Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Der Brief, der nicht geöffnet wurde

1

Frau Ellinor Weber, die Gattin des bekannten Architekten Rudolf Weber, und Hermann Walter, Direktor einer großen industriellen Gesellschaft, hatten seit einigen Monaten ein Liebesverhältnis miteinander.

Ein reiner Zufall hatte sie zusammengeführt. Und wählend es für ihn, den erfahrenen Lebemann, nur ein kleines Erlebnis unter vielen anderen war, wurde es für sie das große entscheidende Ereignis.

Sie war nämlich bis dahin ihrem Mann treu gewesen. Und obgleich sie in einem Kreis gelebt hatte, wo die jungen Frauen nicht allzu peinlich monogam waren, obgleich sie ohne Entrüstung das Bekenntnis verschiedener ihrer Umgangsfreundinnen entgegengenommen, ja, ihnen sogar hin und wieder geholfen hatte, kleine Lügengeschichten zu arrangieren, um ein Stelldichein zu verdecken – hatte sie selbst dieser Art Leichtfertigkeit stets völlig ferngestanden.

Und im Grunde ihres Herzens verachtete sie die anderen. Sie ließ sich ihr Vertrauen schenken; sie hörte ihnen mit einer fernen und kühl lächelnden Nachsicht zu und half ihnen, ohne den Versuch, zu moralisieren. In ihrem Kreise nannte man sie Beichtmutter. Sie besaß die stille Fähigkeit, Zutrauen abzuzwingen – sie wirkte mit ihren abstandnehmenden, kalten Augen und ihrer verschleierten, ruhigen Stimme anziehend, während man sie gleichzeitig eigentlich nicht leiden konnte.

Oft sprach man untereinander darüber, wie Ellinor wohl in Wirklichkeit sei. War sie so kaltblütig und abgeklärt, wie sie schien? Und wie war das Verhältnis zwischen ihr und ihrem Mann?

Daß er kein Tugendbold war, davon hatten mehrere der Damen handgreifliche Beweise. Aber auch er war nicht leicht zu fangen. Er konnte an einem lustigen Abend in verborgenen Ecken ausgelassen und kühn sein. Er konnte auch, ganz offenkundig, selbst wenn seine Frau es sah, mit einer jungen Dame leichtfertig sein. Im nächsten Augenblick aber war er wieder glatt und korrekt. Entglitt. Zog sich in seinen gut »gebauten« Frack wie in ein Gefieder von bürgerlicher Korrektheit zurück. Dann war es, als ob er und sie für die anderen entschwanden, zusammen in ein geheimnisvolles Dunkel glitten.

»Sie sind wie ein Aal-Pärchen,« sagte einmal ein humoristischer Dichter. »Es würde mich nicht wundern, wenn sie des Nachts ganz still zu fernen Meerestiefen schwimmen und sich fortpflanzen.«

2

Die Wahrheit über Frau Ellinor und ihren Mann war, daß sie nicht mehr miteinander lebten. Es war ihnen gegangen wie so vielen anderen, die aus wirklich romantischer Verliebtheit heiraten. Sie hatten versucht, den Himmel zu stürmen, die überirdische Seligkeit in ihrer Umarmung zu finden. Und eine kurze Zeit hatte er sich wirklich in das große und seltene Glück hineinphantasiert. Der Himmelflug aber hatte mit einem jähen Absturz geendet, als sie ihn plötzlich eines Abends mit kühlen, müden Augen um die Erlaubnis bat, sich ihr eigenes Schlafzimmer einzurichten.

»Mein lieber Freund,« sagte sie, »ich möchte dir ungern weh tun. Aber was hilft es? Ich kann es nicht mehr aushalten, in dieser Komödie mitzuspielen.«

Vollkommen erstarrt sagte er: »Was meinst du? Komödie?« Da brach sie in wildes Weinen aus und schrie: »Du hast recht. Nenne es Tragödie!

Ja,« fuhr sie fort. »Auch ich habe einst von dem Herrlichsten in der Welt geträumt. Ich wollte mich so ganz und gar geben, ich dachte ja nur daran, dich zu erfreuen und dir zu Gefallen zu sein. Aber ich halte es nicht mehr aus. Ich werfe dir nichts vor. Es ist vielleicht auch meine Schuld. Ich bin gewiß nicht wie andere Frauen. Aber – nicht wahr? – wenn es mir jetzt nur widerlich ist... nein, nein, werde nicht böse! So meine ich es ja nicht – denn widerlich ist es natürlich nicht. Aber siehst du: es ist so ganz anders, als ich geträumt hatte. Und ich kann nicht – ich kann nicht mehr so tun, als ob auch ich glücklich bin.«

Er blickte sie so kalt feindlich an, daß sie in Verzweiflung zusammensank.

»So darfst du es nicht auffassen – mein Gott, ich sage es ja nicht, um schlecht gegen dich zu sein. Abend für Abend habe ich gebetet, so zu werden, wie du mich haben willst. Aber ich kann nicht! Jage mich aus deinem Haus, wenn du meinst, daß ich es verdiene! Aber sieh mich nicht mit solchen Augen an! Denk' doch auch ein wenig an das, was ich gelitten habe, während ich dir und mir einzubilden versuchte, daß ich glücklich sei.«

In Tränen aufgelöst lag sie auf dem Sofa, während er wie der strenge Gottesrichter vor ihr stand.

Und weil er nicht ganz dumm und verstockt war, wurde er plötzlich von Mitleid ergriffen. Warum sollte sie eigentlich heucheln?

Gleichzeitig aber war er tief verletzt in seinem Männerstolz. Er stand doch sonst in dem Ruf, ein Weib beglücken zu können. Und jetzt sollte just die Frau, der er die größte Ehre erwiesen hatte, ihn verhöhnen.

Er wählte die dümmste Antwort, die ein Mann in solchem Fall geben kann.

Er schlug einen nachsichtigen Ton an und sagte: »Du begreifst wohl, daß mir dies ganz überraschend kommt. Ich glaubte, du seist ebenso glücklich wie ich. Es ist also eine schmerzliche Enttäuschung. Und selbstverständlich will ich dich nicht zwingen. Obgleich ich – was ich ohne Scham zugestehe – deinen Besitz genossen habe, werde ich verzichten. Von jetzt an wollen wir als gute Freunde zusammenleben.«

Es schrie in ihr vor Wut, als sie diese törichten Männerworte hörte. Gerade das Entgegengesetzte hatte sie gehofft. Sie hatte gedacht: Wird er mich totschlagen? (und das erschien ihr nicht so schlimm). Im tiefsten Innern aber hatte sie gesteht, er möchte sie in seine Arme nehmen und sagen: »Mein süßes Kind, sei nicht böse, daß ich mich dumm und ungeschickt benommen habe! Aber – nicht wahr? – eine Frau braucht sich vor ihrem Mann nicht zu schämen. Flüstere mir also ins Ohr, während ich deine bebende Hand küsse, was ich nicht verstanden habe; flüstere mir deine Sehnsucht und deine Träume zu! Und, Kindchen, ich will ja alles tun, was auch für dich süß und herrlich ist.«

Er sprach als der geradlinige und beherrschte Mann, der er war, wohlwollend verstehend, selbst in seiner Gekränktheit.

Und sie erstarrte unter seinen netten Worten, erhob sich steif und tränenlos vom Sofa und sagte:

»Danke, mein Freund. Heute nacht werde ich also hier im Wohnzimmer schlafen. Und morgen richte ich mir mein Ankleidezimmer als Schlafstube ein. Das wird auch für dich bequemer sein. Dann brauchst du nicht zu warten, bis ich erwacht bin, und kannst gleich nach den Zeitungen klingeln.«

3

Drei Jahre waren nach diesem Gespräch vergangen, als Frau Ellinor und Hermann Walter sich kennen lernten. Und diese drei Jahre hatten nichts an dem Verhältnis zwischen Ellinor und ihrem Mann geändert. Beide bewahrten in ihrem Herzen eine ewig schmerzende Wunde. Rechtschaffen, wie sie waren, versuchte jeder den andern zu entschuldigen. Da sie aber beide schroff und selbstgerecht waren, fiel es keinem ein, eine Annäherung zu suchen. Das fanden sie unter ihrer Würde. Was sie betraf, kam dazu, daß sie, wenn sie auch oft in einsamen Stunden von Sehnsucht nach Zärtlichkeit befallen wurde, stets mit Schrecken und Abscheu an die ersten Monate ihrer Ehe zurückdachte. Sie hatte mit keinem anderen Manne ein Verhältnis gehabt. Wie sollte sie sich da erklären, was für sie enttäuschend gewesen war? Am Ende war sie es gewiß, die nicht wie andere Frauen war.

Dieser Glaube wurde nach und nach in ihr bestärkt, je mehr Einblick sie in das Leben ihrer sogenannten Freundinnen bekam. Für die war Erotik ein süßer Zeitvertreib. Zum Nachmittagstee bei diesem, zu einem abendlichen Glas Champagner bei jenem. Beides mit Näschereien und Tändelei und Küssen und Kosen nach dem Vorbilde berühmter Laster, ebenso unfanatisch wie die Nachahmungen exotischer Unsittlichkeiten, die auf Familienbällen getanzt werden. In Wirklichkeit setzten diese Damen in der Ehe ihr Leben als Jungfräulein fort. Nur mit dem Unterschied, daß es sie jetzt belustigte, ihre Männer zu betrügen, während sie in ihrem ledigen Stand ihre Eltern betrogen hatten. Das eine war nicht weniger harmlos als das andere. Beides war gleich lumpig.

Frau Ellinor saß da mit ihren kühlen Augen, auf deren klare, ruhige Oberfläche nie befriedigte Sehnsucht trübe Schatten warf, und beobachtete. Ihre Freunde und Bekannten fanden sie geradezu unheimlich tugendhaft. Sie ihrerseits fand die anderen lächerlich genügsam. Sie urteilte nicht allein nach ihren eigenen spärlichen Erfahrungen, sondern auch nach den Bekenntnissen der anderen. Denn nie hatten ihre Beichtkinder die große Sünde oder das große Glück auch nur angedeutet. Alles war kleinliche Tändelei.

Wie war dies nur plötzlich mit ihr gekommen? Wie war sie, die Ruhige, die ironisch Beherrschte, plötzlich in den großen Wirbel hineingerissen worden?

4

Zunächst haßte sie Hermann Walter, obgleich sie ihn nicht kannte. Die meisten ihrer Freundinnen schwärmten für ihn, von einigen wußte sie, daß sie ein Verhältnis mit ihm gehabt hatten. Er verkörperte eben das, was sie instinktiv verabscheute. Er war für sie der Inbegriff dessen, was sie die Leichtfertigkeit der Zeit nannte.

Und gerade er wurde ihr Schicksal.

Die ersten Worte, die Walter zu ihr sagte, als er, ziemlich spät am Abend, in dem Trubel eines großen Festes einen Augenblick mit ihr allein blieb, waren: »Ich kann Ihnen ansehen, daß dies Treiben Sie nicht amüsiert.« Und lächelnd fügte er hinzu, während sie etwas verwirrt nach einer Antwort suchte: »Hier passen die nicht her, die über das Dasein grübeln. Hier sind nur die die richtigen Gäste, die dem Leben seinen Gang lassen.«

Jetztfand sie eine Antwort, und abstandnehmend, und doch ein wenig neugierig, sagte sie: »Was wissen Sie von mir?«

Er antwortete: »Verzeihen Sie. Ich wollte nicht indiskret sein. Ich werde nichts weiter sagen.«

Er nahm ihre Hand, beugte sich herab und berührte sie leicht und ehrerbietig mit den Lippen: »Auf Wiedersehen, gnädige Frau.«

Sie ließ wie selbstvergessen ihre Hand in der seinen, während sie etwas atemlos sagte: »Lassen Sie mich hören, was Sie sagen wollten! Es interessiert mich, und ich werde nicht beleidigt sein.«

»Es ist auch weiß Gott kein Grund zum Beleidigtsein,« antwortete er und ließ langsam ihre Hand los. Und indem er seine Stimme ganz unfeierlich schlicht machte, fuhr er fort: »Man bekommt Lust, gut gegen Sie zu sein ... ich meine, bis man vielleicht entdeckt, daß Sie jemand nötig haben, der streng gegen Sie ist.«

»Ich weiß nicht, ob ich Sie verstehe ... Aber es klang jedenfalls nicht so schlimm,« fügte sie hinzu und errötete.

»So schlimm?«

»Ja, ich war auf etwas viel Schlimmeres gefaßt – bei Ihnen

Er war jetzt bereits so vertieft in seine Lust zum Experimentieren, daß er, obgleich er sich instinktiv gewarnt fühlte, unwillkürlich weitergehen mußte.

Sein Gesicht wurde ernst.

»Ich weiß nicht, was Ihnen das Recht gibt, ein tölpelhaftes Auftreten von mir zu erwarten.«

»Gott, können Sie denn keinen Spaß verstehen?«

»Auf gewissen Gebieten, nein. Es ist möglich, daß ich oft sogenannte kühne Dinge zu Damen sage. Aber ich finde es erbärmlich, wenn diese Damen sich hinterher beklagen. Zum Teufel, warum hört eine Dame auf Dinge, die sie ärgern? Habe ich nicht recht?«

Er lächelte wieder und fuhr fort: »Verzeihen Sie, wenn ich heftig wurde. Ich bin wahrhaftig kein Tugendbold und möchte es auch gar nicht sein. Aber ich hasse Heuchelei. Und all diese kleinen Frauen und Fräulein sind so verlogen, daß sie ...«

Sie lachte plötzlich und wurde ganz mädchenhaft hübsch in ihrer Ausgelassenheit: »Daß sie ... was?«

»Daß sie also...« Auch er lachte. Und machte eine bezeichnende Bewegung mit der Hand.

»Aber die Männer tragen doch die Schuld« – sie war wieder ernst –, »denn die Männer erziehen die Frauen. Die Frauen werden so, wie die Männer sie haben wollen.«

»Vielleicht haben Sie recht,« antwortete er, »aber dann müssen beide Teile sehr verliebt sein.«

»Ich muß jetzt gehen,« brach sie ab. »Aber« – es kam nach dem Bruchteil einer Pause – »ich möchte wohl einmal weiter mit Ihnen plaudern.«

»Sie sind stets willkommen.«

Sie sah ihn einen Augenblick etwas unsicher und überrumpelt an. Dann reichte sie ihm entschlossen und kameradschaftlich die Hand: »Also auf Wiedersehen. Und seien Sie nicht zu streng gegen mich in Ihren Gedanken, wenn ich auch dies oder jenes gesagt habe, was Ihrer Meinung nach verdiente ... na ja ... also ...«

Sie lachte, wurde wieder rot und verwirrt und eilte fort. Während sie sich einen Weg durch die überfüllten Räume bahnte, jubelte es in ihr von einem lang entbehrten Glücksgefühl. Es war, als ob sie etwas erlebt habe. Und als sie schließlich den Tisch fand, wo ihr Mann und ihr Kreis sie erwartete, war sie so heiter und gesprächig, daß alle sich wunderten.

Er aber ging schnell nach Hause. Es amüsierte ihn gewissermaßen, daß es ihm geglückt war, auch sie ins Gleiten zu bringen. Aber etwas gab ihm bange Ahnungen ein, daß der Flirt dieses Abends nicht so scherzhaft verlaufen werde, wie dergleichen kleine Erlebnisse sonst. Und er fragte sich selbst: Warum habe ich es eigentlich getan?

Sein erster Eindruck von ihr stimmte ganz mit der Beschreibung überein, die gemeinsame Bekannte von ihr gegeben hatten: daß sie, obgleich sie keineswegs häßlich war, jeder Anmut entbehrte; daß ihre Schlankheit hart und eckig und ihr ganzes Wesen so seltsam »unverheiratet«, fast altjüngferlich sei.

Dann aber erinnerte er sich ihres Errötens, das plötzlich ihren etwas grauen Teint jungfräulich frisch gemacht hatte; erinnerte sich vor allen Dingen ihres kurzen, keck übermütigen Lachens...

Das Rätsel in ihr reizte und ängstigte ihn.

5

Fünf, sechs Tage darauf bekam er mit der ersten Morgenpost einen Brief. Mit hübscher, steiler Schrift auf affektiertem, gelbem Papier. Der Brief war ganz kurz gefaßt und ohne Unterschrift:

»Zufolge unserer Verabredung von neulich werde ich morgen abend um acht Uhr kommen. Ich läute nicht. Aber ich bin pünktlich. Wenn die Tür verschlossen ist, gehe ich gleich wieder fort. Ich bin darauf vorbereitet, daß Sie mich nicht empfangen können. Aber ich wäre froh, wenn ich die Tür offen fände. Viel froher, als Sie ahnen. Ich haßte Sie bis neulich. Und jetzt ... jetzt glaube ich, daß ich Sie leiden mag.«

Zufällig hatte er nichts vor. Er hatte sich darauf gefreut, einen Abend für sich zu haben. Jetzt brachte ihr Brief Unruhe in sein Gemüt. Im Laufe des Tages beschloß er abwechselnd, sie zu empfangen und die Tür verschlossen sein zu lassen.

Etwas Neugier und mindestens ebensoviel Mitleid – denn er dachte sich an ihre Stelle: wie demütigend es sein würde, die Tür verschlossen zu finden, durch die man Einlaß begehrt – entschieden die Sache. Er fand, daß er sie jedenfalls diesen einen Abend empfangen müsse.

Und sie kam. Und keiner von ihnen konnte den Ton finden.

Er hatte beschlossen, ganz ungezwungen heiter und kameradschaftlich zu sein, das Ganze als eine völlig natürliche und alltägliche Sache zu nehmen: Was war denn auch Merkwürdiges dabei, daß sie ihn besuchte? Bei ihrem kurzen Gespräch neulich hatten sie entdeckt, daß sie Voraussetzungen besaßen, sich zu verstehen und gute Freunde zu werden. Der Freundschaftston wars, der angeschlagen werden mußte. Anfangs keinesfalls mehr. Natürlich mit dem kleinen Unterstrom von Erotik, den Freundschaft zwischen Mann und Frau bedingt. Er wollte klug und vorsichtig sein. Sich zu Verständnis vorwärts tasten. Und dann – ja dann ...! Nun, man würde ja sehen, wersie eigentlich war, und wassie wollte.

Er machte es ihr bequem, bot ihr Zigaretten und Wein an. Begann eine scherzhafte Unterhaltung über das Fest neulich. Fragte sie aus, wie es verlaufen sei; mit wem sie später noch zusammen gewesen; wie lange sie geblieben sei und so weiter.

Sie hatte sich der Situation wie mechanisch angepaßt. Hatte sich von ihm beim Ablegen helfen lassen, hatte sich in den Stuhl gesetzt, den er ihr hinschob, eine Zigarette angezündet und vom Wein genippt, als er ihr zutrank. Alles aber so seltsam geistesabwesend. Und sie antwortete nur mit den notwendigsten Worten, während ihr Blick gleichzeitig in den Zimmern suchte, wie um etwas zu finden, was ihr Halt geben konnte.

Plötzlich fragte sie:

»Warum sind Sie so früh fortgegangen?«

Da beging er – was ihm im selben Augenblick klar wurde – eine Dummheit, denn in seiner unglückseligen, sportlichen Vogelfängerleidenschaft ließ er sich das banale Kompliment entschlüpfen:

»Ich finde, man muß ein Fest verlassen, wenn einem etwas Festliches begegnet ist, und wenn man weiß, daß das, was nachher kommt, die Stimmung nur zerstören kann.«

Etwas Wahres war ja daran. Nur gab er seinem kleinen Erlebnis ihr gegenüber einen viel zu hochtrabenden Ausdruck. Viele Damen würden seine Worte so spielerisch und sentimental leichtsinnig aufgefaßt und erwidert haben, wie sie gemeint waren.

Frau Ellinor streckte wie abwehrend ihre Hand aus. Unwillkürlich nahm er sie und küßte sie. Sie machte einen schwachen Versuch, sie zurückzuziehen, ließ sie ihm aber doch. Er folgte ihrem Ruf und lag kniend vor ihr, den Arm, den er frei hatte, um ihre Hüfte. Sie sank in den Stuhl zurück, und erst jetzt, als er sich vorbeugte, um ihren Mund zu küssen, sah er, daß sie ganz weiß im Gesicht war und daß ihre Augen in einem todesbangen Verblassen erloschen.

»Aber Kind!« sagte er erschrocken. Und außerstande, in der Eile die richtigen Worte zu finden, und in dem Gefühl, daß es die erste Pflicht sei, zu beruhigen und gut zu sein, fuhr er fort: »Ich will dir ja nichts Böses tun.«

Als sie das liebevolle und vertrauliche Du hörte, ging es wie ein warmer Schauer von Wonne durch ihr armseliges Herz, eine heiße Röte färbte ihr Gesicht, und mit Augen, die von junger, glücklicher Verheißung strahlten, flüsterte sie, während sie sich widerstandslos von ihm liebkosen ließ: »Du meintest es wirklich so? Es ist also wahr?«

Er fühlte, daß die Schlacht verloren war. Und in ohnmächtigem Zorn gegen sich selbst und gegen sie nahm er sich, weil er keinen anderen Ausweg fand, sein brutales Männerrecht. Jetzt war ja alles andere gleichgültig. Und sie ging auf alles ein, träumte sich in eine große, wahnsinnige Leidenschaft hinein.

Und als er dann vor ihr lag und zu lächeln versuchte, während sein Gehirn in ohnmächtiger Müdigkeit erstarrt war, hätte sie dankbar den Tod aus seiner schonungslosen Hand entgegengenommen.

6

Als sie das nächstemal zu ihm kam, hatte er sich einen neuen Schlachtplan zurechtgelegt.

Er wollte prüfen, ob sie nicht doch wie so viele andere sei. Von vornherein verdorben – durch die eigene Phantasie oder durch Belehrung verständnisvoller Liebespädagogen.

Sie hörte ohne Ärgernis auf alles, was er sagte – selbst das Naturverachtendste. Aber es gab ihr keine Freude. Es weckte keine Erinnerung und keine Lust, es nachzuahmen. Sie wußte nur eines: daß sie sich ihm mit Leib und Seele ergeben hatte.

Wie in den dazwischenliegenden Tagen und Nächten dachte sie auch jetzt nur an den wundersamen Augenblick, da er sie genommen hatte. Sie hatte nie geglaubt, daß Männeraugen so gebieterisch zwischen Zärtlichkeit und Grausamkeit wechseln könnten; sie hatte sich nie träumen lassen, daß die Hand eines Mannes so weich und zart liebkosen konnte, um plötzlich ganz rücksichtslos und brutal zu sein.

Wie leere Laute gingen seine Worte über sie hin. Sie saß nur und lächelte. Und als er, müde und etwas gereizt über dies Lächeln und Schweigen kurz abbrach und fragte: »Warum sagst du nichts? Verstehst du, was ich gesagt habe?«, antwortete sie ganz still:

»Meinetwegen kannst du mit mir machen, was du willst. Denn ich bin ja jetzt dein.«

Er halte auf den Lippen zu sagen: »Ich bin aber, zum Teufel, nicht dein« ... Doch er unterdrückte es und sagte sanft: »Du bist sehr lieb, Ellinor. Aber ich habe es mir ernstlich überlegt, bevor du heute abend kamst – und ich glaube, ich habe recht: wir beide können sehr gute Freunde werden. Aber erotisch passen wir nicht zueinander. Ich bin viel zu alt und verdorben für dich.«

War es Dummheit oder Schlauheit oder nur törichte Verliebtheit, wenn sie antwortete: »Denk' gar nicht an mich! Ich liebe dich, so wie du bist ...«?

Er dachte, und er fühlte sich vollkommen hilflos: Ich muß es also rund heraus sagen.

Er rückte seinen Stuhl dicht an den ihren, nahm ihre Hand und sagte:

»Sei vernünftig, Ellinor. Du hast deinen Mann gern. Und du bist nicht wie die anderen. Du bist nicht leichtfertig und wirst ihn nicht leichten Herzens betrügen können.«

»Nein,« sagte sie, »ich will ihm heut abend auch alles erzählen.«

Da war er allen Ernstes wie gelähmt. Jetzt war dies törichte Spiel also unbarmherzig zur Tragödie geworden. Dort saß sie , die ihm nicht das Allergeringste bedeutete, und glaubte sich nicht nur berechtigt, sondern sogar verpflichtet, Schicksal für ihn zu spielen. Ein tiefer Haß ergriff ihn. Aber er wagte ihn nicht zu zeigen. Und um dem Schlimmsten zu entgehen, griff er nach dem Nächstschlimmsten. Er sagte ernst und eindringlich:

»Was zwischen dir und mir geschehen ist, ist unsere gemeinsame Sache. Und so wenig ich das Recht habe, etwas davon auszuplaudern, hast du das Recht, deinem Mann etwas zu erzählen. Wenndu wünschst, daß wir uns ferner treffen sollen, verlange ich unverbrüchliches Schweigen von dir.«

Sie blickte ihn mit wild flackernden Augen an, dann erlosch der Blick, und mit einem bösen Lächeln, das die Mundwinkel schiefzog, fragte sie, und ihre Stimme war wie Eissplitter:

»Hast du Angst?«

Im selben Augenblick hatte er sie geschlagen. Er hörte den Laut von dem Schlag seiner flachen Hand auf ihrem Gesicht. Es war eine Raserei, die sich auslösen mußte, und er empfand es als eine Befreiung. Unmittelbar darauf folgte die Beschämung. Als sie sein Gehirn aber noch kaum gestreift hatte, übertäubte der Siegesjubel alles andere; denn vor ihm lag Frau Ellinor mit entsetzten, anbetenden Augen, die Hände demütig bittend zu ihm erhoben:

»Ja, ja – tu mit mir, was du willst!«

7

Sie begehrte nichts anderes und besseres, als ihm zu gehorchen.

Er aber war ihr gegenüber völlig nüchtern.

Ihr Körper gab ihm keine Freude. Oder wurde sie freudlos für ihn, weil der Haß, sich von ihr vergewaltigt zu fühlen, seine Männersinne zerstörte?

Einen Monat oder zwei führte er die Sache weiter, mit einer Heuchelei, die ihm herzlich zuwider war.

Er versuchte sich selbst einzubilden, daß er sie leiden mochte. Sie sei – sagte er sich selbst – klug und witzig. Sie konnten so hübsch zusammen plaudern. Sowohl im Ernst wie im Scherz. Das schlimme aber war, daß er sich in ihrer Gesellschaft nie sicher fühlte. Denn er wußte, daß sie stets auf seine Liebkosungen lauerte.

Er belog sie und setzte sich in ihren Augen herab.

Er redete sich in die verrücktesten Theorien über die Verfeinerung des Geschlechtslebens hinein. Und sie bemühte sich brav, ihm zu folgen und an ihn zu glauben.

Eines schönen Tages aber konnte er auch das nicht mehr.

Er saß und redete krampfhaft drauf los. Sprang von einem Thema zum anderen, nur in dem Gedanken, die zwei, drei Stunden hinzubringen, ohne erotische Ansprüche von ihrer Seite.

Er hielt lange Vorträge darüber, wie viel wertvoller es sei, in einem Freundschaftsverhältnis zu einer Frau zu stehen, als sie körperlich zu besitzen.

8

Es schien, seine Taktik hatte Erfolg.

Er fühlte sich bereits frei.

Da plötzlich eines Abends sagte sie:

»Ich habe meinem Mann erzählt, daß ich dich kennen gelernt habe. In einem Café. Wenn du nun in den nächsten Tagen eine Einladung zu uns erhältst, kommst du, nicht wahr? Du mußt mir versprechen, nicht abzusagen. Wie du unser Verhältnis ansiehst, kann es dir ja nicht unangenehm sein, auch mit meinem Manne zu verkehren.«

Er fühlte sich wie von einer kalten, schleimigen Erbärmlichkeit überzogen, als er antwortete: »Natürlich komme ich, wenn du Wert darauf legst.«

Und auf das erste Gefühl von instinktivem Widerwillen folgte ein fast heiterer Lichtstreif: Jetzt fange ich sie in ihrer eigenen Falle.

Gleich darauf kam eine übermütig glucksende Woge: Wenn Ellinors Mann und ich Freunde werden, muß es mit der Courmacherei vorbei sein. Keine Entweihung der Freundschaft!

Er wurde so lebhaft und lustig, daß der Abend wie ein Fest verging. Fast war er drauf und dran, zu liebevoll gegen sie zu werden. Sie meinte ihn bereits zu haben, lag vor ihm, das Gesicht in seinem Schoß. Und ihm wurde warm, als er ihren Körper so nahe fühlte, ihren Atem spürte, von ihren bittenden Händen geliebkost wurde.

Plötzlich riß er sich los.

»Nein,« sagte er hart und kalt. »Wir wollen nur gute Freunde sein. Steh auf, Ellinor! Und setz' dich hübsch dort auf den Stuhl!«

Als er aber sah, daß ihr Körper wie von einem Fieberschauer durchzittert wurde und daß ihre Augen sich in hervorbrechendem Weinen verdunkelten, während sie ihre Hände an seinem Körper herabgleiten ließ und wie eine tote Masse zusammensank, da brachte er es nicht übers Herz, sich zu verhärten, und fuhr töricht fort, indem er ihr sanft und liebevoll über das zerzauste Haar und die feuchte Wange strich:

»Es nützt ja nichts, Kind, du verstehst ja doch nicht, was ich will.«

Da sprang sie auf, weiß im Gesicht und mit haßerfüllten Augen: »Du lügst! Du lügst! Und du weißt es. Was versteh ich nicht? Was ist es, was du willst, und was ich nicht will?«

Er wurde plötzlich ruhig und überlegen und sagte:

»Ob ein Mann und ein Weib erotisch zusammenpassen, beruht nicht auf einem vernunftmäßigen Einverständnis, sondern auf einem verwandten musikalischen Instinkt. Über Liebe kann man sich nicht auf dem Verstandesweg einigen. Ein kleines, ganz dummes Mädchen kann – ohne eine Silbe von sich selbst oder mir zu verstehen – die erotischen Töne haben, die auf meinen Ruf antworten. Oder ich antworte auf ihren Ruf. Wir diskutieren die Sache nicht. Von dem Augenblick, wo ihre Hand in der meinen geruht hat, von dem Augenblick, wo ich durch die Berührung mit ihr die Musik ihres Pulsschlages gespürt habe, ist sie mein. Sie denkt nicht darüber nach, und auch ich werde nicht tiefsinnig; es ist nun einmal so. Nie die heilige Jungfrau von einer Macht überstrahlt wurde, die sie sich nicht erklären und gegen die sie nicht ankämpfen konnte, so stelle ich mir vor, findet jede Verbindung, unter irdischeren Formen, zwischen Mann und Weib statt. Verstehst du, was ich meine? Oder bist du anderer Ansicht?«

Ihr Gesicht ruhte nun wieder in seinem Schoß, er spürte die Wärme ihres Atems, sie lag ganz still und weinte kläglich wie ein Kind. Er wollte ihr kein Leid antun. Und schließlich war er ja ein Mann.

Sie antwortete nicht, lag nur und weinte und füllte ihn mit ihrer Lebenswärme. Und der Augenblick kam, wo er aufhörte, klar zu denken und nur ein Mann wurde. Schmerzlich und ganz sinnlos nahm er sie.

Und hinterher fand er, daß er doppelt zart und rücksichtsvoll sein mußte, um sie nicht merken zu lassen, daß sie etwas Herabwürdigendes getan hatte.

9

Hermann Walter und ihr Mann wurden Freunde.

Für sie war es eigentlich eine Qual, die sie sich nicht recht erklären konnte. Unaufhörlich hörte sie entweder den Mann den Liebhaber loben, oder umgekehrt.

Und das Verschrobene war ja, daß der Mann ebenso wenig Mann, wie der Liebhaber für sie Liebhaber war.

Jetzt, wo Hermann Walter offiziell bei ihnen verkehrte, war es viel schwieriger, sich allein zu treffen.

Er schob außerdem immer seine Freundschaft mit ihrem Mann vor, wenn er unvorsichtige und zufällige Begegnungen abschlug, die leicht entdeckt und beklatscht werden konnten.

Insofern hatte er nur Grund, zufrieden zu sein. Hin und wieder aber fragte er sich selbst: Beruht diese Freundschaft mit Weber auf freier Wahl? Gewiß, er ist mir in vieler Beziehung sympathisch. Aber:würde ich mit ihm verkehren – noch dazu so intim –, wenn ich nicht diese dumme Geschichte mit seiner Frau bemänteln wollte?

Und oft, wenn er mit Weber zusammen war, anscheinend sehr gemütlich und fidel, während Frau Ellinor klöppelnd und eifrig lauschend dabei saß, wurde er von Ekel vor dieser Freundschaft ergriffen, und von Haß gegen sie, die sie ihm aufgezwungen hatte.

10

Tag für Tag, Abend für Abend, bis in die späte Nacht, wenn sie schließlich müde vom Weinen, schwer im Gehirn vom Grübeln, in einen gnadenreichen, traumlosen Schlaf versank, wirbelten dieselben, beständig dieselben Gedanken durch ihren Kopf.

Warum bin ich anders als die andern?

Mein Mann begehrte mich und wähnte sich und mich glücklich. Ich zerschlug die Illusion und machte mich einsam.

Jetzt begehre ich einen anderen Mann. Was er mir gibt, sind lumpige Almosen, die mir hingeworfen werden. Ich weiß es. Dennoch krieche ich vor ihm wie ein Hund. Sogar seine Verachtung ist mir ein Genuß.

Bin ich denn elender als selbst die Geringste der anderen?

Mein Mann würde mir gedankt und mich gesegnet haben, wenn ich ihm nur einmal gesagt hätte, daß er mir das große Glück gäbe. Seine Liebe ließ mich nicht nur kalt, sondern füllte mich mit Haß.

Mein Geliebter – Gott, mein Geliebter? Ich bin meinem Mann untreu mit einem Mann, dessen Geliebte ich nicht einmal bin. Nun, er also – wenn er seine Hand nur müde über mein Haar gleiten läßt – macht mich so demütig dankbar, daß ich diese Hand mit Küssen bedecke und ebenso dankbar sein würde, wenn sie mich einer Mißhandlung würdigte.

11

Eines Tages sagte sie es ihm:

»Ich kann das Leben nicht mehr ertragen.«

An jenem Tage mißhandelte er sie so, daß sie glaubte, er liebe sie dennoch.

Es hatte vor Raserei in ihm geschrien: Wie konnte sie es wagen,sich bis zu dem Grade in sein Leben zu drängen, ihm eine Verantwortung aufzuladen, die er niemals übernommen hatte!

Als sie das nächste Mal beisammen waren, sagte sie:

»Ich liebe dich mehr als je.«

Sie machte sich so winzigklein, sie lag mit bettelnden Händen vor ihm, sie lächelte weh und lallte wie ein Kind:

»Tu alles, was du willst!«

Sein erstes Gefühl war, ihr einen Tritt zu geben. Plötzlich aber riß eine zärtliche Saite in seinem Herzen. Er hatte Mitleid – Mitleid mit ihr und mit sich.

Er zog sie in die Höhe, führte sie zu einem Stuhl und setzte sich dicht neben sie. Nahm ihre Hand und sagte:

»Weder du noch ich können dies Leben aushalten. Ich habe dir meine Freundschaft angeboten. Um deinet- und meinetwillen, nimm sie an!«

Sie sah ihn verständnislos an. »Was soll ich mit deiner Freundschaft?« fragte sie. »Ich fühle keine Freundschaft für dich.«

Sie saß, während sie dies sagte, wie jemand, der im Schlaf spricht. Ihre Augen waren erloschen, ihre Stimme verschleiert und heiser.

»Nun ja« – sagte er, »ich kann dich ja nicht hindern, wenn du dich wie ein verführtes Dienstmädchen benehmen willst.«

Er erhob sich und ging ans Telephon. Bestellte ein Automobil. Sofort.

Als er zurückkam, lag sie im Weinkrampf, um Verzeihung stehend.

Und das Automobil mußte über eine Stunde warten.

12

Sie fuhr fort, mit Selbstmord zu drohen.

Er versuchte sich damit zu trösten, daß die, die von Selbstmord sprechen, selten Ernst daraus machen. Dennoch lag ihre Drohung beständig wie ein Alpdruck auf ihm. Denn er fühlte, daß sie zu dem Punkte gekommen war, wo die Verzweiflung, weil sie sich nicht weiter treiben läßt, eine Auslösung verlangt.

Sein letztes Hilfsmittel war, an ihr Ehrgefühl zu appellieren. Er benutzte den Kniff, ihr damit zu schmeicheln, daß sie nicht wie andere Frauen sei. (Er wußte nicht, daß er ihr nichts Schmählicheres sagen konnte.) Daß er sie gern habe, weil etwas männlich Geradliniges in ihrer Natur sei.

Obgleich er sie im Innern für hysterisch, bis zum Wahnsinn, hielt, sagte er:

»Du, die du so klug und vernünftig bist, darfst nicht zu solch simpeln Mitteln greifen. Was in aller Welt kann ich dafür, daß ich erotisch von dir nicht hingerissen werden kann? Hast du darum das Recht, mich mit deinem Selbstmord zu belästigen? Dennoch sage ich: wenn es sich nur um dich oder mich handelte, dann erhänge oder erschieße dich meinetwegen. Aber ich finde es gemein, wenn du durch Selbstmord in dem nichtsahnenden Gemüt deines Mannes einen Verdacht erweckst.«

Sie lachte mit Augen, die ganz erloschen waren vor Müdigkeit:

»Wie zart du bist!«

Und sie fügte hinzu, als sie sah, wie der Peitschenschlag wirkte: »Ich werde in einem Brief hinterlassen, daß kein Grund zum Verdacht ist – gegen dich.«

13

In Gottes Namen: vielleicht war es das beste, daß sie sich das Leben nahm.

Sie gehörte zu den Unglücklichen. Zu klug, um sich narren zu lassen und sich mit einer gewohnheitsmäßigen Ehe abzufinden. Zu bürgerlich, um leichtsinnig die kleinen Blumen des Flirts am Wege zu pflücken. Zu sentimental, zu vorsichtig, um sich mit dem ersten besten Wüstling ganz dem rücksichtslosen Sinnesgenuß hinzugeben.

Eine Bedauernswerte.

Natürlich wäre es das beste, wenn sie ihrem Leben ein Ende machte. Das Lumpige war nur, daß sie es nicht auf eigene Verantwortung zu tun wagte. Das Bestimmende für sie war, ihm, als Mitverantwortlichem, eine unheilbare Wunde zu schlagen.

Wie Kinder, wenn sie sich ungerecht von ihren Eltern bestraft glauben, Selbstmord planen, in ihrer Phantasie die Reue der Eltern genießend – so war es auch ihr ein Genuß, sich ihn an ihrer Leiche vorzustellen.

Sie überlegte allen Ernstes, was von größerer Wirkung sein würde: ein Tod in Schönheit oder eine häßlich entstellte Leiche.

Vorläufig hatte sie den Genuß, seine Feigheit vor Aufsehen und Skandal zu spüren, wenn sie mit Selbstmord drohte.

Es jubelte in ihr vor Triumph, wenn sie seine Angst merkte.

Dennoch erfuhr sie nie ganz, bis zu welchem Grade sie ihm Angst gemacht hatte.

Oftmals war er drauf und dran, sie um Schonung zu bitten, aber er wurde von dem Haß zurückgehalten, der Tag für Tag in seinem Herzen wuchs. Wie gemein, daß sie Macht über ihn bekommen sollte. Nein – und wenn er zu Tode gepeinigt würde – an ihr Mitleid appellieren wollteer nicht.

Was ihn am meisten empörte, war, daß sie, dieser ganz gleichgültige und zufällige Frauenkörper, Recht über sein Leben und Sterben haben sollte.

Und noch mehr empörte es ihn: daß er sie nicht wie ein unleidliches Gewürm zu zertreten wagte.

Weil diese Frauensinne sich zufällig ihn als Mittel und Gegenstand gewählt, weil diese viel zu lang aufgesparte und darum überspannte Sehnsucht zufällig bei ihm ihre Erfüllung gefunden hatte – sollte er als Mann verpflichtet sein, sich sein Leben ruinieren zu lassen!

Eine Frau würde sich an seiner Stelle, mit Sympathie von allen Seiten, das Recht zu jeglicher Verteidigung nehmen können. Männer und Frauen würden in gleichem Maß von einer so schamlosen Anmaßung angewidert sein.

Er als Mann war wehrlos.

Er haßte sie. Weil er aber Mann war, fühlte er gleichzeitig das zärtlichste Mitleid mit ihr. Denn es war ja doch Leidenschaft von ihrer Seite. Sie liebte ihn auf ihre Weise. Er wußte, daß es nichts gab, was sie nicht für ihn getan hätte – nur nicht ihn freigeben. Im tiefsten Innern fühlte er sich geschmeichelt.

Und wenn sie nicht gerade den Haß in ihm schürte, fand er, daß sie ein armes Kind sei, gegen das man gut sein müsse.

14

Es wurde bei ihr eine fixe Idee, daß sie sterben müsse.

Sie war nicht schlecht. Und sie begriff wohl, daß sie übel gegen ihn handelte, wenn sie Selbstmord beging.

Aber: wenn sie doch nicht mehr leben mochte! Wenn es für sie nur noch die einzige Möglichkeit gab, aus der Welt zu verschwinden.

Natürlich hätte sie nie zu ihm davon sprechen dürfen. Sie sah ein, wie verkehrt es war, aber es war ja ihr letzter armseliger Versuch gewesen, seine Liebe zu wecken. Es ekelte ihr vor sich selbst. Sie mußte sich mit Schmach eingestehen, daß sie auf sein Mitleid spekuliert hatte und sich vielleicht jämmerlich damit begnügt haben würde. Sie empfand demütig ihre eigene Armseligkeit.

Und eines Abends lag sie weinend vor ihm und gestand ihm alles.

Sie legte ihre Seele ganz vor ihm bloß. Sie fragte still und ohne eine Spur von Exaltation, ob er glaube, daß er ihr helfen könne. Ob er glaube, daß Hilfe möglich sei.

Eine heiße Woge von etwas, das Liebe glich, durchströmte ihn. Jedenfalls war sein Herz voll Dankbarkeit – er ahnte doch jetzt gewissermaßen eine Möglichkeit, ihr Verhältnis hübsch und zart zu gestalten.

Und er sagte – und meinte es auch –, während er ihren Kopf zwischen seine Hände nahm und ihr Gesicht zu seinen mild eindringlichen Augen aufhob, und seine Stimme bekam einen hellen und glücklichen Klang:

»Du ahnst nicht, wie froh es mich machen würde, wenn ich dein guter Freund sein dürfte.« »Hast du mich denn gern?« fragte sie, »nur ein ganz klein wenig?«

Er antwortete, ohne ihren Blick loszulassen – er fand, daß er einen großen Sieg gewonnen habe:

»Ich glaube, wir könnten viel Freude aneinander haben, wenn wir uns einigten, Freunde zu werden.«

»Laß es uns versuchen,« sagte sie.

Mehr Worte wurden nicht zwischen ihnen gewechselt. Behutsam zog er sie auf seinen Schoß. Und sie blieben sitzen, Lippen auf Lippen, ohne sich zu küssen, während sie sich zum erstenmal in einem gemeinsamen Genuß und einem gemeinsamen Gefühl begegneten.

Bevor sie ging, verabredeten sie, daß sie sich vorläufig nicht sehen wollten. Sie sollte in der Zurückgezogenheit versuchen, sich zu gewöhnen, ihn zu entbehren. Um damit ein neues Recht auf ihn zu gewinnen.

Er war so jubelnd froh, sich endlich von dem Alpdruck dieser letzten Monate befreit zu fühlen, daß er ohne Heuchelei mit ihr davon sprechen konnte, wie wunderschön sie ihre Zukunft gestalten wollten.

15

Am ersten Tag schickte er ihr anonym Blumen. Am nächsten Morgen bekam er folgende Zeilen:

»Dank, mein lieber Freund, wenn die Blumen von Dir waren. Und wenn sie es nicht waren, so reiße mich jedenfalls nicht aus der glücklichen Illusion!«

Es machte ihm Freude, ihr eine Überraschung bereitet zu haben. Gleichzeitig aber bekam er Angst, daß sie mehr in seine kleine Galanterie hineinlegte, als er gewollt hatte. Und seine Angst wurde bestärkt, als von jetzt ab jeden Morgen mit der ersten Post ein sehr verliebter Gruß von ihr kam.

Ja, ihr nicht verwöhntes Herz lebte von dem Entzücken über diese Blumen. So zart und liebevoll und bedachtsam konnte nur erund kein anderer in der ganzen Welt sein. Was schadete es da, daß er bisweilen streng und grausam war? Jetzt begriff sie auch, daß er Grund gehabt hatte, böse auf sie zu sein. Daß er keinen Wert darauf legte, sie körperlich zu besitzen, sondern sie lieber zur Freundin haben wollte, war ja nur begreiflich. Für einen Mann wie ihn war es sicher leicht, Verhältnisse zu bekommen. Sie begriff, daß er sich vor allen Dingen nach einer Freundin sehnte, mit der er über alles sprechen, der er sich ruhig anvertrauen konnte, und die Interesse für alles hatte, was ihn beschäftigte.

Daß er sie nicht so haben wollte, wie er so viele andere gehabt hatte, darauf konnte sie ja nur stolz sein. Tatsächlich hatte er es ihr ja vom ersten Tage an ganz deutlich gesagt. Und es lag nur an ihrer eigenen Dummheit, daß ihr Verhältnis in eine falsche Bahn gekommen war. Weil sie sich gar nicht hatte denken können, daß er etwas anderes und mehr von ihr gewollt hatte. Eigentlich hatte sie sich ihm gegenüber schamlos benommen. Und es war unglaublich nett von ihm, daß er ihrer nicht müde und überdrüssig geworden war, sondern im Gegenteil immer wieder Geduld mit ihr gehabt und Abend für Abend daran gearbeitet hatte, sie zur Vernunft zu bringen. Wenn sie in einiger Zeit – es war gut und richtig, daß sie damit gestraft wurde, ihn eine oder zwei Wochen nicht zu sehen – wieder zu ihm kam, würde er sich über die Veränderung wundern, die mit ihr vorgegangen war. Es war geradezu schwindelnd schön, sich vorzustellen, eines Tages wieder bei ihm zu sitzen. Und dann! – sie errötete ganz konfirmandinnenhaft und gleichzeitig lächelte sie schalkhaft: dann wollte sie ihn eines Tages in Erstaunen setzen, indem sie ihm zeigte, daß sie auch auf erotischem Gebiet nicht so dumm sei, wie er augenscheinlich glaubte. Sie wollte ihm schon die Überzeugung beibringen, daß er auch auf dem Gebiet Freude von ihr haben konnte. Als sie daran dachte, daß sie damit gedroht hatte, ihrem Mann zu beichten, lachte sie laut auf. Die Ohrfeige, die dieses Nachplappern von Abrechnungsszenen aus Romanen ihr eingetragen hatte, war ehrlich verdient gewesen. Jetzt, wo alles sich so wunderbar zum Glück gewendet hatte, konnte sie darüber lachen. Wie nah aber war sie daran gewesen, alles zu verderben! Nein, nie wollte sie ihn wieder mit ihrem verpfuschten Verhältnis zu ihrem Mann quälen, nicht eher, als bis er sie selbst bat, darüber zu sprechen – bis er selbst fand, daß sie das in Ordnung bringen mußten, um zu dem vollkommenen Glück zu kommen.

16

Walter konnte ihr nicht schreiben, ohne daß sie es vorher verabredet hatten, weil sie selbst die Post entgegennehmen mußte. Denn sie hatte nie heimliche Korrespondenzen gehabt, und es kam vor, daß ihr Mann – ohne die Absicht, sie auszuspionieren – Briefe öffnete, die für sie kamen. Und das Telephon war im Kontor. Den ganzen Tag bis nachmittags sieben Uhr nahmen entweder ihr Mann oder sein Bürogehilfe Telephonbestellungen für sie entgegen.

Aber gleich neben der Villa, in der sie wohnten, war ein Postkasten. Und jeden Abend, während ihr Mann die Abendzeitungen las, machte Frau Ellinor mit ihrem Foxterrier einen Gang durch den Garten oder durch die Allee vor der Villa.

Jeden Abend in dieser Zeit wurde ein kleiner blauer Brief – Walter hatte erreicht, daß das gelbe Papier abgeschafft wurde – in den Postkasten geworfen. »Tip« kannte schon den Weg, lief gleich zum Postkasten und hob das Bein.

17

( Aus ihren Briefen )

Es ist nicht so schlimm, Dich nicht zu sehen, wie ich geglaubt habe. Denn jetzt weiß ich ja, daß Du mich gern hast.

Noch stehen Deine Rosen auf meinem Schreibtisch.

Er neckte mich heute mit ihnen. »Findest Du die noch schön?« fragte er. »Darf ich Dir nicht frische zur Ablösung schenken?«

Ich antwortete (und ich fand selbst, daß es ganz fein war): »Die Blumen, die Du mir an unserem Verlobungstag schenktest, habe ich zwei Jahre aufbewahrt. Und fand sie die ganze Zeit schön. Es dauerte zwei Jahre, bis sie welkten.«

DeineRosen, geliebter Freund, werden nie für mich welken.

   

Hörst Du mich nicht oft auf Deinen Treppen? Ich bin fast immer da. So intensiv lebe ich mich in den Traum hinein, daß ich die Stufen knarren höre. Und doch schleiche ich so vorsichtig. Plötzlich höre ich, daß der Türdrücker von innen angefaßt wird. Und ich stürze davon – und finde mich an meinem Schreibtisch sitzend.

Aber fürchte nichts: ich komme nicht, bevor Du mich haben willst. Ich bin glücklich in dem Bewußtsein, daß ich Dich nicht mehr quäle. Und träume von dem Tage, wo Du froh sein wirst, wenn ich wieder zu Dir komme.

   

Es ist so seltsam, gar nicht zu wissen, was Du denkst. In gewisser Weise herrlich, denn so kann ich Dich antworten lassen, wie ich möchte, daß Du antworten sollst. Eigentlich habe ich Dich jetzt viel mehr als früher.

   

Mein geliebter Freund – werde nicht böse! Ich habe eine Bitte an Dich. Geh morgen um zwei Uhr an unserer Villa vorbei! Er sieht Dich nicht, denn Du weißt: das Kontor liegt zum Garten hinaus.

WillstDu? Du weißt nicht, wie glücklich Du mich machen würdest.

   

Du kamst nicht. Und ich weiß nicht, warum. Es kann ja sein, daß Du verhindert warst, daß es Dir ganz unmöglich war.

Aber ich hatte mich so darauf gefreut, nur einen Schimmer von Dir zu sehen, und als ich vergeblich bis nach halb vier Uhr gewartet hatte, war ich so betrübt, daß ich zu Bett ging, ein Schlafpulver nahm und mich in Schlaf weinte. Heute habe ich Kopfschmerzen und sehe uralt aus.

Nun mußt Du aber gut sein: Er ist morgen zu einem Herrenessen. Schicke mir mit einem Boten zwischen sieben und acht Uhr nur zwei Worte! Du mußt doch zugeben, daß ich in diesen Tagen nicht anspruchsvoll gewesen bin.

18

Für Hermann Walter war die vergangene Woche eine qualvolle Freiheitszeit gewesen.

Was half es, daß sie nicht mehr kam? Ihre Briefe umklammerten ihn fester und fester. Gerade weil sie ihn nicht sah, nicht hörte, gestattete ihre Phantasie ihr, ihn mehr und mehr in Besitz zu nehmen.

Sie hatte also keine Silbe von dem verstanden, was er meinte, oder sie wollteihn nicht verstehen. Es machte ihn bebend nervös, daß sie sich ihm jeden Tag aufdrängte, ohne daß er sie sich fernzuhalten vermochte. Mit jedem Brief, den er unbeantwortet lassen mußte, nahm sie sich neues Recht über ihn.

Endlich gab sie ihm Gelegenheit zu antworten. Aber er fühlte, daß es zu spät war.

Er wollteja nicht brutal sein. Oder richtiger: im tiefsten Innern wollte er es vielleicht. War sie ihm im Grunde nicht eine vollkommen gleichgültige Person? Ja und nein. Denn so gerührt ist am Ende jeder Mann über eine Frau, die ihm ihr Herz und ihren Körper anbietet – wenn sie nicht häßlich oder gewöhnlich ist –, daß er ihr gegenüber nicht ganz geringschätzig oder gleichgültig bleiben kann. Seine Einbildung und Selbstzufriedenheit sagen ihm ständig, daß ihre Verliebtheit entschuldbar – ja, begreiflich ist.

Er schrieb:

»Liebe Ellinor. Das nennst Du vernünftig sein? Glaubst Du, daß wir auf diese Weise den ruhigen Freundschaftston finden?

Ich kann Dir natürlich nicht böse sein, weil Du mich liebst. Aber ich bin nun einmal so, wie ich bin! Und habe Dich auf ganz andere Weise gern.

Ich kann nicht wie ein junger verliebter Student vor Deinen Fenstern auf- und abrennen. Ich würde mich in meinen eigenen Augen lächerlich machen.

Was in aller Welt willst Du? Ich kann Dir nicht mehr geben, als ich kann. Könntest Du Dir nicht etwas Mühe geben, mich zu verstehen?«

19

Ein kalter Windhauch hatte ihr Kartenhaus umgeblasen.

Da saß sie mit seinem Brief im Schoß, und der Kopf war ihr ganz leer. Sie war wie erstarrt.

Bis es sie plötzlich wie ein Fieberschauer durchfuhr: Ich hasse ihn.

Sie nahm sich mit einem Ruck zusammen, erhob sich und ging zum Schreibtisch. Nahm mit vor Kälte zitternden Händen Feder und Papier und schrieb in fliegender Eile:

»Jetzt ist es genug. Ich kann mich nicht mehr auf diese Weise behandeln lassen. Ich halte es nicht aus. Wie kann ein Mensch so schlecht und unbarmherzig sein! Ich weiß jetzt, was Du wünschst. Und Du sollstvon mir befreit werden. Ich werde sogar Mitleid mit Deiner Feigheit haben und keinen Skandal machen.«

Es war eine Hast in ihr – sie fand, es gelte hiermit fertig zu werden. Ohne Hut, ohne Jacke lief sie über die Straße, des Hundes kaum achtend, der lustig kläffend voransprang.

In dem Augenblick aber, als der Brief in den Kasten fiel, wurde sie von Entsetzen ergriffen.

Was hatte sie getan? War sie denn ganz verrückt? Hilflos stand sie und starrte den Kasten an. Gab es denn keine Möglichkeit, den Brief zurückzubekommen? Sie versuchte ihre Finger durch den Spalt zu klemmen – soweit sie reichen konnte, war der Kasten leer. Jetzt erinnerte sie sich auch des klappenden Geräusches, als der Brief hineinfiel: Der Kasten mußte ungefähr leer sein und der Brief lag ganz unten auf dem Boden.

Es gab also nur einen Ausweg: sie mußte ihm einen neuen Brief schicken, der ihn gleichzeitig erreichte.

Jeden Augenblick konnte ihr Mann zurückkommen. Es war keine Zeit zu verlieren. Sie rannte ins Haus, setzte sich an den Schreibtisch und schrieb:

»Verzeih mir! Versuche mir zu verzeihen! Versuche mich zu verstehen! Ich liebe Dich. Ist das ein Verbrechen? Verdient das eine so harte Strafe? Ich muß Dich sprechen, komme morgen zur gewöhnlichen Stunde zu Dir. Wir müssen uns sprechen. Ich muß wissen, ob ich leben soll, oder ob Du lieber willst, daß ich mich töte. Befiehl über mich, mach mit mir, was Du willst! Ich hänge nicht am Leben. Du hast mir früher einmal verboten, zu sterben. Meintest Du etwas damit? Ich bitte Dich nur um das eine: daß Du mir die Wahrheit sagst.

Ich weiß, ich handle kläglich. Denn es gibt ja nichts zu fragen, sonst hättest Du nicht so geschrieben.«

20

Erst drei Tage später bekam er ihre beiden Briefe. Denn eine geschäftliche Angelegenheit hatte ihn telegraphisch abgerufen.

Außer diesen beiden Briefen aber war da noch ein dritter. Er lautete:

»Darf man so brutal sein? Darf man so rücksichtslos auf einem verquälten Herzen herumtreten?

Wenn ich Dir auch widerlich bin; wenn Du mich auch mißachtest: darfst Du trotzdem so handeln?

Ich stand vor Deiner Tür und klopfte demütig an. Ich flehte um Einlaß. Du aber ließest mich, zu meinem eigenen Spott, wie eine aufdringliche Bettlerin draußen stehen.

Da bat ich in meiner Qual Gott, daß er Dich strafen möge.

Und ich ging mit erhobenem Haupt fort, mit einem Haß, der in aller Ewigkeit über Dir stammen wird.

Es gibt keine Qual, keine Demütigung, keine Schmach, die mein mißhandeltes Herz nicht auf Dich herabwünscht.

Du hast Deinen Willen bekommen. Du bist frei. Aber, bei Gott im Himmel: mein Haß verläßt Dich nicht. Und er soll wie eine drohende Wolke über Deinen Gedanken brüten. Ich kann Dich nicht damit erfreuen, daß ich jetzt sterben will. Ich warte, bis es mir eines Tages paßt, bis ich weiß, daß die Tat einen kalten und tötenden Schatten auf Deinen niederträchtigen Siegeszug werfen wird.«

Sein erstes Gefühl an dem Morgen, als er heimkehrte und diese drei Briefe gelesen hatte, war Widerwille. Und er dachte: mag sie in ihrem Haß vermodern! Sie hat mich mehr gepeinigt als sonst eine.

Und er arbeitete den ganzen Tag, ohne einen Gedanken an sie, leicht und befreit.

Als er aber abends in seinem Arbeitszimmer saß und schrieb, wurde sein Gehirn plötzlich müde, und die Feder ruhte. Er saß in einem schweren Halbschlummer, die Feder noch immer in der Hand. Und als er mit einem Ruck erwachte, war ihm, als ob er im Traum ein Klopfen an der Tür gehört habe.

Im selben Augenblick sah er sie wie in einer Halluzination, kniend, flehend, schluchzend vor seiner unbarmherzig verschlossenen Flurtür.

Ein zärtliches Mitleid durchströmte ihn. Und er sagte sich selbst: Wenn man einer solchen Liebe begegnet – mag ihre Form, ihre Art, sich zu äußern, mehr oder weniger schön sein –, ist man so reich, daß man sie wegwerfen darf?

Er begriff ihren Haß. Armes Kind – sie hatte ja geglaubt, daß er kaltlächelnd hier drinnen säße, während sie draußen stand und um Einlaß flehte.

Nein, so konnte und wollte er nicht von ihr scheiden. Ihre überspannten Drohungen fürchtete er nicht. Denn sie schrieb ja, daß sie warten würde, daß sie es genießen wolle, ihn auf die Folter zu spannen. Ein Selbstmörder aber, der warten will, stirbt meistens einen sanften Strohtod – an Altersschwäche.

Aber der Gedanke war ihm unerträglich, daß sie ihn ungerecht haßte. Das war sinnlos. Er wollte ihr ja kein Leid antun. Im Gegenteil, er wollte gut gegen sie sein. Ja, wirklich. Das bildete er sich nicht nur ein, weil ihm daran lag, sich von dem Verdacht einer unfeinen Handlungsweise zu reinigen.

Wenn er sie nur zehn Minuten sprechen könnte! Er würde warm und herzlich eine Beredsamkeit entfalten, die sie überzeugen müßte. Er würde Sonne und Freude in ihre schwere, trübe Seele strahlen lassen, er wollte gut und behutsam sein, wollte sie mit weichen, sanften Händen streicheln, wollte ihre Freundschaft so hoch preisen, daß sie stolz und glücklich sein würde.

Es galt nur, sie zum Kommen zu bewegen. Aber sie würde natürlich kommen, sobald sie erfuhr, daß er ihr keine Beleidigung zugefügt hatte.

Es gab keinen anderen Weg: er mußte ihr einige Zeilen senden und es darauf ankommen lassen, daß sie dem Mann in die Hände fielen. Am besten war es gewiß, wenn der Brief mit der ersten Morgenpost kam; sie hatten getrennte Schlafzimmer und erhielten wahrscheinlich ihre Post morgens auf dem Zimmer.

Auf alle Fälle war es das beste, den Brief so abzufassen, daß der Mann keinen Verdacht bekam, wenn er ihn öffnete.

Er schrieb:

Liebe Frau Ellinor! Wir haben uns seit einer Ewigkeit nicht gesehen. Ihr Mann hat wohl wie gewöhnlich viel zu tun gehabt. Ich ebenfalls. Unter anderm bin ich einige Tage in Geschäftsangelegenheiten verreist gewesen. Kam erst heute morgen zurück. Ich sehne mich, Sie zu sehen (ihn natürlich auch). Habe Ihnen eine Menge zu erzählen. Telephonieren Sie mir bitte, ob Sie einen der ersten Abende bei mir speisen wollen. Dann können Sie mir auch sagen, ob ich noch andere einladen soll. Am liebsten wäre ich mit Ihnen allein (und mit ihm – natürlich).«

Zufrieden mit der Form, die er dem Brief gegeben hatte, warf er ihn in den nächsten Postkasten.

Und er fand, daß jetzt alles in schönster Ordnung sei. Er hatte sich von einem törichten Verdacht gereinigt, und siewürde strahlend glücklich werden.

21

Es war eine Enttäuschung für ihn, daß der ganze nächste Tag ohne Telephonanruf und ohne Brief verging. Nun, vielleicht hatte sie zu einer Zeit angerufen, wo sowohl er wie seine Haushälterin ausgegangen waren. – –

Am Morgen des nächsten Tages kam sein Brief ungeöffnet zurück – in einem Kuwert mit ihrer Aufschrift. Auf seinKuwert hatte sie geschrieben: »Verbitte mir Briefe. Sie müssen Ihre Gemeinheiten jetzt einstellen. Ich habe nur noch die eine Bitte an Sie, daß Sie mich nicht aus Rachsucht zu kompromittieren versuchen.«

Zum erstenmal in seinem Leben fühlte er sich hilflos ohnmächtig. Hier war ein Fall, wo er sich durchaus schuldlos wußte. Und gerade hier schlössen sich die Gefängnismauern unbarmherzig um ihn. Er lief mit der Stirn dagegen. Niemand hörte ihn. Er konnte seine Unschuld so viel herausschreien, wie er wollte: die Mauern schlössen sich kalt und gleichgültig.

Er machte einen letzten Versuch, obgleich er im voraus wußte, daß er mißglücken würde.

Er telephonierte ihrem Mann. Er wollte sie durch ihn wissen lassen, daß er verreist gewesen sei.

Aber er kam nicht einmal dazu, von seiner Reise zu erzählen. Natürlich hatte sie einen Angriff von dieser Seite vorausgesehen. Er merkte gleich am Ton ihres Mannes, daß auch hier alles gesperrt sei.

»Entschuldigen Sie – ich bin mitten in einer wichtigen Unterredung,« war die Antwort, als er Verbindung bekommen hatte – und gleich darauf eiskalt: »Sehr freundlich von Ihnen. Aber meine Frau geht in dieser Zeit nicht aus. Ja, ja. Wir werden sehen. Ich will mit ihr sprechen. Wir werden dann anrufen.«

Weiter kam er nicht. Und es wurde nie telephoniert.

Lange Zeit bedrückte ihn sein Erlebnis mit Frau Ellinor. Dann vergaß er es allmählich. Hatte nur ein Gefühl des Unbehagens, wenn es ab und zu in seiner Erinnerung auftauchte.

Ein Jahr später verliebte er sich stark in eine junge Schauspielerin. Und der Stadtklatsch beschäftigte sich sehr mit dieser Geschichte.

Eines Abends, als er mit seiner süßen, jungen Geliebten beisammen saß, klingelte das Telephon. Er nahm den Hörer, obgleich sie protestierte, und hörte Ellinors Stimme wie einen fernen Klang:

»Lebwohl!«

Am nächsten Tage brachten die Zeitungen die Mitteilung von ihrem plötzlichen Tod. Aber keine machte eine Sensation daraus.

Als er das nächste Mal mit seiner Geliebten zusammen war, fragte sie leichthin, während sie ihr Korsett ablegte: »Kanntest du die verrückte Frau Weber, die sich neulich das Leben genommen hat?«

Er antwortete und legte seinen Arm um ihren befreiten, weichen Leib: »Ich kannte sie ganz flüchtig. Wir haben eine kurze Zeit miteinander korrespondiert. Aber der Briefwechsel hörte bald auf. Sie war klug, aber überspannt. Wir paßten nicht zueinander.«

»Magst du mich leiden?« fragte die junge Schauspielerin, die nackten, weißen Arme um seinen Hals:

»Passen wirzueinander?«


 << zurück weiter >>