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Auf dem Wege zum fascistischen Deutschland

Am 14. September 1930 erwachte die deutsche Republik und erkannte ihre Stunde: zu laut dröhnten die Telegraphendrähte die Schreckensbotschaft Wahlsieg der Nationalsozialisten wider, allzu laut gellte das Triumphgeschrei der sechseinhalb Millionen, die sich durch ihre Stimmabgabe zum »Dritten Reich« Adolf Hitlers bekannt hatten. Das Ende der Demokratie! Taumel der Ratlosigkeit, Weltuntergangsstimmung über der deutschen Republik! Leidenschaftliche und verzweifelte Diskussionen überall, die in die quälende Frage mündeten: »Kommt das Dritte Reich? Kommt die Diktatur?«

Das Erwachen hat nicht lange gedauert. Die Notverordnungen der Regierung Brüning vom 1. Dezember 1930 und vom 28. März 1931 haben das Budgetrecht des Reichstags faktisch aufgehoben. Sie haben weiter aufgehoben das Recht der freien Meinungsäußerung, die Unverletzbarkeit des Post-, Brief- und Telephongeheimnisses, die Versammlungs- und die Vereinsfreiheit. Was ist geblieben von den Grundrechten der Deutschen, die in der Weimarer Verfassung verankert sind oder sein sollten?

Wenig oder nichts. Aber noch immer nicht ist die Frage nach der Diktatur verstummt, noch immer nicht das große Rätselraten um den Nationalsozialismus, jener phantastischen Erscheinung, die im Herbst des Jahres 1930 über der deutschen Republik aufging wie ein Fanal der Apokalypse. Wie kann das kommen? Wie kann im Chok einer jähen Erkenntnis der deutsche Republikaner vergessen, daß die Diktatur längst kein fernes Zukunftsproblem mehr ist, sondern platteste, alltäglichste Wirklichkeit?

Was ist Diktatur?

Am Tage nach der Erklärung der 25 Diktaturgesetze der Regierung Brüning faßte ein großes Blatt der republikanischen Presse deren Inhalt in die rhetorische Frage zusammen: »Ist dies die Diktatur?« Und kam zu dem Ergebnis, sie sei es nicht, es handle sich hier lediglich um eine »Verlagerung der Macht vom Reichstag zum Reichspräsidenten«.

Ist dies die Diktatur? Die Frage konnte gestellt werden, als selbst nicht mehr eine schwache Fiktion demokratischer Rechte aufrechterhalten wurde. Und diese erstaunliche Einsichtslosigkeit, dies krampfhafte Nicht-sehen-wollen, wohin zwölf Jahre geschichtlicher Entwicklung die deutsche Republik geführt haben, macht es erklärlich, daß heute immer noch der Nationalsozialismus eine Erscheinung ist, an der sich Diskussionen und Theorien, Sehnsüchte und Verzweiflungen entzünden.

Die legale Diktatur in der deutschen Republik – kann ihre Entstehung und ihr Dasein begriffen werden lediglich aus den Verhältnissen Deutschlands? Fünftausend erschlagene Bauern und Arbeiter verfaulten an dem Weg, auf dem Mussolini seine Schwarzhemden nach Rom führte. Die Wände der Kerker von Brest-Litowsk triefen von dem Blut gefolterter Demokraten, das die Militärdiktatur Pilsudskis zusammenleimt. Die Gewalttaten der Lappo-Leute in Finnland, Bulgariens Blutstrom, Galgen in Rumänien, die Knute einer feudalistischen Clique in Ungarn, die lärmenden Proklamationen von Herbert Mosleys »New Party« im Londoner Hyde-Park – erkennt man den Weg, den Adolf Hitler geht? Glaubt man, den Nationalsozialismus erklären und verstehen zu können aus der Ideologie einiger weniger Männer? Bestenfalls nur aus der Geschichte der deutschen Republik?

Nationalsozialismus und Fascismus

Freilich: man kann mit erhobenem Zeigefinger und geistreichen Glossen die unlösbaren Widersprüche im nationalsozialistischen Programm nachweisen. Es mag für feuilletonistisch infizierte Chronisten von hohem Reiz sein, im sturen Dogmatismus und der fanatischen Ausschließlichkeit der NSDAP das Wirken einer neuen, jungen Religion erkennbar zu finden. Man kann sich damit zufrieden geben, den gigantischen Erfolg des Nationalsozialismus als Produkt einer Massensuggestion, als einen Massenwahnsinn anzusehen. Was ist damit geholfen? Auch der Chauvinismus der Augusttage 1914 war ein Massenwahnsinn, und doch hat diese kleine Anomalie im Gefühlsleben der Völker der Welt zehn Millionen Tote und Verstümmelte gekostet. So wird man nicht zur Klarheit über Weg und Ziel des Nationalsozialismus kommen. Diese falsch gewählten Gesichtswinkel ergeben keine Blickmöglichkeiten für die historische Wahrheit.

Der Nationalsozialismus ist eine der politischen Ausdrucksformen, unter der sich in Deutschland das Streben nach einem fascistischen Staats- und Wirtschaftssystem äußert, das als vorläufiges Endziel eine Epoche kapitalistischer Entwicklung abschließen soll ...

Eine Stunde welthistorischer Bedeutung ist über den Staaten Westeuropas aufgegangen. Die Flammenzeichen des Fascismus beleuchten die heroische Szenerie eines Entscheidungskampfs unerhörtester Ausmaße. Überall Krampf, Erschöpfung, Erschütterungen und gequälter Optimismus. Fünfzehn Millionen Arbeitslose in Europa. Fünf Sechstel der bewohnten Erde in den Mahlstrom einer wirtschaftlichen Katastrophe hineingerissen, wie man sie niemals für möglich gehalten hat. Hier bricht durch das Gewirr politischer Entrechtung und wirtschaftlicher Ausbeutung sich die Erkenntnis Bahn von der Sinnlosigkeit und Ausweglosigkeit des kapitalistischen Systems. Dort klammert man sich mit allen Kräften an die Gegenwart, an das Bestehende, um den Anbruch der Zukunft zu verhindern, und umlügt die Entscheidung mit der Terminologie der Leitartikel, indem man sagt: »Krise des Parlamentarismus.«

Krisis der Katastrophe?

Aber jede Staatsform ist ja nichts als der logische Ausdruck bestimmter ökonomischer Verhältnisse. Man kann keine politische Erscheinung untersuchen, ohne den ökonomischen Grund zu erkennen, auf dem sie sich erhebt. Grund und Anlaß der Krise der westlichen Demokratien ist die Weltkrise des Kapitalismus, die heute niemand mehr ableugnen kann.

Man kommt dem Fascismus nicht mit staatsrechtlichen Theorien nahe. Jeder Versuch, ihn lediglich nach seinen ideologischen Ausstrahlungen zu analysieren, bleibt sinnlos und muß es bleiben, solange man den Staat als die Verwirklichung einer sittlichen Idee ansieht.

Der Hochkapitalismus machte in seinem Anfangsstadium die Staatsform der Monarchie sinnlos. Sie fiel. In einem Land früher, im anderen später. Die dem Konkurrenzkapitalismus gemäßeste Staatsform blieb die demokratische Republik. Die Entwicklung des Konkurrenz- zum Trustkapitalismus hatte zur Folge die Entpersönlichung des Unternehmertums, die Herausbildung eines kollektiven Kapitalismus, der notwendigerweise nach einem veränderten politischen Ausdruck verlangte. Aber der Staat wird ja nicht mehr als die Verwirklichung einer sittlichen Idee gewertet, sondern mehr und mehr als das erkannt, was er ist: ein Instrument des Klassenkampfes, von der herrschenden Klasse zur Ausbeutung der unterdrückten Klasse geschaffen und benützt. In der Epoche des Konkurrenzkapitalismus erwies sich die demokratische Republik als diejenige Form, die die zweckmäßigste Anwendung dieses Klassenkampfinstruments gewährleistete. Der Übergang zum Trustkapitalismus mußte notwendig seinen Ausdruck in einer veränderten Staatsform finden. Und das ist der Fascismus, in dem wir die dem Trustkapitalismus gemäßeste Staatsform erkennen.

Die Staatsform des Trustkapitalismus

Die Wege, die zum fascistischen Staats- und Wirtschaftssystem führen, sind in den einzelnen Ländern auf Grund besonderer nationaler Bedingtheiten verschieden. Der ideologische Überbau der einzelnen fascistischen Bewegungen ist ebenso kompliziert, wie ihr Ziel einfach ist und feststeht. Und gerade die ungeheure ideologische Mehrdeutigkeit des Fascismus macht sein Verständnis schwierig und hat es in Deutschland ermöglicht, daß der NSDAP im einzelnen nicht unerhebliche Einbrüche in die proletarische Front gelungen sind. Die neuartige Situation und das neuartige Ziel bedingen die Anwendung neuer, in ihrer Wirkung schwer zu übersehender Mittel. Man kommt in der Epoche der Entscheidung nicht mehr aus mit jenen dialektischen Methoden, die in der Kirchhofsruhe des gemäßigten Fortschritts, unter der Herrschaft des manchesterlichen Liberalismus ihren Zweck vollauf erfüllten. Man sucht fieberhaft nach Auswegen, nach Möglichkeiten, die die harte, unabweisbare Antithese illusorisch machen sollen, den unerbittlichen Zwang jener einzigartigen Alternative: Fascismus oder proletarische Revolution.

Trotz allen ideologischen Differenzen sind dem internationalen Fascismus aber zahlreiche Wesenszüge gemeinsam, die unmittelbar in der Weltwirtschaftskrise begründet sind. Die vielleicht wichtigste Gemeinsamkeit ist die Mobilisierung des Kleinbürgertums, die dem Fascismus durch die ökonomischen Katastrophen wesentlich erleichtert wird, die in den letzten Jahren fortgesetzt über diese Gesellschaftsklasse hereingebrochen sind.

Revolution des Kleinbürgertums

Es hat sich im Laufe der Weltgeschichte erwiesen, daß das Kleinbürgertum – als eine wenig scharf umrissene Schicht, die zwischen den Interessen zweier Klassen allmählich zerrieben wird – unfähig ist, eigene revolutionäre Energien zur Befreiung seiner Klasse herauszubilden. Jeder Versuch einer Revolutionierung des Kleinbürgertums in bewußtem Gegensatz zur revolutionären Aktion des Proletariats muß zwangsläufig dazu führen, daß die Revolutionierung des Kleinbürgertums bei der Vertretung der Interessen der herrschenden Klasse endet.

Die »Geschichte des Nationalsozialismus«, die hier gegeben werden soll, brauchte nicht geschrieben zu werden, wäre die Einsicht in die Bedeutung ökonomischer Zusammenhänge bereits soweit Allgemeingut, daß man in der Aufzeigung der klassenmäßigen Bedingtheiten eines politischen Vorgangs nicht mehr eine Vergewaltigung der historischen Wahrheit erblickte. Wenn wir den Nationalsozialismus zu erkennen suchen als den Prozeß der Revolutionierung des Kleinbürgertums mit dem Ziel des Fascismus, so bedarf dieser Standpunkt auch heute noch eingehender Begründung.

Man kann eine solche Bewegung nicht herauslösen aus der Umwelt, in der und durch die sie erwachsen ist. Die Machtstellung der NSDAP ist die Quittung, die die deutsche Republik für zwölf Jahre unentschlossener und ideenarmer Politik erhält. Am Anfang stehen die ökonomischen Katastrophen, die das deutsche Kleinbürgertum während dieser Jahre erleiden mußte: das Schicksal der nationalsozialistischen Bewegung ist nur der Seismograph, der diese Erschütterungen registriert. Wir müssen daher auf die Geschichte der deutschen Republik soweit eingehen, wie sie in einem unmittelbar kausalen Zusammenhang mit der Geschichte der NSDAP steht.

Die Wurzeln des Nationalsozialismus

Aber noch etwas anderes ist nötig: der Nationalsozialismus ist nicht von heute und gestern. Seine Wurzeln reichen viel weiter zurück als es Adolf Hitler wahrhaben will, der sich als den »Schöpfer« des Nationalsozialismus im eigentlichen Sinne ansieht. Wir werden sehen, daß die wichtigsten Wesensmerkmale des Nationalsozialismus sich bereits seit Jahrzehnten im deutschen Kleinbürgertum angedeutet haben. Zur Entstehungsgeschichte dieser »Arbeiterpartei« gehören ebenso der Antisemitismus im Kaiserreich und die Entwicklung des deutschen Nationalgefühls wie die Anfänge der deutschen Konterrevolution, die bereits im Jahre 1919 eingesetzt hat.

Personen sind nur Symptome: es ist im Sinne unserer Betrachtungsweise gleichgültig, wieweit Hitler und Feder etwa an die Möglichkeit einer Verwirklichung ihres Programms glauben oder je geglaubt haben. Ob sie idealistische Toren sind mit reinen Herzen und Händen oder betrogene Betrüger. Man sieht ihre Herkunft und man kennt aus ihren Reden und Taten ihr Ziel: der durch bestimmte nationale Eigentümlichkeiten variierte Fascismus.

Diese Dinge liegen offen vor aller Augen, vor den Augen jener, die guten Willens sind, zu sehen. Aber viele sind, die nicht sehen wollen. Und darin liegt die Macht des Nationalsozialismus in Deutschland: der ängstliche Glaube an die Möglichkeit einer »Volksgemeinschaft«, die jedem Staatsbürger Platz zum Leben läßt, die Flucht vor den harten Realitäten des Daseins in die Mystik, in die Verstiegenheiten einer Utopie. Der Fascismus an sich und die furchtbare Existenz eines fascistischen Italien sind lange kein Schreckmittel mehr.

Italien, die Erfüllung des Dritten Reiches

In Italien gibt es keine Arbeiterfrage, das Finanzkapital erfreut sich liebevollster Fürsorge der Regierung, und es liegt ein tiefer Sinn darin, daß man an dem deutschen Kleinbürger seine romantische Bewunderung für den Duce läßt, dessen heiserer Baß fast in jeder Tonfilmwoche zu hören ist. Die deutsche Presse gebärdet sich seit dem 14. September 1930 eminent realpolitisch, und im realpolitischen Deutschland will man nichts davon wissen, daß der Marsch nach Rom, der Italien angeblich vor dem Chaos gerettet hat, zu einer Zeit geschah, als sich der italienische Staatshaushalt bereits wieder in allerbester Ordnung befand. Noch weniger kann oder will man erkennen, daß der Fascismus in Italien auch nicht das kleinste aller jener Probleme gelöst hat, vor die heute jeder kapitalistisch organisierte Staat gestellt ist, und deren Überwindung nur durch die Umgestaltung des wirtschaftlichen Systems erfolgen kann.

Vor der Entscheidung

Über der Weltwirtschaftskrise, der Krise des Parlamentarismus und dem Prozeß der Fascisierung Europas steht jene fundamentale Prognose, die Friedrich Engels der kapitalistischen Welt gestellt hat: »Wir nähern uns jetzt mit raschen Schritten einer Entwicklungsstufe der Produktion, auf der das Dasein dieser Klassen nicht nur aufgehört hat, eine Notwendigkeit zu sein, sondern ein positives Hindernis der Produktion wird. Sie werden fallen, ebenso unvermeidlich, wie sie früher entstanden sind. Mit ihnen fällt unvermeidlich der Staat.«

Er ist noch nicht gefallen. Die letztmöglichen Kräfte, die diesem System noch innewohnen, werden zusammengerafft und auf ein gemeinsames Ziel gelenkt. Aber es geht nicht mehr um die Frage, wie ein Volk regiert werden soll. Es geht um die Entscheidung, ob es überhaupt noch regiert werden muß, ob es nicht frei und reif genug geworden ist, die Produktion durch freie Gemeinschaft aller Produzierenden frei und von Grund auf neu zu gestalten.

Das ist die tragische Kulisse, vor der sich in Deutschland jener letzte gewaltige Versuch einer Revolutionierung des Kleinbürgertums vollzieht; der Hintergrund, vor dem die Hitler und Feder die pathetischen Heldenrollen spielen, die die stumpfe Daseinsangst der Bürger sie spielen heißt. Das Kleinbürgertum versucht noch einmal, auf eigene Art einen Ausweg aus der Verzweiflung und der Katastrophe zu finden. Millionen folgen blind der roten Fahne mit dem schwarzen Hakenkreuz und glauben wild, sie werde ihnen den Weg weisen, der zur Befreiung führt.

Führt er wirklich dahin?

Elf Jahre Geschichte des Nationalsozialismus geben die Möglichkeit, diese Frage zu entscheiden.

Dieses Buch soll Antwort auf sie geben.


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