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Samuel

Margaret Henan wäre überall und immer aufgefallen, nie aber mehr, als bei meiner ersten zufälligen Begegnung mit ihr. Ich traf sie dabei, wie sie einen wohl zentnerschweren Kornsack über der Schulter trug und sicher, wenn auch ein wenig schwankend, vom Wagen zum Stall schritt, wobei sie, um Kräfte zu sammeln, einen Augenblick am Fuße der hohen Stufen stehenblieb, die zur Kornkammer führten. Es waren vier Stufen, und sie stieg sie Schritt für Schritt, langsam, ohne Schwanken und mit einer solchen verbissenen Sicherheit hinan, daß mir nie der Gedanke gekommen wäre, sie könnte von ihrer Kraft verlassen werden und den Zentnersack fallen lassen; ihre magere, ausgemergelte Gestalt schien unter der Bürde ihre Kraft zu verdoppeln. Sie war offenbar eine alte Frau, und gerade ihr Alter hatte mich veranlaßt, bei dem Karren stehenzubleiben und sie zu beobachten.

Sechsmal ging sie vom Karren nach dem Stall, jedesmal mit einem vollen Sack auf dem Rücken, und ohne irgendwelche Notiz von meiner Gegenwart zu nehmen, obgleich ich die ganze Zeit stehenblieb. Als der Karren leer war, suchte sie nach Streichhölzern und zündete sich eine kurze Tonpfeife an, wobei sie die glimmende Oberfläche des Tabaks mit ihrem harten, offenbar nervenlosen Daumen festdrückte. Die Hände waren bemerkenswert. Sie hatten derbe Knöchel, waren sehnig und von der Arbeit aus der Form gebracht, schwielig, mit stumpfen, abgebrochenen Nägeln und voller vernarbter oder in der Heilung begriffener Schnitte und Risse wie die Hände schwerarbeitender Männer. Auf den Handrücken zeichneten sich dicke Adernstränge ab, die beredt von Alter und Arbeit sprachen. Wenn man sie sah, konnte man kaum glauben, daß es die Hände der Frau waren, die einst die Schönheit der Insel McGill gewesen. Das erfuhr ich natürlich erst später. Damals kannte ich weder ihre Geschichte, noch wußte ich, wer sie war. Sie trug derbe Männerschuhe. Sie hatte keine Strümpfe, und als sie ging, bemerkte ich, daß die faltigen, eisenblechartigen Schuhe, in die sie ihre bloßen Füße gesteckt hatte, bei jedem Schritt um ihre mageren Knöchel schlotterten. Ihr Körper steckte in einem rauhen Männerhemd, das jede Form verwischte, und einem zerlumpten Flanellunterrock, der einmal rot gewesen sein mochte. Was mich jedoch fesselte, war ihr runzliges, ausgemergeltes, wettergebräuntes Gesicht, das von wirrem unfrisierten, strähnigen, ungeglätteten Haar umgeben war. Und weder das verwehte Haar noch das dichte Runzelnetz vermochte die prachtvolle Stirn zu verbergen, die sich hoch und breit wölbte, ohne im geringsten unproportioniert zu wirken.

Die eingefallenen Wangen und die Stupsnase erzählten wenig von dem Leben, das hinter diesen klaren blauen Augen flackerte. Trotz den Tausenden von Runzeln, die sie doch irgendwie welk erscheinen ließen, waren ihre Augen so klar wie die eines jungen Mädchens – klar, wachsam und weitschauend, und so offen und fest und ohne Wimperzucken, daß es einen aus der Fassung brachte. Eigentümlich war der Abstand dieser Augen voneinander. Glücklich der Mann oder die Frau, bei denen der Abstand die Breite eines Auges ausmacht, aber bei Margaret Henan betrug der Abstand zwischen ihren Augen das Anderthalbfache. Ihr Gesicht war jedoch so gleichmäßig geformt, daß diese eigentümliche Bildung nicht unangenehm auffiel und deshalb der Aufmerksamkeit eines nicht zu scharfen Beobachters entging. Dem zahnlosen Mund mit den herabgezogenen Winkeln und den trockenen, pergamentähnlichen Lippen fehlte dennoch die diesem Alter sonst eigene Schlaffheit. Die Lippen hätten die einer Mumie sein können, würden sie nicht einer unerbittlichen Festigkeit Ausdruck verliehen haben. Nicht etwa, daß sie abgezehrt waren. Im Gegenteil, sie schienen gestrafft von einer körperlichen und geistigen Entschlossenheit und einem nicht zu brechenden Eigenwillen. Hier und in den Augen lag das Geheimnis der Sicherheit, mit der sie die schweren Säcke die hohen Stufen hinauftrug und in die Kornbehälter leerte, ohne je einen falschen Tritt zu tun oder aus dem Gleichgewicht zu geraten.

»Sie sind doch zu alt, um so schwer zu arbeiten«, redete ich sie auf gut Glück an.

Sie sah mich mit ihrem eigenartigen Blick an, ohne zu zwinkern. Sie dachte und sprach mit einer Bedächtigkeit, die für sie charakteristisch war. So langsam, als gehörte ihr die Ewigkeit, und als hätte sie keinen Grund zur Eile. Wieder machte ihre ungeheure Sicherheit Eindruck auf mich. In der Ewigkeit, die ihr so unzweifelhaft gehörte, hatte sie Zeit, ihr Gleichgewicht – und damit ihre Sicherheit – zu bewahren. Ebensowenig in ihrem Denken wie beim Tragen des zentnerschweren Getreidesackes bestand die Möglichkeit, fehlzutreten oder das Übergewicht zu erhalten. Ich selbst bekam ein Gefühl von Unsicherheit. Hier war eine menschliche Seele, mit der die meine nur einen ganz verschwindenden Kontakt hatte. Und je mehr ich in den folgenden Wochen von Margaret Henan hörte, um so rätselhafter und ferner wurde sie mir. Sie war mir so fremd wie ein Weltenreisender auf einem fernen Stern, und weder sie noch ihre ländliche Umgebung konnte mir irgendeinen Begriff von ihrer Lebensform, ihren Gefühlsgraden oder ihren Anschauungen, kurz von dem geben, was sie früher gewesen und was sie heute noch war.

»Zweiundsiebzig werde ich am Karfreitag, in vierzehn Tagen«, erwiderte sie auf meine Frage.

»Aber Sie sind doch zu alt, um Männerarbeit zu verrichten, und dazu so schwere«, beharrte ich.

Wieder schien sie sich in diese Atmosphäre sinnender Ewigkeit zu versenken, und so fremdartig wurde ich davon berührt, daß ich nicht überrascht gewesen wäre, wenn ihre Entgegnung mich aus jahrhundertelangem Schlafe geweckt hätte.

»Die Arbeit muß getan werden, und ich habe keine Hilfe.«

»Haben Sie denn keine Kinder, keine Verwandten?«

»O doch, eine ganze Menge, aber sie denken nicht daran, mir zu helfen.«

Sie nahm für einen Augenblick die Pfeife aus dem Munde und fügte dann mit einem Kopfnicken gegen das Haus hinzu: »Ich lebe ganz allein.«

Ich warf einen Blick auf das strohgedeckte, geräumige Haus, den großen Stall und die weiten Felder, von denen ich wußte, daß sie zu dem Gehöft gehören mußten.

»Es ist ein großes Stück Land, das Sie da allein zu bewirtschaften haben.«

»Freilich, ein großes Stück Land. Siebzig Morgen. Es hielt meinen alten Mann und dazu noch einen Sohn und einen Knecht in Atem, ganz zu schweigen von den Tagelöhnern zur Erntezeit und einer Magd im Hause.«

Sie kletterte auf den Wagen, nahm die Zügel in die Hand und sah mich spöttisch mit ihren scharfen, pfiffigen Augen an.

»Sie kommen wohl übers Wasser – aus Amerika, meine ich?«

»Ja, ich bin Yankee«, antwortete ich.

»Sie haben wohl nicht viele Leute von der McGill-Insel in Amerika gesehen?«

»Nein; ich entsinne mich nicht, je einen in den Vereinigten Staaten getroffen zu haben.«

Sie nickte.

»Sie bleiben lieber in der Heimat, wenn das auch nicht heißt, daß sie keine weiten Reisen machen. Aber sie kommen schließlich alle wieder heim, wenn sie nicht ertrinken oder durch das Fieber und ähnliches in fremden Ländern dahingerafft werden.«

»Dann sind Ihre Söhne wohl auch zur See gegangen und wiedergekehrt?« fragte ich.

»Freilich, nur Samuel ist ertrunken.«

Bei der Erwähnung Samuels hätte ich schwören mögen, ein fremdes Licht in ihren Augen aufblitzen zu sehen, und mir schien, als erhielte ich wie durch einen telepathischen Blitz Einblick in eine ungeheure Gedankentiefe und Sehnsucht. Hier mußte der Schlüssel zu ihrer Unergründlichkeit, die Erklärung all ihrer Eigenart sein, man mußte nur weiter schürfen. Ich hatte ein Gefühl, hier einen Kontakt mit ihr gefunden und für einen Augenblick in ihre Seele geblickt zu haben. Die Frage brannte mir im Munde, aber die Alte kam mir zuvor.

Sie trieb die Pferde an und fuhr mit einem »Guten Tag, Herr« davon.

Einfache, häusliche Menschen sind die Bewohner der McGill-Insel, und ich bezweifle, daß irgendwo in der Welt ein so nüchterner und fleißiger Volksschlag zu finden ist. Trifft man sie draußen – und um sie draußen zu treffen, muß man zur See fahren, denn sie sind eine Mischung von Seefahrern und Ackerbauern –, so würde man sie nie für Iren halten. Sie fühlen sich als Iren, reden mit Stolz vorn Norden Irlands und spotten über ihre schottischen Brüder; zweifellos aber sind sie Schotten, die zwar vor grauen Zeiten hierher verpflanzt wurden, aber nichtsdestoweniger Schotten geblieben sind mit all ihren charakteristischen Zügen, ihrer Sprache und der Anhänglichkeit des Schotten an seinen Clan, die sie sich bis auf den heutigen Tag bewahrt haben. Ein schmaler, kaum eine halbe Meile breiter Meeresarm trennt die McGill-Insel von Irland; wenn man jedoch diesen Meeresarm überschreitet, befindet man sich in einem völlig fremden Lande. Der schottische Einfluß ist stark. Zunächst sind die Leute Presbyterianer. Wenn man bedenkt, daß sich auf der ganzen, von siebentausend Menschen bewohnten Insel kein Wirtshaus befindet, so kann man sich einen Begriff von der Mäßigkeit der Gemeinde machen. Alte Bräuche leben noch, die öffentliche Meinung und die Geistlichen haben einen mächtigen Einfluß, und Vater und Mutter werden wie an wenigen Orten dieser Erde verehrt. Nie sieht man nach zehn Uhr abends ein Liebespaar, und kein Mädchen geht mit einem jungen Mann ohne Wissen und Willen der Eltern.

Die jungen Leute gehen aufs Meer, laufen sich in den schmutzigen Hafenstädten die Hörner ab und kehren hin und wieder zwischen den Reisen heim, um bis zehn Uhr mit ihrem Mädchen zu gehen, jeden Sonntag vor dem Geistlichen zu sitzen und zu Hause denselben strengen Unterweisungen zu lauschen, die die Alten ihnen schon predigten, als sie noch Kinder waren. Viel haben die seefahrenden Söhne von Frauen an allen Enden der Welt gelernt, aber es war nur zu ihrem Guten, und nie hat einer eine Frau mit nach Haus gebracht. Die einzige Ausnahme machte der Schulmeister, der die Schuld auf sich lud, sich eine Frau von jenseits des Meeresarms zu holen. Das verzieh man ihm nie, und es hing bis ans Ende seiner Tage wie eine Wolke über ihm. Nach seinem Tode zog seine Frau wieder über den Meeresarm zu ihrem eigenen Volke zurück, und der Fleck auf dem Ehrenschilde der McGill-Insel war ausgelöscht. Schließlich heirateten die Seeleute stets ein Mädchen aus ihrer eigenen Heimat und ließen sich nieder, um die Tugendmuster zu werden, für die die Insel bekannt war.

Die Insel McGill hatte keine Geschichte. Sie rühmte sich keiner jener Ereignisse, aus denen Geschichte wird. Nie hatte es eine Verschwörung oder einen Aufruhr gegeben. Es gab nur eine einzige Gerichtssache, und die war rein technischer Art – eine Feststellung, die ein Pächter auf Rat seines Anwalts gemacht hatte. Die McGill-Insel hatte keine Annalen. Die Geschichte war an ihr vorbeigegangen. Die Bewohner zahlten ihre Steuern, erkannten ihre gekrönten Herrscher an und kümmerten sich nicht um die Welt: alles, was sie dagegen verlangten, war, daß die Welt sich nicht um sie kümmerte. Die Welt bestand aus zwei Teilen: der McGill-Insel und allem anderen. Und was nicht zur McGill-Insel gehörte, war ausländisch und barbarisch. Ja, man wußte Bescheid, denn brachten ihre seefahrenden Söhne nicht Berichte über diese Welt und ihre Gottlosigkeit mit heim?

 

Als Passagier eines Glasgower Frachtdampfers hatte ich auf der Fahrt von Colombo nach Rangoon von dem Schiffer zum erstenmal von der Existenz der McGill-Insel gehört. Und von ihm hatte ich den Brief erhalten, der mir Zutritt zum Hause der Frau Roß, der Witwe eines Handelskapitäns, verschaffte, die mit ihrer Tochter und zwei Söhnen zusammenlebte, welche ebenfalls Kapitäne waren und sich auf See befanden. Frau Roß nahm sonst keine Mieter, und nur der Brief des Kapitäns Roß ermöglichte es mir, Kost und Logis bei ihr zu erhalten. Am Abend nach meiner Begegnung mit Margaret Henan fragte ich Frau Roß und merkte sofort, daß ich tatsächlich an ein Geheimnis geraten war.

Wie die ganze Bevölkerung der McGill-Insel war Frau Roß – das sollte ich bald erfahren – zunächst nicht geneigt, sich überhaupt in ein Gespräch über Margaret Henan einzulassen, Aber soviel erfuhr ich doch an diesem Abend, daß Margaret Henan einst eine der schönsten Frauen der Insel war. Als Tochter eines wohlhabenden Bauern hatte sie den ebenfalls wohlhabenden Thomas Henan geheiratet. Sie war nie gewohnt, mehr zu arbeiten, als der Haushalt mit sich brachte. Sie hatte sich nicht, wie viele Frauen der Insel, an der Feldarbeit beteiligt.

»Aber was ist mit ihren Kindern?« fragte ich.

»Zwei von ihren Söhnen, Jamie und Timothy, sind verheiratet und auf See. Das große Haus neben der Post gehört Jamie. Die unverheirateten Töchter leben bei den Verheirateten – und die anderen sind tot.«

»Die Samuels«, warf Clara, wie mir vorkam, kichernd, ein.

Sie war die Tochter von Frau Roß, eine stämmige junge Frau mit hübschen Zügen und bemerkenswert schönen Augen.

»Darüber ist nicht zu scherzen«, wies die Mutter sie zurecht.

»Die Samuels?« unterbrach ich. »Ich verstehe nicht.«

»Ihre vier verstorbenen Söhne.«

»Und die hießen alle Samuel?«

»Freilich.«

»Merkwürdig«, bemerkte ich in dem eintretenden Schweigen.

»Sehr merkwürdig«, bestätigte Frau Roß, indem sie weiter an der Wolljacke auf ihren Knien drauflosstrickte, einer der unzähligen Jacken, die sie bis ins unendliche für ihre seefahrenden Söhne strickte.

»Und nur die Samuels starben?« forschte ich weiter.

»Die anderen leben noch«, lautete die Antwort. »Eine gute Familie – es gibt keine bessere auf der Insel. Und kein besserer Junge verließ je die Insel. Der Pfarrer hielt sie der jüngeren Generation als Beispiel vor, und nie konnte man etwas über die Mädchen sagen.«

»Aber warum hat man sie jetzt im Alter allein gelassen?« drang ich weiter in sie. »Warum kümmert sich ihr eigen Fleisch und Blut nicht um sie? Warum lebt sie allein? Besuchen die Kinder sie je, oder kümmern sie sich um sie?«

»Nicht ein einziges Mal seit zwanzig Jahren. Sie hat es sich selbst zuzuschreiben. Sie hat sie aus dem Hause getrieben, wie sie den alten Thomas Henan, ihren Mann, in den Tod trieb.«

»Trunksucht?« fragte ich auf gut Glück.

Zornig schüttelte Frau Roß den Kopf, als ob Trunksucht eine für die McGill-Insel undenkbare Schwäche sei.

Eine lange Pause folgte, in der Frau Roß drauflosstrickte und nur ihre Einwilligung nickte, als Claras Freund, ein Matrose auf einem Segler der Shire-Linie, kam, um sie zu einem Spaziergang abzuholen. Ich blickte auf das halbe Dutzend Straußeneier, die wie ein Bündel riesiger Früchte in einer Ecke hingen. Sie waren mit unmöglichen Sturzwellen bemalt, durch die vollgetakelte Schilfe schäumten, mit einem Mangel an Perspektive, der nur durch den ebenso großen Mangel an Technik ausgeglichen wurde. Auf dem Kaminsims lagen zwei große Perlmuttermuscheln, von den geduldigen Händen eines neukaledonischen Sträflings geschnitzt. Mitten auf dem Kamin stand ein ausgestopfter Paradiesvogel, und rings im Zimmer sah man glänzende Muscheln aus den südlichen Meeren, zarte, auf Muscheln angewachsene Korallenzweige und, unter Glas, Assagais aus Südafrika, Streitäxte aus Neuguinea, mächtige, mit heraldischen Totems in Perlstickerei verzierte Tabakbeutel, einen australischen Bumerang, Schiffe in Glasflaschen, einen Kannibalenkochtopf von den Marquesas sowie zarte Schreine aus kostbarem Holz und mit Perlmutter eingelegt aus China und Indien.

Mein Blick schweifte über diese vielfältigen Dinge, die die seefahrenden Söhne heimgebracht hatten, und ich grübelte über das Geheimnis Margaret Henans, die ihren Gatten in den Tod getrieben und von den Ihren verlassen worden. Trunksucht war es nicht. Aber was denn? Irgendeine unerhörte Grausamkeit? Eine furchtbare Untreue? Oder ein schreckliches Vergehen gegen die alten Bauernsitten?

Ich fragte. Aber Frau Roß schüttelte nur den Kopf.

»Nein, das war es nicht«, sagte sie. »Margaret war eine gute Frau und gute Mutter, und ich glaube, sie hätte keiner Fliege etwas zuleide tun können. Sie erzog ihre Kinder in Gottesfurcht und Ehrbarkeit. Aber sie wurde verrückt.«

Frau Roß tippte sich bedeutungsvoll mit dem Finger auf die Stirn.

»Was? Ich habe heute nachmittag mit ihr gesprochen,« wandte ich ein, »und mir schien, daß sie sehr verständig war – sogar besonders geistesfrisch für eine Frau in ihren Jahren.«

»Nun ja, ich will gern alles glauben, was Sie sagen«, fuhr sie ruhig fort. »Aber das meine ich nicht. Ich meine ihre grauenhafte Starrköpfigkeit. Es gibt keinen eigensinnigeren Menschen als Margaret Henan. Und das alles wegen Samuel, wie ihr jüngster Bruder hieß – wie man sagt, ihr Lieblingsbruder – der durch seine eigene Hand starb, weil der Pfarrer den Fehler gemacht hatte, die neue Kirche in Dublin nicht eintragen zu lassen. Sie hätte daraus ersehen können, daß der Name Unglück brachte, aber sie wollte es nicht wahr haben, und es gab viel Gerede, als sie ihr erstes Kind Samuel nannte – das Kind, das an Diphtherie starb. Und was tat sie dann? Sie mußte unbedingt ihr nächstes Kind wieder Samuel nennen, und es war keine drei Jahre alt, als es in den Waschtrog fiel und sich im heißen Wasser zu Tode verbrühte. Ich sage Ihnen, es kam alles nur von ihrer grauenhaften Starrköpfigkeit. Sie mußte einen Samuel haben; und das wurde der Tod von vieren ihrer Söhne. Ihre eigene Mutter warf sich ihr zu Füßen und bettelte und flehte, daß sie den nächsten nicht Samuel nennen sollte. Aber sie war nicht davon abzubringen. Margaret Henan hatte immer einen eisernen Kopf, aber nie mehr, als wenn es den Namen Samuel galt.

Sie war ganz versessen auf Samuel. Als der zweite getauft werden sollte – der später verbrühte –, wurde es der ganzen Nachbarschaft und selbst ihrer Familie zuviel. In dem Augenblick, als der Geistliche fragte, wie das Kind heißen sollte, und sie Samuel sagte, standen alle auf und gingen nach Hause. Tante Fannie, die Schwester ihrer Mutter, wandte sich in der Tür um und sagte laut, daß alle es hören konnten: ›Warum willst du das kleine Wesen morden?‹ Der Pfarrer selbst fand es unrecht, aber wie er später zu meinem Larry sagte: Was konnte er tun? Die Frau wollte es, und es gab kein Gesetz, das eine Mutter hindern konnte, den Namen ihres Kindes zu bestimmen.

Und wie ging es mit dem dritten Samuel? Als er beim Kap ertrank, verging sie sich gegen alle Gesetze der Natur und wollte einen vierten haben. Sie war siebenundvierzig, so wahr ich hier sitze, und mit siebenundvierzig bekam sie ein Kind. Denken Sie: Mit siebenundvierzig! Es war ein Skandal.«

 

Clara erzählte mir am nächsten Morgen die Geschichte von Margaret Henans Lieblingsbruder, und in der folgenden Woche brachte ich bruchstückweise die Tragödie Margaret Henans zusammen. Samuel Dundee war der jüngste von Margarets vier Brüdern gewesen, und wie Clara erzählte, hatte sie ihn vergöttert. Er wollte als Kapitän eines Seglers der Bank-Linie eine Reise antreten, und vorher heiratete er Agnes Hewitt. Sie war ein schlankes Mädchen mit zarten Zügen und von einer überempfindlichen nervösen Veranlagung. Ihre Trauung war die erste in der neuen Kirche, und nach zwei kurzen Flitterwochen sagte Samuel seiner jungen Frau Lebewohl und reiste ab als Kapitän der Loughbank, einer großen Viermastbark.

Und die neue Kirche gab den Anlaß zu dem Irrtum des Pfarrers. Aber, wie ein hoher Geistlicher später erklärte, war es nicht der Fehler des Pfarrers allein, sondern der des ganzen Presbyteriums von Coughleen, das fünfzehn Kirchen der Insel McGill und Irlands umfaßte. Die alte baufällige Kirche war niedergerissen und die neue auf ihren Grundmauern erbaut worden. Der Pfarrer und das Presbyterium betrachteten die Grundmauern etwa wie den Kiel eines Schiffes, und es kam ihnen nie in den Sinn, daß die neue Kirche in rechtlicher Beziehung etwas anderes sein sollte als die alte.

»In der ersten Woche wurden drei Paare in der neuen Kirche getraut«, sagte Clara. »Zuerst Samuel Dundee und Agnes Hewitt, am nächsten Tage Albert Mahan und Minnie Duncan und am Ende der Woche Eddie Troy und Flo Mackintosh. Alle Männer waren Seeleute, und sechs Wochen später war der letzte von ihnen auf seinem Schiffe auf und davon, und keiner ließ sich träumen, daß er etwas Unrechtes getan hätte.«

Der Teufel muß sich über die Geschichte gefreut haben. Er hätte es selbst nicht besser machen können. Die Trauungen hatten in der ersten Woche des Mai stattgefunden, und erst drei Monate später sandte der Pfarrer seinen Quartalsbericht, wie es das Gesetz verlangte, an die Behörden in Dublin. Umgehend kam die Antwort, daß seine Kirche keine gesetzliche Existenz hätte, da sie nicht eingetragen sei. Diese Eintragung wurde nun sofort erledigt, aber die Sache mit den Trauungen konnte nicht so schnell in Ordnung gebracht werden. Die drei seefahrenden Ehemänner waren fort, und ihre Frauen waren ... kurz, sie waren nicht ihre Frauen.

»Aber der Pfarrer wollte die Gemeinde nicht beunruhigen«, sagte Clara. »Er bedachte sich und beschloß abzuwarten, bis die Burschen von See zurückkämen. Wie es der Zufall will, ist er gerade zu einer Taufe auf der anderen Seite der Insel, als Albert Mahan, dessen Schiff in Dublin im Dock liegt, unerwartet zu Hause eintrifft. Es ist neun Uhr abends, und der Pfarrer sitzt in Pantoffeln und Schlafrock da, als er die Nachricht erhält. Er springt auf, ruft nach Pferd und Sattel, und wie der Wind geht es zu Albert Mahan. Albert ist gerade dabei, zu Bett zu gehen, und hat schon einen Schuh ausgezogen, als der Pfarrer kommt.

›Kommen Sie mit, beide!‹ sagt er atemlos. ›Warum denn, ich bin todmüde und will ins Bett‹, sagt Albert. ›Sie sollen gesetzmäßig getraut werden‹, sagt der Pfarrer. Albert sagt ärgerlich: ›Sie scherzen wohl, Herr Pfarrer‹, glaubt aber, der Pfarrer hätte sich auf seine alten Tage dem Whisky ergeben.

›Wir sollen nicht verheiratet sein?‹ sagte Minnie. Er schüttelt den Kopf. ›Und ich bin nicht Frau Mahan?‹ ›Nein.‹ sagt er, ›Sie sind nicht Frau Mahan, Sie sind nur Fräulein Duncan.‹ ›Aber Sie haben uns doch getraut‹, sagt sie. ›Das tat ich, aber ich tat es doch nicht‹, sagt er, und dann erzählt er ihnen die ganze Geschichte, und Albert zieht seinen Schuh wieder an, sie gehen mit dem Pfarrer und werden richtig und gesetzlich getraut. Albert Mahan hat später oft gesagt: ›Es gibt nicht viele auf der McGill-Insel, die zwei Hochzeitsnächte gehabt haben.‹«

Sechs Monate später kam Eddie Troy nach Hause und wurde prompt zum zweitenmal getraut. Samuel Dundee aber befand sich auf einer dreijährigen Fahrt, und sein Schiff wurde überfällig. Um die Situation noch mehr zu verwirren, wartete ein zweijähriger Knabe in den Armen seiner Frau auf ihn. Monat auf Monat verstrich, und die Frau grämte sich. »Ich denke nicht an mich,« soll sie oft gesagt haben, »nur an das arme vaterlose Kind. Was wird aus dem Jungen, wenn Samuel etwas zustößt?«

Der Lloyd setzte die Loughbank auf die Vermißtenliste, und die Reeder hörten auf, das halbe Gehalt Samuels monatlich an seine Frau auszuzahlen. Die Frage, ob das Kind den Namen seines Vaters trug, zermarterte das Hirn der armen Frau, und als jede Hoffnung auf Samuels Rückkehr geschwunden war, ertränkte sie sich und das Kind im Meer. Und nun kam das Schlimmste. Die Loughbank war gar nicht verloren. Infolge einer Reihe von Zwischenfällen, die mit dieser Geschichte nichts zu tun haben, hatte sie eine jener langen Reisen in gänzlich unbefahrenen Gewässern gemacht, wie sie nur ein- oder zweimal in einem halben Jahrhundert vorkommen. Wie der Teufel sich die Seiten gehalten haben muß! Samuel kam heim, und als man ihm die Nachricht brachte, muß irgend etwas in seinem Kopf oder seinem Herzen zerbrochen sein. Am nächsten Morgen fand man ihn auf dem Grabe seiner Frau und seines Kindes, wo er einen Selbstmordversuch gemacht hatte. Nie in der Geschichte der McGill-Insel hat es einen so entsetzlichen Tod gegeben. Er spie dem Pfarrer ins Gesicht, schmähte ihn und starb unter so furchtbaren Gotteslästerungen und Schmähungen, daß die Anwesenden dem Sterbenden mit abgewandtem Blick und zitternden Händen die letzte Pflege zuteil werden ließen.

Und angesichts all dieser Ereignisse nannte Margaret Henan ihr erstes Kind Samuel.

 

Wie soll man sich die Starrköpfigkeit dieser Frau erklären? War es eine krankhafte Manie, daß sie eines ihrer Kinder Samuel nennen mußte? Ihr drittes Kind war ein Mädchen, das sie nach sich selbst benannte, und das vierte war wieder ein Knabe. Trotz der Schicksalsschläge, die sie getroffen hatten, und trotzdem sich viele Freunde und Verwandte von ihr abwandten, bestand sie auf dem Entschluß, das Kind nach ihrem Bruder zu nennen. Ihre Kindheitsfreunde ließen sie in der Kirche stehen. Ihre eigene Mutter verließ nach einem letzten Flehen das Haus mit der Drohung, nie wieder ein Wort mit ihr zu sprechen, wenn sie das Kind so nannte. Und obgleich die alte Dame noch mehr als dreißig Jahre lebte, hielt sie Wort. Der Pfarrer erklärte, dem Kind jeden anderen Namen als Samuel geben zu wollen, und alle Geistlichen auf der McGill-Insel weigerten sich, das Kind auf den von ihr gewählten Namen zu taufen. Man sprach davon, daß Margaret Henan die Absicht hätte, das Gesetz zu Hilfe zu rufen, aber schließlich brachte sie das Kind nach Belfast und ließ es dort Samuel taufen.

Es geschah nichts. Die ganze Insel wurde widerlegt. Der Knabe wuchs und gedieh. Der Schulmeister gestand immer wieder, daß es der prächtigste Junge war, den er je gesehen hatte. Samuel hatte eine prachtvolle Konstitution und einen mächtigen Lebensdrang. Zur Verwunderung aller entging er den gewöhnlichen Kinderkrankheiten. Masern, Keuchhusten und Ziegenpeter kamen nicht zu ihm. Er war gewappnet gegen alle Keime, immun gegen jede Krankheit. Kopfweh und Ohrenschmerzen waren ihm unbekannt. Nie wurde seine gesunde Haut, wie die alten Leute mir erzählten, von einem Furunkel, auch nur einem Pickel verunziert. In der Schule erhielt er Auszeichnungen für seine Leistungen sowohl im Lernen wie im Sport, und er stach alle Jungen seines Alters auf der McGill-Insel aus. Margaret Henan triumphierte. Dieser Prachtjunge gehörte ihr und trug den geliebten Namen. Mit einziger Ausnahme ihrer Mutter kamen ihre Freunde und Verwandten wieder zu ihr und gaben zu, daß sie sich geirrt hätten; nur die alten Weiber beharrten auf ihrem Glauben und schüttelten die Köpfe bedenklich über den Teetassen: Der Junge sei zu prächtig, als daß es so bleiben könnte. Er könnte dem Fluch des Namens nicht entgehen, den seine schlechte Mutter ihm gegeben. Die jüngere Generation gab Margaret Henan recht und lachte die alten Weiber aus, aber die blieben bei ihrem Köpfeschütteln.

Margaret Henan bekam andere Kinder. Ihr fünftes war wieder ein Junge, den sie Jamie nannte, und dann folgten schnell drei Mädchen, Alice, Sara und Nora, der Knabe Timothy und noch zwei Mädchen, Florence und Katie. Katie war das elfte und letzte Kind; noch mit fünfunddreißig Jahren gebar Margaret Henan, dann keines mehr. Sie hatte das ihre für die McGill-Insel und die Königin getan. Neun gesunde Kinder gehörten ihr. Alle gediehen prächtig. Ihr Unglück schien sich mit dem Tod der beiden ersten Kinder Genüge zu tun. Neun lebten, und eins davon hieß Samuel.

Jamie wählte den Beruf des Seemanns, wenn man auch kaum von einer Wahl sprechen kann, denn immer blieben nur die ältesten Söhne der McGill-Insel an Land, während alle andern Seeleute wurden. Timothy folgte Jamie, und als Jamie sein erstes Kommando auf einem Cardiffer Dampfer erhalten hatte, wurde Timothy Steuermann auf einem großen Segelschiff. Samuel aber bestellte den Boden nicht mit Freude. Das Leben eines Bauern hatte keinen Reiz für ihn. Seine Brüder gingen zur See, nicht, weil es sie dazu trieb, sondern weil es die einzige Möglichkeit für sie war, ihr Brot zu verdienen; und er, der nicht zu gehen brauchte, beneidete sie, wenn sie, von weiten Reisen zurückgekehrt, am Herdfeuer saßen und ihre wilden Geschichten von den Wunderländern hinter dem Horizont erzählten.

Samuel wurde, sehr zum Verdruß seines Vaters, Lehrer und ging sogar nach Belfast, um dort mehrere Prüfungen zu bestehen. Als der alte Lehrer sich zur Ruhe setzte, übernahm Samuel seine Schule. Heimlich aber studierte er Navigation, und es war das Entzücken Margarets, wenn er am Herdfeuer saß und seine Brüder in theoretischen Fragen ihres Berufes ausstach. Tom Henan aber war außer sich, als Samuel, der Schulmeister, der Herr und Erbe des Henanschen Gutes, als einfacher Matrose zur See ging. Margaret glaubte unbeirrbar an den Stern ihres Sohnes, und sie war sicher, daß alles, was er tat, zu seinem Besten ausgehen mußte. Wie immer in seinem Leben ging es Samuel auch jetzt: Noch nie hatte man einen so raschen Aufstieg gesehen. Nach einer Matrosenzeit von kaum zwei Jahren wurde er zweiter Steuermann. Das geschah in einem Fieberhafen der Westküste, und die Schiffer, die ihn prüften, gaben einstimmig zu, daß er von Navigation mehr wußte, als sie wußten oder je gewußt hatten. Zwei Jahre später fuhr er, mit dem Steuermannszeugnis für große Fahrt in der Tasche, als erster Offizier der Starry Grace von Liverpool ab. Und dann geschah das, was die alten Weiber jahrelang prophezeit hatten.

Mir hat es Gavin McNab erzählt, der damals Bootsmann auf der Starry Grace war und selbst von der McGill-Insel stammte.

»Ich erinnere mich gut daran«, sagte er. »Wir liefen ostwärts und hatten schweres Wetter. Er war ein Seemann, so gut wie nur je einer auf einem Deck stand, der Samuel Henan. Ich erinnere mich noch an seinen Blick am letzten Morgen, als die riesige Sturzsee von achtern kam, und er beobachtete, wie das alte Mädel sich hielt. Der Schiffer war seit Tagen unten und trank. Gegen sieben Uhr drehte Henan bei, da er nicht länger dieser furchtbaren See zu trotzen wagte. Um acht, nach dem Frühstück, geht er nach unten, und eine halbe Stunde später kommt der Schiffer, triefäugig und wankend, an das Treppengeländer geklammert. Er hatte gehörig einen sitzen, das kann ich Ihnen sagen, und da stand er nun schlucksend und hielt Selbstgespräche. ›Abhalten‹, sagt er schließlich zum Rudergast. ›Um Gotteswillen‹, sagt der zweite Steuermann, der neben ihm steht. Der Schiffer sieht überhaupt nicht hin, sondern redet weiter vor sich hin. Plötzlich richtet er sich auf, wirft den Kopf zurück und schreit: ›Rum das Rad, Mann – los, zum Teufel! Bist du taub?‹

Es war das Glück eines Betrunkenen, daß die Starry Grace diesen unerhörten Sturm abritt, ohne auch nur einen Eimer Wasser überzunehmen; der zweite Steuermann schrie die Befehle, und die Mannschaft sprang wie verrückt. Und dann nickte der Schiffer zufrieden und ging nach unten, um weiter zu trinken. Es war der reine Massenmord, denn das größte Schiff konnte sich bei der See nicht halten. Ich habe nie im Leben etwas Ähnliches gesehen! Man kann sich überhaupt keine Vorstellung davon machen, und ich habe doch in den vierzig Jahren, die ich als Knabe und als Mann die See befahre, allerhand erlebt. Ich sage Ihnen, es war entsetzlich.

Der zweite Steuermann war weiß wie der Tod. Er blieb eine halbe Stunde auf seinem Posten, dann wurde es zuviel für ihn, und er ging nach unten, um Samuel und den dritten Steuermann zu holen. Ja, ein Prachtkerl von Seemann war dieser Samuel, aber das war zuviel für ihn. Er sah aufs Meer und dachte nach, fand aber keinen Ausweg. Beizudrehen wagte er nicht. Die Starry Grace wäre glatt gekentert, ehe wir sie herumgekriegt hätten. Es war nichts zu tun als weiterzulaufen. Und wenn es noch schlimmer wurde, waren wir sowieso verloren, denn früher oder später mußte diese See die Achterhütte und alles, was an Deck stand, wegschwemmen.

Ich sagte, daß es ein unerhörter Sturm war. Aber Sturm ist gar kein Ausdruck dafür. Der Teufel selbst muß die Hand im Spiel gehabt haben, so fürchterlich war es. Ich habe manches gesehen, aber so etwas nie. Keiner wagte, in der Koje zu bleiben, und auf Deck auch nicht. Wir klammerten uns alle irgendwo an und beobachteten. Die drei Steuermänner standen auf der Achterhütte, zwei Mann am Rad, und der einzige, der unten war, war dieser whiskysaufende Kapitän, der seinen Rausch ausschlief.

Und dann sah ich es kommen. Eine Meile fort hob es sich über alle Wellen, wie eine Insel über das Meer – die größte See, die ich je gesehen habe. Die drei Steuermänner standen zusammen, beobachteten, wie sie näher kam, und beteten gleich uns, daß sie nicht brechen sollte, wenn sie uns erreichte. Aber es sollte nicht sein. Wie ein Berg erhob sie sich, wölbte sich über dem Heck und löschte den Himmel aus. Der zweite und der dritte Steuermann liefen zu den Besamwanten und kletterten hinauf, der erste aber sprang ans Rad, um es zu halten. Er hatte ein tapferes Herz, der Samuel Henan. Er lief geradeswegs hinein in das Gesicht dieses Vaters aller Wellen, er dachte nicht an sich, nur an das Schiff. Die beiden Rudergasten waren ans Rad festgebunden, aber er war bereit, zur Hand zu sein, wenn sie getötet wurden. Und dann kam es. Wir konnten von unserem Standpunkt aus die Achterhütte nicht mehr sehen, denn Tausende von Tonnen Wasser hatten das Schiff getroffen. Die Wellen machten reinen Tisch. Nahmen alles mit: die beiden Steuermänner, die im Begriff waren, in die Wanten zu klettern, Samuel Henan, der ans Rad sprang, die beiden Rudergasten und dazu das Rad selbst. Wir haben nie wieder etwas von ihnen gesehen, denn als das Rad über Bord gegangen war, luvte das Schiff auf. Von uns andern fehlten zwei, nicht zu reden vom Zimmermann, den wir auf der Achterhütte auflasen; ihm war jeder Knochen im Leibe zerbrochen, er war nichts mehr als Brei.«

 

Und nun kommt das Wunder, das unerhörte Wunder von dem heroischen Geist dieser Frau. Margaret Henan war siebenundvierzig Jahre alt, als die Nachricht vom Tode Samuels kam. Aber es dauerte nicht lange, so ging ein unglaubliches Gerücht über die Insel. Ich sage unglaublich, jedenfalls wollte die McGill-Insel es nicht glauben. Doktor Hall tat es mit Geringschätzung ab, und jedermann belachte es als einen guten Witz. So ging es wieder zurück zu Sara Dack, der Magd Henans, die allein mit Margaret und ihrem Mann lebte. Aber Sara Dack bestand auf ihrer Behauptung und mußte es sich gefallen lassen, eine nichtsnutzige Lügnerin genannt zu werden. Einer oder zwei wagten es, Tom Henan zu fragen, bekamen aber nur böse Blicke und Flüche zur Antwort.

Das Gerücht legte sich, die Insel hatte bald genug anderes zu reden, als sie den Untergang der Grenoble im Chinesischen Meer mit allen Offizieren und der halben Mannschaft erfuhr, die auf der McGill-Insel geboren und verheiratet war. Aber das Gerücht kam wieder. Die Behauptungen Sara Dacks wurden sicherer, die Blicke, die Tom Henan um sich warf, wilder als je, und als Doktor Hall einen Besuch im Hause der Henans abgestattet hatte, behandelte er die Angelegenheit nicht mehr geringschätzig. Da erhob sich auf der McGill-Insel ein ungeheures Gerede. Das war unnatürlich und gottlos. Nie hatte man etwas Derartiges gehört. Und als mit der Zeit offenbar wurde, daß Sara Dack die Wahrheit gesprochen hatte, kam das Inselvolk zu demselben Ergebnis wie der Bootsmann der Starry Grace: Bei einem so unerhörten Ereignis mußte der Teufel seine Hand im Spiele haben. Dazu bestand das verblendete Weib, wie Sara Dack berichtete, darauf, daß es ein Knabe sein sollte. »Elf Kinder habe ich geboren,« sagte sie, »sechs Mädchen und fünf Knaben, und da alles in der Natur im Gleichgewicht bleiben muß, so muß es das auch bei mir. Ein halbes Dutzend von jeder Sorte – das ist das Gleichgewicht, und so sicher wie die Sonne morgens aufgeht, so sicher wird es ein Junge sein.«

Und ein Junge war es und ein Wunder dazu. Doktor Hall geriet außer sich über seine körperliche Vollkommenheit und Kraft und berichtete darüber an die Medizinische Gesellschaft in Dublin als den interessantesten Fall seiner langen Praxis. Als Sara Dack von dem unglaublichen Gewicht des Kindes erzählte, wollte die McGill-Insel ihr nicht glauben und nannte sie wieder eine Lügnerin. Als aber Doktor Hall es bestätigte und sagte, daß er das Kind selbst gewogen hätte, hielt die McGill-Insel den Atem an und glaubte von jetzt an alles, was Sara Dack über die Fortschritte, die das Kind machte, oder über seinen Appetit berichtete. Und wieder trug Margaret ein Kind nach Belfast und ließ es Samuel taufen.

 

»Gut wie ein Engel«, erzählte Sara Dack mir. Sara war zu der Zeit, als ich sie traf, eine wohlbeleibte, phlegmatische alte Jungfer von sechzig Jahren und hatte so viel Trauriges und Ungewöhnliches erlebt, daß sie, obwohl ihre Zunge schon seit Jahrzehnten lief, immer noch ihre Freundinnen in Atem halten konnte.

»Gut wie ein Engel«, sagte Sara Dack. »Er weinte nie. Er wurde in die Sonne gesetzt und gab nicht einen Laut von sich, solange er nicht hungrig war. Und stark! Mit seinen Händen griff er zu wie ein Mann. Ich weiß noch, wie er mich, als er erst wenige Stunden alt war, so kräftig packte, daß ich vor Schreck fast geschrien hätte. Er war der Gipfel der Gesundheit. Er schlief, aß und wuchs. Er quälte einen nie, man brauchte ihm nicht eine Stunde, nicht eine Minute Schlaf zu opfern, und das beim Zahnen und allem andern. Und Margaret pflegte ihn auf den Knien zu schaukeln und zu fragen, ob je ein solcher Junge im ganzen Reich gelebt hätte. Sein Wachstum! Er wuchs im selben Verhältnis, wie er aß. Mit einem Jahr hatte er die Größe eines zweijährigen Kindes. Nur im Gehen und Sprechen war er zurück. Er gurgelte nur einige Kehllaute und kroch auf allen vieren. Aber das konnte man bei der Schnelligkeit seines Wachstums nicht anders erwarten. Alles versprach, daß er stark und gesund würde. Und selbst der alte Tom Henan wurde heiter und sagte, etwas Derartiges hätte es im ganzen Reich noch nicht gegeben. Doktor Hall war der erste, der Verdacht schöpfte. Ich erinnere mich noch daran, obwohl ich damals wenig ahnte, was es bedeutete. Ich sah, wie er dem kleinen Sammy Gegenstände vor die Augen hielt und verschiedenartige Geräusche vor seinen Ohren ertönen ließ. Und dann sah ich Doktor Hall mit gerunzelten Brauen und kopfschüttelnd fortgehen, als ob das Kind krank wäre. Aber es war nicht krank, darauf hätte ich schwören können, ich, die es essen und wachsen sah. Aber Doktor Hall sagte kein Wort zu Margaret, und ich konnte nicht erraten, warum er so bestürzt war.

Ich weiß noch, wie der kleine Sammy zum erstenmal sprach. Er war zwei Jahre alt und hatte die Größe eines fünfjährigen Knaben, aber er konnte nicht gehen, kroch nur auf Händen und Füßen herum, glücklich und zufrieden, ohne je unruhig zu werden, wenn man ihn nur rechtzeitig fütterte, was ungewöhnlich oft geschah. Ich hing die Wäsche auf die Leine, als er, mit dem großen Kopf wackelnd und in die Sonne blinzelnd, auf allen vieren herausgekrochen kam. Und da sprach er plötzlich. Ich war bestürzt, ich starb beinahe vor Furcht, denn jetzt verstand ich, warum Doktor Hall den Kopf geschüttelt hatte. Sprach er? Nie hatte man ein Kind auf der McGill-Insel so laut und so seltsam sprechen hören. Es war nicht mißzuverstehen. Am ganzen Leibe zitternd stand ich da. Der kleine Sammy iahte. Ich versichere Ihnen, Herr, er iahte wie ein Esel – genau so laut, lange und fröhlich, bis es schien, daß seine Lungen bersten müßten.

Er war Idiot – ein schreckliches, großes Ungeheuer. Jetzt sagte der Arzt es Margaret, aber sie wollte ihm nicht glauben. Er würde schon werden, sagte sie. Er wäre nur zu schnell gewachsen. Wir müssen ihm nur Zeit lassen, sagte sie; aber der alte Tom Henan wußte Bescheid, und er hob nie wieder den Kopf. Das Kind war ihm unerträglich, und er konnte sich nicht überwinden, es je zu berühren, wenn ich auch nicht leugnen kann, daß es ihn immer wieder anzog. Oft sah ich ihn, wie er es, um eine Ecke lugend, anstarrte, bis ihm die Augen vor Entsetzen zum Kopf herausquollen; und wenn es iahte, steckte der alte Tom sich die Finger in die Ohren und sah bemitleidenswert aus.

Aber iahen konnte es! Das war das einzige, außer Essen und Wachsen. Wenn es hungrig war, iahte es, und dann konnte man es nicht zum Schweigen bringen, bis man ihm zu essen gab. Und jeden Morgen kroch es in die Küchentür, blinzelte die Sonne an und iahte. Und das Iahen war es auch, das schuld an seinem Tode wurde.

Ich weiß es noch gut. Er war drei Jahre alt und so groß wie ein zehnjähriger Junge. Dem alten Tom ging es von Tag zu Tag schlechter, er pflügte die Felder auf und ab und hielt dabei Selbstgespräche. An dem Morgen saß er gerade auf einer Bank vor der Küche, um eine Axt mit einem neuen Stiel zu versehen. Ohne daß er es merkte, kroch der Idiot in die Tür und iahte nach seiner Weise die Sonne an. Ich sah, wie der alte Tom aufsprang. Vor ihm hockte das Ungeheuer, wackelte mit dem dicken Kopf und iahte wie ein großer starker Esel. Das war zuviel für Tom. Er sprang auf und hieb dem Idioten die Axt auf den Kopf. Immer wieder schlug er zu, als ob er einen tollen Hund vor sich hätte. Dann ging er in den Stall und hing sich an einem Dachsparren auf.

Da konnte ich es nicht mehr aushalten und ging zu meiner Schwester, die wohlhabend war und im Begriff stand, sich mit John Martin zu verheiraten.«

 

Ich saß auf der Bank neben der Küchentür und beobachtete Margaret Henan, wie sie mit ihrem harten Daumen die schwelende Glut ihrer Pfeife festdrückte und über die dunklen, in der Dämmerung daliegenden Felder starrte. Es war eben die Bank, auf der Tom Henan an jenem blutigen Tage, dem letzten seines Lebens, gesessen hatte. Und Margaret saß im Torweg, in dem die Mißgeburt so oft die Sonne angeblinzelt, mit dem Kopf gewackelt und iaht hatte. Eine Stunde lang hatten wir miteinander geredet, sie mit der langsamen Sicherheit der Ewigkeit, die ihr so anstand.

Und es war mir unmöglich gewesen, mich in dem Labyrinth ihrer Seele zurechtzufinden. War sie eine Märtyrerin der Wahrheit? Hatte sie einem inneren Zwange gehorcht, der sie ein Heiligtum anbeten ließ? Hatte sie an dem Tage, als sie ihren Erstgeborenen Samuel nannte, erkannt, daß Wahrheit das einzige hohe Ziel menschlichen Strebens war? Oder war es nichts als trotziger Eigensinn? Die Halsstarrigkeit eines Ochsen? Die Beharrlichkeit eines durchgehenden Pferdes? Die Dummheit eines eigenwilligen Bauernschädels? War es Liebe oder Phantasie? – Eine einzige Anwandlung von Verrücktheit in einem sonst so ungeheuer vernünftig denkenden Hirn? Oder besaß sie, im Gegenteil, den Geist eines Giordano Bruno? War sie selbst von der Richtigkeit ihres Standpunktes überzeugt? Hatte sie aus einer ständigen bewußten Opposition gegen den Aberglauben gehandelt? Oder – und das war vielleicht ein besserer Gedanke – wurde sie von einem unermeßlicheren, tieferen Aberglauben beherrscht, von einer fetischartigen Anbetung, deren Anfang und Ende das geheime Zeichen Samuel war?

»Wollen Sie mir sagen«, sagte sie, »daß der zweite Samuel nicht in das heiße Wasser gefallen und verbrüht wäre, wenn ich ihn Larry genannt hätte? Sie machen einen intelligenten Eindruck, Herr; unter uns: Würde der Name irgend etwas geändert haben? Wäre an dem Tage nicht gewaschen worden, wenn er Larry oder Michael geheißen hätte? Wäre das Wasser nicht heiß gewesen, oder hätte das heiße Wasser ihn nicht verbrüht, wenn er einen andern Namen als Samuel gehabt hätte?«

Ich gab zu, daß ihre Schlüsse vernünftig waren, und sie fuhr fort:

»Kann die Nichtigkeit eines Namenswechsels die Pläne Gottes ändern? Regiert Unsinn die Welt, und ist Gott ein schwaches, ratloses Geschöpf, daß er die Wege des Schicksals ändert, wenn ein Wurm wie Margaret Henan es für gut befindet, ihr Kind Samuel zu nennen? Sehen Sie meinen Sohn Jamie. Er heuert in seiner Mannschaft keinen Finnen an, weil er glaubt, daß die Finnen Wind und Wetter machen können. Glauben Sie daran? Können Sie glauben, daß Gott, der die Winde wehen läßt, sein Haupt neigt, um das Wort eines schmutzigen Finnen auf einem schmutzigen Schiff zu hören?«

Ich sagte nein, sicher nicht; aber sie verbohrte sich weiter in ihre Beweisführung und kam immer wieder auf den Ausgangspunkt zurück.

»Glauben Sie etwa, daß Gott, der den Lauf der Sterne lenkt und dem die Welt nur ein Fußschemel für seine mächtigen Füße ist, glauben Sie, daß er Margaret Henan haßte und eine große Woge bei Kap Horn schickte, um ihren Sohn in die Ewigkeit zu spülen, daß er das alles nur tat, weil sie ihn Samuel genannt hatte?«

»Aber warum nannten Sie ihn Samuel?« fragte ich.

»Ich weiß es nicht. Ich wollte es.«

»Aber warum wollten Sie es?«

»Kann ich eine solche Frage beantworten? Gibt es einen Toten oder einen Lebenden, der sie beantworten könnte? Wer kann das Warum solcher Dinge erklären? Mein Jamie war ganz wild auf Buttermilch; er pflegte sie, wie er selbst sagte, eimerweise hinunterzugießen. Mein Timothy aber konnte Buttermilch nicht leiden. Ich liebe es, dem Grollen, dem Brüllen und Tosen des Donners zu lauschen. Meine Katie dagegen kann das Geräusch nicht hören, sie schreit und zittert und verkriecht sich im tiefsten Federbett. Nie habe ich eine Antwort auf das Warum bei solchen Dingen gehört. Gott allein kennt sie. Sie, Herr, und ich, wir sind sterblich, wir kennen die Antwort nicht. Für uns muß es genügen, daß wir wissen, wir lieben dies und hassen jenes. Ich liebe – das ist das erste und das letzte Wort. Darüber hinaus zu gehen und das Warum zu ergründen vermag kein Mensch. Ich liebe den Namen Samuel, ich liebe ihn sehr. Es ist ein herrlicher Name, ein Klangwunder, das über alle Begriffe geht.«

Die Dämmerung wurde tiefer, und schweigend starrte ich auf die prachtvolle Wölbung ihrer Stirn, die die Zeit nicht zu vernichten vermocht hatte, auf den Abstand zwischen ihren Augen und in diese Augen selbst, diese klaren, weit in die Ferne schauenden Augen. Sie erhob sich, um das Gespräch abzubrechen, und sagte:

»Sie haben einen weiten, dunklen Weg, und es wird Regen geben.«

»Bereuen Sie etwas, Margaret Henan?« Die Frage drängte sich mir plötzlich auf die Lippen.

Sie betrachtete mich einen Augenblick prüfend.

»Ja, daß ich nicht noch einen Sohn geboren habe.«

»Und Sie hätten ...«, stammelte ich.

»Ja«, antwortete sie. »Er würde Samuel geheißen haben.«

 


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