Autorenseite

 << zurück weiter >> 

2.
Rationalisierung der Gefühle

 

»Gegen anständige Juden habe ich nichts einzuwenden.«

Adolf Hitler im Times-Interview

 

Ökonomische Verärgerung und?

Man glaubt allgemein, gerade die rassischen Untergründe des nationalsozialistischen Progamms seien der Punkt, von dem aus sich am leichtesten das ideologische Gebäude der Partei umstoßen ließe. Das ist nicht der Fall. Theoretisch sind die Führer der NSDAP so oft von dem Radauantisemitismus ihrer Anhänger abgerückt, daß es unzweckmäßig ist, die nationalsozialistische Rassentheorie lediglich nach diesen Exzessen zu beurteilen.

Wir haben bereits den Antisemitismus im Kaiserreich betrachtet und seine ökonomischen Grundlagen aufzuzeigen versucht. So unbedingt daran festgehalten werden muß, daß in der Tat die ökonomische Komponente des Antisemitismus die weitaus wirksamste und kräftigste ist, so wenig darf verkannt werden, daß sich dem Antisemitismus der NSDAP viele Elemente beigemischt haben, die nicht lediglich auf die ökonomische Verärgerung des Kleinbürgertums zurückzuführen sind. Der Nationalsozialist ist im allgemeinen heute sehr wohl in der Lage, seinen Antisemitismus rationell zu begründen und mit den übrigen Bestandteilen des Parteiprogramms in einigermaßen sinnvolle Beziehung zu setzen. Das Mittel hierzu gibt ihm die »Deutsche Rassenforschung« an die Hand, die in Dr. Hans F. K. Günther, dem bekannten Rassentheoretiker, über einen Spezialisten verfügt, dessen Einfluß weiter reicht, als man gewöhnlich annimmt.

Der Rasseprofessor

Schon hier gilt es, gegen einen beliebten Irrtum Front zu machen: Günther ist keineswegs nur Charlatan. Es ist unmöglich, ihm rundweg wissenschaftliche Eignung und Methodik abzusprechen. Seine »Rassenkunde des deutschen Volkes« bietet mancherlei Interessantes und Wissenswertes, soweit es sich in ihr um Rassenanatomie und Rassenphysiologie handelt. Daß seine Arbeiten schließlich zu grotesken Fehlschlüssen führen, liegt daran, daß es bei der Rassentheorie des Nationalsozialismus um die Rationalisierung von Gefühlen geht, die nur aus der weltwirtschaftlichen Situation heraus begriffen werden können.

In seinem Programmkommentar sagt Feder: »Antisemitismus ist gewissermaßen der gefühlsmäßige Unterbau unserer Bewegung. Jeder Nationalsozialist ist Antisemit, aber nicht jeder Antisemit wird Nationalsozialist werden. Antisemitismus ist etwas rein Verneinendes, der Antisemit hat zwar den Träger der Völkerpest erkannt, aber meist wandelt sich diese Erkenntnis nur in persönlichen Haß gegen den einzelnen Juden und gegen die Erfolge der Juden im Wirtschaftsleben.«

Wenn nun Feder den Antisemitismus in Gegensatz setzt zu dem völkischen Gedanken, von dem er nur ein kleiner Teil sein soll, dann beginnt seine Deduktion bedeutsam zu werden. Der negative Antisemitismus muß zum völkischen Gedanken ausgeweitet werden, um Grundlage eines so umfassenden Weltverbesserungsprogramms werden zu können, als welches die Nationalsozialisten ihre Theorien gelten lassen wollen.

Getarnter Imperialismus

Es handelt sich im Grunde weder um Rassentheorie noch um zoologisch infizierte Nationalökonomie, sondern darum, daß der Imperialismus der NSDAP nach rationellen Begründungen verlangt, die rein politische Zielsetzungen mit den Attributen einer fast religiösen Werthaftigkeit umgeben. Zu dem ungeheuerlichen Anspruch auf Geltung, den die NSDAP erhebt, steht die tatsächliche Dürftigkeit ihrer praktischen Forderungen in schreiendem Widerspruch: der Gefühlssturm, den der verlorene Krieg und die Katastrophe des Kleinbürgertums entfesselt haben, wird rationalisiert durch die nationalsozialistische Rassentheorie.

Wie zwecklos es ist, sich mit dieser Theorie etwa rein naturwissenschaftlich auseinanderzusetzen, zeigt eine Stelle des Times-Interviews, in dem Hitler sagt: »Gegen anständige Juden habe ich nichts einzuwenden, sobald die Juden sich aber mit dem Bolschewismus vereinigen, betrachten wir sie als Feinde.« Kein noch so wortreicher Hinweis auf revolutionäre Taktik kann die Tatsache verschleiern, daß Hitler mit diesen wenigen Worten das ganze kunstvolle Gebäude seiner Rassenspezialisten über den Haufen geworfen hat. Die Konstruktion eines »anständigen Juden« ist im Zuge nationalsozialistischer Gedankengänge etwas so Absurdes, daß man versucht ist, Herrn Hitler vor sich selbst und seiner Schwatzhaftigkeit in Schutz zu nehmen. Aber die blinde Henne hat ein Korn gefunden: man meint ja gar nicht den Juden, sondern das, was sich der politische Verstand eines Nationalsozialisten unter einem »Bolschewisten« vorstellt.

Marxist = Jude

Hier liegt die entscheidende Bedeutung des Rassenprogramms der NSDAP, dessen Formel »Marxist = Jude« sich immer mehr auswirken wird, je mehr Herr Hitler die Generosität und das nationale Wollen deutscher Juden erkennen wird. Nachdem er nun schon einmal mit Jakob Goldschmidt, einem der ungekrönten Könige der »alljüdischen Hochfinanz« zu Mittag gespeist hat, wird er die feinen Unterschiede praktisch auszuwerten lernen, die diesen Bankier etwa von Sinowjew oder Radek trennen.

Will man den Rassefanatismus der NSDAP gewissermaßen als Ding an sich betrachten, dann fällt es schwer, einem peinlichen Vergleich aus dem Wege zu gehen. Die wahnsinnige Überwertung der germanischen Rasse steht in direktem Verhältnis zu der Tatsache, daß das besiegte und ausgebeutete Deutschland seit Jahren die Rolle eines Parias unter den Völkern der Erde spielt oder gespielt hat. Diese Überwertung ist – jüdischen Ursprungs. Nichts anderes tat das ausgebeutete, unterdrückte, gequälte und verachtete Volk der Juden, als es aus der Tatsache seines Elends den treuherzigen Schluß zog, das »auserwählte Volk« zu sein.

Wenn zwei dasselbe tun, ist es nicht dasselbe: der jüdische Anspruch auf Auserwähltheit gilt den Nationalsozialisten als Höhepunkt frecher, verbrecherischer Anmaßung.

Zweifellos hat das Verlangen, den Revanchegedanken ethisch zu sublimieren, ebenfalls eine Rolle bei der Ausweitung des Antisemitismus zum völkischen Gedanken des Dritten Reichs gespielt. Mindestens ebenso stereotyp wie der Nachweis der Minderwertigkeit der jüdischen Rasse ist in der nationalsozialistischen Literatur der Vorwurf, das französische Volk »vernegere«. Das Durchdringen des Antisemitismus mit den Elementen der »Deutschen Sendung« tat ein Übriges, um jenes erstaunliche Gedankengebäude entstehen zu lassen, das als Glaube an die alleinige Existenzberechtigung der germanischen Rasse belustigtes oder erschüttertes Erstaunen in der wissenschaftlichen Welt erregt.

Das Instrument außenpolitischer Propaganda

Der Antisemitismus als gefühlsmäßiger Unterbau der nationalsozialistischen Wirtschaftstheorie geht auf dieselben Motive zurück, die den Antisemitismus des Kaiserreichs ausgebildet haben. Der »Völkische Gedanke« ist andererseits die Sinngebung für das außenpolitische Programm der NSDAP. Um ihn wirksam und werbefähig zu machen, um in ihm die letzte Offenbarung historischen Geschehens erblicken zu können, wurde die winzige naturwissenschaftliche Erkenntnis von der Verschiedenartigkeit der menschlichen Rassen aufgebläht zu einem ungeheuerlichen Phantasiegebäude, das unter dem Vorwand wissenschaftlicher Fundierung in Wirklichkeit die religiösen Bedürfnisse der Gläubigen erfüllt. Zwangsläufig endet diese ideologische Ausweitung in der Einordnung der NSDAP in die kapitalistische Weltfront gegen das revolutionäre Proletariat aller Länder der Erde.

Man darf dieses Endziel nicht aus den Augen verlieren: wenn Alfred Rosenberg im »Völkischen Beobachter« als verantwortlicher Außenpolitiker einer »Arbeiterpartei« die Revolutionierung Indiens brandmarkt als den Versuch einer minderwertigen Rasse, sich gegen die hochwertige Rasse der englischen Imperialisten zu erheben, dann steht am Anfang dieser Gedankengänge nicht mehr Hans F. K. Günther, sondern Sir Henri Deterding. Durchaus gleichgültig, wie weit sich der einzelne Nationalsozialist über diese angeblichen Konsequenzen seines Rassenprogramms im klaren ist, die in Wahrheit ihre Grundlage bilden.

Gestüt Großdeutschland

Man kann dem rassischen Dritten Reich Günthers eine gewisse Großzügigkeit nicht absprechen. Ein Zeitraum von einigen Jahrhunderten spielt in seinen Berechnungen nicht die geringste Rolle, und einige Jahrhunderte wird es mindestens dauern, ehe die Theorien der NSDAP in die Wirklichkeit umgesetzt sein werden.

Wenn Günther von der »germanischen Rasse« spricht, dann meint er damit die »nordische« Rasse. Und er ist sich durchaus bewußt, daß heute in Deutschland die Angehörigen der reinen nordischen Rasse absolut in der Minderheit sind. Die Binsenwahrheit, daß das deutsche Volk im Laufe der Jahrhunderte enorme slawische, keltische und romanische Bevölkerungsstämme in sich aufgesogen hat, wird auch von Günther nicht bestritten. Diesem Vorgang der »Ausmerze«, wie er es nennt, gilt es nun, ein Gegengewicht entgegenzusetzen in der »Aufnordung«, das heißt in der planmäßigen Züchtung und Rekonstruktion jener nordischen Rasse im deutschen Volke, die der alleinige Träger der deutschen Kultur sei. Im nationalsozialistischen Urprogramm ist von dieser phantastischen Menschenzüchtung im großen nur wenig enthalten: die Forderung, daß nur reinrassige Deutsche, das heißt solche, deren fremdrassige Blutbeimischungen nicht mehr klar zu erkennen sind, Volksgenossen sein dürfen, und die kläglichen Versuche, das fremdrassische Element in der Presse auszuschalten – das ist alles.

Der arische Chinese

Die Tatsache, daß in der Regel gerade die Vermischung mehrerer Rassen die Vorbedingung dafür ist, daß ein »Volk« zum »Kulturträger« wird, leugnet man. Dagegen behaupten die Rassenforscher der NSDAP einfach und schlicht, wo auch immer jemals in der Welt eine Kulturtat vollbracht worden sei, sei sie von einem Angehörigen der germanisch-nordischen Rasse geleistet worden. Ganz gleichgültig, ob es sich um Ägypter, Chinesen, Israeliten oder Römer handelt. Mittels dieses Zauberrezeptes ist es möglich, Kon-fu-tse und Michelangelo, Christus und Buddha, Zoroaster und Hammurabbi glattweg für Angehörige der nordischen Rasse zu erklären. Beweise findet man für alles, wenn man sie nur ernsthaft sucht.

Das sind keine böswilligen Übertreibungen, sondern Theorien, die sich zu Dutzenden in der nationalsozialistischen Literatur finden. Bei Hitler sieht diese kindliche Kulturbiologie so aus, daß er fröhlich behauptet, es gäbe nur eine einzige Kunst, und das sei die »griechisch-nordische«. Gotik und Pyramiden, chinesische Seidenmalereien und die Plastiken des Praxiteles, Rembrandt und das Grabmal der Mumtaz i Mahal – alles ist aus einem Punkte zu kurieren, alles dies sind Ausdrucksformen der »griechisch-nordischen Kunst«, ihre Schöpfer sind Angehörige der nordischen Rasse. Beweise? Über dem chinesischen Volk thronte eine dünne Herrscherschicht, die Mandschus, und als diese verschwanden, war es mit der chinesischen Kunst vorbei. Warum soll man nicht annehmen, daß die Mandschus der nordischen Rasse angehörten? In Galiläa gab es einen Volksstamm, der rötliche Haare hatte, warum soll man nicht annehmen, daß Christus auch rote Haare gehabt hat und demgemäß nordischer Rasse gewesen ist?

Ja, warum auch nicht?

Die katholische Kirche verlangt von ihren Gläubigen die Anerkennung der unbefleckten Empfängnis Marias und der jungfräulichen Geburt Christi. Der Protestantismus fordert den Glauben an die Möglichkeit, daß drei Personen in Wirklichkeit eine einzige seien. Warum auch nicht? Credo quia absurdum ...

Die Versuche, religiöse Offenbarungen zu rationalisieren, sind so alt wie die Religionen selbst. Ihr Ziel geht dahin, den Kausalzusammenhang umzukehren und wissenschaftliche Denkergebnisse zu nennen, was mystische Sehnsüchte sind.

Triumph der Negation

Günther hat ein System der Rassentypisierung geschaffen, das, wenn nicht einwandfrei, zum mindesten diskutabel und vertretbar erscheint. Dann aber fuhr der Geist in ihn und die Negation feierte ihre Triumphe: gerade weil der Rassenmischmasch des deutschen Volkes so eklatant ist, gerade weil die Entwicklung über die nordischen Bestandteile des Volkes hinweggegangen ist, gerade weil es eine deutsche Kultur in der Abstraktion nicht gibt, gerade darum muß das Nichteklatante, das Mystische, das Gegenteil zum Sinn des Seins gemacht werden. Darum wird aus der Rassenanatomie die Rassenphilosophie, und darum ist es unmöglich, irgend welche klimatischen und ökonomischen Einflüsse auf die Bildung der Rasse gelten zu lassen. Der Heilige Geist verträgt keine Materialisierungen, und so ist auch hier die Flucht in die Hinterwelt, in die Metaphysik vollzogen, die in anderem Zusammenhang schon immer wieder festzustellen war ...

Das Gesetz von Ursache und Wirkung kann nicht einfach mit einem Gedankenbläschen vernichtet werden. Und darum gebärden sich diese Mystiker, diese Träumer, die mit hungrigem Ohr dem Pulsschlag der majestätischen und unverständlichen Weltgeschichte lauschen, wie die Wahnsinnigen vor lauter Kausalität.

Mysterium der Kausalität

Gott ist gut, aber die Welt ist schlecht. Also ist die Existenz eines Satans gegeben, der das Unkraut unter den Weizen sät. Die germanische Rasse ist stark und gut, aber sie wird unterdrückt und droht vernichtet zu werden. Darum ist die Existenz des bösen Prinzips im Rassischen gegeben, und sein Name ist Jude. Kein mittelalterliches Christengemüt kann inbrünstiger an die Existenz des Teufels mit Hörnern, Schwanz und Ziegenfuß glauben als die Nationalsozialisten an die dämonische Gewalt des Juden. Sechsmalhunderttausend Juden sind in Deutschland imstande, ein Sechzigmillionenvolk kraft der Virulenz ihres Spermas zu verseuchen und dem rassischen Tode zu überliefern.

Wo bleibt das Prinzip der Erbauslese? Wo die Lehre der Nationalsozialisten, das Minderwertige, Schwache müsse vernichtet werden, um dem Starken Platz zu machen? Ist nicht der Jude, der solche gewaltigen Dinge vollbringen kann, tausendmal stärker als der Germane, der im Laboratorium, in Brutkasten und Lichtbad der Menschenzüchtung vor seinem entsetzlichen Untergang bewahrt werden muß?

Sinnlosigkeit und Widerspruch gelten hier noch weniger als im Wirtschaftsprogramm der NSDAP. Und für alle Zweifelsfälle hat man die »Geheimnisse der Weisen von Zion«, das läppischste und idiotischste Pamphlet der Weltgeschichte, die Judenbibel für rettungslose Imbezile. In diesem Buch sind angeblich authentische Axiome der führenden Juden der Welt zusammengestellt, aus denen der Welteroberungsplan Judas hervorgeht. Alles, was jemals ein krankes Nationalsozialistenhirn über das Walten der jüdischen Weltpest zusammengedacht hat, wird hier der staunenden Welt als urkundlicher Beweis angedreht. Ein Fälscherstück gigantischer Unverfrorenheit. Daß dieses Machwerk – Alfred Rosenberg, der Außenpolitiker der NSDAP deckt es! – nicht längst als einzigartiges Kulturkuriosum in einem Museum ausgestellt ist, sondern ganz unmittelbar zur Ermordung Walther Rathenaus beigetragen hat, beweist, wie wenig es hier auf Sinn und Begründung ankommt. Der Glaube an die Auserwähltheit der germanischen Rasse ist ein sozialpathologisches Phänomen, dessen Urgrund in der wachsenden Beziehungslosigkeit des deutschen Idealismus zu den Dingen der Zeit zu suchen ist.

Herrenmenschen

Der primitive, fatalistische Glaube an die Wirksamkeit der Rasse, gegen den Calvins Prädestinationslehre noch schwächlich zu nennen ist, ist der Punkt, zu dem das nationalsozialistische Denken immer wieder zurückkehrt. Es gibt kein Gebiet, das sie nicht aus diesem Glauben heraus betrachten. Hier wird die sozialistische Fiktion bedenkenlos aufgegeben, hier enthüllt sich die NSDAP als die Vorkämpferin der Klassenherrschaft. An diesem religiösen Grundprinzip zerbrechen alle Berechnungen und alle Rücksichten auf die Agitation.

»Die Masse der Arbeiter will nichts anderes als Brot und Spiele. Sie hat kein Verständnis für irgend welche Ideale, und wir werden nie damit rechnen können, die Arbeiter in erheblichem Maße zu gewinnen. Wir wollen eine Auswahl der neuen Herrenschicht, die nicht ... von irgend einer Mitleidsmoral getrieben wird, sondern die sich darüber klar ist, daß sie auf Grund ihrer besseren Rasse das Recht hat zu herrschen, und die diese Herrschaft über die breite Masse rücksichtslos aufrecht erhält und sichert.« Der so spricht, heißt Adolf Hitler, und diese seine Worte stempeln den Mann zu einem Menschen, der bewußt und gewollt die Unwahrheit sagt, wenn er sich mit der lügenhaften Gloriole eines Volkstribunen umgibt, der für die Befreiung der Arbeiterklasse kämpft.

»Seid untertan der Obrigkeit«

Freilich: man darf Hitlers Worte nicht überwerten. Er weiß oft nicht, was er sagt, und die Hälfte aller nationalsozialistischen programmatischen Erklärungen wäre überflüssig, verstände Herr Hitler, im rechten Augenblick den Mund zu halten. Aber das kann er nun einmal nicht. Daß es sich bei dieser erstaunlichen These, die die Existenz einer herrschenden Klasse aus rassischen Gründen zu verewigen sucht, aber nicht um eine Entgleisung handelt, sondern um das Eigentliche und Wesentliche, was die NSDAP zu sagen hat, dafür gibt es Hunderte von Beweisen.

Wir verdanken dem Revolutionär Hitler auch die folgende bemerkenswerte Feststellung: »Es gibt keine wirtschaftliche, keine politische, keine gesellschaftliche Revolution, sondern es gibt immer nur den Kampf der niederrassischen Unterschicht gegen die höhere herrschende Rasse.«

Und wer herrscht in Deutschland? Die jüdische Weltpest oder die »höhere Rasse«? Man wird von Hitler vergebens eine Antwort auf diese Frage erwarten. Sie ist überflüssig: die NSDAP erkennt an, daß die Spaltung eines Volkes in eine herrschende und eine unterdrückte Klasse der gegebene Zustand ist, aus dem es keine Erlösung geben darf. Jede Revolution ist der Versuch der minderwertigen Rasse, sich dieser Bedrückung zu entledigen. Jede Revolution ist ein Verbrechen gegen die sittliche Weltordnung, die der höheren Rasse das moralische Recht gibt, die minderwertige zu unterdrücken und auszubeuten.

Man kann den ungekrönten Herrschern Deutschlands mancherlei Vorwürfe machen. Aber daß die Herren der deutschen Volkspartei und der I.G. Farben Juden seien, hat auch Hitler niemals zu behaupten gewagt.

Naturwissenschaftlicher Kapitalismus

Der Glaube an die deutsche Sendung hat nicht genügt, der herrschenden Klasse im Zeitalter des Trustkapitalismus ihr ideologisches Staatsgewand zu schneidern. Die Rassentheorie der NSDAP ist die ethische, naturwissenschaftlich umlogene Rechtfertigung des kapitalistischen Systems.

Diese Tatsache kann nicht erkannt werden von denjenigen, die die krankhaften und krampfigen Zuckungen des nationalsozialistischen Intellekts von der Ebene idealistischer Werte aus betrachten und untersuchen. Man kann die Rassentheorie der NSDAP nicht mit einem Lächeln abtun, um dann auf anderen Schleichwegen zur ethischen Fundamentierung des kapitalistischen Systems zu gelangen. Es ist bezeichnend, daß in allen Auseinandersetzungen mit dem Nationalsozialismus die Kritik an dessen Rassentheorie genau an dem Punkt abbricht, wo sie beginnt wesentlich zu werden. Daß man in der Agitation einer politischen Partei keine wissenschaftlichen Großtaten suchen darf, weiß man von vornherein. Auch der kulturelle Exponent der deutschen Demokraten, der Universitätsprofessor Willy Hellpach, verheddert sich in der Terminologie des politischen Tageskampfes, wenn er sein Katheder mit der Rednertribüne vertauscht. Warum also die sittliche Entrüstung, wenn die NSDAP unwissenschaftlich wird?

Man muß an die Stelle spezialwissenschaftlicher Zänkereien die Untersuchung der praktischen Auswirkungen des blinden Rassenglaubens setzen, um zu erkennen, daß es sich hier nur um eine ideologische Abzweigung auf dem Wege zum deutschen Fascismus handelt. Der Imperialismus der NSDAP ist – rassenbiologisch untermauert – nur die Ausdrucksform, in der sich der deutsche Fascismus außenpolitisch äußert.

Alfred Rosenberg macht Weltpolitik

Es ist kein Zufall, daß der Außenpolitiker der Partei, Alfred Rosenberg, Balte ist. Angehöriger einer rechtens depossedierten Ausbeuterklasse, die die stumpfe Arroganz ihres Herrentums und die geifernde Leidenschaftlichkeit ihrer Rachegelüste den westeuropäischen Staaten als das Nonplusultra politischer Weisheit präsentiert.

Es soll hier nicht davon gesprochen werden, daß es im Leben dieses erleuchteten Politikers Epochen gibt, die seine Freunde mit dem Mantel christlicher Nächstenliebe zudecken. Daß Rosenberg während des Weltkrieges friedlich im vernegerten Paris gesessen hat, daß es ihm, dem russischen Staatsangehörigen, überraschend schnell gelungen ist, in München die deutsche Staatsangehörigkeit zu erwerben, daß er nach dem mißglückten Hitler-Putsch der erste war, der sich über die Grenze in Sicherheit gebracht hat – man braucht nicht dunkle Gerüchte zu kolportieren, um diesen Mann zu kennzeichnen.

Rosenberg ist Balte, darum ist er Antisemit. Das bedeutet bei ihm einen persönlich begründeten, blutdürstigen und pathologischen Judenhaß und eine blindwütige Marxistenfresserei. Der Mann selbst ist unwichtig. Wichtig ist, daß seine Privatgefühle so begeistert von der NSDAP aufgegriffen worden sind, daß seine delirierenden Phantasien (»Auf jeder Telegraphenstange von München bis Berlin wird das Haupt eines prominenten Juden aufgespießt!«) unbedingte Autorität in der Partei genießen.

Die Front gegen den Osten

Das außenpolitische Programm der NSDAP arbeitet zunächst mit rassenmäßigen Beweisführungen. England ist der natürliche Bundesgenosse Deutschlands, weil Blut dicker ist als Wasser. Deutschland muß, um mit England in ein Bündnis zu kommen, die Fehler seiner Vorkriegspolitik bereinigen. Es muß darauf verzichten, dem englischen Handel Konkurrenz zu machen, und muß seine Aufgabe lediglich in der Erreichung kontinentaler Ziele erblicken. Die NSDAP verzichtet ausdrücklich auf Gebietserwerb nach Westen und auf Erweiterung der deutschen Interessensphäre nach Westeuropa. Dafür muß England Deutschland im Osten freie Hand geben, um mit dem Bolschewismus aufzuräumen, die Randstaaten zu zerschlagen und das gesamte Osteuropa als Siedlungsgebiet für den deutschen Bevölkerungsüberschuß zu verwenden.

Die Einflußnahme Englands auf dem Kontinent muß nun immer mit den französischen Bestrebungen nach der Hegemonie in Europa kollidieren: »Das letzte Ziel französischer Diplomatie wird ewig im Gegensatz stehen zur letzten Tendenz der britischen Staatskunst.« Die NSDAP rechnet daher damit, daß England die Hände in den Schoß legen wird, wenn Deutschland einmal zu der unumgänglich notwendigen Abrechnung mit Frankreich schreitet. Diese Abrechnung ist vor allen Dingen deswegen notwendig, weil Frankreich bekanntlich ein Volk ist, das immer mehr der »Vernegerung« anheimfällt und daher für den Bestand der weißen Rasse in Europa eine ständige Gefahr bildet. Man kann den Anspruch, daß jede bessere Nation das verbriefte und versiegelte Anrecht auf einen erstklassigen Erbfeind habe, auch so begründen ...

Gegeben sind nun auf der einen Seite die Freundschaft mit England, auf der anderen die Erbfeindschaft mit Frankreich. In Italien herrscht der Fascismus, und außerdem ist Italien nicht gut auf Frankreich zu sprechen. Beide Tatsachen sind zwingende Gründe dafür, daß die NSDAP in Italien den natürlichen zweiten Bundesgenossen für das Dritte Reich sieht. Freilich besteht zwischen Deutschland und Italien grimmige Feindschaft wegen der brutalen und widerwärtigen Unterdrückung der deutschen Südtiroler.

Es gibt kein deutsches Südtirol

Das ist natürlich schwierig, zumal die NSDAP früher in ihrem Urprogramm gelehrt hat, sie verzichte gutwillig auf keinen einzigen Deutschen in den geraubten Gebieten. Sie tut es auch heute noch nicht, aber von Südtirol darf um der Freundschaft des großen Duce willen jetzt nicht mehr gesprochen werden. Mit einer Schamlosigkeit, die ihresgleichen sucht, hat die NSDAP, die Vorkämpferin der nationalen Befreiung, die Deutschen Südtirols ihrem Schicksal überlassen. Die Leiden der gefolterten und verschleppten Tiroler, die Verzweiflungsschreie, die über die Alpen gellten, die maßlose Empörung aller anständigen Menschen über die mittelalterlichen Drangsalierungen, die Mussolini gegen deutsche Volksgenossen in Südtirol anwendet – die NSDAP geht das alles nichts mehr an: sie hat ihren Frieden mit Italien gemacht und der kleine Hitler leckt dem großen Mussolini den Stiefel, an dem das Blut getretener Südtiroler klebt.

Hitler als Franzosenfreund

Dabei gehaben sich die nationalsozialistischen Politiker, als seien sie wunder wie klug, wenn sie sich zu Kompromissen bereit finden lassen. Die Freundschaft des Dritten Reichs mit dem fascistischen Italien beruht aber auf einer doppelten Fiktion, und Mussolini hat bisher noch niemals zu erkennen gegeben, daß ihm an dieser Freundschaft auch nur das geringste gelegen ist. Die Kompromisse sind durchaus einseitig. Man verkennt bei den Nationalsozialisten, daß im selben Augenblick, wo ganz Europa vom Fascismus infiziert ist, das alte Spiel der nationalistischen Konflikte wieder von vorn beginnen kann. Daß das im Fascismus organisierte italienische und im Nationalsozialismus geformte deutsche Kapital durch die Gemeinsamkeiten ihrer äußeren Erscheinung nicht ein einziges jener Probleme aus dem Wege räumen können, die 1915 zum Eintritt Italiens in den Weltkrieg geführt haben. Die zweite Fiktion ist die Annahme, Italien und Frankreich würden ewig in jener Erbfeindschaft leben, die die NSDAP zwischen Frankreich und Deutschland konstituiert. Seit Grandi und Mussolini im Frühjahr 1931 mehr und mehr einen friedlichen Ausgleich mit Frankreich suchten, fällt auch diese Stütze fort. Und prompt reagiert Herr Hitler auf diesen neuerlichen Fußtritt damit, daß er die Rundfrage des französischen Nationalisten Gustave Hervé mit der Versicherung beantwortet, es gäbe in Deutschland »wohl keinen«, der nicht in Frieden mit Frankreich zu leben wünsche!

Was danach von der nationalsozialistischen Außenpolitik übrig bleibt, ist die Tatsache, daß der englische Ölimperialismus sich die Dienste der deutschen Nationalisten bei dem kommenden Interventionskrieg gegen die Sowjet-Union gefallen läßt, ohne seinerseits den künftigen Erfolg dieser Dienstleistungen heute schon in irgend einer Form zu eskomptieren ...

Viel Lärm um nichts – der Antisemitismus des Kaiserreichs versandete in der Interessenvertretung des gewerblichen Mittelstands. Und der nationalsozialistischen Rassenweisheit letzter Schluß ist die Eingliederung Deutschlands in die Weltfront des Trustkapitals gegen Sowjet-Rußland und die Revolution des Proletariats.

Was wird's mit den jüdischen Lords

Wie geringfügig im Grunde die gewaltigen Prätensionen dieses Rassenprogramms sind, geht daraus hervor, daß sich die Nationalsozialisten durchaus darüber klar sind, daß in England und in Italien »der Jude« viel, viel mehr die Politik des Landes beherrscht als in Deutschland. Alfred Rosenberg hat, bevor er das Bündnis mit England als Naturnotwendigkeit erkannt hatte, den Lord Rothermere als Judenstämmling entlarvt. Heute laßt man den Lord sich gerne als Protektor gefallen. Namhafte englische Politiker sind Juden, jüdische Industrielle werden in England mit einer seltenen Schmerzlosigkeit nobilitiert und gelten als vollberechtigte Mitglieder der society ... Alles, was der Nationalsozialismus dieser rassischen Verseuchung seines arischen Bundesgenossen entgegenzusetzen hat, ist die schüchterne Frage Rosenbergs, ob sich die offizielle Politik des Empire nicht vielleicht »etwas mehr« von dem Einfluß der jüdischen City freimachen könne. Und im Grunde seines Herzens weiß dieser monomanische Antisemit genau, daß die englische Regierung das niemals tun kann, weil sie keine jüdische City kennt, sondern nur englische Kaufleute.

Ebenso wissen die nationalsozialistischen Führer, daß der große Duce in seiner näheren Umgebung eine ganze Reihe von Juden duldet, daß jüdische Bankiers und Großindustrielle seine wirtschaftlichen Ratgeber sind und daß in der Leitung der fascistischen Partei zahlreiche Juden sitzen ...

Sind das alles Zufälligkeiten? Nimmt man gegen diese offenbare Verjudung tatsächlich nur aus realpolitischen Erwägungen heraus keine Stellung?

Diese realpolitischen Erwägungen sind der eigentliche Sinn der NSDAP, sie sind keine Abweichungen von dem vorgezeichneten Weg zum Fascismus. Sie sind die Norm.


 << zurück weiter >>