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[Kriminalgeschichten]

I.
Mord an seiner Frau, um ihre Seele zu retten.


Auf einem Dorfe ungefähr eine starke Meile von Dresden, Birnichen mit Nahmen, lebte vor wenig Jahren ein Bauer, Nahmens Heine; er besaß einiges Vermögen, und einen unbescholtenen Ruf, so lang er ledig blieb. Aber kaum war er verheirathet, als ihn die Eifersucht seiner Frau oft aus dem Hause trieb, und die Gesellschaft seines Schwiegervaters zu Trunk und Spiel verleitete. Er verließ nachher zwar den Ort, wo er bisher gelebt hatte und kaufte in einem andern Dorfe ein ansehnliches Gut; doch da er auch hier sein unordentliches Leben fortsetzte, und da weder er selbst, noch seine Frau der Landwirthschaft sich thätig annahmen, so geriethen sie von Tag zu Tag in mehreren Verfall ihres Vermögens; die Schuldner klagten, der Tag der Hülfsvollstreckung war bereits angesetzt; seine Brüder, die wohlhabend und bis jetzt seine letzte Hoffnung gewesen waren, sagten sich von ihm los, und sein Ruin war entschieden.

Doch alles Dieß war nur geringes Leiden gegen einen andern täglichen Verdruß. Seine Frau nähmlich, die den Gedanken der herannahenden Armuth noch weit weniger, als er selbst, ertragen konnte, unterließ nicht, ihn jeden Augenblick mit Vorwürfen zu überhäufen. »Er allein, hieß es, habe sie in dieses unübersehbare Elend gestürzt, wo der Bettelstab, wo Schimpf und Qual ihrer warteten, und wovon nur ein freiwilliger Tod sie erlösen könne. Nächstens sey sie entschlossen, denselben sich anzuthun: denn unmöglich könne dort, wenn sie auch ungerufen komme, kein so großer Jammer ihr bestimmt seyn; wohl aber müsse die ganze Last ihrer Verdammung immer und ewig auf demjenigen ruhen, der sie zu diesem Schritte gedrängt habe.«

Diese letzte Drohung erschütterte ihn tief: er hörte sie so oft und mit so ernstlichem Tone wiederhohlt; spürte in seiner Gattinn übrigen Handlungen einen mit jedem Tage so sichtlich wachsenden Tiefsinn, daß er an der Wahrheit ihres Entwurfs nicht zweifeln konnte, und fühlte daher das Besorgniß eines traurigen Endes auch täglich bei sich gemehrt. – Vorstellungen aus Gründen der Religion wirken tiefer, als alle irdische; das ist eine gewöhnliche und auch hier bestärkte Wahrnehmung. Ihn, der bisher mit ruhiger Gelassenheit sich dem Abgrund der äußersten Dürftigkeit genähert hatte, war der Gedanke, Schuld am Verderben einer Seele, zumal der Seele seiner Frau, zu seyn, – war die Vorstellung von der Anklage in jenem Leben so schrecklich, daß er alles zu thun beschloß, um solcher, es sey auf welche Art es wolle, los zu werden. Der Verlust seines eignen Lebens, wo er nur Elend und Gewissensbisse seiner warten sah, war ihm hierbey eine Kleinigkeit, und es erhob sich im Innern seines Herzens ein Gedanke, der bald zum Vorsatz ward; zum festen Vorsatz, seine Frau umzubringen, eh sie selbst Hand an sich lege; zuvor aber, da nicht Haß, sondern wahre Liebe zu diesem schrecklichen Vorhaben ihn verleite, auch alles zu thun, was ihre Seele zu retten dienlich wäre.

Sein erstes Bestreben ging nunmehr dahin, ihr wieder Hoffnung zur Verbesserung ihrer Glücksumstände zu machen. Es gelang ihm durch falsche Nachrichten, die er ihr von seinem Advocaten und von seinen Brüdern brachte. Die arme Unglückliche glaubte bald, was sie so eifrig wünschte, und fing an sich von Neuem aufzuheitern. Kaum merkte er Dieß, als er ihr vorschlug, das heilige Abendmahl zu genießen; auch dazu war sie willig, und Beyde empfingen es mit möglichster Andacht; er bethete selbst mit ihr, sprach viel vom Sterben, kurz, that Alles, was, seiner Einfalt nach, ihm fähig zu seyn dünkte, sie, unbemerkt und unwissend, zu dem nahen wichtigen Schritt vorzubereiten.

Indeß nahte sich der zur Hülfsvollstreckung bestimmte Tag. Er wandte heimlich alles Mögliche an, um ihn noch zu entfernen; jedoch umsonst; und als er nun Alles verloren sah, setzte er den Abend vorher zur Vollbringung seines Vorhabens an. Er war in der Stadt gewesen, und täuschte, als er heim kam, seine Frau von neuem mit den günstigsten Nachrichten. Sie ging froh zu Bette; er setzte sich vor dasselbige, sprach mit ihr von verschiednen künftigen Einrichtungen, las ihr einige Kapitel aus der Bibel und einige Gebethe vor, und so entschlief sie. – Kaum sah er Dieß, als er zu dem bereit liegenden tödtlichen Gewehr, einer geladenen Flinte, eilte; er drückte diese auf sie los, und sie starb, ohne selbst zu wissen, wie? Sein Rufen sowohl, als der Schuß, erweckten das Hausgesinde; sein Geständniß setzte alle außer sich; nur Er blieb gelassen, und schickte selbst nach den Gerichten, denen er sich willig gefangen gab; die ganze Zeit seiner Haft hindurch den ersten Muth beybehielt, und endlich seine Strafe mit einer Unerschrockenheit litt, die jeden Zuschauer zum Mitleid bewegte.

Wie viel hier Stoff zur Ausschmückung und Verschönerung vorräthig wäre, sieht jeder leicht. Mit Vorbeilassung alles dessen frag' ich blos: Wo ist derjenige, der mir unwidersprechlich sagen kann, daß dieser arme Inquisit gut oder böse, mitleidig oder grausam gehandelt habe? Ob ein stärkerer Beweis gutgemeinter Liebe möglich gewesen sey? und ob nicht ein solcher Fehltritt, der vor menschlichem Richterstuhl allerdings des Todes werth war, vor jenem höhern Tribunal ein verzeihlicher, wo nicht gar verdienstlicher Irrthum gewesen seyn dürfte. – O ihr Kenner des menschlichen Herzens! ihr wollt zuweilen ein Fältchen desselben entwickeln; aber Million-Tausend entschlüpfen euch. – Und ihr Aufzeichner menschlicher Begebenheiten, was gilt es, bey eben erzählter Begebenheit stand in zwölf Zeitungsblättern: »Den und den Tag ward gerichtet N. N.! Er hatte liederlich sein ganzes Vermögen verschwendet, und dann seine Frau umgebracht.« – Kein unwahres Wort, und doch jedes so falsch.


II.
Unkeusche, Mörderinn, Mordbrennerinn, und doch bloß ein unglückliches Mädchen.


Größten Theils wörtlich, und gewiß ohne Auslassung eines Umstandes aus einem Briefe gezogen, den ich vom 18ten April 1785 aus Liefland erhielt, und für den ich hier nochmahls dem freundschaftlichen, wiewohl mir unbekannten Hrn. Einsender danke. Ich machte sie zuerst in meiner damaligen Quartalschrift unter der von ihm selbst gegebenen Überschrift: Mörderin, Unkeusche, und Mordbrennerin, doch aber nur ein gutes, Mitleid verdienendes Mädchen bekannt. In der deutschen Monatschrift, Junius 1790, erzählte später nachher Hr. Regierungsreferendar Schwarz unter dem Nahmen, Natalie, eine Begebenheit, die allerdings sehr viel Ähnlichkeit mit der obenstehenden hat, doch aber in verschiedenen Umständen abweicht.

Ein angesehener Kaufmann zu Nowgorod hatte nur eine einzige Tochter, und sparte um desto weniger bey ihrer Erziehung Mühe und Kosten. Beyde waren auch nicht vergebens angewandt. Das Mädchen hatte, als sie herangewachsen, alle Eigenschaften, die man jetzt von einem wohlgebildeten Frauenzimmer fordert; und besaß überdieß noch ein gutes, unverdorbenes Herz. Kein Wunder daher, daß dieses reizende Geschöpf bald ein Augenmerk vieler junger Männer ward; und daß manche Mütter bei ihrem Anblick mit sehnlichem Wunsch an die Lieblinge unter ihren Söhnen dachten.

Jetzt, als sie so eben kaum zur völligen Blüthe gekommen war, bewarben sich zwey Kaufleute um sie. Auch hier fand sich der so gewöhnliche Fall: daß der angenehmere Mann nicht reich, der Reichere nicht angenehm war; daß Dieser an den Vater, Jener ans Mädchen selbst sich wendete; und daß Dieser älterliche Vertröstung, Jener aber Gegenliebe erhielt. Als der Vater, in der Person seines Begünstigten, der Tochter einen künftigen Gemahl vorstellte, sparte diese weder Bitten, noch Gründe, noch Schmeicheleyen, um ihn zu bewegen: daß er seine Wahl gegen die ihrige umtausche; aber sie erreichte nur halb ihren Zweck. Er liebte seine hoffnungsvolle Tochter so innig, daß er ihr endlich mit Wort und Handschlag versprach, nie einen Mann ihr aufzudringen; aber er bestand dagegen auch ernstlich, und vielleicht gar mit einiger Schärfe darauf: daß sie ihrem Günstling nicht minder entsagen solle; und das Ende vom Liede war: daß wirklich Beyde abgewiesen wurden.

Das Mädchen hatte das Versprechen, ihren Liebhaber zu verabschieden, in wahrem Ernste gethan. Als sie aber nachher hörte, daß er, ihrer anscheinenden Härte ungeachtet, eben so standhaft auf seiner Neigung beharre, als jener väterliche Günstling sich bald zu trösten gewußt habe; da blieb freylich immer noch ein Funken der alten Zärtlichkeit zurück; und so standhaft sie eine geraume Zeit hindurch seine wiederhohlten Bewerbungen abwies; so brachte er es doch durch Bestechung einer Aufwärterin, und zwar einer, die nicht vom letzten SchlageMan pflegt den Russinnen schon als Kind in der Wiege eine Aufwärterinn zu geben, die nachher durch ihr ganzes Leben bey ihnen bleibt, und mir viel Aehnlichkeit mit jenen Ammen der Alten zu haben scheinen, die wir im Homer, Terenz, und Andern treffen, und die gewöhnlich ihrer Säugtöchter Freundinnen bis zur Mannbarkeit und selbst bis in ihr Alter blieben. war, endlich dahin, daß sie sich wieder etwas von ihm vorerzählen ließ; daß sie bald darauf abermahls seine Briefe, und zuletzt gar seine Besuche annahm.

Als sie einst so beysammen in Gesprächen der Liebe, und zwar wirklich unschuldigen Gesprächen saßen, trat die Alte bestürzt herein, und meldete die Ankunft des verreist gewesenen Vaters. In dieser Angst war kein anderer Rath, als den Geliebten schnell ins Bett zu verbergen, und ihn mit einer Menge Federkissen aufs beste zuzudecken. So empfing man den Vater. Dieser setzte sich gerade aufs Bett hin, blieb eine geraume Zeit darauf sitzen, und ging endlich, nach mancher langen Erzählung, die seine Tochter ihm gern geschenkt hätte, ohne etwas zu merken, hinweg. Das Mädchen eilte nun sogleich, ihren Liebhaber zu befreyen. Die Eilfertigkeit, mit welcher sie die Federbetten hinwegriß, kann man leicht sich vorstellen; aber kaum das Schrecken, mit welchem sie ihn todt, todt durch ihre Schuld fand. Denn der Vater hatte sich gerade auf den Kopf dieses Unglücklichen gesetzt. Mit einer Standhaftigkeit, die wohl Heldenmuth genannt zu werden verdient, hatte dieser Letztere selbst in den Todesängsten, sich nicht gerührt, und war erstickt. – Ein solcher Anblick war schrecklich, oder vielmehr tödtend beynahe für das arme Mädchen. Nichts ließ sie unversucht, ihren Geliebten ins Leben zurückzurufen; Alles umsonst. Und was nun mit dem Leichname anfangen? Sich jetzt der Härte eines Vaters ausgesetzt, einer gerichtlichen Untersuchung bloß gestellt, vielleicht gar mit Kerker und Leibesstrafe belegt zu sehen! Wie fürchterlich war diese Aussicht. Der Rath der alten Kupplerinn fand daher endlich Beyfall. Der Bediente ihres Vaters, ein häßlicher Kerl von Leib und Seele, liebte den Trunk, und bedurfte Geld. Ihm wollte man eine ansehnliche Belohnung versprechen, wenn er den Leichnam nähme und in den nächsten Canal wärfe. Liebe und Schmerz machten noch manche Einwendungen dagegen; aber Nothwendigkeit drang endlich durch.

Die Alte ging, den Kerl aufzusuchen; aber schrecklich war die Antwort, mit welcher sie wieder kam. Denn kaum hatte dieser Bösewicht vernommen, was er thun sollte, so übersah er auch schon die Verlegenheit ganz, in welcher die beyden Frauenspersonen sich befinden müßten; war zur Wegschaffung der Leichnams zwar erböthig; forderte aber zum Lohn dieses Dienstes: daß seine Gebietherinn seinen viehischen Lüsten sich überlassen sollte. Vergebens hatte die Aufwärterinn ihm Geld über Geld versprochen; vergebens sich selbst zur Befriedigung seiner Wollust angebothen; vergebens, auf sein Hohngelächter, eine jüngere Liebschaft zu verschaffen sich verbindlich gemacht. Er blieb bey seinem Begehren, und sie mußte die Nachricht überbringen.

Mit äußerstem Abscheu lehnte das Mädchen diesen Vorschlag ab. Der Bediente ward selbst gerufen; sie both ihm zum Geschenke Alles an, was sie von barem Gelde besaß. Sie both ihm sogar ihre Juwelen, die – da sie eine Russinn war, – auf hohen Werth sich beliefen. Sie erklärte sich mit der möglichsten Entschlossenheit, daß sie in sein voriges Verlangen nie willigen werde. Aber der verstockte Nichtswürdige beharrte auf seiner Bedingung; und drohte endlich, als das Weigern ihm zu lange währte, sogleich hinzugehen, und der Obrigkeit Alles, Alles anzuzeigen.

Jetzt, da der Jammer immer größer wurde, der Morgen nicht mehr fern war, jener Bösewicht sich wirklich bereits zum Weggehen anschickte; entfernte ihn die Alte noch auf einige Augenblicke, und fiel ihrer Pflegetochter weinend zu Füßen. Sie stellte ihr die Größe und Nähe der Gefahr, die Leichtigkeit sich zu retten, das Verschwiegenbleiben einer zweyfachen Schmach vor. Sie erinnerte sie an die Dankbarkeit, die sie ihr schuldig sey, an die Knute, die ihr als Unterhändlerinn unausbleiblich drohe, und an den Verlust des eignen Glücks und aller väterlichen Liebe. Kurz, sie brachte es endlich dahin, daß das arme Geschöpf nachgab, und zitternd, wie ein Opferthier, in einen Schritt willigte, statt dessen sie nachher lieber zweyfachen Tod erwählt hätte.

Der Leichnam ward nun fortgeschafft. Niemand errieth am andern Morgen, als er gefunden ward, sein wahres Schicksal. Aber jener Bediente, im Besitz zweyer so wichtiger Geheimnisse, konnte nun fortan so viel Geld bekommen, als er wollte, und ergab sich eben daher dem Trunke immer stärker. Als er nach Verlauf von ein Paar Monathen schon oft mit Angabe gedroht, und, was er verlangte, auch wirklich ertrotzt hatte, saß er einst, wie gewöhnlich, in einer Kabakke oder Schenke, und zechte mit seinen Gefährten, bis er halb sinnlos wurde. In diesem Zustande fragten ihn die Kameraden, denen schon längst sein Überfluß an Gelde bedenklich geschienen hatte, um die Ursache seines vermehrten Wohlstandes; aller Besinnungskraft für die Zukunft jetzt verlustig, antwortete er ihnen mit einer Menge Großsprechereyen, und um ihnen sein Glück recht begreiflich zu machen, um ihre Zweifel zu widerlegen, schickte er alsbald einen von den Aufwärtern zu der Tochter seines Herrn, und ließ ihr entbiethen, sie solle sogleich kommen, und zwanzig Rubel ihm mitbringen.

Das arme Mädchen, unwissend, wie sie sich anders helfen könne, sendete ihm dieselben wirklich. Aber dieser Schändliche, unzufrieden, daß sie nicht selbst komme, schickte das Geld zurück, und verlangte: sie solle es ihm eigenhändig überbringen. In immer wachsender Verlegenheit glaubte die Unglückliche: Gewinn werde ihn besänftigen, und verdoppelte daher die Summe. Doch eben dadurch ward das Ungeheuer nur noch mehr aufgebracht, und er ließ ihr drohen, Alles, was er wisse, zu entdecken, wenn sie nicht sogleich sich einstelle. Umsonst sträubte sich die Bedauernswürdige gegen diesen schmählichen Gang. Jene alte Kupplerinn, die sich nun selbst seit geraumer Zeit schon mit dem Bedienten verstand, drang abermahls in sie, und sie ging.

Als sie in die Schenke kam, überhäufte sie der sinnlose Trunkenbold mit den härtesten Vorwürfen; sie suchte sich auf die sanftmüthigste Art bey ihm zu entschuldigen; aber er hörte nicht darauf, nannte sie eine Hure, und schlug sie. Dieser Schimpf, in so vieler Personen Gegenwart, unter den Augen der niedrigsten Classe von Menschen ihr zugefügt, war allzu groß, und überstieg alles bereits Erduldete. Erst rollten ihr einige Thränen von der Wange herab; dann eilte sie schnell heraus; ein Licht stand ihr draußen im Wege; vom Schmerz ganz außer sich, ergriff sie dasselbe, und steckte, von niemanden bemerkt, die hölzerne Kabakke beym Eingang in Brand. Das Feuer fraß sogleich um sich; das trockene Gesparre loderte wie Schwefel auf; die Wache eilte zu spät herbey; alles Löschen war vergebens; die Schenke verbrannte; und – schrecklich genug! – alle in ihr befindliche Trunkenbolde, zwölf an der Zahl. Man hätte gewiß der eigenen Unvorsichtigkeit dieser Menschen die Schuld des ganzen Unglücks beygemessen; aber die Thäterinn trat sogleich zur Wache, überlieferte sich ihr, und bekannte, was sie gethan habe. Man verhaftete sie, untersuchte den ganzen Vorfall, und überschickte eine genaue Erzählung davon an die Monarchinn.

In Deutschland wäre für die Verbrecherinn Lebensfristung unmöglich gewesen. Aber Katharina sprach:

»Die Tochter des Kaufmanns, weil sie nach und nach, wider ihre Grundsätze, zu einer Handlung verleitet wurde, die sie endlich in ganz sinnloser Verzweiflung begangen habe, solle auf ein Jahr lang ins Kloster gehen, und dort ihre Sünden bereuen. Die alte Aufwärterinn hingegen, die Urheberinn aller dieser Verbrechen, solle die Knute zum Tode erhalten; der Vater nur einen Verweis für seine Härte, denn das Schicksal seiner Tochter bestrafe ihn schon hinlänglich, wenn nicht überscharf.«

Alles dieß ward vollzogen. Nach Verlauf jener Büßungszeit ließ das arme Mädchen, auf ihr eigenes Verlangen, sich einschleyern für immer.


Mord
wegen überdachter Treulosigkeit.


Haag in den Niederlanden, den –: 1775.

Freund, Freund! beynahe möchte ich glauben, daß mein alter mürrischer Hofmeister doch nicht ganz Unrecht hatte, wenn er mich oft mit so fürchterlichem Ernste vor der Liebe warnte. – Wozu sind wir nicht fähig, sobald sie uns leitet! Ihre dünnsten Faden werden Ketten; und was vor ihrem Richterstuhl dann gerecht und löblich ist, das bestrafen oft bürgerliche Gesetze und Gebräuche mit Schimpf, Verlust, ja wohl gar mit dem Tode. – Halten Sie Dieß nicht für Übertreibung. – Gestern erst sah ich hier einen jungen Mann auf das grausamste rädern, der in den Augen der Meisten für einen gräßlichen Mörder galt. Erschüttert von dem Geschrey seiner letzten Qual, eilt' ich weit, weit ins freye Feld, griff in meinen Busen, und fand, daß ich, an seiner Stelle, wahrscheinlich auch gethan hätte, was er that.

»Was hatte denn aber der Arme gethan?« so werden Sie fragen. – Nichts, als sich selbst gerächt; nichts, als sein Mädchen umgebracht. – »Wie?« rufen Sie aus: »das rechnen Sie für nichts, oder wenigstens« – Still, Freund, hören Sie mich erst an!

Ein junger, zwar nicht sehr bemittelter, doch auch nicht ganz armer, hiesiger Kaufmann liebte die Tochter eines andern weit reichern Handelsherrn, und erhielt von ihr die freywillige und oft wiederhohlte Versicherung, daß sie ihn nicht minder liebe. Was er vermochte, wandte er an, um auch die Einwilligung ihrer Ältern zu erlangen. Seine Sitten waren die unbescholtensten, seine Kenntnisse bewährt, sein Betragen und sein Äußerliches angenehm, doch alles Dieß half ihm nichts, denn ihm gebrach, was so manchen Buben hebt: Keckheit und Geld.

So hartnäckig aber auch diese Grausamen auf ihrer Verweigerung beharrten, so gütig wußte das Mädchen selbst ihren Liebhaber wieder aufzurichten. – »Sie kenne,« sagte sie oft zu ihm, »die Denkungsart ihrer Ältern; sie wären allerdings schwer zu bewegen, aber nicht ganz unerbittlich. Die Fortdauer seiner Bewerbung, die Kraft ihrer kindlichen Bitten würde gewiß endlich noch siegen; und wäre Alles umsonst; könnte nichts die Abgeneigten erweichen, nun dann – dann sey sie fest entschlossen, ihm zu folgen, wohin es auch immer sey; zu folgen, wo keine hartherzigen Anverwandten ihrem Glück und ihrer Liebe im Wege stehen sollten.«

Der junge Mann, ganz versunken in seiner Leidenschaft, glaubte blindlings, was sie sagte, und würde den für seinen Todfeind erklärt haben, der an der Wahrheit des geringsten dieser Worte gezweifelt hätte. Er fuhr fort, sein kleines Vermögen zu Bestechungen für die übrigen Verwandten, zu Geschenken für seine Geliebte, die gern Geschenke nahm – und zu seinem eigenen Lebensunterhalte zu verwenden; schlug manches andere vortheilhafte Anerbiethen zu seiner Glücksverbesserung aus; vermied jedes Geschäft, das ihn von hier entfernen konnte, und sah sich endlich mit seiner Casse nach ein Paar Jahren da, wo man sich gewöhnlich zu sehen pflegt, wenn man viel ausgibt, ohne wieder verhältnismäßig einzunehmen.

Da er ihr aus nichts auf der Welt ein Geheimniß machte, so wußte sie dieß Alles gar wohl, und ihre Geschicklichkeit, ihm günstige Hoffnung zu machen, blieb sich so lange vollkommen gleich, bis nun auch das letzte kleine Capital seines Vermögens aufgekündigt und im Schmelzen war.

»Lieber Junge,« sprach sie dann einst, indem sie freundlich mit der einen Hand seine Wange streichelte, und mit der andern sich aus dem Auge eine Thräne wischte, die eigentlich gar nicht im Auge war, »ich kann dir nicht länger verhehlen, was mich nun schon um die Ruhe mancher Nacht gebracht hat. Alle Hoffnung, meine Ältern dir geneigt zu machen, ist in gegenwärtiger Lage deiner Glücksumstände verschwunden. Sie und alle meine Verwandten sind Unmenschen, die kein Verdienst, als das in Goldsäcken kennen. Um uns ehelich zu verbinden, und um zugleich – was doch freylich auch zum menschlichen Leben und Glück gehört – so viel Vermögen zu besitzen, als nöthig ist, uns ohne Kummer zu nähren, seh' ich nur einen Weg noch.«

»Und der ist?«

»Daß du selbst durch Handel und Fleiß dir, wenn auch nicht ein ansehnliches, wenigstens doch ein scheinbares Vermögen zu erwerben suchest; dann bin ich und eine reiche Aussteuer dein.«

»Liebes Mädchen! spottest du meiner? Ich und Vermögen? – Du so lange warten, bis ich, – der ich nun zum Bettler geworden! – mich wieder zum reichen Mann hinauf geschwungen hätte? – Welch ein Einfall!«

»Und doch sehe ich die Unmöglichkeit nicht, die du darin findest. Der Ruf nennt dich einen Mann, der seine Handlungsgeschäfte versteht. Wenn dein Glück zeither und hier nicht blüthe, wer spricht dir die Hoffnung künftig und anderwärts ab? – Mit zwanzig Thalern ging mein Großvater nach Ostindien, mit sieben Tonnen Goldes kam er zurück. Dort ist die Goldgrube der Europäer; selbst Einfältige werden allda reich; und dir, den Erfahrung und Liebe beseelen, sollte Dieß unmöglich seyn?«

Der Unglückliche schwieg ein Paar Secunden lang. Der schreckliche Gedanke: Wie, wenn sie, der du Alles vertrautest, dich verriethe? stieg in ihm empor; er unterdrückte rasch denselben und wandte sich wieder liebevoll zu seinem Mädchen.

»Bester Engel, du sprichst von Ostindien, wie die Verfertiger der Robinsone und der Avanturiers davon zu sprechen pflegen; stellst dir unter jenem Welttheil eine offene Schatzkammer vor, aus der ein Jeder wegtragen kann, was ihm einzustecken gutdäucht. Und doch, doch ist diese Schatzkammer meistentheils das Zuchthaus, oder wohl gar das Grab der Europäer. Bösewichter und Krankheiten lauern dort überall den neuen Ankömmlingen auf, und von Hunderten kommen kaum Zwanzig davon, gedeiht oft kaum Einer. Aber setze auch, dieses ferne Land wäre mild gegen mich; welch ein Zeitraum wird dazu erfordert? Rechne so wenig als du willst: zehn, zwanzig Jahre gehen gewiß fruchtlos vorbey. Meine Wange wird inzwischen braun gebrannt, meine Stirne runzelig, mein Körper durch Scharbock, Fieber, und tausend andere Krankheiten siech gemacht werden. – Endlich komme ich wieder, und finde dich – in dem Arm eines Andern; vielleicht als eine längst verblühte Mutter von Töchtern, die dann das sind, was du jetzt bist.«

»Du verkennst mich! Ich warte auf dich, und wenn ich nie einen Mann als meinen Mann küssen sollte.«

»Aber der Ungestüm deiner Ältern indeß? deine fruchtlose Schwermuth; die Verleumdung deiner Mitbürger; die – – –«

»Was ist mir dieß Alles, wenn ich es für dich leide?«

»Ha! nun habe ich dich, wo ich dich haben wollte! Willst du dieß Alles meinetwegen auch ohne mich leiden, o! so theile lieber gleich jetzt dein Geschick mit mir! – Gib mir deine Hand, und ich fliege dann an derselben, wohin du es haben willst, gegen Mitternacht, Morgen oder Mittag! – Du wirst blaß? du schweigst? – Theure, wie oft versprachst du mir sonst ungebethen das zu thun! Halte mir es nun auch, da ich dich darum bitte!«

Das Mädchen, durch diese letzte Rede überrascht, sah freylich sich in ihrer eigenen Schlinge gefangen; aber sie nahm zum gewöhnlichen Hülfsmittel falscher Seelen, zur Hartnäckigkeit, ihre Zuflucht. Seinen Gründen setzte sie Thränen, seinen Bitten zehn Mahl widerlegte Einwürfe entgegen; und der arme junge Mann ging trostlos von ihr. – Er sah, beym einsamen Erwägen des ihm geschehenen Vorschlags, gar wohl die Tücken ein, die hier auf ihn lauerten; er war bereits fest entschlossen, sich nicht umsonst betrügen zu lassen; aber er wollte doch auch zuvor ganz überzeugt seyn, ehe er es glaube und sich räche.

Alles, was ihm noch von barem Gelde übrig geblieben war, mochte kaum hundert Thaler betragen; er nahm einen ansehnlichen Theil davon, und bestach die Vertraute seiner Geliebten. Das Kammermädchen widerstand lange, aber endlich ergab sie sich. – Von ihr erfuhr er ein heimliches Verständniß seiner Treulosen mit eines reichen Banquiers Sohne; von ihr erfuhr er, daß sie sich oft Briefe schrieben; von ihr erhielt er endlich das Versprechen, daß ihm nächstens eines dieser Sendschreiben in die Hände gespielt werden sollte.

Seine Wuth war ohne Grenzen; aber auch jetzt zwang er sich; sah sein sogenanntes Mädchen noch an dem nähmlichen Tage; versicherte der Niederträchtigen: daß er ihrem Vorschlage weiter nachgedacht, ihn thunlich befunden, ja sich bereits auf einem bald abgehenden Schiffe verdungen habe; ward deßfalls äußerst von ihr gelobt, und erhielt zwey Tage darauf durch die bestochene Aufwärterinn ein Billet, welches für seinen Nebenbuhler bestimmt, und folgenden Inhalts war:

»In drey Tagen, mein Bester, sind wir Beyde ganz ohne Sorgen. – Jener gute Narr glaubt Alles, was ich ihm vorgeschwatzt habe, und geht morgen zu Schiffe. Von Ostindien aus kommt dann sein Einspruch, er komme, wann er wolle, viel zu spät. – Glaubst du nun endlich, du getaufter Ungläubiger, daß ich dich mehr liebe, als ihn? Nur sprich fein bald mit meinen Ältern; ich weiß, sie sind dir gewogen, und erwarten bloß das Ehrenwort, um dir ihre Einwilligung zu geben.«

»Dieß, dieß der Lohn, den ich um diese Schlange verdient habe?« rief der Arme, indem er das Billet durchlas; seine Augen hatten keine Thränen mehr, und sein Herz war gestählt. Er eilte hin zu ihr, sie empfing ihn mit der möglichsten Verstellung, und er meldete ihr, daß er Abschied zu nehmen komme. – »Nur noch einen Tag also!« rief sie, und schlang ihren Arm um ihn. Sie wartete nicht, bis er sie küssen würde; sie kam ihm so brünstig zuvor, daß der Unglückliche wirklich auf zwey Augenblicke vergaß, in wessen Armen er sich befände.

Aber bald ermannte er sich. – »Weg mit deinen Küssen! Kennst du diese Hand?« so rief er, indem er sich loswand, und den fatalen Brief ihr darboth; sie erkannte denselben, bebte, wollte reden, stammelte, schwieg. – »Nun so nimm denn diesen Einspruch hin, ehe ich noch fort nach Ostindien reise!« – Ein scharfes Messer durchstieß ihr rasch Brust und Herz. – »Ich habe es verdient!« stöhnte sie mühsam, sank und starb.

Der Jüngling eilte unbemerkt hinweg und zum Richter. – »Gestrenger Herr;« (war seine Anrede) »wenn ein Räuber mir mein ganzes Vermögen raubt; wenn ich ihn dabey finde und tödte; bin ich des Todes schuldig?« – »Das wohl nicht; aber nach Befindung der Umstände kann es Ihnen doch wohl noch Ungelegenheit genug machen. Es sagen unsere Gesetze – –« »Nun so entscheidet nach ihnen und wisset: Eine Bübinn raubte mir mein ganzes väterliches Vermögen, meine Ruhe, mein Herz und Glück. Verspottet, betrogen, ausgeplündert, dem gewissen Elende von ihr entgegengesandt, habe ich mich gerächt. Hier ist das blutige Messer!«

Man kann leicht denken, wie der Richter erschrack; aber der Unglückliche ließ sich gelassen ins Gefängniß führen, und man sprach nachher auf zwey Universitäten einstimmig das Urtheil über ihn: daß er, seiner grausamen Mordthat halber, mit dem Rade von unten hinauf bestraft werden solle.

Freund, wenn Sie nicht errathen, warum ich gegen das Ende dieser Geschichte so eilte, meine Erzählung so zusammen engte so haben sie die Fühlbarkeit vergessen, die mir die Natur, weiß Gott, ob zum Segen oder zum Fluch, in der Stunde der Geburt verlieh. – Leben Sie wohl! Mit nassen Augen schreibt man ja doch gleich schwer und schlecht.


Todtschläger, durch Eifersucht und Zusammenhäufung unglücklicher Umstände getrieben.


Ein kurländischer Bauer, der lange Zeit für den ordentlichsten, besten Mann im ganzen Dorfe gegolten hatte, war der Gatte eines Weibes, die schon seit vielen Jahren unabläßig kränkelte. Er ertrug den mannigfaltigen Schaden, den seine Wirthschaft dadurch erlitt, mit großer Geduld; unterließ keine Mühe, keinen Aufwand, wodurch ihre Gesundheit wieder hergestellt, ihr Leiden vermindert werden konnte; und so fruchtlos Alles blieb, brach er doch nie in Unwillen oder Beschwerden aus.

Nur in einem Puncte wäre er zwar gern Herr über sich gewesen, aber er vermochte es nicht. Das immerwährende Kränkeln machte sein Weib von Tag zu Tage unscheinbarer, machte sogar zur ehelichen Liebe sie fast immer unvermögend. Er hingegen war noch ein junger rascher Mann, dessen Blut sehr warm floß, und dessen Begierden oft sehr thätig sich regten. Daß bey solchen Umständen zuweilen der Wunsch in ihm emporstieg: auswärts zu ersetzen, was daheim ihm abging, das ist wohl kein Wunder; und noch minder kann es für eines gelten, daß er bald einen Gegenstand nach seinem Behagen fand.

Eine entfernte Muhme seiner Frau ging oft in seinem Hause aus und ein. Ein junges, schlankes Mädchen, deren derbes, frisches Fleisch, deren rothe Wange und lüsterne Augen einem Manne von ihrem Stande allerdings nicht mißfallen konnten. Er sah sie so oft, unter so mancherley Umständen; sie nahm zuweilen seiner Wirthschaft sich an; sie sprach ihm oft Trost zu, wenn er bekümmert zu seyn schien. Alles dieß erhöhte ihren Reiz in seinen Augen; er glaubte, durch nähern Umgang mit ihr niemanden etwas zu entziehen, und sich doch für so manche trübe Stunden auch einen fröhlichen Augenblick wohl gönnen zu dürfen. Er brachte sein Wort an, und unterstützte es durch thätige Liebkosungen seiner Art. Die Dirne stellte diesem Begehren allerdings triftige Gründe entgegen; aber er widerlegte sie durch Vorspiegelung gewisser Ehe, so bald er, – was nicht mehr fern seyn könne – Witwer geworden seyn würde; und das Mädchen ergab sich. Doch eben dieses Liebesverständniß blieb nur kurze Zeit ohne Folgen und unentdeckt. Das Mädchen fühlte sich schwanger, und ihr Geständniß kam dem armen Mann noch viel zu früh und viel zu unerwartet. Eine schwache Hoffnung auf seiner Frau baldigen Tod tröstete ihn zwar immer noch etwas; aber eben diese Frau fing jetzt an, die Eifersüchtige zu spielen. Die freundlichen Blicke zwischen Gatten und Muhme entgingen ihrer Aufmerksamkeit nicht. Sie deutete diese sehr richtig auf Dinge, die entweder schon vorgegangen seyn dürften, oder bald vorgehen würden. Was sie selbst nicht mehr genießen konnte, mißgönnte sie wenigstens einer Dritten; und es kam dahin, daß sie endlich ihrer Nichte den Zutritt in ihr Haus ganz untersagte. Alles dieß verbitterte zwar schon das Leben des armen Mannes gewaltig; doch ein Umstand, der Anfangs nur eine Kleinigkeit zu seyn schien, vollendete das Maß seines Elends.

Die kurländischen Bauern sind verpflichtet, ihrem Gutsherrn alljährlich einen gewissen ausgesetzten Zins von Gespinnst zu liefern. So mäßige Anstrengung diese Art von Arbeit auch erfordert, so war sie doch noch überwiegend für die Kräfte des armen fast immer bettlägerigen Weibes. Was ihr daher an dem gebührenden Maße abging, mußte ihr Mann auswärts spinnen lassen und bezahlen. Er that Dieß abermahls gern und treulich; nur fiel diese Lohnarbeit, ganz ohne sein Verschulden, etwas abstechend von der Übrigen aus. Sein Edelmann, ein ziemlich strenger Herr, hatte deßfalls schon vor einem Jahre einen derben Verweis ihm ertheilt; hatte die Drohung einer harten Behandlung, wenn Dieses noch einmahl sich zutrüge, hinzugefügt. Jetzt, als er wieder das ausgesetzte Garn ihm überbrachte, und der Grundherr dieses (was doch falsch war) noch schlechter als vordem zu finden glaubte, setzte er die Drohung ins Werk, und behandelte seinen Unterthan mit harten Schlägen.

Eine solche Begegnung schmerzte die ohnedieß empfindliche Seele des armen Landmanns unendlich. Er ging, mit bitterm Murren über Junker, Unterthanspflicht und Schicksal, seiner Heimath zu. Doch ehe er noch dahin gelangte, kam ihm, mit Händeringen, mit rothgeweinten Augen, mit schluchzender Stimme seine Geliebte entgegen. – »Jetzt, sagte sie, wäre auf Gottes weiter Erde keine unglücklichere Person als sie. Ihre Mutter merkte nur zu deutlich ihre Schwangerschaft. Bald werde Alles ruchtbar, bald für ihre Schmach keine andere Rettung möglich seyn, als sich in den nächsten Teich zu stürzen.«

Der gute Mann that, was er nur vermochte, um auch diese Unglückliche, wenigstens in etwas, zu beruhigen. Verweisung auf seines Weibes täglich zunehmende Schwäche, Wiederhohlung seines Versprechens, Trostgründe der Religion, Schmeicheleyen der Liebe, Alles ward hervorgesucht, und das arme Mädchen fing wirklich an, etwas gelassener zu werden, als sie von Weitem eben diejenige Person, auf deren Tod sie beyderseits hofften, kommen sahen. Sie trennten sich sogleich, und der Bauer ging seiner Frau entgegen.

Aber diese hatte bereits jenes Gespräch bemerkt, und selbst aus der geschwinden Trennung desselben neuen Verdacht unerlaubter Vertraulichkeiten geschöpft. Sie vergaß daher jetzt auf einige Augenblicke ihr Unpäßlichseyn und ihre Kraftlosigkeit, kam so schnell, als sie nur immer konnte, herbey; überhäufte ihren Gatten mit den bittersten Vorwürfen; belegte seine Geliebte mit den allerschimpflichsten Beynahmen; beschuldigte ihn eines offenbaren Ehebruchs, und schwur: daß sie sogleich zu Pfarrer und Edelmann, um ihn zu verklagen, hingehen wolle.

Eine solche, gleichsam verabredete Zusammentreffung mannigfacher Unfälle, deren jeder einzeln schwer genug zu tragen war, überwog die Fassung unsers armen Bauers weit. Gemißhandelt ohne Schuld von seinem Edelmann, bedroht vom Ausbruch einer allgemeinen Schmach; seine Geliebte in Bereitschaft Hand an sich selbst und an das Kind unter ihrem Herzen zu legen; seine Habe in Abnahme, seine Hauswirthschaft in Verwirrung – und auch eben diejenige Person, deren Krankheit von allen diesen Unfällen die erste, obschon unschuldige Ursache war, im Begriff, seine Schmach und sein Elend zu vollenden! – Wahrlich, der Bedaurungswürdige kannte beym Übermaß seines Unglücks nun sich selbst nicht mehr, und sein Gefühl brach endlich in den heftigsten bewußtlosesten Zorn aus. »Elende, rief er zu seinem Weibe, bin ich nicht erst durch dich um Alles, was mir lieb ist, gekommen! Und nun willst du noch selbst gegen mich den Teufel spielen, und mich bey Gott und Menschen verklagen?« Er hob den Stock, den er so eben in der Hand hatte, hier über dem Haupte seiner Frau auf, und von einem gräßlichen Schlage getroffen, sank die Arme augenblicklich todt zur Erde. Wahrscheinlich hatte sich der Arme selbst nicht klar gedacht, was er verübe. Aber die That war geschehen. Nun konnte keine Reue die Getödtete wieder retten; ihn eben so wenig. Gerechtigkeit der Gesetze verfuhr bald nachher gegen ihn, wie sie – mußte.


Ein Räuber, weil die menschliche Gesellschaft ohne Schuld ihn ausstieß.


Gegenwärtiger Aufsatz, mir (1779) aus der Pfalz zugesendet, ist nur in einigen Kleinigkeiten, den Styl und die Ordnung der Ideen betreffend, von mir abgeändert worden. Gewünscht hätte ich freilich, daß dem Hrn. Einsender gefällig gewesen wäre, die vielen N. N und Lücken mit wirklichen Nahmen auszufüllen. Allzu ängstliche Vermeidung derselben bringt so leicht in den Verdacht der Erdichtung; und ich begreife nicht, warum man in Fällen, wie gegenwärtiger ist, einer ängstlichen Verschwiegenheit bedarf. Ich selbst zwar hätte im Verfolg, da ich vor wenigen Jahren erst, durch einen sonderbaren Zufall der Geschichte sehr nahe auf die Spur kam, diese Ausfüllung auf mich nehmen können. Aber ich wollte gern Alles, was einer Anmaßung auch nur ähnlich ist, vermeiden; zumahl da es doch möglich, wenn auch nicht wahrscheinlich war, daß meinem unbekannten Freund diese Ergänzung einige Privat-Unannehmlichkeiten gemacht hätte. – Daß übrigens manche feine Nase sich mit gewaltigem Eckel rümpfen dürfte, wenn sie das Wort Abdecker liest, zweifle ich keinesweges. Für mich war dasselbe nicht der geringste Anstoß. Denn auch der Abdecker ist ein Mensch wie wir; und oft ein moralisch besserer, mithin im Weltall edlerer Mensch, als derjenige, dessen Nase sich so stark und so gern beym Unterschied der Stände rümpft.

Eine Räuberbande von zwölf Mann hatte seit geraumer Zeit die Gegend um *** beunruhigt. Man überfiel sie endlich in einem kleinen Städtchen; die Räuber griffen, als sie sich entdeckt sahen, verzweiflungsvoll zu den Waffen, und verwundeten sowohl einige von der Amtsfolge, als auch von den ihr zugegebenen Soldaten. Ein einziger, Johann mit seinem Vornahmen, ergab sich sogleich, und both mit Schluchzen seine Hände den Banden dar, indeß die Andern sich noch beynahe eine Stunde lang wehrten.

Auch im Kerker betrug er sich mit außerordentlicher Gelassenheit. Wann die andern fluchten, flehte er um Gnade zu Gott, und ermahnte sie zu gleichem Gebethe; oft weinte er so bitterlich über sein Vergehen, daß selbst die Amtsknechte, – so fremd diesen Leuten sonst das Mitleid zu seyn pflegt – ihm Trost zusprachen.

Durch ihn allein erhielt man eine umständliche Nachricht von den Unternehmungen dieser Diebesbande, und auch von seiner eigenen Geschichte that er folgendes aufrichtiges Geständniß.

Er war auf einer Hofmarch des Grafen von T– in Baiern geboren, auf welcher sein Vater, ein ehrlicher Greis, schon über vierzig Jahre als Abdecker gedient hatte, und wegen seiner Redlichkeit und Kenntniß bey Viehkrankheiten in der ganzen Gegend bekannt war. Nie riß in den Orten seiner Pflege eine Viehseuche ein, so verderblich sie oft in der Nachbarschaft wüthete; und er war deßhalb bey seiner Herrschaft, Trotz seiner sonst verachteten Handthierung, sehr beliebt.

Aber in seinem sechs und sechzigsten Jahre traf ihn das Unglück, daß ein Jagdpudel, den ihm der junge Graf, der seit Kurzem erst sein Herr geworden war, in die Kost gegeben hatte, unvermuthet verreckte. Zwar geschah Dieß ganz ohne seine Schuld; doch man glaubte seinen Worten nicht; dieser Hund war einmahl der hochgräfliche Liebling; und der arme entkräftete Greis verlor sein Brot und seine Stelle.

Ohne Dienst, ohne Aussicht, ohne Kräfte, sich Unterhalt zu erwerben, zog der unglückliche alte Mann mit seinem Sohne Johann, einem damahls achtjährigen Knaben, im Ländchen herum; einige Bauern, menschlicher als ihr Graf, gaben ihm kärgliche Brosamen, bis er erkrankte, und vor Kummer und Elend starb.

Johann war jetzt neun Jahre alt; und ein Vetter seines Vaters, von gleicher Handthierung, nahm ihn zu sich, doch dieser Mann war ein versteckter Bösewicht, der sich des armen Knaben bald zu einigen kleinen Viehdiebstählen so zu bedienen wußte, daß Johann selbst nicht argwohnte, wozu er gebraucht würde. Aber endlich ward ihm die Sache doch verdächtig, und als einst in seiner Gegenwart ein förmlicher Raub verabredet, er selbst auch zum Einsteigen und zur Eröffnung der Fenster dabey bestimmt wurde, stand auf einmahl der Geist seines Vaters ihm vor Augen; er glaubte, seine Ermahnungen alle von Neuem zu hören, wagte es nicht, ihnen untreu zu werden, und entfloh noch den nähmlichen Abend, als der Diebstahl ins Werk gesetzt werden sollte.

Sein Weg ging zur nächsten Stadt, und nachdem er einige Tage herumgebettelt hatte, nahm ihn ein Schlosser auf sein inständiges Bitten zum Lehrburschen an. Er arbeitete hier ein ganzes Jahr; war, nach des Schlossers eigenem Zeugnisse, willig, gehorsam, eingezogen, gelehrig und gottesfürchtig; und würde ganz gewiß ein geschickter Künstler geworden seyn, hätte man nicht plötzlich entdeckt, daß er eines Abdeckers Sohn sey. Er selbst, unbekannt mit dem Vorurtheile, das ihm die Ehrlichkeit absprach, läugnete Dieß bey der ersten Befragung keinesweges, und ward mit Schimpf und Härte aus der Zunft verstoßen.

Voll Scham, Verwirrung und Jammer, kam er auf ein benachbartes Dorf, und fand, da es eben Erntezeit war, bey einem Bauer Dienste, so wenig er auch sonst mit der Landarbeit bekannt seyn mochte. Er behielt diese bis zu Ende der Ernte, und ward, da man ihn jetzt auch hier als einen unnöthig gewordenen Kostgänger abdankte, mit einem andern Bauerjungen bekannt, der ein Wildschütze war, und von dem der arme, dienst- und brotlose Johann zu gleichem Gewerbe angeführt, oder wenn man lieber will, verführt ward. Auch Dieß dauerte noch nicht ganz ein Jahr; er ward ertappt, eingezogen, und auf eigenes Bitten zum Soldatenstande verurtheilt. Doch da er den Winter hindurch, in welchem er dem Wildschießen nachgegangen, sich beyde Füße so sehr erfroren hatte, daß einer davon aufbrach , so ward er auch hier nicht angenommen, empfing vielmehr zwanzig Kardatschenstreiche, und ward fortgejagt.

Dieses, wie er weinend gestand, benahm ihm die letzte Hoffnung, sich als ein redlicher Mensch zu nähren. Von Neuem beschimpft, bestraft, ohne Unterhalt, und ohne Vermögen, ihn zu erwerben, eilte er wieder zu seinem Vetter, von dem er ehemahls entflohen war, und fand ihn in noch bessern Umständen, als er ihn verlassen hatte.

Aufgebracht gegen das Menschengeschlecht, das ihn überall ausgestoßen, ja noch obendrein, beynahe ganz ohne Schuld, bestraft hatte, – aufgemuntert durch den Wohlstand, in dem er seinen Vetter antraf, folgte er dessen Anweisung; und da er einmahl zum ersten Raube sich verleiten lassen, ging er auch nachher allzeit treulich mit, ohne jedoch etwas weiter dabey zu denken, als: du hast ja doch schon mit dem ersten Gange den Tod verdient. Gleichwohl konnte er bey den sechs Räubereyen, deren er sich schuldig gemacht hatte, nach den Aussagen seiner eigenen Kameraden, nie zur Hauptsache, und am allerwenigsten zur Bindung der Überfallenen gebraucht werden. Sein weiches Herz machte vielmehr, daß er oft bey den Andern für sie bath, und verschiedenen Hartgeknebelten, beym Abzug des Räubergesindels, die Bande heimlich wieder löste; so daß sie selbst einmahl beynahe Alle darüber wären eingehohlt worden, und nur mit größter Mühe sich flüchten konnten. Das Einzige, wozu seine Kameraden ihn nutzen konnten, war – Eröffnung der Schlösser und Thüren; eine Kenntniß, die er seinem ehemahligen Schlosserhandwerke noch zu danken hatte, und ohne welche er, vermöge seiner Gutherzigkeit, selbst zum Spitzbuben verdorben gewesen wäre.

Vielleicht dünkt Manchem diese Geschichte unbedeutend, aber dann würde er nur einen Beweis seiner Flüchtigkeit im Lesen geben. Vorausgesetzt, was ich schon vorhin in der Note sagte, und was doch wohl so gewiß, als irgend eine Wahrheit in der Bibel seyn dürfte: daß der Mensch in jedem Stande doch noch Mensch und unsers Gleichen ist, und daß, nach dem Rechte der Natur betrachtet, der zerlumpteste Bettlerbube zum stiftsmäßigsten Edelmanne: Bruder! sagen kann; Dieß, sage ich, vorausgesetzt, wer mag sich des Unwillens enthalten, wenn man sieht, daß der Tod eines gräflichen Pudels einen ehrlichen verdienten Greis zum Bettler herabsetzte, und seinen abgelebten Körper dem Hunger, der Blöße und dem äußersten Elende preisgibt? Wer liebt den Knaben nicht, der, so sehr er noch Knabe ist, doch, den Lehren seines Vaters treu, eher Alles wagen, als ein Räuber werden will? Wer zürnt nicht auf ein barbarisches Vorurtheil, das vergebens von der Vernunft widerlegt, vergebens durch weltliche Gesetze verbothen, sich gleichwohl immer noch fest im Besitz erhält; dem Staate schon manchen braven Mann entzogen haben mag, und hier einen Jüngling, der so gern ein nützliches bürgerliches Mitglied geworden wäre, zwang, durch Laster sein Leben zu fristen? Und wer entschuldigt endlich selbst den Fehlenden nicht, der mitten in seinen Fehlern Erbarmung mit denen trägt, die er beraubt und berauben muß, weil diese Grausamen ihn ja sonst nicht leben lassen wollen?

Setzt diesen Unglücklichen unter andere Umstände! gebt ihm Ältern, durch Geburt, Glück und Vermögen wirksam im Kreis öffentlicher Geschäfte; und dann hätten vielleicht Mitmenschen und Nachkommenschaft ihn in die dauernde Nahmenliste der erhabensten, durch Grundsätze edeln Menschenfreunde eingetragen! Denn leider bleibt nur allzu wahr, was Pope sagt: »Nicht Jeder, der eine Wohlthat erzeigt, ist deßhalb auch wohlthätig. Vielleicht hatte er eine glückliche Stunde; vielleicht blies eben der Wind aus Osten.«


Französischer Justizmord.


Von der ehemahligen französischen Kriminal-Justiz, ihren mannigfaltigen Gebrechen, und vorzüglich ihrer allzu großen, allzu raschen, allzu buchstäblichen Strenge ist schon so manches geschrieben, so manches Beyspiel gesammelt worden, das man leicht mit dieser letztern Arbeit ganze Alphabete füllen könnte. Umsonst verhallte in diesem Puncte Voltaire's sonst so allgeachtete Stimme. Seine Beredsamkeit konnte höchstens nur ein Paar einzelne Unglückliche retten; und noch gewöhnlicher ihrem Leichnam nur zu einem ehrlichen Begräbniß verhelfen. Im Ganzen blieb Alles beym Alten! – Folgende Anecdote, die für einen Ballade und theatralische Bearbeitung vielleicht kein undankbarer Stoff gewesen wäre, ist, so viel ich weiß, noch nirgends gedruckt, und ungezweifelt wahr; denn ich verdanke sie der Erzählung eines Augenzeugen, der den Unglücklichen selbst zum Tode führen sahDes nun schon seit sieben Jahren gestorbenen Oberlandesbaumeister Krubsacius in Dresden..

Im Jahre 1755 lebten unter den sieben bis acht Mahl hundert tausend Menschen, die Paris bewohnen, auch ein junger Schlossergeselle und sein Mädchen. Er, ein fleißiger, braver, geschickter, und, nach Landessitte, recht herzlich in seine Schöne verliebter Bursche; sie, eine feine ehrliche Dirne, die sich durch Nätherey recht artig ihren Unterhalt erwarb; die, Trotz dieses oft zweydeutigen Gewerbes, und Trotz ihrer Unabhängigkeit als älternlose Waise, doch völlig bey unbescholtenem Rufe blieb, von allen ihren Bekannten geschätzt wurde, und ihren Joseph (so hieß jener Bursche) von ganzer Seele lieb hatte. Beyde glaubten bereits dem Zeitpunct ihrer Verbindung nahe zu sehn; sahen sich alle Tage, und hatten sich schon ziemlich zu ihrer Wirthschaft vorbereitet.

Eines Morgens ward der junge Mann in ein Haus, dicht an der Wohnung seines Mädchens, gerufen, um ein zugeworfenes Schloß wieder aufzusprengen. Er that Dieses, und wollte wieder heim gehen; als ihm sehr natürlich der Gedanke beyfiel, hurtig ein Paar Augenblicke zu seiner so nahen Geliebten hinaufzuschlüpfen, und sich: wie sie geruht habe, zu erkundigen. Gedacht, gethan! Sie wohnte im fünften Stockwerk; ihr Vorhaus pflegte verschlossen zu seyn. Der junge Schlosser klingelte daher auch jetzt, aber er klingelte lange vergebens. Ein so früher Ausgang schien ihm verdächtig, und es erwachte bald die eifersüchtige Besorgniß: Wie? wenn sie sich vielleicht mit Fleiß verschlossen, dich gesehen, wohl gar irgend etwas Unrechtmäßiges dir zu verbergen hätte? – Ein solcher Argwohn im Kopf eines Alt- oder Neufranken ist immer ein schlimmer Gast. Auch Josephs Verdacht ward mit jedem neuen Klingelzug stärker. Er legte sein Ohr dicht an ein Paar Spalten der Thür, und glaubte nach der gewöhnlichen Art der Selbstquäler, wirklich darin ein Flüstern und Rascheln zu vernehmen. Natürlich, daß durch alles Dieses seine Unruhe trefflich wuchs; er sann bereits hin und her auf Rache; und endlich fiel es ihm ein, daß er ja so eben durch ein günstig scheinendes Ungefähr sein Handwerkszeug bey sich habe.

»Wie, dachte er, wenn ich mich nun dessen zur Eröffnung dieser Thür bediente? Ist meine Braut treulos, so verdient sie Beschämung, und unser Handel ist geendigt. Ist sie unschuldig, so bitte ich um Verzeihung, und sie vergibt meiner Eifersucht, um meiner Liebe willen. – Aber wie? wenn sie noch schliefe? Müßte doch wahrlich ein Todtenschlaf seyn! Und zudem wäre ja dem Bräutigam auch wohl solch eine Überraschung vergönnt.«

Noch während dieses ungesprochenen Monologs bediente der Eifersüchtige sich bereits seines Handwerkzeugs; eröffnete ziemlich leise die Thür, fand das Zimmer offen und huschte hinein. Jetzt erkannte er seinen Verdacht ungegründet; und fand, daß sein Mädchen wirklich schon ausgegangen sey. Er wollte sich daher sogleich wieder entfernen, als ihm auf ihrem Arbeitstische ein kleines niedliches verschlossenes Kästchen in die Augen fiel. – »Was ist das? setzte er seine Gedankenreihe fort: Noch nie sahe ich dieses Kästchen bey ihr. Es ist so leicht; höchstens können einige Papiere darin verwahrt seyn. Ich will einen Scherz machen; will es mitnehmen. Wenn sie es vermißt, auf wen wird sie wohl rathen? Sicher wird sie zu mir kommen – wird mir es klagen. Ich lasse sie dann ein wenig in der Angst zappeln; zeige es ihr endlich; mache den Argwöhnischen, vermuthe Liebesbriefchen darin und so weiter; kurz, ich will es mitnehmen.«

Auch diesen Einfall vollführte er; machte ganz geschickt die Saalthür wieder zu, und entfernte sich, von Niemanden im ganzen Hause, wie er glaubte, bemerkt. – Kurz darauf kam die Nätherinn heim; an der Saalthür spürte sie nichts; aber beym ersten Eintritt ins Zimmer vermißte sie sogleich ihr Kästchen; denn gerade dessentwegen kam sie wieder nach Hause; es waren Spitzen von einigen hundert Livres am Werthe darin; sie hatte solche vorher schon zu der Herrschaft, der sie gehörten, und von welcher sie dieselben zum Ausbessern erhalten, nach Hause tragen wollen, aber unglücklicherweise über andern Dingen sie vergessen. Jetzt, als sie verschwunden waren, erhob sie ein lautes Geschrey. Im ganzen Hause lief sie herum, erzählte Jedermann, daß sie bestohlen worden sey; fragte, ob man keine Spur von den Dieben ihr geben könne? und überließ sich bey einem Verlust, der ihr so unersetzlich schien, der äußersten Verzweiflung.

Der Wirth, als er von ihrem Unfall erfuhr, schickte aus Mitleid sowohl gegen das arme Mädchen, als aus Sorge für den guten Ruf seines Hauses, sogleich nach einem Polizeycommissär; es ward die strengste Untersuchung in allen Stockwerken angestellt; aber man fand natürlicher Weise das Kästchen nirgends. Bey den sämmtlichen Hausgenossen ward nun nachgeforscht: Ob sie nicht irgend Jemand kommen oder weggehen gesehen hätten? Aber auch hier wollte sich eben so wenig irgend eine Spur finden; und die Gerichtspersonen waren schon im Begriff sich zu entfernen; als eine Strumpfstrickerinn, die diesem Hause gegenüber ihren Laden hatte, durch das Getümmel herbeygelockt ward, und von dem Vorfall hörte.

»Je nun – fing sie ganz in ihrer Unschuld an – Jemanden hätte ich doch wohl unterdeß ins Haus hinein und wieder herausgehen sehen; Jemand, der allerdings oben gewesen seyn muß, aber unmöglich der Dieb seyn wird.« – Man fragte sie: Wer das gewesen sey? – »Der Jungfrau ihr Bräutigam; er blieb ein geraumes Weilchen darin!« – Bey diesen Worten erblaßte das arme Mädchen, und versicherte: daß der gewiß nichts ihr weggenommen habe. Aber der Polizeybeamte behauptete sogleich: daß auch bey ihm Nachsuchung geschehen müßte. Man ging hin; er war abermahls ausgegangen; doch man durchstöberte seinen Verschlag, und siehe da, das vermißte Kästchen, nur ganz leicht in seiner Wäsche versteckt, fiel bald in die Hände der Suchenden.

Sogleich folgte die Wache an den Ort ihm nach, wo er hingegangen war. Der arme Jüngling staunte nicht wenig, als er sich verhaftet sah; doch er schien wieder guten Muths zu werden, als er hörte: warum Dieß geschehe? Er erzählte sogleich Alles, was wir kurz vorher auch erzählt haben; gestand, daß er die Saalthür aufgemacht, das Kästchen mitgenommen, und einen Spaß mit seinem Mädchen haben wollen; aber er erschrack schon ein wenig, als man ihn versicherte: daß vor Gericht ein solcher Spaß nicht gälte; sondern daß auf die Aussprengung einer Thür in des Inwohners Abwesenheit, und auf die Entwendung einer schon weit geringfügigern Sache, nichts geringers, als der Strang, stehe. – Er entschuldigte sich zwar, daß dieß Alles, seiner Absicht halber, für keinen Diebstahl gelten könne; er erboth sich zu dem feyerlichsten Eide: daß er jetzt erst erfahre, was in diesem Kästchen, dessen Schloß er nicht einmahl angerührt habe, enthalten sey. Aber man erwiederte: daß Dieses eine leichte Ausrede jedes Spitzbuben seyn würde, und ein falscher Eid bey einem solchen Fall gar leicht sich schwören lasse. Kurz, der peinliche Prozeß nahm in aller Förmlichkeit seinen Anfang.

Jetzt entfiel dem Ärmsten das Herz. Umsonst gab ihm sein bisheriger Meister, umsonst jeder seiner Bekannten das Zeugniß des unsträflichsten Lebens. Umsonst warf sich sein verzweiflungsvolles Mädchen zu den Füßen seiner Richter; umsonst schienen selbst diese, so wie ganz Paris, von seiner Unschuld überzeugt zu seyn. Der tödtende Buchstabe des Gesetzes ging aller andern Rücksicht vor, und wenige Tage darauf beschloß der Unglückliche am Galgen sein Leben.


Mörder nach Übereinstimmung aller Umstände und seiner eigenen Überzeugung, und dennoch unschuldig.


Daß Zeugen und Richter durch den Anschein verführt werden können, einen Unschuldigen für schuldig zu erkennen; dieser Fall mag leider nur allzu oft sich zutragen. Aber wenn nun sogar der Angeklagte selbst einen solchen Urtheilsspruch im Innersten seiner Seele für gerecht erklärt; wenn er sich mit vollster Überzeugung für den Thäter einer That bekennt, die er – nicht beging; wenn er, ganz ohne Folter und Zwang, bereit ist, durch Aufopferung seines eigenen Lebens eine Blutschuld auszusöhnen, die – nicht auf seiner Seele lastet? Was soll man dann erst von der Ungewißheit menschlicher Gerichtsbarkeit denken?

In den meisten holländischen Festungen hatte man sonst (und vielleicht auch noch jetzt!) die Gewohnheit, der Besatzung alljährlich, wenn sie ihre sogenannten großen Exercitien gemacht hatte, einige Freyabende einzuräumen, an welchen sie, nach eigenem Belieben, durch Singen, Spielen, Zechen und Tanzen sich belustigen, und von vollbrachter Arbeit ausruhen durfte. – Die Absicht dieser Einrichtung war recht gut, aber der Erfolg war es doch nicht immer. Das lebhafte Blut dieser Krieger verwandelte nicht selten jene Stunde einer allgemeinen Freude in Auftritte, die für manchen Einzelnen sehr ernstlich wurden. Vorzüglich war dieses schon einige Mahl der Fall in Herzogenbusch gewesen, wo eine sehr gemischte Besatzung lag, und wo das eine Regiment fast ganz aus Wallonen bestand, die sich noch nie – weder im Krieg noch Frieden! – durch eine genaue Mannszucht empfahlen. Fast nie verging dort ein solcher Abend ohne Händel. Fast nie waren des andern Morgens alle Stirnen so ganz, alle Körper so unverwundet, als sie es ungefähr sechzehn oder siebzehn Stunden früher gewesen waren.

Einst (es mag nun an die vier und zwanzig Jahre seyn!) als man wieder an gedachtem Orte eine solche Tragi-Komödie begangen hatte, fand man gegen Morgen, mitten auf der Straße, unweit einem der besuchtesten Weinhäuser, einen Grenadier entseelt, und ganz in seinem Blute schwimmend liegen. Eine tiefe, tödtliche Halswunde hatte ihn dahingestreckt; und um diesen Anblick noch gräßlicher zu machen, lag einer seiner Kameraden, mit welchem der Getödtete schon eine geraume Zeit in Unfrieden gelebte hatte, die Quere auf ihm; gab sich durch seine wüthende Miene, durch seinen gezogenen blutigen Säbel, und durch den Ort, wo man ihn fand, augenscheinlich als den Mörder an; schlief aber auch zugleich, des Weines übervoll, auf diesem Leichname, dem Schlachtopfer seiner Wuth, eben so sanft, als ob er auf dem weichsten Sofa ruhte. Man hob sie Beyde auf; versuchte fruchtlos, ob bey dem Erstern noch eine Hülfe möglich sey; und brachte den Zweyten, der jetzt ebenfalls einem Todten mehr, als einem Lebenden glich, ins Gefängniß; wo er nach einigen Stunden sein Bewußtseyn wieder erhielt, und beym Erwachen nicht wenig staunte, sich hier zu befinden.

Noch mehr erschrack er, als er vernahm, wo man ihn angetroffen, und was er angestellt habe. Er wagte es nicht, auch nur mit einer einzigen Sylbe, die That selbst abzuläugnen. Er versuchte es eben so wenig, ihr den Schein einer Nothwehr, oder eines ungefähren Zufalls zu geben. Sein wiederhohltes, reumüthiges Geständniß lautete vielmehr ungefähr also: »Er erinnere sich leider nur allzu wohl, daß er im Taumel des gestrigen Rausches mit seinem Kameraden sich abermahls, wie schon oft geschehen, heftig überworfen habe. Er erinnere sich nicht minder, daß dieser, ebenfalls berauscht, vor ihm aufgestanden, und mit Schimpfen und Schmähen weggegangen sey. Hierdurch noch mehr ergrimmt, sey er aufgesprungen; habe ihn in vollster Wuth, mit gezogenem Säbel, und mit dem festen Entschluß des Mordes verfolgt. Nun müsse er zwar gestehen: so wie er vor die Hausthür gekommen, habe ihn auch die äußere kalte Luft so rasch angefallen, daß er von diesem Augenblick an keine Sylbe mehr von sich und seinem Zustande wisse. Doch was er gethan, wozu Zank und Trunk ihn verleitet hätten, das sähe er jetzt nur allzu deutlich; bitte auch um nichts, als um eine etwas gnädigere Strafe, weil sein Rausch doch einen großen Theil seines strafbaren Vorsatzes wegnähme.«

Mit dieser Aussage stimmte auch die Erklärung des Wirths und einiger anderer Gäste überein. Alle hatten den Zank mit angehört. Fast Alle versicherten, daß der Inquisit selbst ihn angefangen habe. Daß der Ermordete sich diesen oder einen vorigen Abend mit sonst Jemanden überworfen hätte, wußte man nicht. Den Mörder hatte man mit gezogenem Säbel dem Weggehenden nacheilen gesehen. Weiter war sich freylich nicht um ihn bekümmert worden. – Alles, was die Richter daher auf eine solche Aussage thun zu können glaubten, war: daß sie die Todesstrafe des Rades in Erschießung verwandelten. Der Inquisit selbst dankte ihnen für diese Milde, und bereitete sich zu seinem Ende, so gut er konnte. Am anberaumten Tage ward er hinausgeführt, und in den Kreis gebracht. Dort las man ihm nochmahls sein Urtheil vor; der Priester segnete ihn ein; er kniete bereits nieder; die Augen wurden ihm, nach gewöhnlicher Art, verbunden; sechs Mann, die auf ihn feuern sollten, standen schon zum Anschlagen bereit; und der Officier, der das tödtliche Zeichen geben mußte, griff nun so eben nach dem weissen, dazu bestimmten Tuche; als ein Soldat, der im ersten Gliede jener sechs Beorderten stand, plötzlich sein Gewehr wegwarf; seinem Nachbar zur Rechten und zur Linken gleichfalls ihre Flinten aus den Händen schlug, und laut rief: »Nein länger halt ich es nicht aus! Ich, ich selbst bin der Mörder! Dieser hier ist unschuldig!«

Ein allgemeines Erstaunen bemächtigte sich der Zuschauer. Wie eine solche Selbstanklage gegründet seyn könne, begriff niemand; und am allerwenigsten der Verurtheilte. Es war ja alles schon eingestanden! Alles so klar und deutlich! da indeß jener Grenadier auf seiner Rede bestand; da er versicherte: daß bey einem ordentlichen Verhör sich Alles aufklären würde; da sich bey ihm selbst auch nicht die geringste Spur eines Wahnsinns fand; so schob man sehr natürlich die Vollstreckung des Todesurtheils auf; führte beyde Soldaten in den Verhaft zurück; und, siehe da, zur unbeschreiblichsten Verwunderung aller leistete die Aussage des Letztern nur allzu treulich, was er versprochen hatte!

»Er sey, gestand er, nicht nur Mörder, nüchterner Mörder, sondern sogar ein Bösewicht, der nach dem kältesten, überdachtesten Plane gehandelt habe. Schon seit zwölf Jahren sey er im Geheim des Erschlagenen (der ihn einst bey einem Liebeshandel ausgestochen) Todfeind gewesen; habe ihm oft genug im Herzen den gewissen Untergang geschworen; nur über die Mittel hierzu hätte er mit sich selbst nicht einig werden können. Ihn vorwärts, im offnen Streit anzugreifen, dazu habe er sich zu schwach und, frey gestanden, auch zu verzagt gefühlt. An anderer Gelegenheit, ihm unbemerkt beyzukommen, habe es ihm stets gemangelt. Endlich sey ihm eingefallen: ob er nicht vielleicht seinen Feind bey der letzten Schmauserey zum Zank mit einem Dritten reizen, und dann den Verdacht des Mordes auf einen Unschuldigen wälzen könne. Aufs vollkommenste sey ihm Dieß gelungen. Denn durch ihn heimlich angereizt hatten Inquisit und jener Ermordete zusammen einen Wortwechsel angefangen, der bald bis zur höchsten Erbitterung fortgeschritten wäre. Wie der Zank im vollsten Gange gewesen, habe er sich fortgeschlichen, und draußen in einem Winkel der Straße aufgepaßt. Bald darauf sey sein Feind bey ihm vorbey gewankt; von Niemanden bemerkt, sey er ihm nachgeschlichen; habe den tödtlichen Streich gegen ihn geführt, und zwar so gut getroffen, daß jener Unglückliche sogleich, entseelt, ohne Schrey und Laut hingesunken sey. Gleich nachher wäre auch der Zweyte sinnlos getaumelt hergekommen; über den Leichnam gestrauchelt, und – das Rückständige weiß man schon. Alles habe er nachher seinen ordentlichen Lauf nehmen lassen. Auf ihn sey auch nicht der entfernteste Verdacht gekommen. Doch da er jetzt, durch ein Ungefähr, ausersehen worden, auf eben denjenigen zu feuern, den er einzig und allein ins Unglück gestürzt, da habe ihn die geduldige Ergebung dieses Armen, der sich selbst für schuldig gehalten, unbeschreiblich stark ergriffen. Sein Gewissen sey erwacht, und er begehre nun seine verdiente Strafe.« Die er wirklich einige Tage darauf durch das Rad erhielt!


Vatermörder, ohne es zu wollen.


Berühmt, oder unvergeßlich vielmehr, ist in Frankreichs schöner Literatur der Nahme von Prevot d'Exiles, des Verfassers von Cleveland, vom Dechant von Killerine, und von vielen andern Romanen, deren keinem es an Mannigfaltigkeit, an Neuheit der Erfindung, an Darstellung und philosophischem Anstrich, – kurz an wahrem Interesse gebricht; nur daß es immer in ihnen der traurigen Bilder weit mehrere, als der heitern gefälligen Gemählde gibt. Einen solchen Mann unter Kriminal-Verbrechern mit aufzuführen, zumahl da wir nie aufgezeichnet finden: daß er vor irgend ein Gericht Zeit seines ganzen Lebens gefordert worden, scheint sehr ungerecht zu seyn; und doch erzählen einige neuere französische Journale eine Anecdote von ihm, die mir höchst passend zum Endzweck gegenwärtiger Geschichte dünkt.

Prevot d'Exiles, in der letztern Halbscheide seines Lebens Benedictiner des Ordens von Clugny, speis'te eines Abends mit einigen seiner vertrautesten Freunde, in einem Zirkel von lauter Männern, die Geist und Kenntniß besaßen. Eine geraume Zeit schon hatte sich das Gespräch mit litterarischen und politischen Neuigkeiten beschäftigt; unvermerkt kamen auch einige moralische Sätze an die Reihe, und einer von der Gesellschaft behauptete: »Selbst der rechtschaffenste Mann könne nie sicher seyn, ob er nicht dereinst noch auf dem Schaffot werde sterben müssen.«

» O, gehen Sie keck noch einen Schritt weiter! – unterbrach ihn Prevot: – das Sterben auf dem Schaffot bedroht freilich den König wie den Bettler, den Sokrates wie den Cartouche. Doch selbst für das weit Schlimmere, für das Schaffot verdienen kann kein Redlicher sich verbürgen!« – Laut schrien Alle gegen diese Behauptung auf. Gründe, Declamation und Eifer wurden darwider aufgebothen; Prevot blieb ganz gelassen bey seiner Behauptung; blieb bey dem Satze: »Auch der Mann vom redlichsten Herzen könne durch einen Zusammenfluß von Umständen unglücklich genug seyn, ein Verbrechen zu begehen, worauf den Gesetzen nach der Tod, und zwar mit Recht, stehe.« – Man verschmähte seine Beweise; man übertäubte seine Rede; man versicherte geradezu: daß Dieß unmöglich sey.

»Wohlan, meine Herren« – hub Prevot, als er wieder gehört werden konnte, mit einem Mittelding von Lächeln und von Nachdenken an – » wohlan, sie sind sämmtlich meine Freunde; ich rechne auf ihre Verschwiegenheit, und bin bereit, Ihnen ein Geständniß zu thun, das ich noch keinem sterblichen Ohre anvertraut habe. Zuvor aber nur ein die nothwendige Frage: Halten Sie mich sämmtlich für einen rechtschaffenen Mann?«

Man bejahte es einstimmig, und aus Herzensgrunde.

»Ich danke Ihnen, und hoffe dieses Zutrauen zu verdienen. Dennoch habe ich eines der größten Verbrechen auf meinem Gewissen: wenig fehlte, so wäre ich dem schimpflichsten Tode anheim gefallen; und gewiß starben viele Tausende schon auf dem Blutgerüste, die weit weniger sich vergingen als ich. – Ich sehe, Sie halten das Alles für meinen Scherz; und doch sprach ich in meinem ganzen Leben nicht ernstlicher, als jetzt.«

Staunend sahen sich Alle unter einander an; keiner konnte ihm glauben; und doch forderte es sein Ton. Dringend bath man ihn, dieses Räthsel aufzulösen.

»Das will ich; muß aber deßhalb in wenig Worten meine Jugendgeschichte zusammendrängen. Bald nach Vollendung meiner Schulstudien, wo ich selbst noch ungewiß war, wozu ich mich entschließen sollte, verliebte ich mich in ein junges Mädchen aus meiner Nachbarschaft. Sie war ungefähr meines Alters, reizend, arm und gefühlvoll. Ich warb um ihre Gegenliebe und erhielt sie; erhielt bald Alles, was ein Mädchen geben, und ein Liebhaber sich wünschen kann. Unsere Unbesonnenheit blieb nicht lang ohne Folgen. Meine Schöne entdeckte mir mit thränenden Augen ihre Lage; aber ich war unsinnig genug, mich bey dieser Nachricht zu freuen. Trunken und immer trunkener von Liebe, wich ich nunmehr erst fast nie von ihrer Seite, und brachte bey ihr, auf ihrem Zimmer, meinen ganzen Tag schier hin. Meine Ältern drangen eben damahls ernstlich in mich, eine bestimmte Lebensart zu erwählen. Doch ich dachte nur an meine Gebietherinn und an ihren heimlichen Umgang mit Vergnügen, an alle übrige Geschäfte mit Ekel. – In diesen Jahren verbirgt man seine Thorheiten nicht lange unbelauscht. Mein Vater schöpfte Argwohn; erkundigte sich genauer und erfuhr bald viel; schlich mir nach und entdeckte Alles. Meine Geliebte war damahls bereits im siebenten Monath schwanger, und ich befand mich eben wieder bey ihr, als er uns überraschte. Er machte ihr in meiner Gegenwart über dieses sträfliche Verständniß mit mir die bittersten Vorwürfe. Ich schwieg ehrerbiethig. Er schmählte auf sie, als auf ein Hinderniß meines Glücks; und sie versuchte, sich auf eine bescheidene Art zu vertheidigen. – Doch eben dadurch stieg sein Zorn; er behandelte sie nun als ein verworfenes Geschöpf, das für Bezahlung Jedem feil sey. Tausend Schimpfreden übertäubten sie; die bittersten Thränen waren ihre letzte Zuflucht. Ihn erweichten sie nicht; mich desto mehr. Ich wagte es nun, für sie zu sprechen. Umsonst! mein Vater ward immer aufgebrachter; er vergaß sich so weit, daß er die Unglückliche schlug. Sie wollte seine Knie umfassen; aber ein Stoß, den er ihr mit seinem Fuße vor den Leib gab, streckte sie in bewußtlosen Convulsionen zu Boden. Bey diesem gräßlichen Anblick verließ mich alle Besinnungskraft. Ich sah nicht meinen Vater mehr, ich sah nur den Mörder alles dessen, was mir werth und theuer war. Ich stürzte auf ihn los; ergriff ihn, warf ihn die Treppe hinab: und bey diesem Falle verletzte er sich am Hinterhaupte so tödtlich, daß er noch am Abend dieses unseligen Tages seinen Geist aufgeben mußte. Er war großmüthig genug, mich in diesen Augenblicken nicht anzuklagen. Niemand hatte ihn hinaufgehen gesehen, niemand von unserm Zank etwas gehört; sein Fall galt für ein natürliches, ganz ungefähres Unglück. Man begrub ihn; sein Stillschweigen rettete mich vor Schmach, Gericht und Tod. Aber ach! nicht vor der innern Strafe! Ich fühlte das Gräßliche meines Fehltritts nur allzu sehr. Eine tiefe, in sich selbst verschlossene, durch nichts zerstreubare Traurigkeit verbreitete sich über mein ganzes Wesen. Innere Unruhe trieb mich jetzt ins Getümmel der Welt, jetzt in priesterlichen Stand, jetzt wieder in Geräusch' und Krieg. Endlich entschloß ich mich, meinen Gram und meine Gewissensbisse in klösterlicher Stille zu vergraben, und wählte Clugny dazu. Vielleicht ist diese tiefe Schwermuth, die ein jugendliches Vergehen über mein ganzes Leben verbreitete – vielleicht ist diese auch der Grund jener tragischen Begebenheiten, jener gräßlichen Scenen, und jenes düstern Colorits, das man in meinen Schriften zu finden gewohnt ist, und das von den Kunstrichtern mir so oft als Übertreibung vorgeworfen worden ist.«

Prevot d'Exiles schwieg hier. Mit Aufmerksamkeit, doch auch mit Schauder und Bestürzung, hatten ihm seine Freunde zugehört; sahen sich wechselseitig mit zweifelvollen Mienen an, und konnten noch nicht glauben, daß er ihnen Wahrheit erzählt habe. Sie hielten es für einen Zug, den er in irgend einem neuen Roman anzubringen gesonnen sey, und von welchem er versuchen wollte, ob er auch Wirkung hervorbringe. Der Erfolg hat gezeigt, daß sie wenigstens in dieser Vermuthung sich irrten; auch befragten sie ihn nachher noch öfters um die Bestätigung dieses Abenteuers, und er blieb dabey, daß alles Dieß seine eigne wirkliche Geschichte sey. – Hat er erfunden, so hat er es wenigstens ohne Verletzung der Wahrscheinlichkeit gethanSollte nicht diese Anecdote die erste Veranlassung zu derjenigen (in jedem Betracht etwas weit getriebenen) Novelle seyn, die in den Blättern des so genannten Herrn Grafen von Vargas im zweyten Bändchen unter dem Titel: der Bösewicht sich findet?.


Ja wohl hat sie es nicht gethan!


Es mögen einige dreyßig, bis nahe vierzig Jahre verflossen seyn, als zu Bar–th eine arme ledige, schon ziemlich tief in die mannbaren Jahre gekommene Weibsperson lebte, der man weiter nichts vorzuwerfen wußte, als daß sie einen Fehltritt der Liebe gethan, und solchen durch einen kleinen lebendigen Zeugen selbst an Tag gebracht habe; sonst ein ehrliches, gutes, ziemlich einfältiges Mädchen! – So menschlich auch ein Vergehen dieser Art seyn mag; so gewiß der Verführer weit stärkern Tadel als die Verführte verdient; so dachte man doch in damahligen Zeiten über einen solchen Punct weit strenger als jetzt; und wahrscheinlich auch weit strenger, als – man sollte. Nicht genug, daß damahls noch an vielen Orten Kirchenbuße und Gefängnißstrafe über die geschwächte Dirne verhängt wurden; sondern gewöhnlich blieb sie auch nun für die übrige Zeit ihres Lebens ohne Freyer und Mann; fand sogar äußerst selten einen vortheilhaften Dienst, und mußte oft ihr Alter in Dürftigkeit zubringen, bloß, weil sie in ihrer Jugend einen offenbar dummen Streich gemacht hatte.

Auch gegenwärtiges armes Geschöpf bedrohte ein ähnliches Loos. Mühsam erwarb sie sich ihren Unterhalt, indem sie allwöchentlich ein Paarmahl von Bar* nach N–g zu Fuße ging; allda einige Gartenfrüchte zu Markte trug; auch nebenbey, als eine halbe Bothenfrau, Briefe und mäßige Päckchen hin und wieder bestellte. Ein getreuer kleiner Spitz, mit welchem sie redlich das Brot ihrer Armuth theilte, war dann gewöhnlich ihr Begleiter, und half ihr oft Weg und Steg suchen, wenn im Herbst oder Frühjahr eine finstere regnerische Nacht, und im Winter ein Schneegestöber sie in Verlegenheit setzten.

Zwischen Bar* und N–g liegen, bekannter Maßen, einige Strecken Waldes. Als unsere Dirne daher einst wieder auf ihrer gewöhnlichen Wanderschaft begriffen war, blieb das Hündchen, ungefähr eine Meile von erstgenannter Stadt, im Busche bey einem etwas seitwärts gelegenen Strauche stehen; spürte, kratzte, ward unruhig, bellte zuletzt. Seine Besitzerinn, dadurch aufmerksam gemacht, rief den Hund ein Paar Mahl; ging, als er durchaus nicht von der Stelle wollte, endlich selbst hin, und sah in der Mitte des Gesträuches ein recht sauberes, leinenes Päckchen liegen. Voll Freuden über diesen Fund hob sie sogleich dasselbe auf, und wollte nun eben nachsehen, was denn das Glück ihr beschieden habe, als sie plötzlich gar nicht mehr weit von sich, ein Paar Reiter herbeysprengen hörte. Eine rasche Furcht wandelte sie an, daß es Menschen seyn könnten, die den Fund mit ihr theilen, oder wohl gar für sich behalten dürften. Sie hielt es daher fürs klügste, das Päckchen wieder gerade in's Gesträuche hinzuwerfen, ihres Weges fortzugehen, die Reiter vorbey zulassen, dann aber wieder umzukehren, und die Besitznehmung zu erneuern. Das Erstere geschah; aber leider! nicht so unbemerkt, als sie wohl gehofft und gewünscht hatte. Die Reiter waren schon allzu nahe, und bestanden in dem Kriminal-Richter aus Bar* und seinem Bedienten. Ersterer hatte deutlich gesehen, daß dieses Weibsbild etwas in den Strauch werfe, und dann schnell sich entferne. Eben dieses halb hastige, halb ruhige Fortgehen war ihm verdächtig. Mit Vergehungen mancher Art in seinem Amte schon bekannt, war er vielleicht auch an sich selbst mißtrauischer, als andere Personen an seiner Stelle gewesen seyn würden. Er sprengte dem Weibsbild daher nach, hohlte sie, wie leicht zu erachten, bald ein, und fragte: Was sie dort am Gesträuch vorgenommen hätte? Sie fuhr erschrocken zusammen, und antwortete: Nichts, gar nichts! Dieses Erschrecken und diese Unwahrheit mehrten den Argwohn, daß es nichts Löbliches gewesen seyn müsse. Er befahl ihr mit umzukehren; sie that es, weil sie es nicht abschlagen durfte. Der Bediente stieg beym Gebüsche ab; das Päckchen war bald gefunden und aufgehoben. Man öffnete er, und in ihm lag – ein todtes, mit sichtlicher Gewaltthat ermordetes Kind.

Man kann sich hier leicht den Schrecken der armen Weibsperson vorstellen. Daß sie jetzt in einen bösen Handel verwickelt werden dürfte, sah sie wohl ein. Zwar erzählte sie nun buchstäblich die Wahrheit; aber wer glaubte ihr diese? Zwar bath sie himmelhoch, sie gehen zu lassen; aber wie das möglich? Mit der einen Hand an das Pferd der Bedienten gebunden, mußte sie nun nach Bar* zurück, und ihr Weg ging geradezu in's Gefängniß. In der ganzen Stadt war wohl kein Mensch, der nur zweifelte, daß sie die Mörderin sey. Die Untersuchung nahm ihren Anfang.

Aber freylich nicht ganz so, wie sie wohl sollte! Ein wichtiger Umstand ward verabsäumt. Das erwürgte Kind ward gehörig besichtigt; die angebliche Verbrecherinn keineswegs. Bey einer körperlichen Untersuchung müßte es sich doch wohl unläugbar ergeben haben, daß sie nicht erst vor Kurzem wieder Mutter geworden seyn könne. Aber weil so viel gegen sie sprach: der Ort, wo sie gefunden worden, ihr sichtliches Halten des Päckchens in den Händen, ihr Wegwerfen und Weggehen, ihr Läugnen und Erschrecken, selbst ihr ehemaliger Fehltritt – so war man fest überzeugt, daß alles ihr Betheuern und Schwören eitel Unwahrheit sey; verhörte sie nach dem gewöhnlichen Schneckengange deutscher Kriminal-Justiz, und – verschickte die Acten.

Noch galt damahls leider bey Gerichtshöfen und Schöppenstühlen die Folter für das einzige Mittel, verstockte Sünder zum Geständniß zu bringen. Lieber zehn Unschuldige gepeinigt, als einen Bösewicht durchschlüpfen lassen! Dieß war der unselige Grundsatz, nach welchem Urtheilsverfasser sprachen, die doch jedem mit einer Injurien-Klage drohten, der sie unmenschlich schalt. Auch bey geringern Anzeigen ward oft genug nach dieser Regel darauf erkannt; kein Wunder also, daß sie jetzt ebenfalls auf sogenannte peinliche Frage, mit dem schändlichsten Beysatz: ziemlicher Maßen, sprachen. Umsonst bath die Ärmste knieend um Erbarmen. Daumschrauben, Fitschel und selbst die sogenannte Leiter mußten drey Mahl ihr höllisches Meisterstück am Körper der Leidenden versuchen. Aber wunderbar genug, alle drey Mahl blieb die Unglückliche auf Behauptung ihrer Unschuld; und endlich mußte man mit der Folter, wenn auch nicht ganz aufhören, doch aussetzen. Nicht Mitleid, nur Überzeugung, daß längeres Anhalten tödtlich seyn würde, bewog dazu. Die Inquisitinn ward ins Gefängniß zurück gebracht, damit sie einige Kräfte sammelte, und dann – noch ein Mahl gefoltert werde.

Mehrmahls hatte man zwar schon in damahligen, an Proben dieser Art sehr reichen Zeiten, die Bemerkung gemacht: daß Frauen, wenn sie nur vorher ein Kindbett überstanden, dann größere Martern als Männer zu ertragen vermöchten. Dennoch machte eine Halsstarrigkeit dieser Art gewaltiges Aufsehen. Das Gerücht davon durchlief bald das ganze kleine Fürstenthum. Vorzüglich sprach man in allen Bierschenken an Sonn- und Festtagen von dieser unglaublichen Boßheit, von dieser verstockten Sünderinn, die lieber ihren Leib verrenken, ihre Gliedmaßen verstümmeln lasse, ehe sie der Wahrheit eingeständig seyn wolle. Schon munkelten einige: ob nicht gar ein Bündniß mit dem T– hier möglich sey. Daß Unschuld selbst die Kräfte eines armen Mädchens stählen könne, daran dachte Niemand.

Aber auch unter Bauern gibt es zuweilen Köpfe und Herzen, die ihren eigenen, ungehinderten Gang fortgehen; gibt es Ismaels, deren Hand gegen Jedermann, und Jedermanns Hand gegen sie ist; die beym Zeitungslesen sich immer zur schwächern Partey schlagen, und beym Streite nicht selten (Trotz einem Rousseau und Hobbes) die scheinbarsten Irrsätze vertheidigen. Ein solcher Brausekopf befand sich auch in den Bar**ischen Dorfe L–n. Er hatte sich schon oft einige Zweifel über die hohe Gerechtigkeit in der markgräflichen Hauptstadt erlaubt; hatte schon über dieses und jenes Gesetz, diese und jene freywillige Steuer gespöttelt; und würde, wenn er in gegenwärtigen verderbten Zeiten lebte, sicher für das abscheulichste aller Ungeheuer, für einen – Demokraten gegolten haben. Jetzt, als er hörte, daß man jene Kindsmörderinn die nächste Woche abermahls in die Marterkammer bringen werde, war er laut der Meinung, daß ihm Dieß nicht gefalle, und führte seinen Beweis folgender Maßen: »Das Mensch ist entweder schuldig oder unschuldig. Im ersten Fall hat sie freylich Strafe verdient; aber auch schon erhalten. Den Kopf schlägt man den Leuten nur einmahl ab. Es muß verdammt albern zugehen, wenn Das über eine Minute dauert; und dann ist es vorbey. Auch müssen wir Alle ein Mahl an die Reihe des Todes kommen. Ob mit dem Schwert oder durch ein Fieber; der Unterschied ist am Ende nicht groß. Aber drey Mahl gefoltert werden, ist meiner Seele ärger, als zwey Mahl sterben; und so lange an Einem zerren und renken, bis man endlich eine Weile aussetzen muß, um nur wieder fortfahren zu können, das ist nicht gerichtliche Untersuchung, sondern gerichtliche Barbarey! – Sollte nun zumahl am Ende das arme Weibstück gar unschuldig seyn –«

»O das ist sie nun wohl gewiß nicht! das kann sie gar nicht seyn!« schrie hier der ganze Trupp seiner bisherigen Zuhörer. Alle rechneten ihm die oben erwähnten ungünstigen Umstände, noch wohl vermehrt und verbessert, her; alle bewiesen und schrien, und – überzeugten ihn doch nicht. Daß die Wahrscheinlichkeit gegen sie spreche, daß ein schwerer Verdacht die Eingekerkerte drücke, Dieß gestand er freylich. Doch daß Wahrscheinlichkeit nicht Gewißheit, und Verdacht nicht Überweisung sey; Das führte er, für einen Bauer, recht gut aus, und blieb bey der Folgerung: »Am Ende könne doch noch der Teufel sein Spiel haben, und die Gefangene unschuldig seyn.«

Indem die Bauern so am Tische sich stritten, und um besser schreyen zu können, den Bierkrügen weidlich zusprachen, saß in einer weiten Entfernung von ihnen auf der Ofenbank ein junges, derbes Bauernmensch, die Dienstmagd eines Freyhüfners und Witwers auf einem noch fast zwey Stunden weit entlegenen fränkischen Dorfe. Sie war in Bar** zu Markte gewesen, hatte Verschiedenes eingekauft, war von einem Gewitterschauer überrascht worden; war deßhalb in der Schenke eingekehrt, und wollte warten, bis es ausgeregnet habe, wo sie dann des Abends, zumahl da man Mondschein vermuthete, langsam heimzukehren gedachte. Es war wirklich eine flinke, und auch (was sie mit so regenscheu gemacht haben mochte) recht sauber gekleidete Bauerdirne; da sie aber gerade in diesem Dorfe wenig oder gar keine Bekanntschaft hatte, so machte sich von den Mannspersonen Niemand etwas mit ihr zu schaffen. – Gleich hinter ihr auf dem Ofen lag ein junger Bursche der Länge nach ausgestreckt; er hatte den Tag über als Taglöhner beym Wirthe gearbeitet, und glaubte sich nun in der Feyerstunde mit dieser Lage und Wärme, nach gewöhnlicher Denkart solcher Menschen, eine Güte zu thun. Fest hatte er die Augen zugemacht und rührte sich nicht. Das Mädchen hatte ihn entweder gar nicht bemerkt, oder glaubte wenigstens, daß er im Ernste schlafe. Ihre Aufmerksamkeit war ganz auf das Gespräch an jenem Tische hingerichtet; und als der schon erwähnte Redner seine Vertheidigung der angeblichen Kindesmörderinn hielt, und sich ein Paarmahl des Ausdruckes bediente: Wer weiß aber, ob es das Mensch auch gethan hat! da bückte sich diese Fremde mit halbem Leibe über den Korb, der neben ihr stand, als suche sie etwas in ihm, und seufzte für sich: Ja wohl hat sie es nicht gethan!

Nur äußerst leise, ganz in sich selbst verschluckend, hatte sie diese Worte ausgesprochen. Gleichwohl waren sie dem jungen Bauernkerl hinter ihr nicht entgangen. Ja, es lag für ihn in den Worten selbst, und mehr noch in der Innigkeit, womit sie ausgestoßen worden, etwas äußerst Merkwürdiges. Je länger er darüber nachdachte, je bedenklicher schienen sie ihm. Um nichts durch Übereilung zu verderben, verharrte er noch ein gutes Weilchen in seinem angenommenen Schlafe; ahmte dann ganz genau einem erst aufwachenden Menschen nach; stand auf, ging zur Thüre hinaus, rief den Wirth bey Seite, und erzählte ihm das Gehörte. Dieser fand gerade nicht viel Merkwürdiges darin; aber als Jener immer darauf beharrte, daß der Ton doch gar zu sehr vom Herzen gekommen sey, ward auch die Wirthinn herbey gerufen, und diese – wie Weiber über Weiber zumahl in gewissen Puncten immer schärfer als wir Männer urtheilen, – war gleich der Meinung: daß dahinter allerdings wohl mehr stecken könne. Sie kannte die Dirne ein wenig; sie entsann sich, daß sie voriges Jahr gekränkelt habe; jetzt aber, seit einigen Monathen wieder, wie Milch und Blut aussehe. Sie hegte die christliche Muthmaßung, daß sie wohl nicht ohne Nebenursache solange schon bey einem Witwer diene; nicht ohne Nebenverdienst so gut sich trage; kurz – was bey dem ersten Erzähler nur dunkles Gefühl, nur verworrene Muthmaßung gewesen war, das ward hier zusammenhängend und fast so gut als entschieden. Ihr Mann trat endlich ebenfalls ihrer Meinung bey; und da unter den Bauern in der Schenkstube auch der Richter des Dorfes sich befand, so ward er nicht minder herausgerufen, Alles ihm erzählt, und von der Wirthinn das Gutachten angehängt: daß man die Dirne sogleich verhaften solle, weil sie dann im ersten Schrecken gewiß Alles bekennen werde.

Dieser letztere Vorschlag schien freylich dem Dorfrichter etwas bedenklich zu seyn. Da aber nun schon drey Menschen übereinstimmten; da man vorzüglich ihm bewies, daß gerade in der Überraschung die größte Hoffnung von zu entdeckender Wahrheit liege; und da die Wirthinn mit aller möglichen Beredsamkeit behauptete: es könne im schlimmsten Fall doch keine übeln Folgen haben, wenn man eine unschuldige Person zu retten, eine schuldige auszuforschen suche, so gab der Schulze endlich nach, hohlte sogleich ein Paar Gehülfen, und ehe eine Viertelstunde verlief, ward jene Magd, eben als sie aufstehen und weiter gehen wollte, verhaftet. Sie erschrack außerordentlich; fragte zitternd um die Ursache; und als man ihr ganz kurz zur Antwort gab; Sie möchte sich nur besinnen, was sie vor einigen Monathen angestellt habe! kam eine Ohnmacht ihr nahe. Als man jene Worte endlich ihr vorhielt, wußte sie noch minder eine gehörige Erklärung davon zu geben; kurz, ehe noch eine Stunde verging, bekannte sie frey heraus: »Daß sie selbst die Mutter, Mörderinn und Weglegerinn jenes Kindes gewesen sey.«

Wie schnell sich das Gerücht von diesem Vorfalle umher verbreitete, welches Erstaunen darüber entstand, und wie wenig sich im Grund des Herzens die Kriminal-Gerichte zu Bar* dabey erfreuten; das Alles bedarf keiner Ausführung. Schon des andern Morgens ward die Neuverhaftete abgeführt, und blieb auch beym Verhör in der Stadt bey ihrem Geständniß; gab alle Umstände so genau an, daß jeder noch übrige Zweifel verschwand, und erlitt nach einigen Monathen – denn auch beym eingestandensten Verbrechen nimmt deutsche Kriminal-Justiz sich gute Weile – ihre Strafe. Jene Unschuldige hingegen, durch eine so sonderbare Zusammentreffung kleiner Zufälligkeiten angeschuldigt, und wieder gerechtfertigt, ward nun vom Gericht selbst als unschuldig anerkannt und in Freyheit gesetzt. Aber die grausame Folter hatte sie des gehörigen Gebrauchs ihrer Gliedmaßen beraubt. Nur gebückt konnte sie fortschleichen. In ihren ausgerenkten Armen war keine Kraft mehr. Man gab ihr daher eine sogenannte Spitalpfründe; das heißt, Kost und freye Wohnung auf Lebenslang; und sie erreichte, – doch vielleicht nicht so bedauert, wie sie es verdiente! – ein ziemlich hohes Alter.


Der Mann um Mitternacht auf der Kanzel.


In einem kleinen Nieder-Lausizischen Städtchen ward vor ungefähr dreyßig Jahren ein Räuber eingezogen, dessen Verbrechen vorzüglich in Kirchen-Diebstählen bestanden. – Auf gerichtliches Befragen, warum er eben diese Art von Raube, auf der doch ein doppelter Fluch stände, sich erwählt habe? antwortete er: Weil er keine leichtere Beschäftigung kenne. » Der Aberglaube,« fuhr er lächelnd fort, »sorgt schon dafür, daß man sicher genug dabey handthieren kann. – Wer naht sich gern des Nachts einem Kirchhofe? Und wenn es zumahl regnet, wenn die Winde mit den Thüren knistern, oder durch die Zuglöcher in den oft zerbrochenen Fenstern heulen; wann die Nachtvögel rundherum schwirren, und die Glocken vom Sturme klingen; wer läuft dann nicht, so weit er nur kann, vom Kirchhof hinweg, oder wer glaubt nicht, wenn er ja nahe vorbeygehen muß, seinen Großvater und seine Großmutter leibhaftig dort herumwandeln zu sehen? – Nirgends ist man also gewisser, ungestört zu bleiben, und nur ein einziges Mahl in meinem ganzen Leben begegnete mir ein seltsamer, halb drolliger, halb fürchterlicher Streich.«

Man fragte ihn: Was für einer? Und er beichtete freymüthig folgender Maßen:

Es war das erste Mahl, daß ich mit dabey war, und es gab eine fürchterliche, regenvolle, pechfinstere Nacht. Wir erbrachen glücklich die Kirchthür; ich war der Letzte ohne Einen, und, sieh da! als ich aus der Halle in die Kirche selbst trat, wie erschrack ich, als ich beym ersten Blick und ersten Schimmer meines Laternchens, auf der Kanzel, groß und lang, einen Mann im Priesterrocke stehen sah, der so entsetzlich stark schrie, daß es aus allen Winkeln der Kirche zurückschallte, ob ich gleich keine Sylbe davon verstehen konnte.

Man kann sich mein Zurückprallen leicht denken. Meine Kameraden, ohnedieß aufmerksam auf mich, sahen es. »Was ist dir?« fragten sie. – »Je! seht ihr denn den Mann nicht auf der Kanzel dort? der so dasteht und predigt? Wer ist er! Was will er?« – »Siehst du den auch?« gab mir einer lächelnd zur Antwort: »laß du den immer ins Teufels Nahmen hier stehen! er thut dir doch nichts.« – Man riß mich fort; die Sacristey ward erbrochen und beraubt. Wir arbeiteten mit der größten Muße, und waren schon wieder glücklich heraus und auf dem Kirchhofe, als unser Anführer fragte: »Es hat doch keiner von euch was darin vergessen?« Wir sahen nach; keinem fehlte das Geringste, außer mir – meine Mütze.

Ich hätte sie herzlich gern im Stiche gelassen; aber es war die einmüthige Stimme meiner Kameraden: daß durch diese Alles verrathen werden würde, und daß ich sie schnurstracks wieder hohlen müsse. –»Wenn nur wenigstens, wandte ich ein, Jemand mitginge! Der Mann darin« – – – »Zum Henker, so laß doch den Mann darin Mann seyn. Der krümmt dir kein Härchen, wenn du dir's, furchtsamer Hase, nicht selbst krümmst.«

So rief man von allen Seiten mir zu. Scham und Noth drängten mich: es half nichts, ich mußte allein hinein. Der verzweifelte Mann stand wirklich noch da, und hatte er vorher stark geschrien, so schrie er jetzt noch zehn Mahl stärker. Ich sah mir ihn ein Paar Augenblicke recht starr an. – »Je,« sagte ich endlich zu mir selbst, indem ich mir ein Herz, so groß wie zwey Herzen faßte: »wenn du nichts als schreyen kannst, so schrey dich meinetwegen heiser!« Hierauf ging ich in die Sacristey, fand meine Mütze, und wie ich wieder herauskam, war nicht nur der Kerl weg, sondern ich habe auch seitdem nie wieder etwas Unheimliches gesehen. –

So weit, und zwar ganz genau, die Aussage dieses Räubers! – Es ist wohl kaum nöthig, meine Leser auf einige Besonderheiten seines Geständnisses aufmerksam zu machen. – Die Frage des einen Miträubers: Siehst du den Kerl auch? ist mir immer am merkwürdigsten vorgekommen. Sie zeigt, dünkt mich, deutlich genug, daß diese oder eine ähnliche Erscheinung der löblichen Gesellschaft, wenigstens Einigen von ihr, bey den ersten Probestücken ihres Gewerbes sich auch dargestellt haben möge. Das Verschwinden dieses Mannes, den die erhitzte Einbildungskraft eines Neulings im Laster sich schuf, war eine nothwendige Folge seines übertäubten Gewissens, dessen letzte sterbende Empfindung sich in einen nicht ganz willkürlichen Spott verwandelte. Verwunderlich scheint es mir, daß die Furcht des Räubers dem anscheinenden Gespenst nicht auch wirkliche Worte lieh; und noch wunderbarer müßte es zugehen, wenn sich Geschichten ähnlicher Art nicht noch in manchen Inquisitionsacten vorfinden sollten. Sie könnten vielleicht manchen trefflichen Aufschluß mehr von der Stärke einer erhitzten Einbildung uns geben, und ich will eben daher gleich noch eine Geschichte von ähnlicher Art darauf folgen lassen, die ich zwar nicht aus den Acten selbst, doch aus dem Munde so glaubwürdiger, vom ganzen Vorfall so genau unterrichteter Personen habe, daß ich mich ohne Bedenken für die Wahrheit derselben verbürgen kann.


Auch einer verstorbenen Frauen Winke soll man nicht verachten.


Die Kernische Handlung, eine der vorzüglichsten in Prag und in ganz Böhmen, hatte, unter ihrem vorigen Besitzer, schon seit mehr als zwanzig Jahren einen sogenannten HausmeisterSo nennt man in Böhmen und auch in einigen andern Provinzen Deutschlands einen Mann, der in großen Häusern seine Wohnung im Erdstock hat, das Haus auf und zuschließt, für kleine häusliche Reparaturen sorgt, und dafür, außer freyer Wohnung, Holz und Licht, oft noch andere kleine Vortheile zu genießen hat. in ihrem Dienste, der das Zutrauen seiner Herrschaft vollkommen besaß, und desselben doch äußerst unwerth war. Denn schon seit geraumer Frist hatte dieser Nichtswürdige sich Nachschlüssel zu verschaffen gewußt, öffnete damit des Nachts leise die Gewölber: versorgte sich nicht nur reichlich mit Zucker, Kaffeh und andern ähnlichen Waaren, sondern that auch in die Casse selbst manchen dreisten und derben Griff. Da er immer ziemlich genau wissen konnte, wann diese am besten besetzt, und ein Abgang am wenigsten zu spüren sey; da er überdieß seine Maßregeln so vorsichtig als möglich nahm, so blieb er immer unentdeckt; ward dadurch nach und nach ein wohlhabender Mann; und kaufte sich endlich selbst einen beträchtlichen Weingarten an, wobey er aber immer noch seinen vorigen Dienst behielt.

Auch bey diesem Kaufe argwohnten seine Principale nichts, und wiesen selbst einige freundschaftliche Warnungen lachend von der Hand. Er konnte ihnen verschiedene ehrliche Wege, worauf er sich etwas erworben, angeben; und es war ihnen sogar lieb, einen bemittelten Mann in diesem Posten zu haben, weil sie glaubten, einem Solchen mehr als einem ganz Dürftigen trauen zu können. Doch endlich kam seine Frau, die um Alles wußte, aufs Sterbebett und ihr Gewissen erwachte. Zwar wollte sie auch jetzt noch ihren Mann keineswegs angeben oder verrathen. Aber unter vier Augen that sie ihm die ernstlichste Vorstellung: »Es sey endlich Zeit,« sagte sie, »in sich zu gehen und vom bisherigen Lasterwege abzuweichen. Er sey nun vor allem Mangel auf seine ältern Tage gedeckt; besitze eine eigene Wohnung und bares Geld genug. Eigentlich sollte er Beydes, als ein geraubtes Gut, wieder erstatten; doch wenn er auch dazu sich nicht entschlöße, so beschwöre sie ihn wenigstens mit Thränen, sich mit dem zu begnügen, was er schon habe; und sie könne nicht ruhig sterben, bevor er Dieß nicht ihr zugesichert hätte!«

Diese Rede wirkte; denn er hatte seine Frau lieb gehabt, und durch ihre jetzige Lage wurden ihre Worte ihm noch wichtiger. Er versprach ihr daher mit Thränen, nie wieder zu stehlen. Sie ließ sich die Hand darauf geben; wiederhohlte einige Mahl: daß, wenn er dieses Versprechen bräche, Gottes Langmuth müde seyn und ihn zu Schanden lassen werde; und verschied wenige Stunden nachher. Einige Monathe durch hielt unser Witwer sein Wort auf's pünctlichste. Doch nunmehr war sein Vorrath von Zucker und Kaffeh aufgezehrt, und er sollte sein eigenes Geld für Waaren ausgeben, die er bisher überflüßig gehabt, oft selbst verschachert hatte. Dieß ging ihm schwer in den Kopf. Er war es zufrieden, ehrlich zu seyn; selbst wenn er einigen Gewinnst verlöre. Doch dabey sogar, wie er es nannte, zuzubüßen, Dieß, glaubte er, sey allzu viel gefordert. Zudem tröstete er sich mit einem Grunde, der nur allzu oft dem gemeinen Mann den Schritt über sein Gewissen hinweg erleichtert. – »Gott sey Dank,« dachte er, »deine Principale haben es ja! Es ist ja nicht einmahl ihr bares Geld; es sind ihre Waaren, die ihnen nicht so hoch als andern Menschen zu stehen kommen.« Kurz! nach einem langen Kampfe mit sich selbst, entschloß er sich, seinen alten Gang abermahls zu thun und sich nun Vorrath, doch nur Vorrath von Zucker und Kaffeh zu hohlen.

Die Gewölbthür ging in einen geräumigen Hof. Das Zimmer, wo er wohnte, lag in einem andern Theile des Hauses. In einer stillen Mitternachtsstunde machte er sich auf den Weg. Aber, so wie er in den Hof eintrat, so wie er jene Thür ins Gesicht bekam, sah er vor ihr seine verstorbene Frau in Lebensgröße stehen. Sie war in einem weißen Gewande; ihre ausgebreiteten Arme schienen die Thür gleichsam noch fester zuzuklemmen. Daß der Räuber bey diesem unerwarteten Anblick erschrack, läßt sich leicht denken. Er floh hastig in sein Zimmer zurück und zu Bette. Die ganze Nacht kam kein Schlaf in sein Auge, und wohl zwanzig Mahl erneuerte er dem Schatten seiner Frau in Gedanken eben den Schwur, den er ihr selbst am Todbette gethan hatte.

Doch so, wie wieder einige Tage verflossen waren, stiegen auch andere Gedanken und mancherley Zweifel in ihm auf. – »Wie dann, wenn es nur ein Mondschein, ein Licht im ersten Stocke oder wohl gar deine Einbildung gewesen wäre? Bist ein so alter Kerl – so lange in diesem Hause – so oft auf dem nähmlichen Wege, und spürtest nie etwas Unheimliches! Nur jetzt – Possen, ich versuch es noch ein Mahl! muß entweder hinein oder mir wenigstens das Ding, das mich scheucht, genauer besehen.« Er ging; nach Mitternacht; kein Mondschein war am Himmel, im ganzen Hause kein wachender Mensch, und kein Licht zu spüren. Er sammelte seine ganze Herzhaftigkeit. Sie hielt aus, bis er in den Hof eintrat; aber sieh da! der Geist seiner Frau stand wieder am vorigen Posten. Es war ihre Gestalt, ihr Gesicht, ihre Größe; Alles vom Größten bis zum Kleinsten! Er betrachtete sie einige Augenblicke unverwandt; sie blieb stehen. Ihre Arme waren wieder ausgebreitet. Mit einem Finger schien sie ihm zu drohen. Es überlief ihn ein eiskalter Schauer; er eilte wieder zurück und brachte auch diese Nacht, wie jene erstere, mit Furcht, Gebeth und guten Vorsätzen von Lebensbesserung zu.

Aber Geiz und Habsucht, wo sie einmahl recht Raum gewonnen haben, überwältigen auch den besten Vorsatz und selbst das erwachte Gewissen. Bey jedem Pfennig, den unser Hausmeister wieder für jene schon erwähnten Bedürfnisse ausgab, dachte er alle Mahl: »Hast Das so nahe; könntest Das so umsonst haben!« Immer überzeugte er sich stärker, daß jener Geist, Trotz seines zweymahligen Schildwachstehens, nur ein Spiel der Einbildungskraft, ein selbstgeschaffenes Schreckbild sey. – »Wenn deine Frau dir erscheinen wollte und könnte, warum nur immer im Hofe und vor jener Thür? Warum nicht hier auf deinem Zimmer? Warum nicht da, wo sie sonst lebend zu sitzen pflegte, oder vollends da, wo sie starb?« Er sah sich Anfangs immer furchtsam um, so oft er diesen Gedanken hegte; aber er gewöhnte sich bald daran; und nahm sich nun, mit Gründen, wie er glaubte, gewaffnet, fest vor: noch ein Mahl nicht nur hinzugehen, sondern auch seinen Vorsatz durchzusetzen, und wenn seine Frau doppelt dastände.

Er ging. Jener zweymahlige Anblick erneuerte sich richtig wieder. Aber der Verstockte blieb auf seinem Entschluß. Mit halb abgewandtem Gesicht kam er bis dicht an die Thür; schob jenen lichten Schein, so däuchte es ihm, gleichsam davon hinweg, und schloß dann ungehindert auf. Alles dieß, so schauderhaft es vielleicht für manche, ohnedieß furchtsame Leser klingen mag, läßt sich doch durch ein klein wenig Seelenkunde leicht erklären, ohne daß deßhalb ein wirkliches Gespenst ins Spiel zu mischen wäre. Merkwürdig aber bleibt es doch, daß dieser so oft und so fruchtlos von seiner sterbenden Frau und von seinem eigenen Gewissen gewarnte Bösewicht jetzt allerdings in sein Verderben rannte, und daß er, der vorher so oft glücklich entwischt war, gerade jetzt in einen Fallstrick kommen mußte, dem er nicht mehr entgehen und wovon ihm keine Sylbe ahnden konnte.

Jene früheren Casseneingriffe waren zwar nicht immer, und nicht ganz bestimmt gemerkt, aber doch ein Paar Mahl vermuthet worden. Man hatte hin und her, doch niemahls auf die schuldige Person gerathen; auch wurden schon ein Paar Ladendiener, wenn gleich nicht geradezu deßwegen, doch wenigstens mit einigem Argwohn verabschiedet. Jetzt war seit wenig Wochen ein Neuer angenommen, der Redlichkeit, Liebe zur Ordnung und Unverdrossenheit besaß. Er hatte von jenen Diebstählen murmeln gehört, hegte Ehrliebe genug, zu wünschen, daß dergleichen unter ihm nicht vorfallen möchten, und glaubte vor allen Dingen beobachten zu müssen: ob er auch lauter ehrliche Hausgenossen habe. Er nahm sich daher vor, einige Monathe hindurch alle Nächte in einem kleinen, dicht an das Hauptgewölbe stoßenden und mit einer Glasthür versehenen Stübchen zu schlafen. Alle Abende trug er sich selbst, ganz heimlich, ein Paar Betten auf eine Bank dorthin. Niemanden, als seinen Principalen, sagte er ein Wort davon; schon mehrere Wochen hatte er diese Übung fortgesetzt und nicht das geringste Verdächtige bemerkt. Da gewöhnlich immer nur neue Diener recht eifrige Diener zu seyn pflegen; da auch der beste Vorsatz, wenn man keinen Nutzen spürt, bald erkaltet; so war es sehr möglich, daß dieses unbequeme Nachtlager sich schon seiner Endschaft nahte, und daß jener nichtswürdige Räuber nur noch ein paar Wochen hätte warten dürfen, um dann wieder sicher plündern zu können. Doch daß er gerade jetzt ein Herz sich faßte, auch Dieß war vielleicht eine Fügung des Schicksals, welches ihn reif zu seinem Verderben fand.

Kaum hatte er jetzt die Thür des Gewölbes aufgeschlossen, als unser Kundschafter auch dieses nahe, wiewohl leise Geräusch vernahm, an jenes Fensterchen sich schlich, und beym Schimmer einer kleinen Diebslaterne den Räuber gar bald erkannte. Er sah, wie er den Zucker- und Kaffehvorräthen zusprach, und ließ ihn ungestört sich belasten, so viel er wollte. Jetzt hatte dieser nun alles Das, weswegen er eigentlich gekommen war. Er hatte sich fest vorgenommen, die Casse dieß Mahl nicht heimzusuchen; da er ihr aber so nahe war; da er Alles um sich herum so sicher glaubte; da er entschlossen war, so bald nicht wieder zu kommen; so dachte er: Ein Griff mehr dort hinein kann doch auch nichts schaden! Die Schlüssel hatte er bey sich; die Casse war in einem Augenblick eröffnet. Doch jetzt sprang auch der Ladendiener schnell herbei, packte den Dieb fest, und schrie so laut er konnte: Hülfe, Hülfe! um noch mehrere Menschen im Hause zu wecken. Vergebens wollte jener Elende sich losreissen; der Diener war jünger und stärker. Vergebens both er um Gotteswillen, nur dieß Mahl ihn gehen zu lassen; nahm vergebens zu den schönsten Versprechungen seine Zuflucht. Jener hatte weder Erbarmen noch Lust, sich bestechen zu lassen; schrie immer nur noch stärker, und weckte endlich die Hausgenossen, die scharenweise zusammen kamen. Ein allgemeines Erstaunen entstand, als man sah, was vorgegangen sey, und wer es verübt habe. Man hohlte sogleich die Wache und übergab ihr für diese Nacht den Verbrecher. Des andern Morgens übernahmen ihn die Gerichte. Da alles Läugnen umsonst gewesen wäre, gestand er die vielen Diebstähle, die er nach und nach begangen hatte. Sie betrugen in Waaren und Gelde an zwölf tausend Gulden. Er hatte durch diese Summe das Leben, nach den damahls geltenden Gesetzen, mehr als zehnfach verwirkt; doch ward sein Urtheil auf lebenslängliches Zuchthaus gemildert. Sein ganzes Vermögen, wenn man abrechnet, was die Gerechtigkeit als Gerechtigkeit für sich behielt, ward eingezogen und seinem beraubten Principalen überliefert. Aus seinem eigenen Munde erfuhr man, vor Gerichten, die vorstehende Geschichte.


Die Stutzperücke.


Daß in England oft Männer vom feinsten Stand und von der besten Geburt, wenn Spiel, Ausschweifung oder Unfälle sie in Verlegenheit setzen, die Landstraße zu bereiten und dem ersten besten Reisenden ihre (oft ledige) Pistole vorzuhalten pflegen, das ist eine längst bekannte Sache. Einst hielt Einer von diesen Highwaymanns einen reichen Wollhändler an; zwang ihn, der auf einen solchen Vorfall ganz unvorbereitet war, nicht bloß mit einem Paar Guineen, sondern mit einer ziemlich ansehnlichen Banknote sich zu lösen; bedankte sich höflich, und sprengte davon.

Der Räuber, dem in mancher Rücksicht daran gelegen seyn mochte, unerkannt zu bleiben, hatte unter andern Hülfsmitteln auch einer schwarzen Perücke sich bedient, die fast sein ganzes Gesicht verdeckte. Jetzt war er kaum einige hundert Schritte von dem Orte seines Fanges entfernt, als er diese Haarhaube wegwarf, und weiter eilte, ohne für deren ferneres Schicksal besorgt zu seyn.– Die Straße, wo Dieß geschah, gehörte nicht zu den sehr besuchten Straßen Englands; die Perücke war überdieß noch auf einen Nebenweg hingeschleudert worden; sie lag daher ein ziemliches Weilchen, ehe sich ein Liebhaber dazu fand; aber endlich kam der einzige Sohn eines reichen Esquire, dessen väterliches Gut in der Nähe war, geritten; sah sie, hob sie aus Neugier mit seiner Reitgerte empor, und kam durch ein unglückliches Ungefähr auf den Einfall, sich einen Spaß damit machen zu wollen.

»Wenn ich dieß Geniste, (dachte er bey sich selbst) aufsetzte, so würde mich vielleicht unser eigenes Hausgesinde, wohl gar meine leibliche Schwester nicht kennen. Ich habe ja nicht weit bis heim! Was thut's? ich will es versuchen.« – Er setzte sie auf, und ritt ganz gelassen weiter.

Ehe er auf seines Vaters Grund und Boden kam, mußte er noch die Landstraße durchschneiden, und sowohl bey einem Schlagbaum, als einem Zollhäuschen vorbey, wo Wegegeld entrichtet wurde. Er that Dieß, unbekümmert wegen der Leute, die er dabey stehen sah; aber desto mehr bekümmerten sich diese um ihn. Denn siehe da! durch einen neuen unglücklichen Zufall hielt hier, in eben diesem Augenblick, jener vor Kurzem erst beraubte Wollhändler an; und erzählte einigen von ungefähr angetroffenen Bekannten sein trauriges Abenteuer. Jetzt, als er im besten Erzählen unsern jungen Esquire daher traben sah, und auf seinem Kopf jene Perücke erblickte, die er nur allzu gut sich gemerkt hatte, unterbrach er sogleich seines Erzählung und rief hastig: »Ey seht da! Unser Highwaymann! Greift ihn! greift ihn!«– Seine Gefährten, getäuscht wie er, legten sogleich Hand an. Ehe der arme bestürzte Jüngling ein Wort nur reden konnte, war er auch schon vom Pferde herunter gezogen. Es half nicht, daß er sich zu erkennen gab; nichts, daß der Zolleinnehmer selbst nun für ihn und seine Unschuld Leib und Leben zu verpfänden sich erboth; nichts, daß von allen geraubten Stücken auch nicht ein Einziges bey ihm zu finden war. Der Wollhändler blieb dabey, er erkenne seinen Räuber in ihm. Das Begehren der Verhaftung mußte ihm gewillfahrt werden, und der peinliche Prozeß nahm seinen gewöhnlichen Lauf.

Der Sachwalter des jungen Esquire that alles Mögliche, um die Schuldlosigkeit seines Clienten ins helle Licht zu setzen. Man gab ihm durchgängig das vortheilhafteste Zeugniß; aber wegen der verdächtigen Viertelstunde konnte er doch durch keinen Zeugen sich rechtfertigen; der Wollhändler, auch ein sonst unbescholtener Mann, beharrte auf seiner Aussage; legte den Eid darauf ab, und die zwölf Geschwornen sprachen das fürchterliche guilty aus.

In England, wie bekannt, werden alle Gerichtshändel bey offenen Thüren geführt. Bey dem gegenwärtigen Verhör war der wahre Thäter vom Anfange bis zu Ende Zuschauer gewesen, hatte aber weislich geschwiegen, bis der Ausspruch der Geschwornen gefällt war. Jetzt trat er hervor, wandte sich zum Richter und sagte: »Der Criminal-Prozeß sey zwar ganz ohne Parteylichkeit, ganz ohne Verletzung irgend eines Gesetzes geführt worden; doch scheine es ihm, als hätten Kläger und Geschworne zu viel auf den Punct mit der Perücke gerichtet. Wenn es ihm erlaubt sey, getraute er Dieses sogleich durch ein augenscheinliches Beyspiel zu beweisen.« – Der Richter, der nichts eifriger wünschte, als seinen Angeklagten retten zu können, gab diesem neu aufgetretenen Sachwalter gern Erlaubniß, seinen Beweis zu führen, und ließ ihm die Perücke reichen, die während des ganzen Handels da gelegen hatte.

Er stürzte sie auf, indem er dem Wollhändler den Rücken zukehrte. Dann aber wandte er sich schnell um zu ihm, und mit eben dem Blick, dem Ton, der Geberde, der Drohung in Hand und Worten rief er: Deine Börse her, Elender!

Kaum sah Dieser so plötzlich jenes Original vor sich stehen, das ganz ein Da Capo mit ihm spielte, als er auch augenblicklich seinen bisherigen Irrthum und seinen wahren Feind erkannte. – »Gott verdamm mich (schrie er auf) ich habe mich betrogen; Dieser hier ist mein Spitzbube!«

Aber eben so rasch war jener mit dem schwarzen Stutz wieder herunter, und wandte sich lächelnd zum Richter. – »Ewr. Herrlichkeit sehen nun, wie drehend dieser gute Mann durch die Perücke gemacht wird; kaum sieht er in ihr mich ganz Unschuldigen, mich, der ich so lange völlig unbemerkt und dicht vor seinen Augen stand, so bin ich sogleich seinen Gedanken nach der Räuber. Bey Gott, ich glaube, er hätte Ewr. Herrlichkeit ein gleiches Compliment gemacht, wenn Sie eher eben den Einfall gehabt hätten! Wenigstens aber hat er jetzt seinen Eid widerrufen und den Beklagten frey gesprochen.«

Nach englischen Gesetzen galt wirklich über diesen letzten Punct keine Frage mehr; und eben so wenig konnte er, nach einem schon geleisteten falschen Eide, noch einen neuen schwören, oder irgend eine Klage gegen seinen muthmaßlich wahren Räuber anheben; zumahl, da gegen Diesen nicht der geringste übrige Verdacht obwaltete. Der Esquire kam los; der Sachwalter verschwand wieder.


Edle Dreistigkeit einer gemeinen Bäuerinn, die Schande ihres hingerichteten Mannes zu mindern.


In einem kurländischen Bauerhofe, und zwar in einem, der ziemlich einsam lag, suchte ein pohlnischer Jude, den auf seiner Fußreise die Nacht überfiel, um Beherbergung an, und erhielt sie auch. Bekannter Maßen führen diese Handelsleute unter der dürftigsten Kleidung, oft reichlich versehene Geldkatzen bey sich; thun, als ob sie um Brot betteln müßten, und könnten ein Rittergut kaufen. Gegenwärtiger Wanderer gehörte zu diesen dürftig scheinenden Reichen, und ich weiß nicht, durch welches Ungefähr sein Wirth Kundschaft davon erhielt. Die Vermögensumstände dieses Bauern waren eben nicht die besten; seine Gesinnungen, Trotz seiner ehrlichen Miene, eben nicht die rechtschaffensten. Er hatte kaum von seines Gastes Börse einige Muthmaßungen gefaßt, als der Gedanke in ihm aufstieg: Der Tod eines Menschen könne hier eine ganze Familie glücklich machen, und sey daher wohl zu entschuldigen. Er theilte seinen beyden Söhnen diesen Einfall mit, und fand sie dazu bereitwilliger, als sie sollten. Das schändliche Vorurtheil: daß das Leben eines Juden weit weniger als ein christliches werth und eigentlich nur als ein halb menschliches zu betrachten wäre, trug viel zu ihrer Willfährigkeit bey; und jener Unglückliche ward im tiefsten Schlaf überfallen, beraubt und ermordet.

Sie hatten ihre Maßregeln so gut zu nehmen, den Leichnam so heimlich zu verscharren gewußt, daß niemand in der ganzen Gegend etwas davon argwohnte. Die Vermögensumstände dieses Bauern besserten sich durch diese schändliche Erbschaft gewaltig; er bezahlte seine Schulden; und in Jahresfrist heirathete sein ältester Sohn die Tochter eines reichen Nachbars; eine junge, hübsche, brave Dirne, um die er vorher lange schon gefreyt hatte, und die ihn gegenseitig auch von Herzensgrunde liebte.

Doch kaum war diese Hochzeit vorbey, als Verdacht wegen jener Mordthat ausbrach. Die Gerichte bemächtigten sich des Vaters und seiner Söhne; man fand die Überbleibsel des begrabenen Körpers; man entdeckte der Spuren bald noch mehrere. Die Schuldigen gestanden endlich selbst ihr Verbrechen, man sprach über sie das Urtheil: enthauptet und auf das Rad geflochten zu werden. Ein hartes, aber doch gerechtes Urtheil, welches auch bald darauf an ihnen vollzogen ward.

Wer vermag bey allen diesen schrecklichen Ereignissen das Gefühl der jungen erst verheiratheten Frau ohne Mitleid sich denken? Zu eben der Zeit, wo sie einen geliebten, lang geliebten Mann nun endlich zu besitzen glaubt; sich dieses Besitzes noch in seiner ganzen Neuheit freut; sieht sie eben denselben eines schwarzen Lasters angeschuldigt; sieht ihn aus ihren Armen wegreissen; geschleppt zum Kerker; eben desjenigen Bubenstücks, weßhalb sie ihn so gern gegen die ganze Welt vertheidigen möchte, überführt; hört über ihn das fürchterlichste Urtheil des Todes aussprechen, und findet zwar seine Richter mitleidig bey ihren Thränen, doch unerweichbar das Gesetz, wornach sie ihn richten. O entsetzlich war ihr Abschied, als sie zum Hochgericht ihn führten, noch entsetzlicher beynahe ein anderer Gedanke, der sie stracks darauf ergriff!

Diese Unglücklichen waren – wie wir schon gesagt haben – nach überstandener Todesstrafe aufs Rad geflochten, ihre Köpfe oben auf den Pfahl gesteckt worden. So verzerrt von dem letzten Streich und Schmerz, so geröstet von der Sonne, zerfressen von den Raben, verabscheut von allen Vorbeygehenden, sollte nunmehr das Haupt verwesen, auf dessen Mund sie sonst so oft den Kuß der Liebe gedrückt, das ihr so männlich schön geschienen hatte! Diese wahrscheinlich für Manche sehr schwärmerisch klingende Empfindung mußte doch ganz die wahre Empfindung dieser unglücklichen Bäuerinn gewesen seyn; denn wie ließe sich sonst die sonderbare That erklären, zu der sie sich erkühnte?

Im Dunkel der tiefen Nacht, allein, ohne Leuchte, ohne Gefährten, stiehlt sie sich leise aus ihrem Bette und aus dem väterlichen Hause; läuft weit, weit hinweg bis zur Gerichtsstätte. Keine rauhe Witterung hält die Halbnackende ab; keine Furcht vor dem schaudervollen Orte – Leuten von ihrer Erziehung doppelt gräßlich! – erschreckt sie; selbst das Unmöglichscheinende wird ihr möglich. Sie klettert an der bloßen Stange empor, kommt bis ans Rad, bis an dessen Spindel; und verhüllt mit einem weißen Tuche das Haupt ihres ehemahligen Gatten; dann kehrt sie wieder zurück in ihre Wohnung.

Man kann sich die Verwunderung leicht denken, die des andern Morgens bey denjenigen entstand, die zuerst diese sonderbare Bekleidung inne wurden. Die Guthsherrschaft forschte weiter nach, und die wahre Beschaffenheit der Sache kam bald heraus. Man versagte der jungen Witwe die Bewunderung nicht, die ihre Kühnheit verdiente. Der Leichnam ihres Mannes ward vom Rade genommen und unter demselben begraben. Für sie selbst sorgte die Herrschaft nach möglichsten Kräften. Jene Verachtung, die sonst, ungerecht genug, die Hinterlassenen eines Gerichteten zu verfolgen pflegt, traf sie nie; sie ward vielmehr nach Verlauf eines Jahres die Gattinn eines ihrer Liebe würdigen Mannes.


Der blutige Jeßanack.


Daß es im Königreich Ungarn sehr viele Waldungen von großem Umfang gibt; Waldungen, in welchen man oft einige Meilen reisen kann, ohne auch nur ein Dorf, eine Hütte, höchstens hier und da ein einzeln stehendes Gasthaus ausgenommen! – zu erblicken; dieß ist eine allgemein bekannte, schon in tausend Büchern stehende, und von unzähligen Reisenden verbürgte Wahrheit.

So unangebaute Wälder sind auch natürlicher Weise sehr menschenleer. Dennoch werden sie auch zuweilen von ganzen zahlreichen Gesellschaften durchstrichen, die sehr füglich – wegbleiben könnten. Das heißt: Räuberbanden sammeln sich hier nicht selten; werden einzelnen Wanderern, auch wohl kleinen Caravanen, gefährlich, und begnügen sich zuweilen, wenn sie allzu hartnäckige Gegenwehr finden, nicht ein Mahl mit dem Raube allein; sondern morden auch die Unglücklichen, die in ihre Hände fallen. Gerechtigkeit und Regierung thun zwar, vorzüglich in der letztern Hälfte dieses Jahrhunderts, Alles, was sie nur können, um diesem Unwesen zu steuern. Doch solche ganz auszurotten, war bisher unmöglich.

Nun lebte vor ungefähr fünf und zwanzig Jahren in eben diesem Königreiche, im War** Comitate, ein gewisser Procurator, Jeßanack mit Nahmen, der sich seit seinem Eintritt in's gerichtliche Leben immer als den geschworensten Feind von solchen Störern öffentlicher Sicherheit auszeichnete. Er war Gerichtsdirector aus verschiedenen weitläuftigen Herrschaften; ließ mit dem lebhaftesten Eifer jedem Räuber, der sich allda nur von Weitem spüren ließ, nachforschen, und suchte mit noch größerer Strenge jedem ein Mahl Ertappten auch seinen gehörigen Lohn zu verschaffen. Nachsicht, Erlaß und Gnade waren Worte, die aus seinen Protocollen und Schriften gleichsam weggebannt zu seyn schienen; und indem er so fast immer bey jedem Überwiesenen die Todesstrafe durchsetzte, kein Vorwort anhörte, keine Ausflucht gelten ließ, reinigte er wirklich in der Frist von einigen Jahren die ihm anvertrauten Herrschaften von allem solchen Räubergesindel gänzlich; erhielt dafür den Dank der Verständigen, zugleich aber auch, nicht nur von den Straßenräubern selbst, sondern auch vom größern Theil des Publicums, und zumahl von der gemeinen Menge, den etwas zweydeutig klingenden Nahmen: blutiger Jeßanack.

Einst, als er sich selbst auf einer Reise befand, herrschaftliche Gelder eincassirt, und einige tausend Gulden im Wagen bey sich hatte, ward er, – indem er über fremdes, nicht so gesäubertes, Gebieth fuhr – an einer Stelle, wo er sich dessen am wenigsten versah, von einer ganzen Rotte bewaffneter Buschklepper umringt. Er suchte sich durch seine dargebothene Börse von allen übrigen Ungemächlichkeiten loszukaufen; da aber diese ziemlich leicht wog, so hatte man wenig Lust, diesen stillschweigenden Contract einzugehen. Man stand vielmehr eben nicht nur im Begriff, eine genaue Durchsuchung des Wagens vorzunehmen, sondern fügte auch bereits sehr gefährlich klingende Drohungen hinzu, als plötzlich mitten aus diesem Haufen ein junger Bursche hervordrang, die Nächsten am Wagen und diejenigen, die den Passagier angepackt hatten, zurückstieß, und dabey ausrief: »Eh, so laßt doch den Kerl zu allen tausend T– fahren, und verliert eure Zeit nicht bey ihm! Ich kenne ihn. Es ist der blutige Jeßanack, und der führt gewiß, außer seinem Beutel, keinen einzigen Kreuzer bey sich.«

Bey einer solchen Empfehlung ward dem Procurator wahrlich nicht wohl zu Muthe. Sein Nahme blieb nicht ohne Wirkung. »Der blutige Jeßanack!« riefen mit einem Munde die sämmtlichen Räuber; traten wirklich einen Schritt zurück; hielten aber den Wagen umringt, und stimmten unter sich ein gar nicht tröstliches Gemurmel an. »Wenn das wirklich Jeßanack ist,« schrie endlich Einer von ihnen: »was zögern wir noch länger, den Burschen kalt zu machen? Der Kerl verdient ja doch, er habe nun Geld verläugnet, oder nicht, siebenfältig den Tod! Wie manchen unserer braven Kameraden hat nicht dieser saubere Herr auf seinem verdammt ehrlichen Gewissen!«

Schon zuckten einige die Messer; schon empfahl Jeßanack seine Seele dem Himmel; doch jener Vorsprecher trat abermahls dazwischen. – »So laßt ihn doch ziehen!« sprach er; »ziehen, wohin es ihm beliebt! Allerdings hat er sich zwar an unsers Gleichen oft hart versündigt. Aber wer weiß, ob nicht an seiner Stelle noch ein Schlimmerer kommen dürfte! Er hingegen, wenn wir ihn dieß Mahl so fein säuberlich durchwischen lassen, wird doch auch ein Gewissen haben, und künftig etwas glimpflicher mit uns umgehen. Auf jeden Fall hat der alte Fuchs kein Geld weiter bey sich; und mit seinem Blute – was ist uns da geholfen?«

Dieses Vorwort fruchtete. Unversehrt, und ungeplündert, nur nochmahls ernstlich ermahnt, sich für die Zukunft in seinen Maßregeln zu bessern, zog Jeßanack seine Straße. Er fand allerdings selbst in dieser Errettung Manches sonderbar; begriff kaum, wie er davon, und an jenem jungen Burschen zu einem solchen freundschaftlichen Vertheidiger gekommen sey; glaubte aber dennoch nicht in seiner ein Mahl übernommenen Pflicht durch einen Zufall dieser Art sich irren zu lassen. Er hatte ja alles Bisherige, nicht aus Eigennutz, sondern zur Handhabung der Gerechtigkeit, zur öffentlichen Sicherheit seines Vaterlandes gethan; er fuhr daher auch muthig fort, für Beyde zu wachen und zu arbeiten. Sein Ruf vermehrte sich noch. Von Weitem her ward er zu mancher schwierigen Untersuchung verschrieben; und schlaue Bösewichter, die sonst jedes Verhör unnütz zu machen wußten, erblaßten, wenn Jeßanack auftrat, und verstrickten sich gemeiniglich in seinen Fragen. Sechs oder sieben Jahre verliefen indessen. Jenes Abenteuer im Walde kam ihm fast gänzlich wieder aus dem Sinn.

Einst ward, in einer ziemlich weiten Entfernung von seinem Wohnsitze, eine starke Räuberbande, die in einem gräflichen Schlosse einzubrechen versuchte, gerade im günstigsten Augenblicke noch entdeckt, überrascht, und größten Theils verhaftet. Es ward eine scharfe Untersuchung gegen sie angestellt; man erbath sich hierzu Jeßanacks Beystand, und Dieser stellte auch willig sich ein. Im ersten Verhör läugneten zwar die Gefangenen Alles; doch gleich nach demselben verlangte einer von dieser Bande mit Jeßanack allein zu sprechen, und sein Begehren ward ihm zugestanden.

»Wahrlich!« – rief dieser Bursch, so wie sein Kerkermeister nur abgetreten war: – »Wahrlich, rief er, und schüttelte die Fessel an seinen Händen: Sie lohnen den Leuten schön, die sich um Sie verdient machten! Es kostete mich vordem Mühe genug, Sie beym Leben zu erhalten; jetzt, scheint mir, werden Sie diese auch nicht sparen, um mir davon zu helfen.«

Jeßanack stutzte; wußte nicht gleich, was er von dieser Anrede denken solle; sah aber bald den Kerl genauer an, und fragte: Wie! Wärest du wohl gar –

Nun ja! ja! ich bin freylich derjenige, der Ihnen im **auer Busche das Wort bey seinen Kameraden redete! Ich bin es, der sich damahls gröblich an seinem ganzen Handwerk versündigte; indem ich durch Ihre Erhaltung späterhin wohl Zwanzigen meiner Brüder zu Strang und Schwert verhalf! – Glauben Sie nicht etwa, daß ich jetzt den Uneigennützigen, wohl gar den Großmüthigen zu spielen Lust habe. Ich gestehe frey: Ich rettete Sie damahls in der Hoffnung, daß Sie mich vielleicht einst wieder retten könnten. Damit sie aber doch auch diesen Dienst nicht allzu wenig, allzu wohlfeil schätzen, so wissen Sie: mir war damahls nicht minder aufs genaueste bekannt, wieviel tausend Gulden in ihrem Wagensitze sich befänden.

»Wie? auch das hättest du gewußt?«

»Vollkommen! Ja, jetzt vielleicht genauer noch, als Sie wohl selbst sich es merkten! Es waren sieben Beutel und zwey davon mit den schönsten Kremnitzer Ducaten gefüllt. Ich machte damahls den Kundschafter der Bande. Ich hatte ihre Barschaft im Schlosse einpacken gesehen; wußte Alles – und schwieg. Unläugbar sind Sie also mein Schuldner! Ob Sie jetzt mich bezahlen wollen, steht bey Ihnen. Wenigstens, wenn nur der gute Wille da ist, habe ich die Sache selbst nicht Ihnen unmöglich gemacht. An meinen Händen klebt kein Menschenblut. Geraubt habe ich oft, gemordet nie. Mehrmahls sah ich zu; doch nie gern; half nie mit; setzte mich nicht selten dagegen. Nach fremder Habe ließ ich freylich ziemlich oft mir gelüsten. Doch dann wären Sie wahrlich kein Rechtsgelehrter, wenn Sie so etwas nicht zu entschuldigen wüßten!«

Wenigstens will ich thun, was mir möglich ist! darauf gebe ich dir hiermit Hand und Wort.

Jeßanack hielt Beydes. Durch seine Vertheidigung, und als diese nicht ganz hinreichen wollte, durch seine Vorbitte, blieb von der ganzen Bande dieser Einzige am Leben, und kam mit einer sehr mäßigen Leibesstrafe durch, da es die Übrigen alle mit ihrem Halse büßen mußten.


Mörder, der sich zwingt, eine Ursache zu finden.


Ein junger Bauer gerieth in der Schenke mit einigen seines Gleichen in Zwist. Von Worten kam es zum Handgemenge. Er unterlag der stärkern Anzahl: ward niedergeworfen, bey den Haaren zur Thüre hinausgezerrt und noch draußen auf der Flur aufs unbarmherzigste zerprügelt.

Er lag, wie an allen Gliedern gelähmt, und schäumte Wuth und Rache; aber er konnte sich noch nicht aufrichten, und diejenigen, welche in diesen Zustand ihn versetzt hatten, waren davon gegangen. Indessen hatte er sein Messer hervorgezogen, und wartete nur auf die Rückkehr seiner Kräfte, um sich völlig aufzuraffen und an irgend einem Gegenstande seine Mordgier auszulassen. Diese Kräfte stellten sich wieder ein; er stand auf; obschon noch halb taumelnd; das Zimmer öffnete sich; er sah bey dem herausschimmernden Lichte, – denn die Flur war dunkel, – einen ihm völlig Unbekannten und an seinem Unfalle ganz Unschuldigen hertreten. Er fühlte Begierde, auf ihn loszugehen; aber ehe er noch sich dazu entschließen konnte, war die Gelegenheit schon vorüber.

Unmittelbar darauf trat ein Anderer, an seinen Schmerzen eben so unschuldig als jener, hervor. Indeß, da er, wie vorhin, in seinem Entschlusse noch hin und her schwankte, fiel ihm ein: daß vor vielen Jahren die Mutter dieses Menschen mit seiner Mutter einen Zank gehabt, und ihr Unrecht gethan habe; seine Rache in eben dem Augenblicke war entschieden; er ging auf ihn loß, und stieß ihm das Messer ins Eingeweide.

Seine Richter gaben sich alle mögliche Mühe, von dem Mörder noch irgend eine andere Ursache dieser blutigen That herauszubringen; es war umsonst. Auch bedarf der Kenner der menschlichen Natur keiner andern, um sie zu begreifen, und sie wirft ein helles Licht auf die Natur und den Gang des menschlichen Willens, der alles aufbiethet, um, selbst bey bösen Thaten, seinem Entschluß einen Anstrich von Billigkeit, oder wenigstens eine Entschuldigung hinreichend für sich selbst, zu geben.


Der Hundssattler und der Leinweber.


Im fränkischen Kreise durchstrich vor ungefähr vierzig bis funfzig Jahren ein Krämer das Land, den der größere Haufen, fast durchgängig, nur unter der Benennung des Hundssattlers kannte. Es war ein Mann, der mit Schnittwaaren handelte; auf den Dörfern und in den Flecken oft ansehnlichen Absatz fand; jenen Spitznahmen aber von zwey englischen Doggen erhielt, die er überall mitzuführen, und mit einem Theil seiner Waaren zu bepacken, mithin gleichsam zu satteln pflegte. Ein junges Weibsbild, das er für seine Frau ausgab, und bey welcher ihm wenigstens alle Rechte eines Mannes frey standen, war seine gewöhnliche Begleiterinn. Für so ganz engelrein galt freylich seine Denkungsart und sein Betragen nicht; gleichwohl wußte niemand ihm etwas Auffallendes nachzusagen, und noch minder zu erweisen.

Um eben diese Zeit lebte auf dem Lande, in einem kleinen offenen Marktflecken, ein Leinweber, der schon Vater von sechs Kindern, und ein kreuzbraver Mann, nur eben seiner zahlreichen Familie halber so blutarm war, daß oft die Sonne Wochen lang in seine Küche schien, ohne einen Funken Feuer auf seinem Herde zu finden. Der Hundssattler hatte ihn weiß der Himmel durch welchen Zufall, kennen gelernt, und pflegte zuweilen, wenn Nacht oder übles Wetter sein weiteres Fortkommen hinderten, hier auf einer Streu – denn an ein Gastbette war nicht zu gedenken – zu übernachten. Wann ihm dann sein armer Wirth nach gewöhnlicher Art der Dürftigen, seine Noth recht herzlich klagte, schien er ihm mit Rührung zu zuhören und versprach: bey erster vorfallender Gelegenheit auf Verbesserung seiner Umstände zu denken.

Einst kam der Krämer und seine angebliche Frau gerade zu einer Zeit, wo die Noth des Webers äußerst groß und dringend war. Er sollte vier Gulden, die ein harter Gläubiger ihm vorgestreckt hatte, zahlen, oder des andern Morgens sein Handwerksgeräthe sich auspfänden lassen. Im ganzen Hause waren keine vier Kreuzer aufzutreiben; zu verkaufen oder zu versetzen war auch nichts mehr; kein neuer Darleiher wollte sich finden, und der Ältere war unerbittlich. Die arme Frau rang die Hände; der Mann saß hinter seinem Weberstuhl stumm, thränend und zur Arbeit unfähig, die Kinder schrien um Brot. Als der Hundssattler diesem Jammer eine Weile zugesehen und zugehört hatte, sagte er: »Wohlan, hier will ich mich ins Mittel legen. Ich bin so eben im Begriff, zu einem meiner vorzüglichsten Kunden zu gehen, eine ansehnliche Summe Silbergeld einzucassiren, und einige neue Waaren abzuhohlen. Komm mit, hilf mir tragen! Ich will dir reichlich lohnen. Überhaupt, wenn ich merke, daß du in mein Geschäft dich schickst, so will ich dich von nun an dazu gebrauchen, und ich wette, es soll dich bald besser als dein ärmlicher Weberstuhl nähren. Aber freylich, da deine Noth dringend ist, so müssen wir auch sogleich uns aufmachen. Ich hatte ohnedem keine Lust heute zu übernachten. Mein Weib aber mag da bleiben, und unsere Rückkunft abwarten.«

Wer war bereitwilliger zu allen Diesem, als unser Weber! Da der Krämer noch überdieß einen Zwanziger vorstreckte; da sogleich Brot und Bier dafür eingekauft, und das Weinen der Kinder gestillt ward, so entstand aus dem bisherigen Klagen ein ordentlicher Jubel. Man aß, und die beyden Männer machten sich dann sogleich auf den Weg. Dieser Weg ging durch einen Wald. Es ward schon dunkel, bevor sie sich noch in der Mitte desselben befanden. Als sie an einen Kreuzweg kamen, blieb der Krämer ein Paar Augenblicke stehen, und pfiff vier Mahl äußerst stark nach jeder Himmelsgegend, ohne daß sein Gefährte begreifen konnte, warum Dieß geschähe? Sie gingen weiter; nach drey oder vier Minuten rauschte es zur Rechten und zur Linken stark im Gebüsche. Der Weber fuhr erschrocken zusammen; er erschrack noch mehr, als neun oder zehn Kerls hervorsprangen, unsere beyden Wanderer umringten, den Weber mit einiger Verwunderung anstaunten; und endlich fast einstimmig riefen: »Willkommen, Hundssattler, willkommen! Wo stecktest du denn so lange? Und wer ist Dieser hier?«

»Ein neuer Kamerad ist es! erwiederte der Krämer. Armuth und Unfälle haben ihn in der Welt bisher genugsam durchgebeutelt. Nun will er sich an andrer Leute Beutel dafür schadlos halten. Ich stehe euch für seine Treue; denn ich kenne ihn schon lange..«

»Wenn dem so ist, so sey er uns willkommen!« antworteten alle; ergriffen Einer nach dem Andern seine rechte Hand, und schüttelten sie, gleichsam zur Bestätigung ihres Bundes. Stumm und zitternd stand immer noch der Weber in ihrer Mitte. Daß man so ihm helfen, in eine solche Gesellschaft ihn einführen wolle, davon hatte er in den Worten des Sattlers, so sonnenklar sie jetzt ihm wurden, keine Sylbe gemuthmaßet. Gern wäre er wieder tausend Meilen davon entfernt gewesen; gern hätte er diesen gräßlichen Bundsgenossen geradezu gesagt: daß er jede Verbindung mit ihnen verabscheue. Aber er besorgte nicht ohne Grund, daß er selbst dann so gut als geopfert sey. Ein drohender Blick, den der Hundssattler ihm zuwarf, verstärkte diese Besorgniß, und die Liebe zum Leben bewies ihre gewöhnliche Stärke. Er sammelte daher alle seine Kräfte, nahm eine willige Miene an; erwiederte ihren Händedruck, dankte für gute Aufnahme, und versprach sein Möglichstes zu thun, um der Gesellschaft nützlich zu werden.

Jetzt eröffnete der Krämer, der sich überhaupt als Anführer der Bande betrug: wohin es heute gehen solle? – »Ein reicher Müller,« sagte er, »ungefähr eine kleine halbe Meile von hier wohnhaft, dessen Mühle ganz abseitig liege, der weder wegen seiner selbst, noch wegen seines Hausgesindes viel zu fürchten sey, habe, wie er gewiß wisse, vor vier oder fünf Tagen drey tausend Gulden bar eingenommen. Diese könnten sie besser brauchen, als der Müller. Das Geschäft sey eben so leicht, als belohnend. Um unerkannt zu bleiben, wollten sie das Gesicht sich schwärzen. Wirth, Wirthinn und ein Paar Mägde müßten zuerst gebunden, und geknebelt werden; die zwey Mühlburschen würden in der Mühle beschäftigt seyn, und vielleicht nicht einmahl merken, was im Hause darneben vorgehe. Merkten sie es, und setzten sich zur Gegenwehr, so würde die Gesellschaft leicht den Meister spielen, und müsse zur schuldigen Dankbarkeit, Alles was dort Athem hohle, umbringen.«

Man stimmte einmüthig diesem Vorschlag bey, machte sich sofort auf den Weg, und vertheilte während desselben die Rollen bey der Ausführung. Unserm Leinweber, weil er noch Lehrling im Handwerk sei, ward das bloße Schildwachstehen zugetheilt. Auch dafür war ihm heimlich bange genug; doch fuhr er fort, sich zu verstellen, und versicherte, so wachsam als möglich zu seyn. Der Einbruch selbst ging nach Wunsch von statten. Der Müller und sein Hausgesinde wurden im tiefsten Schlaf überfallen; Alle waren schon gebunden, ehe ihnen noch von Dieben träumte. Aber gleichwohl fanden auch Diese bey Weitem nicht Alles, was sie suchten. Daß dem Müller ein Capital von drey tausend Gulden vor wenig Tagen eingegangen, das hatten dem Hundssattler seine Kundschafter richtig hinterbracht; doch daß eben dasselbe schon wieder ausgeliehen worden, das hatte er nicht erfahren, und fluchte daher jetzt fürchterlich, als er das leere Nest antraf. Der unglückliche Müller mußte eben daher an seinem Körper verschiedene Mißhandlungen erfahren, die fruchtlos blieben, weil er doch, auch beym willigsten Herzen, jenes Geld nicht herzuschaffen vermochte. Sein junges Weib und ihre Mägde mußten noch mancherley erdulden, was ihnen im Herzen vielleicht nicht so unleidlich schien, als sie der Zeugen wegen sich stellten. Man packte dann zusammen, was man fand; knebelte nochmahls die Beraubten sorgfältigst, und entfernte sich. Im Walde theilte man die Beute; auf unsern Weber kamen fünf Gulden; die übrigen Räuber zerstreuten sich im Gehölze. Der Hundssattler und der Weber gingen geraden Weges auf ihre Heimath zu.

Kaum aber sah sich dieser Letztere mit seinem angeblichen Versorger wieder allein, als er in die bittersten Vorwürfe, der That wegen, wozu er ihn verleitet habe, ausbrach. Der arme ehrliche Mann schwur: daß er eher den Bettelstab als diesen Ausweg gewählt haben würde, wenn er nur mit einer Sylbe sein Vorhaben gemuthmaßt hätte. Er wollte jetzt noch die ihm zugefallenen fünf Gulden wiedergeben. – »Es sey Sündengeld,« sagte er, »es sey eine Blutschuld, die ihn schwerer, als selbst der Hunger drücke; und er werde nie an die heutige Nacht gedenken, ohne zu bereuen, daß bloß die Liebe zum elenden Leben und die Sorge für sein Weib und seine Kinder ihn bewegen konnten, hülfliche Hand zu einem solchen Bubenstück zu biethen.« Der Hundssattler hörte die ganze Rede gelassen und lächelnd an; nur die fünf Gulden schob er zurück, so oft sein Gefährte sie ihm anboth. – »Behalte sie!« sagte er; »Ich begreife gar wohl, daß sie dir, feigherzige Memme, sauer genug zu verdienen fielen. Gedenke daran, daß vielleicht morgen dein Weib und deine Kinder verhungern, wenn du jetzt einen Bettel wegwirfst, der wenigstens nie an seinen eigentlichen Herrn zurück kommen soll. Willst du aus frommer Dummheit mit Gewalt ein armer Teufel bleiben, so bleib es! Ich wies dir wenigstens den Weg, wo du dir helfen konntest; dich mit Gewalt gescheit und glücklich zu machen, wäre Thorheit. Nur das merke dir, Kerl! Von Allem, was du bey uns sahst und hörtest, halte reinen Mund! Unterstehst du dich, auch nur ein Wort davon auszuplaudern, so wird dir die Hütte übern Kopf angezündet; so soll nicht etwa dir allein der Schedel zerschmettert, sondern auch Weib und Kinder vor deinen Augen erwürgt werden; das schwör' ich dir, du magst einen Gott oder Teufel glauben, bey Beyden! Und das werden gewiß, nebst mir, vierzig bis funfzig Bursche möglich machen, denen weder vor Galgen noch Gerichten graut.«

Diese herrliche Zusicherung ward in einem Tone ertheilt, der bestätigen half, daß sie ernstlich gemeint sey. Der arme Weber, für das Leben der Seinigen besorgter, als für sein eigenes, verschloß daher auch sorgfältig seinen Mund; selbst seiner Frau sagte er von der Geschichte dieser Nacht kein Wort! Er sah den Hundssattler in den nächsten drey oder vier Wochen noch einige Mahl; er zitterte heimlich, so oft der Räuber zu ihm eintrat; aber wenn derselbe ihn lachend einlud, wieder mitzugehen, antwortete er bloß mit einem treuherzigen: Gott bewahre! und verschmerzte gern Spott und Schimpfreden seiner Zaghaftigkeit wegen.

Selten entläuft der Dieb lange dem Galgen, und noch seltener lebenslang dem Gerichte. Auch der Hundssattler ward einige Monathe darauf, zu Baireuth, nicht eines Einbruchs, sondern andrer ähnlichen Räubereyen halber, verhaftet. Die Anzeigen gegen ihn waren stark. Er läugnete zwar frisch weg, doch konnte er sich von der Tortur, die damahls bey Gerichten noch allgemein im Schwunge war, nicht losläugnen. Sie erging, und zwar ziemlich scharf über ihn. Er ertrug sie, wie man einen mäßigen Kopfschmerz erträgt; beharrte fest auf seiner Vertheidigung und erhielt endlich nicht nur wieder seine Freyheit, sondern auch schriftliche Anerkennung seiner Unschuld, nebst der Erlaubniß: sich, wie bisher, von seiner Krämerey zu nähren, und wegen erlittener Untersuchung weder Schaden noch Vorwurf dulden zu dürfen. So ging er aus dem Kerker, mit dem festen Vorsatz: sein bisheriges Handwerk treulich, nur etwas vorsichtiger als ehemahls, fortzusetzen.

In der Vorstadt von Baireuth war ein Wirthshaus, wo er vordem oft einzukehren pflegte. Auch jetzt nahm er dahin einen seiner ersten Ausgänge, und weil es gerade Jahrmarkt war, fand er im untern Zimmer eine Menge Gäste beysammen. Einige alte Bekannten umringten ihn beym Eintritt, freuten sich ihn wieder ledig zu sehen; fragten: Wie es denn eigentlich damit hergegangen sey? Ob er viel ausstehen müssen? Ob er völlig gerechtfertigt worden? Und dergleichen mehr. – Er prahlte dagegen, so viel sich nur prahlen läßt, mit seiner Unschuld, seiner Herzhaftigkeit in unverdienten Leiden, und seiner endlich anerkannten gerechten Sache. Er wies überall den erhaltenen Freyheitsbrief herum; und unterließ freylich nicht, auch gegen die löbliche Justiz manches bittere Wörtchen fallen zu lassen, weil sie einen ehrlichen Kerl, so mir nichts, dir nichts, quälen könne, und doch am Ende, wenn Diesem nur das Herz am rechten Flecke sitze, vor den Mund sich schlagen müsse. Diese Erzählung wirkte. Man bedauerte seine erlittenen Schmerzen; bewunderte seinen Muth bey ihrer Ertragung; und drängte sich von allen Seiten um ihn herum, nicht nur um ihn zu hören, sondern auch um gleichsam zur Entschädigung, ihm etwas abzukaufen.

Aber unter den Gästen in eben diesem Zimmer war auch Einer befindlich, dessen der Hundssattler sich gewiß nicht versah, und von dem er nicht ahnden konnte, daß er bald als sein schrecklichster Peiniger auftreten werde; und dieß war – der Freymann von Culmbach. Niemand kannte denselben, und wohlweislich hatte er auch Niemanden sich zu erkennen gegeben; denn die Denkart damahliger Zeiten entfernte noch Gerichtsdiener und Freymänner beynahe von jeder bürgerlichen Gesellschaft. Einsam und still saß er in einem Winkel bey seinem Kruge Bier. – Doch eben dieser Freymann war selbst, ein Jahr vorher, zur Nachtszeit völlig ausgeraubt worden; und jetzt, so wie er den Hundssattler eintreten sah, erkannte er den Rock desselben für eines seiner ehemahligen Kleider, und den Anzug seiner Begleiterinn für einen Sonntagshabit seiner eigenen Frau. Daß er gegen ein also gekleidetes Paar aufmerksam ward, ergibt sich von selbst; und gleich aus den ersten Reden sah er noch deutlicher: mit wem er zu thun habe! Er entfernte sich daher leise aus dem Zimmer, rief aber den Wirth bey Seite und sagte: »Herr mit seinem Haus und Vermögen haftet er mir, oder vielmehr der Gerechtigkeit für den Mann dort. In einer halben Stunde aufs späteste bin ich, und zwar hoffentlich mit hinlänglicher Begleitung, wieder da. Will der Vogel indeß ausfliegen, so halt er ihn auf, es sey im Guten oder Bösen! Treff' ich ihn nicht noch, oder erfahre wenigstens nicht pünctlich, wo er hinging, so sitzt der Herr selbst heute noch, als ein Diebshehler, in Ketten und Banden.«

Der Wirth wollte dagegen Verschiedenes einwenden; doch Jener ging unverweilt fort; auch bedurfte man beym Hundssattler weder List noch Gewalt, ihn so lange aufzuhalten, bis das Eisen fertig geschmiedet war. Er dachte an keine Gefahr, sondern zechte, schwatzte und prahlte noch immer fort, als der Culmbacher schon mit der Wache eintrat. Jetzt, als Diese Hand an ihn legte, stutzte er freylich nicht wenig; spielte bey der Verhaftung und bey der Frage: Wo er diese Kleider her habe? den Unwissenden, oder vielmehr den gleichsam Beleidigten; mußte aber doch, so ungern er wollte, wieder in eben den Kerker wandern, den er vor Kurzem erst verlassen hatte.

Verdächtige Umstände, fremde Zeugnisse, eigene Widersprüche häuften sich jetzt stärker, als vorher, gegen ihn. Die Justiz, ihrem damahligen Schlendrian getreu, sprach abermahls aufs geschärfte peinliche Frage. Man fand Dieß vollkommen in der Ordnung; nur war man verlegen darüber: welche Marter eigentlich gegen eine Person zu gebrauchen sey, deren Hartnäckigkeit man schon aus Proben kannte. Der Culmbacher Freymann both auch hier seine Beyhülfe an; und mit einem Scharfsinnn, der jeden gefühlvollen Menschen zwar zu Unwillen und Abscheu reizt, den man aber ein halbes Jahrhundert früher, bey Leuten seiner Art, sehr zu billigen pflegte, erzwang er das wirklich, was er erzwingen wollte. Denn ein feines baumwollenes Hemde, in Baumöhl eingetaucht, und mit einer gewissen Vorsicht am Leibe des Hundssattlers angezündet, verursachte Diesem so unerträgliche Schmerzen, daß er sich endlich Alles zu bekennen erboth.

Schändlich, gräßlich, unmenschlich – ich wiederhohle es! – war diese Marter. Ich würde sie verdammen, selbst wenn sie gegen einen Ravaillac, oder gegen jene Teufel in der Weltgeschichte, gegen die Urheber der Pariser Bluthochzeit, gebraucht worden wäre. Wenn dieses Verfahren indeß ja durch etwas entschuldigt werden könnte, so müßte es dadurch seyn, daß es gegen ein solches Ungeheuer erging. Die Richter, als der Hundssattler ein Mahl zum Geständniß kam, erfuhren mehr, als sie wollten: mehr als die kühnste Einbildungskraft sich dargestellt hätte. Nicht zufrieden damit, seit vielen Jahren, bald allein und bald in Gesellschaft, bald des Tags in Wäldern und auf der Straße, bald des Nachts durch gewaltsamen Einbruch zu rauben, hatte dieser Bösewicht auch eine ungeheure Menge Menschenblut auf sein Gewissen geladen: hatte nicht nur unschuldige Fremde, freundschaftliche Reisegenossen, sondern sogar sein eigenes Fleisch und Blut gemordet: hatte, um gleichsam desto eigenthümlicher in seiner Art zu seyn, es nicht aus Habsucht allein, sondern auch aus einem Aberglauben gethan, in welchem Grausamkeit und Wahnsinn um den Vorzug wetteiferten. – »Hätte ich nur den einzigen Tag, als ich gefangen ward, noch überstanden,« (sagte er im Verhör mit halb grimmigen Lachen) »so hätte ich euch und eure Käfiche, eure Wachen und Henker verspotten können.« – »Und warum das ?« – »Weil ich an eben dem Abend das neunte schwangere Weib zu ermorden dachte, und alle Gelegenheit dazu mir schon ausersehen hatte.« – Ein allgemeines Erstaunen bemächtigte sich jetzt der Gerichtspersonen; sie forschten weiter und genauer nach; und sieh da! der fast fabelhafte Bösewicht hatte schon acht schwangere Weiber meuchelmörderischer Weise getödtet, aus ihren Leibern die Geburten gerissen, und die Herzen derselben, indem sie noch lebten oder vielmehr zuckten, gefressen. Ja, um dieses abscheuliche Bubenstück recht vollständig zu machen, hatte seine eigene erste Frau, (ein unschuldiges Geschöpf, das ihn nie beleidigt, aber deren er bald überdrießig geworden) hatte sein eigenes erstes Kind auch das erste Opfer abgeben müssen. Man schauderte bey diesem Geständniß zurück; aber man wußte nicht, was man vollends von der Ursache denken sollte, die er angab. Denn der grausame Abergläubische hatte gehofft, nach dem Genusse des neunten Herzens – fliegen zu können, wie ein Vogel.

So willig übrigens der Hundssattler war, sich seiner Unthaten gleichsam zu rühmen, so verschlossen war er in Angabe seiner Zunftgenossen. Man befragte ihn oft, ernstlich, und mit Bedrohung abermahliger Folter nach denselben. Er blieb dabey: daß er weder ihre eigentlichen Nahmen noch Wohnungen kenne; sondern, daß er nur immer auf der Straße, an bestimmten Tagen und Örtern sie getroffen habe. Auch hätten sie ganz gewiß nun sämmtlich schon aus Deutschland oder wenigstens aus den nächsten Kreisen sich weggeflüchtet; denn sie waren darüber einig geworden, sich sogleich zu zerstreuen, sobald Einer von ihnen, zumahl ihr Oberhaupt, eingezogen werde. Daß man ihm Dieß nicht glauben wollte, war sehr natürlich. »Wohlan,« sagte er, als man einst scharf in ihn drang: »Eines Nahmen und Wohnung kenne ich allerdings; und glaube auch, daß man seiner habhaft werden dürfte. Dieser war in allen meinen Räubereyen mein treuester Genosse; war, so einfältig er sich stellt, schlauer als ich; und kann allerdings noch mehr gestehen, als ich selbst.« – Man fragte nach dem Nahmen; und er nannte – sollte man es glauben? – jenen armen Leinweber.

Daß derselbe, auf diese Angabe, sogleich gehohlt und hingesetzt ward, erräth man leicht. Aber keine Zunge erzählt, und keine Feder beschreibt das Schrecken, das der Unglückliche dabey empfand. Schon lange vorher, als er des Hundssattlers erste Verhaftung hörte, hatte er heimlich gefürchtet, in sein Schicksal mit verwickelt zu werden; doch nunmehr war er schon seit einer geraumen Frist wieder ruhig und sicher; denn was ging ihn jener Culmbacher Diebstahl an? und überdieß sprach man auch bereits im ganzen Lande davon, daß jener sonst vermaledeite Bösewicht doch so ehrlich sey, keinen seiner Gehülfen zu verrathen. Eben hatte dem Weber seine Frau den Tag vorher die freylich nicht tröstliche Nachricht mitgetheilt: daß sie zum siebenten Mahle schwanger sey. Auch darüber nachdenkend, saß er gerade in der Dämmerung, und erhohlte sich ein wenig von den Arbeiten des Tages, als er den fürchterlichen Besuch der Gerichtspersonen eintreten sah. Ein Schauder am ganzen Leibe überlief ihn sogleich; aber vollends jedes Haar auf seinem Haupte, jeder Blutstropfen in seinen Adern erstarrte, als er, wiewohl noch kurz und dunkel, von der lügenhaften Aussage jenes Bösewichts etwas vernahm. Indeß sein Weib in Ohnmacht hinsank, seine Kinder um Hülfe und Erbarmen schrieen, und seine Nachbarn zusammenliefen, ließ er sich hinschleppen, wie ein Sinnloser, und gestand gleich bey der ersten Frage vor Gericht, Alles, was er gethan hatte, Alles, was er wußte.

Aber auch bey der größten Aufrichtigkeit traf sein Geständniß mit der Angabe des Hundssattlers noch äußerst wenig überein. Umsonst betheuerte der Weber im Verhör mit seinem Ankläger, daß er an allen übrigen Unthaten schuldlos sey; umsonst beschwur er mit Thränen, mit aufgehobenen Händen den Verleumder: sich nicht so frevelhaft, so grundlos an ihm zu versündigen; dieser blieb unverrückt auf seiner Rede. Die immer steigende Herzensangst des Webers galt für einen Beweis gegen ihn. Eben die Armuth, die ihn hätte vertheidigen sollen, machte, daß man ihn auch jedes Unternehmens fähig hielt; seine Acten wurden unter Umständen versendet, die im Voraus nicht viel Gutes ihm versprachen; das Urtheil hierauf war, wie gewöhnlich: Tortur, und zwar von Rechtswegen! Er erlitt sie; und das schreckbar! Denn so oft er sich unter Scharfrichters Händen befand, gestand er aus Schmerz Alles, was man fragte, und was man wollte. Ließ man mit Quälen nach, so widerrief er alsbald, und verhalf sich durch diesen Widerruf – nur zu erneuerter, verstärkter Qual. Sein öfteres Abläugnen galt für bloße Boßheit; der Beyhülfe zu einer Räuberey war er doch einmahl geständig; auf die Richtigkeit der Übrigen erboth sich sein Mitgenosse zu sterben. Daß eine Privatfeindschaft zwischen ihnen geherrscht habe, konnte man aus nichts abnehmen. Dieß waren für die Urtheilsverfasser Gründe genug, um auf den Tod zu sprechen. Sie erkannten für den Hundssattler das Rad, für den Weber den Strang. Als der kleinere Verbrecher sollte dieser letztere eine Todesangst minder leiden, und zuerst an den Galgen kommen.

Als den beyden Gefangenen dieser Ausspruch eröffnet ward, lächelte der Hundssattler verächtlich, und der Weber rang voll Jammer die Hände. Die Liebe zum Leben, mehr noch der Gram um seine nackten Kinder, um sein hülfloses Weib, erwachten mit größter Stärke in ihm. Auch war diese Letztere in der That noch bedaurungswürdiger, als er selbst. Während seiner Verhaftung hatte sie und ihre sechs Waisen fast ganz von Almosen der Nachbarn gelebt. Nur mit äußerster Mühe hatte sie zwey oder drey Mahl die Erlaubniß erhalten, ihren Gatten zu sprechen. Sie hatte ihn gesehen, als man ihn mit noch ganz verrenkten Gliedern aus der Folterkammer zurück in den Kerker brachte. Steine hätte damahls ihr Jammer erweichen sollen. Daß sie in gegenwärtigen Umständen, bey der schwersten Handarbeit, beym öftern Laufen in die Stadt und wieder zurück in ihre Heimath, bey unablässiger Angst zur Nachtzeit, und am Tage, bey der Noth, die sie drückte, den der noch größern, die sie bedrohte, doch nicht ganz erlag; sondern immer noch in ihrer Schwangerschaft nach dem gewöhnlichen Laufe der Natur fortging, – Dieß würde unbegreiflich scheinen, wüßte man nicht schon aus andern Beyspielen, wie ungeheuer viel ein Mensch, und zumahl ein Weib ertragen kann.

Ein einziger, aber schwacher Trost blieb ihr noch übrig; derjenige, welcher die Unglücklichen so selten ganz verläßt, die Hoffnung! – Daß ihr Mann, bis auf jenes unselige Schildwachstehen, von allen Verbrechen ledig sey, das wußte sie gewiß; denn noch im Gefängniß hatte er es aufs heiligste ihr zugeschworen; und sie wußte, er werde sie nicht hintergehen; wußte noch aus mancherley Umständen, daß er unmöglich des Hundssattlers genauer Freund gewesen seyn könne. Daher hoffte sie immer: seine Richter würden doch endlich einsehen, was ihr so sonnenklar vor Augen stand; hoffte, der Himmel werde sich seiner Unschuld, und wäre es mit Zeichen oder Wundern, annehmen. Aber als der zum Hochgerichte anberaumte Tag nun da war; als sie das Todesurtheil schon öffentlich aussprechen hörte; als sie sah, wie man den Stab brach; wie sich der Zug bereits in Ordnung setzte; und ihr Mann mit thränendem Auge sie zum letzten Mahl umarmen wollte, da glaubte sie freylich an seine Rettung nicht. Sie riß sich von ihm los, und mit der ganzen Fülle der Verzweiflung, indem sie ihr jüngstes Kind auf dem Arm trug, das nächste an der Hand fortriß, und den andern ihr zu folgen geboth, flog sie zum Schlosse hin, und verlangte vor ihren Fürsten gelassen zu werden.

Die Wache verwehrte ihr den Zutritt, denn sie glaubte eine Wahnsinnige in ihr zu sehen. Aber eine freundschaftliche Seele flüsterte ihr zu, daß die Markgräfinn so eben im Schloßgarten sich befände; alsbald eilte die Ärmste dorthin, fand die Fürstin, und stürzte vor ihr aufs Knie hin. Auch hier von ihren Kindern umringt, beschwur sie bey diesen unglücklichen Geschöpfen, bey dem noch unglücklichern, das unter ihrem Herzen liege, und in wenigen Tagen das Licht erblicken solle, bey ihrem Jammer ohne Maß und Nahmen; bey Allem, was der Himmel Erhabenes und Heiliges hat – bey diesem und bey tausend andern Dingen noch, beschwur sie die Markgräfinn: sich ihres Mannes anzunehmen, und nicht zu dulden, daß er in diesem Augenblick gemordet werde. Gemordet! denn er habe zwar gefehlt, doch nicht auf eine Art, die den Tod verdiene. Selbst, wenn er es hätte – Gott sey ja gnädig! warum nicht auch Menschen und Fürsten?

Das Herz der Prinzessinn war edel und weich. Sie fühlte sich von dem Jammer dieses unglücklichen Weibes, von den Thränen Derer, die so eben wahre Waisen werden sollten, und vom Schicksale Dessen, der vielleicht kein Verbrecher war, gerührt. Sie ging zu ihrem Gemahl, und bath selbst für das Leben des Webers. Er zögerte ein Weilchen, gewährte es ihr aber endlich doch. Der Zwerg des Fürsten erhielt Befehl, aufs schnellste Roß aus dem markgräflichen Stall sich zu setzen, und dem Weber Pardon zu bringen. Die Markgräfinn ermahnte ihn zwey Mahl ja zu eilen, was er könne; denn sie besorgte sonst, daß er zu spät kommen dürfe.

Ihre Sorge war nicht ohne Grund. So sehr jene unglückliche Halbwitwe und auch die Prinzessinn sich gefördert hatten, so war doch eine ziemliche Frist darüber hingegangen, und der Zug zum Hochgericht indeß fortgesetzt worden. Das ganze Volk, das mit hinaus strömte, bedauerte den Weber; selbst Diejenigen, die auf sein hartnäckiges Läugnen geschmählt hatten, schloßen nun aus seinem Betragen auf seine Unschuld, und wünschten seine Befreyung. Der Weg zum Hochgericht war fern; man suchte ihn noch zu verlängern, so viel man konnte. Man ward immer lauter, immer unwilliger, je mehr man sich dem Ort der Hinrichtung nahte. Immer glaubte man jetzt oder jetzt werde Hülfe kommen. Sie kam nicht, und man war endlich an der unglücklichen Stelle. Der Priester hatte bereits seine letzte Schuldigkeit gethan, und der arme Sünder stieg oder wankte vielmehr die Leiter hinauf. Jetzt, indem er schon auf der dritten Sprosse stand, und der Henker den Strick ihm um den Hals legen wollte, jetzt wandte sich der größte Theil Zuschauer, halb unwillkürlich, noch ein Mahl gegen die Stadt zu, und Einige sahen von Weitem etwas Weißes in der Luft. Man schrie dem Nachrichter zu, einzuhalten. Man erkannte in nächster Minute das Roß, den Zwerg und das weiße Tuch. Pardon! Pardon! riefen wohl hundert Stimmen auf ein Mahl. Man eilte dem Zwerg entgegen; man jauchzte von Neuem, als man die Hoffnung bestätigt fand. Man rief von Neuem: Pardon, dem Weber, Pardon!

Stark war also die Wirkung, die diese angekündigte Gnade auf die Menge machte; noch stärker diejenige, welche eben dadurch auf einen Einzelnen verursacht wurde; und dieser war – nicht etwa der Weber selbst, sondern der Hundssattler. Hartnäckig hatte dieser Bösewicht ohne Gleichen im Gefängniß alle geistliche Zusprüche, alle Erinnerungen an ein jenseitiges Leben zurückgewiesen. »Er werde schon als ein Mann, und nicht als ein altes Weib zu sterben wissen!« Dieß war seine gewöhnliche Antwort, wenn man ihn zur Reue über seine Missethaten ermahnte. In den letzten drey Tagen, wo man ihm (nach einer in verschiedenen Ländern bey Verurtheilten gewöhnlichen Sitte) frey stellte, was er zu essen und zu trinken wünsche, hatte er sich noch so gütlich als möglich gethan; hatte am heutigen Tage den Richtern, als sie das weiße Stäbchen brachen, ins Auge gelacht; auch im Hinausgehen noch über den Lärmen des Pöbels, über den Unwillen, den einige gegen ihn äußerten, und über das Zittern seines Kameraden gespottet. – »Das soll meine letzte Freude seyn,« sagte er, »zuzusehen, wie dieser fromme Dieb seine Abschiedscapriole schneidet!« Und mit unwerwandten Augen, mit immer gleichbleibender Gesichtsfarbe schaute er wirklich hin, als dieser Arme die Leiter hinaufstieg.

Doch als gerade im letzten möglichen Augenblick der Rettung wirklich noch sich einstellte, da ward der Hundssattler auf einmahl bleicher als eine weißgetünchte Wand, trat ein Paar Schritte zurück und rief: »Ja, es ist ein Gott im Himmel, und eine Vorsicht, an die ich bisher niemahls glaubte! Dieß ist die Probe, die ich mir setzte! Ich glaubte schon gewonnen zu haben, und sehe nun, daß ich verliere.« – Man fragte ihn: Was er eigentlich damit meine? – »Unschuldig,« sprach er, »ist der Weber. Nur gezwungen that er jene Wache, indeß wir raubten. Selbst das Geld, das er bekam, wollte er zurückgeben, so sehr ihn auch Mangel und Hunger drückten. Jeden Diebstahl hat er sonst, wie den Tod selbst, gehaßt. Alles dieß wußte ich, und verleumdete ihn absichtlich. Doch nicht etwa aus Rachgier; sondern nur um zu sehen, ob es eine göttliche Gerechtigkeit gebe, die sich der Unschuld annehmen werde. Jetzt erkenne ich, es gibt eine; und ich bitte, man führe mich zurück, damit ich mich bekehren könne, ehe ich sterben muß. Ich will dafür auch noch Manches bekennen, was wohl verdient, daß man einige Tage länger mich leben läßt.«

Man dachte, ich weiß nicht, soll ich sagen, billig oder fromm genug, um sein Verlangen ihm zu bewilligen. Er ward wieder zurückgebracht, und man erfuhr bey einem neuen Verhör allerdings Manches von ihm, was nützlich und wichtig war. Denn jetzt erst zeigte er seine ehemahligen Genossen wahrhaft an; viele wurden noch eingezogen und das Land von Bösewichtern gesäubert. Über eine Menge von Diebstählen bekam man ersprießliche Erläuterung. Die Unschuld des Webers ward außer Zweifel gestellt. Als ungefähr zehn oder zwölf Tage darauf der Hundssattler zum zweyten Mahl hinausgeführt wurde, betrug er sich mit einem so reuigen Tone, und mit so vieler Ergebung in sein Schicksal, daß wenigstens die Menge dadurch erbaut ward. Ob eine solche Änderung viel inneren Werth besitze, mag ich zwar nicht untersuchen; aber mich dünkt, es ist in dieser Geschichte noch sonst mancher Zug des menschlichen Herzens merkwürdig; und vorzüglich der: daß auch der verstockteste Bösewicht Gelegenheit sucht, seine Zweifel gegen göttliche Vorsicht und Vergeltung entweder aufzuklären, oder mit einem Grunde mehr zu unterstützen; ja, daß er durch Prüfungen, die er dem Schicksal entgegenstellt, sich gleichsam zu verwahren sucht, wenn es doch vielleicht ein Leben und eine Rechenschaft jenseits des Grabes geben sollte. So mächtig ist der Wunsch des menschlichen Herzens: auch beym offenbarsten Unrecht noch Recht zu behalten!


Falsch-Münzer, Meineidiger, Betrüger – dem Scheine nach.

Englische Kriminal-Anecdote.


Jakob du Moulin war einer von den französischen Hugonotten, die der Religionseifer des so oft zur Unzeit großgenannten Ludwig XIV. aus ihrem Vaterlande vertrieb. Mit Weib und Kind floh er im letzten Regierungsjahre Carls II. nach England; und nützte seine wenige noch gerettete Barschaft zum Ankauf einiger beym Zollhause für verfallen erklärter Waaren, die er dann stückweise wieder mit einem mäßigen Gewinn zu verkaufen strebte.

Handelsleute dieser Art stehen gewöhnlich in England eben nicht im Credit der tadelfreysten Ehrlichkeit. Da sie mit Waaren handeln, worauf fast immer ein hoher Impost steht, und mit welchen ein vorzüglicher Schleichhandel getrieben wird, so gilt selbst der Ankauf beym königlichen Zollhause nur größten Theils für einen Deckmantel eigener Contrebande. Du Moulin, überdieß noch Ausländer, und von einer Landsmannschaft, die man in England niemahls liebte, blieb sehr natürlich von diesem Verdacht auch nicht befreyt. Dennoch hätte er Dieß leicht verschmerzen können, wäre nur zu jenem allgemeinen Argwohn nicht noch ein neuer, bloß persönlicher, hinzugekommen. Man bemerkte nähmlich in einiger Zeit, daß du Moulin oft falsches Gold ausgäbe; es noch dazu auf eine Art ausgäbe, die ihn zweyfach verhaßt machen mußte. Wenn er oft von rechtlichen Leuten Geld empfangen hatte, kam er nach einiger Zeit mit falschgemünzten Stücken; behauptete, solche von ihnen empfangen zu haben, und verlangte Auswechslung derselben. Wiewohl nun jene oft mit vieler Hitze es abläugneten, so blieb er doch, wenn nicht ganz unläugbare Umstände vom Gegentheil ihn überführten, stets sehr hartnäckig auf seiner Beschuldigung; brachte sich dadurch bald in einen üblen Ruf; verlor allmählig seine Kunden, und endlich fast seinen ganzen Credit.

Einst fügte es sich, daß er an einen gewissen William Harris, der noch nie mit ihm in Verkehr gestanden hatte, einige Waaren, acht und siebenzig Pfund am Werthe, verkaufte, und das Geld von ihm sogleich in Guineen und Portugallesern empfing. Unter diesem Golde kamen dem du Moulin zwar gleich Anfangs einige Stücke verdächtig vor; da ihm aber sein Käufer auf Ehre versicherte: daß er sie alle sorgfältig untersucht, und gerade diese Stücke selbst gewogen habe; so nahm er sie an, und stellte über die ganze Summe eine Quittung aus.

Einige Tage vergingen. Plötzlich suchte du Moulin seinen Abkäufer wieder auf; brachte sechs Goldstücke zum Vorschein, und versicherte: sie wären ein Theil jener empfangenen Summe, aber von so schlechtem Metall, daß er ihre Auswechslung begehren müsse. Harris untersuchte dieselben, erkannte ebenfalls ihre Unechtheit, behauptete aber zugleich: er wisse gewiß, daß sie nicht unter seiner Auszahlung befindlich gewesen wären. Du Moulin blieb auf seinem Satze. »Er habe,« sagte er, »dieses Geld in eine Schublade ganz allein gelegt; habe es sogleich zur Bezahlung eines bald fälligen Wechsels bestimmt; habe, da solcher heute eingegangen, das bisher verschlossene Fach geöffnet, und beym Aufzählen diese unechten Stücke gefunden. Kein anderer Mensch sey in diesen Schrank gekommen; kein Irrthum sey möglich: und ganz gewiß wären es dieselben Münzen, die er gleich Anfangs habe ausschießen wollen.« Harris gerieth nun auch in Eifer, und beschuldigte seinen Gegner der Betrügerey. Du Moulin, durch diesen Vorwurf nicht in Furcht, aber wohl in Zorn gebracht, ging zu einem Friedensrichter; beschwur, was er kurz vorher angegeben hatte, und erhielt: daß Harris diese sechs unechten Goldstücke mit richtigen austauschen mußte.

Wie sehr den Letztern Dieß verdroß, kann man leicht denken. Überzeugt, daß du Moulin nicht nur ihn betrogen, sondern den Betrug auch mit einem Meineide unterstützt habe, erzählte er diesen Vorfall, wo er nur hinkam; schimpfte auf den diebischen Franzosen, so viel er nur konnte; und traf auf eine Menge Menschen, die ihm von eben demselben ähnliche Vorfälle erzählten. So formte sich ein Gerücht, das bald weiter um sich griff; und da du Moulin sah, daß fast alle ehrliche Leute sich seines Umgangs entäußerten; da ihm der Grund davon nicht lange fremd blieb; und da er hörte, daß Harris allenthalben laut gegen ihn spreche, so belangte er ihn dieser ehrenrührigen Reden halber gerichtlich. Hierdurch aufs Äußerste gebracht, behauptete Letzterer nicht nur seine Rede, sondern da er auch auf noch mehrere Zeugen sich berief, die vom du Moulin auf gleiche Art betrogen worden wären, setzte er es endlich durch: daß solcher als ein falscher Münzer verhaftet, und eine Haussuchung bey ihm verordnet wurde.

Es war kaum möglich noch mehr zu finden, als man hier wirklich fand. Denn man traf in einer Schublade ganz allein eine Menge falscher Goldmünzen; traf eine ziemliche Anzahl von gleichem Gehalt unter anderm Gelde, an andern Orten verstreut an; entdeckte, als man weiter suchte, verschiedene Feilen, eine Flasche mit Goldscheidewasser, gestoßene Kreide, ein Paar Geldstämpel, und noch andere Werkzeuge zum Münzen. Nun war wohl kein Zweifel mehr, daß der Verhaftete nicht nur ein Betrüger, sondern auch ein Betrüger von der abscheulichsten Gattung sey. Die Art und Weise, wie er die Münzen auszustreuen gesucht hatte; wie er sie Leuten aufgedrungen, die ihn vorher ehrlich und redlich bezahlten; die Unverschämtheit, womit er seine Forderung unterstützt, der Meineid, den er geschworen, die Klage, die er gegen Harris erhoben hatte; selbst die trotzige Unwissenheit, mit welcher er noch jetzt nichts begreifen wollte, und mit welcher er Dinge abläugnete, die man ihm vor Augen legte; alles Dieß vergrößerte seine Schuld und seine Strafbarkeit bey jedem, der davon hörte. Man verglich die zum Prägen gefundenen Werkzeuge mit den ausgegebenen und bey ihm angetroffenen Münzen; man verglich das noch ungemünzt gefundene Metall mit dem gemünzten; es war Beydes so übereinstimmend, daß er die Gleichheit selbst nicht läugnen konnte. Aber die That sowohl, als auch die kleinste Kenntniß von ihr, läugnete er hartnäckig. Die Geschwornen ließen jedoch sich dadurch nicht einen Augenblick irren, das: Schuldig! ohne erst abzutreten, auszusprechen. Der Tag seines Todes ward angesetzt.

Ungefähr drey Tage vor demselben trug es sich zu, daß ein gewisser Williams, der Anfangs bey einem Petschierstecher in die Lehre gegangen, dann aber von diesem Gewerbe wieder ausgetreten war, und mit kleinen Handthierungen sich beschäftigte, von einem Hause herabfiel, und auf der Stelle todt liegen blieb. Seine hochschwangere Frau entsetzte sich darüber dergestalt, daß sie sogleich mißgebar. Sie merkte bald, daß Dieß ihr Ende seyn werde; sie ließ daher so schleunig als möglich du Moulins Gattin rufen; begehrte, daß man sie Beyde allein lasse, und that ihr dann ungefähr folgende Eröffnung.

»Binnen wenig Minuten stehe ich wahrscheinlich vor dem Thron eines höhern Richters. Unmöglich kann ich, wissentlich mit Blutschuld beladen, vor ihn treten. Ihr Mann ist ganz schuldlos an dem Verbrechen, wofür er sterben soll. Aber leider der Meinige war es nicht! Schon seit mehrern Jahren stand er mit drey andern Falschmünzern in genauer Verbindung. Von dem, was sie prägten, habe ich selbst Manches unter die Leute gebracht, und besitze mithin Kenntniß von Allem. Einer von den übrigen Dreyen vermiethete sich zu ihrem Mann. Mit Dietrichen zur Eröffnung aller Schlösser hinlänglich versehen, hat er, so oft sich Gelegenheit fand, das Schreibepult, und die übrigen Schränke, wo sein Herr seine Einnahme zu verwahren pflegte, eröffnet, gutes Gold herausgenommen, und so viel unächtes dafür hingelegt. Auf diese Weise, die ich freylich jetzt für abscheulich erkenne, ist der arme du Moulin um Handlung, Credit und Freyheit gekommen; und würde jetzt sogar bald sein Leben eingebüßt haben, wenn nicht die Strafgerichte des Himmels meinen Mann und mich ergriffen hätten.«

Nur mit größter Anstrengung und höchster Gewissensunruhe vermochte die Kranke, oder Sterbende vielmehr, diese Erzählung abzulegen. Ihre Kräfte waren nunmehr erschöpft. Nachdem sie nur noch die Nahmen und den Wohnort der beyden Andern von ihr Beschuldigten angegeben hatte, ward sie von Zuckungen überfallen; ward sprachlos und verschied wenige Minuten darauf. Du Moulins Frau begab sich sofort zum Richter; erzählte ihm das Ebengehörte; gab die drey Personen an, und bewirkte, daß sie noch diesen Tag in Verhaft genommen und jeder besonders verhört wurden. Du Moulins Bedienter kam zuerst an diese Reihe; aber er läugnete alles geradezu. Er hatte in seinem Leben nicht gehört, wie man Geld präge; hatte den gestorbenen Williams und dessen Frau nie gekannt; hatte nie wissentlich einen Penny falsches Geld ausgegeben; kurz, war so schuldlos, als möglich. Ganz die gleiche Melodie stimmte auch der Zweyte ein. Aber als der Dritte verhört wurde, kam gerade ein Gerichtsdiener, der zur Durchsuchung ihrer Wohnungen abgeschickt worden war, zurück, und brachte eine Menge falscher Münzen, falsches rohes Metall und Werkzeuge, die zum Prägen gebraucht werden konnten, mit sich. Die Vorlegung von diesem Allen machte diesen Verhafteten, der sonst auch geläugnet hätte, stutzig. Der Richter drang ernstlicher in ihn, und machte ihm zugleich einige entfernte Hoffnung durch ein aufrichtiges Geständniß, sein Leben fristen zu können. Dieß wirkte endlich. Er bekannte, daß er schon lange mit dem Gestorbenen, und mit Dem, der vor ihm verhört worden, in Verbindung gestanden habe; daß Beyde oft, in seiner Gegenwart und mit seiner Theilnahme, falsches Gold geprägt hätten; daß er aber von der Art und Weise, wie es untergebracht worden, keine Kenntniß habe; weil dieß bloß Williams und vielleicht auch du Moulins Bediente auf sich genommen hätten.

Auf dieses, nachher noch umständlicher wiederhohlte Geständniß, und auf die wahrhaft befundene Anzeige: wo man noch mehr Prägewerkzeuge und falsche Münzen finden würde, schob man nicht nur du Moulins Hinrichtung auf; sondern jene Beyden wurden auch für überführt und des Todes schuldig erklärt. Gleichwohl läugneten sie immer fort hartnäckig ihr Vergehen; und auch gegen du Moulin wollte der Verdacht (wenigstens den Vielen im Volk) noch nicht verschwinden. Daß jene später Verhafteten schuldig waren, zweifelte man keinesweges; aber daß die Anklage gegen sie bloß angestellt worden sey, um den eben so schuldigen du Moulin zu retten, glaubte man allerdings. Den Umstand, daß man falsches Gold nicht nur zerstreut, sondern auch in ganzen Haufen bey ihm angetroffen habe, konnte er noch zur Noth durch den Vorwand entkräften, daß er es in Geldzahlungen von Unbekannten, an welche er sich nicht mehr zu halten wisse, empfangen, und nachher ausgeklaubt habe. Doch der üble Umstand, daß man Stämpel und andere Prägwerkzeuge bey ihm so wohl verwahrt gefunden, konnte durch seine, immer im allgemeinsten Ausdruck gemachte Versicherung: daß er nicht wisse noch begreifen könne, wo sie hergekommen? nicht widerlegt werden. Auch hatte man von der Betrügerey seines Bedienten immer noch kein recht gültiges Zeugnis. Jener eingeständige Falschmünzer hatte nur gegen den Gestorbenen und gegen den zweyten Mitschuldigen gehörig und bestimmt ausgesagt. Williams Frau war todt. Ihre Erzählung hatte nur du Moulins Gattinn mit angehört, die hier unmöglich für unparteyisch gelten konnte. Von den Überwiesenen hatte freylich keiner den du Moulin selbst als Mitschuldigen angegeben. Seine Freunde hoben diesen Umstand sehr zu seinem Vortheil aus. Recht betrachtet, bewies er nichts. Die aufgefundenen Stämpel blieben immer demungeachtet ein harter Verdacht.

Doch während auf diese Art die öffentliche Meinung noch hin- und herschwankte, war man so glücklich, bey einer nochmahligen Untersuchung, in einem Schranke, der du Moulins Diener gehörte, eine kleine, sehr gut verborgene Schublade, und in dieser einen Bund Schlüssel, nebst einem in Wachs abgedrückten zu finden. Diesen Abdruck verglich man mit den Schlüsseln selbst, und sieh da, derjenige, der genau hineinpaßte, schloß jenen Schrank du Moulins, in welchem man die Stämpel und die einzelnen Haufen falscher Münzen angetroffen hatte. Als man daher diesen Menschen nochmahls verhörte, legte man ihm ganz unerwartet Schlüssel und Wachsabdruck vor, und fragte ihn: Was er noch gegen diesen Beweis einzuwenden habe? Jetzt erschrack und erblaßte er; die Thränen traten ihm in die Augen, und er bekannte: »Ja, er sey schon verschiedene Jahre hindurch nicht nur Münzverfälscher, sondern auch vorzüglich Derjenige gewesen, der die falsche Münze seiner Genossen in Umlauf zu bringen gewußt habe. Bloß in dieser Absicht habe er sich zum du Moulin vermiethet; habe zu allen seinen Schränken und Cassen sich bald Nachschlüssel zu verschaffen gewußt; habe sich aber sorgfältig gehütet, auch nur das Geringste zu entwenden, damit man seinen Auswechslungskunstgriff um so weniger argwöhnen möge. Als der Handel mit Harris gerichtlich geworden, sey er in Sorgen gerathen, weil er wohl gewußt habe, daß er die in seiner Kiste befindlichen Werkzeuge auf den Fall einer Hausuntersuchung in der heimlichen Schublade, auf welche er sein ganzes Vertrauen gesetzt, nicht lassen könne. Immer habe er daher von ihnen, so viel er gekonnt, bey sich getragen. Als die Gerichtsbedienten zur wirklichen Untersuchung beordert worden, habe er sie von Weitem kommen gesehen; sey so schnell als möglich in seines schon verhafteten Herrn Kabinett geeilt; habe solches sowohl, als den Geldkasten und Hauptschrank, mit Nachschlüsseln geöffnet, Stämpel, Metalle, Scheidewasser, noch andere Werkzeuge und mehrere falsche Münzen hineingeworfen, und habe Alles kaum wieder verschließen können, als die Gerichtspersonen schon vor der Thür erschienen wären.«

Auf diese Art war du Moulins Unschuld nun an den Tag gebracht und gerettet. Alle Umstände, die vorher wider ihn zeugten, waren aufgeklärt. Der Eid, den er gegen Harris ablegte: daß er die Münze, welche er zurückbrachte, wirklich von ihm empfangen habe; – dieser Eid war freylich ein Meineid gewesen; aber weder Nachlässigkeit, noch Unachtsamkeit, am allerwenigsten Bosheit, hatte denselben verursacht. Er hatte die falschen Goldstücke wirklich in dem Fache gefunden, in welchem er jene Summe allein aufbewahrt hatte; daß sie immittelst durch eine andere Hand verfälscht worden, konnte er auf keine Art muthmaßen. – Wenn man übrigens bedenkt, wie manche Zufälligkeit sich ereignen mußte, um einem schuldlosen, schon auf so vielfältige Art tiefgebeugten Mann, das Letzte, was ihm ein treuloser Bedienter noch übrig gelassen, das Leben zu retten; wenn man erwägt: wie ohne Williams jähen Tod, ohne seiner Frauen letzte Gewissensangst, du Moulin in aller Augen als ein mannigfacher, versteckter Verbrecher hingerichtet worden wäre; dann kann man sich wohl nicht eines kleinen Schauders bey dem Gedanken enthalten: Wie oft mag nicht, selbst bey sorgfältiger Gerechtigkeit, die Unschuld bluten, indeß die Bosheit mit heimlichem Hohnlachen zuschaut!


Mordbrenner und Schadenstifter, um für heilig zu gelten.

Diese Geschichte, die ich schon 1785, nach einer mündlichen Erzählung bekannt machte, ist nachher von der – Deutschlands Hochachtung durch Geist und Herz so sehr verdienenden – Frau von der Recke in ihrer über Cagliostro bekannt gemachten Schrift 1787 noch einmahl erzählt, und in einigen Nebenumständen berichtigt worden. Ich habe von diesen Letztern hier Gebrauch gemacht.


Ein junger kurländischer Bauer, der auf einer HerrschaftWas man in Kurland Gebieth nennt. – des Grafen von Medem, als Knecht in dem GesindeDas Gesinde heißt in Kurland die Wohnung eines Bauers mit allen Wirthschaftsgebäuden, da es in Kurland eigentlich keine zusammenhängende Dörfer gibt. – Graf von Medem war der Vater der schon erwähnten edlen Elise und der Herzoginn von Kurland. seines ältern Bruders diente, kam, um sich ein ruhigeres Leben und größere Achtung bey seinen Mitgenossen zu erwerben, auf den Einfall: Ob es nicht möglich seyn sollte, sich in den Ruf einer gewissen Heiligkeit zu setzen? – Die Emsigkeit, mit welcher er alle Sonntage in die Kirche ging, die Andacht, mit welcher er der Predigt zuzuhören schien, ein dreymahliger Genuß des Abendmahls im Jahre, und ein sanfter, schleichender Ton in Worten und Werken schienen ihm zur Erreichung seines Endzwecks noch nicht hinreichend. Er suchte auch seine Verbindung mit dem Himmel durch Thatsachen zu bewähren, die allerdings mehr ins Auge fielen.

Denn so oft ihn jemand beleidigte, ertrug er Recht und Unrecht zwar mit größter Geduld, höchstens mit einer christlichen Warnung; schlich aber um die Wohnung und die Wirthschaft des Beleidigers so lange ganz im Stillen, bis er seinen Vortheil ersah, und das beste Roß im Stalle, die schönste Kuh im Hofe, oder sonst ein vorzügliches Stück Hausvieh – todt da lag. War ihm diese schändliche That nun gelungen, und fand man den Schaden, dann gesellte er sich, wie von ungefähr, zu den Gekränkten; ließ sich Alles erzählen; hörte mit sichtlicher Theilnahme zu; bedauerte und tröstete; mischte aber auch immer in seine Worte die Erinnerung: »Ob sie nicht daran gedächten, wie er neulich von ihnen gekränkt, sie von ihm gewarnt worden wären? Gott verlasse Diejenigen nicht, die ihm vertrauten; aber er strafe auch Jene, die seine Lieblinge antasteten!«

Freylich hätte eine solche Rede wohl gegen ihn Verdacht erregen können! Doch nicht gerechnet, daß er sich deren gegen Menschen bediente, die eben nicht mißtrauisch waren, so verband er sie auch mit Maßregeln, die allen vielleicht möglichen Argwohn ersticken mußten. Ja, nicht selten trieb er seine Heucheley so weit, daß er selbst von seiner geringen Barschaft zum Ersatz des Schadens freywillig etwas beytrug! Man hielt ihn daher in der That für einen frommen, nur etwas kopfhängerigen Mann. Er konnte schon auf einen ansehnlichen Theil seiner Mitbauern nach Wunsch und Belieben wirken. Die beste Kost und die wenigste Arbeit ward ihm zu Theil. Die Würde eines halben Heiligen ward errungen. Er hoffte bald seinen ganzen Endzweck zu erreichen, wenn es ihm nur noch mit einem recht auffallenden Beyspiele gelänge.

Einst, als er, den Sonntag darauf, wieder zum Abendmahl gehen wollte, befahl ihm sein älterer Bruder in nächster Woche mit Korn nach Liebau auf den Markt zu fahren. Es war Winters das Wetter gerade um diese Zeit höchst unfreundlich, der Weg dahin schlecht, und das ganze Geschäft unserm Halbheiligen unangenehm. Er brachte daher einen andern Knecht dazu im Vorschlag; erhielt aber zur Antwort: daß dieser ebenfalls schon seine bestimmte Arbeit habe. Ein kleiner Wortwechsel entstand nun zwischen den Brüdern. Der jüngere erklärte: daß er zwar reisen wolle, daß er aber seinen Bruder und dessen Kinder bedaure; »denn Gott werde es nicht ungerächt lassen, daß man einen seiner Lieblinge absichtlich kränke.« Der Ältere behauptete, wie billig, daß die jenem aufgetragene Arbeit keine Kränkung wäre; lachte über die ihm angedrohte Strafe, und erkühnte sich zu sagen: daß ein Liebling Gottes auch arbeiten müsse. Der träge Heuchler mußte endlich nachgeben; versprach mit Anfang nächster Woche zu reisen; blieb aber immer bey der Besorgniß: daß die Reue nur allzu früh sich einstellen werde.

Er hatte Recht. Dieser kleine Zwist fiel Freytags vor. Des Sonnabends darauf, als nach kurländischer Sitte der Hauswirth nebst seinem Gesinde im Bade – welches immer in einer kleinen Entfernung von der Wohnung zu liegen pflegt – sich befanden, hörten sie plötzlich: Feuer! Feuer! rufen; sprangen erschrocken, größten Theils nackend, heraus, und sahen ihre Wohnung in voller Flamme stehen. Rettung war unmöglich. Alle Gebäude, alle Vorräthe des Bauern, alle Habseligkeiten von ihm und seinen Knechten gingen in der Flamme auf. – Der jüngere Bruder hatte zuerst die Lohe erblickt, zuerst Feuer! gerufen, doch so gut wie die Übrigen Alles verloren. Aber mehr über den Verlust seines Bruders, als über seinen eigenen betrübt – manchem Heiligen der ältern und manchem Mächtigern der neuern Zeiten gleich, daß er ein Unheil beklagte, welches er selbst angestiftet hatte, – fragte er Jenen nun: Ob er noch seiner gestrigen Rede gedenke! »Sagt' ich dir es nicht, lieber Bruder? Warnt' ich dich nicht? Wirst du nun einsehen, daß Gott seiner und der Seinigen nicht spotten läßt?« und ging des andern Morgens mit der Miene der frömmsten Ergebenheit, nebst mehrern seiner Mitbauern zur Kirche, sprach noch unter Weges in den erbaulichsten Ausdrücken von der gestrigen Rache des Himmels; und bereitete sich demüthigst vor, das Nachtmahl zu empfangen.

Schon seit geraumer Zeit war er auch hierbey aus Scheinheiligkeit gewohnt, ganz der Letzte zu seyn, der vor dem Altar hinkniete. Die Kälte war heute äußerst groß; dem Priester, einem guten, aber durch das Alter schon geschwächten Greis, zitterten die Hände heute zweyfach, weil der Frost sie erstarrte, der lange Verzug sie ermüdete. Als daher jetzt jener Letzte niederknien, und der Geistliche die Hostie ihm reichen wollte, ließ er sie fallen, und sie zerbrach. So äußerst natürlich dieser Zufall war, so sehr bestürzte er den Heuchler, der wohl fühlte, wie unwürdig der christlichen Gemeinschaft er hier kniee. Er hob daher die Hostie von der Erde auf, steckte sie zitternd in den Mund, und ging den Übrigen nach, um den Altar herum.

Der Priester fing nun an den Kelch auszuspenden. Je länger er dieses that, je mühsamer ward es ihm. Nun kam der Letzte; durch sein vorheriges Versehen wahrscheinlich selbst ein wenig aus der Fassung gebracht, wollte der Geistliche den Kelch recht fest halten. Gerade dadurch gelang es ihm um so minder. Der Kelch glitt ebenfalls aus seiner Hand. Der ganze Wein war verschüttet. Nicht einen Tropfen davon hatte der Heuchler erhalten.

Die Posaune des Weltgerichts hätte den Elenden kaum stärker erschrecken können, als dieser Vorfall es that. Die bängste Gewissensangst bemächtigte sich seiner. »Es ist entschieden,« dachte er: »Jesus Christus entzieht dir sein Versöhnungsopfer! will seinen Leib und sein Blut nicht mehr von dir entheiligen lassen. Vor aller Welt hat er Dieß jetzt kund gemacht. Strafe, zeitlich hier und ewig dort, wird auf dem Fuße nachfolgen. Nur noch ein freywilliges Geständniß kann sie vielleicht – wenigstens mildern!« – Er konnte kaum die noch wenigen Minuten des noch rückständigen Gottesdienstes abwarten. Gleich nach demselben, mithin, – wohlbemerkt, noch in der ersten Hitze, – flog er zum Prediger; fiel zu seinen Füßen; beschwur denselben, ihm zu helfen; erboth sich, Alles zu gestehen; und legte, da Dieser gar nicht wußte, was er vergeben und wie er helfen solle, das unbefangenste Geständniß ab: »daß er sich bey seinen Mitbrüdern das Ansehen eines Lieblings der Gottheit geben wollen; daß er deßhalb das Vieh seiner Nachbarn gemordet, und auch gestern die Wohnung seines Bruders angezündet habe; daß es ihn aber nun von Herzensgrunde reue, und er der fromme Christ wirklich werden wolle, für den er bisher nur gegolten habe.«

Man kann sich leicht denken, wie erstaunt der Geistliche bey diesem Geständnisse da stand. Sein Gewissen gab die Verschweigung der Schuld nicht zu. Der Missethäter ward verhaftet. Nach unsern Gesetzen wäre sein Tod, – oder in einigen Provinzen Deutschlands eine den Tod an Bitterkeit noch übertreffende, unerläßliche Strafe! – gewiß gewesen. Doch in Kurland haben alle Gutsbesitzer auf ihren Gütern die sogenannten hohen Gerichte. Der gütige Graf von Medem ersetzte (was ihm zum Theil als Gutsbesitzer schon oblag) den Schaden der Abgebrannten; und da durch den Missethäter wenigstens kein Blut vergossen worden, so legte er ihm nur eine Leibesstrafe, und dreijährige Bauarbeit in Ketten auf. Zugleich aber traf er Anstalt, daß dieser Unglückliche richtigere Begriffe von der Religion, die er entweiht hatte, erhielt: und noch jetztWenigstens lebte er, nichts weniger als schon betagt, 1787 noch, als Frau von der Recke die vorher erwähnte Schrift bekannt machte., nachdem er längst seine Strafe überstanden, lebt er als ein fleißiger, moralisch gebesserter Mensch zu Alt-Auz, einem Gute der Familie Medem.


Auch Mordbrenner und Selbstverräther.


Etwas Ähnlichkeit mit vorhergehender Begebenheit in Rücksicht des Verbrechens der Heucheley, die dabey obwaltete, und der Freywilligkeit des Geständnisses hat, wie mich dünkt, die Geschichte eines Unglücklichen, den ich selbst in meinen Jünglingsjahren seine (fast möchte ich sagen, allzu harte) Strafe leiden sah. Es fehlt ihr freylich das Ausgezeichnete in der Ursache der Entdeckung. Der Verbrecher kam hier auf einem weit gewöhnlichern Wege zur Gewissensunruhe und zur Selbstangabe. Dennoch dünkt sie mir auch in sofern der Erzählung nicht unwerth, als man aus ihr ersieht: daß der Anschein der Unschuld also eben so trügend, als der Anschein der Schuld seyn könne.

Auf einem Dorfe in der Oberlausiz, unweit Budissin gelegen, verliebte sich im Jahr 1770 oder 71 ein junger Bauer in eine ebenfalls noch junge, ziemlich wohlhabende Witwe: warb um sie; erhielt aber abschlägige Antwort. So weh ihm diese Letztere that, so schreckte sie ihn doch nicht ganz ab. Er suchte vielmehr Alles hervor; was er nur wußte und vermochte, um sich annehmlicher zu machen; vergebens! Endlich, als nichts anschlagen wollte, schickte er ihr einen Brief, dessen Anfang nochmahls warb, und dessen Ende – drohte. »Ihre Verweigerung werde sie« versicherte er, »einst, und zwar bald gereuen; werde sie noch um Haus und Hof bringen, wenn sie nicht eines Bessern sich besinne.« – Dieß hieß freylich sehr nachdrücklich gesprochen, ward aber doch – nicht erhört. Die Witwe heirathete bald darauf einen Andern, der ihr besser gefiel.

Acht oder zehn Tage nach dieser Hochzeit stand eines Morgens ihr Bauergut schnell in heller Flamme, und verbrannte fast bis auf den letzten Span. Es fanden sich die allerdeutlichsten Spuren boßhafter Anlegung, und der Verdacht davon fiel, sehr begreiflich, auf jenen unglücklichen Freywerber. Er ward sogleich verhaftet, nach Budissin gebracht und verhört. Aber Trotz der allersorgfältigsten Untersuchung konnte man – außer jenen Drohworten, die er selbst eingestand, doch viel linder deutete! – auch nicht den kleinsten Beweis gegen ihn aufbringen; vielmehr ergab sich ein Umstand, der sehr zu seinen Gunsten sprach. Das Feuer auf der Bäuerinn Gute war, wie bereits erwähnt worden, des Morgens, und zwar an einem Sonntags-Morgen ausgebrochen. An eben diesem Sonntag nun hatte der Inquisit in einer fast vier Meilen von jener Brandstätte entlegenen Kirchen vor der Frühpredigt gebeichtet, und nach derselben das Abendmahl empfangen. Noch mehr in eben diesem so entlegenen Dorfe war er schon des Abends vorher befindlich gewesen, und hatte sich zu gewöhnlicher Zeit schlafen gelegt. Über alle diese Puncte stellte er unverwerfliche Zeugen. Wollte man ihn auch für ruchlos genug halten, daß er einen solchen wichtigen, (für Leute seines Standes zweyfach ehrwürdigen) Tag durch einen so großen Frevel habe entheiligen können; so widersprach doch die Entfernung der Örter und die Gewißheit seines Nachtlagers, aller Möglichkeit einer Anlegung durch ihn; und von irgend einer Mitgenossenschaft, wo andere in seinem Rahmen Rache verübt haben könnten, äußerte sich auch nicht die geringste Spur. Der Inquisit blieb daher zwar im Verhaft, aber in sehr leidlichem. Seine Sache ward verschickt. Man sah zum Voraus, daß auf den Schwur gesprochen werden und er damit loskommen würde.

Während dieses Zwischenraums, und indem er sein Urtheil erwartete, überfiel ihn eine ziemlich gefährliche Krankheit. Um ihn bey solcher gehörig abzuwarten, brachte man ihn in das dasige Arbeitshaus, welches beyher auch als Verpflegeort gebraucht wird. Hier genas er; ward aber absichtlich, als er schon wieder herum ging, um sich desto gründlicher zu erhohlen, noch einige Tage darin gelassen; und gerade jetzt ereignete sich ein neuer Zufall, der selbst den letzten Rest des noch übrigen Verdachts von ihm zu entfernen schien. – Jene abgebrannte Bäuerinn hatte ihre Gutsgebäude von Neuem zu bauen angefangen, und war bereits damit fast bis unters Dach gekommen, als abermahls Feuer bey ihr ausbrach; abermahls mit den sichtlichsten Merkmahlen boßhafter Anlegung. Ihr ganzes Gebäude ward wieder Asche, und sie selbst nunmehr völlig an den Bettelstab gebracht. – Die Nachricht davon gelangte bald in die nahe gelegene Stadt. Man sprach überall, mithin auch im Zucht- und Arbeitshause davon. Der Inquisit, als sein Wärter ihm davon erzählte, fragte spottend: »Ob er Das vielleicht auch gethan haben solle? Und ob man noch nicht einsähe, daß die Gutsbesitzerinn, die von jeher ein stolzes böses Geschöpf gewesen sey, auch außer ihm Feinde, und zwar rachsüchtigere, besitzen müsse?«

Allerdings schloß man so; allerdings that ihm dieser letzte Vorfall, wenn auch nicht bey seinen Richtern, doch in den Augen des Publikums die ersprießlichsten Dienste. Man glaubte ganz gewiß: er werde nur ins Gefängniß zurück kommen, um desto förmlicher, desto rechtlicher daraus wieder entlassen zu werden. Höchst wahrscheinlich wäre auch Dieß geschehen, hätte er nicht gleich darauf alle diese günstigen Eindrücke – selbst vernichtet. Denn am nächsten Sonntage hielt der Geistliche, dem die Seelsorge dieses Zucht- und Armenhauses oblag, eine Predigt, in welcher er sehr lebhaft die größere Strafwürdigkeit Derjenigen schilderte, die in jene Welt beladen mit Verbrechen übergingen, welche sie in dieser hartnäckig verschwiegen oder wohl gar abgeläugnet hätten. Muthmaßlich fiel ihm hierbey auch nicht ein Gedanke an unsern Inquisiten ein; sondern er hatte unter seinen Zuhörern noch weit Andere und weit Mehrere, die in Verdacht standen, Manches auf ihrem Herzen und Gewissen behalten zu haben. Aber das Feuer seiner Rede, die Stärke seiner Beweisgründe fruchteten gerade da, wo er sich dessen am wenigsten versah. Unser Inquisit, dem doch Ermahnungen zum gütlichen Geständniß nicht so ganz fremd und neu seyn konnten, fühlte sich von der jetzigen (er konnte es nachher selbst nicht sagen, wie?) ergriffen; ging gleich nach dem Gottesdienst zum Pfarrer hin; gestand – man denke sich dessen Erstaunen! – Anlegung des ersten Brandes; ja, gab sich auch, was allen Anfangs ein Mährchen schien, als den alleinigen Urheber des zweyten schuldig.

Mit einer Anstrengung, welche freylich die gewöhnlichen menschlichen Kräfte übersteigt, welche aber doch durch die entschlossenste Rachbegier zur Möglichkeit geworden war, hatte dieser Elende das erste Mahl, nachdem er zuvor wirklich sich niedergelegt, aber sorgsam gelauert hatte, bis seine Kameraden schliefen, sich zum Fenster herabgelassen. Zwar war die Zeit, die er frey hatte, höchstens eine Frist von sechs bis sieben Stunden; er selbst war nur halb angezogen, die Nacht rauh, die Entfernung äußerst ansehnlich. Aber nichts von diesem Allen hielt ihn auf. Schneller als ein gelernter Läufer war er hin und her geeilt; hatte mit schon vorher abgemessenen, bereit gehaltenen Lunten das Feuer so angelegt, daß er gewiß wußte, erst in einigen Stunden könne es ausbrechen; war gleich schnell und ganz unbemerkt zurückgekehrt; hatte sich, dem Schein nach, wecken lassen und dann – man kann leicht erachten, mit welchem Herzen! – in die Kirche begeben. Zu eben der Zeit, als er vor dem Beichtstuhl kniete, mußte, nach seiner Ausrechnung, die auch nur allzu richtig eintraf, das Gut seiner Feindinn in vollen Flammen stehen.

Noch verwegener war er das zweyte Mahl zu Werke gegangen. Durch sein geduldiges Betragen, durch sein frommes Reden, durch willige Dienstleistungen und Kleinigkeiten mancher Art hatte er nach und nach das Zutrauen des Aufsehers vom Zuchthause erworben. Daß er zu entfliehen suchen solle, argwohnte kein Mensch, denn man hielt ihn noch für allzu matt von seiner letzten Krankheit; nicht gerechnet, daß es eine Thorheit gewesen wäre, wenn er, der nicht viel zu befürchten hatte, durch eine Entweichung sich Alles hätte verschlimmern wollen. – Mit wenigen Worten, man traute ihm allzu viel! Er fand Gelegenheit zu bemerken: wo des Nachts die Hauptschlüssel hingelegt wurden; wußte sie glücklich zu entwenden; schloß auf; war aber nichts weniger Willens, als zu entfliehen; sondern sein einziger Zweck blieb: Wiederhohlung seiner Rache. Dieß Mahl hatte er nicht so weit, wie das erste Mahl. Nachdem er bewirkt, was er suchte, war er richtig zurück gekehrt, und war beym Eingange so unbemerkt wie beym Ausgange geblieben.

Sein Prozeß ging nun von Neuem an; und das Endurtheil lautete: Hinausschleifung auf der Kühhaut und lebendige Verbrennung. Ich gestehe, daß sein Verbrechen hart, und die Umstände dabey erschwerend waren. Ob aber nicht sein eigenes Geständniß doch etwas von dieser Schärfe hätte mildern sollen? darüber – mag ich nicht entscheiden. Genug, der Buchstabe des Gesetzes ward beybehalten. Man verfuhr bey der Strafe ganz ohne einige, selbst verdeckte Milderung. Das Leiden des Unglücklichen war einige Minuten hindurch fürchterlich!


Mordbesteller oder Mörder – welcher von Beyden der Strafbarste?

Diese ganze Kriminal-Geschichte ist Zug für Zug aus authentischen Quellen genommen, die ein günstiger Zufall mir in die Hände führte. Vielleicht dürften einige meiner Leser ihren Abdruck, wenigstens hier, tadelnswerth finden, weil es ihr ganz an Verwicklung, und zumahl an Dem, was man romantischen Anstrich nennt, gebricht. Doch, denke ich, wird man einige Züge der menschlichen Natur, zumahl in den untersten Classen, in ihr antreffen, die der Aufmerksamkeit nicht unwerth sind; und auch der Zweifel der Richter am Schluß schien mir derselben das ganz Alltägliche zu benehmen.


Johann Zen**, ein junger Bauer im Dorfe NautonitzNautonitz, Jarpitz, Strzedokluk u. s. w. sind Nahmen von Dörfern im Rakonizer Kreise., lebte als einziger Sohn im Hause seines Vaters, dessen Wirthschaft er einst zu erben gedachte. Im zwanzigsten Jahre heirathete er eine Bäuerinn aus Jarpitz, die Tochter nicht ganz unbemittelter Ältern; ein Mädchen, wenige Wochen über funfzehn Jahr alt, auch von Gestalt ziemlich artig, der er aber in der Ehe bald satt ward. Warum? wußte er nachher selbst nicht genau anzugeben. »Sie habe es nie recht gut mit ihm gemeint, und als er einst krank gewesen, ihn nicht gehörig gepflegt!« So sagte er nach ihrem Tode vor Gerichte. Bey ihrem Leben hatte er sich schon bey einer Nachbarinn beschwert; »Seine Frau tauge nicht zur Wirthschaft.« – Wohl möglich, daß er bey ihrer großen Jugend, in beyden Puncten, zumahl im Letztern, nicht ganz Unrecht hatte! Doch galt sie bey allen ihren Bekannten für ein stilles, gefälliges, fleißiges Geschöpf. Zen**s eigene Ältern – wovon die Mutter überdieß Stiefmutter war – gaben der Schwiegertochter auch im Grabe noch, zu einer Zeit, wo sie ihren Sohn gern entschuldigt hätten, ein günstiges Zeugniß; und ein Paar einzelne Züge von Gutmüthigkeit werden im Verfolge dieser Erzählung vorkommen. Er gestand überdieß selbst, bald nach seiner Hochzeit, zu Strzedokluk beym Tanze, eine gewisse Dirne von Tellez kennen gelernt zu haben, die er gewiß geeheligt haben würde, wenn er nur erst seine jetzige Frau losgewesen wäre. Vielleicht war es daher diese neue Liebe, vielleicht auch bloß ein natürlicher Wankelmuth, der ihn antrieb, schon vor Verlauf des zweyten Jahres nichts sehnlicher zu wünschen, als bald wieder Witwer zu werden; oder vielmehr sich selbst zum Witwer zu machen.

Seine ersten Gedanken gingen jetzt – sehr nach gewöhnlicher Art roher Seelen! – auf abergläubische Mittel. Mit nichts schlägt der Pöbel lieber todt, als mit – SympathieUnd zwar sehr natürlich, wie mich dünkt! Nicht nur, weil er steif und fest an den Einfluß solcher Alfanzereyen glaubt; sondern weil er die Strafbarkeit seines Vorhaben zu mindern hofft, wenn er sogenannte höhere Wesen gewisser Maßen zu seinen Mitschuldigen machen kann. Mögen es Diese verantworten! denkt er. Der Pöbel aller Zeiten und aller Stände ist eben daher auch ein solcher Liebhaber von Zaubereyen. Und die Zauberer der rohesten Völker sind am meisten im Besitz Böses zu thun., wie er es nennt. Auch Zen** erkundigte sich daher gesprächsweise bey einigen seiner Bekannten: Ob sie nicht Jemanden (der gemeinen Mundart nach), verderben könnten? erfuhr mancherley GaukeleyenIch könnte viele davon anführen, denn sie waren im Verhöre angegeben. Aber sie wetteiferten unter sich an Thorheit, zum Theil auch an Ekel. Nur Eine kommt im Verfolge noch vor. Kirchhof, Sarg, Blut, menschlicher Unflath sogar, spielten bey Allen wichtige Rollen.; hatte große Lust, jede derselben zu versuchen; fand aber auch bey jeder gewisse Schwierigkeiten, die bald durch seine Feigheit, bald durch eine andere Zufälligkeit für ihn unübersteiglich wurden; und fing sich nun an, nach solchen Dingen zu erkundigen, deren Erfolg natürlicher und sicherer wäre. So fragte er unter Anderm einen gewissen Pokorny, Bauer von Przilep: »Ob er nicht ein Mittel wisse, wodurch man auf der Stelle eine Stutte umfallend machen könne? Er wolle ihm zuweilen dafür zwey Gulden, auch oft Brot und Mehl schenken.« – So versicherte er eine Hirtenfrau; »daß er denjenigen reichlich bezahlen wolle, der ihm von seiner Frau helfe.« – Reden dieser Art, die nachher auch zuerst den Argwohn des Mords auf ihn brachten, hätten eigentlich gleich damahls ihn verdächtig machen können. Aber sie blieben ungeachtet; und galten, zumahl die Letztere, für Äußerung eines raschen Unwillens, der unter der ungebildeten Classe von Menschen nicht gar selten sich finden mag. – Kurz, Zen** hatte seine Frau nun ins dritte Jahr, und konnte ihrer immer noch nicht los werden.

Aber jetzt, mit Anfang des Jahres 1791, zog zu seinen Ältern ein Knecht, Joseph So**r, von Prag gebürtig, auf welchen Zen** sogleich ein unseliges Zutrauen setzte. Er war ein Mensch schon nahe an Dreyßigen, der von seinen vorigen Diensten ein günstiges Zeugniß der Treue und Thätigkeit mitbrachte. Aber eine gewisse trotzige Miene und der Umstand, daß er sehr arm war, machten Jenem Hoffnung: daß So**r zu allem Möglichen sich werde erkaufen lassen; und gleich in der ersten Woche suchte Zen** dahin einzulenken. Freylich waren seine ersten Fragen äußerst entfernt, und erkundigten sich bloß: Ob er nicht mit gewissen Mitteln bekannt sey? Ob er ihm nicht einen gewissen Dienst leisten wolle, wofür er es dann lebenslang bey ihm gut haben könne? und dergleichen mehr. Da aber So**r, wie sehr natürlich, hierauf weder mit Ja noch Nein, sondern mit der Gegenfrage: was er denn eigentlich damit meine? antwortete; so entdeckte er sich ihm ganz; schwur, daß er seine Frau von Herzensgrunde hasse; daß er nicht eher ruhig seyn könne, bis sie im Grabe liege; und bath ihn um Rath sowohl als um Beistand. So**r war Anfangs allerdings betreten; doch die gefährliche Aussicht auf Gewinn, und auf einen Dienst, wo er es lebenslang gut haben sollte, blendete ihn bald. Auch der Umstand, daß er in den ersten Paar Monathen gewiß noch keinen ernstlichen Antheil nahm, entschuldigt ihn mit nichten; denn es war schon strafbar genug, daß er ihn nur zu nehmen schien.

Ihre ersten Berathschlagungen liefen abermahls auf abergläubische Possen hinaus. Zen** hatte gehört: Wenn man ein Hemde bekommen könne, das ein Leichnam schon im Sarge angehabt, so müsse derjenige, der es unwissend wieder anlege, sterben. Er trug daher So**n auf, ihm ein solches Hemde vom Gottesacker zu Czerwinka zu verschaffen. Wahrscheinlich aus heimlicher Furcht spielte Dieser den Ungläubigen, versicherte, daß ein solches Mittel durchaus nichts helfe, und brachte andere in Vorschlag, die (wo möglich) noch sinnloser und eben so unausführbar waren. – Die Reihe traf daher wiederum GiftSchon Herr Klein in seinen vortrefflichen Annalen preußischer Gesetzgebung macht an mehreren Orten die Bemerkung: daß gerade die niedrigere Classe von Menschen in Deutschland weit mehr, als die vornehmere, wenn sie Rache, Haß, oder Schadensabsicht zu befriedigen sucht, ihre Zuflucht zu Vergiftungen nimmt. In andern Ländern thut es die vornehmere Classe.. So**r entsann sich, daß sein voriger Dienstherr, ein Gastwirth zu Horzin, Rattenpulver besessen habe. Zen** drang sogleich in ihn, hinzugehen und es zu hohlen. Der Knecht ging; doch nur zum Schein. Sein Gewissen erwachte. Er gab vor, kein solches Pulver mehr gefunden zu haben. Als Zen** noch ein Paar Mahl ihn hinschicken wollte, brachte So**r, um nur Ruhe zu haben, gepülvertes Glas zurück; widerrieth aber selbst, es der Frau zu geben, weil es – nichts schaden würde. Auch Zen** scheint den Betrug gemerkt zu haben; er vergrub das Pulver im Stall und setzte desto schärfer in So**rn, nach Prag zu gehen, und sich bey seinem, da noch lebenden Vater zu erkundigen: wie man Gift bekommen könne?

Hier ein trauriger Beweis mehr, für wie weniges Geld die dürftige Unwissenheit zum Laster, oder wenigstens zur Beförderung des Lasters sich erkaufen läßt. Der Alte widerrieth es Anfangs seinem Sohn höchlich: mit solchen Dingen sich zu befassen. Doch als er hörte, daß Zen** es gern reichlich bezahlen wolle, erboth er sich endlich doch, ein solches Mittel zu verschaffen; und gab, nachdem er sich noch ein Paar Mahl daran erinnern lassen, für einen baren Gulden, ein grünliches Pulver her, das er für Gift erklärte, das aber, wie man nachher erfuhr, bloß in gestossenem Grünspan bestand. Voll Freuden brachte Zen** wirklich seiner Frau solches im Biere bey; aber es bewirkte bloß ein starkes Erbrechen; sie genas bald wieder; auf ihren Mann warf sie auch nicht den geringsten Verdacht.

Die Genesung verdroß den Nichtswürdigen äußerst. Er that nun So**rn, da selbst solche Mittel mißlangen, immer noch gewaltthätigere Vorschläge: Er wollte mit seiner Frau auf ein, ungefähr zwey Meilen entlegenes, Dorf gehen; auf dem Heimweg sollte So**r im Walde aufpassen; sollte ihn selbst mit Stricken binden, und die Frau todtschlagen. Er brachte ihm ein Paar neue Stricke dazu; er both ihm Geld über Geld; dem Knechte schien Dieses doch allzu gewagt. – Zen** ließ sich nicht irren. Er hatte bald einen andern Plan. »Er wollte mit seinem Vater nach Prag gehen. Des Nachts sollte So**r die Mutter in der Stube versperren, die Frau in der Kammer erwürgen. Damit der Verdacht auf Räuber falle, könnten ja auch die Betten weggetragen und irgend wohin versteckt werden.« – So**rn schien die Rolle, die er dabey zu spielen habe, so gefährlich, wie die vorige. Noch mehr, sein Gewissen erwachte abermahls. Er machte sich einen Behelf, und ging nach Jarpiz zu Zen** Schwiegerältern. Er versicherte späterhin vor Gericht: »Damahls fest entschlossen gewesen zu seyn, diesen Ältern zu entdecken, was Zen** gegen seine Frau im Schilde führe. Er habe eben deßwegen sie selbst sowohl, als auch das Dienstmensch, befragt: Was die Tochter von der Behandlung ihres Mannes sage? und zu verstehen gegeben: daß solche sehr übel daran sey. Da er aber zu seiner Verwunderung gehört: daß die junge Frau nie, auch nur die geringste Klage über ihren Mann geführt, so habe er ebenfalls geschwiegen.«

Kurz vor dieser Zeit hatte Zen** eine Entdeckung gemacht, die allein schon ein minder verstocktes Herz auf bessere Gedanken geleitet haben würde. Er merkte, daß seine Frau schwanger, und wenigstens schon im sechsten Monath schwanger sey. Aus einer sonderbaren Schüchternheit hatte sie nie weder ihren Schwiegerältern, noch ihrem Manne ein Wort davon gesagt. Daß bey diesem Letztern auch nur der entfernteste Verdacht, als ob er nicht Vater sey, obgewaltet, davon fand sich nirgends eine Spur; aber eben so wenig hinderte diese Entdeckung seinen Vorsatz, vielmehr glaubte er um so mehr die Ausführung des Letztern beschleunigen zu müssen. Er befahl dem Knechte, ihm im Walde zwey tüchtige eichene Knüttel abzuschneiden, und irgendwo im Hause zu verstecken. Er sey, sagte er, Willens, seine Frau nächstens ein Mahl, noch vor Tages Anbruch zu ihren Ältern zu senden; dann könnten sie ihr nach, und im Busche sie todtschlagen. So**r, – entweder um wenigstens dem Anschein nach seinen Willen zu thun, oder auch wirklich zur That, bereitwilliger, wenn er bey ihr einen Genossen habe, – brachte die Knüttel. Der Ehemann quälte von nun an in Geheim sein Weib, daß sie doch ein Mahl nach Hause gehe, und ihren Vater um Geld, dessen er bedürfeDas auch Dieß eine Unwahrheit war, sieht man daraus: daß er nachher allerdings bares Geld hatte: – den Mörder zu lohnen., ansprechen solle; und die Unglückliche war gutherzig genug, darein zu willigen.

Der letzte Sonntag im November ward zu diesem betrüglichen Gange angesetzt. Gleich am frühesten Morgen war Zen** im Stall, und trieb So**rn an, diese schöne Gelegenheit nicht zu verabsäumen. Vom Selbstmitgehen sprach er freylich nichts weiter, aber desto mehr vom Belohnen. So**r weigerte sich durchaus. – Bald darauf kam Zen** wieder. Zwanzig Gulden, eine Mütze und ein Kamisol wurden versprochen, auch die schon oft geschehene Versicherung, daß er es dann lebenslang bey ihm gut haben solle, wiederhohlt. So**r fing an zu wanken. Zen** kam zum dritten Mahl, brachte selbst einen von den versteckten Knütteln herbey, drang nach stärker in ihn, machte ihm alles so leicht als möglich; und So**r weigerte sich immer minder; schloß endlich mit der elenden Ausflucht: daß er bey jetziger kalten Witterung keine Bedeckung an den Füßen habe. Zen** brachte ihm gleich darauf seine eigenen Filzschuhe; sagte ihm, daß seine Frau so eben fort sey; daß er noch auf's freundlichste mit ihr gesprochen, und ihr bis in den Garten das Geleite gegeben habe, um gewiß zu seyn, welchen Weg sie gehe. Wenn der Knecht jetzt ihr nacheile, müsse er gerade im Anfange des Gebüsches sie treffen.

So**r that es. Ungefähr eine halbe Viertelmeile weit hohlte er sie ein. Die Ärmste mochte ganz unbekümmert ihren Weg fortgegangen seyn; mochte den ihr Nacheilenden eben so wenig gesehen, als ihn vorher vermuthet haben. – »Da er nun dicht bey ihr gewesen,« sagte jener Elende nachher aus: »habe er die Augen fest zugedrückt, und ihr mit dem Knittel einen solchen Schlag auf den Kopf gegeben, daß sie sogleich mit zerschmettertem Schädel rückwärts gesunken und nur noch Maticzko HayowskaSo viel als: Mutter Maria zu Hayek! weil an diesem letztern Orte ein Marienbild ist, worauf der Glaube der gemeinen Menge viel hält. Daß der Mörder die Augen bey dem tödtlichen Schlage aufschloß, hat, dünkt mich, etwas Charakteristisches vom Gefühl der Schändlichkeit seiner That, die er lieber selbst nicht mit angesehen hätte, in sich.! ausgerufen habe.« – Nachher wenigstens muß der Mörder nur allzu gut mit offnen Augen vollendet haben; denn er wiederhohlte seine Schläge wohl noch fünf bis sechs Mahl, um gewiß zu seyn, daß sie nicht mehr lebe. – Da ihm Zen** auch befohlen hatte, ihr die Röcke auszuziehen, und sie heim zu bringen; (wahrscheinlich, damit man wieder auf Räuber rathen möge!) so that dieß So**r wirklich. Aber eine Art von Schauder schien ihn zu ergreifen. Er warf sie wieder neben ihr hin; eilte heim, und versicherte den Bösewicht, der ihn geschickt hatte: daß Alles vollbracht sey: Beyde konnten ein Paar Stunden darauf gelassen in die Kirche gehen. So**r erhielt von Zen** abschläglich vier Gulden, und die Versicherung, das Übrige richtig nachzutragen. Beyher ermahnte er ihn immer: ja nichts zu gestehen, wenn er doch vielleicht in Verdacht käme, und befragt würde. Auch dürfe er sich nicht fürchten, selbst einen Meineid zu schwören; denn es sey bloßer Aberglaube, daß man dann binnen Jahr und Tag sterben müsse! – Eine Tröstung, die im Munde eines solchen, selbst abergläubischen Bösewichts, fast drollig klingen würde, wenn sie bey einer andern, minder gräßlichen, Gelegenheit gegeben worden wäre!

Einige Stunden nachher ward der Leichnam der Ermordeten gefunden. Zen** spielte, so gut er nur konnte, den Erschrockenen und Betrübten. Doch nicht lange entging er und So**r dem Verdachte. Seine frühern Reden bey jener Hirtinn und andern Bekannten erregten jetzt erst Muthmaßungen. Auch hatten die Nachbarn eine Mannsperson früh aus Zen**s Garten, jenem Busche, wo die That geschehen, zulaufen gesehen, und argwohnten auf So**rn. Wie Beyde verhaftet wurden, wie sie Alles endlich eingestehen mußten, wäre hierzu erzählen so unnütz als weitläuftig. Als Zen**en vorgehalten ward: Ob er sich denn nicht zweyfach ein Gewissen daraus gemacht, eine Frau, die nun schon im achten Monath von ihm schwanger gewesen, ermorden zu lassen? gab er ganz gelassen zur Antwort: »Über ihre Schwangerschaft habe er sich weggesetzt. Was er gethan, sey aus Unverstand geschehen. So**r, umso viel älter, hätte ihm abrathen sollen. Er selbst würde es nie übers Herz gebracht haben, gewaltsame Hand an sie zu legen.«

Ich wiederhohle: daß bey dieser Kriminalgeschichte Alles, was einer romantischen Verwicklung auch nur von Weitem ähnelt, wegfällt, und daß ich sie doch nicht für ganz unmerkwürdig halte. – Merkwürdig scheint mir der schon berührte Stufengang mörderischer Entwürfe: – merkwürdig das Gemisch von Feigheit und Grausamkeit im Gemüth des Mordsüchtigen, der von Entwurf zu Entwurf fortschritt, durch keine Vereitelung sich ermüden, keine Vaterpflicht sich hindern ließ, der selbst ganz ohne Bedenken muthmaßliches Gift seinem Weibe reichte; kurz, der zu Allem bereit war, – nur nicht Hand an sie zu legen; – merkwürdig bey sonst so plumper Boßheit die ziemlich durchdachte Verstellung, mit welcher er die schändlichsten Plane seinen Ältern, Schwiegerältern und der unschuldig gehaßten Person selbst verhehlen konnte; am allermerkwürdigsten endlich die Verlegenheit, in welche diese That, als sie abgeurtheilt werden sollte, ihre Richter versetzte.

Das josephinische peinliche Gesetzbuch hat bekannter Maßen selbst auf Mordthaten die Todesstrafe abgeschafft, und statt ihrer ein langwieriges hartes Gefängniß und jährlich am Tage des Mondes eine nach Maß des Verbrechens und seiner erschwerenden Umstände zu ertheilende Zahl von Stockstreichen festgesetzt. Die Stimme der Kriminal-Richter erkannte daher Anfangs: daß beyde Verbrecher mit langwierigem harten Gefängniß im zweyten Grad von funfzig Jahren und jährlich am Tage des Mords mit fünf und zwanzig Streichen zu belegen wären; als plötzlich einer von ihnen die Frage aufwarf: ob denn wirklich beyde Verbrecher ganz gleich schuldig, und also auch ganz gleich zu züchtigen wären? Die Meinungen theilten sich jetzt. – »So**r,« sagten Einige, »ist der Schuldigere. Er ist der eigentliche Mörder. Ohne ihn wäre die That wahrscheinlich nie geschehen. Der feige Zen** hätte sein Weib gehaßt, sich vielleicht von ihr getrennt; und nichts weiter. Er sagt selbst, daß er nie Hand an sie gelegt haben würde. So**r, durch Geld erkauft, mordete hingegen; und ist am strafbarsten.«

»Mit nichten! entgegneten Andere: Zen** ist es! Er ist zwar nur Mordbesteller. Aber ohne ihn wäre So**rn die ganze That nicht eingefallen. Ohne seine vielfältigen Anreizungen, ohne seine Erkaufung und Zudringlichkeit wäre jener der rechtschaffene Kerl geblieben, der er war, bis dieser verführerische Bösewicht ihn kennen lernte. Er widerstand lange; er ward selbst das letzte Mahl gewisser Maßen dazu hingestoßen. Jener Schändliche hingegen trug sich nun schon Jahre lang damit. War es denn seine Schuld, daß jenes grüne Pulver nicht als tödtliches Gift wirkte? Wollte er nicht schon tödten, ehe er So**rn noch kennen lernte? Und ist es dann nicht einerley, mit welchem Instrumente er vorsetzlich tödtete?«

»Alles richtig!« sprachen die Erstern. »Aber menschliche Gesetze bestrafen doch immer stärker die That, als die Absicht. Zen** ist ein Nichtswürdiger, das unterliegt keinem Zweifel. Aber die peinliche Lage, mit einer Frau, die man nicht mehr liebt, verbunden, durchs ganze Leben verbunden zu seyn, kann allerdings viel zu schwarzen und selbst blutigen Entwürfen beytragen. Hier war also warmes Blut; So**r hingegen mordete mit kaltem; mordete bloß für elendes Geld; mordete, nachdem er mehrmahls schon erkannt hatte, daß er Unrecht thun würde; mordete endlich eine fremde Person, deren längeres Leben ihn keinesweges in seinem eingebildeten Glück gehindert haben könnte!«

»Aber ist denn nicht gerade der Umstand, daß Zen** den Mord solcher Personen bestellte, die ihm nicht fremd, sondern nur allzu nahe verwandt waren, der erschwerendste unter allen? Lagen ihm nicht gegen die junge Frau und gegen das noch ungeborne Kind, als Gatte und als Vater, doppelt heilige Pflichten ob? Wer sollte mehr für das Leben Derjenigen sorgen, die er ermorden ließ, als er selbst? Und ist nicht Blutsverwandtschaft, zumahl so nahe, eine von denjenigen die Strafe verstärkenden Ursachen, die selbst im GesetzIm 52. § desselben. angegeben werden?«

Dieser letztere Grund entschied! Durch die Stimmen-Mehrheit ward Zen**en jährlich die Zahl von fünf und zwanzig Stockstreichen, So**rn von funfzehn, außer ihrer schon erwähnten Gefängnißstrafe, zuerkannt.

Ganz ohne mich in die Frage zu vertiefen: Ob eine Strafe, auf die Dauer von funfzig Jahren in hartem Kerker erstreckt, und noch alljährlich mit einer empfindlichen körperlichen Züchtigung verbunden, gerecht oder nur gesetzlich sey! bin ich allerdings auch der Meinung: daß Zen** weit schuldiger als der eigentliche Mörder, und auch nach menschlichen Gesetzen schärfer zu bestrafen war. Da ich aber schon einige Mahl in Gesprächen fand, daß Männer, deren juristische Kenntnisse ich unendlich weit den meinigen vorziehe, und denen ich auch sonst das Zeugniß der Billigkeit und des Scharfsinns mit willigster Seele ertheile, der entgegengesetzten Meinung waren, so glaubte ich um so eher, diesen Fall als einen streitigen erzählen zu können, und auch etwas umständlich in den vorläufigen Umständen seyn zu müssen.


Seltsamer Selbstverrath.


Ein Herumstreicher, den man zu Preßburg in Ungarn auf einen kleinen Diebstahl ertappte und mehrerer wichtigen bezüchtigt, doch dieser letztern nicht ganz überwiesen hatte, mußte sich es gefallen lassen, als Züchtling ein Jahr allda Gassen zu kehren. Es kam ihm verzweifelt sauer an, denn man spürte bey jeder Gelegenheit, daß er sonst an eine bequemere Lebensart gewohnt gewesen sey. Doch die Gewalt unterstützte dieß Mahl das Recht. Sein Strafjahr war endlich bis auf einen einzigen Tag, dieser Tag sogar bis auf ein Paar Stunden vorüber; und unser Züchtling ging bereits gegen Abend, mit der übrigen geschlossenen Gesellschaft, zum letzten Mahl, wie er glaubte, dem Ort seiner Aufbehaltung zu, glaubte ganz gewiß den andern Morgen bereits, höchstens noch mit einer kleinen, fühlbaren Ermahnung, entlassen zu werden, als ein sehr zufälliger Umstand Alles änderte.

Es begegnete ihm, kaum zwanzig Schritt vom Arbeitshause, auf der Straße ein junger Mann in gesticktem Frack, seidenen Strümpfen, mit zwey Brillantringen an den Fingern, eben so viel Uhren in der Tasche, hinter sich einen Lohnbedienten, kurz, ganz wie ein Mann vom ersten Stande sich trägt. Von den Züchtlingen angebettelt, warf er einen flüchtigen, halb lächelnden, halb verächtlichen Blick auf die Caravane; faßte gerade unsern Helden am stärksten in das Auge, und ward auch von Ebendemselben am steifsten wieder angeblickt; denn Dieser erkannte in ihm einen seiner ehmaligen Spießgesellen, mit dem er drey oder vier Jahr lang unter einer Bande sich befunden hatte. »Sonderbar!« rief er, gekränkt durch diesen gewaltigen Abstand, und vielmehr noch durch jenes scheinbare Lachen: »Sonderbar, wie es in der Welt zugeht! Ich war ein Jahr lang einer elenden Kleinigkeit wegen Züchtling; und dieser Bursch, der sonst mein Kamerad war, geht hier frank und frey, so geputzt und stolz wie ein Edelmann daher!«

Der Soldat, der die Wache bey den Gassenkehrern hatte, hörte Dieß. »Wie,« fragte er, »jener Herr dort wäre dein Kamerad gewesen?« »Nicht nur das;« fuhr der Erzürnte in seinem Eifer fort: »sondern er war auch bey jeder Gelegenheit zehn Mahl schlimmer als ich!« – »Nun, so kann dem noch Rath und Dieser auch bestraft werden! Komm! komm mit zum Polizeyamt! Wir wollen das gleich anzeigen.« – Auf einen Augenblick stutzte jetzt der Züchtling, und hatte Lust wieder umzukehren. Aber der Soldat ließ nicht ab. Sie gingen. Jene Aussage ward registrirt, und eine halbe Stunde darauf war der Abenteurer schon verhaftet.

Er stutzte nicht wenig, als diese Ehre ihm widerfuhr. Er stutzte noch weit mehr, als jener Angeber ihm vorgestellt und er befragt ward: Ob er hier nicht seinen Spießgesellen kenne? Er wollte zwar Anfangs den bitter Bösen spielen; wollte von seinem Stande, seiner Herkunft, seinen Gütern – die wohl verstanden sämmtlich in der Fremde lagen! – ein Langes und Breites herprahlen; doch die öftere Verwandlung der Farbe, das Stottern der Stimme, das Zittern seiner Knie, und tausend kleine Umstände noch, die eine innere Verwirrung anzeigten, sprachen gegen seine Worte; und es gelang dem Richter, vor welchem er stand, gar bald ihn in Widersprüche zu verwickeln. – Kaum merkte er Dieß selbst, als er auf ein Mahl hastig abbrach und ausrief: »Nun ja, ich will es euch Allen nicht schwer machen! Ich bin ein Landläufer, Buschklepper und ein Kamerad von Jenem gewesen. Aber weil der Schurke mich so ganz von freyen Stücken, so ganz ohne selbst zu wissen, warum, angibt, so soll auch Er wenigstens nicht heraus, sondern noch tiefer in das Garn hinein kommen; und mein erstes Geständniß sey: daß wir vor zwey Jahren zusammen im W* Walde einen Mord an zwey Reisenden begingen!«

Die Verwunderung aller Anwesenden, das Erschrecken jenes unvorsichtigen Angebers kann man kaum groß genug sich vorstellen. Schon mochte er zwar heimlich, mehr als ein Mahl schon, seinen raschen Ausruf und seine ganze Klage bereut haben; mochte voraussehen, daß dieser Handel seine Haft verlängern werde; doch einer solchen Rache war er sich kaum vermuthend. Noch bleicher, noch bebender als vorher sein Raubgenosse, versuchte er auch nun, noch fruchtloser, Entschuldigung und Leugnen. Wenige Minuten waren hinreichend, ihn des Mordes, des Straßenraubes und noch mancher andern That eingeständig zu machen. Sein Weg ging nun natürlicher Weise nicht mehr in das Zuchthaus zurück, sondern in enge Haft; einige Wochen darauf, in Gesellschaft desjenigen, den er angeklagt, auf das Schaffot. – Unter den vielen tausend Zuschauern, die diesen sauern Weg ihn antreten sahen, und dabey die sonderbare Fügung bewunderten, wodurch er sich selbst verrathen mußte, war auch der Freund, dessen mündlicher Erzählung ich diese Anecdote verdanke.


Die Strumpfbänder.


Bald nach dem siebenjährigen Kriege, (bestimmter wußte mein sonst glaubwürdiger Währmann die Zeit mir nicht anzugeben,) kam ein junger Mann aus Schwedisch-Pommern nach Wien, um sich dort erst ein Weilchen aufzuhalten, und dann nach Italien zu reisen. Er trat die ersten drey oder vier Tage im sogenannten Maschacker Hof ab; miethete sich aber nachher, wie es Fremde in Wien gewöhnlich machen, ein Zimmer in einem Privathause; blieb allda einen knappen Monath; verwandte den größten Theil des Tages auf Besichtigung öffentlicher Merkwürdigkeiten und der reizenden Gegend umher; brachte einige Stunden des Abends im Schauspiele zu; suchte aber übrigens entweder aus Mangel an Empfehlungsbriefen, oder aus eigener Schüchternheit, keinen Eintritt in Familien; so leicht sich solche in dem gastfreyen Wien Fremden öffnen. Als er endlich wieder wegreisen wollte, hatte er den unglücklichen Einfall, in einem Zeitungsblatt anzeigen zu lassen: »Ein einzelner Mann suche einen Reisegefährten nach Triest oder Venedig!« war recht froh, als sich zwey Tage darauf ein anderer Fremder, dem Vorgeben nach ein Schlesier, zur Gesellschaft ihm antrug; und machte sich des andern Mittags – früher hatte der Schlesier nicht aufbrechen wollen, – in einer leichten Postchaise auf den Weg.

Auf welchem er leider nicht weit kam! Dieser angebliche Reisegefährte war nichts mehr und nichts minder, als ein Taugenichts, der in Gesellschaft mit Mehreren, die ihm glichen, bald den falschen Spieler, bald den Beutelschneider gemacht, von unserm Fremden, den er auf einem Kaffehhause gesehen, einige Nachricht eingezogen, und so wie er erfuhr, daß er allein wegreisen wolle, den Plan gefaßt hatte, ihn zu begleiten, zu berauben und zu ermorden. Mit noch einem Gauner darüber einverstanden, wurden alle Anstalten schon gemacht: ward eine so späte Tagstunde zur Abfahrt beliebt; und der arme Fremde in ein Netz verstrickt, wovon ihm nichts träumte. Auf der vierten Stazion, als es schon Nacht geworden, als sie Trotz der Dunkelheit fortgefahren, und der Schwede ganz sorglos schlief, durchstach ihm jener nachbarliche Bösewicht mit einem Stilet, so rasch und so richtig treffend, die linke Brust, daß er mit einem einzigen Schrey auffuhr, wieder zusammen sank und starb. Der Postillion, der bey diesem Getöse sich umsah, ward eben so schnell mit einer Pistolenkugel vor den Kopf geschossen, und stürzte. Ganz gemächlich plünderte dann der Mörder die Habseligkeiten des Fremden; packte Alles in zwey Mantelsäcke, die er deßhalb mitgenommen, spannte das Sattelpferd aus, und ritt an einen bestimmten Ort zurück, wo bereits sein Gefährte in einem Gebüsch mit einer Halbchaise seiner wartete; ließ dann das Postpferd auf gutes Glück in die weite Welt gehen, und steuerte ganz keck und unbekümmert wieder nach Wien zu; wo kurz vor dem Thore sein Spießgeselle sich von ihm trennte, er aber unter dem Schein eines Reisenden ankam.

Am andern Morgen fand man jene zwey Leichname, und da man von dem Fremden durchaus nichts weiter wußte, als daß er von Wien herkomme, so schaffte man seinen Körper wieder dorthin, in der Hoffnung, allda mehrere Nachrichten einzuziehen. Da aber auch hier von Polizey und Gerichten Niemand ihn kannte; da es von einer Person, der alle Schriften, alle Kleidung weggenommen worden, unmöglich war, gleich in der ersten Stunde zu wissen, wer und woher sie sey; so stellte man den Leichnam aus, und hing einen Zettel daran, der jeden aufforderte: den Nahmen dieses Unglücklichen, wenn er ihn wisse, anzugeben. Ein Mittel, das sonst wirksam genug, doch dieß Mahl vielleicht vergeblich gewesen wäre, hätte nicht ein sonderbares Schicksal gerechter Rache obgewaltet.

In jenen ersten Paar Tagen, die der Ermordete, schon gedachter Maßen, im Maschacker Hofe zugebracht, war einst früh Morgens, als er eben aufgestanden, eine Händlerinn, die mit Kleidungsstücken und Galanteriewaaren hausiren ging, zu ihm gekommen, und er hatte einige Kleinigkeiten, unter andern auch ein Paar gestickte Strumpfbänder, ihr abgekauft. Seitdem hatte dieses Weib ihn nicht mehr mit Augen gesehen; als sie aber jetzt bey dem Orte, wo sein Leichnam ausgestellt ward, vorbeyging, und eine Menge Menschen hinlaufen sah, zog auch sie die Neugier mit fort, und auf den ersten Augenblick erkannte sie ihn; bedauerte herzlich den guten Herrn, der damahls nur äusserst wenig ihr abgehandelt habe; ging aber stillschweigend weiter, weil sie doch weder seinen Nahmen, noch sein nachmahliges Logis kannte, und weil sie hoffte: so gut und besser als sie würden wohl tausend Andere ihn kennen.

So in Gedanken über diesen ihr allerdings unerwarteten Anblick ging sie immer ihren Weg fort, und ihrer Handthierung nach; kam aber, ohne recht zu wissen, wohin sie gehe, – was sich jedoch aus dem Zusammenhange der Ideen leicht erklären läßt – gerade wieder in den Maschacker Hof; ging gerade vor das nähmliche Zimmer; pochte an, hörte rufen: herein! öffnete die Thür; sah eine Mannsperson noch im Bette liegen; ward aber von derselben (die sich vielleicht eines jüngern Besuchs versah,) sehr rauh, mit den Worten: er brauche von einer solchen alten Hexe nichts, angefahren. Indem sie daher, eben nicht sehr zufrieden, wieder gehen wollte, warf sie von ungefähr einen Blick um sich herum, und erblickte auf dem Stuhle neben dem Bette – eben diejenigen Strumpfbänder, die sie vor einigen Wochen dem Ermordeten, von dessen Leichnam sie herkam, verkauft hatte. Bey diesem Anblick stutzte sie. Unter dem Vorwand, Trotz jenes Empfangs, ihre Waare noch ein Mahl zu empfehlen, trat sie ein Paar Schritt näher; sah genauer auf diesen Stuhl, und ward immer überzeugter: es waren eben dieselben! Der Mann befahl ihr abermahls sich zu packen; sie that es.

Im Heruntergehen erkundigte sie sich bey einem Kellner: Wer der Herr sey, der Nummer fünf wohne? – »Ein Fremder, der gestern aus Steyermark angekommen!« Mit viel Gepäck? – »Nein, ohne Bedienten; mit ein Paar Mantelsäcken.« – Dieß gab keinen Aufschluß, weder für noch dawider. Aber ein gewisser innerer Trieb ward immer stärker in ihr. Sie ging gerade zur Polizey und zeigte an: »Jener ausgestellte Erschlagene habe vor einigen Wochen in dem oftbenannten Gasthofe gewohnt, und ein Paar Strumpfbänder ihr abgekauft. Jetzt liege in eben dem Zimmer, eben dem Bette, ein Mensch mit höchst verdächtigem Gesichte, und neben ihm eben dieselben Strumpfbänder, die ihre eigene Tochter gestickt, und sie jenem verkauft habe. Wenn man den Menschen frage: wie er zu diesem Kleidungsstücke gekommen sey? so würde sich vielleicht mehr ergeben.« Man trug Anfangs Bedenken, auf die ganze Anzeige zu achten. Strumpfbänder sehen sich gleich. Daß der Mörder gerade nach Wien kommen, gerade auf demselben Flecke sich einfinden solle, wo sie vorher den Ermordeten angetroffen, schien so romanenhaft, daß man es eben deßhalb für gänzlich unwahrscheinlich hielt. Dennoch, da sie immer darauf bestand: die Strumpfbänder wären es! so entschloß man sich endlich einen Versuch zu machen, den Fremden zu verhaften, und ihn genau zu befragen: Wer er sey? Woher er komme? und so weiter. Es geschah. Gleich bey der Verhaftung entsetzte er sich gewaltig; als bey dieser Gelegenheit auch seine Kleider durchsucht wurden, fand man blutige Wäsche, ein Stilet, mehrere Taschenpuffer, und einen Rock, den man im Gasthof an jenem Fremden, – auf welchen man sich nun bey der Hausirerinn Angabe besann, gesehen haben wollte. Auch die Strumpfbänder – Kurz! was bedarf es noch vieler Worte und Umstände? Gleich beym ersten Verhör wurde dem Verhafteten so mancher Beweis oder vielmehr so mannigfacher Grund zum Verdachte vorgelegt, daß er bald Alles gestand, und wenige Wochen darauf die Strafe litt, die er reichlich verdient hatte.


Mörder seiner Verlobten und Räuber! dann eine Zeitlang redlicher Mann; seltsam entdeckt, noch seltsamer sich selbst angebend.


Heinrich R., der einzige Sohn eines angesehenen N**gischen Kaufmanns, und selbst zur Kaufmannschaft erzogen, glaubte lange, was mit ihm ganz N–g glaubte: daß sein Vater ein wohlhabender Mann sey, der ihm einst nicht nur eine gutbestellte Seidenhandlung, sondern auch noch ein beträchtliches Vermögen hinterlassen werde. Als er daher im vier und zwanzigsten Jahre diesen Vater verlor, trat er mit ziemlich frohem Muthe seine Erbschaft an; sah sich aber in ihr gewaltig betrogen. Statt baren Geldes fand er Schulden. In den Handlungsbüchern selbst herrschte eine kaum begreifliche Unordnung. Schon seit einigen Jahren war das Soll beständig gewachsen, das Haben unaufhörlich gesunken. Durch verschiedene dreiste Versuche hatte der alte R. wahrscheinlich sich helfen wollen, und immer tiefer sich verstrickt. Bloß der Credit seines Nahmens hatte das Ganze noch zusammen gehalten.

Eine solche Entdeckung war für den jüngern R. ebenso überraschend, als traurig. Jetzt eben, da er seine Freyheit erst zu genießen hoffte, sollte er einem Wohlstande entsagen, an welchen er von Jugend auf sich gewöhnt hatte? – Zwar war er klug genug, seine mißliche Lage noch Jedermann zu verschweigen; doch daß sie lange verschwiegen bleiben werde, ließ kaum sich hoffen. Nur ein Paar Gläubiger durften mit gerechtem Mißtrauen sich melden, und die Handlung stürzte übern Haufen. Selbst wenn Alles dann aufs Beste eingeleitet, aufs Schnellste und Glücklichste verkauft wurde, blieb dem neuen Besitzer äußerst wenig, – sobald es irgendwo schief ging, Gerichte und Advocaten nur nach hergebrachter Weise verfuhren, gar nichts übrig. Wohl hundert Plane sich zu retten entwarf R. im Stillen, und verwarf sie wieder; endlich schien ihm Aufhelfung durch eine reiche Heirath noch der einzig taugliche Weg zu seyn.

Wohl ein gefährlicher Weg, der unter zehn Fällen neun Mahl irre führt! Indeß, da R. wirklich ein artiger, wohlgemachter, junger Mann war, seinen Nahmen nie mit dem kleinsten Fleckchen beschmutzt, wohl aber den Ruf sich erworben hatte, sein Geschäft vollkommen zu verstehen, so hätte er doch vielleicht auch hier sein wahres Glück durchleben können; nur mußte er dann diesen Weg mit Vorsicht betreten, mit kalter, klüglicher Wahl verfolgen. Doch leider glaubte er auf ihm auch eilen zu müssen. Ihn drängte die Angst vor seinen Gläubigern. Unter dem jüngern weiblichen Geschlecht sah er keine Begüterte, wo der Zutritt sogleich ihm offen stand. In halber Verzweiflung beschloß er, auch mit dem Alter es nicht genau zu nehmen. Eine unselige Gelegenheit both sich ihm hier von selbst an.

Im Hause seines Vaters war schon längst eine reiche Posamentirers Witwe viel aus- und eingegangen. Ihr Mann, der sein Gewerbe fabrikmäßig im Großen getrieben, hatte ein ansehnliches Vermögen ihr hinterlassen, und sie dasselbe seit funfzehn Jahren unablässig vermehrt. Das Stadtgericht gab ihr achtzig tausend Gulden. Zur reichlichern Hälfte bekannte sie sich mit einer Miene, die – mehr sagte. Eine Wucherinn durfte man zwar nicht sie schelten; aber sparsam, oder vielmehr geizig war sie allerdings; sonst ein gutes ehrliches Weib, die jedoch ihren Jahren nach reichlich für Heinrichs Mutter, ihrem Ansehen nach fast für seine Großmutter gelten konnte! Wohl zwanzig Heirathen hatte sie in ihrem Witwenstande ausgeschlagen; gleichwohl mußten die Jahre noch nicht jede Empfindung des Geschlechts und der Liebe in ihrem Herzen erstickt haben. Der Jüngling, gleichsam unter ihren Augen herangewachsen, und zum Manne ausgebildet, hatte längst in ihr einen Wunsch erregt, der für ihr Alter ungezweifelt eine Thorheit war; den sie aber doch, als sie auch nach dem Tode des ältern R. ihre Besuche fortsetzte, und die dringliche Verlegenheit des Sohnes zu muthmaßen begann, in Hoffnung und zuletzt in Absicht übergehen ließ. Schon ein Paar Mahl hatte sie sich ihm zu helfen erbothen, wenn sie sicher wüßte, daß er – dankbar sey. Er verstand sie bald; schauderte im Geheim ein wenig, und – entschloß sich. Als sie einst ihm wieder rieth, sich bey seinen vielen Geschäften nach einer ehelichen Gehülfinn umzuthun; als sie mit bedeutendem Tone hinzufügte: daß sie aber an seiner Stelle mehr auf eine vermögliche, vernünftige Hausfrau, als auf all zujunge, unerfahrne Dirnen sehen würde, brachte er seine Worte bey ihr an. Sie spielte ein Paar Augenblicke die Erstaunte; antwortete aber bald mit einem tiefen Seufzer: Es scheine ihr auch, als ob diese zweyte Ehe im Himmel selbst ihr bestimmt worden sey! Ein Kuß, sehr zärtlich auf ihrer, sehr bescheiden auf seiner Seite, besiegelte den Bund. Des andern Tages feyerten sie Verlobung. Die Hochzeit selbst konnte, weil es gerade Fastenzeit war, erst nach sechs oder sieben Wochen anberaumt werden.

Der gute Himmel! Welche ungeheure Menge freywilliger Thorheiten mochten die Menschen gern als seinen Rathschluß betrachten! Ganz N*g, als diese Verlobung kund ward, wunderte sich laut und einstimmig darüber. Selbst diejenigen, welche den wahren Grund derselben muthmaßten, mißbilligten doch diesen Schritt, und R. spürte diesen Tadel gar bald. So oft er an öffentlichen Orten mit seiner Verlobten am Arm erschien, sah er Aller Blicke lächelnd auf sich gerichtet. Der spöttische Glückswunsch seiner Bekannten schnitt ihn durchs Herz. Die kalte, schier verächtliche Miene mancher, sonst gegen ihn freundlichen Mädchen that ihm weh; fast weher noch das mißtrauische Achselzucken einiger Biedermänner, denen er seinen Vorsatz eröffnete. Je näher er dem Zeitpunct rückte, wo er in den völligen Besitz seiner ehrwürdigen Matrone treten sollte, je dringlicher ward ihm bey dieser, sich selbst auferlegten Kasteyung. In den Liebkosungen, die sie jetzt von ihm erwartete und nicht selten begehrte, lag schon so viel Peinliches für ihn. Welche Freude konnte er sich erst vom Ehestand selbst versprechen! Doch hätte er sich noch vielleicht gezwungen, aber auch ein anderer Querstrich in seinen Planen vermehrte den Mißmuth gewaltig.

Bey Heirathen, die der Eigennutz schließt, ist Ehestiftung immer eine sehr wichtige Sache, oder vielmehr die wichtigste von allen. Auch R. hatte sie bald in Vorschlag gebracht; hätte lieber am Verlobungstage schon sie ausgesetzt gesehen. Doch unter mancherley Vorwand wußte seine schöne Braut dieses Geschäft noch um ein Paar Wochen zu verspäten, und betrug sich, als sie nicht länger ausbeugen konnte, nur sehr freygebig nach ihrem, keines Wegs nach seinem Sinne. Denn alle Schulden seiner Handlung übernahm sie zwar; bedingte sich aber auch dafür ein unterpfändliches Recht auf dieselbe. Ihr ganzes Vermögen verschrieb sie ihm zwar; doch – erst nach ihrem Tode, und auch dann nur unter der Einschränkung: wenn er sich indeß stets als ein liebevoller Gatte betragen habe. Genuß und Anwendung der Einkünfte auf Lebenszeit, Widerruf des Geschenks, wofern sie Stoff zur Klage finde, bedung sie sich ausdrücklich.

Dieß waren die Vortheile nicht, die R. damahls erwartete, als sie ihm zu helfen versprach! Schenkung einer Hälfte ihres Vermögens sogleich, unbedingte Hinterlassung der andern Halbscheid nach ihrem Tode – Dieß hatte er noch für einen wohlfeilen Kauf seiner Hand, seines Nahmens, und seiner scheinbaren Zuneigung gehalten. Sich zwanzig oder dreyßig Jahre mit einer alten Frau zu quälen, selbst dabey zu veralten, den Sclaven ihres Eigensinns und ihrer Eifersucht abzugeben, aus ihren geizigen dürren Händen jeden Groschen erheucheln, erbetteln oder erpressen zu müssen, und doch wohl am Ende noch – leer auszugehen? Dieß schien ihm kein Handel zu seyn, der einem klugen Kaufmanne zieme! Wahrscheinlich zwar, daß er Manches hierbey schwärzer sah, als er sollte! daß sie nicht sowohl ihn zu unterjochen und zu berücken, als vielmehr durch eine, ihr weislich dünkende, Vorsicht näher an sich zu knüpfen suchte! Noch wahrscheinlicher, daß es bloß auf seine Klugheit und Entschlossenheit ankam, noch jetzt sich bessere Bedingungen zu erwerben! ein Wort, zur rechten Zeit gesprochen, – eine Liebkosung, schlau verschwendet, – auch wohl eine bescheidene, doch ernstliche Drohung hätten gewiß viel vermocht. Was thut eine alternde verliebte Frau nicht, um nur den Mann zu behalten, an welchem ihr Herz hängt! – Doch gerade zu Maßregeln dieser Art nicht rühmlich an sich selbst, doch verzeihlich nach R's erstem Schritte, und löblich sogar gegen seine nachherigen! konnte er durchaus sich nicht entschließen! Er hielt sich für recht schülerhaft betrogen. Er begann, undankbar genug, Diejenige zu hassen, die Liebe von ihm erzwingen wollte. – Gern hätte er sogleich und ganz mit ihr gebrochen. Eigennutz hielt ihn abermahls zurück. Seine Handlungslage ward alltäglich bekannter. Einige Gläubiger rührten sich bereits, doch noch leise; daß sie derber, wohl gar unbarmherzig anklopfen würden, wenn jene Aussicht verschwände, sah er voraus. Ein wohlgemeinter Rath suchte ihn auch über diese Bedenklichkeit hinwegzusetzen, und ward, ganz gegen Absicht, der Grundstein – seines Verderbens.

Einer von R's Jugendfreunden, schon seit mehreren Jahren in der Fremde, abwesend daher, als R. seinen Vater verlor, und seine Verlobung einging, kam bald darauf heim, besuchte ihn, und that, was schon die ganze Stadt gethan – das heißt, er tadelte seine vorhabende Heirath. Aufrichtig entdeckte Dieser dem Tadler den innern Stand seiner Handlung, und doch nahm jener sein Urtheil – nicht zurück. »Deine Lage,« sprach er, »ist nur bedenklich, dein Schritt verzweifelnd. Warum sollten deine Gläubiger dich stürzen wollen? Sie verlieren ja sicher auch, wenn du fällst; und verlieren wahrscheinlich – nichts, wenn sie dich aufrecht halten. Du hast den Ruf von Ordnung und Geschicklichkeit für dich; Beyde erwerben Zutrauen. Die Schulden deines Vaters sind nicht die deinigen; sogar der Verkauf der Handlung hätte daher dir keine Schande, Erhaltung durch eigene Kraft Ehre gemacht. Für Unterkommen darf ein Mensch, wie du, nicht bangen. Auf den schlimmsten Fall aber ist es besser, noch eine Zeit lang der Diener eines Andern, als durchs ganze Leben der Knecht eines alten Weibes zu seyn. Geht es nicht hier, so geht es in der Fremde. Auch ich trieb mich in ihr herum. Ohne deine Figur, vielleicht auch ohne deine Kenntnisse, fand ich auswärts doch manchen Vorschlag, mein Glück zu machen. Glaube mir: Gelegenheit flieht Den nicht immer, der sie sucht, und kommt selbst zu demjenigen, der sie nur nicht ausschlägt!«

Tief wirkten diese oder ähnliche Reden auf R's ohnedieß mit sich selbst unzufriedene Seele. Daß er aber aus ihnen, die gut gesinnt und richtig im Ganzen waren, gerade nur das Letzte und Gefährlichste sich heraushob: daß er mit dem festen Entschluß, seine Alte nicht zu heirathen, nun auch den eben so festen: sein Glück nur in der Fremde zu suchen, verband; – auch Dieß war einer von den gewöhnlichen Gängen des menschlichen Geistes! In seiner Vaterstadt, dünkte ihn, warte nur Spott, Armuth und Verachtung seiner. Im Auslande hoffte er es besser zu finden. Nur unter seinem eigenen Nahmen und mit ganz leeren Händen mochte er den Ausflug nicht, – wenigstens nicht gleich Anfangs, wagen. Ein Zufall erleichterte ihm den ersten Punct. Vor wenig Monathen erst war in seiner Handlung ein Diener gestorben, Lehmann mit Nahmen, ein Schlesier von Geburth mit ihm fast eines Alters. Unter andern Papieren war auch sein Lehrbrief, von Breslau ausgestellt, Anfangs in des ältern, dann in des jüngern R. Hände gerathen; war aufbewahrt worden, sie wußten selbst nicht: warum! Ihn jetzt in der Fremde, als den seinigen zu nützen, seinen Nahmen mit Lehmanns Nahmen zu vertauschen, fiel gar bald ihm ein. Sich durch Eintreibung alter Rechnungen etwas Geld zu verschaffen, war sein zweyter Plan. Er schickte herum, wo er konnte; kleinere Posten gingen ein; nur noch auf ein Paar größere wartete er ängstlich. Dann wollte er schnell verschwinden, seinen Gläubigern die Handlung, seiner Braut das leere Nachsehen lassen. – Schon mischte sich viel Unredlichkeit in diesen Vorsatz; aber noch ließ er sich theilweise entschuldigen. R's Gläubiger büßten noch jetzt wenig oder nichts ein; die Witwe gewann, indem sie zu verlieren schien.

Inzwischen kam Ostern herbey, und mit ihm nahte sich die Zeit des kirchlichen Aufgeboths und der förmlichen Heirath. Was R. thun wollte, mußte er bald thun, oder seine Entfernung ward ein immer stärkerer, immer tadelnswertherer Betrug. Seine Schuldner zahlten, Trotz seiner Mahnung, immer noch nicht; seine Gläubiger erwarteten jetzt Zinsen. Er war zum Fortwandern gerüstet, nur seine Börse war es nicht. Einst, als er seinen gewöhnlichen Morgenbesuch – man kann leicht denken, mit welcher Gemüthsstimmung! – bey der Witwe ablegte, fand er sie in dem ihr so wichtigen Geschäfte des Geldzählens begriffen. Ein aufgekündigtes Capital von fünf tausend Thalern, sämmtlich in Golde, war eingegangen. Nur ihrem Bräutigam ward jetzt die Thür geöffnet, gleich hinter ihm wieder abgeschlossen. Sie erzählte ihm, daß sie die Hälfte davon zu seinen dringendsten Handlungsschulden verwenden, die andere Hälfte in nächster Woche um ein halbes Procent höher anlegen wolle. Sie schloß, nachdem sie die Louisd'ors und Ducaten sorgfältig in Röllchen gepackt, einen Schrank auf, und zog vor R's Augen, ein Fach heraus, geräumig und verborgen genug. Hier befand sich noch ihr eigener Schmuck, ein Paar fremde brillantene Ringe, worauf sie Geld geliehen, und ein großer lederner Beutel voll Goldstücke, die sie ihren Nothpfennig nannte. Heute schon einmahl in zutraulicher Laune, zeigte sie ihm Alles. Die Juwelen überstiegen an innerm Gehalt noch die bare Summe. Zwölf tausend Thaler war dieses Fach gewiß werth. Mit jenem lieblichen Lächeln, mit welchem gewöhnlich der Geiz seine Schätze überschaut und mustert, hafteten ihre Blicke einige Minuten darauf. – »Noch, mein Liebster,« sagte sie endlich, »ist Dieß nur ein sehr mäßiger Theil meines Vermögens. Jenes dünne Päckchen Documente enthält leicht vier bis fünf Mahl so viel, und Alles, Alles wird einst das Ihrige, wenn Sie sich gut aufführen. Nur abdringen laß ich mir nichts; und Vorausbezahlung ist eine Thorheit.«

Unselige Vertraulichkeit, die diese gute, geschwätzige Alte nie zur ungelegnern Zeit äußern, – unglückliche Entdeckung, die R. nie zu einer gefährlichern Stunde machen konnte! Gerade jetzt gelüstete ihm so gewaltig nach Gelde; gerade jetzt hatte er sich so ängstlich um achtzig oder hundert Ducaten bemüht! Schon ein Paar Mahl hatte er auf die Casse seiner Verlobten: ob er hier nicht etwas borgen, und nie wieder geben könne! gedacht. Ein ahndender Widerwille, Furcht vor abschlägiger Antwort, Unwissenheit: ob sie auch, Trotz ihres Reichthums, bey barem Gelde sey? hatten ihn stets zurück gehalten. Jetzt wußte er Alles, und mehr, als ihm gut war! Wußte, welch ansehnliche Summe sie liegen habe; wußte, wo sie läge? wie lange sie hier liegen würde? wußte noch einen so kostbaren Schmuck und überreichlichen Nothpfennig in der Nähe. Gedanken, die er noch nie gehegt, Entwürfe, deren dunkles Gewühl er nicht sogleich zu ordnen vermochte, Empfindungen, wofür er keinen Nahmen hatte, – Alles drängte sich auf ein Mahl empor. Noch mancherley schwatzte und fragte seine Verlobte; er hatte fast kein Ohr, und noch weit minder eine passende Antwort dafür. Unter dem Vorwand dringender Geschäfte eilte er bald wieder nach Hause.

Doch auch hier schien ihm, wo er ging und stand, eine Stimme zuzurufen: Bemächtige dich dieser Summe! Er wollte sie nicht hören; wollte sich zerstreuen, wollte arbeiten. Umsonst! Jene Stimme blieb; sein Verlangen ward immer stärker; nur allzu bald hielt er es für unwiderstehlich; und von diesem Augenblick an reichte gleichsam ein böser Gedanke dem andern hülfliche Hand. – Unbemerkt diesen Schatz zu entwenden, war allerdings R's erster Wunsch. Selbst ihr Geständniß: daß Dieß nur ein kleiner Theil ihrer Habe sey, entschuldigte in seinen Augen dann die That; und auch darin: daß sie sich ja weigere, Alles für ihn zu thun, daß er, durch ihre Verlobung nur unglücklicher geworden sey, suchte er einen Grund zur Verminderung seiner Sträflichkeit. Doch daß diese unbemerkte Entwendung eine Unmöglichkeit sey, begriff er fast eben so schnell. Sorgfältig verschloß die Witwe immer mit doppelten Schlössern jenen Schrank; sorgfältig ihr Zimmer, wenn sie nur einen Augenblick in die Küche ging. Fast immer war sie daheim; wenn sie ausging, begehrte sie jetzt R's Begleitung. Was daher geschehen sollte, mußte gewaltsam, – noch mehr, es mußte, wenn nicht Gefahr oder Abscheulichkeit sich häufen sollte, äußerst bald geschehen. Ein sonderbares Zusammentreffen von Umständen verlangte das Letztere. – Die Witwe hatte zwey weibliche Bediente; doch die Einrichtung mit Beyden hatte Sparsamkeit getroffen. Eine erwachsene Person, bestimmt zur gröbern Arbeit, kam nur des Vormittags zu ihr. Ein zwölf oder dreyzehnjähriges Mädchen vom Lande besorgte die nöthigen Gänge, half des Nachmittags und des Nachts die Wohnung hüthen; war aber gerade damahls auf eine Woche zu ihren Ältern in die Feyertage, wie sie es nannte, gegangen. Daß seine Verlobte sie spätestens übermorgen zurück erwarte, und bis dahin des Nachmittags größten Theils allein sey, wußte R. sehr genau, und glaubte sogar auch hierin – denn jedes Laster, groß oder klein, ist nahe oder fern mit Aberglauben verschwistert! – eine Aufmunterung des Geschicks selbst zu finden. Schon den kommenden Tag setzte er daher zur Vollbringung seines Vorhabens an. Noch ein Paar Mahl bebte er bey dem Gedanken: Gewaltsam! – Gewaltsam gegen eine Person, die sich bereits für deine künftige Gattinn hält, und dich zu ihrem künftigen Erben erklärt hat! zurück. Noch einige Mahl rang sein guter und sein böser Genius mit einander, und der Erstere unterlag. Er traf alle Anstalten, die ihm nöthig schienen, mit Besonnenheit. Er war des andern Morgens, als er die Witwe wieder besuchte, freundlicher, ja fast zärtlicher, als ehemahls. Er versprach ihr, ehe sie ihn noch darum bath, heute um drey Uhr wieder zu kommen, und dann auf einem Spaziergang sie zu begleiten. Die Arme freute sich recht herzlich darüber, und wußte nicht, daß in diesem Augenblick ihr Todesurtheil gesprochen werde.

Zwar versicherte R. später nachher unablässig: Noch habe er damahls an keinen Mord gedacht. Die Alte zu überraschen, zu binden und zu knebeln; dann, vielleicht vor ihren Augen jenen Schrank zu plündern, wegzugehen und alle Thüren zu sperren, – darin habe sein ganzer Plan bestanden. Kraft genug, sie zu überwältigen, Geschicklichkeit genug, alles Getöse zu vermeiden, habe er freylich sich zugetraut. Nur ein unglückliches Ungefähr habe ihm, kurz vorher, ehe er schon gehen wollen, ein Rasirmesser unter die Hände geführt, und bloß auf den höchsten Nothfall, bloß wenn er durch ihr Rufen in Gefahr vielleicht kommen sollte, habe er es eingesteckt. – Möglich, daß er wahr sprach! Selbst die Abweichung der That von seinem Vorsatz ist kein ganz gültiger Beweis gegen jene Versicherung. Riesenmäßig und unglaublich schnell ist der Wuchs des Lasters. Abscheulich konnte vielleicht auch R. jetzt noch Dasjenige finden, was er einige Minuten später am leichtesten, und eben daher auch am thunlichsten fand. Pünctlich um drey Uhr erschien er. Die Witwe war gerade vor dem Spiegel mit ihrem Kopfputz beschäftigt. Auch Dieß vielleicht mochte kein bloßer Zufall seyn. Längst aller übrigen Ansprüche auf Schönheit verlustig, besaß das Mütterchen noch einen einzigen Überrest, der sonst auch selten in höhere Jahr dauert, – ein schönes braunes, langes, dichtes Haar. Oft hatte R. diesen Vorzug an ihr gelobt; sie war sich dessen um so mehr bewußt, da es ihr Letzter war. Eitelkeit bleibt ein weiblicher Grundzug vom ersten Flügelkleide bis zur Bahre. Wohl möglich daher, daß sie auch jetzt ihrem Bräutigam mit bloßen Haare um so lieber sich zeigte. Wenigstens nahm er es dafür, und erboth sich ihr beym Frisiren zu helfen; sehr gern war sie es zufrieden. Indem er ihr Haar flocht, schlang er es unbemerkt um seine linke Hand. Rasch zog er das tödtliche Werkzeug aus der Tasche; noch rascher riß er ihr Haupt rückwärts. Mit einem einzigen starken Zuge jenes scharfen Messers war die Gurgel ihr durchschnitten; röchelnd sank sie in ihrem Blute nieder. Bey dieser dreyfach schändlichen That war das Einzige minder Schändliche: daß die Unglückliche von der Welt kam – sie wußte und fühlte selbst kaum: wie? Mit ihren Schlüsseln öffnete er dann den Schrank. Das bewußte Fach ward bald gefunden und geleert. Auch jenes gepriesene Päckchen von Documenten steckte er, gleichsam zum Überfluß, mit ein. Alles Übrige verschmähte er. Kaum zehn Minuten beschäftigte ihn dieses Bubenstück. Sorgfältig verschloß er dann Zimmer- und Saalthüren. In seiner Wohnung wechselte er rasch die Kleider. Ein Pferd stand schon gesattelt. Ein kleiner Mantelsack war schon gepackt. Ehe es noch halb vier Uhr schlug, war R. bereits, unangehalten und unverdächtig, zum Thore hinaus, daß er dann sein Roß wacker antrieb, läßt sich denken.

Ungestört blieb der Leichnam den Überrest des Tages und die Nacht hindurch liegen. Ein Paar Personen, die bey der Witwe zu thun hatten, gingen verdachtlos fort, da sie die Thür verschlossen fanden. Erst am Morgen, als ihre ältere Bedienung kam, klopfte, keine Antwort erhielt, kein Leben darin spürte, fiel Dieß auf. Nachbarn kamen herbey. Man sprengte die Thür; man fand die Hausfrau in ihrem Blute; der Schrecken bey diesem Anblick, der Verdacht, den man sogleich gegen den Bräutigam faßte, die Gewißheit, als man zu ihm eilte, ihn nirgends fand, von seinem Burschen erfuhr, daß er schon seit gestern Nachmittags fehle; auch bald darauf in seinem Gemach einen versteckten Rock mit einigen Blutflecken entdeckte, alles Dieß sind Folgen jener That, die sich von selbst ergeben. Wie ein Blitz durchfuhr das Gerücht dieses Mordes die ganze Stadt. Wer es hörte, schauderte. Am meisten trieben es natürlicher Weise die Verwandten der Ermordeten. Drey oder vier Geschwister-Kinder waren ihre nächsten Erben. Noch hätten sie sich wohl über den Tod ihrer Muhme getröstet; doch jener erbrochene Schrank machte ihren Schmerz um ein großes Theil stärker – und wahrer. Daß der Entwichene mit Steckbriefen aufs schnellste zu verfolgen sey, war kein Zweifel; ein desto größerer: wo man solche zuerst hinsenden solle! Trotz aller Mühe erfuhr man von R's Flucht keinen nähern Umstand, als das Thor, zu welchem er herausgeritten war. Gleich vor demselben spalteten sich vier Wege. Ob er einen von ihnen, und welchen er ergriffen habe, blieb ungewiß. Kein Mittel also, außer nach allen Winden zugleich Bothen auszusenden.

Viel Zeit ging über dieser Ungewißheit verloren. Daß der Mörder indeß einen großen Vorsprung gewonnen, glaubten Alle; daß man ihm doch irgend wo auf die Spur kommen werde, hoffte man ebenfalls. Vergebens! Keine Verwendung an Obrigkeiten, keine Beschreibung in öffentlichen Blättern, auch keine im Entdeckungsfall versprochene Belohnung fruchteten. Auf ein bloßes Gerücht, daß er seinen Weg nach Schafhausen zu genommen, blieb fast kein Winkel der Schweiz undurchspäht; sogar in einem von Graubündens rauhesten Thälern glaubte man in der Klause eines Waldbruders ihn zu entdecken, und – irrte sich. Fünf Jahre verfloßen. R's Nahme und Frevelthat kam endlich ganz in Vergessenheit. Wenn man ja noch zuweilen von ihm sprach, geschah es mit dem Beysatz: daß er nach West- oder Ostindien gegangen seyn müsse. Manche Menschen, die über Alles genauere Nachricht zu haben pflegen, versicherten, daß man ihn zu Batavia gesehen habe.

Eine große Unwahrheit! Denn kaum vierzig Meilen weit von seiner Vaterstadt lebte R. diese ganze Zeit hindurch; war Bürger eines andern Staats, Hausbesitzer, Ehemann, Vater, Genosse einer nicht unbeträchtlichen Handlung, und zwar alles Dieses auf die ehrlichste Weise von der Welt geworden. Sonderbar genug klingt Das, und ging doch sehr einfach zu! Nicht nach der Schweiz, nach Paris hatte R. sich flüchten wollen. In dem Getümmel dieser großen Stadt, hoffte er, sollte seine Wenigkeit ganz unbemerkt sich verstecken. Von da aus, wofern es ihm nicht gefalle, nach England, von England nach Amerika überzugehen, lag noch im Hintergrund seines Herzens. Ganz ohne Anstoß war er bis Straßburg gekommen. Jener fremde Nahme, ein bescheidenes Reisekleid, die Sorgfalt nirgends mit Gelde zu prahlen, ein gestutztes, mit vieler Vorsicht geschwärztes Haar, – mehr als alles Dieß eine unbefangene ruhige Miene, und eine Gleichgültigkeit, die nirgends sich versteckte, nirgends übertrieben eilte, hatte ihn überall verdachtfrey erhalten. Sein Pferd hatte er zeitig an einen Juden verkauft, der ihm unter Weges aufstieß, und nach Nieder-Sachsen zu steuerte. Lohnkutscher, für einen Flüchtling ein so unpassendes Fuhrwerk, hatten ihn weiter gebracht. Schon stand sein Nahme, seine Geschichte und sein Steckbrief in öffentlichen Blättern; doch nirgends verglich man diese Beschreibung mit seiner Person. – In Straßburg gedachte er zwey Tage lang auszuruhen und dann mit der Diligence weiter zu reisen. An der Gasttafel, wo er speis'te, brachte gleich den ersten Abend ein Ungefähr das Gespräch auf die Pariser Polizey. Zwey Reisende, die von dort her kamen, und Lust an Vergrößerungen hatten, schilderten solche als allwissend, und setzten sie noch weit über jene zu Venedig. R. gab einen stummen, aber sehr aufmerksamen Zuhörer ab; jene Allwissenheit gefiel ihm übel. Eine leicht begreifliche Furcht erwachte; ein Theil der Nacht verging ihm schlaflos. – Am andern Morgen verschaffte ihm ein zweytes Ungefähr die Bekanntschaft eines Kaufmanns aus H**, einem kleinen Landstädtchen, ungefähr vier Meilen von Straßburg. Es war ein Franzose von Geburt, schon etwas bejahrt, doch noch munter. Er habe, erzählte er, vor wenigen Tagen einen Buchhalter, der seine rechte Hand gewesen, durch einen Steckfluß verloren, und suche einen Andern, der aber ein Deutscher, Protestant und erfahrener Mensch seyn müsse. Das Städtchen, wo er lebe, sey freylich klein, und gleichsam in einem Erdwinkel versteckt, doch seine Handlung nicht unbeträchtlich. – R. horchte auf. Jene allwissende Polizey von gestern, und dieses versteckte Landstädtchen schienen ihm abermahls – (wir wissen schon, daß er abergläubisch war), Warnungen seines Schutzgeistes zu seyn. Er hoffte hier auf einige Zeit Sicherheit vor aller Nachstellung und über dieß Gelegenheit zu finden, sich im Französischen zu vervollkommnen, was er zwar verstand und schrieb, doch nicht ganz fertig sprach. Er trug sich daher dem Kaufmann von Weitem an. Schon hatte Dieser im Gespräch gespürt, daß R. Handlungskenntnisse besitze. Mit Freuden schlug er ein; noch den Abend reiseten sie zusammen ab.

R. war gewiß Willens nur wenige Monathe in H** zu verbleiben. Aber er fand das Örtchen so reinlich und nett, die Gegend umher so romantisch, unter dem kleinen Kreis neuer Bekannten einige so angenehm, seinen alten Herrn so gut, seine Handlungsgeschäfte (wovon ein großer Theil in Unterschleifswaaren bestand) so leicht und doch nicht unbedeutend, daß es ihm weit besser gefiel, als er im Anfang selbst vermuthet hatte. Ein gewisses stilles Leben kann uns bald zur Gewohnheit werden. Der Wurm in in R's Seele, die Furcht beym Ausflug in die weite Welt entdeckt zu werden, nagte fort. Er blieb daher anderthalb Jahre hier, ohne sich nur zu rühren. Als er dann Miene machte, seinen Stab weiter fortzusetzen, redete ihm sein Herr, dessen Vertrauen er sich ganz erworben hatte, so lange zu, bis er noch sechs Monathe hier zu bleiben versprach. –»Ich weiß ein Mittel, sagte der Alte lachend, wo Ihr vielleicht auch den siebenten Monath ungebethen zugebt!« – – R. verstand ihn nicht. Doch am Schlusse des halben Jahres nahm sein Herr seine einzige, bisher in Straßburg erzogene Tochter wieder zu sich; ein Mädchen von sechzehn Jahren, von munterm Geiste und reizender Bildung. Nicht vierzehn Tage befand sie sich im väterlichen Hause und in dem für sie einsamen Städtchen, so war sie in R. und er in sie verliebt. Sogar die Schwermuth seiner Miene gefiel ihr, denn sie hielt sich selbst für den Grund derselben. Ihre wechselseitige Neigung entging dem Blicke des Vaters nicht; nur wollte er einige Zeit hindurch sie nicht sehen. Als er einst Beyde in zärtlichster, doch schuldloser Unterhaltung überraschte, rief er den jungen Mann in sein Cabinet; fragte ihn erst lächelnd: Warum er noch an kein Weggehen gedenke? und dann ernsthaft: ob er gar kein eigenes Vermögen besitze? Sorgfältig hatte R. bisher seinen so schändlich erworbenen Schatz verborgen. Auch jetzt gestand er nur einen Theil desselben. »Fünf hundert Ducaten, sagte er, besitze er bar; noch tausend könne er in seiner Heimath heben, wann und wie er wolle.« Der Alte hatte sich wenig, oder gar nichts vermuthet. Mit treuherzigem Tone schmählte er: daß R. jene Summe, die er vorwies, so lange ungenutzt bey sich führte, glaubte ihm das Übrige auf das Wort; both ihm förmlich die Hand seiner Tochter und den Eintritt in seine Handlung an. Freudig griff R. nach diesem Erbiethen. Noch den Abend war Verlobung; vier Wochen darauf Hochzeit.

Über drey Jahre lebte R. in dieser Ehe; zwey Kinder wurden ihm geboren. Ein eigenes Haus erkaufte er sich. Seine Frau fuhr fort, ihn zu lieben; bey seinen Mitbürgern stand er in Achtung; nicht ein Schatten von Verdacht traf seinen moralischen Werth. Er schien glücklich. Eine gewisse düstre Laune, die man zuweilen an ihm spürte, ward Hypochonder genannt, und seiner übertriebenen Häuslichkeit zugeschrieben. Wirklich war er in den fünf Jahren seines Daseyns erst zwey Mahl auf einige Stunden, Handlung-Sachen halber, nach Straßburg gereiset, sonst nirgends nur zwey Meilen weit in der Gegend umher gekommen. Seine junge Frau hatte ihn oft zu kleinen Reisen und auch zu einer größern nach Paris aufgemuntert. Jeden Wunsch gewährte er ihr sonst; nur gegen diesen hatte er immer Ausflüchte. Sein Weigern galt freylich für Eigensinn, doch auch für den einzigen, den man an ihm wahrnahm. – Im sechsten Jahre starb ein alter Handlungsfreund zu Coblenz. Bey seinem Tode zeigten sich ansehnliche Schulden. R's Schwiegervater, schon lange im Verkehr mit ihm, lief Gefahr, sieben tausend Livres zu verlieren. Schnelle Vorkehrung konnte sie noch retten. Aber vorsichtig wollte das Geschäft getrieben seyn; denn hier und dort war die Rede größten Theils von Contrebandwaaren. Der Alte selbst konnte Kränklichkeit halber nicht reisen; der Auftrag kam daher an R. Ungern ging er daran; ihn abzulehnen sah er keinen Vorwand. Da überdieß Coblenz von N–g fast noch ein Paar Meilen weiter als Straßburg lag; da R. nur wenige Tage dort zu verweilen gedachte; da er hoffte: ein so langer Zwischenraum werde doch wohl auch manchen Zug seines Gesichts geändert, ihn selbst und seine That aus manchem Gedächtniß gebracht haben; da er sich nicht entsann, jemals mit einem Coblenzer nur umgegangen zu seyn; und da er endlich als ein Elsaßer Kaufmann unter fremdem Nahmen hinkam, so glaubte er selbst wenig oder nichts zu wagen, und – reisete. Seine Frau begleitete ihn.

Nicht neu, aber gerade durch ihr Alter desto bewährter ist die Bemerkung: daß jene höhere Vergeltung, wenn sie sich lange nachsichtsvoll gegen den Schuldigen betrug, desto sicherer beym endlichen Schlage ihn trifft; und daß bey einer lange verzögerten Entdeckung die kleinsten Umstände dann genauer, wie die Räder einer Uhr, zusammen passen. Auch R. sollte nun diese traurige Erfahrung machen. – Glücklich und schnell genug war sein Geschäft zu Coblenz vollendet; den nächsten Morgen sollte seine Abreise schon wieder vor sich gehen. Bloß die Einladung eines Kaufmanns, der vor der Stadt ein schönes Landhaus besaß, machte, daß R. noch einen Tag zugab; ja, auch Dieß that er nicht aus eigener Neigung, sondern aus Gefälligkeit gegen seine Gattinn. Gegen Mittag fuhren sie auf dieses Landhaus; die Gesellschaft, die sie da fanden, war nicht groß, aber, sonderbar genug, unter derselben befand sich der einzige Mensch, der in ganz Coblenz für R. gefährlich werden konnte, ja fast werden wußte. Siebald hieß er, ein junger, artiger, erst angehender, kaum vor vier Wochen aus England zurückgekehrter Wechselherr, und Anbether der Tochter im Hause. Von seinem ganzen Leben und Weben wußte R. kein Jota; Jener von dem Letztern nur allzu viel.

Dem Hause, wo die Witwe zu N–g ermordet ward, schief gegenüber, wohnte ein reicher Banquier von ausgebreiteter Achtung; verschiedene Jünglinge aus der Fremde befanden, und bildeten sich auf seiner Wechselstube; unter ihnen war gerade damahls auch Siebald. Schon längst kannte er R. von Ansehen; oft hatte er ihn neben der Witwe am Fenster, nicht selten Arm am Arm mit ihr auf der Straße erblickt, stets sich im Herzen über dieses ungleiche Paar geärgert. Noch mehr, einer seiner besten Freunde in N–g war ein naher Vetter und einer von den muthmaßlichen Erben der Witwe. Oft genug hatte sich Dieser im Gespräch mit ihm über R. beklagt. Anfangs, daß er jenes gehoffte Vermögen ihm wegheirathen wolle, und dann, daß er es größten Theils gestohlen habe. Oft hatte ihn Siebald deßhalb, so gut er konnte, getröstet; hatte ihm, als er von N–g weg auf Reisen ging, noch mit Hand und Mund versprochen, wenn er irgendwo von dem Mörder und Räuber etwas höre oder sehe, es ihn sogleich zu melden. Daß er nie glaubte, in diesen Fall zu kommen, kann man leicht denken; doch war ihn durch Zufälligkeiten dieser Art R's Bildniß tiefer, als er selbst es wußte, ins Gedächtniß geprägt.

Um so mehr, wiewohl noch unmerklich, stutzte er beym Anblicke dieses angeblichen Elsassers; wußte zwar in der ersten Minute noch nicht, wohin er mit dieser Ähnlichkeit rathen sollte! besann sich aber bald; strafte sich eben sobald selbst eines Irrthums; kam wieder auf seinen Argwohn zurück; ward mit jeder Secunde immer bestärkter in ihm. Absichtlich suchte er bey der Tafel neben die Gattinn des Fremden zu kommen; hoffte im Gespräch mit ihr Einiges zu erfahren, was seine Muthmaßung entweder bestätige, oder widerlege; und erfuhr – Alles. Das gute Weibchen war eine Französinn, mithin gesprächig. Kaum hatte Siebald, gleichsam verloren, bemerkt, daß er nach dem Dialect ihres Mannes kaum auf einen Elsasser gerathen haben würde, so versicherte sie ihm: daß er allerdings keiner, sondern ein Schlesier von Geburt sey; daß er erst seit fünf Jahren in Elsaß lebe, und daß bloß Liebe zu ihr ihn festgehalten habe. Auch von seinem Hange zur Schwermuth, von der Mühe, die es gekostet, ihn hierher zu bringen, von ihrer Freude, daß er noch einen Tag zugegeben habe, – von allem Dem sprach sie in ihrer Unschuld; und dachte gewiß an nichts weniger, als daß sie jetzt die Anklägerinn eines geliebten Gatten mache. Mit jedem Worte fast ward Siebald überzeugter, daß sein Verdacht Wahrheit sey. Selbst jenes Lehmanns, der, ein Schlesier von Geburt, in R's Hause gestorben sey, entsann er sich. Aller übriger Zusammenhang dämmerte vor den Augen seines Geistes.

Was ihm hier zu thun obliege, dünkte ihm gar nicht zweifelhaft. Zwar dauerte ihn ein Paar Minuten lang die junge, heitere, gewiß schuldlose Frau; doch ein Gedanke an seinen Freund, an sein eigenes Versprechen, und an die Abscheulichkeit jenes Mordes erstickte alles Mitleid. Schon wollte er jenen nichtswürdigen Heuchler (denn dafür hielt er ihn) ein Paar Mahl durch die Frage: Ob er nie in N–g gewesen sey? ängstigen. Aus Besorgniß: es könne doch eine noch zu frühe Warnung abgeben, hielt er sie wieder zurück. Gleich nach der Tafel zog er den Hausherrn in ein anderes Gemach, und entdeckte ihm Alles. Dieser staunte, glaubte nicht, widersprach. Siebalds Überzeugung wankte keineswegs. Den gutgemeinten Rath: selbst dann zu schweigen, wenn seine Vermuthung gegründet seyn sollte, verwarf er als gewissenswidrig. Daß der Fremde wenigstens in dem Hause, wo er sich befand, verschont bleibe, – war Alles, was er einging. Ohne Rückkehr zur Gesellschaft eilte er nach der Stadt; suchte den Bürgermeister auf, der dieß Jahr die Regierung hatte, und verlangte einen Verhaftsbefehl gegen den Verbrecher.

Auch Dieser stutzte bey der Erzählung: Auch Dieser widerrieth es dem jungen feurigen Mann, sich in einen Handel zu mischen, wo kein Vortheil auf einer, mancher Verdruß auf der andern Seite seiner warten dürfte. »Er könne ja, meinte der Consul, dem Rathe zu N–g und seinem Freunde melden, was er entdeckt; könne es ihnen überlassen, die Sache zu verfolgen. Wo Inculpat sein Domicilium und sedem fixam habe, wisse man nun. Ihn hier zu verhaften, sey um so bedenklicher, als er schon seit mehrern Jahren französischer Unterthan geworden wäre.« – Siebald blieb bey seinem Kopfe. »Daß man hier des Verbrechers habhaft werden könne,« sagte er, »sey gewiß; ungewiß, ob er es nicht im Verfolg merken und entfliehen dürfte. In Elsaß verhaftet, werde er nach dortigen Gesetzen gerichtet, und der Unkosten dabey vielleicht so viele gemacht werden, daß von dem gestohlenen Gelde den Erben wenig oder nichts verbleibe. Aber auf fremdem Boden ergriffen, könne er nach N–g ausgeliefert, und da gestraft werden, wo er sündigte. Für alle hiesige Unkosten sey er (Siebald) Bürge. Allen Verdruß nehme er über sich. Selbst auf der Verhaftung bestehe er nur dann, wenn der angebliche Lehmann bey erster ernstlicher Anrede sich selbst verrathe, oder verdächtig mache.« – Auf diese Bedingung erhielt eine gerichtliche Wache Befehl, Siebalden von Weitem zu folgen, und zu thun, was er ihr heissen werde. Mit einem seiner Freunde, nach welchem er geschickt hatte, traf er gehörige Abrede; dann eilten sie nach dem Gasthof und erwarteten R., der bald darauf von jenem Landhause zurückkam. Unter dem Vorwand, daß jemand nach ihm gefragt, ward er ins Billardzimmer gerufen. Gleich beym Eintritt in dasselbe kam ihm Siebald mit den Worten entgegen: »Aber warum, Herr R. verläugnen Sie Ihren wahren Nahmen?« Überrascht und erschrocken bebte er zusammen. Indem er versuchen wollte zu antworten, klopfte ihn von hinten zu Siebalds Freund mit der schrecklichen Frage auf die Achsel: »Und wie konntest du wagen noch in Deutschland zu erscheinen, nach jener gräßlichen That, die du zu N–g verübtest?« – »Ich bin verrathen! Gott!« rief R. und sank bewußtlos zu Boden. Als er wieder zu sich kam, befand er sich schon in den Händen der Gerichte. Daß er Derjenige sey, den Siebald genannt habe; daß der Nahme Lehmann ein erdichteter sey; daß er eines Mordes halber die Flucht ergriffen habe; Alles das gestand er noch diesen Abend. – Der Jammer seiner jungen Frau, die Anfangs nicht begriff, was Dieß bedeute, dann nicht glauben wollte, was man ihr sagte; endlich, als sie es glauben mußte, die bittersten Vorwürfe nicht ihm, sondern sich selbst zuerst machte, übersteigt jede Beschreibung.

Gerichtliche Anzeigen von dieser Verhaftung und dem Geständniß des Verhafteten ergingen sofort nach N–g und nach Elsaß. Das Erstaunen hier und dort war gleich groß; von beyden Seiten verlangte man seine Auslieferung; von N–gischer Seite im Ernste, von Elsassischer wenigstens zum Scheine; denn das erste, ältere Recht jener Regierung auf den Verbrecher war wohl unläugbar. Bald wich daher auch dieser Widerspruch. R. wurde in Ketten und Banden nach seiner Vaterstadt abgeführt. – In einem Stücke hatte man doch bey diesem Verfahren merklich gefehlt! Hätte man R. gleich bey seiner Verhaftung genau verhört, über alle Umstände seiner That pünctlich befragt, haarklein würde er damahls Alles gestanden und Alles noch Unbekannte selbst angezeigt haben. Doch jenes Verhör war nur ein sogenanntes vorläufiges gewesen. Sobald er gestanden, daß er R. heiße, aus N–g gebürtig, wegen Ermordung jener Witwe flüchtig, und Entwender von einem ansehnlichen Theil ihres Vermögens sey; so bald hatte man abgebrochen; hatte geglaubt, man wisse nun genug; das Weitere werde man schon zeitlich genug zu N–g selbst ihm abfragen. Einige Wochen waren seitdem mit Schreibereyen hin und her nun zugebracht worden. In seinem einsamen Kerker hatte R. Zeit gehabt, von seiner ersten Bestürzung sich zu sammeln. Daß ein schmählicher Tod seiner warte, mochte er voraussehen. Die Liebe zum Leben erwachte; mit ihr die Hoffnung, sich doch wohl noch retten zu können. Er überdachte vielfach und sorgfältig Alles, was und wie er es gestanden habe, und sah doch noch eine Möglichkeit, wenigstens die größte Hälfte seines Verbrechens von sich abzuwälzen. Gleich beym ersten Verhöre in N–g läugnete er mit dreister Stirne den Mord. Die Gerichte stutzten. Sein Mährchen klang folgender Maßen.

»Er läugne nicht, was er auch zu Coblenz schon gestanden, daß er wegen Ermordung seiner Braut sich geflüchtet habe; aber man thue ihm gewaltig Unrecht, wenn man glaube: er selbst hätte diesen Frevel begangen. Er sey an jenem Nachmittage allerdings von der Witwe zum Besuch eingeladen worden, sey hingegangen, habe sie allein zu finden vermuthet. Um so mehr sey er erschrocken, als er nicht nur ihre Zimmerthür offen, sondern auch sie selbst auf den Boden hingestreckt, in ihrem Blute schwimmend getroffen habe. Indem er sofort zu ihr hingeeilt, habe er noch einiges Leben in ihr verspürt, habe sie aufzurichten versucht; habe ihr zugerufen: Wer Dieses gethan? – Wirklich hätte sie noch ein Mahl die Augen aufgeschlagen; mühsam die Worte: Räuber! Mörder! drey zugleich! herausgestoßen; aber auch gleich darauf ihren Geist ausgehaucht. Jetzt erst habe er seine Blicke im Zimmer rund herum gekehrt, und gesehen, daß auch ein Schrank aufgesprengt worden sey. Angstvoll habe er zu den Nachbarn eilen, und sie um Hülfe, um Nachforschung der Räuber, die hier so gräßlich gewirthschaftet, anrufen wollen; doch schon auf der Treppe habe ihn pfeilschnell der Gedanke ergriffen: Gott, wenn du selbst für ihren Mörder gältest! Ein Blick auf sich selbst habe diese Besorgniß verstärkt. Hier und da sey sein Gewand mit Blut befleckt gewesen. Sehr natürlich bey der Mühe, die er zu ihrer Aufhelfung verwandt; und doch sehr verdächtig dem ersten Anschein nach! – Eine unbeschreibliche Angst habe ihn ins Zimmer gleichsam zurückgestoßen. Daß es einen schweren Handel für ihn selbst veranlassen könne, sey ihm mit jeder Secunde augenscheinlicher geworden. Keinen Zeugen seiner Unschuld hätte er gehabt; für das beste, vielleicht einzige Mittel der Rettung habe er eine augenblickliche Flucht gehalten. Daß ihn diese noch verdächtiger machen werde, sey ihm zwar auch eingefallen, doch habe er es noch für möglich gehalten, aus einem fernen sichern Orte seine Vertheidigung einzusenden. Schon im Begriff von dannen zu gehen, habe er auf jenen aufgesprengten Schrank noch ein Mahl sein Auge geworfen, und nicht gezweifelt, daß solcher geplündert seyn werde; da er aber gewußt, daß in einem verborgenen Fache desselben die Witwe ihren heimlichen Schatz, wie sie ihn selbst genannt, zu verwahren pflege, habe ihn rasch noch die unselige Neugier angewandelt, nachzusehen: ob auch dieses Fach von den Räubern entdeckt worden wäre? Er habe gefunden: nein! habe den Geldbeutel aus solchem zu sich gesteckt, unwissend, ob er mit Gold oder Silber gefüllt sey. – Sträflich scheine allerdings dieser Schritt. Aber in seiner Lage, genöthiget von Haus und Hof zu fliehen; gerade in seiner Casse kaum hundert Gulden reich; beraubt einer so schönen Hoffnung; ungewiß, wohin er fliehen und sich verbergen solle, – sey er auch hier vielleicht kein eigentlicher Räuber zu nennen. Wie er nach Hause, aufs Pferd, und aus der Stadt hinausgekommen – dieß Alles schwebe nur noch wie ein Traum ihm vor. Denn überhaupt erst drey oder vier Meilen von N–g wäre er wieder seiner Besinnungskraft völlig mächtig geworden: habe nun erst eingesehen, wie sehr er in Allem gegen sich selbst gehandelt und doch auch jede Rückkehr nun für unmöglich gehalten. Die Steckbriefe in allen öffentlichen Blättern, die gräßliche Schilderung, die er von seinem angeblichen Morde in zwanzig Zeitungen gelesen, das Unvermögen sich gebührend zu rechtfertigen, – Dieß habe ihn endlich zu dem Entschlusse gedrängt, den Nahmen zu behalten, den er angenommen, und seinen vorigen einer unverdienten Schmach zu überlassen.«

Ein Geschichtchen dieser Art war freylich nicht vermögend, die Gerichte zu täuschen; auch behandelten sie es Anfangs bloß mit Verachtung; hofften den Erzähler desselben bald in weitern Verhöre durch Fragen und Einwürfe zu verstricken. Sie irrten. R. hatte, was er gesagt, volkommen durchdacht: er widersprach sich nie; schweifte im drey-vierfachen Verhör nie über die sich selbst gesteckten Grenzen; gestand selbst die Unwahrscheinlichkeit seines Vorgebens, und beharrte doch fest auf seiner Wahrheit; berief sich auf nichts, als sein eigenes Gewissen, und (zuweilen nur) auf die Schuldlosigkeit seines ganzen Lebens, vor der Flucht sowohl als auch im Hause seines Schwiegervaters. Dieses Letztere war Wahrheit, aber kein Beweis gegen die That, und für seine Entschuldigung. Ein anderer Umstand schien es wenigstens einiger Maßen zu seyn. R's Haus zu H** war, sobald man seine Verhaftung zu Coblenz erfuhr, gerichtlich durchsucht, sein Vermögen in Beschlag genommen, seine Papiere versiegelt worden; noch einiges bare Geld hatte man gefunden, aber von den Juwelen der Witwe kein Steinchen, von ihren Documenten kein Blättchen. Als man R. deshalb befragte, spielte er den ganz Unwissenden, sogar den Erstaunten. – »Er wisse, sagte er, weder von Schmuck noch von Documenten etwas. Es sey Dieß ein Beweis mehr, daß ganz andere Räuber als er bey der Witwe eingebrochen seyn müßten. Nach seinem Tode vielleicht werde man die wahrhaften Verbrecher entdecken; er, und wenn er heute sterben solle, könne bloß mit seiner Unschuld sich trösten.« – Alles Zureden, mild und scharf, blieb fruchtlos. Die Acten wurden verschickt. Der Ausspruch der Facultät war, wie man voraussehen konnte: peinliche Frage, da Inquisit sich so höchlich gravirt befindet! – R. bebte allerdings, als er zuerst in die Folterkammer gebracht wurde; aber die Folter selbst stand er mit aller nur möglichen, man kann wohl sagen, mehr als männlichen Standhaftigkeit aus. Zwey Mahl ward er gemartert, zwey Mahl blieb er auf seiner ersten Aussage.

Welche mannigfache, sich widersprechende Empfindungen und Äußerungen eine Geschichte, wie diese war, in N–g erzeugen mußte, läßt sich leicht ermessen. Alle hatten sich Anfangs gewundert, als man die Verhaftung des fast vergessenen R's erfuhr; Alle verabscheuten gleichsam von Neuem seine ehemahls begangene That; Aller Unwillen stieg noch, als R. mit so dreister Unwahrheit – denn daß seine Ausflucht Unwahrheit sey, zweifelte Niemand! – die Gerechtigkeit zu täuschen suchte. Aber schon spalteten sich die Stimmen, als man hörte, daß er gefoltert werden solle; spalteten sich noch mehr, als man vernahm, mit welcher Entschlossenheit er dieser Folter trotze. Gegen den Gequälten wird, selbst wenn wir ihn für schuldig halten, so leicht unser Mitleid rege; und geht noch leichter zur Bewunderung über, wenn wir hören, daß sein heroischer Muth selbst in den Qualen sich nicht beugt! – Bald erblickten nun Einige in R. einen Menschen, dem – doch vielleicht Unrecht geschähe; bald sahen noch Mehrere in ihm einen Unglücklichen, der für ein raschbegangenes Laster nun schon genug abgebüßt habe; und nur einige Wenige betrachteten seine Festigkeit selbst als – einen Trotz, der sein Verbrechen vergrößere.

Zu dieser letztern Zahl gehörten sehr natürlich die Erben der Ermordeten. Jene anfängliche Hoffnung, ihr Geraubtes wieder zu erhalten, schwand alltäglich mehr und mehr zusammen. Schon weit – weit über Jahr und Tag, saß der Verhaftete. Das bey ihm gefundene Geld fraßen die Gerichtskosten; zu Mehrerem bekannte er sich nicht. Daß er höchstens noch ein Mahl gefoltert und wenn er Dieß überstehe, zu zehnjähriger Zuchthausstrafe verurtheilt werden dürfe, war allgemeiner Glaube. – Dieß tröstete freylich jene Beraubten sehr schlecht. Schon wußten sie Siebalden für seine Entdeckung wenig Dank. Ein unerwarteter Umstand änderte wieder Alles. Noch ein Mahl ward ein Mann, den R. in seinem ganzen Leben mit keinem Worte beleidigt, mit keinem Blicke gekränkt, durch jene That um keinen Heller verkürzt, und bisher kaum dem Nahmen nach gekannt hatte, für den Unglücklichen gefährlicher als alle Verwandte der Witwe, und alle mögliche Gerichte.

In N**g lebte damahls ein Rechtsgelehrter, D. Falk mit Nahmen, ein Mensch von derjenigen Classe, deren Element – Unruhe ist. Je verwickelter eine Sache war, um desto lieber übernahm er sie; von jedem Geschäfte, welches er ein Mahl unternommen, ging er nicht leicht, bevor er es durchgesetzt hatte, wieder ab; auch war sein Weg dabey selten der gewöhnliche. In Gesellschaften war er munter, doch stritt er gern; war oft in seinen Behauptungen rasch und dreist, und nahm sie doch nie zurück. Mit dem Vater des unglücklichen R. war er ziemlich gut bekannt gewesen; um den Handel des Sohnes hatte er sich wenig oder nichts bekümmert. Eben weil man überall soviel darüber sprach, hielt er es keines Wortes werth. Erst jetzt, als er an einer großen Tafel mit dem Stadtrichter von N–g zusammen kam, als Dieser viel von der unsäglichen Mühe sprach, welche ihm R. schon gemacht habe, und von der völligen Unmöglichkeit, diesen verschmitzten Sünder zum Geständniß zu bringen, da übereilte D. Falken seine gewöhnliche Hitze, und er behauptete: »Noch halte er diesen Inquisiten für keinen verschmitzten Bösewicht, sondern nur für einen etwas standhaften jungen Mann; und sonderbar müsse es zugehen, daß man einen solchen nicht, auch ohne Tortur, zur Beichte bringen sollte, wenn man anders nur seine Sache gescheidt anzufangen wisse.« Den Herrn Stadtrichter verdroß diese Behauptung, und mehr noch die angefügte Beschränkung. Er redete in seiner Antwort mancherley von Menschen, die Alles könnten, Alles nur mit dem Munde möglich fänden; und forderte zuletzt den Doctor geradezu auf, seine bessere Einsicht zu beweisen, mit dem Versprechen, daß ein hochweiser Rath ihm allen nur möglichen Vorschub leisten werde. Falk, der sich beym Worte gehalten sah, schlug ein; nur auf vierzehn Tage oder drey Wochen bedingte er sich eine scheinbare Ruhe, um indeß seine Anstalten zu treffen.

Noch diesen Abend schrieb Falk nach H*, jenem Örtchen, wo R. fünf Jahre so versteckt zugebracht hatte, und erkundigte sich bey mehrern Personen zugleich: ob man während dieses Aufenthalts gar keine Lieblingsneigung an dem Jetztverhafteten wahrgenommen habe? Die einstimmige Antwort war: »Keine! Immer habe er sich hier als der stillste, ordentlichste, vorwurffreyeste Mensch bewiesen; daß er zuweilen mit einigen Bekannten ein Glas Rheinwein gern getrunken habe, könne man keine Lieblingsneigung nennen. Berauscht habe man ihn nie gesehen.« – Falk wußte nun genug. Schon vorher hatte er um Erlaubniß gebethen, mit dem Gefangenen ein Paar Mahl, wiewohl noch stets in des Kerkermeisters Gegenwart, sprechen zu dürfen. Einige Umstände, die väterliche Handlung betreffend, waren zum Vorwand genommen worden. Willig hatte R. auf diese Fragen Bescheid ertheilt, D. Falk hingegen ihm Mitleid mit seinem Zustand bezeigt, und es sogar auf eine freundliche Art bedauert, daß er nicht zum Vertheidiger erwählt worden sey. So waren sie wieder von einander geschieden, und der Unglückliche hatte jetzt, – nach fast zwey Jahren zum ersten Mahle! – wieder eine Sprache gehört, die ihm fremd geworden war; die Sprache der Bedaurung! Sie that ihm wohl; doch hätte er Menschenkenntniß genug gehabt, ihr jetzt noch nicht zu trauen! – In einigen Tagen kam Falk wieder und leistete R. einen wirklichen Dienst. Er hatte es ihm ausgewirkt, in einem bessern Gemache, als sein bisheriges feuchtes war, aufbehalten zu werden. Unter der Erde hatte R. nun schon bis in den zwanzigsten Monath geschmachtet; sein jetziges Gemach war gleich neben den Zimmern des Kerkermeisters selbst, und hatte Tageslicht, obschon durch dicht vergitterte Fenster. R. dankte seinem Wohlthäter von ganzer Seele. Als ihn Derselbe beym Weggehen fragte: Ob er vielleicht nach irgend einer Erquickung sehr verlange? als er im Voraus versprach, ihm solche, wo immer möglich, zu verschaffen, da stockte R. ein wenig, und gestand dann: »Wenn er, auf seinem Stroh hingestreckt, oft seines Jammers kein Ende sehe, habe er zuweilen gewünscht, nur mit einigen Tropfen des geringsten Weines sich Stärkung zu verschaffen.« – »Sie sollen dessen eine Flasche, und nicht vom Geringsten haben!« fiel ihm Falk in die Rede. »Doch muß ich ihnen solchen selbst überbringen; und Das kann erst in drey oder vier Tagen geschehen, denn auf so lange verreise ich heute noch.« Nicht ohne Ursache nahm er diesen Aufschub. Er wollte durch übereilte Gefälligkeit R's Verdacht nicht erwecken; er wollte ihm auch Zeit gönnen, sich wieder an sein besseres Gemach zu gewöhnen.

Mit Anbruch des vierten Abends kam Falk, in jeder Tasche seines Überrocks eine Flasche des trefflichsten Rheinweins; auch ein Paar Speisen, nicht lecker, doch wohlschmeckend zugerichtet, wurden ihm nachgebracht. Ein Trinkgeld, dem Kerkermeister in die Hand gedrückt, – oder vielmehr der heimliche Befehl, den er deßfalls schon von der Obrigkeit hatte! – entfernten auch diesen lästigen Zeugen; und Falk lud den Gefangenen ein, mit ihm zu essen und zu trinken. Man muß die Leiden des Kerkers entweder aus Erfahrung kennen, oder wenigstens ihrer Schwere gemäß zu schätzen wissen, um sich genügsam vorzustellen, welches Labsal der unglückliche R. in dieser Behandlung fand; mit welchem unsäglichen Wohlgeschmack zumahl ein Trank, den er so lange entbehren mußte, seine Kehle hinunter glitt. Nicht berauscht, aber gleichsam mit neuem Leben erfreut, mit neuen Kräften ausgerüstet, vergaß er auf eine halbe Stunde ganz, daß er in Ketten sey; genoß nur des gegenwärtigen Augenblicks, und sah in dem Mann, der ihm denselben verschaffte, der, um ihm wohlzuthun, keine andere Veranlassung als Mitleid und Menschlichkeit hatte, ein Wesen, dem er kaum seinen Dank zu stammeln vermochte. Zutrauen gegen einen solchen Menschen war unumgängliche Folge dieses Danks. Überdieß erstickte alles Mißtrauen, das sonst doch wohl noch sich gerührt haben möchte, der genossene Wein, und die Sorgfalt, mit welcher Falk durchaus von R's gerichtlicher Lage zu sprechen vermied. Einige Mahl hatte R. selbst davon angefangen; ganz kurz brach Falk das erste Mahl ab; warnte ihn das zweite Mahl durch ein paar französische Worte vor dem Zuhorchen des Kerkermeisters, und gab vor, nur unter der ausdrücklichen Zusage: hierüber gar nicht mit ihm zu sprechen, und noch minder ihm etwas anzurathen, die Erlaubniß des Gesprächs mit ihm erhalten zu haben. Erst, als R. zum dritten Mahl wieder anhub, als er Trotz der jetzigen frohen Minute, und Trotz des Weines, doch wieder auf die Zukunft zu denken begann, und seinen Wohlthäter beschwur, ihm zu sagen: was wohl noch seiner warten dürfte! da schien D. Falk endlich einem unterdrückten Gefühle halb unwillkürlich Luft zu machen. Indem er aus der schon abnehmenden Flasche noch ein Glas ihm einschenkte und hinreichte, sprach er: »Unglücklicher, warum willst du mit Gewalt wissen, was ich so gern dir verschwiege? daß du heute vielleicht nur Stärke zu neuen Leiden sammelst! daß allerdings wieder ein Bescheid da ist; und daß er dir noch eine Folterung, so hart, wo nicht härter, als die vorigen, zuerkennt!«

R. bebte sichtlich, und faßte doch sogleich sich wieder. »Noch eine Folter? rief er: und wenn meine Unschuld auch diese übersteht?« – »Ja, junger Mann, wenn du unschuldig bist, dann beklage ich dich wirklich! Denn auch nach Überstehung aller Martern bleibt ewiges Gefängniß dein Loos. Und zwar nicht ein Gefängniß, wie dieses; nicht eines, wo ich weiter dein Leiden lindern kann!« –»Nicht? Nicht? Selbst dieses Gemach hier –« – »Erbath ich dir nur bis zu einem neuen Verhöre. Bloß unter einer einzigen Bedingung behieltest du es für die übrige Zeit deines Lebens!« – »Also doch unter einer! und diese wäre? Sie schweigen? Sie zucken mit den Achseln? Ha! ich verstehe – verstehe Alles, was Sie aus schonender Milde mir nicht sagen, und auch nicht rathen wollen!« – R. schwieg jetzt einige Minuten hindurch. Daß in seinem Innersten mancherley sich durchkreuze und emporarbeite, sah man an seinen Gesichtszügen. Dennoch verriethen diese keineswegs Wuth oder Verzweiflung, nur ein unstätes Nachsinnen, das jetzt erwählte, jetzt zweifelte, jetzt wieder zurücknahm. – »Wohlan, rief er endlich, mein Entschluß ist gefaßt. Nicht, als ob ich die Folter, die ich schon zwey Mahl ertrug, nicht auch beym dritten Mahl für übersteiglich hielte; und noch weniger, als ob der Wein mich berauscht hätte! Aber diese Wohlthat, womit Sie mich heute erquickt, diese herablassende Güte, womit Sie schon drey Mahl mich behandelt haben, – im Gegensatz jenes ewige Gefängniß, was mich bedroht – lieber Herr Doctor, wenn ich wenigstens bis zu meinem Ende dieses Zimmer, das Licht des Tages und den Anblick menschlichen Mitgefühls behalten darf, so – so gesteh' ich Alles!«

»Junger Mann, bedenken Sie wohl, wozu Sie sich erbiethen? Bedenken Sie auch, daß Sie über sich selbst das Urtheil eines wahrscheinlichen Todes fällen würden.«

»O nein! eines gewissen Todes sogar! Das habe ich schon längst überdacht, als ich so hartnäckig Alles läugnete. Immer noch glimmte damahls die Hoffnung in mir, doch einst wieder zu Weib und Kindern durchzudringen. Der Härte hätte ich getrotzt bis zum letzten Lebenshauch. Doch jetzt – wenn Sie mir versprechen, daß ich dieses Gemach die wenigen übrigen Wochen hindurch behalte; daß ich verschont mit fernern Qualen bleibe, und daß Ihr Zuspruch mich zu trösten fortführt; so will ich Alles bekennen; will, wenn Sie Dinte und Papier in der Reihe haben, es Ihnen sogleich in die Feder sagen. Ihnen lieber als meinen Richtern! denn gegen Sie hat meine Seele auch nicht den kleinsten verborgenen Winkel.«

Falk ließ nicht länger sich bitten, und ging, um ein Schreibezeug zu hohlen, ins Nebenzimmer. Schon war hier Alles vorbereitet; bald kam er wieder. Mit pünctlichster Redlichkeit bekannte nun R. seine That. Alles, was wir schon wissen, zeigte er an; außer diesem auch noch den Ort, wo er im Keller seines Hauses eigenhändig den Schmuck der Witwe, ihren sogenannten Nothpfennig, und in einem besondern Kästchen alle entwendeten Documente verborgen habe. »Erstern zu verkaufen, sagte er, habe ihn stets noch die Furcht, und die ihm nutzlosen Papiere zu vernichten, ein Überrest von Gewissenhaftigkeit abgehalten.« – Vollendet war jetzt seine Beichte; aber der schlaue D. Falk, wohlwissend, wie ungesetzlich Alles sey, was er bisher gethan, erinnerte ihn nun auch: »daß zur Bekräftigung seiner Aussage die eigene Unterschrift und das Zeugniß zweyer unverwerflichen Zeugen nöthig sey. Schon habe er deren ein Paar ins Nebenzimmer beschieden. Alles bisherige hätten sie mit angehört. Nunmehr wollte er sie herbeyrufen!« – Zum ersten Mahl stutzte jetzt R. ein wenig; schien zu merken, daß eine Falle ihm bereitet worden sey, war gleich darauf doch Alles zufrieden. Jene Beyde traten hinein. Er und sie unterschrieben. Daß D. Falk diese wichtige Urkunde mit sich nahm, bedarf nicht erst einer Erwähnung.

Ob R. am andern Morgen nicht in Geheim den Schritt, den er gethan, bereute, weiß man nicht. Wenigstens, als man vor Gericht ihn führte, und jenes unterzeichnete Papier ihm vorlegte, bestätigte er mit anscheinendem Gleichmuth Alles. Auch gegen oder über den Mann, der sein Geständniß ihm abgelockt hatte, führte er nie eine Klage. Das einzige Zeichen, wodurch er doch einen gewissen innern Mißmuth verrieth, war, daß er nie wieder von dem Weine trank, den Falk noch zwey Mahl ihm schickte; und kaum ein Paar Worte mit ihm sprach, als er noch ein Mahl ihn besuchte. Man hielt ihm von Seiten der Gerichte pünctlich, was jener ihm versprochen hatte. Auch einigen seiner ehemahligen Freunde gestattete man den Zutritt zu ihm. Oft versicherte er ihnen, im ganzen Leben keiner wissentlich schlechten That außer jener Einzigen sich bewußt zu seyn. Seine Angabe von Vergrabung der übrigen Habseligkeiten ward richtig befunden. Wenigstens der größere Theil davon kam in die Hände der rechtmäßigen Erben. Der Unglückliche selbst erlitt vier Monathe nach seinem Geständnisse die Strafe des Rades von oben herab.

* * *

Es ist mir unmöglich, diese Geschichte zu schließen, ohne noch ein Paar Bemerkungen ihr beyzufügen. Vielleicht zwar, daß manche meiner Leser sie bereits im Vergleich der Übrigen etwas lang fanden. Aber wenigstens habe ich sie nicht absichtlich verlängert. Aus einem handschriftlichen Aufsatz, von guter Quelle mir mitgetheilt, oft mit wörtlicherm Extract der Acten begleitet, habe ich sie gezogen. Noch manchen kleinen Zug hätte ich zwar vielleicht weglassen, manche Begebenheit in ihr stärker zusammen drängen können; aber dann besorgte ich auch jenen Stämpel zu verwischen, welcher der Wahrheit immer vor der bloßen Erdichtung einen merklichen Vorzug ertheilt, und den ich gerade hier hauptsächlich zu schonen wünschte.

R. scheint mir ein merkwürdiges Beyspiel zu seyn, wie unsäglich schnell der Weg des Lasters bergabwärts geht; oder vielmehr: welche, in hohem Grade böse That selbst Derjenige begehen, – wissentlich begehen kann, der immer noch nichts weniger als ein eigentlicher Bösewicht ist. – Ein Freund, dem ich diese Erzählung in der Handschrift wies, schalt den Geiz als den Urquell von R's Verderben. Mich däucht: selbst dieses Wort ist noch zu hart. Nur Furcht vor Armuth, nur der Anfangs sehr verzeihliche Wunsch, nicht tiefer herabzusteigen, als er jetzt stehe, war der Grund seines Unglücks. Man nehme den einzigen Umstand weg: daß R. sich nicht für den Sohn eines wohlhabenden Mannes hielt; und man hat wahrscheinlich auch seine nachherige grausende That mit allen Zwischen-Veranlassungen weggenommen. Er, der selbst bey jenem (sonst den Jüngling verzärtelnden) Wahne zum thätigen, geschickten, ordnungsvollen, jungen Mann sich ausgebildet hatte; – er würde gewiß alles Dieß nicht nur geworden, sondern auch auf rechtem Wege geblieben seyn, hätte er früher gewußt: daß sein eigener Fleiß sein ganzer Reichthum sey. Nur jene zertrümmerte Hoffnung – an deren Zertrümmerung er nicht Schuld war! – nur Furcht vor Dürftigkeit und Verschlimmerung drängten ihn zur Wahl jenes Hülfsmittels; zu einer ungleichen Heirath, die, thörigt an sich selbst, seiner Unerfahrenheit doch verzeihlich war. Seine Scham hierüber, als er die Mißbilligung seiner Mitbürger spürte, – der Unwillen, als er bey der Ehestiftung sich für betrogen ansah, – seine Abneigung, bessere Bedingungen zu erschmeicheln, – sein inneres Widerstreben bey Annäherung eines zwangvollen Looses, – sein Entschluß, lieber auf gutes Glück in die weite Welt zu gehen, als daheim sich verspotten zu lassen – alles Dieß sind Züge, die mehr für als wider ihn sprechen. Selbst der Wunsch, den letztern, allerdings gewagten Schritt nicht ohne den Rückenhalt einer gefüllten Börse zu thun, verräth nicht Geiz, sondern wieder nur Furcht vor unausbleiblichem Mangel, und ist an sich selbst nicht tadelnswerth. Man lasse ihn glücklicher in Eintreibung seiner Schulden seyn, und wer (wenn man ein Paar halbgetäuschte Gläubiger ausnimmt) verzeiht nicht dem jungen, vor einem ehelichen Joche sich fürchtenden Manne sein Entweichen und seine Vorsicht bey demselben? An Gewaltthätigkeit, an eigentlichen Betrug gedachte er damahls gewiß noch nicht. Sicherer wäre ja dann für ihn die Ehelichung der Witwe gewesen; sich ihrer wieder zu entledigen, und doch ihr Vermögen zu behalten, wäre ihm wahrscheinlich um ein gutes Theil leichter geworden. Nur die unselige Gelegenheit, die sich ihm darboth, nur die Verzweiflung auf der andern Seite, manche Bemühung fruchtlos angewandt zu haben, rissen ihn hin. Von der That nun kein Wort weiter! Sie spricht von sich selbst.

»Aber die Vorsicht, mit welcher er nicht nur entflieht, sondern auch auf der Flucht selbst sich beträgt, spricht diese nicht von einem nun vollendeten Bösewicht?« Auf den ersten Anschein allerdings fast mehr noch, als jene blutige That selbst! Aber man vergesse nicht: daß R. auf diese Entweichung, auf die Mittel seinen Nahmen zu verbergen, auf die Art und Weise, wie er auswärts sich betragen solle, schon vorher, ehe noch ein Gedanke des Mordes in seine Seele gekommen, in ganz anderer Rücksicht vorbereitet war. Sehr viel half ihm Dieß wahrscheinlich im Verfolg! Und auch dann – kaum stößt ihm hier eine Schwierigkeit auf; oder vielmehr, kaum machte er sich selbst eine, so bricht er sogleich von seinem Wege ab, und verbirgt sich. Eine Furcht, die den eigentlichen Bösewicht nicht charakterisirt! – Eben so wenig scheint mir die Unbescholtenheit, die er nun ganzer fünf Jahre in seinem moralischen Betragen behauptete, bloße Verstellung gewesen zu seyn. Zu anhaltend ist ein solcher Zeitraum; zu leicht lernt man gerade an kleinen Orten, in den nothwendig engern Zirkeln der Gesellschaft, genau sich kennen; zu vielfach sind die Pflichten, die R. erst als Untergebener, dann als Gatte, Bürger und Handelsmann zu erfüllen hatte, als daß der bloße Heuchler sich nicht wenigstens hier und da verrathen haben sollte. Ja, noch mehr, selbst seltsam dünkt mich eine solche moralische Besserung, der Form nach, nicht. Nur auf das Erstgesagte darf man zurück gehen, und sie erklärt sich von selbst! – R. sah sich nun vor Mangel gedeckt; sah sich geschätzt im Kreis, worin er lebte. Mehr verlangte er nicht! Jetzt war er daher ganz Derjenige wieder, der er immer gewesen seyn würde, hätte er nicht nach väterlichem Tode sich so unerwartet in ein Labyrinth verwickelt gesehen; oder hätte jener freundschaftliche Rath, den er späterhin nur halb und mißgedeutet befolgte, ihn früher unterstützt. Ob die Liebe zum Leben, und die Sehnsucht nach Weib und Kindern, sein nachmahliges Läugnen entschuldigt; ob man gegen den Gefolterten mehr Mitleid, seiner Standhaftigkeit halber, oder mehr Mißbilligung, seiner allerdings hartnäckigen Erdichtung wegen, zu äußern hat, – wage ich nicht zu entscheiden: und möchte ungern hierin dem Gefühl meiner Leser vorgreifen.

Aber sehr müßte ich mich irren: oder der größte Theil derselben hat mit Mißfallen sein Auge von Falks Verfahren abgewandt; hat es unedel, tückisch, – grausam sogar gefunden, daß er einem Unglücklichen dasjenige Geheimniß, das er schon zwey Mahl, selbst aus der Marterkammer, unverrathen zurückbrachte, durch anscheinende Güte dennoch zu entwinden wußte. – Zwar, da jede Sache in der Welt ihre zweyfache Seite hat, so wüßte ich, wenn Falk jetzt aufträte und fragte: »Was habe ich aber, genau betrachtet, anders gethan, als die Gerechtigkeit unterstützt? Was habe ich anders bezweckt, als – die Wahrheit ans Licht zu bringen? War R. etwa kein Verbrecher, der durch Raub und Mord, nach unsern Gesetzen, das Leben längst verwirkt hatte? Verschaffte ich nicht rechtmäßigen Erben auf diesem Weg eine ansehnliche, sonst für sie ganz verlorne Summe wieder? – Wenn er so fragte, so wüßte ich wahrlich nicht, was strenge, förmliche Gerechtigkeit dagegen einwenden könnte. Aber daß er mein Herz nicht überzeugen würde; daß ich selbst der Mann nicht seyn wollte, der solche Verdienste sich erwirbt; daß ich ihn weder zum Bruder noch zum Freunde haben möchte; – Das weiß ich allerdings. Überhaupt schlägt hier eine wichtige Frage ein; eine der wichtigsten im ganzen Kriminal-Rechte! die Frage: Darf der Richter, es sey mittelbar oder unmittelbar, dem Beklagten und Verdächtigen sein Geständniß durch List entlocken? Ist Dieß nicht eben so schändlich, so unbeweisend, als Erpressung durch Gewalt?« – Sich hier über diesen Punct weitläuftig zu verbreiten, wäre ganz gegen Zeit und Ort. Schon haben über ihn Freunde der Menschheit und der Menschlichkeit viel geschrieben; schon hat die Gesetzgebung selbst, in einigen Staaten und in neuern Zeiten, darauf Obacht genommen. Aber noch ist sie in andern weit – weit zurück! Noch erlauben sich sehr oft einzelne Richter, was die Gesetze im Allgemeinen verbiethen; und noch sind überhaupt die Grenzen: wo löblicher Gerechtigkeits-Eifer aufhört, und unredliche List anfängt, nicht mit gehöriger Schärfe gezogen worden.

Endlich, dünkt mich, tritt auch noch eine Wahrheit mit großen Schriftzügen aus dieser Geschichte hervor; ist ebenfalls eine von jenen, die zwar schon oft gepredigt wurden, doch zu oft kaum wiederhohlt werden können. »Behandelt, Gerichte, eure Gefangene gütig! Oft werdet ihr durch Milde von ihnen erfahren, was Strenge und wohl gar Härte vergebens zu erforschen sich bestrebten!« – In mehrern ungarischen Comitats Gerichten waren sonst, wie mich glaubwürdige Zeugen versicherten, zwey Personen angestellt, die man (scherzweise, der Rolle halber, die sie spielten), den Teufel und den Engel zu nennen pflegte. Wenn Landstreicher, muthmaßliche Räuber, oder sonst verdächtige Menschen eingefangen und vor diese Gerichte gestellt wurden, so war jener so genannte Teufel der Erste, welcher sie in Empfang nahm. Mit rauhem Tone, mit Versicherung, daß er schon Alles wisse, mit Bedrohung harter Leibeszüchtigungen, wenn sie nicht sogleich Alles geständen, begann sein Verhör. Bekannten die Angeschuldigten ihr Vergehen wirklich, so bedurfte es freylich keiner andern Maßregeln. Ließen sie sich aber nicht schrecken, wurden sie entweder auf ein Weilchen abgeführt, oder ihr bisheriger Untersucher ward, unter irgend einem Vorwand, weggerufen; – kurz, es ward eine kleine Pause im Verhör gemacht, und der Engel kam nunmehr an die Reihe. Mit freundlichem, fast mitleidigen Tone hob dieser an; schalt selbst auf seinen Genossen, als auf einen harten, überstrengen Mann: versicherte, daß man gleichwohl billig und glimpflich mit ihnen umgehen werde, zumahl wenn sie freywillig geständen, was sich doch im Verfolg nicht abläugnen lasse; fragte nach: ob sie vielleicht hungrig oder durstig wären? versprach ihnen Befriedigung dieser Bedürfnisse, so bald das Verhör geendigt sey; kurz, ging mit ihnen auf eine Art um, die ganz den Gegensatz von jener Erstern machte; und – wenn auch nicht alle Mahl, doch wenigstens unendlich öfter als dem so genannten Teufel, gelang es diesem anscheinenden Engel des Lichts. Wenn Jener einen schreckte, so überredete Dieser wenigstens vier. Ob ein solches Verfahren noch dauert, weiß ich nicht. Wahrscheinlich ist es seit K. Josephs II. Zeiten ganz erloschen; auch bin ich weit davon entfernt, dasselbe anpreisungswürdig zu finden. Es war, aufs gelindeste gesprochen, immer eine Art von Überlistung, und Überlistung sollte von jedem Gerichte, in jeder Sache, noch so wichtig oder noch so geringe, auf ewig entfernt bleiben. Aber wie weit wirksamer Güte als Strenge sey, ergibt sich doch augenscheinlich hieraus; und welchen mächtigen Eindruck selbst eine kleine Milde auf versteckt scheinende Seelen machen könne, davon mag zum Beschluß folgende Anecdote zeugen.

Vor ungefähr siebzehn oder achtzehn Jahren wurden in Prag einige Juden gefoltert, die des Straßenraubes fast ganz überwiesen waren, aber aufs hartnäckigste ihn abläugneten. Selbst die Folter brachte sie nicht zur Sprache. Vorzüglich überstand solche ein schon ziemlich bejahrter Mann mit einer Gleichgültigkeit, die alle Anwesende in Verwunderung setzte. Unter diesen Anwesenden war auch, seiner Amtspflicht gemäß, so sehr sein Herz dabey litt, Graf K—gl, damahls K. K. Appellationsrath, jetzt Kreishauptmann in E. Die Folter war endlich vorüber; der Alte ward noch über einige Puncte befragt. Indem Dieß geschah, zog K–gl von ungefähr seine Schnupftobacksdose hervor, und das Auge des Juden richtete sich sogleich starr auf dieselbe. Der Graf bemerkte Dieses. »Schnupft Ihr vielleicht Toback, Alter«? – »Sonst wohl, und zwar sehr gern! Jetzt ist es mir schon lange nicht mehr so gut geworden, nur eine Prise zu bekommen.« »Hier habt Ihr eine!« und der Graf schüttete ihm einen Theil seines Tobacks auf die Hand. Der Greis schnupfte; eine Thräne trat ihm ins Auge; er schwieg ein Paar Minuten. »Gnädiger Herr, hob er endlich an, Sie sind brav; das sehe ich. Die Folter hätte ich überstanden. Aber da Sie so menschlich mit mir umgehen, so will ich nun auch ohne Folter Alles bekennen.« – Er that es wirklich. Sein Geständniß zog bald darauf das Geständniß der Übrigen nach sich.

Man erzählt von Lips Tullian, jenem berühmten sächsischen Straßenräuber, eine fast ähnliche Geschichte; ob mit Grunde, weiß ich nicht. Doch das die Gegenwärtige ihr nicht nachgemacht, und ungezweifelt wahr sey; dafür bürgt mir das Zeugniß aus Graf K—gls eigenem Munde.


Die Strafe des bösen Rathes.


Militärische Gerichtspflege übertrifft bekannter Maßen fast bey allen Völkern Europens die gewöhnliche bürgerliche Justiz weit an Schnelligkeit und Strenge. Oft gründet sich diese Letztere auf das Gesetz der Nothwendigkeit, noch öfter auf den Nutzen abschreckender Beyspiele. Diesen Nutzen zu bezweifeln wäre Thorheit. Aber daß eben derselbe, oder vielmehr der Vorwand desselben, schon in mancher Hand ein Schwert ward, das den Unschuldigen würgte, und den unwillkürlich oder unbeträchtlich Fehlenden mit barbarischer Härte bestrafte, – das wird wohl Keiner läugnen können, der nur ein wenig, zumahl in Kriegszeiten, um militärische Gerichte sich bekümmerte. Eine Sammlung von Beyspielen, wo diese Strenge ausartete, dürfte freylich auf allgemeinen Dank kaum, zumahl jetzt nicht, rechnen; aber verdienstlich und nützlich würde sie dennoch seyn. Hier ein kleiner Beytrag dazu! Das Schlachtopfer, dessen hier erwähnt wird, sah ich selbst in meiner Jugend zum Tode führen.

Als zu Ende des Jahrs 1761 die preußische Kriegsmacht ihre Winterquartiere, wie gewöhnlich, in Sachsen bezog, und sich, während derselben, durch neue Anwerbungen, so viel immer möglich, zu verstärken und zu ergänzen suchte, traf sie hier das gewöhnliche Schicksal aller derjenigen Heere, die nicht aus bloßen Landskindern und Freywilligen bestehen, die Unannehmlichkeit, viel Ausreisser zu haben. Mancherley Mittel, diesem Übel Grenzen zu setzen, wurden versucht; keines fruchtete hinlänglich. Endlich kam es dahin, daß alle Schildwachen, zumahl auf etwas entlegnen Posten, doppelt ausgestellt wurden; daß immer ein alter zuverlässiger Krieger neben einen jüngern Ausländer zu stehen kam; und daß im eigentlichsten Sinne des Worts diese Beyde nicht nur ihren Posten, sondern auch sich gegenseitig bewachten.

Einst saßen zu Löbau in der Oberlausiz einige preußische Soldaten im Bierhause beysammen, sprachen von dieser neuen Einrichtung, und meinten größten Theils: daß es nunmehr auf jeden Fall sehr schwer, wo nicht unmöglich geworden sey, durchzugehen. – »Possen! rief Einer von ihnen: wenn ich sonst Lust hätte, Reißaus zu nehmen, mein Wachtkamerade sollte mich doch nicht hindern.« – »Weil er vielleicht mitginge?« – »Nicht doch! da wüßte ich noch andern Rath!« »Und welchen?« – »Ich suchte weiter nichts, als ein einziges Mahl sein Gewehr in die Hand zu bekommen; und schüttete oder blies ihm dann das Pulver von der Pfanne.«– »Nun, und das nützte?« – »Unendlich viel! Ich liefe dann vor seinen Augen davon, sicher, daß er mir nicht nachschießen könnte!«

Man lachte über diesen Einfall, und sprach bald darauf von etwas Anderm. Aber ein junger Bursche, der mit an diesem Tische saß, erst seit zwey Monathen die Muskete trug, und gerade so lange sie auch gern – wieder los geworden wäre, lachte nicht viel mit, sondern dachte bey sich selbst: das Mittel will ich mir merken! Vier oder fünf Tage nachher kam er wirklich selbst auf einen etwas entlegenen Posten zu stehen; versuchte jenen Kunstgriff, und entkam. – Aber nicht allzu weit! Er war zwar richtig schon außer Gefahr; da er aber, einfältig genug, erst nach seiner Heimath zulief, um allda Abschied von seinem Mädchen zu nehmen, so fand ihn eine nachsetzende Patrouille und brachte ihn zurück. Beym Verhöre war eine der ersten Fragen: Wie er zu diesem Einfalle gekommen sey! Er hätte ihn dreist für seinen eigenen ausgeben können; aber er gestand Alles nur allzu aufrichtig.

Sogleich ward der Erstere auch verhaftet. Jenes Gespräch ward ihm vorgehalten; er konnte oder mochte dasselbe nicht läugnen Das Standrecht erkannte: dem Ausreisser zwey Tage Spießruthen, dem unvorsichtigen Redner den Strang! Vergebens suchte Dieser sich zu entschuldigen; bewies, daß er mit keinem Athem daran gedacht, selbst zu entweichen: daß er nur aus Unvorsicht etwas heraus geschwatzt, was er freylich sich als möglich vorgestellt, doch keineswegs selbst zu thun vorgenommen habe. – Alles Dieß ward ihm geglaubt. »Aber er hat, hieß es, Rathschläge ertheilt, die den König um noch mehrere seiner Soldaten bringen können. Er hat Anlaß zu Complotten gegeben! Er ist strafbarer, als der Ausreisser selbst!« – Die Strafe erging wirklich. Ob man dieses Urtheil Gerechtigkeit oder Todschlag nennen konnte, mögen Andere entscheiden.


Die geopferten Kinder.


In der Neumark lebte vor einigen Jahren ein Schäfer; ein Mann, der bey Allen, die ihn kannten, den Ruf eines ehrlichen, stillen, frommen Mannes hatte, und ihn auch wirklich verdiente; vielleicht ein wenig allzu still, allzu fromm; denn er war ein Herrnhuter.

Einst, als er auf dem Felde hinter seiner Heerde ging, gesellte sich zu ihm der Schulmeister des Dorfs, sein Freund und Glaubensgenosse. Ihre Gespräche lenkten sich bald von häuslichen Gegenständen auf Angelegenheiten der Religion und des Herzens; und der Schäfer konnte nicht Worte genug finden: wie glücklich er sich jetzt in diesem Puncte fühle.

»Endlich, sprach er mit innigem Ton, hat Gott mein Gebeth erhört; hat mir nach manchem harten Kampf seinen Frieden geschenkt; hat mich des wahren Glaubens theilhaftig werden lassen! O wie so wohl mir dabey ist! Wie ganz gewiß ich mit keinem Fürsten tauschen würde!«

Er fuhr noch lange in diesem Tone fort, bis er ein gewisses Kopfschütteln bey dem Schulmeister bemerkte, das ihn Wunder nahm, und nach dessen Ursache er fragte.

»Es ist wohl recht gut, lieber Bruder, um eine solche Seelenruhe, war Jenes Antwort: auch zweifle ich nicht, daß es ganz heimlich mit deinem Herzen stehen mag. Aber unser jetzige Glaube – unser jetzige Glaube – so ganz lauter wie der Glaube der Alten mag er doch wohl nicht seyn.«

»Und warum sollte er das nicht, lieber Bruder? Ich habe ja so andächtig zu Gott gebethet; so ganz in die Wunden des Lammes mich geflüchtet, und empfinde auch dafür so eine Heiterkeit, so eine Gewißheit meiner Versöhnung – –«

»Alles schon gut! recht gut! Aber den Glauben der Patriarchen? den Glauben Abrahams, der Gott seinen einzigen Sohn darbrachte; wer kann den jetzt noch zu besitzen hoffen?«

Hätte der Schulmeister auch nur den hundertsten Theil der Wirkung sich gedacht, den diese unglücklichen Worte auf den armen Schäfer hatten, gewiß würde er sich vor ihnen sorgfältig gehüthet haben. Traurig, in tiefe Gedanken versenkt, in seinem Glauben erschüttert, ging Dieser nun den ganzen Tag seiner Herde nach; hörte und sah nichts rund um sich her; erwiederte, als er heim kam, nur kalt die Liebkosungen seiner Gattinn und Kinder; verschmähte, unter dem Vorwand einer Unpäßlichkeit, sein kleines Abendbrot, und hielt selbst seine Bethstunde ohne Freudigkeit.

Die Ruhe seiner Seele, seine feste Zuversicht auf göttliche Gnade war verschwunden. Tausend Mahl las er in der Bibel das zwey und zwanzigste Kapitel des ersten Buch Moses von der Aufopferung Isaaks. Sie war sein einziger Gedanke, des Tags über und wenn er schlaflos auf seinem Lager lag; sie war sein Traum in jedem Morgenschlummer; rasch fuhr er dann auf und flehte mit gefalteten Händen, mit unterdrücktem Schluchzen und desto häufigern Thränen zu Gott: auch ihn mit dem Glauben Abrahams zu beseligen.

So rang er ein Paar Wochen lang; und achtete sich endlich ganz mit dem Heldenmuthe gestärkt, den die Aufopferung seiner Kinder erfordere. Seit geraumer Zeit war er nicht freudiger und heiterer aufgestanden, als an dem Morgen dieses dazu festgesetzten Tages. Seine Gattinn merkte solches und freute sich dieser Änderung; er selbst verrichtete seine Hirtenarbeit mit größter Genauigkeit, und kam dann heim, sein eigenes Vieh zu melken.

Er war Vater von drey Söhnen, und bisher immer der beste Vater gewesen. Seine Kinder liebten ihn daher zärtlich, und folgten ihm, wo er ging und stand, fleißig nach. Vorzüglich pflegte der kleinste, sein Augapfel, ein Knabe von zwey bis drey Jahren, ihm beym Melken nachzulaufen, mit der Bitte: daß er ihn doch in die Gelte setzen und hin und her schaukeln möchte. Alle diese Kleinigkeiten geschahen auch heute. Dann aber, als er alle Pflichten des ganzen Tages erfüllt zu haben glaubte, entfernte er unter irgend seinem Vorwand seine Frau; rief seine drey Söhne zu sich, und verschloß sich mit ihnen in der Stube.

Kaum hatte er Dieß gethan, als er eine Axt ergriff und damit dem Ältesten von ihnen den Kopf zerspaltete; dem Zweyten, der erbärmlich zu schreyen anfing, widerfuhr sogleich ein Gleiches; aber der Jüngste, der ängstlich seine Füße umschlang, mit Thränen ihn nicht auch zu tödten bath, erschütterte auf einige Minuten seinen festen Entschluß. Es war sein Liebling! sein Jüngster! sein Letzter! Zwey Opfer hatte er, seinem Bedünken nach, Gott schon dargebracht! Der Arme bath so innig! – Alles Dieß, gestand er nachmahls oft, bewegte das Innerste seines Herzens. Er bethete aufs flehentlichste zu Gott, ihn mit Kräften auszurüsten; und das Werkzeug des Tödtens entsank aus seiner Hand. Aber der Gedanke: Was opfere er denn eigentlich Gott, wenn er nicht auch sein Letztes und Liebstes ihm opfern wolle! gab ihm endlich Muth genug, Vaterherz und Menschenschwäche zu überwinden, und der arme Knabe sank mit zerschmettertem Haupte zu Boden. Ganz gelassen hob er nun alle drey Leichen von der Erde empor, trug sie auf sein Bett, und zog die Decke über sie.

Allein das Geschrey der Unglücklichen war bis zur Mutter gedrungen, sie lief erschrocken herzu, und verlangte, da sie die Stubenthür verschlossen fand, so ungestüm hereingelassen zu werden, daß er ihr endlich, obschon mit den Worten: Ach bleib draußen, Mutter! es ist des Elends bereits genug darin! aufmachte. Ihr Entsetzen beym Anblick des Blutes in der Stube, ihr noch größeres bey Wegreissung der Decke, können Gedanken nur mühsam, Worte unmöglich fassen. Seine Ruhe hingegen blieb unerschüttert. Er weinte auf ihre Leichname; aber er blieb dabey: es sey verdienstlich, sie geopfert zu haben; ließ sich willig ins Gefängniß führen, und behauptete auch dort seine Gelassenheit.

Was seinen Richtern Ehre macht, ist: daß sie nicht auf Todesstrafe, sondern auf lebenslängliches Zuchthaus stimmten; und König Friedrich, als er dieß Urtheil unterschreiben sollte, strich auch jenes Wort noch aus, und setzte dafür Tollhaus!


Die Seelen-Folter.


Bey einer sehr großen jüdischen Diebesbande, die sich um das Jahr 1733 im fränkischen Kreise furchtbar genug zu machen wußte, und die endlich in Coburg beym Einbruch in eine dortige Goldfabrik entdeckt wurde, zog man unter Andern auch einen gewissen Moses Hoyum ein. Das Geständniß seiner Mitgenossen sowohl, als auch eine Menge anderer Umstände zeigten deutlich, daß er nicht nur Helfershelfer und Theilnehmer, sondern auch Anstifter und Oberhaupt von fast unzähligen Räubereyen gewesen sey. Nichts fehlte zur Gewißheit noch, als sein eigenes Geständniß; aber eben dasselbe war auf keine Art und Weise von ihm zu erhalten. Ob man ihm drohte oder zuredete; ob man ihn zehnfach verhörte; ob man das Bekenntniß seiner Mitgefangenen ihm vorlas; ob man sie persönlich ihm unter die Augen stellte, und durch ihre Vorwürfe und Vorstellungen ihn zum Mitgeständniß aufforderte; ob man endlich auch sogar zur Folter schritt und hart genug damit gegen ihn verfuhr – nichts half! Er beharrte auf seiner Unschuld und auf dem hartnäckigsten Läugnen.

Eben dieser Moses Hoyum hatte ein Weib, die noch jung und hübsch, auch bey allen jenen Diebstählen wenig oder fast gar nicht mit beschwert war. Höchstens ein Paar Kleinigkeiten von Mitwissenschaft, Hehl und Verkauf konnten ihr – ja auch das nicht ganz erwiesen! – beygemessen werden, und die Haft, in welcher sie gehalten wurde, war daher auch weit gelinder, als die Haft der Übrigen. Dieses Weib liebte Moses auf das innigste. Von sich sprach er fast nie; aber sie war der Gegenstand seiner zärtlichsten Bekümmernisse. Für sie sparte er sich von dem wenigen Gelde, das er zum Unterhalt erhielt, beynahe die Hälfte ab; für sie nur bath er bey jeder Gelegenheit, und fragte jeden Tag: wie es ihr gehe? Ob man ihr auch ein Leid zugefügt habe? und so weiter. – Einst, als er wieder diese Frage ergehen ließ, ward der Kerkermeister aufmerksamer als bisher; dachte ein wenig nach; ging dann zum Vorsitzer der Gerichte, und versicherte: Nun habe er das Marterinstrument gefunden, welches dem Räuber gewiß sein Geständniß entreissen solle. Er begehre nichts, als die Erlaubniß: die junge Hoyum im Nebenzimmer ihres Mannes stäupen zu lassen; daß er die Anhörung ihrer Wehklage und ihre Verschonung überhaupt durch sein Geständniß gewiß abkaufen werde, dafür sey er Bürge.

Diese grausame Erlaubniß ward ihm ertheilt; noch den Abend kündigte man Hoyum jene Seelen-Folter für den nächsten Morgen an. Er erblaßte und erschrack. Er weigerte sich Speise zu sich zu nehmen, und brachte die ganze Zwischenzeit versenkt in unbeschreiblicher Traurigkeit zu. Noch schwieg er. Aber als die bestimmte Stunde kam; als er wirklich das Jammergeschrey seines Weibes vernahm; da bath er um Gottes Willen nur damit einzuhalten, weil er gern Alles gestehen wollte; und was keine körperliche Qual von ihm erpreßt hatte, erpreßte Liebe in der ersten Minute.

In einem Briefe von C. datirt, ohne Unterschrift, erhielt ich diese Anecdote. »Sie sey, sagte der Briefschreiber, aus einer damahls öffentlich gedruckten, actenmäßigen Nachricht, und buchstäblich wahr.« – Da ich diese gedruckte Nachricht nie sah, so kann ich freylich die Anecdote selbst auch nur unter der Bürgschaft liefern, mit welcher ich sie empfing. Wenn sie aber pünctlich wahr ist, wie mir aus Angabe der Nahmen, des Orts und der Jahrzahl scheint, so ist sie immer kein ganz unverächtlicher Beytrag, nicht etwa zur Macht der Liebe, selbst über rohe Seelen, – denn diese Macht ist längst unbezweifelt, sondern auch zu der traurigen Wahrheit: wie ungerecht oft Richter verfahren können, indem sie der Gerechtigkeit einen Dienst zu leisten glauben.


Mord-Entdeckung durch Träume.


In einem ansehnlichen DorfeAuch diese Geschichte habe ich von unbekannter Hand, wahrscheinlich aus der Schweiz, eingeschickt erhalten. Dieses Incognito, und weil mir immer ist: als hätte ich schon irgend wo eine ähnliche Geschichte gelesen, bewegt mich zu dem Wunsche: daß man sie hier auch nur als eine Zugabe betrachte. – Sollte sie wirklich schon irgend wo gedruckt seyn, so bitte ich um Verzeihung. An fruchtloser Mühe mich davon zu überzeugen, habe ich gewiß es nicht mangeln lassen. Sie ganz zu verwerfen glaubte ich mich doch nicht berechtigt. Daß ich übrigens die Träume des Vaters von der Ermordeten nicht für eine übernatürliche Ahndung, sondern für ein sehr natürliches Mißtrauen halte, – wie wohl die späte Äußerung desselben, und das nachherige Beharren darauf allerdings merkwürdig ist, – brauche ich wohl kaum zu erinnern? des Cantons B** lebte der Schulze W** (wiewohl er noch kaum sechs und dreyßig Jahre alt seyn mochte), schon in der dritten Ehe. Seine ersten beyden Weiber, gegen welche er sich immer äußerst gut und freundlich betragen hatte, waren ihm im ersten Wochenbett, und zwar Beyde sehr schnell gestorben. Die Dritte, die er jetzt hatte, und die er ganz vorzüglich zu lieben schien, war ein junges, schönes, starkes und gesundes Weib. Ein Kind, das sie ihm am Ende des ersten Jahres ihrer Ehe geboren hatte, war wenig Stunden nach der Geburt wieder erblichen; bald darauf ging sie mit dem Zweyten schwanger: Er selbst galt für einen braven, sein Amt mit Einsicht und Redlichkeit verwaltenden Mann, der von seinen Mitbrüdern geliebt und geachtet wurde. Als ihm sein Weib dieß Mahl einen gesunden, rüstigen Jungen – die Kinder der vorigen Frauen waren Mädchen – zur Welt brachte, war er vor Freude fast außer sich. Das halbe Dorf ward zum Kindtaufs-Schmause eingeladen. Die Wöchnerinn selbst befand sich nach der Geburt so gut als immer möglich. Dieß Mahl konnte der Schulze gewiß ohne Sorgen seyn, die Gattinn zu verlieren!

Dennoch, am dreizehnten oder vierzehnten Tage, als er gerade in Amts-Geschäften ausgegangen war, und am Ende des Dorfes sich befand, kam ihm einer seiner Dienstbothen mit der Schreckens-Post nachgeeilt: Man habe seine junge Frau todt im Bette gefunden. Ohne Zweifel müsse ein Schlag-Fluß sie getroffen haben. – Selbst beynahe halb todt sank der Schulze bey dieser Nachricht auf die nächste Bank. Mit Mühe brachte man ihn zur Besinnung zurück. Kaum war er seiner wieder bewußt, so eilte er heim, warf sich auf den Leichnam seines Weibes; heulte, schrie, jammerte fast mehr, als sich für einen Mann geziemt; was nur Chyrurgus, Hebamme und die alten Weiber des Dorfes riethen, ließ er versuchen, um die Erblichene in das Leben zurück zu bringen. Doch der Tod gab nach gewöhnlicher Weise, seine Beute nicht heraus; und die junge, früh verstorbene Wöchnerinn ward am dritten Tage beerdiget.

Sie hatte, als sie starb, keine Mutter mehr am Leben, wohl aber noch einen Vater, dessen einziges Kind sie war, und von dem sie unsäglich geliebt wurde. Daß Dieser ebenfalls bitterlich bey ihrem Leichenbrete und an ihrem Grabe weinte, läßt sich leicht denken. Aber was dem ganzen Dorfe höchst unerwartet kam, war: daß eben Dieser, am vierten Tage nach jener Beerdigung vor dem Dorf-Gerichte erschien, und seine Rede allda ungefähr folgender Maßen anbrachte: »Ihr wißt, daß ich eine Tochter verloren habe, die mir über Alles werth war. Sie lebte mit dem Schulzen hier in einer Ehe, die mir immer als äußerst glücklich vorkam. Ihre Gesundheit schien unverwüstlich zu seyn. Ich hoffte nichts Gewisseres, als daß sie mir einst die Augen zudrücken sollte. Jetzt ist sie plötzlich gestorben; wie mich Das schmerzt – nein, das läßt sich nicht aussprechen. Aber um meinen Jammer recht überschwenglich zu machen, sehe ich sie seit ihrer Beerdigung, alle Nächte im Traume. Sie deutet dann auf das Grab hin, und sagt mir: Sie sey ermordet worden. Es ist freylich nur ein Traum. Aber zu meiner Beruhigung erlaubt mir nur das Einzige, daß ich sie noch ein Mahl ausgraben und besichtigen lassen darf!«

Man fand diese Bitte sehr unstatthaft; man war eben im Begriff sie ihm ganz abzuschlagen, als der gebeugte Vater bey seinem Verlangen noch einen Fürsprecher fand; und Dieser war – der Schulze selbst. »Bey diesem Todesfall habe Niemand,« sagte er, »so viel oder wenigstens mehr, als Er, verloren. Das Leben der Verblichenen mit zwey Drittheilen seines Vermögens zu erkaufen, sey er gern bereit. Auch ihm, wenn er oft für sich allein nachdenke: wie unerwartet ihn dieser Schlag getroffen; dann sey ihm auf Augenblicke: als wäre Dieß alles unmöglich! als wäre die Gestorbene nicht todt! Um so minder könne der Schmerz des Vaters ihn befremden; und selbst der Verdacht der Ermordung ihn beleidigen. Freylich habe der Vater nicht gesagt: Wen er für den Mörder halte. Aber um so wichtiger sey es, auch den kleinsten Schein des Argwohns zu zerstreuen; und er begehre nun selbst, daß der Leichnam zur Besichtigung wieder ausgegraben werde.«

Jetzt hatte Niemand weiter etwas dagegen einzuwenden. Die Ausgrabung ging noch diesen Morgen vor sich. Chyrurgus und Hebamme – kein Arzt war in der Nähe! – wurden zur Besichtigung gerufen. An andern gültigen Zeugen gebrach es auch nicht. Aber am ganzen Leichnam fand sich nicht die kleinste Spur einiger Gewaltthat. Einige blaue Flecke an der linken Seite galten für deutliche Kennzeichen des Schlagflusses. Das einstimmige Urtheil Aller, die es verstanden, oder zu verstehen glaubten, war: Natürlicher Tod! Der Leichnam ward wieder in Sarg und Gruft gebracht. Der Geistliche sprach dem jammernden Vater Trost zu. Der Schulze, der ebenfalls häufige Thränen vergossen, ließ gegen diesen Letztern auch nicht ein Sonnenstäubchen von Unwillen blicken. »Gott gebe uns Beyden Linderung unseres Jammers!« Das war sein frommer inniger Wunsch, als sie vom Gottesacker wieder heim gingen.

Vier bis fünf Tage verstrichen abermahls. Im Dorfe sprach fast Niemand mehr von jenem Todesfalle, als plötzlich wieder der Vater vor Gericht erschien. – Was er begehren wolle, sagte er, davon sehe er selbst das Sonderbare, beinahe Unbillige ein; und dennoch könne er seinen innern Drang nicht bezähmen. Immer noch, wo er gehe, stehe und liege, verfolge ihn die qualvolle Vorstellung: Deine Tochter ist doch ermordet, und zwar von ihrem Manne ermordet worden! – Warum? und Wie! das wisse er nicht. Daß man keine Spur an ihrem Körper gefunden habe, sagte er sich allstündlich selber vor. Dennoch könne er nicht ruhen; dennoch wollten jene Träume und das Bild seiner jammernden Tochter von seinem Lager nicht weichen; und er bitte, flehe, beschwöre sie daher, nur noch eine Besichtigung anzuordnen.

Die Gerichte staunten, sehr natürlich, jetzt noch mehr, als das erste Mahl. Diese Bitte schien ihnen ein wahrer Unsinn zu seyn. Die Beleidigung ihres Oberhauptes verdroß sie; der Schulze selbst blieb nicht mehr, was ihm auch Alle verziehen, bey seinem ersten Gleichmuth. – »Er sey, sagte er, nun nahmentlich von seinem Schwiegervater der schändlichsten Boßheit beschuldigt worden. Nur die einzige Vorstellung: daß der Kummer des Alten in Wahnsinn übergehe, könne ihn noch ein wenig besänftigen, und von gerechter Klage zurückhalten. Schon sey der Leichnam seiner seligen, geliebtesten Frau einmahl vergebens in der Ruhe gestört worden. Zur Gewissenssache werde es ihm, Dieses noch öfters zu thun. Nicht der geringste Grund zu jenem schmählichen Verdacht sey vorgebracht worden. Billig verdiene daher auch jene Bitte Abweisung und Bedrohung im Wiederhohlungsfall. Indeß da er seines guten Nahmens und der Befriedigung jenes alten, ihm sonst ehrwürdigen Vaters halber, eher zu viel als zu wenig thun wolle, so lasse er sich Alles gefallen, was man beschließen werde.« – Man wollte nun den Greis abweisen; allein dieser fuhr so inständig zu bitten fort, daß man doch am Ende noch ein Mahl ihm nachgab. Der Leichnam ward wieder ausgegraben.

Jetzt, da der Körper so lange schon in der Erde war, fing er bereits sehr merklich an, in Fäulniß überzugehen. Die Personen, die ihn besichtigten, wozu noch ein neuer Chyrurgus genommen worden, mußten daher sehr behuthsam mit ihm umgehen, und fällten dann – ganz den vorigen Ausspruch. Eben war man im Begriff ihn wieder in den Sarg zu legen, als der alte Mann, der dieß Mahl gleichsam in Betäubung da gestanden hatte, sobald er vernahm: Man finde auch jetzt nichts Verdächtiges! auf ein Mahl ausrief: Nun, so muß ich mich wenigstens mit eigenen Augen, mit meiner eigenen Hand davon überzeugen! – Er faßte, indem er Dieß sprach, den Leichnam seiner Tochter; hob ihn empor; fing an ihn zu berühren; und ein Ungefähr – oder warum Ungefähr! wahrscheinlich eine Bestimmung vielmehr! – machte, daß er gleich zuerst unter die linke Brust griff, und ihr diese empor hob. – In diesem Augenblick stürzte der Schulze mit dem Schrey zusammen: »Ich bin verloren. Er hat es entdeckt!« – Mit welcher Bestürzung man ihm zu Hülfe kam, läßt sich vermuthen. Seine ersten Worte, als er die Augen wieder aufschlug, waren: »Ich will ja Alles bekennen! Ich habe sie ermordet! Gerade dort ermordet! Nur noch ein Paar Augenblicke Zeit laßt mir.« – Man drang eben dieses Begehrens halber noch stärker in ihn, sich genauer zu erklären. Die Summe seines Geständnisses war diese:

Der Schändliche hatte wirklich alle seine drey Weiber ermordet! Nicht aus Haß, nicht aus Überdruß; aus Habsucht vielmehr! Alle Drey waren vermögend gewesen; alle Drey hatte er zu beerben, und dann nach einer Neuen sich umsehen zu können, gewünscht. Deßwegen legte er nicht eher Hand an sie, bis sie ein lebendes Kind ihm geboren hatten; und auch nur um diese Zeit schien es ihm möglich, seinen verruchten Plan unentdeckt auszuführen. Mit einem dünnen, dreyschneidigen Eisen – einer Ahle, wie sie die Schuster brauchen – durchstach er ihnen dann den Ort unter der linken Brust, wo das Herz liegt; stieß das Eisen selbst mit hinein. Die dreyeckige Wunde schloß sogleich wieder. Der um diese Zeit fast übervolle, durch sein Gewicht herabhängende, weibliche Busen verdeckte jetzt selbst das fast unmerkliche, und doch tödtlich gewesene Fleckchen. Da er sich immer dann, wann sie schliefen, an ihr Lager schlich, so war diese entsetzliche That das Werk eines Augenblicks. Die ersten beyden Frauen waren mit einem einzigen halblauten Ausruf gestorben. Die letztere, sagte er nachher aus, habe etwas mehr gelitten; habe gerufen: Gott! Gott! Du tödtest mich! Aber es wird nicht ungerächt bleiben. – Auch habe er sich wirklich nach ihrem Tode mehr, als bey den Vorigen, ein Gewissen daraus gemacht. Doch habe er gehofft, daß man nichts entdecken werde, und daher selbst auf die Ausgrabung, wenigstens das erste Mahl, gestimmt. – Jener Ausruf, als der Vater gerade nach dem Herzen zuerst gegriffen, sey ihm entfahren, er wisse selbst nicht, wie? Denn fast überzeugt sey er jetzt: daß auch Dieser kaum etwas entdeckt haben werde.

Der Schauder, der Alle, die von dieser Unthat hörten, ergriff, und die harte Todesstrafe, die über den Verbrecher verhängt ward, gehören nicht weiter zur Sache selbst.


Die Reue des Sachwalters, über die Rettung des Verbrechers.


Einem Menschen, der dem schimpflichen Tode des Hochgerüstes schon unaufhaltbar sich nahte, doch noch sein Leben gerettet – bloß durch Kunst und Eifer es ihm gerettet zu haben! gewiß dieses Gefühl muß etwas sehr Süßes, sehr Großes, ja fast etwas Göttliches in sich enthalten! Wenn Voltaire die Sirvens und die Martins rettet; wenn Erskine's demosthenische Beredsamkeit das schon auf den Lippen der Geschworenen schwebende Guilty in ein Lossprechungsurtheil verwandelt; und selbst dem allmächtigen Pitt die Schlachtopfer entreißt, die er seiner Minister-Sicherheit zu bringen gedachte: – welcher Biedermann möchte in diesem Augenblicke nicht Erskine zu seyn wünschen! Nicht etwa, weil das Volk sich vor seinen Wagen spannte, – denn, guter Gott, vor welchen Wagen hat sich nicht schon das Volk gespannt! – sondern weil das eigene Herz ihm dann die schönste Bürgerkrone biethen mußte.

Indeß, daß es dennoch Fälle geben kann, wo selbst der schönste, edelste aller Wünsche, der Wunsch, ein Menschenleben zu retten, Beschränkung leidet; daß zumahl derjenige Sachwalter, der gern jeden Verbrecher, wo möglich, vom Tode befreyen möchte, in Lagen kommen kann, wo ihn sein Gewissen für jene Mühe nicht mit Freude belohnt, sondern mit Reue bestraft; auch Dieß ist unbezweifelt. Unter mehrern Beyspielen, die mir desfalls bekannt wurden, wähle ich nur Eines aus; theils weil ich den größten Theil dieser Geschichte aus dem Munde der Hauptperson selbst erfuhr; theils weil sie die nicht ganz allgemeine Eigenschaft besitzt, daß ihr Anfang und Mittel warnt; ihre Schluß-Wendung zur Nachfolge aufmuntert.

In Chur-S – und andern deutschen Staaten ist es bekannte Sitte, daß jungen Advocaten die Vertheidigung eingezogener Verbrecher von Gerichtswegen zugetheilt wird. Es ist sehr begreiflich, daß bey solchen Vertheidigungs-Schriften die Verfasser keinen großen baren Gewinn, aber wohl Gelegenheit sich auszuzeichnen, und für die Zukunft zu empfehlen finden; und es ist noch augenscheinlicher, daß Diejenigen, welche ein wahres Ehrgefühl und den Wunsch sich weiter zu bringen besitzen, keine Mühe sparen, um ihre Sache recht gut zu machen. – Doktor P., später nachher einer der angesehensten Rechtsgelehrten in **, und von erster Jugend an mit einem beträchtlichen Antheil von Ehrgeiz begabt, schritt vor ungefähr sechs und dreyßig Jahren nun eben von akademischer Laufbahn ins eigentliche bürgerliche Leben, als er jener Gewohnheit nach die Vertheidigung eines Menschen empfing, dessen Hals allem Ansehen nach schon so gut als halb geliefert war. Er saß Straßenraubes halber. Mehrere seiner Spießgesellen hatten ihn angegeben, und zum Theil ihre Aussage bereits durch den Tod bekräftigt. Verschiedene gestohlene Sachen waren bey ihm gefunden worden. Das Zeugniß seiner Nachbarn beschuldigte ihn eines zügellosen, wüsten Lebens. Er selbst wußte sich durch nichts zu vertheidigen, als durch bloßes Läugnen. Da er hierauf unerschütterlich verharrte, so kam das Urtheil: Inquisit sey peinlicher Maßen zu befragen.

Aber freilich an dieser Art von Frage war Inquisiten verzweifelt wenig gelegen. Er war im Grunde eben so weichlich als nichtswürdig; eben so furchtsam, wenn Schmerzen und Gefahr ihm näher rückten, als trotzig, wenn er sie noch weit entfernt vermuthete. In einem Gespräch unter vier Augen erklärte er D. P*n geradezu: »Er sey zwar an jenen Diebstählen so schuldlos wie ein ungebornes Kind. Aber ehe er sich viel an seinen Daumen quetschen, an seinen Füßen sägen, an seinen Armen renken lasse, eher gestehe er Alles, was man begehre. Sein unschuldiges Blut werde dann zeitig genug Stadt und Gerichte hart drücken!«

Wie viel es mit dieser Unschuld und diesem Druck zu bedeuten habe, begriff D. P. vollkommen wohl; dennoch mißfiel ihm jener gutmüthige Vorsatz herzlich. Seine ganze Schutzschrift war dann vergebene Arbeit; die Hoffnung sich beym Publikum und seinen Zunftgenossen in Achtung zu setzen, fiel dann wenigstens für dieß Mahl hinweg. Dem Verbrecher selbst konnte daher kaum vielmehr an Abwendung der gedrohten Folter liegen, als seinem Vertheidiger. Er forschte sorgfältig: ob der Gefangene keinen Leibschaden habe? »Nicht den geringsten!« – Oder sonst den Hang zu einer schweren Krankheit? – »Auch das nicht, dem Himmel sey Dank! Nur aus diesem verzweifelten Käfig heraus, und ich befinde mich wahrscheinlich wie ein Fisch im Wasser.« – D. P. hätte heimlich bersten mögen über diese Gesundheit. Immer noch nicht abgeschreckt fuhr er lange mit Fragen fort, bis er vernahm: »Inquisit habe schon mehrmahls Anfälle von Hämorrhoiden gehabt.«

Auch damit entschloß sich D. P. sein Heil zu versuchen. Drey oder vier Ärzte wurden befragt: Ob Anlage zur goldenen Ader durch die Folter nicht zur tödtlichen Krankheit werden könne? Alle meinten: o nein! Zuletzt versicherte doch ein Fünfter: Möglich sey es allerdings! Schon diese Möglichkeit genügte. Der Arzt ward dringend um ein ausführliches Gutachten ersucht. Zum Glück war es gerade ein Mann von Kopf, dem es für seine Meinungen selten an Gründen fehlte. Was er als bedenklich angab, wußte der Rechtsgelehrte zum Höchstgefährlich aufzustutzen. Die Vorstellung gegen alle peinliche Befragung ward eingereicht, und fand – der Himmel weiß durch welchen Zufall! – günstige Richter. Dem Inquisiten ward, statt der Folter, der Reinigungs-Eid zuerkannt. Daß er diesen schwur, versteht sich von selbst. Die Todesstrafe blieb nun aus; doch ward ihm, einiger kleinen unläugbaren Diebstähle und Diebshehlereyen wegen, dreyjährige Zuchthausstrafe zuerkannt. Er überstand sie; und ging dann von dieser hohen Schule der Verbrecher, wahrscheinlich mit mancher neuen Kenntniß ausgerüstet, wieder aus, um seine Praxis weiter fortzusetzen. Er verschwand; dreyzehn oder vierzehn Jahre hörte kein Mensch eine Sylbe von ihm.

D. P. hatte also dieß Mahl seine Absicht vollkommen erreicht; hatte bey seinen Mitbrüdern Lob und Neid eingeerntet; ging bald zu Rechtshändeln besserer Art – das heißt, die mehr einbrachten! – über; heirathete, ward Vater, galt für einen der erfahrensten Practiker im Lande, und vergaß jenes Vorfalls fast ganz. Nur wenn zuweilen ein jüngerer Anfänger seinen Rath in mißlichen Kriminal-Fällen begehrte, erzählte er lachend das Kunststückchen, um darzuthun: daß auch gegen verzweifelt scheinende Übel sich manchmahl ein Mittel ausfindig machen lasse.

Einst, als er im Verdauungsstündchen sich mit der Halb-Arbeit des Zeitungslesens den Schlaf, – ich weiß nicht, ob vertreiben oder befördern wollte, fiel ihm ein Artikel, aus der Schweiz geschrieben, ins Auge, der also lautete: »Zu B. ist den zehnten September, Friedrich Schulze, ein Bösewicht und vielfacher Mörder, der hoffentlich seines Gleichen wenig hat, verdienter Maßen von unten herauf gerädert worden; und ist gestorben, wie er lebte.« Wohl drey Mahl überlas D. P. betroffen diese Zeilen; aller Mittagsschlaf verging ihm. Friedrich Schulze hieß der Verbrecher, den er ehemahls von der Folter losgeschwatzt hatte. Daß es der Nichtswürdigen, die diesen Nahmen führten, mehrere geben könne, das unterlag freylich keinem Zweifel. Doch befremdete ihn dieses Übereintreffen; doch verfolgte ihn nun der Gedanke: Wie ? wenn es eben derselbe wäre! auf jedem Schritt und Tritt. Da er Bekannte zu B* hatte, so schrieb er schon des andern Tages hin; erbath sich nähere Nachricht von der Gestalt, von dem eigentlichen Verbrechen, und, wo möglich, auch von dem frühern Schicksal jenes Hingerichteten; verschwieg zwar, wie sehr begreiflich, die wahre Ursache seiner Fragen, gestand aber doch, daß ihm viel an bestimmter Nachricht liege. Seine Miene war in der Zwischenzeit viel düsterer als sonst, seine Laune nie rosenfarb. Seine Gattinn, die ihn liebte, und auch viel über ihn vermochte, merkte diese heimliche Unruhe bald, forschte nach der Ursache und erfuhr – nichts. Nach drey Wochen ließ er sich fast alltäglich auf der Post erkundigen: ob nicht Briefe für ihn da wären? Als er endlich einst, gerade bey der Mittagstafel, ein dickes Paket empfing, besah er mit unruhigem Blick wohl sechs Mahl das Siegel; wollte es brechen, und brach es nicht. Nach Tische verschloß er sich in seinem Cabinett; kam erst in der Abenddämmerung wieder zum Vorschein, und sah aus, als wäre er indeß zwanzig Jahre älter geworden, so ernst, so bleich und in sich selbst gekehrt.

Es war nur zu gewiß, jener Hingerichtete, und der durch D. Ps. List ehemals Gerettete machten nur eine Person aus. Ihre körperliche Gestalt, ihr Alter, ihr Geburtsort, ein Fehler in der Sprache – Alles traf überein. Auch den letzten, noch möglichen Zweifel zernichtete ein beygelegter actenmässiger Auszug. In ihm stand ausdrücklich: »Inquisit sey in ** schon einmahl dem Galgen nahe gewesen; ein geschickter junger Advocat habe ihn von Folter und Tode gerettet. Ein zwiefacher Mord und sechsmahliger Diebstahl habe damahls schon auf seinem Herzen gelegen. Seitdem habe er noch funfzehn Menschen, meisten Theils auf offner Strasse getödtet. Fünf junge Mädchen hätten erst seinen Lüsten fröhnen müssen, bevor sie erwürgt worden. Seine Räubereien ließen sich kaum zählen.« – Ein Schauder überlief den Doctor, indem er Dieses las. Je mehr er darüber nachdachte, je unruhiger ward er. Er – er selbst dünkte sich der Mörder jener Ermordeten, der Thäter jener Schandthaten zu seyn. Ohne ihn hätte vor dreyzehn Jahren schon die Folter den Unmenschen zum Geständniß, das Geständniß zum Tode gebracht. Daß er gar wohl geahndet habe: dieser Verhaftete sey strafbar; daß er dessen verdiente Strafe bloß aus Eitelkeit hintertrieben; daß er noch oft mit diesem glücklichen Betruge sich gebrüstet habe; – alles Dieß fiel ihm jetzt zentnerschwer aufs Herz; und sein Gewissen (so nachgiebig sonst das Gewissen eines Rechtsgelehrten zu seyn pflegt!) erwachte nun mit furchtbarer Stärke. Ihm schmeckte nun an der Tafel weder Speise noch Trank; ihn floh am Tage jedes noch so kleine Vergnügen; ihn floh des Nachts der Schlaf. In jedem Traume glaubte er das Winseln der Ermordeten zu hören, in jedem dunkeln Winkel ihre Gestalten zu sehen. Sein eigner Körper ward fast ein Schatten; sein Antlitz verfiel. Alle Fragen seiner Bekannten: ob irgend ein Unfall ihn betroffen habe? beantwortete er mit – Stillschweigen. Auch den abermahligen Bitten seiner Gattinn, allen Künsten ihrer Weiblichkeit, ihrem Schmeicheln, Liebkosungen, Thränen sogar widerstand er. Der Arzt, den sie rufen ließ, fällte beym Weggehen das Urtheil: Hier sey eine schwarzgallige Schwermuth im Anzuge, wo nicht schon da! Er würde allem Anschein nach Wahrheit verkündigt haben, hätte sich nicht noch ein Dritter zur rechten Zeit ins Spiel gemischt.

D. P. hatte einen Schwager, der Landgeistlicher, und überdieß nur Landgeistlicher bey einer kleinen dürftigen Gemeinde im V–dischen war, der aber manche Eigenschaft besaß, die allen Hoch-Ehrwürden und Hochwürden zu – wünschen wäre. Zwar ob er die Bücher Moses im Grundtext, oder nur in Luthers Übersetzung las; ob er alles Das für Kern-Wahrheit hielt, was in den symbolischen Büchern steht, und jährlich durch viele tausend – Meineidige befestigt wird; ob er auch pünctlich zwey Mahl im Jahr über Christus Einzug in Jerusalem und funfzehn Mahl über seine Wunder predigte, das wäre noch eine streitige Frage. Doch daß er echte Gottesfurcht mit eben so echter Menschenliebe, tiefe Herzenskenntniß mit leichtem faßlichen Vortrag vereinte; daß er im ganzen Kirchspiel der Tröster aller Unglücklichen, der Rathgeber aller Bedrängten sey; daß er sein Amt nie zum Fluch und desto öfter zum Segen anwende; darüber gab es in seiner Gemeinde nur eine Stimme. Schon zwey Mahl hätte er seine kärgliche Stelle mit einer einträglichern vertauschen können. Die laute Wehklage seiner Kirchkinder hatte ihn beyde Mahl zur Aufopferung seines eigenen Nutzens bewogen. Selbst nur auf Tage trennte er sich ungern von seiner großen Familie, wie er sich auszudrücken pflegte. Jahre vergingen und er kam nicht ins nächste Städtchen. Doch da er seinen Schwager liebte; da er kurz hinter einander drey jammernde Briefe von seiner Schwester erhielt, so machte er sich jetzt auf den Weg, um da den Seelen-Arzt zu versuchen, wo der körperliche Arzt bereits sein Unvermögen eingestanden hatte.

Seit einigen Monathen zum ersten Mahle zeigten sich in P's Gesichte Spuren der Heiterkeit, als dieser seltene Besuch zu ihm eintrat. Gerade nach ihm hatte sich sein Geist schon eine geraume Zeit im Stillen gesehnt. Von jeher ein Feind aller Pfaffen und Leviten, hegte er doch immer für den wahren Priester diejenige Hochachtung, die ihm auch wirklich gebührt. Sein jetziger Zustand hatte sie eher vermehrt als vermindert. Seinen Kummer, so sorgfältig er ihn bisher verschwiegen, länger allein zu tragen, fand er unmöglich; aber auch nur einem Mann dieser Art glaubte er sich entdecken zu müssen. Ältere Freundschaft des Blutes und des Geistes kamen hinzu. Kaum sah sich daher Pastor Maier mit ihm allein; hatte sich kaum mit einer gewissen Theilnahme ohne Zudringlichkeit, mit Wärme ohne Ungestüm, nach der Ursache seiner Schwermuth erkundigt; so begehrte der Doctor zuerst den Handschlag der Verschwiegenheit und schüttete dann sein ganzes Herz aus. – Der Geistliche stutzte Anfangs allerdings ein wenig. Er hatte sich auf ein Paar mögliche Fälle schon vorbereitet; doch der wirkliche überstieg seine Erwartung. Er überdachte einige Minuten lang schweigend die Lage des Ganzen. Er gestand dann, daß er an P's Stelle auch Gewissens-Schmerzen fühlen würde; er fand daher auch die Reue desselben nicht nur billig, sondern sogar nothwendig. Aber er bemerkte doch, indem er den einmahl aufgenommenen Faden weiter fortspann: daß selbst in dieser Reue Übermaß Statt finden könne, und vielleicht – jetzt schon finde. Er machte die große Wahrheit mit warmer Beredsamkeit geltend: daß Gott gewiß nicht richte, wie ein strenger, menschlicher, an den Buchstaben gebundener Richter; daß er auf Absicht und Willen nur, nie auf den Erfolg der That selbst sehe. Freylich, fuhr er fort, sey auch P's Absicht nicht tadellos zu nennen; doch ertrage sie wenigstens einige Entschuldigung; sei mehr Schwäche, als Laster. Ehrgeiz und Eitelkeit, nicht Mordlust oder Raubsucht, hätten bey jener Vertheidigung ihn geleitet. Billig ziehe er sich hieraus eine Warnung für die Zukunft; aber stäte Trauer über Vergangenheit sey unnütz; sey gewisser Maßen eine Versündigung an sich selbst, und an der Idee eines allgerechten, allgütigen höchsten Wesens.

Dieß nur ein magerer Auszug von Maiers Gesprächen! – Denn daß er in Gesprächs-Form nicht in zusammenhängender Rede seine Gründe entwickelte, versteht sich wohl auch unerinnert! – Was P. hierauf erwiederte; wie er noch ein Weilchen fortfuhr, sich selbst anzuklagen; wie er dann doch allmählig den linden Trost in seines Freundes Worten verstand, ergriff, benützte; wie es in seiner düstern Seele nach und nach wieder zu tagen anfing; Dieß auszuführen, wäre nutzlose Mühe. Kurz, drey Tage brachte der rechtschaffene Pfarrer bey seinem Schwager – nicht vergebens hin; als ihn sein Amt wieder heim rief, versprach er mit Hand und Mund in Monathsfrist einen zweyten Besuch, und hoffte ihn dann schon ganz genesen zu finden.

Nur halb ging diese Hoffnung in Erfüllung. P's Schwermuth entfloh, doch eine völlige Unthätigkeit blieb zurück. Vor aller Arbeit seines Standes bezeugte er Abscheu. Keinen seiner alten Prozesse erledigte er; jede neue Partey wies er von sich ab. Daß bey solchen Maßregeln seine Haushaltung bald in Unordnung kommen, er selbst mit Weib und Kindern darben werde, ließ sich voraus sehen. Auch schloß der Geistliche nicht ohne Grund: jener Mißmuth sey noch nicht getheilt; sey nur für ein Weilchen unterdrückt. Vorzubeugen, daß er nicht wieder aus seinem Hinterhalte hervorbreche, war nothwendig, aber nicht ganz leicht. Ein Linderungsmittel ausfindig zu machen, ist nie so schwer, als eine Heilung von Grund aus. Pastor Maier wußte gleichwohl auch hier sich zu rathen.

Zwey Mahl hatte er schon seinen Freund fruchtlos zu neuer Thätigkeit aufgemuntert. D. P. gestand frey heraus: daß ihm sein ganzes Gewerbe anekele. Er schilderte es als eine Zusammenhäufung von Ränken, Betrügereyen, Verdrehungen des Rechts oder Unrechts; und der Pfarrer widersprach ihm – nicht. Er bestätigte vielmehr manches, was er hörte, und wies jedem feilen Rabulisten den Platz in der Verdammniß ganz zu oberst, zwischen Kuppler und Tyrannen an.

»Aber, fuhr er mit gutmüthigem Lächeln fort, eben weil es auf diesem Pfade der Boßheiten und der Ränke so zahllos viele giebt, müssen Sie umkehren, und als Beschützer derjenigen Gerechtigkeit auftreten, die so mannigfachen Angriffen sich ausgesetzt sieht. – Bloße unthätige Reue, mein Lieber, versöhnt nichts im Himmel und auf Erden. Auch das schmerzliche Bedauern ehemaliger Fehltritte ist noch keine Tugend! – Der Feind, der mich kränkte, und der nun ablässt, der wohl auch um Vergebung mich bittet, ist höchstens – nicht mehr mein Feind. Aber er muß sich fortan auch für mich verwenden, wenn er Beleidigung aussöhnen und mein Freund werden will! Sie glauben der Menschheit geschadet zu haben, und, frey gestanden, Sie haben es auch gethan. Nützen Sie ihr nun durch eben diese Kräfte, eben diese Geistes-Anstrengung wieder! Übernehmen Sie fortan nur vorzüglich solche Geschäfte, wo Unwissenheit in Gefahr steht überlistet, Unschuld unterdrückt, Recht und Gerechtigkeit verdreht zu werden! Zeigen Sie sich dann als einen Gegner der Chicane, als einen Enthüller fremder Ränke, als einen Bekämpfer mächtiger Boßheit!«

Ha, bey Gott, eine schöne Bestimmung! Eine treffliche Aussicht, die sie mir hier eröffnen! Aber meine Kräfte, ehrwürdiger Freund? –

»Sind freylich nur die Kräfte eines einzelnen, doch eines nicht ungeübten, nicht unvermöglichen Mannes! Sollen Sie Alles thun? oder ist nicht auch, etwas bewirken, schon genug? Und glauben Sie mir, Freund, man kann viel, wenn man Dasjenige, was man will, ernstlich will. Wie oft hat nicht schon ein rechtschaffener Mann zehn Bösewichter in Flucht und Furcht gebracht! Eben, weil er allein ganzen Rotten trotzt, war sein Ruhm rühmlicher, sein Sieg verdienstlicher. Daß dem Sachwalter der Armuth, der Unschuld und Tugend mancher harte Kampf bevorsteht, sehe ich zwar voraus; aber auch nur in diesem Kampfe können Sie diejenige Ruhe des Gewissens wieder erbeuten, die ein Fehltritt verlor, und die Sie in Unthätigkeit vergebens suchen würden.«

Bey Gott – bey Gott! ehrwürdiger Freund, ich fühle es, Sie haben Recht; und ich will Ihren Rath befolgen; will arbeiten, was meine Kräfte vermögen, aber nicht für Lohn allein, sondern für die Stimme in meinem Busen; will mich bemühen, das Elend meiner Mitmenschen zu mindern; will – o daß ich jetzt gleich Gelegenheit hätte, Ihnen die Wärme und die Reinigkeit meines Eifers zu beweisen!

»Wenigstens kann diese Gelegenheit Ihnen nicht lange fehlen. Man braucht ja nur um sich herum zu blicken; und man findet der Hülfsbedürftigen so bald und so viel. Auch wüßte ich wirklich in diesem Augenblick schon einen Handel, der Ihres Beystandes würdig wäre!«

Und welchen? welchen?

»Kennen Sie den Grafen von W–z?«

Allerdings! Als eine Geißel des Landes, als einen Bedrücker des Volks, der das Zutrauen eines guten Fürsten, weil er seine Cassen zu füllen versteht, oft zu wahren Gewaltthätigkeiten mißbraucht, und dadurch die Klage der Armen, der Witwen und Waisen über seinem Haupte sammelt.

Ja wohl der Witwen und der Waisen! Erst vorgestern erfuhr ich Dieß bey Frau von St–u. Ihr Gemahl stand bekanntlich einem der wichtigsten Gefälle im Lande vor. Getreulich verwaltete er dasselbe; aber die Dreistigkeit, mit welcher er sich einigen Neuerungen des Ministers widersetzte, mißfiel. Schon sprach man von seiner Absetzung; da starb er. Doch auch nach seinem Tode noch soll die hinterlassene Gemahlinn die angebliche Schuld des Gatten tragen. Man bestreitet die Richtigkeit seiner Rechnungen; fordert den Ersatz von Posten, die Theils nie eingingen, Theils längst verrechnet worden sind. Die Ehre des Verstorbenen, das halbe Vermögen der Witwe steht auf dem Spiel. Die gute Frau sucht einen Rechtsfreund, der sie vertrete. Schon drey, an welche sie sich wandte, haben mit Achselzucken sich entschuldigt. Ihre Sache, sagen sie, sey gerecht; aber die furchtbare Gewalt des Ministers. –

Soll mich nicht bestimmen, der vierte Feigherzige zu seyn, so bald die Witwe meinen Beystand begehret!

»Und warum erst warten, bis sie denselben begehrt? Biethen Sie selbst ihr ihn an! Verdienstlicher wird dann Ihre Hülfe, getrösteter im Voraus schon die Seele des armen Weibes seyn!«

Daß D. P. auch Dieß versprach; noch diesen Abend schrieb; den Prozeß übernahm; Trotz mancher Beschwerde, Trotz mancher Abmahnung von oben herab, ihn doch durchsetzte, – alles Dieß könnte nach solcher Veranlassung, solcher Aufmunterung, für eine gute That, und nichts weiter gelten. Doch daß er von diesem Tage an wirklich ward, was er zu werden versprochen hatte, ein Beystand der Bedrängten, ein Feind aller widerrechtlichen Bedrücker; daß er binnen Jahresfrist noch zehn bis zwölf Rechtshändel übernahm, dem Erstern an Mißlichkeit und an Gerechtigkeit gleich; daß er sie alle gewann, und nirgends Gewinnsucht sich leiten, Menschenfurcht sich schrecken, Bestechung auf sich wirken ließ; – Dieß verdiente doch wohl mehr, als ein bloßes kaltes Lob?

Bald kam sein Nahme ins schwarze Buch der Aristokraten, ins edle der Menschheit überhaupt. Reich ward er freylich nicht; konnte, wollte es nicht werden! Auch zu hohen Ehrenstellen stieg er nimmer. Als er einst zur Rathsstelle in einem Landes-Collegium vorgeschlagen ward; als das Collegium selbst sich für ihn verwendete, und schon das allgemeine Gerücht ihm Glück wünschte, thaten zwey Excellenzen und sechs Hochgeborne Herren so triftige Gegenvorstellungen, daß er – durchfiel. Weit entfernt, sich über diese Nachricht zu kränken, rief er lächelnd: »Ein Opfer, das ich gern bringe! Nun kann ich fast hoffen, etwas werth zu seyn!« Dieß war das einzige Mahl, daß er ein Selbstlob sich nachsah. – Trotz seiner mächtigen Feinde, Trotz ihrer mannigfachen Ränke, brauchte er doch nicht zu darben, oder für sein Schicksal besorgt zu seyn. Auch die gerettete Unschuld vermochte es zuweilen, dankbar zu seyn, und war es alsdann mit Freuden. Zum gänzlichen Umsturz seines Glücks gebrach es seinen Feinden, nicht an gutem Willen, sondern an Kraft. Sein fleckenloses Leben gab ihnen keine Blöße. Als er vor ungefähr zwey Jahren starb, begleitete ihn so manches Bedauern, so manche Thräne der unterstützten Nothleidenden in die Gruft. Auch starb er mit dem süßen Gefühl, in den letztern Jahren mehr seinen Mitmenschen genützt, als in frühern Zeiten ihnen geschadet zu haben. Der so schwer zu befriedigende Zeuge in seiner Brust war ausgesöhnt.


Inhalt des ersten Theils.


Mord an seiner Frau, um ihre Seele zu retten.
Unkeusche, Mörderinn, Mordbrennerinn und doch blos ein unglückliches Mädchen.
Mord wegen überdachter Treulosigkeit.
Todtschläger, durch Eifersucht und Zusammenhäufung unglücklicher Umstände getrieben.
Ein Räuber, weil die menschliche Gesellschaft ohne Schuld ihn ausstieß.
Französischer Justizmord.
Mörder nach Übereinstimmung aller Umstände und seiner eigenen Überzeugung, und dennoch unschuldig.
Vatermörder, ohne es zu wollen.
Ja wohl hat sie es nicht gethan!
Der Mann um Mitternacht auf der Kanzel.
Auch einer verstorbenen Frauen Winke soll man nicht verachten.
Die Stutzperücke.
Edle Dreistigkeit einer gemeinen Bäuerinn, die Schande ihres hingerichteten Mannes zu mindern.
Der blutige Jeßanack.
Mörder, der sich zwingt, eine Ursache zu finden.
Der Hundssattler und der Leinweber.
Falsch-Münzer, Meineidiger, Betrüger – dem Scheine nach.
Mordbrenner und Schadenstifter, um für heilig zu gelten.
Auch Mordbrenner und Selbstverräther.
Mordbesteller oder Mörder – welcher von Beyden der Strafbarste?
Seltsamer Selbstverrath.
Die Strumpfbänder.
Mörder seiner Verlobten und Räuber! dann eine Zeitlang redlicher Mann; seltsam entdeckt, noch seltsamer sich selbst angebend.
Die Strafe des bösen Rathes.
Die geopferten Kinder.
Die Seelen-Folter.
Mord-Entdeckung durch Träume.
Die Reue des Sachwalters, über die Rettung des Verbrechers.



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