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Buchschmuck

II.

Mit ungewöhnlicher Strenge hielt in diesem Jahr der Winter seinen Einzug in den Odenwald. Drei Wochen fehlten noch bis zum Jahresschluß, und schon breitete sich eine dicke Schneedecke über die Erde.

»Wo die Kinder nur bleiben!« sagte Fräulein Buchner eines Abends, als sie mit ihrem Bruder und dem Vikar, der zur gewohnten Zeit zum Abendessen heruntergekommen war, an dem gedeckten Tisch saß. Wohl zum zehntenmal innerhalb der letzten fünf Minuten blickte sie von ihrer Handarbeit zu der alten Standuhr auf, deren schwerer Pendelschlag fast das einzige Geräusch bildete.

»Der Zug wird halt Verspätung haben,« brummte ihres Bruders tiefe Stimme zwischen zwei Zügen aus seiner langen Pfeife, deren Mundstück aber nicht das Gehege seiner Zähne verließ. Der Leitartikel seiner Zeitung nahm anscheinend seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch.

Tante Minchen war nicht in der Stimmung, sich mit so wenigen Worten abspeisen zu lassen. Sie hatte den ganzen Nachmittag ihre üble Laune bezwungen, doch diese war durch das vergebliche Warten während der letzten Viertelstunde so gewachsen, daß sie sich Luft machen mußte.

Mit einem energischen Ruck legte sie ihr Strickzeug auf den Schoß und wendete sich an den ihr gegenübersitzenden Vikar, der zum Zeitvertreib in seiner Brieftasche blätterte und mit halb belustigten, halb spöttischen Blicken die beiden beobachtete. Doch schnell trat der Ausdruck respektvoller Aufmerksamkeit in seine Züge, als Tante Minchen das Wort an ihn richtete.

»Sagen Sie einmal ganz offen, Herr Vikar, halten Sie es für richtig, daß das zehnjährige Kind ohne den Schutz Erwachsener zu dieser Tageszeit bei Schneegestöber noch unterwegs ist? Wie leicht kann es sich erkälten, wenn es aus dem überheizten Eisenbahnwagen in die kalte Winterluft kommt! Die Sorge über das Wohl und die Erziehung der übrigen Kinder ist mir ja längst aus der Hand genommen worden, aber für Liselotte fühle ich mich verantwortlich.« Ein ergebungsvoller Seufzer schloß die sich überhastenden Worte.

Arnold Körner wurde der peinlichen Aufgabe überhoben, in dieser heiklen Frage Partei ergreifen zu müssen. Mit einem bedauernden Blick nahm Pfarrer Buchner von seiner Lektüre Abschied und sagte ruhig, indem er das Blatt zusammenfaltete:

»Besinne dich doch, Minchen, haben nicht auch wir beide die Freuden des Weihnachtsmarktes kosten dürfen? Mir wenigstens ist heutigentags noch die kleine Budenstadt mit ihren Herrlichkeiten und vor allem ihren verführerischen Pfefferkuchendüften eine liebe Erinnerung. Soll ich wegen der Möglichkeit eines Schnupfens meinem Liselchen solche dauerhaften Kindheitseindrücke vorenthalten? Im Weihnachtsmarkt steckt noch ein Stück der alten Zeit; dank der Warenhäuser wird er bald genug der Vergangenheit angehören.«

»Unsere Eltern waren aber bei uns,« erwiderte seine Schwester in unverminderter Kampfesstimmung.

»Inge, Eva und Alexander lassen gewiß die Kleine nicht aus den Augen,« erwiderte der Pfarrer ungeduldig.

»Die brauchen selbst noch Aufsicht,« kam es prompt zurück. »Traurig genug, daß es so ist.«

Ehrliche Entrüstung klang aus ihren Worten. Bei ihrem energischen Nicken, mit dem sie ihre Aussprüche bekräftigte, rutschte ihre schwarze Spitzenhaube immer tiefer auf die Seite und der Vikar hielt sich schon bereit, sie von der Erde aufzuheben, wenn ein erneutes Nicken ihr den letzten Halt rauben würde.

Pfarrer Buchner ließ sich nicht aus seiner Ruhe bringen. Bedächtig strich er seinen stattlichen Vollbart, und seine Augen blitzten schalkhaft, als er nach einer kleine Pause mit dem harmlosesten Gesicht sagte:

»Machen wir uns doch nichts vor, Minchen. Dein ganzer Kummer ist, daß die Kleine heute ausnahmsweise an der Besprechung der Wandervögel teilnehmen durfte.«

Als ob sie nur auf dieses Stichwort gewartet hätte, richtete Tante Minchen ihren langen schmalen Oberkörper kerzengerade in die Höhe und sagte würdevoll:

»Ich habe noch in der Küche zu tun. Glücklicherweise stehe ich mit meiner Ansicht über den Wandervogel nicht allein und kann getrost dem Herrn Vikar die Verteidigung meines Standpunktes überlassen.«

»Der wird sich hüten!« rief Buchner lachend und nahm nun doch die Pfeife aus dem Mund. »Glaubst du, der Herr Vikar wäre blind und sähe nicht, wie prächtig sich die Kinder jedes in seiner Art entwickeln, trotz, oder richtiger infolge meiner Erziehungsmethode, die ihnen so weit wie nur möglich volle Freiheit läßt? Meinst du, ihm ginge nicht auch das Herz auf, wenn er die vier mit den an Leib und Seele gesunden Wandervögeln hinausziehen und voll der schönsten Eindrücke heimkehren sieht? Zu Ballköniginnen werden die Mädel dabei allerdings nicht ausgebildet und Alexander legt weniger Wert darauf, einen eleganten Anzug zu tragen, als der Herr Vikar in seinem Alter gewiß schon tat. – Bleib doch, Minchen.«

Aber seine Schwester schloß lauter die Tür hinter sich, als unbedingt nötig gewesen wäre.

» Einen Gegner habe ich glücklich in die Flucht geschlagen,« sagte Buchner und schüttelte sich vor Lachen. »Und nun kommt der andere dran. Aber ehe ich weiter ironisch werde, lieber Herr Vikar, eine Frage: Haben Sie wirklich besondere Lust, das Vertrauen meiner Schwester zu rechtfertigen? Ich denke, wir lassen's bleiben und verderben uns nicht den Appetit zum Abendessen.«

Er mußte wohl das gezwungene Lächeln des Vikars als ein Zeichen des Einverständnisses ansehen, denn ohne eine Antwort abzuwarten paffte er ein paarmal rasch hintereinander dicke Rauchwolken in die Luft und war wenige Augenblicke später wieder vollständig in seine Zeitung vertieft.

Nein, der Vikar hatte durchaus keine Lust mit diesem Mann zu streiten, der so lange unter Bauern lebte, daß er manches von ihrer urwüchsigen Lebensart angenommen hatte und den angeborenen Widerwillen des kultivierten Städters gegen den Verzicht auf feine Umgangsformen sicherlich nicht teilte.

In der letzten Zeit hatte Arnold Körner auf die Gefahr hin, falsch beurteilt zu werden, beharrlich geschwiegen, wenn an diesem Tisch Anschauungen laut wurden, die den seinigen entgegenliefen. Warum hätte er auch widersprechen sollen? Sein Aufenthalt in diesem Hause näherte sich seinem Ende, und dann nahm ihn wieder die Welt auf, in der er groß geworden war.

Aber freuen konnte er sich bei diesem Gedanken nicht. Trotz alles Trennenden zog ihn immer mehr eine starke Macht in seinem Innern gewaltsam zu diesen prächtigen Menschen hin, deren Leben klar vor aller Augen lag, frei von Falsch und Heuchelei, frei von allen Unwahrhaftigkeiten, die er erst hier streng zu beurteilen gelernt hatte. Hier waren ihm allmählich für die Schattenseiten einer zu weit getriebenen Verfeinerung, bei der das Ästhetische viel mehr als das Ethische maßgebend war, die Augen aufgegangen, und manche harten Urteile seines Freundes, die er früher dessen Verständnislosigkeit für andere Gesellschaftskreise zugeschrieben hatte, kamen ihm jetzt unwillkürlich ins Gedächtnis zurück, ohne den leisesten Protest zu wecken.

Er streckte seine Brieftasche ein, kreuzte die Arme über der Brust und blickte gedankenvoll im Zimmer umher.

Die Arbeitstische an den Fenstern, die Gitarren an den Wänden, – alles erinnerte ihn an die jungen Menschenkinder, die dieses große Haus so mit Leben füllten, daß es ihm leer und ungemütlich erschien, wenn seine Wände nicht von ihren Stimmen widerhallten.

Die Gitarren! Wie oft hatte er oben in seinem Zimmer ein Buch aus der Hand sinken lassen und mit geschlossenen Augen den alten Volksliedern gelauscht, die hier zu neuem Leben erweckt wurden und schnell ihren Weg in das Dorf fanden! Wie oft hatte er in der warmen Jahreszeit beobachtet, daß Vorübergehende stehen blieben, ein Stückchen Melodie erhaschten und es beim Weitergehen vor sich hinpfiffen! Mehr als einmal war ihm bei seinen Gängen durch das Dorf aufgefallen, daß ihm die Lieblingslieder der Mädchen selbst aus ärmlichen Hütten entgegenklangen und der mühseligen Tagesarbeit ein wenig Fröhlichkeit beigesellten.

Über Alexanders Platz hingen Kästen voll bunter Schmetterlinge, bei deren Anordnung er selbst mitgewirkt hatte. Der frische Bengel hatte sich ihm immer mehr angeschlossen, gleich Liselotte, die mit Vorliebe seine Knie zum Sitzplatz erkor und dem Dorfschneider, der die ruinierten Bügelfalten wieder Herstellen mußte, mit dieser Vertraulichkeit manchen Groschen zu verdienen gab.

Denn wenn ihr Vater, der sich gewöhnlich geduldig von ihr mißhandeln ließ, ihr gar zu dicke Rauchwolken ins Gesicht blies, um den Quälgeist zu vertreiben, ließ sie mit Vorliebe an dem Vikar ihr Zärtlichkeitsbedürfnis aus; und dem innerlich immer mehr vereinsamten Mann tat die Liebe des Kindes so wohl, daß er es ruhig gewähren ließ, wenn er auch nie ohne wehe Erinnerungen über ihr blondes Haar streicheln konnte.

Selbst Eva war er näher gekommen, vielleicht, weil er ihre Scherze geduldiger über sich ergehen ließ. Es war, als ob alle ihn für das entschädigen wollten, was er unwiederbringlich verloren hatte und so schmerzlich vermißte: das alte vertrauliche Verhältnis zu Ingeborg.

Getreulich hatte er den Rat seines Vaters befolgt, aber bald erkennen müssen, daß dieses Mädchen von einem unüberwindlichen Mißtrauen, wenn nicht gar Haß, gegen ihn erfüllt war.

In den ersten Tagen nach seiner Rückkehr aus dem Elternhaus fragte er sich oft bestürzt, ob er nicht doch blind gewesen sei, so groß war die Veränderung ihres ganzen Wesens. Ihren Geschwistern gegenüber war sie von einer Reizbarkeit, die er früher nie an ihr beobachtet hatte, und bei den Gesprächen am Familientisch äußerte sie oft Ansichten, die ihn beunruhigten und durch den scharfen Gegensatz zu seinen vorangegangenen Worten tief verwundeten. Selbst ihr Vater schüttelte zuweilen mißbilligend den Kopf, wenn sie, die sich sonst bereitwillig von einem Irrtum überzeugen ließ, dem Vikar in einem ganz fremden, kalten Ton widersprach, ganz unsinnige Behauptungen durch immer verworrenere Gedankengänge zu stützen suchte und schließlich den Tränen nahe den Kampfplatz verließ, wenn sie ihre schwache Stellung nicht länger zu behaupten vermochte.

»Frauenart, Herr Vikar, das darf man nicht tragisch nehmen. Über Nacht wird sie schon zur Vernunft kommen,« sagte dann wohl ihr Vater entschuldigend, wenn Arnold Körner ihn ganz ratlos ansah.

Diese Zeichen einer inneren Zerrissenheit hielten jedoch nicht lange an. Ihren Angehörigen gegenüber wurde Ingeborg bald wieder die alte, und nur ein aufmerksamer Beobachter hätte feststellen können, daß ihr Verhältnis zu dem Vikar ein anderes geworden war.

Seit dem Beginn des Wintersemesters fuhr sie mehrmals wöchentlich in die Stadt, um an der Hochschule einige kunstgeschichtliche Vorträge zu hören, deren Ausarbeitung sie die meisten Abende widmete. Tagsüber half sie mehr als je zuvor im Haushalt, und so ergab es sich ganz von selbst, daß sie nie mehr mit dem Vikar allein blieb. Auch im Verkehr mit ihm trat allmählich wieder ihr freundliches Wesen zutage, doch die herzliche Vertraulichkeit, die ihn so beglückt hatte, stellte sich nicht wieder ein. Nie geschah es mehr, daß sie bei der Auswahl von Büchern seinen Rat einholte oder ihn um eine Erklärung bat. Versuchte er selbst auf die zarteste Weise die zerrissene Verbindung wieder herzustellen, dann ließ sie ihn deutlich verstehen, wie unerwünscht ihr dies war.

So blieb Arnold Körner nichts übrig, als seine still genährte Hoffnung, ihre Freundschaft, wenn nicht ihre Liebe, wiederzugewinnen, zu Grabe zu tragen. In vielen schlaflosen Nächten hatte er einen verzweifelten Kampf gegen sein heißes Begehren gekämpft, bis endlich schmerzvolle Entsagung an dessen Stelle trat. Von den Worten seines Vaters unterstützt, wurde allmählich seine alte Überzeugung wieder lebendig, daß Ingeborg Mangold liebe, und jetzt dem Manne zürne, der sie, wenn auch nur für kurze Zeit, in dieser Liebe schwankend gemacht hatte.

In seiner wehmütigen Stimmung suchte er Trost in den Gedanken, daß der Lenker unserer Geschicke Wohl wissen werde, warum er diese Waldblume nicht in einen Boden verpflanzen lasse, der ihren Lebensbedingungen nicht entsprach.

Auch während Arnold Körner heute Pfarrer Buchner stumm gegenübersaß und wie meist in einsamen Stunden an Ingeborg dachte, klammerte er sich an diese Vorstellung, ohne jedoch die Stimme seines Herzens, die keine Vernunftsgründe gelten ließ, zum Schweigen bringen zu können.

* * *

Lustig durcheinandersprechende Stimmen, die immer deutlicher von der Straße ins Zimmer drangen, führten seine Gedanken von ihrer Wanderung in die Vergangenheit schnell in die lebendige Wirklichkeit zurück.

Pfarrer Buchner ließ seine Zeitung sinken, und ein glücklicher Vaterstolz prägte sich in seinem gutmütigen breiten Gesicht aus, während er den Lebensäußerungen seiner Kinder lauschte.

»Nun braucht sich meine Schwester nicht länger zu sorgen«, brummte er vergnügt.

Da streckte diese auch schon ihren Kopf zur Tür hinein, rief, ihren Groll anscheinend ganz vergessend: »Sie kommen!« und eilte dann schnell zur Haustür, um das gerade heimkommende junge Volk abzufangen, ehe es den mit Schmutz vermischten Schnee in die Stube trug.

»Heil!« schallte es ihr von vier fröhlichen Stimmen entgegen.

Kaum vermochte sie ihre Mahnungen zur Geltung zu bringen, so eilig hatten es alle, Hüte und Mäntel abzulegen und den Vater zu begrüßen. Liselotte begann schon auf dem Flur von all den herrlichen Eindrücken zu berichten, die an diesem Tag auf sie eingestürmt waren. Mit einem Jubelschrei flog sie ihrem Vater an den Hals, umschlang ihn stürmisch mit beiden Aermchen und ließ sich durch keine Tabakswolken verhindern, ihre Freude über das Wiedersehen nach der langen Trennung nach Herzenslust Ausdruck zu geben.

Der Vikar war aufgestanden. »Eine Woge köstlich kräftiger Winterluft bringen Sie uns mit«, sagte er freundlich und reichte allen die Hand.

Tante Minchen konnte die Bemerkung nicht unterdrücken, daß eine qualmende Pfeife bekanntlich nicht die Eigenschaft besäße, die Zimmerluft zu verbessern. Aber an solche harmlosen Sticheleien war ihr Bruder viel zu sehr gewöhnt, als daß sie noch Eindruck gemacht hätten. Voll Stolz betrachtete er die von der Kälte geröteten gesunden Gesichter seines Vierblattes, und wenn er auch nur einen kleinen Teil von dem verstand, was die vier Münder gleichzeitig auf ihn einredeten, so wehrte er ihnen doch nicht, sondern ließ die Redeströme über sich wegbrausen und weidete seine Augen an dem Anblick der von funkelnden Augen belebten Mienen.

Vergebens suchte sich Tante Minchen der Kleinsten zu bemächtigen und fragte unaufhörlich: »Tut dir auch nichts weh? Bist du auch nicht müde, Liselchen? Hast du auch nicht gehustet?« Doch der kleine Blondkopf schüttelte nur abwehrend seine Locken und schrie mit voller Lungenkraft in den Lärm:

… »und wunderschöne Puppen habe ich gesehen und Inge haben die Wandervögel …«

Entrüstungsrufe von allen Seiten schnitten ihr grausam das Wort ab.

»Ach ja,« sagte sie kleinlaut, »das Schönste sollte ja zuletzt kommen.«

Tante Minchens Geduld war zu Ende. Sie konnte das Durcheinander nicht länger mit ansehen und mahnte so gebieterisch, die Plätze einzunehmen, daß niemand zu widersprechen wagte.

Das Tischgebet brachte einen Augenblick Ruhe in die Gesellschaft. Liselotte zwang sich zur Andacht, indem sie ihre Stirn in strenge Falten zog und starr auf ihre gefalteten Hände blickte; doch kaum hatte sie Amen gesagt, so verwandelte sich die andachtsvolle Beterin blitzschnell wieder in ein unermüdliches Plappermäulchen.

Nach einer sehr karg bemessenen Anstandspause folgte in völlig verändertem, durchaus weltlichem Ton:

»Jetzt könntest du es doch eigentlich Vater erzählen, Inge, es ist ja doch schon halb heraus!«

»Ich bin schrecklich neugierig«, sagte Pfarrer Buchner, wenn auch ohne große Überzeugung. Auch der Vikar sah Ingeborg, die ihm gegenüber saß, erwartungsvoll an und bat ebenfalls, der Gesellschaft eine anscheinend so interessante Neuigkeit nicht länger vorzuenthalten.

Das junge Mädchen ärgerte sich über sich selbst, daß sie bei seinen Worten errötete. Mit gemachter Gleichgültigkeit erwiderte sie:

»Ich fürchte, die Neuigkeit ist für Sie viel weniger interessant, als Sie erwarten. Ich bin nur zur Führerin gewählt worden und soll nächsten Sonntag meine erste Fahrt führen.«

»Einstimmig!« riefen Alexander und Eva wie aus einem Munde.

Ingeborgs Voraussage bestätigte sich. Der Vikar sagte nur »Ach so«, räusperte sich und bezeigte offenbar für das Stück Brot, das er gerade mit Butter bestrich, viel mehr Interesse als für diese Nachricht. Der Pfarrer und seine Schwester dagegen sprachen ihre lebhafte Freude über diese Auszeichnung aus, wußten sie doch, daß damit ein stiller Wunsch in Erfüllung gegangen war. Tante Minchen befriedigte sie noch aus einem anderen Grunde.

»So habt ihr euch also doch entschlossen, dem Wunsche eines großen Teiles der Eltern Rechnung zu tragen«, begann sie in heimlichem Triumphgefühl. Nach einem befreiten Aufatmen fuhr sie, gegen den Vikar gewendet, fort: »Nun können wir beide unsere Stellung den Wandervögeln gegenüber einer Revision unterziehen, meine ich. Wenn jetzt die Ansichten verständiger Leute zum Siege gelangt sind, die getrennte Fahrten für Mädchen verlangen, dann fällt fort, was mich immer am meisten abgestoßen hat. – Aber was gibt es da zu lachen, Eva?« Ihre tadelnden Blicke begegneten Gesichter, die bei ihren Worten immer größere Mühe zu haben schienen, ernst zu bleiben.

»Was wird die für Augen machen!« lachte Alexander leise in seinen Teller hinein; doch noch nicht leise genug für die scharfen Ohren seiner Tante. Mit königlicher Würde verbat sie sich eine so respektlose Sprechweise und verlangte eine Erklärung für die ihrer Ansicht nach grundlose Fröhlichkeit.

»Weil's eben doch wieder eine gemischte Fahrt wird«, sagte Alexander im Tone gekränkter Unschuld.

Die beiden Männer konnten ein Lächeln nicht unterdrücken; Tante Minchen dagegen tat, als ob sie nicht recht gehört habe, und die anderen lachten jetzt aus vollem Halse.

»Ja, Tantchen, es tut mir leid, daß ich dir eine so bittere Enttäuschung bereiten muß«, begann Ingeborg das Mißverständnis aufzuklären. »Wir hatten wirklich schon zwei verschiedene Fahrten angesetzt; der Maler wollte die eine führen und ich die andere. Du bist eigentlich selbst die Ursache, daß es anders gekommen ist.«

Tante Minchen legte vor Überraschung den schon zum Munde gehobenen Bissen aus den Teller zurück und sagte spitz: »Wieso, bitte?«

»Weil du verlangst, daß ich auf alle Fälle mit meinen Schwestern tippeln sollte«, rief Alexander mit unverhohlener Schadenfreude dazwischen.

»Daß ein Bruder seine Schwester begleitet, ist doch wohl das Natürliche«, erwiderte die Tante von oben herab.

»Das meinten auch der Heiner und der Friedel und der Maler und noch ein paar andere, deren Schwestern beim Wandervogel sind«, sagte Eva und strich mit der unschuldigsten Miene ein paar widerspenstige, kastanienbraune Löckchen zurück, die ihr bei jeder Kopfbewegung in die Stirn fielen.

»Und da kam es auf ein paar mehr oder weniger doch nicht an!« rief Liselottes helles Stimmchen über den Tisch.

»Die großen Buben baten mich alle so inständig, sie auch mitzunehmen, daß ich es nicht über mich brachte, sie abzuweisen«, nahm Ingeborg nun wieder das Wort. »Der Maler verzichtete sogar auf sein Führeramt zu meinen Gunsten, und jetzt habe ich sie alle zwei Tage lang unter meiner Fuchtel.«

Fräulein Buchner schien ihren Ohren nicht zu trauen.

»Zwei Tage lang?« wiederholte sie, und zog ihre spärlichen Augenbrauen fast unnatürlich in die Höhe.

Wie hilfesuchend wendete sie sich an ihren Bruder; doch der tat, als sähe er nichts. Eifrig kauend blickte er mit stillvergnügtem Schmunzeln vor sich und vermied es schlau, den Augen seiner streitbaren Schwester zu begegnen. Mochten die Kinder ihre Sache selbst führen. Trat er ihnen mit der geringsten Unterstützung zur Seite, dann konnte er sicher sein, von seiner Schwester eine lange Rede über die Pflichten gewissenhafter Eltern im allgemeinen, und seine eigene Untauglichkeit zum Erzieher im besonderen zu erhalten; und die kannte er längst auswendig.

»Die vorjährige Weihnachtsfahrt war doch auch am vierten Advent und am Samstag vorher!« sagte Alexander in wenig freundlichem Ton.

»Wegen der dummen Schule geht's doch erst am Samstag nachmittag los, dann sind's doch überhaupt nur anderthalb Tage!« ließ sich nun auch Eva vernehmen.

Tante Minchen kam noch zur rechten Zeit zum Bewußtsein, daß ein förmliches Verbot eher dazu angetan sein würde, ihre nicht auf festestem Grund gebaute Autorität noch mehr zu untergraben, als sie zu stützen. Aber ganz ohne den geringsten Erfolg wollte sie sich auch nicht vom Kampfplatz zurückziehen.

»Liselchen lasse ich aber keinesfalls zwei Tage fort«, erklärte sie in einem Ton, der von vornherein jeglichen Widerspruch abschnitt.

Die Gesichter der drei Großen zogen sich in die Länge, und Liselottes Augen füllten sich mit Tränen. Nur ein Machtwort des Vaters vermochte in solchen Fällen das Nesthäkchen der Gewalt der Tante zu entziehen. Erst heute war es gelungen, deshalb erschien es aussichtslos, so bald eine Wiederholung zu versuchen.

»Wohin soll denn diesmal die Reise gehn?« mischte sich nun auch Arnold Körner in das Gespräch.

»Ich habe an Wallersbach gedacht«, erwiderte Ingeborg freundlich. »Als Pfarrer Mangold uns das letzte Mal besuchte, hat er mir versprochen, bei seinen Bauern gute Quartiere für die Wandervögel ausfindig zu machen, wenn einmal die Wahl auf sein Dorf fiele. Wenn Vater nichts dagegen hat, will ich bei ihm anfragen, ob sein Versprechen auch für den Winter gültig ist.«

»Das müßte aber bald geschehen«, sagte dieser. »Heute ist schon Montag, und übermorgen in acht Tagen Heiligabend.«

»So kurz vor dem Fest hat ein Pfarrer wohl Besseres zu tun, als für Wandervögel Quartier zu machen«, warf Tante Minchen mit spöttischem Lächeln ein.

»Um so schlimmer für ihn, wenn er leichtsinnig Versprechungen gibt«, lachte Buchner. »Übrigens, Herr Vikar, hatten Sie nicht die Absicht, den Besuch Ihres Freundes Mangold für einen Tagesausflug zum Vorwand zu nehmen? Ich glaube mich zu entsinnen, daß Sie davon sprachen.«

»Es wäre mir ein rechter Trost, wenn Sie mitgingen und ein Auge auf die Kinder hätten«, seufzte die Tante und sah Arnold Körner mit ihrem verführerischsten Lächeln von der Seite an.

»Hurra, der Herr Vikar soll mit den Wandervögeln tippeln!« rief Alexander übermütig aus. Aber die Vorstellung flößte ihm doch sogleich Bedenken ein, und er ließ schnell den Vorbehalt folgen: »Dann dürfen Sie aber nicht über alles die Nase rümpfen!«

Der Tadel über seine Dreistigkeit ließ nicht lange auf sich warten.

»Es ist wirklich höchste Zeit, daß du dir bessere Manieren angewöhnst«, fuhr ihm seine Tante empört über den Mund. »Aber ein Wunder ist's nicht bei seinem Verkehr. Vor älteren Leuten Ehrfurcht zu haben, ist altmodisch und abgetan. Es lebe die von der Kultur unbeleckte Natürlichkeit!« rief sie ironisch aus.

Trotz seines Ärgers über den vorlauten Bengel konnte sich Arnold Körner eines Lächelns nicht erwehren. Dabei fiel ihm auf die Seele, daß er selbst den gutgemeinten Vorschlag der Tante nicht gerade auf die höflichste Weise durch eine Grimasse beantwortet hatte, und er sagte verbindlich:

»Sie können selbst kaum darüber im Zweifel sein, Fräulein Buchner, daß ich den Wandervögeln bei ihrer Weihnachtsfahrt ein wenig willkommener Gast wäre.«

Unwillkürlich suchten dabei seine Augen zu ergründen, wie Ingeborg diese Worte aufnahm, und er war schwach genug, zu hoffen, daß sie widersprechen werde.

Wirklich zuckte sie kaum merklich zusammen, und schien antworten zu wollen. Doch als sie, den Kopf erhebend, seinen prüfenden Blick auf sich ruhen fühlte, blieb sie stumm. Arnold Körner war der einzige, der das flüchtige Erröten bemerkte, das die gesunden Farben ihrer Wangen einen Augenblick noch verstärkte.

Tante Minchen war es sichtlich peinlich, daß niemand so höflich war, ihm zu widersprechen, und hielt sich für verpflichtet zum Trost zu sagen, daß sie sich für einen gebildeten Menschen allerdings eine bessere Gesellschaft zum gemeinsamen Wandern vorstellen könne, ganz abgesehen von dem Schlangenfraß, den ungeübte Hände am Lagerfeuer zusammenmanschten.

Eva und Alexander erhoben ihre Stimmen gegen diesen Ausdruck, mußten aber kleinlaut zugeben, daß sie selbst von der höchst merkwürdigen Zusammenstellung verschiedener Kraftsuppen berichtet hatten.

»Aber geschmeckt hat's immer ganz herrlich!« behaupteten sie mit Überzeugung, und da Ingeborg und Liselotte lebhaft zustimmten, wahrte Tante Minchen ihre Stellung, indem sie mit nachsichtigem Lächeln zu dem Vikar sagte: » De gustibus non est disputandum.«

Ihr Bruder bestätigte es lachend. Er wußte die Kochkunst seiner Schwester wohl zu schätzen und nahm gern die günstige Gelegenheit wahr, durch ein Lob des Abendessens Balsam in ihre Wunden zu gießen.

Damit war das Gespräch auf ein neues Gebiet gebracht. Die Kinder erzählten von ihren Erlebnissen in der Stadt, und Liselotte vergaß dabei ihren Schmerz, daß sie von der Weihnachtsfahrt ausgeschlossen bleiben sollte.

* * *

Pfarrer Mangolds Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Unter allgemeiner Spannung las Ingeborg den beim Frühstück versammelten Hausgenossen das Schreiben vor.

Es lautete:

 

»Liebes Fräulein Ingeborg, Sie können sich schwerlich einen Begriff von meiner Freude darüber machen, daß Ihre im Sommer geäußerte Absicht Wirklichkeit werden soll, und Sie mit Ihren Wandervögeln nach Wallersbach fliegen wollen. Schon heute heiße ich Sie alle herzlich willkommen! Wie werden die Geister meines ach so stillen Pfarrhauses aufhorchen, wenn auf einmal so viele fröhliche, junge Stimmen die Mauern von unten bis unters Dach mit frischem Leben füllen! Meine alte, treue Alwine, die mich als Säugling auf ihren Armen getragen hat, und heutigentags noch zuweilen vergißt, daß inzwischen das Verhältnis ein anderes geworden ist, hat zwar gehörig gebrummt. Doch diesmal nützte ihr alles nichts, und wir sind uns jetzt darüber einig, wie wir die ganze Schar unterbringen wollen. Der männliche Teil schläft auf Strohsäcken im Konfirmanden-Schulzimmer, die Mädchen dagegen finden oben in Alwines Nachbarschaft vier altväterliche, breite Betten vor, von denen jedes zwei junge Menschen gut beherbergen kann. Sie stammen aus dem Hausrat meiner Eltern, von dem ich mich glücklicherweise noch nicht zu trennen brauchte, da ich hier Platz im Überfluß habe. – Sie glauben gar nicht, wie froh ich bin, die ganze Gesellschaft bei mir unterbringen zu können, denn so willkommene Gäste hätte ich nur sehr ungern meinen Bauern überlassen. Einige Burschen und Mädchen sind schon beschäftigt, die Strohsäcke zu füllen. Auch sie freuen sich auf die Wandervögel, denn am Samstag abend soll es bei mir einen edlen Wettstreit geben, wer die schönsten Lieder singen kann. Auf frohes Wiedersehen!

Herzlichst
Ihr Theodor Mangold.

P. S. Schönste Grüße an Ihre lieben Angehörigen und Freund Körner, dessen Aufenthalt in Ihrem Hause nun wohl bald zu Ende geht. Ich warte heute noch auf seinen versprochenen Besuch. Sollte es Ihrer Überredungskunst nicht gelingen, ihn mitzubringen? Oder verfolgt er immer noch den Wandervogel mit unchristlichem Haß? Wenn er mitkommt, überlasse ich ihm großmütig das Sofa und nehme gern mit einem Strohsack vorlieb. Ein Bett kann ich ihm nicht anbieten, da das meinige für diese Nacht eine Treppe höher wandert.

D. O.«

 

Mit strahlenden Mienen hatten Eva und Liselotte zugehört. Kaum war Ingeborg am Ende des Briefes angelangt, so jubelte Eva ein schallendes »Heil!« in die Luft und klatschte in die Hände; und als getreues Echo machte es ihr Liselotte nach, ohne daran zu denken, daß sie von dem überwältigenden Anerbieten nicht den geringsten Nutzen haben sollte, und sie bedauerte nur, daß Alexander, der in der Schule war, nicht sogleich an der Freude teilnehmen konnte.

»Ja, heil dem wackern Mangold!« sagte auch Pfarrer Buchner, und überflog schmunzelnd den ihm von Ingeborg über den Tisch gereichten Brief.

Tante Minchen war im ersten Augenblick sprachlos und schüttelte nur verwundert ihr graues Haupt. Daß die Kinder im Wallersbacher Pfarrhaus Unterkunft fanden, war ihr eine große Beruhigung, doch verbarg sie dieses Gefühl hinter den Worten:

»So rücksichtslos ist nur ein Junggeselle. Welche Arbeit er andern aufbürdet, wenn das ganze Haus auf den Kopf gestellt wird, bekümmert ihn wenig. Die arme alte Alwine und das Mädchen können einem leid tun!«

»Die finden im Dorf leicht Hilfe und werden sich hoffentlich keinen Schaden tun«, erwiderte ihr Bruder lachend, indem er den Brief wieder in den Umschlag steckte. – »Hätten Sie eine so tatkräftige Unterstützung von Ihrem Freund erwartet?« wandte er sich dann an Arnold Körner. »Es ist wunderbar, wie Mangold sich geändert hat. Früher schien er mir immer das Leben von der schwersten Seite anzusehen, und ganz vergessen zu haben, daß er noch ein junger Mann war. Und nun ist ein so begeisterter Jugendfreund aus ihm geworden!«

Arnold Körner atmete tief auf. »Ich finde beneidenswert, daß es ihm möglich ist, solche Freude zu bereiten.«

»Andere Menschen glücklich zu machen, das war immer sein Wunsch«, sagte der Pfarrer kopfnickend.

»Und die Rücksicht auf seine eigene Bequemlichkeit wäre das Letzte gewesen, was ihn daran gehindert hätte«, fügte Ingeborg in warmem Ton hinzu.

Der Vikar sah sie ernst an.

»Ja, er ist ein prächtiger Mensch«, bestätigte er aus voller Überzeugung.

So schwer es ihm auch fiel, seine Miene der allgemeinen fröhlichen Stimmung anzupassen, so nahm er doch noch eine Weile an dem Gespräch teil, das oft von jubelnden Ausrufen erwartungsvoller Vorfreude unterbrochen wurde. Bald sah er aber ein, daß dieser quälende Zwang unnötig war, da alle von den Gedanken an die Weihnachtsfahrt erfüllt waren und niemand daran dachte, seinen wahren Gedanken nachzuspüren.

Arbeit vorschützend verließ er das Wohnzimmer und ging hinauf. Doch als er in müder Haltung auf seinem altväterlichen, lederbezogenen Lehnstuhl am Schreibtisch saß, nahm er nicht die Feder zur Hand.

Ja, ein Gefühl von Neid war in ihm aufgestiegen, als er die schönen, jugendfrischen Gesichter so aufleuchten sah. Leicht konnte er sich die glückliche Stimmung erklären, die aus Mangolds Brief sprach. Ingeborg ist's, auf deren Kommen er sich freut, klang es in seiner Brust, und ein nur zu gut bekannter, peinigender Schmerz bohrte dabei in seinem Herzen. Aus Sympathie für die Bestrebungen des Wandervogels allein hätte Mangold sicherlich nicht so kurz vor dem Weihnachtsfest, das jedes Pfarrers Zeit in besonderem Maße in Anspruch nimmt, so bereitwillig sein Haus auf den Kopf gestellt. Ingeborg hatte in ihrer offenen Art gezeigt, daß ihr Herz sie nach Wallersbach zog, und der Glückliche hatte sich die Botschaft richtig gedeutet. Nun war seiner Ungewißheit ein Ende gemacht, und er durfte glücklich sein. –

Nach einem vergeblichen Versuch, sich in seine Arbeit zu vertiefen, griff Arnold Körner zu Mantel, Hut und Stock, um durch einen Gang in der hellen Winterluft Ruhe und Klarheit wiederzugewinnen.

Als er an des Pfarrers Studierzimmer vorbeikam, rief ihm von drinnen die joviale Stimme Buchners zu:

»Sind Sie es, Herr Vikar? Bitte einen Augenblick!«

Ärgerlich über den Aufenthalt, trat er in das schon am Morgen von dicken Tabakswolken erfüllte Zimmer, darauf gefaßt, wie schon oft durch einen langen, wissenschaftlichen Disput in der schlechten Luft festgehalten zu werden.

Diesmal kam es anders.

Buchner reichte ihm von seinem Platz aus einen Brief entgegen, der sich durch Form und Siegel schon von außen als ein amtliches Schreiben zu erkennen gab.

»Dies fand ich eben bei den Akten, die ich vom Konsistorium erhielt. Vielleicht lesen Sie gleich hier, was drinsteht; könnte wohl sein, daß es auch mich interessierte.«

Der Vikar erbat sich das Papiermesser, schnitt mit pedantischer Genauigkeit den Umschlag auf und überflog schnell die wenigen Zeilen.

»Eine besondere Überraschung scheints nicht zu sein«, sagte Buchner, als der Vikar den Bogen zusammenfaltete.

»Wie man's nehmen will«, lautete die von einem Achselzucken begleitete Antwort. »Da Sie sich gesund gemeldet haben und wieder selbst die Filialdörfer besuchen können, waren ja meine Tage hier gezählt. In den Weihnachtsfeiertagen soll ich Sie noch unterstützen und schon zu Neujahr als Pfarrer der Matthäusgemeinde mein neues Amt antreten.«

»Aber das ist ja … und das sagen Sie so gleichgültig, als ob es nichts Besonderes wäre!« rief Buchner in höchstem Staunen. »Stadtpfarrer in Ihrem Alter! Ja, wer den Papst zum Vetter hat! … Welch verwöhntes Glückskind müssen Sie sein, daß diese Nachricht Sie so kalt läßt, bei der andere an Ihrer Stelle deckenhoch sprängen!« fügte er nach einer kleinen Pause kopfschüttelnd hinzu, als Körner durchaus keine Miene machte, etwas derartiges zu tun.

»Vor allem möchte ich Ihnen danken, Herr Pfarrer«, kam es endlich von seinen Lippen. »Man hat sich gewiß bei Ihnen erkundigt, und ohne eine sehr günstige Auskunft von Ihnen hätte auch mein Vater, dessen Einfluß hierbei gewiß nicht unwirksam geblieben ist, kaum so viel für mich tun können. Ich weiß sehr wohl, daß ich die begehrte Stelle nicht meinem eigenen Verdienst verdanke; das ist's wohl, was mich daran hindert, auf die Berufung besonders stolz zu sein.«

»Sie werden schon Ihre Sache gut machen«, sagte Buchner, indem er sich schwerfällig erhob und den Vikar väterlich auf die Schulter klopfte. »Bei meiner Auskunft über Ihre Fähigkeiten habe ich nur die Wahrheit gesagt, – nein, doch nicht ganz, denn dann hätte ich schreiben müssen, daß Sie viel besser predigen, als ich selbst. Die Fähigkeit, meinen Bauern die harten Herzen zu öffnen, kann man nicht von Ihnen verlangen. Ich habe auch länger dazu gebraucht als ein paar Monate, und dringe auch heutigentags manchmal nicht hinein. Aber mit der städtischen Bevölkerung werden Sie schon gut umzugehen wissen, daran zweifle ich nicht. An gutem Willen hat's Ihnen ja auch hier nie gefehlt. Ich wünsche Ihnen von Herzen alles Gute für Ihr neues Amt.«

Damit schüttelte er Arnold Körner als Ausdruck seiner guten Gesinnung gegen ihn so kräftig die Hand, daß dieser noch am Abend durch eine kleine Sehnenzerrung daran erinnert wurde.

* * *

Aus Tante Minchens Mund wurde an diesem Tage noch manche Verwünschung gegen den Wandervogel laut. Eva, die sich im Gegensatz zu ihrer älteren Schwester keineswegs durch Liebe zu den Wissenschaften auszeichnete, dafür aber von klein auf gut im Haushalt anzustellen war und eine grenzenlose Liebe für alles Viehzeug hatte, vergaß, ihren Pfleglingen, den Hühnern und Tauben, Futter zu geben, und ließ sogar den ganzen Tag lang ihren Kanarienvogel ohne Wasser.

»Du hast natürlich nur noch die Weihnachtsfahrt im Kopf!« bekam sie jedesmal zu hören.

Nicht viel besser erging es Ingeborg. Sie hatte vor einiger Zeit darum gebeten und auch durchgesetzt, daß sie nicht von kritischen Augen beaufsichtigt wurde, wenn sie kochte, und Tante Minchen mied an diesem Vormittag ostentativ die Küche. So geschah es, daß das Bohnengericht anbrannte, als Ingeborg nur für ganz kurze Zeit die Kochtöpfe sich selbst überließ, um schnell noch einmal ein Lied zu proben, dessen zweite Stimme Eva noch nicht ganz geläufig war.

Liselotte wurde ihrer Tante beinahe unausstehlich.

»Ich will auch gar nichts anderes von dir zu Weihnachten geschenkt bekommen, wenn du mich mit den Großen gehen läßt«, schmeichelte sie in den süßesten Tönen; und wenn es ihr dann doch wieder nicht gelang, die Gestrenge umzustimmen, rannen schier unversiegliche Tränenbächlein über ihre roten Backen, und sie schluchzte, als ob ihr Kinderherz brechen sollte.

Ingeborg konnte diese Verzweiflung nicht lange mit ansehen und legte ein gutes Wort für die Kleine ein.

»Wenn wir bei fremden Menschen übernachteten, wäre es etwas anderes, aber im Wallersbacher Pfarrhaus! – Wir drei Großen lassen sie ganz gewiß keinen Augenblick ohne Aufsicht, und Pfarrer Mangold wird schon dafür sorgen, daß alle rechtzeitig schlafen gehen.«

Als diese und ähnliche Vorstellungen nichts fruchteten, kam ihr plötzlich der Gedanke, daß der Widerstand wahrscheinlich sofort gebrochen wäre, wenn sich der Vikar entschlösse, seinen beabsichtigten Besuch in Wallersbach auf den Sonntag zu verlegen und am Abend den gleichen Zug wie die Wandervögel zur Heimfahrt zu benutzen. Aber sie brachte die Worte nicht über die Lippen, und ging mit leeren Händen zu Liselotte, um wenigstens durch freundliches Zureden ihren Schmerz zu lindern.

Beim Mittagessen hatte Arnold Körner auch den übrigen Familiengliedern gesagt, daß er bald das Haus verlassen werde, und in seiner höflichen Art zu Fräulein Buchner gewendet hinzugefügt, daß er gern an seinen Aufenthalt in Wiesenborn zurückdenken werde. Ein wärmerer Unterton hatte aber nicht aus diesen Worten herausgeklungen, dessen war Ingeborg gewiß.

Arnold Körners Gedanken bewegten sich nur in einer Richtung. Zwang er sie für kurze Zeit zu der religionsgeschichtlichen Studie, an der er gerade arbeitete, so stockte nach wenigen Zeilen die sonst so flüchtige Feder. Und wenn er dann wie hypnotisiert auf das aufgeschlagene Buch starrte, wurden die Buchstaben immer verschwommener, bis plötzlich Ingeborgs Augen ihm entgegenblickten und allmählich das ganze liebe Gesicht in allen seinen Einzelheiten aus der Dämmerung deutlich hervortrat. Er sah jede kleine Locke der blonden Fülle, die das Antlitz wie mit einem leuchtenden Schein umrahmte. Er erkannte das stille Lächeln und den in eine unendliche Ferne gerichteten Blick, das Bild, das er als heimlicher Beobachter oft mit ästhetischem Genießen in sich aufgenommen hatte, wenn das große Mädchen an ihrem Platz am Fenster für kurze Zeit die Arbeit in den Schoß sinken ließ, und in weltvergessenem Träumen durch die Scheiben über die weite Ebene blickte, die von dem zuweilen geheimnisvoll aufblitzenden Silberband des Stromes am fernen Horizont abgeschlossen wurde.

Er trug dieses Bild noch in sich, als er von verzehrender Sehnsucht gepackt am Nachmittag abermals die stille Stube floh, in der er heute unwillkürlich auf jeden Ton lauschen mußte, der von unten heraufdrang. Nein, er wollte nun nicht länger dieser Stimmung nachgeben, die ihn so elend machte, und er schalt sich schlapp und energielos, weil er sich ihr so willig überließ.

Carlyles Mahnung: Arbeiten und nicht verzweifeln, kam ihm in den Sinn, und er sprang auf, entschlossen, sie unverzüglich zu befolgen.

Die Pflichten, die seiner heute warteten, waren ganz dazu angetan, seine Gedanken in eine andere Richtung zu zwingen. Er sollte zunächst den Sägmüller besuchen, dem ein Baumstamm den rechten Fuß gebrochen hatte. Der Sägmüller war Gemeinderat und Kirchenältester und durfte auf den Besuch des Pfarrers rechnen, obgleich im übrigen seine Verbindung mit dem Pfarrhause wegen seines nicht ganz einwandfreien Lebenswandels nur sehr locker war. Und da Buchner wußte, daß der Alte jede Gelegenheit benutzte, um über seine Gegner im Dorfparlament herzuziehen, und auch voraussah, daß die erzwungene Untätigkeit die üble Laune keineswegs gemildert haben werde, überließ er diesen unbequemen Kranken mit reinem Gewissen seinem Vikar. Mochte der hier seine Menschenkenntnis erweitern und sich beim Anhören der langen Reden in Geduld üben.

Außerdem war die Annekatrin, ein altes Mütterchen, zu besuchen, das geduldig und gottergeben sein Ende erwartete, und eigentlich keines geistlichen Zuspruchs mehr bedurfte. Sie fühlte sich aber so geehrt, wenn außer den weiblichen Bewohnern des Pfarrhauses, die ihr nahrhafte Speisen brachten, auch von Zeit zu Zeit der Vikar oder der Pfarrer selbst kam, um nach ihr zu sehen, daß ihr fast täglich diese Freude bereitet wurde.

Der Sägmüller war heute in besonders ungnädiger Stimmung. Von dem »Stadtfrack«, wie er den Vikar am Wirtshaustisch zu bezeichnen pflegte, ließ er sich schon gar nicht imponieren. Ganz nahe war dieser daran, anstelle begütigender Worte dem alten Nörgler einige kräftige Wahrheiten zu sagen. Aber das hatte Buchner sich selbst vorbehalten. So wurde Arnold Körners Selbstbeherrschung auf eine harte Probe gestellt, und er hatte genug damit zu tun, ein zorniges Aufbrausen zu unterdrücken, so daß andere Gedanken daneben gar nicht aufkommen konnten.

Den Besuch bei der alten Annekatrin sparte er sich bei seinen Rundgängen durchs Dorf immer bis zuletzt auf, als harmonischen Abschluß der verschiedenen Eindrücke von selbstverschuldetem und unverschuldetem Menschenleid, das auch unter den traulichen Dächern Wiesenborns in mancherlei Gestalt zu Hause war.

Mit der Zeit hatte er gelernt, zu diesen einfachen Leuten in Worten zu sprechen, die nicht nur in ihre Ohren drangen, und besonders in der letzten Zeit immer öfters den Eindruck mit heim genommen, daß es ihm gelungen war, als Seelsorger auf ihr Gemütsleben Einfluß zu gewinnen. Bei dem alten Mütterchen dagegen, das so gut in seinem großgedruckten, abgegriffenen Testament Bescheid wußte, war er selbst es, auf den der Besuch erbaulich wirkte.

Anfangs hatte ihn abgestoßen, daß sie sich so gern biblischer Ausdrücke bediente, gleich den alten Weibern, deren böses Mundwerk ortskundig war, die aber von gottgefälligen Redensarten überflossen, sobald sie es mit einem Bewohner des Pfarrhauses zu tun bekamen. Bald hatte er jedoch zu unterscheiden gelernt. Hier war ein Mensch, der aus dem Evangelium die Kraft schöpfte, voller Zuversicht und ohne Furcht dem Ende entgegenzusehen. Hier verlor der Tod wirklich seinen Schrecken. An manchen Sterbelagern hatte Arnold Körner schon gestanden, doch noch an keinem die feierliche Sammlung erlebt, mit der die alte Annekatrin das Nahen des großen Friedensbringers erwartete. Sie hatte ihr ganzes, langes Leben nur schwere Arbeit gekannt und wacker geschafft, solange sie ihre gichtischen Glieder noch rühren konnte. Und als nun vor wenigen Wochen die Krankheit ihr die Arbeit aus der Hand nahm, war ihr das Ausruhen so ungewohnt, daß sie es nicht als eine Wohltat empfand. Sie fühlte sich überflüssig geworden und sehnte sich nach der Stimme, die sie rufen würde, das irdische Jammertal mit den ewigen Seligkeiten zu vertauschen. Von kindlichem Glauben an die himmlische Barmherzigkeit erfüllt, zweifelte sie keinen Augenblick, daß das Unvergängliche in ihr im Reiche Gottes einen guten Platz finden werde, und meinte jetzt schon zuweilen, das Rauschen der Engelsfittiche zu hören, die sie nach oben tragen sollten.

Es war still in der kleinen, lichtarmen Stube, als der Vikar eintrat. Die Kranke wendete ihm langsam ihr runzeliges Gesicht zu, während eine Nachbarin, die bei ihr gesessen hatte, dienstbeflissen aufsprang und wortreich berichtete, wie es der Annekatrin gehe, und was sie selbst schon getan habe, um ihr Linderung zu verschaffen. Denn heute habe sie es auf der Brust und könne nur schwer atmen.

Der Vikar rückte den Stuhl zum Kopfende des Bettes, um die schwache, stockende Stimme besser zu verstehen.

Die Alte war noch bei vollem Bewußtsein, doch sah er gleich, daß es mit ihr zu Ende ging. Mit einem müden Lächeln sagte sie, daß ihre Arme bleischwer geworden seien, und sie sich nun auch füttern lassen müsse. Dann bat sie ihn stockend und kaum vernehmbar, wieder mit ihr zu beten. Seine Stimme habe dann einen so guten Klang, und das habe ihr neulich so wohl getan.

Da faltete er die Hände und sprach, was das Herz ihm eingab. Und aus seiner eigenen bedrückten Stimmung heraus fand er Worte kindlicher Hingabe für seine Bitte an den himmlischen Vater, diese müde Seele gnädig in sein Reich aufzunehmen; und er fühlte dabei eine frohe Gewißheit, daß sie erfüllt werde.

Die Alte hielt ihre Augen geschlossen, als ob sie schliefe; aber der verklärte Ausdruck ihrer Züge und die sich lautlos bewegenden Lippen zeigten, daß sie begierig die frohe Botschaft in sich aufnahm.

Als er schwieg, nickte sie ihm dankbar zu. Und er streichelte mit seiner weichen, gepflegten Rechten ohne Scheu die braunen, runzligen Hände, die kraftlos auf der groben Bettdecke lagen.

Seine eigene Kümmernis war ganz vergessen. Hier war seine Brust ganz von dem Trost erfüllt, der für alle in dem ruhigen Heimgang eines gläubigen Menschen liegt, und der den Gedanken an das eigene Ende auch den in voller Lebenskraft Stehenden erträglich macht, die sich sonst gegen ihn wehren, als ob sie dadurch den unerbittlichen Sensenmann überhaupt von sich fernhalten könnten. –

Dem ganz von seinem Amt erfüllten jungen Seelsorger war hier Ingeborg so fern gerückt, daß er überrascht zusammenfuhr, als ein vorsichtiges Öffnen der Haustür ihn veranlaßte, den Kopf zu wenden, und er sie eintreten sah.

Hinter ihr kam ein kleiner, dicker Mann mit glattrasiertem Gesicht zum Vorschein, – der Arzt, den sie unterwegs getroffen hatte. Ohne weitere Förmlichkeiten nahm dieser den Platz am Krankenbett ein, den ihm der Vikar sofort schweigend überließ. Er begann sogleich die Untersuchung, indem er die Uhr zog, um den Puls zu prüfen, und das Hörrohr an die abgemagerte Brust legte.

»Nur Geduld, Großmutter, wird schon wieder gut werden«, sagte er in seiner etwas derben, dabei aber freundlichen, aufmunternden Weise, die seine Patienten an ihm schätzten. »Eine feine, kräftige Suppe bringt Euch wieder Pfarrers Ingeborg; laßt sie Euch gut schmecken, die ist besser als alle Medizin. Nur für heute Nacht will ich Euch etwas aufschreiben, damit Ihr Ruhe habt.«

Damit zog er einen Rezeptblock aus der Brusttasche, kritzelte in kaum leserlicher Schrift wenige Zeilen und gab dann das Blatt der im Hintergrund stehenden Nachbarin, die es in die Apotheke tragen sollte.

»Das beste ist, wir lassen sie ganz in Ruhe«, sagte er dann leise zum Vikar.

»Ich war schon im Begriff, zu gehen«, antwortete dieser.

Der Arzt gab noch mit halblauter Stimme der Nachbarsfrau Verhaltungsmaßregeln. Ingeborg sprach zu der Kranken einige tröstende Worte, und dann verließen die drei zusammen die ärmliche Hütte.

»Es steht wohl sehr schlecht mit ihr?« fragte Ingeborg traurig.

»Sie wird kaum noch die Nacht überleben«, lautete der Bescheid des Arztes.

»Wozu aber noch das Tränklein, wenn Sie so genau wissen, daß Ihre Kunst doch versagt?« sagte der Vikar mit leisem Tadel. »Oder halten Sie es wirklich für richtig, den Dämmerzustand eines Sterbenden künstlich um einige Stunden zu verlängern?«

»Wenn Sie gesehen hätten, was ich verordnete, würden Sie nicht so sprechen«, kam es gelassen zurück. »Morphium stand auf dem Zettel. Auf die Fähigkeit, das Herz durch Digitalis aufzupeitschen und dadurch das Leben um einige Leidensstunden zu verlängern, wie es leider noch heutigentags viele Kollegen für richtig halten, bin ich nicht stolz. Mit reinem Gewissen habe ich dagegen schon den Todeskampf abgekürzt, wenn ich einen Menschen schier unerträglich leiden sah.«

Der Vikar mochte in diesem Augenblick dem robusten Landarzt nicht widersprechen, wenn ihm auch der Einwand auf der Zunge lag, daß es nicht allein gegen die menschlichen, sondern vor allem gegen die göttlichen Gesetze verstoße, das Leben eines Menschen zu verkürzen. Er empfand, daß der alte Mann an seiner Seite nicht leichtfertig handelte, sondern so, wie sein Gewissen es ihm gebot, und er schwieg daher.

»Wäre die alte Annekatrin nicht auch ohne das Morphium ganz ruhig eingeschlafen?« fragte Ingeborg nach einer kurzen Pause.

»Kann sein, vielleicht aber hätte eine furchtbare Atemnot sie noch gequält, und das wollte ich ihr ersparen. Sehen Sie nur mal den Herrn Vikar an, Fräulein Ingeborg. Er macht ein Gesicht, als ob er gerade überlegte, wie er einen so abgefeimten Verbrecher wie mich auf die schnellste Art dem Gericht überliefern könnte. Legen Sie ein gutes Wort für mich ein, Fräulein Ingeborg, auf Sie hört er gewiß. Guten Abend, meine Herrschaften, hier trennen sich auch räumlich unsere Wege.«

Er legte mit militärischem Gruß seine Rechte an die dicke Pelzmütze, zwinkerte dem jungen Mädchen aus seinen kleinen, grauen Augen zu, und bog in eine Seitengasse ein, ehe der Vikar ein Wort zu erwidern vermochte.

»Dieser Doktor hat etwas Spöttisches in seiner Art, das ich nicht leiden kann«, stieß er nach einigen Schritten mißmutig hervor. »Käme Ihr Herr Vater nicht so gut mit ihm aus, so würde ich annehmen, daß es sich gegen unsern Stand richtet. Vielleicht tue ich ihm Unrecht. Aber nach diesem Besuch bei der alten, kranken Frau bin ich nicht in der Stimmung, zu scherzen.«

Ingeborg übernahm mit Eifer die Verteidigung des Arztes und erzählte Beispiele von einer Menschenfreundlichkeit und Hilfsbereitschaft, die deutlich zeigten, daß die rauhe Außenseite ein warmes, mitfühlendes Herz barg. –

Dem Vikar schien es, als ob ihn alle Leute heute besonders freundlich grüßten. Mehrmals glaubte er auch zu beobachten, daß Frauen sich vielsagende Blicke zuwarfen und zusammen tuschelten, wenn er mit dem schönen Mädchen an seiner Seite an ihnen vorbeischritt. Da begann die Wunde in seinem Herzen aufs neue zu bluten, und er hätte allen Gaffern in die grinsenden Gesichter schreien mögen: Ihr irrt! Ein anderer ist's, den sie liebt! So wurde er wortkarg und ließ meist Ingeborg sprechen, die unbefangen hier und dort mit den Bauern ein Wort austauschte, fast alle Kinder mit Namen kannte und seine Verschlossenheit dem Krankenbesuch oder der kleinen Neckerei des Arztes zuschreiben mochte.

»Am Samstag um diese Zeit sind wir hoffentlich schon in Wallersbach«, sprach sie unvermittelt ihre Gedanken aus, nachdem sie eine kurze Strecke schweigend nebeneinander hergegangen waren.

Der Vikar nickte stumm.

»Zu schade, daß Liselchen nicht mit uns gehen darf«, fuhr Ingeborg in bedauerndem Tone fort. »Tante Minchen will sich durchaus nicht umstimmen lassen. Ihr ist ganz gleichgültig, daß wir unsere schönsten Lieder dreistimmig eingeübt haben und nun beim Wettsingen nicht unser Bestes geben können. Wäre nur am Sonntag abend nicht die Bahnfahrt zurück! Davor hat Tante am meisten Angst. Zu schade, daß nicht eine Vertrauensperson zufällig zur gleichen Zeit dieselbe Strecke fährt!«

Mit einem echten Evalächeln blickte sie ihn erwartungsvoll von der Seite an, froh, nach so langem Zögern diese Worte im Interesse ihrer kleinen Schwester so glatt über die Lippen gebracht zu haben.

Diese Freude war aber nur von kurzer Dauer.

Arnold Körner runzelte bei ihren Worten die Stirn und heftete die Augen starr auf den festgefrorenen Boden. Und als Ingeborg schwieg, lachte er bitter und antwortete in spöttischem Ton:

»Damit Sie Liselottes Stimme beim Wettsingen im Wallersbacher Pfarrhaus nicht zu entbehren brauchen, würden Sie sogar meine Gegenwart während der kurzen Bahnfahrt geduldig ertragen?«

Ingeborg wußte nicht, wie ihr geschah. Über und über errötend, sah sie ihn mit halbgeöffnetem Mund hilflos an, und brachte kein Wort heraus. Der Ton, in dem er zu ihr gesprochen hatte, war ihr ganz fremd, und sie fragte sich vergebens, wodurch sie ihn gekränkt haben könnte.

Aber auch Arnold Körner empfand, daß er zu weit gegangen war.

»Entschuldigen Sie, daß ich in dieser Weise einer augenblicklichen Stimmung nachgab«, bat er verwirrt. »Heute sind schon so viele Eindrücke auf mich eingestürmt … Sie wissen ja, daß ich sonst nicht so empfindlich bin.«

Die letzten Häuser des Dorfes lagen hinter ihnen, und sie stiegen jetzt den Weg hinauf, der am Pfarrhaus vorbei ins Gebirge führte.

Eine lange Minute lang herrschte ein bedrückendes Schweigen. Ingeborg wollte fragen und der Vikar erklären, doch fanden sie beide nicht die richtigen Worte.

Endlich raffte sich Arnold Körner zusammen, atmete tief auf und sagte, seine Schritte verlangsamend:

»Fräulein Ingeborg, wir beide waren einmal auf dem besten Wege, gute Freunde zu werden. Da trat etwas zwischen uns, das uns einen Augenblick beglückte, und dann verstanden wir uns nicht mehr. Und wenn wir uns auch voreinander versteckten und so taten, als ob das alte, freundschaftliche Verhältnis fortbestehe, so blieb doch etwas Trennendes zwischen uns, – die Erinnerung an …«

»Oh, bitte, sprechen Sie nicht davon!« bat sie ihn flehend. Auch er hatte Mühe, seiner inneren Erregung Herr zu werden, brachte es aber fertig, ruhig, wenn auch ab und zu ein wenig stockend, weiterzusprechen:

»Es ist schwer, einem anderen Menschen eine herbe Enttäuschung bereiten zu müssen. Aber wenn es sein muß, damit wir gegen uns selbst nicht untreu werden, geschieht es besser sogleich, als daß aus falscher Schonung eine innere Unwahrhaftigkeit verlängert wird. Wir beide haben unter einer Übereilung gelitten und verstehen uns jetzt ohne viele Worte. Aber ehe ich von Ihnen gehe, muß ich Ihnen sagen, daß ich immer in herzlichster Freundschaft Ihrer gedenken werde und Ihnen aufrichtig das Schönste und Beste wünsche, was uns Erdenbewohnern beschieden sein kann. Bewahren Sie auch mir ein freundliches Gedenken, darum wollte ich Sie bitten.«

Ingeborg mußte alle Kräfte zusammennehmen, ihre Fassung zu bewahren. Aber sie wollte ihn nicht sehen lassen, wie furchtbar sie unter seinen Worten litt, die aufs neue die kaum geheilte Wunde in ihr aufrissen. Nun sprach er es ja selbst aus, daß nur ein Mißverstehen seiner eigenen Gefühle sie beide für kurze Zeit so nahe gebracht, und es nur einer kurzen Überlegung bedurft hatte, ihn bereuen zu lassen. ›Ich bin ihm nicht gut genug‹, klang es traurig in ihr; aber ihr verletzter Stolz kam ihr nicht zu Hilfe, und sie fühlte nur zu gut, daß sie diesen Mann, auch wenn er sie verschmähte, noch weiter lieben mußte.

Wenn es ihr auch gelang, ihren tiefen Schmerz hinter den fest zusammengekniffenen Lippen zu verschließen, so konnte sie doch nicht hindern, daß Träne auf Träne aus ihren todestraurigen Augen quoll. Und als sie den kraftvollen Druck seiner Hand spürte, die er ihr zur Besiegelung eines auch nach der Trennung fortdauernden guten Einvernehmens entgegengestreckt hatte, fühlte sie das letzte Fünkchen Hoffnung, das in schwachen Stunden noch in ihr geglimmt hatte, verlöschen.

Arnold Körner sah wohl ihre Tränen und hörte an ihrem schweren Atmen, wie es in ihr arbeitete. Wie tief seine Worte sie aber berührten, ahnte er nicht.

Als er geendet hatte, erwartete er, daß sie sprechen werde; ja, er nahm sogar als selbstverständlich an, daß sie sich einige Selbstvorwürfe nicht ersparen und ihn wegen ihres Schwankens um Verzeihung bitten werde. Und als nichts dergleichen geschah, und sie ihm keine Gelegenheit gab, einige philosophische Worte über die Schwachheit der Menschenherzen anzubringen, die er sich selbst in letzter Zeit so oft zum Trost gesagt hatte, Ingeborg auch nicht so von ihrer Schuld überwältigt schien, daß es angebracht gewesen wäre, von Verzeihen zu sprechen und sie gegen sich selbst in Schutz zu nehmen, wurde er verstimmt.

Ingeborg trocknete ihre Tränen und schien schnell gefaßt. Beide sprachen kein Wort mehr, bis sie sich im Hausflur trennten; und als sie sich beim Abendessen gegenübersaßen, hatten sie sich wieder vollständig in der Gewalt und taten, als ob die Unterredung am Nachmittag in ihrem Gedächtnis ausgelöscht sei.

Allerdings gab es bei Tisch eine Überraschung, die alle Gemüter auf das lebhafteste beschäftigte. Tante Minchen erklärte nämlich in dürren Worten, daß sie anderen Sinnes geworden sei und Liselotte ausnahmsweise mit den Wandervögeln nach Wallersbach ziehen lassen wolle, wenn … Und dann folgte eine schier endlose Reihe von Ermahnungen, die sich aber in den nun ausbrechenden stürmischen Freudenbezeigungen nur sehr schwer Gehör zu schaffen vermochten.

Summarisch versprachen die Kinder alles, was die alte Dame verlangte. Mit nachsichtigem Lächeln ließ diese den Tumult über sich ergeben und fügte dann seelenruhig die Bedingung hinzu, daß Liselchen jetzt ihren großen Teller Grütze ohne Widerspruch leer essen müsse. Und zum erstenmal geschah es, daß sie hierbei ihren Willen durchsetzte, ohne Tränenströme heraufzubeschwören.

Niemand erriet, wodurch die unerwartete Nachgiebigkeit der Tante bewirkt worden war.

Wie hätte auch jemand auf den Gedanken kommen sollen, daß noch kurz vor dem Abendessen der Vikar ein gutes Wort für die Kleinste eingelegt und versprochen hatte, sie selbst während der Rückfahrt unter seinen Schutz zu nehmen, da er am Sonntag nun doch noch seinen Freund besuchen wolle.

Aus einer ihm selbst kaum erklärlichen Schwäche hatte Arnold Körner in einer sentimentalen Anwandlung dem heißen Verlangen nachgegeben, das ihn mit unwiderstehlicher Gewalt trieb, so viel wie möglich noch die Nähe der Geliebten zu kosten, obgleich er voraussah, welche Eifersuchtsqualen gerade in Wallersbach seiner warteten. Er folgte dabei nur dem Beispiel aller unglücklich Liebenden, die mit wahrer Wollust ihr eigenes Herz peinigen, und betrog sich selbst in dem Gedanken, daß er als wahrer Märtyrer handle, und daß es ihm große Überwindung koste, Ingeborgs Wunsch zu erfüllen und damit dem Terzett die Teilnahme am Wettsingen zu ermöglichen. Doch niemand sollte ahnen, welche Qualen er erduldete, am wenigsten das Mädchen, um das er litt. Und dieser Vorsatz bereitete ihm eine merkwürdige Befriedigung.

Tante Minchen aber hatte versprechen müssen, diese Absicht ganz geheim zu halten.

* * *

Alexander, der in der nahen Kreisstadt die Schule besuchte, war von Liselotte nie mit solcher Sehnsucht erwartet worden, wie an diesem Samstag. Die Rucksäcke ihrer Schwestern hingen längst »zunftgemäß« gepackt mit den Musikinstrumenten am großen Familienkleiderständer im Flur, doch ihr eigenes Hab und Gut sollte von Alexander mitverstaut werden. Diesem Befehl ihrer Tante hatte sie sich schweren Herzens fügen müssen, doch immer wieder prüfte sie gewissenhaft, ob auch nichts an der Ausrüstung eines richtigen Wandervogels fehlte. Als solchen fühlte sie sich heute, und in diesem stolzen Bewußtsein hätte sie mit keiner Prinzessin getauscht.

Seit sie um elf Uhr aus der Dorfschule heimgekommen war, hatte ihr rotes Mündchen noch keine Minute stillgestanden, und wenn die Erwachsenen ihren unaufhörlichen, erwartungsvollen Fragen kein Gehör schenken wollten, mit den Kanarienvögeln um die Wette gesungen.

Als endlich nach ein Uhr alle bei Tisch saßen, wurden auch die Erwachsenen von der Unruhe des jungen Volkes angesteckt. Der Pfarrer ließ sich von Ingeborg den Weg beschreiben, den sie benutzen wollte, um im Geiste seine Kinder bis zu dem Ziel begleiten zu können. Denn ehe ihn die Gicht überfallen hatte, war er selbst ein guter Fußwanderer gewesen und konnte sich rühmen, alle Berge und Täler des Odenwaldes aus eigner Anschauung zu kennen.

Tante Minchen erschöpfte sich in guten Ermahnungen und begnügte sich mit eindringlichen Wiederholungen, wenn keine neuen Gefahren, vor denen sie ihre Schützlinge warnen mußte, ihre Vorstellung beunruhigten. Allerdings war der Vikar der einzige, der ihr mit stets gleichbleibender Bereitwilligkeit Gehör schenkte.

Liselotte kehrte sich nicht daran, daß noch fast eine Stunde vergehen mußte, ehe die Wandervögel aus der Residenz hier sein konnten. Mit klopfendem Herzen schaute sie durch das Fenster in die verschneite Ebene nach der Nebenbahn aus. Ihre Geschwister verspotteten sie zwar wegen ihrer Ungeduld, schickten aber selbst hin und wieder sehnsüchtige Blicke in die Ferne.

Ein Aufjauchzen der Kleinen begrüßte die ferne Rauchwolke der Lokomotive. Von Minute zu Minute stellte sie fest, daß der Rauch sich immer deutlicher von den schwarzen Kiefern abhob, über denen er als einziges Zeichen des näherkommenden Zuges schwebte. Und wenn auch niemand daran Zweifelte, ruhte sie nicht eher, als bis einer nach dem anderen ihr den Gefallen tat, ihre Wahrnehmungen zu bestätigen.

Bald kroch der kleine Zug schneckengleich aus dem Wald, fauchend und stöhnend über die kleine Steigung, die er bis zu dem eine kleine Viertelstunde abseits vom Dorf gelegenen Bahnhof zu überwinden hatte.

Nun rührten sich alle vier nicht mehr vom Fenster, bis hinter dem kleinen Gebäude, das die Aussteigenden den Blicken verbarg, ein Trupp junger Leute zum Vorschein kam.

»Sie kommen, sie kommen!« jubelte Liselotte und tanzte von einem Bein auf das andere.

Alexander schlug vor, den Erwarteten entgegenzugehen, ließ sich aber von Ingeborg schnell überzeugen, daß dies eine unnötige Kraftverschwendung wäre, da der Weg doch am Pfarrhaus vorbeiführte.

Als die ersten Wandervögel das Dorf erreichten, eilten alle vier auf den Flur und machten sich marschbereit. Von dem Lärm angelockt kam Tante Minchen herbei, um sich zu überzeugen, daß niemand den Lodenumhang zurückließ, was zuweilen nicht ohne Absicht geschah. Die drei Mädchen trugen über ihren wetterfesten Röcken feuerrote, wollene Sweater, die sie sich selbst gestrickt hatten, dazu gleichfarbige, runde Mützen, die ihnen vortrefflich zu Gesicht standen. Alexander dagegen bevorzugte Lodenjoppe und kurze Beinkleider, die Tracht der meisten männlichen Wandervögel.

»Nun schnell noch Vater einen Kuß geben«, sagte Eva und sprang schon die ersten Stufen hinauf. Im selben Augenblick ging oben eine Tür und Pfarrer Buchner kam im Schlafrock und mit seiner langen Pfeife im Munde herunter, um von der großen Veranda aus den Abmarsch der Wandervögel zu beobachten.

Als die Rucksäcke und Gitarren umgehängt waren, nahm Tante Minchen von Liselotte so bewegten Abschied, als stehe ihnen eine monatelange Trennung bevor. Die Kleine dagegen ließ offenbar ungerührt und wie etwas Unvermeidliches die Liebkosungen über sich ergehen.

Pfarrer Buchner trat mit den Kindern auf die Veranda, während seine Schwester mit sorgenvoller Miene ihnen noch einmal vom Fenster aus zunickte.

»Ein ausgesucht schöner Wintertag, ruhige Luft und nicht zu kalt«, sagte der Pfarrer befriedigt, und sog in vollen Zügen die reine Schneeluft ein.

»Ich höre sie schon!« riefen Eva und Alexander wie aus einem Munde.

Alle lauschten gespannt auf die von schwachen Zupfgeigenakkorden untermischten Singstimmen, die jetzt durch die klare Luft vom Dorf heraufklangen, und von Minute zu Minute stärker wurden. Die Wiesenborner Wandervögel erkannten bald die Melodie und summten sie halblaut mit. Noch kurze Zeit, dann bogen die vordersten unten um die Ecke, schwenkten ihre Hüte und riefen »Heil!«. Jubelnd kam von oben ein vierstimmiges Echo zurück.

Nun gab es einen Wettlauf die kleine Anhöhe hinauf. Große und Kleine, Mädchen und Buben in buntem Durcheinander, – alle wollten die ersten sein, den Pfarrkindern die Hände zu schütteln.

Ein baumlanger Mensch mit fast auf die Schultern fallenden, roten Haaren und jungem Vollbart von der gleichen Farbe gewann schnell einen guten Vorsprung, obgleich er ein etwa achtjähriges Bübchen auf den Schultern trug, das sich mit beiden kleinen Fäusten in dem roten Schopf festklammerte und laut vor Freude jauchzte. Mit seiner Rechten hielt der Riese die kleinen Beine seines Reiters fest, während sein linker Arm die Gitarre vor einer ihr unzuträglichen Berührung mit dem Kochtopf bewahrte, der an dem Rucksack hing.

Ingeborg, Eva, Alexander und Liselotte waren auf die Straße geeilt und tauschten schon aus der Entfernung Grüße mit ihren Kameraden aus.

»Achtung, Rübezahl, der Bub, der Bub!« mahnten besorgt die Stimmen der Mädchen.

Aber der rote Waldmensch sprang in lustigen Bocksprüngen weiter, bis er vor den Pfarrerskindern stand und ihnen der Reihe nach seine rotblau gefrorene Tatze reichte. Die Kraftleistung hatte ihm so vollständig den Atem geraubt, daß er vor Pusten und Schnaufen zunächst nicht sprechen konnte.

»Welch Unsinn! Wieder mal echt Rübezahl! Wie leicht hätte der Friedel herunterfallen können!« schalten die Mädchen durcheinander und halfen dem kleinen Reiter, der nur sehr ungern seinen hohen Sitz verließ, beim Absteigen. Studiosus Werner Fink, alias Rübezahl, hätte Ursache gehabt, sich über Zurücksetzung zu beklagen, so eifrig bekümmerten sie sich um ihren Liebling, den Friedel.

Nun kamen auch nacheinander die anderen heran, und das Heilrufen und Händeschütteln schien kein Ende nehmen zu wollen.

Friedels Schwester, die zwölfjährige Gretel, ein flinkes, schlankes Geschöpfchen mit lebhaften, dunklen Augen, sicherte sich gleich einen Platz neben ihrem Freund Alexander. Liselotte wurde von einem jungen Mann bei der Hand genommen, der sich anscheinend allgemein großer Beliebtheit erfreute, denn immer hatte jemand gerade ihm etwas Wichtiges zu melden. Sein durchgeistigtes, blasses, schmales Gesicht mit dem winzigen Schnurrbärtchen stach auffallend von den blühend roten Wangen der anderen ab, denen allen Gesundheit und Jugendübermut aus den Augen funkelten. Gleich seinem Altersgenossen Fink hatte er seine braunen Haare lang wachsen lassen, daß sie in Locken unter dem federgeschmückten, runden Filzhut hervorquollen.

Wie Fink nur Rübezahl genannt wurde, bezeichnete man ihn nur als den »Maler«, als ob sein ehrlicher Name Gustav Pieper in diesem Kreise unbekannt wäre. Überhaupt schienen Spitznamen an der Tagesordnung zu sein, denn ein dunkelhaariger, beweglicher Bursche hieß »die Ratt«, ein kleiner dicker nach seinem Vornamen Georg in hessischer Aussprache das »Schorschche«, und als Eva nach dem »Tapir« fragte, meldete sich, ohne im geringsten gekränkt zu scheinen, ein sechzehnjähriges, plumpes Mädchen mit gutmütigem Gesicht, das gewöhnlich unverdrossen als letzte hinterdrein tippelte und auch heute von dieser Gewohnheit nicht abgewichen war.

»Zwölf Buben und acht Mädchen«, meldete Ingeborg stolz ihrem Vater, nachdem sie die Schar gemustert hatte, die bereit war, sich bis zum Schluß der Fahrt ihren Anordnungen zu fügen.

»Bitte, sorge du heute dafür, daß der Schlingel, der Heiner, nicht zu großen Unfug anstellt«, bat sie den Roten mit einem Blick auf einen langaufgeschossenen Bengel, der in der Blütezeit der Flegeljahre steckte und immer geneigt war, die ihm gelassene Freiheit zu mißbrauchen.

»Wird geduckt, wenn er sich wieder mausig macht«, erwiderte Rübezahl mit vertrauenerweckender Gelassenheit.

Nun gab Ingeborg das Zeichen zum Abmarsch. In kleinen Gruppen setzte sich der Trupp in Bewegung, junge und alte, männliche und weibliche Wandervögel in buntem Durcheinander. Die Vordersten stimmten ein Lied an, die Folgenden nahmen es auf, Gitarren- und Mandolinenklänge mischten sich in den Gesang, der sich nach hinten fortpflanzte, bis auch die dicke Adelheid, die wieder stillvergnügt allein den Schluß bildete, in die Saiten griff und laut einstimmte. Dabei wendete sich manches blonde und braune Haupt nach dem würdigen, alten Herrn im Schlafrock zurück, der seine Augen an dem Anblick der fröhlichen Schar weidete und die Abschiedsgrüße unermüdlich durch Nicken und Winken mit seiner langen Pfeife erwiderte, bis auch »Tapir« um die Ecke gestampft war und seine Schwester energisch an die Scheiben klopfte. Da nahm er noch ein paar tiefe Atemzüge der kräftigen Luft gleichsam als Vorrat mit in das Haus und sagte zu seiner Schwester: »Du magst einwenden, was du willst, es lebe der Wandervogel! Ich wollte, ich wäre noch einmal jung und könnte so frei und ungebunden mit ihnen ziehen!«

»Du bist aber nicht mehr jung und wirst dir einen tüchtigen Schnupfen holen, wenn du bei dieser Temperatur so lange im Freien stillstehst«, erhielt er zur Antwort. –

Die beiden waren nicht die einzigen, die das lebensvolle Bild der abziehenden Wandervögel in sich ausgenommen hatten. Pfarrer Buchner saß schon längst wieder hinter seiner Predigt für den vierten Advent, als Arnold Körner noch immer in seinem Zimmer am Fenster stand und in Gedanken verloren in die Weite blickte.

Mehrmals hatte er schon das junge Volk so harmlos fröhlich in den Odenwald ziehen sehen, und jedesmal mit widerstreitenden Gefühlen zu kämpfen gehabt.

Heute erfüllte ihn das gleiche Verlangen, wie unten den alten Herrn: noch einmal jung zu sein und so ungebunden in die Welt wandern zu dürfen. Und als er seine eigene Kindheit mit der Art verglich, wie diese jungen Menschenkinder ihre Jugend genießen durften, schien es ihm, als ob er selbst nie so ganz von Herzen fröhlich gewesen wäre. Jetzt bäumte sich in seinem Innern gewaltsam etwas auf gegen die Unnatur, die seiner Erziehung den Stempel aufgedrückt und seine Freiheit so unterbunden hatte, daß er sich nicht eines einzigen Males entsinnen konnte, wo er mit Altersgenossen ohne Aufsicht frei in Feld und Wald herumgetollt wäre. Wegen seines musterhaften Betragens war er stets anderen Knaben als ein leuchtendes Beispiel vorgehalten worden. Wie gering schätzte er in diesem Augenblick den Stolz ein, den er früher darüber empfunden hatte!

Ein bitteres Lächeln huschte über seine Züge, als er daran dachte, was die Eltern, die seinen Verkehr stets einer so gewissenhaften Kontrolle unterworfen hatten, wohl gesagt hätten, wenn es ihm eines Tages eingefallen wäre, mit einem Trupp Knaben und Mädchen ins Gebirge zu ziehen. Aber sogleich nahm er sie vor seinen eigenen Gedanken in Schutz. Ihr höchstes Bestreben war stets gewesen, ihrem einzigen Kinde durch die beste Erziehung, wie sie sie verstanden, die Lebenswege zu ebnen, und sie hatten sich dadurch seine unerschütterliche Dankbarkeit verdient.

Aber Arnold Körner schätzte in diesem Augenblick die Jugend glücklich, die den Vorteil davon genießen durfte, daß auch in Erziehungsfragen die Welt einen Schritt vorwärts gekommen war und ein Paar alte Vorteile über Bord geworfen hatte.

Noch einmal jung sein dürfen! Aber blieb ihm denn nur übrig, dem Versäumten nachzutrauern? Dort an der Spitze des Zuges zogen doch junge Männer in die Berge, die nur wenige Jahre jünger waren als er selbst! Was hinderte ihn also, die alten Fesseln abzuwerfen und sich ihnen anzuschließen?

Mit einem traurigen Lächeln schüttelte er den Kopf. Nein, noch ein Wandervogel zu werden, dazu war es zu spät. Und als er ruhiger nachsann, wußte er wieder, daß es nur die Liebe zu Ingeborg gewesen war, die ihn in dieser Aufwallung so vollständig übersehen ließ, was ihn für immer von der Art der Wandervögel trennte. Auf seine Lebensart hätte er nie verzichten mögen, sich auch nie in einer Gesellschaft wohl gefühlt, die auf Äußerlichkeiten so wenig Wert legte, wie die Wandervögel; dazu waren ihm die Erziehungsgrundsätze seiner Eltern viel zu sehr in Fleisch und Blut übergegangen. Aber er sah im Geiste deutlich, wie das Gute der beiden Extreme sich vereinigen ließe, und hörte in dieser versöhnlichen Stimmung wieder seinen Freund sagen: jede neue Bewegung schießt als natürliche Reaktion gegen das Überwundene anfangs über das Ziel hinaus; mit der Zeit findet ganz von selbst ein richtiger Ausgleich statt. Und er freute sich, daß sicherlich bald der Jugend dieser Idealzustand zugute kommen würde.

Dann folgte er wieder im Geiste den Wandervögeln auf ihrem Wege nach Wallersbach.

Welch Schwächling, welch Tor bin ich, daß ich ihnen nachlaufe! schalt er sich. Aber die geheimnisvolle Gewalt, die ihn zu dem gleichen Ziel zog, war viel stärker als die Stimme des Verstandes. So früh wie nur irgend möglich wollte er in Wallersbach eintreffen.

Wenn es Sommer wäre, könnte ich früh aufbrechen und zur Kirche rechtzeitig dort sein, fuhr es ihm durch den Kopf.

Wie in einer plötzlichen Erleuchtung griff er hastig nach dem Kalender. Nach kurzer Überlegung war sein Entschluß gefaßt.

Änderte sich das Wetter nicht, dann war mit einer sternhellen Nacht zu rechnen; außerdem ging der Mond erst so spät auf, daß die leuchtende Scheibe noch bei Tagesanbruch hoch am Himmel stehen würde. Blieb er auf der Landstraße, was allerdings einen Umweg bedeutete, dann brauchte er nicht zu befürchten, den Weg zu verfehlen. Und er freute sich schon auf die Überraschung Mangolds und nicht zuletzt Ingeborgs und ihrer Geschwister, wenn er sich ihnen zum Kirchgang anschließen würde.

Auf alle möglichen Einwendungen gefaßt trug er seinen Plan am Abend mit einigem Herzklopfen, doch äußerlich so ruhig vor, als ob ein Spaziergang zu so ungewohnter Stunde zu seinen Gewohnheiten gehörte. Aber zu seiner Überraschung versuchte weder der Pfarrer noch seine Schwester, ihn davon abzubringen. Buchner erzählte von eigenen Marschleistungen in sternklaren Winternächten, und Tante Minchen war hochbeglückt, auf diese Weise Liselotte um so früher unter guter Hut zu wissen.

Buchschmuck


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