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Weihnachten hinter Schloß und Riegel.
Eine tragische Geschichte

Das ganze Unglück hätte eben nicht geschehen können, wenn ihr Mann mitgekommen wäre. Aber er war ein so eigensinniger Egoist! Na überhaupt, der Mann! Was konnte der unausstehlich sein! Daß sie es mit dem schon so lange aushielt, war ein Wunder. Kein Mensch konnte es begreifen, sie auch nicht. Und sie lebte nun schon fünf endlose Jahre mit diesem schrecklichen Menschen in ebenso kinder- wie freudloser Ehe. Fünf Jahre! Und in der langen langen Zeit hatte sie ihm auch nicht einen Tag rechter Freude und fröhlicher Unbefangenheit zu danken. Die spärlichen Oasen in dieser trostlosen Wüste – sie allein hatte sie aufsuchen müssen.

Weshalb hatte sie den Mann nur geheiratet? So fragte sie sich, so fragten sie andere; und sie wußte keine andere Antwort darauf als die: aus jugendlich dummer Unerfahrenheit.

Man hatte ihr so zugeredet. Er war ja ganz akzeptabel, kein Spieler, kein Bummler. Nach der oberflächlichen Schätzung der Allgemeinheit, was man so einen anständigen Menschen zu nennen pflegt; er stammte aus guter Familie und hatte ein hübsches Vermögen. Er war freilich ein bißchen ungehobelt, aber den würde sie sich schon ziehen, meinten ihre Freunde. Und hier oben, ganz oben, am nordöstlichen Zipfel Preußens – auf der einen Seite das Meer und die Dünen, auf der andern die Russen – waren die Männer rar. Wenn sie nicht zugriff, würde sie sehr wahrscheinlich sitzen bleiben, wie so viele adelige Fräulein ihrer Bekannt- und Verwandtschaft, mit denen sie Wesentliches gemein hatte. Außer ihrer Jugend und dem alten ehrenvollen Namen, den sie trug, hatte sie ihrem Zukünftigen eigentlich doch recht wenig zu bieten. Sie war durchaus nicht häßlicher, aber auch nicht hübscher als viele andere. Ihre Hagerkeit und Länge, das erstaunliche Manko an jeglicher Wölbung, durch die sich seit Evas Zeiten die weibliche Gestalt von der männlichen unterscheidet, die langen schmalen Hände und Füße gaben der Erscheinung wohl etwas Vornehmes, aber nicht gerade Reizvolles. Ihr Gesicht war ziemlich ausdruckslos. Sie machte gewöhnlich den Eindruck, als ob sie sich langweile. In ihren Bewegungen war sie lässig und langsam, und auch in ihrem Sprechen. Die zu scharfer Artikulation unerläßlichen Mundbewegungen verringerte sie auf ein Minimum.

Bild: René Reinicke

»Aber so tu' doch den Mund auf, Grete!« hatte sie in ihrer Kindheit schon beständig von ihrer seligen Mutter zu hören bekommen.

Sie brauchte nicht zu verhungern, aber ihr Vermögen war doch viel zu bescheiden, als daß sie unter ihresgleichen als eine gute Partie angesehen werden konnte.

Und so hatte sie sich denn zureden lassen und vor fünf Jahren, als sie einundzwanzig zählte, den fünfunddreißigjährigen Hans v. Wapplitz geheiratet, der nach dem Tode seines Vaters als Oberleutenant seinen Abschied genommen und sein Erbe als Majoratsherr von Gollub angetreten hatte. Dem wilden Wapplitz gefiel das ruhige langsame stille Fräulein Margarete v. Klöwen mit ihrem weichen flachsblonden Haar. Er hatte sie bei ihrem Bruder, dem Hauptmann Fritz v. Klöwen, kennen gelernt. Sie gefiel ihm gerade, weil sie so ganz anders war als er. Auch er war mit dem Programme: die werde ich mir schon ziehen, in die Ehe getreten. Beide sollten sich irren. Das Zusammenleben hatte die Gegensätze nicht ausgeglichen, sondern nur verschärft.

Margarete war immer stiller, Wapplitz immer lauter geworden. Und das wollte etwas sagen, denn er war von je ungewöhnlich geräuschvoll gewesen. Seine Kammeraden hatten ihn nie anders als die »Platzpatrone« genannt. Wenn er die Treppe hinaufstieg, ächzten die Stufen. Wenn er in aller Frühe, in der einzigen sentimentalen Anwandlung des Tages, beim Anziehen der Stiefel sein Lieblingslied »Leise flehen meine Lieder« mit seinem urkräftigen Grundbaß vor sich hinsang, zitterten die Wände, und wenn er im Wohnzimmer lachte, klirrten die Gläser auf dem Buffet im Speisezimmer nebenan.

Er war über mittelgroß, vierschrötig, gedrungen, kurzhalsig, mit einem Stiernacken. Der breite Schädel war mit dichtem borstigen dunkelblonden Haar bewachsen, das er ganz kurz geschoren trug. Die lebhaften, aber nicht sehr freundlichen Augen funkelten aus den tiefen Höhlen unter dem dickwulstigen Vorbau der niedrigen klugen Stirn hervor. Er machte den Eindruck eines Gewaltmenschen, mit dem nicht gut Kirschen essen ist. Seine Leute zitterten vor ihm. Er verstand etwas von Bodenkultur, wirtschaftete rationell und machte mit seiner Branntweinbrennerei gute Geschäfte. Das war seine Tätigkeit. Im übrigen hatte er nur eine Passion: die Jagd, und nur einen ergebenen Freund: seinen langhaarigen Vorstehhund Hektor, der ihn auf Schritt und Tritt begleitete. Für seine Bildung und Unterhaltung sorgten die Gerichtsverhandlungen und Vermischten Nachrichten der konservativen Blätter, auf die er abonniert war.

Winter und Sommer war er den ganzen Tag unterwegs, im Freien, im Stall, in der Fabrik. Margarete blieb beständig allein. Die alte Wirtschafterin, Fräulein Semmelin, war seit über zwanzig Jahren auf dem Gute, verläßlich und selbständig. Margarete brauchte nur zuzustimmen. Sie machte Handarbeiten, spielte Chopinsche Walzer, die Serenade von Moszkowski, das Intermezzo aus der »Cavalleria« und las ohne Wahl alle Romane, die ihr der Buchhändler aus der Stadt zuschickte. Alles das tat sie ohne rechte Freude, bloß um die Zeit totzuschlagen. Das einzige, was ihr wirklich Vergnügen bereitete, war ihr nahezu völlig versagt: sie liebte das Zusammensein mit Menschen, Gesellschaften, Bälle, Theater. Auf Gollub war sie von der Welt wie abgeschnitten.

Bis zur nächsten Haltestelle der Zweigbahn Konradswalde brauchte der Wagen, wenn die Pferde in scharfem Trab liefen, eine gute Stunde. Von da betrug die Entfernung nach der Haltestelle der Hauptlinie, nach Gudden, ungefähr sechzig Kilometer, zu deren Bewältigung die Bahn zweier Stunden bedurfte. War man nun glücklich in Gudden, so merkte man von den Erheiterungen des großstädtischen Lebens auch noch nicht viel. Da war auch noch ein längerer Aufenthalt, bis der Hauptzug nach Memel weiterging. Sie mußte also, wenn sie ihren Bruder und ihre Schwägerin besuchen und ihre früheren Freunde wiedersehen wollte, eine langweilige, beschwerliche Reise von über fünf Stunden machen. Und fast immer allein, denn Wapplitz war nur in seltenen Ausnahmen dazu zu bewegen, sie zu begleiten. Der Trubel in der »großen Stadt« war ihm unangenehm. Er hatte immer wichtige Geschäfte oder Verabredungen mit jagenden Gutsnachbarn. Gegen den Frack hatte er eine unüberwindliche Abneigung. Alles mögliche – nur keine Gesellschaften!

So gingen denn die beiden nun schon seit Jahren nebeneinander her – ein jedes für sich, wie der Wanderer »wenig froh«. Mitunter kam es zu unliebsamen Auseinandersetzungen, sie machten sich gegenseitig Vorwürfe, der dröhnende Wapplitz schrie die apathische Margarete ohne Mühe nieder, und schließlich blieb alles beim alten. Beide trugen es wohl mit sich herum, daß dies Leben zu zweien, die sich immer weniger leiden konnten, keinen Sinn und Verstand hatte. Aber das erlösende Wort, daß es das Gescheiteste sei, ihrer öden und trüben Ehe ein Ende zu machen, war noch nicht gefallen.

Das Merkwürdige war, daß Wapplitz, der sich aus seiner Frau eigentlich gar nichts machte, es doch nicht vertragen konnte, wenn sie mit einem andern freundlich war oder wenn ihr ein anderer besondere Artigkeiten erwies. Er war, ohne sie zu lieben, doch richtig eifersüchtig auf sie. Deshalb war ihm auch das »ewige Gefahre« zu ihrem Bruder, der immer das Haus voller junger Leute hatte, gar nicht angenehm. Unter »ewigem Gefahre« verstand er, daß Margarete im Sommer auf drei, vier Wochen mit ihrem Bruder und dessen Familie an die See ging und daß sie im Laufe des Winters zwei-, dreimal zu den »großen Gesellschaften« ihre Memeler Verwandten besuchte. Da gab's jedesmal Streit, der am Tage, an dem die Einladung einlief, anfing und erst in der Stunde der Abreise aufhörte. Margarete ertrug es geduldig. Die Aussicht auf einige zerstreuende Stunden mit freundlichen und netten Menschen ließ sich die lästige Ouvertüre ertragen.

Diesmal tobte Hans v. Wapplitz mit besonders sonorer Heftigkeit.

»Was den Herrn Hauptmann« – so nannte er seinen Schwager Klöwen, wenn er gereizt war – »dazu veranlassen kann, seine famose Gesellschaft nun gerade auf den 23. Dezember zu verlegen, das wissen die Götter! Aber sehr rücksichtsvoll kann ich das nicht finden. Daß ich den Rummel nicht mitmache, weiß er, und daß der Heilige Abend der Familie gehört, könnte er auch wissen. Daß ich an dem Abend hier allein mit Hektor sitzen soll, während ihr da herumhopst und euch auf eure Weise amüsiert – na, wie gesagt, so was bringen nur die Klöwens fertig!«

Es war ein untrügliches Anzeichen gesteigerter Gereiztheit, wenn Hans Wapplitz von den »Klöwen« sprach und dabei mit unverkennbarer Geringschätzung des »ö« ungebührlich in die Länge dehnte.

»Was du dich nun wieder ereiferst!« entgegnete Margarete in ihrer langsamen, monotonen Sprechweise. »Am Heiligabend werde ich ja wieder hier sein.«

»Das wäre auch noch schöner, wenn du dir gerade den Abend aussuchtest, um dir von grünen Jungen die Cour schneiden zu lassen.«

»Dann begreife ich nicht …«

»Dann begreifst du nicht? Jede andere Frau würde begreifen, daß es mit dem Heiligabend allein nicht getan ist. Daß sie an den Tagen vor dem Feste zu Hause zu bleiben, allerlei zu besorgen und nicht in der Welt herum zu kutschieren hat! Das würde jede begreifen, jede! Du natürlich nicht!«

»Für Weihnachten ist ja alles längst besorgt.«

»Ach so, die Pantoffel sind fertig oder der bewußte Läufer – der sechste oder siebente, mit dem du mich so sinnig überraschest. Na also, dann kann die Bescherung ja gleich losgehen. Dann dampfe nur vergnügt ab – zum Herrn Hauptmann! Dann werde ich das Haus hüten! … Also am 20. willst du fahren? Wann darf ich denn auf den Vorzug rechnen, dich hier wieder zu begrüßen? Denn gewissermaßen gehörst du doch eigentlich hierher.«

»Der Ball bei meinem Bruder ist, wie du weißt, am 23., am 24. fahre ich mit dem Frühzuge ab; wenn du den Wagen um eins nach Konradswalde schickst, bin ich kurz nach zwei Uhr hier.«

»Jawohl, wenn ich mir die Braunen dabei zu Schanden fahren lassen will. Bei dem Wetter! Der Weg ist schon im Sommer schlecht genug. Jetzt ist er miserabel. Und wenn wir gehörigen Schneefall haben oder gar Tauwetter, dann ist überhaupt kein Durchkommen. Und es wird schneien und frieren oder tauen, darauf lasse ich mich totschlagen.«

Er hatte seine Stimme noch mehr erhoben, Margarete sah ihn ruhig an. Was konnte der Mann unausstehlich sein!

»So ist's recht, so ist's recht!« fuhr er sich immer mehr ereifernd, fort. »So gegen elf können die armen Viecher hier abzotteln, bei Wind und Sturm, Kälte und Schnee, oder bei unnatürlich warmem Tauwetter, das die Straßen zum Matsch aufweicht oder glitschrig macht; dann werden sie wohl gegen eins schweißtriefend in Konradswalde eintreffen, und dann gleich wieder dasselbe Vergnügen, um so gegen drei hier zu sein. Der Gerechte erbarmt sich seines Viehes, aber die gnädige Frau muß bei Klöwens natürlich das Tanzbein schwingen, während unsereins sich hier allein abrackert.«

»Allein!« wiederholte Margarete, »denkst du denn, daß es mir Spaß macht, immer allein zu reisen? Weshalb kommst du denn nicht mit? Du bist doch von meinem Bruder ebenso freundlich eingeladen wie ich.«

»Ich danke für das Vergnügen! Als Schwager so mitgenommen zu werden – ich danke ergebenst! Und so in der Ecke zusehen, wie die Tanzbären durch den Saal schlittern … Zuguterletzt noch eine abgetanzte Frau – ich danke, danke vielmals! … Na, du wirst ja auf deine Kosten kommen! Du mußt es ja wissen. Also amüsiere du dich gut, das ist die Hauptsache … für eine verheiratete Frau!«

Er wandte ihr den Rücken, drückte seinen schmalkrempigen Filzhut tief ins Gesicht, warf die Tür zu und stieg geräuschvoll die Stiege hinunter.

Margarete, die am Fenster gestanden hatte, sah ihn, wie er mit dem Arm fuchtelnd quer über den Hof ging und in die Brennerei eintrat. Hektor folgte ihm wedelnd.

Gott, was konnte der Mensch unausstehlich sein!

Sie begab sich in ihr Ankleidezimmer, musterte die Garderobe, die für die bevorstehende Reise in Betracht kam, und da sie fand, daß die »Fahne vom vorigen Jahr« nicht mehr ganz frisch war, bestellte sie bei ihrer Schwägerin ein neues Ballkleid und vergaß darüber die häusliche Szene, die sie durch ihre Neuheit ohnehin nicht hatte überraschen können.

Während der nächsten Tage wiederholten sich diese Auseinandersetzungen bei jeder Begegnung. Margarete atmete tief auf, als sie am 20. in aller Frühe – es war noch ganz dunkel – bei scharfem Frost über den harten Weg zur Station fuhr. Er hatte ihr kaum Adieu gesagt. »Also den Heiligabend – unmittelbar vor dem Aufbau, um den sich ja die Semmelin bekümmern wird – wenn alles fertig ist, dann darf ich wohl auf das Vergnügen rechnen?« war seine letzte höhnische Frage gewesen.

»Ich bin am 24. zu früher Nachmittagsstunde wieder hier.«

*

Margarete war so glücklich sie sein konnte, während sie bei den Ihrigen war, den ganzen Tag mit freundlichen Menschen verbrachte, Freundinnen wiedersah, die sich des Wiedersehens freuten, und einen Abend sogar im Theater verbringen konnte. Von den Künstlern aus Allenstein und Insterburg wurde zwar eine recht mäßige Komödie gespielt. Aber es war gut gemeint, Margarete war nicht verwöhnt, sehr ausgehungert und fand die Aufführung von »Zapfenstreich« ganz ausgezeichnet. Der Ball war großartig, ihre neue Robe hatte Erfolg, die jungen Herren überboten sich in Artigkeiten, und sie hatte beim Kotillon sogar ein Bouquet mehr als ihre Schwägerin.

Es war gegen 4 Uhr morgens, als sie ihr Lager aufsuchte. Sie war so freudig erregt, daß sie erst nach fünf einschlief. Und sie schlief so fest, daß sie das wiederholte Klopfen des Mädchens überhörte. Als ihre Schwägerin, die auch die Zeit verschlafen hatte, sie weckte, war es zu spät: der Frühzug war nicht mehr zu erreichen. Ihr Bruder mußte nach Abhaltung des Familienrates eine Notlüge telegraphieren:

»Eilbote bezahlt.
Hans v. Wapplitz, Gollub bei Konradswalde.

Grete so starke Migräne, daß herbeigerufener Hausarzt Fahrt bei heftigem Morgenfrost energisch untersagt. Wird Nachmittagszug nehmen. Erbittet Wagen halb 6 Konradswalde. Alle grüßen.

Fritz Klöwen.«

Die Absendung dieser Depesche gab den Geschwistern und der jungen Schwägerin den Anlaß, sich über die ehelichen Verhältnisse auf Gudden wieder einmal eingehender zu unterhalten. Frau v. Klöwen konnte gar nicht begreifen, daß die gutmütige Grete sich diese Behandlung so lange habe gefallen lassen; sie wisse schon, was sie getan haben würde, und wenn es noch nicht geschehen sei, was sie ganz sicher tun werde.

Fritz war zwar nicht so radikal wie seine kleine Frau, aber er meinte auch, daß entschieden Wandel geschaffen werden müsse. So könne es doch auf die Dauer unmöglich weitergehen. »Wenn er dich wieder anschreit, dann zeig' ihm doch mal gehörig die Zähne! Und wenn's durchaus sein muß – na schön! Dann gehe deiner Wege. Du weißt ja, wohin du gehen kannst.«

»Dann werde ich euch wohl: Auf baldiges Wiedersehen! sagen können. Denn einen Tanz wird es geben … Davon macht ihr euch keine Vorstellung! Ich hab's ja auch erst erfahren, daß man in einem solchen Tone zu Damen sprechen kann.«

Sie umarmten sich, als sie das Haus verließen, und drückten sich auf der Bahn zum Abschied die Hände.

*

Um halb 3 Uhr traf Margarete in Gudden ein. Trotz Pelzmantel, Kapuze und Muff ganz durchfroren. Es war auch ein eisig kalter Tag.

Eine Stunde Aufenthalt. Sie trat in das überheizte primitive Wartezimmer. Frau Hentze, die rundliche Frau eines Weichenstellers, der die Erlaubnis erteilt war, alkoholfreie Getränke und Gebäck zu billigsten Preisen den Durchreisenden zu verabfolgen, fragte mit überlauter Stimme, ob sie der Gnädigen vielleicht mit einer Tasse recht heißen Kaffees dienen könne. Margarete nahm dankbar an.

»Auch ein bißchen Stolle? Ganz frisch, gnädige Frau, von gestern.«

»Wenn Sie so gut sein wollen.«

»Wie befehlen?«

»Ja, bitte,« wiederholte Margarete lauter. Ihr fiel ein, daß Frau Hentze schwerhörig war.

Sie trank den Kaffee, dessen Haupteigenschaft in dem hohen Wärmegrad beruhte und aß auch mit gutem Appetit den Kuchen mit sehr dickem Zuckerguß. Sie blieb fast die ganze Zeit allein in dem sehr heißen Stübchen. Zum Lesen hatte sie keine Lust, es war ihr auch zu unbequem, den französischen Roman aus ihrem Necessaire hervorzuholen; sie gönnte sich vielmehr reichlich Zeit, um über den bevorstehenden Empfang auf Gollub nachzudenken.

Einigemale durchschritt in tadellos korrekter amtlicher Haltung ein junger Beamter – ohne Zweifel der Vorsteher der Haltestelle – das Zimmer, regelmäßig höflich grüßend.

Sie sah nach der Uhr. In einer Viertelstunde ging der Zug nach Konradswalde weiter. Sie winkte die schwerhörige Frau heran, zahlte, legte ihren Pelz an, setzte ihre Kapuze auf und wollte ihre Handschuhe anziehen, als sie bemerkte, daß ihre Finger von der Berührung des Zuckergußes auf dem Kuchen etwas klebrig geworden waren. Sie nahm ihr Necessaire und ging in den kleinen Toilettenraum, den sie als Ortskundige ganz genau kannte. Er lag etwas abseits, vielleicht fünfzig Schritt hinter dem Bahnhofsgebäude.

Sie trat ein, die Tür fiel ins Schloß; sie nahm aus ihrem Necessaire die Seife und das kleine Handtuch, wusch und trocknete sich die Hände. Sie schloß die Tasche und wollte den engen Raum verlassen. Sie drückte den Riegel. Das Schloß versagte. Es war ein sogenanntes Schnappschloß. Mit aller Kraft versuchte sie, den Riegel herabzudrücken. Keine Möglichkeit! Sie rüttelte an der Tür. Vergeblich. Die schwere festgefügte Eichentür trotzte jedem Versuche. Das Fenster war vorsorglich nur von außen zu öffnen. Sie war gefangen.

Der Angstschweiß trat ihr auf die Stirn. Mit einer Vehemenz, die man der hageren Frau kaum zugetraut hätte, schlug sie mit geballten Fäusten auf die Tür und schrie laut. Das dauerte einige qualvolle Minuten, in denen ihr das Schreckgespenst einer nochmaligen Versäumnis des Zuges mit allen ihren fürchterlichen Folgen vor die Seele trat. Die Verzweiflung verdoppelte ihre Kraft.

Wie erlöst, atmete sie auf, als sie endlich, endlich draußen Schritte und eine Stimme hörte: »Was ist denn hier los?«

»Aufmachen!« schrie die geängstigte Frau.

Die Tür wurde sogleich ohne Mühe geöffnet. Vor ihr stand der höfliche junge Beamte in seinem säubern Uniformrock mit den durch starke Wattierung wagrecht erbreiteten Schultern.

»Das ist hier eine schöne Wirtschaft!« rief Margarete noch zitternd vor Erregung. »Das Beschwerdebuch! Bitte sofort das Beschwerdebuch! Auf ein Haar, und ich hätte den Zug versäumt!«

»Aber beruhigen Sie sich nur, gnädige Frau.« Der Beamte sah auf seine große silberne Uhr. »Der Zug geht ja erst in elf Minuten.«

»Und wenn Sie mich nun nicht gehört hätten, wie Sie mich die halbe Stunde vorher auch nicht gehört haben?«

»Oh, eine halbe Stunde! Das ist doch wohl ein bißchen reichlich bemessen. Aber daß ich Sie gehört habe, ist wirklich ein glücklicher Zufall. Denn was hier geschieht, kann man drüben auf dem Bahnhof nicht hören.«

»Das wird ja immer schöner! Das Beschwerdebuch!« rief Frau v. Wapplitz immer heftiger. »Ich muß sehr bitten! Das Beschwerdebuch!«

»Wenn Sie befehlen, gewiß, gnädige Frau. Worüber wollen sich gnädige Frau denn beschweren, wenn ich fragen darf?«

»Über diese Lotterwirtschaft. Über die miserable Einrichtung mit dem verkrackelten Schloß, das kein Christenmensch aufmachen kann.«

»Bitte, gnädige Frau,« entgegnete mit lächelnder Überlegenheit der junge Mann, »das ist in schönster Ordnung Wenn sich gnädige Frau nur überzeugen wollen. Bitte! Gnädige Frau haben jedenfalls nicht gedrückt, sondern geschoben. Darf ich bitten?«

Margarete trat in das Kabinett zurück.

»Nichts einfacher als das. Sehen Sie, das macht man so. Ganz einfach … So! … Nanu, was ist denn das? … Schockschwere – na was soll denn das heißen? … Da muß ich doch bitten! ...«

Der junge Mann lächelte nun nicht mehr. Er stemmte sich mit aller Wucht auf den Riegel, der aber gab dem stärkeren Druck der kräftigeren Männerfaust ebenso wenig nach, wie dem zarteren der schmalen Frauenhand.

»Was sind denn das für Dummheiten! … Zum Donnerwetter! … Wer hat denn da an dem Schloß herumgepetert?«

Und nun wiederholte der junge Mann in freilich verstärktem Grade, aber mit demselben Mißlingen alle Anstrengungen, die Frau v. Wapplitz vorher gemacht hatte. Mit aller Gewalt drückte er gegen die Tür; sie wich und wankte nicht. Er schlug mit der Faust auf die Türfüllung, daß es dröhnte … Alles umsonst. Gerade wie vorher … Nur der Retter aus der Not wollte sich diesmal nicht einstellen.

»Um Gottes willen!« schrie der junge Beamte, nachdem er einen verzweifelten Blick auf das Zifferblatt seiner großen Uhr geworfen hatte. »Der Zug muß gleich kommen … Er kann ja nicht abgehen ohne mich!«

»Ohne mich auch nicht!« schrie Margarete ebenso laut.

»Ach was, was kommt auf Sie an?« entgegnete noch lauter der sonst so höfliche junge Herr. Das Angstgefühl, daß er die Obliegenheiten seines Dienstes nicht erfüllen, daß dadurch unberechenbares Unglück entstehen könne, für das er verantwortlich gemacht werden würde, hatte ihn völlig aus der Fassung gebracht und alle Segnungen der Wohlerzogenheit zunichte gemacht. »Sie ahnen ja nicht, was auf dem Spiele steht! Nicht bloß für mich. Es ist gar nicht auszudenken. Vielleicht kommt schon in diesem Augenblick die telegraphische Meldung, daß der Kaiser unsere Strecke durchfährt.«

»Der Kaiser?« fragte Margareta sichtlich erstaunt. »Wie soll denn der Kaiser am Heiligabend hieher kommen?«

»Das kann man gar nicht wissen,« rief der Beamte. Er sah zwar ein, daß seine Hypothese recht wenig Wahrscheinlichkeit für sich hatte. Aber in seinem Jammer mochte er das nicht zugeben.

»In unserm Dienst kann man nie wissen, was die nächste Viertelstunde bringt. Da heißt es, immer auf dem Posten sein. Und nun sitze ich hier fest, kann nicht heraus, habe keinen Stellvertreter, kann den durchgehenden Schnellzug nicht honorieren, kann kein Telegramm annehmen, kann den Zug nicht melden, – der Zug muß an der nächsten Station, um Einfahrt zu erhalten, Gott weiß wie lange halten und kann sich die Lunge auspfeifen, bis er erlöst und eingelassen wird … Und so weiter … und so weiter! … Aber das ließe sich ja alles noch ertragen. Da würde ich, wenn ich nachweise, daß mir nicht Fahrlässigkeit zur Last gelegt werden kann, mit einer gelinden Strafe davonkommen. Aber wenn nun was passiert …« – er trocknete seine Stirn, auf der die dicken Tropfen standen – »wenn nun was passiert …«

Er konnte nicht weiter sprechen, seine Züge verzerrten sich, seine Knie schlotterten. Er konnte sich kaum auf den Beinen halten und lehnte sich, um sich zu stützen, mit dem Rücken an die Wand.

»So setzen Sie sich doch! Sie fallen ja um,« rief Frau v. Wapplitz, der der arme Mann in seiner wirklichen Seelenangst leid tat, und wies auf den einzigen Sitz.

»Bitte, nach Ihnen,« sagte der Beamte in mechanischer Höflichkeit.

Die nächsten Minuten waren schrecklich, schrecklich für beide. Sie hörten, wie der Zug einfuhr, hielt. Er trommelte auf die Tür, daß es dröhnte. Er zerschlug die mit wundervollen Eisblumen? bedeckte Scheibe und schrie wie besessen. Die Maschine? fauchte, der Höllenlärm wurde nicht gehört. Der Zugführer mochte sich wohl wundern, daß der Vorsteher nicht zur Stelle war; aber da die Abfahrtszeit längst vorüber war, ließ er den Zug weiterdampfen.

Währenddem hatte der eingeschlossene Beamte weiter getobt und in der kurzen Pause ein Dutzendmal auf die Uhr gesehen. Als er hörte, wie der Zug die Haltestelle verließ, klappte er zusammen. »Wenn nur nichts passiert!«

Bild: René Reinicke

Margarete starrte vor sich hin. Auch die Bilder, die vor ihrem geistigen Auge vorüberzogen, waren höchst unerfreulich. Sie hatte sich schon wegen des versäumten Frühzuges auf eine sehr ungnädige Aufnahme gefaßt gemacht – wie würde es jetzt erst werden!! Wenn der Wagen von Konradswalde leer nach Gollub zurückkäme, bei der Kälte, in tiefster Dunkelheit, so etwa gegen 7 Uhr … Er würde sich nicht einmal vor dem Kutscher beherrschen und wie Simson losrasen. War das ein Heiliger Abend! Für den Aufbau hatte gewiß Fräulein Semmelin gesorgt. Die Sachen für die Leute waren ja auch da. Aber der Christbaum wartete unzweifelhaft auf die Rückkehr der Herrin … Und sie kam nicht. Und alle warteten. Und kein Mensch konnte eine Ahnung davon haben, wo sie stak. Offenbar mußte ihr etwas zugestoßen sein. Sonst hätte sie doch telegraphiert. Bis Konradswalde ging doch der Telegraph. Was konnte denn um Gottes willen nur geschehen sein? Auf die lächerliche Situation, in der sich Margarete in Wahrheit befand, konnte ja kein Mensch verfallen.

Und wie würde die Sache weiter verlaufen? Wenn sie heute nachts oder gar erst morgen früh heimkehrte? Was würde er denken? An die unwahrscheinliche Wahrheit würde er ja gar nicht glauben. Daß man sich in der Nachbarschaft einer Haltestelle nicht bemerkbar machen könne … Lächerlich! Alles das ging ihr durch den Kopf, und sie wagte die Fragen, die sie sich stellte, nicht zu beantworten. Dann wurde sie ruhiger und zuckte die Achsel … Schlimmstenfalls wußte sie ja noch, wohin sie gehen könne. Sie dachte an den Abschied von ihrem Bruder und ihrer Schwägerin, und etwas wie ein mattes Lächeln duschte über ihre Lippen. Schließlich …

Auch der Beamte hatte sich inzwischen wieder gefunden. Er stand jetzt stramm vor der Dame, schlug die Haken zusammen und sagte: »Ich irre mich nicht, ich habe doch die Ehre, Frau v. Wapplitz auf Gollub gegenüber zu stehen?«

»Woher kennen Sie mich denn?«

»Gnädige Frau beehren uns ja öfter. Die Reisenden sind hier nicht so zahlreich, und die Herrschaften, die mit der Zweigbahn nach Konradswalde weiter fahren und in Gudden längere Zeit warten, kennt man natürlich. Darf ich mir die Ehre geben, mich vorzustellen: Hermann Malken, Vorsteher.«

Margarete bewegte kaum merklich den Kopf zur Andeutung einer leichten Verbeugung.

»Sehr angenehm … Nun sagen Sie mir, bitte, Herr Malken, wie lange wird der Spaß denn hier noch dauern?«

»Ja, gnädige Frau, das kann ich wirklich nicht sagen. Um diese Zeit hat im Bahnhofsgebäude außer mir kein Mensch etwas zu tun. Es ist auch kein Mensch da – außer Frau Hentze, und die ist taub. Wir werden uns wohl zu gedulden haben, bis die Lampen angesteckt werden.«

»Das kann ja nicht mehr lange dauern … Es dunkelt ja schon.«

»Verzeihung, die Lampen werden hier nach dienstlichem Bedarf angesteckt, also erst um 8 Uhr 15 Minuten.«

»Um Gotteswillen, noch sechs Stunden! Das kann ja hübsch werden. Zu allem Unglück auch noch die grimmige Kälte. Hier zieht's ja schrecklich. Wie konnten Sie auch nur die Scheibe einschlagen?!«

»Bedaure ungemein! Wenn die gnädige Frau gestatten werden, würde ich meinen Rock ausziehen und das Loch verhängen …«

»Wo denken Sie hin; Sie könnten sich ja den Tod holen!«

»Gnädige sind zu gütig, aus meinen Gesundheitszustand Rücksicht zu nehmen.«

»Warten Sie, hier ist mein Muff. Vielleicht können Sie den einklemmen.«

»Danke gehorsamst. Aber natürlich … Sehen Sie, gnädige Frau, alles schön verstopft. Kein Hauch mehr.«

Sie sahen sich an, allmählich fingen sie an, die unwillkürliche Komik der Situation zu erfassen. Sie lächelten beide.

*

Hermann Malken zählte siebenundzwanzig Jahre. Er war gut gebaut. Eine Schönheit war er nicht, aber man sah ihm an, daß er auf sein Aeußeres etwas gab. Auf seiner Uniform mit den ausgepolsterten Schultern war kein Stäubchen. Er trug ein Jägerhemd mit Röllchen, die strahlend weiß aus den Aermeln hervorschauten. Das kurze Haar war in der Mitte bis zum Ansatz des Nackens gescheitelt, pomadiert und stramm gebürstet. Besondere Pflege war dem ziemlich starken hellblonden Schnurrbart zugewandt, dessen breite, hochaufstrebende Spitzen an die Wange angepappt waren. Seine Zähne waren gesund, für alles übrige würde das Prädikat »gewöhnlich« als Signalement auf seinem Paß den Tatbestand erschöpft haben. Er hatte das Einjährigenexamen gemacht, bei den Einundvierzigern in Memel gedient, war als Unteroffizier entlassen und in den Eisenbahndienst getreten. Eine durchaus subalterne Natur, aber gewissenhaft, verläßlich und von höflichen Umgangsformen.

»Gnädige Frau sollten sich nun aber doch setzen,« sagte er nach einer Weile.

»Ja, die dumme Geschichte hat mich wirklich recht ermüdet … Sie natürlich auch … Wenn wir uns ein bischen schmal machen, gehts am Ende … Setzen Sie sich nur …«

»Aber nein, das geht doch nicht, gnädige Frau sind wirklich zu gütig.«

»Machen Sie nur keine Umstände, es geht schon!«

Margarete fühlte sich im Bewußtsein ihrer Ueberlegenheit so sicher, daß sie an die Möglichkeit einer unrichtigen Auffassung ihrer menschenfreundlichen Absicht nicht einmal dachte. Sie rückte in die Ecke und machte für den anderen Platz; ob das nun Herr Malken oder ihr Hektor war, war ihr völlig einerlei.

Mit etwas dämlichem Lächeln nahm Hermann die Einladung an.

Es war inzwischen immer dunkler geworden; mit dem französischen Roman, den Margarete in ihrem Necessaire hatte, war nicht mehr viel anzufangen.

»Sie müssen sich in diesem Neste doch zu Tode langweilen,« sagte Margarete nach einer ziemlich langen Pause, bloß um etwas zu sagen.

»Doch nicht, gnädige Frau. Durch den Dienst wird man so in Anspruch genommen, daß man zur Langweile keine Zeit hat. Und dann bietet unser kleines Nest, wie gnädige Frau zu sagen belieben, doch auch mancherlei Zerstreuung. Wir haben einen Kegel- und einen Skatklub. Und neuerdings habe ich auch einen Gesangverein gegründet. Ein Männerquartett, das bereits sieben Mitglieder zählt: ein erster Tenor – mit Verlaub meine Wenigkeit –« sagte er mit befriedigtem Lächeln, »vier zweite Tenöre und zwei Bässe. Wir singen sehr schöne Sachen, und ich glaube, wir singen sie nicht übel: »Der liebe Gott geht durch den Wald«, »Du narrest, narrest, narrest mich –« sehr neckisch, gnädige Frau – und das schöne Quartett, das gnädige Frau gewiß kennen: »Das ist der Tag des Herrn«. Es macht wirklich einen ergreifenden Eindruck, wenn wir sieben singen: »Ich bin allein auf weiter Flur.«

»Das singen alle sieben?«

»Zu Befehl … Ja, eigentümlich ist's allerdings, daß wir sieben zusammensingen … »Ich bin allein« … Aber das ist nun einmal so; es ist mir bis jetzt gar nicht aufgefallen … Uebrigens singe ich auch Solo. Zum Beispiel das schöne Lied: »Frühlingsglaube« von Schubert – »Die linden Lüfte sind erwacht.« Ach, das ist wunderschön! Namentlich die Stelle: »Sie säuseln und wehen den ganzen Tag.«

Er verfiel unwillkürlich in den Tonfall des Liedes und sang nun mit halber Stimme das »Säuseln und Wehen« so schmachtend, daß sich Margarete wirklich amüsierte. Herr Malkens lyrischer Quetschtenor machte ihr Spaß.

»Sie singen aber sehr schön, Herr Malken.«

»Gnädige sind zu nachsichtig. Schön will ich nicht gerade behaupten, aber vielleicht ausdrucksvoll. Das sagt man wenigstens allgemein.«

Er erzählte noch mancherlei von Guddens Unterhaltungen, Lustbarkeiten und Schelmereien. Er erzählte auch von seiner lieben Mutter, die ihm die Wirtschaft führte. Kurz, er war ein zufriedener Mensch.

Bild: René Reinicke

Es war stockfinster geworden. Malkens Berichte waren nicht sehr aufregend. Er sprach weiter, etwas langsam, und mit der Zeit wurde es wahrscheinlich recht langweilig. Margarete war durch die Aufregungen der letzten Stunden sehr erschöpft. Sie hörte nur noch den gleichmäßigen Klang der Worte. Ihre Anschauungen trübten sich, ihre Sinne verwirrten sich, und Malkens Erzählungen wirkten wie ein Schlummerlied. Sie schlief sanft ein. Und sie schlief ganz fest. Im Schlafe strebte ihr Kopf nach einer Unterlage … Das Schulterpolster des Herrn Vorstehers war dazu gerade wie geschaffen. Und sanft an ihn gelehnt, träumte sie vom Christbaum.

Der gute Malken saß unbeweglich da, die beiden Hände auf die beiden Knie gestützt, den Kopf abgewandt, um die Schlummernde nicht durch sein Atmen zu belästigen.

*

Stunden vergingen. Nun wurde sie sanft von ihm geweckt und fuhr erschrocken auf.

»Entschuldigen, gnädige Frau, der Befreier naht.« Sie hörte jetzt in der Tat Schritte und sah durch die stark vereisten Scheiben einen flimmernden Lichtschimmer. Malken stand auf, nahm den Muff vom Fenster und überreichte ihn galant. Dann pochte er an die Tür und schrie: »Hentze, Arnold, machen Sie mal hier Licht im Kabinett! Aber fix!«

Die Außentür wurde geöffnet.

»Hier! Oeffnen Sie die Tür hier auch!« rief Malken und bekräftigte den Befehl durch energisches Klopfen. »Wir sind hier eingesperrt. Da ist irgend welcher Unfug mit dem Schloß getrieben … Na, Gott sei Dank!«

Endlich war die Tür von außen aufgemacht. Malken salutierte militärisch: »Entschuldigen, gnädige Frau« und stürzte davon.

Arnold Hentze schüttelte den Kopf, als er die vornehme Dame im Pelz aus dem Kabinett treten sah. »Ih, das ist ja d' Wapplitz auf Gollub,« schmunzelte er und trabte mit seiner Handlaterne davon.

Margarete eilte in das Wartezimmer, da war aber kein Mensch. Aus dem Bahnsteig begegnete sie Malken, der ihr mit freudestrahlendem Gesicht zurief: »Gott sei Dank – nichts vorgefallen. Eine unerhebliche Verspätung, ich werde mit einem Wischer davonkommen!«

Zu ihrem Schrecken erfuhr sie jetzt erst, daß der erwartete Zug, den man schon von der Ferne heranrollen hörte, auf der Hauptlinie in der Richtung nach Memel weiter ging. Nach Konradswalde ging nur noch ein Zug – kurz vor zehn, der gegen Mitternacht dort eintraf.

Was tun?

Malken stellte sich, nachdem er nun seine Dienstpflicht gewissenhaft erfüllt hatte, der Bedrängten völlig zur Verfügung. Er setzte sich mit der Haltestelle in Konradswalde telegraphisch in Verbindung. Seine Ermittlungen waren recht unbefriedigend. Die Möglichkeit, heute am Heiligen Abend in Konradswalde selbst für viel Geld und für viele gute Worte ein Fuhrwerk zu finden, das Frau v. Wapplitz bei siebzehn Grad Kälte mitten in der Nacht nach Gollub bringen werde, war nach amtlichem Bescheid absolut ausgeschlossen.

Sie war im ersten Augenblicke völlig niedergedonnert. Dann aber überlegte sie sich's und sah ein: es hatte wirklich keinen Zweck, die Leute von Gollub aus dem Schlafe zu schrecken und nach diesem häßlichen Tage mit dem tobenden Herrn Gemahl eine fürchterliche Nacht zu verbringen.

So nahm sie denn das Anerbieten des artigen Herrn Vorstehers mit vielem Dank an und ließ sich nach Schluß seines Dienstes von ihm zu seiner Mutter begleiten. Als die beiden durch die menschenleere, nicht beleuchtete Straße gingen, fiel aus einigen beleuchteten Fenstern ein Lichtschimmer auf ihren Weg, und sie sahen die hellen Tupfen der brennenden Lichter am Baume. An einem Hause, an dem sie vorüberkamen, blieben sie trotz der grimmigen Kälte ein Weilchen stehen. Da sangen dünne, helle Kinderstimmen: »Heilige Nacht.«

»Ein schönes Lied,« sagte Herr Malken, und in seiner Ergriffenheit sang er leise mit. Wahrscheinlich die zweite Stimme; in diesem Falle nicht ganz richtig.

Frau Malken fühlte sich sichtlich geschmeichelt über den hohen Besuch. Sie überzog ihr Bett mit frischer Wäsche und stellte es mit vielen Knicksen der Gnädigen zur Verfügung. Aber Margarete lehnte dankend ab. Sie zog es vor, auf dem Sopha im Wohnzimmer zu übernachten, nahm dagegen mit Dank die Einladung zum Abendessen an. Tee und belegtes Butterbrot. Die brave Frau Malken entschuldigte tausendmal die Einfachheit des Mahles, und ganz besonders tat es ihr leid, daß sie keinen Christbaum gemacht hatte. Frau v. Wapplitz beruhigte ihre liebenswürdige Wirtin, bat nur noch um Schreibzeug und setzte sich, während die Kinder im Hause gegenüber wieder »Heilige Nacht« sangen, an den ovalen Tisch vor dem Sopha. Da schrieb sie:

»Eilbote bezahlt.
Hans v. Wapplitz. Gollub bei Konradswalde.

Bin durch peinlichen Zwischenfall, worüber Näheres mündlich, hier zurückgehalten und behindert gewesen, dich zu benachrichtigen. Wenn du mich freundlich heute erwartest, bitte zwei Uhr Wagen Konradswalde. Disponierst du anders, würde ich nachmittags nach Memel zurückfahren. Umgehende Antwort trifft mich Bahnhof Gudden.

Margarete.«

Die Depesche war um sieben Uhr früh befördert und bereits um halb neun auf Gollub abgegeben worden. Kurz nach zehn überreichte ihr der Vorsteher mit ausdruckslosester Amtsmiene das nachstehende Telegramm, das er selbst ausgenommen hatte:

»Frau v. Wapplitz.
Bahnhof Gudden.

Wird dir wohl lieber sein, wenn du mir interessante Aufschlüsse nach Rücksprache mit Hauptmann gibst.

Hans.«

Am Abend dieses ersten Feiertages traf Margarete wieder bei den Ihrigen in Memel ein. Sie wurde herzlich aufgenommen und ihr Abenteuer in Gudden viel belacht, wenn man auch klar darüber war, daß es ernsthafte Folgen haben werde.

*

Seitdem waren achtzehn Monate verflossen. Margarete war von ihrem Manne geschieden. Er hatte sich übrigens in dieser traurigen Angelegenheit nicht sehr geschmackvoll benommen und auf das lächerliche Gerede hin, das durch den dummen Arnold Hentze entstanden war, und von dem schließlich Wapplitz auch gehört hatte, zunächst auf Ehebruch die Scheidung beantragen wollen, sich aber dann doch nach einigen unerquicklichen Auseinandersetzungen mit dem Hauptmann dazu herbeigelassen, wegen böswilliger Verlassung zu klagen. Margarete machte sich aus ihrer Verurteilung als schuldiger Teil nicht viel. Sie war eben froh, seelenfroh, daß der verhängnisvolle Irrtum ihrer Jugend nun abgetan, daß sie aus dem schrecklichen Gollub heraus wieder unter guten Menschen war, die sie lieb hatten.

Eines Tages ließ sich Herr Hermann Malken bei ihr melden. Sie freute sich, den artigen Mann wiederzusehen. Er hatte die Uniform abgelegt und trug einen funkelnagelneuen Anzug, schwarzen Gehrock, graugesteppte Handschuhe, die vielleicht eine Nummer zu groß waren, und hielt den ebenfalls neuen Zylinder in der Rechten.

Sie begrüßte ihn freundlich und lud ihn zum Sitzen ein.

Er erzählte ihr, daß die Geschichte von damals in dienstlicher Beziehung gut für ihn abgelaufen sei. Nach der Feststellung des harmlosen Tatbestandes – er betonte das Wort »harmlos« und lächelte dabei – habe es die vorgesetzte Betriebsinspektion bei einem einfachen Verweise und einer Geldstrafe von einer Mark fünfzig bewenden lassen. Gleichwohl habe er sich veranlaßt gesehen, schon vor mehr als einem Jahre den Dienst zu verlassen. Durch die Schwätzereien des Arnold sei nämlich seine Stellung nicht bloß im Gesangverein, nein, in ganz Gudden geradezu unmöglich geworden. Glücklicherweise habe er seinen Entschluß aber nicht zu bereuen gehabt. Er habe in Gumbinnen eine glänzende Stellung als Agent für Fahrräder gefunden und sei jetzt in der glücklichen Lage, das Geschick eines anderen Wesens an das seine zu knüpfen. Allzu große Ansprüche dürften natürlich nicht gemacht werden, aber, fuhr er nicht ohne eine gewisse Selbstgefälligkeit fort:

»Raum ist in der kleinsten Hütte
Für ein glücklich liebend Paar!«

»Gnädige kennen zweifellos die schöne Romanze?«

Margarete lächelte zustimmend und sagte freundlich: »Das ist ja alles sehr schön, Herr Malken, ich freue mich für Sie.«

»Bitte, gnädige Frau?« Und in etwas tieferer Stimmlage fuhr er fort: »Leider hat der Zufall für gnädige Frau, wie mir natürlich bekannt geworden ist, eine weniger glückliche Wendung genommen. Ich weiß alles. Und ich erachte es als meine Mannespflicht, einigermaßen wieder gut zu machen, was ich gegen meinen Willen verschuldet habe.« Etwas schneller, mit etwas erhöhtem Pathos fuhr er fort: »Es gibt Situationen, die alle Klüfte überbrücken und Menschen zusammenführen, die sonst auf ewig getrennt bleiben würden. Die boshafte Welt soll nicht mehr spöttische Bemerkungen machen, die eine anständige Dame kompromittieren. Ich brauche wohl nichts weiter zu sagen. Gnädige Frau werden mich schon verstanden haben.«

»Ganz und gar nicht,« antwortete Margarete, die den offenbar sorgsam ausgearbeiteten und auswendig gelernten Vortrag mit wachsendem Erstaunen mitangehört hatte. »Ich verstehe Sie wirklich nicht.«

»Nun dann,« rief Hermann mit fast feierlicher Entschlossenheit, »darf ich um Ihre Hand bitten, gnädige Frau?«

Sie sah ihn groß an, zwar verwundert, aber nicht erzürnt, nahm ihre Lorgnette vor das Auge, um ihn noch besser zu sehen, senkte sie langsam und sagte dann ganz ruhig:

»Sie sind wohl verrückt.«

Hermann erhob sich, grüßte und ging.

Margarete blickte dem unverhofften Freier nach und lächelte zunächst. Dann aber wurde sie ernst und nahm sich vor, mit keinem Menschen darüber zu sprechen.

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