Heinrich von Kleist
Das Käthchen von Heilbronn
Heinrich von Kleist

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Erster Akt

Szene: Eine unterirdische Höhle, mit den Insignien des Vehmgerichts, von einer Lampe erleuchtet.

Erster Auftritt

Graf Otto von der Flühe als Vorsitzer, Wenzel von Nachtheim, Hans von Bärenklau als Beisassen, mehrere Grafen, Ritter und Herren, sämtlich vermummt, Häscher mit Fackeln usw. – Theobald Friedeborn, Bürger aus Heilbronn, als Kläger, Graf Wetter vom Strahl als Beklagter, stehen vor den Schranken.

Graf Otto (steht auf). Wir, Richter des hohen, heimlichen Gerichts, die wir, die irdischen Schergen Gottes, Vorläufer der geflügelten Heere, die er in seinen Wolken mustert, den Frevel aufsuchen, da, wo er, in der Höhle der Brust, gleich einem Molche verkrochen, vom Arm weltlicher Gerechtigkeit nicht aufgefunden werden kann: wir rufen dich, Theobald Friedeborn, ehrsamer und vielbekannter Waffenschmied aus Heilbronn auf, deine Klage anzubringen gegen Friedrich, Graf Wetter vom Strahle; denn dort, auf den ersten Ruf der heiligen Vehme, von des Vehmherolds Hand dreimal, mit dem Griff des Gerichtsschwerts, an die Tore seiner Burg, deinem Gesuch gemäß, ist er erschienen, und fragt, was du willst? (Er setzt sich.)

Theobald Friedeborn. Ihr hohen, heiligen und geheimnisvollen Herren! Hätte er, auf den ich klage, sich bei mir ausrüsten lassen – setzet in Silber, von Kopf bis zu Fuß, oder in schwarzen Stahl, Schienen, Schnallen und Ringe von Gold; und hätte nachher, wenn ich gesprochen: Herr, bezahlt mich! geantwortet: Theobald! Was willst du? Ich bin dir nichts schuldig; oder wäre er vor die Schranken meiner Obrigkeit getreten, und hätte meine Ehre, mit der Zunge der Schlangen – oder wäre er aus dem Dunkel mitternächtlicher Wälder herausgebrochen und hätte mein Leben, mit Schwert und Dolch, angegriffen: so wahr mir Gott helfe! ich glaube, ich hätte nicht vor euch geklagt. Ich erlitt, in drei und funfzig Jahren, da ich lebe, so viel Unrecht, daß meiner Seele Gefühl nun gegen seinen Stachel wie gepanzert ist; und während ich Waffen schmiede, für andere, die die Mücken stechen, sag ich selbst zum Skorpion: fort mit dir! und laß ihn fahren. Friedrich, Graf Wetter vom Strahl, hat mir mein Kind verführt, meine Katharine. Nehmt ihn, ihr irdischen Schergen Gottes, und überliefert ihn allen geharnischten Scharen, die an den Pforten der Hölle stehen und ihre glutroten Spieße schwenken: ich klage ihn schändlicher Zauberei, aller Künste der schwarzen Nacht und der Verbrüderung mit dem Satan an!

Graf Otto. Meister Theobald von Heilbronn! Erwäge wohl, was du sagst. Du bringst vor, der Graf vom Strahl, uns vielfältig und von guter Hand bekannt, habe dir dein Kind verführt. Du klagst ihn, hoff ich, der Zauberei nicht an, weil er deines Kindes Herz von dir abwendig gemacht? Weil er ein Mädchen, voll rascher Einbildungen, mit einer Frage, wer sie sei? oder wohl gar mit dem bloßen Schein seiner roten Wangen, unter dem Helmsturz hervorglühend, oder mit irgend einer andern Kunst des hellen Mittags ausgeübt auf jedem Jahrmarkt, für sich gewonnen hat?

Theobald. Es ist wahr, ihr Herren, ich sah ihn nicht zur Nachtzeit, an Mooren und schilfreichen Gestaden, oder wo sonst des Menschen Fuß selten erscheint, umherwandeln und mit den Irrlichtern Verkehr treiben. Ich fand ihn nicht auf den Spitzen der Gebirge, den Zauberstab in der Hand, das unsichtbare Reich der Luft abmessen, oder in unterirdischen Höhlen, die kein Strahl erhellt, Beschwörungsformeln aus dem Staub heraufmurmeln. Ich sah den Satan und die Scharen, deren Verbrüderten ich ihn nannte, mit Hörnern, Schwänzen und Klauen, wie sie zu Heilbronn, über dem Altar abgebildet sind, an seiner Seite nicht. Wenn ihr mich gleichwohl reden lassen wollt, so denke ich es durch eine schlichte Erzählung dessen, was sich zugetragen, dahin zu bringen, daß ihr aufbrecht, und ruft: unsrer sind dreizehn und der vierzehnte ist der Teufel! zu den Türen rennt und den Wald, der diese Höhle umgibt, auf dreihundert Schritte im Umkreis, mit euren Taftmänteln und Federhüten besäet.

Graf Otto. Nun, du alter, wilder Kläger! so rede!

Theobald. Zuvörderst müßt ihr wissen, ihr Herren, daß mein Käthchen Ostern, die nun verflossen, funfzehn Jahre alt war; gesund an Leib und Seele, wie die ersten Menschen, die geboren worden sein mögen; ein Kind recht nach der Lust Gottes, das heraufging aus der Wüsten, am stillen Feierabend meines Lebens, wie ein gerader Rauch von Myrrhen und Wachholdern! Ein Wesen von zarterer, frommerer und lieberer Art müßt ihr euch nicht denken, und kämt ihr, auf Flügeln der Einbildung, zu den lieben, kleinen Engeln, die, mit hellen Augen, aus den Wolken, unter Gottes Händen und Füßen hervorgucken. Ging sie in ihrem bürgerlichen Schmuck über die Straße, den Strohhut auf, von gelbem Lack erglänzend, das schwarzsamtene Leibchen, das ihre Brust umschloß, mit feinen Silberkettlein behängt: so lief es flüsternd von allen Fenstern herab: das ist das Käthchen von Heilbronn; das Käthchen von Heilbronn, ihr Herren, als ob der Himmel von Schwaben sie erzeugt, und von seinem Kuß geschwängert, die Stadt, die unter ihm liegt, sie geboren hätte. Vettern und Basen, mit welchen die Verwandtschaft, seit drei Menschengeschlechtern, vergessen worden war, nannten sie, auf Kindtaufen und Hochzeiten, ihr liebes Mühmchen, ihr liebes Bäschen; der ganze Markt, auf dem wir wohnten, erschien an ihrem Namenstage, und bedrängte sich und wetteiferte sie zu beschenken; wer sie nur einmal, gesehen und einen Gruß im Vorübergehen von ihr empfangen hatte, schloß sie acht folgende Tage lang, als ob sie ihn gebessert hätte, in sein Gebet ein. Eigentümerin eines Landguts, das ihr der Großvater, mit Ausschluß meiner, als einem Goldkinde, dem er sich liebreich bezeigen wollte, vermacht hatte, war sie schon unabhängig von mir, eine der wohlhabendsten Bürgerinnen der Stadt. Fünf Söhne wackerer Bürger, bis in den Tod von ihrem Werte gerührt, hatten nun schon um sie angehalten; die Ritter, die durch die Stadt zogen, weinten, daß sie kein Fräulein war; ach, und wäre sie eines gewesen, das Morgenland wäre aufgebrochen, und hätte Perlen und Edelgesteine, von Mohren getragen, zu ihren Füßen gelegt. Aber sowohl ihre, als meine Seele, bewahrte der Himmel vor Stolz; und weil Gottfried Friedeborn, der junge Landmann, dessen Güter das ihrige umgrenzen, sie zum Weibe begehrte, und sie auf meine Frage: Katharine, willt du ihn? antwortete: Vater! Dein Wille sei meiner; so sagte ich: der Herr segne euch! und weinte und jauchzte, und beschloß, Ostern, die kommen, sie nun zur Kirche zu bringen. – So war sie, ihr Herren, bevor sie mir dieser entführte.

Graf Otto. Nun? Und wodurch entführte er sie dir? Durch welche Mittel hat er sie dir und dem Pfade, auf welchen du sie geführt hattest, wieder entrissen?

Theobald. Durch welche Mittel? – Ihr Herren, wenn ich das sagen könnte, so begriffen es diese fünf Sinne, und so ständ ich nicht vor euch und klagte auf alle, mir unbegreiflichen, Greuel der Hölle. Was soll ich vorbringen, wenn ihr mich fragt, durch welche Mittel? Hat er sie am Brunnen getroffen, wenn sie Wasser schöpfte, und gesagt: Lieb Mädel, wer bist du? hat er sich an den Pfeiler gestellt, wenn sie aus der Mette kam, und gefragt: Lieb Mädel, wo wohnst du? hat er sich, bei nächtlicher Weile, an ihr Fenster geschlichen, und, indem er ihr einen Halsschmuck umgehängt, gesagt: Lieb Mädel, wo ruhst du? Ihr hochheiligen Herren, damit war sie nicht zu gewinnen! Den Judaskuß erriet unser Heiland nicht rascher, als sie solche Künste. Nicht mit Augen, seit sie geboren ward, hat sie ihn gesehen; ihren Rücken, und das Mal darauf, das sie von ihrer seligen Mutter erbte, kannte sie besser, als ihn. (Er weint.)

Graf Otto (nach einer Pause). Und gleichwohl, wenn er sie verführt hat, du wunderlicher Alter, so muß es wann und irgendwo geschehen sein?

Theobald. Heiligen Abend vor Pfingsten, da er auf fünf Minuten in meine Werkstatt kam, um sich, wie er sagte, eine Eisenschiene, die ihm zwischen Schulter und Brust losgegangen war, wieder zusammenheften zu lassen,

Wenzel. Was!

Hans. Am hellen Mittag?

Wenzel. Da er auf fünf Minuten in deine Werkstatt kam, um sich eine Brustschiene anheften zu lassen?

(Pause.)

Graf Otto. Fasse dich, Alter, und erzähle den Hergang.

Theobald (indem er sich die Augen trocknet). Es mochte ohngefähr eilf Uhr morgens sein, als er, mit einem Troß Reisiger, vor mein Haus sprengte, rasselnd, der Erzgepanzerte, vom Pferd stieg, und in meine Werkstatt trat: das Haupt tief herab neigt' er, um mit den Reiherbüschen, die ihm vom Helm niederwankten, durch die Tür zu kommen. Meister, schau her, spricht er: dem Pfalzgrafen, der eure Wälle niederreißen will, zieh ich entgegen; die Lust, ihn zu treffen, sprengt mir die Schienen; nimm Eisen und Draht, ohne daß ich mich zu entkleiden brauche, und heft sie mir wieder zusammen. Herr! sag ich: wenn Euch die Brust so die Rüstung zerschmeißt, so läßt der Pfalzgraf unsere Wälle ganz; nötig ihn auf einen Sessel, in des Zimmers Mitte nieder, und: Wein! ruf ich in die Türe, und vom frischgeräucherten Schinken, zum Imbiß! und setz einen Schemel, mit Werkzeugen versehn, vor ihn, um ihm die Schiene wieder herzustellen. Und während draußen noch der Streithengst wiehert, und, mit den Pferden der Knechte, den Grund zerstampft, daß der Staub, als wär ein Cherub vom Himmel niedergefahren, emporquoll: öffnet langsam, ein großes, flaches Silbergeschirr auf dem Kopf tragend, auf welchem Flaschen, Gläser und der Imbiß gestellt waren, das Mädchen die Türe und tritt ein. Nun seht, wenn mir Gott der Herr aus Wolken erschiene, so würd ich mich ohngefähr so fassen, wie sie. Geschirr und Becher und Imbiß, da sie den Ritter erblickt, läßt sie fallen; und leichenbleich, mit Händen, wie zur Anbetung verschränkt, den Boden mit Brust und Scheiteln küssend, stürzt sie vor ihm nieder, als ob sie ein Blitz nieder geschmettert hätte! Und da ich sage: Herr meines Lebens! Was fehlt dem Kind? und sie aufhebe: schlingt sie, wie ein Taschenmesser zusammenfallend, den Arm um mich, das Antlitz flammend auf ihn gerichtet, als ob sie eine Erscheinung hätte. Der Graf vom Strahl, indem er ihre Hand nimmt, fragt: wes ist das Kind? Gesellen und Mägde strömen herbei und jammern: hilf Himmel! Was ist dem Jüngferlein widerfahren; doch da sie sich, mit einigen schüchternen Blicken auf sein Antlitz, erholt, so denk ich, der Anfall ist wohl auch vorüber, und gehe, mit Pfriemen und Nadeln, an mein Geschäft. Drauf sag ich: Wohlauf, Herr Ritter! Nun mögt Ihr den Pfalzgrafen treffen; die Schiene ist eingerenkt, das Herz wird sie Euch nicht mehr zersprengen. Der Graf steht auf; er schaut das Mädchen, das ihm bis an die Brusthöhle ragt, vom Wirbel zur Sohle, gedankenvoll an, und beugt sich, und küßt ihr die Stirn und spricht: der Herr segne dich, und behüte dich, und schenke dir seinen Frieden, Amen! Und da wir an das Fenster treten: schmeißt sich das Mädchen, in dem Augenblick, da er den Streithengst besteigt, dreißig Fuß hoch, mit aufgehobenen Händen, auf das Pflaster der Straße nieder: gleich einer Verlorenen, die ihrer fünf Sinne beraubt ist! Und bricht sich beide Lenden, ihr heiligen Herren, beide zarten Lendchen, dicht über des Knierunds elfenbeinernem Bau; und ich, alter, bejammernswürdiger Narr, der mein versinkendes Leben auf sie stützen wollte, muß sie, auf meinen Schultern, wie zu Grabe tragen; indessen er dort, den Gott verdamme! zu Pferd, unter dem Volk, das herbeiströmt, herüberruft von hinten, was vorgefallen sei! – Hier liegt sie nun, auf dem Todbett, in der Glut des hitzigen Fiebers, sechs endlose Wochen, ohne sich zu regen. Keinen Laut bringt sie hervor; auch nicht der Wahnsinn, dieser Dietrich aller Herzen, eröffnet das ihrige; kein Mensch vermag das Geheimnis, das in ihr waltet, ihr zu entlocken. Und prüft, da sie sich ein wenig erholt hat, den Schritt, und schnürt ihr Bündel, und tritt, beim Strahl der Morgensonne, in die Tür: wohin? fragt sie die Magd; zum Grafen Wetter vom Strahl, antwortet sie, und verschwindet.

Wenzel. Es ist nicht möglich!

Hans. Verschwindet?

Wenzel. Und läßt alles hinter sich zurück?

Hans. Eigentum, Heimat und den Bräutigam, dem sie verlobt war?

Wenzel. Und begehrt auch deines Segens nicht einmal?

Theobald. Verschwindet, ihr Herren – Verläßt mich und alles, woran Pflicht, Gewohnheit und Natur sie knüpften – Küßt mir die Augen, die schlummernden, und verschwindet; ich wollte, sie hätte sie mir zugedrückt.

Wenzel. Beim Himmel! Ein seltsamer Vorfall. –

Theobald. Seit jenem Tage folgt sie ihm nun, gleich einer Metze, in blinder Ergebung, von Ort zu Ort; geführt am Strahl seines Angesichts, fünfdrähtig, wie einen Tau, um ihre Seele gelegt; auf nackten, jedem Kiesel ausgesetzten, Füßen, das kurze Röckchen, das ihre Hüfte deckt, im Winde flatternd, nichts als den Strohhut auf, sie gegen der Sonne Stich, oder den Grimm empörter Witterung zu schützen. Wohin sein Fuß, im Lauf seiner Abenteuer, sich wendet: durch den Dampf der Klüfte, durch die Wüste, die der Mittag versengt, durch die Nacht verwachsener Wälder: wie ein Hund, der von seines Herren Schweiß gekostet, schreitet sie hinter ihm her; und die gewohnt war, auf weichen Kissen zu ruhen, und das Knötlein spürte, in des Bettuchs Faden, das ihre Hand unachtsam darin eingesponnen hatte: die liegt jetzt, einer Magd gleich, in seinen Ställen, und sinkt, wenn die Nacht kömmt, ermüdet auf die Streu nieder, die seinen stolzen Rossen untergeworfen wird.

Graf Otto. Graf Wetter vom Strahl! Ist dies gegründet?

Der Graf vom Strahl. Wahr ists, ihr Herren; sie geht auf der Spur, die hinter mir zurückbleibt. Wenn ich mich umsehe, erblick ich zwei Dinge: meinen Schatten und sie.

Graf Otto. Und wie erklärt Ihr Euch diesen sonderbaren Umstand?

Der Graf vom Strahl. Ihr unbekannten Herren der Vehme! Wenn der Teufel sein Spiel mit ihr treibt, so braucht er mich dabei, wie der Affe die Pfoten der Katze; ein Schelm will ich sein, holt er den Nußkern für mich. Wollt ihr meinem Wort schlechthin, wies die heilige Schrift vorschreibt, glauben: ja, ja, nein, nein; gut! Wo nicht, so will ich nach Worms, und den Kaiser bitten, daß er den Theobald ordiniere. Hier werf ich ihm vorläufig meinen Handschuh hin!

Graf Otto. Ihr sollt hier Rede stehn, auf unsre Frage! Womit rechtfertigt Ihr, daß sie unter Eurem Dache schläft? Sie, die in das Haus hingehört, wo sie geboren und erzogen ward?

Der Graf vom Strahl. Ich war, es mögen ohngefähr zwölf Wochen sein, auf einer Reise, die mich nach Straßburg führte, ermüdet, in der Mittagshitze, an einer Felswand, eingeschlafen – nicht im Traum gedacht ich des Mädchens mehr, das in Heilbronn aus dem Fenster gestürzt war – da liegt sie mir, wie ich erwache, gleich einer Rose, entschlummert zu Füßen; als ob sie vom Himmel herabgeschneit wäre! Und da ich zu den Knechten, die im Grase herumliegen, sage: Ei, was der Teufel! Das ist ja das Käthchen von Heilbronn! schlägt sie die Augen auf, und bindet sich das Hütlein zusammen, das ihr schlafend vom Haupt herabgerutscht war. Katharine! ruf ich: Mädel! Wo kömmst auch her? Auf funfzehn Meilen von Heilbronn, fernab am Gestade des Rheins? »Hab ein Geschäft, gestrenger Herr«, antwortet sie, »das mich gen Straßburg führt; schauert mich im Wald so einsam zu wandern, und schlug mich zu Euch.« Drauf laß ich ihr zur Erfrischung reichen, was mir Gottschalk, der Knecht, mit sich führt, und erkundige mich: wie der Sturz abgelaufen; auch, was der Vater macht? Und was sie in Straßburg zu erschaffen denke? Doch da sie nicht freiherzig mit der Sprache herausrückt: was auch gehts dich an, denk ich; ding ihr einen Boten, der sie durch den Wald führe, schwing mich auf den Rappen, und reite ab. Abends, in der Herberg, an der Straßburger Straß , will ich mich eben zur Ruh niederlegen: da kommt Gottschalk, der Knecht, und spricht: das Mädchen sei unten und begehre in meinen Ställen zu übernachten. Bei den Pferden? frag ich. Ich sage: wenns ihr weich genug ist, mich wirds nicht drücken. Und füge noch, indem ich mich im Bett wende, hinzu: magst ihr wohl eine Streu unterlegen, Gottschalk, und sorgen, daß ihr nichts widerfahre. Drauf, wandert sie, kommenden Tages früher aufgebrochen, als ich, wieder auf der Heerstraße, und lagert sich wieder in meinen Ställen, und lagert sich Nacht für Nacht, so wie mir der Streifzug fortschreitet, darin, als ob sie zu meinem Troß gehörte. Nun litt ich das, ihr Herren, um jenes grauen, unwirschen Alten willen, der mich jetzt darum straft; denn der Gottschalk, in seiner Wunderlichkeit, hatte das Mädchen lieb gewonnen, und pflegte ihrer, in der Tat, als seiner Tochter; führt dich die Reise einst, dacht ich, durch Heilbronn, so wird der Alte dirs danken. Doch da sie sich auch in Straßburg, in der erzbischöflichen Burg, wieder bei mir einfindet, und ich gleichwohl spüre, daß sie nichts im Orte erschafft. denn mir hatte sie sich ganz und gar geweiht, und wusch und flickte, als ob es sonst am Rhein nicht zu haben wäre: so trete ich eines Tages, da ich sie auf der Stallschwelle finde, zu ihr und frage: was für ein Geschäft sie in Straßburg betreibe? Ei, spricht sie, gestrenger Herr, und eine Röte, daß ich denke, ihre Schürze wird angehen, flammt über ihr Antlitz empor: »was fragt Ihr doch? Ihr wißts ja!« – Holla! denk ich, steht es so mit dir? und sende einen Boten flugs nach Heilbronn, dem Vater zu, mit folgender Meldung: das Käthchen sei bei mir; ich hütete seiner; in kurzem könne er es, vom Schlosse zu Strahl, wohin ich es zurückbringen würde, abholen.

Graf Otto. Nun? Und hierauf?

Wenzel. Der Alte holte die Jungfrau nicht ab?

Der Graf vom Strahl. Drauf, da er am zwanzigsten Tage, um sie abzuholen, bei mir erscheint, und ich ihn in meiner Väter Saal führe: erschau ich mit Befremden, daß er, beim Eintritt in die Tür, die Hand in den Weihkessel steckt, und mich mit dem Wasser, das darin befindlich ist, besprengt. Ich arglos, wie ich von Natur bin, nötge ihn auf einen Stuhl nieder; erzähle ihm, mit Offenherzigkeit, alles, was vorgefallen; eröffne ihm auch, in meiner Teilnahme, die Mittel, wie er die Sache, seinen Wünschen gemäß, wieder ins Geleis rücken könne; und tröste ihn und führ ihn, um ihm das Mädchen zu übergeben, in den Stall hinunter, wo sie steht, und mir eine Waffe von Rost säubert. So wie er in die Tür tritt, und die Arme mit tränenvollen Augen öffnet, sie zu empfangen, stürzt mir das Mädchen leichenbleich zu Füßen, alle Heiligen anrufend, daß ich sie vor ihm schütze. Gleich einer Salzsäule steht er, bei diesem Anblick, da; und ehe ich mich noch gefaßt habe, spricht er schon, das entsetzensvolle Antlitz auf mich gerichtet: das ist der leibhaftige Satan! und schmeißt mir den Hut, den er in der Hand hält, ins Gesicht, als wollt er ein Greuelbild verschwinden machen, und läuft, als setzte die ganze Hölle ihm nach, nach Heilbronn zurück.

Graf Otto. Du wunderlicher Alter! Was hast du für Einbildungen?

Wenzel. Was war in dem Verfahren des Ritters, das Tadel verdient? Kann er dafür, wenn sich das Herz deines törichten Mädchens ihm zuwendet?

Hans. Was ist in diesem ganzen Vorfall, das ihn anklagt?

Theobald. Was ihn anklagt? O du – Mensch, entsetzlicher, als Worte fassen, und der Gedanke ermißt: stehst du nicht rein da, als hätten die Cherubim sich entkleidet, und ihren Glanz dir, funkelnd wie Mailicht, um die Seele gelegt! – Mußt ich vor dem Menschen nicht erbeben, der die Natur, in dem reinsten Herzen, das je geschaffen ward, dergestalt umgekehrt hat, daß sie vor dem Vater, zu ihr gekommen, seiner Liebe Brust ihren Lippen zu reichen, kreideweißen Antlitzes entweicht, wie vor dem Wolfe, der sie zerreißen will? Nun denn, so walte, Hekate, Fürstin des Zaubers, moorduftige Königin der Nacht! Sproßt, ihr dämonischen Kräfte, die die menschliche Satzung sonst auszujäten bemüht war, blüht auf, unter dem Atem der Hexen, und schoßt zu Wäldern empor, daß die Wipfel sich zerschlagen, und die Pflanze des Himmels, die am Boden keimt, verwese; rinnt, ihr Säfte der Hölle, tröpfelnd aus Stämmen und Stielen gezogen, fallt, wie ein Katarakt, ins Land, daß der erstickende Pestqualm zu den Wolken empordampft; fließt und ergießt euch durch alle Röhren des Lebens, und schwemmt, in allgemeiner Sündflut, Unschuld und Tugend hinweg!

Graf Otto. Hat er ihr Gift eingeflößt?

Wenzel. Meinst du, daß er ihr verzauberte Tränke gereicht?

Hans. Opiate, die des Menschen Herz, der sie genießt, mit geheimnisvoller Gewalt umstricken?

Theobald. Gift? Opiate? Ihr hohen Herren, was fragt ihr mich? Ich habe die Flaschen nicht gepfropft, von welchen er ihr, an der Wand des Felsens, zur Erfrischung reichte; ich stand nicht dabei, als sie in der Herberge, Nacht für Nacht, in seinen Ställen schlief. Wie soll ich wissen, ob er ihr Gift eingeflößt? habt neun Monate Geduld; alsdann sollt ihr sehen, wies ihrem jungen Leibe bekommen ist.

Der Graf vom Strahl. Der alte Esel, der! Dem entgegn' ich nichts, als meinen Namen! Ruft sie herein; und wenn sie ein Wort sagt, auch nur von fern duftend, wie diese Gedanken, so nennt mich den Grafen von der stinkenden Pfütze, oder wie es sonst eurem gerechten Unwillen beliebt.

Zweiter Auftritt

Käthchen mit verbundenen Augen, geführt von zwei Häschern. – Die Häscher nehmen ihr das Tuch ab, und gehen wieder fort. – Die Vorigen.

Käthchen (sieht sich in der Versammlung um, und beugt, da sie den Grafen erblickt, ein Knie vor ihm).
Mein hoher Herr!

Der Graf vom Strahl.   Was willst du?

Käthchen.
Vor meinen Richter hat man mich gerufen.

Der Graf vom Strahl.
Dein Richter bin nicht ich. Steh auf, dort sitzt er;
Hier steh ich, ein Verklagter, so wie du.

Käthchen.
Mein hoher Herr! Du spottest.

Der Graf vom Strahl.                     Nein! Du hörst!
Was neigst du mir dein Angesicht in Staub?
Ein Zaubrer bin ich, und gestand es schon
Und laß, aus jedem Band, das ich dir wirkte,
Jetzt deine junge Seele los. (Er erhebt sie.)

Graf Otto.
Hier Jungfrau, wenns beliebt; hier ist die Schranke!

Hans.
Hier sitzen deine Richter!

Käthchen (sieht sich um).         Ihr versucht mich.

Wenzel.
Hier tritt heran! Hier sollst du Rede stehn.

Käthchen (stellt sich neben den Grafen vom Strahl, und sieht die Richter an).

Graf Otto.
Nun?

Wenzel.   Wirds?

Hans.                   Wirst du gefällig dich bemühn?

Graf Otto.
Wirst dem Gebot dich deiner Richter fügen?

Käthchen (für sich).
Sie rufen mich

Wenzel.                   Nun, ja!

Hans.                                     Was sagte sie?

Graf Otto (befremdet).
Ihr Herrn, was fehlt dem sonderbaren Wesen?

(Sie sehen sich an.)

Käthchen (für sich).
Vermummt von Kopf zu Füßen sitzen sie,
Wie das Gericht, am jüngsten Tage, da!

Der Graf vom Strahl (sie aufweckend).
Du wunderliche Maid! Was träumst, was treibst du?
Du stehst hier vor dem heimlichen Gericht!
Auf jene böse Kunst bin ich verklagt,
Mit der ich mir, du weißt, dein Herz gewann,
Geh hin, und melde jetzo, was geschehn!

Käthchen (sieht ihn an und legt ihre Hände auf die Brust).
- Du quälst mich grausam, daß ich weinen möchte!
Belehre deine Magd, mein edler Herr,
Wie soll ich mich in diesem Falle fassen?

Graf Otto (ungeduldig).
Belehren – was!

Hans.                         Bei Gott! Ist es erhört?

Der Graf vom Strahl (mit noch milder Strenge).
Du sollst sogleich vor jene Schranke treten,
Und Rede stehn, auf was man fragen wird!

Käthchen. Nein! sprich! Du bist verklagt?

Der Graf vom Strahl.                                 Du hörst.

Käthchen.
Und jene Männer dort sind deine Richter?

Der Graf vom Strahl.                                         So ists.

Käthchen (zur Schranke tretend).
Ihr würdgen Herrn, wer ihr auch sein mögt dort,
Steht gleich vom Richtstuhl auf und räumt ihn diesem!
Denn, beim lebendgen Gott, ich sag es euch,
Rein, wie sein Harnisch ist sein Herz, und eures
Verglichen ihm, und meins, wie eure Mäntel.
Wenn hier gesündigt ward, ist er der Richter,
Und ihr sollt zitternd vor der Schranke stehn!

Graf Otto.
Du, Närrin, jüngst der Nabelschnur entlaufen,
Woher kommt die prophetsche Kunde dir?
Welch ein Apostel hat dir das vertraut?

Theobald.
Seht die Unselige!

Käthchen (da sie den Vater erblickt, auf ihn zugehend).
                                Mein teurer Vater!
        (Sie will seine Hand ergreifen.)

Theobald (streng).
Dort ist der Ort jetzt wo du hingehörst!

Käthchen.
Weis mich nicht von dir.
        (Sie laßt seine Hand und küßt sie.)

Theobald.                             – Kennst du das Haar noch wieder,
Das deine Flucht mir jüngsthin grau gefärbt?

Käthchen.
Kein Tag verging, daß ich nicht einmal dachte,
Wie seine Locken fallen. Sei geduldig,
Und gib dich nicht unmäßgem Grame preis:
Wenn Freude Locken wieder dunkeln kann
So sollst du wieder wie ein Jüngling blühn.

Graf Otto.
Ihr Häscher dort! ergreift sie! bringt sie her!

Theobald.
Geh hin, wo man dich ruft.

Käthchen (zu den Richtern, da sich ihr die Häscher nähern).
                                          Was wollt ihr mir?

Wenzel.
Saht ihr ein Kind, so störrig je, als dies?

Graf Otto (da sie vor der Schranke steht).
Du sollst hier Antwort geben, kurz und bündig,
Auf unsre Fragen! Denn wir, von unserem
Gewissen eingesetzt, sind deine Richter
Und an der Strafe, wenn du freveltest
Wirds deine übermütge Seele fühlen.

Käthchen.
Sprecht ihr verehrten Herrn; was wollt ihr wissen?

Graf Otto.
Warum, als Friedrich Graf vom Strahl erschien,
In deines Vaters Haus, bist du zu Füßen
Wie man vor Gott tut, nieder ihm gestürzt?
Warum warfst du, als er von dannen ritt'
Dich aus dem Fenster sinnlos auf die Straße,
Und folgtest ihm, da kaum dein Bein vernarbt,
Von Ort zu Ort, durch Nacht und Graus und Nebel,
Wohin sein Roß den Fußtritt wendete?

Käthchen (hochrot zum Grafen).
Das soll ich hier vor diesen Männern sagen?

Der Graf vom Strahl.
Die Närrin, die verwünschte, sinnverwirrte,
Was fragt sie mich? Ists nicht an jener Männer
Gebot, die Sache darzutun, genug?

Käthchen (in Staub niederfallend).
Nimm mir, o Herr, das Leben, wenn ich fehlte!
Was in des Busens stillem Reich geschehn,
Und Gott nicht straft, das braucht kein Mensch zu wissen;
Den nenn ich grausam, der mich darum fragt!
Wenn du es wissen willst, wohlan, so rede,
Denn dir liegt meine Seele offen da!

Hans.
Ward, seit die Welt steht, so etwas erlebt?

Wenzel.
Im Staub liegt sie vor ihm –

Hans.                                           Gestürzt auf Knieen –

Wenzel.
Wie wir vor dem Erlöser hingestreckt!

Der Graf vom Strahl (zu den Richtern).
Ihr würdgen Herrn, ihr rechnet, hoff ich, mir
Nicht dieses Mädchens Torheit an! Daß sie
Ein Wahn betört, ist klar, wenn euer Sinn
Auch gleich, wie meiner, noch nicht einsieht, welcher?
Erlaubt ihr mir, so frag ich sie darum:
Ihr mögt, aus meinen Wendungen entnehmen,
Ob meine Seele schuldig ist, ob nicht?

Graf Otto (ihn forschend ansehend).
Es sei! Versuchts einmal, Herr Graf, und fragt sie.

Der Graf vom Strahl (wendet sich zu Käthchen, die noch immer auf Knieen liegt).
Willt den geheimsten der Gedanken mir,
Kathrina, der dir irgend, faß mich wohl,
Im Winkel wo des Herzens schlummert, geben?

Käthchen.
Das ganze Herz, o Herr, dir, willt du es,
So bist du sicher des, was darin wohnt.

Der Graf vom Strahl.
Was ists, mit einem Wort, mir rund gesagt,
Das dich aus deines Vaters Hause trieb?
Was fesselt dich an meine Schritte an?

Käthchen.
Mein hoher Herr! Da fragst du mich zuviel.
Und läg ich so, wie ich vor dir jetzt liege,
Vor meinem eigenen Bewußtsein da:
Auf einem goldnen Richtstuhl laß es thronen,
Und alle Schrecken des Gewissens ihm,
In Flammenrüstungen, zur Seite stehn;
So spräche jeglicher Gedanke noch,
Auf das, was du gefragt: ich weiß es nicht.

Der Graf vom Strahl.
Du lügst mir, Jungfrau? Willst mein Wissen täuschen?
Mir, der doch das Gefühl dir ganz umstrickt;
Mir, dessen Blick du da liegst, wie die Rose,
Die ihren jungen Kelch dem Licht erschloß? –
Was hab ich dir einmal, du weißt, getan?
Was ist an Leib und Seel dir widerfahren?

Käthchen.
Wo?

Der Graf vom Strahl. Da oder dort.

Käthchen.                                         Wann?

Der Graf vom Strahl.                                   Jüngst oder früherhin.

Käthchen.
Hilf mir, mein hoher Herr.

Der Graf vom Strahl.                 Ja, ich dir helfen,
Du wunderliches Ding. – (Er hält inne.)
                                        Besinnst du dich auf nichts?

Käthchen (sieht vor sich nieder).

Der Graf vom Strahl.
Was für ein Ort, wo du mich je gesehen,
Ist dir im Geist, vor andern, gegenwärtig.

Käthchen.
Der Rhein ist mir vor allen gegenwärtig.

Der Graf vom Strahl.
Ganz recht. Da eben wars. Das wollt ich wissen.
Der Felsen am Gestad des Rheins, wo wir
Zusammen ruhten, in der Mittagshitze.
- Und du gedenkst nicht, was dir da geschehn?

Käthchen.
Nein, mein verehrter Herr.

Der Graf vom Strahl.                 Nicht? Nicht?
- Was reicht ich deiner Lippe zur Erfrischung?

Käthchen.
Du sandtest, weil ich deines Weins verschmähte,
Den Gottschalk, deinen treuen Knecht, und ließest
Ihn einen Trunk mir, aus der Grotte schöpfen.

Der Graf vom Strahl.
Ich aber nahm dich bei der Hand, und reichte
Sonst deiner Lippe – nicht? Was stockst du da?

Käthchen.
Wann?

Der Graf vom Strahl. Eben damals.

Käthchen.                                         Nein, mein hoher Herr.

Der Graf vom Strahl.
Jedoch nachher.

Käthchen.                 In Straßburg?

Der Graf vom Strahl.                     Oder früher.

Käthchen.
Du hast mich niemals bei der Hand genommen.

Der Graf vom Strahl.
Kathrina!

Käthchen (errötend). Ach vergib mir; in Heilbronn!

Der Graf vom Strahl.
Wann?

Käthchen.   Als der Vater dir am Harnisch wirkte.

Der Graf vom Strahl.
Und sonst nicht?

Käthchen.                   Nein, mein hoher Herr.

Der Graf vom Strahl.                                     Kathrina!

Käthchen.
Mich bei der Hand?

Der Graf vom Strahl.     Ja, oder sonst, was weiß ich.

Käthchen (besinnt sich).
In Straßburg einst, erinnr' ich mich, beim Kinn.

Der Graf vom Strahl.
Wann?

Käthchen.   Als ich auf der Schwelle saß und weinte,
Und dir auf was du sprachst, nicht Rede stand.

Der Graf vom Strahl.
Warum nicht standst du Red?

Käthchen.                                     Ich schämte mich.

Der Graf vom Strahl.
Du schämtest dich? Ganz recht. Auf meinen Antrag.
Du wardst glutrot bis an den Hals hinab.
Welch einen Antrag macht ich dir?

Käthchen.                                               Der Vater,
Der würd, sprachst du, daheim im Schwabenland,
Um mich sich härmen, und befragtest mich,
Ob ich mit Pferden, die du senden wolltest,
Nicht nach Heilbronn zu ihm zurück begehrte?

Der Graf vom Strahl (kalt).
Davon ist nicht die Rede! – Nun, wo auch,
Wo hab ich sonst im Leben dich getroffen?
- Ich hab im Stall zuweilen dich besucht.

Käthchen.
Nein, mein verehrter Herr.

Der Graf vom Strahl.                 Nicht? Katharina!

Käthchen.
Du hast mich niemals in dem Stall besucht,
Und noch viel wen'ger rührtest du mich an.

Der Graf vom Strahl.
Was? Niemals?

Käthchen.                 Nein, mein hoher Herr.

Der Graf vom Strahl.                                   Kathrina!

Käthchen (mit Affekt).
Niemals, mein hochverehrter Herr, niemals.

Der Graf vom Strahl.
Nun seht, bei meiner Treu, die Lügnerin!

Käthchen.
Ich will nicht selig sein, ich will verderben,
Wenn du mich je –!

Der Graf vom Strahl (mit dem Schein der Heftigkeit.)
                                Da schwört sie und verflucht
Sich, die leichtfertge Dirne, noch und meint,
Gott werd es ihrem jungen Blut vergeben!
- Was ist geschehn, fünf Tag von hier, am Abend,
In meinem Stall, als es schon dunkelte,
Und ich den Gottschalk hieß, sich zu entfernen?

Käthchen.
O! Jesus! Ich bedacht es nicht! –
Im Stall zu Strahl, da hast du mich besucht.

Der Graf vom Strahl.
Nun denn! Da ists heraus? Da hat sie nun
Der Seelen Seligkeit sich weggeschworen!
Im Stall zu Strahl, da hab ich sie besucht!

(Käthchen weint.)
(Pause.)

Graf Otto.
Ihr quält das Kind zu sehr.

Theobald (nähert sich ihr gerührt). Komm, meine Tochter.
        (Er will sie an seine Brust heben.)

Käthchen.
Laß, laß!

Wenzel.         Das nenn ich menschlich nicht verfahren.

Graf Otto.
Zuletzt ist nichts im Stall zu Strahl geschehen.

Der Graf vom Strahl (sieht sie an).
Bei Gott, ihr Herrn, wenn ihr des Glaubens seid:
Ich bins! Befehlt, so gehn wir aus einander.

Graf Otto.
Ihr sollt das Kind befragen, ist die Meinung,
Nicht mit barbarischem Triumph verhöhnen.
Seis, daß Natur Euch solche Macht verliehen:
Geübt wie Ihrs tut, ist sie hassenswürdger,
Als selbst die Höllenkunst, der man Euch zeiht.

Der Graf vom Strahl (erhebt das Käthchen vom Boden).
Ihr Herrn, was ich getan, das tat ich nur,
Sie mit Triumph hier vor euch zu erheben!
Statt meiner – (Auf den Boden hinzeigend.)
                      steht mein Handschuh vor Gericht!
Glaubt ihr von Schuld sie rein, wie sie es ist,
Wohl, so erlaubt denn, daß sie sich entferne.

Wenzel.
Es scheint Ihr habt viel Gründe, das zu wünschen?

Der Graf vom Strahl.
Ich? Gründ? Entscheidende! Ihr wollt sie, hoff ich,
Nicht mit barbarschem Übermut verhöhnen?

Wenzel (mit Bedeutung).
Wir wünschen doch, erlaubt Ihrs, noch zu hören,
Was in dem Stall damals zu Strahl geschehn.

Der Graf vom Strahl.
Das wollt ihr Herrn noch –?

Wenzel.                                       Allerdings!

Der Graf vom Strahl (glutrot, indem er sich zum Käthchen wendet).
                                                                Knie nieder!

(Käthchen läßt sich auf Knieen vor ihm nieder.)

Graf Otto.
Ihr seid sehr dreist, Herr Friedrich Graf vom Strahl!

Der Graf vom Strahl (zum Käthchen).
So! Recht! Mir gibst du Antwort und sonst keinem.

Hans.
Erlaubt! Wir werden sie –

Der Graf vom Strahl (ebenso). Du rührst dich nicht!
Hier soll dich keiner richten, als nur der,
Dem deine Seele frei sich unterwirft.

Wenzel.
Herr Graf, man wird hier Mittel –

Der Graf vom Strahl (mit unterdrückter Heftigkeit)
                                                      Ich sage, nein!
Der Teufel soll mich holen, zwingt ihr sie! –
Was wollt ihr wissen, ihr verehrten Herrn?

Hans (auffahrend).
Beim Himmel!

Wenzel.                   Solch ein Trotz soll –!

Hans.                                                           He! Die Häscher!

Graf Otto (halblaut).
Laßt, Freunde, laßt! Vergeßt nicht, wer er ist.

Erster Richter.
Er hat nicht eben, drückt Verschuldung ihn,
Mit List sie überhört.

Zweiter Richter.               Das sag ich auch!
Man kann ihm das Geschäft wohl überlassen.

Graf Otto (zum Grafen vom Strahl).
Befragt sie, was geschehn, fünf Tag von hier,
Im Stall zu Strahl, als es schon dunkelte,
Und ihr den Gottschalk hießt, sich zu entfernen?

Der Graf vom Strahl (zum Käthchen).
Was ist geschehn, fünf Tag von hier, am Abend,
Im Stall zu Strahl, als es schon dunkelte,
Und ich den Gottschalk hieß, sich zu entfernen?

Käthchen.
Mein hoher Herr! Vergib mir, wenn ich fehlte;
Jetzt leg ich alles, Punkt für Punkt, dir dar.

Der Graf vom Strahl.
Gut. – – Da berührt ich dich und zwar – nicht? Freilich!
Das schon gestandst du?

Käthchen.                               Ja, mein verehrter Herr.

Der Graf vom Strahl.
Nun?

Käthchen. Mein verehrter Herr?

Der Graf vom Strahl.                   Was will ich wissen?

Käthchen.
Was du willst wissen?

Der Graf vom Strahl.           Heraus damit! Was stockst du?
Ich nahm, und herzte dich, und küßte dich,
Und schlug den Arm dir –?

Käthchen.                                   Nein, mein hoher Herr.

Der Graf vom Strahl.
Was sonst?

Käthchen.         Du stießest mich mit Füßen von dir.

Der Graf vom Strahl.
Mit Füßen? Nein! Das tu ich keinem Hund.
Warum? Weshalb? Was hattst du mir getan?

Käthchen.
Weil ich dem Vater, der voll Huld und Güte,
Gekommen war, mit Pferden, mich zu holen,
Den Rücken, voller Schrecken, wendete,
Und mit der Bitte, mich vor ihm zu schützen,
Im Staub vor dir bewußtlos nieder sank.

Der Graf vom Strahl.
Da hätt ich dich mit Füßen weggestoßen?

Käthchen.
Ja, mein verehrter Herr.

Der Graf vom Strahl.             Ei, Possen, was!
Das war nur Schelmerei, des Vaters wegen.
Du bliebst doch nach wie vor im Schloß zu Strahl.

Käthchen.
Nein, mein verehrter Herr.

Der Graf vom Strahl.                 Nicht? Wo auch sonst?

Käthchen.
Als du die Peitsche, flammenden Gesichts,
Herab vom Riegel nahmst, ging ich hinaus,
Vor das bemooste Tor, und lagerte
Mich draußen, am zerfallnen Mauernring
Wo in süßduftenden Holunderbüschen
Ein Zeisig zwitschernd sich das Nest gebaut.

Der Graf vom Strahl.
Hier aber jagt ich dich mit Hunden weg?

Käthchen.
Nein, mein verehrter Herr.

Der Graf vom Strahl.                 Und als du wichst,
Verfolgt vom Hundgeklaff, von meiner Grenze,
Rief ich den Nachbar auf, dich zu verfolgen?

Käthchen.
Nein, mein verehrter Herr! Was sprichst du da?

Der Graf vom Strahl.
Nicht? Nicht? – Das werden diese Herren tadeln.

Käthchen.
Du kümmerst dich um diese Herren nicht.
Du sandtest Gottschalk mir am dritten Tage,
Daß er mir sag: dein liebes Käthchen wär ich;
Vernünftig aber möcht ich sein, und gehn.

Der Graf vom Strahl.
Und was entgegnetest du dem?

Käthchen.                                         Ich sagte,
Den Zeisig littest du, den zwitschernden,
In den süßduftenden Holunderbüschen:
Möchtst denn das Käthchen von Heilbronn auch leiden.

Der Graf vom Strahl (erhebt das Käthchen).
Nun dann, so nehmt sie hin, ihr Herrn der Vehme,
Und macht mit ihr und mir jetzt, was ihr wollt.

(Pause.)

Graf Otto (unwillig).
Der aberwitzge Träumer, unbekannt
Mit dem gemeinen Zauber der Natur! –
Wenn euer Urteil reif, wie meins, ihr Herrn,
Geh ich zum Schluß, und laß die Stimmen sammeln.

Wenzel.
Zum Schluß!

Hans.                   Die Stimmen!

Alle.                                           Sammelt sie!

Ein Richter.                                                     Der Narr, der!
Der Fall ist klar. Es ist hier nichts zu richten.

Graf Otto.
Vehmherold, nimm den Helm und sammle sie.

(Vehmherold sammelt die Kugeln und bringt den Helm, worin sie liegen, dem Grafen.)

Graf Otto (steht auf).
Herr Friedrich Wetter Graf vom Strahl, du bist
Einstimmig von der Vehme losgesprochen,
Und dir dort, Theobald, dir geb ich auf,
Nicht fürder mit der Klage zu erscheinen,
Bis du kannst bessere Beweise bringen.
        (Zu den Richtern.)
Steht auf, ihr Herrn! die Sitzung ist geschlossen.

(Die Richter erheben sich.)

Theobald.
Ihr hochverehrten Herrn, ihr sprecht ihn schuldlos?
Gott sagt ihr, hat die Welt aus nichts gemacht;
Und er, der sie durch nichts und wieder nichts
Vernichtet, in das erste Chaos stürzt,
Der sollte nicht der leidge Satan sein?

Graf Otto.
Schweig, alter, grauer Tor! Wir sind nicht da,
Dir die verrückten Sinnen einzurenken.
Vehmhäscher, an dein Amt! Blend ihm die Augen,
Und führ ihn wieder auf das Feld hinaus.

Theobald.
Was! Auf das Feld? Mich hilflos greisen Alten?
Und dies mein einzig liebes Kind, –?

Graf Otto.                                                 Herr Graf,
Das überläßt die Vehme Euch! Ihr zeigtet
Von der Gewalt, die Ihr hier übt, so manche
Besondre Probe uns; laßt uns noch eine,
Die größeste, bevor wir scheiden, sehn,
Und gebt sie ihrem alten Vater wieder.

Der Graf vom Strahl.
Ihr Herren, was ich tun kann, soll geschehn. –
Jungfrau!

Käthchen.       Mein hoher Herr!

Der Graf vom Strahl.                 Du liebst mich?

Käthchen.                                                             Herzlich!

Der Graf vom Strahl.
So tu mir was zu Lieb.

Käthchen.                           Was willst du? Sprich.

Der Graf vom Strahl.
Verfolg mich nicht. Geh nach Heilbronn zurück. –
Willst du das tun?

Käthchen.                     Ich hab es dir versprochen.
        (Sie fällt in Ohnmacht.)

Theobald (empfängt sie).
Mein Kind! Mein Einziges! Hilf, Gott im Himmel!

Der Graf vom Strahl (wendet sich).
Dein Tuch her, Häscher! (Er verbindet sich die Augen.)

Theobald.                                 O verflucht sei,
Mordschaunder Basiliskengeist! Mußt ich
Auch diese Probe deiner Kunst noch sehn?

Graf Otto (vom Richtstuhl herabsteigend).
Was ist geschehn, ihr Herrn?

Wenzel.                                         Sie sank zu Boden.

(Sie betrachten sie.)

Der Graf vom Strahl (zu den Häschern).
Führt mich hinweg!

Theobald.                       Der Hölle zu, du Satan!
Laß ihre schlangenhaargen Pförtner dich
An ihrem Eingang, Zauberer, ergreifen,
Und dich zehntausend Klafter tiefer noch,
Als ihre wildsten Flammen lodern, schleudern!

Graf Otto.
Schweig Alter, schweig!

Theobald (weint).                   Mein Kind! Mein Käthchen!

Käthchen.                                                                             Ach!

Wenzel (freudig).
Sie schlägt die Augen auf!

Hans.                                         Sie wird sich fassen.

Graf Otto.
Bringt in des Pförtners Wohnung sie! Hinweg!

(Alle ab.)


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