt wird von dem Pochen der Wogen an den Schiffswänden, den Rippenstößen, die das Meer erteilt! Da ist mehr Harmonie im Sausen des Segels, in der brausenden Schaumflut am Bug. Aber zu alledem kommt noch der Mensch, die Schiffsmannschaft, die an nichts Hand anzulegen vermag, ohne sich dazu erst durch wilden Gesang oder durch verzweifeltes Schreien zu ermuntern. Den Höhepunkt des Getümmels und der Verwirrung, einer weiteren Steigerung nicht mehr fähig, bildet alsdann der Moment der Segelwende.

Die Fahrt ging äußerst langsam vonstatten. Am 26. März waren wir erst 350 Kilometer von Aden bei Bolhaf angelangt, einem wegen günstiger Ankerverhältnisse bevorzugten Landungsplatze, und erst in der Frühe des 9. April sahen wir endlich ganz nahe vor uns die Nordwestecke von Sokotra, das Ras Bedu und davor zu unserer Rechten das kleine, 50 Meter hohe Klippeneiland Ssel-el-heissi über und über weißgetüncht mit dem Guano der hier brütenden Vögel. Bald darauf tauchten auch, als der Himmel sich mehr und mehr zu klären begann, die Gebirgshöhen des Inneren aus den Wolken, und in größter Erwartung richteten wir die Gläser auf das Ziel unserer Wünsche. Von dem zentralen Gebirgsstock der Insel, der über 1500 Meter erreicht, war zwar bei einem Abstande von 60 Kilometern noch nichts zu sehen, als wir uns aber gegen Abend vor Galonsir, einer kleinen, wegen ihres guten Trinkwassers und einigermaßen geschützten Ankerplätze häufig besuchten Ortschaft befanden, konnten wir gen Südost in ein breites Tal mit hohen Dolomitwänden hineinblicken, in dessen Mitte ein Bach mit beständigem Wasser und sehr breitem Kiesrinnsal dahinfloß. An seiner Mündungsstelle beim genannten Dorfe ist er von einem dichten Haine niedriger Dattelpalmen beschattet.

Galonsir liegt ganz im Palmenbusch versteckt. Seine winzigen Häuser aus Lehm und Gerölle werden von etwa zweihundert arabischen Fischern und Händlern bewohnt, welche letztere sich von den Bergbewohnern Aloe, Drachenblut und andere Produkte der Insel zutragen lassen. Die Brandung ist unbedeutend, die Flut beträgt hier acht Fuß englisch. Bei unserem Landgang empfingen uns die Bewohner sehr freundschaftlich. Alle Europäer werden auf Sokotra Frengi genannt (Franken); die Bezeichnung Inglihß oder, wie die Adener Araber zu sagen pflegen, héngliss (Engländer), schien hier durchaus nicht im Gebrauch, da man auch unseren Vorgänger, den Professor Balfour aus Glasgow, einen Frengi nannte. Auf den palmenbeschatteten Hinterwassern des Baches tummelten sich die verschiedensten Wasservögel, namentlich Wildenten, Löffelreiher und Flamingos.

Eine Exkursion talaufwärts gewährte mir den ersten Einblick in die eigentliche Pflanzenwelt der Insel, von welcher die Hälfte der Arten bisher nur hier beobachtet wurde. Bei näherer Besichtigung löst sich zunächst die vom Meere aus als einförmig grünliche oder, besser gesagt, moosgrüne Fläche erscheinende Pflanzendecke in folgende Bestandteile auf. Die ersten fünfhundert Schritt zunächst dem Gestade sind ausschließlich mit einer der Insel eigentümlichen Art Flohkraut bewachsen, dann folgt eine Zone von gertenartig aufschießendem Strauchwerk, einer Krotonart, schließlich, bis an den Fuß der ersten Vorhügel reichend, ein ununterbrochenes Dickicht von 10 bis 15 Fuß hohen Sträuchern, meist Rubiaceen eigentümlicher Art. Es hatte vor kurzem stark geregnet, aber man sah es doch der Vegetation an, daß sie ihren diesjährigen Höhepunkt hinter sich hatte. Die gelben verdorrten Gräser verrieten es. Ganz enge, einspurige Pfade schlängeln sich durch dieses sonderbare astlose Buschwerk, wo man trotz aller Dichtigkeit stets den Sonnenstrahlen preisgegeben war. Die unterste Hügelregion dagegen war bereits durch höheren Baumwuchs ausgezeichnet, dort standen die größeren Stämme nur vereinzelt und dicht eingekeilt in niedriges Strauchwerk. Hier überraschten uns zum erstenmal jene merkwürdigen dickleibigen Stammgebilde mit wenig Ast- und Laubwerk, die der Flora von Sokotra ein so eigentümliches Gepräge geben, und die man ihres vorsintflutlichen Aussehens halber die Pachydermen des Pflanzenreichs nennen könnte. Das merkwürdigste Beispiel dieser Sokotraner Charaktergewächse ist der »Gamhen« genannte Baum, von dem hinten eine Abbildung gebracht wird. Er gehört zu den Kürbisgewächsen und entwickelt Laub, Blüten und Früchte, deren Gestaltung unter den in dieser Pflanzenklasse auftretenden Formen nichts Befremdendes hat. Um so merkwürdiger ist der Stamm. Bis zu einer Höhe von vier Metern bildet er eine plumpe Säule von ein bis zwei Metern im Durchmesser. Die Rinde ist glatt und kreideweiß, sodaß die aus dem dunklen Moosgrün der Gebüsche hervorleuchtenden Gamhenstämme von weitem wie ebensoviele Marmorsäulen erscheinen und dem Ankömmling einen höchst rätselhaften Anblick gewähren. Der Holzkörper des Stammes strotzt von Saft und ist dabei von so mürber Beschaffenheit, daß sich mit dem Taschenmesser Stufen ausschneiden ließen, um zu den blütentragenden Zweigen zu gelangen. Diese Gamhenstämme erreichen ungeachtet ihrer weichen, rübenartigen Textur doch ein sehr beträchtliches Alter, denn Wellsted gibt an, daß ihm bei Kadhub ein Exemplar gezeigt worden wäre, in dessen Rinde arabische Inschriften eingeschnitten waren, die, nach ihrer Datierung zu urteilen, aus dem Jahre 1640 stammten und demnach über zwei Jahrhunderte alt sein mußten. Etwa fünf Kilometer landeinwärts von Galonsir, am Fuße der die Nordseite des vorhin erwähnten Tales begrenzenden Steilwände, hatten die Insulaner, als sie noch Christen waren, also etwa bis zum Beginn des vorvorigen Jahrhunderts, ihre Begräbnisplätze. Die Örtlichkeit heißt Maharef. Wo die Dolomitfelsen auf dem Granit lagern, sind hier überall natürliche Höhlen und Löcher entstanden, deren Zugänge von außen vermauert wurden behufs Herstellung wohlverwahrter Grabkammern. Ich fand in einer jeden derselben drei bis fünf Schädel von vorzüglicher Erhaltung, und Dr. Riebeck hat eine ganze Anzahl nach Deutschland gebracht. Da es sich um nichtmohammedanische Gräber handelt, ward uns bei unseren Nachforschungen seitens der Eingeborenen nicht das geringste Hindernis in den Weg gelegt. In diesen Felsengräbern fanden sich außer zahlreichen Zeugfetzen und kleinen zylindrischen Holznäpfen, wahrscheinlich Trinkgefäßen, die den Toten beigegeben waren, keinerlei Kunstprodukte. Die Zeugreste bestanden aus bunt und in mannigfaltigen Mustern bedruckten Baumwollstoffen, offenbar indischer Manufaktur.

Sokotra hat an seinem Nordrande eine Küstenlänge von über 140 Kilometern, und bis Tamarid, unserem Ziel, hatten wir noch über 50 Kilometer längs der Küste nach Osten zu segeln.

Es dauerte zwei Tage, bis wir am Mittag endlich im Angesicht von Tamarid, unserem ersehnten Hafenplatz, die Anker fallen ließen, am siebenundzwanzigsten Tage nach unserer Einschiffung in Aden!

Tamarid, der Hauptort von Sokotra, auch Hadibu genannt, besteht nur aus unansehnlichen, einstöckigen Steinhäusern, die in weiten Abständen im Palmenhain versteckt liegen und von verwilderten Küchengärten umgeben sind. Dorngestrüpp und hohes Gras verdeckt zum Überfluß die öden und verwahrlosten Gehöfte. Das Haus des Sultans war in verfallenem Zustande, ebenso der eine Moschee vorstellende Kuppelbau. Beide entbehrten nicht einer gewissen barbarischen Originalität, man sah es ihnen an, daß die Erbauer Architekten ihrer eigenen Schule gewesen waren, und ich bedaure, daß es mir an Zeit gefehlt hat, von diesen drolligen Baulichkeiten Skizzen zu entwerfen. Der Sultansbau, obgleich von bescheidenen Dimensionen, könnte mit Zuhilfenahme von einiger Phantasie als eine Mittelding zwischen einer Burg und einem mittelalterlichen Staatsgefängnis aufgefaßt werden, vielleicht auch als ein Kalkofen.

Wir ließen unser Gepäck auf der Ostseite des Ortes ans Land bringen und schlugen, ohne jemand zu fragen, da der Sultan abwesend war, zwei Zelte im Palmenhain auf, zweihundert Schritt vom Seestrande. Ein kleiner, beständig fließender Bach, der in dem nahen Gebirge seinen Ursprung hat, mündete nahe der Stelle, wo wir unseren Lagerplatz hatten, und bot mancherlei wirtschaftliche Vorteile, obgleich die niedere Lage des von Nässe durchtränkten Bodens und die trübseligen Erfahrungen der im Jahre 1835 bei Tamarid gelagerten Truppen der Ostindischen Kompanie uns in gesundheitlicher Beziehung kein sehr ermutigendes Prognostikon stellten. Wir waren weitab von den Hütten und blieben unbehelligt von der Neugierde der Bewohner. Auffallenderweise hatten wir hier weder von Mücken, noch von Fliegen zu leiden, eine Plage eigener Art aber waren riesige Krabben (Cardiosema), welche maulwurfartig überall das Erdreich durchwühlten und vor denen wir, ängstlicher als vor den gefräßigsten Ratten, mit unseren Eßvorräten auf der Hut sein mußten. Abends saßen wir im Freien mit Lichtern an einem großen Tische. Die Luft war schwül und feucht, ein jeder von uns nahm daher prophylaktisch eine kleine Dose Chinin; es ward denn auch unser mehrtägiger Aufenthalt in Tamarid weder durch Fieberanfälle nach sonstiges Unwohlsein getrübt.

Am vierten Tage nach unserer Ankunft machten wir dem inzwischen aus dem Innern zurückgekehrten Sultan unsere Aufwartung. Gegen uns war er ungemein vornehm und zurückhaltend, von einem Gegenbesuch des hohen Herrn in unserem Lager war keine Rede, und es blieb dahingestellt, ob sein Verhalten mehr von Rücksicht staatsmännischer und mißtrauender Vorsicht als von wirklichem Hochmute beeinflußt war; wahrscheinlich waren es die ersteren, die vor allem sein Benehmen gegen uns erklären ließen. Die Sokotraner und Südaraber hatten damals noch von Deutschland und den Deutschen nicht den leisesten Begriff. In dem Empfehlungsschreiben des Generals Loch war unserer Nationalität mit keiner Silbe gedacht, denn wir mußten befürchten, wenig respektvoll behandelt zu werden, sobald man uns für etwas anderes hielt als für Angehörige der herrschenden Rasse. Man hatte trotzdem bald heraus, daß wir keine Engländer sein konnten, auch keine Franzosen, und so hielt man uns schlechtweg für Portugiesen, vielleicht schon wegen unseres Aplombs, wegen des flotten, sprach- und tatbewußten Verfahrens mit den Eingeborenen und vielleicht gar wegen unserer Lustigkeit: les Portugais sont toujours gais, heißt es in der Operette.

Wir hatten natürlich das größte Interesse daran, so schnell wie möglich von dem tückisch schwülen Tamarid loszukommen und die verlockende Frische der Berge zu erreichen. Deshalb hatte ich bereits am Tage unseres ersten Besuches den Sultan um Beschaffung von Kamelen bitten lassen und seine Willfährigkeit durch reiche Geschenke, mit denen Dr. Riebeck nicht geizte, zu erhöhen gesucht. Außer einem bedeutenden Geldgeschenk wurde ihm neben anderen Dingen auch ein prachtvoller Koran, die in Frankreich auf heliographischem Wege in Farbendruck hergestellte Kopie eines Meisterwerks des berühmten Kalligraphen Haffiz-Osman, verehrt. Auf der letzten Seite waren eine Menge Siegel von Ulemas und anderen Theologen des Islam angebracht, die bezeugten, daß das Buch keinen Typendruck (dieser ist für den Koran durchaus verboten) enthalte, sondern Arbeit der Sonne sei, also Gotteswerk. Der Sultan nahm denn auch den Koran mit Dank in Empfang und erklärte, daß kein Geschenk ihm erwünschter käme als gerade dieses. Mit den Kamelen aber hatte es trotzdem seine Weile, und ein Tag verging nach dem andern in nutzlosem Mahnen und Erinnern.

Es lag auf der Hand, daß etwas Großes geschehen müsse, um uns aus unserer unangenehmen Lage und dem ungemütlichen Lager von Tamarid zu befreien, so etwas wie das Eingreifen einer unsichtbaren, höheren Macht, dem letzten Rettungsanker vergleichbar, den sich der Orientale, nie an der Situation verzweifelnd, so gern aus unvorhergesehenen Schicksalsfügungen schmiedet. Und in der Tat, es geschah etwas Großes, noch nicht Dagewesenes!

Dr. Riebeck besaß einen Vorrat von prächtigem Feuerwerk, namentlich gewaltige Raketen voller Leuchtkugeln und Knallern, so recht dazu angetan, die Bewohner von Sokotra in Erstaunen zu setzen und uns fürchterlich zu machen. Wir begaben uns daher nachts um zehn Uhr an den Strand und begannen daselbst ein großartiges Knallen und Rauschen in den Lüften. Meilenweit wurden die Insulaner aus dem Schlafe geweckt und eilten hinaus aus ihren Hütten und Felsenhöhlen, um zu sehen, was es gäbe. Wie in Vorahnung des am folgenden Tage wirklich eintretenden und unerhörten Glücksfalles, hatten wir durch unsere Leute das Gerücht aussprengen lassen, die Raketen seien dazu bestimmt, Signale über das Meer bis nach Bombay zu geben, um Schiffe herbeizurufen zu unserer Unterstützung und um dem Sultan Vernunft beizubringen.

Am folgenden Morgen machten wir uns ans Packen, als ob die Kamele bereits da wären und die Wahl der Stunde, zu welcher aufgebrochen werden sollte, nur von uns abhinge. Aber die Stunden verstrichen und von Kamelen war immer noch nichts zu erblicken. Da geschah das Unglaubliche, es war nachmittags nach eben eingenommenem Mahle: unsere Diener kamen atemlos vom Seestrande herbeigestürzt mit der Meldung, ein Dampfer sei in Sicht und steuere auf die Insel. Es stellte sich bald heraus, daß ein weißes Schiff, mit der englischen Kriegsflagge am Top, geradewegs auf Tamarid herangedampft kam, also gerade so, wie es durch unser gestriges Feuerwerk beabsichtigt war. Mit einem Schlage war nun die Situation eine andere geworden, und wir erhoben ein Triumphgeschrei.

Dr. Mantey fuhr an Bord und kehrte alsbald mit dem Kommandanten ans Land zurück. Das Schiff war die Privatjacht des Herrn Aylesbury, der »Albion«, und kam von Bombay. Herr Aylesbury hatte für seine Jacht die Berechtigung zur Führung der Flagge der Reservemarine und spielte selbst den Kapitän. Er war, als er in Sicht von Sokotra gekommen, der weißen Zelte ansichtig geworden, die sich so deutlich von dem dunklen Grün der Palmen abhoben. Diese Zelte konnten nur Europäern angehören, und von der Anwesenheit solcher auf Sokotra war ihm nichts bekannt. Daher hatte Herr Aylesbury, von Neugierde getrieben, alsbald beschlossen, sich diese rätselhaften Besucher der Insel in der Nähe anzusehen. Nachdem wir uns aufs freundschaftlichste begrüßt, begaben wir uns alle miteinander zum Sultan, der sich diesmal bei unserem Eintreten von seinem Sitze erhob. Leuten gegenüber, wie wir, die mit Segelbarken reisten, hatte er eine solche Höflichkeitsäußerung für überflüssig gehalten.

In der Frühe des nächsten Tages erschienen nun endlich die Kamele. Wir hatten ausgerechnet, daß fünfzehn nötig sein würden, um unser gesamtes Gepäck fortzuschaffen, es wurde uns aber klarzumachen gesucht, daß dazu ihrer mindestens vierundzwanzig erforderlich seien. Obgleich alles fertig gepackt zur Verfügung stand, vergingen dennoch viele Stunden, bis die Leute sich untereinander wegen der gegenseitigen Zuteilung der einzelnen Stücke geeinigt hatten. Es wäre ja auch nicht zu erwarten gewesen, daß die Kameltreiber von Sokotra so viel geschäftsmäßige Routine besäßen wie die Beduinen des Nordens, die aus dem Kameltransport ein Gewerbe machen, und wir mußten froh sein, daß zum Eindringen in diese unwegsamen Gebirgseinöden überhaupt ein so bequemes Beförderungsmittel hier vorhanden war wie das klassische Schiff der Wüste. Die Leistungen dieser Sokotrakamele waren staunenswert. Ich erinnere mich nicht, je Ähnliches wahrgenommen zu haben, trotz meiner langen Erfahrung in sehr verschiedenen Gebieten der Kamelzucht und trotz meiner zweitausend mit Kamelen gemachten Reisetage. In Sokotra wurden an das Kamel noch weit größere Anforderungen gestellt als in den hohen Gebirgen des glücklichen Arabiens. Äußerlich hat die Sokotrarasse nichts Eigentümliches an sich, die Tiere sind kräftig, aber weder groß noch starkknochig wie im südlichen Nubien die Hadendoakamele, noch so zierlich und leicht von Gestalt wie die der Bischarin am Gebel Elba.

Als es nun im dichten Buschwerk an den Berggehängen steil in die Höhe ging zwischen großen Granitblöcken und auf Pfaden, wo der Fußgänger die größte Mühe hatte, fortzukommen, da wurde ich es erst gewahr, was geborene Bergkamele von Natur zu leisten imstande sind und wie ihr anscheinend nur auf einseitige Funktionen berechneter Körper doch zu der mannigfaltigsten Kraftanstrengung befähigt ist. Wie in Sokotra die Kletterkamele, so staunte ich vor Jahren am Roten Meere die Tiere an, als ich sie beim Entladen einer Barke im Abstande von einigen hundert Schritte vom Ufer sich einfach ins Wasser werfen sah und zum erstenmal Gelegenheit hatte, die überraschende Schwimmgewandtheit des Kameles zu bewundern. Beim Sokotrakamel setzte mich am meisten das Vermögen in Erstaunen, selbst im beladenen Zustande Steinstufen von bis Meterhöhe zu ersteigen, einfach durch Auftreten mit der knieartigen Beuge des Mittelfußgelenkes am Vorderbein, so daß sich das Tier wie kniend auf die Stufe stützte, um hinaufzukommen. Das Kamel kann nämlich (es ist hier immer nur von dem einhöckerigen die Rede) ohne besondere Anstrengung die Vorderbeine nicht viel höher heben als höchstens vierzig Zentimeter.

Die Kamelsattel der Sokotraner sind den Bedürfnissen des Landes angemessen und sehr eigentümlich. Einer schweren dicken Steppdecke gleich liegt der Sattel auf dem ganzen Rücken auf und riesige Doppelsäcke von Palmengeflecht hängen daran, die beim beständigen Durchdringen durch sparriges und vielverästeltes Buschwerk den einzelnen Gepäckstücken, die sie aufzunehmen haben, vortreffliche Schonung angedeihen lassen. In anderen Fällen werden die Lasten in große Matten eingerollt und ihnen durch Zusammenschnüren eine spindelförmige Gestalt gegeben, damit sie, wie Weberschiffchen, leicht durch Dickichte hindurchzugleiten vermögen. Jedesmal, so oft ich in den Gebirgen der östlichen Wüste Ägyptens Kamele antraf, die für lange Zeit sich selbst überlassen waren, und wenn ich sie dann an sehr unzugänglichen Stellen antraf, mußte ich bekennen, daß dieses Geschöpf von Hause aus nicht bloß ein Bewohner der Ebene gewesen sein müsse, sondern daß es ebensogut wie seine südamerikanischen Verwandten in der Jetztzeit von der Natur in hervorragendem Grade mit den Fähigkeiten eines Bergtieres ausgestattet wurde. Meine Beobachtungen in Sokotra bestärkten mich in dieser Annahme einer Doppelnatur des Kamels. Die Organisation des Kamelfußes paßt sich in gleich vollkommenem Maße den Erfordernissen des Sandes wie denen des abschüssigen Felsbodens an. Nicht vollkommen klar sind mir die Gründe, weshalb das Kamel im eigentlichen Abessinien keinen Eingang gefunden hat. Will man die Entwicklung dieser Tierart nach der Anpassungstheorie erklären, so wird man am besten tun, sich vorzustellen, daß die Urheimat des Kamels ein Landstrich von dem heutigen Klimacharakter und der jetzigen Bodenbeschaffenheit des zentralen Arabiens oder Nubiens war. Die Berge waren wegen der Wasserstellen und der beständigeren Vegetation zum Unterhalt der Tiere unentbehrlich: um aber von einem Berge zum andern gelangen zu können, mußte das Kamel auch befähigt sein, weite Wüstenstrecken zu durchmessen und tagelang zu dursten und zu fasten. Nur der Kamelsrücken, diese große Klippe der modernen Teleologie, spottet jedem Deutungsversuch und könnte wohl als warnendes Beispiel dienen bei den jetzt so sehr beliebten Tändeleien mit der Zweckmäßigkeitstheorie. Der schöpferischen Triebkraft der Natur anmuten zu wollen, daß sie bereits in vorsorglicher Würdigung der Bedürfnisse des kommenden Menschengeschlechts und seines Wüstengepäcks dem Kamel die geeignete Form des Rückens verlieh, wäre ebenso abgeschmackt als anzunehmen, daß die Pyramidenerbauer es sich zur Aufgabe gemacht hätten, mit ihren Riesenwerken den Gelehrten des neunzehnten Jahrhunderts Rätsel aufzugeben.

Um in nicht allzugroßer Entfernung von Tamarid, aber schon inmitten der voll entwickelten Gebirgsnatur Sokotras ein Hauptquartier zu haben, von welchem aus wir Streifzüge nach verschiedenen Richtungen unternehmen konnten, hatten wir uns mit allem Gepäck nach einem Keregnigi genannten Platze begeben, der in zweieinhalb Stunden zu erreichen war und 270 Meter über dem Meere im Wadi-Dilal gelegen war. Diese Talschlucht senkt sich vom Haghiergebirge herab und hat ihren Ursprung an der östlich von dem höchsten Gipfel gelegenen Paßhöhe. Der beständig fließende Bach, der das sehr enge Tal durchzieht, ist derselbe, der auf der Ostseite von Tamarid ins Meer mündet. Keregnigi war eine sehr geeignete Lagerstelle, denn nirgends in der Talschlucht fand sich sonst Raum, um Zelte aufschlagen zu können.

Von den in der Folge veranstalteten Ausflügen, hatte einer meiner hübschesten, den 1257 Meter hohen Schehélikegel zum Ziel. Er gibt sich im Osten von der Paßhöhe bei Adehén als ein von den übrigen Massen des Gebirges losgelöster, ziemlich kahler Stock zu erkennen. Am Westabhange des Schehéli befindet sich eine Tahágje genannte Lokalität. Mauerreste von drei aus Granitblöcken errichteten Häusern bezeichnen die Stelle, an der im Jahre 1835 die Truppen der ostindischen Kompanie, nachdem sie unten bei Tamarid durch Fieber arge Verluste erlitten, ein als Sanatorium hergerichtetes Lager bezogen hatten. Auf diesem Ausfluge stieß ich häufig mit den echten Berg- und Höhlenbewohnern zusammen, von deren Tracht und Sitten ich noch manches erwähnen werde.

Vom schöneren Geschlecht, das bei dem Achtung gebietenden Äußeren der überaus edelgestalteten, mit prachtvoller Muskulatur ausgestatteten und im hellsten Kupferrot strahlenden Männer unsere Erwartungen aufs höchste gesteigert hatte, war, wie das nicht zu verwundern, immer nur das reifere Alter zu erblicken. In den höheren Stadien dieser Reife entwickeln beim weiblichen Geschlecht dunkelfarbige Rassen bekanntlich weit mehr als die hellen durch verschärfte Schatten das Gegenteil von jenem Ausdruck engelgleicher Milde, die uns bei der Jugend so sympathisch berührt. Von den berühmten Hexen Sokotras, über welche die alten Reisenden Wunderdinge zu berichten wissen, war uns bereits auf der Überfahrt von den arabischen Seeleuten viel vorerzählt worden. Sie sollten den Reisenden anzulocken wissen, um ihm alsdann in einsamer Wildnis die Eingeweide auszureißen. Unsere von Haus aus jedem unsinnigen Aberglauben besonders zugetanen nubischen Diener waren durch solche Erzählungen in hohem Grade beunruhigt worden. Den Leser wird es nicht wundernehmen, wenn unter solchen Umständen unsere Phantasie, unterstützt von den überall zur Stelle befindlichen Ausstattungsrequisiten der Hölle: schwarze und rote Gewandung, schauriges Höhlendunkel, zerklüftete Felseinöde und dergleichen, jedesmal in Erregung geriet, wenn irgendwo eine weibliche Gestalt sich blicken ließ. Ein solches Teufelsliebchen – ich werde nie den Anblick vergessen – überraschte uns am Scheheli mit einem überaus wirkungsvollen Tableau. Bei einer prachtvollen Höhle entwuchs plötzlich vor unseren Blicken der Tiefe eine alte, aber noch stämmige Frau, angetan mit einem feuerroten, flatternden Gewand, mit aufgelösten schwarzen Haaren und mit Schmuck aller Art auf das phantastischste behangen. Sie erstieg einen Felsblock und stand hochaufgerichtet eine Weile regungslos über dem Eingange der Höhle. Dann begrüßte sie uns mit einer Flut unverständlicher Worte. Die Alte, hatte sich, nachdem sie unser Herankommen wahrgenommen, im Handumdrehen eigens für uns in vollen Staat geworfen. Eine großartige Romantik kam in der umgebenden Szenerie zur Geltung. Gewaltige Felswürfel waren da aufeinander getürmt, hoch über der Gestalt und tief zu ihren Füßen. In den Fugen derselben war der Eingang in die Unterwelt.

Der Anzug der Frauen besteht für gewöhnlich aus einem langen, bis zum Nabel weit offenen Hemd von dunkelblauem Baumwollenzeug, darüber ist um die Hüften herum ein breites, halb rot-, halb schwarzgestreiftes Tuch geschlungen, während über die Brüste ein Stück ganz durchsichtiger blauer Gaze gehängt ist, das auch als Kopfschleier benutzt werden kann. Das Haar der Bergbewohnerinnen läuft nach hinten zu gewöhnlich in drei am Ende zusammengeknüpfte kurze Zöpfe aus. Die Weiber im Gebirge verhüllten übrigens nie ihr Gesicht, auch nicht vor uns; sie sprachen beständig mit im Geschäft der Männer, wo es etwas zu verkaufen gab, im übrigen waren sie von sehr scheuem Wesen. Die Schmucksachen scheinen vor denen, die man in Südarabien wahrnimmt, nicht Eigentümliches voraus zu haben; man begegnet hier denselben riesigen, eine Spanne langen Ohrringen mit daran befestigten Gehängen von kleineren Ringen, ferner Arm- und Halsspangen, die auch hier den in Vorderindien gebräuchlichen Mustern entsprechen, sowie Glasperlen und Silbermünzen.

Am 10. Mai sandte uns der Sultan eine Botschaft des Inhalts zu, wir müßten abreisen, da die letzte Barke sich anschicke, die Insel zu verlassen und er selbst wegzugehen im Begriff sei; in keinem Falle wollte er uns allein auf der Insel zurücklassen, die bis zum Wiedereintritt des Nordost-Monsun von allen Verbindungen abgeschnitten bliebe. Wir waren von unseren Sammlungen und den Ausflügen bisher in so hohem Grade in Anspruch genommen gewesen, daß wir den kritischen Zeitpunkt der Monsunwende vergessen hatten, welcher nun bereits gekommen war. Es erschienen denn auch bald die nötigen Kamele, die zur Räumung unseres Lagers von Keregnigi erforderlich waren, und am 14. Mai zogen wir talwärts nach Tamarid. Nach der im Gebirge genossenen schönen reinen Luft erschien uns jetzt der Aufenthalt an der Küste wie eine Marter, unerträglich waren vor allem die schwülen Nächte. Nachdem wir uns vom Sultan Sidi Behei verabschiedet, bestiegen wir in Tamarid eine kleine Barke, welche uns zunächst nach Galonsir bringen sollte, wo ein anderes zur Abfahrt nach Makalla bereites Fahrzeug zu unserer Verfügung stand.

*

Das Ergebnis dieser Expedition ist die nachstehende Untersuchung über die Höhlenbewohner von Sokotra.

Unser Vorgänger in der Erforschung Sokotras, Wellsted, schätzte vor fast einem Jahrhundert die Bevölkerung auf 4000 Seelen; aber obgleich wir nur einen kleinen Teil der Insel aus eigener Anschauung kennen lernten, glauben wir dennoch uns keiner Übertreibung schuldig zu machen, wenn wir die angegebene Ziffer als mindestens dreimal zu niedrig gegriffen betrachten.

Zwar meldet bereits der »Periplus«: »die Einwohner seien gering an Zahl und nur auf der Nordseite der Insel in größerer Menge anzutreffen«: allein der arabische Geograph Jakut weiß von 10 000 bewaffneten Männern zu berichten, welche das christliche Inselvolk zu stellen vermochte.

Die Bevölkerung besteht nicht durchweg aus Urbewohnern mit eigener Sprache, sondern ein Bruchteil, etwa ein Zehntel, sind echte Araber, die in neuerer Zeit von der gegenüberliegenden Küste und von Maskat herüberkamen und sich an der Nordküste in einigen kleinen Dörfern mit gemauerten Häusern niedergelassen haben. Diese Araber vermitteln als Krämer und Aufkäufer der Landesprodukte den Verkehr der Insel mit der Außenwelt, den Handel mit Maskat und Zanzibar.

Im nordöstlichen Teile der Insel sind auch eingewanderte Araber als Hirten ansässig und treiben an wenigen Stellen etwas Ackerbau, d. h. im kleinsten Maßstabe findet man ab und zu das Penicillariakorn, Tabak, Bohnen, Melonen u. dgl. angebaut. Die ausgedehnten Dattelpalmenpflanzungen an der Nordküste, bei Tamarid, Kadhub und Galonsir, sind offenbar ein Werk der Araber.

In den Dörfern an der Küste leben zahlreiche Schwarze, damals zumeist freigelassene oder weggelaufene Sklaven, die sich von Maskat und Zanzibar hierher als in ein sicheres Asyl geflüchtet hatten.

Der große Gegensatz, der sich in allen sozialen Verhältnissen zwischen diesen neuarabischen oder schwarzen Ansiedlern und den eingeborenen Bergbewohnern zu erkennen gibt, namentlich die Seltenheit eines gegenseitigen Verständnisses der Sprache, scheint die Möglichkeit einer tiefeingreifenden Rassenvermischung auszuschließen; aber dennoch mag stellen- und zeitweise eine solche stattgefunden haben.

Die Bergbewohner, diese echten Sokotraner mit eigener Sprache, treten nämlich nicht als einheitliche Masse auf, erscheinen keineswegs wie aus einem Guß, «ondern gerade so, wie es bereits in der Mitte des 17. Jahrhunderts Vincenzo, der Karmeliter, beobachtete, sind zwei Rassen zu unterscheiden: eine dunklere mit krausem Haar und eine hellere, wohlgestaltete, mit schlichtem Haar. Beiden möchte ich einen anscheinend semitischen Typus gegenüberstellen, der nicht wenig zahlreich vertreten ist und aus der Vermengung mit Südarabern hervorgegangen sein mag. Dieser letztere zeigt eine schmale Kopfform, lange Nase, dürre Gliedmaßen, während dicke Lippenbildung und schlichtes Haar auch ihm eigen sind.

Hier und in den benachbarten Ländern Asiens und Afrikas spielt die Hautfarbe nur eine untergeordnete Rolle. Braune und Schwarze treten in derselben Familie so häufig auf wie bei uns Blonde und Brünette. Im allgemeinen hat der Sokotraner, im Gegensatz zum mehr schwarzen Somali, mit dem Südaraber das lichte Kupferrot oder Kaffebraun gemein. Die Frauen sind, wie bei allen Völkern unter ähnlicher geographischer Breite, um mehrere Schattentöne lichter, meist heller als die hellsten Männer.

Derjenige Typus, den ich als den echten der Urbewohner Sokotras hinstellen möchte und welcher der Mehrzahl der Bergbewohner eigen ist, weicht entschieden von den Merkmalen der Völker aller benachbarten Küstenländer, namentlich der Somali, Galla, Abessinier, Südaraber und der Küstenindier im allgemeinen ab. Die eigentlichen Bergbewohner des mittleren Südarabien, die Mahra und Quara, möchte ich von diesem Vergleich vorläufig noch ausgeschlossen wissen; ich sah deren zu wenige, und diese wenigen zeigten keinen auffallenden Unterschied von den Sokotranern.

Man findet unter den echten Bergbewohnern der Insel Leute von vollkommener Schönheit, wenn auch gewöhnlich ihre Körpergröße das mittlere Maß nicht überschreitet. Die Somali und die anderen Hamiten der afrikanischen Küste sind ja auch wohlgestaltet, aber ihre weit dunklere Haut und das krause Haar erinnern zu sehr an den Neger, um ihr gutes Profil richtig würdigen zu können. Bei den Somali ist der Gesichtsausdruck oft weiblich, charakterlos, oder doch vorwiegend wild und nicht unintelligent. Den Sokotraner dagegen zeichnet ein geistvolleres Auge aus; er gleicht mehr unserer Art und man fühlt instinktiv das innere Band näherer Verwandtschaft.

Es gibt einen großen Teil dieser eingeborenen Bevölkerung, der sich durch kurzen, untersetzten Wuchs und gedrungene Gliedmaßen auszeichnet, mit prachtvoll entwickelter Muskulatur, der mehr rot als braun von Farbe erscheint; dieser hat gewöhnlich dicht genäherte, sehr starke Augenbrauen und gerade, stumpfe, oder manchmal fast aufgestülpte Nase; die Stirn ist auffallend niedrig, aber alle haben ziemlich dicke Lippen, breiten Mund und eine breite Schädelbildung.

Ich übergehe die Einzelheiten der Tracht, sowohl die des häufig in diesen Ländern sich wiederholenden Haarputzes, als auch die wenig charakteristische und geringe Kleidung; es ist überhaupt leichter, diejenigen Völker aufzuzählen, mit denen die Sokotraner nichts gemein haben, als solche namhaft zu machen, auf die sie hinsichtlich der Abstammung und Rasse hinzudeuten scheinen. In der Tat stehen wir hier trotz der Anschauung an Ort und Stelle, trotz Schädelsammlung und Vokabular, vor einem ungelösten Rätsel, und die zahlreichen Angaben der älteren Besucher dieser Insel sind nicht dazu angetan, zur Lösung desselben, ja auch nur zur Vereinfachung der Frage beizutragen.

*

Was zunächst die Sprache anlangt, so haben wir es hier mit einem in manchen Stücken von den Sprachen aller benachbarten Küsten völlig abweichenden, in seinen Hauptbestandteilen aber südarabischen Idiom zu tun. Bereits Wellsted hatte einige hundert Worte der Sokotrasprache zusammengestellt, und wir waren bestrebt, auch unsererseits diesen Wortschatz zu vermehren, namentlich durch Aufzeichnung aller konkreten Begriffe, indem wir unser Hauptaugenmerk auf die für die Geographie und Abstammung der Rassen so wichtigen Namen von Pflanzen und Tieren richteten.

Leider sahen wir uns außerstande, mit den Eingeborenen in der Weise zu verkehren, daß wir ganze Sätze ihrer Sprache aufzufassen vermocht hätten. Der kurze Aufenthalt von sechs Wochen war von der Naturausbeute zu sehr in Anspruch genommen, und dann hatten wir während der ganzen Zeit den unersetzlichen Verlust eines Dolmetschers zu beklagen, der uns vom britischen Residenten in Aden mitgegeben worden war, von dem wir uns aber wegen der Unerfahrenheit unserer europäischen Begleiter infolge eines Streites gleich bei der Landung zu trennen gezwungen waren.

Das voreilige Wegschicken des etwas übermütigen, uns aber durchaus unentbehrlichen Gesellen hat sich an den wissenschaftlichen Ergebnissen unserer Reise aufs bitterste gerächt.

Ohne den grammatischen Schlüssel zur Sokotrasprache erscheint die Wörtersammlung von nur geringem Wert; aber sie setzt uns doch in den Stand, zwei wichtige Tatsachen feststellen zu können: 1. die Übereinstimmung eines vorwiegenden Teils der Sokotraausdrücke mit den verschiedenen Dialekten der Mahrasprache; 2. das Vorhandensein völlig fremdartiger Sprachelemente, die einer semitischen Wurzel zu entbehren scheinen. Das letztere gilt namentlich für die Pflanzen- und Tiernamen.

Der dem Arrianus zugeschriebene »Periplus« nennt die Einwohner von Sokotra von fremder Herkunft, ein Gemisch von Arabern, Indern und griechischen Händlern.

Hiernach wäre anzunehmen, daß die Urbewohner schon in sehr früher Zeit Einwanderern von den umliegenden Küsten Platz gemacht hätten. Man findet in den Aufzeichnungen christlicher Mönche aus den ersten Jahrhunderten und der arabischen Geographen des Mittelalters weitere Belege für eine solche Annahme.

Philostorgius im 4. Jahrhundert, von dessen »Kirchengeschichte« uns der fünf Jahrhunderte später lebende Patriarch Photius Bruchstücke erhalten hat, scheint der erste gewesen zu sein, der die von vielen späteren Autoren wiederholte Geschichte aufgebracht hat, Alexander der Große hätte Kolonien nach den Uferländern des Golfs von Aden aussenden lassen. Aus der Photiusschen Fassung geht übrigens nur hervor, daß die Kolonie aus Syrern bestand, die sich in einer Gegend angesiedelt hatten, die man nur mit der gegenüber Sokotra gelegenen Somaliküste in Einklang zu bringen vermag, Nicephorus Callistus schreibt statt Syrer Assyrier, nennt indes die Insel nicht, auf welcher sich diese ansiedelten.

Dagegen erzählt der Mönch Cosmas, genannt Indopleusta, der im 6. Jahrhundert die Insel besuchte, daß unter den Ptolemäern Kolonisten nach Sokotra gesandt worden seien, und er teilt als Augenzeuge mit, daß er noch griechisch redende Bewohner daselbst angetroffen habe.

Bekanntlich waren unter den Ptolemäern die Küsten der arabischen Meere bis zum Kap Guardafui hinunter mit Handelsstationen besetzt, von denen die noch heute vorgefundenen Reste, so namentlich G. Revoil's Funde an der Somaliküste, auf jene Epoche hindeuten. Ob aber die fremden Ansiedler jener Zeit auch im Innern wirklich seßhaft wurden und ob sie namentlich je imstande waren, aus dem Leben des Händlers und Aufkäufers an der Küste zu demjenigen des Hirten in den Bergen überzugehen, das erscheint, da es an analogen Fällen fehlt, mehr als fraglich. Was damals griechisch war, ist heute durch das arabische Element ersetzt, und nach wie vor stehen an diesen Gestaden die Ansiedler den Gebirgsbewohnern als Gegensätze gegenüber.

Unter den arabischen Geographen war Masudi im zehnten Jahrhundert der erste, der die wahrscheinlich von irgendeinem griechischen Kirchengeschichtsschreiber zuerst gebrachte Nachricht von einer griechischen Besiedlung Sokotras unter Alexander mit dem Hinzufügen wiederholt, daß dies auf Anraten Aristoteles, um die Aloe daselbst auszubeuten und zu vermehren, geschehen sei, zur Zeit, da Alexander sich zu seinem Zuge nach Indien anschickte, und er sagt ausdrücklich: »Dies ist der einzige griechische Stamm, der seine Abkunft rein erhalten hat, ohne sich mit Römern und anderen Rassen zu vermengen.«

Edrisi, der zwei Jahrhunderte nach Masudi lebte, gibt eine vom Wortlaute des Textes des letztern nur durch Einfügung weiterer Einzelheiten abweichende Version desselben Inhalts.

Jakut wiederholt hundert Jahre später seinerseits die Angabe einer griechischen Kolonie unter Alexander, und betont die Rassenreinheit der Sokotraner Griechen, fügt aber an einer andern Stelle hinzu, die Bewohner Adens hätten ausgesagt, daß die Griechen, nachdem sie das Christentum angenommen, wie Mönche in größter Abgeschiedenheit gelebt, bis sie ausstarben und die Insel von Mahra (jenem eigentümlichen Gebirgsvolk, das im Osten von Hadramaut seine Sitze hat) bevölkert wurde. Später wurde unter den letztern der Islam gepredigt. Von den Mahra auf Sokotra spricht Jakut noch an einer andern Stelle, indem er von der Insel sagt: »Auf ihr befinden sich Leute aus allen Stämmen Mahras und gegen 10 000 waffenfähige Männer, die Christen sind.«

Die letzte Angabe scheint anzudeuten, daß die Mahra auf Sokotra nur an der Küste seßhaft waren, während außerdem Christen in großer Zahl das Innere bewohnten. Dies stimmt nicht recht mit der andern Nachricht, daß die Griechen, nachdem sie Christen geworden, ausgestorben und durch Mahra ersetzt worden seien. Sollten außerdem daselbst noch andere Einwohner übriggeblieben sein, die Christen waren, etwa die echten Ureinwohner?

Von Denkmälern des Altertums, Inschriften oder andern Zeugen einer vergangenen Kulturepoche scheint die Insel nur Spuren aufbewahrt zu haben. Es gibt an verschiedenen Stellen Trümmer von kleinen Baulichkeiten, die als alte heidnische Tempel betrachtet werden können. Inschriften, an welche sich eine größere Bedeutung knüpft, sind bis jetzt nur auf einer horizontalen Felsplatte, sechs Stunden südwestlich von Kadhub, nahe der Nordküste, angetroffen worden. Wellsted hat diesen Ort als eine alte Opfer- oder Wallfahrtsstelle bezeichnet, aber keine Abbildung von den vorgefundenen Zeichen gegeben.

Es ist Dr. Riebeck's Verdienst, dieser interessanten Oertlichkeit auf einem sehr anstrengenden Streifzuge, der ihn von Tamarid aus drei Tagereisen weit nach Westen und Südwesten führte, besondere Aufmerksamkeit geschenkt zu haben. Er nahm Abschrift von den vorgefundenen Zeichen und brachte ein Stück der mit denselben bedeckten Steinplatte heim. Der Platz wird »Eriosch genannt und weist auf einer Strecke von 150 Schritt zahlreiche, in den harten und grobkörnigen Kalkfels mit großer Mühe eingehauene Zeichen und Schriftzüge auf. Leider sind die meisten infolge der horizontalen Lage durch den Einfluß der Witterung und der Tritte von Menschen und Vieh unkenntlich geworden; aber man erkennt noch einige zusammenhängende Reihen griechischer Schriftzüge, deren Erklärung bis jetzt noch nicht gelang.

Jedenfalls gehören die Inschriften von Eriosch in die christliche Zeit, und es bleibt nur die Frage übrig, ob sie eher auf das nestorianische Persien als auf das koptische Ägypten und Abessinien hinweisen; denn auch hinsichtlich der Herkunft des Christentums auf Sokotra herrscht unter den Gewährsmännern der altern Zeit, wie Cosmas, Nicola Conti und den Portugiesen, mancher Widerspruch.

Man kann annehmen, daß seit mehr als 200 Jahren jede Spur von Christentum aus der Insel verschwunden ist. Nicht neuern Datums können daher die Felsgräber sein, die man uns an verschiedenen Stellen der Insel ohne Widerrede für Schädelforschungen ausbeuten ließ.

Heute bestatten die Sokotraner ihre Toten nach den Vorschriften des Islam und bezeichnen die Gräber durch Steinhaufen. Mit den Satzungen Mohammeds nehmen es die Bergbewohner übrigens nicht genau. Waschungen, Gebete u. dgl. werden von ihnen ebenso nachlässig beobachtet, wie es ihre afrikanischen Nachbarn tun, welche Hirten sind. Der Islam ist eine Religion, die sich nur innerhalb eines städtischen Lebens genau befolgen läßt.

Die alten Gräber waren stets am Fuße einer Steilwand mit Benutzung natürlicher Höhlen angelegt, indem der Zugang durch angehäufte Steinblöcke geschlossen wurde. Räumte man diese hinweg, so konnte man nach Belieben unter den verschiedenen Skeletteilen auswählen. Eigentümliche rohgeschnittene, zylindrische Holzbecher oder -Näpfe fanden sich neben den Gebeinen aufgestellt, und zahlreiche Fetzen und Reste buntgefärbter Baumwollstoffe bewiesen, daß die Toten in ihren besten Kleidern bestattet worden waren. Nach Vincenzo, dem Karmeliter, besaß jede Familie ihre eigene Gruft.

*

Wir waren zu kurze Zeit auf Sokotra, um über Sitten und Gebräuche des seltsamen Volkes berichten zu können. Die merkwürdigen Begrüßungsformen, namentlich das gegenseitige Nasenwetzen, erinnern an die Sitten der südarabischen Bergbewohner.

Wunderbare Vorstellungen verraten sich in gewissen Gebräuchen, von denen sie indes keine Rechenschaft zu geben wissen. Wird ein Stück Vieh geschlachtet, so greifen die Leute beim Zerlegen vor allem nach den Augen, schneiden dieselben heraus und legen sie beiseite, um das Fleisch ohne Schaden genießen zu können. Mit der Schwanzspitze einer Schlange streift man die Augen, was die Sehkraft stärken soll. Das Aussetzen alter Leute oder Sterbender, die in früheren Zeiten vorgekommenen Opfer durch Abhauen der Hände, der noch in christlicher Zeit gemeldete, offenbar der altarabischen Welt entlehnte Mondkultus und manche andere schwer erklärliche Eigentümlichkeiten ihres Geisteslebens würden einem dauernd unter den Sokotranern niedergelassenen Beobachter viel Stoff zu völkerpsychologischen Fragen darbieten.

Der Hexenglaube scheint noch heute in Sokotra in Blüte zu stehen. Außer den Schauergeschichten der arabischen Seeleute trug der Dolmetscher, ein geborener Sokotraner, das seine dazu bei, unseren nubischen Dienern, die jedem Aberglauben huldigten, vollends die Köpfe zu verdrehen. Ich verweise auf bereits oben Gesagtes und auf die von mir geschilderte Begegnung mit jener Frau am Schehéli. Dr. Mantey, ein ausgezeichneter Arzt, der Dr. Riebeck in dieser Eigenschaft begleitete, hat in seinem Tagebuche eine darauf bezügliche Stelle: »Idris, der Koch, äußert seine Bedenken wegen der Ssachära (Hexen) auf Sokotra. Sie sollen den Reisenden anzulocken wissen, um ihn alsdann in einsamer Wildnis die Eingeweide auszureißen.«

Bereits Marco Polo, der die Insel doch nur von weitem gesehen haben mag, hat seinem Haftgenossen im Kerker zu Genua die nachfolgende Stelle in die Feder diktiert. »Die besten Hexenmeister und Zauberer von der Welt sind auf Sokotra. Dieselben sollen den Wind nach ihrem Willen drehen und so Schiffbruch erzeugen.«

Faria y Souza berichtet in seiner Geschichte der Eroberung Indiens, daß die Frauen auf Sokotra Hexenkünste anwenden, um die Fremden zu locken und zu fesseln, und auch der Pater Vincenzo erzählt, daß viele daselbst gewerbsmäßig Hexerei ausübten.

Über den Charakter der Sokotraner läßt sich übrigens nichts Nachteiliges sagen; wenigstens haben weder wir, noch Professor Balfour im Jahre vorher, auch nicht die früheren Besucher Erfahrungen gemacht, die dagegen sprächen. Die auch gegen Fremde und Andersgläubige geübte Gastfreundschaft wurde seinerzeit von Wellsted ganz besonders hervorgehoben.

Ich glaube bestimmt, es ist eine edle und zu allem Guten fähige Rasse. Da kein Raubtier auf der Insel vorhanden ist, dem der Mensch das Dasein streitig zu machen braucht, oder das durch Widerstand in ihm den Dämon der Gewalt weckt, überhaupt kein jagdbares Wild angetroffen wird, das den Geist der Habsucht wach zu rufen vermöchte, so gestaltet sich sein Wesen zu einem harmlosen. Außer dem von den arabischen Händlern erstandenen Messer führt der Sokotraner als einzige Waffe den Stock. Lanzen, Bogen und Pfeile sind völlig unbekannt, und Feuerwaffen befinden sich ausschließlich in den Händen der Trabanten, die der für einige Monate von Kischen herüberkommende Stellvertreter des Sultans um sich hat.

Waren die Sokotraner auch scheu und zurückhaltend in ihrem Wesen, so haben sie uns doch nie, weder in Worten noch in Mienen, ihren Widerwillen ausgedrückt. Auch sind wir von Neugierigen in unserm Zeltlager wenig belästigt worden. Die Sicherheit war so groß, daß wir uns von unserm Lager in Keregnigi mit Zurücklassung des sämtlichen, oft nur von einem nubischen Diener bewachten Gepäcks und der Zelte für mehrere Tage entfernen konnten, ohne den geringsten Eingriff in unsern Besitz fürchten zu müssen. Von unverschlossenen Kisten und Kasten umgeben schliefen wir in unsern Zelten so sicher wie in einem wohlverschlossenen Hause. Nie ist uns das Geringste abhanden gekommen.

Häufig unternahmen wir einzeln und allein, oft nur von dem einen oder andern der sich uns als Führer anbietenden Eingeborenen begleitet, weite Streifzüge in die Gebirge. Wo wir Leute bei den Höhlen, ihren einzigen Behausungen, antrafen, waren diese freundlich, und weder Frauen noch Kinder entflohen.

Die Araber an der Küste sind hier wie die Türken in Nordafrika oder Vorderindien. Um ihren nominellen Einfluß auf die roheren Eingeborenen im Innern des Landes aufrechtzuerhalten, bedürfen sie als Bundesgenossen des Vorurteils gegen die Europäer. Die Unversöhnlichkeit des Islams kommt ihnen dabei zu Hilfe. So suchte denn auch der Vizesultan uns von einem Besuche des Innern abzuschrecken, indem er von Gefahren sprach, von denen hier niemand je etwas gesehen noch gehört. Als etwas Fürchterliches erzählte er uns, die Bergbewohner hätten auf die Karawane Balfours mit Steinen geworfen; aber der Genannte wußte davon nichts zu berichten.

Die Haustiere der Sokotraner sind Rinder, Kamele, Schafe und Ziegen. Pferde und Hunde fehlen durchaus. Die Hauskatze findet sich spärlich nur bei den Arabern an der Küste. Der auch als Haustier hin und wieder gehaltenen Esel habe ich bereits gedacht. Hühner, das einzige zahme Geflügel, sind selten.

Das Rind der Insel, meist rotbraun von Farbe, ist von mittelgroßem, muskulösem Wuchs und gleicht in allen Stücken dem europäischen. Es erinnert einigermaßen an den sogenannten Harzer Schlag. Das Höckerrind Indiens und Nordafrikas ist hier unbekannt. Der Wert eines Bullen betrug zu jener Zeit zwischen sechs und acht Talern. Im Verhältnis zur Bevölkerung ist der Viehstand sehr groß.

Schafe, stets hornloser Art, wie es bereits im Bericht des Agatharchides über die Insel der Glücklichen erwähnt ist, wurden uns an der Küste zwei für 1 ½ Rupien, dem Werte eines preußischen Talers entsprechend, geliefert.

Die Kamele stehen an Güte den besten Syriens nicht nach und sind von großer Behendigkeit. Sie leisten im Klettern Unglaubliches und vermögen Steinstufen zu ersteigen und Blöcke zu überschreiten, die das menschliche Bein nur mit Anstrengung bewältigt.

*

Die Sokotraner Bergbewohner sind also ein ausschließliches Hirtenvolk. Viehzucht und die wenig mühevolle Gewinnung einiger Erzeugnisse der wilden Natur bilden die Grundbedingungen ihres Unterhalts. In kurzer Zeit hat der Sokotraner die Küste erreicht, um beim arabischen Händler, sei es gegen einen Schlauch voll Butter oder Aloësaft, sei es gegen einen Sack mit Drachenblut, die geringe Menge Reis einzutauschen, deren er mit den Seinen für das ganze Jahr bedarf. Als nebensächliche Zugabe erhandelt er noch ein paar Ellen Zeug, oder das arabische Messer, seine einzige Waffe und Schmuck.

Hier macht sich der Welthandel mit seinen niedrigen Reis- und Kornpreisen, aber noch nicht der Weltverkehr fühlbar, mit den modernen Bedürfnissen, nach denen die Halbkultur an vielen Stellen so begierig greift. Kein böses Beispiel verlockt den abgeschiedenen, sich selbst überlassenen Inselbewohner. Er hat nicht nötig zu säen oder zu ernten; die Gaben des Waldes und der Überfluß seiner Milchwirtschaft decken alles, was er braucht. Hier ist noch ein Erdenwinkel unberührt geblieben von dem Fluch wie von dem Segen angelernter Bedürfnisse. Auch an Sokotra wird einmal die Reihe kommen. Dann wird der Naturmensch entweder gezwungen zur Arbeit, oder er muß untergehen, nachdem er alle kostenfreien Gaben der Natur erschöpft hat.

Gegen die Verführung durch Branntwein und Schießpulver, diese hauptsächlichen Gärungsfaktoren im Zersetzungsvorgange der Völker, scheinen die Sokotraner leidlich geschützt: gegen den Branntwein als Hirtenvolk, gegen das Schießpulver, weil sie nicht Jäger sind und niemand ihr Dasein bedroht.

Mehr als der Islam mit seinen strengen Satzungen erschwert das Hirtenleben die Gewöhnung an geistige Getränke. Wo Mohammedaner Ackerbauer sind, wie Türken und Ägypter, da sehen wir sie immer mehr diesem Einflusse erliegen, während Araber und hamitische Küstenbewohner, die ausschließlich von Viehzucht leben, davon fernbleiben. Von jeher waren dem Ackerbauer die Umwandlungsprodukte des Stärkemehls bekannt, er hatte seine bierartigen Getränke. Daher sehen wir die Neger mehr als andere Rassen dem Branntwein verfallen; und doch behaupten einige, er sei in Ermangelung von etwas Besserem eine große Prämie auf den Fleiß dieser Völker, die sonst müßig und unbewußt an dem Busen ihrer großen Mutter, der Natur, fortträumen würden in alle Ewigkeit.

Plinius meint, vom Tier unterscheide sich der Mensch durch das Gift, denn nur er sei imstande, sich das Leben zu nehmen. Es war das eine jener weltschmerzlichen Anwandlungen, wie sie die in immer neue Phasen tretenden Anschauungen des Genius der Menschheit mit sich bringen. Der Mensch hat im Gegenteil die erhöhte Daseinsfreude, die Genußsucht vor dem Tiere voraus; er will mehr als einmal leben, und die Genußmittel, die gesteigerten Bedürfnisse können sich auch zum wahren Lehrmeister gestalten. Der Mensch erliegt ihnen oder er wird durch sie zu Höherem geführt. Daher sind die Wege des Handels nicht immer Wege des Verderbs und der Entsittlichung, sondern können auch die des geistigen Aufschwungs und der vermehrten Arbeit werden. Der Welthandel gibt und nimmt, er ernährt und läßt verhungern, er verödet Länder, um andere zu bereichern. Indem er die Völker des Erdenrundes miteinander in Verkehr setzt, läßt er die einen für die andern arbeiten. Die Bewohner der fruchtbaren Striche sollen für den Magen, die der minder von der Natur begünstigten für die Körperhülle und die übrigen Bedürfnisse sorgen. So verteilt, würde die Beteiligung aller an der Gesamtarbeit der Menschheit zur Folge haben, daß kein Fleck der Erdoberfläche als durchaus unbewohnbar erscheinen müßte, und der Vermehrung des Menschengeschlechts überhaupt kaum Grenzen gesteckt sein könnten.

Aber die Gaben der Natur sind ebenso ungleich verteilt wie die Anlagen des Menschen, und gestatten nicht diesen idealen Zustand je denkbar erscheinen zu lassen. Vorderhand stehen unserer Kultur, d. h. der produktiven erzeugnisfähigen Menschheit, noch jene ausgedehnten Gebiete zur Ausbeutung offen, wo der von uns ausgebeutete Mensch, ohne wirklich arbeiten zu müssen, der Natur ihre Gaben entlockt. Da zeigt sich denn der Welthandel in seiner, wenn auch nur für einen gegebenen Zeitraum, zerstörenden Wirkung.

Bei uns werden Wälder ausgerottet und der Fischreichtum des Meeres wird vernichtet; hier, vor den zu Schleuderpreisen an das unfruchtbare Gestade geworfenen Reissäcken, sinkt die Bodenhacke müßig aus der Hand des unerfahrenen Ackersmannes; anderwärts, vor dem gegen eine Hand voll Kautschuk aufgenötigten Bündel Messer, erlahmt der Steinhammer in der Faust des Negerschmiedes. Es verlohnt nicht mehr der Mühe zu arbeiten, wo Natur und Kunst miteinander wetteifern, der unmündigen Menschheit ihre Geschenke in den Schoß zu werfen.

In noch höherem Grade zersetzend äußert sich der Einfluß des heutigen Verkehrs auf den Gewerbefleiß solcher Völker, die bereits einen gewissen Grad der Kultur besitzen, ohne den Wettkampf mit Erfolg bestehen zu können. So ist die Zeit nicht mehr fern, in der unsere ethnographischen Museen zu archäologischen, oder wenn man so will, zu prähistorischen sich gestalten werden. Indem auch auf diesem Gebiete, wie im physischen Laufe der Dinge, zerstörende und wiederaufbauende Kräfte sich die Wage halten, nimmt die Weltordnung ihren im wesentlichen ungeänderten Fortgang.

*

Nach dieser Abschweifung wäre noch zu berichten, was ich von den Daseinsbedingungen der Bewohner Sokotras ermitteln und beobachten konnte:

Zweimal im Jahre tritt der Sokotraner mit der Außenwelt in Verkehr, wenn die arabischen Schiffe hier als einer Zwischenstation auf dem Wege zwischen Zanzibar und Maskat anlegen. Sechs bis zehn größere Segelbarken von 2–300 Tons Gehalt vermitteln diesen Handelsverkehr. Sie kommen von Zanzibar gegen Anfang Mai, kurz vor Einbruch der stürmischen Periode des Südwest-Monsun, und von Maskat, wenn der mildere Nordost zu wehen beginnt.

Vereinzelt langen noch ab und zu indisch-arabische Barken an, von Bombay, Kuradschi oder Surat kommend. Der Verkehr mit der arabischen Südküste wird durch wenige Barken kleinster Art unterhalten, die dem Sultan von Kischen, dem Herrn von Sokotra oder einigen Kaufleuten von Makalla und el Schehr gehören. Zur Somaliküste bestehen keinerlei Beziehungen.

Europäische Schiffe, so viele ihrer auch in nächster Sicht bei der Insel vorüberdampfen, meiden stets ängstlich ihre Küsten wegen Mangels an gesicherten Ankerplätzen.

Glückliches Volk, diese Inselbewohner! Von immergrünen Höhen schweift ihr Auge über das Weltmeer, und Schiff auf Schiff, eine Rauchsäule nach der andern sehen sie an ihren Blicken vorüberziehen. Keins hält bei ihnen. So bleiben ihnen die unerfreulichen Erfahrungen im Verkehr mit Europäern erspart.

Sobald aber der Bergbewohner der gewöhnlich zu einem Geschwader vereinigten Schiffe von Maskat und Zanzibar ansichtig wird, so eilt er zum Gestade hinab mit seinen im Laufe der Zeit aufgespeicherten Vorräten. In Tamarid und Galonsir, den einzigen Plätzen, wo die Schiffe haltmachen, beginnt nun für wenige Tage ein reges Marktgetriebe, um für die übrige Zeit einer förmlichen Friedhofsruhe zu weichen. Üppiges Unkraut wuchert später in den öden Gassen zwischen den arabischen Steinhäusern, und viele derselben bleiben leer stehen, da ihre Bewohner mit den Schiffen oft kommen und gehen.

Fremd sind dem Bergbewohner die Begriffe von Geld und Geldeswert, da sie die angebotene Silbermünze nur zu dem Zwecke in Empfang nehmen, um daraus Geschmeide für die Frauen anfertigen zu lassen. Den Arabern an der Küste sind Rupien und Maria-Theresia-Taler genehm; Goldmünzen sind freilich so gut wie unbekannt. Dr. Riebeck wechselte beim arabischen Silberarbeiter in Tamarid einen großen Teil der während unserers Aufenthaltes im Gebirge verausgabten kleinen Silberstücke wieder ein, indem die Eingeborenen dieselben zum Einschmelzen dahin gebracht hatten.

Seit nachweisbar fünf Jahrhunderten üben die Sultane von Kischen in Sokotra Hoheitsrechte aus; aber weit älter scheint ein solches Verhältnis der Abhängigkeit zu sein; denn im »Periplus« ist gesagt, daß die Insel dem Könige des Weihrauchlandes Untertan sei, und das steht an einer Stelle, die jeden Zweifel darüber ausschließt, daß das südliche Arabien gemeint sei.

Die anscheinend so günstig für den Weltverkehr, halbwegs zwischen dem Schwerpunkt der indischen Welt und Suez, gelegene Insel war bereits in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts, zur Zeit, da der erste Vorschlag zur Errichtung einer regelmäßigen Dampferlinie aufkam, von der Ostindischen Kompagnie als Kohlenniederlage und wichtige Zwischenstation ins Auge gefaßt worden.

Nachdem Sokotra im Jahre 1834 von Wellsted und Haines genügend ausgekundschaftet worden und der Sultan von Kischen zum Verkaufe der Insel nicht zu bewegen gewesen war, wurde sie im Jahre darauf vorübergehend von einer Truppenabteilung der Kompagnie besetzt, wobei aber schlimme Erfahrungen in betreff des Klimas gemacht wurden. Die indischen Truppen zogen nach einigen Monaten wieder ab.

Es hatte sich mittlerweile ergeben, daß die Anlage eines dauernden Waffenplatzes daselbst große Kosten verursachen würde, namentlich da ein Hafen erst künstlich hätte angelegt werden müssen. Man zog es daher vor, das benachbarte Aden, von der Natur wie von der Geschichte seit alters zum wichtigsten Hafenplatz Arabiens vorausbestimmt, als denjenigen Punkt zu ergreifen, wo einer der Haupthebel der britischen Weltmacht anzusetzen sei. Dies geschah im Jahie 1839. Sokotra blieb nach wie vor die alte Eremitenklause der Menschheit, hart am großen ozeanischen Heerwege, bis im Jahre 1876 die Aufmerksamkeit der britischen Regierung von neuem darauf gelenkt wurde.

Die Engländer berichten, im genannten Jahre sei Gefahr im Anzug gewesen, daß Sokotra von einer fremden Macht, worunter Deutschland gemeint ist, weggenommen werden könnte. Der politische Resident in Aden erhielt Befehl, ungesäumt ein Schiff nach Sokotra zu senden, und die Insel durch einen Vertrag mit dem Sultan dauernd an das britische Reich zu knüpfen. Kapitän Hunter, der gewandte Stellvertreter des Residenten und lange Zeit de facto der wirkliche Gouverneur von Aden, entledigte sich dieses Auftrages innerhalb weniger Tage und schloß mit dem Sultan-Stellvertreter auf Sokotra einen Vertrag ab, dahin lautend, daß der letztere allen Schiffbrüchigen Schutz und Hilfe verleihen, keiner andern Macht je Sokotra käuflich abtreten, es sei denn mit Zustimmung Englands,Ein Paragraph ähnlichen Inhalts pflegte in allen Verträgen wiederzukehren, die England damals mit allen arabischen Dynastien der benachbarten Küstenländer (Sansibar mit inbegriffen) abgeschlossen hat. und daß er dafür eine jährliche Unterstützung von 360 Maria-Theresia-Talern aus dem Schatzamte zu Aden beziehen solle.

Der Mann, der bei meinem Besuch auf Sokotra den Sultan spielte, war ein Bruder des Sultans von Kischen und eine Art Mitregent. Der Herr von Kischen ist als einer jener Duodezdynasten zu bezeichnen, die dutzendweise an der Südküste von Arabien zwischen Aden und Maskat saßen und durch die Bank vermittelst eigener Verträge mit der britischen Regierung damals verbündet waren.

Wie arm Sokotra ist, ersieht man aus den Einkünften, die es dem Sultan abwirft; denn außer den 360 Talern britischer Subvention erhob er daselbst alles in allem gegen 2000 Taler Abgaben. Seine einzige Gegenleistung für die Subvention schien darin zu bestehen, daß er beim Besuche von Europäern in Tamarid die britische Flagge auf die Zinnen seines mit einem großen Kalkofen zu vergleichenden Schlosses hißte. Gegen uns war er ungemein vornehm und zurückhaltend, obgleich die Riebeck'sche Expedition seine gewöhnlichen Einnahmen fast verdoppelt haben muß.

Von einer tatsächlichen Beaufsichtigung seitens der Engländer war auf Sokotra übrigens nichts zu spüren. Kein Regierungsbeamter, nicht einmal ein Farbiger war anwesend, und der Empfehlungsbrief des Residenten von Aden, den wir dem Sultan zu übergeben hatten, war mehr in Ausdrücken der Freundschaft als in solchen der Bevormundung abgefaßt.


 << zurück weiter >>