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Der Korsetten-Fritz

Aus alten Märchen winkt es
Hervor mit weißer Hand,
Da singt es und da klingt es
Von einem Zauberland.

Heine.

Ich bin der Sohn eines protestantischen Pfarrers. Ich wuchs in einem ganz kleinen Städtchen auf. Wir waren vielleicht achthundert Seelen. Jedes kannte das andere; fast bis auf die Gedanken, von früh auf leitete mein Vater selbst meine Erziehung; ich mußte Lateinisch lernen, wogegen sich mein Kopf, wie gegen ein exotisches Gift, sträubte.

Die sicherste und intensivste Erinnerung aus dieser Zeit ist ein gewisser Zustand, eine Disposition meines Kopfes, eine Art psychischer Anfall, der mich jedesmal in der Kirche überraschte. Mein Vater predigte ganz anders, als er zu Hause sprach. Auf der Kanzel hatte er eine plärrende, heulende Redeweise, zu Hause war er knapp, bestimmt, koramisierend. So befand ich mich in der Kirche einer ganz anderen Persönlichkeit gegenüber. Und die Wirkung war eine ganz neue. Kaum hatte die Gemeinde mit ihrem Rockgeräusch sich auf die Bänke niedergelassen, kaum erfüllte das geistliche Geheul meines Vaters widerprallend mit doppeltem und dreifachem Echo das kleine Gotteshaus, so war meine Seele entflohen. Und auf mir nur zu bekanntem Weg, und immer auf demselben, lief sie fort, und trieb sich umher, und suchte etwas, und lief auf die Dörfer in der Umgebung und wollte überall eindringen, in die Häuser, durch die Fenster der Menschen, in die Schränke, ja sogar in die Menschenleiber, und wollte überall horchen, und suchen, und spähen, ohne zu wissen, was! Das Schluß-»A-män!« – und meine Seele kehrte wie der Geier zurück! Ich erwachte, vor mir lag das Gesangbuch mit seinen schwarzen Lettern. Am Altar waren die Kerzen tief herabgebrannt; mein Vater wischte sich den Schweiß von der roten Stirn, die Leute rutschten feierlich und ergriffen und auf dem Chor begann die Orgel ein leises Smorzandospiel. – Dies ist die intensivste Erinnerung aus meinen Kinderjahren: dieses Davonlaufen der Seele bei jeder günstigen Gelegenheit; dieses Herumsuchen nach etwas Unbekanntem, nach etwas Aufzustöberndem und dieses Nichts-nach-Hause-Bringen.

Später, als es Zeit war, in die Lateinschule einzutreten, kam ich in ein kleines Provinzstädtchen. Zu Leuten, die mich ebenso streng von allem, was man Welt nennt, abschlossen, wie mein Vater, und die mir ebenso unermüdlich wie meine Eltern eintrichterten: Zweck meines Daseins sei, Doktor der Theologie zu werden, und Sonntags Leute in Seidenkleidern und schwarzen Tuchröcken mit frappierendem geistlichen Inhalt zu füllen, plärrend und pfauchend, wie mein Vater. Dieses Programm war mir vollkommen geläufig, ich hatte mich auch vollständig mit ihm ausgesöhnt. Aber was meine Seele dazu sagen werde, jenes Wandertier, welches auf eigene Faust auf Eroberungen ausging, und jeder Klausur, jedem Stubenarrest spottete, das wußte ich natürlich nicht.

Ich heiße Fritz. Als die Lateinschule mit vierzehn Jahren absolviert war, mußte man mich irgend wohin bringen, wo ein Gymnasium war. Dies tat mein Vater nur schweren Herzens. Denn das nächste Gymnasium war die Residenz. Eine Residenz, in der damals Künste und aller mögliche Luxus in reichster Blüte stand. Und vor dieser irdischen Blüte der Welt wollte mich mein Vater um jeden Preis bewahren. In der Residenz wohnte ein Onkel von mir, von nicht minder rigorosen Grundsätzen, wie mein Vater. Zu diesem wurde ich, nach Vorausgang eines eingehenden Briefwechsels, endlich gebracht, und hatte von hier aus, unter strengster Überwachung, sozusagen unter Klausur, das nahgelegene Gymnasium zu besuchen.

Die Häuser, die Eisenbahnen, das Schreien einer fieberhaften Menge, die geheimnisvollen Telegraphendrähte hoch quer in der Luft, die Schaufenster, die prunkenden Kirchen, die erstaunlichen Lettern mit ihren Behauptungen an den Straßenecken, und was ich sonst auf der Reise und bei der Ankunft an großstädtischem Leben erwischte, machte auf mich einen fast lähmenden Eindruck. Ich schluckte alles hinunter, und wartete, wie es wirkte, und sagte gar nichts. Ich sah, man beobachtete mich, wie eine Taube, der man Zigarrenrauch in die Nasenlöcher geblasen. Ich wußte aber auch, ich ahnte, daß in dieser Stadt ein kolossales Geheimnis für mich verborgen lag.

Soweit ging alles gut. Meine Leistungen in der Schule waren zwar wenig zufriedenstellend. Man schob es auf den plötzlichen Wechsel von Lehrer und System. Täglich wurde ich zur Schule gebracht und abgeholt; unter den höhnischen Bemerkungen meiner Kameraden. Mit niemandem durfte ich verkehren. Nur meine Tante, eine Frau, die wohl damals schon mein Inneres durchschaute, mit jener instinktiven Sicherheit, die den Männern abgeht, nahm mich auf ihren Ausgängen und Kommissionen mit. – Ich war etwa vierzehn Tage in der Residenz, und ziemlich genau fünfzehn Jahre alt, als mich eines Abends meine Tante im Flüsterton fortschickte, ihr ein Paket zu holen, welches sie in einem Hause hatte liegen lassen, und das sie noch für den gleichen Abend zu einer Einladung benötigte. Es war sechs Uhr. Ich flog wie ein Reh. Diesmal zum erstenmal standen ich und jenes Ding in mir, welches quasi ohne jeden Zusammenhang mit der Welt, als Seele, sozusagen auf eigene Verantwortung, in mir fungierte, miteinander im Einklang. Wir eilten auf Windesfüßen. Der Auftrag war bald vollbracht. Einmal im Besitz des Pakets, merkte ich erst, daß ich unbewußt so geeilt war, um zeitlich einen Vorsprung zu gewinnen. Ich beschloß, ihn so gut wie möglich auszunützen. Ich wollte etwas von der fürchterlich tosenden Welt sehen. In der Ferne lag ein großer, dampfender, hellerleuchteter, mit Menschenlärm und Wagengemurmel erfüllter Platz. Dort beschloß ich hinzugehn. Zum erstenmal war ich mit meinem Instinkt ganz allein und souverän in der Welt. Ich konnte hin und zurück, ohne mich in der Zeit auffällig zu verspäten. Ich hatte ja noch Zeit genug. Bereits war ich auf dem Wege, und eben im Begriff, auf einer der Straßen den großen Platz zu gewinnen, als ich plötzlich, gerade knapp vor der Ecke, vor einem großen Glasfenster, wie vom Blitz getroffen, stehenblieb, und fassungs- und willenlos, wie ein angeschossenes Tier, dort hineinstarrte, und mich, mein Paket, meine Umgebung, meinen Auftrag vollständig vergaß.

Ich will jetzt Obacht geben, ganz genau alles so zu beschreiben, wie ich es sah, und wie ich es empfand. Hinter dem riesengroßen, spiegelblanken, aus einem Stück bestehenden Glasfenster saßen, oder schwebten, oder staken ein bis zwei Dutzend Menschenleiber, das heißt Ausschnitte von Menschenleibern, ohne Kopf, ohne Beine, aber nicht gerade geschlachtet, sondern mehr abgehackt, ausgeschälte Rümpfe mit darangelassener Hüfte, aber blutlos, sogar höchst säuberlich, glänzend, seidig, furchtbar graziös und elegant, und wie zum Umarmen und Küssen eingerichtet. Also keine Menschenschlächterei, sondern – wie soll ich sagen! – leichenartig konservierte Hüften mit vorgequellter Brust, Menschenmumien, aber unter Berücksichtigung und Konservierung des kostbarsten Mittelstücks; alle in verschiedenen Farben, vom schneeigsten Weiß bis zum tiefsten Beinschwarz; die Farben nicht angestrichen, sondern das natürliche Produkt ihres Inhalts; also herausgeschwitzt und erhärtet; die Ränder prachtvoll wieder mit anderen Farben eingefaßt. Besonders ein orangegelber Leib nahm meine ganzen Sinne gefangen, er war schwarz gerändert, die Hüftenschwingung zart. Die dünnste Stelle konnte man fast mit Knabenhänden umspannen, die Ausladung der Brust war kühn und gewaltig; das Ganze eine hoheitvolle Figur, ein Idealwesen. »Magst du herkommen, wo du willst«, rief ich innerlich mit einem überquellenden Impuls, »und wenn du auch nur ein Stück bist, so bist du doch prachtvoll, du gleißendes Orangewesen! Wenn ich dich besäße, dann wäre wohl mein Glück gemacht!« – So sprechend beugte ich mich ganz über die querlaufende Eisenstange, welche vor der Riesenscheibe zum Anhalten diente, um mein süßes Orangewesen mit den Augen ganz zu verschlingen. Aber jetzt kam mir doch ein Stück Besonnenheit, und ich begann nachzudenken, woher diese Bruchstücke von Individuen wohl kämen. Sollte irgendwo eine so kostbare Menschenrasse leben, begann ich zu grübeln, von der ich noch nichts weiß, und die man mir verborgen gehalten hat? Also eine farbige, glitzernde Menschenrasse, ähnlich der Art, die man unter den Vögeln Kakadus und Kolibris nennt? Aber warum hat man Kopf und Hals weggehackt? Und die Beine ausgeschnitten? Offenbar weil eben die Leiber das Schönste sind. Es sind eben Menschenbälge! Aber nicht federartig, wie die Vögel, sondern seidenartig glänzend, Menschenhülsen von einem eigenartigen Geschlecht! Könnte man da nicht hinkommen, wo die leben? Und glücklich sein? – Ich schaute jetzt genauer hin. In der Tat, der Inhalt dieser Leiber, obwohl blühend weiß und flockig wie frische Schlagsahne, war doch künstlich, war angefüllt! – Oh, ich lasse mich nicht so leicht täuschen! – Es sind also veritable Menschenhülsen – gewiß! Man kann doch das Blut und die Eingeweide nicht darinlassen! Und man füllt es mit weiß aus, um die Kostbarkeit der Rasse anzudeuten. Ob wohl solche Exemplare noch lebend anzutreffen sind? fuhr ich weiter für mich zu fragen fort. Und wo die sich aufhalten mögen? In einem fernen Land, wo ewiger Sonnenschein herrscht, mag sie wohl in der Luft schweben, diese federleichte, graziöse Sippe! Und wird dort von Schurkenhand eingefangen und abgehäutet! – Einerlei, fuhr ich nach einigem Bedenken fort, jetzt sind sie da; und jetzt gilt es, sie zu erwerben. Denn offenbar, darüber war ich mir klar, ist das, was hinter diesen Riesenscheiben aufgestellt ist, zu verkaufen? Aber wer kann so kostbare Menschen kaufen? Wohl nur ein König! Mein Gott, rief ich, was wird dieser orangene Menschenvogel kosten? Gewiß einige zehntausend Gulden. Die werde ich nie besitzen. Und so werde ich im Leben nie glücklich sein!

In diesem Augenblick geschah etwas Entsetzliches. Zwischen meinem Orangemenschen und seinem dunkelblauen Kameraden nebenan erschien plötzlich ein schwarzbärtiger, gelockter Judenkopf, der mich mit einem ausgestopft-süßlichen Lächeln angrinste, und unversehens von hinten mit zwei Armen mein Orangebild umfaßte und es liebkosend nach hinten trug. Ich war außer mir vor Wut. Und eben wollte ich mit geballter Faust die Glasscheibe zerschmettern, um das Ideal meines Lebens zu retten, als ein brauner, eiserner Vorhang zwischen mir und der Glasscheibe mit schrillem Geräusch niederging, und mich mit einem Ruck vor die Felsenwand »Sesam öffne dich!« brachte.

Ich schaute um mich. Es war stockfinster. Nur wenige Menschen eilten schnellen Schritts vorüber. Der große Platz war leer, wie ausgestorben. Mein Paket? Ich hatte es noch in der Hand. Ich lief zitternd vor Erregung nach Hause. Es ging auf zehn Uhr. Natürlich kam ich zu spät. Aber dieses Zuspätkommen, welches unter anderen Umständen mich tief beunruhigt hätte, ließ mich fast teilnahmslos. So hatte das vorausgehende Ereignis auf mich gewirkt. Man forschte mich aus, wo ich gewesen. Man inquirierte mich. Onkel und Tante waren außer sich, daß ich die erste Gelegenheit des Vertrauens so schmählich mißbraucht hatte. Ich erklärte mit großen Augen, ich hätte eine seltsame Begegnung gehabt, die mich festgehalten hätte. Man schüttelte den Kopf und wollte Näheres wissen. Ich konnte und wollte nichts Näheres sagen. Ich bat nur, zu Bett gehen zu dürfen. Ich hätte keinen Appetit. Dies wurde endlich zugestanden. Im Nu war ich in meiner kleinen Schlafkammer und hatte mich gleich darauf tief in die Bettdecken gewickelt.

In der Nacht träumte mir. Es erschien jener Rumpfkörper, in goldenorangenes Licht getaucht, am Fußende meines Bettes. Wie ein strahlendes Wesen aus dem Jenseits. Wie eine odische Erscheinung. Ich weiß nicht ob träumend oder wachend, ich erhob mich von der Lagerstatt und starrte das entzückende Bild mit offenen Augen an. Ich rutschte vor und streckte die Hände mit vibrierendem Verlangen dem Bilde entgegen. In diesem Augenblick aber erschien der Judenkopf mit einem höhnischen, wie ein Taschenmesser zugeklappten Mund, und zog von rückwärts leis und lautlos das prachtvolle Bild an sich. Mit einem Schrei erwachte ich.

Von diesem Morgen an war ich ein ganz anderer Mensch. Ich hatte jetzt plötzlich einen Inhalt gewonnen. Meine Seele vagierte nun nicht mehr herum. Wenn sie sich überlassen war, wußte sie, an wen sich zu halten. Sie entfloh in jene dämmerige Gasse, vor das glänzende Schaufenster, und plauderte mit jenem Orangewesen, dem fabelhaften Menschenrumpf, dem entzückenden Überbleibsel aus einem fernen, vielleicht indischen Geschlecht. Leider war meine Seele mit dieser phantastischen Arbeit so übermächtig, so exklusiv tätig, daß meine Aufmerksamkeit, die Fähigkeit, meine Geisteskräfte anders zu konzentrieren, immer schwächer wurde und zuletzt ganz unterlag. Nicht nur in der Klasse, beim Übersetzen des Cicero oder Ovid, in der Kirche, zu Hause, wenn mein Onkel ernste Aufsätze vorlas, sondern sogar beim Mittagessen war ich schweigsam, die Äußerlichkeiten mechanisch verrichtend, meinem Inneren zugekehrt. So kam ich in den Geruch – zumal auch meine Noten in der Klasse immer ungenügender wurden – eines talentlosen, faulen, dummen Menschen.

Darüber verging etwa ein Vierteljahr. Mein Orangeideal hatte ich nicht wieder seit jenem Abend gesehen. Noch auch ein anderes seines Geschlechts.

Eines Nachmittags waren Onkel und Tante ausgegangen. Es war Sonntag. Die Köchin war allein noch zu Hause und schickte sich, wie ich vermutete, an, ebenfalls auszugehen, da es ihr freier Nachmittag war. Ich sollte zu Hause bleiben und lernen. Mißmutig ging ich im Zimmer auf und ab. Plötzlich kam mir der Gedanke – da ich den ganzen Sonntagnachmittag allein zu Hause bleiben sollte –, mir noch ein Glas Himbeerwasser von der Köchin geben zu lassen. Es war Sommer, und ein heißer Tag. Die Köchin hatte den Schlüssel zu diesen Süßigkeiten. Eben hatte ich die Türklinke in der Hand und war im Begriff über den Korridor zu gehen, als mich ein weiterer Gedanke auf einmal leise auftreten ließ. Die Köchin war eine hübsche Person. Sie hatte große, dunkle, vielsagende Augen. Ich war über die Unterschiede zwischen Knaben und Mädchen sehr wohl orientiert. Ich hatte durch Zufall sogar diese Abweichung in der Bildung der Scham bei kleinen Mädchen schon beobachtet. Was mich, nebenbei gesagt, hier einzig verdroß, war, daß die Urinbereitung mit jenen differenzierten Organen vergesellschaftet war. Das heißt, ich konnte mir nicht klarmachen, warum zur Entleerung des Urins bei Knaben und Mädchen verschiedene Organe notwendig seien. – Ich wollte also durchs Schlüsselloch der Köchin ins Zimmer schauen, um zu sehen, wie sie aussehe, was sie treibe. Nahe bei der Tür angelangt, hörte ich schon nesteln und rutschen und herumwirtschaften. Aber kaum hatte ich das Auge ans Schlüsselloch gebracht, als ich, starr vor Entsetzen, und unfähig, mich auf den Füßen zu halten, beinahe mit dem Kopfe gegen die Tür gefallen wäre. Ich lief eilig ins Wohnzimmer zurück, wo ich keuchend mich an einem Möbel anhielt, um das Gesehene zu verdauen, zu überlegen, mir klarzumachen: die Köchin stand mit nackten Armen in ihrem Zimmer, an ihrem Bett, der Hals war ebenfalls nackt, das Hemd tief ausgeschnitten. Zwei weiße, helle, lebende Kugeln sprangen dort, wo das Hemd aufhörte, hervor, und von diesem Rand an abwärts hatte die Köchin, sowohl gegen die Arme sich verbreiternd, als nach unten den ganzen Leib verhüllend, eine jener farbigen, eingefaßten, starren, getrockneten Menschenhülsen, wie ich sie damals hinter der Glasscheibe gesehen! Und nur das eine konnte ich nicht begreifen, wie die Köchin diesen fremden Menschenüberzug über sich hinübergebracht hatte, war sie doch ein starkes Frauenzimmer, der Überzug hingegen knapp und eng! Auch war mir nicht entgangen, daß dieser hohle Balg an Farbenpracht bei weitem hinter jenen zurückstand, die, wie mein orangenes Ideal, damals in der Abendbeleuchtung in jener Straße geglänzt hatten. Und nicht übersehen hatte ich das ernste, strenge, fast pathetische Gesicht, das die Köchin bei ihren Manipulationen gemacht hatte. – Ich setzte mich jetzt auf den bequemen Lehnstuhl im Zimmer und überließ mich ganz meinen Empfindungen und Erwägungen.

Eine der wichtigsten Entdeckungen, das war mir klar, hatte ich jetzt gemacht. Also die Köchin hatte sich in den Besitz eines solchen abgebalgten Menschenüberzuges zu setzen gewußt. Er war nicht so schön wie die anderen; stammte vielleicht von einem im Norden wohnenden, schwerfällig im Nebel sich bewegenden, mythologischen Geschlecht, während mein Orangeliebling, darüber konnte kein Zweifel bestehen, sich vorzeiten in einem sonnigen Klima wie ein Kolibri in der Luft geschaukelt hatte. Also Menschenbälge werden vom Norden wie vom Süden her zu uns gebracht, importiert; und bis zur Köchin herab kauft sich jede so einen Überzug und zwängt ihn sich über den Leib. Warum! Ja, das weiß der Himmel! Und die nordischen Bälge sind mehr grau, dickfaserig, schwartenähnlich, derb, wahrscheinlich billiger, für den Köchinnengeldbeutel berechnet; die südlichen mehr kolibriartig, farbig, heller, aufgelockerter, goldiger und geschmeidiger, für Fürstinnen und Baronessen berechnet, und natürlich unbezahlbar. Und Juden sind es, die diese entfernten Menschenrassen abschießen lassen, die Bälge importieren und verkaufen und daran ihr Geld verdienen. Aber wie müssen diese Menschen aussehen? Oder sind es gar keine Menschen, sondern Vögel? Oder eine Mischrasse? Diese Geschöpfe haben also, fing ich jetzt an zu konstruieren, einen höchst zarten, grazilen Leib, das heißt, Hüfte, Taille, Brust und die zwei höchst interessanten, an ihr hervorspringenden, schäumenden Kugeln; rechts und links von der Brust fliegen zwei weiße, nackte, schlanke Arme heraus, zum Rudern, zum Fliegen. Farbige fledermausartige Flughäute verbinden diese ihrer ganzen Länge nach mit dem Körper, wie aufgebauschte Regenschirme, und zwischen den zarten Perlmutterfingern gibt es noch weiche, durchsichtige Schwimmhäute. Oben an die Brust setzt sich ein blendendweißer, vielleicht schon befiederter Hals an; dann folgt ein Mäulchen von Korallenfarbe, ein spitzes schlankes Näschen, hinter blaugrünen Wimpern versteckte schwarze Augenpunkte, zitronengelbe Augenbrauen. Und dies alles umspült, umflattert, umwogt, je nachdem der Wind geht, von einem Wald, von Wellensträhnen blauschwarzer Haare, die die Perlmutteröhrlein, die Wangen, Kinn, Gesicht, die Brustballons, ja stellenweise die ganze Gestalt in ein Netz von dunklem Wirrwarr einhüllen. Und Laute von einem süßen »Pi-pi-pi-pi-pi!« wird dieses Flattergeschöpf vielleicht von sich geben. Unten, unterhalb der Hüfte, folgen natürlich keine Beine, die ja überflüssig wären, sondern ein Ruder- oder Luftschwanz, der zweispaltig in eine Flosse endet, silbern beschuppt ist und mit bläulichen und grünen Reflexen um sich schlägt und die Richtung angibt. Unter Kanarienvögeln und geschwänzten Affen treibt sich dieses kostbare Geschöpf auf einer Insel in einem Urwald herum schaukelt und gaukelt, schnalzt und zwitschert, und erfüllt die Luft mit Farben und Tönen. Das war die Rasse, aus der ich mein Orangeideal abstammen ließ, und alle die anderen farbigen Bälge, die bei uns von den Frauenzimmern aus weiß der Himmel welch neidischen Gründen auf dem bloßen Leib getragen werden. – Weit weniger gern vertiefte ich mich in die nebelhafte, nordische Spezies, die seehundähnlich, mit grämlichem, naßglattem Gesicht in der aufgelockerten, mit Schnee- und Kristallnadeln erfüllten Luft umherschoß, und von deren fettigem, tranigem Leib jener Panzer abpräpariert war, den ich an unserer Köchin durchs Schlüsselloch hindurch gesehen hatte.

Das war mein System, auf das ich nicht weniger stolz war, als jene großen Philosophen, von deren Denksystemen ich knapp hatte reden hören. Mit mißtrauischen Augen betrachtete ich jetzt jedes weibliche Wesen, welches in unser Haus auf Besuch kam; um festzustellen, ob sie sich, und aus welcher Gattung, mit einem farbigen Menschenleib umgebe. Ich war auch fest überzeugt, daß ich das einzige männliche Wesen sei, welches durch eine glückliche Kombination von äußeren und innerlichen Ereignissen zu der Kenntnis dieser infamen Menschenschlächterei gekommen sei. Trotzdem hütete ich mich, irgend jemand etwas von meiner Entdeckung zu verraten. Aber ein ungemessener Stolz erfüllte mich, und mit Verachtung blickte ich auf alle die Männer, die lateinisch- und griechischgeübten Professoren meiner Umgebung, die mit dünkelhaften Blicken in die Welt hinausschauten und keine Ahnung hatten von dem, was in ihrer nächsten Nähe vorging. Umgekehrt schienen mir die Augen der Frauen, die oft mit eigentümlichem Einverständnis auf mir ruhten, etwas anzudeuten, als wüßten sie wohl, daß ich hinter ihre Schliche gekommen sei.

Worin mir jedoch dieses ganze innere Leben, dieses Nachgrübeln, dieses Entdecken meiner Seele auf eigene Verantwortung hin, von verschiedenem Nachteil war, das war mein Studium. Meine Fähigkeit zum Aufmerken war fast erloschen. Sah ich doch, daß weder die großen Schriftsteller noch die großen Mathematiker und Geographen eine Spur jener Kenntnis hatten, die mir weitaus die wichtigste meines Lebens schien. Nur die abenteuerlichen Erzählungen eines Odysseus, die Begebenheiten bei der Circe, sein Besuch bei den abgeschiedenen Seelen oder die Metamorphosen bei Ovid konnten mich festhalten. Kam so eine Schlacht, bei der ich außer der Jahreszahl auch die Gefangenen und Gefallenen merken mußte, oder die Berechnung eines sphärischen Dreiecks, dessen Wert ich für mich mit dem besten Willen nicht einsehen konnte, so holte ich rasch die sämtlichen weiblichen Individuen meiner Bekanntschaft herbei, entkleidete sie und examinierte die Farbe, Einfassungen und Abnähungen ihrer exotischen Bälge. Oder ich ließ mir von dem Judenkopf meine Orangefreundin bringen, die ich längst mit einem Wachskopf versehen hatte, und deren blauen Fischschuppenschwanz und meergrüne Arme ich vergnüglich zwischen mir und dem Klassenprofessor hin- und hertanzen sah.

So wurde ich achtzehn Jahre alt. Noch hatte ich keinem Menschen eine Mitteilung meiner Entdeckungen und verborgenen Erwägungen gemacht. Ich war jetzt in der obersten Klasse des Gymnasiums. Bis dahin war das Aufrücken sozusagen von selbst erfolgt. Man kam in die vierte Klasse, weil man ein Jahr lang in der dritten gewesen war, und in die dritte, weil man so lang in der zweiten war. Jetzt aber, zum Verlassen des Gymnasiums, hatte man ein schweres, eingehendes Examen in allen Fächern zu bestehen. Wie das mit mir werden sollte, das wußte ich nicht.

Eines Tages kamen wir in die Religionsstunde und hörten zu unserer freudigen Überraschung, daß der Religionslehrer krank sei und wir also nach Hause gehen könnten. Dies war eine gefundene freie Stunde, die ich wieder einmal zu meiner Verfügung hatte und so viel wie möglich auszunützen gedachte. Mein erster Gedanke war: Du machst deinem Orangeidol einen Besuch. Aber wie dahin gelangen! Seit meinem ersten damaligen Besuch in der Abendstunde waren zwei oder mehr Jahre dahingegangen, unter so strenger Klausur war ich die ganze Zeit über gewesen. Der Weg war mir in Vergessenheit geraten. Wie ihn finden und wie irgend jemandem den Begriff von dem beibringen, was ich wollte. Einem Mitschüler, der mir am vertrautesten war und mit dem ich ein Stück des Nachhausewegs gemeinsam hatte, teilte ich so viel mit, als zur unumgänglichen Orientierung notwendig war. Er hörte mich stumm und starr vor Erstaunen an. Etwas von meinem geheimen System muß doch mit hindurchfiltriert sein. Dann sagte er ruhig und mit einer gewissen Gelassenheit, ich solle nur mitgehen; wenn er mir auch nicht dieselbe Menschenleiberausstellung zeigen werde, jedenfalls werde es eine ähnliche sein. Ich folgte. Und nach etwa einviertelstündiger Wanderung kamen wir durch eine Menge enger und finsterer Gassen zu einem großen, spiegelglatten Glasfenster, in dem wahrhaftig eine große Kollektion der von mir sehnlichst begehrten ausgestopften farbigen Menschenbälge zu sehen waren. Aber es war weder dieselbe Kollektion, noch so elegant, farbig und kostbar wie die von mir in Erinnerung gehaltene. Mein Orangewesen war nicht darunter. Trotzdem glotzte ich wie fasziniert diese stummen Wesen an. Ich hatte meine Schulbücher unterm Arm. Mein Freund stand hinter mir, mich beobachtend. Allmählich, merkte ich, blieben hinter uns mehrere Leute stehen. Es war ein Samstag; aus dem Trubel und dem Geschrei, der in der ganzen Straße herrscht, entnahm ich, daß die Leute vom Markte kamen. Dicke Köchinnen und Bürgerfrauen schwankten schwerfällig vorbei; ein Geschimpfe entstand, weil die Passage nicht frei war. Ich hatte mich ganz dicht an die Glasscheibe gelehnt, um das mir besonders gefallende Stück herauszusuchen. Meine Nase blies einen großen Hof auf die Glasfläche.

Allmählich hörte ich hinten kichern und flüstern. Dazwischen vernahm ich die Stimme meines Freundes, der mit großer Ruhe und gedämpfter Stimme mit den stehengebliebenen Leuten redete. Einige Seufzer, die meiner Brust entstiegen, mögen von den Hinterstehenden gehört worden sein. Das Gedränge und Geschimpfe wurde nun immer ärger Nun wurde mir doch unheimlich. Ich merkte, daß mein Freund nicht mehr neben mir stand. Auch hatte ich mich an dieser mehr starkkalibrigen, farbenarmen und schwerfälligen Kollektion gemästeter Menschenbälge genügend satt gesehen. Meinem Ideal entsprachen sie nicht. Ich wandte mich um und wollte gehen. In diesem Augenblick empfing mich ein höllisches Gelächter, in dem Hohn, Spott, Mitleid, Verachtung, Schadenfreude alles durcheinanderklang. Ich blickte in lauter geöffnete Mäuler mit faulen Zähnen und dampfenden Schleimhäuten. Die ganze Straße war vollgekeilt mit Weibern, die keuchend ihre Armkörbe emporhielten und mich mit eng zugekniffenen Augenspalten anguckten. Eine Menge von Stimmen und unartikulierten Lauten drang auf mich ein, bis ich zuletzt eine breiig vorgebrachte Rede vernahm: »Gelten S', junger Herr, de san schön; a soichtene müssen S' Ihnen aussuchen!« – Ich wurde blutrot im Gesicht. Und kaum hatte ich mich durch das Gedränge durchgearbeitet, so lief ich, so schnell ich konnte, davon, Denkmaterial wieder für zwei Tage im Kopf. Mein Freund war verschwunden. Durch fleißiges Erfragen der Straße fand ich mich nach Hause. Als ich mit geröteten Wangen und fliegendem Atem ankam und man mich fragte, wo ich herkomme, antwortete ich: »Aus der Religionsstunde.«

Am nächsten Morgen, als ich zur gewohnten Zeit in die Klasse trat, empfing mich ein vierzig- bis fünfzigstimmiger Ruf: »Korsetten-Fritz! Korsetten-Fritz!« – Die ganze Geschichte war ausgeplaudert worden. Ich hatte jetzt einen schweren Standpunkt. Und unangenehmer, als die Hänseleien, die nun begannen, berührte mich, daß mein so sorgfältig gehütetes System, das Pflegekind meiner Phantasie, in diese rohen Hände und Münder gekommen war. Und als ein Glück empfand ich es jetzt, daß durch die strenge Überwachung, das Abgeholtwerden vom Gymnasium, mein Verkehr mit meinen Mitschülern auf ein Minimum beschränkt wurde. So blieb ich für sie ein Rätsel, ein barocker, sonderbarer Mensch; und in dieser Isolierung befand ich mich am wohlsten.

So kam das Schlußexamen herbei. In allen Fächern hatte ich begründete Aussicht, glänzend durchzufallen, mit Ausnahme des deutschen Aufsatzes. Da ich von früh an mich daran gewöhnt hatte, meine Gedanken und Empfindungen schriftlich niederzulegen, hoffte ich hier durchzukommen. Als deutsches Thema erhielten wir »Die Bestimmung des Menschen«. Ich weiß noch, ich starrte diese Worte wohl eine Viertelstunde an, aber es fiel mir nichts ein. Ich wußte nun, daß auch der Aufsatz verlorene Arbeit sei. Aber ich grübelte ruhig weiter, um zu sehen, ob sich gar keine Gedanken angesichts dieses weltbewegenden Themas einstellen würden. Und es kam nichts. Ich merkte jetzt, von Minute zu Minute deutlicher, daß nicht nur der Aufsatz eine schlechte Arbeit werden würde, sondern daß auch gar keine Aussicht für eine regelrechte, tüchtige, ehrliche Behandlung des Themas da sei! »Die Bestimmung des Menschen«! – Ich wußte sie nicht! Hinter mir zupften mich meine Mitschüler, die gewohnt waren, im deutschen Aufsatz von mir Hilfe zu bekommen, und flüsterten: »Du, was ist die Bestimmung des Menschen!« – Ich wußte es nicht; und sie wußten es auch nicht. – Die Antwort, die ich in der Christenlehre vor zehn Jahren gegeben hätte: gottesfürchtig zu leben und selig zu sterben – die war mir wohl geläufig; aber das war ja nur eine schöne Rebe, eine Phrase, die jeder im Notfall im Mund führt und keiner glaubt. – Trotzdem mußte mein Aufsatz in zwei Stunden fertig sein! In meiner Verzweiflung begann ich zu schreiben: »Die Bestimmung des Menschen ist, die Rätsel, mit denen ihn diese Welt umgibt, zu lösen und sich zur ruhigen Geistesklarheit durchzuringen«; so auf meine persönlichen Erlebnisse und den Gegenstand meiner Zweifelsqualen anspielend. Und nun begann ich, rückhaltlos die Erlebnisse meiner letzten Jahre, innerer und äußerer Natur darzulegen, meine Annahme eines zweiten Menschengeschlechts, meine Visionen und Peinigungen, bei Tag und bei Nacht, meine Beschäftigung mit jenen Orangewesen. Ich schloß die hingeworfene Studie emphatisch: »Das ist unsere Bestimmung, das ist unser Fluch, zu grübeln und zu spintisieren, die Schliche und Verhüllungen unserer Nebenmenschen aufzudecken, den Kern aus der Schale zu brechen, die Panzer abzureißen! Ein Geschlecht läuft neben uns her, seltsam gebildet, mit ausladenden, outrierten Formen; die Blicke dunkel und verzehrend, die Haut schneeweiß, fuchtelnde Arme, auf der Brust zwei ungebärdige Ballen, die seltsam in der Kleidung versteckt werden; über Hüfte und Leib schillernde, seidene, farbige Überzüge von unbekannter, geheimnisvoller Herkunft; weiterhin sonderlich gebildet, alles glatt und weich, zart und behext! Und dies Geschlecht läßt die Phantasie nicht mehr los, verwirrt die Gymnasiasten, löscht ihnen das Gedächtnis aus, will sie dem Verderben zuführen. Löse die Rätsel, zerreiße die Schleier, decke alles auf – das ist die Bestimmung des Menschen, um zu Ruhe und Frieden zu gelangen! Im übrigen, selbstverständlich, lebe gottesfürchtig und stirb selig, wie wir es auswendig gelernt haben!«

Den folgenden Tag und bevor noch das mündliche Examen begonnen hatte, wurde ich auf das Rektorat gerufen, wo man mir mitteilte, daß ich wegen »unziemlicher Ausdrücke und unsittlicher Anspielungen im deutschen Aufsatz« zwei Stunden Arrest zudiktiert erhalten hätte. Gleichzeitig wurde mir eröffnet, daß die Prüfungskommission durch außerordentliche Rücksichtnahme die begangenen Unziemlichkeiten durch den Arrest für getilgt erachte, ich aber für den deutschen Aufsatz selbst wegen der darin gezeigten »Selbständigkeit in Behandlung schwieriger und abgelegener Themata« die erste Note erhielte. – – Die erste Note wog so schwer, zumal der deutsche Aufsatz doppelt gerechnet wurde, daß alle übrigen »Vierer« oder letzten Noten von ihrem »Ungenügend« etwas ablassen mußten. Und da ich, durch den Vorgang mutig geworden, im mündlichen Examen frisch und vorweg antwortete, so gelang es mir, gerade noch mit der letzten zulässigen Gesamtnota das Absolutorium zu erhalten, und damit das Reifezeugnis für die Universität.

Ein Vierteljahr später befand ich mich auf der Hochschule einer mitteldeutschen Residenzstadt, die wegen ihres jovialen ungebundenen Charakters besonders berühmt war. Ich war jetzt bald neunzehn Jahre alt, und von der väterlichen Zensur und verwandtschaftlichen Überwachung endlich befreit, hoffte ich, jetzt hinter alle die Rätsel und Geheimnisse zu kommen, mit denen meine Phantasie sich bis dahin so abgemüht und gemartert hatte. Ich hatte mich an einen jungen, süddeutschen Studenten angeschlossen, der nicht, wie ich, Theologie studierte, sondern sich dem medizinischen Fach zugewandt hatte, und der weit besser als ich im großen Leben Bescheid wußte. Nach etwa vierwöchentlichem Verkehr nahm mich mein Freund eines Abends spät beim Nachhausegehen unterm Arm und flüsterte mir merkwürdige, unerhörte Dinge ins Ohr: von dem Besuch eines versteckt gelegenen Hauses, wo auf ein bestimmtes Klingelzeichen hin ein Haufen prachtvoller, schillernder, verführerischer Geschöpfe mit weißer Haut und goldenen Haaren hervorbreche, um dem Gaste seine Dienste anzubieten. Man gebe ein Geschenk, ein Gastgeschenk, das sei so üblich. Man wähle sich eines der Geschöpfe aus. Mit der verschwinde man dann auf eine Stunde. Alles übrige ergebe sich von selbst. Ich solle nur unverzagt sein! – Wie ein Blitz fuhr es mir durch den Kopf: Sollte ich hier einen Eingang in jenes Reich der Kolibrigeschöpfe finden, nach deren Existenz ich seit fast sechs oder sieben Jahren im geheimen fahndete? – Mit pochendem Herzen folgte ich meinem Freund, der sich über meine Unkenntnis und mein Verzagtsein nicht wenig belustigte. Wir gingen abseits von der Hauptstraße durch schwarze Gassen, dann durch schwarze Gäßchen, es wurde immer stiller. Durch das Sträßchen, durch das wir zuletzt gingen, lief in der Mitte eine Gosse; wir mußten rechts und links weit ausschreiten, um uns nicht zu beschmutzen. Keine Menschenseele begegnete uns. Endlich hielten wir an einem himmelhohen, schwarzen, nur drei Fenster breiten Haus, zu dem eine steinerne, wacklige, geländerlose Stiege emporführte. Mein Freund schellte. Gleich darauf öffnete sich die Tür leise; ein Flüsteraustausch und wir gingen einen steinernen, nur mattbeleuchteten Gang entlang, dann eine holperige, steile Treppe empor. Ein Griff auf eine Türklinke: mein Freund schob mich in einen hell und blinkend erleuchteten Raum, in dessen Wandspiegeln sich ein tausendfach facettiertes Licht brach, und in dem uns ein helles, nie vernommenes Kichern und Lachen umschwirrte. Auf den Sofas und weichen Lederstühlen saßen und lagen prächtige, kostbargeartete, helle, phantastische Wesen mit purpurroten Lippen, blitzendweißen Zähnen, langen Haarsträhnen, kalkweißen Halskrausen und nackten Armen, sie schauten uns mit hellen, bachklaren Augen an, als sähen sie heute zum erstenmal Menschen in runden Beinrohren und eingezwängten Tuchröcken. Mein Freund sprach längere Zeit leise mit einer vornehmen Dame in Schwarz, die in jeder Hinsicht dem gewöhnlichen Menschengeschlecht anzugehören schien; dann, auf einen Wink, sprang eines der schlankesten, aalglatten Geschöpfe mit einer gilfenden Lache auf, schlang ihren weichen, langen Arm um meinen Hals und schleppte mich fort aus dem Zimmer, eine Stiege höher, in ein kleines, ebenfalls prachtvoll erleuchtetes Gemach, in dem alles aus Kristall zu sein schien. Eine Menge Fläschchen, Näpfchen und Väschen mit irisierender Oberfläche standen umher, und die Luft drang mir, wie mit tausend schweren Gedanken beladen, in die Nase. Ehe ich mich's versehen, hatte das schlüpfrige Geschöpf eine Hülle nach der anderen abgeworfen, und plötzlich stand vor mir, strahlend in Gold mit schwarzer Einfassung, jenes Orangebild aus dem Schaufenster, meine zierliche Idealgöttin mit jener safranenen Hülse um den Leib, Taille und Brust, die ich seitdem so oft als Hirngespinst vor mir gesehen hatte, in der Nacht, bei Tag, im lateinischen Klassenzimmer. Aber nicht tot, ausgestopft, mit abgehacktem Hals, herausgezogenen Armen und Beinen, sondern lebend, vibrierend, als Ganzgeschöpf, mit schneeweißem Hals, goldbesträhntem Kopf, blühenden Beinen, herumfegenden Armen, gellenden Trillern. Um die Mitte des Körpers zog sich jener prachtvolle orangene Menschenbalg mit schwarzer Einfassung, an dessen oberen Rand zwei bläulichweiße Ballen mit Karminspitzen quellend hervordrangen. »Du unvergleichliches Wesen!« rief ich und stürzte mit einem Schlag auf die Knie, »dich kenn' ich, seit zehn Jahren such' ich dich, du erscheinst mir im Traum und bei Tag in einsamen Stunden. Du warst im Besitz eines ekelhaften, schwarz geschniegelten Juden! Wie bist du aus jenem Schaufenster herausgekommen? Wo hast du diese wunderschöne, orangene Hülse her? Du bist ganz Duft, Kolibri und Goldhaar! Kann man dich kaufen? Du bist der Inbegriff all meines Glücks auf dieser Erde. Ich würf' die ganze Theologie zum Teufel, wenn ich dich besitzen könnte; einerlei, kommst du aus dem Himmel oder aus der Hölle. Du bist köstlicher als der Feuersalamander. Deine Haut ist ganz Opal und Onyx. Du duftest nach Sandelholz. Deine Bewegungen sind wie Seidenkirschen. Was tust du mit jenen quellenden Kugeln, die wie flüssiger Granit oben aus deiner Brust hervorzubrechen drohen, um uns zu zermalmen? Lebst du in besonderer Luft? Nimmst du Speise zu dir? Werdet ihr in Wagen gefahren, weil man euch nie auf der Straße sieht? Hast du damals das Schaufenster zerschmettert, und bist dem Aquariumbesitzer, dem Juden, davongelaufen? Lebst du hier glücklich? Bist du aus Glas? Oder Seidenstoff? Oder Orangefarbe? Oder Muschelmasse? Kann man in dich hineinbeißen …?« – Ich weiß nicht, wie lange ich so gesprochen, noch was ich getan habe, noch, was mit mir geschehen ist. Das köstliche Wesen schaute mich lange starr mit ihren tiefen Forellenaugen an, sie entblößte die obere, weiße Zahnreihe, ihre Hände waren nach mir ausgestreckt. Dann weiß ich nichts mehr. Ich muß bewußtlos geworden sein. Und kam erst wieder zu mir, als ich die wacklige, steinerne Treppe in dem schwarzen Gäßchen hinunterstieg und die frische Luft mich wieder zu mir selbst brachte. Mein Freund hatte mich bei der Hand. Er machte mir bittere Vorwürfe, ich hätte nicht das richtige Benehmen an den Tag gelegt. Er gab mir eine schwulstige, geschraubte, ekelhafte Erklärung über die Bedeutung dieses Hauses und seiner Insassen, die ich zum größten Teil nicht verstand, zum anderen Teil überhörte in der Fülle inneren Glücks über das Gesehene und Genossene. Die ganze Nacht war mein Kopf voll jener Sandelholzgerüche und Ausdampfungen aus den Kristallschalen und -fläschchen der Orangefee.

Bild: Paul Haase

Ich zog mich jetzt ganz zurück aus dem Studentenleben. Der offene Verkehr mit meinesgleichen und das harmlose Plaudern und Lachen über Dinge, die mein Innerstes brutal berührten, war mir ein Greuel. Ich lebte ganz meinem Innenleben und baute dort aus den wenigen farbigen Bausteinen, die ich der Außenwelt und meinen paar Erlebnissen, im Hinblick auf jenes Feengeschlecht, entnommen, eine phantastische, gelbe, korsettierte Welt auf, an der ich mich fabelhaft ersättigte.

Um nicht unterzugehen, stürzte ich mich mit fürchterlicher Energie auf mein theologisches Studium. Und nicht ohne Erfolg. Ich fühlte jetzt ganz genau jene Zweiteilung in mir vorgehen, die schon in frühester Jugend bei mir begonnen: jene spontane, von der Phantasie eingenommene Sphäre, in der ich unkontrollierbar schuf, kreierte, produzierte, und aus der ich meist jenes kostbare, meinen Farben- und Formendurst stillende, gelbe Geschlecht hervorholte; und die zweite, die Verstandessphäre, wo ich, unter Zusammennehmen aller fünf Sinne, keuchend wie ein Roß, meine Daten und Geschichtsquellen memorierte, und die trübe, fade Außenwelt mit ihren Erscheinungen auswendig lernte.

So kam mein Examen herbei. Ich bestand es glänzend. Durch meinen eisernen Fleiß hatte ich die erste Note errungen und erhielt vom Regierungsvertreter die Aussicht, im Laufe des nächsten Vierteljahres angestellt zu werden. Ich war glücklich zum Emporjauchzen. Und dabei traurig zum Hinsinken. Mein alter ego war unzufrieden. Und ich fühlte in meinem Innern eine höhnische Stimme, die sich über meinen äußeren Erfolg lustig machte.

Ich eilte nach Hause zu meinen Eltern, wo ich mit großer Freude empfangen wurde. Jetzt, wo meine Aussicht auf Versorgung so gut wie gewiß war – ich war inzwischen neunundzwanzig Jahre alt geworden –, sprach mein Vater zum erstenmal mit mir über Verheiratung, über die Süßigkeit der Liebe. Er schmatzte dabei mit dem Munde. Ob ich noch kein Gefallen an dem anderen Geschlecht gefunden? Ich glotzte ihn groß an und sagte, ich wisse nicht, was er wolle. Hätte nie davon gehört. Der Gegenstand sei mir zuwider. Ich wüßte Besseres. – Aber eine andere Befriedigung wurde mir zuteil. Mein Vater hatte für mich die Erlaubnis erwirkt, am folgenden Sonntag an seiner Stelle die Kanzel besteigen zu dürfen und damit meine Antrittspredigt zu halten. Dies war ein mächtiger Sporn für meinen Ehrgeiz. Ich nahm einen Prachttext aus dem Korintherbrief und komponierte eine fulminante Predigt. Sie war am Donnerstag fertig. Ich hatte jetzt noch zwei Tage zum Memorieren. Die Sache ging mit Spaß. Ich war nie so frisch und munter bei der Arbeit gewesen.

Am Sonntag früh in der Sakristei, nachdem ich den Chorrock angelegt hatte, ging ich, während die Gemeinde den Zwischenchoral sang – ich vergesse, welchen –, langsam und überlegend auf den Steinfließen auf und ab. Plötzlich wurde mir merkwürdig zumute. In meinem Innern schien etwas vorzugehen. Mich überfiel die Angst, es könne in meinem Innern sich etwas ereignen, über das ich nicht mehr die Kontrolle hätte. Ich hatte die Empfindung, auseinanderzugehen wie eine Maschine. Und als ob ich bei diesem Auseinandergehen ruhig zuschauen müßte, ohne etwas tun zu können. Diese Angst vor dem Kommenden war die Quelle meiner Beunruhigung, nicht die erste Sensation selbst, die nur überraschend und merkwürdig war. – Doch war ich nach einigen Minuten wieder frei und bestieg die Kanzel. Ich begann meine Predigt äußerlich ruhig und ohne Befangenheit. Die Worte flossen wie von selbst. Aber schon nach wenigen Sätzen merkte ich, wie jenes Sakristeigefühl wiederkam. Und nun konnte und mußte ich zusehen, was geschah! Während meine Predigt ruhig und sicher wie eine Spule abrollte, begleitet von guten Gesten und sicherem Tonfall, merkte ich, wie sich in meinem Innern etwas ablöste, wie ein Maschinenteil davonrannte. Und nun erinnerte ich mich, wie ich schon als Knabe immer pensiv war, und wie meine Seele während der Predigt davonlief. Unwillkürlich schaute ich hinunter auf die Kirchenbänke: da saß ich, als Junge, mit gläsernem, starrem Blick und hörte gleichzeitig die breite, widerhallende Predigerstimme meines Vaters. – In diesem Augenblick wurde ich durch eine plötzliche Stille unterbrochen. Ich muß wohl zu predigen aufgehört haben. Ich erkannte jetzt die Situation; ermannte mich, räusperte und begann von neuem fest entschlossen, keiner Verführung mehr nachzugeben.

Aber meine Seele hatte ihre Reise schon begonnen. Und nun mußte ich mit. Mit auf die Lateinschule. Mit in das Haus meines Onkels. Mit durch die schwarzen Straßen der Residenzstadt. – Krampfhaft klammerte ich mich an meinen memorierten Predigttext und suchte mein Inneres zu überschreien. Als ich an die Stelle kam – in meiner Seelengeschichte –, wo ich im Auftrag meiner Tante jenen abendlichen Gang zu machen hatte, sah ich mit einem Male, wie ein langgestreckter Jude, etwa in der Höhe der Kanzel, quer durch die Luft zu mir kam. Ich erschrak und wunderte mich, wieso der Kerl in der Luft schweben könne; ich entdeckte aber bald, daß er, wie ein Kronleuchter, hinten am Rücken durch ein starkes Seil befestigt war, welches oben an der Kirchendecke mündete. Vor sich her schob der Jude, mit einem freundlichen Grinsen zwischen seinem schwarzen Bart, jenes orangegelbe Wesen, welches mich durch so viele Jahre begleitet hatte. Ich war außer mir über die Störung und betrachtete meinen Chorrock, der mit gelben, fetten Lichtern wie übergossen war. Ich winkte den Juden fort, und ließ deutlich erkennen, wie unangenehm mir der Besuch sei, und wie sonderbar sein Benehmen, sich mit Hilfe des Kirchendieners mittels eines Strickes so hoch herabzulassen. Er blieb aber genau wo er war und lächelte fortwährend in gleicher Weise. – Bis dahin hatte ich mit der äußersten Anstrengung meinen Predigttext nicht verlassen. Aber jetzt, als ich eben zum zweiten Teil überging, geschah etwas Unerhörtes. Die Glastüren, die zur Galerie der Kirche, zur Empore führten, wurden zu beiden Seiten aufgerissen, und meine früheren Gymnasialkameraden von der ersten und zweiten Klasse stürmten mit ihren Büchern herein, nahmen die Sitze rings um die Galerie ein, und nach einigem Schnaufen und Flüstern hörte ich, wie einige lautgellend, lachend riefen: »Ei, das ist ja der Korsetten-Fritz!« – Und »Korsetten-Fritz! Korsetten-Fritz!« folgte es jetzt im Chor. Anfänglich wollte ich die Störung nicht beachten; zumal ich überzeugt war, daß die jungen Leute exemplarisch bestraft würden. Als aber die höhnenden Zurufe immer ärger wurden, fing ich an hinaufzudrohen und zuletzt hinaufzuschimpfen. Der Genuß meiner Predigt wurde dadurch natürlich wesentlich verkümmert. Nun wurde auch die Gemeinde unruhig und begann zu murren. Gegen die Demonstranten. Zuletzt wurde der Lärm so arg, daß der Kirchendiener zu mir auf die Kanzel kam, und mich bat, plötzlich abzubrechen, mein Vater erwarte mich dringend in der Sakristei. Damit verließ ich die Kanzel.

Nach sechs Wochen wurde ich hierher in ein Haus gebracht, von dem es heißt, es sei die Irrenanstalt. Und von hier aus schreibe ich diese Zeilen, meine Lebensgeschichte, auf Wunsch des Direktors nieder. Man sagt mir, ich litte an Halluzinationen, an Gesichts- und Gehörtäuschungen. Davon kann keine Rede sein. Ich verlange vor allem eine gerichtliche Untersuchung über jene Vorgänge in der Kirche und eine Verhaftung des Kirchendieners, der jenem Juden den Strick gegeben hat zum Sichherablassen. Diejenigen, die jene Vorgänge leugnen, beweisen damit, daß sie in ihren Sinnen krank, oder an jenem Komplott beteiligt sind. Was allein an der ganzen Sache merkwürdig ist, ist, daß jene Jungens, die damals auf der Empore »Korsetten-Fritz« schrien, aussahen, als wären sie sechs bis acht Jahre jünger, als sie wirklich zur Zeit sein mußten. Denn diese Zeit ungefähr hatte ich sie nicht mehr gesehen. Daß sie ihre Haare genau so gescheitelt trugen, dieselben Anzüge anhatten, und, täuschend, die gleichen Bücherbündel, mit Riemen zusammengehalten, mit der gleichen ungezogenen Manier trugen, wie vor sechs, acht Jahren, darin allein liegt das Merkwürdige. Das ist aber offenbar bestellte, fabrizierte Sache.


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