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Der Aufstand in Bosnien.

Eine weite Aussicht über die Täler der Trebinjschitza im Norden und die gewaltigen Bergwände und Wildnisse der Ezernagora nach Morgen und Süden bis zu den fernen blauen Streifen der Adria lag vor den Augen der beiden Männer, die unter dem frisch ergrünenden Laubdach einer mächtigen Kastanie saßen, die mit ähnlichen gewaltigen Stämmen den Vorplatz des griechischen Klosters ziert, das auf der mittleren Höhe des Orjen Berges an der Grenze des österreichischen Gebietes, der Boccha liegt, jenes letzten schmalen Landstrichs um den Golf von Cattaro – Boccha di Cataro –, mit dem die Politik Metternichs Bosnien und Montenegro von den Küsten der Adria ausgeschlossen hat. Die alte Venetianer Festung Castelnuova ist zwar von den niederen Küstengebirgen verdeckt, aber durch die Öffnungen derselben erblickt das Auge das freie, hier nicht von Küsten-Inseln beengte Meer.

Das kleine Land unterhalb des Berges hat der Schicksale gar manche erlebt. Cattaro, der Bischofssitz, hat nur noch 2 bis 3000 Einwohner, war aber früher eine selbständige Republik, bis es sich im Jahre 1420 aus Furcht vor den Türken der Schwesterrepublik Venedig unterwarf, die Stadt und Land im schmachvollen Frieden von Campo Formio (1797) an Österreich abgab. Acht Jahre später, im Frieden von Preßburg, wurde Cattaro zwar wieder zum französischen Königreich Italien geschlagen, aber noch ehe es den Franzosen übergeben war, besetzten es die Russen, später die Franzosen, und erst 1814 erwarb es Metternichsche Politik aufs neue. Als Venedig sich 1848 empörte, folgte das verarmte Cattaro seinem Beispiel und wurde erst 1850 durch Oberst Mamula wieder unterworfen.

Das Kloster auf dem Berge Orjen lag innerhalb der Grenzen der Herzegowina, also auf türkischem Gebiet, die sich hier durch den unruhigen Charakter und die steten Kämpfe der Montenegriner in ewiger Veränderung um die Bocca schlingt. Ein Tisch von primitiver Einfachheit, der vor der Steinbank stand, war mit den gewöhnlichen Nahrungsmitteln des Landes: Maisbrot, Früchten, Wein und einem Schweineschinken besetzt.

Die beiden Männer waren in eifrigem Gespräch begriffen, offenbar über das Land selbst, da sie häufig die Karte zu Rate zogen, die vor ihnen auf dem Eichentisch zwischen den einfachen Speisen lag, und an der der jüngere von seinem älteren Gefährten Belehrung zu suchen und zu erhalten schien.

Dieser Letztere war ein Greis von mindestens siebenzig Jahren, ein langer weißer Bart reichte bis auf die Mitte der Brust, und der lange schwarze Talar mit der hohen viereckigen Mütze verkündete den griechischen Klostergeistlichen, während das silberne Kreuz an seinem Halse bewies, daß er nicht zu der Klasse der niederen Geistlichen gehörte, sondern der Higumenos oder Abt des alten Basilianer Klosters war, vor dem sie saßen. Das Kreuz der kirchlichen Würde war aber nicht der einzige Schmuck, den er trug, vielmehr hingen an einer silbernen Kette auf seinem Gewand mehrere russische und österreichische Orden, und eine selbst von den Falten des Alters nicht verdeckte tiefe Narbe deutete an, daß er diese Ehrenzeichen im Kriegsdienst seiner Jugend erhalten hatte.

Trotz der siebenzig Jahre war seine hohe und schlanke Gestalt noch ungebeugt und von ehrfurchtgebietender Haltung. Sein Gesicht mußte einst schön gewesen sein, nach den reinen und kühnen Linien und dem noch immer feurigen Glanz seines großen braunen Auges zu schließen. Sein Benehmen war ernst und würdig, und seine Bildung war offenbar eine weit höhere, als die gewöhnliche der griechischen Klostergeistlichen, aus deren Zahl, beiläufig gesagt, allein die Bischöfe und Archimandriten der griechischen Kirche gewählt werden.

Sein Gast war ein Mann von etwa dreißig Jahren, eine schlanke Gestalt, deren Stirn und Gesichtsbildung zwar den russischen Typus zeigte, und in dessen Wesen, obschon der Soldat unverkennbar war, doch eine gewisse Schüchternheit und bescheidene Zurückhaltung lag. Er trug kein Uniformstück, sondern eine jener steyrischen Joppen, wie sie bei den Gebirgsreisenden beliebt sind, starke Schuhe und Gamaschen und eine runde ungarische Filzmütze. Eine Art Jagdtasche und die kurze Büchse hatte er zur Bequemlichkeit beiseite gelegt und nur der starke Hirschfänger an seiner Seite, wie die festen Ledergamaschen um die untere Hälfte seiner Beine ließen auf seine Absicht schließen, als Jäger oder Reisender gelten zu wollen.

»Ich danke Ihnen sehr, Michael Gregorjewitsch,« sagte der Abt, »daß Sie mich in dieser Einöde aufgesucht haben, um mir die Briefe Seiner Exzellenz des Herrn Gesandten zu bringen; ich werde nach Kräften bemüht sein, seinen Wünschen zu entsprechen und Sie mit den Verhältnissen dieses unglücklichen Landes vertraut zu machen, ehe Sie das Wagnis unternehmen, weiter in das Innere vorzudringen, wo jetzt Raub und Mord wüten. Es ist lange her, daß ich von Rom etwas gehört habe, und da nur ausnahmsweise die Zeitungen durch die Güte eines befreundeten Kaufmanns in Ragusa in diesen abgelegenen Winkel der Erde gelangen, bin ich nur wenig unterrichtet über die Vorgänge in Italien und weiß nur, daß der lateinische Patriarch in Rom in Gefahr ist, sein Land zu verlieren, und von Feinden und Schwierigkeiten aller Art umgeben wird. Streit und Kampf überall in der Welt, mein Sohn, und, die zueinander stehen sollten in der Gemeinschaft des Glaubens an den Erlöser gegen die Erbfeinde dieses heiligen Glaubens, befeinden sich untereinander! O, wann, Major Tschernajeff, wird endlich der Tag kommen, wo der Friede Gottes seinen Segen über die Völker ergießt und Liebe und Duldung, statt Haß und Zwietracht die Menschen vereinen wird. Ich freue mich, daß Herr von Kisseleff eines so unbedeutenden alten Anhängers des mächtigen Czaren, des einzigen Schützers unseres armen Volkes, in Wohlwollen gedacht hat.«

»Nicht allein Herr von Kisseleff, hochwürdiger Herr,« sagte der russische Offizier, der bald so berühmt werden sollte durch die Eroberung von Taschkend, »auch Fürst Wolkonsky, der Gesandte Seiner Majestät bei dem durch die Revolution enttronten König von Neapel, hat mir gesagt, daß man großes Vertrauen auf Ihre Erfahrung und Ihre treue Anhänglichkeit an Rußland hegt, und daß ich bei meiner Mission von niemandem bessere Nachweisungen und kräftigeren Beistand erhalten könne, als von Ihnen, der in seiner Jugend ja selbst einer der Helden dieses Landes gewesen und in der treuen Liebe zu ihm vorgezogen hat, in bescheidener Stellung seine Leiden zu teilen, statt ein höheres Amt in Bosnien oder Rußland einzunehmen; denn der verstorbene Kaiser Alexander soll große Stücke auf Sie gehalten haben.«

Eine leichte Röte überflog das faltenreiche Angesicht des Greises. »Warum sollte ich mich der Tage meiner Jugend schämen,« sagte er bescheiden. »Haben Sie je von Michalko dem Haiduken gehört?«

»Der Name ist mir nicht ganz unbekannt, obgleich ich Ihnen von vornherein sagen will, daß ich mich mit der Geschichte und den Verhältnissen Bosniens gar nicht beschäftigt habe und eben deswegen Sie bitte, mich damit bekannt zu machen, da die Mission, die mir geworden, gar viele Schwierigkeiten hat. Ich kann Ihnen in der Tat nicht sagen, bei welcher Gelegenheit ich auf den Namen gestoßen bin. Selbst aus den zahlreichen Piesmen, den Heldengedichten Ihrer Heimat, kann ich es nicht wissen, da ich sie leider noch nicht kenne.«

Der Alte lächelte. »Der Name Michalko ist in ihnen nicht mit Unehren genannt, wenn Sie erzählen von Tomitsch Mijat und seinen Neffen. Aber vielleicht haben Sie Schriften gelesen aus den Tagen des Wiener Kongresses?«

»Ah – jetzt erinnere ich mich! Der Haiduk des Kaisers Alexander, in der Wiener Gesellschaft als sein Lieblingsdiener bekannt, bekannt durch seine männliche Schönheit und seine bei zahlreichen Gelegenheiten bewiesene Treue und Kühnheit. Was ists mit dem Genannten?«

»Der schwache Greis, den Sie jetzt vor sich sehen, war einst Michalko der Haiduk, der dem Kaiser in mehr als eine Schlacht gegen den großen Napoleon gefolgt war, und in hundert Kämpfen gegen die Moslems sein Land gerächt hat, bis er ein Mönch wurde, dessen Waffe seit dreißig Jahren nur das Gebet ist!« Die Erinnerungen, das Feuer seiner Jugend schienen für Augenblicke die frühere Demut verdrängt zu haben, und sein Auge flammte.

»So wurden Sie gezwungen, das Leben eines Kriegers aufzugeben und Geistlicher zu werden? Denn daß Sie es, damals so jung noch, aus freien Stücken getan haben sollten, kann ich mir nicht denken!«

Der Higumenos neigte zustimmend sein Haupt – die Erinnerungen, die der fremde Mann angeregt, schienen ihm wohlzutun und er sich ihnen ganz hinzugeben, auch diesen Mann von eiserner Natur schien das Alter und die Gelegenheit zur Mitteilung längst vergangener Ereignisse geneigter zu machen.

»Meine Kindheit, o Aga des schwarzen Czaren,« erzählte er, in den Ton des Orients zurückfallend, »verging in einer großen schweren Zeit. Ich war ein junger Knabe, als die fünf Dais Das slawisirte Wort für Dey. den großen Aufstand gegen unsern Herrn, den Sultan, machten mit Hilfe Pasvan Oglu's des Bulgaren, und in Belgrad die serbisch-muselmännische Republik gründeten, unter der die Spahis das Blut der Rajahs Die Heerde – d. h. die christlichen Unterthanen. fließen machten wie Wasser. Dais Widaïtsch, der Pascha von Zwornik, durchzog mit seinen Janitscharen die bosnischen Dörfer, setzte die Rajah-Kneesen ab und Janitscharen an ihre Stelle, Recht zu sprechen und die Zehnten zu erpressen, und wo die Männer sich ihm nicht als Sklaven geben wollten, die er den Spahis verkaufte, wurden sie in Fesseln geschlagen und zu Tode gemartert, und da die Kneesen gewagt hatten, sich beim Wessir zu beschweren, durchzogen die Spahis racheschnaubend die Nahien, Kreise, Landschaften. entweihten die Kirchen und brauchten die Meßgewänder zu Decken für ihre Pferde. Wo sie rasteten, trieben sie die Jungfrauen in ihrem schönsten Schmuck herbei, zwangen sie, ihnen den Kolo zu tanzen, entehrten sie und jagten sie nackend zurück in ihre Hütten; Widaïtsch aber hatte unermeßliche Beute in seiner Burg von Zwornik Eine der vier Hauptstädte Bosniens, im nördlichen Teile an der Drina. gehäuft. Die Kneesen aber trotzten endlich den Todesgefahren, versammelten sich im Jahre 1803 bei einem Kloster und sandten ein Bittschreiben an den weißen Czaren in Stambul, den Sultan, in dem sie schrieben: »Die Janitscharen haben uns ausgeplündert, daß wir nur mit dem Bast der Bäume noch unsere Blöße bedecken können und wir können unsere Tempel und unsere Weiber nicht mehr vor der äußersten Schmach bewahren. Bist Du noch unser Kaiser, so erlöse uns aus den Händen dieser Ruchlosen, vermagst Du es aber nicht, so laß es uns wissen, damit wir uns ins Wasser stürzen und so endlich Ruhe finden.« Ergrimmt drohte der Sultan den Dahis und Spahis, aber die Drohung machte sie noch schlimmer und sie beschlossen, in allen Nahien die christlichen Kneesen und die Kmeten zu töten. Zuletzt glaubte das Volk, daß man es gänzlich vertilgen wolle. Ein bosniakischer Spahi, der Hauptmann von Gradaschatz, warf alle Rajahs seines Bezirks ohne Ausnahme in den Kerker, ließ sich dann jeden Freitag, wenn er aus der Moschee zurückkehrte, eine Anzahl von diesen Gefangenen vorführen und spaltete ihnen zu seinem Vergnügen mit einem Säbelhiebe den Kopf. Historisch. Erst im Jahre 1807 erschlug eine Schar der ergrimmten Rajahs den riesenstarken Henker, als endlich, da Chosrew Pascha, der damalige Vezier oder Begler Beg von Bosnien nicht helfen konnte, oder wahrscheinlich, als Muselman, nicht wollte, in Serbien und Bosnien eine allgemeine Erhebung der Christen ausbrach.«

Der Offizier unterbrach den Erzähler. »Hochwürdiger Herr,« sagte er, »um Ihrer Mitteilung richtiger folgen zu können, bitte ich Sie mir mit einigen Worten die allgemeinen Einrichtungen der bosnischen Bevölkerung zu geben und in welcher Beziehung sie den serbischen gleichen.«

»Wie Sie schon aus der gleichen Sprache ersehen, sind die Serbier und Bosnier eines Stammes. Wir rühmen uns der ältere und reinere zu sein, da wir die ersten waren, die ins byzantinische Reich einwanderten, und unsere Väter waren mit den Fürstengeschlechtern der Gothen vielfach verwandt und gaben ihnen mehr als einen König. Wir beteten lange schon zu Christus, als die Ungarn sich zu Herren unseres Landes machten und unsere Könige zu ihren Vasallen. Es gibt keinen älteren und stolzeren Adel in ganz Europa, als den der Begs von Bosnien! Erst vor fünfhundert Jahren, als die Lateiner uns knechteten und den reinen Glauben der Kathereni Die Sekte der Bogomilen (Auserwählten Gottes) in der griechischen Kirche. anfeindeten, brach der Kampf zwischen dem Volk und dem Adel aus, denn die Kardinäle und Bischöfe gewannen die Begs, daß sie ihnen Feudalrechte sicherten über das Volk. Damals riefen die Begs die Türken aus Thracien zum Beistand und sie gingen vom Papst zum Islam über, bloß um sich ihre Rechte über das Volk zu sichern. Seit der Zeit wütet in Bosnien und Serbien der Kampf zwischen Christ und Muselman, zwischen der Rajah und den Spahis, und der Divan in Stambul ist es, der ihn seit zweihundert Jahren schürt.«

»Wie verstehen Sie das? Welche Stellung zum Volk haben die Spahis?«

»Bosnien und Serbien sind von jeher nur Vasallenstaaten des Türkischen Sultans gewesen, und Adel und Volk haben stets über die Rechte des Landes gegenüber dem Schutzherrn am Bosporus gewacht; doch die schlaue Politik des Divans, schlimm und perfid wie die von Rom, suchte Volk und Adel zu unterjochen. Alle Paschas, das heißt, die Gouverneure der einzelnen Distrikte, wie die Vorsteher, die Begs der Nahien, durften nur aus den Eingeborenen gewählt werden, die Städte waren frei und von ihrem eigenen Rat verwaltet, nur der oberste Gouverneur, der Vezier ober Begler-Beg, der Fürst der Fürsten, durfte ein Türke sein, aber es ist ein altes Gesetz, daß auch der Vezier nur drei Tage im Jahre in jeder Hauptstadt des Landes verweilen darf. Zwischen dem Volk und den Begs, seinen Fürsten, deren es in Bosnien dreihundert gab, standen die Spahis, die Edlen. Sie waren die Herren von Grund und Boden, aber nicht die Herren des Volkes, das dem Großherrn nur die Kopfsteuer, die Grund- und die Soldatensteuer zu zahlen hatte und dem Spahi, dem Landedelmann, dem Besitzer des Bodens als Erbpacht den Zehnten von allen Erzeugnissen desselben. Aber der Bauer war nicht leibeigen, er konnte Haus und Acker verkaufen und sich einen anderen Herrn suchen. Die Spahis aber waren für ihr Recht auf den Zehnten dem Sultan nur zur Kriegsfolge verpflichtet, wohnten nicht unter ihren Bauern, sondern auf ihren Burgen ober in den Städten und sandten nur einmal des Jahres ihren Zehntensammler in ihr Dorf. So kam es, daß die Spahis über das Interesse des Rajah wachten, daß er vom Pascha nicht mit ungesetzlichen Steuern bedrückt wurde, und die Begs und Paschas, daß die Spahis nicht mehr vom Lande verlangen durften, als ihnen zustand. Weil aber alle Begs und Spahis Moslems waren, und die Rajahs als Ungläubige behandelten, deshalb war Groll unter ihnen, denn der Christ mußte sich vor dem Muselmann beugen, er mußte ihm die Mitte der Straße lassen und das Weib in seinem Bett, wenn er darnach verlangte, er mußte vom Pferde steigen, wenn er dem Muselmann Begegnete und ihm Frohnen leisten. Der Muselmann allein war der Krieger des Sultans und schlug seine Kriege gegen die Österreicher und die Moskowiten, die Freunde der griechischen Christen, und viele der Janitscheri des Sultans waren Söhne der bosnischen und serbischen Berge. Aber weil den Sultan und seine Veziere die Rechte des bosnischen Volkes wurmten, deshalb beschloß der Divan, sie zu zerstören, indem er bald die Partei der Spahis und der Moslems gegen die Rajahs nahm, bald die Rajahs gegen die Grundherren hetzte, die ihm zu mächtig und zu selbständig wurden, sodaß sich beide in ewigen Kriegen zerfleischten, wie die Wölfe im Gebirge. Viele, viele Jahre kämpften die Begs um die Rechte freier Männer; es war ein ehrlicher Kampf, und unsere Piesmen singen von den Taten der Helden. Als aber der Sultan die Spahiliks aufhob und in Tschiftliks umwandelte, die er seinen Günstlingen gab, da erhob sich das Land, und es kam Unheil über alle.«

»Was nennen Sie Tschiftliks?«

»Ich habe Ihnen gesagt von den Spahiliks und ihrer Einrichtung. Der Sultan wollte nicht mehr dulden, daß die Bosniaken beiderlei Glaubens gemeinschaftlich gegen den türkischen Druck ankämpften, er wollte Untertanen ohne Willen und Rechte, keine Schutzbefohlene. Deshalb schürte die Pforte den so leicht auflodernden Fanatismus der christlichen Bosniaken gegen ihre Spahis, andererseits förderte sie die Habgier der muselmännischen Häuptlinge, indem sie unter dem Vorwand, ihre treue Anhänglichkeit an den Islam zu belohnen, die Spahiliks in Güter verwandelte, deren Besitzer als unbeschränkte Gebieter walten durften, die nicht allein das Recht hatten auf den Zehnten, sondern auch auf Grund und Boden und alles Eigentum ihrer Bauern, die sie jetzt willkürlich verjagen und brandschatzen konnten. Die Rajahs wurden mit Füßen getreten und besaßen nichts mehr als das nackte Leben; jeder Spahi, der bei ihrer Hütte vorüberkam, ließ sich von ihnen beherbergen und bewirten, er durfte ihre Pferde unentgeltlich für eine Tagereise benutzen und den Rajah schlagen, ohne daß dieser sich wehren durfte; denn da die Person der Muselmänner geheiligt ist, so wurde der Giaur, der sich an ihnen vergriff, mit dem Tode bestraft! Sie durften nicht als Zeugen gegen den Türken auftreten und keine öffentlichen Ämter bekleiden …«

»Aber der Hat Humayum Der Hat Humayum vom 18. Februar 1858 versprach allen Christen gleiche bürgerliche Rechte wie den Türken. und der Hattischerif von Gülhan?« Schon am 3. November 1839 erlassen, wodurch ohne Unterschied der Religion allen Unterthanen des Sultans Leben. Güter und Ehre gesichert und gleiche Steuer versprochen wurde.

»Was fragt der Divan nach den Versprechungen, die er in der Stunde der Not gegeben, wenn ihn die christlichen Mächte für all die Gräuel, die der Islam gegen die Christen verübte, bedrohte. Ist es in dieser Stunde etwa anders? Die Stimme der empörten Völker hat die Großmächte Europas gezwungen, auf die unerhörten Gräuel im Libanon, in Damascus, wo der Fanatismus der Moslem Maroniten schlachtete, von den Franzosen Syrien besetzen zu lassen – aber spottet nicht Fuad Pascha dort aller Versprechungen? Plündert er, der Kommissar der Pforte, nicht selbst den armen Rajah und sammelt Schätze unter den Augen der Franken? Hat der Divan des Großherrn jemals Treue geübt gegen die Christen? ja gegen den Moslem selbst, wenn er sich nicht unbedingt als Sklave zeigte? Als die Spahis der Pforte zu mächtig schienen und von Rechten sprachen, da hetzte man aufs neue den Rajah, ja, man bewaffnete ihn gegen seinen Herrn, denn man wußte sehr wohl, daß nur im ewigen Bürgerkrieg der Divan in Stambul seine Herrschaft über die slavischen Lande bewahren konnte! Da flüchteten unter furchtbaren Leiden die Christen in Serbien und Bosnien in die unwirtbaren Berge und wurden freie Haiduken, freie Helden des Gebirges, die den Moslem bekämpften und ihn straften für seine Gräuel. Brauche ich Ihnen die Männer zu nennen: Tomitsch Mijat, Wuk Scherewitza, Christitsch Mladen, den großen Popen Lazarewitsch, Jacob Nenadowitsch, Tschurdja, der mit jedem Flintenschuß einen Feind zu Boden streckte und mit zweihundert Haiduken den Engpaß beim Kloster Djokeschina gegen tausend Spahis fünfzehn Stunden lang hielt und sie vernichtete. Singt nicht der blinde Philipp sein Heldenlied von der Schlacht auf dem Salatschfelde, von dem Helden Tschupitsch, der den grausamen Seraskier Kulin Kapitan schlug? Haben die Kaiser und Könige vergessen, daß Czerni Georg ohne ihre Hilfe zuerst Serbien frei machte, als er dem Kulin auf dessen Befehl, die Waffen zu strecken, die Antwort gab: »Komm und hole sie!« Und 1806 auf dem Mischarfelde die unsterbliche Schar der bosnischen Begs zu Boden streckte, daß auch nicht ein Mann entkam! Krieger des schwarzen Zars, ich, ein Knabe noch, war dabei, als der junge Wojwode von Pozerja, Milosch Stojewitsch, im Walde Kitaj seine Mutter den Feinden entriß, den Kulin tötete und seinen verzauberten Säbel aus der Hand des Toten riß.«

Immer mehr entzündete sich die Begeisterung des Abtes, blitzten seine Augen, als er dem Fremden von jenen Tagen sprach. Dann fuhr er traurig fort: »Was nützten die Siege der Christen, da selbst der Konsul des schwarzen Vaters in Moskau uns befahl, inne zu halten und uns dem Großherrn zu unterwerfen. Damals war es, als der Säbel Kuliens durch den Verrat des Bischofs von Zwornick dem Bruder des tapfern Milosch wieder entwandt, und Soliman, der Wessir von Belgrad, der Pascha von Mostar gewesen war, die Christen mordete, daß ich mit meinem Vater, dem Knesen von Slimo, und den Ältesten der Rajah zu dem schwarzen Zar Alexander gesandt wurde, der im Jahre 1812 wieder den Krieg gegen die Pforte führte, um ihm die Not der Christen in Bosnien ans Herz zu legen, ehe er den Frieden von Bukarescht schloß. Der schwarze Zar hatte Gefallen an dem Bosniaken-Knaben und behielt ihn bei sich, um ihn allerlei Wissenschaft lernen zu lassen, und in seinem Gefolge zog ich in den Kriegsjahren mit nach Paris und habe viele Schlachten gesehen. Auch in Wien war ich mit dem großen Kaiser und sein vielfach bevorzugter Diener, der Gelegenheit genug gehabt hat, dort die versammelten Fürsten und Herren, die schönen Damen und großen Staatsmänner kennen zu lernen. Ja, Aga der Moskowiten, der alte Mann, der jetzt an Deiner Seite sitzt, hat damals der Dinge viele gesehen, viele Mächtige und Kluge, und dennoch wenige Männer, die ein Herz hatten für die Leiden eines unterdrückten Volks. Als die Engländer es dem schwarzen Zaren weigerten, die Christenbrüder an der Donau und Drina frei zu machen von dem türkischen Joch, und den falschen Österreichern das Land gaben, was jene ausschließt vom Meer, dem Sultan aber, der doch ein Bundesgenosse des Bonaparte gewesen war, halfen, da bat ich meinen Herrn, den Kaiser, mich wieder ziehen zu lassen zum Land meiner Väter, um seine Leiden zu teilen, denn, Herr, der Sohn der schwarzen Berge ist nicht gemacht für das ebene Land und die Sitten anderer Völker, und es zieht ihn immer und immer wieder in die Felsenschluchten und die unergründeten Wälder seiner Heimat.«

Wieder schwieg der Erzähler von der Macht der Erinnerung überwältigt.

»Als ich in die Heimat kam und in Cattaro ans Land stieg, fand ich gar vieles schlimm und weniges gut. Milosch, der Oberknees, der dem Henker Soliman von Belgrad zwei Jahre lang treu gedient, hatte sich losgesagt von ihm und die christlichen Serben zu den Waffen gerufen. Bald blieb den Türken nur noch Karanowatz, von den christlichen Scharen belagert, aber Milosch war ein Verräter, der nur sein eigenes Interesse verfolgte und es bald mit der Pforte, bald mit den Haiduken hielt, bis der Divan ihn zum Oberknees von Serbien machte und seinen Beistand gegen die Spahis in Bosnien anrief. Was soll ich Dir erzählen von der Falschheit Kurschid Paschas, des Veziers von Bosnien oder seinem Nachfolger, dem fanatischen Mönch Dschelaluddin, der Christen und Moslems täuschte und die Begs von Serajewo, Mostar und Derwenta tötete, bis er sich selbst den Tod gab, weil es ihm nicht gelungen, nach dem Befehl des Sultans auch Montenegro zu besiegen. Jetzt hatte Mahmud, der große Bluttrinker, beschlossen, die Macht der Begs und Spahis vollständig zu brechen, weil sie sich nicht dem Nizam fügen wollten. Mit den Janitscharen machte er den Anfang und tötete ihrer achttausend in wenig Tagen; was von ihnen übrig geblieben, entwich, viele kamen nach Bosnien, ihrer Heimat, und es begann ein schwerer Kampf zwischen den Begs und dem Nizam, dem neuen Heere des Sultans. Aber Abdurahim, der Wessir, war ein kluger Mann und schlug die Spahis und ließ dreißig tapfere Begs in einer Nacht in Serajewo erwürgen. Als nun im folgenden Jahr 1828 der schwarze Zar in Moskau gegen den Sultan zog und sein großer General Diebitsch über den Balkan ging und Stambul bedrohte, sammelten die Begs noch einmal ein großes Heer, verbanden sich mit Mustapha, dem Wessir von Skadar, und zogen gegen den Ketzer-Sultan gen Stambul, das sie erobert hätten, wenn nicht die Russen selbst, ohne es zu wissen, ihnen den Weg versperrt hätten. Ali Widaitsch und Wusseïn, der Drache von Bosnien, überfielen den Wessir in seiner Festung Trawnik und hätten den Sultan vom Thron gestoßen, wenn Reschid Pascha, der Großvezier, nicht sie betört und Wusseïn zum Wessir von Bosnien ernannt hätte. Aber kaum waren die Begs nach Hause gegangen, da entsetzte ein neuer Ferman des Großherrn den Drachen seines Amtes und ein mächtiges Heer des Nizam überfiel Wusseïn und erschlug die letzten Begs oder zwang sie, sich über die Donau zu flüchten. Kein Sohn Bosniens wird es leugnen, daß der Drache an jenem Tage Wunder der Tapferkeit tat. Acht Pferde fielen unter ihm im Kampf an den Toren von Serajewo, und niemals hätten die Türken ihn bezwungen, wenn nicht Ali Aga von Stojatz mit den Rajahs der Herzegowina ihnen zu Hilfe gekommen wäre, um die lange Unterdrückung an ihren Tyrannen, den Begs, zu rächen.«

»Ich erinnere mich, gehört zu haben, daß der tapfere Wusseïn in Essek in Ungarn lebte wie ein Fürst.«

»Fluch über ihn in Ewigkeit,« sagte finster der Abt. »Er ist es, der diesen Arm entnervt und mich zum Mönch gemacht hat. Aber dennoch muß ich sagen, er war ein tapferer Mann und liebte sein Vaterland. Kein echter Sohn des Morgenlandes vermag die Verbannung aus der Heimat zu ertragen, und könnte er in goldenen Palästen in Europa leben. So flehte denn der Drache von Bosnien den Großherrn an, er solle ihm die Heimkehr gestatten und sei es der fernste Winkel, und müsse er als Bettler dort leben. Also tat der Großherr – sein Ferman nahm dem Drachen Güter und Würden und wies ihn nach Konstantinopel. Aga, es war ein böser, wenn auch langersehnter Tag, als diese Augen sahen, wie Wusseïn der Held zum Ufer der Donau kam, begleitet von seinen hundert Delis mit prächtigen Rossen und Waffen, und ihm in Gegenwart des österreichischen Generalstabs der Ferman verlesen wurde. Ich sah wie ein Tränenstrom aus seinen Augen rann und er, gestützt auf seinen Bundesbruder Midaitsch, als Bettler übersetzte nach Belgrad, dem Befehle des Großherrn zu gehorchen, um nur unsere Luft wieder zu atmen. Mein Gelöbnis war erfüllt: mich hinfort dem Dienste der Kirche zu weihen, wenn Gott mir die Gnade gewährte, meinen Todfeind, den Mörder meines Glücks tot zu meinen Füßen oder gedemütigt mehr als den ärmsten Rajah zu sehen. Ich dankte dem Herrn und wandte meinen Fuß, meine Gelübde zu erfüllen, aber Michael Gregorjewitsch – ich weinte, wie Wusseïn der Held es tat!«

Der Abt wandte das Haupt, seine tiefe Bewegung vor dem Fremden nicht sehen zu lassen. Der Offizier reichte ihm die Hand. »Ich weiß nicht, was Wusseïn Ihnen getan, und was Sie zu seinem Todfeind gemacht hat, aber Ihre Tränen über die Demütigung eines tapferen Mannes konnten nur Sie selbst ehren!«

»Es ist wenig, was ich noch zu sagen habe,« sprach der Abt. »Als der Sultan seinen Willen durchgesetzt und die Macht des Adels von Bosnien mit Hilfe des falschen Milosch und der Serben gebrochen hatte, da gab er Wedschi, dem Wessir, volle Gewalt, die Rajah zu Boden zu treten und zu seinen Sklaven zu machen. Schlimm lag seine Hand auf den freien Muselmännern, schlimmer noch auf den Christen. Auch Khosrew, sein Nachfolger, achtete die Gesetze des Landes wenig und da man die Rajah wieder zu fürchten begann, hat der Divan die alten Genossen Wusseïns ihrer Haft in Stambul entlassen, sie zurück nach Bosnien gesandt und zu Musselim's Gouverneur einer Stadt. und Kapitanis der hundert kleinen Vesten gemacht, von denen aus früher die Begs die Rajah knechteten. Schon in den vierziger Jahren war deren Lage die alte traurige, und ob sie auch mehrfach sich erhob, die grausame Gewalt Omer Paschas des Serdars schlug sie zu Boden und der alte Gräuel durch die perfide Politik der Pforte wuchs wieder zum Unerträglichen, denn die Agas verlangten jetzt an Stelle der alten Begs nicht bloß den Zehnten von allem Ertrag des Landes, sondern den dritten Teil aller Ernten, außer den Steuern für den Großherrn. Lügen und nichts als türkische Lügen antworteten den Beschwerden des Volks, und als nach dem großen Kriege gegen die Moskows und dem Frieden von Paris der Hat Humayum das gleiche Recht und Ermäßigung der unerschwinglichen Steuerlast verkündete und die Rajah beim Wessir in Bosni-Serai Serajewo. vor vier Jahren baten, sie wären bereit die Kopf-, die Grund- und Soldatensteuer und den Zehnten vom Ertrage des Landes zu zahlen, aber der Wessir möge ihnen den Ferman des Sultans zeigen, durch den sie verpflichtet wären zur Entrichtung des Drittels von allen Erzeugnissen des Bodens an die Begs und Agas, da sagte der Wessir: »Ich bin der Stellvertreter des Sultans, was bedarf es eines andern Fermans? Ich gebiete Euch, den Grundherren ein Drittel zu zahlen!« Wieder trat die Rajah zusammen zu einer Bitte an den Großherrn nach Stambul, aber der Wessir weigerte sich aus Furcht vor den Grundherren, sie abzusenden und fragte, ob er sich ihretwegen einem gewissen Tode aussetzen solle? Die Rajah mußten ihre Boten nach Wien schicken, daß der Gesandte dort die Beschwerde dem Großherrn senden möge. Wohl verkündeten die Zeitungen, daß der Großherr einen Kommissar schicken werde, um Abhilfe zu bringen, und daß derselbe vier Männer aus jedem Distrikt zu sich nach Tusla, Im nördlichen Bosnien. seiner Residenz, berufen werde, ihre Beschwerden zu hören, und die Christenheit Europas glaubte ihren Brüdern geholfen zu haben. Aber als Azis Pascha nach Tusla gekommen war, und die Ältesten der Distrikte berufen hatte, waren sie ihm ihrer zu viele und er schickte sie bis auf die Abgeordneten von vier Distrikten nach Hause, und wollte diese zwingen, die Zahlung des Drittels mit ihrer Unterschrift anzuerkennen. Und als sie sich weigerten, ließ er seinen Tschausch ihre Daumen nehmen, in die Tinte tauchen und als ihre Handzeichen unter sein Protokoll drücken. Dem einen aber, der meinte, sie sollten ihm lieber den Daumen abhauen, als ihn zwingen das zu tun, den ließ er in Ketten werfen und nahm ihn mit nach Stambul, von dannen er bis heute nicht zurückgekehrt ist!«

»Man weiß in Petersburg, ja in Europa sehr gut,« sagte der Offizier, »was von den Versprechungen der Pforte zu halten ist, nur England will es nicht wissen, und häuft durch seine Intriguen in Syrien und die Unterstützung der Mörder von Damaskus neue Schmach auf seine Politik. Nun sagen Sie mir, hochwürdiger Herr, was ist die nähere Ursache des jetzigen Aufstandes der Rajah der Herzegowina und wie ist die Lage derselben? Das mit eigenen Augen zu prüfen ist meine Mission, und man hat mir gesagt, daß ich von Ihnen, dem Manne des Friedens, die ausführlichste Auskunft erhalten würde.«

Ein eigentümliches Lächeln zog über das gefurchte Gesicht des Geistlichen bei dieser Provokation. »Sie wollen wissen, weshalb die Rajah der Herzegowina aufgestanden ist gegen den Pascha von Mostar mit Hilfe ihrer Brüder, der Uskoken und der Männer der Tschernagora? Warten Sie, öffnen Sie Ihre Augen und Ohren, und Sie werden selbst sehen.«

»Unser Konsul in Ragusa, Rat Petkowitsch, hat mir einen Wink gegeben, als ob französischer Einfluß in Montenegro tätig sei und den Rajahs Beistand leiste.«

»Und warum sollten wir die Hilfe von Frankreich nicht annehmen, da uns Rußland, unser natürlicher Schützer, im Stich ließ! Der Vladika von Montenegro, wenn er auch zunächst den ehrgeizigen Plänen zur Vergrößerung seines Landes folgt, ist doch unseres Glaubens und Stammes, und er hat genug tapferer Junaks, um sie uns zum Beistand zu senden. Was tut Österreich für uns? Sperrt es vielleicht den Hafen von Kleck gegen unsere Unterdrücker, die auf hundert Wegen Waffen und Krieger gegen unser armes Land herbeiziehen? Unsere einzige Hilfe sind unsere Berge, und wir segnen den Himmel dafür, daß er sie zu unserem Schutze so gewaltig und unzugänglich aufgebaut hat. Schlimm ists für den Landmann, zur Flinte und zum Säbel greifen zu müssen, um Weib und Kind zu schützen und das Brot, das er baut, zu verteidigen gegen den ruchlosen Räuber, dem nichts heilig! Aber wenn er einmal die Waffe ergriffen für seinen heiligen Glauben, seine bescheidene Hütte und seine Familie, dann ist seine Hand auch stärker und gewaltiger als die Kanonen unserer Tyrannen! In unseren Bergen gilt noch der Mann und seine Tapferkeit, und obschon das feige und unbarmherzige Europa bereits wieder seine Boten sendet zum Beistand unserer Tyrannen, diesmal, bei der Panagia! ist die Geduld der Unterdrückten erschöpft, und nicht eher soll die Hand vom Säbel lassen und wieder zum Pflug und zur Hacke greifen, bis die türkische Tyrannei ein Ende hat in diesen Bergen und das Kreuz ungeschändet auf unseren Kirchen steht und die Glocken die Christen zum Gebet rufen dürfen.« Den christlichen Gotteshäusern in der Türkei waren die Glocken verboten.

»Dies soll meine Antwort sein … Er unterbrach sich, als er dem Auge des Offiziers begegnete, und sagte finster: – »sie würde es sicher sein, wenn ich auch ein Mann der Waffen und nicht ein demütiger Diener der Kirche wäre.«

»Was wollten Sie mit der Andeutung sagen, daß die europäischen Mächte die Feinde der Rajah unterstützten?«

»Daß die Boten der Konsuln von Serajewo bereits unterwegs sind, die unseren Tapferen befehlen sollen, das belagerte Nikschitj Eine kleine türkische Festung an der Grenze von Montenegro. freizugeben, damit die Moslems da drinnen nicht Hungers sterben! Heilige Panagia! Wann haben sich je die Konsuln in Serajewo darum bekümmert, wenn der gepeinigte, beraubte, mit Füßen getretene Rajah Hungers starb?!«

»Also Nikschitj ist von den Aufständischen belagert und bedrängt?«

»Seit zwei Wochen vor dem heiligen Freitag, daß keine Ratte hinein kann ohne den Willen der Rajah! War nicht Ali Beg, der da drinnen kommandiert, ein noch schlimmerer Tyrann, als selbst der Pascha Mehemed, den wir – den sie bei Gaczko schlugen! Und ihn, den Schinder der Rajahs, sollen sie ungestraft entkommen lassen?«

»Wer kommandiert die Macht der Aufständischen?«

» Luca Oukalowitsch, der Held der Uskoken, der Held von Bilescze, und Bukalovich, der Adler der schwarzen Berge!«

Der russische Offizier sah den Mönch prüfend an. »Ich dächte, ich hätte noch einen anderen Namen gehört?«

Der Abt wandte sich zur Seite. »Daß ich nicht wüßte! Wen meinst Du?«

»Den schwarzen Bären von Bosnien – unter diesem Namen scheint das Volk allein den Sieger von Gaczko zu kennen, vor dem selbst der Muschir in Mostar zittert – so sagte wenigstens die Zeitung und das Gerücht in Ragusa.«

»Die Zeitungsschreiber sind Lügner, und das Gerücht übertreibt. Es hätte besser getan. Ihnen von anderen Dingen zu erzählen. Was sagte man Ihnen von dem Kloster des heiligen Basilius?«

»Daß ich einen Waffenplatz der tapferen Krieger der Rajah auf diesen Bergen finden würde und mit ihren Führern leicht in Verbindung treten könne. Zu meinem Erstaunen darf ich Ihnen sagen, fand ich hier keine Spur eines kriegerischen Lagers, kein Zeichen, daß auf diesem Berge der Sammelpunkt der Aufständischen sein soll – in der Tat, die ganze Umgebung entspricht der Stille Ihres Klosters und läßt annehmen, daß diese niemals von dem Lärm der Waffen gestört ward.«

Wieder lächelte der Abt. »Haben Sie vergessen, daß die Woche des heiligen Osterfestes erst morgen zu Ende geht und mit ihm die Waffenruhe der Christen? Kein Bekenner des Kreuzes wird die heilige Woche entweihen, da sein Erlöser litt und erstanden ist, und gelte es sein Leben. Das wußten die Moslems wohl, als sie die friedlichen Dörfer der Christen überfielen und sie alle eingeäschert haben von Petrowsky bis Bayamsche, daß kein Balken davon stehen geblieben, es sei denn ein Pfosten, an den sie Weiber und Greise genagelt gleich dem Gekreuzigten!«

»Unmöglich!«

»So gehen Sie hin und überzeugen Sie sich, und dann berichten Sie Ihrem Konsul oder Gesandten, oder gar dem schwarzen Zar in Moskau von den Freveln, die Ihre eigenen Augen geschaut; denn noch steigt der Rauch der zerstörten Hütten zum Himmel auf, noch schwärmen die Wölfe der Gebirge um die unbegrabenen Leichen zwischen den Trümmern, die noch vor wenigen Tagen die Wohnstätten friedlicher geduldiger Menschen waren! Noch jammert die Mutter um ihr grausam geschlachtetes Kind, noch windet sich die entehrte Jungfrau auf dem Lager ihres wollüstigen Henkers und erwartet den Todesstreich, wenn seine Begierden gesättigt sind! Sie sollen sie hören die Zeugen der verübten Gräuel, ehe der Mond, dessen bleiche Scheibe dort über den Bergen des schwarzen Landes emporsteigt, zum zweiten Mal sein Angesicht zeigt, wenn Sie im Kloster des heiligen Basilius verweilen wollen bis zur zweiten Sonne!«

»Und wer hat solche Schandtaten befohlen – der Muschir, der eigene Statthalter dieses Landes? Ismail Pascha?«

»Er ist es, der die Baschi Bozuks in dies unglückliche Land gerufen; siebentausend wilde Tscherkessen, Mohren und Albanesen, denen der Mord der Giaurs Befehl des Koran und die Plünderung das Gewerbe ist! Und wissen Sie, wen der Muschir an die Spitze dieser Henker gestellt hat? Den eigenen Sohn des unglücklichen Bosnien!«

»Einen Bosniaken?«

»Die Piesmen priesen einst seine Taten und Pawel Tschurlo, der blinde Sänger von Nowi-Pasar, besang seinen Ruhm – dieser Arm focht an seiner Seite, der Christ neben dem Muselmann, als es der Freiheit Bosniens galt, bis seine schwärzeste Tat uns trennte für ewig! Es ist der Sohn Osmans, der begnadigte Wusseïn, der einst selbst den Nizam schlug und die Gunst des Großherrn jetzt im Blute der Christen sucht – Wusseïn, einst der Drache von Bosnien – jetzt Pascha von Egri Palanka!«

Der Erzähler stand auf, die innere Erregung schien den Greis nicht auf seinem Platze zu lassen – gewaltsam faßte er sich. »Es ist zu spät, Michael Gregorjewitsch,« sagte er, »als daß ich Sie heute noch in das Lager des Luca geleiten lassen könnte. Überdies werden Sie nichts durch das Verweilen in unserem armen Kloster verlieren. Dort senkt sich die Sonne bereits zum Meere und die Hora ruft uns bald zum Gebet – Sie erlauben, daß ich Ihre Zelle zum Nachtlager bereiten lasse.«

Der russische Offizier widersprach nicht, schien vielmehr auf die angebotene Gastfreundschaft bereits gerechnet zu haben, und eben wollte der Abt mit dem Zeichen des Segens ihn verlassen, als hastige Schritte den Pfad herankamen, der von der Pforte des Klosters zu dem Platz unter den mächtigen Kastanienbäumen führte.

Es war ein junger Mönch oder vielmehr ein Novize des Klosters; das bestaubte Gewand und erhitzte Gesicht, ja der schwankende ermüdete Schritt zeugten von einer langen anstrengenden Wanderschaft, die er gemacht hatte. Er näherte sich mit sichtlicher Ehrfurcht dem greisen Abt, kreuzte die Arme über der Brust und erwartete mit einer demütigen Verneigung des Hauptes seine Anrede.

»Sei gegrüßt, mein Sohn Nicolaus; ich sehe, Du hast das Leder Deiner Sandalen nicht geschont, um meinen Auftrag zu vollziehen. Wo hast Du das Lager der Ungläubigen gefunden?«

»Zehn Stunden von hier, in der Nähe von Ostavacz lagern die Feinde unseres Glaubens.«

»Und es ist Dir gelungen, Deine Botschaft auszurichten, ohne daß sie Dir Schlimmes getan?«

»Ich gab, wie Du befohlen, einem ungläubigen Hirten des Gebirges Deinen Brief und sandte ihn zum Pascha, ihn wissen lassend, wo ich zu finden sei, wenn er eine Antwort zu erteilen habe.«

»Was geschah?«

»Der Bote war noch keine Stunde in dem Lager der wilden Männer, als ich ihn von dem hohen Felsen, auf den ich mich verborgen hatte, – bereit, wenn es nötig, die Flucht zu ergreifen, – mit einem reich gekleideten Aga zu Pferde zurückkommen sah, indem er schon von ferne mit einem Zweige winkte zum Zeichen, daß für mich keine Gefahr zu fürchten sei. Ich trat aus meinem Versteck und der Aga spornte sein Roß, als er mich erblickte und hielt an meiner Seite.

»Bist Du der Bote, der den Brief gebracht hat an den Pascha der freien Albanesen?« fragte er mich in türkischer Sprache.

Ich bin es, Herr!

»Bismillah – Du sollst mich begleiten; der Pascha will selbst mit Dir sprechen.«

Ich zögerte, aber der Aga lächelte verächtlich. »Fürchte nichts für Dein erbärmliches Leben – der Pascha hat mich zu Deinem Schutz gesandt.«

So ging ich denn, auf Gott und den Schutz des heiligen Basilius vertrauend, mit dem Aga durch das Lager der Arnauten. Oh, hochwürdiger Herr, es waren grimmige Gesichter, die mich finster anstarrten, und manche Hand griff bedrohlich nach meinem Gewande, aber der Aga bedrohte sie mit dem Zorn des Gebieters, und wo einer der Wilden zu dreist wurde, legte er bedeutsam die Hand an den Griff einer langen Pistole.«

»Erzähle, was Du im Lager sahst,« befahl der Abt, indem er sich an den russischen Offizier wandte. »Ich hatte den Auftrag, als Vermittler an unsere Feinde eine Botschaft zu senden wegen Auslösung eines Gefangenen.«

Er wollte offenbar seinem Gast zeigen, daß der Bote, ohne vorher unterrichtet und beeinflußt zu sein, seine Erzählung von den verübten Gräueln bestätigen würde.

»Oh, hochwürdiger Herr, möge die heilige Panagia Die heilige Jungfrau. geben, daß meine Augen niemals wieder solche Schrecknisse sehen mögen. Der Ort, wo ich hingeführt wurde, war ein verbranntes Dorf. Haufen von zerstörtem einfachen Gerät, wie es unsere Bauern in ihren Hütten führen, lagen umher, und an einer eingestürzten Wand lehnte die Leiche einer nur mit dem Rock bekleideten Frau, an die Brust einen Säugling gepreßt, der kläglich nach der gewohnten Nahrung schrie, während rohe Männer umherstanden und lachten; denn der wahre Quell des Lebens war längst erloschen von dem gewaltigen Hiebe, der die Schulter der Frau gespalten, und das hilflose Kind leckte nur an dem geronnenen Blute der Gemordeten, als sei es die Milch der Mutter. Wenige Schritte davon aber lag ein erschlagener Mann, wohl der Vater des verschmachtenden Kindes, und in der Nähe des Zeltes, zu dem der Aga mich führte, kauerte ein Haufen von Christenbrüdern, Männer, Greise, Weiber und Kinder, mit Stricken von Bast und den Riemen der Pferde gebunden, ihr Schicksal erwartend. »Sieh hin, Christ,« sagte der stolze Aga zu mir, als er auf den Toten und die Gefesselten wies, »lerne, wie es Allen gehen wird, die es wagen, dem Willen des mächtigen Großherrn zu trotzen, und daß selbst Dein Kleid Dich nicht schützen wird, wenn Du ein Gleiches tust.« – Was ich sonst auf dem traurigen Wege noch sah – oh Herr … die Frauen und Mädchen …«

»Genug,« sagte der Abt, »trafst Du den Pascha?«

»Er saß mit einem anderen Manne vor dem Zelt und ein Mohr füllte den Kopf seines langen Schibuks – aber er rauchte nicht, sondern saß in tiefen Gedanken, Deinen Brief in der Hand, und als ich näher kam, sprang er empor, obschon er ein alter Mann ist und sein Bart weiß wie der Schnee auf den Spitzen des Dormitor.«

»Erzähle mir weiter von seinem Aussehen,« befahl mit Eifer der Abt.

»Was kann ich Dir beschreiben, hochwürdiger Herr – es muß ein gewaltiger und furchtbarer Krieger gewesen sein, obgleich das Alter jetzt seinen hohen Wuchs gebeugt und sein Haar gebleicht hat. Ich habe nur ein Mal Ähnliches gesehen, als ich aus Neugier verbotener Weise in der Ferne nach dem Bär von Bosnien gespäht, da er im Morgengrauen zu unserem Kloster kam: ein Vergehen, wofür Deine Weisheit mich mit schwerer Buße bestraft hat, weil Du es allen Brüdern verboten hast, danach zu schauen. »Wer gab Dir den Brief?« fragte der Gewaltige. »Der hochwürdige Abt Michael vom Kloster des heiligen Basilius am Berge Orjen,« sagte ich kühn und zeigte ihm den Ring, den Du, hochwürdiger Herr, mir befohlen hattest, nur ihm selbst zu geben. Seine Hand ballte sich, als er ihn nahm, und das dunkle Antlitz wurde noch finsterer beim Betrachten des Kleinods. Dann zeigte er ihn dem Manne an seiner Seite, der wohl noch zehn Jahre älter sein mochte, als der Pascha selbst, und seine Stimme grollte: »Schau her, Bundesbruder Widaitsch, kennst Du das Zeichen?« Der Greis nahm den Ring und betrachtete ihn mit boshaftem Lächeln. Sein Antlitz voll tiefer Runzeln sieht so finster und grimmig aus, wie das eines alten Wolfes. »Es ist der Ring, den Du törichter Weise dem Christen gabst, als er Dich vor dem Verrat des Wemisch Aga rettete. War er nicht ein Rajah? Tat er mehr als seine Pflicht gegen seinen Grundherrn?« – Der Pascha wiegte den Kopf und sagte finster: »Bei alledem, ich wünschte dennoch, ich hätte das eine Mal nicht auf Dich gehört! – Hier, nimm Deinen Lohn, Knabe,« sprach er zu mir und reichte mir den Ring und einen Beutel voll Geld, – er zog beides aus der ledernen Tasche, die er um seine Schultern trug und bot es seinem Vorgesetzten, »und sage dem, der Dich gesandt hat, wer es auch sein möge, Wusseïn Beg kenne die Furcht nicht und werde kommen, bevor er ihn und das Dach, das die Feinde des Großherrn schützt, vertilgt, wie jene Hütten dort und ihre Bewohner. Geh! Der Mann, der Dich her führte, wird Dich sicher begleiten, bis Du aus dem Bereich der albanesischen Flinten bist!« – Ich konnte wohl bemerken, hochwürdiger Herr, daß dieser Bescheid und Befehl nicht nach dem Sinne des finsteren Greises war, und er heftig auf den Pascha einredete, aber dieser gab dem Aga ein Zeichen, mich fortzuführen, und so kam ich glücklich davon.«

Der Abt nahm den Ring, wies aber den Beutel mit dem Golde zurück. »Schütte ihn in den Gotteskasten,« befahl er, »damit es den Darbenden zu Gute kommt, denen es geraubt ist. Hast Du mir noch etwas zu berichten, mein Sohn Nicolaus?«

Der Novize machte das Zeichen der Bejahung – blickte aber scheu nach dem Fremden, der sich übrigens den Anschein gab, auf das Gespräch nur dann zu hören, wenn der Abt das Wort an ihn richtete. »Sprich ungescheut,« sagte dieser, »er ist ein Freund unseres Volkes, und wir haben kein Geheimnis vor ihm.«

» Iwo der Blutige, den die Moslems einen Vampyr nennen, ist heimgekehrt. Er begegnete mir am Fuße des Felsens, der die Palanka seiner Mutter trägt, und hat mir dies Stäbchen für Dich gegeben.« Der Jüngling, denn ein solcher war der Novize noch, übergab dem Abt eine Weidenrute, aus deren Rinde, wie der scharfe Blick des Offiziers bemerkte, eine Anzahl Ringe und allerlei Zeichen abgeschält waren. Der Abt zählte sie und nickte mit dem Haupt.

»Neun!« sagte er traurig, »neun Tage war er abwesend! Schäme Dich dessen, Knabe, was Du den törichten Ungläubigen von dem kühnsten Krieger der Rajahs, dem Beschützer Deiner Jugend nachsagst, und sprich bei Deinem Nachtgebet zwei Mal Deinen Rosenkranz zur Buße. Jetzt geh, wasche Deine Füße und stärke Deinen jungen Leib; Deine Aufgabe ist noch nicht zu Ende, denn Deine Brüder haben in dieser Nacht wichtige Botschaft zu bringen, sage das dem Pater Carisius, und daß sie alle bis auf den Sakristan sich bereit machen sollen, noch an diesem Abend eine Wanderung anzutreten, je nach meinem Befehl.«

Der Novize küßte ehrerbietig die Hand des Abts. »Hochwürdiger Herr, Nicolaus kennt keine Ermüdung, wo es Deine Befehle und den Dienst der heiligen Kirche gilt. Ich werde im Augenblick wieder bereit sein.«

»Nein Knabe, der sterbliche Körper braucht seine Stärkung nach seinen Mühen, wie der unsterbliche Geist nach Sorgen und Kümmernissen den Trost des Glaubens. Geh, und wenn die sinkende Sonne die Spitzen der Tannen auf jenem Hügel erreicht hat, dann sei bereit, diesen Fremden in die Palanka des Hirten, Deines Vaters, zu führen und Deine Schwester zu bitten, ihm die besten ihrer Piesmen zu singen. Der Abend ist Dein und erst wenn der Mond über den Dwornik steigt, brauchst Du ihn zum Kloster zurück zu führen. Der Pater Sakristan wird für ihn sorgen. Trage dieses Felleisen in das Refektorium.«

Er winkte dem Novizen zu gehen und wandte sich zu dem Offizier. »Halten Sie es nicht für ungastlich, Michael Gregorjewitsch, wenn ich Sie jetzt verlasse. Ich habe viele und wichtige Briefe zu schreiben, auch im Interesse dessen, was Sie selbst zu schauen und zu prüfen wünschen. Wollen Sie sich in die Zelle begeben, die ich bereits für Sie einrichten ließ, so werde ich Sie führen.«

»Wenn Sie erlauben, hochwürdiger Herr,« sagte verbindlich der Russe, »so ziehe ich es vor, auf diesem Platz mit der köstlichen Fernsicht zu bleiben, statt mich schon in die Mauern einer Klause zu schließen. Genieren Sie sich um meinetwillen durchaus nicht, ich weiß als Soldat, wie wichtig oft die Zeit ist, und ich werde das Tageslicht noch benutzen, mich mit Hilfe dieser Karte in der Gegend und den Bergzügen, die man von hier übersehen kann, zu orientieren. Nur erlauben Sie mir die Frage, ob einer der Boten, die Sie aussenden wollen, ein Paar Zeilen von mir an einen Ort bringen kann, von wo sie Ragusa erreichen? Ich möchte eine kurze Bestimmung wegen meines Gepäcks unserem Konsul zugehen lassen.«

»Schreiben Sie – es sind der Hirten genug zwischen hier und der Grenze, die gern den Weg zur Küste machen. Sehen Sie den Turm dort auf dem Felsen mit dem Hintergrund der mächtigen Fichtenwand?«

»Ich sehe ihn!«

»Es ist die Palanka, wohin der Knabe Nicolaus Sie geleiten wird. Sie werden dort Interessanteres sehen und hören, als unser armes Kloster Ihnen diesen Abend bieten kann. Vor dreißig Jahren noch war es die feste Kula eines Begs des stolzen Stammes der Grahowen, eines der mächtigsten der Herzegowina, der selbst einer Stadt den Namen gegeben. Von jenen jetzt zerfallenen Mauern aus knechtete der Beg weitum das Land der Rajah, bis Ali-Aga von Stolatz mit des Uskoken und den Kerstiti Den Gekreuzten – dem Nizam – der das Säbelgehäng und den Riemen der Patrontasche gekreuzt über der Brust trägt. Kerstiti bedeutet im Bosnischen (Serbischen) auch getauft', daher riefen die altgläubigen Türken im Haß gegen die Neuerungen des Sultan Mahmud und seines Nachfolgers: Wir sollen uns taufen lassen? Was brauchen wir dann noch den Sultan? Der russische Czar oder der Kaiser in Wien werden bessere Taufzeugen sein, als ein Sohn Osman's! den Turm brach, und sein letzter Herr am Tor von Serajew fiel! Ich werde Ihnen sogleich das Nötige zum Schreiben senden!«

Der Offizier lehnte das ab, da er das Schreibgerät in einer silbernen Büchse bei sich führte, und der Abt entfernte sich, nachdem er ihm die Hand gedrückt.

Es war ein prachtvoller Frühlingsabend und der russische Offizier, in tiefen Gedanken über die eigentümlichen Verhältnisse des seltsamen halbwilden Landes, in welche ihn die Darstellung des Abtes eingeweiht, ließ seinen Blick über die mächtige Szenerie gleiten, die in der untergehenden Sonne glühte.

Es konnte der scharfen Beobachtungsgabe des Offiziers in seiner Unterhaltung mit dem Priester des geknechteten Glaubens und Volkes nicht entgangen sein, daß neben allen Klagen über die erduldeten Leiden, neben allem berechtigten Widerstand gegen die fanatischen Tyrannen seines Volkes, dem muselmännischen Adel Bosniens, doch ein gewisser Nationalstolz auf das Rittertum des Landes, auf die trotzigen unbeugsamen Vorkämpfer seiner alten Rechte und Freiheiten lebte! War doch der Herr, der den Schweiß und das Blut der Rajah genommen, ein Sohn des Landes, wie er selbst, schmerzt doch selbst die Zwinggeißel des eingeborenen Herrn weniger als die Zuchtrute des Fremden! Weshalb opfert das Volk Blut und Gut williger für den Herrscher, zu dessen Stamm es aufgeschaut von seiner Kindheit an, als für den Eroberer, der seine Liebe als Solddienst fordert?! Die Treue ist nicht ein Kind der Freiheit und des Verstandes, die Treue ist ein Kind des Gehorsams und der Gewohnheit, in der Familie, wie im Glauben und im Leben der Völker. Darum sorge, wer herrscht, daß seine Hand leicht sei auf dem, der gehorcht! – – –

Der kurze Brief nach der Küstenstadt war längst geschrieben, und wieder ruhte das Auge des Mannes auf dem wilden rauhen Bilde um ihn her.

Eine leichte Hand legte sich auf den Arm des Offiziers und eine freundliche Stimme sagte demütig neben ihm: »Wenn es Dir genehm ist, Gospodin, ich bin bereit, Dich zu führen.«

Es war der junge Novize Nikita, oder Nicolaus nach dem kirchlichen Namen; die Sonne hatte eben den Rand der Fichtenwand auf dem unteren gegen das Meer hin gelegenen Waldhügel berührt.

Der Knabe reichte ihm die kurze Büchse, die an dem Stamme der Kastanie gelehnt, und die leichte Jagdtasche.

»Ah, ich erinnere mich, – Du sollst mich zu jenem Turm führen, den Abend unter Deinen Landsleuten zuzubringen. Aber warum reichst Du mir das Gewehr – ist der Weg unsicher? Streifen die Türken bis hierher?«

»Nicht die Türken, aber die Wölfe! Seit die Krieger der Christen und des Islam in den Tälern kämpfen, sind die wilden Tiere in großer Zahl von den Höhen des Dormitor heruntergekommen, und nicht alle fürchten sie, wie Iwo den Blutigen!«

»Wer – die Türken oder die Wölfe?« fragte lächelnd der Offizier, die Büchse schulternd, die der Knabe mit großem Wohlgefallen betrachtet und in seiner Hand gewogen hatte.

»Beide, die Türken und die Wölfe, obschon es Unrecht ist, daß er sie beide gleich behandelt. Gott hat alle Menschen erschaffen und sicher nicht dazu, daß sie sich morden sollen! Ich weiß wohl« – der junge Novize sah mit einer gewissen Scheu, als könne er gehört werden, nach dem Kloster zurück – »ich weiß wohl, daß die Türken schlechte und grausame Menschen sind, und es ist vielleicht nicht unrecht, sie im ehrlichen Kampf zu erschießen, aber sie wie die Bestien der Wildnis zu töten, wo und wie man ihnen begegnet, das scheint mir nicht recht! Meinst Du nicht auch, Herr, der Du aus fremden Ländern kommst?«

»Gewiß!«

Der junge Novize hatte fragend zu ihm aufgesehen und schien durch die einfache Zustimmung großes Vertrauen zu ihm gewonnen zu haben. »Helene sagt dasselbe, und ich habe mich darum nicht gescheut, Iwo Vorwürfe zu machen, obschon er mich gelehrt, die Flinte zu brauchen. Es ist freilich ein großes Unglück, daß die arme Helene einem Moslem ihr Herz geschenkt hat!«

Der Offizier hatte nicht ohne Interesse dem plaudernden Knaben zugehört. Sie waren währenddessen rüstig den Berg niedergestiegen und wanderten jetzt auf einem wilden Felsengrat hin.

»Wer ist Helene?« fragte der Offizier.

»Meine Schwester, Gospodin, meine süße, schöne Schwester, denn das ist sie, obschon sie nur die Tochter eines armen Hirten ist. Aber Du wirst sie ja sehen, und gewiß, Du wirst mir dann beistimmen, daß sie verdiente die Tochter eines Woiwoden oder gar eine Prinzessin zu sein, wie ihrer so viele im Abendlande sind.«

»Und Deine Prinzessin von der Herde,« fragte der Offizier mit Laune, »was hütet doch Dein Vater?«

»Die bösen Eber des Klosters,« sagte der Knabe mit einem gewissen Stolz, ohne auf die Ironie der Frage zu achten, oder sie zu verstehen, »und es ist kein leichtes Amt, sie im Winter gegen die Wölfe und Bären zu verteidigen, oder im Sommer ihnen zu wehren, daß sie sich in die Täler verlaufen, und die Frucht- und Orangenbäume der Weingärten schädigen oder die Maisfelder verwüsten.

»Deine schöne Schwester liebt also einen Muselmann – wahrscheinlich gegen den Willen Deiner Eltern?«

»Leider; den jungen Mir-Ali des Nizam des Paschas von Mostar, er soll der Sohn eines Wessirs in Konstantinopel sein, und daß er sie mit Gewalt entführen wollte, das war es eben, was die Empörung der Rajah in unserem Lande jetzt zum Ausbruch brachte. Die Mutter meint freilich, wenn Osman Ali sie zum Weibe nehmen wolle nach dem Gebrauch der Moslems in Bosnien, wo die Männer nur eine Frau haben, wie die Christen, solle sie ihm in seinen Konak folgen und sein Weib sein; aber der Vater hat geschworen, sie eher zu töten, und schlug die Mutter und Helene. Dennoch würde sie den Zorn des Vaters nicht fürchten, aber sie fürchtet die niemals fehlende Flinte Iwos des Blutigen, der seine Kugel senden würde dem jungen Ali, und säße er im innersten Gemach des Großherrn in Stambul!«

»So ist dieser Iwo, den Du schon zweimal genannt hast, wohl ein abgewiesener Liebhaber Deiner schönen Schwester, ein Rival jenes Obersten des Nizam?«

Der Knabe sah ihn erstaunt an und schüttelte traurig den Kopf. »Iwo,« sagte er, »liebt niemanden, nicht einmal die Mutter, die ihn geboren, die Ärmste. Er wacht allein über Helenen!«

»Er hat ihr also gesagt, daß er ihren Moslem töten werde, wenn sie zu ihm zu fliehen wagte?«

Wieder schaute ihn der Knabe an. »Wo kommst Du her, Gospodin, daß Du nicht weißt, daß Iwo nicht also sprechen kann – er ist ja stumm! Aber wir alle verstehen ihn sehr wohl, wenn ihm auch Gott und seine Mutter keine Sprache gegeben haben, wie anderen Leuten.«

»Aber wer ist eigentlich dieser Iwo, wo wohnt er?«

»Wo soll er wohnen, als in dem Turm, wo er geboren ist, und den der Higumenos ihm gegeben, daß er dort hause mit Petros, meinem Vater, und meiner Mutter seit seiner Geburt; denn Du mußt wissen, Gospodin: Iwo der Blutige hat keinen Vater wie andere Söhne – er ist ein Sohn des Scheitan, und deshalb behaupten die Moslems, er sei kein lebendiger Mensch, sondern ein Wudkoklak, ein Vampyr!«

Der Knabe hatte sich schaudernd an seinen Begleiter gedrängt und blickte scheu umher bei seinen Worten. Der Aberglaube des Volkes mischte sich trotz seiner christlichen und besseren Erziehung im Kloster der Basilianer-Mönche in seinem Gemüt offenbar mit seinen besseren Gefühlen von Anhänglichkeit, denn er sagte gleich darauf zu seinem Begleiter: »Aber es ist nicht wahr, Gospodin, wir wissen es besser, daß der Iwo ein lebendiger Mensch ist, wie wir, und daß nur sein arger Haß gegen die Moslems ihn zu so schlimmen Taten führt, die ihm den Namen des Blutigen verschafft haben. Er ist kein Vampyr, denn er nimmt nur das Blut der Moslems, nicht der Christen, seiner Freunde!«

»Er ist also ein Krieger oder ein freier Jäger nach allem, was ich mir aus Deiner Erzählung zusammenreimen kann – vielleicht ein Mann, den die Türken verstümmelt haben, und der ihnen deshalb bittern Haß nachträgt,« meinte der Offizier. »Nach Deiner Erzählung ist er ein gefährlicher Schütze, und ich möchte wohl mit ihm, wenn ich länger im Kloster verweilen muß, eines Tages auf die Wolfsjagd gehen, denn ich bin ein leidenschaftlicher Jäger. Wie Du sagst, verstehst Du selbst, so jung Du bist und trotz Deines erwählten Standes eine Flinte zu handhaben?«

»Wer sollte das nicht in diesem armen Lande, Gospodin, wo die Mütter ihren Kindern die Waffe in die Wiege legen müssen, damit sie am Leben bleiben. Iwo selbst hat mich das Schießen gelehrt, und ich treffe den Vogel im Fluge!«

Der Offizier lachte. »Nun, das ist grade nichts so Ungewöhnliches. Ich habe mehr als einen Knaben gesehen, der die Rebhühner im Fluge schießt, wenn der Hund sie aufjagt, oder die wilden Enten und Schnepfen, wenn sie aus den Sümpfen aufsteigen.«

»Die Kugel Iwos fehlt niemals. Der Blutige schießt nicht mit dem leichten Blei der Franken – und Tag und Nacht sind ihm gleich bei seinem Ziel; denn er hat das Auge des Adlers und der Eule und sieht in finsterer Nacht so scharf wie unter dem Licht der Sonne.«

»Nun, Knabe, ich werde Deinen berühmten Schützen, der sich wahrscheinlich durch das Wegputzen einiger türkischen Vorposten seinen Ruhm erworben, ja wohl selbst zu sehen bekommen; denn dort ist, wenn der Feuerschein nicht trügt, die Palanka oder der Turm, in dem er wohnen soll. Der Ruf besonderer Eigenschaften und Taten ist, wie es scheint, in Eurem Lande ziemlich leicht zu erlangen, und so wird es auch wohl mit dem Blutigen und dem Manne sein, den sie den Bären von Bosnien nennen, und der ein ebensolcher Nachtvogel zu sein scheint wie Dein Blutiger? Denn im Unterland konnte mir niemand seinen wirklichen Namen nennen, und selbst der Abt schien ihn nicht zu kennen oder wich meiner Frage aus.«

»Wenn Du mich nicht verraten willst, Fremder,« berichtete der Knabe, »so will ich Dir wohl sagen, daß der Bär ein Freund des hochwürdigen Herrn ist und ihn besucht bei Nacht und bei Tag, obschon sie noch niemand beisammen gesehen und der Higumenos verboten hat, davon zu sprechen. Aber der Bär scheut das Licht der Sonne nicht und ist stets voran in den Schlachten der Rajahs. Petros mein Vater sagt: Michael, der schwarze Priester, sei der Kopf der freien Rajahs von Bosnien und der Bär ihr Arm!«

»Es ist, wie ich mir dachte,« murmelte der Offizier, »dieser Klostermann steht in näherer Verbindung zu dem Aufstand, als er mir bisher zugestehen wollte. Doch er hieß mich warten und mir selbst ein Urteil bilden, und das will ich. Ist jenes Gemäuer, aus dessen Pforte der Feuerschein dringt, wie ich vermutete, in der Tat Deine Palanka?«

Sie hatten schon mehrere Minuten vorher auf ihrem Wege den Schein des Feuers von der Höhe jener Klippe gesehen, wo der Turm, den der Abt bezeichnet, stehen mußte, und zugleich den weithin schallenden Klang geschlagenen Eisens gehört. Jetzt, da sie den Abhang hinaufstiegen, sah der Offizier, daß beides, das Licht und der Klang, von derselben Stelle herkam.

Es war, wie die meisten jener Felsenburgen der alten Geschlechter der Begs, deren manche noch aus langer Vorzeit der Türkenherrschaft stammen, ein massiver, viereckiger Turm, dessen moos- und epheubedeckte Steinmauern selbst die Zerstörung feindlicher Hände nicht zu brechen vermocht hatte, und an denen nur die Jahrhunderte genagt und gelöst. Der Turm hatte außer dem Erdgeschoß, aus dessen weit geöffneter Pforte, der anscheinend jeder Verschluß fehlte, das Licht kam, noch ein Stockwerk mit engen Schießscharten gleichenden Öffnungen, und einzelne Stellen der krönenden Mauer des flachen Daches zeigten, daß diese creneliert gewesen war wie bei den deutschen Burgen des Mittelalters. Jene Öffnungen des oberen Stockwerks waren jedoch finster und deuteten an, daß sämtliche Bewohner des alten Gebäudes in dem unteren Raum um das Feuer versammelt sein mußten, was auch die dunklen Schatten bewiesen, die sich von der hellen Glut des Feuers abhoben. Ein Schmied mußte nach den Bewegungen dort seinen gewaltigen Hammer schwingen, denn der Schlag auf den sehr primitiven Ambos klang deutlich heraus und seltsamerweise in einer Art von Takt und einer Melodie sich anschließend, die der Offizier hier sicher nicht zu hören erwartet hatte.

Es war nämlich ein deutsches Volks- und Handwerksburschenlied, das mit einer krähenden Fistelstimme gesungen wurde, und in das die gewaltigen Hammerschläge des Schmiedes freilich nur hin und wieder passend einschlugen. Der Sänger sang nämlich mit ausgeprägt sächsischem Dialekt das altbekannte Wanderlied:

In des Waldes tiefsten Gründen,
In den Höhlen tief versteckt,
Schläft der kühnste aller Räuber usw.

»Was zum Henker ist das?«

»Oh, das ist Gospodin Herzlich, der lustige Swabi, Deutsche. er singt dem Vater zur Arbeit und schneidert dazu, um den Männern die Hosen und die blitzenden Tokas zu flicken; denn Du mußt wissen, Aga, der Vater versteht das Waffenschmieden wie die Bürger in den Städten, und hämmert den Pferden die Eisen und hämmert den Bauern ihre Hacken und Beile weit umher! Der Schneider kann der Lieder gar viele, aber wir verstehen sie nicht, und der weise Higumenos, der, wie alle Sprachen der Welt, auch die Sprache der Swabi redet, sagt, es seien nur Schelmenlieder und kein einziges darunter zu Ehren der heiligen Panagia oder der großen Helden Bosniens, und drum hören wir die Piesmen der Schwester Helene lieber, als seinen Singsang. Aber still! da ist Iwo, um zu sehen, wer der Kula der Grahowen sich nähert; denn sein Ohr ist so scharf, daß er den Flug der Krähe hört, wenn sie in der Ferne zu den Schlachtfeldern zieht, wenn auch sein Mund stumm ist wie das Grab.«

In der Tat erschien in der Tür der riesige Schatten eines Mannes, und die Gestalt trat, die plumpe Büchse in der Hand, auf die Schwelle und lauschte hinaus ins Dunkel, verschwand aber sofort wieder, als der junge Klosterschüler mit lauter Stimme rief: »Blutiger Iwo, es ist kein Wolf und kein Feind, es ist Nikita mit einer Botschaft von dem ehrwürdigen Higumenos,« und an ihrer Stelle schritt eine Mädchengestalt über die Schwelle und breitete beide Arme hinaus in die Nacht. »Die heilige Jungfrau segne Deinen Eintritt, Nicolaus, mein Bruder,« sagte eine wohlklingende Stimme. »Mein Herz hat sich nach Dir gesehnt, wie das Reh nach der Quelle. Aber wer ist es, der Dich begleitet? Ich sehe einen fremden Mann bei Dir?«

Der Novize flog auf sie zu, küßte ihre Stirn und flüsterte ihr einige Worte zu, während er seinen Begleiter einige Augenblicke in den Schatten des Turmes zurückließ, der die Zeit benutzte, einen prüfenden Blick auf die Umgebung zu werfen.

Der Turm war von einer, mehr als das Hauptgebäude verfallenen, Mauer aus Steinquadern umgeben, innerhalb deren noch ein dürftiges steinernes Wirtschaftsgebäude, ein im Freien errichteter Feuerherd und zwei Schuppen oder Verschläge aus unbehauenen Baumstämmen standen, deren Inhalt das wilde Schnauben und Grunzen der Bewohner verriet. Zwei jener gewaltigen Molosserhunde, deren Race gesuchter und kostbarer ist, als die der besten Neufundländer und Leonberger, waren bei der Annäherung der Wanderer lautlos herangekommen, hatten sich an ihren Füßen gerieben und sich wieder, als hätten sie Befreundete erkannt, auf ihren Posten zur Bewachung der ihrem Herrn anvertrauten Herde entfernt.

Einen wichtigeren, interessanteren Anblick bot das Innere der Turmhalle, deren größeren Teil der Offizier von der Stelle, an der er stand, bequem übersehen konnte.

Die Nationaltracht der ärmeren Bosniaken, Männer wie Frauen, ist weniger plump, als die der vornehmen und reichen, schließt sich ihr aber doch in der Form an.

An dem offenen Schmiede-Herde, der im Winter offenbar zugleich die Küche und den Ofen der Familie bildete, stand auf einem gewaltigen Baumklotz auf Felsengrund der Ambos für die Eisenarbeiten des Hausherrn, vor dem dieser, ein Mann von etwa fünfzig Jahren mit finsterem, gemeinem Gesicht, auf den mächtigen Hammer gestützt, lehnte ohne sonderliche Freude über das Kommen seines Sohnes in den mißtrauischen unruhigen Augen. Arme, Hals und Brust des Hirten und Schmiedes waren von dem kohlenbestaubten blusenartigen Hemd entblößt, seiner einzigen Bekleidung außer den türkischen weiten Beinkleidern, und zeigten unter Schmutz und Behaarung die gewaltige Muskulatur. Obschon er eben nur in der Beschäftigung seines Gewerbes begriffen war, steckte doch das breite, leicht gekrümmte Messer mit dem Griff von Horn in dem Ledergurt.

Ihm gegenüber an der einen Seitenwand des Herdes hockte sein Weib. Sie konnte noch keine vierzig Jahre zählen, und obschon Arbeit und Elend längst die Schönheit aus ihrem Antlitz beseitigt hatten, wie denn überhaupt die Frauen des Orients, wenn nicht etwa der Müßiggang und die Pflege des Harems ihnen zu Hilfe kommen, weit früher, als die Frauen des Occidents dem gänzlichen Verwelken anheimfallen, so zeigte dies abgemagerte Antlitz doch noch Spuren genug, daß es in seiner Jugend in ungewöhnlichem Grade all' die Reize gehabt haben müsse, welche die Männer schätzen, ja, noch jetzt zeigte der klassische Schnitt ihrer Züge, daß sie von einer anderen Race, als der serbischen stammen mußte. Die Frau hielt den Schwengel eines Windfächers, mit dem sie die Glut der Kohlen zur Arbeit ihres Mannes angefacht und hatte sich bei dem Ausruf ihrer Tochter emporgerichtet, um den Sohn zu empfangen. Ihre Kleidung nach der Landessitte: das panzerartige Mieder, der eng anschließende Rock und die bunte steife Schürze waren überaus ärmlich und unansehnlich, während die gleiche Tracht des Mädchens zwar auch sehr bescheiden, aber doch ungleich zierlicher war, und ihr selbst jener Korallenschmuck nicht fehlte, den die Frauen und Mädchen der Herzegowina um den Hals und auf den halbentblößten Busen fallend tragen, während das einfach gescheitelte Haar ohne eine andere Zierde als einige Flitterblumen bleibt.

Auf der anderen Seite des Herdes kauerte nach türkischer und gewöhnlicher Schneidersitte mit gekreuzten Beinen eine überaus komische Erscheinung, ein Mann von kleiner hagerer Figur, dem die weiten türkischen Beinkleider, wenn er stand oder ging, offenbar bis über die Fersen fallen mußten, obschon er diesen Übelstand vermöge seines Handwerks gewiß leicht hätte ändern können. Er schien indes an der seltsamen Tracht ein gewisses eitles Wohlbehagen zu finden, und seltsam war sie in der Tat, denn er trug, zu dieser echt orientalischen Bekleidung seiner mageren unteren Extremitäten, einen sehr engen abgeschabten blauen Frack mit ehemals vergoldeten Knöpfen, dessen schmale Schwalbenschwänze rechts und links von seinem niederen Sitz, einem moosgestopften Sack, sich auf die Erde breiteten und zum Spiel zweier ganz junger Hunde dienten, deren Mutter, wahrscheinlich auch die Familienmutter der beiden großen Wächter draußen an der Schweinehürde, behaglich vor dem Feuer lag. Das Kostüm des unglücklichen, gewiß bereits in der Mitte der Dreißiger stehenden Schneiders, vervollständigte ein türkischer Fez mit großer Quaste und – vielleicht das seltsamste, gewiß aber das stolzeste Stück seiner Garderobe – eine altertümliche kolossale Reiterpistole mit Radschloß und trombolenartiger Mündung, wie man sie vor mehr als zweihundert Jahren gebraucht, die so groß und lang aus seinem nach Landessitte um die hagere Taille geschlungenen Shawlgürtel hervorragte, daß er sich bei seiner Arbeit alle Augenblicke mit dem spitzen Kinn und der vom Slibowitza stark geröteten Nase an den messingbeschlagenen Kolben stieß, ohne daß er Miene machte, sich der unbequemen und unnützen Waffe bei seiner friedlichen Arbeit zu entledigen.

Die interessanteste und von dem Auge des Offiziers gesuchte Persönlichkeit war aber ein Mann von kolossalem Wuchs in der wilden Tracht der Krieger der schwarzen Berge, der auf der anderen Seite der Vertiefung am Feuer saß und Kugeln goß. Er hatte nach dem kurzen Ausblick aus der Pforte offenbar sogleich wieder den früheren Platz eingenommen und fuhr in seiner Beschäftigung fort, ohne sich um die Ankommenden oder seine Umgebung zu kümmern, und nur von Zeit zu Zeit die mähnenartig um seinen Kopf hängenden schwarzen in Zöpfe geflochtenen Haare aus der Stirn schüttelnd. Der Offizier konnte nur das Profil dieses Mannes sehen, der mit ihm im gleichen Alter zu stehen schien, aber dies Profil war überaus kühn und bedeutend geschnitten und paßte zu dem fast unbeweglichen finstern Ausdruck, den dicken, fast buschigen Brauen und dem an beiden Seiten des geschlossenen Mundes lang herabhängenden Schnurrbart, jenem Schmuck der Männlichkeit, auf den die Serbenslaven so viel halten und den die Tyrannei der muhamedanischen Spahis den christlichen Rajahs verboten hatte. Die lange albanesische Flinte lag im Bereich seiner Hand, ein breiter Yatagan steckte in seinem Gürtel.

Das mußte Iwo der Blutige sein, von dem der Knabe gesprochen hatte.

Dieser hatte jetzt dem fremden Offizier Platz gemacht und ihn ersucht, in die Wohnung seines Vaters einzutreten. Er stellte ihn als einen geehrten Gast des Abtes vor, der ihn zu der Kula gesandt habe, um hier das Leben des Volkes zu schauen.

Petros, der Hirt, reichte dem Gaste die Hand. »Gesegnet sei Dein Eintritt, Brat Bruder., aber wenig wirst Du finden in der Hütte der Armen, was Dein Auge erfreuen kann; denn der Moslem hat ihm alles genommen bis auf das Leben. Ich habe nichts, was ich Dir bieten kann zur Gastfreundschaft.«

»Ich bedarf nichts,« sagte der Offizier, »als Deines guten Willens. Laß Dich nicht in Deiner Arbeit stören, denn ich weiß, daß die Zeit das einzige Gut des Armen ist. Es sind schlimme Zeiten in Eueren Bergen.«

Der Schneider hatte die kurze Zeit der Begrüßung des Hausherrn benutzt, um die Scherbe eines alten zerbrochenen Taschenspiegels aus seiner Tasche zu ziehen und mit Hilfe eines alten Kammes seine Toilette etwas in Ordnung zu bringen. Obschon die Begrüßung in der Landessprache gesprochen war, hatte er doch genügend die letzten Worte verstanden, um sich sofort unangesprochen in die Unterredung zu mischen. »Heeren Se, kutester Herr, da hat Sie der Himmel eene Wahrheit sagen lassen, wies keene zweite mehr geben kann uf der Welt! Daß Sie nich von hier sein, kann man Sie uf eene Meile ansehn, es is bei Gott das erste anständige Gesichte, was ich wieder vor Auchen bekommen habe, seit mich der Teufel geritten hat, mich in dieses Land zu verlieren! Heeren Sie, sein Sie vielleicht auch aus Taitschland, Sie sehe« mir so anständig aus?«

»Ich bin ein Russe,« sagte der Offizier lächelnd, »aber ich verstehe Ihre Sprache!«

»Herr Jeeses! Was für ein Glück, ich hätt' mir des nich träumen lassen an diesem Abend, daß ich die keliebte Sprache von eenen antern Menschen hören würde, als von meinem eegnen Munde. Sie müssen wissen, Kutester, wenn ich auch vielleicht aussehn tu wie een geborener Terke, ich bin aus Dräsen, Anton Herzlich aus Dräsen in Sachsen, Schneider meines Gewerbes und tu mir aufrichtig freuen, Ihre werte Pekanntschaft gemacht zu haben.« Damit stand der Schneider auf, nachdem er die Toka, an der er herumgeflickt, zur Seite gelegt, gab seinen Beinkleidern einen gewaltigen Ruck in die Höhe und reichte gemütlich dem Offizier die Hand. »Um Vergebung, Sie sein wohl auch uf der Wanderschaft? Welches Metier haben Sie tenn eejentlich?«

»Land und Leute zu sehen – ich reise zu meinem Vergnügen!«

»Herr Jees, was Se sagen! Und ta kommen Se terenhalb hierher? Weeß Kott! Ich kann Se sagen, Verjnügen wern Se wenig hier finden tun, und ich wünschte meiner Seele, ich wäre keen solches Rindvieh gewäsen und hierher kegangen, weil se mir vorgeredt, in tem Nest in dem Serajewo fehlten die Schneiders, und ma verdiente bei die Paschas Geld wie Heu. Nu bin ich Sie halt immer weiter kekommen und endlich hierher, weil mer ener versichert, hier wär's nich weit von de österreichische Grenze und nu haben se mer hier festgehalten, weil's mitten im Krieje is und lassen mer nich weiter, bis ich alle die verflixten Röcke und Mäntel in Ordnung gebracht, was ä Zeig is wie der reene Filz, daß man sich die Finger derbei kaput stachelt, und eenen Fraß haben die Kerle, ich sage Ihnen en Fraß, for de Schweine zu schlecht. Vier Wochen sitz ich nu hier, un noch nich een eenziges Mal haben wir Kalbsbraten un Backpflaumen gesehen, obschon die Pflaumenbäume hier zu Hunderten wachsen. Aber sie wissen nichts mit anzufangen, als daß sie Schnaps draus brennen, der zwar nich so übel is, aber sie trinken ihn halt alle alleene! Wenn ich nur wüßte, wo der nächste sächssche Gesandte wohnte, ich hätte mich längst in seinen Schutz gegeben, denn vor was haben wir Sachsen denn Beusten? –«

Ein dröhnender Schlag auf den Ambos unterbrach den Redner, der erschrocken zusammenfuhr, als er sah, daß der wilde Krieger dies Zeichen gegeben und ihm einen drohenden Blick zuwarf. »Herr Jeees!« sagte er schüchtern, »nu verbieten se eenem sogar das Reden, und ich hätt' mer doch so gern noch een Paar Stunden mit Ihnen von dem geliebten Taitschland unterhalten. Ich sage Ihnen, Herre, traun Sie nur dem Kerle nich – er is der reene Abällino!«

Damit war er zu seinem Sitz zurückgeschlichen, sein Groll auf die Verwendung der Pflaumenbäume in diesem Lande schien aber keineswegs so groß, als er kund gegeben; denn er schielte überaus lüstern nach der großen schwarzen Flasche, die Nikita währenddessen als Gabe des Abts dem Vater gereicht hatte, der sie ohne weiteres an den Mund und erst nach einem langen Zuge wieder absetzte und dem wilden Krieger reichte.

Bei dessen unwilligem Schlage auf den Ambos, zu dem er sich halb erhoben, hatte der Offizier zum ersten Mal den vollen Anblick seines Gesichts gehabt, und er konnte sich eines gewissen Grauens nicht erwehren, als er die Farbe dessen sah. Trotz des roten Scheins, den die reichlich genährte Flamme des Herdes auf alle Gegenstände und Personen umher warf, bewahrte dies Gesicht eine fast bleifarbene, blutlose Blässe, aus der die großen schwarzen Augen um so unheimlicher funkelten. Diese Augen hatten sich jetzt auf ihn gerichtet, und er winkte den Novizen zu sich, der unterdessen einige andere Dinge, Orangen, Salz und dergleichen, die er für Mutter und Schwester mitgebracht hatte, an diese verteilte. Selbst den armen Schneider hatte er nicht vergessen und brachte ihm Zwirn, Nadeln und Seidenband, steckte ihm dabei auch ein Fläschchen dunkelfarbigen Wein zu, das der Sachse mit größter Schnelligkeit in die Taschen seines unförmlichen Beinkleides verschwinden ließ.

Als der Knabe sich zu dem Krieger der wilden Berge gesetzt, fand ein rascher Austausch von Zeichen statt, worauf Nicolaus sich zu dem Offizier wandte. »Iwo ist stumm, Gospodin, wie ich Dir bereits sagte, Gott und die Heiligen haben ihm schon vor seiner Geburt die Sprache versagt. Aber er vermag leicht durch den Mund anderer zu sprechen, und er fragt: woher Deine Schritte kommen?«

»Sage ihm, daß ich ein Moskow sei!«

»Er dachte es sich, und deshalb redet er mit Dir, was er selten genug mit solchen tut, die er nicht seit Jahren kennt. Er will wissen, ob Du ein Krieger des großen Czaren bist?«

Der Offizier öffnete statt der Antwort seinen Rock und zeigte auf der inneren Seite des Gilets sein Georgenkreuz. »Sage ihm, daß ich es mir bei Sebastopol gegen die Franken und die Moslems verdiente,« sprach er.

Der Knabe wiederholte rasch die Mitteilung in seinen Zeichen, und der stumme Krieger, der bei dem Anblick des Kreuzes den Kopf geneigt, erhob sich jetzt und streckte dem Franken die Hand entgegen.

Jetzt, als er in seiner vollen Größe aufgerichtet stand, konnte der russische Offizier erst die gewaltige Gestalt in ihren kräftigen und doch schönen Verhältnissen gebührend würdigen.

»Iwo,« sagte der Knabe »heißt Dich willkommen, Aga« – er gab ihm jetzt die kriegerische Bezeichnung, – »und verheißt, Dein Freund zu sein, so lange Du in diesen Bergen weilst. Er bittet Dich, die geringe Gastfreundschaft anzunehmen, die er und seine Mutter Dir bieten können, und fragt, ob Du sie hier annehmen, oder ihm in seine Wohnung folgen willst?« Er deutete dabei auf eine leiterartige Treppe, die in einem Winkel des Raumes offenbar nach dem oberen Geschoß des Turmes führte.

»Sage Deinem Freunde,« antwortete der Russe, »daß ich wünschte, hier im Kreise Deiner Familie zu verweilen, daß ich es aber für eine Ehre halten würde, die Mutter eines tapferen Kriegers zu begrüßen, wenn sie zugegen sein sollte.«

Dieser Wunsch schien ein allgemeines verlegenes Schweigen hervorzurufen, dessen Bedeutung sich der Offizier nicht zu enträtseln wußte, da ihm bereits bekannt war, daß in Bosnien selbst die Weiber der meisten Moslems eine weit größere Freiheit genießen, als sonst die Frauen im Orient. Der niedere Rajah zögert zwar keinen Augenblick, sein Weib zu mißhandeln; sie muß am untern Ende seines Tisches sitzen und die niedrigsten und schwersten Arbeiten vollziehen, dagegen gehen selbst die Türkinnen in vielen Gegenden unverschleiert, der Moslem hat wie der Christ nur eine Frau, und in den höheren Berggegenden, in den unzugänglichen Kolonien der Geächteten, der Haiduken und Uskoken nimmt die Frau eine fast abendländische Stellung ein und ist die treue Gefährtin des Mannes. Ihr Umgang mit andern Männern ist ohne Zwang, aber Ehebruch, der übrigens nur sehr selten vorkommt, wird an beiden Schuldigen unnachsichtlich mit dem grausamsten Tode bestraft, den bei der Frau selbst die Verzeihung des beleidigten Gatten nicht abwenden könnte. In der Liebe zu den Jungfrauen herrscht oft ein romantischer Geist, wie in den gerühmtesten Zeiten des Mittelalters.

Die Verwunderung des Offiziers über das zögernde Schweigen der Familie war daher wohlgerechtfertigt und wurde noch vermehrt durch das Benehmen des Schneiders, der hinter dem Rücken des wilden Kriegers allerlei bedeutsame Kapriolen machte und hinter der vor den Mund gehaltenen Hand mit gedämpfter Stimme flüsterte: »Seltsame Keschichte, Landsmann! Läßt sich nicht gern in Kesellschaft sehen!«

Um so mehr war der Offizier erstaunt, als er jetzt sah, daß der blutige Iwo zweimal die Hände zusammenschlug, während er finster die Brauen zusammenzog, und auf dieses Zeichen sofort eine für diese Umgebung reich gekleidete Frau die einfache Treppe in die Halle herunterstieg. Sie trug zwar die unbehilfliche Tracht der Bosniakinnen, aber jedes Stück ihres Anzuges war von wertvollen Stoffen, und selbst blitzendes Geschmeide am Hals und an den eigentümlichen Verzierungen des Mieders fehlte nicht. Obgleich ein schwarzer Halbschleier zum Teil ihr Gesicht verhüllte, konnte der Offizier, als der Bosniak jetzt seiner Mutter entgegenging, ihren Arm faßte und sie mit einer gewissen Ehrerbietung in den Lichtkreis des Herdes geleitete, deutlich erkennen, daß sie in der Jugend von großer Schönheit gewesen sein mußte. Jetzt war sie eine Frau von etwa fünfzig Jahren, obschon das fast weiße Haar sie einige Jahre älter erscheinen ließ. Die Farbe ihrer Haut war so weiß, wie sie die Europäerinnen des Nordens zeigen; das Auge, das dunkle ihres Sohnes, hatte einen etwas wirren verzweifelten Ausdruck, sodaß der Offizier anfangs sich zu dem Glauben neigte, er habe eine jener Geisteskranken vor sich, denen die Orientalen so große Nachsicht und Sorge zeigen, aber bald hatte er sich aus dem andern Gebühren überzeugt, daß es nur die Gewohnheit eines schweren geistigen Leidens sein mußte, und für diese Erklärung sprachen auch die hagern Wangen und die tiefen Züge um die oft zuckenden Mundwinkel.

Die Tochter des Hirten hatte eilig ein großes Wolfsfell herbeigebracht, deren, wie der Offizier bemerkt hatte, eine große Zahl, mit Bärenfellen und verschiedenen altertümlichen Waffen untermischt, die Wände des Turmes schmückte oder zu Sitzen und Lagerstätten diente, während ein besonderer Verschlag von Bohlen wahrscheinlich die Kammer der Frauen bezeichnete. Helene und ihr Bruder bereiteten aus dem Wolfsfelle einen Sitz an dem Feuer und geleiteten die Frau dahin, wobei der Offizier wieder die Bemerkung machte, daß auch beide Geschwister nur ihren Arm berührten. Dann nahm der junge Novize wieder das Amt des Dolmetschers auf.

»Die Mutter Iwos,« sagte er, »heißt gleichfalls den Moskow willkommen, sie hat gehört, daß er ein Feind der Osmanli ist und gegen sie gekämpft hat.«

Der Offizier verbeugte sich gegen die Frau. »Spricht sie nicht Deine oder eine andere Sprache?«

»Sie redet gar nicht, wir wissen nicht einmal, welchen Stammes die Unglückliche ist – die Türken haben ihr, ehe Iwo ihr Sohn geboren wurde, das Glied, das Gott den Menschen gibt, um sein Lob zu preisen, an der Wurzel verstümmelt.«

»Allmächtiger Himmel – die Zunge ist der Ärmsten ausgeschnitten! Unglückliche Frau!« und er streckte teilnehmend die Hand gegen sie aus.

Ein unartikularischer Gurgellaut kam aus dem halbgeöffneten Munde der Frau; zugleich hob sie beide Arme in die Höhe, daß die weiten Ärmel des Hemdes, wie sie die Bosniakinnen und Bulgarinnen tragen, zurück über den Ellenbogen fielen. Wohl mochte der Offizier noch einmal in den Ruf: »Allmächtiger Gott – welcher Frevel!« ausbrechen: – die Arme waren gleichfalls verstümmelt, beide Hände von den Gelenken getrennt.

»Jetzt, Aga,« sagte traurig der Knabe, »weißt Du, weshalb der tapfere Iwo stumm geboren ist, und weshalb seine Mutter nicht sagen noch schreiben kann, welches Stammes sie ist und woher sie gekommen. Gott allein weiß es und Michael, der weise Higumenos.«

Der Offizier empfand, daß er hier vor einem furchtbaren Geheimnis stand, und daß der greise Abt des Klosters auf dem Berge ihn nicht ohne Absicht hierher gesandt hatte, als er nach den Verhältnissen und Leiden der Rajahbevölkerung Bosniens forschte.

»Und woher glaubst Du, daß der geistliche Herr die Herkunft dieser unglücklichen Frau kennt?«

»Wir wissen es nicht, aber wir glauben es; denn es sind fünfundzwanzig Jahre, daß der Higumenos das Kloster des heiligen Basilius bewohnt, wohin er vom Berge Athos kam. Damals war Petros, mein Vater, schon ein Hirt in den Tälern, und sein Vater hauste in diesem Turm, der dem Kloster gehört, und die Frau ohne Zunge und Hände war noch jung, nährte ihr Kind, das die Mutter von Petros an ihre Brust legte, wenn es trinken wollte. Meine Mutter aber war eine Waise, deren Eltern die Moslems erschlagen hatten, und die ein Mann aus Bosnien jener anvertraut hatte, daß die arme Hirtin sie groß ziehen möchte. Es war im Jahre, als Reschid, der Wessir des Großherrn von Stambul, die Begs tötete auf dem Felde von Kossowo und der Zmaï od Bosna Drache von Bosnien zu den Swabi jenseits der großen Donau entwich, nachdem die Rajah ihm acht Pferde unter dem Leibe getötet hatten. Meine Schwester Helene soll Dir die Piesme singen von Wusseïn dem Drachen, wenn Du sie zu hören wünschtest.«

»Gewiß, ich bitte Deine Schwester darum, Knabe. Aber fahre fort in Deiner Erzählung, wenn es Dein Vater und dieser Krieger Dir erlauben.«

Iwo, an den die letzten Worte eigentlich gerichtet waren, war wieder in sein düsteres Hinstarren versunken und mit dem Beschneiden der vorhin gegossenen Kugeln beschäftigt. Da er kein Zeichen des Verbots machte, fuhr der Klosterschüler fort: »Als meine Mutter, Sophia, aufgehört hatte, ein Kind zu sein, hat der Higumenos, der damals Diakon war im Kloster am Berge, sie meinem Vater zum Weibe gegeben, denn sein Wort galt alles in der Kula der Grahoven, und meine Mutter hat mir erzählt, daß er, wenn er zur Kula kam, zu der stummen Frau draußen im Walde und in einer Sprache, die sie selbst nicht verstand, redete, und daß die Frau, die wir Magdalena nennen, alles tat, was er befahl, und Iwo ihren Sohn zu ihm ins Kloster sandte, wo er von dem Abt mancherlei Dinge lernte, selbst die Flinte führen und den Säbel schwingen; denn der Higumenos, Aga, versteht alle Dinge und ist selbst geschickt in den Waffen. Aber Iwo ist fast stets in den Bergen und Wäldern und schon seit vielen Jahren, als ich noch ein Kind war, ein Schrecken der Türken geworden, um seine Mutter in deren Blute zu rächen, nach der Sitte der Blutrache seiner Freunde, der Männer der schwarzen Berge. Er kommt nur selten zum Kloster und nur, wenn es der Abt ihm befiehlt, und noch seltener betritt der Higumenos diese Kula, seit Iwo ein Mann geworden, der für seine Mutter sorgen kann; aber wenn ich im Turm gewesen, läßt er sich sorgsam von ihr erzählen, und deshalb glauben wir alle, daß er von ihrem Unglück und ihrer Jugend mehr weiß, als ein anderer.«

Die Frauen hatten während des Gesprächs der Männer, die jetzt sämtlich rauchend um den Herd saßen, ihrerseits nach Kräften geschafft, um sie zu bewirten. Freilich waren es nur die einfachen Landesspeisen, aber der Schneider verfehlte nicht, sich behaglich den hagern Leib zu streichen, als er bemerkte, daß zu Ehren der Fremden die Kulia, die einfache Suppe von Buchwaizen-Mehl durch Schmalz zum Kuwalion erhoben wurde, und die Pisas oder Tankas, die kleinen in der Asche gebackenen Brote, durch eine neue Flasche Slibowitza, die der Knabe auf einen Wink des Hausherrn aus dem oberen Stockwerk holte, angefeuchtet werden sollten.

»Heeren Se, wissen Se, Kutester,« sagte er entschlossen zu dem Offizier, »ich habe Vertrauen zu Sie, und Sie werden eenen redlichen Landsmann nich im Stiche lassen. Der Teifel soll meine arme Schneiderseele holen, wenn ich in diesem Hundeloch hier noch eenen eenzigsten Stich nähen tu. Mein Freind, der Nikita hier, hat mer neilich schon gesagt, daß der Härr Abt, der heilige Mann – wissen Se, ich gehöre auch zur Schloßkärche in Dräsden, – daß er will den frommen Mönchen neue Kutten machen lassen. Ich hab in Österreich uf der Wanderschaft eh mich der Teifel geritten hat, in die Terkei zu wandern, in eenem Kloster gearbeitet. Jeßes Marie, kutester Härr, was hat es da für schönen Wein und gute Fastenspeise gegeben, ich wäre fer mein Leben gerne auch e Mönch geworden, wenn nur die Weibsleute nich wären. Se kennen doch das schöne Lied, was immer die Leipziger Studenten singen,« und er stimmte sofort das bekannte Trinklied an:

»Der Papst lebt härrlich in der Welt,
Es fehlt ihm nie an baarem Geld«

unterbrach sich aber alsbald wieder, als der Klosterschüler ihn mit schelmischer Drohung auf den Krieger wies, und fuhr dagegen in seiner Rede fort: »Ja was ich Sie sagen wollte, ich werd Ihnen lieber das Vergnügen machen und mit Sie in das Kloster gehn, vielleicht daß mer wo eene Jelegenheit findet, über die Krenze zu entwischen, eh sie mir hier weiter verkoofen, wie een Stück Vieh, das von eener Hand in die andere geht. Das viele Schießen, was man hier Heeren muß, macht eenen ganz nervös!«

»Wenn Sie keine Verpflichtung hier haben,« sagte mitleidig der Offizier, »so habe ich nichts dawider, daß Sie uns begleiten und werde gern ein gutes Wort bei dem Abt einlegen, daß er Sie nach der Boccha, nach Ragusa oder Cattaro bringen läßt, das Sie in einer Tagereise erreichen können.«

»Heeren Se, bestes Härrchen,« sagte, seinen Vorteil verfolgend, der Schneider, »könnt ich mer nich Sie anschließen, denn Se werden doch ooch nicht in tem schaißlichen Lande bleiben, vollends bei die Kriegszeiten. So eene Revolution is kar zu schlimm – sehen Se, bestes Härrchen, ich kann Sie versichern, denn ich habe die Revolution in Dräsden miterlebt, die von Wagnern und tem Tschirner und der Schröder Devrient, und ich kann Sie sagen, man wird kanz tesperat tabei. In Jesellschaft reist sichs immer am schönsten!«

»Es geht nicht – denn ich gehe weiter ins Innere des Landes, nach Serbien. – Doch, und das ist wohl die Hauptsache, sind Sie mit Geld versehen, um eine Überfahrt nach Triest zu bezahlen?«

Herr Anton Herzlich machte ein ziemlich klägliches Gesicht und kratzte sich hinter den Ohren. »Ich kann grade nich sagen, daß mein Portemonnai eene zu ticke Daille hat – wissen Sie, ich habe meist vor te Kost arbeiten müssen, denn tie Zeiten sind erbärmlich, aber ich habe noch nie jehört, taß der liebe Herrgott eenen sächsischen Schneider hat verhungern lassen. Vor was wär denn das Fechten – nur nich so, wie'e die Kerle hier zu Lande meenen, dazu bin ich zu kitzlich.«

Der Offizier hatte seine Börse gezogen und reichte ihm zwei Goldstücke. »Da wir, wie Sie sagen, Landsleute sind, und ein Landsmann doch den anderen in der Fremde nicht sitzen lassen darf!« Er entzog sich den enthusiastischen Dankesbezeigungen des ehrlichen Dresdners mit der Bitte an die hübsche Schwester seines Begleiters, ihm doch eine der berühmten Piesmen der bosnischen Haiduken zu singen, und das Mädchen, das mit Wohlgefallen von ihrem bescheidenen Platz aus die freundliche Handlung des Offiziers gesehen, war sogleich bereit dazu und holte aus einem Winkel die Gusla, die plumpe slawische, mit zehn Saiten von Pferdehaaren bespannte Guitarre. Dann kauerte sie sich außerhalb des Kreises der Männer am Feuer nieder und begann, mit den Fingern die über den Resonanzboden von feiner Tierhaut gespannten Saiten zu einigen melancholischen Akkorden schlagend, den berühmten Gesang, dem selbst der wilde Haiduk mit Aufmerksamkeit zuhorchte.

»Also lautet die Piesme von Mladen und seinen Söhnen:

 

»Drei ganze Tage hält Christitsch Mladen Die Mladen waren eine der reichstbegütertsten Familien Bosniens. Außer ihnen blühten in der Herzegowina meist in unzugänglichen Flußthälern oder Ebenen die Moratschi, die Piwen, Grahowen, Nikschitsch, Popowi, die Taren, Bratonojitsch, Drobniaks u. Andere. mit seinem Weibe und seinen beiden Söhnen in der Höhle aus, von den Panduren des Wessirs umringt. So oft sie einen Ausweg suchen, sind hundert Flinten auf sie gerichtet; sie haben keinen Trunk, als etwas abgestandenes Wasser, das in den Felsenritzen sich gesammelt; der Durst verzehrt sie, daß ihre Zunge schwillt und schwarz wird. Nach Ablauf dreier Tage ruft die erschöpfte Mutter der Haiduken: »Kinder! Gott erbarme sich Euer und räche Euch an Euren Feinden!« und sie gibt den Geist auf. Christitsch schaut mit trockenem Auge den Leichnam an; aber die Söhne vergießen Tränen, so oft der Vater wegsieht. Die Sonne des vierten Tages vertrocknet den letzten Tropfen Wasser in dem Felsen. Da ergreift den älteren von Christitsch' Söhnen der Wahnsinn; er zieht den Patagan und seine Augen, funkelnd wie die des hungrigen Wolfes, sind auf der Mutter Leiche geheftet. Sein jüngerer Bruder, als er schaudernd dies gewahrte, durchbohrt sich den Arm mit dem Dolch und spricht: »Lösche Deinen Durst mit meinem Blute und frevle nicht! Hat der Hunger uns alle verzehrt, dann werden unsere Manen das Herz unserer Feinde zernagen!« Da erhebt sich Christitsch und ruft: »Auf, Ihr Kinder! Besser durch die Kugel sterben, als durch Hunger!« Gleich Löwen stürzen sie hervor aus der Höhle, jeder erhält zehn Kugeln in die Brust, doch jeder hat, bevor er fällt, zehn Feinde getötet, und selbst noch ihre abgeschnittenen Köpfe flößten den Panduren, die sie triumphierend von dannen trugen, Schrecken ein, daß sie kaum sie anzublinzeln wagten; so gefürchtet waren Mladens und seine Söhne.«

 

»Das soll nu ä Lied sein, das ä Christenmensch versteht,« meinte der Schneider neidisch, als er die Aufmerksamkeit sah, mit der alle dem Sange des Mädchens gelauscht hatten. »Jemine – ich bin nu nein Monate schon im Lande, aber die Leute haben noch immer nich unser schönes Taitsch verstehen kelernt.« Der Novize wandte sich auf einen ungeduldigen Wink des Haiduken zu der Schwester. »Iwo wünscht das Lied vom Helden Wusseïn zu hören, wie er die Junaks aufrief zum Kampf gegen den Nizam,« sagte er; – »singe es seinem und unserem Gast, Helene!«

Gehorsam ließ das Mädchen ihre Finger über die Saiten gleiten und begann den neuen Heldengesang des blinden christlichen Sängers Pawel Tschurlo von Nowi-Pasar:

 

»Gütiger Gott, alles, was Du tust, ist wohlgetan! Wie Deine Sonne den Osten erleuchtet und ihre Strahlen bis gen Westen sendet, so überschaute der Zar von Stambul, als er die Augen öffnete, die Erde und sah alles, was sich darauf begab; und da er die Frevel der Janitscharen bemerkte, trat er entrüstet ihren Odschak nieder, schwang seinen Säbel gegen die zuchtlosen Banden und ließ innerhalb sechs Tagen ihrer 60 000 niederhauen. Darauf erließ er in alle Länder ein Gebot und ordnete den Nizam an. Viele Völker gehorchten von Stambul bis Pristina, der Heimat Pletikosa Pawel, und nach Wutschitern, das den heldenmütigen Wänd gebar. Nur zwei mächtige Vasallen in Albanien und Bosnien sträubten sich, der eine: Mustapha, ein Sproß von Obren-Beg, Haupt des Stammes der Buischali, der andere Hauptmann Wusseïn vom Stamme der Wuk Brankowitsch, der bei Kossowo das serbische Reich verriet.

Trotzend dem Zaren und seinem Gebote, schwor Wusseïn, daß, sollte selbst des Himmels Blitz ihn niederschmettern, er nimmer sich dem Nizam fügen werde. Gleichen Sinnes war der Wessir von Skadar, er drang in seinen Freund Wusseïn, daß er die vierzig Capitanis und die zwölf Groß-Wojwoden von Bosnien ins Feld rief. Und es versammelte der feurige Wusseïn seine Agas und alle Hauptleute in dem grünen Tale am Fuße seiner Feste Gradaschatz. Sie lagern sich in weitem Kreise auf der Wiese und Wusseïn läßt ihnen Wein und Raki spenden. So zechen die Helden und, den Becher in der Hand, plaudern sie vom Zustand der Nahien, von den steilen Bergfesten, von ihren trefflichen blinkenden Waffen, von ihren Rennern und von den Junaks; erzählten einander von ihren jüngsten Taten, wie viele Köpfe sie den Montenegrinern entrissen, und was sie sonst von den Uskoken erbeutet.

Da erhebt sich Wusseïn und redet also: »Wohlan, Ihr Führer, eine neue Beute will ich Euch zeigen, die wahrlich Eures Mutes würdig ist. Im Namen Allahs und in unseres Volkes Namen, laßt uns den Nizam niedermachen!« Lautlos und verlegen senken die vierzig Capitani die Augen, als sännen sie über die Wunderkraft, welche die Gartenfrucht und den Busen des Weibes reift. Nur drei kühne Männer zagten nicht: das waren der Pascha Widaitsch, der Beg Philippowitsch und Hauptmann Nowin von der weißen Burg Nowino. Frei und offen blickten sie zum Hauptmann auf und redeten, den Becher in der Hand: »Wusseïn, Du Bosniens Schwert, wir schwören bei unserem Eigentum und bei den heiligen Fasten des Ramazan, so lange unser Haupt auf unseren Schultern festsitzt, wollen wir nimmer in den Nizam treten!« Ob dieser Rede jauchzet Wusseïn freudig auf, erfaßt die Hand der Helden und küßt nach Junaks Sitte ihre Augen.

Darauf, sich wohl bewußt, daß er der Drache Bosniens, greift Wusseïn zur Feder und schreibt, aufs Knie gestützt, dem alten Gazi Memisch: »Statthalter Srbrniks, Du greiser Hüter unserer Grenzen! Steig auf Dein weißes Roß, ruf Deinen Fahnenträger Bekir und eile zu uns an der Spitze Deiner Scharen, denn den Nizam wollen wir vernichten und den reinen Koran wieder auferwecken.« Solche Kunde war dem Greise so erwünscht, daß er darob am ganzen Leibe zitterte. »Werter Bekir,« sprach er zu dem Fähndrich, »laß wehen unser Banner, pflanz es oben auf dem Hügel und laß die Lärmkanone donnern, auf daß die Helden alle zu uns eilen und mit uns ziehen gegen den Nizam.« Der Fähndrich gehorchte, pflanzte das große Banner auf die Anhöhe und löste die Kanone, und siehe, die Ebene ward bedeckt mit feurigen Kriegern, und durch Staubwolken, die ihr Fuß aufrührte, blitzten demantreiche Turbans und glänzende Panzer.

Bald war im ganzen Bosnien von Nowi-Pasar bis gen Mostar kein Türkenfreund, seis Kadi, Aga oder Hauptmann, mehr zu finden. Solch frohe Kunde erscholl bis an die Grenze, und es jubelten darob die tapfern Hüter!«

 

»Und tas nennen se hier Poesie!« meinte Herr Herzlich mit verächtlichem Achselzucken. Nich en Mal den allerkleensten Reim; Ich wette drauf, se kennen Schillern und Jöthen nich en Mal tem Namen nach, – aber wo in aller Welt is denn unser Vampirigter geblieben?«

Erst jetzt bemerkte der Offizier, daß der stumme Haiduk den Turm verlassen hatte. Er erinnerte sich jetzt, ihn während des Gesanges gesehen zu haben, wie er auf ein leises Knurren des alten Molosserhundes diesem beruhigend die Hand auf den Kopf gedrückt und den eigenen horchend nach der offenen Pforte gewendet hatte. Dann hatte der Haiduk sich leise erhoben, und als sich der Offizier nach ihm umsah, bemerkte er, daß mit dem wilden Krieger auch seine albanesische Flinte fehlte.

»Es wird ein Wolf in der Nähe streichen,« meinte der Klosterschüler, »und wir werden bald den Knall seiner Flinte hören, mit dem Iwo uns den Rückweg zum Kloster säubert. Wenn es Dir genehm, Aga, wird es ohnehin bald Zeit zum Aufbruch sein, denn der Mond steigt über die Berge.«

Der russische Offizier hatte sich erhoben und war zu dem Mädchen getreten, dem er in freundlichen wohltuenden Worten ohne Schmeichelei für das die ganze wilde Poesie dieses Volkes athmende Lied dankte. Er wollte sie nicht durch ein Geldgeschenk beschämen, das ihr doch wahrscheinlich der rohe Vater, dessen habgierige verdächtige Blicke auf das Gold des Schneiders er wohl bemerkt hatte, bald wieder abgenommen haben würde, und da er sich erinnerte, in seiner Jagdtasche einige für solche Gaben in Rom gekaufte Korallen-Kreuze und Jettaturas bei sich zu haben, schenkte er ihr ein solches, wofür das Mädchen ihm dankbar die Hand küßte. »Mögest Du glücklich sein, Aga der Moskowiten,« flüsterte das Mädchen, »glücklich in Liebe und Ruhm auf allen Deinen Wegen. Helene, das arme Bosniaken-Mädchen, wird des fremden Kriegers gedenken, der ein Herz hat für die Armen, und für Dich beten!«

Damit zog sie sich bescheiden zurück zu den beiden Frauen, die den Schmuck bewunderten, und der Offizier befahl dem Schneider, sich fertig zu machen, wenn er sie zum Kloster begleiten wollte, was, wie er betonte, jetzt wohl für ihn das Beste sein würde.

Der ehrliche Sachse bedurfte übrigens sehr weniger Vorbereitungen zur Fortsetzung seiner Wanderschaft. Sie waren weit eher beendet, als der Klosterschüler von den Seinen Abschied genommen, denn sie bestanden nur in dem Hervorholen eines ledernen, sehr desolaten und mageren Felleisens, eines alten Regenschirms und in der Befestigung seiner für den Marsch höchst unpraktischen Unaussprechbaren durch Heraufziehen unter den Gürtel. Dann untersuchte der Schneider mit großer Ostentation seine Riesenpistole, ließ sich von Petros frisches Pulver für die Pfanne geben und schien einen großen Kampf mit sich zu bestehen, ob er etwa seinen armen Wirten eines der beiden zum Geschenk erhaltenen Goldstücke zurücklassen sollte. Da er aber bedachte, daß er ja für die meisten seiner Arbeiten keine Bezahlung erhalten hatte und eine Abrechnung für die Kosten des Winteraufenthalts außer Frage stand, da er ferner zu bemerken glaubte, daß sein großmütiger Gönner dem finstern Hirten irgend etwas in die Hand schob, als er sie ihm zum Abschied schüttelte und da überdies die Erinnerung ihm das Gewissen drückte, daß seine Füße in der dunklen Ecke in ein Paar ihm nicht gehöriger Schuhe geschlüpft wären, erklärte er sich eiligst zum Abmarsch bereit.

Ein eigentümliches Gefühl erregte dem Offizier sein Scheiden von der unglücklichen Frau, für deren Schicksal seine freilich mit einer gewissen Neugier verbundene Teilnahme geweckt worden war. Indes die Frau selbst erleichterte ihm die Sache durch die Teilnahmlosigkeit, die sie für alle Vorgänge innerhalb der Kula zeigte; sie stand mit dem großen Hunde unter dem Eingang und schien nur für die nächtliche Wanderung ihres Sohnes Interesse zu haben. Plötzlich, in dem Augenblick, als sie, von dem jetzt wieder Demütigen und alle Heiligen für das Wohl des Fremden anrufenden Hirten begleitet, eben im Begriff waren, die Schwelle zu überschreiten, sah der Russe die Unglückliche zusammenzucken, während der Hund ein wildes Geheul ausstieß und gleich darauf auch zu ihrem weniger geübten Gehör der von dem Echo getragene Knall eines fernen Schusses drang.

»Das ist Iwos Flinte,« sagte der Novize, indem er neben der Frau vorüber mit kurzem Gruß an Mutter und Schwester ins Freie sprang. »Kommt geschwind, o Herr, seine Kugel hat den herunterstreifenden Wolf getötet, den Boros gewittert. Der Offizier hatte bei dem Ruf zufällig den Blick auf das von einem Lichtstrahl des Herdfeuers erhellte Antlitz der verstümmelten Frau geworfen, er sah eine wahrhaft dämonische Freude über ihre Züge gleiten, während sie, wie frohlockend, die händelosen Arme in die Höhe warf, – und mit besondern Gedanken verließ er den Turm.

Es war eine prächtige Mondnacht, wie sie in dieser Klarheit eben nur den südlichen Ländern unseres Erdteils eigen. Die glänzende Scheibe stieg über die wilden Bergwände der Czernagora in voller Klarheit empor und goß ihr weißes geisterhaftes Licht über Fels und Tal. Jeder hat wohl schon empfunden, einen wie seltsamen schatten- und gespensterhaften Eindruck die nächtliche Wanderung oder Fahrt bei hellem Mondschein macht, wie die Phantasie an allen Ecken und Enden seltsame, drohende Gestalten erscheinen läßt, und die Reflexe des blassen Lichts die unheimlichsten Gebilde schaffen.

Sie hatten mehr als eine Stunde zu marschieren, um das Kloster zu erreichen, da der kaum erkennbare Pfad durch Schluchten und über Höhen ging und namentlich am Berge ziemlich steil emporstieg. Die ersten Minuten hatten Nicolaus und der Schneider munter geplaudert und Vermutungen über die Stelle aufgestellt, wo der Haiduk wohl das Raubtier geschossen haben mußte, aber sie hatten nichts von dem Schützen bemerkt, und nach und nach war das Gespräch ins Stocken geraten, der Eindruck der wilden Szene und der einsamen Wanderung übte seinen Einfluß. So waren sie fast an den Fuß des Berges gekommen, an dessen Gipfel in der Höhe das Kloster sich lehnte, und überschritten eben einen der niederen Hügel, als der Schneider einen Satz tat, der ihn mehr in die Nähe des Offiziers brachte.

Zitternd faßte er seinen Arm und deutete mit dem großen Wanderstab nach dem vor ihnen liegenden Grunde.

»Alle Heiligen des Himmels, gnädiger Herr, sehen Se nich – wahrhaftig, da ist es!«

»Was?«

»Was anders als das Gespenst! Der blutdürstige Vampyr! Der heilige Anton, mein Schutzpatron, möge uns beschützen!« Und er fing eifrig an, sich zu bekreuzen und ein wahrscheinlich seit seiner Jugend vergessenes Stoßgebet zu sagen.

Auch der Novize war stehen geblieben und schlug das Kreuz über Stirn und Brust.

»Unsinn, Mann!« Aber selbst der Offizier fühlte ein leichtes Grauen, und er war doch gewiß ein Mann ohne Furcht und Vorurteil, als er in der angedeuteten Richtung nach dem Grunde schaute, etwas zur Linken von dein Wege, den sie nehmen mußten. Das Mondlicht beleuchtete hell und klar den ganzen Grund, obschon an manchen Stellen aus den Gräsern und vom Boden ein leichter Nebel emporstieg und sich etwa zwei Fuß hoch über das Erdreich erhob und wie ein darüber gebreiteter Schleier lag. An einem Platz zwischen Steinen und Büschen bewegte sich langsam eine dunkle Gestalt im engen Kreise, sich zuweilen niederbeugend und in dem niedern Nebel am Boden verschwindend, und ihre Konturen, wenn auch schattenhaft und in der Entfernung undeutlich, waren doch unzweifelhaft zu erkennen, so daß eine Sinnen-Täuschung unmöglich war.

»Es ist der Vampyr! Sehen Sie nicht den Kulo, den Totenreigen, den er um sein Opfer zieht, wie man mir erzählt hat, daß es die Sitte der höllischen Gespenster ist, Herr,« flüsterte ängstlich der Schneider.

»Es ist ein Mann; wir wollen ihn anrufen!«

»Bei Ihrem Leben nicht. Härre, lassen Sie uns lieber umkehren!«

»Es ist Iwo!« sagte der Klosterschüler, und er erhob seine Stimme und rief laut den Namen des Haiduken.

Aber alsbald, statt ein Zeichen der Antwort zu geben, verschwand die unheimliche Gestalt, als hätte der dampfende Boden sie verschlungen, und nichts bewegte sich mehr, als die leise wallende niedere Nebelschicht.

»Laßt uns nachsehen, wo der Mensch hingekommen,« erklärte der Offizier. »Es kann unmöglich der Mann aus dem Turm gewesen sein, Nicolaus, sonst würde er Deine Stimme erkannt haben.«

Vergebens versuchte der Sachse den Offizier zurückzuhalten, der, den gespannten Karabiner schußfertig im Arm, den Hügel hinabstieg und seine Schritte der deutlich sichtbaren Steingruppe zuwandte, in deren Nähe sie von oben her die Erscheinung beobachtet hatten. Selbst Nicolaus konnte trotz seiner Erziehung im Kloster dem abergläubischen Vorurteil seiner Nation sich nicht ganz entziehen und folgte nur zögernd seinem Begleiter. Da aber beide um keinen Preis allein zurückgeblieben wären, mußten sie sich fügen und suchten sich so nahe wie möglich bei ihm zu halten.

Der Russe mußte jetzt die Stelle erreicht haben, wo die Gestalt ihr rätselhaftes Wesen getrieben, blickte umher und rief in serbischer Sprache, ob jemand hier verborgen sei, aber nur der Nachtwind, der durch die Felsen und Büsche strich, antwortete mit seinem leichten Rauschen. Ein stärkerer Hauch begann überdies den leichten Nebel zu vertreiben, heller und klarer drang das Mondlicht bis auf den nackten Felsboden. Plötzlich tat der Schneider einen mächtigen Sprung rückwärts. »Barmherziger Gott, erbarme Dich unser, da liegt er.« Auch der Knabe tat einen Schrei.

Der Offizier erkannte sogleich die Ursache. Kaum zwei Schritte vor ihm lag lang ausgestreckt auf der Erde die regungslose Gestalt eines Mannes, und die jetzt deutlich sichtbare Blutlache um ihn und der dunkelrote Streifen, der von seiner Brust herabtropfte zum Felsen, ließ keinen Zweifel, daß der Mann erst kürzlich die tätliche Kugel erhalten haben mußte. Einen Moment glaubte der Offizier, es sei der Haiduk, der vor ihm lag, aber ein zweiter Blick überzeugte ihn, daß dem nicht so war.

Wer also hatte ihn aus dem Hinterhalt erschossen, oder war ein Kampf hier vorgefallen?

Der Tote trug die reiche albanesische Tracht, – er gehörte also offenbar zu den Baschibozuks, die der Befehl des Wessirs in das unglückliche Land gerufen zur Besiegung der christlichen Rajahs.

Überdies fand diese Annahme sofort ihre Bestätigung durch den Klosterzögling: »Heiliger Sanct Basilius, das ist der Aga, der mich gestern zu dem Pascha und zurück aus dem Lager der wilden Arnauten geleitete: ich erkenne ihn deutlich wieder, obschon er ein toter Mann ist. Iwo, der Blutige, hat ihn getötet, sein Zeichen ist auf der Stirn des Moslems.«

»Entsetzlich!«

In der Tat, während die Türken der grausamen Gewohnheit folgten, den erschlagenen Feinden den Kopf abzuschneiden, hatte sich der finstere Haiduk begnügt, mit der Spitze des Yatagan ein griechisches Kreuz auf die Stirn des Toten einzuschneiden. Das Zeichen mußte bekannt sein, denn der Offizier hörte den Knaben murmeln: »Wenn sie ihn finden, werden sie wissen, welche Hand dies getan, und die Kula unserer Mutter wird nicht länger sicher sein vor der Rache der Osmanli.« Der Schneider aber drängte sich zitternd an seinen Beschützer: »Ach Härre, lassen Sie uns nicht länger weilen an dem schrecklichen Ort. Können Sie noch länger zweifeln, daß er ein Vampyr ist? Haben wir nicht alle drei gesehen, wie er sich immer niedergebeugt hat, um dem armen Manne das letzte Blut aus den Adern zu saugen?«

Der Major war sehr ernst geworden. »Aber was sollen wir mit dem Toten machen?«

»Was können wir tun, als ihn liegen lassen und uns so schnell davonmachen wie möglich! Wenn es erst Mitternacht ist, wo die Gespenster aus den Gräbern kriechen, wird er schon von selber aufstehn und als Wehrwolf durch die Täler heulen, so gewiß ich ein Schneider bin. In Ungarn haben sie mir's erzählt, daß die Türken, die ohne Beichte und Absolution sterben, es immer so machen.«

Der Klosterschüler, seitdem er sich überzeugt, daß hier nur von einem menschlichen Feinde die Rede gewesen, hatte jetzt wieder Mut gefunden. »Ich fürchte, wenn die Wölfe erst Witterung bekommen, wird bald ein schönes Rudel beisammen sein und morgen wenig von dem Aga des Paschas übrig sein. Aber was meinst Du Herr, sollen wir nicht seine Waffen mit uns nehmen, die Flinte und die Pistole? Du siehst, daß seine Hand hingefaßt hatte, er ist also im Kampf gefallen. Unser Volk ist arm, und wir haben der Waffen nicht so viele.«

Der Offizier bedachte sich einige Augenblicke. »Nein,« entschied er dann, – »es ist besser, wir vermeiden alles, was den Anschein einer Plünderung haben könnte, übrigens muß ich sagen, daß mir die Sache nicht sonderlich gefällt. Wenn es wirklich der Mann ist, den Du auf Deiner Sendung in das Lager der Baschi-Bozuks getroffen haben willst, so muß er Deinen Schritten gefolgt sein. Jedenfalls muß der Abt sofort von dem Ereignis und der verdächtigen Spionage in Kenntnis gesetzt werden, und deshalb wird es gut sein, wir setzen sogleich unseren Weg fort.«

Der ehrliche Schneider, als er den guten Mut seiner Gefährten sah, hätte jetzt vielleicht nichts gegen eine kleine Durchsuchung der Taschen des Toten einzuwenden gehabt, aber er mußte sich eilig in Trab setzen, wenn er nicht allein bei diesem zurückbleiben wollte, und obschon er bereits in den wilden Szenen, in die ihn sein Unstern geführt hatte, angefangen, eine ziemlich orientalische Ansicht über Menschenleben sich anzueignen, hätte er doch um alle Schätze der Welt nicht bei einer Leiche zurückbleiben mögen, die in der nächsten Stunde schon als Vampyr seine Halsadern für eine gute Mahlzeit ansehen konnte, und er beeilte sich daher, seine Begleiter einzuholen, ohne den Kopf auch nur einmal nach dem Opfer der blutigen Tat zurückzuwenden, ja, er fühlte sich in den nächsten zehn Minuten ihres Marsches nicht einmal recht sicher, ob nicht, trotz der Gesellschaft, der Erschlagene ihm etwa unversehens auf den Rücken springen und das blasse Albanesergesicht mit dem langen schwarzen Schnurrbart und den weit geöffneten starren Augen neben seiner eigenen Visage sich vorstrecken oder mit den scharfen Zähnen nach gewissen Arterien suchen würde. Kurz, er war, trotz der Kühle des Abends, ganz in Schweiß gebadet, als die kleine Gesellschaft nach einem starken halbstündigen Steigen endlich den Platz unter den mächtigen Kastanienbäumen vor der Klosterpforte erreichte und der Novize die Glocke zog, um Einlaß zu fordern.

Zum Befremden des Offiziers öffnete statt des gewöhnlichen Pförtners der greise Sakristan die Pforte, verschloß und verriegelte sie dann sorgfältig wieder und erklärte auf das Verlangen des Offiziers, sofort zum Abt geführt zu werden, daß der Abt sich eingeschlossen und vor dem andern Morgen für niemand mehr zu sprechen sei, ja, als der Offizier dem alten Mann, der offenbar das volle Vertrauen des Higumenos besaß, mitteilte, was geschehen sei und er ihn auf die Gefahr des so nahen Herumschweifens der Feinde aufmerksam machte, deutete der Sakristan ihm an, daß der Abt bereits auf anderem Wege von der Sache unterrichtet sei und den Befehl gegeben habe, morgen in aller Frühe den Körper zu beseitigen. Dann erbot sich der Sakristan, ihn selbst nach seiner Schlafzelle zu führen, da alle Brüder das Kloster in Aufträgen des Higumenos verlassen hätten, und sie also die einzigen Bewohner seien. Er möge der ihm gewiß sehr nötigen Ruhe pflegen. Dem Schneider versprach der Sakristan einstweilen, bis zur Entscheidung seines Vorgesetzten, neben der Zelle des jungen Novizen ein Nachtlager anzuweisen, und so konnte der Offizier denn nichts weiter tun, als sich dem Vorschläge des alten Mönchs fügen, von seinen beiden Gefährten Abschied nehmen und seinem Führer folgen.

Das Kloster bildete ein Rechteck um einen inneren Hof und stammte offenbar aus früheren Jahrhunderten, in denen das Christentum hier Boden gefaßt. Der Bau war zwar nur zum Teil massiv aus roh behauenen Felsblöcken und in dem andern Teil aus gewaltigen Baumstämmen, aber offenbar lag schon bei seiner Gründung die Absicht vor, ihn zu einer Art von Schutz und Veste, nicht allein für die inwohnenden Mönche selbst, sondern auch für die christlichen unbeschützten Familien der Umgegend zu machen. Dementsprechend waren die kleinen Fenster auf der Außenseite verteilt, und es dürfte wohl grobes Geschütz dazu gehört haben, den Bau zu erobern, wenn er von waffengeübter Hand verteidigt war und nicht andere Zufälle hinzutraten. Und in der Tat hatte das Kloster nicht allein in den zahllosen Aufständen der Christen und Moslems der Herzegowina gar manchem Angriff siegreich getrotzt, sondern seinen alten Ruf der Unbezwinglichkeit auch bei den wiederholten Einfällen der Monteneariner auf das bosnische Gebiet bewährt.

Der Sakristan führte den Offizier eine Treppe hinauf zu dem ersten und einzigen Stockwerk, durch zwei oder drei winklige Gänge und öffnete ihm dann die Tür einer mäßig großen Zelle. Ein einfaches Lager war hier bereitet, denn der Bosnier verschmäht alle verweichlichende Bequemlichkeit, und selbst der Reiche sucht seine Nachtruhe auf hartem Boden, oder, sobald es nur die Jahreszeit erlaubt, sogar im Freien, allein mit dem zottigen Mantel oder dem Pelz eines erlegten Raubtiers sich bedeckend. Auf dem rohgezimmerten Tisch stand ein Krug mit Wein, Salz und Brot, und das geringe Gepäck des Reisenden lag daneben. Nachdem er die Lampe zurückgelassen, befahl der Mönch seinen Gast dem Schutz der heiligen und entfernte sich.

Der Russe trat zunächst an das kleine, aus runden in Blei gefaßten Scheiben bestehende Fenster, öffnete es und sah zu seiner Befriedigung, daß es nicht nach dem inneren Hofe ging, sondern sich in einem turmartigen Vorsprung befand und die Aussicht auf den Haupteingang des Klosters und den Platz unter den Kastanien vor demselben hatte. Nachdem er von dem feurigen Wein getrunken, löschte er die Lampe, ohne das Fenster völlig zu schließen, hüllte sich in die warme und weite Decke, welche die Sorgfalt der Klosterbrüder über sein Lager gebreitet hatte, legte den Revolver handrecht neben sich und fiel schwer ermüdet in tiefen Schlaf.

Wahrscheinlich war es der feurige, sein Blut in Wallung bringende Geist des vor dem Einschlafen getanen Nachttrunks, vielleicht auch die Erinnerung des am Abend erlebten, was wirre, wilde Bilder und Träume vor seine Seele führte, und ihn nach einigen Stunden trotz seiner Ermüdung wieder erweckte. Er dehnte sich, erst halb gestärkt, auf seinem harten Lager und war eben im Begriff, wieder einzuschlafen als ein Geräusch ihn wach erhielt – es war der Hufschlag von Pferden auf dem harten Gestein, das deutlich hörbare Schnauben eines Rosses und dann das feste Pochen eines eisernen Gegenstandes gegen die Eichenbohlen der Pforte.

Ohne gerade neugierig zu sein oder den Lauscher spielen zu wollen, richtete sich doch, eingedenk seiner Pflicht des Beobachtens aller Zustände des absonderlichen Landes, der Offizier auf seinem Lager empor, erhob sich und trat an das Fenster.

Der Mond hatte auf seinem Kreislauf bereits den Zenith überstiegen, und der Vorsprung, in dem die Zelle des russischen Offiziers sich befand, lag im tiefen Schatten, während das klare weiße Licht des nächtlichen Gestirns noch hell den Platz vor der großen Pforte des alten Platzes erleuchtete, so daß jeder Gegenstand deutlich fast wie bei Tagesschein zu erkennen war und das Auge des unwillkürlichen Lauschers selbst weit über den Platz zur Tiefe reichte und das Bergpanorama in seinen nebelhaften Formen überschaute.

Vor der Pforte hielt ein Reiter auf hohem, kostbar geschirrtem Roß – weiter hinab in der Tiefe, als sei er nur der Succurs oder Begleiter des Ersteren, bemerkte der Offizier sogleich einen zweiten Reiter, indem die weiße Farbe des Pferdes seine Aufmerksamkeit bei dem Rundblick auf sich zog.

Der Reiter vor der Pforte war eine große, fast kolossale Gestalt, offenbar ein Moslem und ein alter Mann, denn ein weißer Bart fiel ihm fast auf die Brust seines dunklen Waffenrocks, und ein weißer Turban, auf dem eine Agraffe von Adlerfedern steckte, bedeckte sein Haupt. Ein im Mondlicht blitzendes breites goldenes Gehenk trug den gekrümmten Säbel, quer über dem Sattelknopf lag ein Karabiner, und die reichverzierten Pistolenhalftern verrieten noch weitere Bewaffnung. Der Reiter trug die weiten dunklen Beinkleider des Nizam, und doch verriet allerlei in der unregelmäßigen Zusammenstellung seiner Kleidung und Bewaffnung, daß er nicht die Uniform des regulären Militärs zu tragen liebte, welche die Europäisierung der türkischen Armee unter Sultan Mahmud und Abdul-Meschid eingeführt hatte. Die Entfernung war zu weit, und die Beleuchtung doch zu ungenügend, um die Züge des Reiters genauer zu erkennen, doch konnte der Beobachter sehen, daß ein braunes, energisch gezeichnetes Gesicht von Turban und Bart umrahmt wurde.

Zum zweiten Mal hob der Reiter seinen Karabiner und stieß den Kolben donnernd gegen die Pforte.

Dann hob sich der Osmanli in den Bügeln und schlug ungeduldig mit dem Kolben zum dritten Mal gegen die Pforte. »Wer Du auch seist, Christ oder Sohn des Propheten«, rief er mit tiefer dröhnender Stimme in serbischer Sprache, »der Du gewagt hast, den Zmaï od Bosna aus seinem Grabe zu erwecken und hierher zu rufen, wisse, Wusseïn, der Sohn Osmans, ist hier und will Dich hören!«

Kaum war diese Aufforderung verhallt, als das Pferd des Reiters scheute und einen Sprung rückwärts tat, der sicher seinen Herrn aus dem Sattel gehoben hätte, wenn er nicht ein so vortrefflicher Reiter gewesen wäre; denn die Pforte des Klosters öffnete sich und eine hohe in einen schwarzen Talar gekleidete Männergestalt erschien auf der Schwelle. Die hohe, der persischen Kopfbedeckung ähnliche Filzmütze mit den langen Seitenflügeln, welche die höheren Geistlichen der griechischen Kirche tragen, bedeckte tief in die Stirn gedrückt ihr Haupt und verhüllte das Antlitz, während die Reitergestalt des Moslem in dem vollen Lichte des Mondes blieb. Obschon auch die Stimme des Mannes bei der hierauf folgenden Unterredung verschleiert, verändert blieb, erkannte der Offizier doch aus ihr leicht den Abt.

»Ist es Wusseïn der Begler-Beg Der Großvezier Reschid Pascha hatte bei der schlauen Zerstreuung des Aufstands von 1830 Wusseïn glauben machen, daß er zum Wessir, Begler-Beg, bestimmt sei; als er sein Ziel erreicht, ließ er die Maske fallen und ein Ferman ernannte den Kara Mahmud, einen Fremden, zum Wessir. von Bosnien, vom Stamme Brankowitsch, der tapfere Kämpfer gegen den Nizarn des Großherrn von Stambul, der vor meinen Augen erscheint?« sagte der Abt mit einem unverkennbaren Hohn in Stimme und Rede, »meine Augen sind alt, und sie sehen die Toka Der reiche mittelalterliche, mit Silber- oder Goldplatten belegte bosniakische Küraß, an den Schultern mit einer Art Flügeln versehen. Die Metallplatten sind aber meist so dünn, daß sie kaum einen Säbelhieb abhalten, überhaupt mehr ein Prunkstück. der Begs nicht!«

»Hund von einem Christen,« schrie mit drohender Stimme der beleidigte Krieger, »wagst Du es, mir einen Vorwurf daraus zu machen, in welcher Kleidung ich dem Sultan, unserem Herrn, diene? Es war das Kismet Wusseïns, sein Haupt zu beugen vor der Macht des Großherrn, wenn er sein Haupt nicht legen wollte in fremde Erde, fern von der geliebten Heimat. Ich bin Wusseïn der Beg, Wusseïn, der Pascha des Großherrn. Wer bist Du?«

»Ich bin der Higumenos dieses Klosters, ein unwürdiger Diener des allmächtigen Gottes!«

»Allah il Allah, Mahomed ben Allah!« antwortete der Moslem mit dem Ruf seines Glaubensbekenntnisses und dem Ruf des Muezzim. »Bist Du es, der mir diesen Brief geschrieben?« Und der Pascha hielt ihm den Brief entgegen, den er vor zwei Tagen aus der Hand des Novizen Nicolaus empfangen hatte.

»Dein Todfeind ließ ihn schreiben, er hat mich geheißen, mit Dir zu reden, Pascha Wusseïn!«

»Und wer ist dieser mein Todfeind?«

» Michal, der Bär der Herzegowina

»Elender Sklave, vergiß nicht, daß Du mit dem Drachen sprichst, vor dem einst der Großherr in seinem Serail zu Stambul erzitterte. Ich kenne den Rebellen nicht! Wenn er sich gegen den Befehl des Großherrn erhebt und mit diesen Hunden aus den schwarzen Bergen gemeinschaftliche Sache macht, ist er allerdings mein Feind. Was weiß er von dem Sohne Wusseïns, dem letzten Sprossen des alten Geschlechts der Brankowitsch?«

»Alles!«

»Das ist vieles gesagt in einem Wort. Wie kommt der Rajah dazu?«

»Weil er es war, der Deine Kinder Dir nahm, als Wusseïn vor der Macht der Rajah über die Donau floh in das Land der Magyaren.«

»Fluch sei dem Tage! Das Unglück war auf meinen Fersen und die Binde der Blindheit um meine Augen! Und was tat er meinem Sohne?«

»Pascha Wusseïn, Du hattest der Kinder zwei!«

»Wallah – es ist wahr! Der Giaur hat auch ein Mädchen gestohlen, meine Tochter! Möge Scheitan die Nachlässigkeit der Weiber strafen, die sich die Kinder stehlen ließen, ehe sie ihrem Herrn in die Verbannung zu folgen wagten!«

»Du hast Deine Kaduna dafür mit dem Tode bestraft!«

»Sei es – was geht es Dich an, Christ! Wenn Du der Vertraute jenes Diebes bist, der sich den Bären der Herzegowina nennt – ist der Sohn Wusseïns am Leben, kann ihn das Auge eines Vaters sehen?«

»Deine Kinder, Pascha, leben, und Dein Auge mag sie leicht erblicken!« Der Moslem schwieg einige Minuten – das Gefühl des Vaters schien in seinem Herzen mit dem Stolz zu kämpfen, und es siegte.

»Maschallah, was soll ich sagen,« sprach er mit weit milderem Ton als bisher, indem er sich bequemer im Sattel setzte. »Höre mich an, Christ, und laß die Rede Wusseïns durch das Ohr zu Deinem Herzen dringen. Du bist ein Mönch und kennst also nach den Beschränkungen Deines Glaubens das Gefühl eines Vaters nicht, aber Du bist ein weiser Mann, und Dein Bart ist weiß wie der meine – Deine Augen werden nicht geschlossen gewesen sein. Die Männer, die zu Allah beten, lieben ihre Kinder, das Blut ihres Leibes, nicht weniger als die, welche zur Mariam und dem Propheten von Nazaret reden. Der Knabe Wusseïns war ein Säugling, als Wusseïn fliehen mußte vor seinen Feinden – er muß ein Mann geworden sein, denn dreißig Mal ist der Sommer seitdem in die Täler Bosniens eingekehrt. Er ist die einzige Frucht vom Stamme Wusseïns geblieben, der Letzte vom Stamme der Brankowitsch, und wenn er stirbt, würde der Name von Tapferen nur noch in Piesmen der Sänger bei ihrem Volke sein. Ein Vater liebt es, fortzuleben in seinen Söhnen!«

»Auch der Wolf und die wilde Katze lieben ihre Jungen und lehren sie auf Raub ausgehen!«

»Um so mehr wirst Du begreifen, was mich bewegt hat beim Empfang Deines Briefes, der also lautet: ›Ist Wusseïn, der Drache von Bosnien, noch der Held, der er auf dem Felde von Kossowo war, und will er hören von seinem Sohn, den er zurückließ am Ufer der Donau, so möge er sich nicht fürchten, in einer der drei nächsten Nächte des Vollmondes zu kommen an die Pforte des Klosters des heiligen Basilius auf dem Berge Orjen. Sicherheit der Person Wusseïns bei dem Namen Gottes!‹ Du. siehst, daß ich die Worte des Schreibens gelernt!«

»Aber Du hast sie nicht im Gedächtnis behalten, Pascha!«

»Warum sagst Du dies?«

Der Abt wies nach dem Reiter, der auf dem Abhang des Berges hielt.

»Es ist Ali-Widaitsch, mein Bundesbruder, der mich niemals verläßt und mein Schicksal geteilt hat!«

»Auch Deine Schuld, Pascha?«

Die plötzliche Frage schien den Moslem zu erschüttern, aber sein Stolz antwortete sogleich: »Wusseïn wird niemals verleugnen, was er getan. Er und der Pascha von Zwornik sind Brüder gewesen in Glück und Not. Darum ist er mit mir gekommen zu diesem Berge.«

»So brauchte Wusseïn nicht Späher voran zu senden auf seinem Wege!«

»Wer bürgt uns dafür, daß der Brief nicht eine Falle der Rajahs war, die den tapfersten Krieger des Großherrn fürchten!«

»Der Ring!«

»Der Ring! Du sprichst die Wahrheit – der Mann, dem Wusseïn ihn schenkte, als er ihm das Leben rettete, war ein tapferer Mann, wenn er auch ein Christ war. Leicht sei ihm die Erde, die ihn deckt! Wer gab Dir den Ring?«

»Der Bär der Herzegowina!«

»Ich fürchtete schon, ein anderer Mann! Höre mich, Priester – nicht ohne Zweck hast Du mich hierher gerufen. Was fordert der Bär für die Rückgabe meines Sohnes?«

»Frage ihn selbst!«

»Maschallah! ich bin bereit – wo kann ich ihn finden?«

»Im Gewühl der Schlacht, wo die Kugeln wie Schloßen fallen und die Hiebe am dichtesten! – Suche ihn vor Nikschitj!«

Der Pascha sann einige Augenblicke nach, dann sagte er: »Mönch, wage es nicht, mit Wusseïn zu spielen. Nicht ohne Vollmacht hast Du mich hierher beschieden! Wollt Ihr Gold für den Knaben? Wusseïn ist wieder reich, reicher als zur Zeit, da er über die Donau fuhr und in Essek als ein Wessir lebte, hundert Delis mit prächtigen Waffen bei sich hatte und goldgezäumte arabische Pferde! Ich will dem Bären Schätze geben und seine Begnadigung beim Sultan erwirken. Dein Kloster ist arm, Christ, ich will es reich machen und Du sollst täglich Messen lesen Der Islam der Bosniaken steht dem Christenthum näher als dem alttürkischen Koran. So hat jede Familie den von ihren christlichen Vorfahren erkorenen Heiligen beizubehalten; der muselmännische Vater läßt für das erkrankte Kind im nächsten Kloster Messe lesen, der junge Beg heimlich die Popen an dem Grabe seines Vaters beten; viele Feste christlicher Heiligen werden gefeiert; die Vielweiberei ist verbannt, wenigstens nicht Sitte; in vielen Gegenden dürfen die Frauen unverschleiert ausgehen. für die Seele Osmans, meines Vaters!«

»Der Bär,« sagte der Abt streng, »bedarf Deiner Schätze nicht, noch bedürfen ihrer die Diener Gottes, die in diesem Hause für den Sieg des Kriegers und die Befreiung Bosniens beten.«

»Wenn Dich der Vorteil nicht bestimmen kann, Christ, so möge es die Furcht tun! Bei Allah und allen Dämonen Sheitans! Christ, ich sage Dir, jetzt, wo ich weiß, daß mein Sohn lebt und in den Händen eines Feindes ist, schwöre ich mit den sieben heiligen Eiden des Koran, daß ich diesen Feind besiegen und ihn lebendig schinden lassen werde, wenn er den Knaben nicht unversehrt mir zurückgibt, und Du selbst – kein Stein dieses Klosters soll auf dem andern bleiben – und Deine Brüder sollen unter Martern sterben, gegen welche die Todesqualen Deiner Heiligen ein Rosenlager gewesen sind. Bedenke, daß Wusseïn die Macht hat, sein Wort zu erfüllen, denn zwanzigtausend tapfere Männer folgen seinem Winke!«

»Brauche sie zu einem besseren Zwecke, und der Wunsch Deines Herzens wird erfüllt werden.«

»Was willst Du damit sagen, Christ?«

»Hat Wusseïn vergessen, daß er ein Beg der freien Männer Bosniens war, ehe er ein Pascha des weißen Zaren wurde, der nur Sklaven will, nicht freie Männer! Ist aus dem Besieger des Nizam ein Weib geworden, das seines Herrn Peitsche küßt?«

All der alte Stolz des bosnischen Ritters, der wilde Trotz seiner Jugendjahre flammte in dem Beg auf bei dieser harten Mahnung.

»Es ist das Kismet! Was könnte ich tun?«

»Führe die zwanzigtausend Krieger, die Deinem Winke folgen, statt die Rajah Deine Brüder zu unterdrücken, gegen die Schergen des Mannes in Stambul, der in diesem Augenblick keine Kraft hat außer der Deinen; denn die Moskows bedrohen ihn. Mache Bosnien frei von dem türkischen Joch, wie in diesem Augenblick der Vladika der Serben die Türken aus Belgrad vertreibt, und Du wirst ein neues Fürstengeschlecht gründen und ganz Bosnien wird zu Deinen Füßen liegen. Zertritt es mit diesem Kloster, und die Weiber werden mit Schimpf Deinen Namen aus den Piesmen der Dichter streichen!«

Der Moslem betrachtete ihn in tiefen Gedanken. »Du redest mit der Zunge der Schlange. Du möchtest Wusseïn seinem Eide ungetreu machen, den er dem Großherrn in Stambul geschworen. Was ist Dir Bosnien?«

» Mein Vaterland wie das Deine! Glaubst Du, stolzer Beg,« – es war das erste Mal, daß er ihm diesen Namen gab, nachdem er ihn bisher mit Pascha angeredet, »glaubst Du, daß dem Rajah die Erde weniger teuer ist, auf der er geboren, die er mit seinem Schweiß bebaut, auch, wenn der stolze Grundherr ihm die Frucht dieser Arbeit raubte! Aber verstelle Dich nicht, Beg, ich weiß, daß Dein Herz an Bosnien hängt und sich stets danach gesehnt hat, es frei und groß zu machen, selbst, als Du abfielst von ihm und dem Großherrn Gehorsam gelobtest. Meinst Du, ich wüßte es nicht, daß Du mit dem Fürsten der schwarzen Berge unterhandelt und ihm Grahowo und Podgoritza versprochen, wenn er Dir beistehe in der Vertreibung der Türken? Ich kenne den Auftrag, den Du Deinem Vertrauten gabst für Bukalowich, dem Tschernagorzen, für die morgende Versammlung der Junaks und Führer an dieser Stelle!«

»Christenhund, Du lügst! Meine Taten sollen dem Großherrn beweisen, ob er auf Wusseïns Treue bauen darf! Noch ehe der Mond aufging, sah ich den Ali Aga. Der Stahl ist nicht treuer der Faust, als er seinem Herrn, das Grab nicht verschwiegener, als sein Mund. Ich will ihn suchen und fragen …«

»Dann, Pascha Wusseïn, suche ihn bei den Toten! Kennst Du dies?«

Und er streckte ihm einen, in ein seidenes Tuch gehüllten Brief entgegen, große Blutflecken färbten die weiße Seide.

»Priester, dann mußt Du sterben. Herbei, Widaïtsch, Bundesbruder!« Und schneller als der Blitz hatte er den Karabiner emporgerissen und feuerte auf den Abt.

Aber dieser schien die verräterische Handlung vorhergesehen zu haben – denn mit großer Geistesgegenwart hatte er sich zurückgeworfen in das Dunkel des Eingangs, und als der zornige Moslem sein Pferd wild gegen diesen trieb, prallte die Stirn des Rosses wider die starken Eichenplanken, die krachend ins Schloß fielen, und schwere Riegel prasselten im Innern vor die gewaltigen Türflügel, während eine drohende Stimme durch das vergitterte Guckloch erklang:

»Wusseïn! Doppelter Verräter! Suche Sohn und Brief bei Deinem Todfeind, dem Bären der Herzegowina!«

Als der russische Offizier, der nach seiner Büchse gesprungen war, den Gastherrn zu verteidigen oder zu rächen, mit der Waffe ans Fenster zurück kam, sah er nur noch die beiden Moslems im Mondlicht über den Platz galoppieren und in wilder Flucht den Bergabhang hinabjagen.

(Schluß des zweiten Bandes.)


Herrosé & Ziemsen, G. m. b. H., Wittenberg.


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