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Flitterwochen.


I.

Im Wartesalon der ersten Eisenbahnklasse saß eine kleine exclusive Gesellschaft, die Eltern, Verwandten und Freunde der beiden Neuvermählten, die heute im Begriff standen, mit dem nächsten Zug die übliche Hochzeitsreise nach der Schweiz und Italien anzutreten.

Der junge Ehemann, Baron Ottmar von Bohlen, eine aristokratisch-elegante Erscheinung in den dreißiger Jahren, mit interessanten, nur etwas verlebten Gesichtszügen, geistvollen, dunkeln Augen, schwarzem Bart und sorgfältig gescheitelten, hier und da ein wenig gelichteten Haaren, konnte eine leichte Abspannung und Ungeduld nicht ganz unterdrücken, da er gerade kein besonderer Freund von derartig rührenden Familienszenen war.

Obgleich sichtlich bemüht und auch gewohnt, seine Mienen und Gedanken zu beherrschen, verrieten die flüchtigen Wolken auf der hohen, glänzenden Stirn und das gezwungene Lächeln des fein geschnittenen Mundes, daß er sich in seiner neuen Lage keineswegs behaglich fühlte, wie dies nicht selten bei älteren Junggesellen der Fall zu sein pflegt, wenn sie erst kurze Zeit verheiratet sind und bis dahin ihre Freiheit im vollsten Maß genossen haben.

Auch die Mutter der Braut, die Geheimrätin Pauli, eine stattliche Dame mit auffallend bleichen Gesicht, überließ sich nur zu sehr dem natürlichen Schmerz und der verzeihlichen Sorge mit die scheidende Tochter, von der sie sich nur mit schwerem Herzen losriß.

Die bevorstehende längere Trennung weckte in ihrer Seele alte, traurige Erinnerungen und bange Ahnungen. Ihre gedrückte Stimmung teilte sich auch den übrigen Verwandten mit und verursachte ein ernstes, fast peinliches Gefühl.

Um so heiterer und unbefangener erschien dagegen die Hauptperson in dieser kleinen Familienszene, die Neuvermählte selbst, eine anmutige Blondine von höchstens neunzehn Jahren. Ihr zart gerötetes feines Gesicht strahlte von unbeschreiblicher Wonne und aus den hellen, braunen Augen leuchtete das höchste irdische Glück, so schwer auch ihr der Abschied von ihren Angehörigen und besonders von der zärtlich geliebten Mutter fallen mochte.

Aber Ida liebte den Mann ihrer Wahl und betete ihn an. Sie sah zu ihm wie zu einem höheren Wesen empor und erblickte in ihm die Verwirklichung ihres Ideals, ihrer schönsten Mädchenträume.

Ottmars glänzende Persönlichkeit, sein überlegener Geist, seine hinreißende Liebenswürdigkeit und vor allem sein vornehm aristokratisches Wesen hatte im Flug ihr unschuldiges Herz erobert und sie bezaubert.

Selbst die ihr nicht gänzlich unbekannten Gerüchte von der stürmischen Vergangenheit und den derangierten Verhältnissen des Barons vermochten nicht ihren Glauben an die Ritterlichkeit und Zuverlässigkeit seines Charakters zu erschüttern.

Mit der ihr eigenen, fast an Eigensinn grenzenden Festigkeit widerstand sie den Abmahnungen und Warnungen ihrer Freunde, wußte sie die wichtigsten Bedenken der besorgten Eltern zu überwinden, die so leicht der geliebten und verzogenen Tochter keinen Wunsch versagten und ihr schließlich, wenn auch nur mit Widerstreben, die Einwilligung zu der von ihr so heiß begehrten Verbindung gaben.

Als aber jetzt die Eisenbahnglocke zum zweitenmal läutete und das Zeichen zur baldigen Abfahrt erschallte, trübten sich auch Idas sonnenhelle Augen und füllten sich mit Thränen. Noch einmal sank sie weinend an das Herz der lief erschütterten Mutter, küßte sie den bewegten Vater und die treuen Freunde, worauf sie, von dem Arm des geliebten Mannes gestützt, in den Waggon stieg, von den Segenswünschen ihrer Angehörigen begleitet.

So lange noch der Zug auf dem Perron stand, beugte sie sich aus dem offenen Fenster ihres Koupees, den Zurückbleibenden winkend, nickend und unter Thränen lächelnd.

Als aber die Lokomotive sich langsam, mit einem grellen Pfiff in Bewegung setzte, die teuern Gestalten immer ferner rückten und allmählich ihren umflorten Blicken verschwanden, sank sie leise schluchzend in die Kissen des Sitzes zurück, überwältigt von dem Schmerz der Trennungsstunde.

Ihr Begleiter, dem ein solcher Ausbruch kindlicher Zärtlichkeit fremd, wo nicht gar unangenehm zu sein schien, ließ sie ruhig gewähren und begnügte sich nur damit, dann und wann ein freundliches Wort an sie zu richten, um sie zu trösten.

»Verzeih',« sagte sie, sich mühsam fassend, »wenn ich dir mit meiner Trauer lästig falle. Es ist das erste Mal, daß ich mich auf so lange Zeit von meinen Eltern trenne.«

»Hoffentlich wirst du sie nicht allzusehr vermissen.«

»Ich bin auch weniger um mich, als um sie, besonders um die arme Mutter bekümmert. Sie wird sich jetzt mehr als je verlassen fühlen und doppelt ihren noch immer nicht verschmerzten Verlust beklagen.«

»Welchen Verlust?« fragte Ottmar zerstreut.

»Du weißt ja, daß ich noch eine Schwester hatte.«

»Ich erinnere mich. – Hieß sie nicht Agathe?« »Sie war,« fuhr Ida bewegt fort, »um acht Jahre älter als ich, eine reizende Erscheinung, die ich nie vergessen werde, obgleich ich noch ein Kind war, als sie starb. Es war ein harter Schlag für meine Eltern, den sie noch immer nicht überwinden können.«

»Woran starb denn deine Schwester?«

»An gebrochenein Herzen –«

»Die Krankheit,« erwiderte er ungläubig lächelnd, »ist nur unbekannt und kein Arzt hat sie bis jetzt beobachtet, so häufig auch davon in Romanen und Novellen die Rede ist.«

»Du würdest,« entgegnete Ida ernst, fast empfindlich, »gewiß nicht darüber scherzen, wenn du die näheren Umstände und die Veranlassung zu dem Tode meiner unglücklichen Schwester kennen würdest. Ich selbst war damals noch zu jung und erfuhr erst später den Grund ihrer Leiden. – Agathe war mit einem jungen Gutsbesitzer verlobt, den sie leidenschaftlich liebte und von dem sie sich ebenso geliebt glaubte. – In einigen Wochen sollte die Hochzeit sein, als sie von ihrem Verlobten einen Brief erhielt, der sie wie ein Blitzstrahl aus heiterem Himmel traf und ihr Glück vernichtete.«

»Ich kann mir schon denken; eine andere Liaison –«

»Der Elende hatte sie verlassen, einer gemeinen Kokette, einer Abenteurerin, einer verrufenen Glücksjägerin schändlich geopfert.«

»Die alte Geschichte,« versetzte Ottmar ruhig, »doch stirbt man nicht daran.«

»Meine Schwester starb auch nicht sogleich; sie wurde nur wahnsinnig und erst nach einigen Jahren erlöste sie der Tod von ihrem schrecklichen Leid. – Die Untreue des Geliebten hat ihren Geist getötet, ihr das Herz gebrochen.«

Der Baron schwieg aus Furcht, sie durch seinen Zweifel an der Möglichkeit eines solchen Todes zu verletzen, obgleich er zu skeptisch oder zu frivol war, um den romantischen Glauben der liebenswürdigen Schwärmerin zu teilen.

Unwillkürlich hatte jedoch das ernste Gespräch und die dadurch hervorgerufenen Erinnerungen und Gedanken eine leichte Verstimmung zurückgelassen.

Zum erstenmal stieg in der Seele der jungen Frau ein leiser Zweifel an der Beständigkeit ihres Glückes auf, überfiel sie eine unerklärliche Angst vor der ungewissen Zukunft, vor den sie erwartenden Gefahren, wozu wohl hauptsächlich die kalte Gleichgültigkeit des Barons für das traurige Schicksal ihrer Schwester beitragen mochte.

Auch Ottmar fühlte sich unangenehm durch die Empfindlichkeit Idas berührt, zugleich gedrückt durch den ihm auferlegten Zwang, durch den Verlust seiner früheren Freiheit und durch die Mahnung an die übernommenen Pflichten und Rücksichten, die seinem bisherigen ungebundenen Leben und seinen leichten Anschauungen von der Liebe und Ehe widersprachen.

Er selbst war nicht besser, aber auch nicht schlechter als die meisten jungen Leute seines Standes. Aus einer hochangesehenen und begüterten Adelsfamilie stammend, frühzeitig seiner Eltern und ihrer Leitung beraubt, im Besitz eines bedeutenden Vermögens, liebenswürdig und geistreich überließ sich der Baron in seiner Jugend ohne Widerstand und Halt den Verlockungen der großen Welt und den Verführungen der Gesellschaft.

Von gleichgesinnten Freunden umgeben, von den Frauen gesucht und angezogen, vergeudete er in kurzer Zeit seine beste Kraft, seine frische Unschuld und sein Vermögen in eitlen Vergnügungen und frivolen Zerstreuungen, die wie gewöhnlich mit schmerzlichen Enttäuschungen und bitterem Ekel endeten.

Mit dreißig Jahren war Herr von Bohlen so gut wie ruiniert, vollkommen blasiert, reich an Erfahrungen und pessimistischen Lebensanschauungen, und arm an Liebe und Glauben.

Trotz all seiner Verirrungen hatte aber der Baron aus den Stürmen seiner bewegten Jugend sein besseres Ich, den unverwüstlichen Kern einer ursprünglich edleren Natur gerettet. Nur die äußere Rinde des angegriffenen Stammes war von der gesellschaftlichen Fäulnis getroffen, das innere Mark noch unberührt und fähig, unter günstigen Umständen und vor den verderblichen Einflüssen seiner bisherigen Umgebung geschützt, neue, frische Triebe und Blüten zu entfalten.

Diesem Umstande, vor allem aber seiner ritterlichen Erscheinung und seiner angeborenen Liebenswürdigkeit verdankte er es auch, daß eine so reine und unschuldige Natur, wie Ida Pauli, sich zu ihm hingezogen fühlte, und ihm trotz des Widerstandes ihrer Eltern und der Warnungen ihrer Freunde, ihre viel begehrte und beneidete Hand reichte.

Ohne gerade auffallend schön zu sein, besaß Ida alle Eigenschaften, um selbst einem so verwöhnten Manne, wie der Baron, zu gefallen und ihn glücklich zu machen; eine schlanke, ätherische und doch kräftige Figur, feine, geistvolle Züge, die ein tiefes Seelenleben, einen unerschöpflichen Schatz von Liebe und Herzensgüte, verbunden nut einem festen, energischen Charakter, ahnen ließen; dazu noch eine ungewöhnliche, gediegene Bildung und eine große Mitgift, da ihr Vater einer der reichsten und angesehensten Industriellen im Lande war.

Einem so seltenen Verein bedeutender Vorzüge vermochte Herr von Bohlen nicht zu widerstehen, nachdem er schon früher, in einer Anwandlung ernster Reue und von der Notwendigkeit gedrängt, den festen Entschluß gefaßt hatte, mit den Thorheiten seiner Jugend abzuschließen und sich durch eine glänzende Partie zu rehabilitieren, so schwer es ihm auch fiel, seine Scheu vor der Ehe zu überwinden und auf seine bisherige Freiheit zu verzichten.

Wenn er auch anfänglich keine leidenschaftliche Liebe für Ida empfand, so fühlte er doch bald die innigste Neigung für das reizende Mädchen, das mit jedem Tag, wo er sie näher kennen lernte, ihm teurer wurde und sein Herz immer mehr gewann, bis er sie wirklich zu lieben glaubte.

Aber die Vergangenheit mit ihren fröhlichen Tagen und wilden Nächten, mit ihren üppigen Freuden und berauschenden Genüssen, wollte ihn nicht so schnell wieder losgeben und drängte sich wie ein verführerischer Schatten, wie ein lockendes Phantom zwischen seine Liebe und sein neues Glück.

Während er an der Seite seiner jungen, anmutigen Frau saß, zogen unwillkürlich die Bilder seiner verschwundenen Jugend an seinem Geist vorüber; die alten Freunde, mit denen er so toll gelebt, die schönen Frauen, für die er einst geschwärmt, wilde Zechgelage und süße Schäferstunden, wüste Orgien und zärtliche Tête-à-têtes.

Vergebens suchte er den sich ihm aufdrängenden, schmerzlich süßen Erinnerungen zu entfliehen; sie verfolgten ihn wie eine ausgelassene Dämonenschar, lachend, kichernd, nickend und winkend, mit lüsternen Rippen, mit verführerischen Augen, mit reizenden Mienen und bekannten Sirenenliedern.

Erst die Stimme seiner Begleiterin weckte ihn aus diesen Junggesellen-Phantasien und mahnte ihn an die Gegenwart und veränderten Verhältnisse.

Bestürzt, fast erschrocken wie ein auf frischer That ertappter Sünder, fuhr der Baron zusammen und vermied die ihm lästig fallenden, forschenden Blicke der jungen Frau, der seine Verwirrung nicht entging.

»Was fehlt dir?« fragte sie ihn besorgt. »Du scheinst mir leidend zu sein.«

»Nur etwas angegriffen,« erwiderte er verlegen. »Die Aufregung und Gemütsbewegungen der letzten Tage waren zu viel für mich. Ich sehe, daß man ebensowenig ungestraft unter Myrten, wie unter Palmen wandeln darf.«

»Das ist wahr,« entgegnete Ida unbefangen. »Das Glück hat etwas Berauschendes und Betäubendes, wie allzu starker Blumenduft. Wir bedürfen beide nach so lauter Freude der Ruhe und Erholung.«

»Die werden wir hoffentlich in der Schweiz finden, wo wir ungestört leben können.«

»Das wünsche ich auch von ganzem Herzen. Nur keine Gesellschaft, keine Bekannte! Der bloße Gedanke ist mir schrecklich. Ich will dich jetzt allein haben, ganz allein, und deine Gegenwart mit keinem Menschen, selbst nicht mit den besten Freunden teilen.«

»Ich wußte gar nicht,« versetzte er scherzend, »daß du eine solche Egoistin bist.«

»Dazu hat mich nur deine Liebe gemacht. Du allein trägst die Schuld, daß mir die ganze übrige Welt gleichgültig ist und ich nur mit dir und für dich zu leben wünsche.«

»Der Vorwurf ist zu schmeichelhaft für mich, als daß ich nicht bemüht sein sollte, ihn zu verdienen,« erwiderte der Baron galant, ihre kleine Hand küssend.

Unter so zärtlichen und angenehmen Gesprächen verfloß beiden die Zeit so schnell, das; sie kaum die zunehmende Dunkelheit und den Eintritt der Nacht bemerkten.

Ida wurde nicht müde, von ihrer Liebe zu sprechen und sich das Glück der Zukunft in den lachendsten Farben auszumalen. Besonders schwärmte sie von der Schweiz, die sie nur flüchtig in Begleitung ihrer Eltern und unter den ungünstigsten Umständen kurz nach dem Tode ihrer unglücklichen Schwester gesehen hatte, so daß sie kaum eine nennenswerte Erinnerung von der großartigen Natur bewahrte und ihr alles, was sie erwartete, so gut wie neu war.

Mit Entzücken lauschte sie daher der beredten Schilderung seiner früheren Wanderungen in den Alpen, den kühnen Bergfahrten im Berner Oberland und Engadin, den poetischen Partien auf dem Vierwaldstädter und Genfer See, womit ein inniger Austausch der dadurch angeregten Gedanken und Empfindungen abwechselte.

Der Reiz dieser vertraulichen Unterhaltung wurde noch durch das ungestörte Beisammensein und durch ihre gänzliche Abgeschiedenheit von der übrigen Welt erhöht.

Behaglich wie in einem zierlichen kleinen Boudoir saß das junge Ehepaar in seinem, nur von dem gedämpften Schein der unterdes angezündeten Lampe sanft erhellte Koupee, vor den neugierigen Blicken der fremden Passagiere geschützt, welche der durch ein angemessenes Geschenk gewonnene Schaffner von ihnen fernzuhalten wußte.

Wie in einem schönen Traum flogen die sich schnell folgenden Stationen an ihren Augen vorüber; Städte und Dörfer, Häuser und Hütten, hier ein hoher Kirchturm, dort eine ländliche Meierei, grüne Wiesen und dunkle Wälder, rauschende Bäche und stille Teiche, im silbernen Mondlicht schimmernd und glänzend.

Dazu gesellte sich noch der Zauber einer milden Sommernacht, der erquickende Hauch der kühlen Abendluft, der berauschende Duft des frisch gemähten Grases, die tiefe heilige Stille der Natur, nur dann und wann durch das schmetternde Lied einer Nachtigall oder durch ein geheimnisvolles Flüstern und Kosen unterbrochen, als ob unsichtbare Geister vom Himmel zur Erde niederschwebten, um den Sterblichen einen Liebesgruß zu bringen.

Das waren entzückende Augenblicke, wahre Frühlingsblüten des Lebens. Die Herzen erschlossen sich, die Seelen fanden sich und knüpften ein festes Band der innigsten Neigung.

Doch nur zu schnell trat nach all der schmerzlichen und freudigen Aufregung der letzten Stunden eine unausbleibliche Ermattung und das Bedürfnis nach Ruhe ein.

Allmählich verstummte das lebhafte Gespräch, die Augen wurden schwerer und schwerer und schlossen sich, so sehr sich auch beide gegen den unabweisbaren Schlummer wehrten. Gleich einer von den allzuheißen Sonnenstrahlen des Tages ermatteten Blume ließ Ida das blonde Köpfchen auf die Schultern ihres Begleiters sinken, überwältigt von der zunehmenden Müdigkeit.

Sanft ruhte sie an seinem Herzen, von den Armen des geliebten Mannes umschlungen, der sie sorgfältig mit dem warmen Plaid bedeckte, um sie vor Erkältung zu schützen, und einen zärtlichen Kuß auf ihre reine Stirn drückte.

»Schlafe, mein Kind,« sagte er, sich zu ihr niederbeugend, »und träume süß!«

»Ich werde von dir träumen.«

»Nur Gutes und Angenehmes.«

»Das versteht sich. – Gute Nacht!«

»Gute Nacht, mein teurer Schatz!«

Während Ida schon nach kurzer Zeit in einen tiefen Schlaf versank, konnte der Baron nicht so bald die erwünschte Ruhe finden.

Fortwährend mußte er auf die holde Schläferin an seiner Seite blicken, die gleich einem unschuldigen Kinde an seiner Brust lag, mit geschlossenen, von den langen, weichen Seidenwimpern beschatteten Augen und mit glücklichem Lächeln des kleinen, frischen Mundes, leise atmend und von dem Silberlicht des Mondes wie von einem duftigen Zauberschleier umschwebt, gleichsam verklärt.

Bei diesem ungewohnten, rührenden Anblick überkam den Baron ein zuvor nie gekanntes, beseligendes Gefühl, wie er es früher nie in der Nähe eines anderen noch so schönen Weibes empfunden: eine Ahnung von dem Wert eines reinen Frauenherzens, von der göttlichen Macht der Liebe, an die er sonst nicht geglaubt.

Unwillkürlich drückte er die holde Schläferin fester an sein Herz, selbst auf die Gefahr, sie aufzuwecken. Sie schlug auch die Augen auf, sah ihn süß lächelnd an und träumte weiter von ihm und ihrem Glück.

Von neuem aber gelobte Ottmar sich und der geliebten Frau unwandelbare Treue, sagte er sich im stillen von den Verirrungen seiner vergeudeten Jugend los, an die er jetzt nur mit Scham und Neue zurückdachte.

Er nahm sich ernstlich vor, nur für sie zu leben und sie so glücklich zu machen, als er vermochte. Er wollte ein neues, besseres Dasein beginnen und mit seiner ganzen frivolen Vergangenheit für immer brechen.

Von diesen guten Vorsätzen und frommen Gedanken erfüllt, überraschte auch ihn der wohlthuende Schlummer.

Als der Baron nach einiger Zeit erwachte, war es bereits Tag. Der Eilzug hielt an einer größeren Station an und die Passagiere benutzten den ihnen gegönnten längeren Aufenthalt, um sich in der nahen Eisenbahn-Restauration zu stärken und das bereitstehende Frühstück eiligst einzunehmen.

Durch das damit verbundene Geräusch wurde auch Ida aus ihrem Schlaf geweckt. Die Ruhe hatte sie gestärkt und alle trüben Gedanken verscheucht. – Ihre gerötetem Wangen blühten wie frische Rosen und ein heiteres Lächeln schwebte um die holden Lippen, die sie dem Geliebten zum Morgengruß bot.

»Willst du nicht aussteigen,« fragte er besorgt, »und etwas genießen?«

»Ich fürchte das Gedränge und muß erst meine derangierte Toilette wieder in Ordnung bringen.«

»Unterdes fährt der Zug weiter. Wir haben nur zehn Minuten Aufenthalt.«

»Ich verspüre keinen besonderen Appetit und kann noch gut bis zur nächsten Station es aushalten.«

»Die ist noch zwei bis drei Stunden entfernt. Du mußt doch etwas zu dir nehmen. Wenn du im Waggon bleiben willst, werde ich schnell das Frühstück für dich besorgen.«

»Wenn es dir keine allzugroße Mühe macht, obgleich es wirklich nicht nötig ist.«

Diensteifrig stürzte der Baron in die Restauration, wo, wie gewöhnlich bei solchen Gelegenheiten, ein großes Gedränge stattfand.

Während er einen Kellner suchte, um den gewünschten Kaffee zu bestellen, bemerkte er unter den zahlreichen Passagieren einen alten Bekannten, dessen Begegnung ihm grade in diesem Augenblick nicht mehr angenehm war, dem er aber nicht mehr ausweichen konnte, da dieser ihn bereits bemerkt hatte und auf ihn zukam.

Herr von Gräfenitz war einer jener zweideutigen Freunde, mit denen Ottmar früher verkehrt hatte, ein alter Roué und professionsmäßiger Spieler, eingeweiht in alle Mysterien der Halbwelt, dabei ein liebenswürdiger Gesellschafter und geistreicher Cyniker, ebenso bewundert und gefürchtet wegen seines rücksichtslosen, boshaften Witzes.

Mit seinem verwitterten Gesicht und den verkohlten Augen, die frech und herausfordernd unter dem goldenen Kneifer hervorblickten, mit dem Mephistolächeln der schmalen, zusammengekniffenen Lippen stand er plötzlich in der kühlen Morgendämmerung vor dem überraschten Baron gleich einem bösen Genius, wie die verkörperte Erinnerung der thörichten Vergangenheit.

»Sieh da, Timotheus,« rief Herr von Gräfenitz spöttisch, »die Kraniche des Ibykus! How do you do, alter Freund?«

»Wie Sie sehen, very well

»Und wohin reisen Sie, wenn man fragen darf?«

»Nach der Schweiz und später nach Italien.«

»Doch nicht allein –«

»In Gesellschaft meiner Frau.«

»Was! Sie sind verheiratet? – Wie lange?« grinste der alte Roué mit zweideutig faunischem Lächeln.

»Sparen Sie Ihren Witz!« entgegnete der Baron in ernstem Ton. – »In diesem Punkt versteh' ich keinen Scherz.«

»Pardon! – Ich wußte nicht, daß Sie sich ernstlich verheiratet haben. – Wegen meines verwünschten Rheumatismus mußte ich den ganzen Winter in Nizza verleben. Dort lese ich grundsätzlich keine deutschen Zeitungen, am wenigsten Familiennachrichten. – Diese ewigen Verlobungen und Todesanzeigen langweilen mich und machen mich ganz melancholisch.«

»Sie haben nicht nötig, sich deshalb zu entschuldigen.«

»Gestatten Sie mir nur, Ihnen nachträglich zu gratulieren oder vielmehr zu kondolieren.«

»Herr von Gräfenitz! Ich muß Sie dringend bitten –«

»Auf Ehre! Ich weiß wirklich nicht, was schicklicher ist, und lasse mir deshalb bei solchen Gelegenheiten leicht eine verzeihliche Verwechslung zu schulden kommen, wie erst neulich bei dem Tode des Herrn von Eisenberg, den Sie ja auch kannten –«

»Wie!« rief der Baron überrascht, »Herr von Eisenberg ist gestorben?«

»Er war so freundlich. Der Schlag hat ihn in Nizza gerührt. Die arme Frau dauert mich, weil sie – so lange darauf warten mußte. Sie hat wirklich ein ausgesuchtes Pech. Endlich erweist ihr der brave Mann den Gefallen, zu sterben, da verheiratet sich ihr alter Anbeter.«

»Sie wird sich zu trösten wissen. An Verehrern kann es ihr nicht fehlen.«

»Allerdings! Sie hat eine kleine halbe Million geerbt und die Trauer steht ihr entzückend. Ich habe bald nicht eine interessantere Witwe gesehen. Leider wird sie es nicht lange bleiben. Man spricht von einem russischen Fürsten, der sich um ihre Hand bewirbt. Schade, daß ich schon zu alt bin. Doch das kann Sie nicht mehr interessieren, da Sie Ihr Schäfchen im Trockenen haben.«

Trotz der erheuchelten Ruhe vermochte der Baron nicht, seine Bestürzung über die ihn überraschende Nachricht vor den lauernden Blicken des alten Roué zu verbergen.

Unwillkürlich mußte er dabei an die verführerische Frau denken, die ihn früher durch ihre pikante Schönheit, ihren blendenden Geist und ihre unwiderstehliche Koketterie gefesselt hatte, und der auch er nicht gleichgültig geblieben war.

Wieder erwachten in seinem nur zu leicht beweglichen Herzen die alten Erinnerungen mit dämonischer Gewalt, quälten und bestürmten ihn die Gedanken an seine verlorene Freiheit.

Ueber die Vergangenheit vergaß er fast die Gegenwart mit ihren Pflichten und Anforderungen, bis ihn der gerufene Kellner aus seinem Brüten riß.

Mechanisch, wie aus einem tiefen Traum erwachend, bestellte er das Frühstück für Ida, worauf er sich von dem widerwärtigen Bekannten schnell verabschiedete, als ob er der an ihn herantretenden Versuchung entfliehen wollte.

»Sie entschuldigen,« sagte er verlegen, »aber meine Frau erwartet mich.«

»Genieren Sie sich nicht,« entgegnete Herr v. Gräfenitz mit spöttischer Höflichkeit, »und folgen Sie dem Ruf der süßen Pflicht. Wenn ich bitten darf, empfehlen Sie mich unbekannterweise der Gnädigen, der ich meine besten Glückwünsche unterthänig zu Füßen lege.«

»Ich danke Ihnen und werde nicht ermangeln –«

»Dafür will ich auch der Frau von Eisenberg, sobald ich sie in Nizza spreche, Ihre Grüße bestellen und sie Ihres tiefen Beileids versichern.«

»Das können Sie thun. – Leben Sie wohl!«

» A rividerci! Auf baldiges Wiedersehen! Möglich, daß ich mit Frau von Eisenberg noch nach der Schweiz komme, wenn es in Nizza zu heiß werden sollte,« rief Herr von Gräfenitz dem davoneilenden Baron mit höhnischem Mephistolachen nach.

II.

Von dem reizenden Bilde der schönen interessanten Witwe verfolgt und beunruhigt, kehrte Herr von Bohlen zu seiner jungen Frau zurück, der er jedoch absichtlich die ihn peinliche Begegnung mit dem alten Roué verschwieg.

Die unerwartete Nachricht von dem plötzlichen Ableben des mit ihm bekannten Herrn von Eisenberg hatte ihn mehr aufgeregt, als er sich zu gestehen wagte.

Jahrelang war er mit ihm oder vielmehr mit der Gattin des Verstorbenen eng liiert gewesen, bis er kurz vor seiner Verlobung mit Ida aus den angegebenen, ehrenwerten Gründen das zweideutige Verhältnis mit der gefährlichen Kokette abbrach, obgleich sie alle ihr zu Gebote stehenden Künste anwendete, um ihren ungetreuen Anbeter festzuhalten.

Bald darauf reifte Fran von Eisenberg mit dem kränkelnden Mann, dem die Aerzte ein milderes, südliches Klima verordnet hatten, nach Nizza, wo sie den Winter über lebte und durch ihre auffallende Erscheinung ein ungewöhnliches Aufsehen in der Gesellschaft erregte, umschwärmt von jungen und älteren Lebemännern, die um die verführerische Dame wie Motten um eine glänzende Flamme flatterten und sich die Flügel verbrannten.

Durch den Tod des ungeliebten Gatten war die schöne Frau jetzt frei und reich geworden, während der Baron sich durch seine Verheiratung gebunden hatte.

Wenn er auch seine Wahl nicht bereute, so konnte er sich doch nicht eines leichten Bedauerns und der naheliegenden Erinnerung an die jetzt doppelt interessante Witwe erwehren. Der Gedanke an sie beschäftigte ihn so sehr, daß er stumm wie ein Träumender an der Seite seiner jungen Frau saß, die sich die auffallende Verstimmung und Zerstreutheit des sonst so liebenswürdigen und aufmerksamen Mannes nicht zu erklären vermochte.

»Du scheinst mir in der That nicht ganz wohl zu sein,« sagte sie, ihn besorgt anblickend.

»Wie kommst du darauf?« fragte er verlegen.

»Weil du gegen deine Gewohnheit heute so still bist und kaum antwortest, wenn ich mit dir spreche.«

»Verzeih'! Aber man ist nicht immer zum Reden aufgelegt. – Ich habe wenig in der Nacht geschlafen.«

»Die warst aber doch am Morgen noch gang frisch und munter.«

»Das wechselt schnell bei mir. Ich glaube, daß mich Klappern der Lokomotive und das Poltern der Wagen nervös macht.«

»Wenn du nur nicht krank wirst! Ich ängstige mich so sehr –«

»Sei doch nicht so kindisch und quäle dich und mich nicht mit deinen lächerlichen Befürchtungen.«

»Du siehst so verstört aus. Dein Blick, deine Mienen, dein –«

»Thu mir den einzigen Gefallen,« unterbrach er sie ungeduldig, fast heftig, »und kümmere dich nicht um mein Aussehen! Ich liebe es nicht, wenn man mich fortwährend beobachtet und förmlich meine Mienen studiert. Wie ich dich versichern kann, fehlt mir nicht das Geringste.«

Verletzt durch seine ihr unbegreifliche Heftigkeit, schwieg Ida, beleidigt durch die barsche Zurückweisung ihrer liebevollen Teilnahme für seine Gesundheit, da sie von Natur leicht empfindlich und als einzige Tochter von ihren Eltern sehr verwöhnt war.

Der Baron fühlte sich von der übertriebenen Aengstlichkeit und der allzugroßen Aufmerksamkeit seiner jungen Frau belästigt, von ihrer ebenso natürlichen als verzeihlichen Zärtlichkeit geniert.

Im Bewußtsein seiner Schuld fürchtete er ihren Verdacht zu erregen, weshalb er ihre halb forschenden, halb vorwurfsvollen Blicke zu vermeiden und jeder vertraulichen Mitteilung auszuweichen suchte.

Unter diesen Umständen war es ihm nicht unangenehm, daß auf der nächsten Station zwei augenscheinlich den höheren Ständen angehörige Passagiere erschienen, denen der sonst so rücksichtsvolle Schaffner wegen Mangels an Platz bisher verschlossene Koupee der Neuvermählten öffnen mußte.

Die beiden Fremden waren ein älteres Ehepaar. Der Mann ein rüstiger Sechziger, dessen straffe Haltung und energisches Wesen sogleich den höheren Militär erkennen ließen; die Frau war eine würdige, imposante Matrone, mit stattlichem Doppelkinn, klugen, lebhaften Augen und einnehmenden, freundlichen Gesichtszügen, die noch deutliche Spuren ihrer früheren Schönheit zeigten.

Nachdem die neuen Passagiere das junge Ehepaar begrüßt und sich niedergelassen hatten, entschuldigte der alte Herr höflich die dadurch verursachte Störung.

»Ich bedauere um so mehr,« sagte er mit soldatischer Freimütigkeit, »Sie inkommodieren zu müssen, da der indiskrete Schaffner, der mich durchaus nicht in das Koupee lassen wollte, mir verraten hat, daß Sie auf der Hochzeitsreise sind und gern allein bleiben möchten. Aber Not kennt kein Gebot. Auch glaubten wir, daß Sie uns um so weniger unsere Zudringlichkeit übelnehmen würden, weil wir uns gewissermaßen in ähnlicher Lage wie Sie befinden.«

»Sie scherzen,« entgegnete der Baron, ungläubig lächelnd, »da Sie doch schwerlich auch eine Hochzeitsreise machen werden.«

»Allerdings,« erwiderte der alte, joviale Herr, »nur mit dem kleinen Unterschied, daß wir bereits fünfundzwanzig Jahre verheiratet sind und unsere silberne Hochzeit in der Schweiz feiern wollen, um all den langweiligen Gratulationen und ermüdenden Festlichkeiten zu entgehen.«

»Das ist wirklich ein seltsames Zusammentreffen.«

»Hoffentlich wird sich das junge Ehepaar mit dem alten gut vertragen. – Mein Name ist Brand, General von Brand.«

»Aeußerst angenehm! – Ich heiße von Bohlen und bin Gutsbesitzer. – Sie erlauben, daß ich Ihnen meine Frau vorstellen darf.«

»Ich bitte sehr darum.«

Nachdem die gewünschte Vorstellung erfolgt war, wurde die Unterhaltung nur noch lebhafter und allgemeiner fortgeführt, indem sich auch die beiden Damen daran beteiligten.

Wie dies aber gewöhnlich bei solchen Gelegenheiten zu geschehen pflegt, fehlte es auch hier nicht an gemeinschaftlichen Beziehungen und Anknüpfungspunkten, die eine schnelle Bekanntschaft vermittelten und erleichterten.

»Ihr Name,« sagte der General im Laufe des Gesprächs, »erinnert mich lebhaft an einen alten lieben Kameraden, den Rittmeister von Bohlen, mit dem Sie vielleicht verwandt sind.«

»Er war mein Vater,« versetzte der Baron bewegt, »Rittmeister im ersten Dragoner-Regiment.«

»Ganz recht! Es freut mich ungemein, daß der Zufall mich mit dem Sohn eines so wackeren Freundes zusammenführt. Hat er Ihnen nicht von dem alten Brand erzählt?«

»Ich war noch ein Kind, kaum zehn Jahre alt, als mein Vater starb.«

»Schade um den guten Bohlen! Er war in jeder Beziehung ein Ehrenmann, ein treuer Kamerad, ein musterhafter Soldat, wie man ihn nur selten wieder findet!«

Selbstverständlich trug diese zufällige Entdeckung nur dazu bei, die Reisegefährten noch mehr zu befreunden und einander zu nähern.

Der General war so liebenswürdig und zuvorkommend und seine Dame so freundlich und herzlich, daß sich der Baron und Ida zu ihnen unwillkürlich hingezogen fühlten und sich gern ihnen anschlossen.

Man konnte sich aber auch nichts Reizenderes und zugleich Rührenderes denken, als das Verhältnis der beiden alten Leute, wie der ritterliche Herr und die würdige Matrone so zärtlich und liebevoll mit einander verkehrten, so heiter und doch respektsvoll scherzten, als ob sie wirklich erst kurze Zeit verheiratet wären.

Ihre Blicke hingen aneinander mit wahrer Innigkeit; um die eingefallenen Lippen schwebte ein freundliches Lächeln und die alten Gesichter leuchteten förmlich von Glück und Zufriedenheit. Das schöne Beispiel blieb nicht ohne Einfluß auf die Stimmung des jungen Paares. In so guter und angenehmer Gesellschaft vergaß Ottmar nach und nach die verführerische Witwe, dachte auch Ida bald nicht mehr an die Zerstreutheit und Heftigkeit des Barons, die sie so sehr betrübt und bekümmert hatte. Je länger aber die alten und die jungen Passagiere mitsammen reisten und je näher sie mit einander bekannt wurden, desto besser gefielen sie sich gegenseitig, so daß sie fast gleichzeitig den Wunsch aussprachen, sich nicht mehr zu trennen, was um so weniger Schwierigkeiten bot, da beide Teile in Interlaken einige Wochen zu verweilen gedachten und zufällig auch in demselben Hotel ihre Wohnung bestellt hatten.

»Also abgemacht!« rief der General. »Sie reisen mit uns und wir verleben zusammen unsere Flitterwochen in Interlaken.«

»Damit sind wir gern einverstanden,« entgegnete der Baron. »Wir können uns keine angenehmere Gesellschaft denken.«

»Ich wünsche nur,« fügte Frau von Brand ernst hinzu, »daß diesmal unsere Flitterwochen glücklicher sein mögen, als vor fünfundzwanzig Jahren, wo wir manchen Verdruß hatten, an den ich nicht gern zurückdenke.«

»Da hast du recht,« bestätigte der General. »Auch ich möchte nicht die Kampagne noch einmal durchmachen. Es war eine tolle Zeit.«

»Das begreife ich nicht,« versetzte Ida verwundert. – »Sie wollen sieh gewiß nur über uns lustig machen. – Kann es wohl etwas Schöneres geben, als die Flitterwochen, von denen die ganze Welt schwärmt?«

»Humbug!« brummte der alte Herr, »reiner Humbug, eine bloße fable convenue! Das wissen wir besser.«

»Aber Alter!« mahnte Frau von Brand, »Wer wird denn aus der Schule schwatzen! Um des Himmelswillen, lassen Sie sich nicht bange machen und sich nicht Ihre Illusionen rauben!«

»Das fürchte ich auch nicht,« erwiderte die junge Frau lächelnd. »Ich bin nur neugierig von Ihnen zu erfahren, wie es Ihnen damals ergangen ist.«

»Wie den meisten jungen Leuten, die sich lieben, aber keine Ahnung von der Wichtigkeit und der Bedeutung der Ehe haben. Trotz der nahen Verwandtschaft sind Liebe und Ehe himmelweit verschieden und durch eine tiefe Kluft von einander getrennt.«

»Und der arme Amor«, scherzte der humoristische General, »muß einen kühnen Sprung riskieren, wobei er leicht ein Bein bricht und zeitlebens Invalide bleibt.«

»So schlimm ist es nicht,« versetzte die würdige Matrone, »wie Sie an uns beiden sehen, obgleich auch wir nicht ganz unversehrt blieben. Doch ich will Sie nicht mit meinem Geschwätz langweilen.«

»Im Gegenteil! Ihre Mitteilungen sind ebenso lehrreich als interessant für mich, und ich würde Sie bitten, damit fortzufahren, wenn ich nicht befürchtete, eine Indiskretion zu begehn.«

»Keineswegs! Vielleicht können Ihnen unsere Erfahrungen nützlich sein. Wie gesagt: die jungen Leute haben vor der Hochzeit fast nie einen richtigen Begriff von der Ehe, und was noch weit trauriger ist, sie glauben sich zu kennen und wissen doch so gut wie gar nichts von einander, weil die Liebe blind und das Herz ein bestochener Kritiker ist. Außerdem erschweren unsere gesellschaftlichen Sitten, Formen und Vorurteile jede nähere Bekanntschaft und ein unbefangenes Urteil. Auch die Liebe trägt gewöhnlich eine Maske, die sie erst in der Ehe fallen läßt.

»Das ist wahr,« erwiderte Ida nachdenklich. »Verheiratete lernen sich, wie ich glaube, oft in einem einzigen Augenblick besser und genauer kennen, als Liebende in langen Jahren.«

»Darum,« fuhr Frau von Brand fort, »sind auch die Flitterwochen so gefährlich, weil man sich da zum erstenmal in seiner wahren Gestalt, gewissermaßen im Negligee zeigt. Je größer aber der vorangegangene Rausch, desto schmerzlicher das darauffolgende Erwachen, desto lauter und heftiger die Klagen über erlittene Täuschungen. Die Illusionen schwinden und die kleinen Schwächen und Fehler, die einmal jeder Mensch hat, treten um so schärfer und schroffer hervor, je weniger man früher sie beachtet und bemerkt hat. Die Verschiedenheit der Charaktere, der Ansichten und Gewohnheiten macht sich immer mehr geltend und ruft den unausbleiblichen Widerspruch hervor, da jedes recht zu haben glaubt und seine Eigentümlichkeiten behaupten will und muß.«

»In der That,« bemerkte der Baron, der bisher still geschwiegen hatte, »muß man sich nur wundern, daß es noch so viele glückliche oder wenigstens erträgliche Ehen gibt.«

»Sie vergessen die Elastizität der Jugend, die Macht der Gewohnheit und vor allem die Liebe, die schließlich über die ernstesten Prüfungen und Versuchungen siegt. Auch hier ist aller Anfang schwer und die erste Zeit die schlimmste, bis man sich gewöhnt und in einander gefunden hat. Das ist freilich nicht ganz leicht und kostet manchen harten Kampf, der jedoch zum dauernden Frieden und zum höchsten Glück des Lebens führt –«

»Vorausgesetzt,« schaltete der General dazwischen ein, »daß die Frau vernünftig und geduldig« –

»Und der Mann so gut und nachsichtig ist, wie mein Alter war,« versetzte Frau von Brand mit einem zärtlichen Blick und liebenswürdigen Lächeln, das ihr gefurchtes Gesicht verschönte und ihr einen jugendlichen Reiz verlieh.

Unter solch ernsten und heiteren Gesprächen näherten sich die Reisenden ohne weitere Abenteuer ihrem Ziele. Die Gegend wurde immer schöner und großartiger und nahm bald ihre Aufmerksamkeit fast ausschließlich in Anspruch.

Allmählich stieg das erhabene Panorama der Alpen vor ihren entzückten Blicken auf, und zu ihren Füßen breitete sich der Thuner See mit seinem blauen Wasserspiegel und seinen malerischen Ufern aus.

Von beiden Seiten grüßten freundliche Dörfer, alte Schlösser und moderne Villen zwischen üppigen Matten, goldenen Feldern, schattigen Wäldern, grünen Hügeln und Bergen; darüber die Riesenpyramide des gewaltigen Niesen, die mit Schnee bedeckten Gipfel der Blümlisalp und des Freudenhorns; hoch im Hintergrund die mit ewigem Eis, wie mit einem blitzenden Diadem gekrönten Häupter des Mönchs und des Eigers, vor allem aber die stolze Jungfrau in ihrer majestätischen Reinheit und Pracht.

Nach einer ebenso genußreichen, als angenehmen Fahrt langten die neuen Freunde in bester, gehobener Stimmung in Interlaken an, wo sie in dem mit allem Komfort ausgestatteten Hotel Jungfraublick die für sie bereit gehaltenen Zimmer vorfanden und nach einem gemeinschaftlich eingenommenen Souper sich zeitig zur Ruhe begaben, da sie von der weiten Reise und den wechselvollen Eindrücken ermüdet und ein wenig angegriffen waren.

In ungetrübtester Heiterkeit verging ihnen der nächste Morgen und auch die folgenden Tage, die zu kleinen Spaziergängen und kürzeren Ausflügen in die nächste Umgebung benutzt wurden, indem sie mit den größeren Partien noch warten wollten, bis sie sich von den Anstrengungen der Reise erholt haben würden.

An der Seite des geliebten Mannes und in Gesellschaft ihrer liebenswürdigen Reisegefährten verlebte Ida in dieser herrlichen Natur wahrhaft entzückende Stunden. Täglich entdeckte sie neue Schönheiten an der Gegend und noch größere Vollkommenheiten an ihrem Gatten, der ihr als das höchste Ideal erschien.

Berauscht von ihrem Glück, schrieb sie die seligsten Briefe an ihre Eltern und Freunde, worin sie ihr Schicksal pries und von ihrer Liebe schwärmte.

Auch der Baron empfand eine früher nie gekannte Befriedigung in dem Besitz seiner jungen, reizenden Frau, deren Unschuld ihn eben so sehr anzog, wie ihre zärtliche, fast an Vergötterung grenzende Hingebung seiner Eitelkeit schmeichelte.

Besonders freute ihn die Anerkennung, die Ida von seiten des älteren Ehepaares fand, und die Bewunderung, die ihre anmutige Erscheinung unter den Gästen des Hotels erregte, wenn sie an seinem Arm in gewählter, geschmackvoller Toilette an der Table d'hote erschien, oder auf dem Höhenweg eine kleine Promenade mit ihm machte.

Leider sollte sich aber auch an ihm die Wahrheit der bekannten Goethe'schen Worte bestätigen: Nichts ist s-o schwer zu ertragen, als eine Reihe von schönen Tagen.

Schon nach Ablauf der ersten Woche fühlte sich Herr von Bohlen von dem glücklichen, aber etwas einförmigen Stillleben in Interlaken unwillkürlich gelangweilt.

Trotz aller Achtung für den trefflichen General und die würdige Matrone erschien ihm ihre Unterhaltung zuweilen unbedeutend und reizlos, die Scherze des alten, humoristischen Herrn ein wenig Rokoko und sich wiederholend, sein Witz ohne rechte Pointe.

Auch die übrige Gesellschaft, vorzugsweise steife oder hochmütige Engländer und Amerikaner, süddeutsche Bankiers mit ihren Familien, norddeutsche Professoren und höhere, zugeknöpfte Büreaukraten konnten ihn wenig oder gar nicht interessieren, so daß er sich von ihnen fern hielt und sich ausschließlich auf seine bisherigen Bekannten beschränkte.

Bald vermißte er auch die ihm bereits zur Gewohnheit und zum Bedürfnis gewordene Abwechselung, den Reiz der Neuheit. Die Schönheit der Natur war ihm gleichgültig und selbst die Zärtlichkeit seiner jungen, liebenswürdigen Frau vermochte ihn nicht der ihn jetzt öfter beschleichenden Langeweile zu entreißen.

Von einer inneren Unruhe getrieben, machte er deshalb eines Morgens bei dem gemeinsamen Frühstück seinen Reisegefährten den Vorschlag zu einer Partie nach den berühmten »Gießbachfällen«, womit sieh der General sogleich einverstanden erklärte.

»Ich habe mir schon längst gewünscht,« versetzte derselbe, »die famose Beleuchtung einmal zu sehen, von der man sich ja Wunderdinge erzählt.«

»Es soll in der That ein zauberhaftes Schauspiel sein,« erwiderte Ida, »und im höchsten Grade die Mühe lohnen.«

»Wenn nur nicht die späte Rückfahrt wäre,« bemerkte Frau von Brand besorgt. »Bei der nächtlichen Heimkehr kann man sich auf dem Wasser leicht erkälten.«

»Das Wetter ist so schön und mild, wie wir es nur wünschen können,« entgegnete der Baron. – »Wir nehmen zur Vorsicht Plaids und Ueberzieher mit, und im Notfall können wir in dem Gießbach-Hotel übernachten.«

Durch seine Worte beruhigt, begab sich die befreundete Gesellschaft noch im Lauf desselben Tages nach dem nahen Landungsplatz des kleinen Dampfboots, auf dem sie die überaus lohnende Fahrt über den Brienzer See machten.

Mit ihnen zugleich waren Hunderte von Touristen aus allen Gegenden herbeigeeilt, um die interessante Beleuchtung mit anzusehen, die bekanntlich beim Einbruch der Nacht während der Saison regelmäßig stattfindet.

Nach einer angenehmen, nur etwas anstrengenden Wanderung durch die herrlichsten Wald- und Felspartien gelangte die Gesellschaft zu dem höher gelegenen, von den reizendsten Anlagen umgebenen Gießbach-Hotel, wo sie bis zum Beginn des erwarteten Schauspiels sich an dem bunten Menschengewühl ergötzten und die entzückende Aussicht nach dem See und die erhabenen Ufer desselben genossen, während sie ein vorzügliches Souper einnahmen.

Sobald es dunkelte, gab das Abbrennen einer hoch zum Himmel emporsteigenden Rakete das von dem ungeduldigen Publikum freudig begrüßte Signal zu der beabsichtigten Illumination. Im nächsten Augenblick schimmerte von dem höchsten Punkt des in sieben Absätzen herabstürzenden Wasserfalls ein schwaches Licht, das mit Blitzesschnelle die bereit gehaltenen bengalischen Flammen entzündete und die schäumenden Kaskaden in einen magischen Feuerstrom verwandelte. Das blitzte, funkelte und leuchtete in allen Farben des Regenbogens; ein Märchen aus Tausend und einer Nacht, ein phantastischer Traum, ein Geisterfest, wie wenn Oberon und Titania in den Gärten Armidas ihre Hochzeit feiern wollten.

Gleich einem goldenen Schleier, wie eine riesige Juwelenschnur von flüssigen Rubinen, Perlen, Türkisen und Smaragden, von schimmernden Opalen und strahlenden Diamanten flatterten die zerstäubenden Wellen in buntem, wechselnden Licht, bald in blauem Phosphorschein, bald in roter Purpurglut, bald in blendend weißem Silberglanz.

Zugleich schienen die benachbarten Felsen und Bäume zu brennen und zu lodern; ein feenhafter Anblick, ein jeder Beschreibung spottendes Schauspiel diese märchenhafte Verbindung von glühendem Wasser und fließendem Feuer, von brennenden Fluten und wallenden Flammen. –

Während Ida und ihre Begleiter die allgemeine Bewunderung teilten und ihre ganze Aufmerksamkeit der überraschenden Illumination zuwendeten, ließ Herr von Bohlen, dem dieser Anblick nicht mehr neu war, seine Augen über die zahlreichen aus allen Ländern herbeigeströmten Zuschauer gelangweilt schweifen.

Plötzlich fuhr er zusammen, als ob ein jäher Blitz ihn geblendet hätte, wie wenn ihm ein abgeschiedener Geist erschienen wäre.

War es eine Täuschung seiner Sinne, ein Bild der aufgeregten Phantasie oder die Wirkung der magischen Beleuchtung?

Dicht an dem schützenden Geländer über der grausen Tiefe schwebte auf einem vorspringenden Felsen wie die verlockende Lorelei, wie die schimmernde Nixe des Wasserfalls, eine Frau von wunderbarer Schönheit, dämonisch von der roten Glut beleuchtet, von den zuckenden Flammen wie eine überirdische Erscheinung umspielt.

Ein schwarzer Schleier, von einem blitzenden Demantstern gehalten, schlang sich malerisch um die klassische, weiße Marmorstirn, unter der die dunkeln, feurigen Augen wie verführerische Irrlichter loderten.

Um die roten, sinnlich geschwellten, wie zum Kuß geschaffenen Lippen spielte ein süßes, verräterisches Lächeln, ein berückender Zauber um das interessante, matt bleiche Gesicht, das einer in Elfenbein geschnittenen Gemme glich.

Das dunkle, reich mit glitzerndem Schmelz gestickte Trauerkleid umschloß eine elegante, üppig elastische Büste wie eine schillernde Schlangenhaut und ließ unter der schmiegsamen Hülle die verborgene Schönheit der reizenden Formen ahnen.

Dazu kam noch die ungewöhnliche Beleuchtung, der verwirrende Wechsel von Licht und Schatten, die ganze, feenhafte Szenerie, um den phantastischen Eindruck dieses Weibes zu erhöhen und es mit einem romantischen Nymbus zu umgeben, daß man sie bald für eine geheimnisvolle Sphinx, bald für eine sinneberückende Circe, für eine aus den Wellen auftauchende Melusine, für einen weiblichen Proteus halten konnte.

So erschien sie den geblendeten Augen des Barons, umringt von einer Schar eleganter Herren, die ihr zur Folie dienten.

»Julie!« rief er bestürzt, doch innerlich erfreut. – »Kein Zweifel! Sie ist es.«

Wie von einer unwiderstehlichen Macht erfaßt, ließ er den Arm seiner jungen Frau sinken, machte er eine unwillkürliche Bewegung, als ob er Ida verlassen und zu der fremden Dame stürzen wollte.

»Wie!« rief Ida verwundert. »Willst du fort? Müssen wir schon gehen?«

Erst der Ton ihrer Stimme riß ihn aus seiner Betäubung und löste den gefährlichen Zauber.

»Ich dachte nur,« entgegnete er verlegen, »daß wir gut thun würden, nicht bis zuletzt zu warten, damit wir nicht in das Gedränge geraten und noch einen Sitzplatz auf dem Dampfboot finden.«

»Auf einige Minuten kann es wohl nicht ankommen. Es ist wirklich gar zu schön hier, wunderbar!«

Auch das ältere Paar konnte sich nicht so schnell von dem interessanten Schauspiel trennen, so daß sich Herr von Bohlen genötigt sah, seinem Wunsch zu entsagen und bei der Gesellschaft zu bleiben, so lästig ihm auch der auferlegte Zwang war.

Noch einmal vor dem Schluß glühten die Kaskaden, flammten die Bäume und Felsen, strahlte die verlockende Frau in wunderbarer Beleuchtung.

Es war ihm, als ob ihre Blicke ihn gleich feurigen Blitzen verfolgten, wie glühende Pfeile versengten, als ob ihre blonden Haare wie goldene Flammen, wie rote Schlangen um die bleiche Stirn züngelten, als ob die ganze Gestalt elektrische Funken sprühte und in feuriger Lohe stände, von der er selbst sich ergriffen fühlte.

Doch im nächsten Augenblick verschwand die bezaubernde Vision; die Illumination erlosch und die blendende Helle wich der dunkeln Nacht. Auch das schöne Weib war plötzlich in der tiefen Finsterniß wie ein unheimliches Phantom, wie ein Geisterspuk versunken und trotz aller Anstrengung nicht mehr zu sehen, so daß der Baron sich getäuscht und nur geträumt zu haben glaubte.

III.

Am nächsten Morgen war Ida verhindert, an dem gemeinschaftlichen Frühstück auf der Terrasse des Hotels teilzunehmen, weil sie sich ungeachtet aller Vorsicht eine leichte Erkältung zugezogen hatte und das Zimmer deshalb hüten mußte.

Obgleich nicht die geringste Gefahr vorhanden war, verstimmte und beunruhigte das unbedeutende Leiden den Baron, der nicht gewohnt war, die kleinste Störung seiner Behaglichkeit zu ertragen und sich mit Kranken zu beschäftigen.

Während Ida, die sich etwas angegriffen fühlte, sich in ihr Schlafzimmer zurückzog, überließ sich Herr von Bohlen den Gedanken an die gestrigen Erlebnisse und seinen Erinnerungen an die interessante Witwe, deren unerwartete Erscheinung ihn auf das höchste überrascht hatte.

So sehr er auch gegen die an ihn herantretende Versuchung kämpfte, vermochte er doch nicht das reizende Bild der verführerischen Frau zu vergessen, die er an den Gießbachfällen erkannt zu haben glaubte.

Bald wünschte, bald fürchtete er sie wiederzusehen, bald sehnte er sich nach ihrem Anblick, bald scheute er die Begegnung mit dem gefährlichen Weibe, vor dem eine innere Stimme ihn zu warnen schien.

Von den entgegengesetzten Gefühlen und Empfindungen, von Hoffnung und Zweifel, von leidenschaftlichem Verlangen und unerklärlicher Bangigkeit bestürmt, versank Ottmar in ein träumerisches Brüten, aus dem er erst durch den Besuch der Frau von Brand gerissen wurde, die sich bei ihm nach dem Befinden Idas erkundigen wollte.

»Entschuldigen Sie,« sagte die würdige Matrone, »daß ich so sans façon zu Ihnen komme. »Wie ich höre, ist Ihre Frau nicht wohl, und da konnte ich mir nicht den Wunsch versagen, selbst nachzusehen und Ihnen meine Hilfe und Erfahrung anzubieten, da man, wie ich weiß, gerade in der Fremde ängstlich und auf einander angewiesen ist.«

»Sie sind zu gütig, gnädige Frau, zu liebenswürdig. – Zum Glück hat das Leiden nichts zu bedeuten, eine leichte Erkältung, die von selbst wieder vergehen wird.«

»An Ihrer Stelle würde ich doch einen Arzt rufen lassen. Man kann nie wissen –«

»Das war auch meine Absicht, aber Ida wollte es nicht zugeben. Sie glaubt, daß ein wenig Ruhe und Schonung genügen wird, sie schnell wieder herzustellen.«

»Dann will ich sie auch nicht stören und zu gelegenerer Zeit wiederkommen.«

»Im Gegenteil!« erwiderte der Baron eifrig. »Meine Frau wird sich freuen, Sie zu sehen, und würde mir nicht verzeihen, wenn ich Sie fortlasse. Sie gestatten, daß ich sie benachrichtige.«

Natürlich war Ida von dem Besuch der guten Frau von Brand, die sie wie eine Tochter liebte, sehr erfreut, aber noch mehr Herr von Bohlen, als die alte freundliche Dame sich sogleich erbot, bei der Kranken zu bleiben und ihr Gesellschaft zu leisten.

»Ich weiß ja,« sagte sie lächelnd, »daß ihr Männer keine Geduld habt und schlechte Krankenwärter seid. Auch können Sie hier nichts nutzen. Deshalb will ich Sie ablösen und Ihnen bis zum Diner Urlaub geben, damit Sie Ihren gewohnten Spaziergang mit meinem Alten machen, der bereits nach Ihnen gefragt hat und Sie auf dem Höhenweg erwartet.«

»Mit vielem Vergnügen, aber ich kann unmöglich ein solches Opfer von Ihnen annehmen und meine arme Frau verlassen,« erwiderte der Baron, sich scheinbar sträubend.

»Deshalb dürfen Sie ganz unbesorgt sein. Sie ist in guten Händen, und ich werde sie behüten und pflegen wie meine eigene Tochter. Machen Sie nur, daß Sie fortkommen, sonst wird mein Alter ungeduldig und läuft Ihnen davon.«

Da auch Ida ihm zuredete, daß er sich ein wenig zerstreuen und frische Luft schöpfen sollte, so gab der Baron den keineswegs so ernstlich gemeinten Widerstand auf und verabschiedete sich von der würdigen Matrone und seiner jungen Frau mit einem galanten Händekuß, um sich nach dem Höhenweg zu begeben, wo er den ihm vorangegangenen General zu finden hoffte.

Während er den alten Herrn vergebens suchte, zerstreute und unterhielt ihn das bunte Treiben auf der belebten Promenade, an der die meisten großen und beliebten Hotels liegen.

Hier drängten sich müßige Spaziergänger, Damen und Herren in eleganter Toilette, ankommende und abreisende Touristen, mit blauen Schneebrillen und großen Alpenstöcken bewaffnet, bekannte Bergführer und Eseltreiber mit ihren schreienden Tieren und kleine Händler, die zierliche Holzschnitzereien und Blumen feilhielten.

Nachdem der Baron einige Zeit auf dem Höhenweg verweilt und sich wiederholt nach dem vermißten General umgesehen hatte, wollte er wieder nach seiner Wohnung zurückkehren, um Ida nicht länger warten zu lassen.

Als er aber in die Nähe des großen, vorzugsweise von reichen Engländern und vornehmen Russen besuchten Viktoria-Hotels kam, an dem der Weg ihn vorüberführte, glaubte er deutlich seinen Namen zu hören.

Indem er sich unwillkürlich umwendete, erblickte er eine ihm fremde Gesellschaft, in deren Mitte er jedoch die ihm nur zu gut bekannte Frau von Eisenberg in Begleitung des Herrn von Gräfenitz bemerkte.

Bevor er sich noch von seiner Ueberraschung erholt hatte, unschlüssig, ob er rasch vorübergehen oder näher treten sollte, streckte ihm die schöne Witwe ihre Hand von weitem mit so freundlichem Lächeln entgegen, daß er sie nicht zurückweisen konnte, ohne eine unverzeihliche Unhöflichkeit zu begehen.

Mit erheuchelter Ruhe begrüßte er daher die interessante Dame, die seine angenommene Zurückhaltung gar nicht zu beachten schien und ihn mit wahrhaft bezaubernder Liebenswürdigkeit und Herzlichkeit ansprach.

Zugleich stellte sie ihn der übrigen Gesellschaft vor, unter der ganz besonders Fürst Sakulin, ein russischer Aristokrat, mit angenehmen, nur etwas verschwommenen Gesichtszügen und feinen, gemessenen Formen seine Aufmerksamkeit fesselte.

Sie selbst nahm unbefangen den Arm des Barons und ging mit ihm einige Schritte voran, unbekümmert um ihre nachfolgenden Begleiter und um das Aufsehen, das ihre auffallende Erscheinung auf der belebten Promenade erregte.

Wie mit einem alten Freunde unterhielt sich Frau von Eisenberg mit dem Baron in dem früheren vertraulichen Ton über seine Verheiratung, über den Tod ihres Mannes und die intimsten Verhältnisse, als ob sie nie getrennt gewesen wären und zwischen beiden kein so tiefer Bruch stattgefunden hätte.

Vor allem aber erkundigte sie sich mit der größten Teilnahme nach Ida, deren Aussehen und Charakter er ihr genau angeben und schildern mußte, was er zwar ungern, aber mit voller Anerkennung für seine junge Frau that.

»Ich freue mich,« sagte sie mit einer ihn befremdenden Herzlichkeit, »daß Sie, mein lieber Freund, so glücklich sind und eine so gute Wahl getroffen haben.«

»Wie ich höre,« erwiderte er bewegt, »wird man auch Ihnen bald gratulieren dürfen. Herr von Gräfenitz sagte mir, daß der Fürst –«

»Thörichtes Geschwätz!« unterbrach sie ihn lebhaft. »Zwar interessiert sich der gute Fürst für mich und folgt mir wie ein Schatten –«

»Und Sie?« fragte der Baron gespannt, ohne sie anzusehen.

»Ich kann mich nicht so leicht entschließen, meine kaum erlangte Freiheit und die Annehmlichkeiten meines Witwenstandes, die ich teuer genug bezahlt habe, wieder aufzugeben.«

»Das kann ich Ihnen nicht verdenken.«

»Indessen wird mir wohl nichts übrig bleiben, als den Fürsten zu heiraten, da dies das einzige Mittel ist, ihn von seiner thörichten Leidenschaft zu heilen und für immer – los zu werden.«

»Sie scherzen.«

»Keineswegs! Auch hat mir Ihr Beispiel wieder Lust gemacht, es noch einmal mit der Ehe zu versuchen. Vielleicht kann ich so glücklich wie Sie werden, obgleich ich nicht Ihr Talent besitze, so schnell die Vergangenheit zu vergessen. Auch darin seid ihr Männer, wie Onkel Bräsig sagt, uns armen Frauen über. Euch ist die Liebe nur ein flüchtiger Zeitvertreib, uns das ganze Leben mit all seinen Wonnen und Qualen.«

In dieser halb ernsten, halb scherzhaften, halb frivolen, halb sentimentalen Weise unterhielt sich Frau von Eisenberg mit dem Baron, ganz wie in früheren Zeiten, an die er jetzt mit stillem Bedauern zurückdachte.

Aber noch nie war sie ihm so reizend, so verführerisch vorgekommen, als heute, wo er sie nach so langer Trennung und unter so veränderten Verhältnissen wiedersah.

Ihr Gesicht erschien ihm noch interessanter, ihre Blicke noch feuriger, ihr Lächeln verlockender und ihr ganzes Wesen noch pikanter und fesselnder, als früher, so daß er sich mehr als je zu dem gefährlichen Weibe hingezogen fühlte.

In ihrer Gesellschaft verfloß ihm die Zeit so schnell und angenehm, daß es ihm schwer fiel, sich von ihr loszureißen.

»Wie!« rief sie unmutig. – »Sie wollen uns schon wieder verlassen?«

»Meine Frau erwartet mich zum Diner. Sie ist gerade heute ein wenig leidend, da sie sich erkältet hat.«

»Dann will ich Sie nicht zurückhalten, so sehr ich bedauere, daß Sie gebunden sind. – Vielleicht sehen wir uns abends im Kursaal im Konzert.«

»Wenn es die Gesundheit meiner Frau erlaubt.«

»Sie sind wirklich ein musterhafter Ehemann.«

» Une bonne pâte de mari,« spottete Herr von Gräfenitz.

»Also auf baldiges Wiedersehen!« rief Frau von Eisenberg, indem sie dem an sie herantretenden Fürsten den Arm reichte.

Mit einer Anwandlung von Neid und Verdruß blickte der Baron der heitern Gesellschaft nach, die lachend und scherzend ihre Promenade fortsetzte, während er im Gefühl seiner verlorenen Freiheit zu seiner kranken Frau zurückkehren mußte.

Nachdem er sich wegen seines langen Ausbleibens entschuldigt hatte, erzählte er ihr mit angenommener Gleichgültigkeit seine Begegnung mit einigen alten Bekannten, die ihn aufgehalten.

»Sie haben mich auch aufgefordert,« fügte er hinzu, »des Abends nach dem Kursaal zu kommen, aber ich habe es abgeschlagen, weil du nicht wohl bist und dich schonen sollst.«

»Das thut mir deinetwegen leid. Wenn es dir Vergnügen macht, kannst du ja hingehen und deine Freunde sprechen.«

»Wo denkst du hin! Ich werde dich doch nicht allein lassen.«

»O! deshalb brauchst du dich nicht zu genieren. Ich fühle mich seit einer Stunde weit besser. Mein Kopfschmerz hat fast ganz nachgelassen und ich glaube, daß es mir nicht schaden wird, wenn ich dich begleite.«

»Das darf ich nicht zugeben,« erwiderte der Baron scheinbar besorgt, »da du dir leicht einen Rückfall zuziehen und dein Leiden verschlimmern kannst.«

»Im Gegenteil! Ich hoffe, daß mir die kleine Zerstreuung ganz gut thun wird. – Ich bin wirklich neugierig, deine Freunde kennen zu lernen. Willst du mir nicht sagen, wer sie sind?«

»Ein Herr von Gräfenitz,« versetzte er zögernd, »und – Frau von Eisenberg –«

»Wie!« rief Ida sichtlich überrascht. – »Frau von Eisenberg –«

»Weshalb wunderst du dich?« fragte er verlegen.

»Der Name kommt mir bekannt vor und erinnert mich an meine arme Schwester. Gerade so hieß auch der Mann, der Agathe verraten hat.«

»Ein reiner Zufall! Die Familie Eisenberg ist sehr groß und weit verbreitet. Ich selbst kenne mindestens sechs Herren, die den Namen führen. Auch war der Verstorbene, für dessen Unschuld ich mich verbürgen kann, nichts weniger als ein gefährlicher Don Juan.«

»Möglich, daß ich mich irre. Aber ich gestehe dir, daß nur der Name fatal ist und mich mit einem Vorurteil gegen die Frau erfüllt, weshalb ich auch auf ihre Bekanntschaft verzichten möchte.«

»Lächerlich!« entgegnete Herr von Bohlen in gereiztem Ton. »Wie kann man nur so thöricht sein und sich an einem Namen stoßen! Das ist mir unbegreiflich.«

»Ich muß bekennen, daß ich nicht ganz frei von solchen Vorurteilen bin. Auch weißt du, daß ich mir nichts aus der Gesellschaft mache und am liebsten mit dir allein bin.«

»Das ist sehr schmeichelhaft für mich, aber du kannst nicht verlangen, daß wir darum wie die Einsiedler leben und uns von der Welt ganz zurückziehen. Außer dem alten General und Frau von Brand sehen wir fast keinen Menschen mehr.«

»Mir genügt der Umgang mit beiden vollkommen, doch will ich dir zuliebe gern mit dir in das Konzert gehen und die Bekanntschaft deiner Freunde machen.«

Trotzdem sich Ida noch etwas angegriffen fühlte, überwand sie mit der ihr eigenen Energie ihre Schwäche und folgte dem Baron in Begleitung des befreundeten Ehepaares des Abends nach dem Kursaal, wo sie bereits die ganze Gesellschaft versammelt fanden.

Die junge Frau hatte leider heute nicht den besten Tag; sie war viel bleicher als gewöhnlich und sah sichtlich leidend aus. Der milde Glanz ihrer seelenvollen Augen war getrübt und auf den sonst rosigen Wangen lagerte eine krankhafte Blässe.

Auch ihre Toilette war nichts weniger als günstig und kleidsam. Mit natürlichem Takt hatte sie zuerst eine leichte, einfache Sommerrobe und frische Rosen für ihre Haarfrisur gewählt, aber der eitle Mann, der bei dieser Gelegenheit womöglich mit ihr brillieren wollte, nahm in seiner jetzigen Stimmung an ihrer »gesuchten Einfachheit« Anstoß und wünschte, daß sie ein kostbares Gesellschaftskleid und den Demantschmuck, den sie von ihren Eltern zum Hochzeitsgeschenk erhalten hatte, durchaus anlegen sollte.

Um ihn nicht durch ihren Widerspruch zu reizen, gehorchte Ida gegen ihre bessere Ueberzeugung, obgleich sie jedes Aufsehen und den herausfordernden Luxus so viel als möglich zu vermeiden suchte.

Sie selbst fühlte mit dem ihr angeborenen Instinkt und Geschmack, daß eine so prachtvolle Toilette keineswegs zu ihrer nichts weniger als imposanten, aber zierlichen Figur paßte und mit ihrem anspruchslosen, bescheidenen Charakter harmonierte.

Sie kam sich darin fremd und überladen vor und der Gedanke an ihren unpassenden Anzug gab ihr ein linkisches Aussehen, das noch durch den damit verbundenen Zwang erhöht wurde. Um so vorteilhafter und glänzender erschien dagegen Frau von Eisenberg, die alle ihre Künste aufbot, alle Minen springen ließ, um ihren Anbetern zu gefallen und die anwesenden Damen, besonders aber Ida, durch ihre Schönheit und ihren Geist zu verdunkeln. Umgeben von ihren Verehrern und einigen sich ihr anschließenden Damen, bildete sie den Mittelpunkt eines glänzenden Kreises, in dem sie gleich einer Königin thronte und die ihr von allen Seiten dargebrachten Huldigungen entgegennahm.

Indem sie mit ihren natürlichen Reizen das höchste Raffinement einer vollendeten Kokette verband, zog sie unwillkürlich die Blicke der ganzen Gesellschaft durch ihre geschmackvolle Toilette, durch ihre hinreißende Liebenswürdigkeit und vor allem durch den pikanten Kontrast der rötlich blonden Haare und der dunkel feurigen Augen, der weißen Marmorstirn und der brennend roten Granatenlippen auf sich, wenn sie auch diese auffallenden Effekte weniger der Natur, als der Nachhilfe der Kunst und ihrer trefflichen Emaillemalerei zum größten Teil verdankte.

So standen die beiden, äußerlich und auch innerlich so verschiedenen Frauen einander gegenüber, wie die volle, üppige Zentifolie neben dem schüchternen, bescheidenen Veilchen, wie eine moderne Helena neben dem schlichten, unschuldigen Gretchen, und forderten unwillkürlich den Baron zur Vergleichung auf.

Obgleich Frau von Eisenberg der verlegenen Ida mit der größten Freundlichkeit entgegenkam, konnte diese nicht einen instinktartigen Widerwillen, eine ihr selbst unerklärliche Abneigung überwinden. Um so mehr fühlte sich Ottmar zu der verführerischen Frau hingezogen, die ihn von neuem ebensosehr durch den dämonischen Reiz ihrer Schönheit, wie durch den Zauber ihrer interessanten Unterhaltung zu umstricken und zu fesseln wußte.

Mit der ihr eigenen Gewandtheit und Sicherheit beherrschte sie das Gespräch, führte sie das Wort, entzückte sie die ganze Gesellschaft durch ihre heitere, übermütige Laune, die jedoch zu ihrer Trauer so wenig paßte.

Auch der Baron überließ sich dem lang entbehrten Genuß einer so pikanten Unterhaltung und wetteiferte mit Frau von Eisenberg in scherzhaften Einfällen und geistreichen Bemerkungen.

Er selbst schien förmlich wie umgewandelt, wie elektrisiert, so daß Ida ihn kaum wiedererkannte, als ob er plötzlich ein ganz anderer, ihr fremder Mensch geworden wäre.

Es war wie ein brillantes Feuerwerk, gleichsam ein geistiger Kankan, eine Orgie von übermütigen Witzen und kühnen Impromptus, die von beiden zum besten gegeben und von der Gesellschaft, besonders von dem alten Roué, bewundert und belacht wurden.

Das alles klang zwar ganz unschuldig, harmlos und unverfänglich, aber die an sich gleichgültigen Reden, die niemals die Grenzen des Erlaubten und Schicklichen überschritten, erhielten durch das sie begleitende Lächeln, durch die Mienen eine gefährliche Bedeutung, einen geheimen, frivolen Sinn. Dazu kam noch, daß Ida weder die Anschauungen noch den Ton des ihr fremden Kreises teilte, dem sie vermöge ihrer ganzen bisherigen Erziehung und ihrer Verhältnisse fern stand. Sie hörte heute Ansichten, die sie nicht billigen konnte, Grundsätze, die ihr bedenklich, wo nicht verwerflich erscheinen mußten und die allen ihren früheren Anschauungen vom Leben und der Welt widersprachen.

Wie in jeder abgeschlossenen Gesellschaft herrschte auch hier ein eigentümliches Wesen voll Beziehungen und Rücksichten, die nur dem Eingeweihten verständlich waren. Man lachte über Dinge und Personen, die ihr durchaus nicht lächerlich vorkamen; man mokierte sich und spottete über Sitten und Gebräuche, die sie noch für ehrwürdig und achtungswert hielt, man sprach von Familien und Verhältnissen mit einer Ungezwungenheit und Freiheit, die sie unwillkürlich erröten machte.

Gewisse Anspielungen und Bezeichnungen, die allgemeine Heiterkeit hervorriefen, blieben ihr völlig fremd und unverständlich, so daß sie mitten in der animierten Gesellschaft die Empfindung eines Nüchternen hatte, der plötzlich unter eine Schar Trunkener geraten ist, oder wie ein Schiffbrüchiger, der, auf eine abgelegene Insel verschlagen, die Sprache der ihm unbekannten Bewohner nicht versteht.

Das ganze Treiben und der zweideutige Ton der Gesellschaft mißfiel ihr ebensosehr, wie ihren älteren Begleitern, die ein auffallendes Stillschweigen beobachteten und sich möglichst fern hielten. Mehr als alles aber kränkte Ida die Vernachlässigung von Seiten ihres Mannes, der nur Augen und Ohren für Frau von Eisenberg zu haben und an ihren Blicken und Lippen zu hängen schien.

So konnte, so durfte nicht ihr Gatte, der ihr ewige Liebe und Treue gelobt hatte, mit einem anderen Weibe scherzen und lachen, daß er darüber ihre Gegenwart vergaß.

Es war nicht Eifersucht allein, was ihr Herz noch so tief bewegte, sondern noch mehr das Gefühl der Zurücksetzung, einer ihr zugefügten Kränkung, für die sie keinen Namen hatte.

Zum erstenmal in ihrem Leben lernte sie die für edle Gemüter so schmerzliche Empfindung des Hasses und der Verachtung kennen; ja, sie haßte, sie verachtete dieses Weib, dessen Wesen und Benehmen ihr gleich beim ersten Anblick so unsympathisch war.

Zugleich aber erschien ihr Ottmar durch den Verkehr mit einer solchen Frau und dem alten, cynischen Roué gleichsam erniedrigt und herabgewürdigt. Das war nicht mehr das Ideal ihrer Seele, der Geliebte ihres Herzens, sondern nur ein Zerrbild, sein spukhafter Doppelgänger, ein ihr fremdes Phantom, das nur seine Züge trug, aber ihm nicht innerlich glich.

Trotz aller Selbstbeherrschung vermochte Ida nicht länger die ihr peinliche Situation zu ertragen und ihre schmerzliche Aufregung zu verbergen. Sie fühlte sich einer Ohnmacht nahe und hielt sich nur noch mit Mühe aufrecht.

»Komm,« flüsterte sie dem Baron zu, indem sie sich von ihrem Stuhl erhob, »und laß uns gehen!«

»Was fällt dir ein!« rief er verdrießlich über die unwillkommene Störung. »Es ist ja hier so amüsant.«

»Ich halte es nicht länger aus; die Luft ist so drückend, daß ich zu ersticken fürchte. Die Musik macht mir Kopfschmerzen und ich glaube, daß ich fiebere.«

Da ihr wirklich blasses und leidendes Aussehen die Wahrheit ihrer Worte zu bestätigen schien, so sah sich Herr von Bohlen gezwungen, zu seinem großen Bedauern die angenehme Gesellschaft zu verlassen, so schwer es ihm auch fiel, sich von Frau von Eisenberg zu trennen. Nur mit sichtlichem Widerstreben folgte er der angegriffenen Ida und seinen Begleitern, die sich mit ihm zugleich entfernten und nach ihrem Hotel gegen ihre sonstige Gewohnheit schweigend und in ernster Stimmung zurückkehrten.

Obgleich sich Ida auf dem Heimwege in der frischen Nachtluft bald wieder von ihrem Unwohlsein erholte, ließ es ihr Stolz nicht zu, den Namen der Frau von Eisenberg zu erwähnen oder ihm einen Vorwurf wegen seines Benehmens und der ihr widerfahrenen Vernachlässigung zu machen.

Auch Ottmar verstummte im Gefühl seiner Schuld, nachdem er sich vergebens bemüht hatte, ein gleichgültiges Gespräch mit ihr anzuknüpfen.

Sicher hätte ein freundliches Wort von ihren Lippen nicht seine Wirkung verfehlt und ihn veranlaßt, sich zu entschuldigen und zu rechtfertigen, aber sie schwieg mit einer ihr sonst fremden Hartnäckigkeit, die alle seine guten Vorsätze im Keime erstickte.

Er dagegen ärgerte sich über ihre Schwerfälligkeit und ihre Prüderie, womit sie eine nach seiner Ansicht ganz unschuldige und gewöhnliche Galanterie aufnahm, während sie die ihr zugefügte Kränkung ihm nicht vergeben konnte.

In der Ehe wie im ganzen Leben kommt es aber meist auf einen Augenblick an; wenn dieser ungenutzt entflieht, so kehrt er nicht wieder zurück und läßt sich nicht so leicht ersetzen.

Ein Moment entscheidet oft unser Glück und unser Mißgeschick, unsere ganze Zukunft. Ein Wort zur rechten Zeit kann Wunder thun und alle Wunden heilen, aber Stolz und Trotz verhindern die Versöhnung und wehren dem Frieden den Zutritt zu den verletzten Herzen.

Aehnlich erging es auch dem jungen Ehepaar, das jetzt stumm und doch innerlich tief bewegt, einander gegenüberstand.

Beide hatten sich so viel zu sagen, zu gestehen, zu entschuldigen und zu verzeihen, aber sie fanden nicht das rechte Wort zur rechten Zeit, und trotz ihrer Liebe verbitterten und verhärteten sich ihre Herzen immer mehr.

»Ich bin müde und angegriffen,« sagte Ida, mit angenommener Gleichgültigkeit das peinliche Schweigen unterbrechend. »Mein Kopf schmerzt mich wieder.«

»Gute Besserung!« erwiderte Ottmar und drückte einen kalten, flüchtigen Kuß auf ihre verschlossenen Lippen.

Das versöhnende, heilende Wort wurde nicht gesprochen; der günstige Augenblick war entflohen und beide trennten sich mit bitter schmerzlichen Gefühlen.

IV.

Trotzdem sich Ida fest vorgenommen hatte, jede nähere Berührung mit der ihr unsympathischen Frau von Eisenberg zu vermeiden und der ganzen zweideutigen Gesellschaft auszuweichen, so war es ihr unter den gegebenen Verhältnissen nicht möglich, ihren Entschluß auszuführen.

Als im Laufe des nächsten Tages sich zu ihrer Ueberraschung die genannte Dame anmelden ließ, um sich nach ihrem Befinden teilnehmend zu erkundigen, wagte sie nicht, aus Rücksicht auf Ottmar, den ihr unangenehmen Besuchs zurückzuweisen.

Ungeachtet ihres Widerwillens und ihres Vorurteils sah sie sich gezwungen, die Formen der gewöhnlichen Höflichkeit zu beobachten und der artigen Witwe für ihre Freundlichkeit zu danken. Ohne von ihrer absichtlichen Kälte und Zurückhaltung Notiz zu nehmen, erschien Frau von Eisenberg so herzlich und zuvorkommend, so besorgt um Idas Gesundheit, wie nur eine intime Freundin sein konnte.

Zugleich sprach sie von ihrer alten Bekanntschaft mit dem Baron, von dem innigen Verhältnis desselben mit ihrem verstorbenen Mann so unbefangen und offen, daß Ida ihren Verdacht schwinden ließ und Ottmar wirklich Unrecht gethan zu haben glaubte.

Dabei beobachtete Frau von Eisenberg in ihren Reden und in ihrem Benehmen einen Anstand und eine Feinheit, daß selbst der strengste Sittenrichter nichts daran auszusetzen gefunden hätte.

Unter diesen Umständen ließ sich auch Ida von dem Baron zu dem üblichen Gegenbesuch überreden, obgleich sie nur aus Liebe für ihn in diesem Punkt ihm nachgab.

Dagegen lehnte sie entschieden eine Aufforderung zu einer gemeinschaftlichen, mehrtägigen Partie auf die Wengern-Alp mit Frau von Eisenberg und Gefolge unter dem Vorwande ab, daß sie sich noch zu angegriffen fühlte, so dringend auch Ottmar ihre Beteiligung an dem Ausflug wünschte, von dem er sich ein großes Vergnügen versprach.

Ihre Weigerung verletzte und verstimmte ihn daher so sehr, daß er sich nicht enthalten konnte, ihr deshalb seine Unzufriedenheit laut zu erkennen zu geben.

»Ich begreife nicht,« sagte er ärgerlich, »warum du die Partie nicht machen willst, die unstreitig zu den schönsten in der Schweiz zählt.«

»Du weißt ja,« entgegnete sie, »daß ich noch leidend bin und mich schonen muß; auch fürchte ich die allzu große Anstrengung.«

»Wir fahren bis nach Grindelwald und von da kannst du weiter gehen oder dich tragen lassen. Das kann dich doch unmöglich anstrengen und dir schaden.«

»Aber es macht mir kein Vergnügen, mich wie ein Gepäckstück von den armen Leuten schleppen zu lassen, mit denen ich das größte Mitleid habe, wenn sie unter ihrer Last keuchen und ihnen bei der Hitze der Schweiß von der Stirne fließt.«

»Das ist eine falsche Sentimentalität, da die Träger glücklich sind, wenn sie nur viel zu thun haben und ein schönes Stück Geld verdienen. Ich glaube auch nicht, daß das der wahre Grund ist, weshalb du die Partie durchaus nicht mitmachen willst.«

»Was denn sonst?« fragte Ida, ihn von der Seite anblickend.

»Deine wahrhaft kindische Abneigung gegen Frau von Eisenberg,« entgegnete Ottmar zögernd, »dein lächerliches Vorurteil gegen eine ebenso geistvolle als liebenswürdige Dame, die dich mit Aufmerksamkeiten überhäuft und mit der ich befreundet bin.«

»Es thut mir wirklich leid,« versetzte sie in leicht gereiztem Tone, »daß ich weder deine günstige Meinung noch deine Freundschaft für Frau von Eisenberg teilen kann. – Wenn ich dir offen gestehen soll, so muß ich dir sagen, daß mir ihr Betragen, ihr auffallendes Wesen und besonders ihre Koketterie sehr mißfällt. Ich halte sie für falsch, herzlos und frivol, für eine Frau, die –«

»Genug!« unterbrach er sie heftig. »Ich kann nicht zugeben, daß du in meiner Gegenwart eine Frau beleidigst, deren Freund ich bin und die du zu wenig kennst, um über sie zu urteilen. Statt sie anzuklagen, würdest du besser thun, dir ein Beispiel an ihr zu nehmen. Es könnte dir gar nicht schaden und würde mir nur angenehm sein, wenn du etwas von der eleganten Tournüre, dem freien leichten Benehmen, dem feinen Geschmack und sicheren Takt der Dame besäßest, oder dir anzueignen suchtest und dafür deine Schwerfälligkeit, deine beschränkten Ansichten vom Leben und der Gesellschaft ablegtest. Selbst ein wenig Koketterie würde ich mir gern gefallen lassen und der langweiligen Prüderie vorziehen.«

Eine derartige Rede war natürlich nur dazu angethan, die bereits vorhandene Spannung zu vergrößern und ihren Widerwillen gegen die von ihm gerühmte Dame zu erhöhen, da selbst die beste Frau nichts schlechter vertragen kann, als das Lob eines fremden Weibes in dem Munde des eigenen Mannes. Beleidigt und gekränkt schwieg Ida und schloß sich nur noch inniger an ihre alten Freunde, besonders an Frau von Brand an, der sie eines Tages ihre Leiden klagte und sie um Rat fragte, wie sie sich in dieser unangenehmen Angelegenheit verhalten sollte.

»Sie thun Unrecht,« sagte die lebenskluge Patrone, »wenn Sie sich den Wünschen Ihres Mannes widersetzen. An Ihrer Stelle würde ich ruhig die Aufforderung annehmen und die Partie mitmachen.«

»Mein Gott!« versetzte sie verwundert, »das kann doch unmöglich Ihr Ernst sein, da ich weiß, daß Sie Frau von Eisenberg ebensowenig wie ich leiden mögen.«

»Ich würde sie mir freilich nicht zu meinem intimen Umgang wählen, aber in der Fremde braucht man nicht so ängstlich mit seinen Bekanntschaften zu sein, und da Herr von Bohlen mit ihr befreundet ist, so dürfen auch Sie keinen Anstand machen und müssen ihm schon das kleine Opfer bringen.«

»Wenn mir nur nicht die Frau so zuwider wäre! Es kostet mich wirklich eine große Ueberwindung, ihr ein freundliches Gesicht zu zeigen.«

»Trotzdem,« erwiderte Frau von Brand ernst, »ist es nach meiner Ansicht das beste und klügste, in diesem Fall nachzugeben und Ihre Abneigung zu überwinden. Glauben Sie mir, ich kenne die Männer und weiß aus langer Erfahrung, wie man sie behandeln muß. Je mehr Sie sich weigern und sträuben, desto mehr reizen Sie nur Ihren Mann, auf seinem Willen zu bestehen, je weniger Sie ihm widerstreben, desto gleichgültiger wird ihm die ganze Geschichte sein.«

»Sie raten mir also, die Partie zu machen?« fragte Ida noch immer schwankend.

»Unter jeder Bedingung,« versetzte die erfahrene Matrone. »Sie können nur dabei gewinnen, wenn Sie Ihren Mann begleiten. Schon aus Klugheit und des lieben Friedens willen müssen Sie ihm den Gefallen thun.«

»Ich würde mich auch keinen Augenblick besinnen, wenn Sie sich auch uns anschließen wollten. Das würde mir eine große Beruhigung gewähren und mich ganz unaussprechlich freuen.«

»Das geht nicht, mein liebes Kind, so leid es mir auch thut. Der General ist kein Freund von anstrengenden Touren und größerer Gesellschaft. Wenn man so alt geworden ist, liebt man seine Ruhe und Bequemlichkeit. Deshalb werden Sie uns diesmal schon entschuldigen, so gern ich Sie auch begleiten und bemuttern möchte.«

Da Ida mit Recht vor der Klugheit und Erfahrung der alten Dame den größten Respekt hatte und von ihrer Aufrichtigkeit überzeugt war, so erklärte sie sich zur angenehmen Ueberraschung Ottmars bereit, seinen Wunsch zu erfüllen, worüber er sehr erfreut schien.

An einem wunderbar schönen Julimorgen brach die ganze Gesellschaft von Interlaken auf; die Herren mit großen Bergstöcken und dicken Nägelschuhen, die Damen mit breiten Strohhüten, blauen Schleiern und bequemen Blousen versehen, die besonders Ida vorteilhaft kleidete.

Die kräftige Bergluft rötete ihre zarten Wangen; unter dem leichten Hut flatterten die blonden Locken und ihre hellen, blauen Augen glänzten von jugendlicher Lust.

Eingedenk der Worte und Vorwürfe Ottmars bemühte sie sich auch heute, einen leichteren und freieren Ton anzunehmen, ohne darum die angeborene Weiblichkeit und Feinheit zu verleugnen.

Nur ihm zu Gefallen verschmähte sie selbst nicht jene unschuldige Koketterie, die selbst der tugendhaftesten Frau bei solchen Gelegenheiten zu Gebote steht.

Zugleich beobachtete sie auf den Rat der klugen Matrone gegen Frau von Eisenberg und die übrigen Teilnehmer der Partie ein so freundliches und zuvorkommendes Benehmen, daß diese, ganz besonders aber Fürst Sakulin, sie verwundert anstaunten, da sie ihr eine solche Liebenswürdigkeit gar nicht zugetraut hatten.

In bester Eintracht kam so die Gesellschaft in Grindelwald an, wo man einige Zeit verweilte und dann die Wanderung nach der Wengern-Alp teils zu Pferd, teils zu Fuß fortsetzte. Der etwas beschwerliche Weg über die schwarze Lütschine und das fortwährende Steigen verhinderte anfänglich jedes lebhaftere Gespräch. Die Sonne stand noch hoch und ihre Strahlen brannten. Nur von Zeit zu Zeit wehte ein kühles Lüftchen erfrischend von den nahen Bergen.

Mehr als eine Stunde war vergangen, bis die Reisenden die erste Sennhütte erreichten, wo sie eine kurze Rast machten und ihr mitgebrachtes Frühstück einnahmen.

Rings auf der hohen Alm standen Blumen und Kräuter, wie sie das flache Land nicht kennt; rote Alpenrosen, die wie eine rosige Wolke die Felsen bedeckten und das nackte Gestein mit einer Purpurhülle schmückten, blauer Enzian, gelbe Primeln und weiße Anemonen, die in diesen Regionen einen eigentümlichen, metallischen Glanz zeigten und um so schöner und kräftiger erschienen, je näher sie dem Himmel waren.

Hier und da wuchs auch das seltene, prächtige Edelweiß, womit die Damen und Herren ihre Hüte zierten, zum Zeichen und zur Erinnerung an die bereits erstiegene Höhe.

Auch der Fürst Satulin, der heute auffallend still war, pflückte einen Strauß frischer Alpenrosen, den er Ida galant überreichte, obgleich er sie bisher wenig oder gar nicht beachtet und kaum einige gleichgültige Worte mit ihr gesprochen hatte.

»Ich danke Eurer Durchlaucht!« sagte sie freundlich. – »Der Strauß ist wirklich reizend und schöner als alle unsere Treibhausblüten, die in ihren Spitzen-Enveloppen und auf ihren Drahtgestellen mir wie geputzte Ballettdamen in Steifröcken vorkommen.«

»Sehr gut! Scharmant!« versetzte lachend der Fürst, mit dem ihm eigentümlichen, ausländischen Idiom und scharfen Accent. »Ballettdamen in Steifröcken! C'est vrai, sehr gut! Ich freue mich, meine Gnädige, daß Sie auch lieben die ungeschminkte Natur und die kleinen Blumen, die in ihrer Unschuld und Bescheidenheit schöner sind und mir besser gefallen, wie die künstlichen Bouketts und die kostbarsten Kamelien.«

Dazu sah der Fürst mit seinen matten, etwas kurzsichtigen Augen sie so eigen an, daß sie unwillkürlich errötete, während Frau von Eisenberg, die in ihrer Nähe das versteckte Kompliment hörte, ihrem erklärten Anbeter einen nichts weniger als freundlichen Blick zuwarf.

Wie es aber zuweilen nur eines einzigen Wortes bedarf, um Fremde mit einander zu befreunden, so genügte die kurze Unterhaltung, um beide einander näher zu bringen und die Vorurteile, die sie gegenseitig hegten, zu beseitigen.

Je ungünstiger aber der erste Eindruck war, den Ida an jenem Abend im Kursaale auf ihn gemacht hatte, desto angenehmer wurde jetzt der Fürst von ihrer natürlichen Anmut, ihrem tiefen Gefühl und ihrem weniger blendenden als gediegenen Geist überrascht.

Ebenso mußte sie sich gestehen, daß sie dem Fürsten Unrecht gethan, da er unter seiner Blasiertheit und Frivolität eine seltene Herzensgüte, eine fast an Schwache grenzende Weichheit des Gemüts und eine nicht gewöhnliche Bildung zu verbergen schien, verbunden mit einer liebenswürdigen Naivetät und anziehenden Melancholie, wie man sie öfters bei seinen Landsleuten findet.

Da er in Idas Gesellschaft die besten Formen beobachtete und sorgfältig alles vermied, was sie verletzen konnte, so ließ sie sich gern seine Begleitung und jene zarten Aufmerksamkeiten gefallen, die er ihr im weiteren Verlauf der Partie erwies.

Unbefangen gestattete sie ihm, daß er ihr auf das Pferd half und ihr all die kleinen Dienste leistete, die jede Dame von einem Kavalier ohne Anstand annehmen darf, und die um so weniger entbehren konnte, da Ottmar zu ausschließlich mit Frau von Eisenberg beschäftigt war, um Idas Wünsche zu beachten.

Vor ihren Blicken erhob sich ein Ozean von Riesenbergen wie versteinerte Meereswogen; in unmittelbarer Nähe der düstere Mönch und der dunkle Eiger, die erhabene Jungfrau und das herrliche Silberhorn, von glänzend weißen Gletschern und Schneefeldern wie von einem wallenden Strahlenmantel umgeben; in der Tiefe das Grindelwalder Thal mit seinen zahllosen Häusern und Hütten, die in der Ferne wie Nürnberger Spielzeug erschienen, überragt von den starren Felswänden des gleich einem schwarzen Riesen-Sarkophag zur furchtbaren Höhe sich auftürmenden Wetterhorns und des gigantischen Schreckhorns; das ganze majestätische Gebirgsbild abgeschlossen und begrenzt von dem kahlen Mettenberg.

Gleich Riesendomen, von der Hand des Allmächtigen gebaut, steigen die Berge zum Himmel empor; Urzeugen der Schöpfung, von Adlern umkreist, von Lawinen umbraust, zu ihren Füßen ein Gewirre von schroffen Spitzen und Zacken, in blauen Dust gehüllt, umschlungen von schimmernden Gletschern mit grünen Matten, als ob Leben und Tod sich hier friedlich die Hände reichen und in einem Versöhnungskuß mit einander verschmelzen wollten.

Noch leuchtete die Sonne am Himmel, aber sie neigte sich bereits zum Untergang. Von allen irdischen Dünsten befreit, rollte der flammende Feuerball langsam im Westen nieder und goß seine Purpurglut über all die Berge und Thäler aus.

Bis in die tiefsten Schluchten drang die glänzende Flut des Lichts, ein wogendes Flammenmeer, das vom Himmel zur Erde floß, bald rosig, bald gelb, bald violett, die Felsen vergoldend, die grünen Matten und weißen Schneefelder verklärend, daß sie hell aufleuchteten in überirdischem Glanz.

Je tiefer aber die Sonne sank, desto herrlicher strahlte sie, noch einmal vor ihrem Scheiden die Welt mit unbeschreiblicher Pracht erfüllend. Die Wolken glühten, die Berge loderten wie Hochaltäre und die mächtigen Tannen und Arven brannten gleich riesigen Fackeln, bis nach und nach die feurige Lohe erlosch.

Drunten im Thal lagerte bereits die Dämmerung wie ein grauer Schleier, und dunkle Schatten, wallende Nebel stiegen aus den Schluchten und Klüften empor und verhüllten die Hügel und Berge. Nur auf den höchsten Spitzen der Alpen schwebte noch eine flammende Glorie, ein blitzendes Strahlendiadem, das vor allen das Haupt der stolzen Jungfrau krönte. Doch auch sie mußte endlich erbleichen; fahle Leichenblässe umzog das hohe Angesicht und ein Todesschauer schien durch die mächtigen Glieder zu rinnen, bis die einbrechende Nacht wie ein schwarzes Bahrtuch die Göttliche verhüllte.

Keines Wortes mächtig, stand Ida neben dem Fürsten, wie er tief ergriffen und erschüttert von dem gewaltigen Schauspiel. Im Angesicht dieser großartigen Natur vergaß sie alle ihre Sorgen, Zweifel und irdischen Wünsche.

Unwillkürlich suchten ihre Blicke und Hände den geliebten Mann, um ihre Bewunderung und ihr Entzücken mit ihm zu teilen. Aber Ottmar war mit Frau von Eisenberg zu sehr in ein interessantes Gespräch vertieft, um ihre Rührung zu bemerken.

Nur der Fürst sah, was in ihrer Seele vorging, ihren stillen Schmerz und die Thränen, die sie nicht länger zu verbergen vermochte.

»Kommen Sie, gnädige Frau!« sagte er besorgt. – »Die Abendluft ist nicht gut in den Bergen. Sie sind erhitzt und können sich leicht erkälten.«

Mechanisch nahm sie seinen Arm und folgte ihm in das Hotel auf der Wengern-Alp, wo die bereits vorangegangene Gesellschaft sie erwartete.

»Wo bist du denn geblieben?« fragte sie Ottmar verlegen. »Ich habe dich gesucht und mich vergebens nach dir umgesehen.«

»Der herrliche Sonnenuntergang hat mich zurückgehalten. Seine Durchlaucht waren so freundlich, mir Gesellschaft zu leisten.«

» Les beaux esprits se rencontrent!« bemerkte Frau von Eisenberg ironisch. – »Unser Fürst ist ein großer Naturschwärmer, ein poetisches Gemüt. Ich glaube, daß er die Marotte hat, wie einst Lord Byron als Einsiedler auf der Wengern-Alp zu leben.«

»Sehr gern,« entgegnete der Fürst lächelnd, »wenn ich hätte das Genie eines Byron, um einen Manfred zu dichten. Um diesen Preis möchte ich mir auflegen die schwersten Entbehrungen und in dieser Einöde verzichten auf jeden menschlichen Verkehr.«

»Welche Thorheit!« sagte Frau von Eisenberg. »Sie würden es bald satt bekommen.«

»O!« versetzte Ida mit leuchtenden Blicken. »Ich kann mir nichts Schöneres denken und begreife es vollkommen, daß ein Dichter, wie Byron, angeekelt von der Welt, sich hier zurückzog, um den Frieden zu finden, den er in der Gesellschaft vergebens suchte.«

»Man weiß aber,« fügte Herr von Gräfenitz mit cynischem Grinsen hinzu, »wie gut sich der edle Lord für seine moralische Hungerkur auf der Wengern-Alp hinterdrein in den Armen der Gräfin Guiccioli und anderer schöner Damen zu entschädigen suchte.«

»Solche Extravaganzen,« entschuldigte der Baron, »muß man schon dem Genie nachsehen.«

»Geht mir doch mit euren Genies!« spottete Roué. – »Die dürfen sich alles erlauben, aber wenn unsereiner einmal über die Schnur haut, da gibt es gleich einen furchtbaren Skandal. So ein Dichter ist ein glücklicher Kerl und wirklich beneidenswert. Der kann thun und lassen, was er will; man findet alles schön an ihm, und die Weiber, die sonst Zeter über die kleinste Sünde schreien, sind ganz vernarrt in die liederlichen Poeten. Selbst Frau von Bohlen schwärmt, wie man sieht, für den Verfasser des Don Juan.«

»Ich gestehe,« erwiderte Ida errötend, »daß ich Byron liebe und sein Genie bewundere, so sehr ich auch seine Verirrungen beklagen muß. Aber selbst seine Schwächen erscheinen mir nur wie die Flecken an der Sonne, wie der irdische Staub, der ein edles Götterbild verhüllt; sie berühren nicht sein innerstes Wesen, nicht die unsterbliche Seele. Eine so hohe und reiche Natur, wie der Dichter des Manfred, darf nicht mit dem gewöhnlichen Maßstab unserer alltäglichen Moral gemessen werden. Das einzige, was ich bedauere, ist die Thorheit, daß sich flache und gemeine Geister auf sein Beispiel stützen und sich verführen lassen, die Fehler und Auswüchse des Genies nachzuahmen, ohne seine Tugenden zu besitzen und seine Größe zu ahnen.«

»Sehr gut, sehr gut!« rief der Fürst, enthusiastisch ihr die Hand küssend. »Sie haben, meine Gnädige, mir gesprochen ganz aus der Seele, wie ein Engel.«

Obgleich Ottmar ebensowenig wie die übrige Gesellschaft an der galanten Huldigung des entzückten Fürsten einen Anstoß zu nehmen schien, so war er und noch mehr Frau von Eisenberg von Idas Antwort überrascht, da besonders die letztere von dem Geist der jungen Frau gerade keine allzu große Meinung hatte und sie sogar für etwas beschränkt hielt, weshalb sie auch mit einer gewissen Geringschätzung auf dieselbe herabschaute.

Ida dagegen fühlte sich von den Eindrücken des heutigen Tages wie berauscht. Unwillkürlich nahmen ihre Gedanken einen höheren Flug und ihre Seele einen begeisterten Aufschwung. Auch ihre Züge erschienen schöner, ihre Augen glänzender, ihr ganzes Wesen bedeutender, wie eine verschlossene Knospe, die sich plötzlich zur herrlichen Blüte entfaltet.

Nicht nur das Meer, sondern auch der Menschengeist und das Herz hat seine Ebbe und Flut, von der geheimen Macht der Natur beeinflußt, von dem uns unbekannten Wirken und Walten der Gestirne und den unsichtbaren Kräften der Elemente angezogen und getragen.

Weit mehr als wir es ahnen und glauben, sind auch wir von der Außenwelt, von unserer Umgebung abhängig und den einigen Gesetzen des Kosmos unterworfen.

So wurde auch Ida in diesem Augenblick durch das großartige Naturschauspiel und die damit verbundene Erinnerung an Byron gleichsam emporgehoben und der niederen Prosa des Lebens entrückt.

Leider aber sollte diese hohe, reine Stimmung nicht andauern, da die übrige Gesellschaft bald wieder in den alten, frivolen Ton verfiel und sich während des unterdes aufgetragenen Soupers in gewohnter Weise gehen ließ.

Man trank, scherzte und lachte nur noch mehr und freier über die geistreichen Bemerkungen der Frau von Eisenberg und über die pikanten Anekdoten und zweideutigen Witze des alten Roué, der seiner cynischen Laune keinen Zwang anthat.

Auch Ottmar beteiligte sich lebhaft au der lauten Unterhaltung, mehr als je von der heiteren Laune und der Koketterie der interessanten Witwe entzückt, die alle ihre Kräfte aufbot, um ihren Verehrern zu gefallen.

Schmerzlich berührt von dem Treiben der Gesellschaft, das so wenig mit ihren Empfindungen und Anschauungen harmonierte, erhob sich Ida nach beendetem Souper, um sich zurückzuziehen, indem sie sich mit ihrer großen Müdigkeit entschuldigte.

Als aber der Baron zugleich aufstand und Miene machte, seine Frau zu begleiten, hielt ihn, wie Ida bemerkte, ein halb gebieterischer, halb verführerischer Blick seiner schönen Nachbarin zurück.

»Geniere dich nicht!« sagte er ruhig, sich wieder niedersetzend. »Ich bin nicht schläfrig und bleibe noch auf, wenn du es erlaubst.«

»Sehr gern!« entgegnete Ida mit geheuchelter Gleichgültigkeit. »Ich will dich nicht in deinem Vergnügen stören und der angenehmen Gesellschaft berauben.«

»Schlaf' wohl –«

»Und träumen Sie nicht zu viel von dem schönen Lord Byron und dem poetischen Manfred!« rief ihr Frau von Eisenberg spöttisch nach.

Ohne sich umzuwenden, verließ Ida mit schwerem Herzen den Saal und begab sich allein auf ihr einsames Zimmer. Aber sie konnte nicht schlafen, da sie durch diese neue Kränkung zu aufgeregt war.

Ihr Herz zog sich krampfhaft zusammen, daß sie zu ersticken glaubte. Ihr Kopf glühte wie im Fieber. Mit zitternden Händen öffnete sie das Fenster, um frische Luft zu schöpfen und sich abzukühlen.

Vor ihren Blicken lag die Landschaft, wie im tiefen Schlaf. Am blauen Himmel stand der silberne Mond und unzählige Sterne funkelten im goldenen Glanz. Ihr mildes Licht durchzitterte das weite All.

Wie verklärt strahlte die erhabene Jungfrau und das prächtige Silberhorn, während das wild zerrissene Trümleten-Thal stumm und grausig wie das wüste Chaos zu ihren Füßen gähnte. Alle Umrisse und die Konturen der Berge erschienen ihr schärfer und klarer, als am hellen Tage, und doch auch sanfter und harmonischer, gleichsam vergeistigt und versöhnt.

Die Gletscher und Schneefelder schimmerten wie silberne Feenschlösser, von seligen Geistern bewohnt. Aus den Schluchten und Thälern stieg ein feiner, durchsichtiger Nebel auf, der, vom Mondlicht durchwebt, einen geheimnisvollen Schleier über die dämmernde Tiefe breitete.

Die ganze Welt lag so still, ruhig und heilig da, als ob alles Leid verschwunden, alle Kämpfe verstummt wären.

Der Friede der Natur, der Ida jetzt umfing, wirkte wie ein milder Balsam besänftigend auf ihr Gemüt und linderte ihre bitteren Qualen.

Plötzlich erschallte wieder lauter Lärm, wüster Gesang und Gläserklang, wie ein greller Mißton die nächtliche Ruhe störend.

Deutlich konnte sie die bekannte Stimme Ottmars, das faunische Gelächter des Roué und das kokette Girren und Kichern der Frau von Eisenberg durch das geöffnete Fenster vernehmen. Wieder regte sich der kaum bezwungene Groll in ihrem Busen und ihr empörtes Herz wurde von Liebe und Haß, von Gram und Trauer bestürmt.

Sie wollte sich entfernen, aber sie stand wie festgebannt, atemlos lauschend und spähend, als sie plötzlich in der Nähe des Hotels zwei ihr nur zu gut bekannte Gestalten im hellen, verräterischen Mondschein bemerkte.

Nur wenige Schritte von ihr entfernt sah sie das verhaßte Weib, von den Armen des durch Lust und Wein berauschten Baron umschlungen.

Bei diesem Anblick stieß sie einen leisen Schrei aus und sank weinend auf ihr Lager nieder.

V.

Eine einzige Nacht genügte, Ida aus einem schuldlosen, heitern Kind in eine klar bewußte, ernste Frau zu verwandeln. Der Schleier war zerrissen, ihre Illusionen geschwunden und ihr Ideal zerstört.

Ein unbeschreiblicher Schmerz nagte und wühlte in ihrem Herzen, aber kein Wort, kein Blick, keine Klage und kein Vorwurf verriet ihr verborgenes Leid.

Nur eine stille Trauer, eine schmerzliche Resignation lag wie ein trüber Flor auf ihren Wangen und verlieh ihren bleichen Zügen einen neuen eigentümlichen Reiz.

Auch Ottmar befand sich in gedrückter Stimmung und konnte eine ihm peinliche Verwirrung nicht überwinden, so oft er ihren traurigen, vorwurfsvollen Blicken begegnete, obgleich er nicht ahnte, daß ihr seine im Weinrausch begangene Untreue bekannt war.

Trotzdem erfüllte ihn die bloße Erinnerung an den gestrigen Abend mit einer Anwandlung von Scham und Reue und verschloß ihm den Mund, so daß beide nur einige gleichgültige, nichtssagende Worte mit einander wechselten.

Während des gemeinsamen Frühstücks vermied er auch aus demselben Grunde absichtlich jede nähere Berührung mit Frau von Eisenberg, die er nur flüchtig und unwillkürlich errötend begrüßte.

Die ganze Gesellschaft schien heute abgespannt und übermüdet, wie nach einer durchschwärmten Nacht. – Das Gespräch stockte und selbst die zweideutigen Scherze des Herrn von Gräfenitz fanden keinen Anklang und erregten kaum ein schwaches, gezwungenes Lächeln.

Dazu hatte sich noch der gestern so klare Himmel nach Sonnenaufgang umzogen und das dunkle, schwer niederhängende Gewölk drohte mit Regen, weshalb auch die Führer zum schnellen Aufbruch rieten, um noch vor Eintritt des schlechten Wetters nach Lauterbrunnen zu kommen, wo die Wagen warteten.

Unter diesen Umständen wurde eilig der Rückweg angetreten. Von düsteren Wolken bedeckt, sank die hohe Jungfrau immer tiefer und dichter Nebel verhüllte bald jede Aussicht.

In jähem Abfall führte der steile Saumpfad an Schwindel erregenden Abgründen und grausen Schluchten vorüber, in deren Tiefe der wilde Föhn brauste und die aufgeregten Gebirgsbäche unheimlich rauschten.

Wie von einer unwiderstehlichen Gewalt gezogen, beugte sich Ida von ihrem Roß herab und blickte schaudernd in den gähnenden Abgrund zu ihren Füßen.

Ein Fehltritt des Pferdes, ein zufälliger Sturz und alle ihre Leiden hatten ein schnelles Ende. – Nur die Erinnerung an ihre Eltern schützte sie vor der gefährlichen Versuchung.

Plötzlich stand der Fürst in ihrer Nähe und wich nicht mehr von ihrer Seite, als ob er ihre geheimen Gedanken erraten hätte und sie vor sich selbst beschützen wollte.

»Geben Sie acht, gnädige Frau!« warnte er besorgt. – »Sie können leicht schwindlig werden und herunterfallen von das Pferd, wenn Sie so nahe reiten an dem Abgrund.«

»Was ist daran gelegen?« entgegnete sie schmerzlich lächelnd. »Ich fürchte nicht den Tod.«

»Aber es würde mich sehr betrüben, mir schrecklich leid thun, wenn Sie ein Unglück hätten.«

»Sie würden sich schnell trösten und mich bald vergessen.«

»O! Sagen Sie das nicht. Ich werde Sie nicht vergessen, niemals, niemals! Wenn ich Sie sehe, dann muß ich immer denken an meine gute Mutter, die ich auch nicht vergessen kann, wenn sie auch schon viele Jahre tot ist.«

»Sie haben gewiß Ihre Mutter sehr geliebt.«

»Mehr als mein Leben!« erwiderte er mit bebender Stimme. »Sie ist gewesen eine Heilige, mein guter Engel. – Seitdem sie ist gestorben, bin ich sehr, sehr unglücklich, einsam und verlassen, wie ein verirrter Wanderer in der wüsten Steppe. –«

Je länger aber der Fürst in diesem ihm sonst fremden Tone sprach, desto mehr fühlte sich Ida von der ihm eigenen, sanften Melancholie angezogen, die grade heute ganz besonders mit ihrer stillen Trauer harmonierte.

Die Pietät für seine verstorbene Mutter und die zarte Teilnahme, die er ihr selbst bewies, erhöhte noch ihr Interesse und ihre Sympathie für den treuen Begleiter, der trotz seiner Frivolität ein tieferes Gefühl und ein warmes Herz verriet.

Seine ebenso geistvolle, als feine und diskrete Unterhaltung that ihr jetzt wohl und lenkte sie von ihren peinlichen Gedanken ab, so daß ihr seine Gesellschaft angenehm war, da er sie durch seine interessanten Bemerkungen zerstreute.

Wie so viele vornehme Russen, war auch Fürst Sakulin einer jener herumschweifenden Nomaden der großen Welt, die ein rastloses Wanderleben führen und unbefriedigt ohne Ziel und Zweck umherschweifen, von einer inneren Unruhe getrieben.

Er hatte nicht nur alle großen Städte und berühmten Punkte in Europa gesehen, sondern auch den Orient bereist und wußte die empfangenen Eindrücke mit einer gewissen Frische wiederzugeben und seine abenteuerlichen Erlebnisse mit natürlicher Anmut zu erzählen.

Zugleich ließ er sie unbewußt einen Blick in seinen seltsamen Charakter thun, der ein wunderliches Gemisch von Kindlichkeit und Blasiertheit, von Herzensgüte und Menschenverachtung, von Naivetät und Schlauheit, von ritterlichem Edelmut und gewissenloser Leichtfertigkeit zeigte.

Nicht minder überraschte er durch den seinen Landsleuten eigenen jähen Wechsel seiner Gefühle und Gedanken, indem er mit unbegreiflicher Schnelligkeit von einem Extrem zum anderen, von Liebe zu Haß, von höchster Begeisterung zu kalter Gleichgültigkeit, von wilder Aufregung zu apathischer Schlaffheit übersprang und keinen noch so tiefen Eindruck lange festzuhalten vermochte.

Wie weicher Thon in den Händen des Töpfers, wie ein Instrument unter den Fingern des Musikers, nahm der Fürst die Eindrücke seiner Umgebung an, ebenso empfänglich für ihre guten, wie für ihre schlechten Einflüsse und darum auch unberechenbar in seinen Entschlüssen und Handlungen, um so gefährlicher durch die Unbeständigkeit seines Charakters und seine Schwäche, da er damit eine große persönliche Liebenswürdigkeit verband.

So erschien er auch jetzt in Idas Gesellschaft gleich dem Wasser eines Sees, der die Farbe seines Grundes und die Erscheinungen seines Ufers auf seiner Oberfläche widerspiegelt, von jedem Lufthauch bewegt.

Von ihrer Reinheit und Unschuld entzückt, gab er ihr nur ihr eigenes Bild zurück, war er in diesem Augenblick, wie sie selbst, harmlos, gut und rein, so daß sie nicht an seiner Aufrichtigkeit zweifelte und sich unbefangen der Unterhaltung des fein gebildeten Mannes überließ, der sie durch seine Originalität in hohem Grade interessierte.

Dagegen schritt Ottmar, gegen seine sonstige Gewohnheit, auffallend still an der Seite der Frau von Eisenberg her, die sich vergebens bemühte, ihn aus seinen trüben Gedanken zu reißen.

Selbst ihre besten Witze und ihre glänzendsten Einfälle vermochten nicht seine Teilnahme zu erregen und verfehlten heute die beabsichtigte Wirkung.

»Wissen Sie auch,« sagte sie, ärgerlich über das ihr lästige Schweigen, »daß Sie auf dem besten Wege sind, langweilig zu werden? Ich glaube wirklich, daß die Ehe die meisten Menschen dumm und ungenießbar macht.«

»Möglich!« erwiderte er zerstreut. »Ich bin heute gerade nicht aufgelegt.«

»Das wundert mich nicht. Man hat Ihnen wohl eine Gardinenpredigt gehalten oder eine kleine Szene gemacht, weil Sie gestern auf sich warten ließen. Madame sieht etwas verschnupft aus und der Herr läßt den Kopf hängen. – Das kennen wir.«

»Bitte, reden wir von etwas anderem!«

» Tu l'as voulu, George Dandin!« fuhr Frau von Eisenberg in spöttischem Tone fort. – »Leute, wie Sie, sollten gar nicht heiraten und das mehr als zweifelhafte Glück den Philistern und Schwachköpfen überlassen. Ich begreife nicht, wie ein geistreicher Mann so thöricht sein kann, sich für immer zu binden.«

»Ich kenne klügere Leute, wie Sie und ich, welche die Dummheit begangen haben und sich dabei ganz glücklich fühlen.«

»Die Ausnahmen beweisen nur die Regel, daß die Ehe das Grab der Liebe ist. Sagen Sie selbst, ob es eine größere Lächerlichkeit, eine bedauernswertere Verirrung geben kann, als ein Institut, das der ganzen menschlichen Natur widerstrebt. Unsere Gedanken und Gefühle sind flüchtiger, als Wind und Welle. Was uns heute entzückt und begeistert, läßt uns morgen kalt, und wofür wir in diesem Augenblick schwärmen, ist uns im nächsten gleichgültig. Niemand kann für die Dauer seiner Stimmung, für seine Neigung auch nur auf eine Stunde einstehen. Ist es daher nicht eine sträfliche Vermessenheit, das feinste und sublimste aller Gefühle gleich einem Sonnenstrahl einzufangen, den Duft der Rose festhalten zu wollen, das leicht bewegte Herz in Ketten zu schmieden, die Liebe zu fesseln und ewige Treue einander zu schwören?«

»Allerdings!« seufzte Ottmar unwillkürlich. »Wenn ich gewußt hätte –«

»Warum haben Sie nicht noch länger gewartet und sich übereilt? Denken Sie, Ottmar, wenn wir beide noch frei wären! Die Götter im Olymp würden uns um unser Glück beneidet haben.«

Dabei sah sie ihn mit einem jener dämonisch verlockenden Blicke an, mit denen sie wie die Schlange ihre Opfer bezauberte und anzog.

Ein plötzlicher Regenschauer hinderte jedoch die Fortsetzung des aufregenden Gesprächs und zwang Frau von Eisenberg, mehr auf ihre Toilette, als auf ihren Anbeter zu achten, da der ungestüme Wind ihr die nassen Tropfen ins Gesicht jagte und ihre Frisur zerzauste.

Um sich vor der Wut des Unwetters zu schützen, hüllte sie sich in ihren Regenmantel und zog den Schleier dicht über das Gesicht, ängstlich besorgt um ihren Teint und ihre falsche Haartour. Zum Glück war das Ziel nicht mehr allzufern. Nach einer allerdings höchst beschwerlichen und unangenehmen Viertelstunde langte die Gesellschaft zwar durchnäßt aber wohlbehalten in Lauterbrunnen an, wo sie in dem bekannten »Hotel zum Steinbock« ein behagliches Asyl fanden.

Erschöpft von der anstrengenden Tour sank Frau von Eisenberg sogleich auf den nächsten Stuhl nieder, nachdem sie Mantel und Schleier abgeworfen hatte, unbekannt mit den Verwüstungen, die ungeachtet aller Vorsicht der tückische Sturm und Regen angerichtet hatte.

Ihr prächtiges, rotblondes Haar hing in wirren, feuchten Strähnen um die gerunzelte Stirn und zeigte eine verdächtige, fahle Farbe. Die dunkeln Augenbrauen waren verwischt und die sonst roten Wangen mit gelblichen Flecken bedeckt.

In einem Augenblick schien die schöne Witwe wie durch einen bösen Zauberer verwandelt, um viele Jahre gealtert, so daß ihre Begleiter sie erschrocken anstarrten und kaum ein verlegenes Lächeln unterdrücken konnten.

Erst ein Blick in den ihr gegenüber hängenden Spiegel belehrte die entsetzte Dame über die Ursache der fatalen Metamorphose. Bestürzt, aber schnell wieder gefaßt, schützte sie ein plötzliches Unwohlsein vor und entfernte sich, gefolgt von dem herbeigerufenen Stubenmädchen, um ihre derangierte Schönheit, so gut dies die Verhältnisse und die ihr zu Gebote stehenden Mittel gestatteten, eiligst wieder herzustellen.

Obgleich die zurückgebliebene Gesellschaft zu diskret und zu gut erzogen war, um über den kleinen Unfall eine Bemerkung zu machen, so hatte doch das tragikomische Ereignis einen unangenehmen Eindruck hinterlassen und der Glauben an die Schönheit der verführerischen Witwe war bedeutend erschüttert.

Der für alle Einflüsse so leicht empfängliche Fürst konnte sich nicht so schnell von seiner Enttäuschung erholen und stellte heimlich Vergleichungen zwischen der künstlichen Schönheit der interessanten Dame und den natürlichen Reizen der jungen Frau an, denen Regen und Wind keineswegs geschadet hatten.

Von ähnlichen Gedanken erfüllt, näherte sich Ottmar der von ihm bisher vernachlässigten Ida, die ebensosehr durch die ungünstige Verwandlung der Frau von Eisenberg, wie durch die ihr von dem Fürsten dargebrachten Huldigungen in seinen Augen gestiegen war.

Im stillen machte er sich Vorwürfe über seine Verblendung und suchte den begangenen Fehler durch erhöhte Freundlichkeit und Aufmerksamkeit wieder gutzumachen.

Leider war aber Ida in ihrer augenblicklichen Stimmung weniger als je geneigt, sich mit ihm zu versöhnen und dem reuigen Sünder zu verzeihen.

Zu tief durch seine Untreue verletzt, begegnete sie ihm mit einer kalten Zurückhaltung, die seine guten Regungen im Keime erstickte und ihn zugleich beleidigte und reizte.

Aus diesem Grunde zog er sich auch wieder von ihr zurück, um sich von neuem seiner alten Freundin zuzuwenden, die schon nach kurzer Zeit völlig restauriert und erholt, durch verdoppelte Liebenswürdigkeit ihr Mißgeschick vergessen zu machen suchte.

Bald gelang es ihr auch, mit Hilfe ihrer Kunst und Koketterie den unangenehmen Eindruck zu verwischen und durch ihre aufgefrischte Schönheit und bezaubernde Laune ihre Verehrer zu täuschen, so daß sie einen unter so mißlichen Umständen wahrhaft bewunderungswürdigen Triumph feierte, den sie allerdings hauptsächlich dem Stolz und Eigensinn ihrer erzürnten Nebenbuhlerin verdankte.

Von Ida trotz seines freundlichen Entgegenkommens zurückgewiesen, schloß sich Ottmar nur um so enger an die gefährliche Frau an, bei der er jene freien Ansichten, jene Leichtigkeit des Lebens und sich immer gleich bleibende Heiterkeit fand, die er an seiner Frau am meisten vermißte.

So trug die verhängnisvolle Partie auf die Wengern-Alp nur dazu bei, die bereits vorhandene Kluft zu erweitern und die Gemüter nur noch mehr zu entfremden und zu erkälten.

Gleich nach seiner Ankunft in Interlaken setzte der Baron sowohl offen wie auch heimlich den Verkehr mit Frau von Eisenberg und ihrem Anhang fort, ohne sich um Idas Abneigung gegen die frivole Gesellschaft zu kümmern.

Von dieser mit offenen Armen und bezaubernder Freundlichkeit empfangen, brachte er meist seine freie Zeit in der Nähe der reizenden Witwe zu, mit der er sich auf das beste unterhielt und für die Zurückhaltung seiner Frau entschädigte.

Dagegen überließ sich Ida mit der ganzen Ueberschwänglichkeit und Heftigkeit der unerfahrenen Jugend ihrem Schmerz einer ersten Enttäuschung, indem sie sich für die unglücklichste Frau der Welt hielt und um ihre verlorenen Illusionen weinte.

Trotzdem liebte sie Ottmar noch eben so sehr und fast noch leidenschaftlicher als früher, während er selbst an der Seite der verführerischen Witwe eine ihm unerklärliche Unruhe empfand und mitten in der heitersten Unterhaltung unwillkürlich an seine verlassene Frau denken mußte, zu der er, wie von einer unwiderstehlichen Gewalt getrieben, immer wieder zurückkehrte.

In solchen Augenblicken fühlte der Baron das Bedürfnis, sich mit Ida auszusprechen und sie nach dem Grund ihres geheimen Kummers und ihres veränderten Benehmens zu fragen. Aber die eisige Kälte, womit sie ihn empfing und jeder Verständigung auswich, ließ auch auf seinen Lippen das versöhnende Wort ersterben.

»Was fehlt dir?« fragte er sie bei einer solchen Gelegenheit. »Ich finde dich seit einiger Zeit so verwandelt, daß ich dich kaum wiederkenne. Willst du mir nicht sagen, was mit dir vorgeht?«

»Nichts! nichts!« murmelte sie, sich abwendend, um ihre Thränen zu verbergen. »Ich glaube nur, daß mir der Aufenthalt in Interlaken nicht bekommt, und möchte deshalb je eher je lieber wieder abreisen.«

»Das begreife ich nicht,« entgegnete er unmutig. – »Ich kann mir kein angenehmeres Leben denken, und wenn du dich nicht amüsierst, so muß die Schuld nur an dir liegen. In der ganzen Schweiz findet man keine schönere Gegend, keine gesundere Luft, keinen größeren Komfort und keine bessere Gesellschaft als gerade in Interlaken.«

»Gerade die Gesellschaft gefällt mir nicht. Du weißt, daß der Ton deiner Bekannten mir zuwider ist.«

»Ich zwinge dich nicht, mit ihnen umzugehen. Aber du kannst ebensowenig von mir verlangen, daß ich auf den Verkehr mit meinen alten Freunden verzichte. Ich lasse dir völlige Freiheit, den ganzen Tag mit dem General und Frau von Brand zuzubringen, aber du mußt mir nicht zumuten, mich mit den alten Leuten zu langweilen. In dieser Beziehung dulde ich keinen Zwang und lasse ich mich von keinem Menschen beschränken.«

»Das ist auch nicht meine Absicht. Ich glaube nur, daß die Wünsche deiner Frau doch auch einige Beachtung beanspruchen dürfen.«

»Gewiß, wenn sie vernünftig sind, aber ich bin nicht gesonnen, jeder deiner Launen nachzugeben.«

»Ich bin nicht launenhaft,« entgegnete sie empfindlich. »Wir sind schon zu lange in Interlaken geblieben. Warum reisen wir denn nicht nach Italien, wie dies ursprünglich dein Plan war?«

»Weil,« erwiderte er stockend, »weil es da augenblicklich viel zu heiß ist und ich das warme Klima nicht vertragen kann.«

»Sage nur die Wahrheit,« versetzte sie gereizt, »daß du dich nicht von deinen Freunden trennen willst. – Ich sehe nur, daß sie dir näher stehen und lieber sind, als ich.«

»Und ich gestehe dir, daß dein Eigensinn wirklich unerträglich ist.«

Wie gewöhnlich endete der sich öfters wiederholende Streit damit, daß Ottmar sie im Zorn verließ und zu Frau von Eisenberg eilte, wogegen Ida allein mit ihrem Schmerz blieb.

Wenn auch beide äußerlich die zunehmende Spannung zu verheimlichen und sich der Welt gegenüber den Anschein des besten Einverständnisses zu geben suchten, so konnten ihre inneren Zerwürfnisse den scharfen Blicken einer so klugen und erfahrenen Matrone, wie Frau von Brand, nicht allzulange verborgen bleiben.

Wider Willen verrieten die bleichen Wangen, die traurigen Blicke und das gedrückte Wesen der jungen Frau, wie die Reizbarkeit und gezwungene Haltung des Barons das sorgfältig gehütete Geheimnis ihrer Entzweiung, so daß Frau von Brand nicht länger an der Richtigkeit ihrer Vermutungen zweifeln konnte.

»Ich fürchte,« sagte sie eines Tages dem General, »daß die Flitterwochen unserer jungen Freunde bereits vorüber sind, was nur sehr leid thut.«

»Wie kommst du darauf?« fragte der alte Herr überrascht. »Das Pärchen scheint mir ja so zärtlich und glücklich, wie zwei Turteltauben.«

»Du irrst dich, lieber Mann! Der Schein trügt, aber ich lasse mich nicht so leicht täuschen und mir kein X für ein U machen. In solchen Dingen sehen wir Frauen zehnmal schärfer, wie die blinden Männer. Ich brauche nur das arme Kind zu beobachten, um zu wissen, was ihr fehlt.«

»Das junge Frauchen wird ein wenig Heimweh haben und sich nach ihren Eltern sehnen. Das kennen wir, und ich wundere mich nicht, daß der Mann zuweilen die Geduld verliert, wenn sie ihm mit ihren Klagen den Kopf warm und das Leben schwer macht.«

»Meinst du?« versetzte Fran von Brand ironisch. »Umgekehrt: der arme Mann vernachlässigt seine kleine Frau in himmelschreiender Weise und gibt ihr Grund zu gerechten Klagen.«

»Natürlich!« spottete der General gutmütig. »Der Mann muß immer unrecht haben und ist stets der schuldige Teil. Wir sind einmal schreckliche Ungeheuer, Tyrannen und Barbaren.«

»Das seid ihr auch,« entgegnete die alte Dame im komischen Zorne, »Tyrannen, Egoisten, die unsere Liebe gar nicht verdienen und zu schätzen wissen.«

»Na, die Frauen sind auch nicht immer Engel,« scherzte der humoristische General.

»Aber noch immer viel zu gut für euch. Ist es wirklich unverzeihlich, unerhört, wie sich Herr von Bohlen gegen seine Frau beträgt?«

»Was hat er ihr denn gethan?«

»Und das kannst du noch fragen? Wo hast du denn deine Augen? Siehst du denn nicht, daß der Baron auf dem besten Wege ist, sich und das arme Kind unglücklich zu machen, wenn er nicht bald die schlechte Gesellschaft aufgibt, in die er hier geraten ist? An deiner Stelle würde ich einmal ernstlich mit ihm sprechen und ihm seinen Standpunkt klar machen.«

»Das werde ich hübsch bleiben lassen. Zwischen Eheleute soll kein Fremder treten und sich nicht einmischen, wenn sie etwas mit einander vorhaben. Damit schadet man mehr als man nützen kann.«

»Da hast du recht,« entgegnete die alte Dame. »Aber das liebe Kind dauert mich; ich möchte ihr gern helfen und ihr einen guten Rat geben, wie sie sich unter diesen Verhältnissen zu benehmen hat.«

»Das kannst du thun. Aber warte erst ab, bis man dich fragt.«

Damit war auch die kluge Frau einverstanden. Da sie aber das innigste Mitleid mit Ida hatte und diese in ihrer Verlassenheit das Bedürfnis fühlte, ihren Kummer der mütterlichen Freundin anzuvertrauen, so fand sich bald die gewünschte Gelegenheit zu einem solch herzlichen Zwiegespräch.

Nachdem Ida unter Thränen der würdigen Matrone die Ursache ihres Kummers gestanden und ihr jene schmerzliche Entdeckung auf der Wengern-Alp mehr angedeutet als wirklich mitgeteilt hatte, suchte Frau von Brand die Aufgeregte zu trösten, mit freundlichen Worten zu beruhigen und ihren Verdacht ihr auszureden.

»Sie werden sich vielleicht getäuscht und Ihren Mann verkannt haben,« sagte sie gegen ihre Ueberzeugung. »In der Nacht kann man sich leicht irren und die Menschen mit einander verwechseln. Ich möchte eher glauben, daß es der Fürst Sakulin mit Frau von Eisenberg waren.«

»Der Mond schien ganz hell, so daß ich nicht zweifeln konnte. Ottmar stand dicht unter dem Fenster und ich sah ihn so deutlich, wie am hellen Tag.«

»Selbst das würde noch nichts beweisen. Ihr Mann ist ein alter Freund der Frau von Eisenberg und da nimmt man sich leicht eine Freiheit heraus, noch dazu, wenn man in animierter Stimmung sich befindet und vielleicht ein Glas zu viel getrunken hat. Deshalb würde ich mir kein graues Haar wachsen lassen und mir die Geschichte nicht so zu Herzen nehmen. Man muß mit den Männern Nachsicht haben und ihnen schon eine kleine Sünde verzeihen.«

»Nennen Sie das eine kleine Sünde und können Sie eine solche Treulosigkeit entschuldigen?« fragte Ida empört.

»Gott behüte! Aber man muß zwischen einer leichten Verirrung und einer wirklichen Untreue unterscheiden. – Wenn auch einmal ein Mann gegen eine fremde Frau galant ist und ihr den Hof macht, so hat das nicht viel zu bedeuten, so lange nur die Sinne und nicht das Herz ergriffen sind. Solche Schwächen sind nicht gefährlich und ohne alle Folgen, wie ich Sie aus eigener Erfahrung versichern kann. – Nur wenn der Mann wirklich eine andere mehr liebt, als seine eigene Frau, macht er sich einer Untreue schuldig.«

»Leider scheint dies der Fall zu sein,« klagte Ida bewegt. »Ottmar bewundert Frau von Eisenberg und stellt mir ihre Frivolität, ihre Leichtfertigkeit und abscheuliche Koketterie zum Muster auf. Soll mich das nicht betrüben und kränken?«

»Gewiß!« versetzte Fran von Brand lächelnd. »Aber Sie dürfen kein allzu großes Gewicht auf solche Aeußerungen legen und daraus nicht auf den Mangel an Liebe schließen. Die besten Männer, selbst mein guter Alter nicht ausgenommen, schätzen das am meisten, was sie selbst nicht haben und bei andern sehen. Das ist freilich nicht angenehm, aber unter Umständen recht nützlich und heilsam für uns, indem wir dadurch angespornt werden, mehr auf unsere Fehler zu achten und uns die Eigenschaften und Vorzüge zu erwerben, die unsern Männern an andern gefallen.«

»Sie werden mir doch nicht zumuten, mir ein Beispiel an dem Weibe zu nehmen?«

»Warum denn nicht? Man kann und soll von seinen Feinden lernen. So sehr mir auch persönlich Frau von Eisenberg mißfällt und eine so schlechte Meinung ich auch von ihrem Charakter habe, so läßt sich nicht leugnen, daß sie eine höchst interessante Erscheinung ist, geistvoll, witzig, pikant und unterhaltend, grade wie es die Männer lieben. Ich sehe deshalb nicht ein, warum sich eine tugendhafte Frau nicht bemühen soll, ebenso liebenswürdig und amüsant wie diese Dame zu sein, wenn sie damit ihrem Mann einen Gefallen erweist. Ein echter Demant verliert nicht, sondern gewinnt nur durch seine schöne Fassung.«

»Ich verabscheue aber all' solche Künste und verachte jede Koketterie,« erwiderte Ida heftig.

»Da thun Sie unrecht, mein liebes Kind, und schaden sich nur selbst am meisten. Die Natur hat einmal uns Frauen darauf angewiesen, den Männern zu gefallen, und darum dürfen wir auch die dazu nötigen Mittel nicht verschmähen. Ich verlange ja nicht, daß Sie eine solche Kokette wie Frau von Eisenberg werden; aber ich finde es auch nicht in der Ordnung, daß Sie Ihrem Mann nicht die geringste Konzession machen wollen und Ihr Licht unter den Scheffel stellen. Selbst eine kleine Koketterie ist erlaubt, wenn wir unsere Männer damit glücklich machen.«

»Wenn wir aber sehen, daß der Mann uns vernachlässigt und uns eine andere Frau vorzieht –«

»So müssen wir nur unsere Bemühungen verdoppeln und um so liebenswürdiger sein.«

»Das läßt mein Stolz, meine weibliche Ehre nicht zu.«

»Und lieber setzen Sie Ihr und sein Lebensglück, Ihre ganze Zukunft aufs Spiel,« versetzte Frau von Brand ernsthaft. »Glauben Sie mir, mein liebes Kind, mit Stolz, Trotz und Eigensinn richten wir nichts aus, erschweren wir uns nur und unseren Männern das Leben. Demut, Güte, Milde und Geduld, das sind die Waffen des schwachen Weibes, womit sie den stärksten Mann besiegt, indem sie ihn durch ihre Liebe glücklich macht.«

»Ich danke Ihnen und werde Ihren Rat befolgen,« sagte Ida sanft, indem sie mit ehrfurchtsvoller Zärtlichkeit die Hand der alten Dame trotz ihres Widerstrebens küßte.

VI.

Wie sehr sich aber auch die junge Frau die guten Lehren und klugen Ratschläge ihrer mütterlichen Freundin ernstlich zu Herzen nahm, so fand sie doch nicht sobald den gewünschten Frieden, da Ottmar in seiner augenblicklichen Verblendung ihr liebevolles Benehmen und ihre versöhnliche Stimmung nicht zu bemerken schien.

Außerdem drohten neue Verwicklungen und unerwartete Prüfungen die kaum gewonnene Ruhe ihres Herzens zu erschüttern und ihre Hoffnung auf eine glückliche Lösung der verwirrten Verhältnisse zu zerstören.

Seit jenem unglücklichen Abend auf der Wengern-Alp interessierte sich Fürst Sakulin sichtlich für Ida und zwar um so mehr, je näher er sie kennen lernte, wozu ihm nicht die Gelegenheit fehlte, da der Baron mit ihr täglich auf dem Höhenweg oder des Abends im Kursaal mit Frau von Eisenberg und ihrer Gesellschaft zusammenkam.

Eifrig bemüht, den Rat der würdigen Matrone zu befolgen, widersetzte sie sich nicht länger seinen Wünschen. Zugleich verwendete sie eine größere Aufmerksamkeit auf ihre Toilette und auf all jene ihr bisher gleichgültigen Aeußerlichkeiten, die Ottmar so sehr an der verführerischen Witwe bewunderte. Wenn auch die bescheidene Schülerin eine so vollendete Meisterin in all diesen Künsten nicht erreichte, so besaß sie außer dem den Frauen angeborenen Instinkt und Talent, zu gefallen, auch noch den großen Vorzug der Jugend und den Zauber der Unschuld, wodurch sich der Fürst ganz besonders zu ihr hingezogen fühlte.

Dazu, kam noch das ihm keineswegs unbekannte Verhältnis zwischen dem Baron und Frau von Eisenberg, um ihn noch mehr aufzuregen und zur gerechten Revanche an beiden zu reizen. Alle diese Gründe bestärkten ihn nur in seiner Neigung, die den scharfen Blicken seiner bisherigen Geliebten, welche er noch vor kurzem zu heiraten gedachte, nicht verborgen bleiben konnte. Obgleich der Fürst ihr völlig gleichgültig war und seine Bewerbung nur ihrer Eitelkeit schmeichelte, konnte Frau von Eisenberg ihrer Nebenbuhlerin nicht einen solchen Triumph verzeihen.

Da sie aber ihrem blasierten Anbeter kein tieferes und dauerndes Gefühl zutraute und ihre Herrschaft über den schwachen Mann für unerschütterlich hielt, so beschloß sie die neue Leidenschaft desselben für ihre geheimen Zwecke zu benutzen und sich zugleich an Ida zu rächen, indem sie den Baron durch Erregung seiner Eifersucht nur noch mehr mit jener zu entzweien und womöglich durch einen öffentlichen Skandal einen unausbleiblichen Bruch zwischen dem jungen Ehepaar herbeizuführen hoffte.

Statt daher dem Fürsten wegen seiner Treulosigkeit Vorwürfe zu machen, gab sie sich den Anschein seine Liebe zu ignorieren oder selbst zu billigen.

»Ich gratuliere Ihnen,« sagte sie spöttisch eines Abends, wo er Ida während des Konzertes auffallend bevorzugt und den Hof gemacht hatte.

»Darf ich Sie fragen, wozu Sie mir Glück wünschen?«

»Zu Ihrer jüngsten Eroberung.«

»Versteh' ich nicht, weiß ich nicht, was Sie damit meinen.«

»Ihre glänzenden Erfolge bei Frau von Bohlen.«

»O!« erwiderte er errötend. »Sie wollen sich nur lustig machen über mich. Ich versichere Sie, daß Sie sich täuschen.«

»Verräter! Können Sie leugnen, daß Sie für die Baronin schwärmen und von ihr entzückt sind?«

»Ich habe allerdings eine große Achtung für die Dame und verehre sie wie eine Heilige.«

» Cela n'empêche pas l'amour,« scherzte Frau von Eisenberg. »Die Heiligkeit ist kein Hindernis, sondern nur ein Reiz mehr für die Liebe. Wenn die Herren alles genossen haben und übersättigt sind, sehnen sie sich zur Abwechselung nach gewöhnlicher Hausmannskost und ziehen ein Glas fader Milch dem köstlichsten Champagner und Sillery vor. Ein Verhältnis mit einer tugendhaften Frau oder gar mit einer Heiligen wäre außerdem wirklich neu und pikant. Was meinen Sie dazu, mon cher prince?«

»Sehr gut, sehr schön! Aber Frau von Bohlen liebt ihren Mann und ist ihm treu.«

»Um so weniger wird sie ihm eine Untreue verzeihen und um so eher sich an ihm zu rächen suchen.«

» Vraiement!« versetzte er lebhaft. »Der Baron verdient eine solche Strafe, weil er seine gute Frau betrübt und ein so großes Glück nicht weiß zu schätzen. Eine kleine Lektion könnte ihm gewiß nicht schaden.«

»Und Sie sind ganz der geeignete Mann, sie ihm zu erteilen.«

»O! Sie belieben nur mit mir zu scherzen.«

»Ich habe wirklich nichts dagegen und gebe Ihnen gern die Erlaubnis, der kleinen Frau den Hof zu machen. – Es wird mich nur freuen, wenn Sie reüssieren.«

»Nein, nein! Sie wollen mich nur stellen auf Probe und mir legen eine Falle.«

»Keineswegs!« erwiderte sie ruhig. »Ich bin nichts weniger als eifersüchtig und gönne Ihnen von Herzen das Vergnügen.«

»Zu gütig!« entgegnete der Fürst mit einer gewissen Feinheit, an der es ihm nicht fehlte. »Sie geben mir eine unsichere Anweisung auf die Frau und verlangen dafür von mir einen sicheren Wechsel auf den Mann. Das ist ein schlechtes Geschäft für mich, wobei ich doppelt verliere und zu viel riskiere.«

»Sie werden sich zu trösten und zu entschädigen wissen. Nur keine falsche Scham, keine Gêne, keinen Zwang. Ueber all die Vorurteile sind wir erhaben. Wir kennen und verstehen einander. Vollkommene Freiheit in der Liebe und Ehe ist unsere Losung. So werden wir stets glücklich und friedlich wie die Engel im Himmel zusammenleben, wenn wir noch so thöricht sein sollten, uns einmal zu heiraten.«

Unbekannt mit all diesen Vorgängen und unbekümmert um die ihr drohende Gefahr, nahm Ida um so weniger Anstand, nach wie vor mit dem Fürsten in der bisherigen freundlichen Weise zu verkehren, da er ihr von der ganzen Gesellschaft am besten gefiel und sich trotz seiner Leidenschaft stets in den Schranken einer respektvollen Ergebenheit zu halten wußte.

In der That empfand der schwache, blasierte Mann zum erstenmal in seinem Leben eine früher nie gekannte Achtung, eine fast an Ehrfurcht grenzende Scheu vor der jungen Frau, zu der er wie zu einem höheren Wesen emporblickte.

Aus diesem Grunde beobachtete er in seinem ganzen Benehmen und in seiner Unterhaltung mit ihr eine Zartheit und Feinheit, die um so vorteilhafter von dem zweideutigen Ton ihrer Umgebung abstach und ihr Vertrauen zu seiner Zuverlässigkeit erhöhte.

Unter solchen Umständen entwickelte sich nach und nach, fast unmerklich zwischen beiden ein intimes Verhältnis, das zwar durchaus rein und unverfänglich, jedoch für die Beteiligten nicht ohne Bedenken und keineswegs ganz ungefährlich war.

Wie die meisten Männer, die das Leben aus eigener Erfahrung kennen und ihre Jugend nur zu sehr genossen haben, blieb auch Ottmar nicht frei von eifersüchtigen Anwandlungen, indem er trotz seiner eigenen Extravaganzen und frivolen Anschauungen nichts mehr fürchtete, als das Schicksal eines betrogenen Ehemannes.

Der bloße Gedanke an eine solche Möglichkeit versetzte ihn in eine unbeschreibliche Aufregung und beunruhigte ihn auf das höchste, obgleich Idas Liebe und Unschuld ihm hinlängliche Sicherheit für ihre Treue bot.

Bei seiner geringen Meinung von der Gewissenhaftigkeit der Männer und der Tugend der Frauen genügte schon ihre harmlose Freundlichkeit und die achtungsvolle Verehrung des Fürsten, seinen Verdacht zu erregen.

Außerdem unterließ Frau von Eisenberg nicht, durch ihre spöttischen Bemerkungen und boshaften Warnungen seine Eifersucht zu reizen.

»Ich finde,« sagte sie ironisch, »daß Ihre Frau sich wunderbar schnell bildet und überraschende Fortschritte macht. – Wenn sie so fortfährt, wird sie es noch weit bringen, und Sie können an ihr noch große Freude erleben.«

»Sie sprechen in Rätseln,« erwiderte er aufsehend. – »Wollen Sie nicht die Güte haben und mir erklären –«

»Mein Gott! Sie waren doch sonst nicht so schwerfällig im Begreifen. Sehen Sie denn nicht, daß sich Ihre Frau von dem Fürsten ziemlich stark den Hof machen läßt?«

»Was fällt Ihnen ein? Ida ist ein Kind, so rein und unschuldig –«

»Wie die Tauben,« spöttelte sie, »und klug wie die Schlangen. Nehmen Sie sich nur in acht, daß das fromme Täubchen Ihnen nicht einmal fortfliegt oder sich von einem räuberischen Habicht entführen läßt.«

»Aus Ihnen spricht nur Ihre Eifersucht.«

»Sie wissen doch am besten, wie gleichgültig mir der Fürst ist.«

»Trotzdem wollen Sie ihn heiraten.«

»Das hat bei mir keine solche Eile. Sie kennen meine Ansichten von der Ehe. Vorläufig denke ich nicht daran, meine schöne Freiheit für ein Linsengericht aufzugeben. So dumm sind wir nicht, wie gewisse Leute.«

Ihre Worte verfehlten nicht die beabsichtigte Wirkung und bestärkten nur den eifersüchtigen Baron in seinem Verdacht, der von ihr fortwährend künstlich genährt wurde.

Einmal aufmerksam gemacht, verfolgte er Ida und den Fürsten mit mißtrauischen Blicken, beobachtete er unablässig ihre Mienen, ihr Benehmen und ihre Unterhaltung, indem er sie nicht mehr aus den Augen ließ.

Die harmloseste Aeußerung regte ihn jetzt auf; die unschuldigste Bemerkung erschien ihm als ein Zeichen ihres geheimen Einverständnisses, als ein Beweis des zwischen ihnen vorhandenen Verhältnisses. Jetzt erst fiel ihm auch die Sorgfalt auf, die Ida lediglich ihm zu Gefallen und auf seinen Wunsch in der letzten Zeit auf ihr äußeres und ihre Toilette verwendete. Auch in diesem Umstand sah er nur ein Symptom ihrer Gefallsucht und einer ihm plötzlich bedenklichen Koketterie. Gerade die Leichtigkeit und größere Freiheit, die er an Frau von Eisenberg bewunderte und ihr zur Nachahmung empfohlen hatte, mißfiel ihm an der eigenen Frau, so taktvoll sich auch diese bei allen Gelegenheiten benahm und so mäßig sie den von ihm selbst ihr gegebenen Wink benutzte.

Mehr aber als alles quälte und beunruhigte ihn die zwischen Ida und dem Fürsten bestehende Sympathie, die geistige Uebereinstimmung beider, die sich jedoch meist auf ihre gemeinsame Liebe zur Musik und Poesie beschränkte und nicht den geringsten Anlaß zu einer ernsten Befürchtung bot.

Während Ottmar sich in gewohnter Weise mit Frau von Eisenberg beschäftigte, unterhielt sich Ida mit dem Fürsten vorzugsweise über die neuesten Erscheinungen der Literatur und Kunst, für die beide sich lebhaft interessierten.

Oefters brachte oder schickte er ihr ein oder das andere Buch, das sie noch nicht kannte und zu lesen wünschte, darunter auch die ihr von ihm sehr gerühmten Erzählungen des genialen, russischen Dichters Iwan Turgenjew in einer gelungenen Uebersetzung.

Höchst entzückt und ganz vertieft in die bekannte, vorzügliche Novelle »Faust«, welche das eheliche Verhältnis und die Seelenkämpfe einer jungen, unglücklichen Frau mit bewundernswürdiger Kunst schildert, bemerkte Ida nicht, daß Ottmar in das Zimmer getreten war, um sie zur gewohnten Morgenpromenade auf den Höhenweg abzuholen.

»Darf man wissen,« fragte er sie, »was du da liest?«

»Eine herrliche Novelle von Turgenjew, die mir der Fürst empfohlen hat.«

»Du scheinst ja,« bemerkte er ironisch, »dich nur noch mit Russen zu beschäftigen und für alles Russische zu schwärmen.«

»Kennst du die Erzählung ›Faust‹?-«

»Gewiß!«

»Dann wirst du auch meine Bewunderung begreifen. – Ich erinnere mich nicht, seit langer Zeit etwas Schöneres und Poetischeres gelesen zu haben.«

»Bah!« versetzte er verächtlich. »Immer dieselbe alte Geschichte, die bekannte, schon hundertmal dagewesene unbefriedigte und unverstandene Frau, der bewußte geistreiche Hausfreund und der bornierte, gute Tropf von einem Ehemann. Daran kann ich nichts Besonderes finden.«

»Aber wie fein,« wandte sie dagegen ein, »hat der Dichter die allerdings nicht ganz neue Situation dargestellt, wie interessant den Konflikt entwickelt, wie scharf und wahr die Charaktere gezeichnet. Man lebt und fühlt mit diesen Menschen –«

»Und träumt oder denkt sich in ihre Lage,« spottete Ottmar. »Vielleicht wünscht man selbst, einen ähnlichen Roman zu spielen und einen so poetischen Liebhaber wie den Helden der sentimentalen Novelle zu finden.«

»Das kann doch nur dein Scherz sein,« entgegnete sie betroffen.

»Natürlich scherze ich nur,« erwiderte er mit einer Miene, die seine Worte Lügen strafte. »Ich traue weder dir eine solche Verirrung, noch mir die Geduld und Blindheit des bornierten Mannes zu.«

Zugleich sah er sie mit scharfen, durchbohrenden Blicken an, als ob er auf dem Grunde ihrer Seele lesen wollte, so daß sie unwillkürlich errötete, obgleich sie sich nicht der geringsten Schuld bewußt war.

In seiner jetzigen Aufregung erschien ihm ihre ganz natürliche Befangenheit nur als eine Bestätigung seines ungerechtfertigten Verdachtes, galt ihm ihr reines Interesse an der Novelle des russischen Dichters nur für einen neuen Beweis ihrer geheimen Sympathie mit dem Fürsten, gegen den Ottmar seit einiger Zeit eine zunehmende Abneigung empfand.

Trotz seiner eigenen Frivolität fand er es unpassend, daß seine Frau derartige Bücher las, in denen ein Ehemann eine so traurige Rolle spielte, aber noch unverzeihlicher, daß der Fürst ihr eine solche gefährliche Lektüre empfahl, die nach Ottmars Meinung nur einen verderblichen Einfluß auf ihr Herz und ihre Phantasie üben mußte.

Durch seine früheren Erfahrungen belehrt, traute er selbst dem Fürsten die Absicht zu, durch dies bekannte Mittel Ida zu verführen und mit Hilfe der Poesie ihre Leidenschaft zu wecken.

In so gereizter Stimmung begab sich Ottmar mit Ida auf den Höhenweg wo sie bereits von der übrigen Gesellschaft, besonders von Frau von Eisenberg, mit Ungeduld erwartet wurden.

»Ich dachte schon,« sagte diese empfindlich, »daß Sie heute nicht mehr kommen würden; die Promenadezeit ist fast vorüber.«

»Entschuldigen Sie,« versetzte der Baron, »aber meine Frau war nicht fortzubringen.«

»Die Toilette hat sie gewiß aufgehalten. Das finde ich verzeihlich.«

»Nicht die Toilette, sondern eine verwünschte Novelle, von der sie sich nicht losreißen wollte, trägt die Schuld an unserer Verspätung.«

»Das muß ja eine höchst interessante Geschichte sein. Sie machen mich wirklich neugierig.« –

»Die Novelle ›Faust‹ von Turgenjew.«

»Ich erinnere mich – eine empfindsame Erzählung, die mich trotz der Empfehlung des Fürsten sträflich gelangweilt hat.«

»Thut mir sehr leid,« erwiderte dieser ironisch, »daß die Novelle nicht so glücklich war, Ihnen zu gefallen, da ich sie für ein Meisterwerk meines berühmten Landsmanns halte.«

»Das ist Geschmackssache,« bemerkte Ottmar geringschätzig. »Ich gebe Frau von Eisenberg vollkommen recht, abgesehen, daß derartige Bücher keine geeignete Lektüre für Damen sein dürften.«

»Pardon!« entgegnete der Fürst errötend, »wenn ich Ihnen widerspreche. Es möchte Ihnen wohl sehr schwer fallen, auch nur die geringste Schlüpfrigkeit oder Zweideutigkeit in der ganzen Geschichte nachzuweisen, wie man sie so häufig findet in den meisten französischen Romanen, die von den Damen so gern gelesen und verschlungen werden.«

»Darauf kommt es weniger an, als auf die verwerfliche Tendenz des Dichters, wenn er auch seine Absicht geschickt unter dem poetischen Flitter zu verbergen weiß; was nur um so schlimmer und gefährlicher ist. – Da ziehe ich noch die französischen Sensationsromane vor, weil sie nicht heucheln und durch falsche Sentimentalität und romantisches Blendwerk den Leser täuschen wollen.«

»Dann muß ich sehr bitten um Entschuldigung,« versetzte der Fürst mit leichtem Spott, »daß ich der gnädigen Frau empfohlen habe eine so gute Novelle. Hab' ich leider nicht gewußt, daß der Herr Baron so streng moralisch sind, daß Sie ein Buch für um so gefährlicher halten, je poetischer es ist.«

»Ich denke,« erwiderte Ottmar schroff, »daß mir allein darüber ein Urteil zusteht, was ich für meine Frau passend oder unpassend finde.«

»O, gewiß,« sagte der Fürst, indem er aus Rücksicht auf Ida seinen Zorn beherrschte und das peinliche Gespräch abbrach.

Nichtsdestoweniger war eine sichtliche Spannung zwischen den beiden Gegnern zurückgeblieben, so daß es nur einer kleinen Veranlassung bedurfte, um einen ernsten Konflikt herbeizuführen.

Wie gewöhnlich in solchen Fällen fand sich schnell die Gelegenheit zu einem neuen Streit. Am nächsten Tage sollte in dem nahen Dorf G'steig eines jener beliebten schweizerischen Schützenfeste, ein sogenanntes »Aus schießet« stattfinden, woran sich auch mitunter die fremden Gäste aus Interlaken zu beteiligen pflegen.

»Da Frau von Eisenberg, von einer rastlosen Vergnügungssucht getrieben, dem interessanten Volksschauspiel ebenfalls beizuwohnen wünschte, so begab sich die ganze Gesellschaft an einem freundlichen Nachmittag nach dem malerisch zwischen grünen Matten und alten Nußbäumen gelegenen Ort, in dem ein buntes, fröhliches Leben und Treiben sich entwickelte.

Von allen Seiten kamen aus der Umgegend das Landvolk, kräftige Männer, stattliche Frauen und anmutige Mädchen in ihrer kleidsamen Landestracht, deren Hauptzierde das blühend weiße, durchbrochene Vorhemde, die gebauschten, fächerförmigen Aermel, das mit Silberketten, Platten und Agraffen behängte Mieder und der sogenannte Göller, eine schwarze, mit Perlen gestickte Halsbinde bildete; wozu noch der breite Strohhut oder ein eigentümlich kokettes Hütchen kam, unter dem die langen Haarflechten nicht selten bis zu den Füßen herabflossen.

Dazwischen bewegten sich die städtischen Freunden in mehr oder minder eleganter Toilette, so daß das Ganze ein freundlich anziehendes Bild bot, dessen Reiz noch durch den malerischen Hintergrund, durch die braunen, von Reben umsponnenen Schweizerhäuser, durch die rauschenden Brunnen, das frische Grün der Wiesen und der prächtigen Baumgruppen erhöht wurde.

Zur bestimmten Stunde marschierten sämtliche Teilnehmer des Festes im geordneten Zuge, unter Vortragen der wehenden Fahnen, zu den Klängen der Trommeln und eines ländlichen Orchesters nach dem mit frischem Laub und Blumen geschmückten Schießplatz, wo auf einer langen Tafel die für einen kleinen Beitrag angeschafften Preise, silberne Becher, Löffel, seidene Bänder und Tücher ausgestellt waren.

Bald begann das Schießen nach der Scheibe, woran auch den Fremden gegen eine geringe Summe die Beteiligung heute ausnahmsweise gestattet war.

Auch der Baron, der ein ebenso leidenschaftlicher als geschickter Schütze war, that einige Schüsse, die jedoch das Ziel verfehlten; weshalb er leider keinen Preis erhielt.

Um so glücklicher war dagegen der Fürst, da er gleich auf den ersten Schuß einen kleinen, zierlichen Becher gewann, den er Ida mit einigen passenden Worten zum Andenken anzunehmen bat, so daß sie das unbedeutende Geschenk nicht zurückzuweisen wagte, weil sie ihn zu beleidigen fürchtete.

Diese durchaus unschuldige Galanterie verdroß den Baron, indem er zugleich dadurch an seine eigene Ungeschicklichkeit erinnert wurde, worunter seine Eitelkeit litt.

Nur die Furcht, sich vor der Gesellschaft durch seine Eifersucht lächerlich zu machen, hinderte ihn, seiner Frau die Annahme des Bechers zu verwehren, obgleich er seine schlechte Laune nicht verbergen konnte.

Nachdem sämtliche Preise verteilt worden waren, kehrten die Schützen paarweise in Begleitung der zahlreichen Freunde und Gäste nach dem Dorf zurück, um mit einem improvisierten Ball das fröhliche Fest zu beschließen.

Da unterdessen die Nacht angebrochen war, begab sich der ganze Zug nach dem Wirtshaus, beleuchtet von hohen, mit brennenden Lichtern wie Weihnachtsbäume besteckten Tannenstämmen, die gleich riesigen Fackeln von einigen lustigen Burschen unter Absingung heiterer Lieder vorangetragen wurden.

Die originelle Illumination, das bunte, frische Volksleben und die allgemeine Freude gefielen Frau von Eisenberg so gut, daß sie die Gesellschaft zum längeren Verweilen bewog, um noch dem ländlichen Tanz zuzusehen.

Zu den Klängen des schnurrenden Brummbasses, der schreienden Violinen, der kreischenden Klarinette und der schmetternden Trompete drehten sich die Paare im lustigen Kreise, die wackeren Schützen mit ihren Frauen und die jungen Burschen mit ihren Mädchen.

Ab und zu mischten sich auch die städtischen Gäste unter die Reihen der Tanzenden, anfänglich nur schüchtern und vereinzelt, aber nach und nach immer dreister und zahlreicher.

Während Frau von Eisenberg mit dem Baron und Herrn von Gräfenitz sich über das etwas gemischte Publikum lustig machten und sich mehr oder minder witzige Bemerkungen zuflüsterten, verfolgte Ida mit ihren Blicken die vorüberschwebenden Paare, die sie im stillen um ihr unschuldiges Vergnügen beneidete.

»Tanzen Sie nicht, meine Gnädige?« fragte sie der neben ihr sitzende Fürst.

»Sehr gern,« erwiderte sie unbefangen. »Ich kenne keine größere Lust.«

»Dann darf ich es wohl wagen, Sie um eine Extratour zu bitten.«

»Mit Vergnügen!«

Der Fürst erhob sich von seinem Stuhl und nahm ihre Hand, um sie in die Mitte des Saales zu führen.

In demselben Augenblick stand auch Ottmar auf, der beide fortwährend beobachtet hatte, und vertrat ihnen mit von Zorn gerötetem Gesicht den Weg.

»Ich kann nicht zugeben,« sagte er mit vor Aufregung zitternder Stimme, »daß Sie mit meiner Frau hier tanzen.«

»Darf ich fragen, weshalb ich nicht tanzen soll mit der gnädigen Frau?« entgegnete der Fürst in gereiztem Ton.

»Darüber bin ich Ihnen keine Rechenschaft schuldig.«

»Aber das ist ja eine große Beleidigung für mich. Ich muß Sie ersuchen, mir deshalb zu geben eine Erklärung.«

»Dazu ist hier nicht der geeignete Ort. Wenn Sie aber wünschen, stehe ich Ihnen jeder Zeit zu Diensten.«

Zugleich ergriff Ottmar den Arm seiner bestürzten, erbleichenden Frau, mit der er sich entfernte, ohne den auf das höchste erzürnten und sich nur mühsam beherrschenden Fürsten weiter zu beachten.

VII.

Die bei dem Schützenfest stattgefundene, feindliche Begegnung zwischen dem Baron und dem Fürsten Sakulin konnte dem Scharfblick der Frau von Eisenberg nicht verborgen. bleiben, wenn auch die beiden Herren selbstverständlich darüber das strengste Stillschweigen beobachteten.

So sehr aber auch der intriganten Dame das Zerwürfnis des jungen Ehepaares und ein kleiner Skandal willkommen war, so fürchtete sie noch mehr ein ernsthaftes Duell wegen der möglichen Folgen und des zweifelhaften Ausgangs, da sie Ottmar in ihrer Weise wirklich liebte und ebensowenig den Fürsten verlieren wollte, der doch für alle Fälle eine glänzende Partie blieb.

In dieser Verlegenheit wendete sie sich an den ihr ergebenen Herrn von Gräfenitz, der ihr alter Vertrauter und Berater in allen wichtigen Angelegenheiten war, wofür sie ihm dann und wann eine kleine Summe vorstreckte, wenn der passionierte Spieler im Unglück ihre Hilfe in Anspruch nahm.

»Sie sollen mir,« sagte sie ihm freundlich, »wieder einmal einen großen Gefallen erweisen.«

»Sehr gern! Ich stehe noch in Ihrer Schuld.«

»Lassen Sie die Kleinigkeit, an die ich mich nicht mehr erinnere. Ich habe an wichtigere Dinge zu denken.«

»Wollen Sie mir nicht sagen, womit ich Ihnen dienen kann?«

»Sie wissen, was gestern abend zwischen dem Baron und dem Fürsten vorgefallen ist.«

»Eine unangenehme Geschichte!«

»Ich fürchte, daß die Herren sich wegen einer solchen Lumperei schlagen wollen.«

»Leicht möglich! – Der Fürst hat mich ersucht, von dem Baron eine Erklärung wegen seines ungebührlichen Betragens zu fordern, was ich nur ganz in Ordnung finde.«

»Und wenn Bohlen ihm die gewünschte Erklärung, wie ich sicher glaube, verweigert –«

»Dann muß er sich mit ihm schießen.«

»Um des Himmels willen!« rief Frau von Eisenberg. – »Das Duell darf unter keinen Bedingungen stattfinden. – Sie müssen es verhindern.«

»Unmöglich!« entgegnete Herr von Gräfenitz. »Es thut mir herzlich leid, daß ich Ihnen diesmal nicht dienen kann; aber bei einem Ehrenhandel hört die Gemütlichkeit noch weit mehr auf, als in Geldsachen. Damit ist nicht zu scherzen und der Fürst würde mir nie verzeihen, wenn ich mir die geringste Nachlässigkeit zu schulden kommen ließe. Er verlangt eine befriedigende Erklärung oder Satisfaktion für die ihm zugefügte Beleidigung.«

»Können Sie nicht wenigstens die Sache ein oder zwei Tage noch hinziehen? Mir liegt nur daran, Zeit zu gewinnen, da ich keineswegs die Hoffnung auf eine mögliche Versöhnung aufgebe.«

»Das geht nicht, wenn ich auch wollte. Ich habe dem Fürsten versprochen, noch heute mit dem Baron zu reden und im Fall seiner Weigerung ihn zu fordern.«

»Warten Sie nur noch einen Tag, einen einzigen Tag!« flehte Frau von Eisenberg mit ihrem bezauberndsten Lächeln. »Ich werde Ihnen dafür ewig dankbar sein.«

»Ich kann nicht, ich darf nicht. Schon daß ich mit Ihnen über die Angelegenheit spreche, ist nicht ganz in der Ordnung.«

»Und Sie wollen mein Freund sein?« sagte sie, ihn schmachtend anblickend. »Können Sie mir meine Bitte abschlagen?«

»Thun Sie mir den einzigsten Gefallen und sehen Sie mich nicht so an! Das hält kein Mensch aus. Sie können wirklich einen zu jeder beliebigen Schandthat verführen. Wenn ich nur wüßte, wie ich es anfangen, was ich dem Fürsten sagen soll?«

»Es kann Ihnen doch nicht schwer fallen, eine passende Ausrede zu finden. Eine plötzliche Erkrankung, ein heftiger Gichtanfall, der Sie am Ausgehen hindert!«

»Vortrefflich! Sie sind wirklich das klügste Weib der Welt, von dem selbst ich noch immer etwas lernen kann,« sagte Herr von Gräfenitz, mit ungeheuchelter Bewunderung ihr die Hand zärtlich küssend. »Ich werde Ihnen zuliebe einen heftigen Gichtanfall simulieren und auf meiner Stube bleiben. Was thut man nicht einer so schönen Frau zu Gefallen!«

Nachdem sich der alte Roué unter wiederholten Versicherungen seiner Ergebenheit empfohlen hatte, eilte Frau von Eisenberg ohne Aufenthalt nach dem Hotel Jungfraublick, wo sie Ida allein zu sehen und zu sprechen hoffte, da Ottmar, wie sie wußte, gewöhnlich um diese Zeit nach dem Kursaal zu gehen pflegte, um die mit der Morgenpost neuangekommenen Zeitungen zu lesen.

Wie sie voraussetzte, fand sie ihre Nebenbuhlerin allein, in der größten Aufregung wegen des gestrigen Ereignisses, das der jungen Frau eine schlaflose Nacht verursacht hatte.

Trotzdem Ida sich keiner Schuld bewußt war und auch Ottmar ihr keinen Vorwurf machte, beängstigte und quälte sie die Erinnerung an den unangenehmen Vorfall, verfolgte sie der Gedanke an eine ihr drohende Gefahr.

Die nach ihrer Meinung völlig ungerechtfertigte Beleidigung des Fürsten, Ottmars ihr unerklärliches Benehmen an dem gestrigen Abend und sein ebenso rätselhaftes Schweigen über die ganze Angelegenheit erfüllte sie mit bangen Befürchtungen, die ihr die Ruhe raubten.

Was war mit ihm vorgegangen? Warum wollte er nicht leiden, daß sie mit dem Fürsten tanzte? Was bedeutete dieses seltsame Benehmen? Was hatte sie gethan, daß er sie mit halb traurigen, halb vorwurfsvollen Blicken anstarrte? Woher seine auffallende Reizbarkeit, dieses schmerzliche Auffahren, wenn sie mit ihm sprach, und das dumpfe Brüten und Nachdenken, wenn er sich von ihr unbemerkt glaubte?

All diese sich ihr unwillkürlich aufdrängenden Fragen wurden durch den unerwarteten Besuch der Frau von Eisenberg unterbrochen, bei deren Anblick sich Ida einer unangenehmen Ueberraschung nicht erwehren konnte.

»Verzeihen Sie,« sagte die gewandte Dame, der Idas Bewegung nicht entging, »wenn ich Sie zu einer so ungewöhnlichen Stunde belästige. Aber ich habe Ihnen eine wichtige Mitteilung zu machen, die für Sie von großem Interesse sein dürfte, da sie Herrn von Bohlen betrifft.«

»Darf ich fragen,« erwiderte Ida beunruhigt, »was Sie zu mir führt?«

»Meine langjährige Freundschaft für den Baron und der innige Anteil, den ich an allem nehme, was Sie angeht.«

»Sie sind zu gütig.«

»Leider kann ich Ihnen nicht verschweigen,« fuhr Frau von Eisenberg fort, »daß Herr von Bohlen den Fürsten schwer beleidigt hat.«

»Das bedauere ich am meisten, da ich die unschuldige Ursache an dem unglücklichen Vorfall bin. Ich hoffe jedoch, daß die Herren sich wieder mit einander versöhnen werden.«

»Das muß ich bezweifeln. Der Fürst ist ganz außer sich und verlangt, wie ich höre, eine bestimmte Erklärung von dem Baron wegen seines verletzenden Benehmens.«

»Ottmar wird sein Unrecht einsehen und sich gewiß nicht weigern, wenn ich mit ihm spreche und ihn darum bitte.«

»Wo denken Sie hin?« rief Frau von Eisenberg bestürzt. »Das hieße nur noch Oel ins Feuer gießen. – Wenn Sie dem Baron ein Wort von unserer Unterredung sagen, so ist alles unrettbar verloren.«

»Das begreife ich nicht,« entgegnete Ida unschuldig. – »Weshalb soll ich nicht mit meinem Mann über die ganze Angelegenheit reden, die mir so große Sorgen macht?«

»Mein Gott! Sehen Sie denn nicht, daß der Baron eifersüchtig auf den Fürsten ist, weil dieser Ihnen den Hof macht und sich für Sie interessiert?«

Bei diesen Worten fuhr Ida zusammen, wie von einem plötzlichen Blitz getroffen und starrte Frau von Eisenberg erschrocken an, als ob sie ihren eigenen Ohren nicht traute.

»Nein, nein!« sagte sie nach einer längeren Pause, schmerzlich lächelnd. »Ottmar ist nicht eifersüchtig; auch hat er keinen Grund dazu.«

»Das weiß ich besser. Nur aus Eifersucht hat er Ihnen den Tanz mit dem Fürsten verwehrt und ihn beleidigt, sucht er schon seit längerer Zeit einen Streit mit ihm. – Glauben Sie mir; ich kenne den Baron und rate Ihnen deshalb, vorsichtig zu sein. Jedes Wort, jeder Schritt von Ihrer Seite würde ihn nur in seinem Verdacht bestärken und das Uebel nur verschlimmern. Wenn Sie ihm nur die geringste Teilnahme für den Fürsten zeigen, so ist das beabsichtigte Duell unvermeidlich.«

»Ein Duell zwischen Ottmar und dem Fürsten!« rief Ida erbleichend. »Sie wollen sich schießen!«

»Das fürchte ich,« versetzte Frau von Eisenberg mit geheuchelter Aufregung, »wenn wir sie nicht daran hindern.«

»Oh! Ich bitte, ich beschwöre Sie, mir zu sagen, was ich thun soll? Um des Himmels willen! Raten, helfen Sie mir!«

In ihrer Herzensangst vergaß Ida ihren Haß und ihr Mißtrauen gegen Frau von Eisenberg, demütigte sie ihren Stolz, um das Leben des geliebten Mannes zu retten.

Mit Thränen in den Augen blickte sie flehend ihre verhaßte Nebenbuhlerin an, deren Hand sie ergriffen hatte und krampfhaft festhielt, als ob dieselbe ihre beste Freundin wäre, getäuscht von der scheinbaren Teilnahme und bewunderungswürdigen Verstellungskunst der gefährlichen Frau, um so gefährlicher, da sie in diesem Augenblick nicht log und wirklich um den Baron besorgt war, wenn sie auch wirklich ihre Furcht absichtlich übertrieb, um Ida zu erschrecken.

»Beruhigen Sie sich!« sagte sie freundlich. »Es kann noch alles gut werden, wenn Sie meinem Rat folgen.«

»Ich will ja gern alles thun, was Sie verlangen.«

»Vor allen Dingen wird es nötig sein, daß Sie noch heute mit dem Fürsten sprechen und ihn zu beschwichtigen suchen.«

»Mit dem Fürsten!« rief Ida erschrocken. »Das kann, das darf ich nicht. Wenn Ottmar wirklich eifersüchtig ist, wird er mir nie verzeihen.«

»Er braucht ja nicht darum zu wissen.«

»Ich habe keine Geheimnisse vor meinem Mann!«

»Welche Thorheit! Bedenken Sie, daß es sich um sein Leben, um Ihr Glück, um Ihre Zukunft handelt! Wollen Sie ihn der Gefahr aussetzen, von dem Fürsten getötet zu werden oder diesen zu töten, wenn es Ihnen nur ein Wort kostet, das Duell zu verhindern? An Ihrer Stelle würde ich mich keinen Augenblick besinnen und all die kleinlichen Rücksichten fahren lassen.«

»Ein solcher Schritt hinter Ottmars Rücken erscheint mir höchst bedenklich und der davon erwartete Erfolg mehr als zweifelhaft.«

»Während Sie überlegen, wird die Herausforderung erfolgen und das Duell stattfinden. Wir haben keine Zeit zu verlieren.«

»Glauben Sie denn wirklich,« versetzte Ida schwankend, »daß der Fürst sich beruhigen läßt, wenn ich mit ihm spreche, daß er meinen Wunsch erfüllen wird?«

»Ich weiß nur von ihm selbst, daß er Sie wie eine Heilige verehrt, weil er in Ihnen das Ebenbild seiner verstorbenen, zärtlich von ihm geliebten Mutter sieht, und zweifle nicht, daß er Ihnen nicht zu widerstehen vermag.«

»Er ist ein guter Mensch,« erwiderte sie nachdenklich, »aber schwach und unbeständig. Ich fürchte, daß er mein Vertrauen mißbrauchen, selbst eine Indiskretion begehen kann, wenn ihm die Gelegenheit dazu geboten wird.«

»Sie thun ihm Unrecht. Ich kenne ihn und verbürge mich für ihn. Der Fürst ist ein Ehrenmann, durch und durch ein nobler Kavalier und unfähig, eine niedrige Handlung zu begehen, eine Dame zu verraten.«

In dieser Weise suchte Frau von Eisenberg Idas Befürchtungen und Zweifel zu zerstreuen, bis es ihr endlich auch gelang, die geängstigte Frau zu dem gewagten Schritt zu überreden.

Auf ihren Rat entschloß sich Ida, wenn auch nur mit schwerem Herzen und nach längerem Widerstreben, an den Fürsten einige Zeilen zu schreiben, worin sie diesen um eine geheime Unterredung ersuchte und zugleich ihm die Zeit und den Ort dafür bestimmte.

Nachdem Frau von Eisenberg ihr noch einige nötige Vorsichtsmaßregeln eingeschärft und ihr das strengste Stillschweigen anempfohlen und auch ihrerseits angelobt hatte, verabschiedete sie sich, höchst zufrieden mit dem Erfolg ihres Besuches, im stillen die Einfalt und Beschränktheit ihrer Nebenbuhlerin belächelnd, die sie mit den zärtlichsten Versicherungen ihrer Liebe und Freundschaft überhäufte.

Sobald sich aber Ida allein sah, überfiel sie von neuem eine unbeschreibliche Angst, die Furcht, eine unverzeihliche Thorheit begangen zu haben.

Wieder war ihr instinktartiges Mißtrauen gegen Frau von Eisenberg erwacht und sie bereute, dem Rat der ihr so unsympathischen Dame gefolgt zu haben.

Nur zu gern hätte sie das ihr zur Besorgung übergebene Billet zurückgefordert und die beabsichtigte Unterredung rückgängig gemacht, wenn dies unter solchen Umständen möglich gewesen wäre.

Ihre Unruhe wuchs noch, als Ottmar aus dem Kursaal zurückkehrte und sich erkundigte, ob niemand während seiner Abwesenheit dagewesen sei und nach ihm gefragt habe, da er irgend eine Aeußerung oder selbst die Forderung des Fürsten vorzufinden glaubte.

Zum Glück war er zu sehr mit diesem naheliegenden Gedanken beschäftigt, um ihre Verwirrung zu bemerken. – Es kostete ihr jedoch eine große Ueberwindung, ihm den Besuch der Frau von Eisenberg zu verschweigen und ihn zum erstenmal in ihrem ganzen Leben zu täuschen.

Sie wagte nicht, ihn anzusehen, während sie mit ihm sprach, und auch er vermied es, ihren Blicken zu begegnen, weil er sich durch seine nur mühsam beherrschte Aufregung zu verraten fürchtete.

Unter diesen Verhältnissen begegneten sich beide in dem Wunsch, ungestört, jedes für sich zu bleiben, weshalb Ida einen notwendigen Brief an ihre Mutter vorschützte, wogegen Ottmar unter dem Vorwand einer vergessenen Besorgung sich bald wieder entfernte und sie allein ließ.

Gleich nachdem er fortgegangen, überbrachte ihr ein Diener die Antwort des Fürsten, worin er seine freudige Ueberraschung und Zustimmung zu der von ihr gewünschten Unterredung bekundete.

Je näher aber die dafür bestimmte Stunde heranrückte, desto banger und ängstlicher schlug ihr das Herz, desto mehr bereute sie den gewagten Schritt, zu dem Frau von Eisenberg sie verführt hatte.

Nur das Bewußtsein ihrer Unschuld, ihrer Liebe für Ottmar und vor allem die Furcht vor dem drohenden Duell verlieh ihr den Mut und machte ihrem Schwanken und ihrer verzeihlichen Unentschlossenheit ein Ende.

Nichtsdestoweniger vermochte sie nicht einen leichten Schauder zu unterdrücken, als die Schläge der Turmuhr sie an die verabredete Zusammenkunft mit dem Fürsten mahnten, der sie auf dem von ihr ihm angegebenen Wege nach dem sogenannten »Heimwehfluh« erwarten sollte.

Heimlich wie ein Dieb, als ob sie im Begriff stände, ein schweres Verbrechen zu begehen, schlich sie aus ihrem Zimmer, das Gesicht dicht mit ihrem Schleier verhüllt, damit sie niemand so leicht erkennen konnte.

Unwillkürlich zitterte sie vor den Gefahren und Mißdeutungen, denen sie sich im Fall einer möglichen Entdeckung aussetzte. Mehr als je fühlte sie sich einsam, verlassen, sehnte sie sich in diesem Augenblick nach ihrer Mutter, an die sie heute fortwährend denken mußte und deren Rat und Beistand sie in ihrer bedenklichen Lage um so schmerzlicher vermißte.

Ganz in sich versunken, bemerkte sie nicht, daß ihr eine treue Freundin ungesehen zur Seite stand und sie mit mütterlich besorgten Blicken beobachtete, während sie langsam, noch immer mit sich kämpfend, die Treppe herabstieg.

Erst an der Thür erkannte sie Frau von Brand, die ihr leise gefolgt war und jetzt plötzlich ihr entgegentrat.

Bei dem unerwarteten Anblick der würdigen Matrone erbleichte Ida und erschrak so heftig, daß sie, fast ohnmächtig, sich kaum noch aufrecht zu halten vermochte.

»Mein Gott!« rief Frau von Brand, der ihre Erschütterung nicht entging. »Was fehlt Ihnen? Sie sehen ja ganz verstört aus und zittern wie Espenlaub. In diesem Zustand können Sie doch unmöglich ausgehen.«

»Ein dringender Besuch,« stammelte sie verwirrt, »den ich nicht länger aufschieben kann.«

»Aber Sie werden sich noch krank machen. Das darf ich nicht zugeben. Sie müssen mit mir zurückkehren und sich erst erholen.«

»Nein, nein! Ich habe keine Zeit, keine Minute zu verlieren.«

»So will ich Sie wenigstens begleiten für den Fall, daß Ihnen unterwegs etwas zustoßen sollte. Unter keiner Bedingung lasse ich Sie allein gehen.«

Zugleich ergriff die alte, resolute Tante den Arm der jungen Frau, ohne sich um ihren verzweifelten Widerspruch zu kümmern.

Unter diesen Umständen blieb Ida keine andere Wahl, als der Generalin, die sie ohnehin wie eine Mutter verehrte, die Wahrheit zu gestehen, so schwer es ihr auch fiel, dieser ihre Zusammenkunft mit dem Fürsten und den Grund ihres gewagten Schrittes anzuvertrauen.

»Um des Himmelswillen!« rief Frau von Brand bestürzt. »Sie wollen dem Fürsten ein Rendezvous geben und Ihren guten Ruf auf das Spiel setzen!«

»Was ist mir daran gelegen, wenn ich nur Ottmar retten und das Duell verhindern kann!«

»Ich traue dem falschen Weibe nicht und fürchte, daß Frau von Eisenberg Sie nur zu täuschen sucht, um Sie mit Ihrem Manne zu entzweien und Sie vor der Welt zu kompromittieren.«

»Diesmal thun Sie ihr Unrecht. Ich kann nicht glauben, daß sie mich belogen hat. Da sie mit dem Fürsten so gut wie verlobt ist, so muß ihr ebensosehr, wie mir daran liegen, daß die unglückselige Angelegenheit friedlich beigelegt wird.«

»Aber warum redet sie denn nicht selbst mit dem Fürsten, wie es doch ihre Pflicht wäre?«

»Wahrscheinlich aus demselben Grunde, weshalb ich mit meinem Mann darüber nicht sprechen kann,« erwiderte Ida errötend. »Ich vermute, daß der Fürst eifersüchtig auf Ottmar ist und sie durch ihre Einmischung das Uebel nur noch schlimmer zu machen fürchtet.«

»Das ist wohl möglich. Trotzdem lasse ich mir nicht ausreden, daß hinter der ganzen Geschichte eine Teufelei steckt. – Sie sind viel zu gut, zu unschuldig und einer solchen Intrigantin nicht gewachsen, die es nach meiner Meinung nur auf einen Skandal abgesehen hat und sich kein Gewissen daraus macht, Ihr eheliches Glück zu stören. – Wenn Sie meinem Rat folgen wollen, so geben Sie die Unterredung mit dem Fürsten auf und kehren mit mir wieder um.«

»Nein, nein!« versetzte Ida entschlossen. – »Ich muß mit dem Fürsten sprechen und wenn es auch mein Leben kosten sollte.«

»Geben Sie acht! Sie werden es noch schwer bereuen.«

»Ich bitte und beschwöre Sie, halten Sie mich nicht auf. Ich habe schon zu lange mich verweilt und darf den Fürsten nicht warten lassen.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, riß sich Ida von dem Arm der alten Dame los, die sie vergebens zurückzuhalten suchte.

Statt aber sich nach ihrem Hotel zurückzubegeben, folgte Frau von Brand der Flüchtigen von weitem nach, weniger aus Neugierde, als aus inniger Teilnahme, um ihr im Fall der Not beizustehen und sie vor den ihr drohenden Gefahren zu beschützen.

So kamen beide fast gleichzeitig auf die Heimwehfluh, wo die Generalin unter dem dichten Gebüsch verborgen bequem alles übersehen und hören konnte.

Nur wenige Schritte von ihr entfernt stand der Fürst an einen Baum gelehnt, voll Ungeduld, sehnsüchtig Ida erwartend.

Sobald er sie in der Ferne erblickte, eilte er ihr entgegen und ergriff ihre Hand, die er mit ehrfurchtsvoller Zärtlichkeit küßte, worauf er sie zu einer in der Nähe befindlichen Bank geleitete. Beide waren zu bewegt, um sogleich mit einander zu sprechen.

»Verzeihen Sie, Durchlaucht,« sagte Ida, nachdem sie sich einigermaßen gefaßt hatte, »daß ich Sie warten ließ; aber ich wurde unterwegs von einer Freundin aufgehalten.«

»O!« erwiderte er lächelnd, »das hat nichts zu sagen. Ich bin so glücklich, weil Sie mich wollen im geheimen sprechen, daß ich hier ruhig sitzen könnte ein ganzes Jahr, um Sie nur zu sehen einen Augenblick.«

»Ich würde gewiß nicht gewagt haben,« fuhr sie errötend fort, »Eure Durchlaucht zu bemühen, wenn mich nicht eine dringende Angelegenheit zu Ihnen führte und wenn ich nicht zugleich das vollste Vertrauen zu der Güte Ihres Herzens und zu der Ehrenhaftigkeit Ihres Charakters hätte.«

»Das freut mich sehr, ganz ungemein, daß Sie haben Vertrauen zu mir. Ich bitte, mich nur zu stellen auf die Probe und mir zu geben eine Gelegenheit, um Ihnen zu zeigen, wie sehr ich mich geehrt fühle durch die gute Meinung, die Sie von mir haben.«

»Sie ermutigen mich, offen mit Ihnen von einer Angelegenheit zu sprechen, die mich tief betrübt und mir große Sorge macht, von der Sie allein mich befreien können.«

»Ich verstehe nicht, was Sie meinen, meine Gnädige!«

»Ihren gestrigen Streit mit meinem Mann wegen des Ihnen verweigerten Tanzes. Sie müssen ihm verzeihen.«

»Nie, nie!« rief der Fürst auffahrend. »Das können Sie nicht verlangen von mir, daß ich soll eine so schwere Beleidigung ruhig dulden und verzichten auf jede Satisfaktion. Das erlaubt mir nicht meine Ehre, so gern ich auch alles thun möchte, was Sie von mir wünschen.«

»Wie!« versetzte sie schmerzlich. »Sie können mir die erste Bitte versagen, die ich an Sie richte! Ich habe Sie für besser und edler gehalten.«

»Es thut mir leid, sehr leid,« entgegnete er finster, »daß ich nicht erfüllen kann Ihren Wunsch. Aber der Herr Baron haben mir öffentlich einen Affront angethan, den kein Edelmann vergeben darf, ohne sich auszusetzen dem Verdacht der Feigheit.«

»Und Sie wollen sich mit ihm schlagen?«

»Allerdings!« erwiderte er zögernd. »Wenn der Herr Baron mir nicht geben eine befriedigende Erklärung und mir nicht leisten wollen Abbitte für die schwere Beleidigung, muß er sich schießen mit mir.«

Bei dieser Drohung vermochte Ida nicht länger ihre Thränen zurückzuhalten. Gleich einer vom Sturm gebrochenen weißen Rose saß sie stumm und bleich auf der Bank, ein Bild des tiefsten Schmerzes. Von den widersprechendsten Empfindungen, von Liebe und Haß, Bewunderung und Mitleid, von Rührung und Neid erfüllt, blickte der Fürst auf die bekümmerte Frau an seiner Seite, die ihm in ihrer Trauer nur schöner und begehrenswerter als je erschien und selbst durch ihre Thränen seine Leidenschaft nur noch mehr reizte.

»Weinen Sie nicht!« bat er sie weich. »Ich kann Sie nicht weinen sehen. Es zerreißt mir das Herz, wenn Ihre schönen Augen vergießen Thränen um einen Mann, der gar nicht verdient Ihre große Liebe.«

»Durchlaucht vergessen, daß ich seine Frau bin, mit der Sie sprechen.«

»Leider! Ich weiß nur zu gut, daß Sie lieben den Baron, trotzdem er Sie verrät und nicht wert ist –«

»Halten Sie ein!« unterbrach sie ihn würdevoll, indem sie sich erhob. »Sie mißbrauchen meine Lage und zwingen mich, Sie zu verlassen.«

»O, nein!« sagte er, sanft ihre Hand fassend, um sie zurückzuhalten. »Sie dürfen nicht fortgehen, bevor Sie mich gehört haben. Gott ist mein Zeuge, wie sehr ich Sie verehre und wie große Achtung ich habe für Ihre Person. Darum schmerzt es mich doppelt, daß Sie nicht sind so glücklich, wie Sie verdienen zu sein. Ach! wenn ich gefunden hätte in meinem Leben eine solche Frau, so gut und unschuldig, so schön und rein wie Sie, die Perle aller Weiber, würde ich sie getragen haben auf meinen Händen, sie geliebt haben wie meine Mutter und ihr abgesehen haben jeden Wunsch von ihren Augen und auch ich wäre geworden ein ganz anderer Mensch, besser und glücklicher als ich jetzt bin.«

Schweigend, mit niedergeschlagenen Augen und geröteten Wangen hörte Ida das glühende Geständnis des Fürsten, den sie nicht zu unterbrechen wagte.

»Seitdem ich Sie gesehen und kennen gelernt habe,« fuhr er immer leidenschaftlicher und erregter fort, »weiß ich erst, daß die Unschuld und Tugend sind keine bloße fable convenue, daß die wahre Liebe mehr ist als eine poetische Fiktion, das Höchste und Schönste in der Welt, der Himmel auf Erden, ein göttliches Geschenk, mehr wert als alle Schätze und alle eitlen Freuden der blinden Menschen: daß es wirklich gibt Frauen, so rein und keusch wie die Engel, vor denen man anbetend niederknieen möchte, wie vor der heiligen Jungfrau, der gebenedeiten Mutter unseres Erlösers.«

»Mein Gott!« rief Ida erschrocken, als der Fürst, hingerissen von seiner schwärmerischen Liebe, zu ihren Füßen sank. »Was thun Sie? Ich bitte und beschwöre Sie, stehen Sie auf, Durchlaucht!«

»Nicht eher,« erwiderte er tiefbewegt, »will ich aufstehen, bis Sie mir sagen, daß Sie mir nicht zürnen und mir verzeihen meine Kühnheit.«

»Ich vergebe Ihnen,« sagte sie errötend, »wenn Sie mir versprechen, daß Sie sich beruhigen und auf das Duell mit meinem Mann verzichten wollen.«

»Das vermag ich nicht,« entgegnete der Fürst schwankend, »so sehr es mich auch schmerzt, Sie zu betrüben. Aber Sie werden selbst einsehen, meine Gnädige, daß ich muß verlangen eine Satisfaktion für meine verletzte Ehre.«

»Die soll Ihnen werden; dafür verbürge ich mich mit meinem Wort.«

»Aber wenn der Herr Baron mir verweigern eine genügende Erklärung –«

»So werde ich an seiner Stelle Ihnen die gewünschte Revanche geben.«

»Ich begreife nicht –«

»Offen vor aller Welt und vor meinem eigenen Mann will ich bekennen, daß ich Sie für den edelsten, besten Menschen halte, daß ich Sie achte, daß ich stolz auf Ihre Freundschaft und Ihnen ewig dankbar für Ihre ritterliche Großmut bin.«

»Oh!« rief der Fürst begeistert, die ihm entgegengestreckte Hand ergreifend und zärtlich küssend. »Um diesen Preis will ich mit Freuden verzichten auf jede andere Satisfaktion, wenn Sie mir nur versprechen, meine Freundin zu sein und nicht zu vergessen den armen Sakulin, der Sie verehrt wie eine Heilige und Sie liebt –«

»Wie eine Schwester!«

»Wie eine Schwester!« wiederholte er melancholisch lächelnd.

VIII.

Um dieselbe Stunde, wo Ida mit dem Fürsten diese geheime Zusammenkunft auf der Heimwehfluh hatte, eilte Ottmar, von einer ihm unerklärlichen Unruhe getrieben, zu Frau von Eisenberg, die er aus naheliegenden Gründen seit dem gestrigen Abend nicht gesehen hatte.

Trotzdem sie ihren alten Verehrer mit gewohnter Liebenswürdigkeit empfing und absichtlich jede Anspielung auf den unangenehmen Streit mit dem Fürsten vermied, konnte der Baron seine Verstimmung und Zerstreutheit nicht beherrschen.

Während Frau von Eisenberg ihre ganze Koketterie aufbot und all ihren Geist und Witz verschwendete, um Ottmar zu unterhalten und aufzuheitern, saß er wie geistesabwesend an ihrer Seite, in finstere Gedanken versunken, düster vor sich hinbrütend, ohne sie anzusehen oder ihr zu antworten, was sie um so mehr verdroß, da sie den geheimen Grund seiner sichtlichen Verstimmung nur zu gut zu kennen schien.

Der Gedanke, daß Ottmar sich in ihrer Gegenwart mit Ida beschäftigte, war der eitlen Frau unerträglich und steigerte noch ihren Haß gegen ihre Nebenbuhlerin, die ihr zugleich die Liebe des Barons und die Neigung des schwachen Fürsten zu rauben drohte.

»Sie sind wirklich heute unausstehlich,« sagte sie ungeduldig, mit ihrem kostbaren Elfenbeinfächer sich Luft zufächelnd, »unerträglich, zum Sterben langweilig, ein richtiger Ehemann, der sich und andere ennuyiert.«

»Ich bitte, verschonen Sie mich mit Ihren Scherzen. Ich bin in diesem Augenblick dazu weniger als je aufgelegt.«

»Das merke ich. Vermutlich haben Sie wieder einmal eine kleine häusliche Szene gehabt und lassen jetzt an mir Ihre üble Laune aus, um nicht aus der Uebung zu kommen.«

»Sie werden mich noch ernstlich böse machen,« versetzte Ottmar unmutig, »wenn Sie nicht aufhören, in diesem Ton von meiner Frau zu sprechen.«

» Quelle bruit pour une omelette!« spottete Frau von Eisenberg. »Wie kann man wegen einer solchen Kleinigkeit so empfindlich sein! Am Ende werden Sie sich noch mit all Ihren Freunden brouillieren und auch mit mir Streit anfangen, wie gestern mit dem guten Fürsten.«

»Der Unverschämte!« murmelte er finster.

»Mein Gott! Was hat denn der arme Sakulin verbrochen, daß Sie auf ihn so wütend sind?«

»Das können Sie mich noch fragen! Ist es nicht höchst unschicklich, empörend, unverzeihlich von ihm, meine Frau in einer gemeinen Bauernschenke zum Tanz öffentlich aufzufordern?«

»Das kann ich nicht finden,« entgegnete sie mit erheuchelter Gutmütigkeit, »besonders da es der Frau Baronin Vergnügen zu machen schien, mit dem Fürsten zu tanzen. Deshalb würde ich mich nicht so echauffieren, wenn Sie sonst, wie ich hoffe, keine wichtigeren Gründe haben, sich über den armen Sakulin zu beklagen.«

Dabei sah Frau von Eisenberg den Baron mit ihren halb boshaften, halb mitleidigen Blicken so spöttisch an und lächelte mit ihrem perfiden Schlangenlächeln so ironisch, daß er sich eines unangenehmen Gefühls, einer bangen Ahnung nicht zu erwehren vermochte.

»Was soll das heißen?« sagte Ottmar in gereiztem Ton. »Sie werden mich noch mit Ihren halben Worten, Ihren versteckten Beschuldigungen und Verdächtigungen rasend machen. Warum sagen Sie mir nicht offen, was Sie von Ida und dem Fürsten wissen? Ich will und muß die Wahrheit erfahren, wenn ich Ihnen glauben soll.«

»Wozu?« versetzte sie, mit ihrem Fächer spielend. – »Die Wahrheit ist nicht immer angenehm und Vielwissen verursacht Kopfschmerzen. Gewisse Dinge muß man nicht zu tragisch nehmen, besonders wenn man die Welt und das Leben so gut kennt, wie Sie. Ich hätte Ihnen wirklich mehr Ruhe zugetraut, mein lieber Freund!«

»Sie vergessen, daß es sich um meine Ehre, um den Ruf meiner Frau handelt. In diesem Punkt verstehe ich keinen Scherz.«

»Wirklich! Das hab' ich nicht gewußt. Ich glaubte, daß Sie über all diese kleinlichen Vorurteile erhaben wären und daß Sie gelegentlich auch ein Auge zudrücken würden, wenn nur der Anstand und die äußeren Dehors nicht darunter leiden.«

»Genug, mehr als zu viel!« rief Ottmar empört aufspringend, als ob ihn eine Natter gestochen hätte. »Ich kenne Sie und kenne meine Frau; sie ist nicht fähig, mich zu hintergehen, zu stolz und zu edel, um mich zu belügen. Eher glaube ich, daß Sie sich irren oder mich absichtlich täuschen wollen.«

»Wollen Sie mich beleidigen?« fragte sie, ihm einen ihrer giftigsten Blicke zuwerfend.

»Nein, nein!« fuhr Ottmar in höchster Aufregung fort, ohne ihr drohendes, Unheil verkündendes Medusengesicht zu beachten, als ob er mit sich selbst spräche. »Ida ist unschuldig, treu und rein wie Gold; sie liebt mich, obgleich ich ihrer Liebe nicht würdig bin. Kein Weib auf Erden, kein Engel des Himmels kann schuldloser, keuscher sein, als sie. Ich darf nicht dulden, daß man sie anklagt, und werde jeden für einen niedrigen, gemeinen Verleumder halten, der sie beschuldigt, ohne mir unwiderlegliche Beweise ihrer Strafbarkeit zu geben.«

Jedes seiner Worte traf wie ein glühender Pfeil das Herz der tief verletzten Frau und entflammte ihre Wut und ihren Haß auf das höchste.

Das schwärmerische Lob ihrer Nebenbuhlerin in dem Munde ihres früheren Anbeters, sein Geständnis, daß er Ida mehr liebte als sie, die unerwartete Vernichtung all ihrer Hoffnungen und die Zerstörung ihrer Pläne erfüllten Frau von Eisenberg mit Höllenqualen und erstickten noch den letzten Rest von Scham und Rücksicht in der wild aufgeregten, von Eitelkeit, Liebe und Haß verzehrten Seele des verschmähten und beleidigten Weibes.

Mit geröteten Wangen, düstere Blitze schleudernden, unheimlichen Augen, verzerrtem Lächeln und wild wogendem Busen stand sie hoch aufgerichtet gleich einer grauenvollen Furie vor den entsetzten Blicken des Barons.

»Ah!« zischte sie wie eine gereizte Schlange. »Sie glauben mir nicht. Sie halten mich für eine Verleumderin und wollen Beweise, unwiderlegliche Beweise haben. Die will ich Ihnen geben, mein lieber Herr Baron, mehr als genügend, um die gepriesene Unschuld Ihres Tugendspiegels, um die scheinheilige Heuchlerin zu entlarven. Sie brauchen nicht weit, nur bis zur Heimwehfluh zu gehen, um die gewünschten Beweise von der Untreue Ihrer Frau zu finden.«

»Julie!« rief er erbleichend, »wenn Sie mich belügen –«

»Sie können mich töten,« versetzte sie, unwillkürlich zitternd, »wenn ich Ihnen eine Unwahrheit sage. Aber Sie müssen sich beeilen, damit Sie noch zur rechten Zeit kommen, um den Fürsten und die Baronin im zärtlichen tête-à-tête zu überraschen. Sie haben keinen Augenblick zu verlieren. Auf dem Wege nach der Heimwehfluh, bei der abgestorbenen Platane, in der Nähe der Restauration werden Sie das Pärchen finden und sich überzeugen, daß ich nicht gelogen habe.«

Ohne Gruß und ohne sich umzublicken, stürzte Ottmar wie ein Rasender nach der ihm angegebenen Heimwehfluh, von wilden Rachegedanken bestürmt.

Je näher er dem bezeichneten Ziele kam, desto lauter pochte sein Herz, desto glühender brannte seine Stirn, desto wilder tobte die Eifersucht in seiner Brust.

Bald zweifelte er, bald glaubte er an Idas Schuld; jetzt hoffte er, daß Frau von Eisenberg ihn getäuscht, dann fürchtete er, daß sie leider nur die Wahrheit gesprochen.

Ein nie zuvor gelaunter Schmerz quälte und peinigte den blasierten Mann und ein ihm sonst fremdes Gefühl durchschauerte und schüttelte ihn wie ein heftiges Fieber, daß er unwillkürlich zitterte und abwechselnd fror und glühte.

Erst in diesem Augenblick, wo ein anderer Mann ihm seine Frau zu entreißen drohte, wußte er, daß er sie liebte, tiefer, inniger, leidenschaftlicher, als er je ein Weib geliebt hatte.

So zwischen Furcht und Hoffnung, zwischen Haß und Liebe schwankend, eilte Ottmar auf dem Wege nach der Heimwehfluh über die um diese Zeit menschenleere Promenade, über Wiesen und Matten, längs dem Ufer der schäumenden Aar, bis er aus der Ferne die abgestorbene Platane mit der ihm bezeichneten Bank erblickte, wo er Ida und den Fürsten zu finden glaubte.

Nur noch einige Schritte, und er stand dem schuldigen Paare gegenüber, nur noch wenige Minuten, und jeder Zweifel, die schreckliche Ungewißheit hatte ein Ende.

Wie ein Jäger, der mordbegierig das gesuchte Wild verfolgt, schlich er vorsichtig, leise, mit angehaltenem Atem, lauschend zwischen den ihn bergenden Bäumen und Felsen, um die Treulose und ihren Verführer zu überraschen und sich an beiden zu rächen.

Aber so scharf und gespannt er auch spähte und horchte, konnte er keinen Menschen ringsumher entdecken, nicht den leisesten verdächtigen Laut vernehmen.

Er war zu spät gekommen, die Opfer seiner Rache waren ihm entflohen, oder das verlogene Weib hatte ihn getäuscht.

Doch still! Was war das?

Dort, in dem dichtesten Gebüsch, zwischen den Felsen, hinter dem verschlungenen Gewirre von wilden Ranken und schwankenden Zweigen, die wie eine grüne Mauer, wie eine lebendige Hecke jedem Einblick wehrten, glaubte er deutlich den leichten, zaghaften Tritt einer Frau zu hören, unter dem schattigen Laubwerk eine gebückte, weibliche Gestalt zu bemerken. Kein Zweifel! Sie war es.

Aus Furcht vor ihm hatte sich Ida in dem undurchdringlichen Versteck verborgen und erwartete zitternd ihren Richter.

Bei diesem Gedanken faßte ihn plötzlich ein heftiger Schwindel, regten sich von neuem die finstern Dämonen der Eifersucht und Rache in seiner Brust.

Blind vor Wut und Eifersucht stürzte Ottmar in das Dickicht, durch die verworrenen Zweige und Schlinggewächse sich gewaltsam Bahn brechend.

Ein leiser Schrei der Ueberraschung, ein ängstlicher Schreckensruf bestärkte ihn nur noch in seinem Glauben und steigerte seine Aufregung auf das äußerste.

Als ob ihm jedoch am hellen Tag ein Gespenst erschienen wäre, ein Trugbild ihm entgegengetreten wäre, prallte er im nächsten Augenblick entsetzt zurück, als er an Stelle der erwarteten Frau – die alte Generalin von Brand entdeckte, die mit sichtlicher Verlegenheit ihm aus dem Gestrüpp entgegenschwankte.

Beide starrten sich verwirrt an, unfähig ein Wort hervorzubringen.

»Mein Gott!« stotterte endlich Ottmar, nachdem er sich mühsam gefaßt hatte. »Sie, gnädige Frau! Wie kommen Sie in diese Wildnis?«

»Ich, ich,« erwiderte sie bestürzt, »ich habe mich verirrt. Doch was thun Sie zu so ungewohnter Stunde hier, auf der Heimwehfluh?«

»Meine Frau ist ausgegangen und ich dachte sie hier zu finden. Vielleicht sind Sie ihr begegnet und können mir sagen –«

»Nein – ja!« versetzte die würdige Dame schwankend und mit sich kämpfend, ob sie ihm die Wahrheit gestehen oder das von ihr belauschte Rendezvous verschweigen sollte. – »Ich weiß wirklich nicht –«

»Wie!« entgegnete er mißtrauisch, da ihm ihre sichtliche Verlegenheit nicht entgangen war. »Sie wissen nur zu gut, daß meine Frau mit dem Fürsten Sakulin –«

»Sie irren sich, gewiß irren Sie sich, Herr Baron. – Wie können Sie nur glauben –«

»Geben Sie sich keine Mühe, mich zu täuschen. Gestehen Sie nur, daß Sie meine Frau und den Fürsten gesehen haben, daß Ihnen das stattgefundene Rendezvous zwischen beiden bekannt ist, daß Ida mich hintergeht, auf das schändlichste mich – «

»Halten Sie ein!«

Länger vermochte Frau von Brand nicht die ungerechten Beschuldigungen und falschen Anklagen des empörten Barons zu ertragen, so sehr sie sich auch wegen ihrer Lauscherrolle schämte. Nachdem sie sich unterdessen von ihrem ersten Schreck erholt, ihre natürliche Befangenheit überwunden, auch ihre etwas derangierte Toilette einigermaßen in Ordnung gebracht und die aufgegangenen Hutbänder fester geknüpft hatte, stand die alte, resolute Dame kampfbereit dem Baron gegenüber, wie eine wütende Löwenmutter, die ihre bedrohten Jungen verteidigt.

»Gut!« sagte sie entschlossen mit grimmigem Lächeln. – »Sie sollen alles erfahren, mehr, als Ihnen lieb sein wird, und die Wahrheit vernehmen, daß Ihnen Hören und Sehen vergeht.«

»Reden Sie nur. Sie sehen, daß ich auf das Aergste gefaßt bin.«

»Das ist mir lieb; dann brauche ich auch kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Sagen Sie mir um des Himmelswillen, Herr Baron, haben Sie denn Ihren Verstand verloren, daß Sie auch nur einen Augenblick an der Unschuld Ihrer Frau zweifeln konnten? Schämen Sie sich nicht, einen solchen Engel anzuklagen, den Sie gar nicht wert sind, zu besitzen?«

»Wie!« rief Ottmar freudig überrascht, wenn auch noch immer zweifelnd. »Sie halten meine Frau für unschuldig! Sollte ich mich so geirrt, Frau von Eisenberg mich so schändlich getäuscht haben?«

»Dacht' ich mir doch gleich,« fuhr Frau von Brand im milderen Tone fort, daß dieses Weib dahinter steckt und Schuld an allen! Unheil hat. Aber das kommt davon, wenn man mit einer solchen gottverlassenen Gesellschaft umgeht. Sie können dem Himmel nicht genug danken, daß die verwünschte Geschichte noch so gut abläuft und Sie noch mit blauem Auge davonkommen. Wenn Ihre Frau nicht so gut und tugendhaft gewesen wäre und der Fürst sich nicht ehrenhafter benommen hätte, als ich dem Russen zugetraut, dann würden Sie jetzt –«

»Aber wollen Sie nicht die Güte haben,« unterbrach der Baron die lebhafte, alte Dame, »mir zu erklären –«

»Geduld, nur Geduld! Geben Sie mir Ihren Arm und begleiten Sie mich zu unserem Hotel, wo Ihre Frau Sie erwartet; dann werd' ich Ihnen unterwegs alles ausführlich erzählen.«

Mit unbeschreiblicher Bewunderung und Rührung hörte Ottmar die Mitteilungen seiner würdigen Begleiterin über die Zusammenkunft Idas mit dem Fürsten, ihre Absicht, das Duell zu hintertreiben, ihr ebenso taktvolles als ergreifendes Benehmen ihrem Anbeter gegenüber, dessen ritterliches, edles Betragen auch der Baron anerkennen mußte.

Wie aus einem tiefen, schweren Traum erwachend, erkannte jetzt Ottmar seine unverzeihliche Verblendung und Thorheit, die er schmerzlich bereute, durchschaute er das verwerfliche Treiben der ganzen frivolen Gesellschaft, besonders die dämonische Bosheit und Koketterie der Frau von Eisenberg, die auf ihn den verderblichsten Einfluß geübt und fast sein Lebensglück zerstört hätte.

Ein unbeschreiblicher Ekel erfaßte ihn vor sich selbst, vor seinen alten Freunden und seiner früheren Umgebung, auf die er jetzt mit Verachtung und Schauder herabsah.

Zugleich empfand er in diesem Augenblick eine gewaltsame, doch nicht unangenehme, sondern beseligende Erschütterung, eine eigentümliche Umwandlung, gleichsam eine innere Revolution des ganzen Menschen, als ob sich eine schwere, drückende Luft von seiner Brust gelöst, eine eisige Rinde von seinem Herzen abgefallen und geborsten wäre.

Wie der kommende Frühling sich in wilden Stürmen verkündigt, so rang sich Ottmar unter schweren Kämpfen und bitteren Leiden von seinen traurigen Verirrungen los, so schwand und schmolz in seiner Seele der kalte Egoismus, die harte Selbstsucht in der reinigenden Glut einer großen, nie gekannten Leidenschaft, so erwachte in seiner Brust jene wahre, alles besiegende Liebe, an die er nie zuvor geglaubt.

Sein Herz war nicht mehr tot, nicht abgestorben für die edleren und höheren Empfindungen des Daseins, für Liebe und Freundschaft, für Tugend und Sittlichkeit, für Unschuld und Schönheit, für Treue und Pflicht. Unter der gebrochenen Eisdecke seiner Blasiertheit und Frivolität grünte und blühte ein neues Leben, wogte und rauschte der Strom der befreiten Gefühle und sprengte die unwürdigen Fesseln der gesellschaftlichen Lüge und Heuchelei.

Gleich einem vom Tode Erstandenen, einem aus der Hölle Erlösten schritt er jetzt an der Seite der würdigen Matrone, deren interessante Mitteilungen er nicht zu unterbrechen wagte.

»Und nun,« sagte sie zum Schluß, »wissen Sie alles, daß Ihre Frau so rein und schuldlos ist, wie keine zweite aus der Erde, daß sie nur aus Liebe für Sie, aus Sorge für Ihr bedrohtes Leben, um ein Unglück zu verhindern, heimlich mit dem Fürsten zusammengekommen ist, der sich wie ein echter Kavalier benommen hat und dem Sie eine Abbitte schuldig sind. Ein solches Rendezvous ist keine Sünde, sondern der höchste Beweis einer Aufopferung und Liebe, deren nur ein Weib fähig ist, groß und schön, wie nur je eine Heldenthat.«

»Oh!« rief Ottmar tief bewegt. »Ich bin ihrer Liebe nicht wert. Sie kann mir nicht verzeihen.«

»Eine Frau vergibt immer, wenn sie liebt.«

»Und Sie! Wie soll ich Ihnen danken?«

»Danken Sie nicht mir, sondern dem Zufall, der gütigen Vorsehung und,« fügte sie lächelnd hinzu, »der weiblichen Neugierde, dem Erbteil unserer Mutter Eva, die mich entre nous nach der Heimwehfluh geführt und diesmal etwas Gutes gestiftet hat.«

Unter solchen Gesprächen waren beide vor dem Hotel angelangt, wo sich Ottmar von der Generalin verabschiedete, um zu seiner Frau zu eilen.

Schüchtern, zaghaft, von dem Bewußtsein seines Unrechts und von unaussprechlicher Seligkeit bewegt, trat er in das Zimmer, wo Ida, erschöpft von der Aufregung der letzten Stunde, mit halb geschlossenen Augen auf dem Divan ruhte, so daß sie seine Ankunft nicht sogleich bemerkte.

Einige Augenblicke stand er wie festgebannt, stumm, keines Wortes mächtig, überwältigt von seinen Gefühlen. Leise beugte er sich zu der lieblichen Frau herab und ließ sich zu ihren Füßen nieder, ihre schlaff herabhängende Hand ergreifend und mit zärtlichen Küssen bedeckend.

»Ida!«

Bei dem bebenden Klang seiner bekannten Stimme fuhr sie unwillkürlich zusammen und starrte ihn überrascht, verwundert mit verweinten, leicht geröteten Augen an, da sie zu träumen glaubte.

»Ich komme von der Heimwehfluh,« sagte er ernst, »wo ich dich gesucht habe.«

»O, mein Gott!« rief sie erschrocken. – »Du weißt –«

»Ja, ich weiß, daß du den Fürsten gesprochen, daß du aus Liebe für mich ihm ein Rendezvous gegeben hast, um das beabsichtigte Duell zu verhindern. Frau von Brand hat mir alles gesagt.«

»Und du zürnest mir nicht, du verzeihst mir meine Unbesonnenheit –«

»Ich dir zürnen, ich dir verzeihen!« versetzte Ottmar, hingerissen von ihrer Demut und Liebenswürdigkeit. – »Nicht du, ich allein bin schuldig und muß dich knieend um deine Vergebung bitten.«

Mit einem Freudenruf sank Ida an das Herz des geliebten Mannes, der sie fest umschlungen hielt, von unbeschreiblicher Seligkeit erfüllt.

Noch an demselben Tage schrieb Ottmar an den Fürsten Sakulin, dem er die gewünschte Erklärung in den ehrenvollsten Ausdrücken gab.

Ein zweites, minder freundliches Billet schickte er an Frau von Eisenberg, die beim Empfang desselben unter ihrer Schminke erbleichte und vernichtet zusammenbrach.

Bald darauf reiste der Baron mit Ida nach dem Comersee, nachdem sie sich von dem alten Ehepaar und dem Fürsten Sakulin herzlich verabschiedet hatten.

Derselbe kehrte nach Rußland zurück, wo er in dem letzten Kriege eine hohe militärische Stelle bekleidete und in einem unglücklichen Gefechte durch einen Schuß getötet wurde.

Kurz vor seinem Tode erhielt Ida von ihm seine Photographie mit der Unterschrift: »Heimwehfluh! Denken Sie an mich, wie man der Gestorbenen gedenkt.«

Auch Frau von Eisenberg verließ Interlaken in Gesellschaft des Herrn von Gräfenitz, mit dem sie in Nizza in gewohnter Weise lebte und ihre Niederlage in einem Strudel von Zerstreuungen, ganz besonders aber am Spieltisch zu vergessen suchte.

Ottmar und Ida aber genießen andauernd ihr schwer erkämpftes Glück und beten sich gegenseitig an. Ein reizender Knabe, dessen Paten der alte General und Frau von Brand sind, erhöht noch ihre Liebe, wenn dies möglich ist.

Ihr letzter Brief an die würdige Freundin schließt mit den Worten: »Jetzt erst leben wir in den wahren Flitterwochen, die in einer guten Ehe nie enden und, wie ich wünsche und hoffe, bis zu unserem Tode dauern sollen.«


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