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II. Kapitel.
Franz Liszt.

Nach Goethe hat wohl niemand einen so großen und wohltuenden Einfluß auf das weimarische Leben, besonders das künstlerische, ausgeübt als Franz Liszt. Seit Hummels Tod, im Oktober 1817, hatte er daran gedacht, sich um den Kapellmeisterposten hier zu bewerben, aber sein unruhiges Konzertleben hatte ihn nicht dazu kommen lassen. Erst im November 1841 führte ihn sein Weg nach Weimar, wo er am 26. November im kleinen Hofkreise, am 28. in einem großen Hofkonzert und am 29. im Theater, zum Besten des Frauenvereins spielte. Hier, wie überall wo er erschien, entfesselte er einen Sturm der Begeisterung. Sein unbeschreibliches Klavierspiel und seine schöne, bezaubernde Persönlichkeit, das Hoheitsvolle in seinem Auftreten und der Enthusiasmus, der aus seinen Augen leuchtete, die Güte, die Liebenswürdigkeit, alles kam zusammen, um ihm die Herzen zu gewinnen. Natürlich hatte eine so von der Gottheit bevorzugte Natur auch ihre Widersacher, und diese waren unter den Neidischen zu suchen, aber auch unter den Philisterseelen, die an und für sich sehr ehrenwert sind, jedoch alles bekämpfen, was über ihren Horizont geht und ihnen nicht schnell begreiflich wird.

Zum Glück hatten die Fürstlichkeiten keine solch kleinlichen Ansichten. Der Großherzog beschenkte Liszt mit seinem Orden, die Großherzogin mit einem Ring, und sie verpflichteten ihn schon für das nächste Jahr, um die Einzugsfeierlichkeiten des Erbgroßherzogs Karl Alexander und seiner Gemahlin mit seiner Kunst zu verherrlichen. Von dem großen Hofkonzert ist schon die Rede gewesen, daß aber im intimen Hofkreis die fürstlichen Damen ihm die Notenblätter umgewendet hatten, war so einzig dastehend, daß dieses Zeichen der Hingerissenheit der Großherzogin und ihrer Schwiegertochter noch nicht vergessen ist.

Maria Paulowna hatte bei ihrer Ankunft in Weimar schmerzlich den Mangel an guter Musik empfunden. Hummels Berufung schuf damals Wandel; nun aber war er schon fünf Jahre tot, und die musikalischen Verhältnisse waren wieder auf eine tiefe Stufe gesunken. In Liszt sah sie den Mann der Zukunft und beeilte sich, ihn an Weimar zu fesseln. Liszt lockte es, an der Stelle zu wirken, wo Goethe und Schiller gelebt und ihn ein so liebenswürdiger Hofkreis erwartete. Er empfing am 2. November 1842 das Dekret als »Großherzoglicher Hofkapellmeister in außerordentlichen Diensten« und vereinbarte mit der Frau Großherzogin, daß er jedes Frühjahr einige Monate hier zubringen solle, um die Festlichkeiten am 2. und 16. Februar und 8. April – an den fürstlichen Geburtstagen – zu leiten und mit seinem Spiel zu verherrlichen.

Anfang 1844 trat Liszt sein Amt mit der Direktion einiger Konzerte an, und nun knüpfte sich das Freundschaftsband zwischen ihm und dem Erbgroßherzog, das bis zu Liszts Tode dauerte und eine Fülle von Anregungen und Segnungen über Weimar ausschüttete. Oft hat Karl Alexander – noch im späten Alter – gesagt: »Liszt hat mir nie einen eigennützigen Rat gegeben.« Das war Liszts Stolz und seine Größe: Er bat und sorgte für andere – nie für sich!

Die Briefe von Liszt und an ihn – als geschlossene Korrespondenz nur die mit Karl Alexander und Hans v. Bülow – welche La Mara von 1895 an in 12 Bänden bei Breitkopf u. Härtel in Leipzig herausgegeben, ermöglichen es uns, Liszts Leben, sein Wirken, sein Fühlen und Denken zu verfolgen. Sie ergeben ein Bild des großen Mannes und seiner Zeit, wie man es sich schöner und wahrer kaum denken kann. Aus dem Briefwechsel mit Karl Alexander habe ich – zur Charakteristik der beiden Briefschreiber – kleine Abschnitte aus dem Französischen übersetzt und hier eingefügt.

Liszt schrieb am 1. Januar 1845 aus Cadix:

... Einige Wochen würden genügen, meine Reiselust zu stillen, wenn der pundonoroso(schöner Ausdruck im Spanischen, der das Wirksame, Tätige des Ehrenpunktes bezeichnet) meiner Karriere nicht vor allem mein Kompaß wäre, ebenso in Madrid wie in Weimar, Paris oder Petersburg ...

Karl Alexander an Liszt (ohne Datum):

Der Ausdruck pundonoroso, den Sie in Ihrem Brief gebrauchen, scheint mir so anwendbar auf Sie selbst, er scheint mir Ihre Individualität und Ihr Leben so gut zu charakterisieren, daß ich Sie mit diesem Ausdruck nennen muß ...

Liszt an Karl Alexander. An Bord der »Galatee« zwischen Preßburg und Pesth, 6. Oktober 1846:

... Ich werde nie die schmeichelhaften Ermutigungen Ihrer Königlichen Hoheit der Frau Großherzogin vergessen, die sie damals und seitdem meinen schwachen Bemühungen zuteil werden ließ, und die Güte, mit der sie meinen Wunsch erriet, meine Kräfte der großen Tradition Weimars bescheidentlich zu widmen. Indem sie mir einen Posten anvertraute, der mich mehr und mehr an Ihr fürstliches, berühmtes Haus fesselt, erfüllte sie einen Wunsch, der für meinen Künstlerstolz fast der höchste war, und belohnte dadurch weit über Verdienst einige gute Vorsätze und fleißige Versuche ...

Karl Alexander an Liszt (in Konstantinopel). Weimar, 3. Dezember 1846:

... Entschädigen Sie mich etwas durch Ihre Briefe für den Verlust, den Ihre Abwesenheit mir bringt, und erleuchten Sie mir die Welt durch Ihr Licht, damit ich durch Ihre Augen sehen kann und nicht »auf eine einseitige Art« urteile. Ich gestehe, daß das eines der Dinge ist, die ich am meisten fürchte, besonders seit ich die Höfe kenne. Man sollte denken, daß man von einem hohen Standpunkt aus desto mehr Gegenstände erblicken könne; ich finde aber oft das Gegenteil. Und doch könnte ein Prinz der Jetztzeit nicht genug sehen, nicht genug kennen, um seinen Titel zu verdienen, denn das einfache »durch die Gnade Gottes« genügt heute nicht mehr. Aber was sage ich? Das wissen Sie alles tausendmal besser als ich; verzeihen Sie mir, um der Gewohnheit willen, daß ich mit Ihnen ganz frei spreche ... Eckermann ist der Unsrige, nun für immer in Weimar eingerichtet. Ich hatte keine Ruhe, bis er wieder hier war; ich wollte zurückhaben, was mir gehört. Andersen, der Märchendichter, war lange hier in diesem Herbst. Er teilt sein Leben zwischen Kopenhagen und Weimar. Ich liebe ihn als Mensch und als Schriftsteller; er ist kein Stern erster Größe, aber sein Feuer ist rein, und das ist jetzt selten, wo die Schriftsteller aus der Poesie nicht ihr Ziel, sondern ihre Mittel machen. Keiner, fast keiner, sage ich Ihnen, hat ein Gewissen für die Literatur. Andersen amüsierte mich sehr, als er mir eines Tages seufzend sagte: »Ach, in Wien, da wurde ich einmal in eine Literatengesellschaft eingeladen; da fand ich zwei Stuben voll Dichter und alle unsterblich.«

... Adieu, schreiben Sie mir, geben Sie mir Nachrichten von sich, sprechen Sie mir von Ihren Arbeiten; wenn Sie irgendeinem ausgezeichneten Manne begegnen, auf den ich meine Blicke richten soll, so teilen Sie es mir mit; wenn Sie ein bemerkenswertes Werk finden, sprechen Sie davon, und besonders vergessen Sie nie Weimar noch Ihren très affectionné

C. A.

Karl Alexander an Liszt.Weimar, 4. Februar 1847:

... Auf mein Verlangen hat Spiegel den Intendantenposten niedergelegt. Ich entsann mich Ihrer Rekommandation und habe H. v. Ziegesar vorgeschlagen, der zum Intendanten ernannt wurde.

Liszt an Karl Alexander. Galatz, 4. Juni 1847:

Seit ich H. v. Ziegesar intimer kenne, – und das ist schon einige Jahre her – habe ich dieselbe Meinung von ihm: daß er zu der seltenen Rasse von Menschen gehört, die so comme il faut sind, daß sie immer ce qu'il faut et tels qu'il le faut, auf jedem anvertrauten und angenommenen Posten bleiben.

Nachdem Liszt erwähnt hat, daß das Verlangen des Publikums nach berühmten Gästen alles erschwere, fährt er fort:

Die Aufgabe des Intendanten wird also außerordentlich verwickelt und schwer. Es braucht viel Takt, Geschmack, Lebenskunst, Fortschreiten, Bekanntschaften, Vorhersehen, Vernunft und Energie, um nicht zurückzubleiben. Man braucht auch viel von dem Nerv für Krieg und Frieden: Geld, Geld, das heutzutage eigentlich über alles entscheidet.

Am 27. Oktober desselben Jahres schreibt Liszt aus Woronince:

Heute handelt es sich nicht mehr um gute Absichten und vage Programme. Man muß sie erfüllen und dafür handeln; man muß selbst das Programm der Zeit und der Verhältnisse sein und mit ihnen Schritt halten. Die frommen Hoffnungen, die ernsten Wünsche, die elegischen Bestrebungen haben nur Wert, solange sie fruchtbare Resultate vorbereiten. Fühlen und Denken, um zu arbeiten, das ist das Gesetz aller harmonischen Existenz.

Der vorige Brief Liszts ist aus Woronince in Polen datiert; dort war er der Gast der Fürstin Carolyne v. Sayn-Wittgenstein, geb. Iwanowska, die er kurz zuvor auf seinen Reisen in Rußland kennen gelernt hatte. Es ist hier nicht der Platz, ausführlich auf die Verbindung dieser beiden seltenen Menschen einzugehen, die Geschichte dieser Liebe ist in meinen »Zwei Menschenaltern« und vielen anderen Büchern so eingehend behandelt, daß ich mich auf kurze Angaben beschränken kann, und auch hier führen uns die Briefe Liszts, besonders die an die Fürstin gerichteten, den richtigen Weg. Seine Liebe und Ergebenheit sind oft rührend darin ausgesprochen. Die Antworten der Fürstin sind nicht gedruckt, überhaupt nur wenig Briefe von ihr, – die größte Anzahl in »Zwei Menschenalter« – aber ihre Liebe zu Liszt sprach sich ja in ihren Taten aus. Sie verließ ihre Heimat und ihren Gatten – mit dem sie nur ein loses Band verknüpfte – um ihr Leben Liszt zu weihen. Daß ihrer Scheidung und Wiederverheiratung unübersteigliche Hindernisse entgegenstehen würden, das ahnte sie nicht.

Liszt kam 1848 zum 2. Februar, dem Geburtstag des Großherzogs Karl Friedrich, nach Weimar zurück. Am 6. dirigierte er ein Hofkonzert und führte den kostbaren, mit Smaragden besetzten Taktstock, den ihm die Fürstin geschenkt hatte. Es war, als hätte sie ihm ein Wahrzeichen geben wollen, daß er in Zukunft mehr dirigieren als spielen solle. Die geistvolle Frau hatte schnell herausgefunden, daß das beständige Herumreisen und Konzertieren nicht gut für Liszt war. Seine Gesundheit litt unter dem aufregenden, unruhigen Leben, denn überall sammelten sich Menschen um ihn, die von der liebenswürdigen Persönlichkeit, dem ausgezeichneten Künstler, aber auch von dessen vollem Beutel und seiner grenzenlosen Freigebigkeit angezogen wurden. Der Champagner floß in Strömen, und Liszt, der sich leicht fortreißen ließ, – auch von den Frauen, für die er das Licht war, um das diese Motten flatterten – hatte es dann mit physischem und moralischem Katzenjammer zu büßen.

Die Fürstin Wittgenstein hatte bei der ersten Komposition Liszts die sie hörte – ein » Pater noster«, das in einer Kirche in Kiew gesungen wurde – seine Begabung dafür erkannt. Ihr Wunsch, ihm durch ein ruhiges, geregelteres Leben diese Arbeit zu ermöglichen, vereint mit ihrer leidenschaftlichen Liebe zu ihm, brachte sie dazu, nach Weimar zu kommen und sich unter den Schutz der Großfürstin zu stellen, bis die Heirat mit Liszt vollzogen sein würde.

Liszt schrieb ihr am 28. Februar 1848 von seinem Leben hier, u. a. daß er die Oper »Martha« von Flotow – die eben in Wien Furore gemacht hatte – einstudiert und zweimal dirigiert habe und denselben Abend eine neue Oper, »Prinz Eugen«, von einem jungen Komponisten Schmidt, einem Weimaraner, geben werde, und das »Konzert« von Henselt in zwei Hofkonzerten gespielt habe. Der schöne Taktstock habe großen Effekt gemacht, den Namen des Gebers aber habe er nur mit großer Diskretion genannt. Er fährt fort:

Morgen ist am Hofe Liebhabertheater, in acht Tagen wird eine Scharade mit lebenden Bildern gegeben, dazwischen »Erwin und Elmire« von Goethe mit der Musik der seligen Herzogin Amalie. Bald danach werden wir »Fidelio« haben, dem ich meine ganze Sorge widmen will, und vielleicht ist es noch Zeit, eine ungedruckte Oper von Schubert, »Alfons und Estrella«, aufzuführen, deren Text von meinem Freunde Schober ist. Zwischen den Arbeiten für das Theater habe ich die Hofkonzerte vorzubereiten und der Frau Erbgroßherzogin wöchentlich vier bis fünf Gesangsstunden zu geben; die junge Prinzeß ist sehr intelligent und mit einer schönen Stimme begabt ...

Darauf spricht er von der Anwesenheit des Fürsten Pückler-Muskau und der Fürstin von Sagan, mit denen er viel verkehrt, und daß letztere ihn eingeladen habe. In diesem langen Brief erzählt er auch von Frau v. Heygendorf, die er manchmal besucht, denn ihre Unterhaltung gefällt ihm und ist interessant.

Am 24. März schreibt er u. a., daß er die Frau Großfürstin in diesen Monaten oft gesehen habe, die in allen diesen Verhältnissen (auch die politischen sind gemeint), die bewunderungswürdigste Festigkeit des Charakters und der Güte bewahre:

Der Kultus, den ich ihr seit einigen Jahren geweiht, hat sich in diesen zwei Monaten nur noch befestigt. Der Erbgroßherzog, mit dem ich in den besten Beziehungen stehe, hat mir eben eine charmante Attention erzeigt. Er hat mir den Plan und die Zeichnung eines Hauses gegeben, das er für mich entworfen hat und für das mir der Großherzog ein sehr schönes Terrain inmitten des Parks schenken will ...

Vor dem 12. April bin ich an der Grenze, in acht Tagen verlasse ich Weymar!

Auf den Gütern seines Freundes, des Fürsten Felix Lichnowsky – der bald darauf in Frankfurt ein Opfer der Revolution wurde – erwartete Liszt die Ankunft der Fürstin Wittgenstein mit ihrer etwa zehnjährigen Tochter Marie. Aus Schloß Gräz schrieb er am 22. April 1848 an Franz v. Schober in Weimar, daß er die Fürstin bereden wolle, einige Wochen in Weimar zuzubringen, und fährt fort:

Sollte mir die Erfüllung dieses Wunsches gelingen, so treffe ich zwischen dem 10. und 15. Mai in Weimar ein, um der Fürstin ein gehöriges Appartement oder Haus zu prepariren. Sehr würde es mich freuen, wenn Du Gelegenheit hättest, die F.W. kennen zu lernen. Sie ist unzweifelhaft ein ganz außerordentliches und completes Prachtexemplar von Seele, Geist und Verstand ( avec prodigieusement d'esprit inclusivement, bien entendu).

Du wirst nicht lange brauchen, um zu begreifen, daß ich fernerhin sehr wenig persönliche Ambition und in mir abgeschlossene Zukunft fortträumen kann. In politischen Verhältnissen mag die Leibeigenschaft aufhören, aber die Seeleneigenschaft in der geistigen Region, sollte die nicht unzerstörbar sein?

Die Fürstin Wittgenstein kam mit ihrer Tochter nach Weimar und bezog ein Haus auf der kleinen Anhöhe jenseits der Ilm, an der Straße nach Jena, genannt »die Altenburg«. Oberstallmeister v. Seebach hatte sie gebaut, und seine Nachkommen vermieteten Parterre und ersten Stock an die Fürstin. Bald darauf verkauften sie den Besitz an die Großherzogin, und von da an bewohnte die Fürstin das ganze Haus. Liszt blieb vor der Hand noch im »Erbprinzen« am Markt wohnen und als er später den Seitenflügel der »Altenburg« bezog, ignorierte man das vom Hofe aus, die Briefe und Einladungen für ihn wurden noch lange im Hotel abgegeben.

Und nun begann dieses Leben auf der Altenburg, das zwölf Jahre dauerte und seinesgleichen wohl nicht leicht wieder finden wird. Von nah und fern strömten die Künstler und bedeutenden Leute nach Weimar, um in diesen Kreis eintreten zu dürfen.

Auch Fanny Lewald war damals hier mit ihrer Freundin, Therese v. Bacheracht Therese v. Struve, verehelicht mit dem russischen Generalkonsul v. Bacheracht, seit 1849 mit dem niederländischen Obersten v. Lützow, mit dem sie nach Java ging. Verfasserin verschiedener Memoiren und Reisewerke. und erzählt allerhand Interessantes von dieser Zeit: »Zwölf Bilder aus dem Leben« von Fanny Lewald. (Berlin 1888.)

»Ich für mein Teil hatte, außer dem Landschaftsmaler Hummel und seiner lieblichen kleinen Frau, in Weimar eine mir und Stahr sehr werte Freundin wiedergefunden, eine Russin, geb. v. Gallahoff, mit der und deren Bruder wir in Rom in engem Verkehr gelebt. Sie hatte seitdem einen weimarischen Justizbeamten, Herrn v. Schwendler, geheiratet, und die zwei Jahre, in denen wir uns nicht gesehen, hatten in unserer Zuneigung nichts geändert.

»Während Therese zur Tafel in das Schloß fuhr, ging ich zu Frau v. Schwendler, bei der ich neben einigen anderen Gästen auch ihre Schwester, die Frau des Kammerherrn v. Plötz, und ihre greise Schwiegermutter traf. Die letztere war eine Frau aus dem alten Goetheschen Kreise und früher an einen Grafen Schlabrendorf verheiratet gewesen.

»Als im Laufe der Unterhaltung die Rede auf Liszt gekommen war, konnte es nicht fehlen, daß man der Fürstin Wittgenstein gedachte und die Wahrscheinlichkeit oder Unwahrscheinlichkeit einer Verheiratung der beiden in Erwägung zog. Wie bei allen derartigen Verhältnissen machten die verschiedensten Meinungen und Ansichten sich geltend, und Zustimmung und Tadel steigerten sich in ihrem Eifer aneinander, als ob solche Verbindungen noch nie dagewesen wären und nicht immer wieder vorkommen würden. Nur die greise Frau v. Schwendler blieb so ruhig, als hätte sie es von Goethe erlernt, in Gelassenheit die menschlichen Dinge menschlich zu betrachten. ›Wir dürfen doch nie vergessen,‹ sagte sie, ›daß solche aus der Bahn der Sitte abweichende Schritte eben kein sinniger Mensch zum Spaße tut, denn jeder weiß im voraus, daß sie ihn mit seiner ganzen Umgebung und mit allen seinen Verhältnissen in Zwiespalt bringen müssen. Man muß gewiß immer durch sein Inneres und durch die äußeren Umstände sehr dringend dazu gezwungen werden; und solchen Menschen dann das Leben noch schwerer zu machen durch Beurteilungen, die sich ja doch immer nur an den Außenseiten halten können, statt ihnen so viel als möglich zur Beruhigung, zum Ausgleich zu helfen, statt mit Schonung zu mildern – das ist ein Mangel an Überlegung und ein Zeichen von großer selbstgewisser Härte. Ich beklage die Fürstin und beklage auch Liszt; denn ob sie glücklich würden miteinander, das können sie selber kaum wissen, und das Leid des Konfliktes, das ist ihnen ganz gewiß.‹

»Die Sache war damit im Augenblick abgetan; aber ich hatte die Empfindung, so würde wohl auch Goethe gesprochen haben. Es war nebenher das biblische, in den gesellschaftlichen Ton übertragene: Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet! – und ich habe später im Leben oft genug daran zurückgedacht.«

Fanny Lewald erzählt dann von einem Besuche, den sie mit ihrer Freundin auf der Altenburg bei der Fürstin gemacht. Liszt war dort, als sie eintrafen, wohnte aber noch im »Erbprinzen«.

»Da wir den Wagen auf der Altenburg behalten und es, während wir oben waren, in Strömen zu regnen begonnen, brachen wir nach etwa einer Stunde, schon aus Mitleid mit dem Kutscher, auf, und Liszt folgte unserem Beispiel. Weimar war damals mit Fuhrwerk noch wenig gesegnet, und der kleine, zweisitzige Wagen, den man uns geschafft, hatte eben nur Raum gehabt für uns und das Schleppkleid Theresens, die im Hofanzug geblieben war. Als wir uns in dem Wagen untergebracht hatten, machte Liszt Anstalt, ebenfalls einzusteigen.

»›Das ist ja unmöglich!‹ riefen wir beide aus, ›Sie können sich hier nicht unterbringen.‹

»›Was heißt Ihr pas moyen de se fourrer Ià-dedans?‹ entgegnete er mit seinem frohesten Lachen. ›Wenn Sie einen großen Pudel hätten, wäre schon Platz für ihn!' – und rasch hineinspringend setzte er sich, seine Füße unterschlagend wie ein Türke, auf den Boden nieder und rief: › A présent mettez vos quatre jolies pattes sans gêne sur moi; vous serez à merveille et je serai à l'abri de cette grosse pluie!‹ In vollem Lachen langten wir in unserem Gasthofe an, saßen bald darauf in Theresens Stube beim Tee zusammen, und eine der ersten Fragen Theresens galt der, wie man damals annahm, nahe bevorstehenden Heirat der Fürstin und ihres Freundes. Ich wollte mich also mit einem schicklichen Vorwand entfernen, da ich auf Liszts Vertrauen keinen Anspruch hatte. Liszt jedoch hielt mich davon zurück.

»›Bleiben Sie doch! ich gehöre nicht zu denen, die wie der Strauß den Kopf in den Busch stecken, um nicht gesehen zu werden. Ich kenne nichts, was so dumm ist, als ein Geheimnis zu machen aus Dingen, die vor aller Welt liegen. Unsere Verhältnisse sind verwickelt, wir werden zu sehen haben, wie sie sich gestalten lassen. Die Fürstin ist in Rußland nach allen Seiten hin gebunden, und sie vergessen hier in Weimar immer, daß wir keine Protestanten sind – daß wir um nichts in der Welt, nicht die Fürstin und nicht ich, an einen Glaubenswechsel denken können.‹

»›Ach,‹ rief Therese, ›sprechen Sie doch überhaupt von Ehe nicht; Sie sind nicht beständig, und Sie wissen nicht, was eine unglückliche Ehe ist!‹ fügte sie seufzend hinzu. ›Sie würden nur unglücklich machen und unglücklich werden in jeder Ehe.‹

»›Sehr möglich!‹ unterbrach er sie, ›im Grunde glaube ich das selbst. Der Eid ist eine ernste Sache. Was man getan hat, das weiß man, das kann man beschwören. Was man empfinden, tun wird, nicht tun wird, das kann man nicht wissen, das zu beschwören ist bedenklicher. Wer kann beschwören, daß er immer derselbe bleiben wird! Ich bin gewiß, daß man mit mir am besten fährt, wenn man mir meine Freiheit läßt, daß es riskiert ist, mich zu binden, sei es an eine Person oder an einen Ort.‹ Er sprach das zwischen Ernst und Scherz, aber der Ernst überwog, als er hinzusetzte: ›Sie müssen die Fürstin kennen lernen! Es ist etwas Großes in ihrer Natur, und sie hat ebensoviel Geist als Charakterstärke. – Es war ein Entschluß, daß sie hierher gekommen, mir gefolgt ist; ich hatte sie nicht erwartet.‹

»Ich dachte an den Ausspruch der greisen Frau v. Schwendler: Das künftige Glück ist zweifelhaft! Die Sorgen und Schmerzen waren gegenwärtig ...«

Und nun sammelte sich ein Kreis von Schülern um Liszt, die nachmals die bedeutendsten Verbreiter der »Zukunftsmusik« werden sollten. Diesen Namen hatte die Fürstin einst den Kompositionen Wagners, Liszts und Berlioz' gegeben, und er ist ihnen geblieben.

In den ersten Jahren verkehrte die Fürstin mit der Gesellschaft und ging an Hof, wo sie von den Fürstlichkeiten sehr gütig aufgenommen wurde. Das änderte sich, als sie von Kaiser Nikolaus aus Rußland verbannt wurde und dessen Schwester, die Großherzogin Maria Paulowna, sie infolgedessen nicht mehr empfangen durfte. Nun zog sich auch die Hofgesellschaft – mit Ausnahme einiger wenigen, die Selbständigkeit genug besaßen, um ihr treu zu bleiben – von ihr zurück, und nur die Künstler sowie Fremde besuchten die schönen Räume der Altenburg, wo die anregendste, geistvollste Geselligkeit sich um die gescheite, lebendige und gelehrte Frau und den seltenen Künstler gruppierte. Zwischen ihnen wuchs Prinzeß Marie heran, die ein so reizendes, begabtes Wesen war, daß kaum einer sie kennen lernte, der nicht ihrem Zauber erlag und sie verehrte und bewunderte.

Die bedeutendsten Musiker, die sich in den zwölf Jahren hier um Liszt scharten, waren: Hans v. Bülow, Hans v. Bronsart, Peter Cornelius, Joachim Raff, Karl Tausig, Karl Klindworth, Dionys Pruckner, Ferdinand Schreiber, Alexander Winterberger, Anton Rubinstein, Felix Dräsecke, Edouard Lassen. Von Schülerinnen seien genannt: Martha Sabinin, die Tochter des russischen Propstes, Ingeborg Stark und Aline Hundt. Joseph Joachim, Laub, Singer, Leopold Damrosch, Grün und Alexander Ritter waren als Konzertmeister und Geiger, Coßmann als Cellist in der Hofkapelle angestellt; alle waren sie durch Liszt nach Weimar gezogen worden. Von den zeitweilig hier weilenden Musikern seien noch Reményi, Vieuxtemps, Sivori, Bazzini, Piatti, Jaëll, Litolff, Robert und Klara Schumann, Henselt und Robert Franz genannt. Letzterer war Liszt zum größten Danke verpflichtet, denn dieser hat ihm immer wieder Hilfe gebracht, wenn die Not am größten war.

Um den selbstlosen, hilfsbereiten Charakter Liszts in das rechte Licht zu stellen, braucht man nur die Namen Hektar Berlioz und Richard Wagner zu nennen. Berlioz' Werke wurden hier aufgeführt, während er in Frankreich noch kein Publikum hatte, und ihm damit der Weg in die Pariser Konzertsäle gebahnt. Für Wagner war Liszt der gute Engel, solange Not und Sorge ihn bedrängte; ohne ihn wäre er vielleicht unerkannt zu Grunde gegangen, denn nur er begriff, daß Wagner eines der größten Genies war, das der Welt erhalten werden mußte. – Am 16. November 1860 schrieb Liszt »an eine Freundin«: »Franz Liszts Briefe an eine Freundin.« Herausgegeben von La Mara. (Leipzig 1894.)

Wagner hatte seine wundervollen Meisterwerke erfunden und beendet, meine Sorge mußte es sein, sie Wurzel im deutschen Boden schlagen zu lassen, während er im Exil war und alle großen und kleinen Theater Deutschlands sich fürchteten, seinen Namen auf ihren Affichen zu zeigen. Vier bis fünf Jahre »Eigensinn« meinerseits haben genügt, um das zu bewerkstelligen, trotz der beschränkten Mittel, die mir hier zu Gebote standen. Wien, Berlin und München etc. thun seit fünf Jahren weiter nichts, als was das kleine Weimar [über das sie sich damals lustig machten] ihnen vor zehn Jahren diktierte ...

Aber auch Maler, Bildhauer und Dichter waren Gäste und Freunde Liszts und der Fürstin Wittgenstein: Wilhelm v. Kaulbach, der ein Porträt von Liszt und eines von Prinzeß Marie malte; Ernst Rietschel, der das Medaillon von Liszt und eine Büste der jungen Prinzessin machte; Donndorf, der Medaillons von Prinzeß Marie und Daniel Liszt modellierte; Hähnel, Moritz v. Schwind, Friedrich Hebbel, Berthold Auerbach, Gustav Freytag, Alfred Meißner, Karl Gutzkow, Otto Roquette, Saphir, Adolf Stahr und Fanny Lewald, Max Waldau, Adolf Stern, Brendel, Friedrich Bodenstedt, Paulus Cassel, das englische Paar Lewis und George Elliot; der Kunstschriftsteller Ernst Förster, Hackländer, Bettina v. Arnim mit ihren Töchtern Maxe, Armgard und Gisela; Herman Grimm; die Sängerinnen Pauline Viardot-Garcia und Johanna Wagner; die Harfenspielerin Gräfin Saurma-Spohr; Marie Seebach, die vortreffliche Schauspielerin, und ihre Kollegen aus Dresden, Davison und Emil Devrient; Tichatschek, den ersten »Tannhäuser«, nicht zu vergessen, und viele andere, deren Namen nicht verzeichnet worden sind.

Von Weimaranern, die auf der Altenburg ein- und ausgingen, verdienen Erwähnung: Friedrich Preller mit Frau und Söhnen, Bonaventura Genelli, Wislicenus, Genast mit seiner Familie, Herr und Frau v. Milde, deren ältester Sohn Franz das Patenkind von Liszt war; der Schriftsteller Richard Pohl, dessen Frau, eine vortreffliche Harfenspielerin, in der Kapelle angestellt wurde, nachdem Berlioz sie warm empfohlen hatte; sowie Hoffmann-Fallersleben mit seiner Frau. In diesem Kreise geist- und talentvoller Menschen wurde – wie Hebbel sagte – »das Gespräch von selbst zum Goldgewebe, weil die Harmonie in der Luft lag«. Und welch wundervolle Musik man da hören konnte! Wenn man daran zurückdenkt, so kommt einem jetzt alles leer und tonlos vor.

Von Herren und Damen aus der Hofgesellschaft weiß ich kaum jemand zu nennen, der mit der Fürstin Wittgenstein verkehrte, als meine Mutter, die sich mit ihr befreundet hatte und ihr die Treue hielt solange sie lebte. Daher die Freundschaft Liszts und der Fürstin für diese selten vortreffliche Frau und – zu ihrem Angedenken – später für mich.

Hier, wie überall, gab es Cliquen und sich anfeindende Parteien; die sogenannten »Hofräte« und ihre Frauen hielten sich, aus bürgerlicher Wohlerzogenheit, von den Bewohnern der Altenburg zurück. Wer dazwischen stand, hatte manchmal unter diesen Spaltungen zu leiden, wie es Peter Cornelius in seinen Briefen Herausgegeben von seinem Sohne Karl Cornelius. (Leipzig 1904.) launig beschreibt; er hatte Freunde in beiden Lagern und manchmal Mühe, sich hindurchzuwinden. – Bald zerfiel die Gesellschaft in Alt- und Neu-Weimar, besonders seit Liszt mit seinen Anhängern Ende 1854 den Neu-Weimar-Verein gegründet hatte, in den kein Alt-Weimaraner aufgenommen wurde. Natürlich galt dieses Verbot nicht für die Künstler, denn Friedrich Preller, der sich rasch mit Liszt befreundet hatte, wurde Mitglied, und von seiner Hand existieren die gezeichneten Porträts vieler Teilnehmer, die jetzt im Museum aufbewahrt werden.

Aber es wurde in der Zeit noch ein anderer Verein gegründet, dessen Mitglieder sich »Murls« (Mohren) nannten. Es waren die Lisztschüler, die sich diesen Namen gaben und ihren Meister zum »Padischah« ernannten. Da mag es wohl manchmal lustig zugegangen sein, aber es sind keine schriftlichen Beweise davon zurückgeblieben.

Friedrich Preller der Jüngere erzählt in seinen – schon angeführten – »Tagebüchern«, daß sein Vater eines Abends im Jahre 1848 bei Liszt einen siebzehnjährigen Geiger kennen gelernt habe, Joseph Joachim, dessen Spiel schon damals so hervorragend war, daß er für die Hofkapelle engagiert und 1850 Konzertmeister wurde. Er kam in das Prellersche Haus, mit ihm Hans v. Bülow und 1852 auch Peter Cornelius und Hans v. Bronsart. In den sehr einfachen Zimmern des Jägerhauses wurde dann nach Herzenslust musiziert, und es entwickelte sich unter diesen jungen und älteren Malern und Musikern ein so schönes, ideales Leben, wie es sich selten und meist nur für kurze Jahre zusammenfindet. Joachim hatte die Sonntagvormittage für musikalische Zusammenkünfte bei sich bestimmt. Er spielte dann mit Stör, Walbrül und Coßmann Kammermusik. Liszt, Preller und seine Söhne usw. bildeten das Publikum. Bald fanden sich auch Damen ein, die Fürstin mit Prinzeß Marie, Bettina mit ihren Töchtern, so daß der Raum bald nicht mehr ausreichte und die Matineen auf die Altenburg verlegt wurden. Dort nahmen sie dann solch große Dimensionen an, daß sie eine Berühmtheit wurden; es gab wohl kaum einen namhaften Künstler, der nicht hier erschienen wäre.

Die Lisztschüler ließen sich auch öffentlich hören. So spielten 1853 Klindworth, Pruckner und Mason das »Konzert für drei Pianos« von Bach in einer der Quartettsoireen, die zu der Zeit von Laub, Stör, Walbrül und Coßmann im Stadthaussaal abgehalten wurden.

Peter Cornelius berichtet eingehend über die ersten Anfänge des Neu-Weimar-Vereins, der im »Russischen Hof« sein Dasein begann. An einem langen Tische, längs der Fenster aus denen man auf den Karlsplatz sieht, präsidierte Liszt; in seiner Nähe saßen Stör, Singer, Walbrül und der Konzertsänger Soupper; am anderen Ende Hoffmann-Fallersleben, Musikdirektor Montag – der einen Singverein ins Leben gerufen hatte – Bronsart, Pruckner, Schreiber und Pohl. An einem kleinen Tische saßen Rank, Wilhelm Genast, Raff, Schade und Cornelius. Eine Zeitung, die der Verein herausgab, hieß »Die Laterne«. Nach und nach traten Milde, Alexander Ritter, Schauspieler Grans, der Maler Thon, die Musiker Viala und Winterberger ein. Leider ergaben sich nach einem Jahre schon Mißhelligkeiten; nachdem die Streiter ausgetreten, blühte der Verein wieder, und Cornelius leitete »Die Laterne« vortrefflich. Anfeindungen hatte der Verein viele zu erleiden; die Zeitung »Deutschland« war das Organ, in dem die Angriffe und Witze erschienen.

Eine Idee Liszts, die zwischen Karl Alexander und ihm jahrelang Stoff zu Gesprächen und Briefen gab, war die » Fondation Goethe«. Liszt hatte den Entwurf zu einer großartigen Stiftung gemacht, die Goethes Namen tragen, deren Mittelpunkt Weimar und deren Protektor Karl Alexander sein sollte. Alljährlich wollte man Maler, Bildhauer, Architekten, Musiker oder Dichter auffordern, ihre Arbeiten einzuliefern, ein Komitee sollte prüfen und die Preise verteilen, die Werke und Entwürfe aber in Weimar verbleiben. Karl Alexander wünschte, den alten »Palmenorden« in dieser Gestalt wieder aufleben zu lassen, und betrieb die Sache auf das entschiedenste. Daß viel Geld dazu gehört, um so etwas richtig und anständig ins Leben zu rufen, davon hatte er keine Ahnung. Die verschiedensten Menschen wurden vom Großherzog um Rat gefragt, z. B. Adolf Stahr und Hofrat Schöll. Hoffmann und Schade sollten in ihrer Zeitung dafür arbeiten. Schon im Oktober 1849 hatte Liszt den Entwurf an Karl Alexander geschickt, seitdem erscheint dieser Gedanke in dem Briefwechsel immer wieder, bis zum Jahre 1859, wo der Großherzog Schillers 100jährigen Geburtstag für den geeigneten Zeitpunkt hielt: Liszt aber mahnte wieder, nicht etwas anzufangen, ehe man sicher sei, es mit Anstand und Erfolg durchführen zu können. Der Großherzog schrieb am 14. Oktober 1849 an Liszt:

Ihr Projekt ist das Ziel und der Untergrund, es wird dem Komitee als Kompaß dienen. Ich bitte Gott, eine Idee zu segnen, deren Tragweite groß ist, deren Konsequenzen immens werden können ...

In diesen wenigen Worten liegt die ganze ideale Anschauung Karl Alexanders. Er ging mit den besten Intentionen daran. Großes zu schaffen, meist fehlte aber die reelle Basis, erstens das Geld und zweitens die Geduld, mit der gearbeitet werden muß, – dann versank eine gute Idee lautlos, leider oft enttäuschte Menschen hinterlassend. Mit der »Goethestiftung« wurde ein bescheidener Anfang gemacht, dessen Spuren wir noch begegnen werden.

Auch die Bestrebungen Liszts, auf dem Theater große Leistungen zu erreichen, scheiterten an den oben genannten Mängeln. Am 16. Februar 1853 scheint seine Geduld wieder am Ende zu sein, denn er schreibt einen sehr scharfen Brief an seinen fürstlichen Freund, in dem er sagt, daß er die Oper nicht weiter leiten könne, wenn nichts dafür getan würde, daß er sich dann lieber zur Disposition stellen lassen wolle. Da Karl Alexander ihm gesagt, daß er noch andere Projekte habe, u. a. ein Konservatorium zu schaffen, so müsse er annehmen, daß er wirklich die Künste fördern wolle. Dann sei es aber besser, die dazu bestimmten Geldmittel auf einen Punkt zu konzentrieren, damit dieser eine gewisse Höhe erreichen könne. Alles, was er in den letzten Jahren für das Theater verlangt habe – nur das Notwendigste – um anständige Vorstellungen zu ermöglichen, sei nicht gewährt worden. Er sei bereit, der Großherzogin und dem Erbgroßherzog noch einmal alles vorzutragen, wenn das Theater noch die Gunst der Herrschaften besitze.

Karl Alexander antwortet am 17. Februar, beginnt mit einigen angenehm klingenden Worten, entschuldigt sich, daß er Liszt am 16. abends – wohl bei dem Geburtstagsfest der Großherzogin – nicht gesprochen habe, und fährt fort:

Le tourbillon, dans lequel je dournai m'a enlevé, je tache de réparer mon apparente négligence par écrit aujourdhui ...
Wir werden uns daran machen, nicht wahr, wir werden nicht verzweifeln, wenn trotz allem kämpfen die Wünsche sich nicht gleich erfüllen lassen; das Leben ist ja nichts als Kampf ...

Nach solchen Anläufen zu Verbesserungen tröstete Karl Alexander dann durch seine freundschaftlichen Versicherungen, es geschah etwas zur Steuerung der höchsten Not – und dann blieb wieder alles beim alten!

Ein nie zu vergessendes Weh geschah Liszt damit, daß er es nicht erreichen konnte, das von Richard Wagner geplante Festspielhaus für seine »Nibelungen« in Weimar errichtet zu sehen. Längst hatte er den Fürstlichkeiten von diesem Riesenplan gesprochen, vielleicht auch einige Versprechungen erhalten, aber ausgeführt wurde nichts. Der verbannte Revolutionär, der solche Ansprüche für seine Werke machte, wurde für überspannt gehalten. Freilich sah niemand so in die Zukunft, niemand glaubte, daß Wagners Werke noch nach fünfzig Jahren die Bühne beherrschen würden und sein Festspielhaus der künstlerische Mittelpunkt Deutschlands – oder vielmehr der ganzen gebildeten Welt – sein würde. Im Jahre 1856, am 10. November, ließen Liszt und Wagner aus Zürich Briefe an den Großherzog abgehen, um ihm diese Sache ans Herz zu legen. Liszt schrieb:

Dieses Werk Wagners, von dem die Hälfte fertig ist, und das in zwei Jahren [im Sommer 58] beendigt sein wird, wird diese Epoche als die monumentalste Bestrebung der heutigen Kunst beherrschen; es ist unerhört, wundervoll und erhaben. Wie sehr wäre es zu beklagen, wenn die kleinlichen Bedenken der Mittelmäßigkeit, die in manchen Fällen regiert, es verhinderten, daß es für die Welt leuchtet und strahlt! Ich glaube fest daran, daß es nicht so sein wird, und daß Eure Königliche Hoheit bei der Erfüllung dieser edlen Aufgabe, die Ihnen zu Teil wurde, nicht zögern werden ...

Karl Alexander antwortete erst am 28. November:

... Ihr Brief sagt mir, daß wir einem neuen Wunder des Wagnerschen Genies entgegensehen. Ich bin sehr neugierig darauf und sehr geneigt, die Aufführung zu erleichtern. Nach Ihrer Rückkehr werden wir die Möglichkeit zusammen beraten. Bitte, sagen Sie das einstweilen Herrn Wagner und danken Sie ihm für seinen Brief ...

Man kann sich vorstellen, welche Abkühlung der Enthusiasmus der beiden durch diese kühlen Worte erlitt, und welcher Schlag sie für Wagner waren.

Vielleicht hätte Karl Alexander sich von Liszt fortreißen lassen, wenn er selbst die Summen besessen hätte, deren es bedurfte, um ein Festspielhaus für Wagner zu errichten. Aber seine eigenen Mittel waren viel zu beschränkt und die Großherzogin Sophie richtete ihr ganzes Augenmerk auf Anstalten der praktischen Wohltätigkeit. Ihr künstlerischer Sinn war nicht stark genug, um die Schwierigkeiten zu überwinden, sie sah es nicht für ihre Pflicht an, hier einzugreifen und ein großes Kunstwerk zu fördern. Und dann muß man bedenken, daß beide im Grunde unmusikalische Naturen waren; nur leichte, gefällige Musik erfreute sie. Die Großherzogin gestand es offen ein, daß ihr die italienischen Kompositionen die liebsten seien. Karl Alexander aber interessierte sich anscheinend für alles; er glaubte, es müsse so sein. Sie hatten keine Ahnung von der Tiefe und Bedeutung der Sache, vielleicht wäre es sonst anders gekommen.

*

Liszt arbeitete, zwischen aller Tätigkeit für das weimarische Musikleben, beständig an seinen Kompositionen, klagt aber oft in Briefen, daß er nicht genug Zeit dafür habe, und daß es sein größtes Bedürfnis sei, täglich auf Notenpapier zu schreiben. Auch Briefe nahmen ihm die Zeit; wie viele er schrieb, werden wir erst jetzt gewahr, wo die Bände vor uns liegen, die doch nur eine Auswahl enthalten. – Die größten Werke, die aus der Altenburg entstanden, sind: zwölf »symphonische Dichtungen«, die »Faust«- und die »Dante-Symphonie«, die »Faustepisoden«, zwei »Klavierkonzerte«, eine »Sonate«, die »ungarischen Rhapsodien«, die »Graner Messe«, Teile der Oratorien »Heilige Elisabeth« und »Christus«; so viele kleinere Kompositionen und Lieder, daß die Namen allein hier zuviel Platz beanspruchen würden. Außerdem schriftstellerte er auch in diesen Jahren, schrieb Aufsätze, besonders über die Wagnersche Musik, und die Bücher »Chopin« und »Die Zigeuner«. Sein Schreibtisch stand in dem sogenannten »blauen Zimmer«, in dem auch die Fürstin schrieb und arbeitete. Viele von diesen Sachen sind gewiß so gut an dem einen wie an dem andern Tisch entstanden, wenigstens zwischen ihnen besprochen worden. Was für Zeitungen bestimmt war, übersetzten Cornelius oder Raff ins Deutsche. Zu denen, die hauptsächlich durch ihre Feder für die neue musikalische Richtung eintraten, gehörten vor allen Richard Pohl in Weimar und Brendel in Leipzig, der die von Schumann gegründete Musikzeitung redigierte. Aber auch Bülow und Bronsart, Raff und Cornelius ließen gelegentlich ihre Stimmen ertönen.

Welche hilfsbereite Stellung Liszt einnahm, wie unendlich viele Menschen er sich zu Dank verpflichtete, ersieht man aus den Briefen, besonders aus den an ihn gerichteten. Natürlich erntete er auch viel Undank, – in späteren Jahren sprach er oft bitter über Dankbarkeit – aber er ließ sich dadurch nicht abhalten, immer wieder zu helfen, zu raten, seinen Einfluß geltend zu machen und zu schenken, oft mehr, als seine geringe Einnahme es ihm erlaubte. Die großen Summen, die er bei den Konzertreisen eingenommen, waren rasch geschmolzen, teils durch seine großartigen Geschenke, – z. B. für das Beethovendenkmal in Bonn – teils hatten sie dazu gedient, seine alte Mutter, die in Paris lebte, und seine drei Kinder – deren Mutter die Gräfin d'Agoult war, und die er adoptiert hatte – sicherzustellen. Die beiden Töchter, Cosima und Blandine, besuchten ihn mehrmals auf der Altenburg, der Sohn Daniel kam im Herbst 1856, um sich von seinem Abiturium zu erholen. Seine Töchter übergab Liszt, als sie erwachsen waren, Frau v. Bülow in Berlin, der Mutter seines Lieblingsschülers, Hans v. Bülow. Dieser unterrichtete die beiden talentvollen Mädchen in der Musik und verheiratete sich im August 1857 mit Cosima Liszt. Ihre Schwester Blandine vermählte sich noch in demselben Jahre mit einem Franzosen, dem Advokaten Emile Ollivier, der 1870 Minister war.

Daniel Liszt verkehrte im Winter 1856-1857 viel bei uns; er war ein sehr talent- und geistvoller junger Mann, der seinem Vater auffallend glich, nur viel ruhiger war. Er hatte in Paris den ersten Preis von allen Gymnasien errungen und sich damit sehr ermüdet. Er ging dann nach Wien, um zu studieren, aber seine schwache Brust hielt es nicht aus. Im Herbst 1859 kam er lungenkrank nach Berlin und starb im Dezember bei seiner Schwester, Frau v. Bülow. Liszt war beim Tode seines Sohnes zugegen und litt tief unter dem Verlust, besonders weil er nicht die Gabe hatte sich auszusprechen, nur in Tönen konnte er seinen Schmerz ausweinen.

*

Kurze Notizen über die bedeutendsten Musiker, die aus Liszts Schule hervorgegangen sind und jahrelang in Weimar gelebt haben, mögen hier folgen.

Hans v. Bülow, der später so großen Einfluß auf Deutschlands Musikleben gewinnen sollte, ist durch die Heirat mit Liszts Tochter und seinen Enthusiasmus für Wagners Musik, die er in Weimar kennen lernte, auf die Bahn gelenkt worden, auf der er so viel geleistet und so unsäglich gelitten hat. Diese Feuerseele und dieses enorme Talent in einem schwächlichen Körper, der mit Schmerzen bezahlen mußte, was der Geist von ihm erzwang – das war ein tragisches Schicksal.

Liszt hatte 1855 über ihn an Louis Köhler geschrieben:

Als mich vor fünfundzwanzig Jahren Hummel in Paris hörte, sagte er: »Der Bursch ist ein Eisenfresser.« Diesen Titel, der mir sehr schmeichelte, kann Hans v. Bülow mit vollem Recht beanspruchen, und ich bekenne, daß mir eine so außerordentlich begabte, vollständige und vollblütige musikalische Organisation wie die seinige nie vorgekommen.

Es ist hier nicht der Platz, Bülows Leben zu schildern, das man jetzt aus seinen Briefen, die in sechs Bänden vorliegen, kennen lernen kann. Es ist der Mühe wert, die Kämpfe, Sonderbarkeiten und großartigen Leistungen dieses außerordentlichen Musikers und höchst merkwürdigen Menschen zu studieren.

Sein Namensvetter, Hans v. Bronsart – Hans II., wie Liszt ihn oft nannte – stammte ebenso wie Bülow aus einer altadeligen Familie. Alle seine Brüder waren Offiziere, zwei wurden später als Kriegsminister bekannt, nur dieser wandte sich der Kunst zu und ist ein ausgezeichneter Klavierspieler und Komponist geworden. Aber mitten aus dem Künstlerleben heraus – er war damals Theaterintendant in Hannover – trieb ihn das ererbte Soldatenblut 1870 in den Krieg. Er meldete sich, exerzierte und machte die Kämpfe vor Metz mit. – Liszt schrieb 1858 über ihn an Dräsecke:

Bronsart ist mir ein sehr lieber Freund; ich schätze ihn als Charakter und als Musiker.

Er heiratete eine Künstlerin, die in den letzten Zeiten seines Hierseins ebenfalls Liszts Schülerin war, Fräulein Ingeborg Stark aus Petersburg. Liszt berichtete über sie 1859 an Louis Köhler:

Als eine außerordentlich begabte Künstlernatur habe ich Fräulein Stark sehr liebgewonnen. Dasselbe wird Ihnen passieren, wenn Sie ihre merkwürdige Sonate hören. Obendrein komponiert Ingeborg allerlei Fugen, Tokkatas usw. Ich bemerkte ihr neulich, daß sie eigentlich gar nicht danach aussähe. »Es ist mir auch ganz recht, keine Fugenmiene zu besitzen,« war ihre treffende Antwort.

Fräulein Stark war nämlich so schön, daß sie alle Herzen in Bewegung setzte. Die Zeit, die sie mit ihrer Schwester hier zubrachte, war eine genußreiche für den ganzen jugendlichen Schülerkreis, aber auch eine stürmische, bis ihre Verlobung mit Hans v. Bronsart allen Kämpfen ein Ziel setzte.

In den Briefen Liszts »an eine Freundin« steht am 30. Januar 1857:

Martha Sabinin ist in Petersburg und Bronsart in Paris. An letzteren habe ich mich sehr attachiert; er besitzt ein großes Vortragstalent und hat ein Trio komponiert, das ich als eines der besten dieser Art ansehe, z. B. viel besser als die Trios von Rubinstein. Ich denke, daß Bronsart einen sehr guten Weg machen wird, denn er hat Takt, Maß, viel Talent und einen festen, distinguierten Charakter mit angenehmen Formen. Das Konzert, das er im Weimarer Theater vor seiner Abreise gegeben hat, ist sehr gut ausgefallen, und er hat das beste Andenken hinterlassen.

Bronsart wurde dann Direktor der »Euterpe« in Leipzig, später Intendant des Hoftheaters in Hannover und zuletzt Generalintendant in Weimar. Seit er seinen Abschied genommen, lebt er mit seiner Gattin in München. Ingeborg v. Bronsart hat viel komponiert, sogar mehrere Opern, die aufgeführt wurden. Auch Bronsart hat, seitdem er in das Privatleben zurückgetreten ist, seiner Passion des Komponierens wieder nachgegeben, aber wenig veröffentlicht. – Die oben erwähnte Martha v. Sabinin wurde von ihrem Meister an General Alexis Lwoff in Petersburg mit den Worten empfohlen:

Eine Frau von Geist und ausgezeichnete, musikalische Pianistin, die, nachdem sie die gewissenhaftesten Studien gemacht, vollständig befähigt ist, andere zu lehren.

Sie wurde als Musiklehrerin der Großfürstin Marie, jetzigen Herzogin-Witwe von Koburg, angestellt. In späteren Jahren pflegte sie als Diakonissin auf den russischen Schlachtfeldern.

Joachim Raff lebte von 1850-56 hier; er hat viel für Liszt gearbeitet, soll ihm auch beim Instrumentieren geholfen und technisch manches gelehrt haben. Er heiratete Fräulein Doris Genast und lebte mit ihr bis 1877 in Wiesbaden, wo sie am Theater engagiert war. Dann übernahm er die Direktion des Hochschen Konservatoriums in Frankfurt a. M., das er bis zu seinem Tode, 1882, leitete. Raff war einer der fruchtbarsten Komponisten seiner Zeit; trotzdem sind seine Arbeiten vortrefflich gemacht. Er hat sich auf fast allen musikalischen Gebieten mit Erfolg versucht.

Joseph Joachim war von 1849-53 Konzertmeister, ging von hier nach Leipzig, wo er ganz in den Kreis von Schumanns und Mendelssohn eintrat. Er wurde dann Konzertmeister in Hannover bis zu dem dortigen Zusammenbruch 1866, kam nach Berlin und leitete die Hochschule für Musik bis zu seinem Tode. Aus seinen Briefen an Liszt geht hervor, daß er ganz der neuen Richtung ergeben war, bis er in Leipzig in die ältere Schule gezogen wurde, und von da an diente er mit Leib und Seele der klassischen Musik. Als Liszt, der nichts von seinem Abfall wußte, ihn 1857 zu den Septemberfesten hierher einlud, erhielt er eine Absage in optima forma; der Brief gereicht Joachim zur Ehre, er ist wahr und ehrlich, freilich tief schmerzlich für Liszt. Nur daß er so lange gezögert hatte, Liszt reinen Wein einzuschenken, durfte man ihm vorwerfen, und er gestand selbst diese Schuld ein. Joachim wurde von da an von den Anhängern Liszts und Wagners als falscher Charakter und Abtrünniger angesehen. Ich habe ihn später gut gekannt, habe ihn für eine weiche, schwache Natur gehalten, aber nicht für falsch. Wie hätte er sonst so gute, treue Freunde haben können! – Es mußten viele Jahre vergehen, ehe sich diese beiden Duzbrüder, die Verfechter der verschiedensten musikalischen Richtungen, wiedersehen konnten. Joachim besuchte Liszt später in der Hofgärtnerei, nachdem ich ihm versichern konnte, daß dieser sich über sein Kommen freuen würde. Es war rührend, wie bewegt die beiden alternden Männer ihrer Jugend gedachten.

Der talentvollste Schüler Liszts aus der damaligen Zeit – außer Bülow – war Karl Tausig. Er kam im Juli 1855 mit dreizehn Jahren zu Liszt, der den Knaben, trotz seiner Jugend, als Schüler behielt, weil er dessen großes Talent erkannte. 1856 war Tausig im Winter in Warschau bei seinen Eltern, sehnte sich nach Weimar und schrieb an Liszt, daß ihm sein Vater das Geld zu Reise und Unterhalt verweigere. Da ließ ihn Liszt kommen und nahm ihn zu sich auf die Altenburg. Der kleine Bursche war sehr übermütig und vollführte allerhand tolle Streiche, Liszt lachte und zankte, hielt ihn aber wohl nicht streng genug, die älteren Schüler fanden, daß er zu sehr verzogen werde; und endlich muß er doch irgendeinen Streich gemacht haben, der Liszts Güte für ihn zu sehr auf die Probe stellte, – kurz, er mußte fort. Daß etwas zwischen ihm und seinem Meister lag, fühlt man aus dem Brief, den er am 15. Januar 1858 aus Berlin schrieb, wo er unter Bülows Direktion das Klavierkonzert von Liszt gespielt hatte:

Trotzdem daß Sie mir verboten haben, im Falle eines Erfolges Sie von dem Gange unseres Concertes zu benachrichtigen, und es blos dann zu thun, wenn es mir schlecht ginge, so kann ich es nicht umhin lassen, und das schon aus dem Grunde, daß es mir nirgends ohne Ihre Anwesenheit gut gehen kann. Wir haben einen gloriosen Sieg erfochten, die Sachen sind vortrefflich gegangen und merkwürdiger Weise mit lautem Beifall begrüßt.

In Wien und Dresden tat er sein möglichstes, für Liszts Kompositionen zu wirken, aber er fand nirgends festen Boden und ließ sich endlich 1865 in Berlin nieder, wo er eine Musikschule gründete.

Für den letzten Besuch, den Tausig in Weimar machte, meldete er sich von Berlin aus am 21. Mai 1871 mit folgenden Worten bei Liszt an:

In zehn Tagen werden Sie mich in Weimar sehen, und wenn Sie erlauben, so bleibe ich etwas in Ihrer Nähe. Ich fühle mich so erschöpft und ermüdet, daß ich durchaus eine Erholung brauche; Sie können sich nicht denken, wie mutlos und zerschlagen ich bin ... Übersetzt.

Ich war bei Liszt als Tausig ankam. Der Dreißigjährige war ein alter, müder Mann mit grauen Haaren geworden. Das Leben, das er wohl zu intensiv genossen, hatte ihn mürbe gemacht. Einige Wochen darauf – während einer Anwesenheit Liszts in Leipzig – erkrankte Tausig und am 17. Juli 1871 ging er zur Ruhe ein. Brief von Frau Merian an Lassen. »Anhang« Nr. I.

Dionys Pruckner und Karl Klindworth blieben zeitlebens starke Säulen der Zukunftsmusik. Ersterer wirkte als Professor am Stuttgarter Konservatorium; letzterer – einer der wenigen noch Lebenden aus jener Zeit – ist hervorragend als Klavierspieler, Dirigent und Bearbeiter. Er lebte in London, Moskau und Amerika. Seit 1872 leitet er eine Musikschule in Berlin.

Ein Musiker, den man zwar nicht zu den Schülern Liszts rechnen kann, aber zu seinen fanatischen Anhängern, war A. W. Gottschalg, der frühere Kantor in Tiefurt, nachherige Hoforganist in Weimar. Er war schon auf der Altenburg und dann während Liszts späterem Aufenthalte hier viel bei ihm. Dieser nannte ihn »den legendarischen Kantor«, »den ich schätze als einen sehr redlichen, tüchtigen, ernstlich strebsamen und verdienstlichen Kunstgenossen, für dessen weiteres Fortkommen ich mich interessiere – was ihm gebührt«.

Die beiden Künstler, die uns hier am wichtigsten sind, waren Edouard Lassen und Peter Cornelius. Lassen war am 13. April 1830 in Kopenhagen geboren und in Brüssel erzogen worden. Er erhielt den Prix de Rome und kam auf dem Rückweg von Italien hierher zu Liszt. Der Zauber des Kreises, in den er trat, Liszts Persönlichkeit und die neue musikalische Richtung fesselte ihn so, daß er wieder kam, um seine Oper, »Landgraf Ludwigs Brautfahrt«, Liszt vorzulegen. Dieser hatte schon beim ersten Besuche Lassens einen guten Eindruck von ihm bekommen und empfing jetzt ihn und sein Werk mit offenen Armen. Am 10. und 18. Mai 1857 waren die Aufführungen, und von da an hat Lassen sich zu Weimar gerechnet und sein ganzes Leben hier verbracht. Am 1. Januar 1858 wurde er Musikdirektor; Goetze erhielt den Abschied, Stör und Lassen teilten sich in die Arbeit. Er war nicht nur für das Theater eine vortreffliche Kraft, sondern auch in der Geselligkeit als Mensch und Künstler sehr beliebt; er spielte und dirigierte, komponierte und half, so oft er darum gebeten wurde. Er übernahm auch die Hofkonzerte, nachdem er 1861 Hofkapellmeister geworden, und eignete sich, durch seine feine, liebenswürdige Natur und seine guten Umgangsformen, zum Mittelsmann zwischen dem Hofe und den Künstlern. Lassen hatte kaum einen Feind, wohl aber einen Kreis von Freunden, der jede seiner Kompositionen mit Freuden empfing. Mit den Opern hat er geringe Erfolge erzielt, aber unter seinen Liedern sind wundervolle Sachen, die mit Unrecht heute beinahe vergessen sind. Liszt liebte und schätzte ihn, lächelte nur manchmal überlegen, wenn die Verehrer die Lassenschen Kompositionen gar zu sehr in die Wolken erhoben. Von den Liedern stellte auch er manche sehr hoch, z. B. »Löse Himmel meine Seele«, aus dem er ein Klavierstück gemacht hat. Lassen war ein treuer, warmer Verehrer und Freund Liszts; kaum jemand verstand die komplizierte Natur des Meisters so gut als er.

Wir werden Lassen in diesen Blättern immer wieder begegnen, nicht nur weil er eine wichtige Stellung hier einnahm, sondern weil ich aus den Briefen an seine Eltern – die mir nach Lassens Tode übergeben wurden – geeignete Stellen bringen werde. Sie sind aus dem Französischen übersetzt und alle ungedruckt.

Peter Cornelius stammte aus einer Schauspielerfamilie, wandte sich aber der Musik, d. h. der Komposition, und der Schriftstellerei zu. Seine Gedichte, Aufsätze und Operntexte sind wohl ebenso wertvoll wie seine Lieder und Opern. Peter Cornelius, der berühmte Maler, war sein Onkel, in dessen Hause in Berlin er acht Jahre lebte. Dann zog ihn Liszts Ruf nach Weimar. Am 4. September 1852 schrieb ihm dieser: »Peter Cornelius' ausgewählte Briefe.« Herausgegeben von Karl Maria Cornelius. (Leipzig 1904.)

Ich hoffe, daß Sie mich hier besuchen, ehe Sie an den Rhein gehen. Das Zimmer, neben dem, das Herr v. Bülow gewöhnlich bewohnt, steht ganz zu Ihren Diensten und Sie würden mich sehr erfreuen, wenn Sie sich sans façon da etabliren und regelmäßig, als Bewohner der Altenburg mit uns zu Mittag essen wollten. Die Theater-Saison beginnt nächsten Sonntag den 12. September mit »Hernani« von Verdi. Anfang October spätestens wird »Lohengrin« gegeben und am 12. November erwarte ich den Besuch von Berlioz, der acht Tage in Weimar bleiben wird. Dann hören wir »Cellini«, – die Symphonie »Romeo und Julie« und einige Stücke aus »Faust« ...

Cornelius lebte nun viel in Weimar, wohnte auch einige Jahre mit Bronsart zusammen, in dem Haus Nr. 18 der Luisenstraße, das damals noch einzeln zwischen Gärten stand, und zeitweise in dem Nebengebäude der Altenburg. Er erwarb sich sehr gute Freunde hier, so den Bibliothekar Reinhard Köhler und das Ehepaar Milde; Frau Rosa besang er in schwärmerischen Versen. Während er an seiner ersten Oper, »Der Barbier von Bagdad«, arbeitete, übersetzte er Liszts Buch »Die Zigeuner« und den Text zu Berlioz' »Cellini« aus dem Französischen; und aus dem Russischen – mit Hilfe Anton Rubinsteins – den Text zu dessen Oper »Die sibirischen Jäger«. Wollte er ganz ungestört sein, so ging er nach Bernhardshütte; dort sind wohl seine schönsten Kompositionen und Verse entstanden.

Liszt zeigte so viel Interesse für den »Barbier«, daß Cornelius seiner Schwester schreiben konnte:

Du weißt daß Liszt gesagt hat, es habe ihn seit Berlioz' »Cellini« keine Opernmusik so interessirt als die meinige.

So sollte dieser »Barbier« natürlich seine Uraufführung hier erleben, so gut wie Raffs »König Alfred« und Lassens Opern. Es war eine bei Liszt sehr feststehende Ansicht, daß Weimar immer vorangehen, lieber etwas riskieren, nur nicht in zweiter Linie marschieren müsse. Freilich übersah er rascher als andere die Lage der Dinge, den Wert der Künstler und ihrer Arbeiten. Nur im Charakter der Menschen täuschte er sich oft, er hielt sie für besser als sie sind – das war ein Zeichen seiner eignen hochstehenden Anschauung.

Der verhängnisvollen Rolle, die »Der Barbier von Bagdad« hier spielen sollte, wird im Theaterkapitel gedacht werden; hierher gehört nur noch Persönliches von den Bewohnern der Altenburg.

Lassen schrieb am 17. August 1859 an seine Eltern:

Am 15. war der Namenstag von Prinzeß Marie; auf der Altenburg war große Gesellschaft und man hat Verschiedenes aufgeführt. Von Liszt die »Seligpreisungen« und den »heiligen Franziskus«, meinen »Elfenchor« und ein neues » Ave Maria«, das ich für diesen Tag komponiert habe und das Milde ausgezeichnet gesungen hat. Die »Seligpreisungen« von Liszt sind wundervoll, es ist die Bergpredigt für Bariton mit Männer- und Frauenchor. (Aus dem Oratorium »Christus«.)

20. Oktober. Sonnabend (den 15.) war die Hochzeit von Prinzeß Marie (Wittgenstein mit Prinz Konstantin zu Hohenlohe-Schillingsfürst, Generaladjutanten des Kaisers von Österreich). Sie ist ruhig vorübergegangen. In der katholischen Kirche (in der Marienstraße) war nur die Familie und einige Auserwählte, zu denen ich gehörte. Es war sehr traurig, die Mutter und Miß Anderson (die langjährige Erzieherin und Vertraute) schluchzten laut. Die Fürstin Carolyne ist gestern nach Paris gereist, wo sie acht Tage bleibt.

Die veränderten Verhältnisse auf der Altenburg, die Heirat der Prinzeß Marie, erlaubten der Fürstin, nun ihre ganze Kraft daran zu setzen, um die Verbindung mit Liszt zu erreichen. Sie entschloß sich, im Frühjahr nach Rom zu reisen, um dort beim Papst ihren Wunsch durchzusetzen.

Liszt schrieb am 4. Dezember 1859 an seinen fürstlichen Freund:

... So schmerzlich auch die letzten Jahre in Weimar für mich gewesen sind, die Zuneigung und Achtung, die Sie mir erzeigten, haben meine Ergebenheit befestigt – aber diese Ergebenheit gebietet mir jetzt, nicht weiter in dem Vertrauen Eure Königlichen Hoheit vorzugehen, da ich nicht weiß, ob ich mich desselben noch lange erfreuen werde. Die Nachrichten, die ich aus Petersburg über die Scheidung der Fürstin Wittgenstein erhalte, beweisen, daß eine geheime, böse Macht fortfährt darüber zu herrschen. Dadurch ist meine Stellung in Weimar unhaltbar. Solange es sich darum handelte, eine minderjährige Tochter gegen diese Macht zu schützen, hat man das Unerträgliche ertragen; aber jetzt sehe ich voraus, daß – trotz dem Schmerz, den mir die Trennung von Ihnen, gnädigster Herr, bereiten wird – ich mir nächstens fern von Weimar eine Existenz suchen muß, die vielleicht weniger ehrenvoll sein wird, aber in der mir von außen weniger systematisch entgegengearbeitet und nach innen alles zusammengedrückt und beschnitten wird. Mein unerschütterlicher Entschluß ist gefaßt, mich in meinen reifen Jahren von allem persönlichen Kontakt mit dem Publikum zurückzuziehen; fast vierzig Jahre haben mich gesättigt; ich muß, für die Jahre die mir noch bleiben, neue Wege einschlagen ...

Fürstin Carolyne Wittgenstein reiste im Frühjahr 1860 nach Rom, um ihre Heirat mit Liszt zu betreiben. Sie dachte in einigen Wochen zurück zu sein, und hatte Miß Anderson gebeten, so lange auf der Altenburg zu bleiben. Aus Lassens Briefen sieht man, daß sie ihre Reise immer wieder verschieben mußte. Zu Liszts Geburtstag, dem 22. Oktober, hatte man sie bestimmt erwartet, aber wieder vergebens. Daß Liszts Bleiben in Weimar nicht mehr von langer Dauer sein werde, ahnte man; so suchte man diesen Tag besonders festlich zu begehen, ernannte ihn zum Ehrenbürger der Stadt und brachte ihm einen Fackelzug.

Liszt kam oft zu meiner Mutter, um Nachrichten von der Fürstin zu bringen oder um einen freien Abend bei uns zuzubringen. Auch am Weihnachtsabend erschien er und spielte auf unserem Flügel. Die Janitscharenmusik, die das alte Instrument barg, machte ihm ganz besonderes Vergnügen.

Je länger die Abwesenheit der Fürstin dauerte, je gewisser wurde es, daß Liszt zu ihr nach Rom reisen müsse, um dort die Trauung vollziehen zu lassen. Daß sie Weimar nicht wiedersehen, Rom nie mehr verlassen würde, ahnte niemand.

Am 21. Februar 1861 schrieb Lassen:

In Liszts Abwesenheit (er war acht Tage in Leipzig) habe ich ein Hofkonzert und am nächsten Morgen eine Matinée veranstaltet, in denen Marchesi gesungen hat. Liszt kam heute mit seiner Tochter, Frau v. Bülow, zurück. Näheres in: »Zwei Menschenalter«. Sie ist krank, hustet schrecklich; Liszt glaubt sie verloren, an derselben Krankheit die ihr Bruder hatte. Ihr könnt denken wie ihn das betrübt.

Am 13. März war in Paris Wagners »Tannhäuser« aufgeführt und ausgepfiffen worden, wie Liszt es in einem Brief an den Großherzog vorhergesagt hatte – er kannte die Franzosen, ihren Geschmack und ihre Gewohnheiten! Lassen schrieb darüber:

Liszt hat sich bei dieser Gelegenheit wieder so groß benommen, wie nur er es kann. Nach der ersten Nachricht von dem Fiasko hat er gleich an den Großherzog geschrieben – er hat mir den Brief gezeigt – und hat für Wagner den Falkenorden verlangt. Ich denke, der Großherzog wird ihn geben – wenn er nicht besondere Rücksichten auf Sachsen zu nehmen hat. Wir wissen jetzt aus Richard Wagners »Mein Leben« (München 1911), daß Karl Alexander das Gesuch abschlug. Bisher glaubte man, daß sein undatiertes Billett an Liszt (Briefwechsel Franz Liszts mit Karl Alexander, herausgegeben von La Mara, S. 102), in dem er den Falken für den » Compositeur des Nibelungen« verspricht, sich auf Wagner bezöge und in den Sommer 1861 zu setzen sei. Jetzt muß man das Schreiben auf Hebbel beziehen und es in das Jahr 1858 verweisen, da er in dem Sommer seine »Nibelungen« hier aufgeführt und vom Großherzog den Orden erhalten hat.

Lassen schrieb am 30. März:

Bülow war einen Tag hier, ich habe mit ihm über die Tannhäusergeschichte in Paris gesprochen, der er beigewohnt hat. Wagner hat die Oper nach der dritten Aufführung zurückgezogen, das verlangte sein Stolz. Wenn er »Rienzi« vorher gegeben hätte, wäre »Tannhäuser« nicht durchgefallen. Zu seinen Lebzeiten ist er in Paris unmöglich, aber in 50-100 Jahren wird man mit seinen Sachen Gold machen.

30. April: Ich habe heute mit Liszt gefrühstückt und ihn dann zur Bahn gebracht. Quel cœur admirable! (Liszt fuhr über Brüssel nach Paris.)

15. Juni: Liszt ist gesund und guter Laune wiedergekommen; er freut sich sehr über seine Ernennung zum Kommandeur der Ehrenlegion. Wißt Ihr die Antwort, die er dem Kaiser Napoleon gegeben hat? Sie zeugt von seltener Geistesgegenwart. Der Kaiser sagte ihm nach dem Diner in den Tuillerien: »Manchmal kommt es mir vor, als wenn ich hundert Jahre alt wäre!« Liszt antwortete auf der Stelle: »Das ist nicht zu verwundern, Sire, Sie sind das Jahrhundert.«

In diesen Tagen kam Cosima v. Bülow bei ihrem Vater an; sie war auf dem Weg nach Reichenhall. Liszt begleitete sie bis Nürnberg, und Lassen schrieb:

Sie sieht besser aus als im Winter; vielleicht kann man sie doch noch retten.

Für den 5. August 1861 hatte Liszt das zweite Tonkünstlerfest angesetzt, das diesesmal in Weimar abgehalten wurde. Das erste hatte 1859 – auf Anregung Brendels – in Leipzig stattgefunden und war die Veranlassung zur Gründung des allgemeinen deutschen Musikvereins geworden.

Am 2. August kam Richard Wagner hier an und überraschte Liszt und die versammelten Musiker in einer Konzertprobe im Theater. Wagner hatte 1849 von hier aus fliehen müssen; seit einigen Wochen erst durfte er sich wieder in Deutschland aufhalten. Als man ihn erkannte, brach ein wahrer Sturm von Begeisterung unter den Musikern los. Liszt und er hielten sich umschlungen, als wollten sie sich nie wieder von einander trennen.

Professor Karl Riedel aus Leipzig war mit seinem Gesangverein herübergekommen. Unter den Sängerinnen befand sich auch seine Schwester, die noch jetzt lebende Frau Gerichtsrat Wichmann, welche mir ihre Erinnerungen an diese Festtage gütigst mitteilte, die ich hier einflechten werde:

Mein Bruder war mit Liszt befreundet. Der Meister kam nach Leipzig in die Thomaskirche, um die » Missa solemnis« zu hören, die mein Bruder seinem Verein einstudiert hatte. Liszt forderte ihn dann auf, dieses Werk in Weimar beim Musikfest aufzuführen, – und ich reiste im Gefolge des Riedelschen Vereins mit dorthin. Der Verein brachte nicht nur die » Missa« glänzend zur Aufführung, sondern auch eine Bachsche Fuge aus dem Stegreif (am ersten Morgen in der Stadtkirche), welche der Meister zu hören wünschte. Zur Belohnung wurden dem Verein alle Herrlichkeiten Weimars gezeigt: die mit Fackeln erhellte Fürstengruft, das Schloß mit den schönen Gemälden, Belvedere etc.

Liszt hatte eine Menge Künstler als Gäste auf der Altenburg; auch mein Bruder wohnte bei ihm. Bei dem Festessen am ersten Abend saß Liszt zwischen ihm und Richard Wagner. Emil Palleske feierte die beiden Freunde, Liszt als den freigebigen Beschützer aller jungen Künstler; bei Wagner hob er hervor, daß man kein Gartenfest höre ohne Wagnersche Musik, so daß man sagen könne, er sei volkstümlich geworden. Wagner erwiderte: »Etwas Lieberes hätte mir der Vorredner nicht sagen können, denn volkstümlich zu werden war von je mein Wunsch, deshalb wählte ich vorzüglich deutsche Mythen zu meinen Kompositionen.«

Auf einen andern ihm gebrachten Toast antwortete Wagner sichtlich gerührt, daß er dergleichen herzlicher Kundgebungen längst entwöhnt, daß aber das Verstandensein neuer Ideen das größte Glück sei, welches einem – unter drückenden Verhältnissen – schaffenden Künstler zuteil werden könne. – An diesem Abend wurde ein Fackelzug für Wagner geplant, aber er wehrte die Ovation ab.

Von den vielen Reden in diesen Tagen sei nur die von Louis Köhler aus Königsberg erwähnt, der den Zusammenschluß der Musiker und die Verbesserung der Musikschulen als notwendig empfahl. Von allen Aufführungen will ich nur den »Entfesselten Prometheus« nennen, den Liszt nach der Dichtung von Herder, und mit verbindendem Text von Pohl, komponiert hatte, sowie seine »Faustsymphonie«, die Hans v. Bülow auswendig, ohne Partitur dirigierte. Das hatte noch niemand getan, und es machte daher das größte Aufsehen.

Bei der Probe zu dem letzten Konzert dankte Liszt den Musikern und sagte bewegt, daß es vielleicht das letzte Mal sei, daß er mit einer so ausgezeichneten Künstlerschaft zusammen wirke; denn sein Scheiden stand fest, diese Tage bildeten den Abschluß seines zwölfjährigen Aufenthaltes und seiner Arbeit für Weimar. Das Konzert bestand aus Werken von Draesecke, Singer, Weißheimer, Damrosch, Cornelius usw. Emilie Genast sang Lieder von Stör, Lassen, Bülow und Liszt. Den Schluß machte das »A-Dur-Konzert« von Liszt, welches Tausig über alle Begriffe schön spielte. Nach frenetischem Applaus erschien Liszt auf der Bühne – es war der Abschied von dem Haus, in dem er so Großes geleistet hatte.

Am Schluß des Kammermusikkonzertes spielte Liszt ganz unerwartet mit Bülow drei Stücke aus Weitzmanns Werk »Musikalische Rätsel«, für die er immer großes Interesse hatte.

Am Nachmittag des 6. August spielte Töpfer, der alte berühmte Organist, für seine vielen Verehrer, Freunde und Schüler auf ihre Bitte in der Stadtkirche auf seiner Orgel vor.

In das Komitee des Musikvereins wurden Liszt, Wagner, Köhler, Brendel, Weitzmann, Pohl, Riedel, Gille, Bülow, Stern, Bronsart und Lobe gewählt.

In diesen letzten Tagen von Liszts Aufenthalt auf der Altenburg hatten sich noch einmal alle um ihn gesammelt, die ihm nahe standen. Außer den schon Genannten waren sein Vetter Eduard Liszt aus Wien und seine Tochter Blandine Ollivier bei ihm. Damrosch, Cornelius, Bronsart waren gekommen, um den Meister noch einmal zu sehen – denn von seiner Zukunft hatte niemand eine Ahnung, nicht einmal er selbst – er wußte nur, daß er nach Rom reisen würde, wenn ihn die Fürstin riefe, um dort endlich die langjährige Verbindung mit ihr zu legalisieren.

Lassen schrieb am 10. August:

Wagner war die ganze Zeit hier, gestern haben wir ihn zur Bahn gebracht, und der Abschied war sehr traurig; Liszt, Wagner und wir alle waren bis zu Tränen gerührt. Der Anblick der Altenburg ist trübselig; heute hat man alles versiegelt, morgen zieht Liszt in den Erbprinzen und am 17. geht er fort. Er hat Urlaub für sechs Monate genommen, aber ich glaube nicht, daß er wiederkommt. Es ist vorbei mit dem schönen Leben in Weimar, und der letzte Stein des Gebäudes fällt; das hat vor zwei Jahren angefangen mit dem Weggang der Prinzeß Marie, dann ist die Fürstin fort, jetzt geht Liszt – und es bleibt nichts.

20. August: Liszt ist abgereist; ich habe die letzten Tage ganz mit ihm verbracht. Er war sehr traurig beim Scheiden – Gott weiß, wann er wieder nach Weimar kommt!

30. August: Gute Nachrichten von Liszt, er ist jetzt in Löwenberg in Schlesien beim Prinzen von Hohenzollern, mit dem er sehr befreundet ist. Vor seiner Abreise hatte er ein langes Gespräch mit dem Großherzog, der ihn zum Kammerherrn ernannt hat und der darauf bestand, daß Liszt wiederkommen solle.

Am 7. September dankte Liszt dem Großherzog von Löwenberg aus für die Übersendung des Kammerherrndiploms und für die in demselben enthaltenen Worte: Zu Bezeigung Unsrer besonderen Zuneigung.

Diese Freundschaftstat ist dem Großherzog hoch anzurechnen, denn in dem Hofkreise machte diese Ernennung böses Blut. Wenn auch einzelne die Größe und den Wert Liszts ahnten, so fanden doch fast alle, daß ein Künstler nicht in diesen höchsten Kreis zu treten habe.

Aus einem Artikel in der »Weimarischen Zeitung«, der bald nach Liszts Weggang erschien, mögen einige Sätze zeigen, wie sehr man sein Scheiden fühlte und bedauerte, und daß es auch Menschen gab, die diese seltene Persönlichkeit zu würdigen wußten.

»... Anregend, bildend, verbessernd und fördernd sahen wir Franz Liszt nach allen Seiten des Kunstlebens hin wirken und eingreifen ... Ein Kreis jüngerer und reiferer Talente scharte sich um ihn, regsam, tätig, ernst strebend nach dem Vorbilde des Meisters, der sich selbst stets die echte Jugend bewahren und sie allem, was ihn umgab, mitzuteilen wußte durch den Hauch der Poesie, mit welcher er unsre musikalischen Zustände durchdrang und mit neuem frischen Gehalt erfüllte. Und wenn wir ihn nach innen und außen rastlos, uneigennützig, begeistert und besonnen wirken sehen, sei es durch Anregung und Fortbildung einer großen Idee, sei es durch Darbietung der Werke des Genius und Talents, sei es durch Unterstützung und Leitung strebsamer Kunstjünger, – überall ist es die hingebende Liebe, die wahre Humanität, die unbeirrte Gesinnungstreue, die sein Handeln, sein Schaffen, sein ganzes Wesen durchdringt und bestimmt, erfreuend, erhebend, mustergültig. Und daneben, welche Bescheidenheit bei allem edlen, männlich-künstlerischen, würdigen Stolze! Der wahren Größe gerecht zu werden, ihr zu huldigen durch Wort und Tat, darin lag ein gut Teil seines Denkens, Strebens und Wirkens ...«

Schließlich wird der Wunsch ausgesprochen, daß er wiederkehren und sein Wirken nach anderer Seite hin wenden möge. Man hoffte immer noch, ihn an der Spitze einer Musikakademie zu sehen. Dann hätte Weimar die Führung des musikalischen Lebens in Deutschland übernommen.


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