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Buchschmuck

I.

In der nahen Residenzstadt war Wochenmarkt gewesen; in Scharen entstiegen Landleute beiderlei Geschlechts in Haindorf dem langen Personenzug, um von dort mit der Nebenbahn die Rückfahrt in ihre heimatlichen Dörfer fortzusetzen. Der kleine gepflasterte Bahnsteig füllte sich im Nu mit den meist leeren runden Weidenkörben, die wenige Stunden vorher mit köstlichem Obst und frischem Gemüse gefüllt in langen Reihen auf dem Marktplatz gestanden hatten. Worte in der urwüchsigsten Odenwälder Mundart vermischten sich mit dem Fauchen der zur Abfahrt bereiten Maschine, und es herrschte beinahe ein Durcheinander wie an schönen Sonntagen, wenn Scharen froher Menschen hier ausstiegen, um in die Bergstraße und den Odenwald zu wandern.

Ein etwa dreißigjähriger mittelgroßer Herr, der den Zug erwartet hatte, blickte suchend umher. Trotz des warmen Spätsommertages trug er einen langen schwarzen Gehrock, der an verschiedenen Stellen durch ein unerwünschtes Glänzen eine lange Dienstzeit verriet, und dessen Schnitt ebensowenig modern war wie die Form des steifen Filzhutes und der bequemen, derb gesohlten Stiefel. Diese Äußerlichkeiten hinderten aber den Stationsvorsteher und viele der Angekommenen nicht, den Wallersbacher Pfarrer respektvoll zu grüßen; war er doch lange im nahen Wiesenborn Vikar gewesen und den meisten persönlich bekannt.

Sonst gab er selten einen Gruß zurück, ohne ein freundliches Wort daran zu knüpfen; denn als Enkel eines Mannes, der eigenhändig den Pflug geführt hatte, versetzte er sich mühelos in die Gedankenwelt der einfachen Bauern, und sein warmes menschliches Mitgefühl ließ es ihm ganz selbstverständlich erscheinen, an allen ihren Alltagssorgen und Freuden, von denen aber viel weniger oft die Rede war, eifrig teilzunehmen.

Heute nickte er nur zerstreut und lüftete mechanisch den Hut, wenn wieder ein biederes »Gude Morrche, Herr Parrer« sein Ohr traf.

Als er eine Zeitlang vergebens Ausschau gehalten hatte, schüttelte er verwundert den Kopf, und ging langsam den Zug entlang. Aber auch jetzt fand er nicht, was er suchte und in seinem starkknochigen, glattrasierten Gesicht drückte sich eine wachsende Enttäuschung aus.

So konnte er nicht sehen, wie gerade, als der Mann mit der roten Mütze das Zeichen zur Abfahrt geben wollte, ein Abteil zweiter Klasse von innen geöffnet wurde, und ein hochgewachsener, schlanker junger Mann hastig auf den Bahnsteig sprang. Ein echter Panama beschattete sein ernstes Gesicht; seine Hände, die eine gelbe Handtasche und einen Zylinderkarton hielten, steckten in grauseidenen Handschuhen; einen hellen Sommerüberzieher, der in der Farbe zu dem gutsitzenden Anzug paßte, trug er über dem Arm; braune Knopfstiefel vervollständigten den Eindruck einer geschmackvollen, in nichts übertriebenen Eleganz. Ohne zu zögern folgte er seinen Mitreisenden zu der ein wenig abseits von der Hauptlinie bereitstehenden Nebenbahn, während der Zug, der ihn hergebracht hatte, ratternd an ihm vorbeirollte.

Dieser Lärm übertönte zunächst jegliches andere Geräusch und erstickte auch die Stimme des Wallersbacher Pfarrers, der sich beim letzten Wagen mißmutig umgedreht und nun zwischen den Bauern und ihren Marktkörben die hochaufgeschossene Gestalt des Erwarteten erblickt hatte. Sogleich setzte er sich in Trab, daß die langen Rockschöße hinter ihm herflatterten, und schrie mit voller Lungenkraft: »Körner, Arnold Körner!« bis der Lärm des davonrollenden Zuges nachließ und der Gerufene überrascht den Kopf wandte.

»Gott sei Dank, daß du endlich geruhst, auf deinen Namen zu hören!« rief der Pfarrer und streckte dem Angekommenen zum Willkomm seine Rechte entgegen, während er mit der Linken den Schweiß von seinem vor Hitze und Freude glänzenden Gesicht wischte. »Gelt, da guckst du, alter Freund? Daß ich dich hier in Empfang nehmen würde, hast du gewiß nicht erwartet.«

»Mangold, du!« rief Arnold Körner sichtlich freudig überrascht und machte schnell eine Hand frei. »Welch glücklicher Zufall, daß ich dich hier treffe! Fährst du mit dem Bähnchen in den Odenwald zurück? Dann bleiben wir bis Wiesenborn zusammen. Ich bin nämlich …«

»Weiß ich schon alles«, unterbrach der Pfarrer lachend. »Aber warum verziehst du so die Nase?«

»Ist denn dein Riechorgan ganz unempfindlich? Dieser Gestank ist ja fürchterlich!« Damit eilte Arnold Körner mit Riesenschritten an einer Gruppe schwatzender Bauersfrauen vorbei, die mit weißen Tüchern bedeckte Körbe auf den Köpfen trugen.

Theodor Mangold erstickte beinahe vor Lachen.

»Nimmt der Mensch vor unsern guten Odenwälder Handkäsen Reißaus! – Und du sollst eine Zeitlang den Landpfarrer spielen? Armer Kerl, da werden dir noch ganz andere Düftlein durch die Nase ziehen. Ein paar Flaschen Eau de Cologne befinden sich ja wohl auf alle Fälle bei deinem Gepäck?«

Körner schoß das Blut in den Kopf und er verzog das Gesicht. Aber Mangold wartete nicht ab, bis die leicht getroffene Empfindlichkeit seines Freundes sich in Worten äußerte und fuhr in unerschütterlicher Fröhlichkeit fort: »Halt, bleib mal stehen, ich will dir einen Vorschlag machen. Wie wärs, wenn wir bei dem herrlichen Wetter zu Fuß nach Wiesenborn gingen? Wir kommen dann gerade rechtzeitig zum Mittagessen an. Ich hatte nämlich hier in der Gegend zu tun, besuchte bei der Gelegenheit meinen alten Freund Buchner, erfuhr von ihm, wie der junge Mann heißt, den ihm seine Gicht als Vikar ins Haus beschert, und lief dann spornstreichs zum Bahnhof, um ihn feierlich einzuholen. Nun weißt du, woher ich schon unterrichtet bin.«

»Also es ist kein Zufall, daß ich dich hier treffe?« fragte Körner schnell besänftigt. »Natürlich gehen wir. Aber wo bleibe ich mit meinem Handgepäck?« Unschlüssig sah er durch die randlosen Gläser seines Kneifers erst Handtasche und Hutkarton und dann seinen Freund an.

»›Selbst ist der Mann‹ und ›Geteilte Freude ist doppelte Freude‹ sind zwei gute Sprichwörter«, erwiderte dieser und nahm dem Vikar trotz seines anfänglichen Widerstrebens die Handtasche ab. »Und nun auf nach Valencia!«

Es war einer jener herrlichen Tage, die in der ersten Morgenfrühe schon den nahenden Herbst ahnen lassen, sich aber sonst in nichts von echten Sommertagen unterscheiden. In blendender Helle lag die Sonne auf der von zwei Reihen alter Obstbäume eingefaßten Landstraße, die wie ein immer schmaler werdender weißer Strich geradenwegs auf das Gebirge zuführte. In sanften Wellenlinien liefen die Höhenzüge von Norden nach Süden, als westlicher Abschluß des Odenwaldes, zu dem zahlreiche Täler einen natürlichen Eingang bildeten. Langgestreckte schmucke Dörfer, meist von höherstehenden Kirchen überragt, lehnten sich an die rebenbewachsenen und bewaldeten Abhänge und bildeten in dem weiten Panorama liebliche Ruhepunkte für das Auge. Aber auch der Blick über die weite Ebene war nicht ermüdend, denn zu den unzähligen Obstbäumen auf den bunten Feldern gesellten sich Gruppen schlanker Pappeln und kleine dunkle Kiefernbestände, und brachten Farbe und Abwechslung in das Bild.

»Nun erzähle mir zunächst einmal, wie du auf den Gedanken gekommen bist, dich aufs Land schicken zu lassen«, fragte Mangold, als sie den Bahnhof und die wenigen Häuser Haindorfs hinter sich ließen. Dabei steckte er sich eine Zigarre an und lächelte nachsichtig, als deren Pfälzer Einlage seinen Freund augenblicklich auf die Windseite trieb. »Der seelengute Buchner weiß selbst nicht, wie er zu der Ehre kommt, den Sohn des Oberhofpredigers wochen- oder wahrscheinlich monatelang unter seinem Dach beherbergen zu dürfen. Ich glaube, offen gestanden, einer meines Schlages wäre ihm lieber gewesen. Er hat nämlich etwas läuten hören, daß der Betreffende ein recht verwöhntes Herrchen sein soll. Seine ältere Schwester, die ihm seit dem Tode seiner Frau die Wirtschaft führt, hat direkt Angst. Aber es werden mit dir nicht mehr Umstände gemacht, als wie mit jedem andern Vikar, das hat er ausdrücklich angeordnet.«

»Wäre mir auch scheußlich unangenehm«, erwiderte Körner. »Ich war einfach überarbeitet und sah mich nach einem Posten um, wo ich mich etwas erholen könnte. In Wiesenborn will Buchner trotz seiner Gicht auch weiter den meisten Dienst selbst versehen und dem Vikar hauptsächlich die Amtspflicht in den Filialen übertragen. Das schien mir für mich ganz geeignet zu sein und ich bat meinen Vater, mir, wenn möglich, diese Stelle zu verschaffen.«

»Das leuchtet mir ein«, sagte der Pfarrer und paffte kräftig in die Lust; »ich konnte nämlich nicht begreifen, wozu auf dem Wege zu der Stellung eines Oberhofpredigers diese Zwischenstation dienen sollte. Denn daß dich plötzlich ein unwiderstehlicher Drang ergriffen haben sollte, unter dem gemeinen Volk zu wirken, war mir gar zu unwahrscheinlich.«

»Dafür habe ich aber den unwiderstehlichen Drang, einem unausstehlichen Kerl mal gründlich die Meinung zu sagen«, polterte Körner mit drohend zusammengezogener Stirn gegen seinen Freund los. Aber seine Züge erhellten sich allmählich, während er weiter sprach: »Kannst du denn nie diesen infam spöttischen Ton lassen, wenn du mit mir über meine Laufbahn sprichst? Es ist gerade, als wenn wir uns aus alter Gewohnheit beständig in den Haaren liegen müßten, sobald wir nur kurze Zeit zusammen sind. – Und doch war's schön, damals in Gießen, weißt du noch?«

Mangold lächelte fein.

»Aber ein Weltverbesserer bin ich nicht mehr, das heißt, in meiner früheren Art. Im Kleinen sollten wir es ja alle sein, besonders wir Pfarrer.«

»Welch unerfüllbare Forderungen stelltest du damals an die Menschen!« nahm in der Erinnerung an vergangene Zeiten der Vikar wieder das Wort. »Wie erbärmlich kam ich mir neben dir vor, in dem Bewußtsein, daß ich nie fähig sein würde, das göttliche Gebot der Nächstenliebe in so selbstaufopfernder Weise zu erfüllen, wie du es tatest! Wie oft sah ich dich armen Studenten durch deine grenzenlose Opferwilligkeit in die peinlichste Verlegenheit kommen! Wie manches Mal …«

»Dauert's noch lange?« unterbrach der Pfarrer schelmisch den begeisterten Redestrom seines Freundes. »Es kommt nicht oft vor, daß wir uns gegenseitig mit Komplimenten überschütten; aber da du einmal angefangen hast und ich immerhin noch nicht ganz verbauert bin, will ich mich revanchieren.«

»O weh,« seufzte Körner, »das wird dir schwer fallen. Ich weiß nur zu gut, daß ich meist das Gefäß darstellte, in das du deine Weisheit ergossest, und daß ich außer meiner aufrichtigen Liebe und Bewunderung wenig dafür bieten konnte. Erst später ist mir recht klar geworden, wer nur zu sehr der allein empfangende Teil war!«

»Da bist du aber sehr im Irrtum, mein Lieber«, versetzte Mangold lebhaft. »Ist es vielleicht nichts, daß ich in meine Ideen verbissener Einsiedler einen Menschen fand, der in so vielen Anschauungen das direkte Gegenteil von mir selbst war? Du warst das Gegengewicht, das ich unbedingt brauchte. Ich stand in Gefahr, meine Kräfte im Verlangen nach einem unerreichbaren Idealzustand zu verzetteln, und du warst es mit deinen weltklugen Einwendungen, der meinen Geist von seinen Ausflügen in das Land Utopia zur Erde zurückführte.«

»Und nun sitzt du in deinem kleinen Odenwaldnest!« sprach Körner in bedauerndem Ton unwillkürlich seine Gedanken aus.

»… und fühle mich glücklich dabei,« ergänzte Mangold heiter. »Im Wallersbacher Pfarrhaus bin ich geboren, und es ist mir ein schöner Gedanke, das Amt meines Vaters weiterzuführen.«

»Aber die Einsamkeit! Umgang mit gebildeten Menschen gehört direkt zu meinen Lebensbedürfnissen, und selbst die besten Bücher sind in meinen Augen auf die Dauer kein vollwertiger Ersatz für alle Arten geistiger Anregung, wie sie nur eine größere Stadt bieten kann. Mir wäre es fürchterlich, wenn ich verurteilt würde, immer unter Bauern zu leben.«

»Wohl kaum fürchterlicher, als mir der bloße Gedanke, vor sogenannten erstklassigen Menschen das Evangelium zu predigen,« erwiderte Mangold aus tiefstem Herzensgrund und blickte seinen Freund kampflustig an. »Gegen die Gleichgültigkeit, mit der Gesunde und Wohlhabende es fertig bringen, an den Leiden ihrer Mitmenschen Vorüberzugehen bin ich nämlich immer noch ebenso unduldsam, wie gegen die bequeme Weltklugheit der vom Glück Begünstigten, die alles Elend auf Erden als eine unabwendbare göttliche Schickung betrachtet wissen wollen, und hieraus die Entschuldigung für ihre eigene Hartherzigkeit ableiten. Nun stell dir vor, ich sollte voll heiliger Entrüstung hierüber einer Gemeinde gegenüberstehen, die sich zum großen Teil aus Reichen zusammensetzt! Solchen Leuten zu predigen, überlasse ich gern geschmeidigeren Naturen. Meine Bauern sind durchaus keine Engel. Aber vor ihnen brauche ich kein Blatt vor den Mund zu nehmen; ja, ich käme mir wie ein Lügner vor, wenn ich's täte.«

Die Wendung, die das Gespräch genommen hatte, war durchaus nicht nach des Vikars Geschmack. Wohl fehlte es ihm nicht an einer Entgegnung; frühere Auseinandersetzungen über dieses Thema hatten aber einen so unerquicklichen Verlauf genommen, daß er jetzt lieber ablenken wollte. Er sagte daher rasch: »So seien wir also glücklich, daß jeder von uns den Wirkungskreis gefunden hat, der ihm zusagt.«

Aber Mangold hatte ihn durchschaut und schmunzelte stillvergnügt vor sich hin, ohne zu erwidern. –

Weit und breit war kein Mensch zu sehen. Umso erstaunter hoben die beiden Wanderer die Köpfe, als ihnen plötzlich dumpfe Laute, die von Saiteninstrumenten zu stammen schienen, zu den Ohren drangen. Gleich darauf wurden auch Singstimmen hörbar und nun dauerte es nicht mehr lange, bis die regungslos dastehenden Lauscher die dazugehörigen Menschen zu Gesicht bekamen.

»Hurra! Ein Schwarm Wandervögel!« rief der Pfarrer lachend und deutete nach rechts, wo hinter einer kleinen Kiefernpflanzung ein Trupp Knaben und Mädchen in den verschiedensten Altersstufen zum Vorschein kam. Der Feldweg, auf dem sie singend gemächlich vorrückten, mündete auf die Landstraße, so daß sie mit den beiden Männern Zusammentreffen mußten.

»Ist die heutige Jugend nicht zu beneiden?« rief Mangold begeistert. »Da ziehen Männlein und Weiblein als gute Kameraden aus den dumpfen Städten ins Freie, genießen ihre Ferientage bei Gesang und Spiel in Wald und Feld, lernen alle Winkel ihrer Heimat kennen und gedeihen dabei an Leib und Seele. Ich Landkind habe während meiner Schulzeit am eigenen Leibe gespürt, wie das Leben in den Städten die jungen Menschen einer natürlichen Lebensweise entfremdet, wie durch den übertriebenen Sitzzwang die Muskeln erschlaffen. Dem wirkt der Wandervogelbund aufs beste entgegen. Mehr als zwölftausend Buben und Mädchen haben sich ihm schon angeschlossen, und wenn erst seine gesunden Bestrebungen von allen, denen das Wohl unserer Jugend am Herzen liegt, tatkräftig unterstützt werden, dann kann er viel dazu beitragen, der Verweichlichung entgegenzuarbeiten und ein an Körper und Geist gesundes, starkes, deutsches Geschlecht heranzubilden.«

Körner, dessen Gesicht wachsendes Erstaunen ausgedrückt hatte, erwiderte lachend:

»Der reine Programmredner bist du ja! Ich wußte noch gar nichts von dieser Begeisterung für die Wandervogelsache, der ich, nebenbei gefügt, ablehnend oder zum mindesten recht skeptisch gegenüberstehe. Daß es nicht schwer war, dich unverbesserlichen Idealisten mit den schönen Phrasen zu fangen, kann mich allerdings nicht übermäßig wundern.«

»Phrasen!« wiederholte Mangold entrüstet und stieß seinen derben Stock energisch auf den Boden auf. »Du kannst Phrasen nennen, was …«

»Schrei doch nicht so!« unterbrach Körner mit einer zurechtweisenden Handbewegung. »Es ist doch nicht nötig, daß die jungen Zigeuner hören, wie wir uns zanken.«

»Da haben wir's ja!« fuhr der Pfarrer wieder auf, dämpfte jedoch sogleich die Stimme, als er mit einem spöttischen Lächeln auf den Lippen fortfuhr: »Das eine Wort Zigeuner sagt mir alles. Weil die Wandervögel nicht geschniegelt und gebügelt herumlaufen und in ihrem Tun und Lassen nicht immer zuerst danach fragen, was die Philister dazu sagen, sind sie bei dir von vornherein unten durch. Wie oberflächlich ist das geurteilt!«

»Ich kann es nicht als etwas Nebensächliches betrachten, wenn unter diesem jungen Volk grundsätzlich dem entgegengearbeitet wird, was meiner Ansicht nach gebildeten Menschen von der Kinderstube her unbedingt in Fleisch und Blut übergegangen sein muß: der Sinn für gute Lebensart, für Umgangsformen, wie sie unter wohlerzogenen Menschen üblich sind. Deine Wandervögel aber verwechseln Natürlichkeit mit Rüpelhaftigkeit. Sieh nur die vordersten Musterexemplare an! Findest du es etwa schön, daß junge Männer sich die Haare so lang wachsen lassen, überhaupt in ihrer ganzen äußeren Erscheinung vom Hergebrachten abzuweichen suchen? Der junge Nachwuchs sieht in solchen Führern natürlich sein Ideal und wird ihnen nur zu bereitwillig alles getreulich nachmachen. – – Ist es schon tadelnswert, daß Eltern ihre Knaben so verwildert herumlaufen lassen, so finde ich es direkt abstoßend, wenn heranwachsende Mädchen in dieser Gesellschaft umherstrolchen dürfen. Der zarte Hauch edler Weiblichkeit, – – ich meine, alles das, was ein Weib in meinen Augen begehrenswert macht, muß dabei verloren gehen. Und die sittlichen Gefahren sind meiner Ansicht nach auch nicht gering zu achten.«

Er sprach sich in immer größere Erregung hinein, ohne aber die Stimme zu erheben oder in seiner äußeren Erscheinung merken zu lassen, was in ihm vorging; denn die Wandervögel waren schon in die Landstraße eingebogen und nur noch eine kleine Strecke von den beiden Männern entfernt.

Mangolds Gesicht hatte sich bei den tadelnden Worten immer mehr zusammengezogen.

»Der echte Philisterstandpunkt!« rief er ärgerlich, sobald Körner schwieg. »Einzelne der großen Burschen mögen in ihrem bewußten Widerspruch gegen die leere Form zu weit gehen. Aber ist es nicht eine natürliche Erscheinung in jeder neuen Bewegung, daß anfangs leicht das Maß überschritten wird? Wie sollte gerade die übermütige Jugend in ihrer überschäumenden Lebenslust von diesem Fehler frei sein? Die Wandervögel fühlen sich als die Träger neuer Ideen, und manche von ihnen wollen wahrscheinlich durch ihr auffallendes Aeußere absichtlich ihre Unabhängigkeit von philisterhaftem Urteil und Vorurteil zum Ausdruck bringen. Ist es an sich nicht schon etwas Gutes, wenn so junge Menschen sich öffentlich zu ihren Überzeugungen bekennen? Du hast gewiß die Wandervögel nur in den Straßen der Stadt beobachtet, wo sie neben Modemenschen und Spießbürgern besonders auffallen. Ich aber habe schon mehrmals einen Trupp im Odenwald getroffen und mich jedesmal über ihren Sinn für Naturschönheit, ihr Interesse an Landeskunde und Geschichte, und nicht zum wenigsten an der Art, wie sie mit dem einfachen Landvolk verkehren, von Herzen gefreut. – Aber wie solltest du auch Wandervögel verstehen können! Dir traue ich zu, daß du deine Jugend mit keinem einzigen übermütigen Streich belasten kannst. Wie wäre auch sonst der Sohn des Oberhofpredigers als Spielgefährte der jungen Prinzen auserwählt worden? Wenn du da im Schloßpark durch eine hohe Mauer von der Welt gewöhnlicher Sterblicher getrennt und natürlich unter beständiger Aufsicht eines Erziehers sittsam Croquet und Federball spieltest, und dir dabei die Formen zu eigen machtest, auf die bei Hof so großes Gewicht gelegt wird, empfandest du sicherlich gar nicht, wie teuer du mit deiner Ungebundenheit solche Unnatur bezahltest. Mir wäre das kein Trost für eine verlorene Jugend. Aber deiner Laufbahn mag's förderlich sein.«

»Du wirst persönlich, – ein Zeichen, wie wenig du für die Sache selbst zu sagen weist«, erwiderte Körner von oben herab.

Mangold mußte sich eingestehen, daß er in seiner Bitterkeit zuletzt vom Thema abgewichen war und erwiderte gleichsam als Entschuldigung: »Ich halte mir nur vor, warum gerade du die Wandervogelbewegung nicht verstehen und vorurteilslos einschätzen kannst.«

Er wollte weitersprechen, aber ein kräftiges »Heil!« das ihm aus den Reihen der Wandervögel entgegenschallte, lenkte seine Gedanken ab. Es war ihm nicht unlieb, denn er hatte eingesehen, wie fruchtlos seine Bemühungen bleiben mußten, den Freund zu einer einsichtsvolleren Beurteilung zu bekehren.

»Heil!« rief er fröhlich zurück und schwenkte seinen Hut in der Luft.

Da die vordersten nahe herangekommen waren und ebenfalls ihre mit langen Fasanenfedern und Eichenlaub geschmückten grünen Filzhüte schwenkten, lüftete auch Körner unwillkürlich seinen Panama. Aber er gab sich dabei nicht die geringste Mühe, seine Gedanken zu verbergen. Spöttisch zog er die Oberlippe hoch, so daß sein nach englischer Manier kurz gehaltener Schnurrbart die Nase berührte, und ließ mit unverhohlener Mißachtung seine Augen über die vorbeigehenden jungen Menschen gleiten. Dann wandte er sich mit einem triumphierenden Blick Mangold zu.

Ist es nicht, als ob meine Worte sogleich die beste Bestätigung finden sollten? schienen sie zu fragen.

Aber der Pfarrer hatte in diesem Augenblick etwas Besseres zu tun, als sich um diese Gedanken seines Freundes zu kümmern. Man sah ihm an, wie er sich über den Anblick der gesunden, sonnverbrannten Knaben- und Mädchengesichter freute, und wie gern er die zwanglosen Grüße der kleinen Gruppen mit fröhlichem Zuruf erwiderte.

Den Zug eröffneten zwei Jünglinge, die dem Knabenalter längst entwachsen waren. Fahrenden Scholaren gleich trugen sie die Haare bis fast auf die Schultern herabfallend, und hielten dies anscheinend für einen genügenden Schutz gegen die Sonnenstrahlen. Denn ihre Hüte hingen an den Rucksäcken friedlich neben berußtem Kochgeschirr. Aber während der natürliche Kopfschmuck des Kleineren blonde Locken bildeten, die anmutig das durchgeistigte Gesicht umrahmten, war das dichte brandrote Haar seines um Haupteslänge größeren Wandergefährten glatt und stand nach allen Seiten wirr vom Kopfe ab. Im Verein mit den ungeschlachten Gliedern gab ihm dies das Ansehen eines wilden Waldmenschen, und wer ihn mit seinem Knotenstock in der Faust daherschreiten sah, hätte nicht geglaubt, daß gerade er dem jüngsten Nachwuchs der fürsorglichste Freund war.

Lange Beinkleider schienen ebenso verpönt zu sein wie gestärkte Kragen. Viele hatten Lodenjacken und Strümpfe auf den Rucksack geschnallt und begnügten sich mit bunten Sporthemden, Kniehosen und Sandalen als Kleidung; die Lufthungrigsten hatten sogar die Ärmel bis über die Ellenbogen aufgekrempelt.

Die Mädchen trugen leichte Lodenröcke und helle Blusen. In den verschiedensten Altersstufen waren sie über den ganzen Zug verteilt, und aus ihrem »Heil!« glaubte Mangold ganz besonders herauszuhören, wie glücklich sie waren, daß sie so ungebunden ihre Freiheit genießen durften.

Diese Begegnung hatte ihn in die heiterste Stimmung versetzt. Als die letzten Nachzügler vorüber waren, und ein neues Lied erklang, summte er die Weise mit, brach aber augenblicklich ab, als er in Körners siegesbewußtem Blick eine neue Herausforderung zum Kampf zu lesen glaubte.

Der Angriff ließ auch nicht lange auf sich warten.

»Klugerweise hast du vorhin meine Bedenken gegen die Beteiligung von Mädchen an solche Landstreichereien unbeantwortet gelassen«, begann Körner lächelnd. »Ich bin heute in meiner Ansicht so bestärkt worden, daß ich es für meine Pflicht halte, energisch dagegen zu wirken, sobald ich wieder in der Stadt bin. Die Gleichgültigkeit gegen die Nähe der halbangezogenen Bengel grenzt an Schamlosigkeit und die kecken Blicke verrieten …«

»Pfui, Körner, schäme dich!« unterbrach Mangold glühend vor Erregung und fuchtelte in heller Entrüstung mit seinem Stock in der Luft herum. »Wenn die Blicke dieser Mädchen dir etwas anderes verrieten, als kerngesunde Lebensfreude, dann sind deine Augen so schlecht, daß kein Arzt dir helfen kann; dann spiegeln sie ein Zerrbild wider, daß in deiner eigenen Phantasie geboren wurde. – Ich kenne Mädchen, die oft mit den Wandervögeln in den Odenwald ziehen, glaube sogar die beiden sonderbaren Käuze an der Spitze dieses Trupps in ihrer Gesellschaft gesehen zu haben. Diese Mädchen … nein, ich will nicht weiter sprechen,« unterbrach er sich plötzlich, und zwang sein eben noch zorniges Gesicht zu einem überlegenen Lächeln, »ich zweifle nicht, daß du auch ohne meine Hilfe bald zu einer andern Ansicht kommen wirst.«

»Abwarten«, brummte Körner. Er ärgerte sich am meisten, daß Mangold wieder einmal so ausfallend geworden war, während er selbst sich bei der größten Meinungsverschiedenheit nie zu einer Unhöflichkeit hinreißen ließ. Nach einer kleinen Pause fuhr er mit ruhiger Bestimmtheit fort: »Unsere Frauenideale sind offenbar sehr verschieden. Jedenfalls wird die Frau, die ich mir einmal zur Lebensgefährtin wähle, nicht in solcher Gesellschaft herumgestrolcht sein. Das werde ich wohl noch sagen dürfen.«

Mangold lag wieder eine scharfe Entgegnung auf der Zunge, er schluckte sie aber krampfhaft hinunter. Nach einem kurzen Schweigen erhellten sich plötzlich seine Züge, und er antwortete lachend: »Natürlich darfst du das sagen.«

Der Vikar schüttelte verständnislos den Kopf; diesen plötzlichen Stimmungswechsel verstand er nicht. Auch während sie wortlos nebeneinander weiterschritten, wich das stillvergnügte Schmunzeln nicht aus dem glattrasierten Gesicht seines Freundes.

Nachdem er ihn eine Weile unbemerkt von der Seite beobachtet hatte, kam ihm plötzlich eine Erleuchtung, die auch um seine Lippen ein Lächeln spielen ließ. Einen Augenblick schwankte er noch, dann klopfte er Mangold auf die Schulter und sagte mit ruhiger Bestimmtheit: »Bekenne, alter Freund, du bist verliebt!«

Der Pfarrer zuckte zusammen und starrte ihn wie aus den Wolken gefallen an. Eine Blutwelle färbte dabei sein Gesicht, und als er endlich sprach, fand er nichts anderes als die mühsam hervorgebrachte Frage: »Wie kommst du auf einmal auf solche Vermutung?«

»Siehst du, daß meine Augen doch etwas taugen!« frohlockte Körner. »Es war schon verdächtig genug, daß du einsiedlerischer Junggeselle dich mit solchem Eifer des weiblichen Geschlechts annahmst. Daß du aber als Beispiel bestimmte Mädchen erwähntest, und dann so plötzlich schwiegst, hat dich verraten. Deine Angebetete hält es offenbar mit den Wandervögeln, und du …«

»Gib dir keine Mühe, du bist auf falscher Fährte«, unterbrach ihn Mangold erleichtert.

Aber Körner ließ nicht locker.

»Und du bist ein viel zu wahrheitsliebender Mensch, als daß du dich gut verstellen könntest. Willst du mir das Geheimnis nicht anvertrauen?«

Mangold schwankte noch eine kurze Weile, dann konnte er nicht länger dem freundlichen Drängen widerstehen.

»Unter der Bedingung, daß du nichts weiter fragst, und auch nicht auf eine andere Weise in mein Geheimnis zu dringen suchst«, begann er mit feierlichem Ernst.

Nachdem er durch Handschlag das Versprechen erhalten hatte, fuhr er fort: »Ja, ich liebe ein reines, schönes Mädchen und wäre der glücklichste Mensch auf der Welt, wenn sie mein Weib würde. Aber ich sehe sie nur selten und fast nie allein, und da ich sie noch für völlig unbefangen halte, fürchte ich alles zu verderben, wenn ich sie mit meinem Antrag erschrecke. So muß ich mich mit Geduld wappnen – Gott allein weiß, wie schwer es mir fällt – und auf die Zukunft hoffen. Dies ist alles, was ich dir sagen kann. Und nun bitte ich dich inständig, laß auch unter uns diese Angelegenheit völlig unberührt. Halte ich einst mein Glück in Händen, dann werde ich sicher keinen Augenblick zögern, dich daran teilnehmen zu lassen.«

Er sagte dies so tief bewegt, daß es Körner leid tat, ihm so gewaltsam sein Geheimnis entrissen zu haben. Und als er das in lieben Worten zum Ausdruck gebracht hatte, fügte er als schwachen Trost hinzu: »Du bist immerhin schon weiter als ich, denn mein Herz hat sich noch nicht geregt. So kann ich dir auch leider nicht Gleiches mit Gleichem vergelten. Nimm meinen herzlichsten Dank für dein Vertrauen!«

Sie drückten sich noch einmal die Hände und setzten dann ihren Weg fort.

Dieser Zwischenfall hatte sie beide ernster gestimmt und er trug wohl hauptsächlich dazu bei, daß sie bis zu ihrem Ziel nichts Trennendes mehr zwischen sich aufkommen ließen.

* * *

Wie in einen tiefen Schlaf versunken lag das Wiesenborner Pfarrhaus heute in dem mannigfaltig getönten Grün, das das alte, geräumige Gebäude von allen Seiten umgab. Hohe Kastanienbäume hielten als riesige Schildwachen zu beiden Seiten Wacht; Efeu, Glyzinien und Klematis bedeckten bis unter das Dach die der Ebene zugekehrte Wand und boten ungezählten Vögeln sichere Heimstätten. In diese Sinfonie von Grün brachten die Schlagladen noch einen neuen Ton. Zum Schutz gegen die Sonnenstrahlen bedeckten sie zu dieser Stunde die Augen, aus denen das alte Haus jahraus jahrein in die weite Ebene schaute, und verstärkten damit den Eindruck, daß alles Leben aus seinen Mauern entflohen sei.

Dem Vergleich mit einem Dornröschenschloß hätte aber ein Blick in die Küche jäh ein Ende gemacht. Hier herrschte an diesem Vormittag nichts weniger als friedliche Beschaulichkeit, denn des Pfarrers Schwester, die hier das Regiment führte, war in der ungnädigsten Stimmung, und eine Kleinigkeit genügte an solchen kritischen Tagen, in der mit Elektrizität geladenen Luft ein Gewitter zum Ausbruch zu bringen.

»Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus«, sagte die siebzehnjährige braunlockige Eva zu ihrer um zwei Jahre älteren Schwester Ingeborg, als ihre Tante außer Hörweite zur Abwechslung der kleinen Magd einen Vortrag über Reinlichkeit hielt.

»Große Ereignisse!« wiederholte Ingeborg und lächelte geringschätzig. »Allerdings, wenn man Tante Minchen sieht, könnte man's beinahe glauben.«

»Darf ich nicht auch hören, was ihr beide zu verhandeln habt?« ertönte es jetzt gereizt von der andern Seite herüber.

Die kampflustige Eva war keinen Augenblick um eine Antwort verlegen.

»Gewiß«, antwortete sie spitz. »Wir freuen uns, daß wir einen so feinen Vikar bekommen und knobeln ihn gerade unter uns aus. Eigentlich habe ich das Vorrecht, denn Inge hast du doch schon beinahe mit Pfarrer Mangold …«

»Schweig, du freches Geschöpf!« donnerte die alte Dame in höchster Entrüstung dazwischen und hielt drohend den Kartoffelstampfer in der erhobenen Rechten. Wie vor Entsetzen über die Kühnheit ihrer Nichte gelähmt verharrte sie einer Statue gleich sekundenlang in dieser Stellung. Bei der energischen Kopfbewegung, die ihre Worte begleitete, war ihr aber die Stahlbrille bis auf die Nasenspitze hinabgerutscht, und diese Kleinigkeit genügte, das Bild der Rachegöttin in den Augen ihrer Nichten der erwünschten niederschmetternden Wirkung zu berauben. Selbst in Ingeborg, die anfangs über Evas Kühnheit ehrlich entsetzt gewesen war, überwog die Lachlust, und sie mußte sich gleich ihrer Schwester schnell abwenden, um nicht gar zu gröblich den schuldigen Respekt zu verletzen.

Doch nun konnte sich der kaum der Schule entwachsene dienstbare Geist nicht länger halten. Die beiden roten Hände, die ihren Mund bis jetzt krampfhaft geschlossen gehalten hatten, gaben nach, und die eingetretene Totenstille durchbrachen naturwüchsige Lachlaute, die augenblicklich die versteinerte Tante wieder mit Leben füllten. Blitzschnell fuhr sie herum, und ehe die Schuldige recht wußte, wie ihr geschah, brannte ihr eine Gabe auf den runden Backen, die ihre unzeitgemäße Heiterkeit in ein jämmerliches Aufheulen verwandelte.

»Und ihr beiden verdientet das Gleiche«, wandte sich Fräulein Buchner noch bebend vor Entrüstung an ihre Nichten. Aber aus diesen Worten klang schon etwas wie Beschämung, daß sie sich so weit hatte hinreißen lassen. Der Schlag hatte ihrem im Grunde gutmütigen Herzen weh getan, und den plötzlich aufgestiegenen Zorn rasch zum Verrauchen gebracht.

Die Gesichter der beiden jungen Mädchen zeigten jetzt unverhohlene Mißbilligung, und Evas Gerechtigkeitsgefühl war nahe daran, für die schluchzende Babette Partei zu ergreifen. Aber die Tante kam ihr zuvor.

»Dummes Ding, hör' doch auf zu heulen, es war ja nicht so schlimm«, sagte sie in einem auffallend sanften Ton, der fast um Verzeihung zu bitten schien und wirklich den Tränenstrom zum Versiegen brachte.

Der kleinen Dame lag natürlich noch manches auf der Zunge, was zu Evas Läuterung dienen sollte. Fürs erste hüllte sie sich aber in ein eisiges Schweigen und begoß den Braten mit einer Miene von Würde und Unnahbarkeit, die sie nach allen Auseinandersetzungen eine Zeitlang zur Schau zu tragen pflegte, und die den sicheren Erfolg hatte, in ihrer Umgebung eine höchst ungemütliche Atmosphäre zu verbreiten. Selbst ihr Bruder war dagegen wehrlos und mied ihre Nähe, wenn sie die beleidigte Königin darstellte, wie die unverbesserliche Eva respektloserweise diesen Zustand getauft hatte.

So verrichtete jede schweigend ihre Arbeit, und es war kein Wunder, daß die beiden Mädchen Vergleiche anstellten, wie viel schöner es gewesen wäre, bei diesem lachenden Sonnenschein ins Freie zu ziehen, statt in der dumpfigen Küche zu helfen. Heute aber hatten die Wandervögel vergebens ihre lockendsten Weisen vor dem Hause ertönen lassen. Die Tante war gegen Evas Vorstellungen unerbittlich gewesen, und Ingeborg hatte selbst eingesehen, daß es unhöflich gewesen wäre, bei Tisch zu fehlen, nachdem Pfarrer Mangold sich zum Essen angesagt hatte. Daß ihre Gegenwart auch beim Empfang des neuen Vikars durchaus erforderlich sei, wollte sie dagegen auch jetzt noch nicht einsehen.

In der schwülen Stimmung wirkte es wie eine Erlösung, als plötzlich die beiden andern Kinder des Pfarrers in die Küche stürmten.

»Tante Minchen, ich hab so schrecklichen Hunger, – bitte laß mich beim Kuchenbacken helfen!« rief die zehnjährige Liselotte schon von der Tür aus und stürzte sich auf Ingeborg, die gerade Mandeln wiegte. Wirr hingen ihr die Haare in das glühende Gesichtchen, – dasselbe glänzende Blond, das in reicher Pracht das Haupt ihrer ältesten Schwester zierte.

»Kind, wie siehst du wieder aus!« schrie bei ihrem Anblick die Tante auf und rang verzweifelt die Hände. »Bist du etwa auf die Bäume geklettert? – Alexander, ich verbiete dir, in die Töpfe zu gucken! – Gott, wie hat sich das Kind zugerichtet! Flecken auf dem sauberen Kleid und ein Riß in der Schürze! Die beiden Herren werden einen schönen Begriff von dir bekommen!« Mit diesen Jammertönen band sie eine Haarschleife fest, die sich gelockert hatte.

Die Kleine hielt geduldig still, aber ihre Mundwinkel zogen sich bedenklich nach unten, und aus den eben noch lachenden blauen Augen rollten zwei große Tränen über die rosigen Wangen.

»Als wenn Pfarrer Mangold auf so was sähe!« brummte der große Junge, um seinem Schwesterchen beizustehen. Die Ermahnung der Tante hatte ihn nicht abgehalten, gewissenhaft alle Töpfe auf ihren Inhalt zu prüfen, und ebensowenig kümmerte er sich um Ingeborgs Protest, als ihn der Anblick der Mandeln gar zu verführerisch zu einer Kostprobe einlud.

»Laß nur, Tante, ich mache sie wieder sauber und dann hält sie sich bis zum Essen still, gelt Liselchen?« sagte jetzt Ingeborg in mütterlichem Ton und nahm die Kleine bei der Hand. »Eva kann ja einstweilen den Teig rühren.«

»Dann darf aber Tante Minchen bei Tisch nicht wieder sagen: Und diesen Kuchen, Herr Pfarrer, hat Ingeborg ganz allein gemacht!« spottete Alexander mit dem unverschämtesten Grinsen seiner Flegeljahre.

Diese Bemerkung hatte seine sofortige Ausweisung zur Folge; aber da seine meisten Besuche in der Küche ein solches Ende nahmen, pfiff er unbekümmert vor sich hin, während er seiner kleinen Schwester folgte. –

Hinter dem Hause, im Schatten einer dichtbewachsenen Laube, las Pfarrer Buchner die Zeitung und paffte dabei aus seiner langen Pfeife dicke Rauchwolken, die Schnaken und anderen lästigen Blutsaugern seine Nähe verleideten.

Hin und wieder ließ er das Blatt eine Zeitlang in den Schoß sinken, und strich gedankenvoll über seinen stattlichen, von den ersten Silberfäden durchschossenen Vollbart. Von seinen Kindern hatten nur Eva und Alexander seine Haarfarbe geerbt, doch seine großen, blauen Augen schauen auch aus den Gesichtern der beiden anderen frei in die Welt, wenn auch im übrigen Ingeborg und Liselotte mehr ihrer früh gestorbenen Mutter glichen.

Der Gedanke, wieder für längere Zeit einen Vikar ins Haus zu bekommen, war dem Pfarrer durchaus nicht erfreulich. Solange es ging, hatte er es zu vermeiden gesucht; aber durch ein schmerzhaftes Zucken im rechten Fuß war es ihm immer beschwerlicher geworden, seine verschiedenen Filialgemeinden zu besuchen, bis er zuletzt wieder einmal in den sauren Apfel beißen und um eine Hilfskraft bitten mußte.

Schon mehrmals in den letzten Jahren hatte ihm die Gicht dazu verholfen, und jedesmal war er von Herzen froh gewesen, wenn das fremde Gesicht wieder aus seiner kleinen Welt verschwunden war. Nur Mangold war ihm allmählich ein lieber Gast geworden. Dessen wahrheitssuchendes, ernstes Wesen hatte angenehm von der Art der meist recht unfertigen jungen Menschen abgestochen, die, bis zum Rand mit ihrer jungen Weisheit gefüllt, oft genug Buchner die Galle ins Blut getrieben hatten, wenn sie Anschauungen für überlebt erklärten, die ihm selbst heilig waren.

Dem Sohn des ihm als geschmeidigen Weltmann bekannten Oberhofpredigers sah er mit nicht geringem Mißtrauen entgegen; daß Mangold ihn Freund nannte, war ihm an diesem Morgen keine kleine Erleichterung gewesen, denn der vertrauliche Bericht eines alten Amtsbruders aus der Residenz hatte von dem jungen Mann ein Bild entworfen, das schlimme Befürchtungen für ein ersprießliches Zusammenwirken wecken mußte.

Als ihm seine silberne Taschenuhr anzeigte, daß die beiden Wanderer nicht mehr fern sein konnten, reckte er seinen starken Körper und erhob sich langsam. Vorsichtig auftretend humpelte er an das offene Küchenfenster, um zu sehen, ob seine Frauensleute mit dem Mittagessen fertig seien.

»Sprich du ein Machtwort, Leonhard«, bat seine Schwester, als sie ihn erblickte. »Aus reiner Dickköpfigkeit wollen sich die Mädchen nicht umziehen.«

»Nicht aus Dickköpfigkeit«, entgegnete Ingeborg ruhig. »Wir haben frisch gewaschene Kleider an, und …«

»… und der neue Vikar braucht sich nicht gleich einzubilden, daß wir uns für ihn putzen«, sprudelte der Feuerkopf Eva hervor. »Sag' selbst, ob wir nicht anständig genug aussehen!« Damit knöpfte sie hastig die Küchenschürze los und präsentierte sich selbstbewußt ihrem Vater.

Dessen Augen ruhten mit sichtbarem Wohlgefallen auf den beiden stattlichen Mädchen.

»Minchen, ich meine, sie können sich recht gut so sehen lassen«, sagte er nach einer Weile begütigend.

Die Schwester seufzte tief auf und zuckte ihre spitzen Schultern.

»Ich habe nur das beste der Kinder im Auge; aber wer hört auf mich? Daß ich bei dir keine Unterstützung finden würde, hätte ich mir allerdings denken können.«

Schuldbewußt wollte sich der Pfarrer zurückziehen, da hallten auch schon die lebhaft durcheinandersprechenden Kinderstimmen den Weg herauf. Gleich darauf kamen Alexander und Liselotte zum Vorschein, beide außer Atem und voll von der großen Neuigkeit, daß die Erwarteten schon ganz nahe seien.

Im Nu war Tante Minchen aus der Küche verschwunden. Sie wollte, wie es sich schickte, den neuen Hausgenossen im kleinen Salon begrüßen, und eilte, noch schnell einen Blick in den Spiegel zu werfen.

Ingeborg und Eva blieben erwartungsvoll am Fenster stehen, wo sie den vom Dorf heraufführenden Weg überblicken konnten. Und als die beiden Männer auftauchten, schien in Eva die eben noch betonte Gleichgültigkeit gegen ihre äußere Erscheinung plötzlich einer besseren Erkenntnis Platz zu machen; denn sie stürmte davon, und Ingeborg zögerte nicht, ihr zu folgen.

So konnte nun die kleine Magd mit Muße zuschauen, wie der Pfarrer den Ankommenden ein Stück entgegenhumpelte und in seiner herzlichen Art den neuen Vikar willkommen hieß.

* * *

Tante Minchen hatte es sich nicht nehmen lassen, Arnold Körner selbst in den Oberstock zu führen. Kaum waren die beiden Freunde allein, da blickte Mangold erwartungsvoll den Vikar an. Er war begierig, zu hören, welchen Eindruck diese Menschen, die er selbst so hoch schätzte, auf ihn gemacht hätten und erwartete nichts anderes als eine begeisterte Lobrede.

»Nun, wie gefällt dir's hier?« fragte er ungeduldig, als Körner nicht sogleich von selbst zu sprechen begann, sondern nach einem prüfenden Rundblick durchs Zimmer ans Fenster trat.

»Ganz vortrefflich!« kam es ohne Zögern zurück. »Einen so bequemen Schreibtisch hatte ich gar nicht erwartet; das Bett scheint selbst für meine Länge zu genügen, und die Aussicht könnte ich mir nicht schöner wünschen. Nichts bleibt mir verborgen, was auf der Straße vor sich geht. Sieh nur …«

»Ach, das alles meine ich ja nicht«, unterbrach Mangold ungeduldig. »Wie dir die Menschen gefallen, sollst du sagen.«

Jetzt erst verriet ihm ein Blick in Körners schmunzelndes Gesicht, daß dieser ihn geneckt hatte. Ehe er schelten konnte, trat der Vikar auf ihn zu, legte ihm die Hände auf die Schultern, blickte ihm fest in die Augen und sagte mit bedeutungsvollem Augenzwinkern:

»Lieber Freund, dir würde doch nicht genügen, was ich zum Lob dieser guten Menschen sagen könnte. Erlaß mir also ein Urteil, bis wir uns Wiedersehen, dann kann ich vielleicht aus Überzeugung deine Ansichten bestätigen.«

Mangold runzelte die Stirn und machte sich mit einer unwirschen Bewegung frei.

»Jeder andere an deiner Stelle hätte sich ohne Einschränkung über die entgegenkommende Aufnahme gefreut«, entgegnete er unzufrieden. »Um zu erkennen, daß es prächtige Menschen sind, dazu gehört wohl nicht viel Menschenkenntnis.«

»Schrecklicher Mensch, – ich denke ja gar nicht daran, es zu bestreiten!« lachte Körner aus vollem Halse.

Aber Mangold ärgerte diese Art, und er gab sich keine Mühe, es zu verbergen. Während der Vikar im Zimmer auf Entdeckungen ausging und in bester Stimmung plauderte, schaute er zum Fenster hinaus und gab nur einsilbige Antworten.

Dieser ungemütliche Zustand dauerte glücklicherweise nicht lange; bald kam die Magd und bat die Herren, zum Essen herunterzukommen.

Die Familie hatte sich bereits im Wohnzimmer versammelt. Es war der größte Raum im Hause und nahm fast die Hälfte des Erdgeschosses ein. Eine offenstehende Tür führte in das kleine, offenbar wenig benutzte Empfangszimmer, das nach der Straße lag und durch eine große Veranda mit dem Garten verbunden war. Hier hatte Körner vorhin seine neuen Hausgenossen kennen gelernt und andererseits der stillen Kritik vieler Augenpaare standhalten müssen.

Jetzt erhielt er den Ehrenplatz zwischen dem Pfarrer und dessen Schwester. Mangold kam auf ihrer anderen Seite zu sitzen, und ihm schlossen sich dem Alter nach Ingeborg und ihre Geschwister an, so daß Liselotte neben ihrem Vater den Kreis schloß.

Während der Suppe schleppte sich die Unterhaltung nur mühsam fort. Tante Minchen war nervös und hörte sicher nur einen Teil von dem, was Körner sprach. Es war, als ob sie in beständiger Angst schwebte, das Mädchen konnte in der Küche noch etwas verderben; sobald sie ihren Löffel niedergelegt hatte, entschuldigte sie sich und eilte hinaus.

Allmählich kam nun auch in die Jugend Leben. Alexander und Liselotte stießen sich heimlich unter dem Tisch an und kicherten, bis ihr Vater sie zur Ruhe wies. Eva und Ingeborg, die bisher zu des Vikars geheimer Belustigung wie artige Kinder dagesessen und nur gesprochen hatten, wenn man sie fragte, begannen sich mit Mangold zu necken, und offenbarten dabei eine geistige Regsamkeit, die mit ihren vorher zur Schau getragenen sittsamen Mienen schwer zu vereinigen war.

›Hübsche, aber geistig unentwickelte Mädchen‹, hatte Körner bei sich geurteilt, als sie sich nach der Vorstellung nicht gleich seinem sicheren Plauderton anzupassen vermochten. Jetzt fiel der Zwang unversehens von ihnen ab, und da ihr Vater den Vikar ganz mit Beschlag belegte, glaubten sie sich unbeobachtet und ließen ihrer anmutigen Natürlichkeit freien Lauf.

Aber Körner entging kein Wort und keine Bemerkung, und er war keineswegs seinem Freund dankbar, daß dieser ihm den Hausherrn ganz allein überließ.

Kaum kannte er Mangold wieder. Der lachte und scherzte und stand offenbar mit den beiden jungen Mädchen auf bestem Fuß. Ohne eine Spur von Koketterie verkehrten sie mit ihm in einem ungezwungen kameradschaftlichen Ton, der auf eine gute Freundschaft schließen ließ. Aber trotz der schärfsten Aufmerksamkeit konnte der Beobachter in den Worten und Mienen seines Freundes nichts entdecken, was als Zeichen einer tieferen Neigung für Ingeborg hätte gedeutet werden können.

Fräulein Buchner kam erst zur inneren Ruhe, als sich beim Tranchieren herausstellte, daß der Rinderbraten zart und saftig war. Mit teilnehmender Miene hörte der Vikar ihre Klage an, wie schwer es auf dem Lande sei, ein gutes Stück Fleisch zu bekommen.

»Eine Entschuldigung pränumerando für künftige zähe Braten«, lachte ihr Bruder.

»Laß dir nicht bange machen«, kam Mangold der Hausfrau zu Hilfe; »ich habe nie besser gegessen, als unter diesem Dache, – meine alte Alwine hört's ja nicht«, fügte er mit spitzbübischem Lächeln schnell hinzu.

»Als Sie bei uns waren, haben aber Inge und Eva noch nicht gekocht«, ließ sich nun Alexander vernehmen. »Gestern war die Griessuppe angebrannt und vorige Woche …«

»Willst du wohl nicht aus der Schule plaudern!« drohte ihm sein Vater unter allgemeinem Lachen. Die blutroten Köpfe der beiden jungen Mädchen verrieten aber ihr Schuldbewußtsein, was sie jedoch nicht hinderte, fröhlich, wenn auch nicht ganz ungezwungen, in das Lachen einzustimmen. Körner fand in diesem Augenblick, daß er selten schönere Mädchen gesehen habe.

Nur die Tante hatte ihre dünnen Lippen zusammengekniffen und schoß aus ihren Augen vernichtende Pfeile auf den Sünder ab, die jedoch an dessen dickem Fell wirkungslos abprallten.

»Meine Nichten fangen erst jetzt an, mir in der Küche zu helfen«, wandte sie sich an den Vikar. »Ingeborg hat erst vor kurzem ihr Abiturientenexamen gemacht, und auch Eva ist noch bis Ostern zur Schule gegangen.«

» Sie wollen doch nicht etwa studieren?« entfuhr es Körner mit ungeheucheltem Entsetzen.

Ingeborg hob so schnell den Kopf, daß ein einfallender Sonnenstrahl ihr helles Haar aufblitzen ließ.

»Sind Sie etwa Tante Minchens Meinung, die es noch heutigentags für unpassend hält, daß Frauen studieren?« fragte sie kampflustig zurück.

Dem Vikar stieg unter ihrem festen Blick unwillkürlich das Blut in die Wangen.

»Ich bin kein grundsätzlicher Gegner des Frauenstudiums,« kam es langsam von seinen Lippen, »aber ich betrachte es als einen Notbehelf für begabte Frauen, die aus irgendeinem Grund ihren natürlichen Beruf als Frau und Mutter nicht ausüben können.«

»Auf deutsch: erst sollen alle geduldig warten, ob ein Mann sie haben will«, erwiderte das junge Mädchen lächelnd. »Wann wäre Ihrer Ansicht nach der Zeitpunkt gekommen, an das Studium zu denken?«

»Da hast du dich einmal fein in die Nesseln gesetzt!« rief jetzt Mangold dazwischen und rieb sich vergnügt die Hände. »Gelt, eine so streitbare junge Dame hast du hier nicht erwartet?«

»Nein, weiß Gott nicht«, sagte Körner und lachte gezwungen. Da er nicht gleich weitersprach, drängte Ingeborg:

»Sie sind mir noch eine Antwort schuldig.«

»Aber Kind, welch aggressiver Ton!« mahnte die Tante.

Es passierte Arnold Körner nicht oft, daß er um eine Antwort verlegen war. Aber daß dieses junge Mädchen, dem er noch vor fünf Minuten keinen eigenen Gedanken zugetraut hatte, ihn so energisch in die Enge zu treiben suchte, kam ihm so unerwartet, daß er Mühe hatte, ein ungewohntes Gefühl von Unsicherheit nicht merken zu lassen.

Ganz instinktiv hatte er gegen den bloßen Gedanken protestiert, daß dieser schöne, gesunde Mensch sich dem ursprünglichen Beruf des Weibes entziehen und seine besten Jahre in Hörsälen und einem aufreibenden Beruf verbringen sollte. Er mochte aber nicht in den Verdacht kommen, durch eine galante Redensart das Fehlen triftiger Gründe verschleiern zu wollen und zog es aus diesem Grund vor, seinen Gedanken für sich zu behalten. So sagte er nur mit einem überlegenen Lächeln, das seinen Freund schon oft in Harnisch gebracht hatte:

»Wollen wir uns die Lösung der Frauenfrage nicht für eine andere Gelegenheit aufheben? Übrigens weiß ich jetzt noch immer nicht, ob Sie studieren wollen oder nicht.«

»Nein, schon aus pekuniären Rücksichten nicht«, erwiderte Ingeborg unbefangen. »Ich wollte nur durch das Abiturientenexamen einen festen Abschluß haben.«

»Damit sie einmal ihre Kinder selbst unterrichten kann, wenn sie aufs Land heiratet«, rief, stolz auf seine Weisheit, Alexander dazwischen.

Sekundenlang war es, als ob alle die Luft anhielten und sich dann mit verdoppeltem Eifer dem Essen widmen müßten. Nur Pfarrer Buchner lachte in sich hinein, daß sein starker Körper zitterte.

Als Körner aufblickte, um dem kurzen Schweigen ein Ende zu machen, erwartete er, zwei junge Mädchen zu sehen, die sich vor Verlegenheit nicht zu helfen wußten. Doch aus ihren erröteten Gesichtern lachten schon wieder schalkhaft blitzende Augen in der Runde, und nur das Schamgefühl der Tante schien gröblich verletzt zu sein. Alexander aber starrte mit offenem Mund von einem zum andern und suchte vergebens zu ergründen, was geschehen war.

»Wie haben Sie sich denn auf das Examen vorbereitet?« setzte Körner das Gespräch fort.

»Vater hat mich selbst unterrichtet, und nur das letzte Jahr bin ich täglich in die Stadt gefahren«, antwortete Ingeborg. »Auf dem Realgymnasium sind ja glücklicherweise Mädchen zugelassen.« Bei den letzten Worten sah sie lächelnd ihre Tante an.

»Ich war durchaus dagegen, daß meine Nichte mit Primanern in eine Klasse ging«, wendete sich diese wie zur Entschuldigung an den Vikar. »Zu meiner Zeit …«

»Die Verhältnisse haben sich aber doch nun einmal geändert«, unterbrach ihr Bruder mit einer ungeduldigen Gebärde.

»Nicht in allen Stücken zum besten«, versetzte sie hartnäckig. »Wenn heutzutage so viele Mädchen unverheiratet bleiben, ist sicherlich zum großen Teil die moderne Erziehung Schuld, bei der auf die Ausbildung häuslicher Tugenden viel zu wenig Wert gelegt wird. Ingeborg und Eva werden mir noch einmal danken, daß ich hier im Hause nach Möglichkeit dem Geist der neuen Zeit entgegenarbeite. Bei meinem Bruder finde ich dabei leider gar zu wenig Unterstützung.«

»Ich betrachte es nicht als einen Fehler, wenn auch die Mädchen auf eigenen Füßen zu stehen lernen«, sagte der Pfarrer ruhig. »In unserer Zeit brauchen sie Tatkraft, Willens- und Charakterbildung so gut wie die Buben, und diese Eigenschaften entwickeln sich nicht, wenn man sie im Hause einsperrt. – Aber ich weiß nicht, warum wir unsere Gäste mit diesen Auseinandersetzungen langweilen. Freund Mangold hat sie überdies schon oft genug genossen.«

»Wir beide sind uns heute morgen schon über fast dasselbe Thema in die Haare geraten«, sagte der Vikar lachend.

»Und auf welcher Seite haben Sie gekämpft?« fragte Eva gespannt.

»Ja, das möchte ich auch wissen«, fiel die Tante lebhaft ein.

»Ich glaube, Fräulein Buchner hat einen Bundesgenossen gewonnen«, kam Mangold der Antwort seines Freundes zuvor.

Enttäuscht zogen sich vier junge Gesichter in die Länge, und Körner hatte das unangenehme Gefühl, als ob sich plötzlich zwischen ihm und der anderen Seite des Tisches eine Scheidewand aufrichtete. Daß die Tante strahlte, diente ihm durchaus nicht als Trost.

»Triumphiere nicht zu früh, alter Freund«, sagte er schnell. »Bei unserm Streitfall handelte es sich um einen Auswuchs der modernen Jugenderziehung, den auch Sie, Herr Pfarrer, kaum gutheißen werden. Wenn es die Herrschaften nicht langweilt …«

»Schießen Sie los«, sagte Buchner und sah seinen Vikar erwartungsvoll an.

Der räusperte sich und schilderte dann die Begegnung mit den Wandervögeln in einer Weise, die seine ganze Entrüstung erkennen ließ. Schamloses Treiben, Kulturlosigkeit und ähnliche Worte wechselten ab in schönster Auswahl. Bei jeder neuen Verurteilung rief Tante Minchen »Bravo«, während ihres Bruders Lippen ein Lächeln umspielte, das einen andern wohl mißtrauisch gemacht hätte.

Aber Arnold Körner war seiner Sache sicher. Daß Mangold seinen Zeigefinger auf die Lippen legte und mit der Jugend vielsagende Blicke tauschte, sobald das Wort Wandervogel fiel, sah er nicht, denn er wendete sich nur an die Erwachsenen zu seinen beiden Seiten und hörte erst zu sprechen auf, als nach einer erneuten Verdammung ein jubelndes Gelächter losbrach.

»Meine Kinder sind nämlich Wandervögel«, erklärte Buchner trocken.

Dieser Überraschung war selbst Körners Anpassungsvermögen nicht gewachsen. In seiner Verwirrung suchte er vergebens nach Worten, und willenlos ließ er es geschehen, daß Tante Minchen seine Hand ergriff und immer wieder versicherte, er habe ihr ganz aus der Seele gesprochen. Erst als ihm zum Bewußtsein kam, wie sehr dies die lächerliche Seite der Situation betonte, zog er seine Rechte hastiger zurück, als es nötig gewesen wäre. Aber die alte Dame kränkte das nicht. Sie jubelte förmlich, einen so überzeugten Bundesgenossen gefunden zu haben und wurde nicht müde, ihr Triumphgefühl in hohen Worten über ihre Nichten zu ergießen.

Der Wallersbacher Pfarrer lachte Tränen.

»Ich fürchtete schon, die Gitarren an den Wänden würden dich mißtrauisch machen«, brachte er mühsam hervor. »Ja, alter Freund, du bist in ein Nest echter Wandervögel geraten, und der Gedanke freute schon lange mein Herz. Nun kannst du ja reformieren, oder, was wünschenswerter ist, dich selbst reformieren lassen. Übrigens habe ich bei deiner schönen Rede schmerzlich den Höhepunkt vermißt. Willst du nicht auch wiederholen, was du zum Schluß unseres Disputes sagtest? Das Mädchen, daß ich einmal …«

»Mangold!« schrie Körner entsetzt auf. Nach dem Vorhergegangenen machte er sich schon darauf gefaßt, daß sein Freund unbekümmert um seinen Protest den Satz vollenden würde. Aber Mangold hatte ihm nur einen Schrecken einjagen wollen und wich standhaft dem nun einsetzenden Drängen der jungen Mädchen und nicht zuletzt der Tante aus.

»Ein netter Anfang!« dachte der Vikar.

Während des Restes der Mahlzeit beteiligte er sich nur mit halber Aufmerksamkeit an der Unterhaltung und ließ dafür seine Gedanken ihre eigenen Wege wandern. Jetzt war ihm nicht mehr rätselhaft, warum Mangold so übereifrig die Sache des Wandervogels vertreten hatte. Die Liebe zu Ingeborg ließ ihn blindlings verteidigen, was sie schön und gut fand.

Mit verdoppeltem Eifer suchte er während des Nachmittags nach einer Bestätigung für feine Vermutung, doch ohne besseren Erfolg als bisher. Mangold, den er so gut zu kennen glaubte, war ihm an diesem Tag in mehr als einer Beziehung ein Rätsel geworden. –

* * *

Tage und Wochen vergingen. Arnold Körner wurde im Wiesenborner Pfarrhaus und in seiner neuen Tätigkeit viel schneller heimisch, als er nach den Eindrücken des ersten Tages gedacht hatte.

Schon bald zog er es vor, nach dem Abendbrot am runden Familientisch sitzen zu bleiben, statt gleich sein Zimmer aufzusuchen. Während dann der Hausherr rauchte, daß dicke blaue Wolken in der Luft hingen, beschäftigten sich die Frauen mit ihren Handarbeiten, und es wurde dabei geplaudert oder vorgelesen.

Immer mehr fand Pfarrer Buchner Gefallen daran, mit seinem Vikar über theologische Fragen zu disputieren, und wenn er auch mit großer Wärme Anschauungen vertrat, die der Jüngere in seiner taktvollen, aber nichtsdestoweniger überzeugten Art bekämpfte, so kamen sich die Männer dabei doch immer näher.

Zuweilen geschah es, daß Ingeborg vorurteilslos für ihren Vater oder den Vikar Partei nahm, je nachdem dieser oder jener eine verwandte Saite in ihrer Seele berührte. Und es hatte besonders anfangs oft den Vikar in Erstaunen gesetzt, daß sie nicht allein dem Gespräch in allen Einzelheiten zu folgen vermochte, sondern auch, ohne durch angelernte Lehrmeinungen in ihren Gedankengängen beschränkt zu sein, auf Schwächen in einer Stellung Hinweisen und zuweilen sogar zur Belebung und Vertiefung der Debatte beitragen konnte. Gern ließ sie sich aber auch belehren, und immer öfter geschah es, daß sie sich mit einer Frage an den Vikar wandte. Dadurch erwuchs ganz unmerklich zwischen ihnen eine Vertraulichkeit, die für Arnold Körner ein ganz neues Erlebnis war.

Wohl kannte er kluge Frauen, die ein Gespräch zu schätzen wußten, das sich über die Alltäglichkeit erhob. Sein Vater, der nicht allein als ein glänzender Kanzelredner, sondern auch als Causeur im kleinen Kreise hoch geschätzt wurde, verstand es, die feinsten Geister der Stadt in sein gastfreies Haus zu ziehen, und hatte frühzeitig seinen Sohn, dessen Zukunft ihm stets am Herzen lag, mit ihnen in Berührung gebracht, um seinen Geist zu bilden und ihn zugleich mit den gesellschaftlichen Umgangsformen vertraut zu machen, auf deren Beachtung er selbst den höchsten Wert legte.

Wie er wünschte, war sein Sohn in dieser verfeinerten Atmosphäre so heimisch geworden, daß dem jungen Mann schon früh, erst im Spaß, dann im Ernst, die glänzende Laufbahn seines Vaters prophezeit wurde. Besonders die Damen schätzten die Unterhaltungsgabe des vielseitig gebildeten jungen Theologen, und manches junge Mädchen hatte ihn schon deutlich merken lassen, wie sehr sie ihn andern Männern vorzog. Aber keine hatte einen tieferen Eindruck auf ihn gemacht. Die Unparteilichkeit, die er sich dadurch bewahrte, diente nur dazu, seine allgemeine Beliebtheit zu erhöhen, und da er sich bei größeren Gesellschaften aus dem üblichen oberflächlichen Geplauder gern in eine ernste Unterhaltung mit älteren Damen rettete, erfreute er sich eines sehr großen Kreises von Freundinnen in allen Lebensaltern, und es mußte wie ein Wunder erscheinen, daß keine darunter war, die er sich zur Lebensgefährtin gewünscht hätte.

Aber keine war seinem Herzen auch nur vorübergehend gefährlich geworden. Ja, trotz vieler alter Familienbeziehungen gab es kein Mädchen, in dessen Nähe er je etwas empfunden hätte, das der herzlichen Zuneigung glich, die er diesem Naturkind, das seinem eigenen Wesen in so vielen Stücken entgegengesetzt war, fast vom ersten Tage an entgegenbrachte.

Ein köstlicher Duft von Gesundheit, Kraft und Natürlichkeit ging von ihr aus, und oft beobachtete er mit ästhetischem Wohlgefallen, wie sich ihr Wesen auch in ihrem stolzen Gang und in jeder zufälligen Bewegung ausprägte. Die braunlockige, temperamentvolle Eva erschien vielleicht im ersten Augenblick als die Schönere, doch war es gerade das Ausgeglichene in Ingeborgs Charakter, was sie in Arnold Körners Augen weit über ihre Schwester erhob. Eva zeigte überdies mehr Interesse für die Hauswirtschaft als für die Wissenschaft, und da sie sich zum Ärger ihrer Tante bald die Freiheit nahm, den Vikar wegen seines gepflegten Äußeren zu necken und dafür gelegentlich von ihm eine feine, aber deshalb nicht weniger fühlbare Zurückweisung in die Grenzen der Höflichkeit einstecken mußte, lebten sie meist in einem unterdrückten Kriegszustand, der ein freundschaftliches Verhältnis nicht recht aufkommen ließ.

Ingeborg war alle Verstellung so fremd, daß sie gar nicht daran dachte, ihre Freude über die geistige Anregung zu verbergen, die sie dem neuen Hausgenossen verdankte. Er gab ihr Bücher, über die sie ihre Ansichten austauschten, und nach einiger Zeit sprach er sogar mit ihr über religionsgeschichtliche Arbeiten, mit denen er seine freien Stunden ausfüllte.

Die ältesten Wandervögel, mit denen sie kameradschaftlich verkehrte, waren nur wenige Jahre jünger als der Vikar, und dadurch wurde ihr kaum bewußt, daß der Unterschied der Geschlechter diesem Verkehr einen besonderen Reiz verlieh. In ihr blieb lange das stolze Gefühl vorherrschend, daß jemand, der ihr auf allen Gebieten des Wissens weit überlegen war, aus ihre Meinung Gewicht zu legen schien. Sie fühlte, wie diese Wertschätzung ihr Denken anspornte, und war ihm dankbar, daß er ihrem Geist Schwingen verlieh, der sie oft weit über sich selbst erhob. Wie verblaßten neben ihm die feurigen Idealisten im Wandervogel, die ihr bisher mit ihrer ungeklärten Weltanschauung imponiert hatten! Wie lächerlich erschien ihr jetzt der geheime Stolz, den sie bei dem Gedanken an das bestandene Examen zuweilen empfunden hatte! Ein Wissensdurst erfüllte sie, wie nie zuvor. Ihr Vater, der den Grund dazu gelegt hatte, beobachtete es mit stiller Befriedigung und beschwichtigte seine Schwester, wenn sie klagte, wie wenig Ingeborg im Haushalt leiste.

Arnold Körner war sich bald darüber klar geworden, daß es vor allem der Zauber des eben erblühten jungen Weibes war, der ihn gefangen nahm und in seiner Brust ganz ungewohnte Empfindungen weckte. Wie ein Rausch war es eines Abends über ihn gekommen, als er sich über ihre Schulter beugte, um in ihrem Buch einen Satz nachzulesen, der ihr nicht ganz klar war. Der eigentümlich feine Duft ihres Haares hatte ihn vollständig abgelenkt. So verwirrt war er gewesen, daß er schuldbewußt zurückprallte, als sie, über seine stockende Sprache erstaunt, ihm ihr Gesicht zuwandte.

Diese Erfahrung hatte ihn zum erstenmal zum Nachdenken gebracht. Wohl hatte er bisher noch keinen unreinen Gedanken mit diesem schönen Mädchen in Verbindung gebracht, aber er fühlte wohl, daß ein sinnliches Begehren die Folge sein würde, wenn er diese berauschende körperliche Nähe noch einmal auf sich wirken ließe; und er war fest entschlossen, dies zu verhüten.

Es gelang ihm auch, aber der Kampf, den er von nun an kämpfte, raubte ihm immer mehr seine Unbefangenheit. Die vollständige Ungezwungenheit des Verkehrs war nicht danach angetan, sie ihm zurückzugeben. Er war ohne Schwestern aufgewachsen, hatte als Knabe instinktiv den Umgang mit Mädchen gescheut und infolgedessen erst sehr spät dem andern Geschlechte gegenüber seine innere Freiheit wiedergewonnen. Die Schranken, die die gesellschaftlichen Formen seines Umgangskreises zwischen jungen Männern und jungen Mädchen errichteten, hatte er nie zu durchbrechen gesucht, und es war jetzt das erste Mal, daß er so vertraulich mit einem jungen Weibe verkehrte. So war es kein Wunder, daß bei der gegenseitigen Sympathie Gefühle in ihm erwachten, gegen die Ingeborg durch ihre natürliche Erziehung gleichsam abgehärtet war.

›Ich glaube, ich bin auf dem besten Wege, mich zu verlieben‹, sagte er sich eines Abends, als er noch lange wach lag, und in Gedanken immer wieder zu Ingeborg zurückkehrte.

Aber sein Verstand war stärker als sein Herz. Nein, schon in seinem eigenen Interesse durfte es nie so weit kommen, daß die freundschaftliche Neigung in leidenschaftliche Liebe überging und alle Vernunftgründe zum Schweigen brachte, die einer ehelichen Verbindung wider sprachen. Der Gedanke an Mangold war dabei nicht einmal ausschlaggebend. Er brauchte nur an die Gesellschaftskreise zu denken, zu denen es ihn bald wieder zurückziehen würde, um zu erkennen, wie töricht es wäre, wenn er dieses Naturkind an sich fesselte. Außerdem hatte er sich oft in Wachen Träumen ein Bild feines zukünftigen Weibes ausgemalt, und Ingeborg glich keineswegs diesem Ideal. Ihrer selbstbewußten, klaren, gesunden Art fehlte das Schutzbedürftige, Anschmiegende, das hingebend Zarte, das ihm zum Wesen der Weiblichkeit zu gehören schien. Und als er suchte, an Ingeborg Fehler zu entdecken, da bot ihm das tägliche Beisammensein so viele Anlässe, wo er seine scharfe Kritik ansetzen konnte, daß er schließlich fest überzeugt war, sein Herz sei nicht ernstlich in Gefahr, und er dürfe den ihm liebgewordenen Verkehr in der bisherigen Weise fortsetzen, ohne sich dabei im geringsten zu verpflichten.

Daß Ingeborg nur Mangold liebe, war ihm überdies nach wie vor nicht zweifelhaft. Absichtlich brachte er manchmal das Gespräch auf den Wallersbacher Pfarrer, und jedesmal stellte er fest, daß Ingeborg mit besonderer Wärme von ihm sprach, während Tante Minchen einen mütterlichen Ton anschlug, der seine stille Heiterkeit erregte. Um sich selbst zu bestätigen, daß er dieses Erlebnis als ein Idyll betrachtete, das in seinem Leben keine tiefen Spuren hinterlassen sollte, nahm er sich vor, bald einmal seinen Freund zu besuchen und ihn darüber aufzuklären, in wie greifbarer Nähe das Glück seiner warte.

Aber wenn er auch in stillen Stunden seine wahren Empfindungen durch Vernunftgründe vor sich selbst zu bestreiten versuchte, so gab er sich, sobald er wieder in Ingeborgs Nähe war, nur gar zu gern dem geheimnisvollen Zauber hin, der von ihr ausging. Und indem er sich so von widerstrebenden Gefühlen hin und her zerren ließ, merkte er nicht, daß die Kraft, gegen die er rang, in seinem Herzen immer mehr an Boden gewann.

In einem Punkt war Arnold Körner ein milderer Richter geworden. Das Umherstreifen mit den Wandervögeln genügte ihm nicht mehr, über einem Mädchen den Stab zu brechen. Während der Ferien war wiederholt eine übermütige Schar in das Pfarrhaus eingekehrt, um alle vier Kinder zu entführen. Der ungezwungene Ton, in dem die jungen Leute untereinander verkehrten, und die aller Höflichkeitsformen bare Art ihres Auftretens stieß den Vikar nicht weniger ab als früher, und er fand es ebenso unschicklich wie die Tante, daß die großen Burschen die jungen Mädchen duzten und auch in ihrer Gegenwart halb angezogen herumliefen. Aber er hatte bald erkannt, daß gerade diese Kameradschaftlichkeit, bei der jede Galanterie streng verpönt war, sittliche Gefahren ausschloß. Wer mehr als eine natürliche Ritterlichkeit gegen ein Mädchen gezeigt hätte, wäre unfehlbar dem Spott seiner Kameraden zum Opfer gefallen. Auch mußte er Pfarrer Buchner, der nur auf den inneren Wert sah, zugeben, daß die gesundheitsfördernden Bestrebungen des Wandervogels im Interesse der Volkswohlfahrt lägen, und daß auch Mädchen mehr Gelegenheiten geboten werden müßten, durch Wanderungen und Aufenthalt in frischer Luft ihren Körper abzuhärten und zu kräftigen. Aber die Art, wie diese Bestrebungen hier in die Tat umgesetzt wurden, stand in einem so krassen Gegensatz zu den Grundsätzen, die bei seiner eigenen Erziehung maßgebend gewesen waren, daß er dem Wandervogel keineswegs freundlicher gesinnt wurde.

Die Tante klagte, daß die Kinder von einer Fahrt, die sich meist über den ganzen Tag erstreckte, jedesmal ganz verwildert heimkämen, und dankte Gott, als das Ende der Ferien den Städtern die Möglichkeit nahm, alle paar Tage lockende Saitenklänge vor dem Hause hören zu lassen. Dann gab es nämlich für alle vier kein Halten mehr. Mit Hallo wurden in Eile die Rucksäcke gepackt und die Musikinstrumente von der Wand genommen, und hinaus ging's in die Freiheit.

Arnold Körner gab es jedesmal einen Stich durch das Herz, wenn dann Ingeborg ein Buch oder einen wissenschaftlichen Aufsatz liegen ließ und sich gleich ihren jüngeren Geschwistern plötzlich so ausschließlich als Wandervogel fühlte, daß die Aussicht, wieder einen ganzen Tag im Freien zu leben, am Lagerfeuer abzukochen, und mit Zeichnen, Spielen und Singen die Freiheit zu genießen, alle anderen Gedanken in den Hintergrund drängte. Nie fühlte er sich ihr ferner gerückt, als wenn sie mit der lebensprühenden wilden Horde hinauszog, und es war ihm, als ob er sich zu Unrecht geschmeichelt hätte, Einfluß auf sie zu gewinnen.

Umsonst nahm er sich vor, dem Mädchen, das seiner wiederholt deutlich ausgesprochenen Abneigung so wenig Gewicht beilegte, nicht mehr so viele Gedanken zu schenken. Aber wenn dann am Abend von weitem die Zupfgeigen klangen und der Pfarrer auf die Veranda trat, um seinen Kindern entgegenzusehen, hielt es auch ihn nicht mehr auf seinem Platz, und er fand immer einen Grund, der ihn hinunter in das Wohnzimmer trieb, wo die vier jungen Menschenkinder mit glühenden Wangen und funkelnden Augen ihre kleinen Erlebnisse zum besten gaben. Und wenn dann nach dem Abendessen etwas vorgelesen werden sollte, war seine Absicht, sich auf sein Zimmer zurückzuziehen und die Familie sich selbst zu überlassen, längst wieder vergessen. –

Der Herbst hatte schon die Herrschaft angetreten und das Laub bunt gefärbt. Nur noch ausnahmsweise konnte an schönen Tagen der Nachmittagskaffee in der gedeckten, mit Klematis und wildem Wein berankten Gartenlaube eingenommen werden, die im Sommer der beliebteste Aufenthaltsort für die Familie war. Hier machten die Kinder ihre Schularbeiten, hier hielt der Hausherr im bequemen Lehnstuhl sein Mittagsschläfchen, hier übten die Mädchen ihre dreistimmigen Lieder ein, deren Melodien oft genug den Vikar aus dem dunkeln Mittelalter in eine lieblichere Gegenwart versetzten und seinen Sinn so mit Beschlag belegten, daß es ihm oft nicht mehr gelang, die Gedanken zu Ketzerrichtern und ähnlichen unerfreulichen Gestalten zurückzuführen.

An einem Oktobertage, an dem der abschiednehmende Herbst seinen letzten Vorrat an Wärme auf einmal ausgeben zu wollen schien und doch nicht über das Nahen des Winters zu täuschen vermochte, war Ingeborg allein in der Laube zurückgeblieben, um den Rest des Kaffeegeschirrs, das auf einem Tablett zusammengestellt war, ins Haus zu tragen. Zum letztenmal im Jahr sollte heute hier draußen gedeckt worden sein. Tante Minchen hatte trotz ihres Schultertuches gefroren, und auch der Pfarrer wollte nicht mutwillig die Gicht herausfordern, die in letzter Zeit nachlassenden Beschwerden wieder zu verstärken. So hatte er halb im Scherz, halb im Ernst mit einer kleinen Ansprache von dem lieben Ort Abschied genommen, und Ingeborg klangen seine Worte noch im Ohr nach, als sie umherblickte, ob sie auch nichts vergessen habe.

Da sah sie Evas Gitarre an einem Pfosten hängen. Einer augenblicklichen Stimmung nachgebend, nahm sie das Instrument in die Hand und ließ sich damit auf einem Korbsessel nieder. Wie suchend glitten anfangs ihre Finger über die Saiten, bald aber zitterten leise Mollakkorde durch die Luft, und über ihnen schwebte die schwermütige Melodie der halblauten Singstimme.

Durch die vielen Lücken im bunten Laubwerk fielen schräge Sonnenstrahlen auf die weltvergessene Sängerin und spielten in zuckenden Lichtern auf ihren kräftigen, doch gut geformten Händen, ihren blühenden Wangen und dem Goldblond ihres Haares. Ganz in die Harmonien ihrer Lieder vertieft, saß sie lange in sich versunken, ehe das bestimmte Gefühl, nicht mehr allein zu sein, sie plötzlich mitten im Vers abbrechen und den Kopf wenden ließ.

»Herr Vikar! Wie häßlich, mich zu belauschen!« rief sie, über und über errötend. Sie war aufgesprungen, hatte die Gitarre schnell aus der Hand gelegt, und schickte sich an, mit dem Tablett die Laube zu verlassen.

Aber Arnold Körner trat ihr in den Weg.

»Nicht fortgehen!« bat er so dringend, daß sie unwillkürlich das Tablett stehen ließ und erstaunt den Kopf hob. Da traf sie ein leidenschaftlich verlangender Blick aus seinen Augen, ein stummes, heißes Werben, das sie mit einer unbeschreiblichen Verwirrung erfüllte.

»Wie schön Sie sind!« stammelten seine bebenden Lippen. Gleichzeitig ergriff er ihre Hände und hielt sie fest umklammert, als ob er sie nie wieder freigeben wollte.

Im ersten Augenblick wußte Ingeborg nicht, wie ihr geschah. Eine Blutwelle nach der andern schoß ihr zum Herzen und raubte ihr fast die Besinnung. Nach einem kurzen instinktiven Sträuben überließ sie sich willenlos einem unbekannten beseligenden Gefühl, das plötzlich von ihr Besitz ergriff. Es sagte ihr wie etwas längst Vertrautes, daß sie diesen Mann liebte und, ohne sich darüber klar gewesen zu sein, seit langem geliebt habe; und wenn er sie jetzt in seine starken Arme geschlossen hätte, wäre sie in jubelnder Hingabe an seine Brust gesunken und hätte in dem Gefühl sicheren Geborgenseins die ganze Welt vergessen.

Schwer atmend hob und senkte sich die junge Brust und ihr Herz pochte zum Zerspringen. Das Zittern seiner Hände setzte sich in einem Erschauern durch ihren kraftvollen Körper fort. Sie ahnte dunkel: nun geschah ein unaussprechlich wundersames Großes, das zwei Seelen verschmolz und ihrem eigenen Leben von dieser Stunde an eine neue Richtung gab; und sie schloß die Augen in wonnevoller Erwartung des entscheidenden Augenblicks.

Aber das Wundersame kam nicht. Sekunden, die ihr wie Ewigkeiten erschienen, blieb der Mann vor ihr stumm. Dann spürte sie den Druck um ihre Handgelenke erschlaffen und hörte durch die Jubeltöne ihres Herzens hindurch die ernüchternden Worte:

»Verzeihen Sie mir, Fräulein Buchner, bitte verzeihen Sie mir, ich verstehe ja selbst nicht, wie ich mich so weit vergessen konnte.«

Wie aus einem schönen Traum gerissen sah sie ihn verständnislos an. Dann aber überwältigte sie niederschmetternde Scham; mit einem ächzenden Laut riß sie sich vollends los, ergriff hastig das Tablett und lies den Vikar mit einer neuen Entschuldigung auf den Lippen allein zurück.

Arnold Körner war zumute, als wankte der Boden unter ihm. Eines klaren Gedankens unfähig ließ er sich in den Korbsessel sinken, den eben noch in holdester Selbstvergessenheit Ingeborg inne gehabt hatte.

Was war geschehen? Er begriff es selbst kaum, wußte auch nicht zu sagen, wie lange er sich dem Anblick des holden Geschöpfes hingegeben hatte. Jedenfalls lange genug, um von einem Zauber gebannt zu werden, der ihn Erziehung, gesellschaftliche Formen, kurz, alles künstlich in ihn Hineingebrachte vollständig vergessen, und in voller Ursprünglichkeit ein Gefühl heißer Leidenschaft ungehindert zum Durchbruch kommen ließ.

Wie unter einem übermäßigen Druck berstend hatte sich das vergewaltigte Herz weit geöffnet, und ein Liebesstrom war ihm entquollen, dessen Gewalt die Vernunft erst ein Ziel zu setzen vermochte, als Arnold Körner schon Worte auf der Zunge lagen, die einen ehrenhaften Mann binden. War er wirklich so nahe daran gewesen, etwas zu tun, was er, wie er jetzt fühlte, schon im ersten nüchternen Augenblick wieder bereut hätte? Es widersprach so vollständig seiner ganzen Art, daß er sich mit aller Kraft gegen die Vorstellung zu wehren versuchte.

Was mußte nun Ingeborg von ihm denken? Je länger er darüber grübelte und ihr Erschrecken, ihre mädchenhafte Verwirrung und den plötzlichen Wechsel ihres Ausdrucks vor sich sah, fühlte er die Gewalt wieder über sich Herr werden, die er glaubte bekämpfen zu müssen. Und wie so oft in einsamen Stunden begann in ihm wieder der Kampf zwischen Liebe und Verstandesrücksichten.

Diesmal aber war es ein Toben, das sein Innerstes aufrührte und nicht zur Ruhe kommen wollte. Zum erstenmal wurde seine bisherige Überzeugung, daß Ingeborg nur Mangold im Herzen trage, erschüttert, und das immer stärker werdende Bewußtsein, von ihr geliebt zu sein, entzündete in seinem Herzen aufs neue ein Feuer, das mit seiner Glut allmählich alle Regungen des kühl abwägenden Verstandes erstickte.

»Ich liebe sie und sie wird mein!« jubelte es in ihm, als er endlich aufstand.

Seiner ersten Regung, die ihn zu ihr trieb, gab er aber nicht nach. Hatte ihm sein Freund auch nur undeutliche Anspielungen gemacht, so wäre es ihm doch wie ein Treubruch erschienen, wenn er nicht zuvor seine Absicht, dieses Mädchen für sich zu gewinnen, offen Mangold mitgeteilt hätte. Erst wenn er gewiß sein durfte, den Freund nicht tief zu verwunden, glaubte er ohne Gewissensbisse sein Lieb in die Arme schließen zu dürfen.

Auf seinem Zimmer überlegte er weiter. Bisher hatte er den versprochenen Besuch in Wallersbach noch nicht ausgeführt. So konnte es nicht auffallen, wenn er die jetzigen schönen Herbsttage zum Vorwand nahm, gleich am folgenden Tag das Versäumte nachzuholen.

Wild klopfte ihm das Herz, als er zum Abendessen gerufen wurde. Bei dem Gedanken, daß er Ingeborg jetzt entgegentreten sollte als ob nichts geschehen wäre, verspürte er eine Unsicherheit wie nie zuvor.

Und wenn es auch ihm selbst gelang, die innere Erregung vor den Tischgenossen zu verbergen, würde sie, die von der Unwahrhaftigkeit kultivierter Menschen im Verkehr untereinander nicht beeinflußt worden war, unbefangen erscheinen können?

Er brauchte nicht lange, um zu erkennen, wie grundlos seine Befürchtung gewesen war. Ingeborg schien sein Eintreten überhaupt nicht zu beachten. Abgewendet machte sie sich am Büfett zu schaffen, und er selbst war der einzige, der bemerkte, wie sie den Kopf tiefer senkte, um ein Erröten zu verbergen, dessen Ausläufer aber seinen forschenden Augen dennoch nicht entgingen.

Bei seinem Gedeck fand er einen Brief, der mit der Abendpost gekommen sein mußte.

»Poststempel Wallersbach,« sagte Pfarrer Buchner, der neben ihm saß.

»Das trifft sich gut«, entgegnete er und riß hastig den Umschlag auf. »Ich bin nämlich mit der Absicht heruntergekommen, morgen Freund Mangold zu besuchen. – Sie gestatten wohl, daß ich schnell lese, was er schreibt.«

Enttäuscht ließ er das Blatt sinken, nachdem er die eng geschriebenen Zeilen überflogen hatte.

»Solch Pech! Er wiederholt seine Einladung, fügt aber hinzu, daß er gerade morgen für zwei Tage nach Oberhessen fahren wolle.«

»Natürlich zu Pfarrer Bender«, sagte Fräulein Buchner und zuckte ihre spitzen Schultern.

»Was tut er denn bei dem?« fragte der Vikar erstaunt.

Tante Minchen wollte antworten, aber ihr Bruder kam ihr zuvor.

»Bender war doch der beste Freund seines verstorbenen Vaters!«

Körner hörte es kaum noch, seine Gedanken waren schon weiter gewandert.

»Dann möchte ich morgen meine Eltern besuchen, wenn es Ihnen recht ist«, wandte er sich höflich an Buchner.

Da er in sechs Wochen, die er schon in Wiesenborn lebte, noch keinmal heimgefahren war, und amtlich kein Hinderungsgrund vorlag, erhielt er bereitwillig Urlaub. Was ihn nach Hause trieb, darüber war er sich in diesem Augenblick selbst nicht klar.

Während des Abendessens suchten seine Augen immer wieder das Mädchen, das sein Herz erfüllte. Aber nicht einmal sah sie ihn an, und nur flüchtig streifte ihn ein scheuer Blick, als er das Wort an sie richtete. Dabei wich alle Farbe aus ihrem Gesicht und ihre kurze Antwort schien ihr große Überwindung zu kosten.

»Kind, fühlst du dich nicht wohl? Du bist ja ganz blaß«, sagte ihr Vater besorgt.

»Ein wenig Kopfschmerzen, nichts Besonderes«, wehrte sie mit einem Versuch zu lächeln weitere Fragen ab.

Während der Vikar mit ihrem Vater über ein Rundschreiben des Konsistoriums in einen Disput geriet, erduldete sie Qualen in dem angestrengten Bemühen, das wilde Gären in ihrer Brust verborgen zu halten.

War dieser Mann, der jetzt über so gleichgültige Dinge reden konnte, als ob es nichts Wichtigeres für ihn auf der Welt gäbe, derselbe, dessen Mund vor so kurzer Zeit die leidenschaftlichen Worte geflüstert hatte, die ihr noch in den Ohren klangen? Hätte sie nicht noch den eisernen Griff seiner Hände gespürte, sie wäre in Versuchung gekommen, alles für einen Traum zu halten.

Mit der ganzen Kraft ihres verletzten Mädchenstolzes wollte sie den Mann, der ihr dies zugefügt hatte, verachten und ihn vor allem nie ahnen lassen, wie furchtbar sie unter dieser herbsten Enttäuschung ihres jungen Lebens litt. Das war der einzige klare Gedanke, der aus dem Chaos ihrer Gefühle aufstieg.

Arnold Körner sah wohl, wie sie eine innere Erregung gewaltsam niederkämpfte. Eine wie starke seelische Erschütterung aber dieses Erlebnis für sie bedeutete, blieb ihm verborgen.

Früher als sonst zog er sich auf sein Zimmer zurück.

Als er beim Gutenachtsagen wie an jedem Abend allen Familienmitgliedern die Hand reichte, wandte ihm Ingeborg zum erstenmal voll ihr Gesicht zu. Ein fremder, feindseliger Blick erwiderte seine stumme Bitte um Verzeihung. Kaum hielt er ihre widerwillig hingehaltene schlaffe Hand in der seinigen, so entzog sie sich auch schon wieder der Berührung, ohne den Druck zurückzugeben.

Mit ihrem letzten Blick vor Augen saß Arnold Körner noch nach Mitternacht in seinem dunklen Zimmer. Je länger er grübelte, desto weniger gelang es ihm, einen unerträglichen Druck von seiner Seele zu bannen.

* * *

Das Wohnhaus des Oberhofpredigers stand im vornehmsten Villenviertel der Stadt, mitten in einem Parkähnlichen Garten. Arnold Körners Großvater mütterlicherseits, ein wohlhabender hoher Staatsbeamter hatte es errichtet, lange bevor diese Gegend allgemein bevorzugt wurde, und dadurch stach es in seiner altväterischen Bauart auffallend von den benachbarten modernen Villen ab.

Breite wohlgepflegte Kieswege führten von der kunstvoll geschmiedeten hohen Eingangspforte zu den Hauseingängen. Der kurzgehaltene Rasen, den sie umschlossen, war mit Beeten voll farbenprächtiger Astern eingefaßt. Aus diesen erhoben sich in gleichen Abständen schlanke Rosenstämme, aus deren Kronen noch manche späte Blüte leuchtete.

Ein alter Gärtner, der vom Wind verwehte Kastanienblätter vom Rasen entfernte, verzog sein runzliges Lakaiengesicht zu einem breiten Grinsen, riß die Mütze vom Kopf und öffnete diensteifrig das Straßentor, als er den Sohn des Hauses aus der vorgefahrenen Autodroschke steigen sah.

»Guten Tag, Wolters,« erwiderte Arnold Körner freundlich seinen Gruß und reichte ihm die Hand, »immer noch tüchtig bei der Arbeit?«

Der Alte wischte schnell an der Schürze seine schwielige Rechte ab, ehe er damit die feinen Handschuhe des jungen Herrn zu berühren wagte.

»Sind meine Eltern zu Hause?« fragte dieser weiter.

»Der Herr Oberhofprediger sind ausgegangen, aber die gnädige Frau sind zu Hause. Wir haben doch heute Teegesellschaft«, erwiderte der Gärtner mit wichtiger Miene.

Arnold Körners Gesicht zog sich bei dieser unwillkommenen Ankündigung in die Länge. Mochte er in Wiesenborn zuweilen mit Sehnsucht an die geselligen Zusammenkünfte in seinem Elternhaus zurückgedacht haben, – heute wäre er lieber mit den Eltern allein geblieben.

Aber die fröhliche Stimmung, in der er sich befand, ließ er sich dadurch nicht verderben. Mit einem Volkslied auf den Lippen, das Liselottes helles Stimmchen in dieser Zeit oft durch Haus und Garten schallen ließ, schritt er leichtfüßig über den Kies.

Hatte er wirklich dem alten Wolters die Hand gegeben? Der mochte sich schön wundern. Außer an seinem 70. Geburtstag war das noch nie geschehen. – Wiesenborn färbt ab, dachte Arnold Körner und lächelte vergnügt vor sich hin.

Die ernsten Gedanken, die ihm während der Nacht keine Ruhe gelassen hatten, waren von froher Zuversicht abgelöst worden. ›Dulde, gedulde dich fein, über ein Stündlein ist deine Kammer voll Sonne‹, klang es in seinem Herzen. –

Ein bekannter Architekt hatte vor einigen Jahren das Innere des Hauses umgebaut und nach den Angaben des kunstverständigen Bauherrn für die meisten Räume neue Einrichtungen entworfen, die einem modernen Geschmack Rechnung trugen, jedoch die Behaglichkeit nicht ausschlossen.

Von der mit einem riesigen Perserteppich bedeckten getäfelten Diele führte eine breite Treppe mit reich geschnitztem eichenem Geländer zu dem Obergeschoß. Bequeme Ledersessel und Korbstühle waren geschickt über den weiten Raum verteilt. Geschmackvolle Beleuchtungskörper gliederten die hohe Decke und streckten in Gruppen ihre glänzenden Messingarme von den Wänden. In allen Einzelheiten tat sich hier ein sicherer Geschmack kund, und ebenso war es in den übrigen Räumen.

Arnold Körner sog begierig das ihm wohlbekannte feine Parfüm ein, das im Innern des Hauses unaufdringlich in der Luft schwebte.

»Wo finde ich meine Mutter?« fragte er das Mädchen, das ihm Hut und Mantel abnahm.

Im gleichen Augenblick öffnete sich eine Tür und eine wohlklingende Frauenstimme rief: »Arnold, bist du es wirklich? Welche Überraschung!«

Damit eilte Arnold Körners Mutter, eine noch jugendlich erscheinende, in eine spitzenbesetzte Matinee gehüllte schlanke Dame dem Angekommenen entgegen.

»Ein unerwarteter Gast sagt sich zum Mittagessen und Tee an«, erwiderte er lachend und beugte sich ritterlich über die schmale, weiße Hand, die sich ihm entgegenstreckte. »Hoffentlich komme ich nicht ungelegen?«

»Natürlich nicht,« sprudelte die Mutter lebhaft heraus, »nur mußt du entschuldigen, wenn ich mich dir fürs erste nicht widmen kann.«

»Gesellschaft, ich hörte es schon von Wolters.«

»Vierunddreißig haben zugesagt! Gerade werden die Tische gedeckt, und du weißt ja, wenn man das geringste den Dienstboten überläßt … Wie gut, daß dein Smoking hiergeblieben ist! Es trifft sich übrigens ganz famos, daß du kommst. Für dich habe ich nämlich eine feine Überraschung. Brauchst mich nicht gleich so mißtrauisch anzusehen. – Noch nicht einmal die Tischkarten sind geschrieben! Ich weiß vor Arbeit nicht, wo mir der Kopf steht.«

Sie ging geschwind in das Eßzimmer voran, wo ein Diener und ein Hausmädchen ihre weiteren Befehle erwarteten.

Ihr Sohn blieb nach einem Blick auf das Durcheinander an der Tür stehen.

»Ich würde dich nur stören, Mama«, sagte er freundlich. »Vielleicht finden wir nach dem Mittagessen Zeit zu einem ruhigen Plauderstündchen.«

»Gewiß, gewiß; aber erst muß ich mich eine Stunde hinlegen, sonst bekomm ich unfehlbar meine Migräne, gerade wenn unsere Gäste kommen. – Wo gehst du hin?«

»Ich gehe einmal durch den Garten und suche dann in Vaters Zimmer etwas zum Lesen. Kommt er bald nach Hause?«

»Erst kurz vor Tisch.«

»Dann Adieu einstweilen und sei nicht zu fleißig.« Er winkte ihr mit der Hand zu und verschwand.

Ein müdes Lächeln und ein langgezogener Seufzer waren die Antwort.

Ruhelos ging Arnold Körner umher. Es drängte ihn zu einer Aussprache, und als eine halbe Stunde früher als erwartet sein Vater heimkam, gab er seinem Mitteilungsbedürfnis nach, sobald sich die Tür des Studierzimmers hinter ihnen geschlossen hatte.

Das kluge, glattrasierte Gesicht des würdevoll in einen Sessel zurückgelehnten alten Herrn zuckte kaum merklich, als sein Sohn in schlichten Worten, die nur schlecht eine starke innere Erregung zu verbergen suchten, von Ingeborg sprach.

»Also gebunden hast du dich noch nicht?« fragte der Oberhofprediger am Schluß und atmete wie erleichtert auf.

»Durch Worte nicht«, erwiderte Arnold Körner ernst. »Du wirst verstehen, daß ich möglichst schnell aus dieser schiefen Lage herauskommen möchte, in die mich meine Übereilung gebracht hat. Ingeborg muß ja an mir irre werden, und das ist mir ein schrecklicher Gedanke. Auch könnte ich meines Glückes nicht froh werden, wenn ich, auch ohne es zu wollen, meinen Freund aus dem Herzen des Mädchens verdrängt hätte, und Mangold darunter leiden müßte. Ich bin überzeugt, noch vor kurzer Zeit würde er nicht vergebens um Ingeborg Buchner angehalten haben.«

Ein nachsichtiges Lächeln spielte jetzt um die dünnen, blutleeren Lippen des alten Herrn. In einer müden Bewegung strich er mit der Hand über die spärlichen, nach hinten gekämmten weißen Haare, die seinen feinen Kopf bedeckten, und sagte ruhig:

»Dieser Skrupel hat dich glücklicherweise vor einer Dummheit bewahrt, mein Sohn.«

Arnold Körner errötete bei diesen Worten wie ein getadeltes Kind.

»Dummheit?« wiederholte er nach einer kleinen Pause und schüttelte langsam den Kopf, »nein, Vater, das ist nicht das richtige Wort. Dumm war höchstens, daß ich mich solange von Vorurteilen blenden ließ. Sie allein haben mich gehindert, früher zu erkennen, wie glücklich sich ein Mann schätzen muß, der Ingeborg Buchner zur Lebensgefährtin gewinnt. Ohne mein Vorurteil hätte ich offen mit meinem Freunde gesprochen, ehe meine Liebe die konventionellen Formen durchbrach.«

»Wenn ich mir nach deiner Schilderung ein richtiges Bild mache, kann ich kaum annehmen, daß dieses in kleinbürgerlichen Verhältnissen ausgewachsene Mädchen sich in unserm Kreise glücklich fühlen würde«, nahm der Vater in einem Ton wieder das Wort, der in seiner Gemessenheit zu der warmen Sprechweise seines Sohnes in einem gewollten Gegensatz stand.

»Auch ich glaube es nicht, Vater. Aber bedenke, wie jung sie ist und rechne mit dem weiblichen Anpassungsvermögen. In der Sicherheit des Auftretens steht sie unsern jungen Damen von neunzehn bis zwanzig Jahren sicherlich nach, und ihre gesunde Natürlichkeit würde in unserer Gesellschaft, wo der geringste Verstoß gegen überkommene Formen als Verbrechen gilt, vielleicht Anstoß erregen. Diese Erkenntnis hat mein Herz lange in Sicherheit gewiegt, denn ich konnte mir an meiner Seite nur eine Frau vorstellen, bei deren Erziehung auf solche Äußerlichkeiten ebensosehr Wert gelegt worden wäre wie bei der meinigen. Dafür fehlt ihr aber auch vollkommen die Oberflächlichkeit, die sich in unsern Kreisen breit macht. Wahrhaftigkeit, Gemütstiefe und ein feines Taktgefühl sind ihr angeboren. Wenn Ingeborg Buchner wollte, könnte sie bald bei unsern größten Empfängen gute Figur machen. Im klaren Denken nimmt sie es mit den meisten unserer Damen auf, und geistige Anregung ist ihr ein Bedürfnis. So würde sie sich in der Gesellschaft wirklich gebildeter Menschen sicher bald wohl fühlen, wenn ich mir auch nicht vorstellen kann, daß sie zum Beispiel an einem großen Tee, wie wir ihn heute geben, jemals Gefallen fände. – Aber das sind doch Dinge, die bei der Wahl einer Frau nicht die erste Rolle spielen sollten, und gerade wir Pfarrer …«

»Nun bekomme ich wohl noch gar gute Lehren«, fuhr der Alte mit überlegenem Lächeln fort, als sein Sohn mitten im Satz abbrach. »Merkwürdig, wie die kurze Zeit in der andern Umgebung auf dich gewirkt hat, Arnold. Die Wiesenborner Luft hat dir anscheinend nicht gut getan. Wenn mir einer vorhergesagt hätte, daß mein Sohn, der die besten Partien verschmähte, sich Hals über Kopf in ein schlichtes, weltfremdes Pfarrerstöchterlein vom Lande verlieben würde, ich hätte ihn ausgelacht. – Du scheinst dich allerdings gründlich vergafft zu haben, und der alte Buchner und die gute Tante waren gewiß die letzten, dich vor einer Unbesonnenheit zurückzuhalten. – Horch, wir werden zum Essen gerufen. Verschone bitte Mama vorläufig mit dieser Neuigkeit. Ihre Nerven lassen in letzter Zeit leider wieder recht zu wünschen übrig, und Liese Eröffnung würde sie sicher aus dem Gleichgewicht bringen. Wenn unsere Gäste uns verlassen haben, wollen wir in Ruhe darüber sprechen. Daß wir nur dein Bestes im Auge haben, davon sei überzeugt, mein Junge. Und nun komm.«

Arnold Körner war nicht übermäßig überrascht, bei seinem Vater so wenig Verständnis zu finden. Ohne ein Wort zu erwidern folgte er ihm die Treppe hinunter.

Nach dem Mahle zogen sich die Eltern zurück, um für die kommenden Strapazen Kräfte zu sammeln. So blieb er wieder mit seinen Gedanken allein und wartete geduldig aus die Gelegenheit, ungestört mit seiner Mutter sprechen zu können. An Pfarrer Buchner sandte er ein Telegramm, das seine Rückkehr für den folgenden Vormittag meldete.

Früher als erwartet hörte er die leichten Schritte seiner Mutter die Treppe herunter kommen. Da erhob er sich aus dem Sessel, wo er mechanisch die neuesten Zeitschriften durchgeblättert hatte, und ging ihr entgegen.

»Wie schön du bist!« entfuhr es ihm unwillkürlich, als er die elegante Erscheinung erblickte. Erst als er es gesagt hatte, kam ihm zum Bewußtsein, daß fast die gleichen Worte tags zuvor Ingeborg gegolten hatten.

»Findest du wirklich, daß dieses helle Lila mich kleidet? Ich habe lange geschwankt, ehe ich mich dazu entschloß«, antwortete sie, sichtlich erfreut über die ungeheuchelte Schmeichelei ihres großen Jungen, auf den sie so stolz war. Mit wohlgefälligem Lächeln trat sie vor einen großen Spiegel und Prüfte noch einmal von allen Seiten den Sitz ihres kostbaren Empfangskleides.

Befriedigt wandte sie sich dann wieder ihrem Sohn zu. Als sie dessen Mundwinkel verräterisch zucken sah, stieg ein feines Rot in ihre Wangen, und sie sagte halb verschämt:

»Ich frage mich selbst oft: schickt sich solche Eitelkeit für eine Pfarrersfrau? Aber du weißt ja selbst, was wir unserer gesellschaftlichen Stellung schuldig sind. Und wenn wir auch vielleicht nicht ein so großes Haus zu machen brauchten – ich bin nun einmal von klein auf diesen Lebenszuschnitt gewohnt und würde mich in kleinen Verhältnissen nicht zurecht finden.«

»Aber warum sagst du mir das, Mama?« fragte er mit einer abwehrenden Handbewegung. »Ich weiß ja, wie viel Zeit und Mühe du deinen vielen Ehrenämtern in allen möglichen Wohltätigkeitsvereinen widmest, und welche Geldsummen du ihnen zuwendest. ›Jeder wirkte nach besten Kräften in der Lebensstellung, die ihm vom Schicksal bestimmt ist‹, sagt doch Vater immer, und diesen Grundsatz hast du gleich ihm doch stets getreulich befolgt.«

»Und doch war mir's eben, als ob ich mich vor dir entschuldigen müßte«, erwiderte sie schon wieder lachend. »Das kommt davon, wenn man solchen ernst zu nehmenden Sohn hat.« Sie schmiegte sich zärtlich an seine Schulter, nahm seinen Arm und führte ihn in ihr kleines trauliches Boudoir, wo alsbald ein lebhaftes Geplauder im Gang war.

Jetzt, nachdem alle Vorbereitungen für die Gesellschaft getroffen waren, schien die innere Unruhe von ihr gewichen zu sein. Mit schlecht verhehltem Stolz zählte sie die Namen hoher Würdenträger auf, die sie erwartete, und sie zeigte dabei eine so glückliche Stimmung, daß Arnold sich nur ungern der Mahnung feines Vaters erinnerte.

»Bist du denn gar kein bißchen neugierig, welche Überraschung ich für dich in petto habe?« fragte sie nach einer Weile.

»Richtig, das hatte ich ganz vergessen. Eine angenehme Überraschung hoffentlich?«

»Eigentlich sollte ich dir noch nichts sagen, um die Wirkung nicht abzuschwächen«, fuhr sie fort. »Aber vielleicht ist es besser, wenn ich dich vorher unterrichte. Du bekommst nämlich als Tischdame …«

»O weh!« seufzte er mit einem Versuch zu lächeln. »Haben dich deine vergeblichen Bemühungen noch immer nicht entmutigt?«

In der Voraussicht, etwas Unvermeidliches geduldig über sich ergehen lassen zu müssen, sank er in den Sessel zurück und nagte nervös an seiner Unterlippe.

»Habe ich das um dich verdient, Arnold?« kam es in vorwurfsvollem Ton zurück. »Wenn du solch Gesicht machst, verdirbst du mir die ganze Freude.«

Als ob ihr das größte Unrecht geschehen sei, wandte sie sich wie ein verzogenes Kind schmollend zur Seite und erwartete offenbar ein Wort der Entschuldigung. Da aber ihr Sohn stumm blieb, gab sie dieses Spiel schnell wieder auf und sagte in demselben heitern Ton wie zuvor:

»Statt mir die Laune verderben zu lassen, will ich feurige Kohlen auf dein Haupt sammeln, Undankbarer. Hör' mich an und geh in dich. Ich lernte neulich bei meiner alten Freundin Exzellenz von Weyerstahl ihre Nichte kennen, ein entzückendes Geschöpfchen, zweiundzwanzig Jahre alt, immer lustig und von allen vergöttert. Sie hat früh beide Eltern verloren, so daß sie frei über ihr großes Vermögen verfügt. Man spricht von zwei Millionen. Dabei ist sie hoch musikalisch; ich hörte selbst, wie der Intendant neulich im Ernst sagte, er hätte schon weniger stimmbegabte Sängerinnen engagiert. Sie ist mir ans Herz gewachsen, und je näher ich sie kennen lernte, desto größer wurde mein Wunsch, sie mit dir bekannt zu machen. Soll ich mich nun nicht freuen, wenn mir dabei so sichtbar die Vorsehung zu Hilfe kommt?«

»Du weißt, Mama, daß es eine Entscheidung gibt, bei der ich mich nicht beeinflussen lassen möchte«, kam es gequält von seinen Lippen.

»Es könnte aber doch sein, daß Ingeborg dir gefiele, und ich nehme wohl mit Recht an, daß es dir nicht gleichgültig sein wird, mit welchen Augen deine Mutter ein Mädchen ansieht, das vielleicht … So ist's recht. Mit diesem Gesicht gefällst du mir viel besser.«

»Ingeborg heißt sie?« fragte er angenehm berührt.

»Ja, Ingeborg«, wiederholte sie aufstehend und ihm mit einem vielsagenden Lächeln fest in die Augen blickend. »Ingeborg, – ich könnte mir keinen schöneren Namen für meine Schwiegertochter denken, mein Junge. – Und nun muß ich dich leider allein lassen.«

In einer plötzlichen Aufwallung von Mutterliebe umschloß sie stürmisch seinen Kopf mit ihren Armen und drückte einen langen Kuß auf seine Stirn. Dann eilte sie hinaus, als ob sie befürchtete, durch längeres Verweilen den Eindruck ihrer letzten Worte abzuschwächen.

Welch sonderbares Zusammentreffen! dachte Arnold Körner kopfschüttelnd. So begegnen sich wenigstens unsere Wünsche in einem Punkt, wenn ich auch fürchte, daß der gleiche Name die Enttäuschung meiner guten Mutter wenig mildern wird.

Eine Art Fatalismus kam über ihn, als er seine Lage überdachte. Die nächsten Stunden hieß es noch geduldig sein; dann aber wollte er am Abend mannhaft für seine Liebe kämpfen.

In Gedanken versunken blieb er so lange auf demselben Fleck sitzen, bis ein Blick auf die altertümliche Uhr ihn belehrte, daß er sich mit dem Umkleiden beeilen müsse, wenn er an der Seite seiner Eltern die Gäste empfangen wollte.

* * *

Es war eine glänzende Gesellschaft, die der Oberhofprediger an diesem Tage in sein Haus geladen hatte. Offiziere verschiedener Waffengattungen, unter ihnen der Divisionskommandeur, brachten durch ihre Uniformen einen bunten Ton in das Bild der sich begrüßenden eleganten Erscheinungen.

Die Kleiderkünstler der Residenz schienen bei dem Entwurf wunderbarer Teegewänder ihrer Phantasie weitesten Spielraum gelassen zu haben. Wirkungsvoll hob der Zuschnitt der leichten Stoffe die Schönheit der Frauenkörper, und wo sich Natur und Kunst glücklich verbanden und der Reiz der Jugend darüber schwebte, wetteiferten die Herren in fein geformten und auch wortlosen, doch nicht weniger ausdrucksvollen Huldigungen.

Inmitten dieses festlich gestimmten und geputzten Kreises bewegte sich die Frau des Hauses wie in ihrem ureigensten Element. Für alle hatte sie ein freundliches Wort und einen liebenswürdigen Blick, jedem schien sie sagen zu wollen, wie glücklich sie sei, gerade ihn zu ihren Gästen zählen zu dürfen.

Ihr Gatte unterstützte sie dabei in glänzender Weise. Mit weltmännischer Verbindlichkeit verband er in seinem Auftreten eine Würde, die unaufdringlich an sein geistliches Amt erinnerte. Stets war er von einem Kranz junger und alter Verehrerinnen umgeben, die mit einmütiger Begeisterung an seinen Lippen hingen und für jeden Scherz, den er ihnen spendete, durch ein fröhliches Gelächter dankten.

Dies war die Welt, die Arnold Körner von klein auf als die seinige zu betrachten gelernt hatte und die ihn heute sogleich als einen der ihrigen so vollständig mit Beschlag belegte, daß die Erinnerung an das Wiesenborner Pfarrhaus und seine Bewohner zeitweilig ganz im Hintergrund versank.

Mit einer Mischung von Unbehagen und Neugier sah er dem jungen Mädchen entgegen, dessen Vorzüge in seiner Mutter den Wunsch geweckt hatten, sie als Schwiegertochter zu besitzen. Es war nicht das erstemal, daß sie nach einer solchen Ausschau hielt, aber bisher war ihre Wahl auf Töchter befreundeter Familien gefallen. Nun trat eine Fremde in die Erscheinung, und dies im Verein mit dem Namen, der so viel für ihn bedeutete, reizte Arnold Körners Neugier. Aber keinen Augenblick kam ihm der Gedanke, daß seine Liebe zu Ingeborg Buchner auch nur die geringste Erschütterung erleiden könnte, und er sah mit Gewißheit voraus, daß auch diesmal die vorsorgliche Mutter sich über den Mißerfolg ihrer Bemühungen zu trösten haben werde.

Als ob Exzellenz von Weyerstahl seine Erwartungen absichtlich hätte steigern wollen, erschien sie mit ihrer Nichte erst ganz zuletzt.

Ein kaum merkliches Lächeln trat in ihre Züge, als sie hörte, daß zufälligerweise der Sohn des Hauses anwesend sei. Sie hatte natürlich längst das Interesse ihrer Freundin für ihre Schutzbefohlene richtig eingeschätzt und war ebenfalls durchaus nicht abgeneigt, der Vorsehung hilfreich unter die Arme zu greifen.

»Welch angenehme Überraschung, Sie hier zu sehen!« sagte sie erstaunt, als ihr Arnold respektvoll die Hand küßte.

»Gerade, als ob er geahnt hätte, unsere Freunde heute hier vereint zu finden, – zu denen ich auch Sie, liebes Fräulein Ingeborg, hoffentlich rechnen darf«, fuhr die Gastgeberin mit einem freundlichen Lächeln zu der jungen Dame gewendet fort. »Gestatten Sie, daß ich Ihnen meinen Sohn vorstelle. Ich habe ihm schon viel von Ihnen erzählt.«

Es war Arnold Körner in diesem Augenblick einfach unmöglich, die nichtssagende Schmeichelei über die Lippen zu bringen, die diese Worte ihm nahe genug legten. Er ärgerte sich über die mehr im Ton als in den Worten liegende Vertraulichkeit, mit der seine Mutter das junge Mädchen behandelte und meinte, dieses müßte die Absicht durchschauen und ebenso peinlich berührt sein wie er selbst. Mit einer tiefen Verbeugung bot er ihr den Arm, da sogleich der Tee serviert werden sollte.

Der erste Blick hatte ihn belehrt, daß seine Mutter, ohne zu übertreiben, berechtigt gewesen wäre, Ingeborg von Weyerstahls äußere Erscheinung in noch viel höheren Worten zu preisen. Ganz unwillkürlich hatte er sich das »entzückende Geschöpfchen« blond und zierlich vorgestellt, und er war überrascht gewesen, eine tief brünette, hoch gewachsene Schönheit hinter Frau von Weyersthal eintreten zu sehen. Aus dem Oval ihres ebenmäßigen Gesichtes leuchteten zwei tiefbraune Augen mit einer Mischung von Überlegenheit und Schalkhaftigkeit um sich. Das erdbeerfarbene Kleid ließ wohlgebildete schneeweiße Schultern und Arme frei, und in jeder Bewegung ihrer schlanken Glieder zeigte sich ihre durch sportliche Betätigung erlangte Geschmeidigkeit.

Mit der Selbstsicherheit einer erfolggewohnten jungen Dame der großen Welt bewegte sich das junge Mädchen in dem ihm fremden Kreise. An dem kleinen Tisch, zu dem Arnold Körner sie geführt hatte, leitete sie alsbald die Unterhaltung. Ihre temperamentvolle Fröhlichkeit war so ansteckend, daß Arnold oft in ihr glockenhelles, unwiderstehliches Lachen einstimmte. Und jedesmal, wenn es geschah, tauchten in einiger Entfernung zwei mütterliche Augenpaare einen zufriedenen Blick des Einverständnisses aus.

Nach dem weltabgeschiedenen ruhigen Leben im Wiesenborner Pfarrhaus hatte es einen besonderen Reiz für ihn, an ihren witzigen, oft paradoxen Aussprüchen die eigene Schlagfertigkeit zu erproben; und wenn auch die Unterhaltung nur die Oberfläche der Dinge berührte und jede Vertiefung mied, so glaubte er doch, während er neben ihr saß, sich lange nicht mehr so gut unterhalten zu haben.

Das verführerisch schöne Weltkind war übrigens nicht damit zufrieden, nur einen Mann in ihren Bann zu ziehen. Ein junger adliger Dragonerrittmeister und ein Regierungsassessor nahmen ebenfalls an den Wortgefechten teil; und wenn der gewandte Theologe ihnen auch geistig überlegen war, so verteilte die junge Schönheit doch unter alle drei vollständig unparteiisch ihre Gunst.

Nach dem Tee begab sich die ganze Gesellschaft auf die Bitte der Gastgeber in die Halle, und als sich bald danach die Türen wieder öffneten, harten dienstbare Geister die Tische entfernt und an ihre Stelle Gruppen bequemer Sitzmöbel im Salon und den anstoßenden Räumen verteilt.

Da diesmal meist ältere Herrschaften geladen waren, ergab sich ganz von selbst, daß der Sohn des Hauses auch jetzt dem einzigen jungen Mädchen nicht von der Seite wich.

Der Oberhofprediger schmunzelte, als er bemerkte, wie willig sein Sohn sich von der leichten Unterhaltungsgabe der neuen Erscheinung mitreißen ließ. ›Ein Glück, daß es noch nicht zu spät ist! In der alten Umgebung wird er schon schnell wieder vernünftig werden,‹ dachte er zuversichtlich.

Durch einen kühnen Gedankensprung gelang es dem Dragoner nun aber bald, das Gespräch in eine Bahn zu leiten, wo ihm die beiden anderen Herren nicht folgen konnten. Arnold Körner verstand von Pferden ebensowenig wie der Assessor; das junge Mädchen dagegen ging um so bereitwilliger auf das neue Thema ein. Sie bekannte sich als leidenschaftliche Reiterin, und es war augenscheinlich, daß sie hoch zu Roß im anliegenden Reitkleid vortrefflich aussehen mußte.

Arnold Körner belustigte es nicht wenig, wie schlecht der Assessor verstand, seinen Ärger zu verbergen, und er bewunderte im stillen, mit welcher Kühnheit der Rittmeister auf sein Ziel lossteuerte. Ehe fünf Minuten vergangen waren, hatte er schon mit Ingeborg von Weyerstahl für den nächsten Sonntag einen Ausritt verabredet. Gleich morgen wollte er bei ihrer Tante die offizielle Erlaubnis einholen.

Nun hätte sich der Assessor damit trösten können, daß sie auch seine Einladung zu einer Tennispartie angenommen hatte. Er fühlte sich aber offenbar in den Hintergrund gedrängt, und seine gute Laune war dahin.

Auch Arnold Körner, den der edle Wettstreit innerlich unberührt gelassen, dachte schon daran, eine interessantere Unterhaltung zu suchen, und er war daher nicht böse, als jetzt die beginnenden musikalischen Vorträge von selbst die kleine Gruppe zerstreuten.

Der Oberhofprediger führte Ingeborg von Weyerstahl galant zum Flügel, wo ihre Tante schon in den Noten blätterte.

Allmählich verstummten die Gespräche. Ruhig blickte die Sängerin im Kreise umher, bis auch kein Flüsterlaut mehr an ihr Ohr drang. Erst dann gab sie ihrer Tante durch ein kaum merkliches Kopfnicken das Zeichen, mit dem Vorspiel zu beginnen.

Nach den ersten Tönen, die in edlem Wohllaut frei ihrer Kehle entströmten, wußte Arnold Körner, daß diese Sangeskunst weit alles übertraf, was er bisher von Dilettantinnen gehört hatte. Die italienische Arie, die sie vortrug, gab ihr Gelegenheit, in wehen Klagelauten zu schwelgen und dann in einer gewaltigen Steigerung mit einem wilden Racheschwur eine Tonfülle zu entfalten, die selbst in diesen großen Räumen beinahe erdrückend wirkte. Aber stets blieb die Stimme edel im Ton und dieser von tadelloser Reinheit.

Es war in diesem Hause sonst nicht üblich, den Beifall durch Händeklatschen auszudrücken. Diesmal aber gab der Oberhofprediger selbst das Zeichen dazu, und lauter Dank durchbrauste das Haus.

Wie einen schuldigen Tribut nahm Ingeborg von Weyerstahl lächelnd die begeisterten Lobsprüche entgegen. Damen und Herren suchten sich in Schmeicheleien zu überbieten und bildeten einen festen Wall um das junge Mädchen.

Arnold wollte ihr ebenfalls seinen Dank für den Genuß aussprechen, gab aber bald den Versuch auf, zu ihr zu gelangen.

Nach dem Tumult war plötzlich ein starkes Bedürfnis nach Stille und Einsamkeit über ihn gekommen. Während die anderen noch laut durcheinander sprachen, zog er sich unbemerkt in einen verlassenen Nebenraum zurück. Dort sank er wie erschöpft in einen Ledersessel und schloß die Augen.

Der Rausch, der ihn bei der erneuten Berührung mit dieser Welt ergriffen hatte, war so rasch verflogen, wie er gekommen war. Ein Gefühl furchtbarer Leere trat an dessen Stelle und ließ ihn plötzlich mit erschreckender Deutlichkeit die Hohlheit erkennen, die sich hinter der glänzenden Außenseite dieser Gesellschaft verbarg. Die Arme auf die Knie gestützt und das Gesicht in den Händen vergraben, suchte er vor sich selbst den plötzlichen Umschwung seiner Stimmung zu erklären; es gelang ihm nicht. Wohl aber wurde er sich dunkel bewußt, daß in diesem Augenblick ein Kampf zweier Welten in seiner Brust entbrannt war, die ihn in verschiedener Weise anzogen und abstießen. Sein Elternhaus, die Kreise, in denen er groß geworden war, ja, das Leben der Eltern selbst sah er heute mit anderen Augen an als einst, und er empfand, daß er sich nie mehr in den alten Verhältnissen ganz wohl fühlen könnte. In Wiesenborn hatte sich ihm eine neue Welt aufgetan. Sie hatte wohl vermocht, ihm die Mängel der anderen zu zeigen, doch in ihr heimisch geworden war er nicht. So sehr ihn auch jetzt die Sehnsucht nach der Stille des traulichen Pfarrhauses zog, – die Vorstellung, sein ganzes Leben in kleinbürgerlichen Verhältnissen zubringen zu müssen, erschreckte ihn, auch wenn er dabei an die andere Ingeborg dachte, deren Bild erst jetzt wieder in seiner Seele lebendig wurde und seinen verworrenen Gedanken eine bestimmte Richtung gab.

Eine plötzlich eingetretene Stille ließ ihn aus seinen Träumen aufschrecken.

Brahms, erkannte er an dem Vorspiel.

Mit vorgestrecktem Kopf lauschte er angestrengt, um sich keinen Ton des ihm wohlbekannten Liedes entgehen zu lassen. Doch bald wich die Spannung aus seinen Zügen.

»Mache!« murmelte er enttäuscht. Bei diesem Lied konnte die bestgeschulte Stimme nicht das Fehlen echten, warmen Gefühls bemänteln, und was die Sängerin bot, war ein verstandesmäßig herausgearbeiteter wirkungsvoller Vortrag, doch nicht die Wiedergabe eines inneren Erlebnisses.

Vielleicht ist sie zu jung zu diesem Lied, und ein anderes wird ihr besser gelingen, dachte der verborgene Lauscher. Doch die beiden folgenden machten ihm nur zur Gewißheit, daß auch in der Arie keine echten Herzenstöne mitgeklungen hatten.

Als die enthusiastischen Beifallsbezeugungen verrauscht waren, mischte er sich wieder unter die große Menge, die er am liebsten jetzt geflohen hätte. Schal schienen ihm Gespräche, die ihn umschwirrten, und er schämte sich im stillen seiner eigenen bedeutungslosen Worte.

Die Geladenen dagegen schienen sich ausgezeichnet zu unterhalten; denn es ging schon auf neun Uhr zu, als sie mit der Versicherung, einen entzückenden Nachmittag verlebt zu haben, schnell hintereinander Abschied nahmen. –

»Ich glaube, wir dürfen zufrieden sein«, sagte der Oberhofprediger zu seiner Gattin, als die letzten das Haus verlassen hatten.

»Famos hat alles geklappt!« stimmte sie freudestrahlend zu. »Findest du nicht auch, Arnold? – Sieh einer den Kopfhänger an!« fuhr sie lachend fort, als ihr Sohn nicht gleich antwortete. »Weil Ingeborg von Weyerstahl mit dem Dragoner ein bißchen geflirtet hat, gibt er das Spiel verloren. Meinst du, ich hätte nicht bemerkt, wie schnell du Feuer gefangen hast? Und als sie auch mit anderen Herren in ihrer reizenden Art scherzte, zogst du dich schmollend zurück! Junge, Junge, wie schlecht kennst du ein Mädchenherz! Du gefällst ihr übrigens ausgezeichnet.«

»Hat sie dir das anvertraut?« fragte er mit einem spöttischen Lächeln.

»Mir nicht, aber ihrer Tante. Wir sollen in der nächsten Woche zu einem einfachen Abendbrot en petit comité zu ihr kommen. Natürlich wird darauf gerechnet, daß du dich für diesen Abend freimachst.«

»Ich werde nicht hingehen«, antwortete er mit ruhiger Bestimmtheit.

Nun wurde die kleine Frau aber ärgerlich.

»Sei doch nicht so schwerfällig!« rief sie mit einer unwilligen Gebärde. »Es ist nun einmal Frauenart, den Mann, den man gern hat, ein bißchen eifersüchtig zu machen, ehe man sich erobern läßt. Ingeborg gehört zu den Mädchen, die erobert werden wollen, und ich meine, sie ist wohl einiger Anstrengung wert.«

Statt einer Antwort blickte Arnold bittend seinen Vater an.

»Nun gut«, sagte dieser achselzuckend und ging in das kleine Nebenzimmer voran. »Ich hoffte schon, die Unterredung sei überflüssig geworden.«

Die beiden anderen folgten ihm.

»Unterredung?« wiederholte seine Frau erstaunt und sah ihren Sohn fragend an.

»Setz' dich hier zu mir auf das Sofa, und laß dir vor allen Dingen nicht die gute Laune verderben«, sagte der Oberhofprediger leichthin.

Als alle schweigend Platz genommen hatten, fuhr er zu seiner Frau gewendet fort: »Denke dir nur, Arnold hat sich in Buchners älteste Tochter verliebt und wäre wahrscheinlich schon mit ihr verlobt, wenn ihn nicht glücklicherweise im letzten Augenblick Skrupel vor dieser Übereilung abgehalten hätten. Er …«

»Willst du mich nicht selbst sprechen lassen, Vater?« unterbrach Arnold bittend.

»Meinetwegen. Aber mache es kurz und bündig.«

Von dem heißen Wunsche beseelt, für seine Herzensnöte Verständnis zu finden, wendete sich Arnold nun an seine Mutter. Aus jedem seiner Worte klang heraus, wie tief ihn dieses Erlebnis bewegte.

Ohne zu unterbrechen, hörte sie zu, aber ihre zusammengekniffenen Lippen und der starre Ausdruck ihrer Augen verrieten nur zu deutlich ihre Gedanken.

»Gott sei Dank, daß es noch nicht zu spät ist!« atmete sie am Schluß erleichtert auf.

Da trat neben die Elternliebe eine große Bitterkeit drohend in ihres Sohnes Herz.

»Daß auch du so wenig Vertrauen zu mir hast, tut weh«, sagte er halblaut.

»Liebe macht bekanntlich blind«, erwiderte sie, indem sie mit den Fingern nervös auf der Tischplatte trommelte. »Muß man dir wirklich erst sagen, wie oft sich hochbedeutende Männer an Frauen gekettet haben, deren Unwürdigkeit alle anderen Menschen sogleich erkannten. Damit will ich natürlich nicht sagen, daß Fräulein Buchner unwürdig wäre, eines tüchtigen Mannes Frau zu sein«, fuhr sie schnell fort, als ein unwillkürliches Zusammenzucken ihres Sohnes ihr sagte, daß sie zu weit gegangen war.

»Arnold, ich habe mir die Sache reiflich überlegt«, nahm nun der Oberhofprediger das Wort. »Dein Lebensglück steht auf dem Spiel, und wir beide wären die letzten, ihm in den Weg zu treten. Bei ruhigerem Nachdenken wirst du aber auch unsere schweren Bedenken verstehen. Du weißt, auf welche Karriere du mit ziemlicher Bestimmtheit rechnen kannst. Serenissimus fragt oft nach dir, und die Prinzen haben dich ebensowenig vergessen. Prüfe selbst, in welche Lage du kämest, wenn deine Frau den gesellschaftlichen Anforderungen nicht gewachsen wäre!«

»Du hast mich nicht verstanden. Ich wiederhole noch einmal: sie ist durchaus kein ungebildetes Mädchen und würde jeder Gesellschaft, in der die Menschen nach ihrem inneren Wert beurteilt werden, zur Zierde gereichen. Aber ihr wollt mich nicht verstehen, weil ihr für eure ehrgeizigen Pläne fürchtet«, rief Arnold in plötzlich ausbrechender Erbitterung.

Mit eisiger Miene machte sein Vater eine abwehrende Handbewegung.

»Bitte! Ländliche Manieren sind in meinem Hause nicht angebracht. – Alles, um was ich dich dringend bitte, ist: nichts zu überstürzen. Die Rücksicht, die du deinem Freund schuldig zu sein glaubst, unterstützt meine Bitte. Nehmen wir an, Fräulein Buchner habe wirklich Mangold geliebt, und sei nur durch dein stummes Werben vorübergehend dieser Liebe untreu geworden. Die Widerstandsfähigkeit eines Mädchens gegen eine solche Versuchung ist nicht groß, wenn der andere Teil so zurückhaltend ist wie dein Freund. – Wie leicht kann es aber sein, daß sie schon bald ihre Untreue gegen sich selbst bereut. Und dann wäret ihr alle drei unglücklich.«

»Ich möchte lieber meine Liebe begraben, als Ingeborg Buchner dadurch unglücklich machen«, sagte Arnold und blickte starr vor sich.

Das Gesicht seines Vaters erhellte sich für einen flüchtigen Augenblick, nahm aber sofort wieder den vorigen Ernst an.

In viel sanfterem Ton fuhr er eindringlich fort:

»Gönne also vor allem dem Mädchen Zeit, sich über ihr eigenes Herz klar zu werden und sei in der nächsten Zeit besonders zurückhaltend im Verkehr mit ihr. Dein – hm – übertrieben warmes Kompliment war natürlich höchst überflüssig, aber nur ein sehr berechnendes Mädchen würde es zum Vorwand nehmen, einen Mann dauernd an sich zu fesseln. Fräulein Buchner ist natürlich viel zu hochherzig dazu. Sie wird bald wieder Vertrauen zu dir fassen, wenn sie sieht, daß du ihr nicht mit unehrenhaften Absichten nahst, und dir auch ferner ihre Freundschaft schenken, an der dir so viel gelegen scheint.«

»Unehrenhafte Absichten! Welch häßliches Wort in Verbindung mit meinem Jungen!« murmelte seine Frau und schüttelte sich.

»Du hast vielleicht recht!« sagte Arnold nach einer kurzen Pause und fuhr sich nachdenklich über die Stirn. »Ich muß ihr Zeit lassen.«

Sein Vater nickte befriedigt und reichte ihm die Hand.

»Das Mädchen, das du uns nach ruhiger Wahl als deine künftige Frau vorstellen wirst, soll uns herzlich willkommen sein«, sagte er herzlich. »Natürlich hat es nun vorläufig keinen Zweck, mit Mangold zu sprechen. Bist du am Ende deines Aufenthaltes in Wiesenborn immer noch überzeugt, in Fräulein Buchner eine für dich passende Lebensgefährtin gefunden zu haben, dann werden wir dir unseren Segen nicht vorenthalten.«

»Aber Ingeborg von Weyerstahl?« fragte seine Frau zögernd.

»Sollst sehen, wie schnell die mich vergessen haben wird«, erwiderte Arnold lächelnd.

»Und ich hoffte doch so bestimmt …«

»Vertrauen wir jetzt ruhig auf Arnolds Urteilsfähigkeit«, unterbrach ihr Mann den weinerlichen Einwurf. »Sein Schutzgeist hat ihn zu rechter Zeit zu uns geführt, und vielleicht wird er einst diese Stunde segnen. – Trinken wir noch ein Glas Wein, alter Junge?«

»Wenn ihr erlaubt, möchte ich lieber bald zu Bett gehen, denn ich will mit dem Frühzug zurückfahren«, erwiderte Arnold aufstehend. »Mein Kopf ist so verwirrt, daß ich euch jetzt ein schlechter Gesellschafter wäre. Gestattet, daß ich mich auf mein Zimmer zurückziehe.«

»Schon?« fragte seine Mutter enttäuscht. »Dann müssen wir beide jetzt schon Abschied nehmen, denn du weißt ja, daß ich nach solchem Tag wie heute vor Mittag nicht aufstehen darf.«

»Lebe wohl, Arnold, und beherzige meine Worte«, sagte der Oberhofprediger mit kräftigem Händedruck.

Arnold küßte seine Eltern auf die Stirn und ging hinaus.

»Eine schöne Geschichte hat er sich da eingebrockt!« sagte Frau Körner händeringend, als seine Schritte verhallten. »Ich weiß nicht, der Junge kommt mir heute merkwürdig verändert vor.«

»Mach' dir weiter keine Gedanken darüber, jetzt wird er bald geheilt sein,« beruhigte sie ihr Gatte und lachte lautlos vor sich hin. »Eine kleine, ungefährliche Entgleisung war's, weiter nichts.«

Mit diesen Worten zündete er umständlich eine Henry Clay an, läutete dann dem Diener und verlangte die Abendzeitung.

Buchschmuck


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