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Die Prinzessin

Ein Feuer brannte lustig im Lager am Gehölz, und neben dem Feuer lag ein Mann, der lustig zu sein schien, wenn er auch schrecklich aussah. Es war ein »Landstreichergehölz« in einem dünnen Landstreifen, der zwischen einem Eisenbahndamm und einem Flußufer lag. Aber der Mann war kein Landstreicher. So tief war er in den sozialen Abgrund gestürzt, daß ein ordentlicher Landstreicher nicht mit ihm am Feuer gesessen hätte. Ein Neuling, ein unwissender Anfänger der Landstraße, hätte vielleicht bei einem wie ihm sitzen können, aber nur, bis er zu besserer Erkenntnis gelangte. Selbst niedrige Lumpe und Spitzbuben wären an diesem Mann vorbeigegangen. Ein echter Landstreicher, ein paar Langfinger oder ein Haufe jugendlicher Landstraßendiebe hätten vielleicht seine Lumpen durchsucht, um einzelne Pennystücke oder Nickelmünzen zu finden, und ihn dann mit einem Tritt in die Dunkelheit befördert. Selbst ein Trunkenbold hätte sich als unendlich hoch erhaben über ihn betrachtet. Denn dieser Mann war eine Art Doppelwesen aus dem Tramplande, ein zum Spitzbuben degenerierter Trunkenbold, mit so wenig Selbstachtung, daß er nie in Zorn geriet, und mit so geringem Stolz, daß er aus einem Mülleimer gegessen hätte. Er war wirklich schrecklich anzusehen. Er konnte vielleicht sechzig Jahre alt sein, ebensogut aber neunzig. Ein Lumpensammler hätte seine Kleider verschmäht. Neben ihm lag ein offenes Bündel, das aus einem zerfetzten Überrock bestand und eine leere, rauchgeschwärzte Tomatendose enthielt, dazu eine verbeulte Milchbüchse, etwas, teilweise in braunes Papier eingewickeltes und offenbar in einem Schlächterladen erbetteltes Hundefleisch, eine von einem Wagenrad auf der Straße überfahrene Karotte, drei grünliche, halb verfaulte Kartoffeln und eine Zuckerstange, von der ein Stück abgebissen und die aus dem Rinnstein gerettet war, was man deutlich an dem Schmutz sehen konnte, der sie wie eine Rinde umgab.

Ein ungeheurer, schmutzig grauer und seit Jahren ungepflegter Bart sproß auf seinem Gesicht. Dieser störrische Bart hätte weiß sein müssen, aber es war Sommer, und er hatte eine Zeitlang keinen Regen gesehen. Was von dem Gesicht zu erkennen war, sah aus, als wäre einmal eine Handgranate darauf explodiert. Die Nase war auf verschiedene Art und Weise in ihrem geheilten und verschandelten Zustand so verbildet, daß es keinen Nasenrücken mehr gab und sie das eine Nasenloch von Erbsengröße abwärts, und das andere, so groß wie ein Rotkehlchenei, himmelwärts kehrte. Das eine Auge, das von normaler Größe, aber matt und verschwommen war, schwoll fast zum Kopf hinaus und weinte vor Altersschwäche reichlich und unaufhörlich. Das andere Auge, das kaum größer als das eines Eichhörnchens und ebenso unangenehm blank war, stak schief in einer behaarten Narbe unter einer Braue, deren Knochen gebrochen war. Und dazu hatte er nur einen Arm.

Doch er war lustig. Auf seinem Gesicht spielte ein mildes, sinnliches Wohlbehagen, während er sich mit seiner einen Hand die Rippen kratzte. Er suchte in seinen Brocken, überlegte und zog dann eine Halbliter-Medizinflasche aus der Brusttasche. Die Flasche war mit einer farblosen Flüssigkeit gefüllt, deren Anblick sein kleines Auge klarer glänzen ließ und seine Bewegungen antrieb. Er nahm die Tomatendose, stand auf, ging das kurze Stück bis zum Flusse und kehrte zurück, die Dose voll von schmutzigem Flußwasser. In der Milchdose mischte er einen Teil Wasser mit zwei Teilen von dem Inhalt der Flasche. Dieses farblose Fluidum war medizinischer Alkohol, im Tramplande unter dem Namen »Alki« bekannt.

Langsame Schritte, die den Bahndamm herabkamen, scheuchten ihn auf, ehe er trinken konnte. Er stellte die Dose sorgsam zwischen seine Beine, bedeckte sie mit seinem Hut und wartete ängstlich, was Drohendes sich ihm näherte.

Aus der Dunkelheit tauchte ein Mann auf, der ebenso schmutzig und zerlumpt wie er selber war. Der neue, der fünfzig oder auch sechzig Jahre zählen mochte, war lächerlich dick. Er schwoll überall. Er bestand aus Schwellungen. Seine zwiebelförmige Nase hatte Größe und Form einer Rübe. Seine Augenlider schwollen, seine blauen Augen schwollen um die Wette mit ihnen. An vielen Stellen waren die Nähte seiner Kleidung über den Schwellungen seines Körpers geplatzt. Seine Schenkel reichten bis zu den Füßen hinunter, denn der zerrissene Gummi seiner Zugstiefel schwoll von seinem Fett. Er hatte offenbar nur einen Arm, über dessen Schulter ein kleines zerlumptes Bündel hing, an dem eine dicke Schlammkruste von seiner letzten Lagerstatt klebte. Er kam mit prüfender Vorsicht, vergewisserte sich von der Unschädlichkeit des Mannes am Feuer und gesellte sich zu ihm.

»He, Großvater«, grüßte er, hielt dann inne und starrte das auffallende, gen Himmel gekehrte Nasenloch des andern an. »Sag' mal, wie kannst du bei der Nase, die du hast, den Nachttau abhalten?«

Der Backenbart brummte etwas Unzusammenhängendes tief in der Kehle. Er spie ins Feuer, zum Zeichen, daß ihm die Frage nicht gefiel.

»Weiß Gott,« kicherte der Dicke, »wenn du ohne Regenschirm in einen Wolkenbruch kämst, würdest du doch sicher ertrinken.«

»Weiß ich, Dicker, weiß ich«, murmelte Backenbart müde. »Die Unterhaltung ist mir nicht neu. Das erzählt mir selbst das liebe Vieh.«

»Aber trinken kannst du hoffentlich noch«, besänftigte der Dicke ihn, indem er gleichzeitig einladend mit seiner einzigen Hand schnell die Knoten löste, die das Bündel zusammenhielten. Dann brachte er eine Halbliterflasche »Alki« ans Tageslicht. Schritte, die aus der Dämmerung erklangen, beunruhigten ihn, und er versteckte die Flasche zwischen seinen Füßen.

Aber der jetzt kam, erwies sich nicht nur als einer ihres Schlages, sondern auch als Einarmiger. So abstoßend war sein Aussehen, daß ihre Grüße nur ein Grunzen wurden. Mit mächtigen Knochen, hochgewachsen und so mager, daß er einer Leiche glich, mit einem Gesicht wie ein schmutziger Totenkopf, war er ein so ekelhaftes Bild des Alters, wie ein Doré es sich je ausgedacht hat. Sein zahnloser, dünnlippiger Mund war ein grausamer, bitterer Einschnitt unter einer großen, krummen Nase, die fast mit dem Kinn zusammenstieß und dem Schnabel eines Habichts glich. Seine einzige, magere und krumme Hand war eine Raubvogelklaue. Seine runden, grauen Augen, die fest und ohne Blinzeln blickten, waren bitter wie der Tod, traurig wie das unbedingte Nichts und ebenso unbarmherzig. Seine Anwesenheit brachte Kälte mit sich, und Backenbart und der Dicke drängten sich instinktiv zum Schutz gegen diese unvermutete Drohung, die in seiner Anwesenheit lag, aneinander. Backenbart benutzte eine Gelegenheit, um für den Notfall in aller Stille einen mehrere Pfund wiegenden Stein dicht an seine Hand zu schieben. Der Dicke machte es ebenso.

Dann leckten sie sich beide in schuldbewußter Verlegenheit ihre Lippen, während die unabgewandten Augen des schrecklichen Mannes sich bald in den einen, bald in den andern bohrten und dann auf die Steine blickten, die sie in Bereitschaft hielten.

»Hu!« spottete der Schreckliche so drohend und entsetzlich, daß Backenbart und der Dicke unwillkürlich die Fäuste um ihre Höhlenbewohnerwaffen schlossen.

»Hu!« wiederholte der andere und steckte seine einzige Klaue mit schneller Entschlossenheit in die Seitentasche seines Rockes. »Eine Höllenchance würdet ihr beiden Zwei-Groschen-Männchen gegen mich haben.«

Die Klaue kam zum Vorschein, eine sechspfündige eiserne Wurfscheibe in Bereitschaft haltend.

»Wir denken nicht an Unannehmlichkeiten, Langer«, sagte der Dicke zitternd.

»Wer, zum Teufel, bist du, daß du mich ›Langer‹ nennst?« antwortete der andere knurrend.

»Ich? Ich bin nur der Dicke. Und da ich sehe, daß ich dich noch nie gesehen habe –«

»Und das ist wohl Backenbart, der da, dem die lustige, festliche Lampe in die Braue hineintanzt und mit der gottsjämmerlichen Nase, die auf seiner ganzen Fratze spazierenreitet?«

»Schon gut, schon gut«, murmelte Backenbart, dem unbehaglich zumute war. »In meinem Alter ist einer ebensogut wie der andere, finde ich. Und jedenfalls lassen sie mich es alle hören. Und ich brauche einen Schirm, wenn es regnet, um nicht zu ertrinken, und so weiter.«

»Ich bin nicht Gesellschaft gewöhnt – mache mir nichts draus«, brummte der Lange. »Und wenn ihr Vogelscheuchen euch an mich kleben wollt, so paßt auf, was ihr tut, das ist alles, was ich euch sage. Paßt auf, was ihr tut.«

Er holte aus der Tasche einen Zigarrenstummel, den er offenbar aus dem Rinnstein gefischt hatte, und schickte sich an, ihn als Priem in den Mund zu stecken. Dann änderte er seine Absicht, warf seinen Genossen einen barschen Blick zu und öffnete sein Bündel. Gleich darauf zeigte sich in seiner Hand eine Apothekerflasche mit »Alki«.

»Na,« knurrte er, »ich muß euch Zwei-Groschen-Männchen wohl was zu trinken geben, obwohl ich nicht mehr habe, als gerade zu einem tüchtigen Rausch für mich selber genügt.«

Fast schien sich ein milderes Leuchten auf seinem welken Gesicht zu zeigen, als er die andern stolz die Hüte heben und ihre eigenen Vorräte vorzeigen sah.

»Hier ist ein bißchen Wasser zum Mischen«, sagte Backenbart, seine Tomatenbüchse mit dem schmutzigen Flußwasser anbietend. »Gerade gegenüber sind Viehhöfe«, fügte er zu seiner Rechtfertigung hinzu. »Aber es heißt –«

»Hu!« unterbrach der Lange ihn, indem er sich den Trunk mischte. »Ich habe schon Schlimmeres getrunken als Viehhöfe.«

Als sie aber, jeder mit einer Dose »Alki« in der Hand, bereit saßen, zögerten die drei Wracks, die einst Männer gewesen waren, gleichsam aus alter Gewohnheit und verrieten dann ein Schamgefühl, als ob sie sich eine Blöße gegeben hätten.

Backenbart war der erste, der darüber hinwegkam. »Ich habe früher bei besseren Gelagen gesessen«, prahlte er.

»Mit Blechdosen«, höhnte der Lange.

»Mit Silber«, berichtigte Backenbart.

Der Lange warf dem Dicken einen fragenden Blick zu.

Der Dicke nickte.

»Bei der Dienerschaft«, sagte der Lange.

»Bei der Herrschaft«, lautete die Berichtigung des Dicken. »Ich bin in herrschaftlichem Hause geboren und nie zweiter Klasse gereist. Erster Kajüte oder Zwischendeck, aber nie etwas anderes.«

»Und du?« fragte Backenbart den Langen.

»Ich habe das Wohl der Königin, Gott segne sie, getrunken«, antwortete der Lange feierlich, ohne Knurren oder Spott.

»In der Anrichte?« spielte der Dicke an.

Gleichzeitig griffen der Lange nach seinem Wurfeisen und Backenbart und der Dicke nach ihren Steinen.

»Nur keine Aufregung«, sagte der Dicke und ließ seine eigene Waffe fallen. »Wir sind kein Abschaum. Wir sind feine Leute. Laßt uns wie anständige Leute trinken.«

»Laßt uns ein ordentliches Gelage feiern«, stimmte Backenbart ihm zu.

»Wir wollen uns tüchtig einen antrinken«, sagte der Lange beifällig. »Es ist, viel Wasser ins Meer geflossen, seit wir anständige Leute waren, aber laßt uns den weiten Weg vergessen, den wir seither gereist sind, und auf gute alte Manier ins Bett kommen, wie jeder anständige Mensch es tat, als wir jung waren.«

»Mein Vater tat es – tat es«, sagte der Dicke, bemüht, sich gewählt auszudrücken, da alte Erinnerungen längst versiegelte Gehirnzellen sprengten. Die beiden andern bestätigten nickend ihre Abstammung von ähnlichen Vätern und hoben ihre Blechdosen mit Alkohol.

 

Zu dem Zeitpunkt, als jeder von ihnen seine eigene Flasche geleert hatte und eine zweite aus seinen Lumpen hervorzog, waren ihre Köpfe schon recht heiß, obwohl sie noch nicht dazu gekommen waren, sich ihre wirklichen Namen zu sagen. Aber ihr Englisch hatte sich verbessert. Sie sprachen korrekt, und die Gaunersprache des Tramplandes kam nicht mehr über ihre Lippen.

»So bin ich nun einmal geschaffen«, erklärte Backenbart. »Nur wenige könnten aushalten, was ich ausgehalten habe, und heute hier sitzen, um die Geschichte zu erzählen. Und ich habe nie für mein Wohlergehen gesorgt. Wäre es wahr, was die Moralisten und Physiologen sagen, so wäre ich längst tot. Und mit euch beiden steht es genau so. Seht uns doch: Wir saufen in unserm Alter, wie die Jungen es nicht wagen, und schlafen auf offner Erde unter freiem Himmel, nie vor Frost, Regen oder Sturm geschützt, nie ängstlich vor Lungenentzündung oder Rheumatismus, die die Hälfte der jungen Leute im Krankenhaus die Nase in die Luft stecken lassen würden.«

Er hielt inne, um sich einen neuen Trunk zu mischen, und der Dicke nahm die Erzählung auf.

»Und wir haben unsern Spaß gehabt«, prahlte er. »Und wenn wir von unsern Liebsten und allem übrigen reden,« zitierte er Kipling, »so sind wir gewandert und haben vagabundiert –«

»Zu unserer Zeit«, beendete der Lange das Zitat für ihn.

»Das sollte ich meinen, das sollte ich meinen«, versicherte der Dicke. »Und ward von Prinzessinnen geliebt – ich wenigstens.«

»Weiter! Erzähl' uns ein bißchen davon«, drängte Backenbart. »Die Nacht ist jung, und warum sollten wir nicht die Erinnerung bis zu den Dächern der Könige schweifen lassen?«

Nicht unwillig räusperte sich der Dicke und dachte nach, wie er am besten seine Erzählung beginnen sollte.

»Ihr müßt wissen, daß ich aus guter Familie bin. Percival Delaney, laßt uns sagen, ja, laßt uns sagen, Percival Delaney, war einmal in Oxford nicht unbekannt – nicht wegen seiner Gelehrsamkeit, wie ich offen zugebe; aber die lustigen jungen Burschen jener Zeit werden sich seiner erinnern, wenn sie noch am Leben sind.«

»Meine Familie kam mit Wilhelm dem Eroberer herüber«, unterbrach ihn Backenbart, indem er dem Dicken als Anerkennung für seine Einleitung die Hand entgegenstreckte.

»Wie war doch dein Name?« fragte der Dicke. »Ich weiß nicht, ob ich ihn richtig verstanden habe.«

»Delarouse, Chauncey Delarouse. Der Name ist ebenso gut wie jeder andere.«

Beide vollzogen den Handschlag und warfen einen Blick auf den Langen.

»Na ja, da wir gerade dabei sind ...« drängte der Dicke.

»Bruce Cadogan Cavendish«, brummte der Lange mürrisch. »Weiter, Percival, mit deinen Prinzessinnen und königlichen Häusern.«

»Oh, ich war ein junger Allerweltskerl,« kam Percival seinem Wunsche nach, »nachdem ich erst zu Hause mit Murmeln und Drachen gespielt und dann in der ganzen Welt Sport getrieben hatte. Und ehe ich meine Figur verlor, spielte ich eine gewisse Rolle – in Polo, Hindernislaufen, Boxen, Ringen, Schwimmen. Ich gewann Medaillen mit dem Zureiten von wilden Pferden in Australien und hielt mehrere Rekorde im Schwimmen von einer Viertelmeile aufwärts. Weiber verdrehten sich die Köpfe nach mir, wenn ich vorbeiging. Die Weiber! Gott segne sie!«

Und der Dicke, oder Percival Delaney, dieses Zerrbild eines Menschen, führte seine geschwollene Hand an seine aufgeblasenen Lippen und sandte der sternenübersäten Himmelswölbung einen hörbaren Kuß.

»Und die Prinzessin!« begann er wieder mit einem neuen Kuß an die Sterne. »Sie war als Weib ebenso schön, wie ich es als Mann war. Ebenso stolz und mutig, ebenso sorglos und tollkühn. Herr Gott, im Wasser war sie eine Seejungfrau, eine Meeresgöttin. Und was das Blut betrifft, so war ich ein Parvenü neben ihr. Ihr königliches Geschlecht konnte bis in die Nebel des Altertums zurückverfolgt werden.

Sie war nicht die Tochter eines hellhäutigen Volkes. Gelbbraun war sie, mit goldbraunen Augen, und ihr Haar, das ihr bis zu den Knien reichte, war blauschwarz und glatt und hatte gerade die Neigung, sich zu kräuseln, die Frauenhaar seine Anziehungskraft verleiht. Oh, sie trug es nicht auf eine neue Mode, ebensowenig wie ihre ganzen Ahnen. Denn sie war eine Polynesierin, glühend, golden, lieblich und liebenswert, von polynesischem Königsgeschlecht.«

Wieder hielt er inne, um den Sternen zu ihrem Andenken einen Kuß zu senden, und der Lange, oder Bruce Cadogan Cavendish, benutzte die Gelegenheit, um einzuwerfen:

»Hu! An Gelehrsamkeit hast du vielleicht nicht gerade gestrahlt. Aber jedenfalls hast du in Oxford einen schönen Wortschatz gesammelt.«

»Und in der Südsee erntete ich noch einen besseren Wortschatz aus dem Wörterbuch der Liebe«, stimmte Percival ihm schnell zu.

»Es war die Insel Talofa, was Liebe, Liebesinsel bedeutet, und es war ihre Insel. Ihr Vater, der König, ein alter Mann, saß mit lahmen Knien auf seinen Matten und trank den ganzen Tag und den größten Teil der Nacht aus Kummer, aus reinem Kummer Genever aus einer vierkantigen Flasche. Sie, meine Prinzessin, war sein einziges Kind, da ihre Brüder bei einem Orkan in ihrem Doppelkanu auf dem Heimwege von einer Reise nach Samoa umgekommen waren. Und bei den Polynesiern haben die königlichen Frauen gleiches Recht zu regieren wie die Männer. Ihre Stammbäume gehen tatsächlich nach der weiblichen Linie.«

Dies bestätigten sowohl Chauncey Delarouse wie Bruce Cadogan Cavendish durch ein schnelles Kopfnicken.

»Aha,« sagte Percival, »ich sehe, ihr kennt beide die Südsee, weshalb ich sicher nicht viele Worte zu machen brauche, damit ihr die Lieblichkeiten meiner Prinzessin würdigt, Prinzessin Tui-nui von Talofa, Prinzessin von der Liebesinsel.«

Er sandte ihr eine Kußhand, schlürfte aus seiner Milchdose einen tüchtigen Schluck Apothekeralkohol und sandte ihr wieder eine Kußhand.

»Aber sie war scheu und flatterte zwar immer nahe zu mir, aber nie nahe genug. Wenn mein Arm sich ihr entgegenstreckte, um sie an mich zu ziehen, wupps, war sie nicht mehr da. Ich spürte wie nie vorher oder nachher die tausend teuren, wonnevollen Liebesqualen, die vergebens waren, aber immer wiederkehrten und von der Liebesgöttin selbst erzeugt wurden.«

»Welch ein Wortschatz!« murmelte Bruce Cadogan Cavendish leise Chauncey Delarouse zu. Aber Percival Delaney war nicht abzuschrecken. Er sandte mit seiner dicken Hand einen Kuß in die Nacht und fuhr mit Wärme fort:

»Es gibt nicht die Qual einer Verzückung, die meine teure Prinzessin nicht über mich ausschüttete, sie, die selbst eine immer lockende Wonne war, die eben außerhalb meiner Reichweite schwebte. Durch die Höllen Liebender, Höllen, von denen Dante keine Ahnung hatte, führte sie mich. Ach, diese Tropennächte, sinnbetörenden Tropennächte unter unsern Palmen, wenn die ferne Brandung wie ein leises Murmeln aus einer ungeheuren, geheimnisvollen Muschel tönte, und sie, meine Prinzessin, durch meine Sehnsucht fast erweicht, durch ihr Lachen, das wie silberne, mit Knospen und Blumen geschlagene Saiten klang, das Feuer meiner Liebe fast zum Wahnsinn anfachte.

Durch mein Ringen mit den Meisterschaftsringern von Talofa hatte ich zuerst ihr Interesse gewonnen. Durch meine Kühnheit im Schwimmen steigerte ich es. Und eine bestimmte Leistung im Schwimmen sollte es sein, durch die ich mehr von ihr gewann als ein kokettes Lächeln und die schamhafte Furchtsamkeit eines geheuchelten Rückzuges.

Wir fingen an dem Tage Tintenfische auf dem Riff – ihr wißt zweifellos, wie das zugeht: Man taucht an der Mauer, die das Riff bildet, fünf Faden, zehn Faden tief, jede Tiefe innerhalb der Grenzen der Möglichkeit, und sticht seinen Tintenfischstock in die Löcher und Spalten in der Korallenwand, wo man vermutet, daß die Tintenfische ihr Lager haben. Die Kunst besteht darin, mit dem an beiden Enden abgestumpften und vielleicht einen Fuß langen Stock einen trägen Tintenfisch zu reizen, bis er seine Fangarme um Stock, Hand und Arm schlingt. Dann hat man ihn, taucht mit ihm an die Oberfläche, gibt ihm einen Schlag auf den Kopf, der sich in der Mitte des Tieres befindet, und wirft ihn in das wartende Kanu ... Und ihr könnt euch denken, daß ich das oft tat!«

Percival Delaney machte eine kleine Pause, indem er mit einem Schimmer von Ehrerbietung auf seinem runden Gesicht das kräftige Bild seiner Jugend betrachtete.

»Nun, ich habe einen Tintenfisch mit Fangarmen herausgezogen, der acht Fuß lang war, und zwar in fünfzehn Meter Tiefe. Ich konnte vier Minuten unten bleiben. Ich bin mit einem Korallenblock getaucht, um mich auf dreißig Meter Tiefe unten zu halten und einen Anker, der festgeraten war, loszumachen. Und ich konnte mit einem Salto rückwärts tauchen und von fünfundzwanzig Meter Höhe ins Wasser springen –«

»Laß das, lösch' das aus, hör' auf damit«, mahnte Chauncey Delarouse trocken. »Erzähl' von der Prinzessin. Das bringt altes Blut wieder zum Rauschen. Ich kann sie beinahe vor mir sehen. War sie wunderbar?«

Statt mit Worten bekräftigte Percival Delaney das mit einem Handkuß.

»Ich sagte euch, daß sie eine Seejungfrau war. Sie war es wirklich. Ich weiß, daß sie einmal, als ihr Schoner in einer Bö gekentert war, sechsunddreißig Stunden schwamm, ehe sie geborgen wurde. Ich habe sie dreißig Meter tief tauchen und in jeder Hand eine Perlmuschel bringen sehen. Sie war wunderbar. Als Weib war sie hinreißend, erhaben. Ich sagte euch, daß sie eine Meeresgöttin war. Sie war es wirklich. Oh, welche Aufgabe wäre es für einen Phidias oder einen Praxiteles gewesen, die Wunder ihres Leibes unsterblich zu machen!

Und an dem Tage, als wir am Riff Tintenfische fingen, war ich fast krank nach ihr. Verrückt – ich weiß, ich war verrückt nach ihr. Wir pflegten aus dem großen Kanu ins Wasser zu springen und Seite an Seite hinab in die lebendige Tiefe mit ihrer Kühle und Farbe zu schwimmen, und sie pflegte mich dabei anzusehen und mich mit ihren Augen zu immer größerer Tollheit zu martern. Zuletzt aber, tief, tief unten im Wasser verlor ich die Besinnung und griff nach ihr. Sie, die Seejungfrau, entschlüpfte mir, und ich sah das Lachen in ihrem Gesicht, als sie floh. Sie floh tiefer hinab, und jetzt wußte ich, daß ich sie hatte, denn ich befand mich zwischen ihr und der Oberfläche; aber sie wirbelte mit ihrem Tintenfischstock ein wenig von dem schmutzigen Korallensand vom Boden auf. Es war der alte Kniff, um einem Hai zu entgehen. Und jetzt wendete sie ihn gegen mich an, trübte das Wasser, daß ich sie nicht sehen konnte. Und als ich hoch kam, war sie schon da, klammerte sich an das Boot und lachte. Sie war nicht umsonst Prinzessin. Sie legte mir die Hand auf den Arm und zwang mich zuzuhören. Wir wollen etwas spielen, sagte sie. Sehen, wer von uns die meisten Tintenfische, den größten und kleinsten Tintenfisch fangen kann. Da die Wette um Küsse ging, könnt ihr euch wohl denken, daß ich sofort mit glühender Seele tauchte. Ich fing keinen Tintenfisch. Nie in meinem Leben habe ich wieder nach Tintenfischen getaucht. Wir waren vielleicht fünf Faden tief und untersuchten die Korallenwand nach Verstecken unserer Beute, als es geschah. Ich hatte gerade ein vermutliches Lager gefunden und mich überzeugt, daß es leer war, als ich die Nähe von etwas Feindlichem spürte. Ich wandte mich um. Da war es neben mir, und es war kein gewöhnlicher Fischhai. Volle vier Meter lang, das unverkennbare, schimmernde Katzenauge wie ein ertrinkender Stern schimmernd, so erkannte ich es als das, was es war: ein Tigerhai. Keine drei Meter rechts befand sich die Prinzessin und untersuchte einen Spalt in den Korallen mit ihrem Tintenfischstock, und der Hai schwamm gerade auf sie los. Meine Gedanken sammelten sich schnell zu einem einzigen, alles umfassenden Funken von Bewußtsein. Der Menschenfresser mußte von ihr abgelenkt werden, und was war ich anders als ein verrückter Liebender, der mit Freuden für seine Geliebte kämpfen und sterben und mit größerer Freude für sie kämpfen und leben wollte. Denkt daran, sie war ein wunderbares Weib, und ich brannte für sie.

Obwohl ich das Gefährliche meines Tuns klar erkannte, stieß ich die stumpfe Spitze meines Tintenfischstocks dem Hai in die Seite, als wollte ich die Aufmerksamkeit eines vorübergehenden Bekannten durch einen Stoß mit dem Daumen in die Seite auf mich ziehen. Und der Menschenfresser wandte sich gegen mich. Ihr kennt die Südsee und wißt, daß der Tigerhai, ebenso wie der graue Alaskabär mit dem nackten Gesicht, nie einem Feinde ausweicht. Klaftertief unter dem Meere tobte der Kampf – wenn man einen solchen einseitigen Streit Kampf nennen kann. Die Prinzessin, die nichts bemerkte, fing ihren Tintenfisch und stieg an die Oberfläche empor. Der Menschenfresser stürzte sich auf mich. Ich wehrte ihn ab, indem ich ihm mit beiden Fäusten auf die Nase über seinem tausendzähnigen offenen Maule schlug, daß er mich mit dem Rücken gegen die scharfen Korallen stieß. Die Narben sind noch heute zu sehen. Sobald ich aufzusteigen versuchte, stürzte er auf mich los, und ich konnte nicht ewig ohne Luft unten bleiben. Jedesmal, wenn er sich auf mich stürzte, wehrte ich ihn durch Schläge auf die Nase ab. Und ich wäre unbeschädigt entkommen, würde meine rechte Hand nicht ausgeglitten sein. Sie fuhr ihm bis zum Ellbogen ins Maul. Seine Kiefer schlossen sich eben unterhalb des Ellenbogens. Ihr wißt, wie die Zähne eines Hais sind. Was sie einmal gepackt haben, können sie nicht wieder loslassen. Sie müssen durchbeißen, können das aber nicht bei dicken Knochen. Deshalb schälte er mir den Knochen vom Ellbogen bis zum Handgelenk, wo seine Zähne sich trafen, völlig ab und bekam meine gute rechte Hand als Appetitanreger.

Während er das aber tat, stieß ich ihm den Daumen meiner linken Hand in die Augenhöhle, daß das Auge ausfloß. Das half mir nichts. Das Fleisch hatte ihn rasend gemacht. Er verfolgte den bluttriefenden Stumpf meines Handgelenks. Ein halb dutzendmal hielt ich ihn mit meinem unbeschädigten Arm fort. Dann packte er wieder den armen verstümmelten Arm, schloß das Maul und schälte den Knochen von der Schulter bis zum Ellbogengelenk, wo seine Zähne sich trafen, ab und bekam seinen zweiten Bissen von mir. Gleichzeitig aber stieß ich ihm mit der gesunden Hand das zweite Auge aus.«

Percival Delaney zuckte die Achseln und fuhr fort: »Die Leute oben im Kanu hatten alles gesehen und priesen meine Tat laut. Bis auf den heutigen Tag singen und erzählen sie von mir. Und von der Prinzessin.« Er ließ eine kurze, aber bedeutungsvolle Pause eintreten. »Die Prinzessin heiratete mich ... Oh, ach und weh, welch ein Wirbel von Zeit und Schicksal, welch eine Wende des Glücks, wenn der Holzschuh steigt und der Lackabsatz sinkt, ein französisches Kanonenboot, ein erobertes Königreich auf einer Insel im Ozean, heute von einem bäurischen unwissenden Gendarmen aus den Kolonien verwaltet ...«

Er beendete den Satz und die Erzählung, indem er sein Gesicht in der abwärtsgekehrten Öffnung der Milchdose begrub und den ätzenden Trank in durstigem Schlürfen durch seinen Hals gurgeln ließ.

 

Nach einer angemessenen Pause ergriff Chauncey Delarouse, oder Backenbart, das Wort.

»Es sei weit von mir, damit zu prahlen, welchen Platz mir meine Geburt angewiesen hat, wenn ich an diesem Feuer mit solchen Leuten zusammensitze, die ... die zufällig hierherkamen. Ich kann indessen sagen, daß auch ich einmal eine Persönlichkeit von Bedeutung gewesen bin.

Ich kann hinzufügen, daß es Pferde zuzüglich allzu nachsichtiger Eltern waren, die mich in die Fremde trieben. Ich könnte noch fragen: ›Sind die Klippen von Dover noch weiß?‹«

»Hu«, spottete Bruce Cadogan Cavendish. »Bald fragst du noch: ›Wie geht es dem alten Kommandanten?««

»Und ich schlug tüchtig über die Stränge, und zwar ohne daß es meiner eisernen Gesundheit geschadet hätte«, fügte Backenbart schnell hinzu. »Wie ich hier mit meinen siebzig hinter mir sitze, habe ich an dem langen Wege manchen Gelbschnabel begraben, der ein ebenso verfluchter Kerl wie ich war, aber nicht Schritt halten konnte. Ich kannte das Schlimmste, als ich zu jung war. Jetzt kenne ich es und bin zu alt. Aber es gab eine Zeit, eine, ach, nur zu kurze Zeit, da ich das Beste kannte.

Ach, ich sende der Prinzessin meines Herzens einen Kuß. Sie war in Wahrheit eine Prinzessin, Polynesierin, tausend Meilen oder mehr südöstlich von Delaneys Liebesinsel. Die Eingeborenen dieses ganzen Teiles der Südsee nannten sie ›Die Frohsinnsinsel‹. Ihr eigentlicher Name, der Name, den ihre Bewohner ihr gaben, kann fein und genau mit ›Die Insel des ruhigen Lachens‹ übersetzt werden. Auf der Karte wird man finden, daß der irrige Name, den die alten Seefahrer ihr gegeben haben, Manatomana ist. Die Seefahrer nannten sie ›Das adamlose Eden‹. Und die Missionare nannten sie eine Zeitlang ›Das Zeugnis Gottes‹ – soviel Glück hatten sie mit der Bekehrung der Eingeborenen. Für mich ist sie ein Paradies gewesen und wird es immer sein.

Sie war mein Paradies, denn dort war es, wo meine Prinzessin lebte. John Asibeli Tungi war König. Er war Vollblutseingeborener und stammte von dem ältesten und höchsten Häuptlingsstamm, der seine Abstammung bis nach Manua, der ursprünglichen Heimat der Rasse, zurückführen konnte. Er war auch bekannt unter dem Namen ›John, der Abgefallene‹. Er lebte lange, und seine Abfälle waren häufig. Zuerst von den Katholiken bekehrt, stürzte er die Götzenbilder, hob jedes Tabu auf, kehrte zwischen den eingeborenen Priestern auf, richtete einige von den Widerspenstigsten hin und schickte alle seine Untertanen in die Kirche. Dann fiel er in die Hände der Händler, die einen starken Champagnerdurst in ihm entwickelten, und schob die katholischen Pfaffen nach Neuseeland ab. Die große Mehrzahl seiner Untertanen folgte stets seiner Führung, und da er jetzt überhaupt keine Religion hatte, kam die Zeit der großen Ruchlosigkeit, in der seine Insel von allen Südseemissionaren in ihren Predigten Babylon genannt wurde. Aber die Händler verdarben mit dem vielen Champagner seine Verdauung, und einige Jahre später ergab er sich dem Evangelium gemäß den Lehren der Methodisten, schickte sein Volk in die Kirche und führte so völlig neue Verhältnisse am Strande und unter den Händlern ein, daß er ihnen nicht erlauben wollte, eine Pfeife Tabak am Sonntag vor ihren Häusern zu rauchen, und einem der größten von ihnen eine Strafe von hundert Pfund in Gold auferlegte, weil er an einem Sonntagmorgen das Deck seines Schoners gewaschen hatte. Es war die Zeit der strengen Gesetze, aber vielleicht war sie zu streng für König John. Eines schönen Tages warf er die Methodisten zur Tür hinaus, verbannte ein paar Hundert von seinen Untertanen, weil sie am Methodismus festhielten, nach Samoa und erfand eine eigene Religion, bei der er sich selbst als Gallionsfigur anbeten ließ. Hierbei wurde er von einem Renegaten aus Fidschi unterstützt. Das dauerte fünf Jahre. Vielleicht wurde er es müde, Gott zu sein, vielleicht kam es daher, daß der Fidschianer mit sechstausend Pfund aus der königlichen Schatzkammer durchbrannte; jedenfalls kriegten die neureformierten Wesleyaner ihn zu fassen, und sein ganzes Königreich wurde wesleyanisch. Den führenden wesleyanischen Missionar machte er tatsächlich zum Premierminister, und was er mit den Händlern machte, war eine Warnung. Na, schließlich kam König Johns Königreich auf das schwarze Brett und wurde von den Händlern boykottiert, bis die Staatseinnahmen auf Null sanken, das Volk Pleite ging, und König John nicht einen Schilling mehr von seinem mächtigsten Häuptling leihen konnte.

Jetzt war die Zeit gekommen, da er alt, philosophisch, tolerant und in geistiger Beziehung atavistisch wurde. Er verjagte die neureformierten Wesleyaner, rief die Verbannten von Samoa zurück, lud die Händler ein, feierte ein allgemeines Liebesfest, proklamierte Religionsfreiheit und einen hohen Zolltarif und kehrte selbst zur Anbetung seiner Vorfahren zurück, grub die Götzenbilder aus, setzte einige achtzigjährige Priester wieder ein und hielt die Tabus. Alles das war verlockend für die Händler, und es herrschte allgemeiner Wohlstand. Natürlich folgten die meisten seiner Untertanen ihm zurück zum heidnischen Götzendienst. Eine kleine Schar von Katholiken, Methodisten und Wesleyanern blieben jedoch ihrem Glauben treu, und ihnen glückte die Erhaltung einiger weniger schmutziger kleiner Kirchen. Aber König John machte sich hieraus nicht mehr als aus den Ausschweifungen der Händler an der Küste. Solange die Steuern bezahlt wurden, ging alles gut. Selbst als seine Frau, Königin Mamare, Baptistin wurde und einen kleinen, welken, freundlichen, klumpfüßigen Baptistenmissionar einlud, erhob König John keinen Einspruch. Alles, was er verlangte, war, daß diese wandernden Religionen selbst für ihren Unterhalt sorgen und auch nicht einen Pfennig aus dem königlichen Geldkasten verzehren sollten.

Und jetzt knüpfen sich die Fäden meiner Erzählung zu einem Muster weiblicher Vollkommenheit – zu meiner Prinzessin.«

Backenbart hielt inne, stellte seine halbgeleerte Milchdose, mit der er gedankenlos gespielt hatte, sorgsam auf die Erde und sandte mit den Fingern seiner einzigen Hand einen hörbaren Kuß in die Luft.

»Sie war die Tochter der Königin Mamare. Sie war ein wunderbares Weib. Ungleich dem polynesischen Dianatyp war sie fast ätherisch. Sie war ätherisch, durch Reinheit geadelt, zurückhaltend und bescheiden wie ein Veilchen, zart und gebrechlich wie eine Lilie, und ihre Augen, aus denen Sanftmut und Zärtlichkeit strahlten, glichen Lilien auf dem Himmelsrasen. Sie war ganz Blume, Feuer und Tau. Sie besaß die Schönheit der Bergrose und die Sanftheit der Taube. Und sie war ebenso vollendet gut wie vollendet schön und fromm in ihrem Glauben an den Gott ihrer Mutter, einen Gott, den Ebenezer Naismith, der Baptistenmissionar, eingeführt hatte. Aber denkt nicht, daß sie nichts als eine sanfte Seele, reif für Abrahams Schoß, war. Sie besaß alle ausgesuchte weibliche Anmut. Sie war Weib, Weib durch und durch, bis zu den letzten empfindsamen, zitternden Atomen.

Und ich? Ich war ein Wüstling vom Strande. Die Wildesten waren nicht so wild wie ich, die Ausgelassensten nicht so ausgelassen von dieser ganzen Schar wilder ausgelassener Händler. Ich galt für den verwegensten Pokerspieler. Ich war der einzige lebende Mann, weiß, braun oder schwarz, der in der Dunkelheit durch die Kuni-kuni-Passage zu fahren wagte. Und das habe ich manche finstere Nacht mit gerefften Segeln bei Sturm getan. Nun, jedenfalls hatte ich einen schlechten Ruf am Strande, wo nicht einer einen guten Ruf hatte. Ich war ruchlos, gefährlich, wich in Streit oder Lustigkeit vor nichts zurück; und die Handelskapitäne pflegten kupferbeschlagene Ungeheuer aus den abscheulichsten Löchern der Südsee zu dem Versuch zu veranlassen, mich unter den Tisch zu trinken. Ich erinnere mich eines von ihnen. Eines verkalkten Schotten von den Neuen Hebriden. Ein großes Gelage wurde abgehalten. Er starb daran. Und wir luden ihn, eingelegt in ein Faß Rum, in ein Schiff und schickten ihn in seine Heimat zurück. Eine Probe, eine hübsche Probe von den merkwürdigen Streichen, die wir am Strande von Manatomana verübten.

Und was tat ich da eines schönen Tages? Ging hin, sah die Prinzessin und verliebte mich in sie. Es war Ernst. Ich war toll wie ein Hase im März, und jetzt wurde ich noch verrückter. Ich ließ mich bekehren. Denkt, was das heißt. Denkt, was ein Mädchen aus einem kräftigen ruchlosen Mann machen kann. Ich verwandelte mich. Ich reinigte meine Seele vor Gott und zog meine Hände – ich hatte damals noch zwei – von der schmutzigen Gesellschaft am Strande ab, als sie über diesen meinen letzten Seitensprung lachten und wissen wollten, was ich im Schilde führte.

Ich sage euch, ich ließ mich bekehren und ergab mich mit Leidenschaft und Aufrichtigkeit einer Religion, die mich seither allen anderen Religionen gegenüber tolerant gemacht hat. Ich verabschiedete meine besten Kapitäne wegen Unmoral. Ebenso machte ich es mit meinem Koch, und ein besserer hatte nie auf Manatomana gekocht. Aus eben demselben Grunde verabschiedete ich meine Bevollmächtigten. Und zum erstenmal in der Geschichte des Handels führten meine Schoner Bibeln an Bord. Ich baute mir ein Einsiedlerhäuschen in einer Straße der Stadt, die mit Mangobäumen bepflanzt war, gleich neben dem kleinen Haus, das Ebenezer Naismith bewohnte. Und ich machte ihn zu meinem Gefährten und Kameraden und fand in ihm einen reinen Honigtopf an Freundlichkeit und Güte. Und er war ein Mann, durch und durch ein Mann. Und er starb lange nachher als ein Mann, was ich euch gern erzählen möchte, wenn die Erzählung davon nicht so lang werden müßte.

Aber weniger der Missionar als die Prinzessin hatte die Verantwortung dafür, daß ich meinen Glauben in Taten und namentlich in dem Werk ausdrückte, das allem die Krone aufsetzte: in der neuen Kirche, unserer Kirche, der Kirche der Königinmutter.

›Unsere arme Kirche‹, sagte sie mir eines Abends nach der Gebetsversammlung. Ich war erst seit vierzehn Tagen bekehrt. ›Sie ist so klein, ihre Gemeinde kann nie wachsen. Und das Dach ist undicht. Und König John, mein hartherziger Vater, will nicht einen Pfennig beisteuern. Und doch hat er einen Überschuß in der Schatzkammer, und Manatomana ist nicht arm. Es wird viel Geld verdient und verschwendet. Ich weiß, was von dem wilden Leben am Strande erzählt wird. Vor weniger als einem Monat erst hast du in einer Nacht beim Kartenspiel mehr verloren, als die Unterhaltungskosten für unsere arme Kirche für ein ganzes Jahr betragen würden.‹

Und ich sagte ihr, das stimmte, aber es sei geschehen, ehe ich das Licht gesehen (ich hatte ein verfluchtes Pech). Ich sagte ihr, ich hätte seitdem weder Alkohol genossen noch eine Karte in die Hand genommen. Ich sagte ihr, das Dach solle sofort von christlichen, aus ihrer Gemeinde gewählten Zimmerleuten repariert werden. Aber sie war von dem Gedanken einer großen Erweckung erfüllt, die Ebenezer Naismith predigen könnte – sie war eine teure Heilige, und sie sprach von einer großen Kirche und sagte:

›Du bist reich, du hast viele Schoner und Dampfer an fernen Inseln, und ich habe von einem großen Kontrakt gehört, den du unterschrieben hast, um Arbeiter nach den deutschen Plantagen auf Upolu zu schaffen. Man sagt, daß du nach Sweitzer der reichste Geschäftsmann hier seiest. Ich möchte gern sehen, daß du all dieses Geld irgendwie zu Gottes Ehre verwendetest. Das würde edel sein, und ich wäre stolz darauf, den Mann zu kennen, der es täte.‹

Ich sagte ihr, daß Ebenezer Naismith die Erweckung predigen sollte, und daß ich eine Kirche bauen wollte, die groß genug wäre.

›So groß wie die katholische Kirche?‹ fragte sie.

Es war dies eine zerfallene Kathedrale, zu der Zeit erbaut, als die ganze Bevölkerung katholisch war, eine große Sache; aber ich war vor Liebe Feuer und Flamme und sagte ihr, daß die Kirche, die ich bauen wollte, noch größer werden sollte.

›Aber das wird Geld kosten,« erklärte ich, ›und zum Geldverdienen braucht man Zeit.‹

›Du hast viel Geld‹, sagte sie. ›Es gibt Leute, die sagen, daß du mehr hast als mein Vater, der König.‹

›Ich habe mehr Kredit‹, erklärte ich ihr. ›Aber du verstehst nichts von Geld. Man muß Geld haben, um Kredit zu bekommen. Deshalb will ich mit meinem Geld und dem Kredit, den ich habe, arbeiten, um mehr Geld und Kredit zu bekommen, und dann soll die Kirche gebaut werden.‹

Arbeiten! Ich war mir selber eine Überraschung. Der Reichtum an Zeit, in dessen Besitz ein Mann sich findet, wenn er Gelage und Spiel und all die zeitverzehrenden Zerstreuungen am Strande aufgegeben hat, ist erstaunlich. Und ich vergeudete nicht eine Sekunde meiner neu gefundenen Zeit. Statt dessen arbeitete ich über die Zeit hinaus. Ich tat die Arbeit von einem halben Dutzend Männern. Ich wurde treibende Kraft. Meine Kapitäne machten schnellere Fahrten als je und verdienten manchen dicken Bonus, und ebenso meine Superkargos, die aufpaßten, daß meine Schoner unterwegs nicht bummelten. Und ich paßte auf, daß meine Superkargos aufpaßten.

Und gut war ich! Weiß Gott, ich war so gut, daß es direkt weh tat. Mein Gewissen wurde so umfangreich und fein organisiert, daß mir die Schultern von seiner Last lahm wurden. Ja, ich ging sogar meine Abrechnungen durch und bezahlte Sweitzer fünfzig Pfund, um die ich ihn in einem Geschäft auf Fidschi vor drei Jahren betrogen hatte. Und die Zinsen legte ich auch noch dazu.

Arbeiten! Ich pflanzte Zuckerrohr – die erste gewerbsmäßige Pflanzung auf Manatomana. Ich führte Schiffsladungen von Eingeborenen aus Malaita, einer der Salomonsinseln, ein, bis ich zwölfhundert Negersklaven zum Zuckerrohrpflanzen hatte. Und ich schickte einen Schoner bis nach Hawai, um eine unbrauchbare Zuckermühle und einen Deutschen zu holen, der behauptete, mit Zuckerrohr Bescheid zu wissen. Und das tat er auch und ließ sich einen Lohn von dreihundert Dollar monatlich bezahlen, und ich machte mich an die Mühle. Ich stellte sie selbst mit Hilfe von Mechanikern auf, die ich mir aus Queensland holte.

Natürlich hatte ich einen Rivalen. Er hieß Motomoe. Er war vom allerhöchsten Häuptlingsblut nächst dem König Johns. Er war Vollbluteingeborener, ein gutgewachsener, hübscher Mann, der eine unangenehme Art zu glotzen hatte, um sein Mißfallen zu zeigen. Er glotzte mich wirklich an, als ich begann, mich in der Nähe des Palastes zu zeigen. Er durchforschte meine Vergangenheit und brachte die schwärzesten Geschichten über mich in Umlauf. Das schlimmste war, daß die meisten stimmten. Er machte sogar eine Seereise nach Apia, um sich zu erkundigen – als ob er nicht genügend am Strande von Manatomana hätte erfahren können. Und er spottete darüber, daß ich der Religion verfallen war und zur Gebetsversammlung ging, am allermeisten aber über meine Zuckerpflanzungen. Er forderte mich zum Kampfe heraus, und ich mied ihn. Er drohte mir, und ich erfuhr im letzten Augenblick von seinem Plan, mir den Kopf abzuschlagen. Seht ihr, er sehnte sich genau so nach der Prinzessin wie ich, aber ich tat es doch noch mehr. Sie spielte Klavier. Das hatte ich auch mal getan. Ich ließ es sie aber nie wissen, nachdem ich sie einmal spielen gehört hatte. Und sie glaubte, ihr Spiel wäre herrlich, das liebe, törichte Mädel. Ihr kennt die Art, diese mechanische Klimperei mit Eins-zwei-drei, Tum-tum-tum. Und jetzt will ich euch etwas wirklich Komisches erzählen. Ihr Spiel war wunderbar – für mich. Die Pforten des Himmels öffneten sich mir, wenn sie spielte. Ich kann mich noch sehen. Abgearbeitet und müde wie ein Hund, nach der Mühe des Tages, lag ich auf der Veranda auf den Matten, starrte sie am Klavier an und befand mich in einem völlig idiotischen Zustand der Glückseligkeit. Nun, diese ihre Idee, daß sie gut spielte, war der einzige Mangel an ihrer Vollkommenheit, und ich liebte sie wegen dieses Mangels. Er brachte sie gleichsam in meine menschliche Nähe. Wenn sie ihr Eins-zwei-drei, Tum-tum-tum spielte, war ich vor Entzücken im siebenten Himmel. Meine Müdigkeit verließ mich, ich liebte sie, und meine Liebe zu ihr war rein wie Feuer, rein wie meine Liebe zu Gott. Und wollt ihr mir glauben: In meiner wilden Phantasie des Liebenden drängte sich mir immer der Gedanke auf, daß Gott ihr in fast allem gleichen mußte.

Es ist richtig, Bruce Cadogan Cavendish, spotte, soviel du Lust hast, aber ich sage dir, es ist Liebe, was ich beschrieben habe. Das ist alles. Es ist Liebe. Und Liebe ist das Großartigste, Reinste, Feinste, was einem Mann begegnen kann. Ich weiß, was ich sage, mir ist sie begegnet.«

Backenbart, dessen kugelrundes Eichhörnchenauge unter seiner verwachsenen Braue wie eine brennende Kugel in tiefer Dschungel funkelte, unterbrach sich, um einen beruhigenden Schluck aus seiner Milchdose zu nehmen und sich einen neuen Trunk zu mischen.

»Das Zuckerrohr,« begann er wieder und wischte sich die gewaltige Masse verfilzten Gesichtshaares mit dem Handrücken, »das Zuckerrohr wurde in dem Klima in sechs Monaten reif, und ich war gerade fertig mit der Mühle, um es zu mahlen. Natürlich wurde nicht alles auf einmal reif, aber ich hatte es in einer Reihenfolge gepflanzt, daß ich neun Monate hintereinander, ununterbrochen mahlen konnte, während immer wieder neu gepflanzt wurde und das Rohr wuchs.

In den ersten Tagen hatte ich allerhand Ärger. War es nicht die Mühle, so war es etwas anderes. Am vierten Tage mußte mein erster Ingenieur, Ferguson, die Arbeit auf mehrere Stunden einstellen, um seine eigenen Störungen abzustellen. Ich hatte Unannehmlichkeiten mit der Zuführung. Nachdem ich von den Negern (die die Maschine mit Zuckerrohr gefüllt hatten) Zitronensaft auf die Walzen hatte gießen lassen, um alles süß zu halten, schickte ich sie zu den Abteilungen, die Zuckerrohr schnitten. Deshalb stand ich ganz allein an dem einen Ende, gerade als Ferguson die Mühle in Gang setzte, gerade als ich entdeckte, was mit den Walzen los war, und gerade als Motomoe angeschlendert kam.

Er stand da in einer Norfolkjacke, Schweinsledergamaschen und allem, was sonst zu einem modernen Stutzer gehörte, und verspottete mich, wie ich, mit Schmutz und Fett bis zu den Augenbrauen bedeckt, dastand und einem Stromer glich. Da die Walze jetzt weiß von Zitronensaft war, hatte ich gerade gesehen, was los war. Die Walzen lagen nicht parallel. Auf der einen Seite zermalmten sie das Zuckerrohr gut, auf der anderen aber standen sie zu weit auseinander. Ich schob meine Finger auf der anderen Seite hinein. Die großen Zahnräder in den Walzen berührten meine Finger nicht. Und doch taten sie es plötzlich. Mit einer Kraft von zehntausend Teufeln wurden sie plötzlich gepackt, hineingezerrt und – nun ja, eben zu Brei gequetscht. Wie ein Stück Zuckerrohr hatte ich meinen Weg angetreten. Es war nicht möglich, mich anzuhalten. Zehntausend Pferde hätten nicht mich zurückziehen können. Nichts konnte mich halten. Mit Hand, Brust, Schulter, Kopf mußte ich durch die Maschine hindurch.

Es tat weh. Es tat so weh, daß es gar nicht mehr weh tat. Ganz unberührt, kann ich fast sagen, sah ich zu, wie meine Hand, Knochen für Knochen, Glied für Glied, zermalmt wurde, der Handrücken, das Handgelenk, der Unterarm, alles ging ordentlich, langsam und unvermeidlich in die Maschine hinein. Oh, Pionier, in die Luft gesprengt von deiner eigenen Petarde, oh, Zuckerfabrikant, zermalmt von deinem eigenen Rohrzermalmer!

Motomoe sprang unwillkürlich hinzu, und das Hohnlächeln auf seinem Gesicht wich einem Ausdruck von Schrecken. Dann aber erkannte er die Schönheit der Situation, und er kicherte und grinste. Nein, von ihm hatte ich nichts zu erwarten. Hatte er nicht versucht, mir den Kopf abzuschlagen? Und was konnte er auch tun? Er verstand nichts von Maschinen.

Aus voller Kraft meiner Lungen schrie ich Ferguson zu, daß er die Maschine anhalten sollte. Aber mein Geschrei ertrank im Gebrüll der Maschinerie. Und da stand ich, den Arm bis zum Ellbogen in der Maschine. Ja, es tat weh. Ich fühlte erstaunliche Stiche, wenn besondere Nerven zerrissen oder mit den Wurzeln herausgezerrt wurden. Aber ich weiß noch, daß der Schmerz mir überraschend gering erschien.

Motomoe machte eine Bewegung, die sich meine Aufmerksamkeit zuzog. Gleichzeitig brummte er laut, als haßte er sich selber: ›Ich bin ein Esel!‹ Dann hob er ein Zuckerrohrmesser vom Boden auf – ihr kennt die Art – groß und schwer wie ein Schlachtschwert. Und ich war ihm schon dankbar, daß er mich von meinem Elend befreien wollte. Es hatte keinen Sinn, langsam in die Maschine hineinzugehen, bis mir der Kopf zerschmettert wurde, und mein Arm war schon über die Ellbogen, halbwegs bis zur Schulter zerquetscht, und die Maschine mahlte immer weiter. Deshalb beugte ich dankbar den Kopf vor dem Schlage.

›Nimm den Kopf weg, du Idiot!‹ schrie er mich an.

Und da verstand ich und gehorchte. Ich war ein starker Mann, und er mußte zweimal zuschlagen; aber er hieb mir den Arm eben unterhalb der Schulter ab, zog mich fort und legte mich auf das Zuckerrohr.

Ja, der Zucker machte sich bezahlt – kolossal. Ich baute der Prinzessin die Kirche, von der sie in ihrer Gottesfurcht geträumt hatte ... und sie heiratete mich.«

Er löschte teilweise seinen Durst und machte dann seine Schlußbemerkung:

»Ach und Weh! Und das ist nun das Ende. Und doch habe ich gelebt und sende eine Kußhand meiner Prinzessin. Sie schläft längst in König Johns großem Mausoleum, das über dem Manona-Tal auf die fremde Flagge herabsieht, die über dem Gebäude des britischen Gouvernements weht ...«

Der Dicke stieß mitfühlend mit ihm an und leerte mitfühlend seine eigene kleine Dose. Bruce Cadogan Cavendish starrte mit unversöhnlicher Bitterkeit ins Feuer. Er war ein Mann, der vorzog, allein zu trinken. Um seine dünnen Lippen, die den grausamen Riß seines Mundes bildeten, spielten Zuckungen von Spott, die die Aufmerksamkeit des Dicken erregten. Und der Dicke vergewisserte sich erst, daß sein Stein in Reichweite lag, und wandte sich dann an ihn:

»Na, Bruce Cadogan Cavendish, wie steht es mit dir? Jetzt ist die Reihe an dir.«

Der andere hob seine kalten Augen und bohrte sie in die des Dicken, bis der physisches Unbehagen fühlte.

»Ich habe ein hartes Leben hinter mir«, knurrte der Lange barsch. »Was weiß ich von Liebesabenteuern?«

»Kein Mann von deinem Wuchs und deinem Äußern hätte ihnen entgehen können«, schmeichelte der Dicke.

»Und weshalb davon reden!« fauchte der Lange. »Ein Gentleman prahlt nicht mit Liebestriumphen.«

»Ach, sei brav, weiter«, drängte der Dicke. »Die Nacht ist noch jung, wir haben noch etwas zu trinken. Delarouse und ich haben unseren Beitrag geleistet. Es geschieht nicht oft, daß drei richtige Kerle wie wir zusammentreffen, um sich etwas zu erzählen. Sicher hast du mindestens ein Liebesabenteuer erlebt, dessen du dich nicht zu schämen brauchst.«

Bruce Cadogan Cavendish zog seine Wurfscheibe hervor und schien zu überlegen, ob er dem andern die Hirnschale zerschmettern sollte oder nicht. Er seufzte und ließ die Scheibe wieder fallen.

»Also schön, wenn ihr durchaus wollt«, gab er, offenbar widerstrebend, nach. »Genau wie ihr habe auch ich eine seltene Konstitution gehabt. Und noch in diesem Augenblick könnte ich euch beide unter den Tisch trinken, wie ihr in eurer besten Zeit wart. Wie bei euch lag auch mein Anfang weit von hier und war weit verschieden von heute. Daß meine vornehme Geburt mir ihren Stempel aufgedrückt hat, darüber ist nicht zu streiten. Wenn nicht einer von euch jetzt die Sache zu diskutieren wünscht ...« Er steckte seine einzige Hand in die Tasche und griff nach der Wurfscheibe. Keiner seiner zwei Zuhörer sprach ein Wort oder verriet irgendwie, daß er die Drohung bemerkt hätte.

»Es geschah tausend Meilen westlich von Manatomana, auf der Insel Tagalag«, fuhr er plötzlich fort mit einer Miene, die offene Enttäuschung zeigte, daß es nicht zu einer Diskussion gekommen war. »Aber zuerst muß ich euch erzählen, wie ich nach Tagalag kam. Aus Gründen, die ich hier nicht erwähnen, auf abwärtsgehenden Wegen, die ich nicht beschreiben will, befand ich mich auf dem Höhepunkt meiner Männlichkeit und zu Beginn meiner Teufelschaft, ein Stadium, in dem entlaufene Oxforder Studenten und jüngere Söhne am Totalisator nichts vor mir voraushatten, dem Herrn und Besitzer eines Schoners, der so bekannt war, daß er in meiner Erzählung namenlos bleiben soll. Ich fuhr Negersklaven vom südwestlichen Teil des Stillen Ozeans und der Korallensee zur Arbeit nach den Plantagen von Hawai und den Salpeterminen in Chile –«

»Du warst es also, der die ganze Bevölkerung ausrottete in –«, fuhr es unversehens aus dem Dicken heraus.

Bruce Cadogan Cavendishs einzige Hand zog blitzschnell die Scheibe aus der Tasche und hielt sie wurfgerecht.

»Weiter«, seufzte der Dicke. »Ich habe ganz vergessen, was ich sagen wollte.«

»Verflucht komisches Land da drüben«, sagte der Erzähler gedehnt und mit vollkommener Gleichgültigkeit. »Ihr habt dies Zeugs vom Seewolf gelesen –«

»Du warst nicht der Seewolf«, fiel Backenbart ihm mit unwillkürlicher Sicherheit ins Wort.

»Nein, mein Herr«, knurrte er. »Der Seewolf ist tot, nicht wahr? Und ich lebe noch.«

»Natürlich, natürlich«, räumte Backenbart ein. »Er fiel vor ein paar Jahren von einem Bollwerk in Victoria kopfüber in den Schlamm und erstickte.«

»Wie ich sagte – und ich liebe keine Unterbrechungen,« fuhr Bruce Cadogan Cavendish fort, »ist es ein verflucht komisches Land drüben. Ich war auf Taki-Tiki, einer niedrigen Insel, die politisch zu den Salomonsinseln gehört, aber nicht geologisch, denn die Salomons sind gebirgig. Ethnographisch gehört sie sowohl zu Polynesien wie zu Melanesien und Mikronesien, weil alle Rassen im südlichen Teil des Stillen Ozeans mit Booten dorthin gezogen sind und sich auf eine erstaunlich verwickelte und degenerierende Art vermischt haben. Die Hefe vom Bodenschlamm des menschlichen Abschaums, biologisch gesprochen, wohnt auf Taki-Tiki. Und ich kenne den Bodenschlamm und das, wovon ich rede.

Es war eine verflucht komische Zeit, die ich dort verlebte, während ich nach Muscheln tauchte, Trepang fischte, für eiserne Tonnenreifen Kopra und vegetabiles Elfenbein eintauschte, mit Negern fuhr und so weiter. Na, selbst auf Fidschi hatten sie eine schlimme Zeit, und die Häuptlinge fraßen noch Menschenfleisch. Weiter westlich ging es wild her – putzige kleine schwarze Neger, Menschenfresser einer wie der andere, und der Pot fett und zum Überfließen voll.«

»Der Pot?« fragte der Dicke. Der andere machte eine ärgerliche Bewegung, und er fügte schnell hinzu: »Weißt du, ich bin nie so weit im Westen gewesen, wie Delarouse und du.«

»Sie sind alle Kopfjäger, Köpfe sind wertvoll, namentlich die von weißen Männern. Sie dekorieren Bootshäuser und Teufel-Teufel-Häuser damit. Jedes Dorf hat einen Pot, und alle geben dazu. Wer den Kopf eines Weißen verschafft, kriegt den Einsatz. Dauert es lange, bis einer gewinnt, so wächst der Einsatz erstaunlich, verflucht komisch, nicht wahr?

Ich weiß Bescheid. War da nicht ein holländischer Steuermann, der am Schwarzwasserfieber starb? Und bekam ich nicht selbst einmal den Einsatz? Das ging so zu. Wir lagen damals bei Lango-lui. Ich mischte mich nicht hinein, sondern ließ die Sache durch Johnny, meinen Bootssteuerer, ordnen. Der war selber ein Neger von Port Moresby. Er schnitt dem toten Mann den Kopf ab und schlich sich nachts an Land, während ich mit meiner Büchse drauflosknallte, als ob ich es auf ihn abgesehen hätte. Er gewann den Pot mit dem Kopf des Steuermanns und kriegte ihn auch. Natürlich schickte ich am nächsten Tage ein Landungsboot mit zwei Begleitbooten, um ihn mit der Beute zu holen.«

»Wie groß war der Pot?« fragte Backenbart. »Ich habe von einem in Orla gehört, der achtzig Pfund wert war.«

»Erstens vierzig fette Schweine, jedes von ihnen einen Faden prima Muschelgeld wert, und Muschelgeld ist ein Pfund den Faden wert. Das machte genau zweihundert Dollar. Dann achtundneunzig Faden Muschelgeld, was so an fünfhundert ausmacht. Und außerdem zweiundzwanzig Sovereigns in Gold. Ich teilte den Erlös in vier Teile, ein Viertel für Johnny, ein Viertel für das Schiff, ein Viertel für mich als Reeder und ein Viertel für mich als Schiffer. Johnny beklagte sich durchaus nicht. Er hatte sein ganzes Leben noch nie soviel Reichtum auf einmal besessen. Außerdem gab ich ihm ein paar alte Hemden des Steuermanns. Und ich nehme an, daß der Kopf des Steuermanns noch heute dort das Kanuhaus schmückt.«

»Das ist nicht gerade ein christliches Begräbnis für einen Christen«, bemerkte Backenbart.

»Aber ein einträgliches Begräbnis«, antwortete der Lange. »Den Rest des Steuermanns mußte ich den Haien umsonst über Bord schmeißen. Hätte ich einen Kopf für achthundert Dollar mit über Bord werfen sollen? Das wäre verbrecherische Verschwendung und kompletter Wahnsinn gewesen.

Na, jedenfalls war alles verflucht komisch, dort drüben im Westen. Und ohne euch zu erzählen, wie ich auf Taki-Tiki in die Klemme kam, wie ich die zweihundert Neger, mit denen ich zur Arbeit nach Queensland gondelte, aufgelesen hatte, und wie zwei englische Kriegsschiffe die Südsee nach mir absuchten, will ich nur bemerken, daß ich den Kurs änderte und nach Westen lief mit dem Vorsatz, den ganzen Dreck an die spanischen Plantagen auf Bangar zu verkaufen.

Es war in der Orkanzeit. Wir kriegten ihn. Wirbelwind hieß mein Schoner, und ich hatte ihn für sehr stark gehalten, bis ihn dieser Taifun traf. Nie habe ich solche Seen erlebt! Sie schlugen buchstäblich das starke Schiff in Stücke. Die Masten wurden herausgerissen, die Deckhäuser zu Brennholz zersplittert, die Reling abgerissen, und als das Schlimmste vorbei war, begann die Bohlenbekleidung zu verschwinden. Es glückte uns gerade noch zu reparieren, was von einem Boot übrig war, und den Schoner flott zu halten, bis die See sich soweit legte, daß wir fort konnten. Das Boot rüsteten wir in aller Eile aus. Der Zimmermann und ich waren die letzten, und wir mußten hineinspringen, als der Schoner sank. Wir waren nur vier.«

»Verlort ihr alle Neger?« fragte Backenbart.

»Einige von ihnen schwammen eine Zeitlang herum,« antwortete der Lange, »aber ich glaube nicht, daß sie das Land erreichten. Wir brauchten zehn Tage dazu. Und die meiste Zeit fegte der Wind über uns hinweg. Und was, glaubt ihr, hatten wir im Boot bei uns? Kisten mit Genever in vierkantigen Flaschen und Kisten mit Dynamit. Komisch, nicht? Na, später wurde es noch komischer. Na ja, wir hatten ein kleines Fäßchen mit Wasser, ein bißchen eingepökeltes Pferdefleisch und etwas Schiffszwieback, der von Salzwasser getränkt war. Genug, um uns bis Tagalag am Leben zu halten.

Nun ist Tagalag die größte Enttäuschung, die man sich von einer Insel denken kann. Sie taucht aus dem Meere auf, daß man sie auf zwanzig Meilen Entfernung sehen kann. Sie ist ein vulkanischer Kegel, aus dem tiefen Meer emporgewachsen, und ein Teil des Kraterwalles ist ausgebrochen. Dadurch gelangt das Meerwasser in den Krater hinein und bildet einen schönen schützenden Hafen. Und das ist alles. Nichts lebt dort. Außen- und Innenseite des Kraters sind zu steil. An einer Stelle drinnen gibt es einen Fleck mit ungefähr tausend Kokospalmen. Und das ist alles, mit Ausnahme einiger weniger Insekten. Kein vierbeiniges Geschöpf, nicht einmal eine Ratte, bewohnt den Ort. Und komisch, ganz furchtbar komisch war es, daß es bei all diesen Kokosnüssen nicht eine einzige Kokoskrabbe gab. Das einzige lebende Fleischgericht waren Scharen von Seebarben im Hafen – die fettesten, feinsten, größten Seebarben, die ich je gesehen habe.

Und wir vier landeten an dem kleinen Strande und richteten uns häuslich unter den Kokosnüssen ein, die Speisekammer voll Genever und Dynamit. Warum lacht ihr nicht? Das ist lustig, sage ich euch. Versucht es einmal – holländischer Genever und ungemischte Kokosnußdiät. Ich kann seitdem nie mehr das Fenster eines Konditors ansehen. Nun bin ich zwar nicht so stark in Religion wie Chauncey Delarouse, aber ich habe doch einige primitive Begriffe, und mein Begriff von der Hölle ist eine unbegrenzte Kokosnußplantage mit Kisten voll Genever und von schiffbrüchigen Seeleuten bevölkert. Lustig? Da muß der Teufel selber heulen.

Ihr wißt, Kokosnüsse sind, was die Agronomen eine nicht ausgeglichene Ration nennen. Sie brachten unsere Verdauung ein bißchen aus dem Gleichgewicht. Wir machten es so, daß wir, sobald der Hunger uns besonders scharf biß, einen Schluck Genever nahmen. Nachdem es ein paar Wochen so gegangen war, hatte Olaf, ein Matrose und ausgekochter Junge, eine Idee. Sie kam ihm, als er sich mit Genever vollgesoffen hatte, und wir, denen es ebenso erging, bemerkten gerade noch, daß er ein Zündhütchen und einen kurzen Zünder in eine Dynamitstange steckte und nach dem Boote abschob.

Mir dämmerte, daß er Fische schießen wollte, wenn es welche gab; aber die Sonne war verflucht heiß, und ich begnügte mich damit, mich dort, wo ich saß, zurückzulehnen und ihm Glück zu wünschen. Ungefähr eine halbe Stunde, nachdem er verschwunden war, hörten wir die Explosion. Aber er kam nicht wieder. Wir warteten, bis es bei Sonnenuntergang kühl wurde, und dann fanden wir am Strande, was von ihm übriggeblieben war. Das Boot war richtig da, vom Winde auf den Grund getrieben, aber kein Olaf war da. Er sollte nie wieder Kokosnüsse essen. Wir wankten fort und brachen einer neuen Flasche Genever den Hals.

Am nächsten Tage erklärte der Koch, er wolle lieber einen Versuch mit Dynamit machen, als weiter versuchen, sich mittels Kokosnüssen am Leben zu halten, und obwohl er mit Dynamit nicht Bescheid wisse, wisse er doch mehr als genug von Kokosnüssen. Deshalb bissen wir das Zündhütchen für ihn ab, schoben einen Zünder hinein und wählten ein gutes Streichholz für ihn, während er sich noch mit ein paar steifen Genevern beschäftigte.

Das Programm war das gleiche wie am Tage zuvor. Eine Stunde darauf hörten wir die Explosion, und in der Dämmerung gingen wir zum Boot, von dem wir soviel vom Koch herunterschrabten, daß es gerade noch zu einer Beerdigung reichte.

Der Zimmermann und ich warteten noch zwei Tage. Dann losten wir, und er war an der Reihe. Wir trennten uns mit bitteren Worten, denn er wollte eine Flasche Genever mitnehmen, um sich unterwegs zu erfrischen, während ich mich fest der Vergeudung des Genevers widersetzte. Außerdem hatte er sowieso schon mehr, als er vertragen konnte, und schwankte und taumelte beim Gehen. Es war genau das gleiche; ich hatte jedoch eine ganze Menge von ihm zu begraben, weil er nur eine halbe Stange Dynamit benutzt hatte. Es glückte mir, bis zum nächsten Tage auszuhalten. Nachdem ich mich gehörig gestärkt hatte, war ich mutig genug, mit dem Dynamit anzubinden. Ich brauchte nur eine Drittel Stange. Ihr wißt, kurzer Zünder, an den Enden gespalten, so daß man einen Streichholzkopf hineinstecken kann. Hierin verbesserte ich die Methode meiner Vorgänger. Da sie keinen Streichholzkopf benutzten, hatten sie zu lange Zünder, deshalb mußten sie, wenn sie eine Schar Seebarben entdeckten und den Zünder ansteckten, das Dynamit halten, bis der Zünder heruntergebrannt war, ehe sie es warfen. Warfen sie es zu schnell, so ging es im selben Augenblick hoch, wenn es das Wasser traf, und der Funken verscheuchte die Fische. Komisches Zeugs, das Dynamit! Jedenfalls behaupte ich, daß meine Methode die sicherste ist.

Ehe ich fünf Minuten gerudert hatte, entdeckte ich eine Schar Seebarben. Schön, groß und fett waren sie, und ich sah sie schon über dem Feuer. Als ich, das Streichholz in der einen und die Dynamitstange in der andern Hand, aufstand, schlugen meine Knie gegeneinander. Vielleicht war es der Genever, oder die Angst oder die Schwäche vor Hunger, vielleicht alles zusammen, auf jeden Fall aber zitterte ich am ganzen Leibe. Zweimal mißglückte der Versuch, das Dynamit mit dem Streichholz zu berühren. Schließlich ging es, ich hörte die Lunte sprühen und ließ sie fallen.

Nun weiß ich zwar nicht, was den andern geschah, aber ich weiß jedenfalls, wie es mir erging. Habt ihr je eine Erdbeere gepflückt, die Erdbeere weggeworfen und den Stengel in den Mund gesteckt? Das tat ich. Ich warf das Streichholz ins Wasser zu den Seebarben und hielt das Dynamit fest. Und als das Dynamit explodierte, ging mein Arm mit in die Luft.«

Der Lange untersuchte die Tomatendose nach Wasser, um sich einen Trunk zu mischen, fand sie aber leer. Er stand auf.

»Ach ja«, gähnte er und schickte sich an, zum Fluß hinunterzugehen.

Nach einigen Minuten kam er wieder. Er mischte das schmutzige Flußwasser mit dem passenden Quantum Alkohol, nahm einen Schluck und starrte mit bitterer Schwermut ins Feuer.

»Ja, aber ...«, meinte der Dicke. »Was geschah dann?«

»Ach«, sagte der Lange. »Dann heiratete die Prinzessin mich natürlich.«

»Aber du warst doch der einzige Mensch, der übrig war, und es gab gar keine Prinzessin«, rief Backenbart plötzlich und brach dann verlegen ab.

Der Lange starrte unabgewandt ins Feuer.

Percival Delaney und Chauncey Delarouse sahen sich an. Ruhig, unter feierlichem Schweigen half jeder von ihnen mit seinem einzigen Arm dem einzigen Arm des andern, sein Bündel zu schnüren. Und schweigend warfen sie ihre Bündel über die Schulter und verschwanden aus dem Lichtkreise. Sie sprachen nicht, ehe sie oben auf dem Bahndamm standen.

»Das hätte kein Gentleman getan«, sagte Backenbart.

»Nein, das hätte kein Gentleman getan«, stimmte der Dicke zu.


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