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Norddeutsche Vegetationsbilder.

I. Die Wiese.

»du bist kurzer, ich bin langer«,
alsô strîtens ûf dem anger
bloumen unde klé

Walther v. d. Vogelweide

Alexander von Humboldt hat in seinen »Ansichten der Natur« eine Reihe von typischen Gewächsformen aufgestellt, und damit die ersten Grundlinien einer Pflanzenphysiognomik gegeben. Gewiß war es nicht bloßer Zufall, daß der große Forscher diese Formen vorzugsweise der Tropenzone entlehnte, deren eigentümliche Natur die vorschreitende Zivilisation noch wenig zu ändern vermocht hat, und die ohnehin an Reichtum, Pracht und Großartigkeit alle übrigen ungleich übertrifft. Denn unsern alternden Erdteil, wenigstens den kalten gemäßigten Strich desselben, hat das menschliche Bedürfen allerdings bei weitem zu sehr ausgebeutet, als daß er da maßgebend sein könnte, wo es darauf ankommt, die Natur in ihrer ursprünglichen Fülle und Größe zu zeichnen.

Wir Bewohner des Nordens sehen uns für eine derartige Betrachtung der Pflanzenwelt auf verhältnismäßig wenige Typen beschränkt, welche in drei Hauptformationen zusammengefaßt werden können. Es sind dies die Wiese, die Heide, der Wald, von der Pflanzenphysiognomik ebenso als Vorgrund, Mittelgrund und Hintergrund der Landschaft unterschieden, wie die Geologie bezüglich Ebene, Hügel und Berg einander entgegensetzt. Jede dieser Formationen wird hauptsächlich durch je zwei natürliche Familien charakterisiert, und zwar

durch die Gräser (Gramineae) und Halbgräser (Cyperaceae) die Wiese (Hochwiese – Sumpfwiese),

durch die Heidekräuter (Ericae) und Heidebeeren (Vaccinia) die Heide (Sandheide – Moorheide),

durch die Zapfenträger (Coniferae) und Kätzchenträger (Amentaceae) der Wald (Nadelwald – Laubwald).

Unter diesen drei, wenn man will, sechs Formen dürfte wohl die Wiese in unserem Norden die weitestverbreitete sein, obschon sie sich nicht selten bald in Sumpf-, bald in Sand- und Heideland verliert. Zu der nachfolgenden Skizze hat im besonderen die märkische Wiese das Motiv gegeben. Nicht als ob sie vor andern schön wäre. Im Gegenteil, sie entbehrt der bunten Blumenfülle, welche die Auen Thüringens belebt, und in der Ebene gelegen, darf sie sich an poetischem Reiz nicht vergleichen mit den Grashängen und Matten, welche das Dunkel der Harzwälder so freundlich und festlich unterbrechen. Aber sie lag dem Verfasser nahe, und vielleicht mag auch das bescheidenere Bild hie und da einen Leser ansprechen.

Ganz abgesehen von dem wohltätigen Gefühle, welches reine Naturformen immer hervorzurufen pflegen, wirkt die Wiese an sich selbst in hohem Grade erfrischend und belebend. Sie steht in ruhiger, heiterer Mitte zwischen der in sich gesunkenen Schwermut der Heide und dem kühnen Emporstreben des Waldes: gleichsam ein einfach innigen Auslaut und Aufklang der Natur. Zunächst zieht schon die offene Weite der Wiesenfläche das Auge an.

» Frei empfängt mich die Wiese mit weithin verbreitetem Teppich«,

heißt es treffend in Schillers Elegie. Der Berg droht in stolzer Höhe; seine wilden Umrisse brechen aus dem Schoß der Erde wie von feindlichen Mächten gehoben, in seinen Waldschatten bergen sich finstere Geheimnisse, aus seinen Schluchten stürzen schäumende Wasser. Wo von solchem Anblick das Auge bedrängt und erschöpft wird, da wendet es sich gern auf das ruhig ausgebreitete, frei-erschlossene Gelände; es weidet sich an seiner Lichtfülle und gibt sich jenem Eindrucke der Stetigkeit hin, in welchem der Mensch sich gleichsam seiner selbst versichert. Nur wo die Ebene zum unabsehlichen, gestaltlosen Flachlande sich dehnt, da treten abermals andere Gefühle – das erhabene der Unendlichkeit oder das Oede der Vereinsamung – in die Seele.

Denn freilich auch die Heide, die Steppe, die Wüste sind Flächen. Was den Wiesen jenen innigen Reiz verleiht, ist ungleich mehr als die Bodenbildung, die sie bekleidende Vegetation. Sie ruft großenteils jene tieferen Gefühle der Sehnsucht oder die heiteren der Lebensfrische und Lebensfreude hervor. Schon oben ist gesagt, daß die Wiese hauptsächlich durch die Gräser dargestellt wird. Es ist diese eine der bedeutendsten Pflanzenfamilien, indem sie nicht allein durch Masse und Unzahl der Individuen die meisten anderen übertrifft, sondern auch beziehungsweise den größten Artenreichtum aufzuweisen hat. Ihre Spezies machen nahezu ein Zwölftel der gesamten deutschen Flora aus. Aber zugleich und vorzugsweise gehören die Gräser zu jenen Gaben des Pflanzenreichs, welche die Erde erst zu einer »gedeihlichen Wohnstätte der Völker« machen. Denn Gräser sind alle jene mehlführenden, menschennährenden Halme, deren Aehre auf unseren Feldern reift; eine Grasart ist das Reis, das im feuchten Brodem der Sümpfe Ostindiens seine malerischen Rispen treibt; Gräser sind das Zuckerrohr, der Mais, das Sorghum, die Hirse usw. Und allenthalben über die Erde finden sich diese Pflanzengeschlechter verbreitet, gleichsam als ein mütterliches Unterpfand für jede Wohltat der Natur. Nur wo den Polen zu das Leben einen ewigen Winterschlaf schläft, da erfreut kein grünender Rasen, kein goldenes Saatengefilde mehr das Auge; mit den letzten Zwergsträuchern der Birke und Kiefer versinkt da auch der Graswuchs unter der Schneehülle, zum Zeichen, daß von der Erde selber die Grenzlinien gezogen worden, über welche der Mensch nicht ungefährdet hinausschreiten dürfe. Doch auch in der heißen Zone ist nicht die eigentliche Heimat der Gramineen. Zwar werden nach Süden hinab die Gräser immer prächtiger: auf stolzen Schaften wiegen sich im Strahl einer senkrechten Sonne die glänzenden Blätter und Blüten, luftige, zierliche Arkaden ineinander webend; aber es fehlt ihnen jenes vertraute, gesellige Auftreten, welches wir Nordländer als eine Eigentümlichkeit dieser Pflanze zu betrachten gewohnt sind, und mit ihnen mischen sich in drängendem Gewirr Myrten, Cassien, Cistrosen, Labiaten und andere den nackten Boden verhüllende Kräuter. Zu einem Teile scheint selbst noch der warme Erdstrich dieser grünenden Decke zu entbehren. Die blendenden Farben, mit denen dort die Landschaft geschmückt ist, reizen, aber zerstreuen auch, und man begreift wohl, daß ein deutsches Herz selbst im Hesperidenlande nach dem sanften Grün der heimatlichen Wiesen und ihren stillen Dörfern je zuweilen sich zurücksehnen mag. Denn die gemäßigte, die nordische Region unseres Weltteils, Mitteleuropa vor allem muß man aufsuchen, will man den Blick an duftigen, saftigen Grasflächen weiden.

Hier bedecken gesellig zusammengeschart die Gräser ganze Striche und deuten im Verein mit den gesellig auftretenden Haustieren gewissermaßen sinnbildlich auf das große Gemeinleben der Völker, das unter diesem Himmel seine höchsten Blüten entfaltet. Ohne Wiese ist wenigstens in unserem Norden kaum eine Landschaft denkbar, wenn sie nicht dem Gebirge oder der Heide angehört. Dicht an das märkische Bauerngehöft hin, an die Schwelle der Tür zieht sich der grüne Teppich, der »Wiesenhof« – niederdeutsch Wischhoff –, von keinem Zaune oder Gehege gesperrt, sondern frei in Gebüsch, in Acker und Trift sich verlierend. Ganz Thüringen – was ist es anders, als eine grüne Aue, und wie saftquellend und ruhig senkt sie sich zwischen die goldwallenden Saaten und die rauschenden Waldkuppen hinein! Und soll ich über Deutschland hinausgehen, so brauche ich wohl nur Irland zu nennen, »den Smaragd des Meeres«, um jedes weiteren Beweises überhoben zu sein, daß unter unseren Graden recht eigentlich die Wiese zu suchen sei.

Aber es kommt darauf an, sich näher über den eigentlichen Eindruck zu verständigen, der diese Pflanzenformation begleitet. Das Gras erscheint als eine der ersten Gestaltungen der zeugenden Naturkraft. In das Jugendalter unseres Planeten, als die Erdveste aus dem Ozean tauchte und nun auf ihr der Sonnenstrahl den neuen Trieb des Lebens weckte, in diese Zeit der Anfänge glauben wir uns den zarten, einfachen, unvollkommenen Formen gegenüber versetzt. Denn ein unvollkommenes Gebilde ist das Gras. Es steht höher als die kaum über den Boden erhobenen Geschlechter blütenloser Flechten und Moose, deren Geschäft nur scheint, anderen Gewächsen eine Stätte zu bereiten; aber dennoch ist das Gras nicht mehr als nur ein Beginn entwickelterer Gliederung. Noch hat sich hier die Pflanze nicht abgelöst von der Erde, es breitet sich keine Krone über einen fertig ausgestalteten Stamm, es tritt kein deckendes Blatt- und Zweigwerk heraus, und selbst die Blüte, die an Kraut und Blume sich so farben- und duftreich hervorzuheben pflegt, ist dürftig und schmucklos. Die Pflanze liegt gleichsam noch als Säugling an der nährenden Mutterbrust. Vielleicht ist aber eben deshalb das Gefühl, welches die Grasflur in uns weckt, ein so unschuldig inniges, kindlich rührendes. Es ist, als schwebe über ihr der goldene Traum unserer eigenen Jugend, und sicherlich wird die Schönheit einer Wiese nur von einem Kinde ganz genossen. Wiesen und Kinder, die Feldblumen und die Menschenblumen: eins mag ohne das andere nicht gedacht werden. Auf der Wiese windet das Mädchen den ersten Kranz und stimmt seine Brust zum ersten Liede. Auf der Wiese ist der Tummelplatz des Knaben. Hier darf er nicht verstohlen schleichen, wie im bangen Dunkel des Waldes, hier ist er der gebietende Herr. Er jagt Falter und Käfer, kämpft gegen Erdwespen und Mücken, beschleicht den weidenden Storch und horcht träumend der fern ins Abendrot hinaushallenden Glocke seines Dorfes. Jugendlust, Gefühl der Verjüngung, der Lebenserneuerung: darin liegt der tiefste Zauber der Wiese. Und den empfänglichen Sinn wird eine ähnliche Stimmung auch da anklingen, wo nicht jene Erinnerungen und Ahnungen ihren geheimen Anteil an derselben haben. Darum nimmt den Griechen, wenn er in die Unterwelt hinabsteigt, die blaue Asphodeloswiese auf, deren lichte Blüte ein »ewiges Wiederaufleben, eine sichere Unsterblichkeit verkündete«. Darum findet in dem treuherzigen Märchen von der bösen Stiefmutter und dem guten Kinde, das Kind, das von den Wassergeistern in den Brunnen gezogen worden, drunten eine herrliche Wiese aller Freuden voll, und gleich schön schreibt Luther an sein Hänschen von der feinen Wiese im Paradiesgarten. Ich meine jene Luthersche »Kinderschrift an sein liebes Söhnlein, Hänßchen Luther, darinnen er das Kind zur Gottesfurcht, Gebet und Studien locket«. Sie gehört zu dem Innigsten und Treuherzigsten, was überhaupt in dieser Art geschrieben sein mag. Wußten sich doch auch unsere ältesten Dichter den Himmel eben nicht schöner zu denken als die frühlingsgrüne Erde; der Ort der Seligen heißt ihnen die »grüne Gottesaue« (grôni godes wang), die »Himmelswiese«, auf der die Seelen der Verstorbenen gleich schönen Schmetterlingen schweben.

Dieser leben- und jugendhauchende Eindruck begründet sich, wie schon gesagt, in der Gestaltung der Gräser. Denn trotz ihrer überaus großen Mannigfaltigkeit tragen doch alle denselben ausgeprägten Typus, der sie zur Bildung des ruhigen, gleichen, das Auge erquickenden Wiesenteppichs vorzüglich eignet. Die ganze Pflanze ist nichts als Halm und Blatt; leicht und schlank, jedem Hauche biegsam, erheben sie sich meist gleich dicht und gleich hoch über die Ebene, der sie entsprossen sind. Auf langgezogener Spitzen nicken und wiegen, die zarten, ährenreichen Blütenrispen, deren unscheinbarer, aber kunstvoller Bau dem genaueren Betrachter eine immer neue Quelle genußvollen Forschens öffnet. Blatt an Blatt drängt sich in unabsehbarer Fülle, und über das alles ergießt sich freudig das eine, reine Grün, über dem allen schimmern die Sonnenlichter wie auf einer leisewallenden Flut.

So liegt das Gras in der Tat wie ein leichtes, reizvoll jeder Form sich schmiegendes Gewand über der Erde; eine wohltuende, für unser Gefühl fast untrennbare Hülle des Elements. Unter ihr verborgen ruht das »tote Irdische«; aber über und aus ihr weht der Geist des Lebens, der unbesiegten Schöpferkraft der Natur. Wo Gräser sprossen und Wiesen sich dehnen, da ruft allenthalben den Menschen eine Heimatstimme an. Wo sie fehlen, auf dem Steinrücken der Gebirge, im Sande der Wüste, kann wohl der Eindruck des Gewaltigen die Seele ergreifen und erschüttern; aber das warme, vertraute, zuversichtliche Gefühl des Heimseins und der unvergänglichen Fülle des Lebens mag da nicht gedeihen. Ueber Trümmer, Gräber und Walstätten zieht das Gras die versöhnende, belebende Decke; »es ist Gras darüber gewachsen«, sagt mit inniger und treffender Bezeichnung der Volksmund, wenn ein Leid gestillt und vergessen ist, und aus dem Schmerze leise wieder die Freude kommt. Darum hängt sich an das Gras und die Wiese des Nordländers erste und letzte Hoffnung. Wenn nach trüben Wintertagen der Strahl der Sonne wärmer und voller herabdringt, dann ist es die Wiese, der grasumsäumte Fußpfad, der quellige Rasen, der die ersten grünen Halmspitzen zeigt und dem harrenden Menschen den Sieg des Lichts verkündigt. Hat Sommerglut die Flur versengt und fallen nun die langersehnten befruchtenden Tropfen, so grünt am ersten wieder die Trift; und wenn im Spätherbst längst alle Blumen welk und alle Bäume entblättert stehen, da ist doch die Wiese noch grün und zeigt dem gerührten Auge manche verborgene Blüte, da träumt hier der Herbst den Traum des Frühlings noch einmal nach. Ja, es scheint, als weise schon der Name des Grases selber auf solche unzerstörbare Lebenskraft der Natur. Denn Rasen und Wasen bedeutet eben nichts anderes als das Wachsende, Sprossende, Grünende. Wasen, ein jetzt fast zum Provinzialismus entwerteter Ausdruck, der noch deutlich auf die alte Wurzel ( wahsen, wachsen) zurückweist, während unser Rasen an Gras, unsere Wiese an das lateinische vireo, erinnern mag. Trift (der Ort, wohin zur Weide getrieben wird) bedeutet ebenfalls zunächst das aus der Erde hervor treibende Grün, während Anger wohl nur eine Umformung des lateinischen ager ist und ursprünglich überhaupt Ackerland, Feld bezeichnete. Aue endlich ist wasserfrische, bachumflossene Wiese (mit dem lateinischen aqua, und dem französischen eau gleichen Stammes).]

Und nun dieses tauige Wiesengrün! welches andere käme ihm gleich an Frische und Milde! Die Wissenschaft lehrt, daß im Grün die Gegensätze der Farben zum ruhigen Gleichgewicht verschmelzen. Auf dem ebenen, samtnen Teppich der Wiese muß jedes Auge diesen besänftigenden und doch vollerquickenden Eindruck empfinden. Von Sonnenlicht und Erdfeuchte gesättigt, warm und goldig schimmernd, und hoch darüber die blaue Unendlichkeit des Aethers: wo gäbe es ein ruhigeres, und in dieser Ruhe doch schöneres, anregenderes Bild als die Wiese? Reizend liegt sie im Vollglanz des Sommertages, wenn sich aus dem rötlichen Widerschein, der über die Halme fliegt, die ganze Fülle schaffender Kräfte ahnt; aber ein nicht minder schöner Anblick ist es, wenn stille Wolkenschatten über die Flur schweben und ein Wechselspiel der zartesten Streiflichter entspinnen, oder wenn aus trüben Regenschleiern plötzlich die Sonne mit goldenem Arme herabgreift und nun das feuchte Grün im langen Strahl fast durchsichtig glüht.

In diesen Teppich webt nun die Blumenwelt ihre reichsten Arabesken.

»Kräftig auf blühender Au erglänzen die wechselnden Farben,
Aber der reizende Streit löset in Anmut sich auf.«
(Schiller.)

Zwar solange der Vorfrühling noch keine energischeren Farben und Formen zu zeugen vermag, ist es nur das bescheidene Maßliebchen (Gänseblümchen, Bellis perennis), dessen Gruppen freundlich aus dürftigem Rasen hervorblicken. Es liegt noch halb an der Erde, aber mitten aus dem weißen Sternchen leuchtet ein goldener Herzpunkt, ein erster Sonnenfunken, und bald folgen genügsame Kreuzblütler, hier am Rain das Hirtentäschel( Capsella bursa pastoris) mit seinen dreieckigen Schötchen, das Hungerblümchen ( Draba verna) und dort in wasserreicherem Boden und vollerem Wuchs das würzige Schaumkraut ( Cardamine pratensis): alle noch in das erste schüchterne Weiß gekleidet. Allmählich mischt sich schon warmes und bald feurigstes Gelb in das saftigere Grün. Wo auf hügeliger Strecke ein Gebüsch sich aufstellt, da grüßt uns Primula, veris, die liebliche, vielbesungene Blume. Wie ein Bündlein goldener Schlüssel taumeln am schlanken Stiel die süßduftigen, bienenumsummten Kelche.

»Sie sind Titanias Hofgeleit,
Ihr seht die Fleck' am goldnen Kleid.«
(Shakespeare.)

Auf den Niederungen kommen sonnengelb zahllose Ranunkeln (Hahnenfuß) und im höchsten Glanz der Farbe Caltha palustris (Schmalzblume, Dotterblume, Kuhblume) mit den fetten dunkeln Blättern. Ganze Goldklumpen funkeln da in der Ferne, wahre Strahlengewebe schwimmen im Grün, und dann wieder zieht Schaumkraut und Steinbrech ( Saxifraga grannulata) lange Milchstraßen hinab. Mit der steigenden Sonne steigt die Wiesenflora immer sichtbarer gegen das Rot hin. Das Siebenfingerkraut ( Comarum palustre) hängt seine zierlich braune Glocke aus, die rötliche Rispe des Ampfers ( Rumex) stellt sich felderweis auf, an feuchten Stellen folgt die rote Lychnis (flos cuculi, Lichtnelke, Fleischblume) mit der zerrissenen, flatternden Blüte, folgt der Klee, die alte deutsche Volksliederblume mit dem bedeutungsvollen Dreiblatt und dem roten, honigreichen Köpfchen; aber zugleich erscheinen auch nun die starren, symmetrischen Doldenpflanzen ( Umbelliferae), der Wiesenkümmel ( Carum carvi), die Silge ( Selinum carvifolia), die Pimpernell ( Pimpinella magna), vor allen der Wiesen-Haarstrang ( Peucedanum officinale). Seine herrlich grünen, feinzerschlitzten Blätter drängen sich zu üppigen Polstern oft von mehreren Fuß Durchmesser zusammen, aus deren zartem Gewebe stolz der nackte Stengel sich erhebt, seine aromatischen Blütchen in zahlreiche Schirme sammelnd. Doch sind die Farben der Dolden zu anspruchslos, um nicht gegen die nun ebenfalls zahlreich auftretenden Syngenesisten zu verschwinden. Die bunten Blumen dieser stärksten aller deutschen Pflanzenfamilien vereinigen sich zu schönen großen Strahlenkronen, und beleben das Grün der Wiesen hohem Maße. Leuchtend hebt die große Kamille ( Chrysanthemum leucanthemum) ihren Stern mit gelbem Mittelfelde; neben sie stellt sich sonnenartig die Jacobaea ( Senecio J., Jakobskraut), der Alant ( Inula salicina); das Heer der Leontodonteen (Löwenzahn, Ringelblume) breitet sich aus und zwischen ihnen die Blume des Schotten, die Distel, deren stacheliges, seltsam zersägtes Blattwerk, oft in malerische Rosetten zusammengestellt, mit dem weichen, purpurnen Blütenkopfe eigentümlich kontrastiert. So versinkt zusehends das Grün unter der blendenden Decke der Farben, bis nun auch das Gras seine bescheidenen Blüten zu treiben beginnt. Da schießt Halm an Halm auf, luftig, leicht und immer schwankend. Mit dem graziös geschwungenen Bogen der Glyceria (Mannagras) kreuzt sich anmutig der kürzere des Schwingels ( Festuca); Roßgras ( Holcus, Süßgras) und Windhalm ( Aspera spica venti) lassen ihre Fahnen wehen; Agrostis, die Tanne oder die Palme dieses mikroskopischen Waldes, besetzt ganze Striche. Dazwischen zittert dann und wann ein zierliches Gräschen mit haarfeinem Quirlstengel, so schlank und so elastisch, als sei es ein Stahlfaden. » Bibbernägelken« (Zitternäglein – Briza media) nennt der Niederdeutsche das empfindsame, zarte Pflänzchen, das bei jedem Lufthauch, bei jedem Anlauf einer Ameise, erschreckt die kleinen Herzchen seiner Aehre schüttelt. Das Kammgras ( Cynosurus) hebt ein Zylinderbürstchen in die Höhe, Dactylis glomerata, (Knäuelgras) harte Knäuel – sie sehen fast wie ein Hasenpfötchen –, Alopecurus streckt einen glatten Fuchsschwanz; aber schon hängt am verblühten Wollgras ( Eriophorum) die weiße Seidenflocke, und der Löwenzahn (Pfaffenröhrlein) hat längst seinen gelben Stern in jene wundersame Nebelkugel, in jenes luftige Samengespinst verwandelt, das wie ein grauer Puderkopf mitten in der jungfräulichen Blumenwelt steht und im Winde in hundert gefiederte Körnlein zerstiebt, die nun alle auf ihren Flugschirmen weit durch die Luft ziehen.

Frühlingsluft, Frühlingsatem schwebt über der Flur! Aber wer kann ihn denn beschreiben, diesen milden, reinen, erfrischenden und doch fast duftlosen Duft? Ihm vergleicht sich ungesucht die keuschinnige Dichtung Hartmanns, der ja selber von der Aue war, und auch in unserem Volksliede atmet etwas wie der frische, heilsame Odem der Kräuter. Der volle Strom des Gases, der im Walde aus Wurzel und Wipfel quillt und in der dichten Blätterkuppel gleichsam hermetisch geschlossen ist, berauscht und betäubt; der Wiesenduft löst und klärt sich im Sonnenlichte, er erquickt und macht hell wie ein Quelltrunk. Dort in der grünen Dämmerung ruft der tiefe Ton der Amsel, klagt im schmelzenden Laut die Nachtigall; aber hier über dem sonnigen Plan, im lichtgetränkten Blau frohlockt die Lerche, in unermüdlicher Lust alles erfüllend mit jubelnden Wirbeln. Bienen summen, Grillen zirpen, Schmetterlinge gaukeln über die Blüten, selber wie fliegende Blumen, dort der Argus mit den schwarzen Flügelaugen, hier der schlanke Segelfalter, der prächtige Admiral. Zu dieser emsigstillen, fröhlichen Staffage stimmt der Bach, der sich in seinem weichen Lager so wohl fühlt und in hundert muntern Windungen durchs Gras schnellt. An seinem Ufer träumt der Reiher, aber im schattigen Erlicht zwitschert der Zeisig. Dort weiterhin zieht ein Grenzdamm, »eine Landwehr«, mit Hecken besetzt. Es ist der Schwarzdorn (Schlehe), ein wahres Noli me tangere Rühr-Mich-nicht-an. von Stacheln. Das kreuzt und schränkt sich durcheinander, das kriecht, sticht und starrt zu allen Seiten heraus, und doch gibt der Frühling dem alten Griesgram seinen ersten Kuß. An jedem Dorn sitzt eine grüne Kuppe, als sei er mit Perlen betropft, und während er geizig noch eine ganze Wintererbschaft von dürren Blättern und Halmen festhält, schlägt um ihn das junge Laub schon aus, und bald steht er leuchtend im Schnee von abertausend Blüten. In diesem Verhau lärmt der Schwarm der Feldsperlinge, schrillt und schnurrt der gelbbrüstige Ammer. Aber dem Dorfe zu, das hinter Eichen und Rüstern verborgen, nur mit dem Turme herübergrüßt, klingt Blöken und Geläut der Herden und die Schalmei des Hirten; aus dem Kornfelde die Wachtel lockt im Takt, und weiter drüben vom Waldsaum her orakelt der Kuckuck. Alle diese einfachen, aber hellen, lebensfrohen Stimmen, scheinen sie nicht gleichsam ein Widerklang dieser einfachen, heiteren, lebensfrischen Natur, die hier das Luftrevier geöffnet?

Den fernen Brüchen zu, wo die Seggenwiese ihre trübfarbige Fläche streckt und auf schneidenden Halmen die brandigbraunen Aehren steift, da verstummen diese munteren Laute. Im hohen Grase versteckt schnarrt der Ralle (Wachtelkönig, Wiesenschnarcher), neckend neben uns herlaufend; über dir gellt der »Prärieschrei« des Kiebitzes, der in taumelndem, kopfüberstürzendem, Fluge deinen vordringenden Schritt umkreist; in der Ferne schwingt sich in langsamen Spiralen der Kranich auf, bis er, ein kühner Grotesktänzer, im Blau verschwindet und nur sein hochherabschmetternder Ruf ihn noch verkündigt.

Das Seggenried bedrückt in seiner trüben, steppenartigen Oede; aber die Wiese, die farben- und lebensfrische Graswiese erhebt und weitet die Seele. Wie herrlich leuchtet über der blühenden Flur die Pracht des Sonnenaufgangs und -untergangs! In den dampfenden Morgentau sind funkelnde Regenbogen gewoben; um den Schatten, der neben uns wandelt, zieht sich ein Lichtnimbus; Erd- und Lebensatem steigt stärkend auf; und mit Lust und dankbarer Freude sieht der Mensch die weit, ach so weit aufgetane Hand Gottes. Und wieder am Abend! Wenn da der tiefere Lichtstrom über die träumenden Halme fließt und die roten Ampferrispen im Purpur zittern und alle die luftigen Aehren wie in goldenem Staube schimmern wenn dann die Sonne groß und glühend versinkt und wunderbar der weiße Nebel aufsteigt und das letzte Lerchenlied im Blau ausklingt: welch eine tiefe Wehmut, welch seliges Heimweh löst da das Gemüt!

Aber es kommen die Tage des »Heuens«. Ich brauche es nicht auszumalen, das alte Jugendbild mit seinen klingenden Sensen, mit den singenden Grillen, mit dem Rauschen der Schwaden und dem süßen Duft, in den die Pflanze ihr Leben aushaucht. Dieser Ruchgrasduft, was ginge darüber, wenn es nicht die Lindenblüte ist, und welch eine Welt von Erinnerung weckt er auf! – Sind die Sonnen- und Wonnentage der »Mahd« (Heuernte) vorbei, dann folgt der letzte Nachwuchs. Die Elfen kommen in der Nacht und legen Balsam auf die Wunden, und von neuem sproßt das Gras. Violette Skabiosen, blaue Zichorien und Astern, rote Centaureen und Weidenröschen schmücken den helleren Teppich. Doch die Blüten sind seltener, und ihr Blaurot deutet schon hin auf das herbstliche Ende. Bald wehen die Winde über leere Felder; der Wald entlaubt sich; Kuckuck, Wachtel und Storch sind längst von bannen gezogen; es folgt ihnen die Lerche, und zuletzt bleiben auch die Herden aus. Alles wird still, und der Himmel hüllt sich in neblichte Schleier. Wohl grünt das Gras noch fort, oft in herrlicher Saftfrische gedeihend; und vom spärlichen Sonnenstrahl gelockt, blüht noch immer das fleißige Maßliebchen, manche Ranunkel und zierlicher Augentrost; es brechen die Zeitlosen hervor, die seltsamen blaßblauen Erdflämmchen – aber es sind nur die Irrlichter des absterbenden Blumenlebens. Die Herbstwiese ist doch nicht mehr die Wiese, nach der das Herz sich sehnt, und die der blinde Mann so gerne nur einmal möchte sehen können!


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