Isolde Kurz
Meine Mutter
Isolde Kurz

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Als wir im September 1877 zu dauerndem Aufenthalt nach Italien übersiedelten, stand sie schon in einem Alter, wo es den meisten schwer fällt, das Altgewohnte im Rücken zu lassen und dem völlig ungewissen Neuen entgegenzugehen. Für die Entschlußkraft meiner Mutter gab es kein Bedenken, der Klimawechsel wurde ja ihrem leidenden Jüngsten zuliebe unternommen. Und leichten Herzens meinte sie von einer Heimat zu scheiden, die ihrem Dichter so stiefmütterlich gewesen und wo sich noch immer keine Stimme regte, um ihm 39 wenigstens im Tode zu vergüten; wo nicht einmal für ihre Kinder Raum war. Frohgemut wurde die Reise angetreten, und die Brennerfahrt mit Bälde (Abkürzung für Geribald), Josephine und mir entzückte sie. Aber auf der Grenzstation Ala bereitete sie uns eine unheimliche Überraschung: als wir in den italienischen Nachtzug steigen sollten, der freilich wenig einladend aussah und aus dem ein ohrenzerreißender Lärm ertönte, fuhr sie mit Entsetzen zurück und wollte nicht weiter. Es war, als ob alle Schmerzen, die ihr im Lauf der Jahrzehnte auf dem neuen Boden bevorstanden, sich an diesem Übergang in einem plötzlichen Schreckgefühl auf sie stürzten und sie zurückscheuchten. Sie vergaß, daß die Brücken hinter uns abgebrochen waren, daß uns in Verona ihr ältester Sohn Edgar, der vorausgereist war, erwartete. Angstvoll wehrte sie sich und suchte in die Dunkelheit zu entkommen. Selber über ihren Schreck erschrocken und ungern mußten wir sie, als schon der Zug pfiff, beinahe mit Gewalt in den Wagen bringen. Doch legte der Sturm sich bald, und das böse Omen blieb ohne Folgen. Es war nur wie ein plötzlicher Schaden im Flugzeug gewesen, das gleich wieder in die Höhe ging. Auf solche Ausbrüche des Irrationalen, das nicht mit den irdischen Verhältnissen rechnete, mußte man bei ihr immer gefaßt sein. Verona, wo wir die erste Nacht verbrachten, fesselte sie aufs stärkste, und in Florenz war sie von der ersten 40 Stunde an zuhause. Das Heimweh hatte sie beim Grenzübertritt in jenem einen verzweifelten Augenblick vorausbezahlt, und es meldete sich niemals wieder. – Mit der großen Natürlichkeit und Unmittelbarkeit des italienischen Volkes verstand sie sich gleich aufs beste, denn diese Züge hatte sie mit ihm gemein. Wenn aber nachmals Freunde fanden, ihr eigenes Wesen habe einen starken romanischen Einschlag gehabt und sie selber diese Meinung geteilt haben mag, obwohl ihr Stammbaum dafür keinen Anhalt bot und eher auf slawische Einflüsse hinwies, so bezog sich die scheinbare Verwandtschaft nur auf die Stärke und Beweglichkeit ihres südlichen Temperaments. Im Geistigen war und blieb sie immer so deutsch wie möglich, ganz und gar nach innen gerichtet, im Grenzenlosen lebend, fast ohne Blick für die Außendinge, wie auch ihr Dichten sich ganz im Ethischen bewegt und kaum die Sinnenwelt beachtet, also im stärksten Gegensatz zu dem italienischen, steht. An Charakter war sie den Südländern erst recht unähnlich, die unter dem lebhaftesten Austausch die Kammer ihres Herzens fest verschlossen halten und von ihrem Ich nur so viel zeigen, wie ihren augenblicklichen Zwecken entspricht. Aber Italien war damals das freieste Land der Erde, und das galt ihr noch mehr als die immerstrahlende Sonne und die ewigen Werke der Kunst. Vielen Freiheitssuchern, die mit ihrer Heimat zerfallen waren, voran den größten, Byron und 41 Shelley, hatte Italien den Luftraum geboten, wo sie nach ihrem Herzen leben konnten. Ebenso meiner Mutter, die das kaiserliche Deutschland nicht liebte und solange sie dort lebte, in steter Gefahr war, sich durch die Unbedenklichkeiten ihrer Zunge politischen Verfolgungen auszusetzen, denn der alte, vom Volk vergötterte Kaiser war ihr noch immer der »Kartätschenprinz« von 1848. Daß sie auch dem Erzkoloß Bismarck nicht gerecht werden konnte, lag an der zeitlichen Nähe: hätte sie ihn im Plutarch gefunden, so hätte sie ihn gleichfalls befehdet, aber mit Bewunderung.

Im ersten Winter erlebte sie die Freude, daß der greise Garibaldi, damals schon dem Ende nahe und halb im Wagen liegend, im Triumph durch die Straßen von Florenz geführt wurde; sie war stundenlang auf ihren raschen Füßen, um ihren Helden wieder und wieder zu sehen.

Wenn meine Mutter später an diese ersten Florentiner Jahre zurückdachte, so erschienen sie ihr wie eitel Glück und Glanz, in Wahrheit waren sie voll von Sorgen, wie die letzten in Tübingen verbrachten. In unsrer ersten Dauerwohnung, dem stattlichen Eckhaus am Viale Margherita mit dem freien Blick auf die alte Fortezza di San Giovanni und nordwärts nach Fiesole, erlebte sie freilich den siegreichen Aufstieg ihres Erstgeborenen und genoß die bewegte geistige Luft, die durch den Verkehr mit den Häusern Hildebrand und Hillebrand, 42 mit Böcklin und anderen ansässigen oder durchreisenden Größen ins Haus kam. In den ersten Sommern konnte sie auch noch mit ihrem Kranken ans Meer, nach Ardenza oder San Terenzo, und ihr poetisches Tagebuch hat die Erinnerung an diese für beide beseligenden Wochen, an denen auch Josephine teilhatte, mit allen Einzelheiten festgehalten. Aber immer näher sah sie den Tod um ihren Jüngsten und Liebsten schleichen, dieses edle Kind, das sie gesund wie alle andern geboren hatte und das von außen her einer tückischen Krankheit verfallen war. In den bangen Nächten, wo er nach Atem rang und sie an seiner Seite saß, schmolzen sie fast in einen Menschen zusammen. Er wußte, daß er sterben mußte, sie wußte es auch, aber beide verstellten sich voreinander, sie erzählte ihm Nacht für Nacht, eine mütterliche Scheherazade, selbsterfundene lustige Märchen, bis er mit dem Eisbeutel auf dem hochklopfenden Herzen einschlief und sie selbst zu kurzem Schlummer in sich zusammengerollt auf das Fußende seines Bettes sank. Als dann am 7. Februar 1882 der lange vorausgefühlte Streich fiel und wir fürchteten, daß ihr Leben mit dem seinen, dem es so eng verwachsen war, enden müsse, da wiederholte sich der wunderbare Vorgang beim Tode des Gatten. Wiederum stand sie gefaßt und tränenlos, wiederum widmete sie sich nach einem kurzen Nachlaß der Spannkraft den Überlebenden. Und gleich begannen neue Liebesbotschaften in der 43 Dichtersprache, die man ihre wahre Muttersprache nennen könnte, nach jenem unbekannten Lande hinüber, das ihr nun das zweite heißgeliebte Haupt entrissen hatte. Auch diesen Toten hielt sie mit angespannter Kraft und Fülle ihrer Liebe im Sein. Ihre nächtelangen Gespräche mit ihm setzte sie in Versen fort. Wenn ich sie plötzlich in einer Tätigkeit innehalten und mit glänzenden Augen vor sich hin blicken sah, dann wußte ich: sie hat einen neuen poetischen Ausdruck für ihr Liebesgespräch gefunden. Sooft sie sich freimachen konnte, wanderte sie nach San Miniato hinauf, in den kleinen, damals wild wuchernden Garten auf der Bastei des Michelangelo, den Ruheplatz der Nicht-Katholiken mit dem wundervollen Blick aufs Arnotal. Dort bekränzte sie die Marmorurne, eines der ersten Bildhauerwerke ihres Sohnes Erwin, worauf das edle Antlitz des Verblichenen unter Vögeln und Blumen, die seine liebste Gesellschaft gewesen, dargestellt ist. Wenn auch mit der Zeit, unter dem Druck des Tages, die Gänge da hinauf seltener wurden, niemals hat im Lauf der Jahre dem einsamen Schläfer am Geburts- und Todestag der Dichtergruß der Mutter gefehlt. Wenn ein neuer Kummer ihr am Herzen zehrte, den sie keinem Lebenden sagen mochte, so stieg sie da hinauf und klagte dem toten Sohn in Versen ihr Leid. Und als nach Jahrzehnten die einst so hurtigen Füße den von neuen Schicksalsschlägen geschwächten Leib nicht mehr so weit 44 tragen wollten, dauerten doch die stillen Totenopfer Jahr für Jahr fort bis an ihr eigenes Ende.

 

Zum ersten Jahrestage seines Todes sang sie ihm:

Lieb und willkommen
Ist mir die Nacht,
Nichts kann mir frommen
Des Tages Pracht.

Mühen und Sorgen
Bringt er mir nur,
Hält mir verborgen
Des Lieblings Spur.

Sie nur ruft innen
Sein Bild hervor,
Läßt mich gewinnen,
Was ich verlor.

Weile, o weile,
Du hold Gesicht,
Hast du doch Eile
Zum Abschied nicht.

Lasse mich küssen
Den holden Mund,
Mußte ihn missen
So manche Stund! 45

Lasse mich greifen
Die liebe Hand
Und mit dir schweifen
Ins Geisterland.

Willst nicht erwarmen
Am Herzen mir,
Schleichst ohn Erbarmen
Dich aus der Tür?

»Muß dich jetzt lassen,
Lieb Mütterlein.
Sterne verblassen,
Tag will herein.

Pflege der Brüder,
Der Schwester mein,
Kehr ich doch wieder,
Bin ewig dein.

Wie du am Bette
Bei mir gewacht,
Kehr ich zur Stätte
Dir jede Nacht.

Bis ich dich leite
Ganz leise fort,
Dann ruhn wir beide
Im Friedensport.«

46 Am 18. Mai 1884, seinem Geburtstag, heißt es:

Bin so gern an dieser Stelle,
Schau in deine lieben Züge,
Und der Tod scheint mir nur Lüge
Hier an seiner trauten Schwelle.

Und wenn deine Marmorwangen
Meine Lippen heiß berühren,
Mein ich deinen Hauch zu spüren,
Fühl ich liebend mich umfangen.

Wer sein Liebstes gibt verloren,
Hat es nimmermehr besessen,
Wer nach Raum und Zeit kann messen
Hat nur Flüchtiges sich erkoren.

Mir wird bleiben unentrissen,
Was ich fühl im Herzen leben,
Nur ein Teil von dir gegeben
Ist des Grabes Finsternissen.

Und ein paar Jahre später, als ich erkrankt war:

»Mutter, Mutter, läßt mich warten
Nun schon gar zu lang,
In dem öden Totengarten
Ist es mir so bang.

Eile dich mit mir zu einen
In der Erde Schoß,
Ach, ich seh es wohl, die Meinen
Lassen dich nicht los.«

Deiner armen Schwester wegen
Harr geduldig mein,
Sie zu lieben, sie zu pflegen
Hat sie mich allein.

Müßt als Spuk ja wiederkehren,
Fand im Grab nicht Rast,
Grimme Sorgen abzuwehren,
Die mein Kind erfaßt.

Und immer wieder, wie Schicksal oder Krankheit die Familie heimsucht, flüchtet sie zu dem geliebten Schläfer und holt sich Tröstung wie bei einem Lebenden.

      Auf San Miniato

Ich komm zu dir
In deine Einsamkeit,
Will rasten hier
Und klagen dir mein Leid.

War's nicht genug,
Daß dich der Tod entführt,
Daß du im Flug
Die Erde nur berührt?

Dein kurzes Sein
Nur Leiden dir beschwert,
Und mir die Pein,
Die mir am Herzen zehrt?

Was mir verblieb,
War noch ein reicher Hort.
Ein Sturmwind trieb
Der Kinder Blüte fort.

Ich sah den Gram
Auf liebem Angesicht,
Das Siechtum kam.
O Mut, verlaß mich nicht.

Noch ist's nicht Zeit,
Daß ich darf schlafen gehn,
Muß kampfbereit
Dem grimmen Schicksal stehn.

Ob nicht vielleicht
Die dunkle Nornenmacht
Der Liebe weicht
Und sich erhellt die Nacht.

Der nächste Verlust, der sie traf, war unsere Josephine. Auch sie eine einzigartige Gestalt, vielleicht in ihrer antiken Schlichtheit und Einheit die in sich abgeschlossenste, die ich kannte. Bis an den letzten 49 Rand ihrer Kräfte hatte sie mit leiser Hand das Hauswesen geführt und durch ihre Uneigennützigkeit und Opferwilligkeit meiner Mutter ermöglicht, so hoch über den Niederungen des Daseins zu schweben. Wenn auch nicht mit solcher Flugkraft geboren – zu unserem Heile, muß ich beifügen –, so hatte sie doch lebenslänglich alle ihre Begeisterungen geteilt und alle ihre Schmerzen mitgelitten, hatte erst sie, dann ihre Kinder auf den Armen getragen, ihr die Mutter, uns die Großmutter ersetzt. Sie war das festeste Band, das meine Mutter mit der eigenen Jugend verknüpfte, denn in ihrem treuen Gedächtnis lebten alle Erinnerungen an mein großelterliches Haus fort, ihre Augen glänzten, wenn sie den Namen Brunnow aussprach. Das Sterben unseres Jüngsten hatte ihr den letzten Stoß gegeben, neben seiner Leiche hingestürzt, fand man sie leblos am Boden, von da an war sie bettlägerig und ohne Sprache; ihr wandte meine Mutter nun die Pflege zu, die jener nicht mehr brauchte. Ganz klein und wächsern geworden, noch mit Spuren ihrer einstigen Schönheit, aber weit unter Menschenmaß wie jene heiligen Frauen des Mittelalters, die noch in italienischen Kirchen den Besuchern gezeigt werden, lag die Unvergeßliche zuletzt im Sarge. Auch ihr folgte die Liebe meiner Mutter in immer neuen Dankesworten unter die Erde nach. 50

                          An Josephine

Dein Name prangt auf keinem Marmorstein
Und keinen Lohn gab es für solche Treue,
Doch grub ich ihn in meinem Herzen ein,
Und Dankestränen geben ihm die Weihe.
Die Erde, welche solche Herzen trug,
Ist für die Besten auch noch gut genug,
Denn herrlich wirkt wie höchste Geistesblüte
Solch opferfreudig, sonnenwarm Gemüte.

*


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